Und von den beiden Rauschkünstlern, Chopin und Nietzsche, wird die neue Kunst ausgehen, eine Kunst, die aufhört in verschiedene Zweige getrennt zu werden, allerdings in einer Zeit, wo unsere Darstellungsmittel sich so ausbilden werden, daß wir jeden Ausdruck, ob den musikalischen, ob sprachlichen, ob bildlichen mit derselben distinkten und differenzierten Schärfe verstehen werden, mit der jetzt nur das sprachliche den meisten zugänglich ist, wo es eine ununterbrochene Skala vom Tone bis zum Worte und zur Farbe ohne die jetzt bestehenden Grenzen, eine klare Rückübersetzung des Tones in Wort und Farbe und umgekehrt geben wird, wo unsere Sinne so fein werden, daß sie jedes Wort in dem zugehörigen Farben– und Tonwerte auffassen, wo die Kunst in ihrer Totalität als eine platonische Anamnese, eine erinnerte Erinnerung, als Selbsterlebtes, Selbstdurchfühltes und Durchdachtes in allen Ausdrucksmitteln mit gleicher Intensität genossen wird. —
Berlin, Dezember 1890.
II. Ola Hansson
I
Wo ist mein Ich?
Als das weiche Gehirn anfing, sich allmählich zu härten und reif zu werden, ging ich auf die Suche nach meinem Ich.
Das Ich, sagten mir die Einen, das ist das große Übergehirn, das über dem anderen steht, es kontrolliert und es in der Macht hat, das Ich ist das Überbewusstsein, das Apperzipierende, durch welches das Perzipierte existiert, das ist der Überwille, der über die motorischen Energien verfügt, der Leitungen in Kontakt setzt und sie nach Belieben wieder ausschaltet.
Das Ich, sagten mir die Anderen, das ist das Konstante und Absolute, das Einheitliche in dem Mannigfaltigen, das Unveränderliche in allem Wechsel; Ich als Ich bin der Anfang und das Ende der Welt, Ich bin der große Herr des Daseins, da Alles durch mich existiert, da alle Dinge nur in mir sind.
Und ich sah, wie sich der frühere Gottesglauben in einen neuen Kultus verflüchtigte, in eine neue Religion sublimierte, wie sich das Bedürfnis nach dem Absoluten, dem Allherrscher neue Bahnen geschaffen hat in einem Vernunft-Knochenbruch, einem Vernunft-Superlative, einer grande mésalliance vom höchsten Verstand und fixer Idee — dem Stirnerschen Ich. —
Damals war es, wo ich eine kleine Novellensammlung von einem jungen Schweden, Ola Hansson — „Die Parias” — kennenlernte. —