Überläßt man sich dem Einflusse der Musik — ich kann es immer konstatieren, wenn ich Chopin höre — dann fühlt man, wie sich eine ganze Schar von Gefühlen hinaufdrängt, die man früher nicht bemerkt hatte. Man merkt, wie über die vom Lichte des Bewußten übergossenen Gegenstände flüchtige Schatten hinüberfliegen — wie das Bewußte intermittierend auf Augenblicke verdunkelt wird durch vage Erinnerungen, leise Unruhe, eine Art von Erzittern, als ob in der Ferne schwere Wagen rollten und den Erdboden erschütterten — man fühlt ganz deutlich, wie ein Ton nach dem andern ganze Ketten unfixierbarer Stimmungen aus der Tiefe hervorschleppt, wie sich diese Töne dann um einen Punkt kondensieren und plötzlich taucht irgend ein Erlebnis auf, das wie die neugeborene Sonne auszustrahlen beginnt und mit seiner Wärme in die tiefsten, entlegensten Winkeln unserer Seele hineingelangt. —
Was geschah?
Die Töne haben ihre korrelativen Gefühle wachgerufen, ganz unscheinbare vage Stimmungen, die als Begleiterscheinungen irgend eines Erlebnisses seiner Zeit aufgetreten, aber nicht empfunden wurden. Jetzt erst traten sie in Aktivität und nur auf diesem Wege gelangen wir zu den entferntesten geistigen Irradiationen, die sich auf dem Boden des geistigen Daseins festsetzen und ihn mit dünner Kruste überziehen.
Und gerade für diese sekundären Gefühle, für alles das, was sich aus jener Tiefe des Unbewußten hinaufarbeitet, was dunkel und verschwommen nach der Sonne hinaufstrebt, für alles Unsagbare, Zerrinnende, Beängstigende und Aufjauchzende, wofür wir keinen Grund anzugeben wüßten, wofür die Sprache keine Laute hat, wofür die scharfsinnigste Erklärung nur eine geschickte Taschenspielervolte ist, haben wir in Tönen Ausdruck.
Und wie Musik, als Stimmung, die sie ihrem Wesen nach nur allein bedeuten kann, dort aufhört, wo die Erkenntnis ansetzt, und wie sie sich beide in die Hände arbeiten, und wie der Ton sich in die Tiefe aus demselben Keim entwickelt, aus welchem das Wort sich mühsam in die Höhe hinaufarbeitet, unwissend, ob es der Lüge oder der Wahrheit zustrebt, so hat Chopin, der feinste Psychologe des Unbewußten, auch seine Ergänzung gefunden, so innig mit ihm verwandt und tausendfältig mit ihm verhäkelt und verfädelt, wie es nur eben Ton und Wort miteinander sind.
Dieses Korrelat von Chopin, seine Fortentwicklung auf gemeinsamen Boden und unter denselben kulturellen Bedingungen, vielleicht nur seine Kehrseite ist Friedrich Nietzsche.
V
Zwischen Chopin und Nietzsche bestand eine Art Sternenfreundschaft zweier Kometen, von denen es in der „Morgenröte” geschrieben steht, daß ihre Bahnen sich einmal in der Unendlichkeit gekreuzt haben müssen; dann sind sie sich wieder fremd geworden, um nach unabsehbaren Zeiten sich wieder einmal zu nähern. —
Wo Chopin aufhört, setzt Nietzsche an. Jener bannte die feinste Regung in seinem Inneren fest, mit den Polypenarmen seines Gehörs erhaschte er die flüchtigste Stimmung und mit der naiven Unbefangenheit des aristokratischen Von-Ohngefährs in seinem Wesen, gab er uns Kunde von der geheimen Arbeit in den tiefsten Seelenschichten.
Wie nun gerade diese im Dunklen des Unbewußten vegetierende Niederschlagsflora für die Handlungsweise des Menschen von ausschlaggebender Bedeutung sei, wie sich gerade aus den unverstandenen, unbewußten Irradiationen eines physischen Vorganges die Willensakte aufbauen und längst fertig vorliegen, bevor man noch mit dem Abwägen zum Abschlusse gekommen ist, wie vor jeder Urteilsfähigkeit das physiologische Postulat existiert, das uns alle unsere Handlungen ausführen läßt, ohne daß wir nach unseren Wünschen gefragt würden, wie alle seelischen Komplikationen aus untereinander gleichartigen Elementen bestehen und ihre scheinbare Verschiedenheit, ihre erstaunliche Mannigfaltigkeit nur der Ausdruck tausendfältiger Modifikationen eines und desselben Elementes ist, wie Wahrnehmung, Gefühl, Wille eine untrennbare Einheit, die psychische Funktion des minimalsten Bewegungsmomentes eines Nervenmolekels darstellen, wie überhaupt alle psychischen Zustände, die in ihrer Getrenntheit als etwas Einfaches, schlechthin Gegebenes, An-sich-Verständliches, als Ursachen und Kräfte aufgefaßt werden, nur falsche Interpretationen und Aggregatzustände physischer Vorgänge seien, alles das hat erst Nietzsche nachgewiesen und zugleich das große Mißtrauen gegen alles Bewußte gelehrt.