In ihr spricht sich ein Geist aus, der mit der ätzenden Säure seiner Vernunft alles zerstört, der längst aufgehört hat, an sich selbst zu glauben und sich gegen seine Arbeit mißtrauisch und ablehnend verhält, ein Geist, welcher sich selbst untersucht, sich nicht mehr ernst nehmen kann und über sich selbst hinwegzulachen und auf seinem eignen Kopfe tanzen gelernt hat, der in dem höchsten Raffinement menschlicher Findigkeit unbefriedigte Geist, der endlich nach langem Suchen zu der trostlosen Erkenntnis gekommen ist, daß doch alles umsonst gewesen, daß er über sich selbst nicht hinauskommen kann.

Daher auch die Sucht nach dem Genusse. —

Doch dieser morbiden Genußsucht fehlt die unbefangene Freude an dem Genusse, der sich Selbstzweck ist, und der dem instinktiv empfundenen Überflusse an Kräften entströmt. Das Individuum von heute besitzt nicht solche Instinkte und daher ersetzte es die naive Freude an der Auslösung des Kräfteüberflusses mit dem Verlangen nach Betäubung. Das ganze Leben wird zu einer reinen Betäubungsfrage.

Die Morbidezza eines solchen Genusses, der in dem Sich-betäuben-wollen gipfelt, erklärt dann auch die Art zu genießen.

In der schmerzhaften Anspannung der arbeitsunfähigen Nerven schwingt sich das Individuumdécadent bis zu jener geheimen Grenze hinauf, wo im menschlichen Leben Freude und Schmerz in einander übergehen, wo beide in ihren Extremen zu einer Art zerstörenden Lustgefühls, eines extatischen Außer– und Über-sich-seins werden. Alle Gedanken und Taten nehmen die Formen des Verwüstenden, Maniakalischen an und über allem ruht schwer, bedrückend etwas von der schwülen Athmospähre des nahenden Gewitters, etwas von den schmerzhaften Vibrationen der delirierenden Wollust einer Impotenz, etwas von der hektischen Röte einer Hysterie der Sinne.

Es ist ein klinisches Bild, das ich hier entworfen habe und einem solchen muß naturgemäß die physiologische Betrachtungsweise zu Grunde liegen.

Das Individuum ist in erster Instanz nichts als ein automatischer Oxydationsapparat, dessen ganzes intellektuelles Leben in erster Linie nur eine Einrichtung bedeutet, welche die vegetativen Lebensäußerungen psychisch umzuwerten und zu interpretieren, und so den Einzelnen vor dem Untergange schützt, indem sie ihm das Fördernde als Glücksgefühle, das Schädliche als Mißbehagen und Schmerz umdeutet.

Das psychische Leben aufgefaßt als vergeistigter Geschlechtstrieb, vergeistigte Magenvorgänge, vergeistigte Absonderungs– und Oxydationsprozesse vermag uns auch etwas über die biologische Stellung und Bedeutung des Individuums zu sagen.

Ich glaube hier eine These aufstellen zu können, die nicht weit an der Wahrheit vorbeischießen dürfte:

Je verfeinerter die Instrumente sind, welche die vegetativen Prozesse zum Bewußtsein bringen, je intensiver die Ausdrucksformen dieser Prozesse sowohl in der Freude wie im Schmerze, desto größere Aussichten besitzt das Individuum, sich zu erhalten, zu behaupten und so für das gedeihliche Fortkommen der Art zu sorgen.