Jetzt ist aber ein Inhalt nicht mehr möglich, es bleibt nur ein Gefühl, das seine Phänomenalität erlangt hatte und sich allein tiefer hinabwühlt, mit langen körperlosen Händen vor sich tastend bis zu jenem geheimnisvollen Dunkel hinab, wo das lichtscheue, unterirdische Gewächs wuchert, wo aller Daseinschmerz ruht und die Angstgefühle aufgespeichert sind und die mystische Wollust des schauernden Entsetzens.

Und gerade hier, wo Ola Hansson die Nabelschnur gewonnen hatte und sich an ihr hinabgleiten lässt bis in die ersten Dämmerungszustände des menschlichen Hirnes, da alle Ganglien noch unkoordiniert nebeneinander liegen, wo jeder Eindruck sich selbst genießt, wo jede Linie sich selbst wahrnimmt, jeder Ton um seine eigenen Zustände weiß, stellt sich als Begleiterscheinung dieser enormen Vertiefung jenes Gefühl ein.

Hier an der Grenze des Urwesens, an der Grenze des Zusammenhanges meines Ich mit dem All, an der Grenze, wo Irdisches und Transzendentales in einanderfließen, hier in der weiten Ferne, wo das Meer in den Himmel übergeht, wenn die Sonne schon untergegangen ist in der Farbenorgie von verfließendem, blassgoldenem Mollpurpur und tiefem nachdunkelndem Blau, liegt jene unheimliche Stimmung, die die alten Mystiker so gut kannten und die der Moderne Lebensangst genannt hatte.

Im Grunde sind beide auf das innigste verwandt, nur während dies Gefühl im Mittelalter zur visionären Ekstase wurde und im Gott und der Dreieinigkeit Gefühlsorgien feiert, wird es bei dem Modernen zu einem schleichenden Gespenst.

Dieses unbestimmte vage Gefühl, das an nichts gebunden ist, keinen Inhalt repräsentiert, das als Phänomen, losgelöst von jeglichem Zusammenhange mit den übrigen psychischen Zuständen, einem Irrlicht vergleichbar, in den Sümpfen und Abgründen der Seele herumirrt und auf das Verborgenste und Tiefste im Menschen seinen trüben Schein wirft, dieses Gefühl erschließt uns weit besser die Psychologie des Modernen, wie kaum eine, selbst die feinste Analyse der bewussten Vorgänge.

Man kann denken, worüber man will, man kann anfangen was man will, im Hass und in der Liebe, im Wachen und Träumen, stellt es sich ein, ganz unmotiviert, zu allen Gefühlszuständen kann es sich hinzugesellen, einem Molekel vergleichbar, der mit einer enormen Affinität begabt ist und der in jede Verbindung eingehen kann.

Und wie in dem Zellkerne die chromatische Substanz sich in vielfach verschlungenen Schleifen windet, und seinen eigensten, wichtigsten Bestandteil bildet, wie sie sich dann zu Spindeln formt, wie diese durch Auseinanderrücken den Kern zerreißen, wie sich nun das Plasma der Zelle um diese Kerne sammelt, so wird auch dieses Gefühl zu dem seelenformenden Keim, um diese Lebensangst sammeln und gruppieren sich alle psychischen Zustände, in diese Sammellinse fällt alles Licht hinein, und was an zerstreutem Lichte hineingelangt, wird in diese Linse zurückreflektiert.

Daher die Zerrissenheit und die Schreckbildpsychosen des fin de siecle, die krankhafte Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung, nach frischem Luftzuge und kühlender Abendruhe. —

Es kann Entwicklungsymptom und es kann Ende sein.

Es ist das Fieber, das das Zahnen bei den Kindern begleitet, die rheumatischen Zustände, die das Wachstum der Glieder bedingt, die tiefen somatischen Störungen, die sich in der Pubertätsperiode einstellen, es ist die Entwicklungspsychose, die das Flagellantentum auf dem Durchbruch in die Renaissanceperiode gezeitigt hat, aber es kann zur schleichenden Bleichsucht werden, zu einem irren maniakalischen Wahn, es kann in einen Gehirnsatanismus ausarten — was weiß ich!