Hier zum ersten Male hat der arriére-fond der Seele Ausdruck gefunden, ein bisher unbekanntes Leben, von dem das Bewußte der verschwindend kleine Teil ist, ein direkt zweites Leben, das sich nur reflexiv äußert, worin wir aber den Grund und die Ursache aller unserer Lebensäußerungen zu suchen haben, — das ist der hypothetische Erdmagnetismus, der die Ablenkungen der Magnetnadel erklärt, der Weltäther, der uns die Schwingungen der Atome begreiflich macht, die elektromotorische Kraft, die das Überspringen der Elektrizität vom positiven zum negativen Potential unserem Verständnisse näher rückt.

Doch Chopin reflektiert nicht, er hat diese Arbeit seinem großen Nachfolger — Nietzsche — überlassen, er selbs tschildert nur, lebt nach, läßt fremde Nervenströme durch sein Gehirn passieren.

Und dies gerade, daß er selbst der Mann beständiger Erschütterungen, brodelnder Gährungen, fiebernder Delirien, extatischer Verzückung und irrsinnigen Trübsinnes ist, hat ihn zum bedeutendsten Psychologen der hysterischen Seele, der Spasmen kranker Nerven, der irritierenden Qualen, der unlokalisierbaren Schmerzen, der zitternden Unruhe gemacht. —

Es gibt eine Stelle in seinen Werken, die die beste Illustration zu meinen Worten bildet.

Ich meine das Ende des Sostenuto-Teiles im H-moll-Scherzo: In der brütenden, so endlos schmerzlichen Monotonie plötzlich ein schriller Akkord von grandioser Wirkung.

Dieses unmittelbare Aufkreischen mitten in dem dumpfen Hinträumen in einen schweren, traumlosen Schlaf hinein, dieser physisch-brutale Aufschrei in der Agonie des Schmerzes, dieses heisere, gelle Auflachen mitten in dem düsteren Ernst einer nächtlichen Herbstlandschaft, gibt uns bessere Auskunft über die Nachtseiten des menschlichen Empfindungslebens, als alle psychologischen Klügeleien insgesamt.

Was wissen wir von der ewig unheilbrütenden Macht, von dem Dämon in uns, dem mittelalterlichen Fürst der Finsternis vergleichbar, der in der ewigen Nacht unseres Daseins lebt, in dessen Händen wir willenlose somnambule Medien sind?

Wir sehen, wie vor unseren Augen grinsende Gespenster aufsteigen, wir fühlen plötzlich einen Biß im Inneren, so schmerzhaft und so brennend, daß sich unser ganzes Wesen in Todesangst aufbäumt — wissen wir woher das alles kommt, weiß ein Lustmörder, weshalb ihn das frische Mädchenfleisch zum Morde berauscht, weiß ein Irrsinniger, weshalb er rast?

Horla! Horla!

Horla, der Edgar Poe am Alkohol, Baudelaire am Haschisch, Maupassant an Äther zu Grunde gehen läßt und Horla im Chopin hat dies Scherzo geschrieben!