Hier tritt uns das Problem des Menschen entgegen mit seinen Untiefen, dem unterirdischen Brausen, dem dumpfen Prasseln eines unsichtbaren Brandes — das gewaltige Problem, den keine Hypothesen von den doppelt-elektrischen Molekülen, keine Theorien von Atomen mit elektrolytischen Eigenschaften erklären werden, und l’homme machine, wie sich ihn die flachen anglisierenden Philosophen konstruiert haben, wird immer mehr zu einem Rätsel, weit tiefer aufgefaßt, wie man es im unwissendsten Mittelalter auffaßte.
IV
An Chopin wurde mir zuerst das Wesen der Musik klar. —
Der schematisierende Philosophengeist, der schön geordnete Vermögen und Fakultäten besitzt, sucht für die Musik einen getrennten Ursprung, er will sie aus der Nachahmung von Natur — und Tierlauten entstanden wissen, nach dem lieblichen ABC der Bau-Wau-Theorie.
Hat man aber erst einen tieferen Einblick in den Menschen, und somit auch die Überzeugung gewonnen, daß unser Blick kaum die Oberfläche am Menschen streife, daß der Kahn unserer Erkenntnis auf dem glatten Eise der Bewustseinsphänomene gleite, nicht ahnend, daß darunter abgründliche Meere in majestätischer Pracht ruhen, dann begnügt man sich nicht mit diesen flachen Theorien.
Dort unten ist der gemeinsame Allmutterschoß, in dem alle Fakultäten in einem Keime beisammen ruhen, in einander verfädelt und verwachsen. —
Und sieht man einen Menschen an in seiner ewigen, rastlosen Beweglichkeit, denkt man sich hinein in das abwechselnde Erstarren und Aufschmelzen seiner Gesichtslinien, in die spielenden Schatten und Lichter, die beständig hin– und herhuschen, ohne daß der Mensch irgend etwas von diesem Spiele, das seine Nerven mit unsichtbarer Hand in Szene setzen, wüßte, da wird der Gedanke eines gleichen Ursprunges auch für die Musik nahegelegt, als eines geheimnisvollen Korrelats der beständigen Ebbe und Flut in unseren Nerven, als einer äquivalenten notwendigen Reflexwirkung des letzteren, eines motorischen Ausschlages ohne Begleitung irgend eines psychischen Parallelprozesses.
Der „Gefühlston”, unter welchem ein jeder Eindruck, mag er noch so klein sein, sich dem Gehirn darbietet, scheint zu einer motorischen Energie zu werden und im Kehlkopfe die Stimmbänder in Schwingungen zu versetzen, die alsdann im Gehörorgane zu Tonwerten umgeprägt werden. Ob dies auch dem tatsächlichen Verhalten entspricht, mag dahingestellt sein, ich will mich nur verständlich machen.
Übrigens wird wohl etwas Wahres daran sein. —
Es gibt einen experimentellen Weg, der das Essentielle meiner Ausführungen bestätigt.