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Eis. Kanzler I.

In Göttingen.

Das Buch
vom eisernen Kanzler

Eine Erzählung für Deutschlands Jugend

von

Anton Ohorn

Mit Illustrationen in Farbendruck von Max Wulff

Meidinger’s Jugendschriften Verlag G. m. b. H.
Berlin W 66

Inhalt.

Seite
Erstes Kapitel. Sorglose Jugend[5]
Zweites Kapitel. Berliner Lernjahre[17]
Drittes Kapitel. Gaudeamus igitur[30]
Viertes Kapitel. Am eigenen Herde[46]
Fünftes Kapitel. In gärender Zeit[63]
Sechstes Kapitel. Der Bundestagsgesandte[80]
Siebentes Kapitel. An der Newa und der Seine[99]
Achtes Kapitel. Der bestgehaßte Mann[117]
Neuntes Kapitel. Im böhmischen Feldzuge[131]
Zehntes Kapitel. Mit Blut und Eisen[146]
Elftes Kapitel. Des neuen Reiches Kanzler[193]
Zwölftes Kapitel. In Ehren und Schmerzen[210]
Dreizehntes Kapitel. Im Abendrot[228]

Erstes Kapitel.
Sorglose Jugend.

Ein lachender Sommertag! Weiße Wölkchen schwimmen langsam über den blauen Grund des Himmels und spiegeln sich in dem glitzernden Teiche. Leise rauscht das Röhricht an dessen Ufersaum, und in den Kronen der alten Bäume ringsumher im Park flüstert es wie von Geschichten vergangener Tage. Und die stattlichen Rüstern und Linden wissen wohl viel zu erzählen von lustigen Festen und von ernster Zeit, zumal erst sechs bis sieben Jahre entschwunden sind seit den glorreichen Befreiungskriegen und der mutigen Erhebung des ganzen deutschen Volkes, die ihre Wellen auch ins Pommernland und an die Mauern des freundlichen Herrensitzes Kniephof, der sich zurzeit im Besitze des Herrn Ferdinand von Bismarck befand, getragen hatte.

Heute ist Friede im Lande, und die alten Wunden fangen langsam zu vernarben an.

Zwischen den grünen Bäumen sieht das Schlößchen hervor, schlicht, mit Holzfachwerk, aber traulich und behaglich. Aus dem Eingang tritt ein Knabe, fünfjährig, schlank, mit blondem, leicht gelocktem Haar, und schaut mit hellen, blauen Augen in die Welt. In dem frischen Gesichte ist Lebenslust und Tatendrang zu lesen. Er sieht hinauf nach dem heiteren Himmel, hinüber nach den grünen Bäumen des Parks, steckt die Hände in die Taschen und steht nun breitbeinig da, offenbar in der Überlegung, woran er im Augenblicke seine junge Kraft am besten erproben könne.

Da kam ein Knecht.

»Jochem, wohin?« rief der Kleine.

»Der Fuchs muß ein neues Eisen haben!« sagte der Angeredete in behaglichem Platt.

»Da geh’ ich mit!« jauchzte das Bürschlein, offenbar erfreut über den Fingerzeig des Schicksals, und nun trabte er lustig neben dem Manne her nach dem Wirtschaftshofe und in den Stall. Der Fuchs wurde herausgeholt. »Jochem, setz mich drauf!« gebot der Kleine, und der Knecht hob ihn auf den breiten Rücken des Tieres, über welchen die kurzen Beinchen des Reiters kaum wegreichten. Daß der Mann das Pferd am Halfter führte, duldete das Bürschchen nicht, er mußte es frei gehen lassen, und der Kleine hielt sich an der Mähne und suchte nun durch Zuruf den Ackergaul zu einem rascheren Tritt zu bringen, was ihm aber nicht gelang.

Beim Schmied hob ihn der Knecht wieder ab, und nun stellte er sich so, daß er die glühende Esse und den Amboß sah. Die jungen Augen blitzten vor Lust, wenn unter den Hammerschlägen des Meisters die Funken sprühten, und am liebsten hätte er selbst zu dem verrußten Werkzeug gegriffen und mitgeholfen, denn er ahmte unwillkürlich die Bewegungen des Schmiedes nach. Aber nicht lange hielt er aus, dann schlenderte er, die Hände in den Taschen, weiter, hinaus ins Freie. Die Wiesen, reif zum Gemähtwerden, standen voll saftigen Grases und im bunten Blütenschmuck. An ihnen hinstreifend, pflückte er Blumen, und dazu sang er ein Kinderlied.

Die Zampel fließt durch das grüne Gelände; Erlen und Weiden neigen sich schattend über das klare Wasser, und zwischen ihnen ragen stattliche Ulmen. Dorthin lenkte der Knabe seine Schritte, brach sich einen Zweig aus dem Gebüsch, streifte die Blätter ab und köpfte nun die fetten, roten Disteln, die so protzig über den Wiesengrund emporragten. Während dieser Beschäftigung sah er einen Reiter auf einem Feldwege kommen. Hastig lief er ihm entgegen und schrie schon von weitem jauchzend: »Papa, Papa!«

Der Angerufene hielt sein Pferd an. Es war ein stattlicher Herr mit einem gutmütigen Gesicht, aus dem die Freude lachte über den munteren, frischen Jungen.

»Was machst denn du hier, Otto?« fragte er.

»O nichts, Papa, ich gehe spazieren und schlage dabei den Disteln die dicken Köpfe herunter! Darf ich mit dir?«

Der Reiter beugte sich herab und hob den kleinen Burschen empor, welchen er vor sich hinsetzte, und der nun ohne weiteres die Zügel nahm. Der Braune schien ähnliches gewohnt zu sein, er schritt munter aus und langte bald bei dem Herrenhause an. Ein Knecht nahm das Tier in Empfang und hob den Kleinen aus dem Sattel, und dann ging dieser an der Hand des Vaters in das Herrenhaus.

»Nun, Otto,« sagte dieser, »nächste Woche kommt Bernd (Bernhard) aus Berlin!«

»Ach, das wird hübsch!« jauchzte der Bursche, »weiß das Mama schon und Lotte Schmeling?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte er in das Haus und in das Gemach, in welchem er seine Mutter vermutete. Eine hochgewachsene, schöne Dame mit klaren, freundlichen Augen trat ihm entgegen.

»Wo steckst du denn, Otto, und so erhitzt?« sagte sie mit gütigem Vorwurf und strich mit der weißen Hand über die feuchten, zerzausten Locken ihres Lieblings.

»Ach, ich komme mit Papa und bin auf dem Braunen geritten – und nächste Woche kommt Bernd. Da wird’s lustig! Er erzählt immer so hübsch von Berlin. Darf ich auch nach Berlin, Mama?«

»Ja, ja, mein Junge!«

Er küßte die Hand der Mutter und war hinaus, noch ehe der Vater eintrat. Er eilte nach der Küche, wo »Lotte Schmeling« regierte.

»Ach Lotte, gib mir zu essen, ich habe Hunger – und weißt du – nächste Woche kommt Bernd!«

Viel Zeit gönnte er sich zur Stillung seines Hungers nicht, denn bald darauf war er wieder im Parke. Einen Teil seines Frühstücks trug er noch in der Hand, und die kleinen Taschen hatte ihm Lotte Schmeling vollgestopft mit Speiseresten, denn er wollte die Karpfen füttern. Aber im Parke hielt ihn manches auf. Wenn er einen Vogel locken hörte, blieb er stehen, weil er wissen mußte, wen er vor sich habe; wo ihm ein Nestchen in den Büschen bekannt war, sah er vorsichtig nach, ob noch alles in demselben und um dasselbe in Ordnung sei; wo ein Eichkätzchen an einem Stamme hinhuschte, mußte er seinen Weg verfolgen und sich an seinem possierlichen Wesen ergötzen.

Endlich stand er an dem Karpfenteiche und trat auf das kleine Podium hinaus, um seine Gaben zu spenden. Schon nach dem ersten Wurfe der kleinen Hand tauchten die silbergrau schimmernden Rücken auf und kamen heran, und gierig schnappten die großen, runden Mäuler. Otto jauchzte, wenn sie um einen besonders großen Bissen sich drängten und balgten und ihn einander zu entreißen suchten, und er warf seine Gaben bald rechts, bald links, um auch den minder Zudringlichen und weniger Starken etwas zukommen zu lassen. Ganz im Hintergrunde, nach der Mitte zu, waren einige kleinere Fische, die bei jedem Wurfe schnappten, aber nicht herankommen konnten. Auch sie sollten ihr Teil erhalten. Der Knabe füllte die ganze Hand dicht mit Brocken und holte nun mit ganzer Kraft zum Wurfe aus. Dabei aber hatte er sich wohl etwas zu weit vorgebeugt, er verlor das Gleichgewicht; klatschend schlug er ins Wasser, so daß die Fische erschreckt auseinanderstoben, und nun arbeitete und strampelte der kleine Bursche mit Armen und Beinen in einer nicht ungefährlichen Lage, denn der Teich war ziemlich tief. Er faßte nach dem Schilfe und suchte sich daran festzuhalten, aber das schwanke Rohr bot keine Stütze. Doch war es ihm geglückt, näher an das Podium heranzukommen; mit aller Anstrengung und durch eine unbewußt günstige Bewegung unterstützt, konnte er es ergreifen, beide Hände faßten rasch und sicher zu – und gleich darauf hatte sich der kleine Mann glücklich herausgearbeitet.

Er sah ganz verdutzt zuerst nach dem Teiche und dann an sich selbst hinab. Seine Beine waren schlammbedeckt, und Schilf hing an den durchnäßten Kleidern. Er schüttelte sich einmal kräftig, dann trabte er fort nach dem Herrenhause.

Er wollte zu Lotte Schmeling, seiner Vertrauten, flüchten, kam aber gerade der entsetzten Mama in den Weg.

»Was ist passiert, Otto?« schrie sie erschrocken auf, als sie den Kleinen sah, aus dessen Haaren das Naß niederrieselte auf das triefende Gewand.

»O nichts, Mama – ich bin nur, wie ich die Karpfen füttern wollte, ein bißchen in den Teich gefallen. Es tut nichts – bloß entsetzlich kalt ist’s!«

Die Zähnchen schlugen ihm jetzt im Frost zusammen, und unter Beihilfe von Lotte Schmeling wurde er rasch zu Bette gebracht und mußte heißen Tee trinken.

Am Abend fühlte er sich wieder völlig munter. Der Vater hatte bei ihm gesessen und mit ihm geplaudert: er hatte ihm gesagt, daß er schwimmen lernen müsse, wie die Karpfen im Teiche, und zwar, sobald er wieder aus dem Bette sein werde, und das hatte ihm viel Vergnügen gemacht. Dann aß er sein gewohntes Abendsüppchen, und endlich, beim Dunkelwerden, kam Mama noch einmal.

»Siehst du, Otto, wie gut es der liebe Gott meint mit kleinen, dummen Jungen? Überall schickt er einen Engel mit ihnen, der ihnen hilft, wenn sie in Not sind. Du wärst im Karpfenteich ertrunken, wenn er nicht bei dir gewesen wäre und dich herübergezogen hätte, so daß du das Podium fassen konntest. Dafür mußt du dem lieben Gott heute auch ganz besonders danken!«

So sagte die schöne, freundliche Frau, und der Knabe faltete die Händchen und sprach sein Abendgebet mit besonderer Herzlichkeit.

»Amen!« sagte die Mutter bewegt, als er damit zu Ende war, dann küßte sie ihren Liebling, deckte ihn sorgsam zu und ging. –

Der Unfall hatte für Otto keine weiteren unangenehmen Folgen, und in gewohnter vergnüglicher Weise lebte er seine Tage weiter. Als nach einiger Zeit Bernd (Bernhard), der um fünf Jahre ältere Bruder, aus Berlin ankam, erzählte er ihm beinahe mit einem gewissen Selbstgefühl sein Abenteuer, vergaß dabei aber nicht, auch des Schutzengels Erwähnung zu tun.

Bernhard war ein frischer, schlanker Junge, dem es besonderes Vergnügen machte, nach dem Berliner Aufenthalte frei durch Feld und Wald zu schweifen, und Otto war sein beinahe unzertrennlicher Begleiter. Die Erzählungen des Älteren von der Haupt- und Residenzstadt Preußens und ihren Herrlichkeiten, von den militärischen Schauspielen, von dem König und seinem Hofe verfehlten nicht, die Phantasie des Jüngeren zu erregen und in ihm eine Sehnsucht nach diesen Wunderdingen zu wecken. Dann setzte Bernhard der Begierde des Bruders wohl einen kleinen Dämpfer auf, indem er ihm erzählte, wie es in der Plamannschen Anstalt, in welcher er untergebracht war, zuging.

»Das ist nicht so wie bei Muttern. Und da kannst du nicht den ganzen Tag im Parke herumschlendern und Karpfen füttern, und kannst auch nicht, wenn dich hungert, zu Lotte Schmeling laufen. Da heißt’s jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen. Dann gibt’s Milch und Brot als Frühstück, und von sieben Uhr an mußt du drei Stunden lang auf der Schulbank sitzen, dafür erhältst du um zehn Uhr ein Salzbrot, das du im Sommer mit einem Apfel oder einer Birne dir schmackhafter machen kannst, und nach einer halben Stunde geht’s wieder in die Schulstube. Mittags um zwölf Uhr wird gemeinsam in einem großen Saale gegessen, und da fragt dich niemand, ob dir’s schmeckt oder nicht. Wenn du dein Schüsselchen nicht ausessen kannst, mußt du mit demselben so lange im Garten stehen, bis du es geleert hast. Dann wieder von zwei bis vier Uhr Unterricht, zum Vesper ein Salzbrot und nun nochmals bis sieben Uhr auf die Schulbänke. Du, da ist man froh, wenn’s Abend geworden, und man sein Warmbier oder Butterbrot erhält. Nur das Turnen und Fechten, das ist hübsch! Ja, mein lieber Otto, auf Kniephof oder Schönhausen ist’s schon schöner!«

Der Kleine hat bei solchen Schilderungen die Hände in die Taschen gesteckt, bleibt breitbeinig vor dem Bruder stehen und sagt dann ruhig und beinahe überlegen:

»Weißt du, Bernd, wenn du es ausgehalten hast, kann ich’s auch!«

Kurze Zeit darauf gab der Vater Ottos, Herr Ferdinand von Bismarck, ein kleines Fest, wie es der an der Geselligkeit sich freuende Mann ab und zu liebte. Offiziere aus dem nahen Naugard und anderen Garnisonen hatten sich eingefunden, und die Gastlichkeit des von Bismarckschen Hauses, in welchem an des heiteren, lebensfrohen Gatten Seite eine ungemein liebenswürdige und in jeder Weise feine und edle Hausfrau waltete, kam in aller Herzlichkeit zur Geltung.

Bei der Mittagstafel herrschte ein lebhafter, munterer Ton, und der Wein löste die Zungen noch mehr. Bernhard und Otto saßen an einem Seitentischchen, und der letztere besonders ließ sich wenig von dem Gespräch entgehen, zumal dasselbe bald genug auf ein Gebiet kam, das noch immer alle Gemüter lebhaft bewegte! Die Zeit der Schmach und der Erhebung Preußens und Deutschlands. Die Männer an dem Tische und in den Uniformen hatten fast alle ihren Teil an jenen Tagen und jenen Begebenheiten, und mancher wies ein blinkendes Ehrenzeichen, mancher auch eine ehrenvolle Wundennarbe auf.

»Sie haben die Befreiungskriege nicht mitgemacht, Herr von Bismarck?« fragte einer der jüngeren Offiziere.

»Im eigentlichen Sinne, als Streiter des Heeres, nicht. Ich habe den Soldatenrock schon früh ablegen müssen, der Familienverhältnisse halber. O, ich bin sehr jung schon Soldat gewesen, habe als Knabe schon im Rathenower Leibkarabinierregiment gedient und stramm meinen Dienst geübt. Jeden Morgen Schlag 4 Uhr war ich da und habe den Reitern den Hafer zumessen lassen. Bei Kaiserslautern hab’ ich unter dem Herzog von Braunschweig mitgefochten, aber es war keine Ehre zu holen. Darum hab’ ich als Rittmeister meinen Abschied genommen.«

»Haben Sie auf Ihrem Gute viel von den Franzosen zu leiden gehabt?« fragte einer der Gäste.

»Wir sind damals, als Preußen zusammenbrach, nicht auf Kniephof, sondern auf Schönhausen gewesen. 1815 am 1. April ist uns der kleine Schlingel, der Otto, geboren worden – mit dem wir hoffentlich nicht in den April geschickt werden, – aber es war eine trübe Zeit gewesen für das Vaterland. Ob wir sie mitempfunden haben, meine Herren? – Na, Minchen« – er wandte sich zu seiner Frau – »ich denke, wir vergessen’s all unsere Lebenstage nicht! Zwei Tage nach der Unglücksschlacht von Jena und Auerstädt, an einem rauhen Oktobertage des Jahres 1806, kam die liebe, gute Königin Luise, flüchtig und geängstigt, und blieb im Schlosse Tangermünde, Schönhausen gegenüber am linken Elbufer, über Nacht, dann floh sie weiter gegen Ostpreußen, und hinter ihr drein zogen die französischen Scharen und die preußische Schande. – Wenige Tage später saß im Tangermünder Schlosse der Marschall Soult, und seine zügellosen Banden tauchten in der ganzen Gegend auf. Damals habe ich mein bißchen Barvermögen in Gold im Parke vergraben und flüchtete mit meiner Frau unter Mühen und Gefahren bis nach dem »Trüben«, einer sumpfigen, umbüschten Niederung an der Elbe, wohin die Schönhauser sich zurückgezogen hatten. Der Aufenthalt in der langen, kalten Oktobernacht in dem feuchten Sumpfloche war fürchterlich, zumal wir jeden Augenblick davor bangten, daß über unserem Besitztum der rote Flammenschein auflodern würde. Endlich, nach entsetzlich langen Stunden, graute der Morgen. Einige schlichen nach Schönhausen und brachten die Kunde, der Feind sei fort, und so zogen wir heimwärts. Aber wie hatten diese Teufelsfranzosen gewirtschaftet! Verwüstung und Elend überall in den Kätnerhütten wie im Herrenhause. Im Schlosse war alles durcheinandergeworfen, vieles zertrümmert; den Stammbaum der Bismarck, der im Bibliothekzimmer hing, hatten sie mit Säbeln zerhauen und zerstochen, daß die Fetzen davonhingen – na, ich denke, dem Stamme selber soll das nicht geschadet haben.

Als ich nach meinem Gelde im Garten ging, fand ich die Erde aufgewühlt … aber ich sah auch bald die Goldstücke blinken. Der Feind hatte sie nicht gefunden, und die Erdarbeit mochte das Werk eines spürenden Hundes gewesen sein. Später habe ich, um mich und meine Bauern zu bewahren, mir von Soult eine Schutzwache erbeten, aber meine Frau habe ich doch größerer Sicherheit wegen nach Rathenow gebracht. Ach Gott, aber die allgemeine Not war doch noch schlimmer als die des einzelnen, und als unser liebes Preußen zerrissen wurde, da grenzte Schönhausen hart an das neue Königreich Westfalen, es fehlte nicht viel, so hätten wir Jerôme als König bekommen.«

Der brave Rittmeister nahm einen kräftigen Schluck, wie um die schlimmen Erinnerungen damit fortzuschwemmen. Einer der Offiziere aber fragte: »Und wie war’s in den Befreiungskriegen? Sie hatten ja auch in der Altmark Ihren Landsturm?«

»Und ob wir einen solchen hatten! Und er hat redlich die Heimat vor Franzosen und Russen behütet. Ich darf’s wohl ohne Ruhmredigkeit sagen, daß ich treulich das meine dabei getan habe. Und wir hatten an der Elbe gute Helfer gehabt in den braven Lützowern, die im Mai 1813 nach Schönhausen kamen und mit uns die Übergänge über den deutschen Strom bewachten. Das bleibt mir eine unvergeßliche Erinnerung, jener Gottesdienst in unserer einfachen, alten Dorfkirche, bei welchem die neueingetretenen freiwilligen schwarzen Jäger eingesegnet wurden. Es war rührend, wie Männer mit ergrauten Haaren neben frischen Jünglingen sich um den braven Major von Lützow scharten, und ich habe damals mit Tränen in den Augen manchen Wackeren gesehen, den ich nicht vergesse. Da war der junge Theodor Körner, der Freiheitsdichter, mit seinen dunklen Feueraugen, der dann bei Gadebusch gefallen ist, der Turner Ludwig Jahn mit seinem Löwenkopfe, und sie sangen ein Lied ihres jungen Kampfgenossen und leisteten einen heiligen Eidschwur fürs Vaterland, und unser Prediger Petri hat ihnen den Segen gegeben, und der Segen hat geholfen!«

»Ja, er hat auch mitgeholfen,« sagte jetzt der Major von Schmerling, dessen Brust mit dem Eisernen Kreuz geschmückt war, und der noch immer den einen Arm in der Binde trug. »Wir haben’s den Franzosen tüchtig heimbezahlt bei Großgörschen und Großbeeren, bei Dennewitz und an der Katzbach und zuletzt in der Leipziger Schlacht. Und jeder, der dabei gewesen ist, darf mit Stolz davon erzählen. Am 16. Oktober haben wir um Wachau und Güldengossa gestritten und den Reitersturm des Königs Murat zurückgeschlagen, am 17. verübte der alte Marschall Vorwärts seinen glücklichen Reiterstreich bei Möckern, wo Ihr Bruder, lieber Bismarck, der brave Major Leopold von Bismarck, den Heldentod starb, und am 18., Kinder, da war der große Entscheidungstag. Das war ein Geschützdonner, wie ich ihn all mein Lebtag nicht gehört habe; in Probstheide schlugen die Kanonenkugeln von allen Seiten ein, als ob irgendwo von oben her ein Apfelbaum geschüttelt würde. 1500 Geschütze spien ihr Verderben gegeneinander, aber Gott war mit uns, und in der Völkerschlacht haben wir den Mann des Jahrhunderts überwunden.«

Mit leuchtenden Augen und vorgebeugt hatte Otto nach dem Sprecher hingesehen, und kein Wort verloren, welches aus seinem Munde ging. Als der Major jetzt innehielt und das Glas ansetzte, sprang der kleine Bursche auf und trat dicht vor ihn hin. Mit dem vorgestreckten Zeigefinger deutete er auf das Eiserne Kreuz an seiner Brust und fragte mit vollem Ernste:

»Ist Er auch von einer Kanonenkugel geschossen worden?«

Die naive Frage des Knaben löste die ernste Stimmung, welche in dem Kreise eingetreten war, alle lachten, der Major aber zog den Kleinen zu sich heran und sagte:

»Nein, mein Schelm, dann säße ich heute wohl nicht mehr hier. Na, wie ist’s – du willst wohl auch einmal Soldat werden?«

Die Frau des Hauses nahm das Wort:

»Ich glaube, Otto wird einmal Diplomat, Staatsmann, und Bernhard Landrat!«

Wieder lachten die fröhlichen Gäste, aber Herr von Bismarck sagte:

»Ja, meine Frau schlägt nicht aus der Art: Da sehen Sie die Diplomatentochter, die sich einmal in den Kopf gesetzt hat, daß etwas vom Geiste ihres ausgezeichneten Vaters, des wackeren Geheimen Kabinettsrats Menken, auf unseren Jungen übergegangen ist. Na, wie Gott will – er wird es schon richten!«

Heiter ging der Tag zu Ende, der für Otto manche Erregung und Bewegung gebracht hatte. Am Abend kam er zu der Mutter, um ihr »Gute Nacht« zu sagen.

»Otto, hast du denn auch ordentlich dein Süppchen gegessen?«

Der Knabe stand einen Augenblick verdutzt bei dieser Frage, und anstatt eine Antwort zu geben, stürmte er hinaus nach der Küche zu Lotte Schmeling.

»Höre, Lotte, habe ich eigentlich schon mein Süppchen gegessen?« fragte er hastig.

»Freilich und hat sehr gut geschmeckt, denn es war schnell genug verschwunden.«

Wie der Wind sauste der kleine Mann davon und kam zu der erstaunten Mama zurück, um dieser nun erst, nachdem er selbst sich authentische Sicherheit verschafft, eine wahrheitsgetreue Antwort auf ihre Frage zu geben. Und jetzt ging er mit gutem Gewissen zur Ruhe.

Herr und Frau Bismarck saßen noch ein Weilchen beisammen, und letztere war es, die das Gespräch auf die Kinder, besonders auf Otto, brachte.

»Es nützt nichts, er muß aus dem Hause. Hier wird er verzogen, von mir, von dir, von Lotte und von allen. Und am besten ist’s, er kommt zu Plamann, wo er an Bernd eine Stütze hat, daß ihm das Heimweh nicht zu schwer wird. Ich halte dafür, eine rationelle Erziehung nach festen pädagogischen Grundsätzen kann nicht zeitig genug anfangen.«

Herr von Bismarck wollte einige Einwendungen machen, aber er kam gegen die Grundsätze seiner geistvollen, von einem vortrefflichen Vater geschulten Frau nicht auf; seufzend gab er nach, und so ward bestimmt, daß Otto nächste Ostern nach Berlin kommen sollte.

Zweites Kapitel.
Berliner Lernjahre.

An einem Frühlingstage des Jahres 1821 hielt vor dem Hause Wilhelmstraße 139 in Berlin ein Wagen, mit zwei kräftigen Braunen davor und mit dem Bismarckschen Wappen auf dem Schlage. Der alte Kutscher stieg langsam ab und strängte das Handpferd aus, dann hob er aus dem Gefährte einen hübschen, schlanken, sechsjährigen Knaben und trug ihn beinahe zärtlich auf seinen Armen in das Haus.

Das war die Erziehungsanstalt des Professors Plamann, ein im Geiste des großen Pädagogen Pestalozzi gegründetes und geleitetes Institut, das sich trefflicher Lehrer erfreute, wie unter anderen des Begründers des deutschen Turnwesens, Ludwig Jahn.

Als der alte Kutscher mit seinem weiten Mantel in den Mittelflur des Hauses trat, tauchten sogleich überall jugendliche Gestalten auf, die ihn umringten und nach seiner lebendigen Last blickten. Otto von Bismarck, – denn er war es, der auf solche Weise seinen Einzug bei Plamann hielt, – sah mit eiserner Ruhe und fester Sicherheit auf die Gesichter unter ihm nieder, und konnte es wohl auch noch hören, wie es hinter ihm herklang:

»Wieder ein kleiner Junker! – Ein Muttersöhnchen! – Wollen ihn schon rankriegen!«

Dann nahm ihn der Direktor in Empfang, auch dessen Frau und Nichte, und begrüßten ihn mit freundlichem Ernst als neuen Hausgenossen; Bernd bewillkommnete gleichfalls den Bruder, ohne die übliche Tagesordnung zu unterbrechen. Um die nächste Mittagszeit hatte Otto schon seinen Platz an einem Tische im großen Saale, wo Lehrer und Schüler gemeinsam speisten, und mühte sich, sein Gericht, das freilich nicht wie daheim schmeckte, zu bewältigen, um nicht mit seinem Teller auf die Terrasse hinausgestellt zu werden, wo einige, denen das Mahl nicht behagte, sich langsam mit demselben abquälten.

Dem kleinen Neuling blieben manche Neckereien und Hänseleien nicht erspart, und auch sein Bruder konnte ihn nicht ganz davor schützen. Aber des Rates Bernhards, sich nichts gefallen zu lassen, hätte es bei Otto nicht bedurft. Der kleine Mann hatte Selbstgefühl genug, um sich nichts bieten zu lassen, was ihm unwürdig erschienen war, und wie er schon den herkömmlichen »Einweihungsgebräuchen« einen sehr energischen Widerstand entgegengesetzt hatte, so zeigte er auch, daß er das in der Anstalt beliebte Abhärtungssystem und die damit zusammenhängenden körperlichen Unannehmlichkeiten mit festem Gleichmut ertrug.

Gerade das aber reizte manchen seiner Genossen; man sah dies ruhige, feste Wesen für junkerlichen Übermut an, und man hatte sich vorgenommen, ihn bei Gelegenheit tüchtig zu »ducken«.

An einem der ersten warmen Tage war es, als die Zöglinge zum Baden geführt wurden nach dem sogenannten »Schafgraben«, einem nicht gerade sehr breiten, aber ziemlich tiefen Wasser. Auch bei solchen Gelegenheiten wurden die Neulinge nicht besonders glimpflich behandelt. Wer irgend Furcht zeigte, wurde von dem Lehrer kopfüber in das Wasser geworfen, und nun von seinen Genossen mit Tauchen und Anspritzen weidlich bearbeitet. Auf diese Prozedur hatte man sich bei dem »hochnäsigen Junkerchen« schon lange gefreut.

Die Schar hielt am Schafgraben. Rasch waren die Burschen entkleidet und sahen nun nach Otto, auf dessen »Wasserscheu« sie sich bereits freuten. Der aber hatte seit seinem Bade im Karpfenteiche das Schwimmen ganz wacker betrieben. Er trat jetzt an den Rand des Grabens, mit einem entschlossenen Sprung war er im Wasser, welches über ihm zusammenschlug, und dann war er verschwunden. Die Wellen kräuselten sich leicht über der Flut, man spähte, ob nicht der Knabenkopf emportauchen würde, und es begann eine beinahe unheimliche Spannung und Erregung.

Da kam der Schwimmer, welcher so lange unter Wasser ausgehalten, am anderen Ufer in die Höhe und schüttelte sich lachend, den übrigen aber entschlüpfte ein Ah der Überraschung. Mit dem kleinen Junker von Bismarck war nichts anzufangen, – das war jetzt den Vernünftigeren klar, und besser schien es darum, mit ihm gut Freund zu sein.

Und immer mehr brachte er in diesem Kreise sich zur Geltung. Im Turnen und Fechten tat er es den anderen ebenso zuvor, wie in manchem Wissenszweige, der, wie Geschichte und Geographie, ihm besonders behagte, und in die stramme Hausordnung fügte er sich prächtig ein.

Nur manchmal, wenn ein besonders schöner Tag die Knaben hinausbrachte ins Freie, nach der Hasenheide, wenn er grüne Bäume, wogende Felder und fleißige Knechte darauf sah, wenn die Lerchen neben ihm aufstiegen gegen den blauen Himmel, da überkam ihn eine Sehnsucht nach dem stillen Kniephof oder dem freundlichen Schönhausen, und manchmal lief ihm wohl auch eine Träne über die Wangen, die er nicht mehr zurückdrängen konnte.

Aber er überwand diese Empfindungen, denn er wollte ein starker, fester, tapferer Mann werden, wie er solche in der Geschichte kennen lernte. Und die Geschichte war sein Steckenpferd. Die alte Griechensage vom Kampf um Troja hatte es ihm besonders angetan, und die leuchtenden Heldengestalten, die um das hochgetürmte Ilion stritten, lebten in seiner Phantasie.

Im Plamannschen Garten, weit hinten, stand eine stattliche alte Linde. Auf einem Aste derselben saß er eines schönen Nachmittags, andere Genossen waren gleichfalls heraufgeklettert und wiegten sich auf den Zweigen um ihn her, und wieder andere lagen im Grase. Heute war ein freier Tag, – da wollten die jungen Gemüter ein besonderes Vergnügen haben. Otto von Bismarck aber las begeistert und mit weit vernehmlicher Stimme von dem Kampfe um die Mauer, welche das Lager der Griechen schützen sollte, wo der helmbuschumflatterte Hektor gleich einem Löwen die Seinen anfeuerte und mit Polydamas und Äneas, mit Glaukos und Sarpedon dem furchtbaren Andrang der Argiver wehrte. Immer heißer wogte der männermordende Streit, bis der furchtbare Ajax eingriff.

Und Otto las mit heißen Wangen und glühenden Augen, während die anderen beinahe den Atem anhielten vor Erregung:

»Ajax aber brach einen scharfgezackten Marmorstein zuoberst aus der Brustwehr und zerknirschte damit dem Epikles, einem Freunde des Sarpedon, Helm und Haupt, daß er wie ein Taucher von dem Turme herabschoß. Sarpedon aber klomm aufwärts, durchstach den Alkmaon, den Sohn Thestors, mit der Lanze, faßte dann mit aller Gewalt die Brustwehr, daß sie von seinem Stoß zusammenstürzte; doch Ajax und Teuker begegneten dem Stürmenden. Ajax durchstach ihm den Schild; die Lanze durchdrang ihn schmetternd, und einen Augenblick zuckte Sarpedon von der Brustwehr hinweg. Doch ermannte er sich und feuerte seine Lykier an, die rascher emporstürmten; aber auch die Danaer verdoppelten ihren Widerstand. Über die Brustwehr hieben sie wild aufeinander los, und rechts und links von den Trümmern rieselte das Blut hinab.« Otto ließ das Buch fallen, seine Wangen glühten höher.

»Jungens – das müssen wir spielen!« rief er, und allgemeines Beifallsgeschrei folgte. Im Nu waren die Knaben unten von den Ästen, und die Parteien teilten sich und wählten ihre Führer. Der junge Bismarck war Ajax, der Telamonier.

Im Garten war eine Terrasse, das war die Mauer, und um dieselbe begann nun der Kampf, hitzig, wie um das umstürmte Ilion selber, und die Griechen blieben Sieger.

Das Kriegsspiel ward nun zur wahren Leidenschaft, und Otto erfaßte die Sache mit solchem Ernst, daß er bis ins kleine hinein die Schlachtpläne entwarf und über die Wechselfälle des Kampfes besonders Buch führte. So ging’s bis in den Winter hinein, und dieser erhöhte noch den Reiz der Sache. Die Natur selbst lieferte verschwenderisch das Geschützmaterial, und um die Terrasse wurde, auch unter Beteiligung der Lehrer selbst, in den Freipausen im heftigen Schneeballgefecht gestritten.

Auch dabei war der junge Bismarck der berufene Anführer der einen Schar. So war’s auch an einem prächtigen frischen Wintertage. Die Terrasse hielten die Gegner besetzt und empfingen mit den reich aufgestapelten Geschossen die Anstürmenden. Aber Otto zeigte sich wie ein rechter Feldherr voll Umsicht und persönlicher Tapferkeit. Während er von der einen Seite durch ein heftiges Bombardement den Feind täuschte und seine volle Aufmerksamkeit anzog, brach er auf einer anderen mit einer Handvoll auserwählter Genossen zum Sturme vor und erreichte trotz der heißen Gegenwehr der Überraschten die Terrasse, wo er nun mit den Seinen festen Fuß faßte, wo es aber auch zu einem äußerst erbitterten Handgemenge kam. Für ein Spiel ging es schon beinahe zu weit. Die erhitzten und erregten Parteien schlugen unbarmherzig aufeinander los, und die jungen Helden hatten sich ineinander verbissen, als ob es wirklich für die Ehre des Vaterlandes geschähe.

Das Glockenzeichen rief zum Beginn des Unterrichts. Vergebens. Die Zurufe der Lehrer und ihr persönliches Eingreifen vermochten den Kampf nicht zu beenden, da riß Ajax-Bismarck den Schultornister von seiner Schulter, den er wie ein echter Soldat beim Sturme getragen hatte, und wo der Knäuel der Streiter am dichtesten war, schleuderte er das Geschoß mit solcher Wucht hinein, daß die Kämpfenden auseinanderfuhren und außerdem auch seinem gebieterischen Zuruf gehorchten. Nun konnte es wieder an den Unterricht gehen.

Als derselbe beendet war, wanderte Otto nach der Behrenstraße Nr. 53. Seine Eltern waren in Berlin eingetroffen, um in ihrer Stadtwohnung den Sommer zuzubringen und gesellschaftliche Beziehungen zu pflegen.

Der Vater freute sich an dem frischen kleinen Burschen, die Mutter fand ihren Liebling ein wenig wild, Otto selbst aber hatte nicht viel Behagen in der Behrenstraße. Da war alles so vornehm und steif und still, und auch der Papa seufzte manchmal ein wenig.

»Ja, mein Junge, – mir geht’s wie dir,« sagte er einmal, – »in Kniephof und auf Schönhausen ist’s hübscher; na warte nur bis zum Sommer! Wenn du in die Ferien kommst, dann sollst du ein kleines Pferd haben, und wir reiten zusammen, und auch eine Flinte, und dann soll’s lustig durch Feld und Wald gehen!« – –

So gingen die nächsten Jahre hin, und der Plamannsche Schüler nahm zu an körperlicher Kraft, an Wuchs und Gewandtheit, aber auch an geistigem Besitz, und nach der strengen Ordnung der Schulzeit schmeckte die herrliche Freiheit in den heimischen Gärten und Wäldern doppelt gut, und die alten Bäume im Kniephofer Park schienen dem frischen Junker nur um so hübschere Sachen zuzuraunen.

Als er im Sommer 1827 heimkehrte, hielt ihm zu seiner ganz besonderen Freude die Mutter ein neugeborenes Schwesterchen, das am 29. Juni angekommen war, entgegen, und die kleine Malwine wuchs ihm sehr schnell ans Herz, und wenn er später wieder heimkam, freute er sich auf sie am meisten.

Er besuchte seit demselben Jahre (1827) das Berliner Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, gemeinsam mit seinem Bruder, und sie wohnten jetzt beide in der Behrenstraße. Ein Genfer, Monsieur Gallot, hatte sie anfangs zu beaufsichtigen, und er redete mit ihnen nur französisch. Daß aber auch das Deutsche nicht zu kurz kam, dafür sorgte die brave Köchin Trine Neumann aus Schönhausen. Sie liebte ihre beiden Junker und suchte ihnen diese Liebe auch zu beweisen, dadurch, daß sie ihnen möglichst oft ihre Lieblingsspeise, Eierkuchen, bereitete, wobei sie manchmal ihren kleinen Ärger hatte, wenn ihre Pflegebefohlenen zu spät heimkamen und »die Kauken afbackt« waren. Dann konnte sie wohl in ihrem Unmute sich zu den Worten hinreißen lassen:

»Na Jungens, ut juch wat in’n Leben nix Vernünftigs, – dei Kauken sünd all wedder afbackt!«

Im gewohnten Gleichmaß gingen die Tage, nur die Persönlichkeiten um Otto von Bismarck her wechselten. An Stelle Monsieur Gallots traten der Kammergerichtsreferendar Hagens und Philologe Winkelmann, Bruder Bernhard hatte das Gymnasium absolviert und die Uniform angezogen, Trine Neumann war in die Heimat zurückgekehrt, und Otto war an das Gymnasium zum Grauen Kloster und in Pension zu Professor Prevost gekommen, nachdem er Ostern (31. März) 1830 in der Dreifaltigkeitskirche von dem ausgezeichneten Theologen Schleiermacher konfirmiert worden war mit dem Weihespruche: »Was du tust, das tue Gott und nicht den Menschen!«

Unter seinen Lehrern hatte es Professor Bonnell ihm am meisten angetan, und Lehrer und Schüler schlossen sich gegenseitig ins Herz. So kam es, daß Otto in das Haus dieses Mannes übersiedelte und hier in einer freundlichen Giebelstube hauste. Da hinauf trug er die stattlichen Bände einer Weltgeschichte, die er aus der Bibliothek des Professors entlehnte, und abends saß er, zumal im Winter, allein bei der Frau Professor und plauderte ihr vor von den Herrlichkeiten auf Kniephof und von seiner lieben kleinen »Maldewine«.

Vor den Fenstern sang dann wieder der Frühlingswind und erweckte die Sehnsucht hinaus ins Freie und in die jugendgrünende Heimat. Die alte gelbe Postkutsche fuhr in der Straße vorüber, und der Postillon blies sein Lied, so daß der junge Gymnasiast in stiller Wehmut horchte und Semmlers Weltgeschichte eine Weile beiseite schob. Mit dem Herannahen des Sommers aber kam (1831) auch ein unbehaglicher Gast nach Deutschland – die Cholera. Die Eltern in Kniephof waren in Sorge, und eines Tages kam ein Brief von Herrn von Bismarck: Otto solle, sobald auch nur eine Erkrankung in Berlin vorkäme, sogleich nach Hause kommen. Da gab es außer ihm wohl keinen Menschen in der preußischen Hauptstadt, welcher die Cholera so herbeigesehnt hätte, aber sie schien ihm zum Trotz nicht kommen zu wollen.

In der Nähe von Berlin sollte sie bereits sein, und davon wollte er sich wenigstens überzeugen. In einem Reitstall mietete er sich ein Pferd, einen feurigen, dunkelbraunen Wallach, und auf »Nerestan« jagte er jetzt beinahe täglich auf der Straße nach Friedrichsfelde hinaus – »der Cholera entgegen«.

Da kam er eines Tages an der Neuen Wache vorüber. Eben zogen die Soldaten auf unter Trommelschlag und den üblichen Gebräuchen, an einer Ansammlung Neugieriger fehlte es dabei nicht. Und diese Bewegung und der Lärm machten, daß der Wallach plötzlich scheute, einen Seitensprung tat und infolge Ausgleitens niederschlug, wobei der junge Reiter zu argem Schaden kam. Er konnte sich nicht erheben, fremde Leute mußten behilflich sein, ihn in einen Wagen zu bringen, und mit zerquetschtem Fuße trug man ihn hinauf zu Frau Professor Bonnell, die nicht wenig erschrocken war.

Da lag er nun wochenlang, und die Sonne lachte durch die Fenster und lockte, und das Posthorn klang rufend durch die Gasse, ja, selbst die ersehnte Cholera war angekommen, aber er mußte – nicht allzu geduldig – warten, bis die Ärzte ihm gestatteten, Berlin zu verlassen. Da saß er nun endlich eines Morgens hoch oben auf dem Bock neben dem »Schwager«, und hinaus ging’s im langsamen Trott durch die heißen Straßen der Residenz, hinein in die lachende Gotteswelt. Es war kein behagliches Reisen und ging just auch nicht schnell – denn bis nach Stettin brauchte man länger als zwei Tage – aber es bot doch wechselnde Bilder, und der Postillon tat, wenn er in ein Städtchen oder in ein Dorf einfuhr, sein Bestes auf seinem Horne.

Am dritten Tage sah er den alten, lieben Kniephof wieder und umarmte die Eltern und küßte sein Schwesterchen, und dann brach die ganze Lust und Frische, die in den letzten Wochen zurückgedämmt war, wieder durch. Trotz des jüngsten Unfalls jagte er hoch zu Roß durch Wald und Flur, aber er ergötzte sich auch mit stillem Behagen an den lauschigen Plätzen seiner Kinderjahre unter den rauschenden Bäumen des Parkes.

Wie vielfach im Sommer, so nahm auch diesmal die Familie Bismarck einen kurzen Aufenthalt in Schönhausen, das der wackere Inspektor Bellin verwaltete. Es liegt in der Altmark, am rechten Elbufer, da, wo die Havel hereinkommt. Ringsum das märkische Flachland mit Feldern und Wiesen und mageren Kiefernwäldchen dazwischen hatte wenig landschaftliche Reize, aber im Dorfe selbst liegen zwei Herrengüter, und ihre Parke beleben mit dichtem Grün die Szenerie. Das Bismarcksche Herrenhaus ist einfach gebaut; über dem schlichten Portal ist das Kleeblattwappen der Familie, daneben ein anderes – eine Katze mit der Maus – und darunter stehen nebst der Jahreszahl 1707 die Namen: August von Bismarck und Dorothea Sophie Katten.

Hier war Otto geboren, und darum hatte Schönhausen seinen besonderen Reiz für ihn, wenngleich der Park hier kleiner war als in Kniephof. Fröhlich durchschweifte er ihn bei seiner Ankunft; er schreitet durch die Allee von alten, breitästigen Linden, dann hinein zwischen wuchernden Weißbuchenhecken nach dem kleinen Teiche, und nun auf der hölzernen Brücke über den Graben hinaus ins Freie. Da lugt ein steinernes Bild herüber, eine alte, mythologische, nackte Figur, die wenig respektvoll dem Junker ihre Kehrseite zuwendet. Er wirft einen Blick hinüber und schreitet weiter mit der Flinte auf dem Rücken, hinaus ins Feld. Aber es will sich keine Beute finden. Hoch über ihm zieht mit höhnischem Lachen ein Falke seine Kreise, einige Raben kreischen auf den Feldern, aber jagdbares Getier ist nicht zu sehen.

Unmutig im heißen Sonnenbrand schlendert er um Mittag heimwärts. Er schreitet wieder über das Holzbrückchen und sieht abermals den wenig höflichen und anständigen Herkules; die Sonne beleuchtete ihn auffällig hell, wie er so dastand und beinahe höhnisch die eine Hand rückwärts unterhalb des Rückens legte.

Otto hatte eine Schrotladung in seiner Flinte; heimbringen wollte er sie nicht wieder, und, einer raschen Laune folgend, riß er die Waffe von der Schulter, legte an, und der Schuß krachte. Von dem Herkules splitterte es, und der Leib zeigte eine bedeutend hellere Stelle in der Nähe der Hand, der junge Schütze aber ging, wie im Bewußtsein einer guten Tat, heimwärts. Am anderen Tage kam er mit seinem Vater an derselben Stelle vorüber, und Herr von Bismarck sah den Herkules an, was mit ihm geschehen war.

»Das hast du wohl verübt, Otto?«

»Ja, Papa,« antwortete der Gefragte, »aber ich habe nicht gemeint, daß er’s spüren wird; er hat jedoch gleich mit der Hand nach hinten gefaßt.«

Der Rittmeister lächelte halb abgewandt, und damit war die Sache abgetan.

Im Herbste ging es wieder nach Berlin und ins Gymnasium. Es kam die Zeit, in welcher Otto sich auf sein Abiturientenexamen vorzubereiten hatte, und er arbeitete mit Eifer und Lust. Ab und zu besuchte er auch Bruder Bernhard, welcher als Offizier in Berlin diente und in der elterlichen Wohnung in der Behrenstraße wohnte.

Eines Tages kam er mit einer gewissen Aufregung. Er fand Bernhard nicht daheim und setzte sich nun auf das Sofa, um das Zimmer, obwohl er es lange kannte, einer Musterung zu unterziehen. Da blieb sein Blick plötzlich an der Stelle haften, wo neben dem Bücherschrank an der Wand zwei lange Reiterpistolen hingen. Im nächsten Augenblicke sprang er auf und holte die Schießwerkzeuge herab. Er prüfte die Hähne und fand alles in Ordnung. Nun suchte er nach Pulver und Kugeln, und da er die Verhältnisse der Wohnung ziemlich genau kannte, fand er beides. Frisch ward jetzt geladen und nach einem Ziele geforscht. Er riß den Bücherschrank auf und fand unten in demselben eine Scheibe. In wenigen Augenblicken war sie an dem Schranke befestigt, und gleich darauf krachte der erste Schuß.

Und nun ging es Schlag auf Schlag. Das ganze Haus kam auf die Beine. Man wußte nicht, was vorging, und traute sich anfangs nicht in die Wohnung, bis die Beherzten eindrangen, und nun mit Entsetzen diese Schießübung sahen. Einer hatte den Mut, sie zu verbitten. Otto aber sagte, ohne sich stören zu lassen: »Hier hat mir niemand etwas zu sagen!« und krachend schlug die nächste Kugel in die Scheibe.

Da kam Bernhard; er eilte erschrocken die Treppe empor, aber als er den Vorgang sah, wußte er nicht, sollte er lachen oder schelten. Fürs erste aber hörte nun doch zur Beruhigung der Hausbewohner das Schießen auf, und Bernhard fragte:

»Aber nun sage mir, Junge, was dir eigentlich eingefallen ist?«

»Na, einmal war das Warten langweilig, und zum anderen habe ich mir Luft machen müssen.«

»Na, – was hast’, was kneipt dich denn so sehr?«

»O, diese ewige Schikane mit dem französischen Lehrer ist nachgerade unerträglich. Und wenn ich nun denke, daß ich eine Probearbeit bei ihm machen soll, da wurmt’s mich, und mir schwillt die Galle. Darum hab’ ich mir ein bißchen Luft machen müssen.«

»Na, und dazu muß der unschuldige Bücherschrank herhalten?«

»Ja, warum bist du auch nicht zu Hause, wenn man einen teilnehmenden Menschen braucht!«

»Rat weiß ich aber auch jetzt keinen. Wenn du nicht französisch arbeiten willst, dann mach’s doch englisch – ihr könnt euch ja die Sprache wählen, soviel ich weiß!«

»Na, das ist Fopperei, Bernd! Du weißt recht gut, daß ich kein Englisch getrieben habe. Aber ich will dir auch was sagen. Ihr sollt sehen, was Otto von Bismarck leisten kann. Ich mache keine französische Probearbeit! Schön Dank auch für den guten Rat – Adieu!«

Er war hinaus und eilte heimwärts. Bald darauf saß er in seiner Giebelstube über der englischen Grammatik, und nun studierte er darauflos, als ob davon das Heil der Welt abgehangen hätte. Als es zur Probearbeit kam, wählte er zur Verblüffung des französischen Lehrers und zum Staunen der anderen die englische Sprache. Und er hat sein Examen bestanden, und bestand es auch in den übrigen Fächern in ehrenvoller Weise.

Leb wohl, du graues Kloster in Berlin!

So vergnügt ist er noch niemals ins Pommernland heimgefahren wie diesmal, da die Gymnasialzeit hinter ihm, dem Siebzehnjährigen, liegt, und die Phantasie ihm fröhliche und leuchtende Bilder entrollt von der »Burschenherrlichkeit« und von lebensfroher Studentenzeit! Schöner und weiter schien ihm die Welt, und der Hornklang seines Postillons hallte diesmal wundersam wieder in der freien, zukunftsfrohen Jünglingsseele. Ein glückliches Menschenkind traf mit dem erwachenden Lenze des Jahres 1832 im alten Kniephof wieder ein.

Drittes Kapitel.
Gaudeamus igitur.

In der »goldenen Krone« zu Göttingen saßen an einem Maiabend des Jahres 1832 eine Anzahl junger Männer beisammen. Fröhlich klangen die Gläser, und durch die geöffneten Fenster hinaus schallten die kraftvollen alten Studentenweisen:

Stimmt an mit hellem hohem Klang,

Stimmt an das Lied der Lieder,

Des Vaterlandes Hochgesang;

Das Waldtal hall’ es wider!

Der alten Barden Vaterland,

Dem Vaterland der Treue,

Dir freies, unbezwung’nes Land,

Dir weih’n wir uns aufs Neue!

Das brauste einher mit machtvoller Begeisterung, und die Pokale läuteten abermals zusammen. Einer von den Burschen erhob sich an dem Tische, eine prächtige Jünglingsgestalt mit blitzenden blauen Augen, strotzend in der Fülle jugendlicher Kraft.

»Silentium! Bismarck will reden!«

Still ward es in dem Raume, und aller Blicke wendeten sich nach dem Sprecher.

»Kommilitonen! Wir haben in diesen Tagen und erst heute noch auf unserer Wanderung ein prächtiges Stück deutschen Landes gesehen, und das Herz ist uns aufgegangen in der Schönheit des Harzwaldes, in dem die Sage lebt auf der Bergeshöhe, wie im felsigen Talgrund, und wo in einem gesunden Geschlechte alte deutsche Kraft und Einfachheit der Sitten wohnt. Kommilitonen, ihr seid Mecklenburger, ich bin ein Altmärker – ist’s bei uns daheim etwa anders? – Lebt nicht überall derselbe gesunde Sinn, der sich freut in der Schönheit der Natur, und der an der deutschen Scholle hängt, auf welcher unsere Wiege stand? Mag auch ein halb Hundert verschiedenfarbiger Grenzpfähle im deutschen Lande stehen – das Auge sieht sie, das deutsche Herz weiß nichts davon, wenn es die Ehre der ganzen Nation gilt. Die Freiheitskriege haben es bewiesen. Laßt uns nicht schlechter sein als unsere Väter, die bei Leipzig und Waterloo geschlagen haben, und laßt uns immer an das Wort unseres großen Dichters denken: »Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!« Eine Muttersprache reden wir alle, und alle haben wir im Grunde nur ein Vaterland – und das eine, große, deutsche Vaterland, dem wir Blut und Gut weihen, es blühe und gedeihe! Füllt die Gläser: dem Vaterlande!«

Jubelnd schallte der Zuruf, stürmisch klang es zusammen, Otto von Bismarck aber goß den letzten Rest aus seiner Flasche, und mit dem Rufe: »Fort mit allem, was leer und nichtig ist!« schleuderte er die letztere durch das offene Fenster hinaus auf die Straße.

Die fröhlich lärmenden Burschen hörten weder den zornigen Aufschrei, der von draußen hereinschallte, noch das Klirren des Glasgefäßes auf dem Pflaster, immer höher gingen die Wogen der Begeisterung, und immer lauter schallten Becherklang und Studentenweisen hinaus in die schweigende Frühlingsnacht, bis endlich Bismarck erklärte: »Satis, quod sufficit!« und mit einem energischen »Prost Kommilitonen!« sich entfernte. Unter dem Tische erhob sich gleichzeitig eine mächtige englische Dogge, welche zu den Füßen ihres Herrn gelegen hatte, und schritt gravitätisch neben ihm hinaus.

Am nächsten Morgen schaute Otto von Bismarck mit Behagen zu seinem Fenster in der Roten Straße Nr. 299 hinaus. Seine »Bude« war einfach und sah »burschenmäßig« aus. Im Mobiliar war weder ein besonderer Überfluß noch hervorragende Eleganz, denn der Hauswirt, Herr Schumacher, wußte, wie schnell oft die Bewohner wechselten, und wie rasch diese Art eine »gute Stube« abzuwohnen pflegte. Bismarck wünschte es auch nicht besser. Über dem alten Sofa hatte er eine Anzahl auf Pappe gezogener Schattenrisse seiner Freunde gehängt, an der einen Wand prangte eine stattliche Pfeifensammlung, welche den Neid manches Kommilitonen schon herausgefordert hatte, und vor dem Sofa lag lang ausgestreckt die gewaltige Dogge und blinzelte schläfrig nach ihrem Herrn, der, wie erwähnt, im offenen Fenster lehnte, angetan mit einem bunten Schlafrock, und die lange Pfeife, welche weit hinaushing, im Munde.

Es war ein prächtiger Frühlingstag, und dem jungen Studenten war ganz wohlig zumute. Da unten schritten die ehrsamen Bürger hin, rasch hinhuschende Mädchen, geschäftige Arbeiter und sorglose Studenten, entweder ganz kommentmäßig in Flaus und Kanonen, mit dem Cerevis, oder im Schlafrock und Morgenschuhen, den Ziegenhainer in der Faust und die dampfende Pfeife im Munde. O, es war auch in Göttingen schön, und an der »Königlich Großbrittanisch-Hannoverschen Georgia Augusta« ließ sich’s leben!

Er hatte anfangs für Heidelberg geschwärmt, aber die besorgte Mama fürchtete den burschikosen Geist, der dort walten sollte, und nachdem in einem Familienrate ein Verwandter des Hauses, der geheime Finanzrat Kerl, Göttingen als eine Hochschule der vornehmen Welt empfohlen und Briefe an die Professoren Hugo und Hausmann mitzugeben versprochen hatte, war die Sache entschieden.

Nein, in Göttingen war es gar nicht so übel! Eben als der junge Student sich in diesen behaglichen Gedanken versenkte, pochte es an der Tür.

Die Dogge hob den Kopf, und auf das »Herein!« erschien auf der Schwelle der Universitätspedell und überreichte mit höflichem Gruße Bismarck ein Schreiben. Dieser liest mit einiger Verwunderung, daß er u. z. citissime – möglichst bald – vor dem Universitätsrichter zu erscheinen habe.

»Dem Manne kann geholfen werden!« zitierte der Studiosus halb pathetisch, halb ärgerlich; dann fuhr er langsam in die spiegelblank gewichsten Kanonenstiefel, sah sich einen Augenblick nach einer geeigneten Kopfbedeckung um, und ergriff endlich einen hohen Zylinderhut, den er sich auf das Haupt stülpte, und so, die weißen, ledernen Beinkleider umflattert von dem bunten Schlafrock, die lange Pfeife im Munde, schritt er, begleitet von der englischen Dogge, durch die Gassen der vornehmen Universitätsstadt nach dem Hause des Richters.

Als er bei demselben eintrat, fuhr der alte Herr entsetzt auf vor der respektwidrigen Erscheinung, und als ihm der gewaltige Hund, der noch vor seinem Herrn sich hereingedrängt hatte, um die Beine schnupperte, ward es ihm völlig unbehaglich, und er suchte sich mit vorgestemmtem Stuhle zu schützen, wobei er rief:

»Schaffen Sie sogleich den Köter hinaus!« Bismarck rief die Dogge und öffnete die Tür. Der Hund ging gehorsam hinaus, und jetzt kam der Richter hinter seinem Sitze hervor, noch immer ängstlich und zornig zugleich, und fragte:

»Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

»Ich bin der Studiosus juris Otto von Bismarck, und was ich hier will, müssen Sie wissen, denn Sie haben mich zitieren lassen!« Er entfaltete das Papier, welches er erhalten hatte.

»Richtig – gut! Aber fürs erste habe ich Ihnen mitzuteilen, daß es verboten ist, Hunde mitzubringen vor das Universitätsgericht, und daß ich Sie darum mit einer Ordnungsstrafe von 5 Talern belege.«

»Hm – auch nicht übel!« brummte der Verurteilte halblaut, der andere aber fuhr fort:

»Die Sache, derohalben Sie zitiert worden sind, ist die: Gestern abend ist ein Herr, der an der »Goldenen Krone« vorüberging, durch eine Flasche am Arme getroffen worden. Die Erörterungen haben ergeben, daß die Flasche von Ihnen herrührte. Können Sie sich entsinnen, wie dieselbe auf die Straße gelangte?«

»Zweifellos durchs Fenster!«

»Na, ja, allerdings – aber ich meine, eine Wirkung, wie der Wurf einer Flasche durch das Fenster, muß doch auch eine Ursache haben!«

»Die war auch vorhanden in der Anspannung meiner Muskeln und der Schwungkraft des Armes. Wenn Sie wünschen, Herr Universitätsrichter, kann ich die Prozedur Ihnen ad oculos demonstrieren!«

Bismarck griff nach dem großen Tintenfasse auf dem Tische des Richters und hob dasselbe in bedrohlicher Haltung.

»Das genügt, Herr von Bismarck, und da Sie im übrigen das Faktum nicht in Abrede stellen, kann ich Sie entlassen. Das weitere wird Ihnen noch mitgeteilt werden!«

Die Aussicht auf das »weitere« stimmte den jungen Studenten nicht gerade heiter, und einigermaßen ärgerlich ging er mit seiner Dogge heimwärts.

Noch ehe er in die Rote Straße kam, begegneten ihm vier Korpsburschen von den Hannoveranern. Bismarck ging mit weitausgreifenden Schritten daher, mit fliegendem Schlafrock, die Pfeife wie eine Waffe in der Hand, und der hohe Zylinderhut, der wunderlich zu dem sonstigen Aufzuge paßte, glänzte in der Sonne. Die »Hannoveraner« blieben stehen und brachen in ein lautes Gelächter aus.

Bismarck war nicht in der Stimmung, sich etwas bieten zu lassen; er trat an den vordersten der Burschen dicht heran und fragte scharf:

»Lachen Sie über mich, Herrens?«

»Natur, das können Sie doch sehen!« lachte es ihm entgegen.

»Dummer Junge!« brauste nun der Geärgerte auf.

»Wen meinen Sie?« riefen die anderen.

»Natur, alle viere!«

Damit wandte er sich und ließ die einigermaßen verblüfften »Hannoveraner« stehen. Obwohl er noch ein Neuling war, wußte er doch, was nun kommen mußte. Das gab höchstwahrscheinlich vier blutige Auseinandersetzungen, aber auch davor ward ihm nicht bange. Da er Sekundanten und kommentmäßige Waffen brauchte, begab er sich gleich darauf zu dem Senior des Korps der Braunschweiger (Brunsvigia) und belegte dort die Schläger. Nun wartete er ruhig das weitere ab, aber das kam anders, als er gemeint hatte.

Die vier »Hannoveraner« waren zunächst aufgebracht über den »frechen Fuchs«, aber einer von ihnen, ein Hausgenosse Bismarcks, der diesen einigermaßen besser kannte, und dem die ganze »forsche« Art und Weise desselben gefiel, warf auch den anderen einen Gedanken hin, der diesen völlig annehmbar dünkte, und so kam es, daß alle vier noch an demselben Tage sich bei Bismarck einfanden.

Der empfing sie mit kühler Höflichkeit.

»Ich weiß, weshalb Sie kommen, meine Herren!«

»Verzeihen Sie, Herr von Bismarck, das dürften Sie nicht wissen. Wir kommen, um Sie wegen unseres Gelächters von heute morgen um Entschuldigung zu bitten, und hoffen, daß Sie die »dummen Jungen« zurücknehmen werden!«

»Unter solchen Umständen mit Vergnügen!«

»Schön. – Und wissen Sie auch, was uns veranlaßt zu solchem Vorgehen? – Sie gefallen uns, Herr von Bismarck, und da Sie noch nirgends eingesprungen sind, und wir uns auf einen so schneidigen Fuchs etwas zugute tun würden, so fragen wir an, ob Sie nicht für unser Korps zu haben sind?«

»Abgemacht! – Ihr gefallt mir, – ich bin der eure!«

Ein vierfacher herzlicher Händedruck, und die Sache war in Ordnung.

Aber um sein Duell kam er bei alledem nicht. Die »Brunsvigia« war empört, weil er bei ihr die Waffen belegt und nun bei einem anderen Korps eingesprungen war. Die Beleidigung konnte man nicht auf sich sitzen lassen, und der Konsenior der Brunonen ließ Bismarck seine Forderung überbringen.

Man war gespannt darauf, wie der junge Fuchs sich herausbeißen werde; der aber ging frohgemut auf die Mensur gegen seinen renommierten Gegner. Dieser glaubte anfangs den Neuling so leichthin behandeln und mit Leichtigkeit »abführen« zu können, aber Bismarck hatte Kraft und Übung; schon nach einigen Paraden ging er zum Angriff über, und gleich darauf zog sich ein blutiger Schmiß über das Gesicht des »Braunschweigers«. Im Triumph führten die »Hannoveraner« ihren Fuchs von dannen, doppelt froh, ihn für sich gewonnen zu haben, und er machte dem Korps auch als Paukant alle Ehre, denn aus allen seinen Mensuren ist er als Sieger hervorgegangen.

Eines Abends saß er in der Korpskneipe der »Hannoveraner«, im »Deutschen Haus«. Als Gast war auch ein junger Engländer, Coffin, anwesend, der zu seinem Vergnügen einige Vorlesungen besuchte. Die jungen Gemüter waren durch Gesang und Trunk angeregt, lebhafter schwirrte die Unterhaltung hin und her und kam endlich auch auf politisches Gebiet.

Angehörige verschiedener deutscher »Vaterländer« befanden sich in dem Kreise, und das schien den Engländer zu belustigen.

»Sie haben 36 Vaterländer und kein Vaterland, und ihr Schutzpatron, der deutsche Michel, hat’s auch gar nicht eilig, eine Eintracht zu schaffen. Er zieht behaglich seine Schlafmütze über die Ohren, hüllt sich vergnüglich in seinen bunten 36farbigen Schlafrock und – –«

Da stand Bismarck neben dem Fremden. Mit seinen flammenden Augen sah er ihn an, hochaufgerichtet und drohend.

»Herr, schwätzen Sie nicht, was Sie nicht verstehen, sonst dürften Sie den deutschen Michel ohne Schlafrock kennen lernen! – Umgürte dich mit dem ganzen Stolze deines England, ich verachte dich, ein deutscher Jüngling!«

Stürmische Bewegung ging durch den ganzen Kreis. Coffin war aufgesprungen:

»Das ist eine Beleidigung!«

»Sie haben zuerst beleidigt!«

»Wir werden uns an einem anderen Orte finden!«

»Ich werde nicht fehlen!« – –

Am nächsten Tage wurde die Sache mit den Waffen ausgetragen, und der Engländer erkannte, daß der »deutsche Michel« eine gute Klinge schlage. Damit war der Ehre Genüge getan und die Geschichte beigelegt. Schon wenige Tage später saßen die beiden Gegner wieder im »Deutschen Hause« beisammen und sprachen in ernster und ruhiger Weise.

»Und Deutschland wird doch einig werden, und in seiner Einigkeit sich wie ein Riese erheben über die Völker Europas,« sagte Bismarck.

Coffin schüttelte energisch mit dem Kopfe:

»Das wird niemals werden; aus so vielen Stücken wird kein Ganzes – niemals!«

»Und doch werde ich rechtbehalten; in zwei Jahrzehnten ist das ganze deutsche Volk eins geworden, aber es braucht dazu mehr als unsere Hieber und die Tinte der Diplomaten!«

»Davon werden Sie mich nicht früher überzeugen, als bis ich es erlebe!«

»Gut, – wetten wir! 25 Flaschen Champagner gibt der Gewinner, der Verlierer aber kommt übers Meer, um sie auszutrinken!«

»Das soll gelten, – die Herren sind Zeugen!«

So lebte in der stolzen, starken Jünglingsseele die Ahnung der großen kommenden Zeit, die freilich im Jahre 1853 noch nicht anbrechen sollte. Bismarck aber hat die Wette nicht vergessen und hätte sie seinerzeit auch eingelöst, wenn der Tod nicht vordem schon seinen Partner abgerufen hätte.

Ei, wie dem flotten Burschen die Tage dahinflogen im freundlichen Göttingen, so daß er beinahe gar nicht dazu kommen konnte, die Kollegien zu besuchen, weil er alle Hände voll zu tun hatte, mit anderen Dingen! Sein Name galt etwas in Studentenkreisen, und er hatte seinen Ruf nicht bloß auf dem Paukboden, sondern auch durch sein Geschick, Gegensätze auszugleichen und diplomatisch zu vermitteln, erworben.

Es war an einem kalten Januartage des Jahres 1833, als vor Göttingen draußen in einem Wäldchen sich einige junge Leute einfanden zu einem, wie es schien, recht ernsten Geschäft. Am Abend vorher war ein englischer Student, Knight, auf einem Balle von dem jungen Baron von Grabow beleidigt worden. Die Sache war an sich nicht von Belang, aber die Gegner waren hitzig geworden und hatten sich auf Pistolen gefordert. Und nun standen sie an dem klaren, kalten Wintermorgen da, um die Sache auszutragen.

Bismarck war mit Knight herausgefahren, um diesem als Dolmetsch zur Seite zu stehen. Da es aber an einem Unparteiischen fehlte, war er gern bereit, das Amt zu übernehmen. Die Sekundanten hatten die Waffen geladen, der Arzt stand seitwärts vor seinem aufgeschlagenen Verbandskasten, und auf allen Gesichtern lag schwerer Ernst, denn die Duellanten hatten nur drei Schritt Barriere verabredet.

Da sagte Bismarck:

»Meine Herren, Ihre Ausmachung bedeutet nicht mehr ein Duell, sondern einen Mord. Dazu gebe ich meine Hand nicht! Die Sache, um deretwillen Sie sich hier gegenüberstehen, ist, wie ich nicht zweifle, auf ein unseliges Mißverständnis zurückzuführen, und nicht derart, daß darüber zwei Menschenleben mit beinahe absoluter Sicherheit aufs Spiel gesetzt werden. Ich meine, der Ehre ist auch völlig genügt, wenn Sie zehn Schritte Abstand nehmen. Und nur für diesen Fall fungiere ich als Unparteiischer.«

Die Duellanten erklärten sich einverstanden.

Bismarck schritt die Entfernung mit weitausgreifenden Schritten ab und fügte noch zwei Schritte zu. Dann trat er an den Arzt heran, um diesen von der Eigenmächtigkeit zu verständigen – und nun mußten die Dinge ihren Lauf nehmen. Bismarck kommandierte, die Schüsse krachten gleichzeitig, – eine Sekunde lang stand jedem der Herzschlag still, – dann zog sich der bläuliche Rauch verschwimmend in die Morgenluft, und die Kugeln saßen irgendwo in zwei Baumstämmen. Blut ist bei jenem Zweikampf nicht geflossen.

Ruchbar ward die Sache aber trotzdem, und der Studiosus Bismarck erhielt zehn Tage Karzerstrafe, die er mit stoischem Behagen absaß, wobei er nicht versäumte, sich in die Präsenzliste einzuzeichnen, indem er seinen Namen in die Karzertür schnitt.

Nicht gar lange danach fühlte er eines Morgens ein seltsam Mißbehagen in seinen Gliedern. Das war ein Ziehen und Frösteln, so ganz anders als nach lustig durchlebter Nacht, und er fand, daß es doch vielleicht gut wäre, einen Medikus zu Rate zu ziehen. Der Arzt konstatierte Wechselfieber, und so lag er einige Tage zu Bette, verstimmt, gelangweilt, appetitlos, und versuchte unmutig ab und zu etwas von dem verschriebenen Chinin einzunehmen.

Da kam eines Morgens eine Sendung aus Pommern. Ein köstlicher Duft stieg aus der geöffneten Kiste, und der Patient begann mit zunehmendem Interesse die Herrlichkeiten auszupacken, welche mütterliche Liebe und Sorgfalt ihm hatte zugehen lassen. Neben den berühmten pommerschen Gänsebrüsten lachte ein saftiger bräunlicher Schinken, und behagliche Würste streckten ihre glänzenden Glieder dazwischen.

Ein Gruß aus der Heimat! Na, ein Stückchen Wurst wird auch bei Fieber nicht schaden! Die Mettwurst ist so saftig und würzig, und es ist ganz wunderbar, wie einem der Appetit beim Essen kommt. Der Kranke schneidet eine Scheibe nach der anderen herunter, und erst, als eines der kleinen Ungetüme, die ihre drei bis vier Pfund wiegen mochten, zur Hälfte verschwunden war, stellte Bismarck seine Tätigkeit ein. Dabei war ihm so wohl, wie seit einigen Tagen nicht, und der Arzt sah, als er kam, mit freudiger Verwunderung seinen Patienten.

»Da hat das Chinin wieder einmal sein Wunder getan!« sagte er mit Genugtuung; Bismarck aber sprach:

»Ich habe ein Mittel genommen, das mir noch wirksamer scheint. Recipe: Jede Stunde ein halb Pfund pommersche Mettwurst; ’s ist probat, lieber Doktor!«

Der Arzt sah mit verwundert großen Augen die geöffnete pommersche Kiste und »was Arbeit unser Held gemacht.«

Zu Michaelis ging’s nach Kniephof. Drei Semester waren verlebt an der Georgia Augusta. Da saß er wieder in dem kleinen pommerschen Herrenhause und sah hinaus auf die bewegten Wipfel im Parke und blies aus der langen Pfeife vergnüglich seine Rauchwolken. Die Frau Mama schaute ihn mit Liebe und Sorge zugleich an und schien von Göttingen ein wenig enttäuscht. Die kleine Schmarre auf der Wange – sie stammte von der abgesprungenen Klinge eines Gegners – die bunten Pfeifentroddeln, die Cerevis schienen ihr verwunderliche Geschichten zu erzählen, und sie wollte ihren Jüngsten von nun ab etwas mehr in ihrer Obhut wissen!

So kam es, daß Otto von Bismarck nicht nach Göttingen zurückging, sondern noch drei Semester an der Berliner Hochschule verbrachte. Es ging auch hier eine Zeitlang flott und lustig weiter, und das »Gaudeamus!« klang in der preußischen Residenz nicht minder frisch und froh als in Göttingen.

Eines Abends trat er bei seinem Freunde, dem jungen Grafen Kaiserlingk, ein.

»Wie ist’s – gehst du mit zur Kneipe?« fragte er.

»Heute bin ich nicht in der Stimmung, und denke mich darum in meinen vier Pfählen behaglich einzurichten. Bleib da, Bismarck, an »Stoff« soll’s auch hier nicht fehlen, und meine Pfeifen stehen dir zur Verfügung.«

»Soll gelten – das Wetter ist jetzt verlockend zum Daheimsitzen – höre, wie der Wind um die Fenster saust. – Ah, da ist auch Motley« – unterbrach er sich, als ein junger, blonder Mann eintrat, den die beiden anderen herzlich begrüßten – »na, tres faciunt collegium

Er streckte sich behaglich auf dem Sofa und bat: »Aber nun mußt du unser Konvivium auch stimmungsvoll einleiten, Kaiserlingk!«

Der junge Graf setzte sich an das Instrument, und das sang und klang durch den Raum, als webe eine Geisterschar an einem Märchen; bald weich und melodisch, bald wild bewegt wie ein aufgeregtes Gemüt – klang es aus den Saiten, und der große Beethoven hatte das Wort! Und auf dem Sofa saß der wilde, flotte Bursche und hatte sich in die Ecke gelehnt und den Kopf in die Hand gestemmt. Als der letzte Ton verklungen, sagte er:

»Sehr schön, Kaiserlingk! – das kann böse Geister bannen, und mir ist, als verstehe ich jetzt erst die Geschichte von Saul und David. Heute taugte ich überhaupt nicht mehr für die Kneipe. Motley, haben Sie nicht einen Ihrer geistvollen geschichtlichen Aufsätze bei sich, es wäre köstlich, wenn Sie uns was mitteilen wollten.«

»Wenn es gewünscht wird, kann ich etwas holen« – sagte der junge Engländer, der in demselben Hause wohnte, und ging. Als er zurückkehrte, hatten sich noch zwei junge Gäste eingefunden, und nun wurde der Abend in der anregendsten Weise verlebt. Es war spät geworden, als Bismarck bat: »Kaiserlingk, nun noch etwas zur guten Nacht!«

Und der junge Graf griff noch einmal in die Tasten, und der bestrickende Zauber der »Mondscheinsonate« nahm die jungen Gemüter gefangen.

»Kinder,« sagte Bismarck, »solch ein Abend gibt einem ordentlich eine Sehnsucht nach dem Philistertum; lacht mich aus, wenn ihr wollt – aber von morgen an werde ich solide und verlege mich aufs Arbeiten. Und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan! Gute Nacht!«

Und in der Tat legte er sich ins Zeug, um das in der flotten Burschenzeit Versäumte nachzuholen. Um die Osterzeit des Jahres 1835 kam er eines Tages in das Haus seiner Tante, der Generalin von Kessel, und wurde hier, wie immer, von seinen Cousinen heiter und herzlich begrüßt.

»Na, heute bitte ich mir etwas Respekt aus! Seht ihr mir nichts an?«

Neugierig und lachend betrachteten ihn die jungen Damen von allen Seiten.

»Was soll denn aus dir wohl werden, so über Nacht?«

»Ja, das Raten ist nicht eure starke Seite! Da will ich’s euch sagen. Ich habe vorgestern mein Staatsexamen gemacht und bin als Auskultator für das Stadtgericht vereidigt worden!«

»Ah! – Gratuliere! – Aber ansehen kann man dir die Würde nicht!« rief es durcheinander, doch Fräulein Helene, die als Künstlerin sehr tüchtig war, rief:

»Diese Phase seines Lebens muß festgehalten werden! Otto, ich male dich als Auskultator!«

»Kann mir nur schmeichelhaft sein! Da weiß man später doch einmal, wie man als neugebackener Philister ausgesehen hat.«

Da trat Bernhard von Bismarck ein, der gleichfalls in Berlin als Referendar tätig war, und der mit Otto zusammenwohnte.

»Ich habe mir’s gleich gedacht, daß er bei Euch stecken wird« – rief er; »jetzt, da er in Amt und Würde ist, sucht er freundliche Häuslichkeiten mit heiratsfähigen Töchtern!«

»Aber Bernd« – riefen die Damen entrüstet.

»Freut euch doch, daß die Zeit vorüber ist, in welcher er jungen Damen die Fenster einzuwerfen pflegte.«

»Und das hat er wirklich getan?«

»Da sieht man wieder die Übertreibung,« lachte Otto von Bismarck – »wobei nicht einmal meine besondere Liebenswürdigkeit erwähnt wird. Daß der Göttinger Professor, der durch sein Verhalten gegen mich das Fensterattentat provoziert hatte, einige Töchter besaß, konnte ihn freilich vor meiner Rache nicht retten, aber ich kann zu meiner Entschuldigung sagen, daß ich die Scheiben nicht mit Steinen, sondern mit Kandiszucker eingeworfen habe, um den Mädchen wenigstens einigermaßen den Schrecken zu versüßen. Übrigens, bitte, stellt mir einmal einen dienstbaren Geist zur Verfügung! Ich habe einen Schuster in der Kronenstraße, welcher mir bis gestern ein Paar Stiefel liefern sollte, und mich, wie bereits in früheren Fällen, im Stiche ließ. Den Mann will ich Ordnung lehren. Seit heute früh sechs Uhr schicke ich ihm alle zehn Minuten einen Boten mit der Anfrage, ob meine Stiefel noch nicht fertig wären. Ich vermute, daß ich sie heute noch erhalte.«

Wenige Tage später saß der junge Auskultator im Berliner Stadtgericht und waltete seines Berufes mit Eifer und – je nachdem – auch mit Humor. Der Sommer verging und der Herbst, und der Winter brachte mit seinen geselligen Vergnügungen manche schöne Abwechslung in die Einförmigkeit seines Amtes. Von besonderem Interesse war dabei der erste Hofball, welchem er beiwohnte.

Seine äußere Erscheinung auf demselben war in jeder Weise vornehm und durch Gestalt und Haltung geradezu auffallend. Üppiges Haar umwallte das hochgetragene Haupt, und in dem geistvollen aristokratischen Gesichte blitzten frisch, lebhaft und durchdringend klar die Augen. Wie er so Arm in Arm mit seinem Kollegen, dem Auskultator von Scherk, dahinschritt, folgten alle Blicke den beiden prächtigen Gestalten, die der bekannte selige Preußenkönig sich für seine Potsdamer Riesengarde nicht gern hätte entgehen lassen. Auch dem Prinzen Wilhelm (dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I.) fielen die beiden jungen Männer auf, und als sie ihm vorgestellt wurden, sagte er mit wohlgefälligem Lächeln:

»Nun, die Justiz legt wohl auch jetzt das Gardemaß an ihre Leute?«

»Königliche Hoheit,« erwiderte Bismarck, indem er klar und voll den Prinzen anblickte, »auch wir Juristen ziehen den Soldatenrock an, wenn es fürs Vaterland gilt!«

Am nächsten Morgen saß er, noch in Erinnerung an den vorigen Abend versunken, am grünen Tische des Stadtgerichts. Vor ihm stand ein biederer Berliner, der in einer Bagatellsache zu vernehmen war. Der Mann, welcher den kaustischen Humor, aber auch die Zungenfertigkeit des hauptstädtischen Proletariers besaß, glaubte, dem jungen Auskultator gegenüber sich noch mehr als üblich herausnehmen zu dürfen, und perorierte in nicht ganz ruhiger Weise. Bismarck, dem die Sache endlich zu arg ward, sprang mit seiner imponierenden Gestalt auf und rief: »Wenn Sie sich nicht mäßigen, werfe ich Sie hinaus!«

Der Mann war einigermaßen verdutzt über diesen unerwarteten Ausbruch, aber auf Bismarck selbst trat der anwesende Stadtgerichtsrat herzu und sagte, indem er ihm die Hand auf den Arm legte:

»Das Hinauswerfen ist meine Sache, Herr Auskultator!«

Bismarck nahm sein Gerichtsverfahren wieder auf, der Berliner aber, welcher nun Oberwasser erhalten zu haben meinte, wurde noch unangenehmer als zuvor, bis der Auskultator zum zweitenmal aufsprang und mit einem sehr bezeichnenden Seitenblick rief: »Herr, wenn Sie sich nicht mäßigen, lasse ich Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen!«

Das Stadtgericht wollte Bismarck überhaupt nicht länger behagen; er brauchte ein größeres Feld, einen weiteren Gesichtskreis, und so verließ er 1836 Berlin und begab sich als Hilfsarbeiter zur Königlichen Regierung nach Aachen, wo der Regierungspräsident Graf Arnim-Boytzenburg sich freundlich des jungen Referendars annahm und auch gesellig in seiner Familie mit ihm verkehrte.

Viertes Kapitel.
Am eigenen Herde.

König Friedrich Wilhelm III., der die Not und die herrliche Erhebung Preußens gesehen, war gestorben, und sein Sohn, Friedrich Wilhelm IV., hatte den Thron bestiegen. Das war im Jahre 1840, und in den Oktobertagen desselben fanden sich zahlreiche Vertreter des Volkes und des Adels zur Huldigungsfeier in der Hauptstadt ein. Die Sonne des 15. Oktobers war freundlich aufgegangen über dem Lustgarten, wo die tausendköpfige Menge sich um die reichgeschmückten Söller drängte, von welchen herab der neue Herrscher zu seinem Volke sprechen wollte.

Nun war er erschienen, ließ seine hellen Augen über die in Ehrfurcht schweigende Versammlung schweifen, und dann begann er in der ihm eigenen lebhaften und begeisternden Art zu sprechen. Und die Stimme klang so klar wie Glockenton hinein in die heftiger pochenden Herzen:

»Ritter, Bürger, Landleute und von den hier unzählig Gescharten alle, die meine Stimme vernehmen können, ich frage Sie, wollen Sie mit Geist und Herz, mit Wort und Tat und ganzem Streben, in der heiligen Treue der Deutschen, in der heiligeren Liebe der Christen mir helfen und beistehen, Preußen zu erhalten, wie es ist, wie es bleiben muß, wenn es nicht untergehen soll? Wollen Sie mir helfen und beistehen, die Eigenschaften immer herrlicher zu entfalten, durch welche Preußen mit seinen nur 14 Millionen den Großmächten der Erde beigesellt ist, nämlich Ehre, Treue, Streben nach Licht, Recht und Wahrheit, Vorwärtsschreiten in Altersweisheit zugleich und heldenmütiger Jugendkraft? Wollen Sie in diesem Streben mich nicht verlassen und versäumen, sondern treu mit mir ausharren durch gute und böse Tage? O, dann antworten Sie mir mit dem schönsten und klarsten Laut der Muttersprache, antworten Sie mir ein ehrenhaftes Ja!«

Und mit überwältigender Macht brauste das Wort durch die bewegten Lüfte, unten aber in der dichtgedrängten Menschenmenge faßte ein junger, stattlicher Mann die Hand des neben ihm Stehenden mit warmem Drucke und sagte:

»Das soll gelten, Bernd, für alle Zeiten!«

»Helf uns Gott, Otto!« erwiderte der andere; der alte, stattliche Herr aber, welcher bei den beiden stand, wischte sich einmal mit der Hand über die Augen.

Die Menge wogte auseinander. Die drei jedoch schritten langsam hindurch, der alte Herr in der Mitte, der nun sagte:

»Das war seit langem wieder eine schöne, erhebende Stunde, die wir alle nicht vergessen wollen. Schade, daß wir der Mutter nicht mehr davon erzählen können.«

Es waren drei hochragende, prächtige Gestalten, welche durch die belebten Gassen schritten nach der Behrenstraße zu; ehe sie aber dieselbe erreichten, kreuzte ein junger Mann von gleichfalls auffälliger Statur ihren Weg. Er zog überrascht den Hut, und der Jüngste von den dreien rief lebhaft:

»Schenk! – Du bist hier?«

Eine herzliche Begrüßung der Freunde folgte, und bald gingen sie, nachdem sie sich von den beiden anderen verabschiedet hatten, zusammen auf den Bürgersteig hin, und betraten endlich ein Weinhaus, wo sie in einer abgelegenen Ecke sich niederließen. Der Kellner brachte Wein, leise klangen die Gläser zusammen, und Wilhelm von Schenk sagte: »Nun weißt du meine Erlebnisse, lieber Bismarck, jetzt laß mich hören, wie es dir gegangen ist, seitdem du nach Aachen übergesiedelt warst.« Der andere sprach:

»In Aachen habe ich nicht lange ausgehalten. Ich kam beinahe wieder in die alte Burschenherrlichkeit hinein, und das wollte mir nicht passen. Ich hatte das Bewußtsein, daß mein preußisches Beamtentum mir dort mit Grundeis gehe, und das wollt’ ich nicht. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, redlich zu arbeiten im Dienste des Vaterlandes, und so wurde ich auf mein Ansuchen im Herbste 1837 nach Potsdam versetzt, wo der Geheimrat Wilke mir Pünktlichkeit und Strammheit im Dienste angewöhnte. Die konnte ich auch ganz gut brauchen, als ich im nächsten Frühling des Königs Rock anzog und bei den Potsdamer Gardejägern als Einjährig-Freiwilliger die Anfangsgründe der Kriegskunst exerzierte. Das habe ich so ein halbes Jahr getrieben. Dann ließ ich mich zum 2. pommerischen Jägerbataillon in Greifswald versetzen. Da war ich Soldat und Student zugleich und hörte in Eldena landwirtschaftliche Vorlesungen, denn in dem Hintergrunde der nächsten Zeit lag bereits die Aussicht, einen Teil unserer Güter übernehmen und Landwirt werden zu müssen. Es gab so manches gutzumachen und in die Höhe zu bringen – na, wie das eben so geht. Ostern 1839 war ich denn auch wieder in Kniephof. Meine Eltern zogen sich nach Schönhausen zurück, und Bernhard und ich übernahmen die pommerischen Güter, so zwar, daß mir Jarchelin und Kniephof und meinem Bruder Külz zukam. Es fiel mir aber gleich in den Anfang dieser selbständigen Tätigkeit ein trüber Schatten – du weißt wohl – –«

»Ich weiß, deine treffliche Mutter ist voriges Jahr gestorben – nimm noch die Versicherung meiner herzlichen Teilnahme! Sie war eine ausgezeichnete Frau!«

Eis. Kanzler II.

Friedrich Wilhelm IV. und Bismarck.

»Ja, sie war »Verstand des Hauses«, und uns war sie noch mehr. Nun sitzt mein Vater ernst und trüb in Schönhausen, und Malwine sucht ihn zu erheitern, so gut das gehen will. Ich aber habe den Diplomaten an den Nagel gehängt und baue meinen Kohl!«

»Und wenn das Vaterland ruft, bist du doch da!«

»Das ist selbstverständlich. War das nicht herzerhebend heute, wie alle die Tausende dem König die Versicherung ihrer Treue gaben? Mir ist mein »Ja« aus vollem Herzen gekommen – laß uns anstoßen: Dem Vaterlande die ganze Kraft!«

Die Gläser klangen hell und voll, und die Augen der beiden jungen Männer leuchteten. Sie saßen noch eine Weile beisammen und tauschten alte Erinnerungen, dann erhob sich Bismarck:

»Mein Aufenthalt in Berlin ist knapp bemessen, so daß wir uns hier kaum noch einmal sehen. Aber wenn dich dein Weg ins Pommernland führt, so erinnere dich, daß Otto von Bismarck auf Kniephof bei Naugard sitzt und seinen Freunden dankbar ist, wenn sie ihm die Gelegenheit geben, sie zu bewirten!«

Kurze Zeit darauf saß er wieder in seinem schlichten Herrenhause. Mit Scharfblick und Tatkraft erfaßte er die Verhältnisse und suchte nach allen Kräften zu bessern. Am frühen Morgen schon war er im Sattel und ritt durch die Felder, um nach dem Rechten zu sehen, oder bei erfahrenen Nachbarn Rat zu erholen, und daheim machte er sich über seine Wirtschaftsbücher und brachte Klarheit und Ordnung in die Verwaltung seines Besitztums. Im dämmernden Abendschein schritt er durch den Park, begleitet von seiner Dogge, und manchmal kamen ihm recht wunderliche Gedanken, und ein stürmischer Tatendrang wollte ihn erfassen und in die Welt treiben.

An einem solchen Abend kam er unmutig herein in seine vereinsamten, stillen Räume. Die Bücher, welche er sonst in diesen Stunden zur Hand nahm, wollten ihm heute nicht gefallen, die Pfeife war ihm ausgegangen, und mit weitausgreifenden Schritten ging er durch die Wohnräume seines Kniephof. Da blieb er vor einem Bilde stehen. Es war ein alter preußischer Reiteroberst, der da aus dem Rahmen auf ihn herunterschaute, sein Urgroßvater, Herr Friedrich August von Bismarck, dem weiland in der Czaslauer Schlacht eine Kugel zwischen Leib und Seele gefahren war. –

»Ein ganzer Mann, dieser alte Herr! Das Leben genießen und dann einen fröhlichen Reitertod sterben fürs Vaterland – das muß schön sein! Ich glaube, in mir steckt etwas von dem »tollen Bismarck«, und ein lustig Reiten, ein fröhlich Zechen tut mir wieder einmal not, wenn ich nicht versauern soll. Dabei braucht man nicht zu verderben! Morgen geht’s einmal ins Weite!«

So sprach er zu sich selber, und wie er wieder nach seinem Zimmer zurückschritt, sah er seine Pistolen an der Wand hängen. Er nahm sie herab.

»Ich muß mir Luft schaffen!« rief er, wie einstens in der Behrenstraße 53 im Zimmer seines Bruders, und gleich darauf krachten die Schüsse und schlugen in die Decke, daß Kalk und Mörtel splitterten.

Am anderen Morgen ließ er sein Pferd satteln und brauste fort, »daß Kies und Funken stoben«. Er hatte sich erinnert, daß in Kollin bei Stargard an diesem Abend eine vergnügte Gesellschaft beisammen sei, und wenn es bis dahin auch etwa 14 Meilen waren, er wollte zeigen, was ein tüchtiger Reiter und ein gutes Pferd leisten können.

In Wangerin hielt er Mittagsrast. Am Tische neben ihm saß ein junger Mann, der sich ihm als Weinreisenden vorstellte und seine Ware anpries. Bismarck verlangte, daß er ihm Proben vorführe, und der andere brachte, was er bei sich hatte.

Ein Fläschchen um das andere wurde vor den Augen des erstaunten Reisenden leer, und Bismarck begehrte immer mehr Proben, bis dem anderen der Vorrat ausging. Das war in einem kleinen Stündchen abgetan, und nun ging’s wieder zu Roß weiter auf der Stargarder Straße, und abends traf der wilde Reiter in Kollin ein und überraschte die heitere Gesellschaft. Nun gab es ein fröhlich Zechen, schallendes Gelächter bei manchem lustigen Schwank, und dem Besucher, der aus der Einsamkeit seines Kniephof kam, erfrischte es Herz und Mut, sich wieder einmal in genialer Burschenlust gehen zu lassen.

Er lud seine Freunde ein, ihn auf seinem Schlößlein zu besuchen, und sie blieben nicht aus. Der alte Kniephof sah nun manche übermütige Stunde. In die Nacht hinaus klangen lärmende Zecherlieder, und oben ging das Trinkhorn in die Runde, und aus den großen Pokalen trank man Porter und Champagner durcheinander. Dann raste es mitunter nächtlicherweile wie die wilde Jagd durch den schweigenden Park, krachende Schüsse weckten die Ruhe der Schläfer, von abenteuerlichen Streichen, von wunderlichen Wetten gingen die seltsamsten Geschichten in der Runde, und bald hieß es: »der tolle Bismarck ist auf Kniephof wieder lebendig geworden!«

Manch einer kam, angezogen durch dieses Treiben; er fand ein gastliches Haus, einen gefüllten Becher, einen jovialen Wirt, – aber es geschah, daß dieser mitten in der übermütig lärmenden Unterhaltung ein Wort aufgriff, an das er ernste und geistvolle Erörterungen knüpfte, wie sie aus historischen Reminiszenzen und aus seinem eigenen, für die Ehre des Vaterlandes begeisterten Herzen kamen. Dann horchte die verwunderte Tafelrunde hoch auf, und manch einem kam ein Ahnen, daß in dem jungen Gutsherrn mehr stecke, als zur Verwaltung von Kniephof gehöre.

Das Herz hatte er auf dem rechten Flecke, und das hat er, wo es galt, bewiesen. Im Sommer 1842 war er als Landwehroffizier in Lippehne. Der schneidige Ulanenleutnant war auch hier einem kecken, lustigen Streiche nicht abgeneigt, so wenig wie den Freuden des Bechers. Eines Nachmittags kam er mit einigen Kameraden an den Wendelsee. Er wollte mit seinen Begleitern über die Brücke gehen, die über denselben führt, da er aber merkte, daß eben sein Reitknecht ankam, um in dem Wasser sein Pferd zu schwemmen, blieb er stehen. Der Bursche ritt zwischen der Brücke und der Gotthardtschen Gerberei in den See. Ob nun die Anwesenheit der Offiziere ihn verwirrte, oder ob das Pferd den Grund verlor, – genug, er zog die Zügel zu straff an, das Tier wurde unruhig, bäumte sich, und der Reiter flog herab und verschwand auch sogleich in den Wellen.

Bismarck überlegte in diesem Augenblicke nicht; er warf Mütze und Säbel fort und sprang, wie er war, in Uniform, über das etwa 15 Fuß hohe Brückengeländer kopfüber in den See. Mit starker Hand faßte er den Burschen, der halb bewußtlos ihn so umklammerte, daß er selbst in freier Bewegung gehindert war. Da riß er denselben mit sich nieder zum Grunde, um ihn bewußtlos zu machen. Es waren bange Augenblicke für die, welche auf der Brücke standen. Blasen stiegen aus dem Wasser … aber die beiden Menschen kamen nicht empor. Endlich tauchte das Haupt Bismarcks auf. Er hatte mit fester Hand den Burschen gepackt, ihn auf den Rücken geworfen, und zog nun schwimmend ihn hinter sich her, bis er Grund fand. Nun schleppte er den Bewußtlosen auf seinen Armen an das Ufer, wo er freudig begrüßt wurde.

Eine gewaltige Erregung ging durch die ganze kleine Stadt, und als Bismarck, der sich in der Nähe umgekleidet, nach derselben zurückkehrte, kam ihm eine Schar von Bürgern mit dem Oberpfarrer Stöhr in seiner Amtstracht an der Spitze entgegen, um ihn zu begrüßen und zu beglückwünschen.

Bald darauf erhielt er vom König die Rettungsmedaille, welche er jederzeit mit Stolz getragen hat.

Der flotte Offizier ging wieder nach Kniephof zurück. Es kam ihm doppelt still vor, und manchmal war’s ihm, als dränge es ihn hinaus in die Welt, – der gärende Most wollte noch nicht zur Klärung kommen. Das Wort, das seine herrliche Mutter einst gesprochen: »Bernhard soll Landrat, Otto Diplomat werden!« kam ihm immer wieder in den Sinn. Der erste Teil war zur Wahrheit geworden, sein Bruder saß als Landrat in Naugard, und der Ausspruch der Mutter erschien ihm bezüglich seiner selbst wie eine vorwurfsvolle Mahnung.

So kam es, daß er einen neuen Anlauf nahm und wieder bei der Potsdamer Regierung als Referendar eintrat. Ein rechtes Behagen fand er aber bei alledem nicht, zumal sein Vorgesetzter, der Regierungspräsident, ihn in beinahe geringschätziger Weise behandelte. Da kam ihm der alte Bismarcktrotz, und es brauchte nicht viel, um den Becher des Unmuts bei ihm überschießen zu lassen.

Eines Tages erhielt er von seinem Bruder das Ersuchen, ihn auf einige Zeit zu vertreten. Er begab sich zu seinem Vorgesetzten, um sich einen Urlaub zu erbitten. Als er eintrat, stand dieser am Fenster, kehrte ihm den Rücken zu und trommelte auf der Scheibe. Bismarck stand einige Augenblicke ruhig, dann schritt er an ein anderes Fenster und begann nun seinerseits erst leise, dann immer vernehmbarer und lustiger einen Marsch mit den Fingerspitzen zu exekutieren.