Gesang der voriiberziehenden Truppen
„Adler flieg mit leichten Schwingen,
Polens Ruhm und Hort der Welt.”
Vorbemerkung
Die dramatischen Werke des leider dem deutschen Publikum völlig unbekannten Neuromantikers Stanisław Wyspiański, eines der stärksten Talente der letzten Zeit, erscheinen in deutscher Bearbeitung von Dr. St. v. Odrowonsch innerhalb der von Dr. A. v. Guttry und W. von Kościelski begründeten und herausgegebenen „Polnischen Bibliothek”.
Der bekannte Literarhistoriker W. Feldman schreibt in dem Vorwort zu den Werken Wyspiańskis über die „Warschauerin”:
„Der polnische Aufstand vom Jahre 1830/31 musste auf den Dichter seinen Zauber ausüben: Wyspiańskis durchaus männlicher Natur entsprach dieses Bild des polnischen Heroismus mehr, als der Aufstand vom Jahre 1863, wo keine nationale polnische Armee bestanden hat und wo das Volk in erster Linie als Dulder erscheint. Im Jahre 183o/31 kämpften noch an der Spitze des Aufstandes Generäle, deren Namen schon in den Napoleonischen Kriegen mit Ruhm bedeckt waren: ein Chłopicki, ein Skrzynecki, ein Chłapowski, ein Dwernicki und andere und auch der jüngere Nachwuchs war ihrer würdig. Sie errangen Siege über die Moskowiter, die in ganz Europa Bewunderung auslösten. Auch das Malerische, Dekorative des Aufstandes von 183o musste der Eigenart der Wyspiańskischen Phantasie zusprechen. Der Dichter und Maler hing deshalb an dem Jahre 183o; der Denker musste sich indessen die Frage vorlegen, weshalb, trotz der glänzendsten Führer und ihrer Siege — der Aufstand selbst mit einer Niederlage endete. Der Seher sah aber auch in diesen traurigen Bildern die Anzeichen einer freien, besseren Zukunft.
Nicht Drama, sondern „Lied aus dem Jahre 1831” heisst das erste Stück, das am 29. November 1898, dem Gedenktage des Novemberaufstandes, in Krakau aufgeführt wurde. Zum ersten Male hat der Dichter damals von der Bühne aus gesprochen; der Eindruck — besonders auf die Jugend — war groß und anhaltend. Keine Spur von der herkömmlichen Technik der „Einakter”, keine Spur des üblichen patriotischen Schlagers. Glänzend im malerischen Sinne des Wortes gestaltet sich das Bühnenlied: der Empire-Salon, die Gesellschaft der illustren, auf allen Napoleonischen Schlachtfeldern erprobten Helden, die tiefergreifende Handlung, die doch weit davon entfernt war, Bühnenhandlung im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu sein, die Neuheit und der Flug der Gedanken, mussten hinreißen. Zwei Welten kreuzen sich hier: die klassizistische Empirewelt der alten Generäle, die nur den Tatendrang und den Sieg kannten, und die junge, von Byron und der Romantik durchwehte Welt, die sich von der Sehnsucht nach Ruhm und dem Heldentod leiten lässt ... Wie viel dramatischen Inhalt wusste der Dichter hier einzuflechten! Individuelle Tragödien: Marie, die ihren Bräutigam um des Ruhmes willen in den Kampf schickt, erfährt seinen Tod und verwandelt sich unter diesem Eindruck in eine polnische Kassandra; der harte, rücksichtslose Soldat Chłopicki hat zuerst den Bräutigam Marias in den sicheren Tod gesandt, leichten Herzens, um die Unfähigkeit des kommandierenden Generals zu erweisen — die Verzweiflung Marias umgibt aber auch diesen Soldaten mit einer weichen, romantischen Todesstimmung. Und die tragische Schuld, die auf den Führern lastet und die Niederlage der ganzen nationalen Bewegung bedingt? „Jeder von ihnen war als ob er geistig krank sei” — urteilt Kasimir der Große in dem Poem gleichen Namens; das lässt sich auch hier wiederholen. Ihnen fehlt der Glaube, sie haben nur Mut. Sie sind unter Umständen glänzende Soldaten, die für das Vaterland zu sterben wissen, aber sie sind keine Männer, die voll Siegeszuversicht und zielbewusst handeln. Der Kampf ist also vergeblich.”
Der visionäre und prophetische Dichter verfügt, „durch die Plastik und vorstürmende Beweglichkeit seiner Visionen zum Bühnendichter prädestiniert”, über ein „seltenes Gefühl für Bühnenwirksamkeit und eine geniale Eigenart in seiner Verwirklichung. Seine reifen Werke sind unübertrefflich in ihrem Aufbau, in der Steigerung der Spannung, in den Schlussakkorden, wobei sie ganz frei von jeder banalen Effekthascherei bleiben. — Symbolische Ornamentik, musikalische Stimmung und tiefbewegtes Seelenleben vereinigen sich, um eine in ihrer Schönheit einzige Welt zu schaffen”.
Wyspiańskis überwältigende Dramen wurden auf allen polnischen Bühnen mit größtem Erfolge aufgeführt und enthusiastisch aufgenommen.