Das aber muß ich betonen, daß die Notwendigkeit des Unterganges einer solchen Persönlichkeit nicht in den Verhältnissen liegt, nicht im Außen begründet ist, sondern im Individuum selbst, in seiner innersten Uranlage, in seiner hohen Entwickelung.
Was diese Art der Entwickelung charakterisiert, ist die enorme Anspannung sämtlicher Kräfte in jedem Momente, das ist das große Gehirn mit der Fähigkeit, das Gras wachsen zu sehen, das Unhörbare zu hören, sich in jedem Augenblicke an jeder Empfindung mit seinem ganzen Inhalte zu betätigen, das ist der synthetisierende Geist, der jedes Ding in seinen entlegensten Zusammenhängen, in seinen intimsten Ausstrahlungen zu erfassen und es so zur höchsten Potenz zu erheben vermag, das ist der andauernde intellektuelle Erethismus mit seinen kataleptischen Zuständen, seinen Autosuggestionen und Wahnvorstellungen.
Es ist klar, daß eine solche geistige Verfassung nur unter der Voraussetzung einer enormen Empfindungsintensität möglich ist: das Fatale an jeder wachsenden und gesteigerten Kultur ist das steigende Überhandnehmen der Schmerzgefühle, die dann als organische Räsonanz, den Verfall zur Folge haben: die Kultur geht an sich selber zu Grunde; und das Fatale am Individuum ist es eben, daß alle seine Gefühle mit Schmerzgefühlen innig vermengt und zersetzt sind, daß es fortwährend jenen physiologischen Rückschlägen ausgesetzt ist, die ein anderer sonst nur bei dem intensesten aller seiner Gefühle — dem Wollustgefühl — konstatieren kann, und die dann nur noch der Dichter nach jedem Schöpfungsakte an sich erfährt, — wie überhaupt der Dichter in dem Momente des Schaffens an diese extremste Potenzierung des Menschen, die ich hier ins Auge fasse, allein heranreicht. —
Und so hat jene Auffassung des Individuums als eines Art-erhaltenden und Art-fördernden Momentes in dem Entwicklungsleben der Menschheit eine Kehrseite: die tragische Auffassung seiner Persönlichkeit als eines Mittels.
In dem Leben des Individuums offenbart sich das grandiose Walten der Natur, die nur die Art im Auge behält und sich um das Individuum nicht kümmert, dasselbe Walten, welches in den Ameisen und Bienenstöcken das Weibchen kastriert und es zu einer Sklavin macht, die als Arbeiterin für die Art sorgen muß, dasselbe Walten, welches in den niederen Tierarten das Männchen untergehen läßt, sobald das Weibchen befruchtet und somit für die Fortpflanzung der Art gesorgt hat, das Walten, welches das ganze Leben zu einer großen geschlechtlichen Funktion macht, zu einem Dungmaterial, auf welchem die Art gedeihlich emporschießen soll.
Das ist das große Martyrium des Individuums, daß es sein Leben für die Art opfern muß. —
Der doppelte Charakter in der Auffassung einer individuellen Persönlichkeit ist es, der mir bei Beurteilung der beiden ausgesprochensten Individualisten unseres Jahrhunderts, Chopin und Nietzsche, zum Ausgangspunkte dient und sie mir so innig verwandt erscheinen läßt.
II
Chopin ist ein Kreuzungsprodukt zweier Individuen, die verschiedenen Rassen und verschiedenen Kulturen angehörten, und dies eben war von vornherein für sein Wesen von bestimmender Bedeutung.
Durch sein ganzes Wesen zieht sich eine scharfe Linie, welche die Aneinanderlagerung der Merkmale beider Rassen bezeichnet, ohne daß es jemals zu ihrer gegenseitigen Durchdringung oder Auflösung zu etwas Ganzem gekommen wäre.