Der erste Eindruck, den ich von dem Buche empfangen habe, war von einer merkwürdig visionären Art.
Ich sah hinter dem Buche ein tiefes lauerndes Auge mit langen feinen Tastorganen, die sich in ein fremdes Gehirn hineinbohren und das Tiefste und Geheimnisvollste aus ihm herausgreifen, ich sah den entblößten Mechanismus eines neuen Geistes, in dem ein Gesichtseindruck sich bis dahin hinabwühlt, wo Individuelles und Persönliches ineinandergreifen, ineinander verschlungen sind, um von diesem Verknotungspunkte aus auf tausend Leitungen ins Bewusste überzuströmen, ich fand zum ersten Male diesen neuen Geist, der das wissenschaftliche und dichterische Denken in dem innigen Verschmelzen, der Synthese beider Denkarten zur ungeahnten Potenz erhoben hat.
Und so ist das Buch eine Psychophysiologie der unterbewussten, diskretesten Vorgänge in der menschlichen Psyche, das Buch von dem Gehirne des Idioten, dessen Zentren jede Verbindung untereinander aufgegeben haben und jedes nun auf eigene Faust seine Funktionen verrichtet, das Buch von den Zuständen in einer überbildeten, krankhaft potenzierten Seele, in der es allerhand Eruptionen gibt, ohne dass für ihr Auftreten irgend ein ursächlicher Grund vorhanden wäre, wo eine Rede nur als eine Reihe von schwächer und stärker klingenden Lauten wiedertönt, ein Lichtpunkt zu einem unermesslichen Meere von sengender Hitze anschwellen kann, das Buch von den psychischen Geschwulstbildungen, einer Art psychopathologischer Zeugung, analog derjenigen, die der geniale Arzt Schleich3 als Ursache für das Entstehen körperlicher Geschwülste vermutet. —
Mitten in dem festgefügten Ich-Zusammenhange hebt sich allmählich etwas, wie eine neugeborene Insel, wie eine Nebelmasse, die ins Kreisen gerät und Wärme und Licht auszustrahlen beginnt, wie eine Granit–, Diorit– und Gabbroschicht, die tief im Inneren der Erde verborgen, durch gewaltige Störungen im Erdinneren, durch Verschiebungen der Lithosphäre oder durch die nivellierende Tätigkeit des Wassers plötzlich zum Vorschein kommt.
Das, womit wir leben, womit wir im gewöhnlichen Leben auskommen, was wir die Identität des Ich nennen, das sind nur die während des Lebens erworbenen Eindrücke, die sich in der Erinnerung in derselben Aufeinanderfolge präsentieren, in der sie erworben wurden, aber sie sind auch nur der kristallinische Schiefermantel, welcher den unbekannten Erdkern einhüllt. Neben der Landschaft, durchfurcht von Eisenbahnschienen und umsponnen von Telegraphennetzen, ruht in der Tiefe des Gehirnes eine ausgestorbene silurische Landschaft mit erstarrten Gletschermassen, mit klaffenden Schütterlinien, mit einer riesigen fossilen Flora, Sigillarien, Stigmarien und Farnkräuter.
Neben dem Ich, der kleinen Kette meiner persönlichen Erfahrungen steckt da drin der Mensch mit dem halbwachen Gehirne, das nur wenige Eindrücke im Stande war aufzunehmen und auf alle Außeneindrücke mit ungeheurer motorischer Explosion antwortete — der Höhlenmensch mit dem weichen Hirne, in dem der sensitive und der motorische Strang eine einzige Leitung darstellten, in deren Verlauf noch keine Zwischenstationen eingetreten sind, welche einen Eindruck an dessen sofortiger Auslösung hindern könnten.
Und wie dann ein einziger, vielleicht ganz unbedeutender Eindruck in das Gehirn hineinkommt, wie er in Rotation gerät und den ganzen Gehirninhalt in Schwingungen um seine Axe bringt, wie sich dann das Alles um einen Kernpunkt verdichtet und sich zu Etwas konzentriert, worin das Menschtier auflebt und die ursprünglichsten Assoziationen, die sich in dem Gehirne des Urmenschen festsetzten, zu verderblichen Kräfteherden werden, wie unter dem ganzen Eindrucksfond immer einer vorhanden ist, der dazu prädestiniert erscheint, die wichtigste Rolle im menschlichen Leben zu spielen, — das ist der Inhalt des Buches.
So sind in dem Keimepithel, der Uranlage des weiblichen Eierstockes einzelne Zellen vorhanden, die sich kaum von den übrigen unterscheiden und die zu Eichen werden, den Trägern des künftigen Geschlechtes. So ist unter den Millionen von Spermatozyten immer nur ein einziger da, der sich in das Eichen hineinbohrt, den Entwicklungsakt einleitet und an die ganze Daseins-Kette neues Glied anfügt.
Und wie sich dann das Eichen in Milliarden von Zellen spaltet, wie es zu einer Zellblase wird, wie sich diese in Organe differenziert, wie es das Blut der Mutter an sich saugt, und das mütterliche Leben in seinem eigenen gipfeln lässt, so wird irgend ein Eindruck, den die Urahnen empfangen haben und der sich als eine physiologische „Spur” auf das kommende Geschlecht vererbt hatte, durch irgend eine Gefühlsirradiation von seinem tausendjährigen Schlaf wachgerufen, die alten mitvererbten Leitungsbahnen werden betreten und, einmal in Gang gebracht, wird die ganze Kette aller der Eindrücke, die zu dem ersteren in Beziehung standen, abgewickelt.
Von selbst werden die Muskeln in Stand gesetzt, von selbst lösen sich die zu jenen vererbten Eindrücken zugehörigen Bewegungen aus, mit derselben Notwendigkeit, mit der eine Erinnerung alle zugehörigen Gefühlszustände repräsentiert, mit der ein in die Erde geworfener Samen wachsen und in der Lunge des neugeborenen Kindes der Gasaustausch vor sich gehen muss. —