Sie ist die zitternde Nervosität der Überfeinen, eine beständige, schmerzhafte Erregbarkeit bloßgelegter Wunden, ewiges Anschwemmen und Zurückfluten einer krankhaften Sensibilität, ein stetes Unbefriedigtsein des Raffinement, die Müdigkeit der Überempfindlichen, in deren Auge das Sonnenlicht nur prismatisch gebrochen und die starken satten Farben erst gleichmäßig abgetönt hineingelangen können.
Sie ist aber auch wilde Leidenschaft, sie ist Krampf und Agonie der Todesangst, Selbstflucht und Zerfallsdrang, Delirium und idiotisches Hinträumen, wo man vor sich hinstarrt, ohne irgend etwas zu sehen. Wohl werden Lichteindrücke empfangen, aber man erkennt sie nicht als von außen kommend, man muß sich erst besinnen, was heute, was gestern ist.
Die Krankheit Chopins hat sich in seiner Musik umgesetzt in eine grenzenlose Müdigkeit. Es ist die Müdigkeit der Schwindsucht mit ewig wechselnden Stimmungen, die wie stille Herbstwinde über nackte öde Felder streichen, dürres Laub vor sich fegen und die Natur mit düsteren, monotonen Mollakkorden zu Grabe tragen. Es ist die Müdigkeit des lustsatten Wehs mit dem feinen trüben Lächeln um die Mundwinkeln, der trostlos öden Langeweile sonnverbrannter Grassteppen, dem leisen Hin– und Herwogen endloser Meere, die sinnende, brütende Idiotie des Gebetes. —
Es gibt dann in der Musik Chopins eine Stimmung von geradezu überwältigender Wirkung. —
Es ist ein „je ne sais quoi” vom Gefühl, das dem einer Befreiung ähnlich ist, einem tiefen Aufatmen nach der Dyspnoe, es ist als ob sich eine feine, spinngewebige Haut von der Seele loslöste, es ist als ob ein feiner Nebel am herbstlichen Morgen von den Feldern zurückwiche, sich langsam hebe, weißen Gaswolken vergleichbar, und über die aufwachende, dampfende, weißglitzernde Landschaft langsam die Sonne mit ihrer kalten, skeptischen Klarheit aufginge.
Das sind die gröbsten, psychologischen Umrisse seiner Musik und nur in einer solchen konnte die ungeheure Reichhaltigkeit der menschlichen Empfindung, die zartesten Feinheiten, die ewig wechselnden Nuancen der Stimmungen, das Unausdrückbare, Rätselhafte, Flüchtige und Gespenstische im Menschen geoffenbart werden.
III
Ausgerüstet mit Nerven, deren „Anspruchsfähigkeit” so übermäßig gesteigert war, daß auf den geringsten Reiz vulkanische Explosionen erfolgten, mit den krankhaft gesteigerten Sinnen, den allerfeinsten Fühlhörnern vergleichbar, die selbst dort zum Vorschein kommen, wo die menschlichen Werkzeuge schon längst ihren Dienst versagten, wußte er jedes Gefühl, das sich kaum über die Schwelle des Bewußten hinaufgewagt, in seinen Tönen fest zu magnetisieren. —
Jede Stimmung, deren man sich sonst nicht bewußt wird, rief in seinem Gehirne auf rätselhaftem Wege eine zugehörige Klangfarbe hervor, jedes seelische Ereignis, mochte es noch so zart und flüchtig sein, prägte sich sofort in entsprechenden Tonwert um. Und es scheint, als ob das Gesetz von der spezifischen Energie der Sinnesorgane für ihn keine Geltung hätte, als ob es in diesem ewig fiebernden Gehirne irgend einen Punkt gäbe, in dem alle Empfindungen zusammenliefen, irgend eine Verbindung der Sinnesorgane unter einander derart, daß eine Licht– oder Geschmacksempfindung ohne weiteres auf die Gehörnerven überginge. —
Und vermöge dieser Eigenschaft bedeutet Chopin eine känogenetische Entwicklungsstufe par préférence, neu auftauchende Züge in der geistigen Physiognomie des Menschen, neue Leitungsbahnen, die im Menschengehirne erschlossen wurden, eine enorme Bereicherung des Gemütslebens: an Chopin kann man studieren, um wie viel der moderne Mensch an neuem Empfindungsleben seinem Vorgänger, wie er sich in der klassischen Musik offenbart, überlegen ist.