Thomas Babington Macaulay’s
Geschichte von England
seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
Vollständige und wohlfeilste
Stereotyp-Ausgabe.
Elfter Band:
enthaltend Kapitel 21 und 22.
Leipzig, 1856.
G. H. Friedlein.
[Einundzwanzigstes Kapitel.]
Wilhelm III.
[Inhalt.]
| Seite | |
| Eindruck von Mariens Tode auf dem Continent | [5] |
| Luxemburg’s Tod | [6] |
| Wilhelm’s Schmerz | [6] |
| Parlamentsverhandlungen; Emancipation der Presse | [7] |
| Halifax’ Tod | [8] |
| Parlamentarische Untersuchungen wegen der Corruption in den öffentlichen Aemtern | [10] |
| Tadelsvotum gegen den Sprecher des Hauses der Gemeinen | [13] |
| Foley zum Sprecher erwählt | [14] |
| Untersuchung der Rechnungen der Ostindischen Compagnie | [14] |
| Verdächtiges Treiben Seymour’s | [15] |
| Bill gegen Sir Thomas Cook | [15] |
| Untersuchung durch einen vereinigten Ausschuß der Lords und Gemeinen | [16] |
| Anklage gegen Leeds | [18] |
| Leeds’ Entlassung | [21] |
| Lords Justices ernannt | [21] |
| Aussöhnung zwischen Wilhelm und der Prinzessin Anna | [22] |
| Jakobitische Verschwörungen gegen Wilhelm’s Leben | [24] |
| Charnock | [25] |
| Porter | [26] |
| Goodman | [26] |
| Parkyns | [26] |
| Fenwick | [27] |
| Session des schottischen Parlaments | [27] |
| Untersuchung des Gemetzels von Glencoe | [27] |
| Krieg in den Niederlanden; der Marschall Villeroy | [34] |
| Der Herzog von Maine | [35] |
| Jakobitische Complots gegen die Regierung während Wilhelm’s Abwesenheit | [36] |
| Belagerung von Namur | [37] |
| Uebergabe der Stadt Namur | [40] |
| Uebergabe des Kastells von Namur | [44] |
| Verhaftung Boufflers’ | [44] |
| Wirkung der Emancipation der englischen Presse | [47] |
| Wilhelm’s Rückkehr nach England; Auflösung des Parlaments | [51] |
| Wilhelm unternimmt eine Reise durch das Land | [52] |
| Die Wahlen | [55] |
| Beunruhigender Zustand der Geldverhältnisse | [59] |
| Zusammentritt des Parlaments; Loyalität des Hauses der Gemeinen | [70] |
| Polemik über die Valuta | [72] |
| Maßregeln des Parlaments in Bezug auf die Valuta | [72] |
| Annahme der Acte zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen | [75] |
| Parlamentsverhandlungen wegen der Verleihung von Kronländereien in Wales an Portland | [76] |
| Zwei jakobitische Complots geschmiedet | [78] |
| Berwick’s Complot | [78] |
| Das Ermordungscomplot; Sir Georg Barclay | [79] |
| Berwick’s Complot scheitert | [84] |
| Entdeckung des Mordanschlags | [86] |
| Parlamentarische Schritte bezüglich des Mordanschlags | [90] |
| Stand der öffentlichen Stimmung | [91] |
| Prozeß Charnock’s, King’s und Keyes’ | [92] |
| Hinrichtung Charnock’s, King’s und Keyes’ | [95] |
| Prozeß Friend’s | [96] |
| Parkyn’s Prozeß | [96] |
| Hinrichtung Friend’s und Parkyn’s | [98] |
| Prozesse Rookwood’s, Cranburne’s und Lowick’s | [99] |
| Der Verein | [100] |
| Bill zur Regulirung der Wahlen | [103] |
| Acte zur Errichtung einer Landbank | [105] |
Eindruck von Mariens Tode auf dem Continent.
Auf dem Continent machte die Nachricht von Mariens Tode einen sehr verschiedenen Eindruck. Die Hugenotten beweinten in allen Gegenden Europa’s, wohin sie verschlagen waren, die Auserwählte, die ihren königlichen Aufwand beschränkt hatte, um dem verfolgten Volke Gottes Brot und Obdach zu geben.[1] In den Vereinigten Provinzen, wo sie genau gekannt und immer populär gewesen war, wurde ihr Tod aufrichtig bedauert. Matthias Prior, dem seine Talente und Kenntnisse die Gönnerschaft des freigebigen Dorset verschafft hatten und der jetzt der Gesandtschaft im Haag attachirt war, schrieb, daß die kälteste und für Gefühlsaffecte unempfänglichste aller Nationen berührt sei. Der Marmor selbst, sagte er, weine.[2] Die Klagen von Cambridge und Oxford fanden in Leyden und Utrecht Wiederhall. Die Generalstaaten legten Trauer an. Auf allen Kirchthürmen Hollands ertönte jeden Tag Trauergeläute.[3] Inzwischen verbot Jakob in Saint-Germains jede Trauerfeier aufs Strengste, und bestimmte Ludwig, ein gleiches Verbot auch in Versailles zu erlassen. Einige der vornehmsten Edelleute Frankreich’s, unter andern die Herzöge von Bouillon und von Duras, waren mit dem Hause Nassau verwandt und hatten jedesmal, wenn der Tod dieses Haus heimsuchte, die schicklichen Trauerceremonien genau beobachtet. Diesmal wurde ihnen untersagt, sich schwarz zu kleiden, und sie fügten sich; aber die Macht des großen Königs ging nicht so weit, daß er seine hochgebildeten und geistreichen Höflinge hätte verhindern können einander zuzuflüstern: es liege doch etwas Erbärmliches in dieser Rache, die der Lebende an dem Todten, ein Vater an seinem Kinde nehme.[4]
Die Hoffnungen Jakob’s und seiner Exilgefährten waren jetzt größer als sie seit der Schlacht von La Hogue je gewesen. Die Staatsmänner, sowohl bei uns, als auch auf dem Continent, waren in der That allgemein der Ansicht, daß es Wilhelm nicht möglich sein werde, sich noch lange auf dem Throne zu halten. Ohne den Beistand seiner Gemahlin, sagte man, würde er sich nicht einmal so lange haben halten können. Ihre Leutseligkeit habe Viele gewonnen, die sein kaltes Benehmen und seine kurzen Antworten abgestoßen hätten. Ihr englischer Accent, ihre englischen Gesinnungen und Neigungen hätten Viele bezaubert, denen sein holländischer Accent und seine holländischen Gewohnheiten zuwider gewesen seien. Obgleich sie der Hochkirchenpartei nicht angehört, habe sie doch dieses Ritual geliebt und sich gern und ehrerbietig einigen Ceremonien anbequemt, die er zwar nicht als sündhaft, doch als kindisch angesehen und an denen Theil zu nehmen er schwer habe über sich gewinnen können. So lange der Krieg daure, müsse er nothwendig fast die Hälfte des Jahres außerhalb England’s zubringen. Bisher habe sie in seiner Abwesenheit ihn vertreten, und gut vertreten. Wer solle ihn jetzt vertreten? In welchen Stellvertreter könne er gleiches Vertrauen setzen? Welchem Stellvertreter werde die Nation gleiche Achtung zollen? Alle Staatsmänner Europa’s stimmten daher in der Ansicht überein, daß seine zum mindesten schwierige und gefährliche Lage durch den Tod der Königin noch schwieriger und gefährlicher geworden sei. Aber alle Staatsmänner Europa’s täuschten sich, und merkwürdigerweise war seine Regierung nach dem Ableben Mariens entschieden glücklicher und ruhiger als zu ihren Lebzeiten.
Luxemburg’s Tod.
Wenige Stunden nachdem er das zärtlichste und geliebteste aller ihm befreundeten Wesen verloren hatte, wurde er von dem gefürchtetsten aller seiner Feinde befreit. Der Tod hatte in Paris so gut wie in London ein Opfer gefordert. Während Tenison an Mariens Sterbelager betete, reichte Bourdaloue dem Marschall von Luxemburg die letzte Oelung. Der große französische General war nie ein Günstling des französischen Hofes gewesen; als man aber erfuhr, daß sein schwächlicher, durch Kriegsstrapatzen und sinnliche Genüsse erschöpfter Körper einer gefährlichen Krankheit erliege, wurde der Werth seiner Dienste zum ersten Male vollständig gewürdigt; die königlichen Leibärzte wurden zu ihm gesandt, um Heilmittel zu verordnen, die Schwestern von Saint-Cyr erhielten Befehl, für ihn zu beten, aber Heilmittel und Gebete waren vergebens. „Wie wird sich der Prinz von Oranien freuen,” sagte Ludwig, „wenn er Kenntniß von unsrem Verluste erhält!” Er irrte sich. Die Nachricht kam Wilhelm in einem Augenblicke zu, wo er an keinen andren Verlust zu denken vermochte, als der ihn selbst betroffen hatte.[5]
Wilhelm’s Schmerz.
Während des ersten Monats nach Mariens Tode war der König zu keiner Anstrengung fähig. Selbst auf die Adressen der beiden Parlamentshäuser antwortete er nur mit einigen unartikulirten Lauten. Die Antworten, welche in die Protokolle aufgenommen sind, waren nicht mündlich von ihm gesprochen, sondern schriftlich eingereicht. Die unaufschiebbaren Geschäfte wurden durch die Vermittelung Portland’s erledigt, der selbst vom Kummer gebeugt war. Einige Wochen lang ruhte die wichtige und vertrauliche Correspondenz zwischen dem Könige und Heinsius. Endlich zwang sich Wilhelm, diese Correspondenz wieder aufzunehmen; aber sein erster Brief war der Brief eines Mannes, dessen Herz gebrochen war. Selbst sein kriegerisches Feuer war durch den Schmerz gedämpft worden. „Ich sage Ihnen im Vertrauen,” schrieb er, „daß ich mich für das Militärcommando nicht mehr tauglich fühle. Ich will indessen versuchen meine Pflicht zu thun und hoffe, daß Gott mir Kraft verleihen wird.” So verzagt sah er dem glänzendsten und glücklichsten seiner vielen Feldzüge entgegen.[6]
Parlamentsverhandlungen; Emancipation der Presse.
Die parlamentarische Thätigkeit wurde nicht unterbrochen. Während die Abtei wegen des Leichenbegängnisses der Königin schwarz ausgeschlagen war, kamen die Gemeinen zu einem Beschlusse, der damals wenig Aufmerksamkeit und gar keine Aufregung hervorrief, den voluminöse Annalisten unerwähnt gelassen haben und dessen Geschichte man nur unvollständig aus den Parlamentsarchiven ersehen kann, der aber für die Freiheit und Civilisation mehr gethan hat als die Große Charte oder die Rechtsbill. Kurz nach Beginn der Session war ein gewählter Ausschuß beauftragt worden zu ermitteln, welche temporären Gesetze dem Erlöschen nahe seien, und um zu erwägen, welche von diesen Gesetzen fortbestehen zu lassen zweckmäßig sein würde. Der Bericht wurde erstattet, und alle in diesem Berichte enthaltenen Vorschläge wurden, bis auf einen, angenommen. Unter den Gesetzen, deren Erneuerung der Ausschuß dem Hause anempfahl, befand sich auch das, welches die Presse einer Censur unterwarf. Es wurde die Frage gestellt, „ob das Haus mit dem Comité in dem Beschlusse übereinstimme, daß die Acte unter dem Titel: Acte zur Verhütung von Mißbräuchen beim Drucken aufrührerischer, hochverrätherischer und unerlaubter Pamphlets und zur Regulirung des Buchdrucks und der Buchdruckerpressen, fortbestehen solle.” Der Sprecher erklärte, daß die Neins überwögen, und die Jas hielten es nicht für rathsam, ein Scrutinium vornehmen zu lassen.
Eine Bill zu Verlängerung aller übrigen temporären Gesetze, die man nach der Ansicht des Ausschusses zweckmäßigerweise nicht erlöschen lassen könne, wurde eingebracht, angenommen und den Lords zugesandt. Diese Bill kam sehr bald mit einem wichtigen Amendement versehen zurück. Die Lords hatten in der Liste der zu verlängernden Acten diejenige mit aufgenommen, welche die Presse der Aufsicht von Censoren unterstellte. Die Gemeinen beschlossen, dem Amendement nicht beizutreten, verlangten eine Conferenz und ernannten einen Ausschuß von Wortführern. Der leitende Wortführer war Eduard Clarke, ein entschiedener Whig, welcher Taunton vertrat, seit fünfzig unruhigen Jahren das Bollwerk der bürgerlichen und religiösen Freiheit.
Clarke überreichte den Lords im gemalten Zimmer ein Schriftstück, welches die Gründe enthielt, die das Unterhaus bestimmt hatten, die Censuracte nicht zu erneuern. Dieser Aufsatz vertheidigt siegreich den Beschluß, zu dem die Gemeinen gekommen waren. Aber er beweist zu gleicher Zeit, daß sie nicht wußten was sie thaten, welche Revolution sie herbeiführten, welche Macht sie ins Leben riefen. Sie hoben kurz, klar, nachdrücklich und zuweilen mit einer nicht unpassenden ernsten Ironie die Widersinnigkeiten und Unbilligkeiten des Gesetzes hervor, das im Begriff war zu erlöschen. Aber man wird finden, daß alle ihre Einwürfe sich auf Details beziehen. Ueber die große Prinzipfrage, über die Frage, ob die Preßfreiheit im Ganzen ein Segen oder ein Fluch für die Gesellschaft sei, ist kein Wort gesagt. Die Censuracte wird verdammt, nicht als etwas dem Wesen nach Schlimmes, sondern nur wegen der kleinen Unzuträglichkeiten, wegen der Erpressungen, der Beeinträchtigungen, der Handelsbeschränkungen, der Haussuchungen, welche aus ihr entsprangen. Sie wird für nachtheilig erklärt, weil sie die Sortimentsbuchhändler in den Stand setzt, von den Verlegern Geld zu erpressen, weil sie die Agenten der Regierung ermächtigt, unter der Autorität von Generalvollmachten Haussuchungen vorzunehmen, weil sie den ausländischen Buchhandel auf den Hafen von London beschränkt, weil sie werthvolle Bücherballen im Zollhause zurückhält, bis die Blätter verschimmelt sind. Die Gemeinen hoben hervor, daß der Betrag der Gebühren, die der Censor verlangen kann, nicht festgestellt sei. Sie hoben hervor, daß es einem Zollbeamten bei Strafe verboten sei, eine von auswärts kommende Bücherkiste anders als in Anwesenheit eines der Censoren der Presse zu öffnen. Wie soll der Beamte wissen, wird sehr richtig gefragt, ob Bücher in der Kiste sind, so lange er sie nicht geöffnet hat? Dies waren die Argumente, welche erreichten, was Milton’s Areopagitica nicht gelungen war.
Die Lords fügten sich ohne Kampf. Sie erwarteten wahrscheinlich, daß eine weniger Einwendungen zulassende Bill zur Regulirung der Presse ihnen bald zugesandt werden würde, und eine solche Bill wurde auch wirklich im Hause der Gemeinen eingebracht, zweimal gelesen und einem gewählten Ausschusse überwiesen. Aber die Session ging zu Ende, bevor der Ausschuß seinen Bericht erstattet hatte, und die englische Literatur wurde von der Aufsicht der Presse befreit, und für immer befreit.[7] Dieses hochwichtige Ereigniß ging fast unbeachtet vorüber. Evelyn und Luttrell hielten es nicht der Mühe werth, es in ihren Tagebüchern zu erwähnen, so wenig wie die holländischen Gesandten in ihren Depeschen. Auch in den Monthly Mercuries findet sich keine Notiz darüber. Die öffentliche Aufmerksamkeit war von anderen und weit aufregenderen Dingen in Anspruch genommen.
Halifax’ Tod.
Eines dieser Dinge war der Tod des gebildetsten, erleuchtetsten und trotz großer Fehler achtungswerthesten der in dem verderbten und ausschweifenden Whitehall der Restauration gebildeten Staatsmänner. Ungefähr einen Monat nach dem glänzenden Leichenbegängnisse Mariens bewegte sich ein Leichenzug von fast prahlerischer Einfachheit um den Schrein Eduards’ des Bekenners nach der Kapelle Heinrich’s VII. Dort steht, wenige Fuß von ihrem Sarge, der Sarg Georg Savile’s, Marquis von Halifax.
Halifax und Nottingham waren seit langer Zeit Freunde, und Lord Eland, jetzt Halifax’ einziger Sohn, war mit Lady Marie Finch, Nottingham’s Tochter, verlobt. Der Tag der Vermählung war festgesetzt, eine heitere Gesellschaft versammelte sich in Burley on the Hill, dem Schlosse des Vaters der Braut, das von einer der schönsten Terrassen der ganzen Insel auf prächtige Buchen- und Eichenwälder, auf das fruchtbare Thal von Catmos und auf den Kirchthurm von Oakham herabsieht. Der Vater des Bräutigams wurde durch eine Unpäßlichkeit, die man nicht für gefährlich hielt, in London zurückgehalten. Plötzlich nahm die Krankheit einen beunruhigenden Character an. Man sagte ihm, daß er nur noch einige Stunden zu leben habe. Er hörte die Mittheilung mit ruhiger Fassung an. Es wurde vorgeschlagen, seinen Sohn durch einen Expressen nach der Stadt holen zu lassen. Aber Halifax, bis zum letzten Augenblicke gutmüthig, wollte die Freude des Hochzeitstages nicht stören. Er gab strengen Befehl, daß die Beerdigung in aller Stille vor sich gehen solle, und bereitete sich auf den großen Wechsel durch Andachtsübungen vor, welche Diejenigen in Erstaunen setzten, die ihn für einen Atheisten hielten, und starb mit der heiteren Ruhe eines Philosophen und eines Christen, während seine Freunde und Verwandten, seine Gefahr nicht ahnend, Weinmolken tranken und die Gardine zogen.[8]
Seine legitime männliche Nachkommenschaft starb bald aus. Doch kein geringer Theil seines Geistes und seiner Beredtsamkeit ging auf seinen Tochtersohn, Philipp Stanhope, vierten Earl von Chesterfield über. Aber es ist wahrscheinlich nicht allgemein bekannt, daß einige Abenteurer, die sich, ohne die Vortheile des Reichthums oder der Stellung zu besitzen, durch die bloße Kraft des Talents einen Namen gemacht haben, das Blut Halifax’ erbten. Er hinterließ einen natürlichen Sohn, Heinrich Carey, dessen Dramen einst zahlreiche Zuschauer ins Theater lockten und von dessen heiteren und geistreichen Versen einige noch im Gedächtniß von Hunderttausenden leben. Von Heinrich Carey stammte Edmund Kean ab, der sich in unsrer Zeit so wundervoll in Shylock, Jago und Othello verwandelte.
Mehr als ein Schriftsteller ist der Parteilichkeit für Halifax beschuldigt worden. Allerdings hat auch das Gedächtniß Halifax’ ganz besonderen Anspruch auf den Schutz der Geschichte. Denn was ihn vor allen anderen englischen Staatsmännern auszeichnet, ist der Umstand, daß er während einer langen öffentlichen Laufbahn und durch häufige und heftige Umwälzungen in der öffentlichen Meinung, von den großen Fragen seiner Zeit fast stets diejenige Ansicht faßte, welche die Geschichte schließlich angenommen hat. Er wurde unbeständig genannt, weil seine relative Stellung zu den streitenden Parteien fortwährend wechselte. Eben so gut könnte man den Polarstern unbeständig nennen, weil er bald östlich bald westlich von den Zeigern steht. Die alte und gesetzliche Verfassung des Reichs zu der einen Zeit gegen eine aufständische Volksmasse, zu einer andren Zeit gegen eine despotische Regierung vertheidigt zu haben; der hervorragendste Vertheidiger der Ordnung in dem stürmischen Parlamente von 1680, und der hervorragendste Vertheidiger der Freiheit in dem servilen Parlamente von 1685 gewesen zu sein; in den Tagen des papistischen Complots gegen die Römisch-Katholischen, in den Tagen des Ryehousecomplots gegen die Exclusionisten gerecht und nachsichtig gewesen zu sein; alles in seiner Macht Stehende gethan zu haben, um sowohl Stafford’s Kopf als auch Russell’s Kopf zu retten: dies war eine Laufbahn, welche Zeitgenossen, die von der Leidenschaft erhitzt und durch Namen und Parteizeichen verblendet waren, leicht begreiflicherweise wankelmüthig nennen konnten, die aber von Seiten der späten Gerechtigkeit der Nachwelt eine ganz andre Bezeichnung verdient.
Ein dunkler Flecken, aber auch nur einer, lastet auf dem Andenken dieses ausgezeichneten Mannes. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, daß er, der eine so große Rolle in der Convention gespielt hatte, sich später dazu erniedrigen konnte, mit Saint-Germains zu verkehren. Das Factum läßt sich nicht bestreiten; für ihn aber giebt es Entschuldigungsgründe, welche für Andere, die des nämlichen Verbrechens schuldig waren, nicht geltend gemacht werden können. Er hinterging nicht, wie Marlborough, Russell, Godolphin und Shrewsbury, einen Gebieter, der ihm Vertrauen schenkte und mit Wohlthaten überhäufte. Die Undankbarkeit und Bosheit der Whigs trieben ihn dazu, einen Augenblick bei den Jakobiten Schutz zu suchen. Es muß jedoch hinzugesetzt werden, daß er den Fehler, zu dem ihn die Leidenschaft verführte, bald bereute, daß er, obwohl nie mit dem Hofe wieder ausgesöhnt, sich durch seinen Eifer für die nachdrückliche Fortsetzung des Kriegs auszeichnete und daß sein letztes Werk eine Schrift war, in der er seine Landsleute ermahnte zu bedenken, daß die öffentlichen Lasten, so drückend sie auch scheinen mochten, leicht seien im Vergleich zu dem Joche Frankreich’s und Rom’s.[9]
Etwa vierzehn Tage nach Halifax’ Tode traf seinen alten Nebenbuhler und Feind, den Lordpräsidenten, ein viel härterer Schlag als der Tod. Dieser talentvolle, ehrgeizige und kühne Staatsmann wurde abermals von der Höhe der Macht herabgestürzt. Sein erster Sturz hatte, so heftig er auch gewesen war, doch etwas Würdevolles gehabt, und indem er mit seltener Geschicklichkeit eine außerordentliche Krisis in den Staatsangelegenheiten benutzte, hatte er sich noch einmal zur höchsten Stellung unter den englischen Unterthanen emporgeschwungen. Der zweite Sturz war zwar minder heftig als der erste; aber er war schimpflich und nicht wieder gut zu machen.
Parlamentarische Untersuchungen wegen der Corruption in den öffentlichen Aemtern.
Die Unterschleife und die Bestechungen, durch welche die damaligen Beamten sich zu bereichern pflegten, hatten das Volk in eine Stimmung versetzt, die früher oder später nothwendig eine furchtbare Explosion zur Folge haben mußte. Aber die Gewinne wurden auf der Stelle gemacht, der Tag der Vergeltung war ungewiß und die Plünderer des Staats waren so gierig und frech wie je, als die lange gedrohte und lange verzögerte Rache plötzlich den Stolzesten und Mächtigsten von ihnen ereilte.
Das erste Grollen des herannahenden Sturmes verrieth nicht im mindesten die Richtung, die er nehmen, oder die Wuth, mit der er ausbrechen würde. Ein in Royston liegendes Infanterieregiment hatte von den Bewohnern dieser Stadt und deren Umgegend Contributionen erhoben. Die erpreßte Summe war nicht bedeutend. In Frankreich oder Brabant würde die Mäßigkeit des Verlangten für wunderbar gehalten worden sein. Den englischen Kaufleuten und Landwirthen aber war die militärische Erpressung zum Glück etwas ganz Neues und Unerträgliches. Es wurde den Gemeinen eine Petition übersandt, und die Gemeinen forderten die Ankläger und Angeklagten vor die Schranke. Es stellte sich bald heraus, daß ein schweres Vergehen verübt worden, daß aber die Verbrecher einigermaßen zu entschuldigen waren. Die öffentlichen Gelder, welche die Schatzkammer zu ihrer Löhnung und ihrem Unterhalte hergegeben hatte, waren von ihrem Obersten und seinen Agenten betrügerischerweise zurückgehalten worden. Es war kein Wunder, wenn Leute, welche Waffen hatten und denen es an den nothwendigsten Bedürfnissen fehlte, wenig nach der Bitte um Recht und nach der Rechtserklärung fragten. Aber empörend war es, daß der Soldat, während der Bürger schwer besteuert war, damit dem Soldaten der höchste in Europa bekannte Militärsold bezahlt werden konnte, durch gänzlichen Mangel dazu getrieben wurde, den Bürger zu brandschatzen. Dies wurde in einer Vorstellung, welche die Gemeinen Wilhelm vorlegten, nachdrücklich hervorgehoben. Wilhelm, der schon längst gegen Mißbräuche kämpfte, welche die Wirksamkeit seiner Armee empfindlich beeinträchtigten, freute sich, daß seine Hand auf diese Weise gekräftigt wurde. Er versprach vollständige Genugthuung, cassirte den schuldigen Obersten, gab strengen Befehl, daß den Truppen ihr Sold regelmäßig ausgezahlt werde und ernannte eine Militärbehörde zur Entdeckung und Bestrafung solcher Ungebührlichkeiten, wie sie in Royston vorgekommen waren.[10]
Aber die ganze Verwaltung war in einem solchen Zustande, daß es kaum möglich war, einen Schuldigen zu bestrafen, ohne zehn andere zu entdecken. Im Laufe der Untersuchung über das Benehmen der Truppen in Royston kam es an den Tag, daß Heinrich Guy, Parlamentsmitglied für Heydon und Sekretär des Schatzamts, eine Bestechungssumme von zweihundert Guineen angenommen hatte. Guy wurde sogleich in den Tower geschickt, nicht ohne großen Jubel seitens der Whigs, denn er war eines von den Werkzeugen, welche zugleich mit den Gebäuden und Einrichtungen der öffentlichen Aemter von Jakob auf Wilhelm übergegangen waren; er spielte die Rolle eines Hochkirchlichen, und man wußte, daß er mit einigen Oberhäuptern der Torypartei, und namentlich mit Trevor, eng befreundet war.[11]
Ein andrer Name, der später eine nur zu weit verbreitete Berühmtheit erlangte, wurde damals dem Publikum zuerst bekannt. Jakob Craggs hatte seine Laufbahn als Barbier begonnen. Dann war er Bedienter der Herzogin von Cleveland geworden. Seine ausgezeichneten, wenn auch nicht durch Unterricht ausgebildeten Naturgaben hatten ihn in der Welt emporgehoben, und er betrat jetzt eine Laufbahn, die nach einem Viertel Jahrhundert des Glücks mit unbeschreiblichem Elend und Verzweiflung endigen sollte. Er war Tuchlieferant für die Armee geworden. Er wurde über seinen Geschäftsverkehr mit den Regimentsobersten vernommen, und da er sich hartnäckig weigerte, seine Bücher vorzulegen, wurde er in den Tower geschickt, um Guy Gesellschaft zu leisten.[12]
Wenige Stunden nachdem Craggs ins Gefängniß geworfen worden war, legte ein Ausschuß, der ernannt war, um die Begründung einer von einigen Miethkutschern London’s eingereichten Petition zu untersuchen, einen Bericht auf den Tisch des Hauses nieder, der allgemeinen Abscheu und Unwillen erregte. Es ergab sich, daß diese armen ihr Brot sauer verdienenden Menschen von der Behörde, unter deren Aufsicht sie eine Acte der vorigen Session gestellt hatte, schwere Unbill erfahren hatten. Sie waren nicht allein von den Commissaren, sondern auch von dem Bedienten eines Commissars und von der Concubine eines andren gebrandschatzt und insultirt worden. Die Gemeinen richteten eine Adresse an den König und der König entsetzte die Schuldigen ihrer Stellen.[13]
Inzwischen aber begann Verbrechern, die in Macht und Rang weit höher standen, bange zu werden. Bei jeder neuen Entdeckung wuchs die Aufregung sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauern des Parlaments. Das entsetzliche Ueberhandnehmen von Bestechung, Corruption und Erpressung bildete überall den Gegenstand des Tagesgesprächs. Ein zeitgenössischer Pamphletist vergleicht den damaligen Zustand der politischen Welt mit dem Zustande einer Stadt, in der man so eben das Herrschen einer Pestseuche entdeckt hat und in der die Schreckensworte „Gott sei uns gnädig” bereits an einigen Thüren zu lesen sind.[14] Geflüster, das zu einer andren Zeit rasch verklungen und vergessen worden wäre, schwoll jetzt zu Murren und dann zu lautem Geschrei an. Es entstand und verbreitete sich das Gerücht, daß die Gelder der beiden reichsten Corporationen des Landes, der City von London und der Ostindischen Compagnie, in bedeutendem Maße zur Bestechung hochgestellter Männer verwendet worden seien, und es wurden die Namen Trevor, Seymour und Leeds genannt.
Die Nennung dieser Namen verursachte eine große Aufregung in den Reihen der Whigs. Trevor, Seymour und Leeds waren alle Drei Tories und übten auf verschiedenen Wegen einen größeren Einfluß aus, als vielleicht irgend drei andere Tories des Königreichs. Wenn sie alle Drei zu gleicher Zeit mit beflecktem Rufe aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden konnten, so hatten dann die Whigs im Parlament wie im Cabinet das entschiedene Uebergewicht.
Wharton war nicht der Mann, sich eine solche Gelegenheit entgehen zu lassen. In White’s Kaffeehause, unter den jungen vornehmen Herren, die in Politik und Ausschweifung seine Schüler waren, würde er gewiß herzlich gelacht haben über die Wuth, mit der die Nation plötzlich Leute deshalb zu verfolgen begann, weil sie etwas thaten, was Jedermann stets gethan hatte und stets zu thun versuchte. Aber wenn die Menschen einmal Thoren sein wollten, so war es Sache eines Staatsmannes, ihre Thorheit zu benutzen. Die Sprache der politischen Reinheit war den Lippen Wharton’s nicht so geläufig als gotteslästerliche und unzüchtige Reden; aber seine Manieren waren so geschmeidig und seine Unverschämtheit so groß, daß er vor der Welt als ein sittenstrenger Patriot aufzutreten wagte, der über die Feilheit und Treulosigkeit eines entarteten Zeitalters trauerte. Während er, von dem heftigen Parteigeiste beseelt, der bei rechtschaffenen Männern für einen Fehler gegolten haben würde, der aber bei ihm fast eine Tugend war, seine Freunde eifrig aufstachelte, eine Untersuchung über die Wahrheit der circulirenden schlimmen Gerüchte zu verlangen, wurde der Gegenstand plötzlich und nachdrücklich in den Vordergrund gedrängt. Der Zufall wollte, daß, als eine Bill von geringem Interesse bei den Gemeinen berathen wurde, der Briefträger mit zahlreichen Briefen an Mitglieder ankam, und die Vertheilung erfolgte an der Schranke unter einem Gemurmel, das die Stimmen der Redner übertäubte. Seymour, den sein gebieterischer Character beständig antrieb zu befehlen und zu moniren, verwies den Plaudernden die anstößige Ordnungswidrigkeit ihres Benehmens und forderte den Sprecher auf, es zu rügen. Es erfolgte ein heftiger Wortwechsel und einer der Schuldigen ließ sich so weit hinreißen, daß er auf die über Seymour und den Sprecher umlaufenden Geschichten anspielte. „Es ist allerdings unpassend zu plaudern, während eine Bill berathen wird; aber noch viel schlimmer ist es, Geld anzunehmen, um eine Bill durchzubringen. Wenn wir eine leichte Formverletzung so streng rügen wollen, wie streng sollten wir dann erst gegen die Corruption auftreten, welche das Wesen unserer Institutionen selbst untergräbt!” Das war genug; der Funke war gefallen, der Pulverfaden lag bereit, die Explosion erfolgte augenblicklich und mit furchtbarer Heftigkeit. Nach einer stürmischen Debatte, in der sich zu wiederholten Malen der Ruf: „der Tower!” vernehmen ließ, traf Wharton Anstalt, sein Vorhaben durchzusetzen. Bevor das Haus die Sitzung aufhob, wurde ein Ausschuß zur Prüfung der Bücher der City von London und der Ostindischen Compagnie ernannt.[15]
Tadelsvotum gegen den Sprecher des Hauses der Gemeinen.
Foley wurde zum Präsidenten des Ausschusses ernannt. Vor Ablauf einer Woche berichtete er, daß der Sprecher, Sir Johann Trevor, unter der vorigen Session von der City tausend Guineen zur Beschleunigung einer Lokalbill erhalten habe. Diese Entdeckung freute die Whigs, welche Trevor von jeher haßten, ungemein und war selbst vielen Tories nicht unangenehm. Seit sechs geschäftsreichen Sessionen hatte seine schmutzige Habgier ihn zum Gegenstand des allgemeinen Abscheus gemacht. Die gesetzlichen Einkünfte seines Postens betrugen ungefähr viertausend Pfund jährlich; aber man glaubte, daß er sich auf mindestens zehntausend Pfund gestanden habe.[16] Seine Schamlosigkeit und sein Hochmuth waren selbst dem engelgleichen Character Tillotson’s zu stark gewesen, und man wollte den sanften Erzbischof etwas von einem Schurken haben murmeln hören, als der Sprecher bei ihm vorüberging.[17] Doch so groß die Verbrechen dieses abscheulichen Mannes waren, seine Strafe war ihnen vollkommen angemessen. Sobald der Ausschußbericht verlesen war, wurde beantragt zu resolviren, daß er sich eines schweren Verbrechens und Vergehens schuldig gemacht habe. Er mußte aufstehen und die Frage stellen. Es erhob sich alsbald ein lautes Jageschrei. Er rief die Neins auf, und fast keine einzige Stimme ließ sich vernehmen. Er sah sich gezwungen zu erklären, daß die Jas überwögen. Ein Mann von Ehre würde vor Reue und Scham in die Erde gesunken sein, und die unsägliche Schande dieses Augenblicks ließ selbst in dem verstockten Herzen und auf der frechen Stirn Trevor’s ihre Spuren zurück. Wäre er am folgenden Tage wieder in der Kammer erschienen, so würde er über seine eigne Ausstoßung die Frage haben stellen müssen. Er schützte daher Unpäßlichkeit vor und schloß sich in sein Schlafzimmer ein. Wharton überbrachte den Gemeinen bald eine königliche Botschaft, die sie ermächtigte, einen andren Sprecher zu wählen.
Foley zum Sprecher erwählt.
Die Whighäupter wollten Littleton auf den Präsidentenstuhl bringen; aber es gelang ihnen nicht, diese Absicht zu erreichen. Foley wurde gewählt, vorgestellt und bestätigt. Obwohl er neuerdings in der Regel mit den Tories gestimmt hatte, nannte er sich noch immer einen Whig und war auch vielen Whigs nicht unangenehm. Er besaß sowohl die Talente als auch die Kenntnisse, deren es bedurfte, um den Debatten mit Würde präsidiren zu können; was aber in der eigenthümlichen Lage, in der sich das Haus damals befand, nicht ohne Grund als seine empfehlendste Eigenschaft betrachtet wurde, das war sein unversöhnlicher Abscheu vor Betrug und Corruption, den er ein wenig prahlerisch zur Schau trug, aber auch ohne Zweifel wirklich empfand. Den Tag darauf, nachdem er seine Functionen angetreten hatte, wurde sein Vorgänger ausgestoßen.[18]
Untersuchung der Rechnungen der Ostindischen Compagnie.
Die Unbesonnenheit Trevor’s war eben so groß gewesen als seine Schlechtigkeit, und seine Schuld war bei der ersten Prüfung der Rechnungen der City zu Tage getreten. Die Rechnungen der Ostindischen Compagnie waren verwickelter. Der Ausschuß berichtete, daß er sich nach Leadenhall Street begeben, die Papiere untersucht, die Directoren und Commis befragt habe, aber nicht im Stande gewesen sei, dem Geheimnisse der Widerrechtlichkeit auf den Grund zu kommen. Einige höchst verdächtige Buchungen habe man unter der Bezeichnung „besonderer Dienstaufwand” entdeckt. Die Ausgaben dieses Conto’s hätten im Jahre 1693 über achtzigtausend Pfund betragen. Es sei erwiesen, daß die Directoren bezüglich der Verausgabung dieses Geldes dem Gouverneur, Sir Thomas Cook, unbedingtes Vertrauen geschenkt hätten. Er habe ihnen nur in allgemeinen Ausdrücken gesagt, daß er in Angelegenheit der Concession dreiundzwanzigtausend, fünfundzwanzigtausend, dreißigtausend Pfund habe ausgeben müssen, und die Directoren hätten ihm, ohne specielle Rechnungsablage zu verlangen, für seine Sorgfalt gedankt und ihm ohne weiteres Anweisungen auf diese bedeutenden Summen ausstellen lassen. Einige aufsässige Directoren hätten zwar über diese enorme Ausgabe gemurrt und einen detaillirten Status verlangt; aber sie hätten keine andre Antwort aus Cook herausbekommen können, als daß es nothwendig gewesen sei, einige hochgestellte Personen zu beschenken.
Verdächtiges Treiben Seymour’s.
Der Ausschuß berichtete ferner, daß er ein contractliches Uebereinkommen gefunden habe, kraft dessen die Compagnie sich verpflichtet habe, einer Person, Namens Colston, zweihundert Tonnen Salpeter zu liefern. Auf den ersten Anblick schien dieses Geschäft kaufmännisch und in Ordnung zu sein. Bald aber kam man dahinter, daß Colston nur ein Agent Seymour’s war. Dies erweckte Verdacht. Die verwickelten Bedingungen des Contracts wurden genau untersucht und sie ergaben sich als in der Weise festgestellt, daß in jedem möglichen Falle eine Summe von zehn- bis zwölftausend Pfund von Seymour gewonnen und von der Compagnie verloren werden mußte. Alle Sachverständigen waren der Ansicht, daß der Contract ein bloßes Scheindocument sei, das eine Bestechung verdecken sollte. Die Maske war aber so geschickt gemacht, daß die Landgentlemen sich nicht hineinfinden konnten und daß selbst die Juristen zweifelten, ob solche Beweise von Bestechung vorlägen, wie sie ein Gerichtshof für genügend erachten würde. Seymour kam sogar ohne Tadelsvotum davon und nahm nach wie vor einen leitenden Antheil an den Debatten der Gemeinen.[19] Aber die Autorität, die er lange im Hause und in den westlichen Grafschaften ausgeübt hatte, war, wenn auch nicht vernichtet, doch sichtbar vermindert, und bis an das Ende seines Lebens blieb sein Salpeterhandel ein Lieblingsthema für whiggistische Pamphletisten und Dichter.[20]
Bill gegen Sir Thomas Cook.
Das Entrinnen Seymour’s fachte den Eifer Wharton’s und seiner Verbündeten nur noch mehr an. Sie waren entschlossen zu entdecken, wohin die achtzig- bis neunzigtausend Pfund „geheimer Dienstaufwand” gekommen waren, welche die Ostindische Compagnie Cook anvertraut hatte. Cook, welcher Abgeordneter für Colchester war, wurde auf seinem Platze befragt; er weigerte sich Rede zu stehen, wurde in den Tower geschickt, und eine Bill wurde eingebracht, des Inhalts, daß, wenn er bis zu einem bestimmten Tage nicht die ganze Wahrheit gestände, er nie mehr fähig sein solle, ein Amt zu bekleiden, der Compagnie die ganze ihm anvertraute ungeheure Summe zurückerstatten und außerdem eine Geldbuße von zwanzigtausend Pfund an die Krone bezahlen müsse. So reich er auch war, diese Geldbußen würden ihn an den Bettelstab gebracht haben. Die Gemeinen waren in einer solchen Stimmung, daß sie die Bill ohne eine einzige Abstimmung annahmen.[21] Seymour trat zwar, obgleich sein Salpetercontract das Stadtgespräch bildete, mit frecher Stirn auf, um seinen Complicen in Schutz zu nehmen; aber seine Frechheit schadete der Sache nur, die er vertheidigte.[22] Im Oberhause wurde die Bill vom Herzoge von Leeds in den stärksten Ausdrücken verurtheilt. Die Hand auf das Herz gelegt, erklärte er auf sein Wort, auf seine Ehre, daß er kein persönliches Interesse an der Sache habe und daß er durch kein andres Motiv als das einer reinen Gerechtigkeitsliebe getrieben werde. Seine Beredtsamkeit erhielt eine mächtige Stütze an den Thränen und Wehklagen Cooks, der von der Schranke aus die Peers beschwor, ihn nicht einer den milden Gesetzen England’s unbekannten Tortur zu unterwerfen. „Nehmen Sie,” sagte er, „anstatt dieser grausamen Bill eine Indemnitätsbill an, und ich werde Ihnen Alles sagen.” Die Lords hielten sein Verlangen für nicht ganz unbillig. Nach einigen Verhandlungen mit den Gemeinen wurde beschlossen, daß ein gemeinsamer Ausschuß ernannt werden sollte, um zu untersuchen, wofür der geheime Dienstaufwand der Ostindischen Compagnie verausgabt worden sei, und es wurde rasch eine Acte angenommen, welche bestimmte, daß, wenn Cook diesem Ausschusse offene und vollständige Enthüllungen mache, er für die einzugestehenden Verbrechen nicht bestraft werden, daß er aber, bis er ein solches Geständniß ablege, im Tower bleiben solle. Gegen dieses Arrangement opponirte Leeds öffentlich so entschieden, als er es schicklicherweise thun konnte. Insgeheim wendeten Diejenigen, die sich schuldig fühlten, allerhand Kunstgriffe an, um einer Untersuchung vorzubeugen. Man raunte sich zu, daß Dinge an den Tag kommen würden, von denen jeder gute Engländer wünschen müßte, daß sie verborgen blieben, und daß der größte Theil der durch Cook’s Hände gegangenen Summen an Portland zum Gebrauch Sr. Majestät bezahlt worden sei. Aber das Parlament und die Nation waren entschlossen, die Wahrheit zu erfahren, gleichviel wer durch die Enthüllung leiden würde.[23]
Untersuchung durch einen vereinigten Ausschuß der Lords und Gemeinen.
Sobald die Indemnitätsbill die königliche Genehmigung erhalten hatte, trat der vereinigte Ausschuß, bestehend aus zwölf Lords und vierundzwanzig Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, im Sitzungssaale der Schatzkammer zusammen. Wharton wurde zum Vorsitzenden ernannt und in wenigen Stunden wurden wichtige Entdeckungen gemacht.
Der König und Portland gingen mit unbefleckter Ehre aus der Untersuchung hervor. Der König hatte nicht nur keinen Theil an den von Cook verausgabten geheimen Dienstgeldern, sondern er hatte sogar seit einigen Jahren nicht einmal das gewöhnliche Geschenk erhalten, das die Compagnie unter früheren Regierungen alljährlich am Fuße des Thrones niedergelegt. Es ergab sich, daß Portland nicht weniger als fünfzigtausend Pfund angeboten und von ihm zurückgewiesen worden waren. Das Geld lag ein ganzes Jahr bereit, um ihm ausgezahlt zu werden, wenn er andren Sinnes werden sollte. Endlich sagte er Denen, die in ihn drangen, diese ungeheure Bestechungssumme anzunehmen, daß sie ihn zu einem Feinde ihrer Compagnie machen würden, wenn sie ihn noch länger durch ein solches Anerbieten beleidigten. Viele wunderten sich über die Rechtschaffenheit, die er bei dieser Gelegenheit bewies, denn er galt allgemein für eigennützig und habgierig. Das Wahre an der Sache scheint zu sein, daß er zwar das Geld liebte, aber ein Mann von strenger Rechtschaffenheit und Ehre war. Er nahm ohne Besinnen Alles was er mit Ehren nehmen zu können glaubte, war aber unfähig, sich zu einer Gemeinheit zu erniedrigen. Er fühlte sich sogar durch die Complimente beleidigt, die ihm bei dieser Gelegenheit gesagt wurden.[24] Nottingham’s Rechtschaffenheit konnte nicht Wunder nehmen. Auch ihm waren zehntausend Pfund angeboten, aber zurückgewiesen worden. Die Zahl der Fälle, in denen stattgefundene Bestechung vollständig erwiesen wurde, war klein. Ein großer Theil der Summe, welche Cook aus der Casse der Compagnie gezogen hatte, war wahrscheinlich von den Agenten unterschlagen worden, deren er sich bei dem Bestechungswerke bedient hatte, und wohin das Uebrige gekommen war, konnte man aus den widerstrebenden Zeugen, welche vor den Ausschuß gebracht wurden, nicht leicht erfahren. Ein Lichtstrahl zeigte sich jedoch; man ging ihm nach, und er führte zu einer Entdeckung von der höchsten Wichtigkeit. Eine bedeutende Summe war von Cook einem Agenten, Namens Firebrace, und von Firebrace einem andren Agenten, Namens Bates, verabfolgt worden, von dem man genau wußte, daß er mit der Hochkirchenpartei und insbesondere mit Leeds in enger Beziehung stand. Bates wurde vorgeladen, aber er machte sich aus dem Staube; man schickte Boten zu seiner Verfolgung ab, er wurde ergriffen, in das Schatzkammergericht gebracht und vereidigt. Die Geschichte, die er erzählte, bewies, daß er zwischen der Furcht, seine Ohren zu verlieren, und der Furcht, seinem Gönner zu schaden, hin und her schwankte. Er gestand, daß er es auf sich genommen habe, Leeds zu bestechen, daß ihm zu dem Ende fünftausendfünfhundert Guineen übergeben worden seien, daß er diese Guineen Sr. Gnaden angeboten und dieselben mit Erlaubniß Sr. Gnaden in dessen Hause einem Schweizer, Namens Robart, eingehändigt habe, der Sr. Gnaden vertrauter Geschäftsmann sei. Man sollte meinen, daß diese Thatsache nur eine Deutung zuließe. Bates schwur jedoch, der Herzog habe sich geweigert, auch nur einen Farthing anzunehmen. „Warum,” fragte man, „wurde dann das Gold mit seiner Bewilligung in seinem Hause und in den Händen seines Dieners zurückgelassen?” — „Weil ich schlecht Geld zählen kann,” antwortete Bates. „Ich bat deshalb Se. Gnaden um die Erlaubniß, die Goldstücke dalassen zu dürfen, damit Robart sie für mich zählen möchte, und Se. Gnaden hatte die Güte, dies zu gestatten.” Es lag auf der Hand, daß, wenn diese wunderliche Geschichte wahr gewesen wäre, die Guineen in einigen Stunden hätten wieder abgeholt werden müssen. Aber Bates mußte eingestehen, daß sie ein halbes Jahr da geblieben waren, wo er sie zurückgelassen hatte. Allerdings war das Geld schließlich — und dies war im vorliegenden Falle einer der verdächtigsten Umstände, — von Robart gerade an dem Morgen zurückgezahlt worden, wo der Ausschuß seine erste Zusammenkunft im Schatzkammergericht hielt. Wer konnte glauben, daß, wenn die Geschichte frei von jedem Anschein von Bestechung gewesen wäre, die Guineen, so lange Cook schweigen konnte, zurückgehalten und an dem elften Tage wo er genöthigt war sich auszusprechen, zurückerstattet worden sein würden?
Anklage gegen Leeds.
Wenige Stunden nach dem Verhöre Bates’ berichtete Wharton den Gemeinen was im Schatzkammergericht vorgegangen war. Die Entrüstung war allgemein und heftig. „Sie begreifen jetzt,” sagte Wharton, „warum uns bei jedem Schritte Hindernisse in den Weg gelegt wurden, warum wir die Wahrheit tropfenweis herauspressen mußten, warum der Name Sr. Majestät arglistig genannt wurde, damit wir von einer Untersuchung abstehen sollten, die nichts zu Tage gebracht hat, was Sr. Majestät nicht zur Ehre gereichte. Dürfen wir uns wundern, daß wir mit so großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, wenn wir die Macht, Gewandtheit und Erfahrung des Mannes bedenken, der uns im Geheimen entgegenarbeitete? Es ist Zeit, der Welt einmal schlagend zu beweisen, daß kein Verbrecher sich so schlau zu verbergen oder so hoch zu klimmen vermag, daß wir ihn nicht aufspüren oder erreichen könnten. Nie hat es ein schändlicheres Beispiel von Bestechung gegeben, nie hat ein Verbrecher weniger Anspruch auf Nachsicht gehabt. Die Verpflichtungen, welche der Herzog von Leeds gegen sein Vaterland hat, sind nicht gewöhnlicher Art. Eine große Schuld haben wir schon großmüthig gestrichen; aber die Art und Weise, wie unsre Großmuth vergolten worden ist, zwingt uns zu berücksichtigen, daß er vor langer Zeit angeklagt war, Geld aus Frankreich zu beziehen. Wie können wir sicher sein, so lange ein Mann, dessen Feilheit erwiesen ist, Zugang zum Ohre des Königs hat? Unsere am besten vorbereiteten Unternehmungen sind vereitelt, unsere geheimsten Beschlüsse sind verrathen worden. Und dürfen wir uns darüber wundern? Können wir daran zweifeln, daß er neben seinem inländischen Handel mit Concessionen einen einträglichen auswärtigen Handel mit Geheimnissen treibt? Können wir zweifeln, das der Mann, der uns Einen an den Andren verkauft, für einen guten Preis uns Alle an den gemeinsamen Feind verkaufen wird?” Wharton schloß mit dem Antrage, daß Leeds wegen schwerer Verbrechen und Vergehen in Anklagestand versetzt werden solle.[25]
Leeds hatte viele Freunde und Anhänger im Hause der Gemeinen, aber sie konnten wenig sagen. Wharton’s Antrag wurde ohne Abstimmung angenommen und er selbst beauftragt, an die Schranke der Lords zu gehen und dort den Herzog im Namen der Gemeinen England’s anzuklagen. Noch ehe er aber diesen Auftrag ausführen konnte, wurde gemeldet, daß Se. Gnaden an der Thür sei und um Gehör bitten lasse.
Während Wharton bei den Gemeinen seinen Bericht erstattete, hatte Leeds eine Ansprache an die Lords gehalten. Er leugnete unter den feierlichsten Versicherungen, daß er jemals Geld für sich angenommen habe. Dagegen aber gestand er zu und rühmte sich dessen sogar, daß er Bates dazu aufgemuntert habe, von der Compagnie Geld zu nehmen, und er schien der Meinung, daß dies ein Dienst sei, den der Freund eines am Staatsruder stehenden Mannes billigerweise von diesem erwarten könne. Nur zu Viele machten damals in der That einen höchst albernen und verderblichen Unterschied zwischen einem Minister, der seinen Einfluß benutzte, um sich selbst Geschenke zu verschaffen, und einem Minister, der seinen Einfluß benutzte, um für seine Anhänger Geschenke zu erlangen. Jener war schlecht, dieser nur gutherzig. Leeds erzählte hierauf mit großer Selbstgefälligkeit eine Geschichte von sich, die in unseren Zeiten einen Staatsdiener nicht nur aus dem Amte, sondern aus jeder anständigen Gesellschaft vertreiben würde. „Als ich zu König Karl’s Zeiten Schatzmeister war, Mylords, sollte die Accise verpachtet werden. Es waren mehrere Bewerber da. Harry Savile, den ich sehr hoch schätzte, theilte mir mit, daß sie ihn um seine Fürsprache bei mir ersucht hätten, und bat mich ihnen zu sagen, er habe sein Möglichstes für sie gethan. „Wie?” entgegnete ich, „das soll ich ihnen Allen sagen, während doch nur Einer den Pacht haben kann?” — „Thut nichts,” versetzte Harry, „sagen Sie es nur Allen; Der, welcher den Pacht bekommt, wird dann glauben, daß er ihn mir verdankt.” Die Herren kamen und ich sagte jedem von ihnen besonders: „Sie sind Mr. Savile sehr zu Dank verpflichtet, Sir;” oder: „Mr. Savile hat Ihnen einen großen Freundschaftsdienst erzeigt, Sir.” Schließlich erhielt Savile ein anständiges Präsent, und ich gratulirte ihm dazu. Ich war damals sein Schatten. Jetzt bin ich Mr. Bates’ Schatten.”
Der Herzog hatte diese Anekdote, die ein so grelles Licht auf den damaligen Zustand der politischen Moralität wirft, kaum erzählt, als ihm unter der Hand mitgetheilt wurde, daß im Hause der Gemeinen der Antrag gestellt worden sei, ihn in Anklagestand zu versetzen. Er eilte dahin, aber noch ehe er ankam, war die Frage bereits gestellt und angenommen. Dessenungeachtet drang er auf Einlaß, und er wurde eingelassen. Nach altem Brauche wurde innerhalb der Schranke ein Stuhl für ihn hingestellt und ihm angezeigt, daß das Haus bereit sei ihn anzuhören.
Er sprach, aber mit weniger Takt und Einsicht als gewöhnlich. Er pries seine eigenen dem Staate geleisteten Dienste. Ohne ihn, sagte er, würde es kein Haus der Gemeinen gegeben haben, das ihn hätte anklagen können, eine Prahlerei, die so überspannt war, daß seinen Zuhörern nothwendig die Lust vergehen mußte, ihm dasjenige Lob zuzugestehen, das sein Verhalten zur Zeit der Revolution wirklich verdiente. Ueber die gegen ihn erhobene Anklage sagte er nicht viel mehr als daß er unschuldig sei, daß man schon längst mit dem böswilligen Plane umgehe, ihn ins Verderben zu stürzen, daß er nicht auf Einzelnheiten eingehen wolle, daß die Facta, welche bewiesen worden seien, zweierlei Deutungen zuließen, und daß von diesen beiden Deutungen billigerweise die günstigere angenommen werden müsse. Er entfernte sich, nachdem er das Haus gebeten hatte, den eben gefaßten Beschluß noch einmal zu erwägen, oder, wenn dies nicht sein könne, ihm wenigstens bald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Seine Freunde fühlten wohl, daß seine Rede keine Vertheidigung war, und sie versuchten es daher auch gar nicht, den Beschluß rückgängig zu machen, der unmittelbar vor seiner Anhörung gefaßt worden war. Wharton begab sich in zahlreicher Begleitung zu den Lords und zeigte ihnen an, daß die Gemeinen beschlossen hätten, den Herzog in Anklagestand zu versetzen. Es wurde ein Ausschuß ernannt, um die Artikel aufzusetzen und die Beweise vorzubereiten.[26]
Die Anklageartikel waren bald aufgesetzt, aber in der Beweiskette fehlte ein Glied. Dieses Glied konnte aller Wahrscheinlichkeit noch Robart liefern, wenn er streng verhört und mit anderen Zeugen confrontirt wurde. Die Gemeinen erließen eine Vorladung an ihn. Ein Bote begab sich damit nach der Wohnung des Herzogs von Leeds und erhielt dort den Bescheid, daß der Schweizer schon seit drei Tagen abwesend sei und daß der Portier nicht sagen könne, wo er sich aufhalte. Die Lords richteten unverzüglich eine Adresse an den König, worin sie ihn ersuchten, Befehl zu geben, daß die Häfen gesperrt und der Flüchtling festgenommen werde. Aber Robart war schon in Holland auf dem Wege nach seinen heimischen Bergen.
Die Flucht dieses Mannes machte es den Gemeinen unmöglich, die Sache weiter zu verfolgen. Sie beschuldigten Leeds mit Heftigkeit, daß er den Zeugen entfernt habe, der allein den juristischen Beweis für Thatsachen liefern konnte, welche durch moralische Beweise bereits festgestellt waren. Leeds, der jetzt wegen des Ausgangs der Anklage beruhigt war, gab sich das Ansehen eines schwer Beleidigten. „Mylords,” sagte er, „das Verfahren der Gemeinen ist beispiellos. Sie beschuldigen mich eines schweren Verbrechens, sie versprechen es zu beweisen; dann finden sie, daß sie nicht die Mittel haben es zu beweisen, und sie machen mir Vorwürfe, daß ich ihnen diese Mittel nicht liefere. Sie hätten gewiß eine solche Anklage nicht erheben sollen, ohne wohl zu überlegen, ob sie auch genügende Beweise hatten, um sie aufrecht zu erhalten, oder nicht. Wenn Robart’s Zeugniß, wie sie jetzt sagen, unerläßlich ist, warum ließen sie ihn nicht kommen und ihn seine Geschichte erzählen, ehe sie sich zur Anklage entschlossen? Sein Verschwinden haben sie ihrer eignen Maßlosigkeit, ihrer eignen Uebereilung zuzuschreiben. Er ist ein Ausländer, er ist ängstlich, er hört, daß ein Vorgang, bei dem er betheiligt gewesen, vom Hause der Gemeinen für höchst strafbar erklärt, daß sein Herr angeklagt, daß sein Freund Bates im Gefängniß sei und daß jetzt an ihn die Reihe kommen solle. Natürlich bekommt er Furcht, flüchtet sich in sein Vaterland, und so weit ich ihn kenne, möchte ich wohl behaupten, daß er sich sobald nicht wieder in den Bereich einer Vorladung des Sprechers wagen wird. Aber was geht das Alles mich an? Soll ich mein ganzes Leben lang das Brandmal einer solchen Beschuldigung mit mir herumtragen, lediglich deshalb, weil die Heftigkeit meiner Ankläger ihren Zeugen aus England getrieben hat? Ich verlange sofortige Prozessirung. Ich fordere Eure Lordschaften auf zu beschließen, daß die Anklage zurückgewiesen werden soll, wenn die Gemeinen dieselbe nicht vor dem Schlusse der Session anbringen.” Einige befreundete Stimmen riefen: „Gut beantragt!” Aber die Peers im allgemeinen waren nicht geneigt einen Schritt zu thun, der für das Unterhaus und die große Masse Derer, welche dieses Haus vertrat, im höchsten Grade beleidigend gewesen wäre. Der Antrag des Herzogs fiel durch und einige Stunden darauf wurde das Parlament prorogirt.[27]
Leeds’ Entlassung.
Die Anklage wurde nie wieder erneuert. Der Beweis, der eine formelle Schuldigerklärung begründet haben würde, konnte nicht beigebracht werden, und eine formelle Schuldigerklärung würde Wharton’s Zweck schwerlich besser entsprochen haben, als die unformelle Schuldigerklärung, welche die ganze Nation bereits ausgesprochen hatte. Das Werk war vollbracht, die Whigs hatten die Oberhand. Leeds war nicht mehr erster Minister, ja überhaupt gar nicht mehr Minister. Wilhelm vermied, wahrscheinlich aus Achtung für das Andenken der geliebten Frau, die er vor kurzem verloren und der Leeds eine besondere Zuneigung bewiesen hatte, Alles was wie Härte aussehen konnte. Der gestürzte Staatsmann durfte noch eine beträchtliche Zeit lang den Titel Lordpräsident beibehalten und bei öffentlichen Gelegenheiten zwischen dem Großen Siegel und dem Geheimsiegel gehen. Aber man gab ihm zu verstehen, daß er wohl thun würde, nicht mehr im Ministerium zu erscheinen; die Geschäfte und das Patronat selbst desjenigen Departements, dessen nominelles Oberhaupt er war, gingen in andere Hände über, und der Posten, den er zum Scheine noch bekleidete, wurde in den politischen Kreisen als thatsächlich erledigt betrachtet.[28]
Er eilte in die Provinz und verbarg sich dort einige Monate vor den Augen der Oeffentlichkeit. Als jedoch das Parlament wieder zusammentrat, kam er aus seinem Versteck hervor. Obwohl er in weit vorgerückten Jahren stand und von Krankheit gequält wurde, war sein Ehrgeiz doch noch so glühend als je. Mit rastloser Energie begann er zum dritten Male zu klimmen, um, wie er sich schmeichelte, die schwindelnde Höhe wieder zu erreichen, auf der er schon zweimal gestanden hatte und von der er schon zweimal herabgestürzt war. Er nahm lebhaft Theil an der Debatte; aber wenn auch seine Beredtsamkeit und seine Kenntnisse ihm jederzeit die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicherten, so wurde ihm doch nie wieder, selbst als die Torypartei am Ruder war, der kleinste Antheil an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten bewilligt.
Lords Justices ernannt.
Eine große Demüthigung konnte ihm nicht erspart werden. Wilhelm stand auf dem Punkte, das Commando der Armee in den Niederlanden zu übernehmen, und bevor er absegelte, mußte er bestimmen, von wem die Regierung in seiner Abwesenheit verwaltet werden sollte. Bisher hatte Marie die Viceregentschaft geführt, wenn er außerhalb England’s war; aber sie war nicht mehr. Er übertrug daher seine Autorität sieben Lords Justices: Tenison, Erzbischof von Canterbury, Somers, Großsiegelbewahrer, Pembroke, Geheimsiegelbewahrer, Devonshire, Lord Obersthofmeister, Dorset, Lord Kammerherr, Shrewsbury, Staatssekretär, und Godolphin, erster Commissar des Schatzes. Es ist aus dieser Namenliste leicht zu ersehen, nach welcher Seite die Wagschale der Macht sich jetzt neigte. Unter den sieben war Godolphin der einzige Tory. Der Lordpräsident, unter den hohen Laienwürdenträgern des Reichs noch immer der Zweite im Range, war übergangen, und diese Auslassung wurde allgemein als eine officielle Ankündigung seiner Ungnade betrachtet.[29]
Aussöhnung zwischen Wilhelm und der Prinzessin Anna.
Manche wunderten sich, daß die Prinzessin von Dänemark nicht zur Viceregentin ernannt wurde. Die Aussöhnung, welche begonnen hatte, als Marie im Sterben lag, war seit ihrem Tode, wenigstens dem äußeren Scheine nach, vollendet worden. Dies war eine von denjenigen Gelegenheiten, bei denen Sunderland sich besonders nützlich machen konnte. Er eignete sich vortrefflich dazu, eine persönliche Unterhandlung zu leiten, Groll zu mildern, verletzten Stolz zu beschwichtigen, von allen Gegenständen des irdischen Verlangens den zu wählen, von dem sich am ehesten erwarten ließ, daß er das Gemüth, mit dem er es zu thun hatte, anziehen werde. Bei dieser Gelegenheit war seine Aufgabe nicht schwer, denn er hatte zwei treffliche Stützen: Marlborough im Hofstaate Anna’s, und Somers im Cabinet Wilhelm’s.
Marlborough wünschte jetzt eben so sehr die Regierung zu unterstützen, wie er einst gewünscht hatte, sie zu stürzen. Mariens Tod hatte eine vollständige Umwandlung in allen seinen Plänen hervorgebracht. Es gab ein Ereigniß, dem er mit dem sehnlichsten Verlangen entgegensah: die Erhebung der Prinzessin auf den englischen Thron. Es war gewiß, daß er von dem Tage an, wo sie zu regieren begann, an ihrem Hofe alles das wurde, was Buckingham am Hofe Jakob’s I. gewesen war. Marlborough muß sich überdies noch ganz andere Talente zugetraut haben als sie Buckingham besaß: ein Genie für die Politik, nicht geringer als das Richelieu’s, ein Genie für den Krieg, nicht geringer als das Turenne’s. Vielleicht sah der entlassene General in seiner Dunkelheit und Unthätigkeit noch eine Zeit kommen, wo seine Macht, in Europa zu nützen und zu schaden, der der mächtigsten europäischen Fürsten gleich sein würde, wo der Kaiser auf der einen und Ludwig der Große auf der andren Seite ihm kriechend schmeicheln und den Hof machen und wo er jedes Jahr das größte Vermögen, das irgend ein englischer Unterthan jemals aufgehäuft hatte, um neue hunderttausend Pfund vermehren würde. Dies Alles konnte geschehen, wenn Mrs. Morley Königin wurde. Aber daß Mr. Freeman jemals Mrs. Morley als Königin sehen würde, war bis vor kurzem nicht sehr wahrscheinlich gewesen. Maria versprach viel länger zu leben als er und mindestens eben so lange als ihre Schwester. Daß Wilhelm Nachkommen erhalten würde, stand nicht zu erwarten. Dagegen erwartete man allgemein, daß er bald sterben würde. Seine Wittwe konnte sich wieder vermählen und Kinder hinterlassen, die ihr auf dem Throne folgen würden. Unter diesen Umständen konnte Marlborough mit Recht denken, daß er sehr wenig Interesse an der Aufrechthaltung der von der Convention festgestellten Thronfolgeordnung habe. Nichts versprach seinem Zwecke besser zu dienen, als Verwirrung und Bürgerkrieg, als eine neue Revolution, eine neue Abdankung, eine neue Erledigung des Thrones. Es war möglich, daß die Nation, gegen Wilhelm erbittert, und doch nicht mit Jakob ausgesöhnt, zwischen dem Hasse gegen Ausländer und dem Hasse gegen Jesuiten schwankend, dem holländischen sowohl als dem papistischen Könige eine Prinzessin vorzog, die zugleich eine Tochter unsres Landes und ein Mitglied unsrer Kirche war. Daß dies die wirkliche Erklärung von Marlborough’s dunklen und verwickelten Complotten war, davon waren, wie wir gesehen haben, einige von den eifrigsten Jakobiten fest überzeugt, und es ist auch in hohem Grade wahrscheinlich. Es ist ausgemacht, daß er seit mehreren Jahren keine Mühe gespart hatte, um die Armee und die Nation gegen die Regierung aufzubringen. Doch jetzt war Alles anders. Marie war nicht mehr. Durch die Rechtsbill war die Krone nach dem Tode Wilhelm’s Anna gesichert, und Wilhelm’s Tod konnte nicht mehr fern sein. In der That, alle Aerzte, die ihn behandelten, wunderten sich, daß er noch lebte, und wenn man zu den Gefahren der Krankheit die Gefahren des Kriegs rechnete, hatte es alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er in wenigen Monaten im Grabe liegen werde. Marlborough sah ein, daß es jetzt Wahnsinn sein würde, Alles in Verwirrung zu bringen und Alles auf’s Spiel zu setzen. Er hatte sein Möglichstes gethan, den Thron zu erschüttern, so lange es nicht wahrscheinlich war, daß Anna ihn je anders würde besteigen können, als durch gewaltsame Mittel. Aber er that sein Möglichstes, ihn zu befestigen, sobald es wahrscheinlich wurde, daß sie bald nach dem regelmäßigen Laufe der Natur und des Gesetzes berufen werden würde, ihn einzunehmen.
Die Prinzessin wurde durch die Churchill leicht bewogen, ein unterwürfiges und herzliches Beileidsschreiben an den König zu richten. Der König, welcher niemals sonderlich geneigt war, sich in einen Austausch unaufrichtiger Complimente einzulassen, und der noch von der ersten Heftigkeit seines Schmerzes zu Boden gedrückt wurde, schien wenig Lust zu haben, ihrem Entgegenkommen zu entsprechen. Somers aber, welcher erkannte, daß Alles auf dem Spiele stand, ging nach Kensington und verschaffte sich Zutritt in das königliche Cabinet. Wilhelm saß darin, so tief in schwermüthige Gedanken versunken, daß er den Eintritt eines Besuchs gar nicht zu bemerken schien. Nach einer ehrerbietigen Pause brach der Lord Siegelbewahrer das Schweigen und beschwor Se. Majestät, gewiß mit all’ der vorsichtigen Delikatesse, die ihm eigen war und die ihn so vorzüglich befähigte, wunde Stellen des Gemüths zu berühren, ohne sie zu verletzen, sich mit der Prinzessin zu versöhnen. „Thun Sie was Sie wollen,” sagte Wilhelm, „ich kann an keine Geschäftsangelegenheit denken.” Auf diese Ermächtigung hin schlossen die Vermittler eiligst einen Vertrag.[30] Anna kam nach Kensington und wurde freundlich aufgenommen; sie erhielt eine Wohnung im St. Jamespalaste, bekam wieder eine Ehrenwache, und nach langer Unterbrechung zeigten die Nummern der Gazette wieder an, daß auswärtige Gesandte die Ehre gehabt hätten, ihr vorgestellt zu werden.[31] Auch die Churchill durften wieder unter dem königlichen Dache wohnen. Aber Wilhelm schloß sie zuerst nicht in die Aussöhnung ein, die er mit ihrer Gebieterin angebahnt hatte. Marlborough blieb von militärischen und politischen Aemtern ausgeschlossen, und nicht ohne Schwierigkeit erlangte er Zutritt in dem königlichen Zirkel zu Kensington und Erlaubniß, dem Könige die Hand zu küssen.[32] Das Gefühl, mit dem der König ihn betrachtete, erklärt es hinreichend, warum Anna nicht zur Regentin ernannt wurde. Die Regentschaft Anna’s würde die Regentschaft Marlborough’s gewesen sein, und es kann nicht Wunder nehmen, daß ein Mann, dem man kein Amt im Staate oder Heere zu übertragen für rathsam hielt, nicht mit der gesammten Verwaltung des Landes betraut wurde.
Wäre Marlborough stolzen und rachsüchtigen Charakters gewesen, so hätte er sich angereizt fühlen können, einen neuen Streit in der königlichen Familie zu entzünden und neue Cabalen in der Armee anzuzetteln; aber er hatte alle seine Leidenschaften, mit Ausnahme des Ehrgeizes und der Habsucht, streng in der Gewalt. Er kannte das Gefühl der Rache so wenig als das Gefühl der Dankbarkeit. Er hatte gegen die Regierung conspirirt, während sie ihn mit Gunstbezeigungen überhäufte. Jetzt unterstützte er sie, obgleich sie seine Unterstützung mit Schimpf vergalt. Er erkannte sein Interesse vollkommen, er beherrschte sein Temperament vollkommen, und so ertrug er mit Anstand die Unannehmlichkeiten seiner gegenwärtigen Lage und begnügte sich, den Eintritt eines Ereignisses zu erwarten, das ihn für einige Jahre der Geduld reichlich entschädigen konnte. Er hörte zwar nicht auf, mit dem Hofe von Saint-Germains zu correspondiren, aber die Correspondenz wurde nach und nach immer spärlicher und scheint seinerseits nur aus unbestimmten Versicherungen und leeren Entschuldigungen bestanden zu haben.
Das Ereigniß, das allen Aussichten Marlborough’s eine andre Gestalt gegeben, hatte die Gemüther heftigerer und starrsinnigerer Politiker mit hochfliegenden Hoffnungen und abscheulichen Plänen erfüllt.
Jakobitische Verschwörungen gegen Wilhelm’s Leben.
Während der ersten dritthalb Jahre nach Grandval’s Hinrichtung war kein ernstlicher Anschlag gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet worden. Einige hitzköpfige Mißvergnügte hatten wohl Pläne zu seiner Entführung und Ermordung gemacht; aber diese Pläne waren, so lange seine Gemahlin lebte, von deren Vater nicht begünstigt worden. Jakob hegte keine Bedenken und war auch, diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen, kein solcher Heuchler, daß er Bedenken dagegen hätte vorgeben sollen, seine Feinde durch Mittel aus dem Wege zu räumen, die er mit Recht für gemein und schändlich gehalten hatte, als sie von seinen Feinden gegen ihn angewendet wurden. Und wenn ja ein solches Bedenken in ihm aufgestiegen wäre, so fehlte es unter seinem Dache nicht an Casuisten, welche den Willen und die Fähigkeit hatten, sein Gewissen durch Sophismen zu beschwichtigen, wie sie die viel edleren Naturen eines Anton Babington und eines Eberhard Digby verdorben hatten. Die Rechtmäßigkeit des Meuchelmords, in Fällen wo Meuchelmord die Interessen der Kirche fördern konnte, in Zweifel ziehen, hieß die Autorität der berühmtesten Jesuiten, Bellarmine’s und Suarez’, Molina’s und Mariana’s bestreiten, ja sich gegen den Stuhl St. Peter’s selbst auflehnen. Ein Papst war zu Ehren des heimtückischen Gemetzels, in welchem Coligny umgekommen war, an der Spitze seiner Cardinäle in einer Prozession einhergeschritten, hatte ein Jubiläum proklamirt und die Kanonen von St. Angelo abfeuern lassen. Ein andrer Papst hatte in einer feierlichen Allocution die Ermordung Heinrich’s III. von Frankreich in hinreißender, der Ode des Propheten Habakuk entlehnten Sprache besungen und den Mörder über Pinehas und Judith erhoben.[33] Wilhelm wurde in Saint-Germains als ein Ungeheuer betrachtet, in Vergleich zu welchem Coligny und Heinrich III. Heilige waren. Gleichwohl weigerte sich Jakob einige Jahre lang, irgend ein Attentat gegen die Person seines Neffen zu sanctioniren. Die Gründe, die er für seine Weigerung anführte, sind so wie er sie eigenhändig niederschrieb, auf uns gekommen. Er heuchelte nicht den Glauben, daß Meuchelmord eine Sünde sei, die ein Christ verabscheuen müsse, oder eine Schurkerei, die eines Gentleman unwürdig sei, sondern er sagte bloß, daß die Schwierigkeiten groß seien und daß er seine Freunde nicht drängen wolle, sich einer großen Gefahr auszusetzen, da es nicht in seiner Macht stehe, sie wirksam zu unterstützen.[34] So lange Marie lebte, war es allerdings sehr zweifelhaft, ob die Ermordung ihres Gemahls der jakobitischen Sache wirklich nützen werde. Durch seinen Tod hätte die Regierung die aus seinen eminenten persönlichen Eigenschaften hervorgehende Kraft verloren, wäre aber zugleich auch von der Last seiner persönlichen Unpopularität befreit worden. Seine ganze Macht wäre mit einemmal auf seine Wittwe übergegangen, und die Nation würde sich wahrscheinlich mit Begeisterung um sie geschaart haben. Waren ihre politischen Fähigkeiten auch den seinigen nicht gleich, so besaß sie dagegen nicht sein abstoßendes Wesen, seinen fremden Accent und seine Parteilichkeit für alles Holländische und alles Calvinistische. Viele, die sie eines strafwürdigen Mangels an kindlicher Pietät beschuldigten, würden der Meinung gewesen sein, daß sie jetzt gewiß aller Pflichten gegen einen Vater entbunden sei, der sich mit dem Blute ihres Gatten befleckt habe. Die ganze Regierungsmaschine wäre ohne die Unterbrechung, welche gewöhnlich auf die Niederlegung der Krone folgte, in regelmäßigem Gange geblieben. Es hätte keine Auflösung des Parlaments, keine Suspension der Zölle und Accisen stattgefunden; alle Ernennungen hätten ihre Gültigkeit behalten, und Jakob hätte durch den Sturz seines Feindes nichts gewonnen als eine unfruchtbare Rache.
Der Tod der Königin änderte Alles. Wenn jetzt ein Dolch oder eine Kugel Wilhelm’s Herz traf, so war es wahrscheinlich, daß sofort allgemeine Anarchie eintrat. Das Parlament und der Geheimrath hörten auf zu existiren. Die Autorität der Minister und Richter erlosch mit Dem, von dem sie ausging. Es war nicht unwahrscheinlich, daß in einem solchen Augenblicke sich ohne Schwertstreich eine Restauration bewerkstelligen lassen würde.
Charnock.
Marie war daher kaum in die Gruft gesenkt, so begannen unruhige und gewissenlose Menschen ernstlich gegen das Leben Wilhelm’s zu conspiriren. Unter diesen Männern stand Charnock in Talenten, Muth und Energie obenan. Er hatte eine liberale Erziehung genossen und war unter der vorigen Regierung Fellow des Magdalenencollegiums zu Oxford gewesen. Er allein in dieser großen Gesellschaft hatte das gemeinsame Interesse verrathen, hatte sich zum Werkzeuge der Hohen Commission hergegeben, war öffentlich von der englischen Kirche abgefallen, und hatte zu der Zeit, wo sein Collegium ein papistisches Seminar war, das Amt des Vicepräsidenten bekleidet. Die Revolution kam und gab dem ganzen Laufe seines Lebens sofort eine andre Richtung. Aus dem stillen Kreuzgange und dem alten Eichenhaine am Ufer des Cherwell vertrieben, besuchte er Orte ganz andrer Art. Mehrere Jahre führte er das gefahrvolle und bewegte Leben eines Verschwörers, reiste mit geheimen Aufträgen zwischen England und Frankreich hin und her, wechselte öfters seine Wohnung in London und war in verschiedenen Kaffeehäusern unter verschiedenen Namen bekannt. Seine Dienste waren mit einem von dem verbannten Könige unterzeichneten Hauptmannspatent belohnt worden.
Porter.
Mit Charnock eng verbunden war Georg Porter, ein Abenteurer, der sich einen Katholiken und Royalisten nannte, der aber in Wirklichkeit jeder Religion und jedes politischen Grundsatzes ermangelte. Selbst seine Freunde konnten nicht leugnen, daß er ein Wüstling und ein Narr war, daß er trank und fluchte, daß er extravagante Lügen über seine angeblichen Liebschaften erzählte und daß er wegen eines Dolchstichs, den er bei einer Rauferei im Theater Jemanden versetzt hatte, des Todtschlags schuldig befunden worden war. Seine Feinde behaupteten, daß er ekelhaften und abscheulichen Arten der Ausschweifung ergeben sei, daß er sich die Mittel, seinen schändlichen Neigungen zu fröhnen, durch Betrug und Diebstahl verschaffe, daß er einer Bande von Geldbeschneidern angehöre, daß er sich zuweilen spät Abends verkleidet zu Pferde fortstehle und daß, wenn er von diesen geheimnißvollen Ausflügen zurückkehre, sein Aussehen den Verdacht rechtfertige, daß er in Hounslow Heath oder Finchley Common Geschäfte gemacht habe.[35]
Goodman.
Cardell Goodman, im Volksmunde Scum (Auswurf) Goodman genannt, ein wo möglich noch verworfenerer Schurke als Porter, war ebenfalls in dem Complot. Goodman war Schauspieler gewesen, war, gleich einigen viel bedeutenderen Männern, von der Herzogin von Cleveland unterhalten, in ihr Haus aufgenommen, von ihr mit Geschenken überhäuft worden und hatte ihre Güte damit vergolten, daß er zwei ihrer Kinder durch einen italienischen Quacksalber vergiften lassen wollte. Da das Gift nicht beigebracht worden war, konnte Goodman nur wegen eines Vergehens zur Untersuchung gezogen werden. Er wurde prozessirt, schuldig befunden und zu einer schweren Geldstrafe verurtheilt. Seitdem hatte er sich als einer der ersten Banknotenfälscher einen Namen gemacht.[36]
Parkyns.
Sir Wilhelm Parkyns, ein reicher, zur juristischen Laufbahn erzogener Ritter, der sich in den Tagen der Ausschließungsbill unter den Tories ausgezeichnet hatte, war eines der bedeutendsten Mitglieder des Bundes. Er genoß eines viel besseren Rufes als die meisten seiner Complicen; in einer Beziehung aber war er strafbarer als alle anderen. Denn um ein einträgliches Amt zu behalten, das er beim Kanzleigericht bekleidete, hatte er dem Fürsten, gegen dessen Leben er jetzt conspirirte, den Eid der Treue geleistet.
Fenwick.
Der Anschlag wurde Sir John Fenwick mitgetheilt, der wegen der feigen Beleidigung, die er der verstorbenen Königin zugefügt hatte, berühmt war. Wenn man Fenwick’s eigner Versicherung glauben darf, war er wohl geneigt, an einem Aufstande Theil zu nehmen, erschrak aber vor dem Gedanken des Meuchelmordes und ließ sich seine Gesinnung so deutlich merken, daß er seinen minder skrupulösen Genossen verdächtig wurde. Er bewahrte jedoch ihr Geheimniß so streng, als ob er ihnen guten Erfolg gewünscht hätte.
Es scheint als hätte anfangs ein natürliches Gefühl die Verschwörer abgehalten, ihren Anschlag beim rechten Namen zu nennen. Selbst bei ihren geheimen Berathungen sprachen sie vor der Hand noch nicht davon, den Prinzen von Oranien zu ermorden. Sie wollten versuchen, sich seiner zu bemächtigen und ihn lebend nach Frankreich zu bringen. Stießen sie auf Widerstand, so würden sie sich vielleicht genöthigt sehen, von ihren Degen und Pistolen Gebrauch zu machen, und Niemand könne dann für die Folgen eines Hiebes oder Schusses stehen. Im Frühjahr 1695 wurde der nur noch dünn verschleierte Mordplan Jakob mitgetheilt und dringend seine Sanction erbeten. Aber Woche auf Woche verging und es kam keine Antwort von ihm. Er schwieg wahrscheinlich in der Hoffnung, daß seine Anhänger binnen Kurzem es wagen würden, auf eigne Verantwortung zu handeln, und daß er so den Vortheil ihres Verbrechens, ohne die Schande desselben haben werde. So scheinen sie ihn in der That verstanden zu haben. Er habe, sagten sie, das Attentat nicht sanctionirt, aber er habe es auch nicht verboten, und da er von ihrem Vorhaben Kenntniß gehabt habe, so sei das Ausbleiben seines Verbots eine genügende Ermächtigung. Sie beschlossen daher ans Werk zu gehen; aber bevor sie die nöthigen Anstalten dazu treffen konnten, reiste Wilhelm nach Flandern ab, und der Anschlag gegen sein Leben mußte nothwendig bis zu seiner Zurückkunft verschoben werden.
Session des schottischen Parlaments.
Es war am 12. Mai, als der König von Kensington nach Gravesend abging, wo er sich nach dem Continent einzuschiffen gedachte. Drei Tage vor seiner Abreise war das schottische Parlament nach einer Pause von ungefähr zwei Jahren wieder in Edinburg zusammengetreten. Hamilton, der in der vorhergehenden Session den Thron eingenommen und das Scepter gehalten hatte, war gestorben, und man mußte sich daher nach einem neuen Lord Obercommissar umsehen. Der Mann, auf den die Wahl fiel, war Johann Hay, Marquis von Tweedale, Kanzler des Reichs, ein in den Staatsgeschäften ergrauter Edelmann, wohl unterrichtet, besonnen, human, tadellos in seinem Privatleben und im Ganzen genommen so achtungswerth als irgend ein schottischer Lord, der lange und tief bei der Politik jener unruhigen Zeiten betheiligt gewesen war.
Untersuchung des Gemetzels von Glencoe.
Seine Aufgabe war nicht frei von Schwierigkeiten. Es war zwar wohl bekannt, daß die Stände im Allgemeinen geneigt waren, die Regierung zu unterstützen, aber ebenso wohl bekannt war es, daß ein gewisser Gegenstand die geschickteste und delikateste Behandlung erforderte. Der Schrei des vor länger als drei Jahren in Glencoe vergossenen Blutes war endlich gehört worden. Gegen Ende des Jahres 1693 begann man allgemein die Gerüchte, welche anfangs als factiöse Verleumdungen geringschätzend verlacht worden waren, ernster Beachtung werth zu halten. Viele, die sonst nicht so leicht etwas glaubten, was aus den geheimen Pressen der Jakobiten hervorging, gestanden, daß zur Ehre der Regierung eine Untersuchung angeordnet werden müsse. Die liebenswürdige Marie war über das, was sie gehört, heftig entrüstet gewesen. Auf ihre Anregung hatte Wilhelm den Herzog von Hamilton und mehrere andere angesehene Schotten ermächtigt, die ganze Sache zu untersuchen. Aber der Herzog starb, seine Collegen waren in Erfüllung ihrer Pflicht saumselig, und der König, der von Schottland wenig wußte und sich wenig darum kümmerte, vergaß sie zu erinnern.[37]
Es zeigte sich jetzt, daß die Regierung eben so klug als recht gehandelt haben würde, wenn sie den Wünschen des Landes zuvorgekommen wäre. Die entsetzliche Geschichte, welche die Eidverweigerer beharrlich, zuversichtlich und mit so vielen Nebenumständen wiederholten, daß man fast gezwungen war, sie zu glauben, hatte endlich ganz Schottland aufgeregt. Die Empfindlichkeit eines vorzüglich patriotischen Volks war durch die Spötteleien der südlichen Pamphletisten gereizt worden, welche fragten, ob es denn nördlich vom Tweed kein Gesetz, keine Gerechtigkeit, keine Menschlichkeit, keinen Muth gebe, der selbst für die empörendsten Unbilden Genugthuung verlangte. Jede der beiden extremen Parteien welche einander in der allgemeinen Politik direct entgegengesetzt waren, wurden durch ein eigenes Gefühl angetrieben, eine Untersuchung zu verlangen. Die Jakobiten waren entzückt über die Aussicht, einen Fall nachweisen zu können, der dem Usurpator zur Unehre gereichen mußte und der den vielen Verbrechen gegenübergestellt werden konnte, welche die Whigs Cleverhouse und Mackenzie zur Last legten. Die eifrigen Presbyterianer freuten sich nicht minder über die Aussicht, den Master von Stair stürzen zu können. Sie hatten den Dienst, den er zu den Zeiten der Verfolgung dem Hause Stuart geleistet, weder vergessen, noch verziehen. Sie wußten, daß er zwar an der politischen Revolution, die sie von der verhaßten Dynastie befreit, aufrichtig Theil genommen, doch aber die kirchliche Revolution, welche in ihren Augen noch wichtiger war, mit Mißfallen betrachtet hatte. Sie wußten, daß das Kirchenregiment für ihn lediglich eine Staatsangelegenheit war und daß er in Folge dieser Anschauungsweise die bischöfliche Form der synodalen vorzog. Sie konnten nicht ohne Besorgniß einen so schlauen und beredten Feind der reinen Religion, den König auf jedem Schritt begleiten und ihm beständig Rathschläge zuflüstern sehen. Sie wünschten daher sehnlichst eine Untersuchung, die, wenn auch nur die Hälfte von dem was man sich gerüchtweise erzählte wahr war, Dinge an den Tag bringen mußte, welche der Macht und dem Rufe des Ministers, dem sie mißtrauten, voraussichtlich zum Verderben gereichten. Auch konnte sich dieser Minister nicht auf den aufrichtigen Beistand aller Beamten der Krone verlassen. Sein Genie und sein Einfluß hatten den Neid vieler minder glücklichen Höflinge, insbesondere seines Mitsekretärs Johnstone erweckt.
So war am Vorabende des Zusammentritts des schottischen Parlaments Glencoe im Munde aller Schotten jeder Partei und jeder Glaubensrichtung. Wilhelm, der eben im Begriff war, nach dem Kontinent abzureisen, sah ein, daß er in diesem Punkte den Ständen ihren Willen lassen mußte und daß er nichts Besseres thun konnte als sich selbst an die Spitze einer Bewegung zu stellen, der er unmöglich zu widerstehen vermochte. Eine Vollmacht, welche Tweedale und mehrere andere Geheimräthe autorisirte, den Gegenstand, der das Volk in so große Aufregung versetzt, genau zu untersuchen, wurde in Kensington vom Könige unterzeichnet, nach Edinburg gesandt und dort mit dem großen Siegel des Reichs versehen. Dies geschah gerade noch zur rechten Zeit.[38] Das Parlament hatte seine Geschäfte kaum begonnen, als ein Mitglied sich erhob, um auf eine Untersuchung der Umstände des Gemetzels von Glencoe anzutragen. Tweedale konnte nun den Ständen anzeigen, daß die Güte Sr. Majestät ihren Wünschen zuvorgekommen, daß wenige Stunden zuvor eine Untersuchungsvollmacht in allen Formen ausgefertigt worden sei und daß die in diesem Dokumente bezeichneten Lords und Gentlemen noch vor dem Abend ihre erste Zusammenkunft halten würden.[39]
Das Parlament votirte dem Könige für diesen Beweis väterlicher Fürsorge einstimmig seinen Dank; aber Einige von Denen, welche dem Dankvotum beitraten, äußerten die sehr natürliche Besorgniß, daß die zweite Untersuchung eben so unbefriedigend enden möchte, als die erste geendigt hatte. Die Ehre des Landes, sagten sie, sei im Spiele, und die Commissare seien verpflichtet, mit solcher Beschleunigung zu Werke zu gehen, daß das Ergebniß der Untersuchung vor dem Schlusse der Session bekannt würde. Tweedale gab Zusicherungen, welche die Murrenden auf einige Zeit zum Schweigen brachten[40]. Als aber drei Wochen vergangen waren, wurden viele Mitglieder aufsätzig und mißtrauisch. Am 14. Juni wurde beantragt, daß die Commissare angewiesen werden sollten, ihren Bericht zu erstatten. Der Antrag ging nicht durch, wurde aber jeden Tag wiederholt. In drei aufeinanderfolgenden Sitzungen gelang es Tweedale, das Drängen der Versammlung zu zügeln. Als er aber endlich anzeigte, daß der Bericht vollendet sei, und hinzusetzte, daß er den Ständen nicht eher vorgelegt werden könne, als bis er dem Könige unterbreitet worden sei, brach ein heftiges Geschrei aus. Die Neugierde des Publikums war aufs Höchste gespannt, denn die Untersuchung hatte bei verschlossenen Thüren stattgefunden, und die Commissare sowohl wie die Schriftführer waren eidlich zur Geheimhaltung verpflichtet worden. Der König war in den Niederlanden. Wochen mußten vergehen, bevor seine Willensmeinung eingeholt werden konnte, und die Session konnte nicht viel länger mehr dauern. Bei einer vierten Debatte äußerten sich Anzeichen, die es dem Lord Obercommissar rathsam erscheinen ließen, nachzugeben, und der Bericht wurde vorgelegt.[41]
Es ist eine Arbeit, welche Denen, die sie entwarfen, viel Ehre macht, eine vortreffliche Zusammenstellung der Thatsachen, klar, leidenschaftslos und durchaus gerecht. Keine Quelle, aus der man werthvolle Aufschlüsse zu schöpfen hoffen konnte, war unbeachtet gelassen worden. Glengarry und Keppoch, obgleich notorisch der Regierung abgeneigt, hatten die Erlaubniß erhalten, die Sache ihrer unglücklichen Stammesgenossen zu führen. Mehrere von den Macdonalds, welche dem Gemetzel jener Nacht entgingen, waren vernommen worden, unter ihnen der regierende Mac Jan, der älteste Sohn des ermordeten Häuptlings. Die Correspondenz des Masters von Stair mit den Militärs, welche in den Hochlanden Commandos bekleideten, war einer strengen, aber nicht parteiischen Prüfung unterworfen worden. Das Endresultat, zu welchem die Commissare kamen und worin jeder einsichtsvolle und unbefangene Beurtheiler ihnen beipflichten muß, war, daß das Gemetzel von Glencoe ein barbarischer Mord gewesen und daß die Briefe des Masters von Stair die alleinige Anregung dazu gegeben hatten.
Daß Breadalbane Theil an dem Verbrechen gehabt, wurde nicht erwiesen; aber ganz rein ging er nicht aus der Untersuchung hervor. Man hatte im Laufe derselben zufällig entdeckt, daß, als er Wilhelm’s Geld unter die hochländischen Häuptlinge vertheilt, er gegen sie den wärmsten Eifer für die Interessen Jakob’s an den Tag gelegt und ihnen gerathen hatte, von dem Usurpator zu nehmen, was sie erlangen könnten, aber beständig nach einer günstigen Gelegenheit zur Zurückführung des rechtmäßigen Königs auszuspähen. Breadalbane’s Vertheidigung bestand darin, daß er ein größerer Schurke war als seine Ankläger dachten und daß er sich nur deshalb für einen Jakobiten ausgegeben hatte, um den jakobitischen Plänen auf den Grund zu kommen. Die Tiefen der Schändlichkeit dieses Mannes waren in der That unergründlich. Man konnte unmöglich sagen, welche von seinen Verräthereien, um die italienische Classification anzuwenden, einfache Verräthereien und welche doppelte Verräthereien waren. In dem vorliegenden Falle nahm das Parlament an, daß er sich nur einer einfachen Verrätherei schuldig gemacht habe, und schickte ihn in das Staatsgefängniß zu Edinburg. Die Regierung aber schenkte nach reiflicher Erwägung seiner Versicherung, daß er sich einer doppelten Verrätherei schuldig gemacht habe, Glauben und setzte ihn wieder in Freiheit.[42]
Der Bericht der Commission wurde von den Ständen sofort in Berathung genommen. Sie resolvirten ohne eine einzige abweichende Stimme, daß der von Wilhelm unterzeichnete Befehl das Gemetzel von Glencoe nicht autorisirt habe. Sodann resolvirten sie, aber wie es scheint nicht einstimmig, daß das Gemetzel ein Mord sei.[43] Hierauf nahmen sie noch mehrere Beschlüsse an, deren Inhalt schließlich in eine Adresse an den König zusammengefaßt wurde. Wie der auf den Master von Stair bezügliche Theil der Adresse lauten sollte, war eine Frage, über welche viel debattirt wurde. Es wurden mehrere von seinen Briefen verlangt und vorgelesen und mehrere Amendements zu dem Votum beantragt. Die Jakobiten und die extremen Presbyterianer scheinen, und dies mit nur zu gutem Grunde, für Strenge gewesen zu sein. Die Majorität acceptirte unter der geschickten Leitung des Lord Obercommissars Worte, die es dem schuldigen Minister unmöglich machten, sein Amt zu behalten, die ihn aber nicht für so strafbar erklärten, daß sein Leben oder sein Vermögen bedroht gewesen wäre. Sie tadelten ihn, aber sie tadelten ihn in viel zu milden Ausdrücken. Sie tadelten seinen maßlosen Eifer gegen den unglücklichen Clan und seine eindringlichen Befehle, die Schlächterei unverhofft vorzunehmen. Die übermäßige Heftigkeit in seinen Briefen erklärten sie für die Grundursache des Gemetzels, aber anstatt zu verlangen, daß er als Mörder vor Gericht gestellt werde, erklärten sie, daß sie es in Anbetracht seiner Abwesenheit und seiner hohen Stellung der Weisheit des Königs anheim gäben, so mit ihm zu verfahren, daß die Ehre der Regierung gewahrt werde.
Die dem Hauptverbrecher bewiesene Nachsicht erstreckte sich nicht auf seine Untergebenen. Hamilton, der geflüchtet und durch Proklamationen am Stadtkreuze vergebens aufgefordert worden war, vor den Ständen zu erscheinen, wurde für nicht rein von dem Blute der Glencoeleute erklärt. Glenlyon, Hauptmann Drummond, Leutnant Lindsey, Fähnrich Lundie und Sergeant Barbour wurden noch bestimmter als Mörder bezeichnet und der König ersucht, dem Lordadvokaten ihre Prozessirung anzubefehlen.
Das schottische Parlament war bei dieser Gelegenheit unzweifelhaft am unrechten Orte streng und am unrechten Orte nachsichtig. Die Grausamkeit und Schändlichkeit Glenlyon’s und seiner Kameraden erregen noch heute, nach Verlauf von hundertsechzig Jahren, eine Entrüstung, die es schwer macht, unbefangen zu urtheilen. Wer es jedoch über sich gewinnen kann, das Verfahren dieser Leute mit richterlicher Unparteilichkeit zu betrachten, wird wahrscheinlich der Ansicht sein, daß sie nicht ohne großen Nachtheil für das Gemeinwohl als Mörder hätten behandelt werden können. Sie hatten Niemanden getödtet, dessen Tödtung ihnen nicht von ihrem commandirenden Offizier auf das Bestimmteste anbefohlen war. Es würde mit der Subordination, ohne die eine Armee der schlimmste Pöbelhaufen ist, vorbei sein, wenn jeder Soldat für die Gerechtigkeit jedes Befehls, in dessen Befolgung er sein Gewehr abfeuert, verantwortlich sein sollte. Der Fall in Glencoe war allerdings ein extremer Fall; aber im Prinzip dürfte er schwer von Fällen zu unterscheiden sein, wie sie im Kriege ganz gewöhnlich sind. Grausame militärische Executionen sind zuweilen unerläßlich; die Humanität selbst kann sie gebieten. Wer hat zu entscheiden, ob ein Fall vorliegt, der Strenge zur wahren Barmherzigkeit macht? Wer hat zu bestimmen, ob es nothwendig ist oder nicht, eine blühende Stadt in Asche zu legen, eine zahlreiche Schaar von Meuterern zu decimiren, eine ganze Räuberbande zu erschießen? Lastet die Verantwortlichkeit auf dem commandirenden Offizier oder auf dem Gliede, dem er befiehlt, sich fertig zu machen, anzulegen und Feuer zu geben? Und wenn es die allgemeine Regel ist, daß die Verantwortlichkeit auf dem commandirenden Offizier und nicht auf Denen lastet, die ihm gehorchen, läßt sich dann ein Grund dafür angeben, den Fall von Glencoe für eine Ausnahme von dieser Regel zu erklären? Es ist bemerkenswerth, daß kein Mitglied des schottischen Parlaments darauf antrug, einen der Gemeinen von Argyle’s Regiment wegen Mordes in Anklagestand zu versetzen. Jedem unter dem Range des Sergeanten Stehenden wurde völlige Straflosigkeit gewährt. Doch nach welchem Prinzip? Wenn der militärische Gehorsam keine haltbare Entschuldigung war, so war gewiß jeder Mann, der in jener fürchterlichen Nacht einen Macdonald erschoß, ein Mörder. Und wenn der militärische Gehorsam ein haltbarer Entschuldigungsgrund für den Musketier war, der auf Befehl des Sergeanten Barbour handelte, warum dann nicht auch für Barbour, der auf Befehl Glenlyon’s handelte? Und warum nicht auch für Glenlyon, der auf Befehl Hamilton’s handelte? Es kann wohl schwerlich behauptet werden, daß der Gemeine seinem Unteroffizier mehr Gehorsam schulde als der Unteroffizier seinem Hauptmanne oder der Hauptmann seinem Obersten.
Man kann behaupten, die Glenlyon ertheilten Befehle seien so absonderlicher Art gewesen, daß, wenn er ein tugendhafter Mensch gewesen wäre, er eher seine Stellung in die Schanze geschlagen, sich dem Mißfallen des Obersten, des Generals und des Staatssekretärs ausgesetzt und die schwerste Strafe, die ein Kriegsgericht über ihn verhängen konnte, auf sich genommen, als die ihm gegebene Ordre vollzogen haben würde, und dies ist vollkommen wahr; aber es handelt sich nicht darum, ob er als tugendhafter Mensch verfuhr, sondern ob er etwas that, weswegen er, ohne eine für die militärische Disciplin und für die Sicherheit der Nationen wesentliche Regel zu verletzen, als Mörder gehängt werden konnte. In jenem Falle war Ungehorsam sicherlich eine moralische Pflicht, aber es folgt daraus noch nicht, daß Gehorsam ein legales Verbrechen war.
Es scheint daher, daß die Schuld Glenlyon’s und seiner Kameraden nicht innerhalb der Sphäre des Strafgesetzes lag. Die einzige Strafe, welche geeignetermaßen über sie verhängt wenden konnte, war die, welche Kain zu dem Ausrufe veranlaßte, daß sie größer sei, als er sie ertragen könne: auf der Erde umherzuirren und überall ein Zeichen mit sich herumzutragen, von dem selbst schlechte Menschen sich schaudernd abwendeten.
Nicht so war es mit dem Master von Stair. Er war sowohl von der Untersuchungscommission als von den Ständen des Reichs in vollem Parlamente feierlich für den ersten Urheber des Gemetzels erklärt worden. Daß es nicht rathsam war, an seinen Werkzeugen ein Exempel zu statuiren, war der stärkste Grund, ein solches an ihm zu statuiren. Jedes Argument, das gegen die Bestrafung des Soldaten geltend gemacht werden kann, der die Befehle seines Vorgesetzten ausführt, ist ein Grund, den Vorgesetzten, welcher ungerechte und unmenschliche Befehle giebt, nach der äußersten Strenge des Gesetzes zu bestrafen. Wo unten keine Verantwortlichkeit sein kann, da muß oben doppelte Verantwortlichkeit sein. Was das schottische Parlament einstimmig hätte verlangen sollen, war, nicht daß ein armer unwissender Sergeant, der für das blutige Werk, das er gethan, kaum verantwortlicher war als seine Hellebarde, gehängt, sondern daß der eigentliche Mörder, der klügste, beredtsamste und mächtigste aller schottischen Staatsmänner, vor ein öffentliches Gericht gestellt werden und, wenn er schuldig befunden würde, den Tod eines Verbrechers sterben sollte. Nichts Geringeres als ein solches Opfer konnte ein solches Verbrechen sühnen. Leider machten die Stände, indem sie die Schuld des Hauptverbrechers milderten und zu gleicher Zeit verlangten, daß seine geringen Werkzeuge mit einer gesetzwidrigen Strenge bestraft werden sollten, den Flecken, den das Gemetzel auf der Ehre der Nation zurückgelassen, größer und tiefer als er vorher gewesen.
Auch der König ist von einer großen Pflichtverletzung unmöglich freizusprechen. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, daß er, bevor er den Bericht seiner Commissare erhielt, über die Umstände des Gemetzels nur sehr unvollkommen unterrichtet war. Wir können schwerlich annehmen, daß er viel jakobitische Pamphlets zu lesen pflegte, und wenn er sie gelesen hätte, würde er darin eine solche Masse absurder und gehässiger Schmähungen gegen seine Person gefunden haben, daß er sehr wenig geneigt gewesen wäre, irgend eine der Beschuldigungen zu glauben, die sie auf seine Diener wälzten. Er würde sich in der einen Schrift beschuldigt gesehen haben, ein verkappter Papist zu sein, in einer andren, Jeffreys’ im Tower vergiftet zu haben, in einer dritten, es darauf angefangen zu haben, daß Talmash bei Brest umkommen mußte. Er würde die Behauptung gefunden haben, daß er einmal in Irland fünfzig Mann von seinen verwundeten englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Er würde gesehen haben, daß man die unwandelbare Zuneigung, die er von seinem Knabenalter bis zu seinem Tode für einige der bravsten und zuverlässigsten Freunde gehegt, die je ein Fürst zu besitzen das Glück hatte, zu einem Grunde machte, um ihm so empörende Abscheulichkeiten zur Last zu legen, wie sie in den Fluthen des todten Meeres begraben sind. Es war daher ganz natürlich, wenn er Anstand nahm, entsetzliche Beschuldigungen zu glauben, welche Schriftsteller, die er als gewohnheitsmäßige Lügner kannte, gegen einen Staatsmann erhoben, dessen Talente er hochschätzte und dessen Bemühungen er bei einigen wichtigen Anlässen viel zu danken gehabt hatte. Nachdem er aber die ihm durch Tweedale von Edinburg übersendeten Actenstücke gelesen, konnte er an der Schuld des Masters von Stair nicht im Geringsten mehr zweifeln. Diese schwere Schuld mit einer exemplarischen Strafe heimzusuchen, war die heilige Pflicht eines Souverains, der mit zum Himmel erhobener Hand geschworen hatte, daß er in seinem Königreiche Schottland in allen Klassen und Ständen jeder Unterdrückung steuern und Gerechtigkeit üben wolle ohne Ansehen der Person, so wie er auf Gnade hoffe von dem Vater aller Gnade. Wilhelm begnügte sich damit, den Master von Stair seines Amtes zu entheben. Diesen großen Fehler, einen Fehler, der die Höhe eines Verbrechens erreichte, versuchte Burnet zwar nicht zu vertheidigen, aber doch zu entschuldigen. Er wollte uns glauben machen, daß der König, als er mit Schrecken gewahrte, wie viele Personen bei dem Gemetzel von Glencoe betheiligt gewesen waren, es für besser hielt, eine allgemeine Amnestie zu bewilligen, als ein Gemetzel durch ein andres zu bestrafen. Diese Darstellung ist jedoch das directe Gegentheil der Wahrheit. Es waren allerdings zahlreiche Werkzeuge bei der Schlächterei thätig gewesen, aber der Anstoß war bei ihnen Allen von einem Einzigen ausgegangen. Hoch über dem großen Haufen der Verbrecher stand ein durch Talente, Kenntnisse, Rang und Macht ausgezeichneter Verbrecher. Zur Sühne für eine Menge verrätherisch hingeschlachteter Opfer verlangte die Gerechtigkeit nur ein Opfer, und es muß jederzeit als ein Flecken auf dem Ruhme Wilhelm’s betrachtet werden, daß dem Verlangen nicht entsprochen wurde.
Am 17. Juli ward die Session des schottischen Parlaments geschlossen. Die Stände hatten freigebig eine Geldsumme bewilligt, wie sie das arme Land, das sie vertraten, geben konnte. Allerdings waren sie durch den Glauben, daß sie ein Mittel gefunden hatten, dieses arme Land schnell reich zu machen, in gute Laune versetzt worden. Ihre Aufmerksamkeit war zwischen der Untersuchung über das Gemetzel von Glencoe und einigen vielversprechenden commerciellen Projecten getheilt gewesen. In einem späteren Kapitel wird die Natur dieser Projecte erklärt und ihr Schicksal berichtet werden.
Krieg in den Niederlanden; der Marschall Villeroy.
Inzwischen waren die Blicke von ganz Europa mit gespannter Erwartung auf die Niederlande gerichtet. Der große Feldherr, der bei Fleurus, bei Steenkerke und bei Landen gesiegt, hatte keinen ihm Ebenbürtigen zurückgelassen. Aber Frankreich besaß noch Marschälle, die sich für hohe Commandos sehr wohl eigneten. Catinat und Boufflers hatten bereits Beweise von Tüchtigkeit, Entschlossenheit und Eifer für die Interessen des Staats gegeben. Jeder dieser beiden ausgezeichneten Offiziere wurde ein Luxemburg’s würdiger Nachfolger und ein Wilhelm’s würdiger Gegner gewesen sein, aber ihr Gebieter zog zu seinem Unglücke Beiden den Herzog von Villeroy vor. Der neue General war Ludwig’s Spielkamerad gewesen, als sie Beide noch Kinder waren, war dann ein Günstling geworden und hatte nie aufgehört, es zu sein. In den äußern Vorzügen, wegen denen die französische Aristokratie damals in ganz Europa berühmt war, zeichnete sich Villeroy selbst unter der französischen Aristokratie aus. Er war von hoher Statur und hatte angenehme Züge, seine Manieren waren von edler und etwas hochmüthiger Artigkeit, sein Anzug, sein Ameublement, seine Equipagen und seine Tafel prächtig. Niemand erzählte eine Anekdote mit größerer Lebendigkeit; Niemand ritt besser bei einer Jagdpartie; Niemand hatte mehr Glück bei dem schönen Geschlecht; Niemand setzte und verlor Haufen von Gold mit liebenswürdigerem Gleichmuth; Niemand kannte die Abenteuer, die Freunde und die Feinde der Herren und Damen, welche täglich die Säle von Versailles füllten, genauer als er. Besonders zwei Charactere hatte dieser vollendete Cavalier seit vielen Jahren studirt und alle ihre Falten und Winkel kennen gelernt: den Character des Königs und den der Frau, die in Allem, dem Namen ausgenommen, Königin war. Damit aber waren Villeroy’s Kenntnisse zu Ende. In der Literatur sowohl wie in geschichtlichen Dingen war er völlig unwissend. Im Staatsrathe öffnete er nie den Mund, ohne sich Blößen zu geben. Für den Krieg besaß er keine einzige Qualification außer dem persönlichen Muthe, den er mit der ganzen Klasse gemein hatte, der er angehörte. In jeder wichtigen Krisis seiner politischen und militärischen Laufbahn war er abwechselnd trunken von Arroganz oder völlig muthlos. Kurz bevor er einen bedeutungsvollen Schritt that, war sein Selbstvertrauen grenzenlos; er hörte auf keinen Rath und ließ den Gedanken, daß ein Fehlschlagen möglich sei, gar nicht in sich aufkommen. Bei der ersten Niederlage aber gab er Alles verloren, wurde unfähig zu leiten und anzuordnen und rannte in hilfloser Verzweiflung hin und her. Ludwig liebte ihn jedoch, und man muß Villeroy die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er Ludwig ebenfalls liebte. Die Güte des Gebieters war gegen alles Unheil probefest, das die Unbesonnenheit und Schwäche des Dieners über sein Königreich brachte, und die Dankbarkeit des Dieners äußerte sich bei mehr als einer Gelegenheit nach dem Tode des Gebieters in ehrenvoller, wenn auch nicht wohlbegründeter Weise.[44]
Der Herzog von Maine.
Ein solcher Mann war der General, dem die Leitung des Feldzugs in den Niederlanden anvertraut wurde. Der Herzog von Maine wurde hingeschickt, um unter diesem Lehrer die Kriegskunst zu erlernen. Maine, der natürliche Sohn Ludwig’s von der Herzogin von Montespan, war von Kindheit auf von Frau von Maintenon erzogen worden und wurde von Ludwig mit der Liebe eines Vaters, von Frau von Maintenon mit der nicht minder zärtlichen Liebe einer Pflegemutter geliebt. Ernste Männer nahmen Anstoß daran, daß der König, während er eine so große Frömmigkeit zur Schau trug, in so auffälliger Weise seine Vorliebe für diese Frucht eines doppelten Ehebruchs an den Tag legte. Allerdings, sagten sie, sei ein Vater seinem Kinde Zuneigung schuldig, aber ein Souverain sei seinem Volke auch die Beobachtung der Schicklichkeit schuldig. Trotz dieses Murrens war der Sohn öffentlich anerkannt, mit Reichthum und Ehre überhäuft, zum Herzog und Pair creirt, durch einen außerordentlichen Act königlicher Gewalt über Herzöge und Pairs von älterem Datum gestellt, mit einer Prinzessin von königlichem Geblüt vermählt und zum Großmeister der Artillerie des Reichs ernannt worden. Mit Talenten und Muth hätte er eine große Rolle in der Welt spielen können. Aber sein Geist war beschränkt, seine Nerven schwach, und die Weiber und Priester, die ihn erzogen, hatten die Natur wirksam unterstützt. Er war orthodox in seinem Glauben, correct in seiner moralischen Führung, einschmeichelnd in seinem Benehmen, ein Heuchler, ein Unheilstifter und ein Feigling.
Man erwartete in Versailles, daß Flandern in diesem Jahre der Hauptkriegsschauplatz sein werde. Es wurde daher dort eine große Armee zusammengezogen. Starke Linien wurden von der Lys bis zur Schelde gebildet, und Villeroy nahm sein Hauptquartier in der Nähe von Tournay. Boufflers beobachtete mit etwa zwölftausend Mann die Ufer der Sambre.
Auf der andren Seite standen die britischen und holländischen Truppen unter Wilhelm’s unmittelbarem Commando in der Nähe von Gent. Der Kurfürst von Baiern lag an der Spitze eines starken Corps bei Brüssel. Eine kleinere Heeresabtheilung, hauptsächlich aus Brandenburgern bestehend, lagerte nicht weit von Huy.
Anfangs Juni begannen die militärischen Operationen. Die ersten Bewegungen Wilhelm’s waren bloße Scheinbewegungen, durch welche er die französischen Generäle verhindern wollte, seine wirkliche Absicht zu muthmaßen. Er hatte sich vorgenommen, Namur wieder zu nehmen. Der Verlust dieser Festung war der empfindlichste von allen Unfällen eines unglücklichen Feldzugs gewesen. Die Wichtigkeit Namur’s vom militärischen Gesichtspunkte war stets groß gewesen und war während der seit der letzten Belagerung verflossenen drei Jahre größer geworden als je. Die alten Vertheidigungsmittel, welche Cohorn mit Aufbietung seiner ganzen Kunst errichtet hatte, waren durch neue Befestigungen, die Meisterwerke Vauban’s, verstärkt worden. Die beiden berühmten Ingenieurs hatten so geschickt mit einander gewetteifert und waren der Natur so geschickt zu Hülfe gekommen, daß die Festung für die stärkste in ganz Europa galt. Ueber dem einen Thore hatte man eine prahlerische Inschrift angebracht, welche die Verbündeten herausforderte, den Preis den Händen Frankreich’s zu entreißen.
Wilhelm hielt seine Absicht so sorgfältig geheim, daß nicht die leiseste Andeutung davon ruchbar wurde. Einige hielten Dünkirchen, Andere Ypern für das Ziel seiner Operationen. Die Märsche und Scharmützel, durch die er sein Vorhaben verdeckte, wurden von Saint-Simon mit den Zügen eines geschickten Schachspielers verglichen. Feuquières, der in der Kriegswissenschaft weit gründlicher bewandert war als Saint-Simon, sagt uns, daß einige von diesen Zügen gewagt gewesen seien und ein solches Spiel nicht ungestraft gegen Luxemburg hätte gespielt werden können, und dies ist wahrscheinlich richtig; aber Luxemburg war nicht mehr und was Luxemburg für Wilhelm gewesen war, das war jetzt Wilhelm für Villeroy.
Jakobitische Complots gegen die Regierung während Wilhelm’s Abwesenheit.
Während der König so beschäftigt war, begnügten sich zu Hause die Jakobiten, da sie in seiner Abwesenheit ihre Pläne gegen seine Person nicht verfolgen konnten, mit Conspiriren gegen seine Regierung. Sie wurden etwas weniger scharf bewacht als während des vorhergehenden Jahres, denn der Ausgang der Untersuchungen in Manchester hatte Aaron Smith und seine Agenten entmuthigt. Trenchard, der sich durch seine Wachsamkeit und Strenge zu einem Gegenstande des Schreckens und Hasses gemacht hatte, war nicht mehr und hatte in dem was man den untergeordneten Staatssekretärposten nennen kann, Sir Wilhelm Trumball zum Nachfolger erhalten, einen gelehrten Juristen und erfahrenen Diplomaten von gemäßigten Ansichten und einer Behutsamkeit, die an Zaghaftigkeit grenzte.[45] Die Mißvergnügten wurden durch die Milde der Regierung kühn gemacht. Wilhelm war kaum nach dem Continent abgesegelt, so hielten sie an einem ihrer Lieblingszusammenkunftsorte, dem Old King’s Head in Leadenhall Street, ein großes Meeting. Charnock, Porter, Goodman, Parkyns und Fenwick waren anwesend. Auch der Earl von Aylesbury war zugegen, ein Mann, dessen Anhänglichkeit an das exilirte Königshaus notorisch war, der es aber stets in Abrede stellte, daß er je daran gedacht habe, durch unmoralische Mittel eine Restauration herbeizuführen. Sein Leugnen würde mehr Anspruch auf Glaubwürdigkeit haben, hätte er nicht dadurch, daß er der Regierung, gegen die er beständig intriguirte, die Eide geleistet, das Recht verwirkt, als ein Mann von Gewissen und Ehre betrachtet zu werden. Ferner nahm Sir John Friend an der Versammlung Theil, ein Eidverweigerer, der zwar einen sehr schwachen Verstand besaß, sich aber als Brauer ein sehr großes Vermögen erworben hatte, das er bereitwillig auf Insurrectionspläne verwendete. Nach dem Diner — denn die Pläne der Jakobiten wurden gewöhnlich beim Weine entworfen und zeigten in der Regel einige Spuren von der heiteren Gemüthsstimmung, in der sie entstanden waren — wurde resolvirt, daß die Zeit zu einem Aufstande und zu einer französischen Invasion gekommen sei und daß ein besonderer Abgesandter die Ansicht der Versammlung nach Saint-Germains überbringen sollte. Charnock wurde dazu auserwählt. Er nahm den Auftrag an, fuhr über den Kanal, sprach mit Jakob und hatte Unterredungen mit den Ministern Ludwig’s, konnte aber nichts zu Stande bringen. Die englischen Mißvergnügten wollten nichts unternehmen, bevor nicht zehntausend Mann französischer Truppen auf der Insel wären, und zehntausend Mann konnten nicht ohne große Gefahr der Armee entzogen werden, welche in den Niederlanden gegen Wilhelm kämpfte. Als Charnock zurückkehrte, um die Erfolglosigkeit seiner Sendung zu berichten, fand er einige seiner Bundesgenossen im Gefängniß. Sie hatten sich während seiner Abwesenheit nach ihrer Weise die Zeit damit vertrieben, daß sie am 10. Juni, dem Geburtstage des unglücklichen Prinzen von Wales, einen Aufstand in London anzustiften versuchten. Sie versammelten sich in einem Wirthshause in Drury Lane, und nachdem sie sich die Köpfe durch Wein erhitzt hatten, brachen sie unter Anführung Porter’s und Goodman’s mit den Degen in der Hand auf, zogen mit Trommelwirbel durch die Straßen, entfalteten Banner und begannen Freudenfeuer anzuzünden. Aber die Wache, vom Volke unterstützt, war zu stark für die Unruhstifter. Sie wurden in die Flucht geschlagen, das Wirthshaus, in dem sie geschwelgt hatten, wurde vom Pöbel demolirt, die Rädelsführer wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und mit Geldbußen und Gefängnißhaft bestraft, erlangten aber Zeit genug ihre Freiheit wieder, um sich an einem weit strafbareren Anschlage zu betheiligen.[46]
Belagerung von Namur.
Inzwischen war Alles zur Ausführung des von Wilhelm entworfenen Planes bereit. Dieser Plan war den übrigen Befehlshabern der alliirten Truppen mitgetheilt worden und hatte lebhaften Beifall gefunden. Vaudemont wurde mit einem beträchtlichen Armeecorps in Flandern gelassen, um Villeroy zu überwachen. Der König marschirte mit dem Reste seiner Armee direct auf Namur. In dem nämlichen Augenblicke rückte der Kurfürst von Bayern von der einen und die Brandenburger von einer andren Seite gegen denselben Punkt heran. Diese Bewegungen waren so gut verabredet worden und wurden so rasch ausgeführt, daß der geschickte und energische Boufflers nur eben noch Zeit hatte, sich in die Festung zu werfen. Er hatte sieben Dragonerregimenter, ein starkes Corps Artilleristen, Sappeurs und Mineurs und einen Offizier Namens Megrigny bei sich, der mit Ausnahme Vauban’s für den besten Ingenieur in französischen Diensten galt. Wenige Stunden nachdem Boufflers in die Festung eingezogen war, umzingelten die Belagerungstruppen sie von allen Seiten und die Circumvallationslinien wurden rasch gebildet.
Die Nachricht erweckte keine Besorgniß am französischen Hofe. Man zweifelte dort nicht, daß Wilhelm sehr bald gezwungen werden würde, mit schwerem Verlust und Schande von seinem Unternehmen abzustehen. Die Stadt war stark befestigt, das Kastell galt für uneinnehmbar, die Magazine waren mit Lebensmitteln und Munition hinreichend versehen, um bis zu der Zeit vorzuhalten, wo man von den Armeen der damaligen Zeit erwartete, daß sie ihre Winterquartiere beziehen würden; die Besatzung bestand aus sechzehntausend Mann der besten Truppen der Welt, sie wurde von einem ausgezeichneten General befehligt, dem ein ausgezeichneter Ingenieur zur Seite stand, und überdies zweifelte man nicht, daß Villeroy mit seiner großen Armee zur Unterstützung Boufflers’ herbeieilen und daß die Belagerer dann in größerer Gefahr sein würden als die Belagerten.
Diese Hoffnungen wurden durch die Depeschen Villeroy’s aufrechterhalten. Er gedenke, sagte er, zuerst Vaudemont’s Armeecorps zu vernichten und dann Wilhelm von Namur zu vertreiben. Vaudemont werde vielleicht einer Schlacht auszuweichen versuchen, aber er könne nicht entrinnen. Der Marschall ging so weit, daß er seinem Gebieter die Nachricht von einem vollständigen Siege innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden versprach. Ludwig brachte einen ganzen Tag in ungeduldiger Erwartung zu. Endlich kam anstatt eines mit englischen und holländischen Fahnen beladenen Offiziers von hohem Range ein Courier an, der die Nachricht brachte, daß Vaudemont fast ohne allen Verlust seinen Rückzug bewerkstelligt habe und unter den Mauern von Gent in Sicherheit sei. Wilhelm lobte das Feldherrntalent seines Unterbefehlshabers in den wärmsten Ausdrücken. „Mein Vetter,” schrieb er an ihn, „Sie haben sich als einen größeren Meister in Ihrer Kunst erwiesen, als wenn Sie eine offene Feldschlacht gewonnen hätten.”[47] Im französischen Lager jedoch und am französischen Hofe war man allgemein der Ansicht, daß Vaudemont weniger durch seine eigene Geschicklichkeit als durch das fehlerhafte Verfahren seiner Gegner gerettet worden sei. Einige warfen die ganze Schuld auf Villeroy, und Villeroy machte keinen Versuch, sich zu rechtfertigen. Man glaubte aber allgemein, daß er sich wenigstens zum großen Theil hätte rechtfertigen können, wenn ihm die königliche Gunst nicht lieber gewesen wäre als militärischer Ruhm. Sein Plan, sagte man, hätte gelingen können, wäre die Ausführung desselben nicht dem Herzoge von Maine übertragen worden. Bei dem ersten Schimmer von Gefahr sei dem Bastard der Muth gesunken. Er habe seine Angst nicht zu verbergen vermocht. Zitternd, stammelnd und nach seinem Beichtvater rufend, habe er dagestanden, während die ihn umgebenden alten Offiziere ihn mit Thränen in den Augen beschworen hätten vorzurücken. Eine kurze Zeit wurde die Schande des Sohnes dem Vater verschwiegen. Aber Villeroy’s Stillschweigen bewies, daß ein Geheimniß dahinter stak, die Spötteleien der holländischen Journale klärten das Geheimniß bald auf, und Ludwig erfuhr, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, doch genug, um sich unglücklich zu fühlen. Noch nie während seiner langen Regierung war er so bewegt gewesen. Einige Stunden lang hielt seine finstre Gereiztheit seine Diener, seine Höflinge und selbst seine Priester in Schrecken. Er vergaß die Liebenswürdigkeit und den edlen Anstand, wegen denen er in der ganzen Welt berühmt war, so weit, daß er vor den Augen einer glänzenden Schaar von Herren und Damen, welche nach Marly gekommen waren, um ihn speisen zu sehen, einen Stock auf dem Rücken eines Lakaien zerschlug und den armen Teufel noch mit dem abgebrochenen Griffe verfolgte.[48]
Inzwischen wurde die Belagerung von Namur von den Verbündeten energisch betrieben. Der wissenschaftliche Theil ihrer Operationen stand unter der Leitung Cohorn’s, der durch Wetteifer angespornt wurde, seine ganze Geschicklichkeit aufzubieten. Drei Jahre früher hatte er die Kränkung erfahren, die von ihm befestigte Stadt durch seinen großen Lehrmeister Vauban genommen zu sehen. Sie jetzt, nachdem die Festungswerke neue Verbesserungen erhalten hatten, wiederzunehmen, wäre eine würdige Revanche gewesen.
Am 2. Juli wurden die Laufgräben eröffnet. Am 8. wurde ein tapferer Ausfall französischer Dragoner tapfer zurückgeschlagen, und spät an demselben Abend erstürmte ein starkes Infanteriecorps, mit den englischen Fußgarden voran, nach einem blutigen Kampfe die Außenwerke auf der Brüsseler Seite. Der König leitete persönlich den Angriff, und seine Unterthanen erfuhren mit Entzücken, daß er, als der Kampf am heißesten war, seine Hand auf die Schulter des Kurfürsten von Bayern legte und ausrief: „Sehen Sie, sehen Sie meine wackeren Engländer!” Eine besondere Tapferkeit selbst unter diesen tapferen Engländern legte Cutts an den Tag. In dem Bulldoggenmuthe, der vor keiner noch so fürchterlichen Gefahr zurückschreckt, hatte er nicht seines Gleichen. Es hielt zwar nicht schwer, verwegene Freiwillige, Deutsche, Holländer und Briten zu finden, die das Aeußerste wagten; aber Cutts war der Einzige, der eine solche Expedition als eine Lustpartie zu betrachten schien. Er fühlte sich in dem heftigsten Feuer der französischen Batterien so behaglich, daß seine Soldaten ihm den ehrenvollen Beinamen des Salamanders gaben.[49]
Am 17. wurde die erste Contrescarpe der Stadt angegriffen. Die Engländer und Holländer wurden dreimal mit großem Blutvergießen zurückgeschlagen und kehrten dreimal zum Angriff zurück. Endlich blieben die Angreifenden, trotz der Anstrengungen der französischen Offiziere, welche mit dem Degen in der Hand auf dem Glacis fochten, Herren der streitigen Werke. Während der Kampf wüthete, erblickte Wilhelm, der im dichtesten Kugelregen seine Befehle ertheilte, mit Erstaunen und Verdruß unter den Offizieren seines Stabes Michael Godfrey, den Vicegouverneur der Bank von England. Dieser Gentleman war in das Hauptquartier des Königs gekommen, um einige Anordnungen zur schnellen und sicheren Beförderung von Geld aus England zur Armee in den Niederlanden zu treffen, und war neugierig, einmal wirklichen Krieg mit anzusehen. Solche Neugierde konnte Wilhelm nicht leiden. „Mr. Godfrey,” sagte er zu ihm, „Sie sollten sich nicht diesen Gefahren aussetzen; Sie sind kein Soldat und können uns hier nichts nützen.” — „Sire,” erwiederte Godfrey, „ich bin keiner größeren Gefahr ausgesetzt als Eure Majestät.” — „Nicht doch,” entgegnete Wilhelm, „ich bin da, wo meine Pflicht mir zu sein gebietet, und ich kann ohne Anmaßung mein Leben in Gottes Hand legen; aber Sie —” Während sie noch so mit einander sprachen, streckte eine Kanonenkugel von den Wällen Godfrey todt zu den Füßen des Königs nieder. Man fand jedoch nicht, daß die Furcht, „gegodfreyt” zu werden — dies war einige Zeit der gebräuchliche Ausdruck — müßige Zuschauer abhielt, in die Laufgräben zu kommen.[50] Obgleich Wilhelm seinen Kutschern, Bedienten und Köchen verbot, sich auszusetzen, sah er sie doch zu wiederholten Malen an den gefährlichsten Orten umherstreifen, um einen Blick auf den Kampf zu werfen. Er soll sich zuweilen haben hinreißen lassen, sie mit der Reitpeitsche aus dem Bereich der französischen Kanonen zu treiben, und die Anekdote ist, mag sie wahr oder erdichtet sein, jedenfalls sehr bezeichnend.
Uebergabe der Stadt Namur.
Am 20. Juli bemächtigten sich die Bayern und Brandenburger unter Cohorn’s Leitung nach hartem Kampfe einer Linie von Vertheidigungswerken, welche Vauban in festes Gestein von der Sambre bis zur Maas gehauen hatte. Drei Tage später setzten sich die Engländer und Holländer, Cutts wie gewöhnlich in vorderster Reihe, in der zweiten Contrescarpe fest. Alles war zu einem Hauptsturme bereit, als eine weiße Fahne auf den Wällen erschien. Der Effectivbestand der Besatzung betrug jetzt noch wenig mehr als die Hälfte von dem was er bei Eröffnung der Laufgräben gewesen war. Boufflers fürchtete, daß es unmöglich sein werde, mit achttausend Mann den ganzen Gürtel der Mauern noch viel länger zu vertheidigen; aber er war überzeugt, daß ein solches Truppencorps hinreichen werde, das Kastell auf dem Gipfel des Felsens zu behaupten. Ueber die Kapitulationsbedingungen wurde man bald einig. Ein Thor wurde den Verbündeten preisgegeben. Den Franzosen wurden achtundvierzig Stunden bewilligt, um sich in das Kastell zurückzuziehen, und es wurde ihnen die Versicherung gegeben, daß die Verwundeten, welche sie unten ließen, etwa fünfzehnhundert an der Zahl, gut behandelt werden sollten. Am 6. rückten die Alliirten ein. Der Kampf um den Besitz der Stadt war vorüber, und ein neuer und furchtbarerer Kampf begann um den Besitz der Citadelle.[51]
Villeroy hatte unterdessen einige kleine Eroberungen gemacht. Dixmuyden, das einigen Widerstand hätte leisten können, hatte ihm nicht ohne dringenden Verdacht der Verrätherei von Seiten des Gouverneurs, seine Thore geöffnet. Deynse, das weniger im Stande war, sich zu vertheidigen, war diesem Beispiele gefolgt. Die Besatzungen der beiden Städte waren in offener Verletzung eines zur Auswechselung der Gefangenen getroffenen Uebereinkommens nach Frankreich geschickt worden. Der Marschall rückte hierauf gegen Brüssel vor, wahrscheinlich in der Hoffnung, durch Bedrohung dieser schönen Hauptstadt die Verbündeten zur Aufhebung der Belagerung des Kastells von Namur zu bestimmen. Sechsunddreißig Stunden lang warf er Bomben und glühende Kugeln in die Stadt. Die Kurfürstin von Bayern, die sich innerhalb der Mauern befand, abortirte vor Schreck. Sechs Klöster wurden zerstört. Fünfzehnhundert Häuser standen zu gleicher Zeit in Flammen. Die ganze untere Stadt würde bis auf den Grund niedergebrannt sein, hätten nicht die Bewohner durch Sprengung zahlreicher Gebäude dem Feuer Schranken gesetzt. Ungeheure Massen der kostbarsten Spitzen und Teppiche wurden vernichtet, denn die Industrie und der Handel, welche Brüssel in der ganzen Welt berühmt gemacht hatten, waren bisher durch den Krieg wenig beeinträchtigt worden. Mehrere von den Prachtgebäuden, welche den Marktplatz umgaben, wurden in Trümmer geschossen. Selbst das Rathhaus, das prächtigste der vielen prächtigen Senatshäuser, welche die Bürger der Niederlande erbaut haben, war in der größten Gefahr. All’ diese Verwüstung bewirkte jedoch weiter nichts, als daß sie viele Privatleute unglücklich machte. Wilhelm ließ sich weder durch Furcht noch durch Herausforderung bewegen, die Hand, mit der er Namur umklammert hielt, zu lockern. Das Feuer, das seine Batterien rings um das Kastell unterhielten, war von der Art, wie man es noch in keinem Kriege gesehen hatte. Die französischen Kanoniere wurden durch den Kugelregen von ihren Geschützen vertrieben und gezwungen, in unterirdischen gewölbten Gallerien Schutz zu suchen. Cohorn wettete jubelnd mit dem Kurfürsten von Bayern um vierhundert Pistolen, daß der Platz bis zum 31. August neuen Styls fallen werde. Der große Ingenieur verlor zwar seine Wette, aber nur um wenige Stunden.[52]
Boufflers begann jetzt einzusehen, daß seine einzige Hoffnung noch auf Villeroy ruhte. Dieser war von Brüssel nach Enghien gerückt, hatte dort aus den entferntesten Festungen der Niederlande alle entbehrlichen Truppen zusammengezogen und marschirte nun an der Spitze von mehr als achtzigtausend Mann auf Namur. Mittlerweile stieß Vaudemont zu den Belagerern. Wilhelm hielt sich daher für stark genug, Villeroy eine Schlacht anzubieten, ohne die Operationen gegen Boufflers einen Augenblick einzustellen. Dem Kurfürsten von Bayern wurde die unmittelbare Leitung der Belagerung übertragen. Der König von England nahm auf der Westseite der Stadt eine stark verschanzte Stellung ein und erwartete hier die von Enghien heranrückenden Franzosen. Alles schien anzudeuten, daß ein wichtiger Tag bevorstehe. Zwei der zahlreichsten und besten Armeen, welche Europa je gesehen, standen einander gegenüber. Am 15. August erblickten die Vertheidiger des Kastells von ihren Wachtthürmen das mächtige Heer ihrer Landsleute. Zwischen diesem Heere aber und der Citadelle war das nicht minder mächtige Heer Wilhelm’s in Schlachtordnung aufgestellt. Villeroy gab Boufflers durch eine Salve von neunzig Kanonenschüssen das Versprechen eines baldigen Entsatzes, und in der Nacht mahnte Boufflers durch Signalfeuer, welche weithin über die ausgedehnte Ebene der Maas und Sambre zu sehen waren, Villeroy an die schleunige Erfüllung dieses Versprechens. In den Hauptstädten Frankreich’s und England’s war Alles in der ängstlichsten Spannung. Ludwig schloß sich in sein Betzimmer ein, beichtete, genoß das heilige Abendmahl und gab Befehl, daß die Hostie in seiner Kapelle ausgestellt werden solle. Seine Gemahlin hieß alle ihre Nonnen niederknien.[53] London wurde durch eine Reihenfolge von Gerüchten, theils von Jakobiten, theils von Börsenspekulanten fabricirt, in einem Zustande heftiger Aufregung erhalten. Eines frühen Morgens wurde mit Bestimmtheit behauptet, es habe eine Schlacht stattgefunden, die Verbündeten seien geschlagen, der König getödtet und die Belagerung aufgehoben worden. Sobald die Börse geöffnet wurde, war sie gedrängt voll Leute, welche hören wollten, ob die Nachricht wahr sei. Die Straßen waren den ganzen Tag mit Gruppen von Schwatzenden und Zuhörenden angefüllt. Am Nachmittag beruhigte die Gazette, welche ungeduldig erwartet worden war und von Tausenden begierig gelesen wurde, die Aufregung, jedoch nicht vollkommen, denn man wußte, daß die Jakobiten durch Kaper und Schmuggler, die bei jedem Wetter in See gingen, früher Nachrichten erhielten als sie dem Staatssekretär in Whitehall auf dem regelmäßigen Wege zukamen. Noch vor dem Abend hatte sich die Aufregung völlig gelegt; aber sie wurde durch einen frechen Betrug plötzlich wieder angefacht. Ein Reiter in der Uniform der Garden sprengte durch die City und meldete, daß der König gefallen sei. Er würde wahrscheinlich einen ernsten Aufruhr veranlaßt haben, hätten ihn nicht einige für die Revolution und den protestantischen Glauben schwärmende junge Handwerker zu Boden geschlagen und nach Newgate transportirt. Der vertraute Correspondent der Generalstaaten berichtete nach dem Haag, daß man trotz aller Geschichten, welche die mißvergnügte Partei erfinde und aussprenge, allgemein der Ueberzeugung sei, daß die Alliirten siegen würden. Der Probierstein der Aufrichtigkeit in England, schrieb er, seien die Wetten. Die Jakobiten seien zwar stets bereit zu beweisen, daß Wilhelm geschlagen werden müsse, oder zu behaupten, daß er schon geschlagen sei; aber sie wollten gleichwohl keine höheren Einsätze wetten als ihre Gegner und seien kaum zu bewegen, überhaupt eine Wette einzugehen. Die Whigs seien hingegen bereit, Tausende von Guineen auf den Ausgang des Kriegs und auf den Glücksstern des Königs zu wetten.[54]
Die Ereignisse rechtfertigten das Vertrauen der Whigs und die Zurückhaltung der Jakobiten. Am 16., 17. und 18. August standen die Armeen Villeroy’s und Wilhelm’s einander gegenüber. Man erwartete mit Bestimmtheit, daß der 19. der entscheidende Tag sein werde. Die Alliirten waren schon vor Tagesanbruch kampffertig. Um vier Uhr stieg Wilhelm zu Pferde und ritt bis acht Uhr Abends von Posten zu Posten, seine Truppen vertheilend und die Bewegungen des Feindes beobachtend. Der Feind näherte sich seinen Verschanzungen an mehreren Stellen hinreichend um zu sehen, daß es nicht leicht sein würde, ihn daraus zu vertreiben; aber es kam zu keinem Gefecht. Er legte sich zur Ruhe nieder und erwartete mit Sonnenaufgang angegriffen zu werden. Aber als die Sonne aufging, sah er, daß die Franzosen sich einige Meilen zurückgezogen hatten. Er schickte sofort einen Boten an den Kurfürsten von Bayern und ersuchte ihn, unverzüglich das Kastell zu erstürmen. Während man die nöthigen Vorbereitungen dazu traf, wurde Portland abgeschickt, um die Besatzung zum letzten Male zur Uebergabe aufzufordern. Es sei klar, sagte er zu Boufflers, daß Villeroy alle Hoffnung aufgegeben habe, die Belagerung aufheben zu können. Es würde daher eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben sein, wenn er den Kampf noch länger fortsetze. Boufflers war jedoch der Meinung, daß zur Wahrung der französischen Waffenehre noch ein Tag des Gemetzels erforderlich sei, und Portland kehrte zurück, ohne etwas ausgerichtet zu haben.[55]
In den ersten Nachmittagsstunden wurde der Sturm durch vier Divisionen des verbündeten Heeres an vier Stellen zu gleicher Zeit unternommen. Ein Punkt war den Brandenburgern, ein andrer den Holländern, ein dritter den Bayern und der vierte den Engländern angewiesen. Die Engländer waren zuerst minder glücklich, als sie seither gewesen. Dies kam daher, weil die meisten diensterfahrenen Regimenter mit Wilhelm gegen Villeroy marschirt waren. Sobald als das Zeichen durch Sprengen zweier Pulverfässer gegeben war, rückte Cutts zuerst an der Spitze einer kleinen Schaar Grenadiere unter Trommelwirbel und mit fliegenden Fahnen aus den Laufgräben vor. Dieses tapfere Corps sollte durch vier Bataillone unterstützt werden, welche noch nie im Feuer gewesen waren und die, obgleich vom muthigsten Geiste beseelt, noch der Festigkeit entbehrten, die ein so gefährlicher Dienst erforderte. Die Offiziere fielen rasch hintereinander. Jeder Oberst und jeder Oberstleutnant wurde getödtet oder schwer verwundet, Cutts erhielt eine Kugel in den Kopf, die ihn für einige Zeit kampfunfähig machte. Die unerfahrenen Rekruten, so fast ohne alte Führung, drangen mit Ungestüm vorwärts, bis sie in Unordnung und außer Athem unter einem mörderischen Feuer und einem fast ebenso mörderischen Hagel von Fels- und Mauerstücken, vor einem Abgrunde ankamen. Sie verloren den Muth und wichen in Verwirrung zurück, bis es Cutts, dessen Wunde inzwischen verbunden worden war, gelang, sie wieder zu sammeln. Er führte sie nun nicht dahin von wo sie zurückgetrieben worden waren, sondern auf einen andren Punkt, wo ein furchtbarer Kampf wüthete. Die Bayern hatten tapfer, aber erfolglos ihren Sturmangriff gemacht; ihr General war gefallen und sie begannen schon zu wanken, als die Ankunft des Salamanders und seiner Leute das Schicksal des Tages änderte. Zweihundert englische Freiwillige, welche die Unehre ihres vorherigen Zurückweichens um jeden Preis wieder gut machen wollten, waren die Ersten, die sich mit dem Säbel in der Faust einen Weg durch die Palissaden bahnten, eine Batterie erstürmten, die unter den Bayern arg aufgeräumt hatte, und die Kanonen gegen die Besatzung richteten. Unterdessen hatten die vortrefflich disciplinirten und vortrefflich commandirten Brandenburger ohne großen Verlust die ihnen zuertheilte Aufgabe gelöst. Die Holländer waren ebenso glücklich gewesen. Als der Abend hereinbrach, hatten die Verbündeten die Außenwerke des Kastells auf eine Meile im Umfang im Besitz. Dieser Vortheil War mit dem Verluste von zweitausend Mann erkauft worden.[56]
Jetzt endlich glaubte Boufflers Alles gethan zu haben, was seine Pflicht erheischte. Am andren Morgen bat er um einen achtundvierzigstündigen Waffenstillstand, um die Hunderte von Leichen, welche die Gräben füllten und welche bald unter den Belagerern wie unter den Belagerten Krankheiten erzeugt haben würden, wegräumen und beerdigen zu lassen. Sein Ansuchen wurde bewilligt, und noch vor Ablauf der festgesetzten Zeit ließ er sagen, daß er geneigt sei zu kapituliren. Er wolle, sagte er, das Schloß binnen zehn Tagen übergeben, wenn er bis dahin nicht entsetzt würde. Es wurde ihm darauf erwiedert, daß die Verbündeten auf solche Bedingungen nicht mit ihm unterhandeln könnten und daß er sich entweder zu einer sofortigen Uebergabe verstehen oder auf einen unverzüglichen Sturm gefaßt machen müsse. Er gab nach und man kam überein, daß ihm und seinen Leuten freier Abzug gestattet werden, und daß er die Citadelle, die Artillerie und die Vorräthe den Siegern überlassen solle. Drei Salven aus sämmtlichen Feuerschlünden der verbündeten Armee verkündeten Villeroy den Fall der Festung, der er vergebens Unterstützung zu bringen versucht hatte. Er zog sich augenblicklich auf Mons zurück und ließ Wilhelm im ungestörten Genusse eines Triumphes, welcher durch die Erinnerung an vieles Mißgeschick noch erhöht wurde.
Uebergabe des Kastells von Namur.
Der 26. August war zu einem Schauspiele bestimmt worden, wie es der älteste Soldat in Europa noch nie gesehen und wie es noch vor wenigen Wochen der jüngste Soldat kaum zu erleben gehofft hatte. Von Condé’s erster bis zu Luxemburg’s letzter Schlacht hatte die Fluth des militärischen Erfolgs ohne erhebliche Unterbrechung fortwährend eine und dieselbe Richtung beibehalten. Jetzt wendete sich das Kriegsglück. Zum ersten Male, sagte man, seit Frankreich Marschälle habe, sollte ein Marschall von Frankreich eine Festung einem siegreichen Feinde übergeben.
Die in einer Doppelreihe aufgestellten verbündeten Truppen, Infanterie und Cavallerie, bildeten eine prächtige Gasse von der Bresche, um welche vor kurzem mit so verzweifelter Tapferkeit gekämpft worden war, bis ans Ufer der Maas. Der Kurfürst von Bayern, der Landgraf von Hessen und viele hohe Offiziere hielten zu Pferde in der Umgebung des Kastells. Wilhelm befand sich nahe bei ihnen in seinem Wagen. Die auf ungefähr fünftausend Mann zusammengeschmolzene Besatzung kam mit Trommelwirbel und wehenden Fahnen heraus. Boufflers schloß mit seinem Stabe den Zug. Es war einige Schwierigkeit über die Form der Begrüßung entstanden, welche zwischen ihm und den verbündeten Souverainen gewechselt werden mußte. Ein Kurfürst von Bayern hatte kaum Anspruch darauf, von einem Marschall von Frankreich mit dem Degen salutirt zu werden. Ein König von England hatte unbestreitbar Anspruch auf ein solches Zeichen von Ehrerbietung; aber Frankreich erkannte Wilhelm nicht als König von England an. Endlich verstand sich Boufflers dazu, die Salutirung zu verrichten, ohne zu zeigen, welchem der beiden Souveraine sie gelte. Er senkte seinen Degen. Wilhelm allein erwiederte das Compliment. Hierauf folgte eine kurze Unterredung. Um den Gebrauch der Worte Sire und Majestät zu vermeiden, wendete sich der Marschall nur an den Kurfürsten. Dieser theilte Wilhelm das Gesagte mit allen Zeichen der Ehrerbietung mit, und Wilhelm berührte kalt seinen Hut. Die Offiziere der Garnison nahmen die Nachricht mit in ihr Vaterland, daß der Emporkömmling, der in Paris nur der Prinz von Oranien genannt wurde, von den stolzesten Potentaten des deutschen Staatenbundes mit ebenso tiefer Ehrerbietung behandelt wurde, als Ludwig sie von seinen Kammerherren verlangte.[57]
Verhaftung Boufflers’.
Die Ceremonie war jetzt vorüber, und Boufflers ritt weiter; aber er hatte erst eine kurze Strecke Wegs zurückgelegt, als er von Dykvelt angehalten wurde, der die verbündete Armee als Deputirter der Generalstaaten begleitete. „Sie müssen in die Stadt zurückkehren, mein Herr,” redete Dykvelt ihn an. „Der König von England hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie sein Gefangener sind.” Boufflers war außer sich vor Wuth. Seine Offiziere schaarten sich um ihn und schwuren, ihn bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen: Aber von Widerstand konnte nicht die Rede sein, denn eine starke Abtheilung holländischer Reiterei kam heran, und der Brigadier verlangte den Degen des Marschalls. Der Marschall äußerte laut seinen Unwillen. „Das ist ein abscheulicher Wortbruch! Lesen Sie die Bedingungen der Kapitulation. Was habe ich gethan, um einen solchen Affront zu verdienen? Habe ich mich nicht als Mann von Ehre benommen? Muß ich nicht als ein solcher behandelt werden? Bedenken Sie wohl was Sie thun, meine Herren. Ich diene einem Gebieter, der mich rächen kann und wird.” — „Ich bin Soldat, mein Herr,” entgegnete der Brigadier, „und es ist meine Pflicht, erhaltenen Befehlen zu gehorchen, ohne mich um das Weitere zu bekümmern.” Dykvelt erwiederte sodann ruhig und artig auf die unwilligen Aeußerungen des Marschalls: „Der König hat nur mit Widerstreben das von Ihrem Gebieter gegebene Beispiel nachgeahmt. Die Soldaten, welche die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse bildeten, sind trotz gegebenen Zusicherungen als Gefangene nach Frankreich geschickt worden. Der Fürst, dem sie dienen, würde seiner Pflicht gegen sie uneingedenk sein, wenn er nicht Wiedervergeltung übte. Se. Majestät hätte mit vollem Rechte alle Franzosen, die in Namur waren, zurückhalten können. Aber er will einem Präcedenzfalle, den er mißbilligt, nicht so weit Folge geben. Er hat beschlossen, Sie, und nur Sie allein gefangen zu nehmen, und Sie dürfen eine Maßregel, welche thatsächlich ein Zeichen seiner besonderen Achtung gegen Sie ist, nicht als eine Beleidigung ansehen. Wie kann er Ihnen ein glänzenderes Compliment machen, als indem er Ihnen beweist, daß er Sie als ein vollkommenes Aequivalent für die fünf- bis sechstausend Mann betrachtet, welche Ihr Souverain widerrechtlich als Gefangene zurückhält? Ich will Sie sogar noch jetzt ungehindert Ihres Weges ziehen lassen, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, wieder hierher zurückzukehren, im Fall die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse nicht binnen vierzehn Tagen in Freiheit gesetzt werden.” — „Ich weiß nicht, warum mein Gebieter jene Soldaten zurückhält, und daher kann ich Ihnen keine Hoffnung darauf machen, daß er sie freilassen wird. Sie haben eine Armee hinter Sich; ich bin allein; handeln Sie nach Ihrem Belieben.” Er lieferte seinen Degen ab, kehrte nach Namur zurück und wurde von dort nach Huy gebracht, wo er einige Tage in luxuriöser Ruhe verlebte, nach Gefallen ausgehen und ausreiten durfte wann er wollte, und von Denen, die ihn bewachten, mit ausgezeichneter Rücksicht behandelt wurde. In der kürzesten Zeit, in der es möglich war, von dem Orte, wo er in Haft gehalten wurde, an den französischen Hof zu schreiben und Antwort zurück zu erhalten, empfing er die Ermächtigung, zu versprechen, daß die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse zurückgeschickt werden sollten. Er wurde sogleich in Freiheit gesetzt und reiste nach Fontainebleau ab, wo ein ehrenvoller Empfang seiner wartete. Er wurde zum Herzog und Pair ernannt. Damit er den nöthigen Aufwand seiner neuen Würden bestreiten konnte, erhielt er zugleich eine bedeutende Summe Geldes, und Ludwig bewillkommnete ihn in Anwesenheit des gesammten französischen Adels mit einer herzlichen Umarmung.[58]
In allen gegen Frankreich verbündeten Ländern wurde die Nachricht von dem Falle Namur’s mit Freude begrüßt; bei uns aber war der Jubel am größten. Seit mehreren Generationen hatten unsere Vorfahren zu Lande keine bedeutende Waffenthat gegen auswärtige Feinde vollführt. Wir hatten zwar unseren Bundesgenossen zuweilen kleine Hülfscorps geliefert, welche die Ehre der Nation in gutem Ansehen erhielten. Aber von dem Tage an, wo die beiden tapferen Talbot, Vater und Sohn, in dem vergeblichen Versuche, Guienne wieder zu erobern, umgekommen waren, bis zur Revolution, hatte auf dem Continent kein Feldzug stattgefunden, in welchem die Engländer eine Hauptrolle gespielt hätten. Endlich hatten unsere Vorfahren nach einer Pause von nahe an dritthalb Jahrhunderten wieder angefangen, den Kriegern Frankreich’s die Palme des militärischen Ruhmes streitig zu machen. Es war ein harter Kampf gewesen. Das Genie Luxemburg’s und die ausgezeichnete Disciplin der Haustruppen Ludwig’s hatten in zwei großen Schlachten die Oberhand behalten; aber der Ausgang dieser Schlachten war lange zweifelhaft gewesen, der Sieg war theuer erkauft worden, und der Sieger hatte nicht viel mehr gewonnen als die Ehre, Herr des Schlachtfeldes geblieben zu sein. Inzwischen bildete er selbst seine Gegner aus. Die Rekruten, welche seine strenge Schule überlebten, wurden rasch Veteranen. Steenkerke und London hatten die Freiwilligen gebildet, welche Cutts durch die Palissaden von Namur folgten. Der Ausspruch aller großen Krieger, welche sämmtliche Nationen des westlichen Europa’s an den Zusammenfluß der Sambre und Maas gesandt hatten, lautete, daß der englische Subalternoffizier und der englische Gemeine keinem Subalternoffizier und keinem Gemeinen der Christenheit nachstehe. Die englischen Offiziere höheren Ranges dagegen wurden kaum für würdig erachtet, eine solche Armee zu commandiren. Cutts hatte sich zwar durch seine Unerschrockenheit ausgezeichnet. Aber selbst Diejenigen, die ihn am meisten bewunderten, gestanden zu, daß er weder die Befähigung noch die Kenntnisse besaß, deren ein General bedurfte.
Die Freude der Sieger wurde erhöht durch die Erinnerung an die drei Jahre früher auf dem nämlichen Punkte erlittene Niederlage und an den Uebermuth, mit welchem ihr Feind damals über sie triumphirt hatte. Jetzt war die Reihe zu triumphiren an ihnen. Die Holländer prägten Denkmünzen, die Spanier sangen Te Deums. Es erschienen eine Menge theils ernster, theils launiger Gedichte, von denen nur eines uns erhalten worden ist. Prior travestirte mit köstlichem Geist und Humor die bombastischen Verse, in welchen Boileau die erste Einnahme von Namur verherrlicht hatte. Die beiden Oden, welche nebeneinander gedruckt erschienen, wurden mit großem Vergnügen gelesen, und die Kritiker bei Will’s erklärten, daß England sowohl im Witz als in den Waffen den Sieg davon getragen habe.
Der Fall von Namur war das große militärische Ereigniß dieses Jahres. Der türkische Krieg beschäftigte noch immer einen großen Theil der kaiserlichen Truppen mit unentscheidenden Operationen an der Donau. Weder in Piemont noch am Rhein geschah etwas Erwähnenswerthes. In Catalonien erlangten die Spanier einige unbedeutende Vortheile, die sie ihren englischen und holländischen Bundesgenossen verdankten, welche alles Mögliche gethan zu haben scheinen, um einer Nation zu helfen, die niemals sonderlich geneigt gewesen ist, sich selbst zu helfen. Die Ueberlegenheit England’s und Holland’s zur See war jetzt notorisch erwiesen. Während des ganzen Jahres war Russell der unbestrittene Herr des mittelländischen Meeres, fuhr zwischen Spanien und Italien hin und her, bombardirte Palamos, verbreitete Schrecken längs der ganzen Küste der Provence und hielt die französische Flotte im Hafen von Toulon eingeschlossen. Mittlerweile war Berkeley der unbestrittene Herr des Kanals, kreuzte angesichts der Küsten des Artois, der Picardie, der Normandie und der Bretagne, warf Bomben nach Saint-Malo, Calais und Dünkirchen und brannte Granville bis auf den Grund nieder. Ludwig’s Flotte, welche fünf Jahre früher die furchtbarste in Europa gewesen, die unbehindert von den Dünen bis Land’s End umhergefahren war, die bei Torbay geankert und Teignmouth in Asche gelegt hatte, gab jetzt kein Lebenszeichen mehr, außer durch das Plündern von Kauffahrern, welche nicht von Kriegsschiffen begleitet waren. In diesem einträglichen Kriege waren, die französischen Kaper gegen Ende des Sommers sehr glücklich. Mehrere mit Zucker beladene Schiffe aus Barbados wurden aufgebracht. Die Verluste der unglücklichen, von Schwierigkeiten schon umgebenen und durch grenzenlose Verschwendung in Bestechungen sehr geschwächten Ostindischen Compagnie waren enorm. Fünf große aus den östlichen Meeren zurückkehrende Schiffe mit Ladungen, deren Werth allgemein auf eine Million geschätzt wurde, fielen in die Hände des Feindes. Diese Unfälle erregten einiges Murren auf der Börse. Im Ganzen aber war die Stimmung der Hauptstadt und der Nation besser als sie seit einigen Jahren gewesen.
Inzwischen fanden in London Ereignisse statt, welche kein früherer Geschichtsschreiber der Erwähnung werth gehalten hat, die aber von weit größerer Wichtigkeit waren als die Waffenthaten von Wilhelm’s Armee oder von Russell’s Flotte. Ein großes Experiment wurde gemacht, eine große Revolution war im Gange: es waren Zeitungen erschienen.
Wirkung der Emancipation der englischen Presse.
So lange die Censuracte in Kraft war, gab es in England keine Zeitungen außer der London Gazette, welche von einem Beamten des Staatssekretariats redigirt wurde und die nichts enthielt als was der Staatssekretär die Nation wissen lassen wollte. Periodische Schriften gab es zwar viele, aber keine derselben konnte eine Zeitung genannt werden. Welwood, ein eifriger Whig, gab ein Journal, der Observator genannt, heraus; aber sein Observator enthielt ebenso wie der früher von Lestrange herausgegebene keine politischen Neuigkeiten, sondern nur politische Abhandlungen. Ein geistesschwacher Buchhändler, Namens Johann Dunton, gab den Athenian Mercury heraus; aber der Athenian Mercury erörterte nur Fragen der Naturwissenschaften, der Casuistik und der Galanterie. Ein Mitglied der königlichen Societät, Namens Johann Houghton, gab eine periodische Schrift heraus, die er eine Sammlung zur Hebung der Industrie und des Handels nannte. Aber seine Sammlung enthielt nicht viel mehr als die Course der Actien, Erklärungen der Art und Weise des Geschäftsganges in der City, Anpreisungen neuer Projecte, Ankündigungen von Büchern, Geheimmitteln, Chokolade, Mineralwasser, Zibethkatzen und Gesuche brodloser Schiffschirurgen, herrenloser Bedienten und heirathslustiger Damen. Wenn er ja einmal eine politische Nachricht mittheilte, so war sie aus der Gazette abgedruckt. Die Gazette aber war eine so parteiische und so magere Chronik der Begebenheiten, daß sie, obgleich ohne alle Concurrenz, doch nur eine geringe Verbreitung hatte. Die Auflage betrug nur achttausend, so daß also bei weitem noch nicht ein Exemplar auf jedes Kirchspiel des Landes kam. In der That, wer die Geschichte seiner Zeit nur aus der Gazette studirt hätte, dem würden viele Ereignisse von höchster Wichtigkeit unbekannt geblieben sein. Er würde zum Beispiel nichts von dem Kriegsgericht über Torrington, von den Untersuchungen in Lancashire, von dem Verbrennen des Hirtenbriefes des Bischofs von Salisbury, oder von der Anklage gegen den Herzog von Leeds erfahren haben. Doch wurden die Lücken der Gazette bis zu einem gewissen Grade in London durch die Kaffeehäuser und in der Provinz durch die Neuigkeitsbriefe ausgefüllt.
Am 3. Mai 1695 erlosch das Gesetz, das die Presse einer Censur unterworfen hatte. Innerhalb der nächsten vierzehn Tage erließ ein entschiedener alter Whig, Namens Harris, der in den Tagen der Ausschließungsbill den Versuch gemacht hatte, eine Zeitung unter dem Titel „Intelligence Domestic and Foreign” zu begründen, aber diesen Plan bald wieder hatte aufgeben müssen, die Anzeige, daß die vor vierzehn Jahren durch die Tyrannei unterdrückte „Intelligence Domestic and Foreign” wieder erscheinen würde. Zehn Tage nach der ersten Nummer der Intelligence erschien die erste Nummer des „English Courant”. Dann kam das „Packet Boat from Holland and Flanders”, der „Pegasus”, der „London Newsletter”, die „London Post”, die „Flying Post”, der „Old Postmaster”, der „Postboy” und der „Postman”. Die Geschichte der Zeitungen von jener Zeit bis auf unsere Tage ist ein höchst interessanter und lehrreicher Theil der Geschichte des Landes. Im Anfang waren sie klein und unansehnlich. Selbst der Postboy und der Postman, welche die bestredigirten und gangbarsten gewesen zu sein scheinen, waren abscheulich auf Blätter von schmutziggrauem Papier gedruckt, wie man es heutzutage nicht gut genug für Straßenballaden halten würde. Es erschienen wöchentlich nur zwei Nummern, und eine Nummer enthielt nicht viel mehr Stoff, als man jetzt in einer einzigen Spalte unserer Tagesblätter findet. Was man jetzt einen Leitartikel nennt, erschien nur selten, außer wenn Mangel an Neuigkeiten war, wenn die holländischen Posten durch den Westwind aufgehalten wurden, wenn die Rapparees im Sumpfe von Allen sich ruhig verhielten, wenn keine Diligence von Straßenräubern angefallen, wenn keine eidverweigernde Gemeinde durch Constabler zerstreut worden, wenn kein Gesandter mit einem langen Gefolge sechsspänniger Equipagen angekommen war, wenn kein Lord oder Dichter in der Abtei begraben worden und wenn es in Folge dessen schwer war, vier dürftige Seiten zu füllen. Indessen waren die Leitartikel, obgleich sie, wie es scheint, nur in Ermangelung anziehenderen Stoffes aufgenommen wurden, keineswegs schlecht geschrieben.
Es ist ein bedeutsames Factum, daß die jungen Zeitungen alle auf Seiten Wilhelm’s und der Revolution waren. Dieses Factum mag sich zum Theil durch den Umstand erklären lassen, daß anfangs die Existenz der Herausgeber von ihrem guten Verhalten abhing. Es war keineswegs klar, ob ihr Gewerbe an sich nicht ungesetzlich war. Das Drucken von Zeitungen war allerdings durch kein Gesetz verboten; aber gegen das Ende der Regierung Karl’s II. hatten die Richter erklärt, daß es nach dem Landrecht ein Vergehen sei, politische Nachrichten ohne Erlaubniß des Königs zu veröffentlichen. Freilich waren die Richter, welche dieses Prinzip aufstellten, nach dem Belieben des Königs absetzbar und beeiferten sich bei jeder Gelegenheit, die königliche Prärogative zu erhöhen. Wie Holt und Treby die Frage, wenn sie wieder aufgeworfen worden wäre, entschieden haben würden, ist zweifelhaft, und die Folge dieser Ungewißheit war, daß die Minister der Krone Nachsicht übten und daß die Journalisten sich vorsahen. Keiner von beiden Theilen hegte den Wunsch, die Rechtsfrage zur Erörterung zu bringen. Die Regierung ließ daher das Erscheinen von Zeitungen stillschweigend hingehen, und die Herausgeber derselben hüteten sich sorgfältig, etwas zu drucken, was die Regierung provociren oder beunruhigen konnte. In einer der ersten Nummern eines der neuen Journale erschien allerdings ein Artikel, der darauf hindeuten zu wollen schien, daß die Prinzessin Anna sich nicht aufrichtig über den Fall von Namur freue. Aber der Drucker beeilte sich, seinen Fehler durch die demüthigsten Entschuldigungen wieder gut zu machen. Eine geraume Zeit waren die nichtamtlichen Zeitungen, wenn auch viel plauderhafter und unterhaltender als die amtliche Gazette, fast eben so höfisch. Wer sie nachliest, wird finden, daß der König stets mit der größten Ehrerbietung erwähnt wird. Ueber die Debatten und Abstimmungen der beiden Häuser wird ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen beobachtet. Es kommen zwar viel Schmähungen darin vor; aber diese sind fast alle gegen die Jakobiten und die Franzosen gerichtet. Es scheint gewiß, daß die Regierung Wilhelm’s durch die Substituirung dieser unter beständiger Furcht vor dem Generalfiskal redigirten gedruckten Zeitungen an Stelle der mit zügelloser Freiheit geschriebenen Neuigkeitsbriefe nicht wenig gewann.[59]
Die Pamphletisten standen unter minder harten Beschränkungen als die Journalisten; doch muß Jeder, der die politische Polemik der damaligen Zeit aufmerksam studirt hat, bemerkt haben, daß die Libelle gegen Wilhelm’s Person und Verwaltung während der zweiten Hälfte seiner Regierung entschieden weniger heftig und hämisch waren als während der ersten Hälfte. Und der Grund davon ist offenbar kein andrer als der, weil die Presse, welche während der ersten Hälfte seiner Regierung in Ketten und Banden lag, während der zweiten Hälfte frei war. So lange die Censur bestand, hatte keine Schrift, welche die Leitung eines Verwaltungszweiges wenn auch in der gemäßigtsten und anständigsten Sprache tadelte, Aussicht, mit Genehmigung des Censors gedruckt werden zu dürfen. Im Allgemeinen blieben daher selbst die achtbaren und gemäßigten Gegner des Hofes, da sie es nicht über sich gewinnen konnten, in der vom Gesetz vorgeschriebenen Weise zu drucken, und es nicht für recht oder rathsam hielten, in einer vom Gesetz verbotenen Weise zu drucken, lieber ganz still und überließen die Kritik der Verwaltung zwei Klassen von Menschen: fanatischen Eidverweigerern, welche aufrichtig glaubten, daß der Prinz von Oranien eben so wenig Anspruch auf Schonung oder Artigkeit habe, wie der Fürst der Finsterniß, und gemeinen, boshaften und lästerzüngigen Miethlingen in Grub Street. Daher gab es unter den Vielen, welche gegen die Regierung zu schreiben pflegten, kaum einen einzigen Verständigen, Gemäßigten und Rechtschaffenen. Die Gewohnheit, gegen die Regierung zu schreiben, übte in der That an sich eine ungünstige Wirkung auf den Character aus, denn wer gewohnt war, gegen die Regierung zu schreiben, der war auch gewohnt, die Gesetze zu übertreten, und die Gewohnheit selbst ein unbilliges Gesetz zu übertreten, führt den Menschen zu völliger Gesetzlosigkeit. Wie absurd ein Zolltarif auch immer sein mag, ein Schmuggler wird stets nur zu wahrscheinlich ein Schurke und Spitzbube sein. Wie despotisch ein Jagdgesetz immer sein mag, der Uebergang von einem Wilddieb zu einem Mörder ist nur zu leicht. Ebenso war, obgleich sich zu Gunsten der die Literatur beschränkenden Gesetze nur wenig sagen läßt, doch große Gefahr vorhanden, daß ein Mann, der diese Gesetze beständig verletzte, kein Mann von besonderer Ehre und strenger Rechtschaffenheit sein würde. Ein Autor, der sich vorgenommen hatte, etwas drucken zu lassen, und die Erlaubniß des Censors dazu nicht erlangen konnte, mußte sich der Beihülfe bedürftiger und verzweifelter Menschen bedienen, welche, von den Dienern des Friedensgerichts verfolgt und gezwungen, jede Woche andere Namen und Verkleidungen anzunehmen, ihr Papier und ihre Typen in jenen Höhlen des Lasters verbargen, welche die Pest und die Schande großer Hauptstädte sind. Solche Elende mußte er erkaufen, damit sie sein Geheimniß bewahrten und sich der Gefahr aussetzten, anstatt seiner ausgepeitscht zu werden oder die Ohren zu verlieren. Ein Mann, der sich zu solchen Genossen und zu solchen Hülfsmitteln herabließ, konnte einen zarten Sinn für Recht und Schicklichkeit kaum unversehrt bewahren. Die Emancipation der Presse bewirkte eine große und heilsame Aenderung. Die besten und einsichtsvollsten Männer in den Reihen der Opposition übernahmen jetzt ein Amt, das bisher den Gewissenlosen und Heißblütigen überlassen gewesen war. Schriften gegen die Regierung wurden jetzt in einem Tone geschrieben, dessen sich Staatsmänner und Gentlemen nicht zu schämen brauchten, und selbst die Producte der niederern und heftigeren Klasse der Mißvergnügten wurden etwas weniger roh und gemein, als sie es in den Tagen der Censoren gewesen waren.
Einige schwache Menschen hatten geglaubt, daß Religion und Moral des Schutzes eines Censors bedürften. Der Lauf der Dinge bewies schlagend, daß sie im Irrthum waren. Die Censur hatte in der That die Zügellosigkeit und Profanation so gut als gar nicht beschränkt. Das „Verlorne Paradies” war mit genauer Noth der Verstümmelung entgangen, denn das Verlorne Paradies war das Werk eines Mannes, dessen politische Ansichten den herrschenden Gewalten verhaßt waren. Aber Etherege’s She Would If She Could, Wycherley’s Country Wife, Dryden’s „Uebersetzungen aus dem vierten Buche des Lucrez” erlangten ohne Mühe das Imprimatur, denn Dryden, Etherege und Wycherley waren Höflinge. Von dem Tage, an welchem die Emancipation unsrer Literatur eintrat, begann die Läuterung unsrer Literatur. Diese Läuterung wurde nicht durch das Einschreiten von Senaten oder Magistraten bewirkt, sondern durch die Ansicht der großen Masse der gebildeten Engländer, denen das Gute und das Schlechte vor Augen gelegt, und denen es freigestellt wurde, zu wählen. Seit hundertsechzig Jahren ist die Freiheit unsrer Presse immer vollständiger geworden, und während dieser hundertsechzig Jahre ist der Zügel, den die allgemeine Gesinnung der Leser den Schriftstellern angelegt hat, immer wirksamer geworden. Endlich ist selbst diejenige Klasse von Schriften, von denen man sonst meinte, daß eine wollüstige Phantasie sich darin Ausschreitungen gestatten dürfe, wie Liebeslieder, Lustspiele und Novellen, anständiger geworden, als die Predigten des 17. Jahrhunderts es waren. Heutzutage können Ausländer, die kein tadelndes Wort gegen die Regierung, unter der sie leben, zu drucken wagen, nicht begreifen, wie es zugeht, daß die freieste Presse in Europa die prüdeste ist.
Wilhelm’s Rückkehr nach England; Auflösung des Parlaments.
Am 10. October kam der König, dessen Armee ihre Winterquartiere bezogen hatte, in England an und wurde mit ungewohntem Enthusiasmus empfangen. Während seines Zuges durch die Hauptstadt nach seinem Palaste gingen alle Glocken und jede Straße war erleuchtet. Es wurde spät, bevor er durch die jubelnden Menschenmassen nach Kensington gelangte. Aber trotz der späten Stunde wurde sofort noch eine Sitzung des Staatsraths abgehalten. Es war ein wichtiger Punkt zu entscheiden. Sollte das Haus der Gemeinen beisammen bleiben dürfen oder sollte eine sofortige Auflösung stattfinden? Der König würde dieses Haus wahrscheinlich gern bis ans Ende seiner Regierung beibehalten haben. Aber dies stand nicht in seiner Macht. Die Dreijährigkeitsacte hatte den 25. März als den letzten Termin für die Existenz des Parlaments festgesetzt. Wenn daher 1695 keine allgemeine Wahl mehr stattfand, so mußte 1696 eine solche stattfinden, und wer konnte sagen, in welchem Zustande das Land im Jahre 1696 sein würde? Es konnte ein unglücklicher Feldzug stattfinden. Es konnte, und man hatte nur zu triftigen Grund dies anzunehmen, eine gefährliche Handelskrisis eintreten. In beiden Fällen war es wahrscheinlich, daß die Mißstimmung groß sein würde. Der Feldzug von 1695 war glänzend gewesen, die Nation war in einer vortrefflichen Stimmung, und Wilhelm beschloß wohlweislich, den günstigen Moment zu benutzen. Es wurden unverweilt zwei Proklamationen erlassen. Die eine derselben kündigte in der gewöhnlichen Form an, daß Se. Majestät beschlossen habe, das alte Parlament aufzulösen, und befohlen habe, Wahlausschreiben zu einem neuen Parlamente ergehen zu lassen. Die andre Proklamation war ohne vorgängiges Beispiel. Sie that kund und zu wissen, daß es der Wille des Königs sei, daß jedes in einem Wahlorte liegende Regiment den Tag vor der Vorschlagung der Wahlcandidaten aus diesem Orte ausrücken und nicht eher dahin zurückkehren solle, als bis das Volk seine Wahl getroffen habe. Die Besatzungen der befestigten Städte und Schlösser waren von diesem Befehle, der allgemein als ein Zeichen lobenswerther Achtung vor den Rechten des Volks betrachtet wurde, natürlich ausgenommen.
Obgleich aber Wilhelm sich sorgfältig hütete, die Wahlkörper durch irgend etwas, das wie Zwang oder Einschüchterung aussah, zu verletzen, verschmähte er es doch nicht, durch gelindere Mittel auf ihre Stimmen einzuwirken. Er beschloß, die sechs Wochen der allgemeinen Wahl dazu anzuwenden, daß er sich den Bevölkerungen vieler Districte zeigte, die er noch nie besucht hatte. Er hoffte auf diese Weise eine Popularität zu erlangen, die einen erheblichen Einfluß auf die Wahlen ausüben konnte. Er zwang sich daher, eine Leutseligkeit und Freundlichkeit an den Tag zu legen, an denen er es nur zu oft fehlen ließ, und die Folge davon war, daß er auf jeder Station seiner Reise von seinen Unterthanen Beweise von Wohlwollen erhielt. Ehe er abreiste, stattete er seiner Schwägerin einen officiellen Besuch ab und war mit dem ihm zu Theil werdenden Empfange sehr zufrieden. Der erst sechs Jahr alte Herzog von Gloucester kam seinem Oheime mit einer kleinen Flinte auf der Schulter entgegen und präsentirte das Gewehr. „Ich lerne exerciren,” sagte der Knabe, „damit ich Ihnen helfen kann die Franzosen zu schlagen.” Der König lachte herzlich und belohnte den kleinen Soldaten einige Tage darauf mit dem Hosenbandorden.[60]
Wilhelm unternimmt eine Reise durch das Land.
Am 17. October ging die Königin nach Newmarket, gegenwärtig mehr ein Ort des Gewerbfleißes als des Vergnügens, in den Herbstmonaten des 17. Jahrhunderts aber der heiterste und luxuriöseste Platz auf der Insel. Es war nichts Ungewöhnliches, daß der ganze Hof mitsammt dem Cabinet sich dahin begab. Juweliere und Modistinnen, Schauspieler und Musiker, feile Poeten und feile Schönheiten folgten massenhaft. Die Communication in den Straßen wurde durch sechsspännige Equipagen gehemmt. An den öffentlichen Vergnügungsorten liebäugelten Peers mit Ehrenfräuleins, und Offiziere der Leibgarde, von Federn und goldenen Tressen strotzend, drängten sich in buntem Gewühl mit Professoren in schwarzen Roben und Baretten, denn die benachbarte Universität Cambridge schickte stets ihre höchsten Würdenträger mit Ergebenheitsadressen und wählte ihre tüchtigsten Theologen aus, um sie vor dem Souverain und seinem glänzenden Gefolge predigen zu lassen. In den zügellosen Tagen der Restauration wollte es zwar auch den gelehrtesten und beredtsamsten Geistlichen zuweilen nicht gelingen, ein fashionables Auditorium herbeizuziehen, besonders wenn Buckingham seine Absicht ankündigte, einen Vortrag zu halten; denn zuweilen gefiel es Sr. Gnaden, die Langweiligkeit eines Sonntagsmorgens dadurch zu verscheuchen, daß er den Schwarm der eleganten Herren und Damen mit einer frivolen Ermahnung unterhielt, die er eine Predigt nannte. Aber der Hof Wilhelm’s war decenter und die akademischen Würdenträger wurden mit ausgezeichneter Achtung behandelt. Mit den Lords und Ladies von Saint-James und Soho und den Doctoren des Trinity College und King’s College war dann noch der Landadel vermischt, fuchsjagende Squires mit ihren rothwangigen Töchtern, die in schwerfälligen, von Karrengäulen gezogenen Familienkutschen aus den entferntesten Kirchspielen einiger Grafschaften herbeigekommen waren, um ihren Landesherrn zu sehen. Die Haide war von einem lärmenden, zigeunerähnlichen Lager eingefaßt, denn die Hoffnung, sich von den Ueberresten so vieler splendiden Tafeln sättigen und einige von den Guineen und Kronen aufheben zu können, welche die Verschwender von London wegwarfen, lockte Tausende von Landleuten aus einem Umkreise von vielen Meilen herbei.[61]
Nachdem Wilhelm an diesem heiteren Orte einige Tage seinen Hof gehalten und die Huldigungen von Cambridgeshire, Huntingdonshire und Suffolk entgegengenommen hatte, begab er sich nach Althorpe. Es scheint befremdend, daß er auf einer Reise, die eigentlich eine Stimmenwerbungstour war, einem Manne wie Sunderland, der mit so allgemeinem Mißtrauen und Haß betrachtet wurde, eine so ausgezeichnete Ehre erwies. Aber die Leute hatten sich einmal vorgenommen, froh und vergnügt zu sein. Ganz Northamptonshire strömte in die durch den Pinsel Vandyke’s geschmückte und durch Waller’s Muse zu klassischer Berühmtheit gelangte prächtige Gallerie, um die königliche Hand zu küssen, und der Earl versuchte seine Nachbarn mit sich zu versöhnen, indem er sie an acht mit Silbergeschirr schwer beladenen Tafeln bewirthete. Von Althorpe ging der König nach Stamford. Der Earl von Exeter, dessen fürstlicher Landsitz zu den großen Sehenswürdigkeiten England’s gehörte und noch gehört, hatte nie die Eide geleistet, und um einer Unterredung aus dem Wege zu gehen, die ihm hätte unangenehm sein müssen, war er unter irgend einem Vorwande nach London gereist, hatte aber Befehle hinterlassen, daß der erlauchte Besuch mit gebührender Gastlichkeit empfangen werde. Wilhelm war ein großer Freund der Baukunst und der Gartenanlagen, und seine Edelleute konnten ihm mit nichts mehr schmeicheln, als wenn sie ihn über die Verschönerung ihrer Landsitze um Rath fragten. Zu einer Zeit, wo viele Sorgen auf seinem Geiste lasteten, nahm er großes Interesse an dem Baue von Castle Howard und ein hölzernes Modell dieses Gebäudes, des schönsten Probestücks eines fehlerhaften Styls, wurde ihm nach Kensington zur Ansicht gesandt. Wir können uns daher nicht wundern, daß er Burleigh mit großem Vergnügen sah. Er begnügte sich sogar nicht mit einer Besichtigung, sondern stand am andren Morgen frühzeitig auf, um das Gebäude noch einmal in Augenschein zu nehmen. Von Stamford begab er sich nach Lincoln, wo er von dem Klerus in vollem Ornate, von den Magistratsbeamten in Scharlachmänteln und von einer Menge Baronets, Rittern und Esquires aus allen Theilen der ungeheuren Ebene, welche zwischen dem Trent und dem deutschen Ocean liegt, begrüßt wurde. Nachdem er in der prächtigen Kathedrale dem Gottesdienste beigewohnt, reiste er wieder ab und wendete sich östlich. An der Grenze von Nottinghamshire kam der Lordlieutenant der Grafschaft, John Holles, Herzog von Newcastle, mit einem zahlreichen Gefolge den königlichen Equipagen entgegen und geleitete sie auf seinen Landsitz in Welbeck, einem von riesigen Eichen, welche jetzt kaum älter aussehen als an dem Tage, wo jener glänzende Zug sich unter ihren Schatten dahinbewegte, umgebenen Schlosse. Das Haus, in welchem Wilhelm damals einige Stunden als Gast verweilte, ging lange nach seinem Tode durch weibliche Erbfolge von den Holles auf die Harley und von den Harley auf die Bentinck über und enthält jetzt die Originale der höchst interessanten Briefe, die zwischen ihm und seinem treuen Freund und Diener Portland gewechselt wurden. In Welbeck waren die Großen des Nordens versammelt. Der Lordmayor von York kam dahin mit einem Gefolge von Magistraten, der Erzbischof von York mit einem Gefolge von Geistlichen. Wilhelm jagte mehrere Male in diesem Walde, dem schönsten des Königreichs, wo in alten Zeiten Robin Hood und Little John hausten und der jetzt in die fürstlichen Domänen Welbeck, Thoresby, Clumber und Worksop getheilt ist. Vierhundert berittene Gentlemen nahmen an seinen Jagden Theil. Die Squires von Nottinghamshire hörten ihn nach einer prächtigen Hirschjagd mit Entzücken bei Tafel äußern, er hoffe, daß dies nicht das letzte Rennen sei, das er in ihrer Gesellschaft abgehalten habe, und er müsse ein Jagdschloß in diesen herrlichen Forsten miethen. Hierauf wendete er sich südwärts. Er wurde einen Tag von dem Earl von Stamford in Bradgate bewirthet, dem Orte, wo Lady Jane Grey einsam die letzten Worte Sokrates’ las, während das vom Schwarme der Hunde und Jäger verfolgte Hochwild durch den Park flog. Am folgenden Tage empfing Lord Brook seinen Souverain auf Warwick Castle, der schönsten von den mittelalterlichen Burgen, welche in friedliche Wohnungen verwandelt worden sind. Guy’s Thurm war erleuchtet, hundertzwanzig Gallonen Punsch wurden auf das Wohl Sr. Majestät getrunken und ein mächtiges Feuer brannte im Mittelpunkte des geräumigen Hofes, der von mit jahrhundertealtem Epheu bekleideten Ruinen umgeben war. Am nächsten Morgen reiste der König, von einer Menge berittener Gentlemen aus Warwickshire begleitet, weiter nach den Grenzen von Gloucestershire. Er machte einen Abstecher, um bei Shrewsbury auf dessen einsamen Wohnsitze in den Wolds zu speisen, und ging am Abend nach Burford. Die ganze Bevölkerung von Burford kam ihm entgegen und bat ihn, ein kleines Zeichen ihrer Liebe anzunehmen. Burford war damals berühmt durch seine Sättel. Namentlich ein Bürger der Stadt galt bei den Engländern für den besten Sattler in Europa. Zwei seiner Meisterstücke wurden ehrerbietig Wilhelm angeboten, der sie sehr freundlich annahm und sie speciell für seinen persönlichen Gebrauch aufzubewahren befahl.[62]
In Oxford wurde er mit großem Gepränge empfangen, mit einer lateinischen Ansprache begrüßt, mit einigen der schönsten Erzeugnisse der akademischen Presse beschenkt, durch Musikaufführungen unterhalten und zu einem glänzenden Feste in dem Sheldon’schen Theater eingeladen. Er reiste nach wenigen Stunden wieder ab, indem er die Kürze seines Aufenthalts damit entschuldigte, daß er die Collegien schon früher gesehen habe und daß sein gegenwärtiger Besuch nicht ein Besuch der Wißbegierde, sondern des Wohlwollens sei. Da man sehr wohl wußte, daß er die Oxforder nicht liebte und auch von ihnen nicht geliebt wurde, so gab seine Eile Anlaß zu einigen müßigen Gerüchten, die bei dem großen Haufen Glauben fanden. Man sagte, er sei deshalb hinweggeeilt, ohne von dem ihm zu Ehren veranstalteten glänzenden Mahle zu kosten, weil ein anonymer Brief ihm den warnenden Wink gegeben habe, daß, wenn er im Theater etwas äße oder tränke, es um ihn geschehen sei. Es ist jedoch schwer zu glauben, daß ein Fürst, der kaum durch die dringendsten Bitten seiner Freunde zu bewegen war, die einfachsten Vorsichtsmaßregeln gegen Meuchelmörder zu beobachten, von deren Anschlägen er notorische Beweise hatte, sich durch eine so alberne Erdichtung hätte schrecken lassen sollen, und es ist ganz gewiß, daß die Stationen seiner Reise festgesetzt waren und daß er so lange in Oxford blieb, als es mit den im vorhinein getroffenen Arrangements vereinbar war.[63]
Bei seiner Wiederankunft in der Hauptstadt wurde er durch ein prächtiges Schauspiel bewillkommnet, das während seiner Abwesenheit mit großem Kostenaufwande vorbereitet worden war. Sidney, jetzt Earl von Romney und Feldzeugmeister, hatte beschlossen, London durch ein Schauspiel, wie es England in so großartigem Maßstabe noch nie gesehen hatte, in Erstaunen zu setzen. Die ganze Geschicklichkeit der Pyrotechniker seines Departements wurde aufgeboten, um ein Feuerwerk herzustellen, das sich mit jedem messen konnte, welches man in den Gärten von Versailles oder auf dem großen Teiche im Haag gesehen hatte. Saint-Jamessquare wurde zum Schauplatze gewählt. Alle Fenster der prächtigen Paläste auf der nördlichen, westlichen und östlichen Seite waren mit vornehmen Leuten besetzt. Der König erschien am Fenster von Romney’s Empfangszimmer. Die Prinzessin von Dänemark mit ihrem Gemahl und ihrem Hofstaate befand sich in einem anstoßenden Hause. Das ganze diplomatische Corps war in der Wohnung des Gesandten der Vereinigten Provinzen versammelt. Eine mächtige Flammenpyramide warf leuchtende Cascaden aus, welche von den Hunderttausenden, die sich in den benachbarten Straßen und Parks drängten, gesehen wurden. Die Generalstaaten erfuhren durch ihren Correspondenten, daß trotz der ungeheuren Menschenmenge die Nacht ohne die geringste Störung vergangen sei.[64]
Die Wahlen.
Inzwischen waren die Wahlen ziemlich zu Ende. In allen Theilen des Landes zeigte es sich deutlich, daß die Wahlkörper im allgemeinen für den König und für den Krieg waren. Die City von London, welche im Jahre 1690 vier Tories gewählt hatte, wählte 1695 vier Whigs. Ueber die Vorgänge zu Westminster ist ein Bericht von mehr als gewöhnlicher Umständlichkeit auf uns gekommen. Im Jahre 1690 hatten die über die Sacheverell’sche Klausel entrüsteten Wähler zwei Tories gewählt. Im Jahr 1695 wurde, sobald man erfuhr, daß wahrscheinlich ein neues Parlament einberufen werden würde, ein Meeting gehalten, in welchem beschlossen wurde, eine Deputation mit einer Einladung an zwei Commissare des Schatzes, Karl Montague und Sir Stephan Fox, abzusenden. Sir Walter Clarges repräsentirte das toryistische Interesse. An dem Tage des Vorschlags der Candidaten zogen nahe an fünftausend Wähler zu Pferde durch die Straßen. Sie waren in drei Abtheilungen getheilt, und an der Spitze jeder Abtheilung ritt einer der Candidaten. Es war leicht, auf den ersten Blick die comparative Stärke der Parteien zu schätzen, denn die Cavalcade, welche Clarges folgte, war die mindest zahlreiche von den dreien, und man wußte sehr wohl, daß die Anhänger Montague’s für Fox und die Anhänger Fox’ für Montague stimmen würden. Die Geschäfte des Tages wurden durch lautes Geschrei gestört. Die Whigs schmähten den jakobitischen Candidaten, der es dahin bringen wolle, daß die Engländer in die Messe gingen, Frösche äßen und Holzschuhe trügen. Die Tories schimpften auf die beiden Staatsbeamten, welche mit der geraubten Habe der armen überlasteten Nation Schätze aufhäuften. Von Worten gingen die erbitterten Parteien zu Thätlichkeiten über und es entstand ein Tumult, der nicht ohne Mühe gedämpft werden konnte. Der Oberbailiff ging dann um die drei Reiterschaaren herum und erklärte nach flüchtiger Ueberzählung derselben, daß Montague und Fox ordnungsgemäß gewählt seien. Es wurde eine genaue Stimmenzählung verlangt. Die Tories boten alles Mögliche auf; weder Geld noch Tinte wurden gespart. Clarges gab in wenigen Stunden zweitausend Pfund aus, eine bedeutende Summe zu einer Zeit, wo das durchschnittliche Einkommen eines Parlamentsmitgliedes auf nicht mehr als achthundert Pfund jährlich geschätzt wurde. Im Laufe der auf die Proklamirung der Candidaten folgenden Nacht wurden Flugblätter voll Schmähungen gegen die beiden höfischen Emporkömmlinge, die sich durch Schurkerei aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und Macht erhoben hätten, durch die ganze Hauptstadt verstreut. Der Bischof von London warb offen Stimmen gegen die Regierung, denn die Einmischung von Peers in die Wahlen war noch nicht von den Gemeinen für eine Privilegiumsverletzung erklärt worden. Doch es war Alles umsonst. Clarges stand am Ende der Stimmliste, ohne Aussicht sich zu erheben. Er zog sich zurück und Montague wurde auf den Schultern einer ungeheuren Menge von der Westminsterabtei nach seinem Amtsbureau in Whitehall getragen.[65]
Die nämliche Gesinnung trat an vielen anderen Orten zu Tage. Die Freisassen von Cumberland wiesen ihre Vertreter an, den König zu unterstützen und jede zur Fortsetzung des Kriegs für nöthig erachtete Summe zu bewilligen, und diesem Beispiele folgten noch mehrere andere Grafschaften und Städte.[66] Russell kam erst in England an, als die Ausschreiben erlassen waren. Aber er brauchte nur zu wählen, für welchen Ort er im Parlamente sitzen wollte. Seine Popularität war enorm, denn seine Schurkereien waren unbekannt, während seine dem Staate geleisteten Dienste allgemein bekannt waren. Er hatte die Schlacht von La Hogue gewonnen. Er hatte zwei Jahre im mittelländischen Meere commandirt. Er hatte daselbst die französischen Flotten in den Hafen von Toulon eingeschlossen und hatte die französischen Armeen in Catalonien aufgehalten und zurückgetrieben. Er hatte viele Schiffe, darunter zwei Linienschiffe genommen und hatte während seines langen Aufenthalts in einem entfernten Meere weder durch Krieg noch durch Unwetter ein einziges Fahrzeug verloren. Er hatte das rothe St. Georgskreuz zu einem Gegenstande des Schreckens für alle Fürsten und Republiken Italien’s gemacht. Das Resultat seiner Erfolge war, daß Gesandtschaften aus Florenz, Genua und Venedig unterwegs waren, um Wilhelm nachträglich zu seiner Thronbesteigung Glück zu wünschen. Russell’s Verdienste, von den Whigs geschickt vergrößert, machten einen solchen Eindruck, daß er nicht allein von Portsmouth, wo seine amtliche Stellung ihm einen großen Einfluß verlieh, und von Cambridgeshire, wo er bedeutende Privatbesitzungen hatte, sondern auch von Middlesex ins Parlament gewählt wurde. Diese letztere Auszeichnung verdankte er allerdings hauptsächlich seinem Namen. Vor seiner Ankunft in England hatte man allgemein geglaubt, daß für die hauptstädtische Grafschaft zwei Tories gewählt werden würden. Somers und Shrewsbury waren der Meinung, daß diesem Unglück auf keinem andren Wege vorzubeugen sei, als indem man den Namen des tugendhaftesten aller Märtyrer der englischen Freiheit heraufbeschwöre. Sie baten Lady Russell, es zu gestatten, daß ihr ältester Sohn, ein fünfzehnjähriger Knabe, der eben seine Studien in Cambridge beginnen sollte, auf die Candidatenliste gesetzt werde. Er müsse, sagten sie, seinen neuen Titel Marquis von Tavistock auf einen Tag ablegen und sich Lord Russell nennen. Es würden keine Kosten erwachsen und kein Kampf stattfinden. Tausende von berittenen Gentlemen würden ihn zu den Wahlbühnen geleiten, Niemand würde es wagen gegen ihn aufzutreten, und er würde nicht nur selbst gewählt werden, sondern auch noch einen andren Whig ins Parlament bringen. Die verwittwete Mutter weigerte sich in einem mit ihrer ganzen vortrefflichen Einsicht und Gesinnung geschriebenen Briefe, ihren Sohn ihrer Partei zu opfern. Seine Erziehung, sagte sie, würde dadurch unterbrochen werden, der Kopf würde ihm schwindeln, sein Sieg würde ihm zum Verderben gereichen. Gerade in diesem Augenblicke kam der Admiral an. Er erschien vor den auf der Höhe von Hampstead Hill versammelten Wählern von Middlesex und wurde ohne Opposition gewählt.[67]
Gleichzeitig erhielten mehrere angesehene Mißvergnügte Beweise des öffentlichen Mißfallens. Johann Knight, der factiöseste und übermüthigste von denjenigen Jakobiten, welche ehrloserweise dem Könige Wilhelm Treue geschworen hatten, um sich für den Sitz im Parlamente zu qualificiren, hörte auf, die große Stadt Bristol zu vertreten. Exeter, die Hauptstadt des Westens, war in heftiger Aufregung. Man hatte lange geglaubt, daß die Befähigung, die Beredtsamkeit, die Erfahrung, das große Vermögen und die vornehme Abkunft Seymour’s es unmöglich machen würden, ihn zu verdrängen. Aber sein moralischer Ruf, der nie weit her gewesen, war während der letzten drei oder vier Jahre immer tiefer und tiefer gesunken. Er war ein giftiges Mitglied der Opposition gewesen, Bis er eine Stelle erlangt hatte. So lange er diese bekleidete, hatte er auch die unpopulärsten Maßregeln der Regierung vertheidigt, und sobald er aus dem Amte getreten war, war er wieder ein giftiger Opponent geworden. Sein Salpetercontract hatte einen tiefen Flecken auf seiner persönlichen Ehre zurückgelassen. Es wurden ihm daher zwei Candidaten gegenübergestellt und ein Wahlkampf, der längste und heftigste jener Zeit, fesselte die Aufmerksamkeit des ganzen Königreichs und wurde selbst von auswärtigen Regierungen mit Spannung beobachtet. Die Stimmenliste war fünf Wochen geöffnet. Die Geldausgaben waren auf beiden Seiten enorm. Die Wahlmänner von Exeter, welche, so lange die Wahl dauerte, herrlich und in Freuden lebten, sehnten sich durchaus nicht nach baldiger Beendigung ihres luxuriösen Carnevals. Sie aßen und tranken nach Herzenslust; sie zogen jeden Abend mit tüchtigen Knitteln aus, um für Mutter Kirche, oder für König Wilhelm zu streiten; aber die Stimmen fanden sich nur sehr langsam ein. Erst am Vorabend des Zusammentritts der Parlamentshäuser kam die Wahl zu Stande. Seymour war zu seinem großen Aerger geschlagen und mußte zu dem kleinen Wahlflecken Totneß seine Zuflucht nehmen.[68]
Es ist auffallend, daß Johann Hampden auch bei dieser Wahl, wie bei der vorhergehenden, keinen Sitz erlangte. Seitdem er nicht mehr Parlamentsmitglied war, hatte er über seinen Unstern und seine unauslöschliche Schande gebrütet und gelegentlich seinem Unmuth in bitteren Pamphlets gegen die Regierung Luft gemacht. Als die Whigs am Hofe und im Parlamente zur Herrschaft gelangt waren, als Nottingham zurückgetreten und Caermarthen in Anklagestand versetzt worden war, faßte Hampden, wie es scheint, wieder Hoffnung, noch eine große Rolle im öffentlichen Leben spielen zu können. Aber den Führern seiner Partei war offenbar an einem Bundesgenossen von so hämischem und unruhigem Geiste nichts gelegen. Daher sah er sich immer vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen. Er führte seit einigen Monaten ein trauriges Leben, indem er seine Sorgen bald unter den eleganten Spielern und den zarten Schönheiten, welche die Gesellschaftszimmer der Herzogin von Mazarine füllten, zu vergessen suchte, bald in religiöse Schwermuth versank. Der Gedanke an einen Selbstmord stieg oft in ihm auf. Nicht lange, so kam die Vertretung von Buckinghamshire zur Erledigung, der Grafschaft, die ihn und seine Vorfahren zu wiederholten Malen ins Parlament geschickt hatte, und er hoffte, daß er mit Hülfe Wharton’s, der über die Whigs von Buckinghamshire eine unumschränkte Herrschaft ausübte, ohne Schwierigkeit gewählt werden würde. Aber Wharton verwendete seinen Einfluß zu Gunsten eines andren Candidaten. Dies war ein vernichtender Schlag. Die Stadt wurde durch die Nachricht in Aufregung versetzt, daß Johann Hampden sich die Kehle durchschnitten, daß er noch einige Stunden gelebt, daß er tiefe Reue über seine Sünden an den Tag gelegt, Burnet’s geistlichen Beistand erbeten und der Herzogin von Mazarine eine feierliche Warnung zugesandt habe. Eine Coronersjury erklärte ihn für wahnsinnig. Der Unglückliche war mit den schönsten Aussichten ins Leben getreten. Er trug einen Namen, der mehr als adelig war. Er war der Erbe eines großen Vermögens und eines noch weit kostbareren Gutes: des Vertrauens und der Zuneigung von Hunderttausenden seiner Landsleute. Seine natürlichen Anlagen waren bedeutend und sie waren sorgfältig ausgebildet worden. Leider trieben Ehrgeiz und Parteigeist ihn an, sich in eine Lage voll Gefahren zu versetzen. Diesen Gefahren erwies seine Characterstärke sich nicht gewachsen. Er erniedrigte sich zu Bitten, die ihn zwar retteten, aber auch entehrten. Von diesem Augenblicke an kannte er keinen Seelenfrieden mehr. Seine Stimmung wurde verbittert und durch seine Stimmung wurde sein Verstand zerrüttet. Er suchte in Andachtsübungen und in Racheplänen, in fashionablen Vergnügungen und in politischen Bewegungen Erleichterung zu finden. Aber der schwarze Schatten wich nie wieder aus seinem Geiste, bis endlich im zwölften Jahre seiner Demüthigung ein trauriger Tod seinem traurigen Leben ein Ziel setzte.[69]
Das Ergebniß der allgemeinen Wahl bewies, daß Wilhelm einen günstigen Augenblick zur Auflösung gewählt hatte. Die Zahl der neuen Abgeordneten betrug ungefähr hundertsechzig und die meisten waren als der Regierung entschieden zugethan bekannt.[70]
Beunruhigender Zustand der Geldverhältnisse.
Es war von der höchsten Wichtigkeit, daß das Haus der Gemeinen in jenem Augenblicke geneigt war, in aufrichtigem Einklang mit dem Könige zu handeln. Denn es war durchaus nothwendig, ein Heilmittel gegen ein inneres Uebel anzuwenden, das allmälig eine furchtbare Ausdehnung erlangt hatte. Das Silbergeld, welches damals die feste Münzwährung des Landes bildete, befand sich in einem Zustande, der selbst die kühnsten und aufgeklärtesten Staatsmänner erschreckte.[71]
Bis zur Regierung Karl’s II. waren unsere Münzen vermittelst eines Verfahrens geschlagen worden, das noch aus dem 13. Jahrhunderte stammte. Eduard I. hatte geschickte Künstler aus Florenz kommen lassen, das zu seiner Zeit London gegenüber das war, was zur Zeit Wilhelm’s III. London Moskau gegenüber war. Die Instrumente, welche damals in unsrer Münze eingeführt worden waren, blieben, mit unbedeutenden Abänderungen, noch mehrere Generationen hindurch in Gebrauch. Das Metall wurde mit der Scheere zerschnitten und dann geformt und mit dem Hammer geprägt. Bei diesen Operationen war der Hand und dem Auge des Arbeiters viel überlassen. Es kam ganz natürlich vor, daß manche Stücke etwas mehr, andere etwas weniger als die gehörige Quantität Silber enthielten; nur selten waren sie vollkommen rund; und die Ränder waren nicht markirt. Man kam daher mit der Zeit dahinter, daß das Beschneiden des Geldes eine der leichtesten und einträglichsten Arten des Betrugs war. Unter der Regierung Elisabeth’s war es für nöthig erachtet worden zu verordnen, daß die Geldbeschneider, wie dies bei den Falschmünzern schon längst der Fall war, den auf den Hochverrath gesetzten Strafen unterworfen sein sollten.[72] Doch das Geldbeschneiden war ein zu einträgliches Geschäft, als daß es durch solche Maßregeln hätte verhindert werden können, und um die Zeit der Restauration begannen die Leute gewahr zu werden, daß ein großer Theil der coursirenden Kronen, halben Kronen und Schillinge eine kleine Verstümmelung erfahren hatten.
Die damalige Zeit war fruchtbar an Versuchen und Erfindungen in allen Zweigen der Wissenschaft. Es wurde eine große Verbesserung im Formen und Prägen der Münzen vorgeschlagen und im Tower von London ein Prägewerk aufgestellt, das in großem Umfange die menschliche Hand ersetzte. Dieses Werk wurde durch Pferde getrieben und würde von den Mechanikern unsrer Zeit wahrscheinlich eine rohe und schwache Maschine genannt werden. Die Münzen, die es lieferte, gehörten jedoch zu den besten in Europa. Sie waren nicht leicht nachzumachen, und da sie vollkommen rund und auf dem Rande mit einer Umschrift versehen waren, so war auch kein Beschneiden zu fürchten.[73]
Die gehämmerten Münzen und die geprägten Münzen coursirten nun zusammen, und sie wurden bei öffentlichen und folglich auch bei Privatzahlungen, ohne Unterschied genommen. Die damaligen Finanzmänner scheinen erwartet zu haben, daß das neue Geld, welches vortrefflich war, das alte schlechte bald verdrängen werde. Jeder Mensch mit gesundem Verstande hätte jedoch einsehen müssen, daß, wenn der Staat vollwichtige Münzen und zu leichte Münzen als gleich im Werthe behandelt, nicht die vollwichtigen Münzen die zu leichten aus dem Verkehr verdrängen werden, sondern ihrerseits verdrängt werden müssen. Eine beschnittene Krone galt auf englischem Gebiet bei Bezahlung einer Steuer oder einer Schuld ebensoviel als eine geprägte Krone. Sobald aber die geprägte Krone in den Schmelztiegel geworfen oder über den Kanal gebracht war, wurde sie viel werthvoller als eine beschnittene Krone. Man hätte daher so zuversichtlich voraussagen können, wie nur irgend etwas sich voraussagen läßt, was von menschlichem Willen abhängt, daß die geringeren Geldstücke auf dem einzigen Markte bleiben würden, auf dem sie den nämlichen Preis erlangen konnten wie die besseren Stücke, und daß die besseren eine Form annehmen oder an einen Ort eilen würden, wo aus ihrem höheren Werthe ein Gewinn zu ziehen war.[74]
Die Staatsmänner der damaligen Zeit übersahen jedoch in der Regel diese sehr naheliegenden Betrachtungen. Sie waren höchst erstaunt darüber, daß Jedermann so verkehrt sein sollte, sich lieber leichten Geldes als guten Geldes zu bedienen. Mit anderen Worten, sie wunderten sich, daß Niemand Lust hatte, zwölf Unzen Silber zu bezahlen, wenn zehn es auch thaten. Das Pferd im Tower ging noch immer im Kreise herum. Frische Wagenladungen guten Geldes gingen noch immer aus dem Prägewerke hervor und verschwanden noch immer eben so schnell als sie zum Vorschein kamen. Große Massen wurden eingeschmolzen, große Massen ausgeführt, große Massen zurückgelegt; aber kaum ein einziges neues Geldstück war in der Kasse eines Kaufladens oder in dem ledernen Beutel zu finden, den der Landwirth vom Viehmarkte mit nach Hause nahm. Bei den Einnahmen und Ausgaben der Schatzkammer überstieg der Betrag des geprägten Geldes nicht zehn Schilling auf hundert Pfund. Ein damaliger Schriftsteller erzählt einen Fall, wo ein Kaufmann in einer Summe von fünfunddreißig Pfund nur eine einzige halbe Krone geprägten Silbers empfing. Mittlerweile waren die Scheeren der Kipper in fortwährender Thätigkeit. Auch die Falschmünzer vermehrten sich und machten gute Geschäfte, denn je schlechter das Courantgeld wurde, um so leichter war es nachzumachen. Seit mehr als dreißig Jahren war dieses Uebel in stetem Wachsen begriffen. Anfangs hatte man es nicht beachtet; aber es war nach und nach ein unerträglicher Fluch für das Land geworden. Umsonst wurden die strengen Gesetze gegen Falschmünzer und Kipper mit Strenge gehandhabt. Bei jeder Session der Old Bailey wurden furchtbare Exempel statuirt. Schleifen mit vier, fünf, sechs Elenden, welche überführt waren, die Reichsmünzen nachgemacht oder verstümmelt zu haben, wurden jeden Monat Holborn Hill hinaufgezogen. An einem einzigen Morgen wurden sieben Männer und eine Frau wegen Geldbeschneidens verbrannt. Aber Alles war vergebens. Der Gewinn war so bedeutend, daß er gesetzlosen Menschen die Gefahr mehr als aufzuwiegen schien. Einige Kipper sollten großes Vermögen erworben haben. Einer insbesondere bot sechstausend Pfund für seine Begnadigung. Die Bestechungssumme wurde zwar nicht angenommen; aber der Ruf von seinem Reichthume verminderte sehr stark den Eindruck, den man durch das Schauspiel seiner Hinrichtung hervorzubringen bezweckte.[75] Ja die Härte der Strafen ermuthigte sogar zu dem Verbrechen. Denn so schädlich das Beschneiden war, erweckte es doch bei dem großen Haufen nicht einen solchen Abscheu, wie Mord, Brandstiftung, Raub, und selbst Diebstahl. Der Nachtheil, den die Gesammtheit der Kipper der ganzen Gesellschaft zufügte, war allerdings enorm; aber jeder einzelne Act des Beschneidens war eine Kleinigkeit. Eine halbe Krone auszugeben, nachdem man für einen Penny Silber davon abgeschnitten, erschien als ein geringfügiges, fast unmerkliches Vergehen. Selbst als die Nation am lautesten unter der Noth seufzte, welche der Zustand der Valuta erzeugte, hatte jeder Einzelne, der mit dem Tode bestraft wurde, weil er dazu beigetragen, die Valuta in diesen Zustand zu bringen, die allgemeine Theilnahme auf seiner Seite. Die Constabler wollten die Schuldigen nicht verhaften. Die Richter wollten sie nicht einsperren lassen. Die Zeugen wollten nicht die ganze Wahrheit sagen. Die Geschwornen wollten das Wort Schuldig nicht aussprechen. Umsonst sagte man dem Volke, daß die Verstümmler der Münzen weit mehr Unheil anrichteten als alle Straßenräuber und Diebe auf der ganzen Insel. Denn so groß auch die Gesammtmasse des Uebels war, auf den einzelnen Uebelthäter kam nur ein unendlich kleiner Theil dieses Uebels. Man hatte sich daher allgemein verschworen, den ordentlichen Gang des Gesetzes zu hemmen. So zahlreich auch die Verurtheilungen scheinen mochten, ihre Zahl war nur gering im Vergleich zu den Vergehen, und die verurtheilten Uebelthäter betrachteten sich als Gemordete und waren der festen Ueberzeugung, daß ihr Verbrechen, wenn es überhaupt ein Verbrechen war, eben so verzeihlich sei wie das eines Schulknaben, der sich im Garten des Nachbars einige Nüsse holt. Die ganze Beredtsamkeit des Gefängnißgeistlichen konnte sie nur selten dahin bringen, sich dem heilsamen Gebrauche anzubequemen, in ihren letzten Augenblicken die Größe ihrer Ruchlosigkeit anzuerkennen.[76]
Das Uebel verbreitete sich mit fortwährend zunehmender Schnelligkeit. Im Herbst des Jahres 1695 endlich konnte man kaum noch sagen, daß das Land zu praktischen Zwecken einen Maßstab für den Werth der Waaren besitze. Es ließ sich durchaus nicht mehr bestimmen, ob ein Geldstück, das ein Schilling genannt wurde, in Wirklichkeit ein Zehnpencestück oder ein Grot war. Das Resultat einiger Versuche, welche damals gemacht wurden, verdient erwähnt zu werden. Die Beamten der Schatzkammer wogen siebenundfunfzigtausendzweihundert Pfund geschlagenen Geldes, welche kürzlich eingegangen waren. Das Gewicht hätte eigentlich über zweihundertzwanzigtausend Unzen betragen sollen. Aber es betrug noch nicht hundertvierzehntausend Unzen.[77] Drei angesehene Londoner Goldschmiede wurden aufgefordert, jeder hundert Pfund Silbergeld einzuliefern, um es zu wiegen. Diese dreihundert Pfund hätten ungefähr zwölfhundert Unzen wiegen sollen. Es ergab sich aber, daß ihr wirkliches Gewicht nur sechshundertvierundzwanzig Unzen betrug. Die nämliche Prüfung wurde in verschiedenen Gegenden des Landes vorgenommen. Man überzeugte sich dadurch, daß hundert Pfund, welche etwa vierhundert Unzen hätten wiegen sollen, thatsächlich in Bristol zweihundertvierzig Unzen, in Cambridge zweihundertdrei, in Exeter einhundertachtzig, und in Oxford nur hundertsechzehn Unzen wogen.[78] Im Norden gab es allerdings noch einige Districte, in welche das beschnittene Geld erst angefangen hatte, seinen Weg zu finden. Ein ehrlicher Quäker, der in einem dieser Districte wohnte, erwähnt in einigen noch vorhandenen Notizen das Erstaunen, mit welchem auf einer seiner Reisen nach dem Süden die Kaufleute und Gastwirthe die großen und schweren Halbkronen anstarrten, mit denen er seine Bedürfnisse bezahlte. Sie fragten ihn, woher er komme und wo es solches Geld gebe. Die Guinee, für die er in Lancaster zweiundzwanzig Schillinge bezahlte, hatte auf jeder Station seiner Reise einen andren Werth. Als er nach London kam, kostete sie dreißig Schillinge und sie würde noch mehr gegolten haben, hätte nicht die Regierung diesen Preis als den höchsten festgesetzt, zu welchem das Gold bei Steuereinzahlungen genommen werden sollte.[79]
Die durch diesen Zustand des Courantgeldes erzeugten Uebel waren nicht von der Art, daß man sie für werth gehalten hätte, eine wichtige Stelle in der Geschichte einzunehmen. Es dürfte jedoch wohl zu bezweifeln sein, ob all’ das Elend, das in einem Vierteljahrhundert durch schlechte Könige, schlechte Minister, schlechte Parlamente und schlechte Richter über England gebracht worden war, dem Elende gleichkam, welches die schlechten Kronen und schlechten Schillinge in einem einzigen Jahre verursachten. Die Ereignisse, welche einer ergreifenden oder zornigen Beredtsamkeit den besten Stoff liefern, sind nicht immer diejenigen, welche das Wohl der großen Masse des Volks am meisten beeinträchtigen. Die schlechte Verwaltung Karl’s und Jakob’s, so arg sie auch immer gewesen sein mochte, hatte den gewöhnlichen Geschäftsverkehr nicht verhindert, seinen stetigen und gedeihlichen Fortgang zu nehmen. Während die Ehre und Unabhängigkeit des Staats an eine fremde Macht verkauft, während in wohlverbriefte Rechte eingegriffen und Grundgesetze verletzt wurden, arbeiteten und handelten Hunderttausende von ehrbaren und betriebsamen Familien, aßen und tranken und legten sich in Behaglichkeit und Sicherheit zur Ruhe nieder. Mochten Whigs oder Tories, Protestanten oder Jesuiten die Oberhand haben, der Landwirth trieb sein Vieh zu Markte, der Krämer wog seine Rosinen ab, der Tuchhändler schnitt seine Tuche aus, das Gewühl der Käufer und Verkäufer war so lebhaft als je in den Städten, das Erntefest wurde so fröhlich als je auf dem Lande gefeiert, der Rahm füllte die Krüge von Cheshire, der Aepfelsaft schäumte in den Pressen von Herefordshire, das Steingut glühte in den Oefen am Trent, und die Kohlenkarren rollten rasch über die hölzernen Schienenwege am Tyne. Als aber das große Tauschmittel in völlige Unordnung gerieth, war aller Handel und aller Gewerbfleiß wie gelähmt. Das Uebel wurde täglich und stündlich an fast jedem Orte und von fast jeder Klasse empfunden, in der Milchkammer und auf der Dreschtenne, am Amboß und am Webstuhl, auf den Wogen des Weltmeers und in den Tiefen der Bergwerke. Nichts konnte ohne Streit gekauft werden. An jedem Ladentisch gab es Zank und Hader vom Morgen bis zum Abend. Jeden Sonnabend stritt sich der Arbeiter regelmäßig mit dem Arbeitgeber. An einem Meß- oder Markttage hörten Geschrei, Vorwürfe, Schmähungen und Flüche nicht auf, und man konnte von Glück sagen, wenn es keine umgeworfenen Buden und keine blutigen Köpfe gab.[80] Kein Kaufmann wollte eine Waarenlieferung contrahiren, ohne wegen der Qualität der Münze, in der die Zahlung geleistet werden sollte, eine besondere Bestimmung zu treffen. Selbst Geschäftsmänner konnten sich aus der Verwirrung, die in allen Geldgeschäften herrschte, oft nicht herausfinden. Die Einfältigen und Sorglosen wurden von Wucherern, deren Anforderungen noch rascher wuchsen als das Geld zusammenschrumpfte, unbarmherzig geplündert. Der Preis der nothwendigsten Lebensbedürfnisse, der Fußbekleidung, des Biers, des Hafermehls, stieg in rascher Progression. Der Arbeiter fand, daß das Geldstück, das, wenn er es empfing, ein Schilling hieß, kaum noch einen Sixpence werth war, wenn er einen Krug Bier oder ein Laib Roggenbrot kaufen wollte. Wo Arbeiter von mehr als gewöhnlicher Intelligenz in großer Anzahl beisammen waren, da konnten sie ihren Beschwerden Gehör verschaffen und einige Abhülfe erlangen.[81] Der unwissende und hülflose Landmann aber wurde zwischen einer Klasse, die das Geld nur nach der Stückzahl ausgeben, und einer andren, die es nur nach dem Gewicht nehmen wollte, herzlos gedrückt. Doch seine Leiden waren schwerlich größer als die des unglücklichen Geschlechts der Autoren. Ueber die Art und Weise, wie unbekannte Schriftsteller behandelt wurden, können wir uns aus den noch vorhandenen Briefen von Dryden an seinen Buchhändler Tonson leicht eine Vorstellung bilden. Einmal schickt ihm Tonson vierzig Kupferschillinge, ungerechnet das beschnittene Geld. Ein andermal bezahlt er eine Schuld mit so schlechten Stücken, daß Niemand sie wiedernehmen will. Der große Dichter schickt sie alle zurück und verlangt anstatt ihrer Guineen zu neunundzwanzig Schilling das Stück: „Ich erwarte,” sagt er in einem Briefe, „gutes Silber, nicht solches, wie ich früher bekommen habe.” — „Wenn Sie etwas leidliches Silbergeld haben,” schreibt er in einem andren Briefe, „so wird meine Frau sich sehr freuen. An der letzten Zahlung von fünfzig Pfund habe ich dreißig Schilling oder noch mehr verloren.” Diese Klagen und Bitten, deren Erhaltung wir nur der hervorragenden Stellung des Schreibers derselben verdanken, sind wahrscheinlich nur eine kleine Probe von der Correspondenz, welche mehrere Monate lang alle Briefbeutel England’s füllte.
Eine Klasse befand sich inmitten der allgemeinen Noth außerordentlich wohl: die Bankiers, und unter ihnen konnte sich keiner in Bezug auf Geschicklichkeit oder Glück mit Karl Duncombe messen. Er war noch nicht viele Jahre früher ein Goldschmied von sehr mäßigem Vermögen gewesen. Auch er hatte wahrscheinlich, nach der Sitte seiner Berufsklasse, unter den Arkaden der Börse Kunden zu gewinnen gesucht, hatte die Kaufleute mit tiefen Verbeugungen begrüßt und um die Ehre gebeten, ihr baares Geld zu verwahren. Gegenwärtig aber benutzte er so geschickt jede Gelegenheit zu Gewinn, welche die allgemeine Verwirrung in den Preisen einem Geldwechsler darbot, daß er in dem Augenblicke, wo der Handel des Königreichs auf die niedrigste Stufe herabgedrückt war, gegen neunzigtausend Pfund für die Herrschaft Helmsley im Nordbezirk von Yorkshire bezahlte. Diese große Besitzung hatten die Gemeinen England’s in einer unruhigen Zeit ihrem siegreichen General Fairfax verliehen und sie hatte einen Theil des Heirathsgutes gebildet, das Fairfax’ Tochter dem glänzenden und verschwenderischen Buckingham zubrachte. Dorthin hatte sich Buckingham, nachdem er in toller sinnlicher wie geistiger Unmäßigkeit die herrlichsten Gaben der Natur und des Glückes vergeudet, mit den schwachen Ueberresten seines schönen Aeußern und seines glänzenden Geistes zurückgezogen, und dort hatte er sein buntbewegtes Leben unter dem bescheidenen Dache und auf dem einfachen Krankenlager beschlossen, welche der große Satyriker der folgenden Generation in unsterblichen Versen geschildert hat. Die große Herrschaft ging auf ein neues Geschlecht über, und binnen wenigen Jahren erhob sich ein glänzenderer und kostspieligerer Palast, als der prachtliebende Villiers ihn je bewohnt hatte, inmitten der schönen Wälder und Teiche, die er sein genannt hatte, und nahm den einst geringen Namen Duncombe an.
Seit der Revolution war der Zustand des Courantgeldes zu wiederholten Malen im Parlamente discutirt worden. Im Jahre 1689 war ein Ausschuß der Gemeinen ernannt worden, um den Gegenstand zu prüfen, hatte aber keinen Bericht erstattet. Im Jahre 1690 hatte ein neuer Ausschuß berichtet, daß ungeheure Quantitäten Silber von Juden, die für Geldgewinn Alles thäten, außer Landes geschafft würden. Es wurden Pläne entworfen, um die Einfuhr der edlen Metalle zu befördern und die Ausfuhr zu verhindern. Eine thörichte Bill nach der andren wurde eingebracht und fallen gelassen. Zu Anfang des Jahres 1695 endlich nahm die Sache ein so bedenkliches Aussehen an, daß die Häuser sie in ernste Erwägung zogen. Doch das einzige praktische Resultat ihrer Berathungen war ein neues Strafgesetz, von dem man hoffte, daß es dem Beschneiden des geschlagenen Geldes und dem Einschmelzen und Ausführen des geprägten Geldes Einhalt thun werde. Es wurde verordnet, daß Jeder, der einen Kipper denuncirte, Anspruch auf eine Belohnung von vierzig Pfund, und jeder Kipper, der zwei andere Kipper denuncirte, Anspruch auf Begnadigung haben, und daß Jeder, in dessen Besitz Silber-Feilspäne oder Abfälle gefunden würden, mit einem glühenden Eisen auf der Wange gebrandmarkt werden solle. Bestimmte Beamte wurden ermächtigt, nach ungemünztem Silber zu suchen. Wurde in einem Hause oder an Bord eines Schiffes ungemünztes Silber gefunden, so mußte der Eigenthümer den Beweis führen, daß es nicht von Reichsmünzen herrührte. Gelang es ihm nicht, den Ursprung jedes solchen Metallstücks in befriedigender Weise darzuthun, so verfiel er harten Strafen. Dieses Gesetz war, wie sich erwarten ließ, völlig wirkungslos. Während des nächstfolgenden Sommers und Herbstes verschwand das gute Geld immer mehr und mehr und der Nothschrei aus allen Grafschaften des Landes wurde lauter und dringender.
Zum Glück für England befanden sich unter seinen Staatsmännern einige, welche klar erkannten, daß der sinkende Gewerbfleiß und Handel nicht durch Strang und Brenneisen wieder gehoben werden könnten. Der Zustand des Metallgeldes beschäftigte seit einiger Zeit die ernste Aufmerksamkeit von vier durch öffentliche und private Bande eng mit einander verbundenen ausgezeichneten Männern. Zwei davon waren Staatsmänner, welche inmitten ihrer amtlichen und parlamentarischen Geschäfte niemals aufgehört hatten, die Wissenschaft zu lieben und zu verehren; die beiden anderen waren Philosophen, in denen die Gewohnheit des abstrakten Denkens den gesunden praktischen Verstand, ohne den in der Politik selbst das Genie Unheil anrichtet, nicht geschmälert hatte. Nie hatte es eine Gelegenheit gegeben, welche zugleich praktische und theoretische Befähigung dringender erfordert hätte, und nie hatte die Welt die glänzendsten praktischen und theoretischen Talente in einem so engen, so harmonischen und so ehrenwerthen Bunde vereinigt gesehen, wie er Somers und Montague mit Locke und Newton verknüpfte.
Es ist sehr zu bedauern, daß wir nicht eine ausführliche Geschichte der Conferenzen dieser Männer besitzen, denen England die Herstellung seiner Valuta und die lange Reihe glücklicher Jahre verdankt, welche mit dieser Herstellung beginnt. Es müßte interessant sein zu sehen, wie das von den beiden Philosophen gefundene reine Gold der wissenschaftlichen Wahrheit von den beiden Staatsmännern gerade mit derjenigen Quantität Zusatz vermischt wurde, die zur praktischen Ausführung nöthig war. Es würde interessant sein, die mannichfachen Pläne zu studiren, welche vorgeschlagen, erörtert und, einige als unpraktisch, andere als ungerecht, noch andere als zu kostspielig, wieder andere als zu gewagt verworfen wurden, bis endlich ein Plan ausgesonnen wurde, dessen Weisheit sich durch den besten Beweis, durch vollständigen Erfolg, bewährte.
Newton hat der Nachwelt keine Darlegung seiner Ansichten in Bezug auf die Valuta hinterlassen. Aber Locke’s Abhandlungen über diesen Gegenstand sind glücklicherweise noch vorhanden, und es ist die Frage, ob in irgend einer seiner Schriften, selbst in den genialen und tiefdurchdachten Kapiteln über die Sprache, welche vielleicht den werthvollsten Theil seiner Essays über den menschlichen Verstand bilden, die Kraft seines Geistes sichtbarer zu Tage tritt. Ob er je mit Dudley North bekannt gewesen ist, wissen wir nicht. Hinsichtlich des moralischen Characters hatten die beiden Männer wenig mit einander gemein. Sie gehörten verschiedenen Parteien an. In der That, hätte Locke nicht in Holland Schutz vor der Tyrannei gesucht, so ist es durchaus nicht unmöglich, daß er durch eine von Dudley North zusammengestellte Jury nach Tyburn geschickt worden wäre. In geistiger Beziehung dagegen hatten der Whig und der Tory Vieles mit einander gemein. Jeder von ihnen hatte sich seine eigne Theorie der Nationalökonomie ausgedacht, die im Wesentlichen mit der übereinstimmt, welche späterhin Adam Smith aufstellte. In manchen Beziehungen war sogar die Theorie Locke’s und North’s vollkommener und symmetrischer als die ihres berühmten Nachfolgers. Adam Smith ist oft mit Recht getadelt worden, daß er in directem Widerspruche mit allen seinen Grundsätzen behauptete, der Zinsfuß müsse vom Staate regulirt werden, und er ist um so mehr zu tadeln, als lange bevor er geboren ward Locke, und North gelehrt hatten, daß es ebenso absurd sei, Gesetze zu machen, die den Preis des Geldes feststellten, als Gesetze, die den Preis der Eisenwaaren oder des Tuches bestimmten.[82]
Dudley North starb 1693. Noch kurz vor seinem Tode veröffentlichte er anonym eine kleine Schrift, die einen kurzen Umriß eines Planes zur Herstellung der Valuta enthält. Dieser Plan war in der Hauptsache der nämliche wie der, welchen Locke später ausführlich entwickelte und geschickt vertheidigte.
Eine Frage, die ohne Zweifel vielfach eifrig discutirt wurde, war die, ob etwas geschehen sollte, so lange der Krieg noch fortdauerte. Auf welchem Wege man auch immer die Besserung der Münzen bewerkstelligen mochte, es mußten große Opfer entweder von der ganzen Gesellschaft, oder doch von einem Theile der Gesellschaft gebracht werden. Und solche Opfer zu einer Zeit zu verlangen, wo die Nation bereits Steuern bezahlte, deren Erhebung zehn Jahre früher kein Finanzmann für möglich gehalten hätte, war allerdings ein sehr gefährlicher Schritt. Aengstliche Politiker waren für Aufschub, aber die reiflich erwogene Ueberzeugung der großen Whigführer war, daß etwas gewagt werden müsse, oder daß Alles verloren sei. Montague insbesondere soll sich nachdrücklich dahin ausgesprochen haben, daß er entschlossen sei, zu tödten oder zu heilen. Wenn man hatte hoffen können, daß das Uebel nicht schlimmer werden würde als es war, so wäre es allerdings vielleicht weise gewesen, ein Experiment, das die Kraft des Staatskörpers auf eine harte Probe stellen mußte, bis zur Rückkehr des Friedens zu verschieben. Aber das Uebel machte mit jedem Tage Fortschritte, die fast mit Händen zu greifen waren. Im Jahre 1694 hätte man eine Umprägung mit der Hälfte der Gefahr vornehmen können, der man sich im Jahre 1696 aussetzen mußte, und wie groß auch die Gefahr im Jahre 1696 sein mochte, sie mußte noch viel größer werden, wenn man die Umprägung bis zum Jahre 1698 verschob.
Die Politiker, welche für den Aufschub waren, erweckten indeß noch nicht soviel Besorgniß als eine andre Klasse von Politikern, welche für allgemeine und sofortige Umprägung waren, aber darauf drangen, daß der neue Schilling nur neun oder zehnthalb Pence werth sein sollte. An der Spitze dieser Partei stand Wilhelm Lowndes, Sekretär des Schatzamts und Parlamentsmitglied für den Burgflecken Seaford, ein höchst achtbarer und fleißiger Staatsdiener, aber in den Details seines Amtes viel bewanderter als in den höheren Zweigen der Staatswissenschaft. Er hatte nicht die entfernteste Ahnung davon, daß ein Stück Metall mit dem Bildnisse des Königs eine Waare war, deren Preis durch die nämlichen Gesetze geregelt wurde, welche den Preis eines in einen Löffel oder in eine Schnalle geformten Stückes Metall regeln, und daß es eben so wenig in der Macht des Parlaments stand, das Land reicher zu machen, indem man eine Krone ein Pfund nannte, als das Land größer zu machen, indem man einen Furlong[83] eine Meile nannte. Er war, so unglaublich es scheinen mag, allen Ernstes überzeugt, daß, wenn man die Unze Silber in sieben, statt in fünf Schillinge theilte, das Ausland uns seine Weine und seine Seidenstoffe für eine geringere Anzahl Unzen verkaufen würde. Er hatte einen bedeutenden Anhang, der zum Theil aus beschränkten Menschen, die wirklich glaubten was er ihnen sagte, zum Theil aus verschmitzten Köpfen bestand, die gar zu gern wollten, daß das Gesetz sie ermächtigte, hundert Pfund mit achtzig zu bezahlen. Wären seine Argumente durchgedrungen, so würden zu den vielen anderen Uebeln, unter denen die Nation bereits seufzte, noch die Uebel einer großartigen Confiscation gekommen sein; der öffentliche Credit, noch in seiner zarten und schwächlichen Kindheit, wäre vernichtet worden und es würde sehr wahrscheinlich eine allgemeine Meuterei in der Flotte und im Heere ausgebrochen sein. Zum Glück wurde Lowndes durch Locke in einer zu Somers’ Gebrauch geschriebenen Abhandlung gründlich widerlegt. Somers war entzückt über diese kleine Schrift und wünschte, daß sie gedruckt werden möchte. Sie wurde bald das Textbuch aller aufgeklärten Politiker des Reichs und man kann sie noch jetzt mit Vergnügen und Nutzen lesen. Die Wirkung von Locke’s kräftiger und klarer Logik wird nicht wenig erhöht durch seinen unverkennbaren ernsten Willen, die Wahrheit zu ergründen, und durch die seltene Generosität und liebenswürdige Artigkeit, womit er einen an geistiger Befähigung tief unter ihm stehenden Gegner behandelt. Flamsteed, der königliche Astronom, bezeichnete die Polemik sehr treffend, indem er sagte, es handle sich darum, ob fünf sechs oder nur fünf sei.[84]
Soweit stimmten Somers und Montague mit Locke vollkommen überein; über die Art und Weise aber, wie die Herstellung der Valuta zu bewerkstelligen sei, herrschte einige Meinungsverschiedenheit. Locke empfahl, was schon Dudley North empfohlen hatte, der König solle durch öffentliche Bekanntmachung einen nicht fernen Tag bestimmen, nach welchem das geschlagene Geld bei allen Zahlungen nur nach dem Gewicht angenommen werden sollte. Die Vortheile dieses Planes waren unzweifelhaft groß und in die Augen springend. Es war der einfachste und zugleich der praktischste. Was durch Haussuchungen, Geldstrafen, Brandmarkungen, Hinrichtungen und Verbrennungen nicht zu erreichen gewesen war, mußte in einem Augenblicke geschehen sein. Das Beschneiden der geschlagenen Münzen und das Einschmelzen der geprägten Münzen mußte sogleich aufhören. Große Massen guten Geldes mußten aus geheimen Kästen und Schränken zum Vorschein kommen. Das verstümmelte Silber mußte nach und nach in die Münze fließen und in einer Gestalt wieder daraus hervorgehen, die jede Verstümmelung unmöglich machte. In kurzer Zeit mußte das ganze Courantgeld des Landes in einem gesunden Zustande sein und während diese große Umwandlung vor sich ging, konnte nicht ein Augenblick Mangel an baarem Gelde eintreten.
Dies waren gewichtige Betrachtungen und die vereinigte Autorität North’s und Locke’s verdient in einer solchen Angelegenheit große Achtung. Doch kann man nicht leugnen, daß ihr Plan einen ernsten Einwand zuließ, der ihnen zwar nicht ganz entging, den sie aber doch zu leicht genommen zu haben scheinen. Die Herstellung der Valuta war eine Wohlthat für die ganze Gesellschaft. Nach welchem Prinzip konnte man unter diesen Umständen die Kosten dieser Herstellung nur einem Theile der Gesellschaft aufbürden? Es war allerdings höchst wünschenswerth, daß die Worte Pfund und Schilling wieder eine feststehende Bedeutung erhielten und daß Jedermann wußte, wie er seine Contracte zu verstehen hatte und was sein Eigenthum werth war. Aber war es gerecht, diesen vortrefflichen Zweck durch Mittel zu erreichen, welche nothwendig zur Folge haben mußten, daß jeder Pächter, der hundert Pfund zur Bezahlung seines Pachtes, und jeder Gewerbtreibende, der hundert Pfund zur Deckung seiner laufenden Wechsel zurückgelegt hatte, diese hundert Pfund in einem Augenblicke auf fünfzig oder sechzig Pfund reducirt sah? Daß die Kronen und halben Kronen eines solchen Pächters oder Gewerbtreibenden nicht vollwichtig waren, dafür konnte er nicht. Der Staat selbst war daran Schuld. Das Uebel, das der Staat veranlaßt hatte, war der Staat verbunden wieder gut zu machen, und es wäre offenbar unrecht gewesen, die Kosten der Reparation einer einzelnen Klasse aufzubürden, lediglich deshalb, weil diese Klasse sich in einer Lage befand, in der sie mit Bequemlichkeit geplündert werden konnte. Es würde eben so vernünftig gewesen sein, von den Holzhändlern zu verlangen, daß sie die sämmtlichen Kosten der Ausrüstung der Kanalflotte, oder von den Büchsenmachern, daß sie die sämmtlichen Kosten der Versorgung der flandrischen Regimenter mit Waffen trügen, als die Landeswährung auf Kosten derjenigen Personen herstellen zu wollen, in deren Händen sich das beschnittene Silber in einem gegebenen Augenblicke zufällig befand.
Locke erklärte, daß er die Verluste bedaure, die, wenn sein Rath angenommen würde, die Besitzer von beschnittenem Gelde treffen mußten. Es schiene ihm aber, daß die Nation zwischen verschiedenen Uebeln eines wählen müsse. Es war auch allerdings viel leichter, den allgemeinen Satz aufzustellen, daß die Kosten der Wiederherstellung der Valuta von der Nation getragen werden müßten, als auf ein Mittel zu sinnen, wie diese Kosten ohne große Nachtheile und Gefahren von derselben getragen werden könnten. Sollte man bekanntmachen, daß Jeder, der innerhalb eines Jahres oder eines halben Jahres eine beschnittene Krone in die Münze ablieferte, dafür eine geprägte Krone erhalten würde und daß der Werthunterschied zwischen den beiden Stücken aus der Staatskasse gedeckt werden solle? Dies wäre eben so gut gewesen, als hätte man eine Prämie auf das Beschneiden gesetzt. Die Scheeren würden thätiger gewesen sein als je. Das zu leichte Geld würde mit jedem Tage noch leichter geworden sein. Die Differenz, welche die Steuerzahlenden zu decken gehabt hätten, würde nach Ablauf der Frist wahrscheinlich um eine Million größer gewesen sein als am Anfang, und diese ganze Million wäre Uebelthätern zu Gute gekommen. Durch bedeutende Verkürzung der Frist zum Einliefern der geschlagenen Münzen würde man die Gefahr des ferneren Beschneidens verhältnißmäßig vermindert haben, aber es würde dann wieder eine andre Gefahr eingetreten sein. Das Silber wäre in diesem Falle so bedeutend schneller in die Münze geströmt, als es wieder aus derselben hervorströmen konnte, daß auf einige Monate ein drückender Geldmangel entstehen mußte.
Somers verfiel auf ein außerordentlich kühnes und sinnreiches Auskunftsmittel, das von Wilhelm gebilligt wurde. Es bestand darin, daß ganz im Geheimen eine Proklamation vorbereitet und gleichzeitig in allen Theilen des Königreichs veröffentlicht werden sollte. Diese Proklamation sollte ankündigen, daß geschlagene Münzen fortan nur nach dem Gewicht genommen werden sollten. Aber jeder Besitzer derartiger Münzen sollte aufgefordert werden, sie binnen drei Tagen in einem versiegelten Packete der nächsten Behörde einzuliefern. Die Münzen sollten dann untersucht, gezählt, gewogen und dem Eigenthümer mit einer an seine Ordre gestellten Anweisung zurückgegeben werden, gegen welche er späterhin die Differenz zwischen dem wirklichen Silbergehalt seiner Münzen und dem Gehalt, den sie nach dem gesetzlichen Münzfuße hätten haben sollen, bei der Staatskasse erheben konnte.[85] Wäre dieser Plan adoptirt worden, so würde dem Beschneiden, dem Einschmelzen und dem Exportiren sofort Einhalt gethan und die Kosten der Herstellung der Valuta, wie es recht und billig war, von der Nation getragen worden sein. Die aus einem Mangel an baarem Gelde erwachsende Unzuträglichkeit wäre nur von sehr kurzer Dauer gewesen, denn die beschnittenen Stücke würden dem Verkehr nur so lange entzogen worden sein, bis sie gezählt und gewogen werden konnten; dann würden sie der Circulation zurückgegeben worden sein und die Umprägung würde allmälig und ohne bemerkbare Unterbrechung und Störung des Geschäftsverkehrs vor sich gegangen sein. Diesen großen Vortheilen aber ließen sich Bedenken entgegenstellen, denen Somers wohl zu trotzen bereit war, vor denen aber, und dies war nicht zu verwundern, Politiker von minder erhabenem Character zurückschreckten. Der Weg, den er seinen Collegen anempfahl, war zwar für das Land der beste, keineswegs aber für sie. Sein Plan konnte nur dann gelingen, wenn er plötzlich ins Werk gesetzt wurde, und er konnte nicht plötzlich ins Werk gesetzt werden, wenn zuvor die Genehmigung des Parlaments erbeten und erlangt werden mußte; einen Schritt von so folgenschwerer Bedeutung aber ohne die vorgängige Genehmigung des Parlaments zu thun, hieß, sich Tadel, Anklagen, Gefängnißstrafe und Verderben aussetzen. Der König und der Lordsiegelbewahrer standen allein im Geheimen Rathe. Selbst Montague war unschlüssig, und es wurde beschlossen, nichts ohne die Ermächtigung der Legislatur zu thun. Montague nahm es auf sich, den Gemeinen einen Plan vorzulegen, der zwar nicht ohne Gefahren und Nachtheile, aber wahrscheinlich der beste war, den er durchzubringen hoffen durfte.
Zusammentritt des Parlaments; Loyalität des Hauses der Gemeinen.
Am 22. November traten die Häuser zusammen. Foley wurde an diesem Tage wieder zum Sprecher erwählt. Am darauffolgenden Tage wurde er vorgestellt und genehmigt. Der König eröffnete die Session mit einer sehr geschickt abgefaßten Rede. Er beglückwünschte seine Zuhörer wegen des günstigen Verlaufs des Feldzugs auf dem Continent. Diesen günstigen Verlauf schrieb er in Worten, welche ihren Gefühlen geschmeichelt haben müssen, der Tapferkeit der englischen Armee zu. Er sprach von den Uebeln, welche aus dem beklagenswerthen Zustande der Münzen entsprungen seien und von der Nothwendigkeit, ein schleuniges Heilmittel dagegen anzuwenden. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß seiner Meinung nach die Kosten der Herstellung der Valuta vom Staate getragen werden müßten; aber er erklärte zugleich, daß er die ganze Angelegenheit der Weisheit des Großen Rathes anheimgebe. Ehe er seine Rede schloß, wendete er sich noch speciell an das neugewählte Haus der Gemeinen und drückte mit Wärme seinen Beifall über die vortreffliche Wahl aus, die sein Volk getroffen habe. Die Rede wurde mit einem leisen aber sehr bezeichnenden Beifallsgemurmel sowohl diesseits als jenseits der Schranke begrüßt, und wurde vom Publikum eben so günstig aufgenommen als vom Parlamente.[86] Bei den Gemeinen wurde eine Dankadresse beantragt, von Musgrave schwach bekämpft, ohne Abstimmung angenommen und vom ganzen Hause nach Kensington überbracht. Im Palaste äußerte sich die Loyalität des Hauses in einer Weise, die man jetzt schwerlich mit der senatorischen Würde vereinbar halten dürfte. Als im Vorzimmer Erfrischungen gereicht wurden, füllte der Sprecher sein Glas und schlug zwei Toaste vor: einen auf das Wohl König Wilhelm’s, und einen andren auf den Untergang König Ludwig’s, und beide wurden unter lauten Acclamationen ausgebracht. Ein aufmerksamer Beobachter konnte jedoch erkennen, daß die Vertreter der Nation, obgleich in ihrer Gesammtheit von Eifer für die bürgerliche Freiheit und für die protestantische Religion beseelt, und bereit, lieber Alles zu ertragen, als das Land wieder in Abhängigkeit zurückgeworfen zu sehen, besorgt und muthlos waren. Alle dachten an den Zustand der Münzen, Alle sagten, daß etwas geschehen müsse, und Alle gestanden, daß sie nicht wüßten, was geschehen sollte. „Ich fürchte,” sagte ein Mitglied, das die Gesinnungen Vieler aussprach, „die Nation wird weder die Krankheit noch die Heilung ertragen.”[87]
Es gab allerdings eine Minorität, welche die Schwierigkeiten und Gefahren jener Krisis mit boshafter Schadenfreude betrachtete, und der heftigste, kühnste und factiöseste Führer dieser Minorität war Howe, den die Armuth hämischer gemacht hatte als je. Er trug darauf an, daß das Haus sich zu einem Comité über die Lage der Nation erklären solle, und das Ministerium — denn dieses Wort kann jetzt ganz passend angewendet werden — stimmte bereitwillig bei. Die wichtige Valutafrage konnte auch in der That nicht zweckmäßiger erörtert werden als in einem solchen Ausschusse. Als der Sprecher den Stuhl verlassen hatte, haranguirte Howe eben so heftig gegen den Krieg, als er in früheren Jahren für denselben haranguirt hatte. Er wollte Frieden, Frieden unter jeder Bedingung. Die Nation, sagte er, gleiche einem Verwundeten, der mit Verzweiflung fortkämpfe, während er Ströme von Blut verlöre. Eine kurze Zeit könne der Geist den Körper noch aufrecht erhalten, aber bald müsse Entkräftung eintreten. Keine moralische Energie könne lange gegen physische Erschöpfung ankämpfen. Er fand jedoch sehr geringe Unterstützung. Die große Mehrzahl seiner Zuhörer war fest entschlossen, eher Alles aufs Spiel zu setzen, als sich Frankreich zu unterwerfen. Es wurde spöttelnd bemerkt, daß der Zustand seiner eignen Finanzen ihm das Gleichniß von einem sich Verblutenden eingegeben habe und daß, wenn man ihm eine Herzstärkung in der Form eines Gehalts reichte, er sich wenig um die ausgetrockneten Adern der Nation kümmern würde. „Wir erniedrigten uns nicht,” sagten die Whigredner, „durch Geschrei nach Frieden, als unsre Flagge aus unsrem eignen Kanal verdrängt war, als Tourville’s Flotte vor Torbay ankerte, als die irische Nation gegen uns unter den Waffen stand, als jede Post aus den Niederlanden die Nachricht von einer Niederlage brachte, als wir gegen das Genie Louvois’ im Cabinet und gegen das Genie Luxemburg’s im Felde zu kämpfen hatten. Und jetzt sollten wir zu Bittenden werden, wo sich nicht einmal im Mittelländischen Meere ein feindliches Geschwader zu zeigen wagt, wo unsere Waffen auf dem Continent siegreich sind, wo Gott den großen Staatsmann und den großen Krieger zu sich genommen hat, deren Talente so lange unsere Anstrengungen vereitelten, und wo die Schwäche der französischen Regierung unverkennbar den Einfluß eines weiblichen Günstlings verräth?” Howe’s Antrag wurde mit Verachtung verworfen, und der Ausschuß ging zur Erwägung des Zustandes der Valuta über.[88]
Polemik über die Valuta.
Inzwischen ruhten die kürzlich befreiten Pressen der Hauptstadt keinen Augenblick. Unzählige Broschüren und Flugblätter über die Münzverhältnisse lagen auf den Ladentischen der Buchhändler und wurden unter die Mitglieder des Parlaments in der Vorhalle vertheilt. In einer der interessantesten und ergötzlichsten von diesen Schriften waren Ludwig und seine Minister als in der größten Besorgniß dargestellt, daß England sich durch das einfache Mittel, neun Pence einen Schilling zu nennen, zum reichsten Lande der Welt machen möchte, und es wurde zuversichtlich darin prophezeit, daß eine neue Revolution ausbrechen würde, wenn man den alten Münzfuß beibehielte. Einige Schriftsteller opponirten heftig gegen die Behauptung, daß die Nation die Kosten der Herstellung der Valuta tragen müsse; andere forderten die Regierung dringend auf, diese Gelegenheit zu benutzen und das englische Geld dem Gelde der Nachbarstaaten zu assimiliren; ein Projectenmacher war dafür, Gulden zu prägen, ein andrer dafür, Thaler zu prägen.[89]
Maßregeln des Parlaments in Bezug auf die Valuta.
Innerhalb der Mauern des Parlaments dauerten die Debatten mehrere bange Tage hindurch. Endlich brachte Montague, nachdem er zuerst Diejenigen, welche die Dinge bis zum Frieden unverändert lassen wollten, und dann auch Diejenigen geschlagen hatte, welche für den kleinen Schilling waren, elf Resolutionen durch, in denen die Umrisse seines Planes dargelegt waren. Es wurde beschlossen, daß die Landesmünzen sowohl in Gewicht als in Feingehalt nach dem alten Fuße umgeprägt, daß alle neuen Stücken geprägt, nicht geschlagen werden, daß der Staat den Verlust an dem beschnittenen Gelde tragen, daß ein Termin bestimmt werden sollte, nach welchem beschnittenes Geld nur noch in Zahlungen an die Regierung genommen, und daß ein späterer Termin festgesetzt werden sollte, nach welchem beschnittenes Geld gar nicht mehr genommen werden sollte. Was für Abstimmungen im Ausschusse stattfanden, läßt sich nicht ermitteln. Bei der Berichterstattung über die Resolutionen fand eine Abstimmung statt, und zwar über die Frage, ob der alte Gewichtsfuß beibehalten werden solle. Es stimmten hundertvierzehn Mitglieder mit Nein, zweihundertfünfundzwanzig mit Ja.[90]
Es wurde angeordnet, daß eine auf die Resolutionen basirte Bill eingebracht werden sollte. Einige Tage darauf erklärte der Kanzler der Schatzkammer den Gemeinen in einem Ausschusse zur Berathung der Mittel und Wege den Plan, wie er die Kosten der Umprägung zu decken gedachte. Es sei unmöglich, sagte er, den zur Deckung des Ausfalls an den beschnittenen Münzen erforderlichen Betrag mit Genauigkeit zu bestimmen. Aber es sei gewiß, daß mindestens zwölfhunderttausend Pfund dazu nöthig sein würden. Die Bank von England war bereit, diese zwölfhunderttausend Pfund auf gute Sicherheit vorzustrecken. Es war ein unter den Finanzmännern angenommener Satz, daß die Regierung keine so gute Sicherheit mehr bieten könne, wie die Kaminsteuer gewesen war. So verhaßt diese Abgabe auch Denen war, die sie hatten zahlen müssen, im Schatzamt und in der City wünschte man sie jetzt sehnlich zurück. Der Kanzler der Schatzkammer meinte, daß sich vielleicht eine Abgabe auf die Häuser aussinnen lassen werde, die nicht minder einträglich und nicht minder sicher sein könne als die Herdsteuer, aber nicht so schwer auf dem Armen lasten und durch ein weniger drückendes Verfahren erhoben werden könne. Die Anzahl der Kamine in einem Hause sei ohne Besichtigung der Wohnungen nicht zu ermitteln. Die Fenster aber könne ein Einnehmer zählen, ohne die Schwelle zu überschreiten. Montague schlug vor, daß die Bewohner von Hütten, welche von den Einsammlern des Kamingeldes so herzlos bedrückt worden seien, von der neuen Abgabe gänzlich frei bleiben sollten. Sein Plan wurde vom Ausschusse für die Mittel und Wege gebilligt und vom Hause ohne Abstimmung genehmigt. Dies war der Ursprung der Fenstersteuer, einer Abgabe, die zwar immerhin ein großes Uebel ist, im Vergleich zu dem Fluche aber, von dem sie die Nation erlöste, als ein Segen betrachtet werden muß.
Bis hierher war Alles gut gegangen. Jetzt aber kam eine Krisis, welche die geschickteste Leitung erforderte. Die Nachricht, daß das Parlament und die Regierung eine Reform der Valuta beabsichtigten, erzeugte unter dem gemeinen Volke einen Unwissenheitsschrecken. Jedermann wollte seine beschnittenen Kronen und halben Kronen los sein, und Niemand wollte sie nehmen. In der Hälfte der Straßen London’s entstanden Zänkereien, welche an Tumulte grenzten. Die Jakobiten, welche an einem Tage des Mißgeschicks und der öffentlichen Gefahr, stets mit Freude und Hoffnung erfüllt waren, liefen mit eifrigen Mienen und geschäftigen Zungen hin und her. In Tavernen und Bierhäusern wurde ganz offen auf das Wohl Jakob’s getrunken. Viele Parlamentsmitglieder, welche bisher die Regierung unterstützt hatten, begannen zu schwanken, und damit nichts an den Schwierigkeiten des Moments fehlte, entstand über einen Privilegiumspunkt ein Streit zwischen den beiden Häusern. Die in Uebereinstimmung mit Montague’s Resolutionen entworfene Umprägungsbill war den Peers zugesandt worden und mit Abänderungen zurückgekommen, von denen einige die Lords nach der Ansicht der Gemeinen nicht zu machen berechtigt waren. Die Sache war zu wichtig, um einen Verzug zu gestatten. Montague brachte eine neue Bill ein, welche factisch mit seiner ersten übereinstimmte, aber in einigen Punkten den Wünschen der Lords gemäß modificirt war; die Lords, obgleich mit der neuen Bill noch nicht ganz zufrieden, nahmen sie unverändert an, und der König genehmigte sie unverzüglich. Der 4. Mai, ein Tag, dessen man sich im ganzen Lande und insbesondere in der Hauptstadt lange erinnerte, war als der Tag festgesetzt, an welchem die Regierung aufhörte, beschnittenes Geld bei Steuerzahlungen anzunehmen.[91]
Die Prinzipien der Umprägungsacte sind vortrefflich. Einige von den Einzelnheiten sowohl dieser Acte als auch einer Ergänzungsacte, welche zu einem späteren Zeitpunkte der Session erlassen wurde, beweisen, daß Montague nicht gehörig erwogen hatte, was die Gesetzgebung erreichen kann und was nicht. Er überredete zum Beispiel das Parlament zu verordnen, daß es strafbar sein sollte, mehr als zweiundzwanzig Schillinge für eine Guinee zu geben oder zu nehmen. Man darf mit Gewißheit behaupten, daß Locke diese Verordnung weder vorgeschlagen hatte, noch sie billigte. Er wußte sehr wohl, daß der hohe Preis des Geldes nicht das Uebel war, an dem der Staat laborirte, sondern bloß ein Symptom dieses Uebels, und daß der Umprägung des Silbers unvermeidlich ein Fallen des Goldpreises folgen werde, daß aber keine menschliche Macht oder Einsicht bewirken könne, daß es der Umprägung vorausgehe. Die Strafbestimmung scheint auch factisch gar keine Wirkung hervorgebracht zu haben, weder eine gute noch eine schlechte. So lange das geprägte Silber noch nicht in Circulation gesetzt war, galt die Guinee trotz des Gesetzes nach wie vor dreißig Schillinge. Als aber das geprägte Silber reichlich circulirte, fiel die Guinee nicht nur auf zweiundzwanzig Schilling, was der vom Gesetz gestattete höchste Preis war, sondern auf einundzwanzig Schilling sechs Pence.[92]
Anfang Februar legte sich der Schrecken, den die ersten Debatten über die Valuta hervorgerufen hatten, und von dieser Zeit bis zum 4. Mai wurde der Geldmangel nicht sehr gefühlt. Die Umprägung begann. Die Schmelzöfen wurden im Garten hinter dem Schatzamt errichtet und täglich wurden große Haufen beschnittener und entstellter Kronen und Schillinge in mächtige Silberklumpen verwandelt, welche sofort in die Münze im Tower befördert wurden.[93]
Annahme der Acte zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen.
Mit dem Schicksale des Gesetzes, das die Valuta herstellte, war das Schicksal eines andren Gesetzes eng verknüpft, das mehrere Jahre der Erwägung des Parlaments unterlegen und mehrere lebhafte Streitigkeiten zwischen dem erblichen und dem wählbaren Zweige der Legislatur verursacht hatte. Die Session hatte kaum begonnen, als die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen wieder auf den Tisch der Gemeinen gelegt wurde. Von den Debatten, zu denen sie Veranlassung gab, wissen wir nichts mehr; nur ein interessanter Umstand ist durch Ueberlieferung auf uns gekommen. Unter Denen, welche die Bill unterstützten, zeichnete sich ein junger Whig von hohem Range, großem Vermögen und vorzüglichen Anlagen aus, welche durch Studium sorgfältig ausgebildet worden waren. Dies war Anton Ashley Cooper, Lord Ashley, ältester Sohn des zweiten Earls von Shaftesbury und Enkel des berühmten Staatsmannes, der in den Tagen Karl’s II. zu einer Zeit der grundsatzloseste Minister, zu einer andren Zeit der grundsatzloseste Demagog gewesen war. Ashley war eben als Vertreter des Burgfleckens Poole ins Parlament gewählt worden und stand in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre. Im Laufe seiner Rede stockte er, stammelte und schien den Faden seines Ideenganges zu verlieren. Das Haus, welches damals so gut wie jetzt nachsichtig gegen Neulinge war und wohl wußte, daß bei einem ersten öffentlichen Auftreten die Unsicherheit, eine Wirkung der Bescheidenheit und der Gefühlswärme, ein eben so gutes Zeichen ist als Geläufigkeit im Ausdruck und Unbefangenheit des Benehmens, munterte ihn auf fortzufahren. „Kann ich wohl, Sir,” sprach der junge Redner, sich wieder sammelnd, „ein gewichtigeres Argument zu Gunsten dieser Bill anführen, als mein eignes Stocken? Mein Vermögen, mein Ruf, mein Leben stehen nicht auf dem Spiele. Ich habe ein Auditorium vor mir, dessen freundliche Nachsicht mich wohl zu ermuthigen geeignet ist. Und doch habe ich, aus bloßer Gemüthsbewegung, aus bloßem Mangel an Uebung im Reden vor zahlreichen Versammlungen, meinen Gedankengang verloren, so daß ich nicht im Stande bin, in meiner Beweisführung fortzufahren. Wie hülflos muß dann erst ein armer Mann sein, der, nachdem er noch nie öffentlich gesprochen hat, aufgefordert wird, ohne sich einen Augenblick vorzubereiten, den gewandtesten und erfahrensten Advokaten des Königreichs zu antworten, und dessen Geisteskräfte durch den Gedanken gelähmt werden, daß er, wenn es ihm nicht gelingt, seine Zuhörer zu überzeugen, in wenigen Stunden am Galgen sterben und Die, welche ihm das Theuerste sind, in Armuth und Schande zurücklassen wird.” Man darf vielleicht mit einigem Grunde vermuthen, daß Ashley’s Befangenheit und seine kluge Benutzung derselben sorgfältig vorausbedacht waren. Doch jedenfalls machte seine Rede großen Eindruck und erweckte wahrscheinlich Erwartungen, welche nicht in Erfüllung gingen. Seine Gesundheit war zart, sein Geschmack bis zur Launenhaftigkeit verfeinert; er überließ die Politik bald Männern, deren Körper und Geist von gröberem Stoffe waren als die seinigen, gab sich nur geistigen Genüssen hin, vertiefte sich in die Irrgänge der alten akademischen Philosophie und strebte nach dem Ruhme, die alte akademische Beredtsamkeit wieder zu beleben. Seine gekünstelte und blumenreiche, oft aber wunderbar schöne und melodische Diction bezauberte viele junge Enthusiasten. Er hatte nicht bloß Schüler, sondern Anbeter, sein Leben war kurz, aber er lebte lange genug, um der Gründer einer neuen Secte englischer Freidenker zu werden, dem directen Gegensatze von derjenigen Secte von Freidenkern, deren Orakel Hobbes war. Viele Jahre lang blieben seine „Characteristiken” das Evangelium der romantischen und sentimentalen Ungläubigen, während das Evangelium der kaltblütigen und hartköpfigen Ungläubigen der „Leviathan” war.
Die so oft eingebrachte und so oft verworfene Bill wurde von den Gemeinen ohne Abstimmung angenommen und den Lords zugesandt. Sie kam bald mit der lange streitigen Klausel zurück, welche die Verfassung des Gerichtshofes des Lord High Steward abänderte. Eine zahlreiche Partei unter den Vertretern des Volks war noch immer nicht geneigt, dem Hochadel irgend ein neues Privilegium zu bewilligen; aber der Moment war kritisch. Die Meinungsverschiedenheit, welche zwischen den beiden Häusern wegen der Umprägungsbill entstanden war, hatte Nachtheile erzeugt, die auch einen beherzten Staatsmann wohl beunruhigen konnten. Man mußte ein Zugeständniß durch ein andres erkaufen. Die Gemeinen traten mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfunfzig Stimmen dem Amendement bei, auf dem die Lords vier Jahre lang so hartnäckig bestanden hatten, und die Lords genehmigten dagegen unverzüglich die Umprägungsbill ohne Amendement.
Man hatte sich viel über den Zeitpunkt gestritten, zu welchem das neue System des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen in Kraft treten sollte, und die Bill war einmal in Folge eines Streites über diesen Punkt gescheitert. Viele waren der Meinung, daß die Aenderung nicht vor dem Ende des Kriegs Platz greifen dürfe. Es sei notorisch, sagten sie, daß der auswärtige Feind von nur zu vielen einheimischen Verräthern aufgehetzt werde, und zu solchen Zeiten dürften die Gesetze, welche den Staat gegen die Machinationen schlechter Bürger schütze, nicht gelockert werden. Endlich wurde beschlossen, daß die neuen Vorschriften mit dem 25. März, nach dem alten Kalender dem ersten Tage des Jahres 1696, in Kraft treten sollten.
Parlamentsverhandlungen wegen der Verleihung von Kronländereien in Wales an Portland.
Am 21. Januar erhielten die Umprägungsbill und die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen die königliche Genehmigung. Am folgenden Tage begaben sich die Gemeinen in einer Angelegenheit, die sowohl ihnen als auch dem Könige durchaus nicht angenehm war, nach Kensington. Sie waren in ihrer Gesammtheit fest entschlossen, um jeden Preis und auf jede Gefahr hin den König gegen jeden äußeren wie inneren Feind zu schützen. Aber sie waren, wie jede Versammlung von fünfhundertdreizehn englischen Gentlemen, gleichviel durch welches Verfahren sie zusammengebracht sein mochte, es naturgemäß sein mußte, eifersüchtig auf die Gunst, die er seinen Jugendfreunden bewies. Er hatte sich vorgenommen, das Haus Bentinck in Ruhm und Glanz auf gleiche Stufe mit den Häusern Howard und Seymour, Russell und Cavendish zu stellen. Einige der schönsten Erbdomänen der Krone waren Portland verliehen worden, nicht ohne Murren von Seiten der Whigs wie der Tories. Es war allerdings nichts geschehen, was nicht mit dem Buchstaben des Gesetzes und mit einer langen Reihe von Präcedenzfällen im Einklang gestanden hätte. Seit undenklichen Zeiten hatte jeder englische Souverain die Güter, in deren Besitz er kraft seines Amtes getreten war, als sein Privateigenthum betrachtet. Jede Familie, die in England mächtig gewesen war, von den De Vere bis herab zu den Hyde, war durch königliche Schenkungen bereichert worden. Karl II. hatte aus seinen Erbgütern Herzogthümer für seine Bastarde herausgeschnitten. Auch enthielt die Rechtsbill nicht ein Wort, welches dahin hätte gedeutet werden können, daß es dem Könige nicht vollkommen freistände, sich jeden Theils der Krongüter zu entäußern. Anfangs rief daher Wilhelm’s Freigebigkeit gegen seine Landsleute, wenn sie auch viel Unzufriedenheit erregte, keine Remonstrationen von Seiten des Parlaments hervor. Aber er ging endlich zu weit. Im Jahre 1695 befahl er den Lords des Schatzes eine Urkunde auszufertigen, welche Portland eine prachtvolle Herrschaft in Denbighshire verlieh. Diese Herrschaft sollte über hunderttausend Pfund werth sein. Der jährliche Ertrag derselben kann sich daher auf kaum weniger als sechstausend Pfund belaufen haben, und die der Krone vorbehaltene Jahresrente betrug nur sechs und acht Pence. Dies war jedoch noch nicht das Schlimmste. Mit dem Besitze waren ausgedehnte Regalien untrennbar verbunden, welche die Bewohner von Nordwales nicht geduldig in den Händen irgend eines Unterthanen sehen konnten. Mehr als hundert Jahre früher hatte Elisabeth einen Theil des nämlichen Gebiets ihrem Günstling Leicester verliehen. Bei dieser Gelegenheit hatte sich das Volk von Denbighshire mit bewaffneter Hand erhoben, und nach vielen tumultuarischen Auftritten und mehreren Hinrichtungen hatte Leicester es für rathsam gehalten, die Schenkung seiner Gebieterin zurückzugeben. Die Opposition gegen Portland war minder gewaltthätig, aber eben so erfolgreich. Einige der angesehensten Gentlemen des Gebiets machten den Ministern, durch deren Bureaux das Dokument gehen mußte, nachdrückliche Vorstellungen und brachten endlich den Gegenstand bis vor das Unterhaus. Es wurde einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, die Schenkung zurückzunehmen; Portland bat, daß man ihn nicht zu einem Zankapfel zwischen seinem Gebieter und dem Parlamente machen möchte, und der König fügte sich, wenn auch tief verletzt, dem allgemeinen Wunsche der Nation.[94]
Diese unglückliche Geschichte hinterließ, wenn sie auch nicht in einen offenen Streit ausging, doch viel böses Blut. Der König war aufgebracht gegen die Gemeinen und noch aufgebrachter gegen die whiggistischen Minister, die es nicht gewagt hatten, seine Schenkung zu vertheidigen. Die loyale Zuneigung, welche das Parlament ihm in den ersten Tagen der Session bewiesen hatte, war merklich erkaltet, und er war fast so unpopulär wie er es je gewesen, als ein Ereigniß eintrat, das ihm plötzlich die Herzen von Millionen wiedergewann und ihn auf einige Zeit in eben dem Grade zum Abgott der Nation machte, wie er es zu Ende des Jahres 1688 gewesen war.[95]
Zwei jakobitische Complots geschmiedet.
Der im vergangenen Frühjahr entworfene Mordplan war in Folge der Abreise Wilhelm’s nach dem Continent aufgegeben worden. Der im Sommer entworfene Insurrectionsplan war wegen Mangel an Beistand von Seiten Frankreich’s ebenfalls aufgegeben worden. Vor Ende des Herbstes aber wurden beide Pläne wieder aufgenommen. Wilhelm war nach England zurückgekehrt, und die Möglichkeit, sich seiner durch einen glücklichen Schuß oder Degenstoß zu entledigen, wurde wieder ernstlich discutirt. Die französischen Truppen hatten ihre Winterquartiere bezogen, und das Armeecorps, welches Charnock vergebens verlangt hatte, als der Kampf um Namur wüthete, konnte jetzt ohne Nachtheil entbehrt werden. Es wurde daher jetzt ein Complot geschmiedet, furchtbarer als irgend eines, das bisher den Thron und das Leben Wilhelm’s bedroht hatte, oder es wurden vielmehr, wie dies mehr als einmal in unsrer Geschichte vorgekommen ist, zwei Complots geschmiedet, eines in dem andren. Der Zweck des größeren Complots war ein offener Aufstand, ein Aufstand, der durch eine ausländische Armee unterstützt werden sollte. In dieses Complot waren fast alle angesehenen Jakobiten mehr oder weniger verwickelt. Einige häuften Waffen auf, andere kauften Pferde, noch andere entwarfen Listen von den Dienern und Untergebenen, auf die sie sich fest verlassen konnten. Die minder kriegerischen Mitglieder der Partei konnten wenigstens Humpen auf den König über dem Wasser leeren und durch bedeutungsvolles Achselzucken und Geflüster zu verstehen geben, daß er nicht lange mehr über dem Wasser sein werde. Es wurde allgemein bemerkt, daß die Unzufriedenen weiser als sonst aussahen, wenn sie nüchtern waren, und daß sie lauter als sonst schwatzten, wenn sie betrunken waren.[96] In das kleinere Complot, das die Ermordung Wilhelm’s zum Zweck hatte, waren nur einige wenige auserlesene Hochverräther eingeweiht.
Berwick’s Complot.
Jedes dieser beiden Complots stand unter der Leitung eines speciell dazu von Saint-Germains abgeschickten Führers. Die ehrenhaftere Sendung war Berwick anvertraut. Er war beauftragt, sich mit der jakobitischen Noblesse und Gentry in Vernehmen zu setzen, auszumitteln, welche Streitmacht sie ins Feld stellen konnten und einen Zeitpunkt für die Erhebung festzusetzen. Er war ermächtigt ihnen zu versichern, daß die französische Regierung Truppen und Transportschiffe bei Calais zusammenziehe und daß, sobald man dort erführe, daß ein Aufstand in England ausgebrochen sei, sein Vater sich mit zwölftausend Veteranen einschiffen und in einigen Stunden bei ihnen sein würde.
Das Ermordungscomplot; Sir Georg Barclay.
Eine gefährlichere Rolle war einem Emissär von niedererem Range aber großer Gewandtheit, Thätigkeit und Unerschrockenheit übertragen. Dies war Sir Georg Barclay, ein schottischer Gentleman, der mit Ehren unter Dundee gedient und der sich, als der Krieg in den Hochlanden zu Ende war, nach Saint-Germains zurückgezogen hatte. Barclay wurde in das königliche Cabinet beschieden und empfing seine Instructionen aus dem Munde des Königs selbst. Er erhielt Befehl, sich heimlich über den Kanal nach London zu begeben. Es wurde ihm gesagt, daß einige auserlesene Offiziere und Soldaten ihm zu Zweien und Dreien auf dem Fuße folgen würden, und damit sie ihn leicht finden könnten, sollte er Montags und Donnerstags nach Einbruch der Dunkelheit unter dem Säulengange vom Coventgarden umhergehen und ein weißes Tuch aus seiner Rocktasche hervorblicken lassen. Er erhielt eine bedeutende Summe Geldes und eine Vollmacht, welche Jakob nicht nur unterzeichnet, sondern, von Anfang bis zu Ende eigenhändig geschrieben hatte. Diese Vollmacht autorisirte den Inhaber von Zeit zu Zeit diejenigen Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien und seine Anhänger zu unternehmen, welche den Zwecken des Königs am meisten entsprechen würden. Welche nähere Erklärung Jakob diesen weit umfassenden Worten mündlich gab, wissen wir nicht.
Damit Barclay’s Abwesenheit von Saint-Germains keinen Verdacht erweckte, wurde ausgesprengt, daß sein lockerer Lebenswandel ihn in die Nothwendigkeit versetzt habe, sich von einem Arzte in Paris behandeln zu lassen.[97] Er reiste mit achthundert Pfund Sterling in seinem Koffer ab, eilte nach der Küste und schiffte sich an Bord eines Kapers ein, den die Jakobiten als regelmäßiges Packetboot zwischen Frankreich und England benutzten. Dieses Fahrzeug brachte ihn nach einem einsamen Orte im Romney Moor. Ungefähr eine halbe Meile von dem Landungsplatze wohnte ein Schmuggler, Namens Hunt, auf einer öden und ungesunden Sumpfstrecke, wo er keine anderen Nachbarn hatte als einige halbwilde Hirten. Seine Wohnung hatte eine Lage, die sich für den Schleichhandel mit französischen Waaren vortrefflich eignete, Ladungen von Lyoneser Seidenwaaren und Valencienner Spitzen, hinreichend, um dreißig Packpferde zu beladen, waren mehr als einmal in dieser traurigen Einöde gelandet worden, ohne Aufsehen zu erregen. Seit der Revolution aber war Hunt dahinter gekommen, daß von allen Ladungen eine Ladung Hochverräther am besten rentirte. Sein entlegener Wohnplatz wurde der Aufenthaltsort für hochangesehene Männer, für Earls und Barone, für Ritter und Doctoren der Theologie. Einige davon wohnten viele Tage unter seinem Dache in Erwartung einer Gelegenheit zur Ueberfahrt. Zwischen seinem Hause und London bestand eine geheime Postverbindung. Couriere eilten fortwährend hin und her; sie machten die Reise stets zu Fuße; aber sie sahen wie Gentlemen aus, und man raunte sich zu, daß einer von ihnen der Sohn eines vornehmen Mannes sei. Die aus Saint-Germains kommenden Briefe waren an Zahl und Umfang klein; um so zahlreicher und voluminöser aber waren die dahin abgehenden. Sie wurden wie Packete von Modewaaren verpackt und in dem Sumpfe vergraben, bis der Kaper sie abforderte.
Hier landete Barclay im Januar 1696, und von hier aus schlug er den Weg nach London ein. Wenige Tage später folgte ihm ein schlanker junger Mann, der seinen Namen verschwieg, aber Accreditive von höchster Autorität vorzeigte. Dieser junge Mann begab sich ebenfalls nach London. Hunt erfuhr nachher, daß sein bescheidenes Dach die Ehre gehabt hatte, den Herzog von Berwick zu beherbergen.[98]
Die Rolle, welche Barclay zu spielen hatte, war schwierig und gefährlich, und er unterließ keine Vorsichtsmaßregel. Er war selten in London gewesen und sein Aeußeres war daher den Agenten der Regierung unbekannt. Gleichwohl hatte er mehrere Wohnungen, verkleidete sich so gut, daß seine ältesten Freunde ihn am hellen Tage nicht erkannt haben würden, und doch wagte er sich selten auf die Straße, außer im Dunklen. Sein Hauptagent war ein Mönch, der mit Gefahr seines Kopfes unter verschiedenen Namen Beichte abnahm und Messe las. Dieser Mann theilte einigen von den Zeloten, mit denen er verkehrte, mit, daß ein Specialagent der königlichen Familie an gewissen Abenden zu einer gewissen Stunde in Coventgarden zu sprechen und an gewissen Zeichen kenntlich sei.[99] Auf diese Weise lernte Barclay mehrere für seine Zwecke geeignete Männer kennen. Die Ersten, denen er sich völlig offenbarte, waren Charnock und Parkyns. Er sprach mit ihnen über das Complot, das sie mit einigen ihrer Freunde im vergangenen Frühjahr gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet hatten. Charnock sowohl als Parkyns erklärten, daß der Plan leicht ausführbar sei, daß es unter den Royalisten nicht an beherzten Männern fehle und daß es nur eines Zeichen von Zustimmung von Seiten Sr. Majestät bedürfe.
Barclay producirte nun seine Vollmacht. Er bewies seinen beiden Complicen, daß Jakob ausdrücklich allen guten Engländern anbefohlen hatte, nicht allein sich mit bewaffneter Hand zu erheben, nicht allein gegen die Regierung des Usurpators Krieg zu führen, nicht allein Festungen und Städte einzunehmen, sondern auch von Zeit zu Zeit solche anderweitige Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien vorzunehmen, wie sie dem Könige dienlich wären. Diese Worte, sagte Barclay, autorisirten offenbar einen Angriff auf die Person des Prinzen. Charnock und Parkyns waren befriedigt. Wie konnten sie in der That Zweifeln, daß Jakob’s vertrauter Agent seine Worte richtig deutete? Ja, wie hätten sie die umfassenden Worte der Vollmacht anders als in dem einen Sinne verstehen können, selbst wenn Barclay nicht dagewesen wäre, um sie zu commentiren? Wäre der Gegenstand niemals Jakob zur Erwägung unterbreitet worden, so hätte man allerdings glauben können, daß jene Worte seiner Feder ohne eine bestimmte Bedeutung entschlüpft seien. Aber es war ihm wiederholt mitgetheilt worden, daß einige seiner Freunde in England eine blutige That im Sinne hätten und daß sie nur auf seine Zustimmung warteten. Sie waren in ihn gedrungen, ein Wort zu sprechen, einen Wink zu geben. Er hatte lange geschwiegen, und jetzt wo er das Stillschweigen brach, sagte er ihnen bloß, sie möchten Alles thun, was ihm nützlich und dem Usurpator nachtheilig sein könnte. Sie hatten seine Erlaubniß in so deutlichen Ausdrücken, wie sie dieselbe in einem solchen Falle vernünftigerweise nur erwarten konnten.[100]
Es kam nur noch darauf an, eine genügende Anzahl muthiger und zuverlässiger Helfershelfer zu finden, für Pferde und Waffen zu sorgen und Ort und Stunde der Ermordung zu bestimmen. Vierzig bis fünfzig Mann wurden für ausreichend gehalten. Die Reiter von Jakob’s Garde, welche Barclay bereits über den Kanal gefolgt waren, bildeten ziemlich die Hälfte von dieser Anzahl. Jakob hatte selbst mit einigen dieser Leute vor ihrer Abreise von Saint-Germains gesprochen, ihnen Reisegeld gegeben, ihnen gesagt, welchen Namen jeder von ihnen in England annehmen sollte, ihnen befohlen, nach Barclay’s Weisungen zu handeln, und sie unterrichtet, wo Barclay zu finden und an welchem Zeichen er zu erkennen war.[101] Sie hatten Ordre, in kleinen Gruppen abzureisen und verschiedene Beweggründe für ihre Reise anzugeben. Einige waren krank, Andere waren des Dienstes überdrüssig; Cassels, einer der Lautesten und Profansten unter ihnen, sagte, daß er, weil er beim Militär keine Beförderung erlangen könne, in das schottische Collegium eintreten und eine Brotwissenschaft studiren wolle. Unter derartigen Vorwänden verließen etwa zwanzig auserwählte Männer den Palast Jakob’s, gingen über Romney Marsh nach London und fanden ihren Anführer im düstren Lampenlichte der Colonnade mit aus der Tasche herabhängendem Sacktuche auf und nieder gehen. Einer dieser Leute war Ambrosius Rookwood, der den Grad eines Brigadiers hatte und eines hohen Rufes von Muth und Ehrenhaftigkeit genoß; ein Andrer war der Major Johann Bernardi, ein Abenteurer von genuesischer Abkunft, dessen Name eine traurige Berühmtheit erlangt hat durch eine Strafe, die sich so unglaublich verlängerte, daß sie endlich noch eine Generation zu Mitleid rührte, die sich seines Verbrechens nicht erinnern konnte.[102]
Auf diese Abenteurer aus Frankreich setzte Barclay hauptsächlich sein Vertrauen. In einem Augenblicke emphatischer Ueberhebung nannte er sie seine Janitscharen und sprach die Hoffnung aus, daß sie ihm das St. Georgskreuz und den Hosenbandorden verschaffen würden. Aber es waren mindestens noch zwanzig Mörder nöthig. Wahrscheinlich erwarteten die Verschwörer werthvollen Beistand von Seiten Sir John Friend’s, der ein von Jakob ausgestelltes Oberstenpatent erhalten und um die Zeit, wo die Franzosen an der Küste von Kent erscheinen sollten, mit großer Thätigkeit Mannschaften angeworben und Waffen herbeigeschafft hatte. Der Plan wurde ihm mitgetheilt, aber er hielt ihn für so unüberlegt und war so fest überzeugt daß er der guten Sache nur schaden konnte, daß er seinen Freunden keinen Beistand leihen wollte, obgleich er ihr Geheimniß gewissenhaft bewahrte.[103] Charnock nahm es auf sich, acht entschlossene und zuverlässige Männer zu finden. Er theilte den Plan Porter mit, was Barclay nicht ganz billigte, denn er meinte, daß man einem Wirthshausraufbold, der noch kürzlich im Gefängniß gesessen, weil er betrunken in den Straßen umher renommirt und Hurrahs zu Ehren des Prinzen von Wales gerufen hatte, nicht wohl ein Geheimniß von so gefährlicher Wichtigkeit anvertrauen könne. Porter ging mit Begeisterung auf das Complot ein und versprach, noch Andere mit hereinzuziehen, welche nützlich sein würden. Zu Denen, deren Unterstützung er gewann, gehörte sein Diener, Thomas Keyes. Keyes war ein viel gefährlicherer Verschwörer, als man es bei seiner socialen Stellung hätte erwarten sollen. Die Haustruppen waren im allgemeinen Wilhelm ergeben; unter den Blauen aber herrschte ein Anflug von Abneigung gegen ihn. Die Hauptverschwörer hatten sich schon mit einigen bei diesem Regiment stehenden Katholiken in Vernehmen gesetzt, und Keyes war hierzu ganz besonders gut zu brauchen, denn er war früher Trompeter des Corps gewesen, und obwohl er seinen Abschied genommen, stand er doch noch immer in einem freundschaftlichen Verhältnisse mit einigen von den alten Soldaten, in deren Gesellschaft er nach der Schlacht bei Sedgemoor auf Kosten der Pächter von Somersetshire gelebt hatte.
Parkyns, der alt und gichtbrüchig war, konnte nicht persönlich Antheil an dem Mordwerke nehmen. Aber er beschäftigte sich mit Besorgung von Pferden, Sätteln und Waffen für seine jüngeren und thätigeren Complicen. In dieser Beschäftigung wurde er durch Karl Cranburne unterstützt, einen Menschen, der schon längst als Mäkler zwischen jakobitischen Verschwörern und Leuten diente, die mit Hieb- und Schußwaffen handelten. Barclay gab speciellen Befehl, daß die Degen mehr zum Stechen als zum Schlagen eingerichtet werden sollten. Er selbst warb Eduard Lowick an, der als Major in der irischen Armee gedient hatte und seit der Capitulation von Limerick sehr still und eingezogen in London lebte. Der Mönch, den Barclay zuerst ins Vertrauen gezogen hatte, empfahl zwei geschäftige Papisten, Richard Fisher und Christoph Knightley, und diese Empfehlung wurde für genügend erachtet. Knightley zog Eduard King, einen römisch-katholischen Gentleman von heißblütigem und unruhigem Temperament, herbei, und King verschaffte die Mithülfe eines französischen Spielers und Bramarbas, Namens De la Rue.[104]
Mittlerweile hielten die Häupter der Verschwörung häufige Zusammenkünfte in hochverrätherischen Tavernen, um einen Operationsplan zu verabreden. Mehrere Pläne wurden vorgeschlagen, beifällig aufgenommen, nach reiflicherer Erwägung aber fallen gelassen. Einmal war man der Meinung, daß ein nächtlicher Angriff auf Kensington wahrscheinlich gelingen werde. Die äußere Mauer sei leicht zu übersteigen, und wenn einmal vierzig bewaffnete Männer im Garten seien, würde der Palast bald erstürmt oder in Brand gesteckt sein. Einige waren der Ansicht, daß es am besten sein würde, den Handstreich an einem Sonntage zu unternehmen, wenn Wilhelm sich von Kensington in die Kapelle des St. Jamespalastes begebe, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Die Mörder sollten sich auf der Stelle versammeln, wo jetzt Apsley House und Hamilton Palace stehen. In dem Augenblicke wo der Wagen des Königs Hyde Park verließe, um in den jetzigen Green Park einzulenken, sollten Dreißig von den Verschwörern, wohl beritten, über die Garden herfallen. Die Garden waren gewöhnlich nur fünfundzwanzig Mann stark, der Angriff müßte ihnen natürlich ganz unverhofft kommen und sehr wahrscheinlich würde die Hälfte von ihnen todtgeschossen oder niedergehauen sein, bevor sie einen Schlag thun könnten. Währenddem sollten zehn bis zwölf beherzte Männer zu Fuß durch Niederschießen der Pferde den Wagen anhalten, worauf sie dann ohne Schwierigkeit mit dem Könige fertig werden würden. Endlich gab man einem ursprünglich von Fisher entworfenen und von Porter weiter ausgeführten Plane den Vorzug. Wilhelm pflegte jeden Sonnabend zur Jagd nach Richmond Park zu fahren. Damals war zwischen London und Kingston noch keine Brücke über die Themse. Der König fuhr daher in einem von wenigen Leibgardisten begleiteten Wagen über Turnham Green nach dem Flusse. Hier bestieg er ein Boot, setzte über den Fluß und fand auf der Surreyseite einen andren Wagen mit einem andren Trupp Leibgardisten seiner wartend. Der erste Wagen und die erste Eskorte erwarteten am nördlichen Ufer seine Zurückkunft. Die Verschwörer ermittelten mit großer Genauigkeit das ganze Arrangement bei diesen Ausflügen und untersuchten sorgfältig das Terrain auf beiden Seiten der Themse. Sie waren der Meinung, daß sie den König vortheilhafter auf der Middlesexseite als auf der Surreyseite, und besser auf dem Rückwege als auf dem Hinwege angreifen würden. Denn auf der Hinfahrt wurde er oft von einem zahlreichen Gefolge von Lords und Gentlemen bis zum Flusse begleitet; auf der Rückfahrt aber hatte er nur seine Garden bei sich. Ort und Zeit wurden festgesetzt. Der Ort sollte eine enge und krumme Gasse sein, die vom Landungsplatze auf der Nordseite des Flusses nach Turnham Green führte. Die Stelle ist noch jetzt leicht zu finden. Der Boden ist seitdem durch Gräben entwässert worden; im 17. Jahrhundert aber war er eine Sumpflache, durch welche der königliche Wagen nur mit Mühe im Schritt gezogen werden konnte. Der Zeitpunkt sollte der Nachmittag des 15. Februars, eines Sonnabends, sein. An diesem Tage sollten sich die Vierzig in kleinen Gruppen in verschiedenen öffentlichen Häusern unweit des Angers versammeln. Sobald das Zeichen gegeben wurde, daß der Wagen sich nähere, sollten sie aufsitzen und sich an ihre Posten begeben. Wenn die Cavalcade die Gasse heraufkam, sollte Charnock die Gardisten im Rücken, Rookwood von der einen und Porter von der andren Seite angreifen. Unterdessen sollte Barclay mit acht zuverlässigen Männern den Wagen anhalten und die That vollbringen. Damit den Verschwörern keine Bewegung des Königs entging, wurden zwei Ordonnanzen ernannt, die den Palast bewachen sollten. Einer von diesen beiden Männern, ein kühner und thätiger Flamländer, war speciell beauftragt, Barclay von Allem genau zu unterrichten. Der Andere, der mit Charnock Communication unterhalten sollte, war ein Raufbold, Namens Chambers, der in der irischen Armee gedient, am Boyne eine schwere Wunde in die Brust erhalten hatte und wegen dieser Verwundung einen heftigen persönlichen Haß gegen Wilhelm empfand.[105]
Berwick’s Complot scheitert.
Während Barclay alle seine Anstalten zur Ermordung traf, bemühte sich Berwick, die jakobitische Aristokratie zur bewaffneten Erhebung zu überreden. Dies war jedoch keine leichte Aufgabe. Es wurden mehrere Berathungen gehalten und es fand eine große Musterung der Partei unter dem Vorwande einer Maskerade statt, zu welcher Billets zu einer Guinee das Stück unter die Eingeweihten vertheilt wurden.[106] Alles lief jedoch auf Reden, Singen und Trinken hinaus. Viele angesehene und wohlhabende Männer erklärten zwar, daß sie das Schwert für ihren rechtmäßigen Souverain ziehen würden, sobald ihr rechtmäßiger Souverain mit einer französischen Armee auf der Insel erschiene, und Berwick war ermächtigt worden, ihnen zu versichern, daß eine französische Armee geschickt werden solle, sobald sie das Schwert gezogen haben würden. Aber zwischen dem was sie verlangten und dem was er zuzusagen ermächtigt war, bestand eine Differenz, die keinen Vergleich gestattete. Ludwig wollte in seiner damaligen Lage nicht elf- bis zwölftausend Soldaten auf bloße Versprechungen hin opfern. Aehnliche Versprechungen waren schon 1690 gemacht worden, und doch hatten sich, als die Flotte Tourville’s an der Küste von Devonshire erschienen war, die westlichen Grafschaften wie ein Mann zur Vertheidigung der Regierung erhoben, und nicht ein einziger Mißvergnügter hatte auch nur einen Laut zu Gunsten der Angreifer zu äußern gewagt. Aehnliche Versprechungen waren auch 1692 gemacht worden, und dem Vertrauen, das man in diese Versprechungen gesetzt hatte, mußte die große Niederlage von La Hogue zugeschrieben werden. Zum dritten Male wollte sich der König von Frankreich nicht täuschen lassen. Er wollte den englischen Royalisten sehr gern helfen, aber er wollte erst sehen, daß sie sich selbst halfen. Dies hatte guten Grund, aber was die Jakobiten auf der andren Seite geltend machten, hatte ebenfalls guten Grund. Wenn sie, sagten sie, ohne ein einziges disciplinirtes Regiment zur Seite zu haben, sich gegen einen durch eine reguläre Armee unterstützten Usurpator erhöben, so würden sie Alle in Stücken gehauen sein, bevor die Nachricht von ihrer Erhebung nach Versailles gelangte. Da Berwick keine Hoffnung machen konnte, daß eine Invasion erfolgen würde, bevor eine Insurrection stattfand, und da der Entschluß seiner englischen Freunde, keine Insurrection zu veranlassen, bevor eine Invasion stattfand, unerschütterlich war, so hatte er hier nichts mehr zu thun und sehnte sich danach wieder abzureisen.
Er sehnte sich um so mehr nach der Abreise, als der 15. Februar herannahte. Denn er stand in fortwährender Communication mit Barclay und war genau von allen Details des Verbrechens unterrichtet, das an diesem Tage verübt werden sollte. Er galt im allgemeinen für einen Mann von starrer und selbst unfreundlicher Rechtschaffenheit. Aber sein Sinn für Recht und Unrecht war durch seinen Eifer für die Interessen seiner Familie und durch seinen Respect vor den Lehren seiner Priester dergestalt verwirrt worden, daß er, wie er selbst offen bekannt hat, sich nicht verpflichtet glaubte, die Mörder von der Ausführung ihres Vorhabens abzubringen. Er hatte in der That nur ein Bedenken gegen den Plan, und dieses Bedenken behielt er für sich. Es bestand einfach darin, daß alle Betheiligten sehr wahrscheinlich gehängt werden würden. Das war jedoch ihre Sache, und wenn sie Lust hatten, sich für die gute Sache einer solchen Gefahr auszusetzen, so stand es ihm nicht zu, ihnen davon abzurathen. Seine Mission war von der ihrigen völlig gesondert; er sollte nicht im Verein mit ihnen handeln, und er war daher auch nicht geneigt, mit ihnen zu leiden. Demgemäß eilte er zurück nach dem Romney Moor und setzte nach Calais über.[107]
In Calais fand er Vorbereitungen zu einer Landung in Kent im Werke. Die Stadt war mit Truppen, der Hafen mit Transportschiffen angefüllt. Boufflers hatte Befehl erhalten, sich aus Flandern dahin zu begeben und das Commando zu übernehmen. Jakob selbst wurde täglich erwartet. Er war in der That bereits von Saint-Germains abgereist. Doch Berwick wollte nicht warten. Er schlug die Straße nach Paris ein, traf in Clermont mit seinem Vater zusammen und erstattete ihm ausführlichen Bericht über die Lage der Dinge in England. Seine Sendung, sagte er, sei gescheitert. Die royalistische Noblesse und Gentry seien entschlossen, sich nicht eher zu erheben, als bis eine französische Armee auf der Insel ankäme. Es sei indeß noch eine Hoffnung: binnen wenigen Tagen werde wahrscheinlich die Nachricht eintreffen, daß der Usurpator nicht mehr sei, und diese Nachricht werde die ganze Gestalt der Dinge ändern. Jakob beschloß, sich nach Calais zu begeben und dort den Ausgang von Barclay’s Complot zu erwarten. Berwick eilte nach Versailles zurück, um Ludwig von Allem genau zu unterrichten. Welcher Art seine Mittheilungen waren, ersehen wir aus Berwick’s eigner Erzählung. Er sagte dem Könige von Frankreich geradezu, daß eine kleine Schaar loyaler Männer demnächst ein Attentat auf das Leben des großen Feindes Frankreich’s machen werde. Die nächste Post könne die Meldung eines Ereignisses bringen, die wahrscheinlich die englische Regierung stürzen und die europäische Coalition auflösen werde. Man hätte denken sollen, daß ein Fürst, der den Character eines frommen Christen und eines hochsinnigen Cavaliers so prunkend zur Schau trug, augenblicklich Maßregeln ergriffen haben würde, um seinem Rivalen einen warnenden Wink zu geben, der vielleicht noch zur rechten Zeit kam, und daß er die Gäste, die seine Gastfreundschaft so gröblich mißbrauchten, scharf tadeln würde. Doch Ludwig that nichts von dem Allen. Wäre er um seine Einwilligung zu einem Morde angegangen worden, so würde er sie wahrscheinlich mit Entrüstung verweigert haben. Die Mittheilung aber, daß ohne seine Einwilligung wahrscheinlich ein Verbrechen begangen werden würde, daß seinen Interessen weit förderlicher sein mußte als zehn solcher Siege wie der von Landen, erregte keineswegs seinen Unwillen. Er schickte den Befehl nach Calais, daß seine Flotte in Bereitschaft gehalten werden solle, damit er im Stande sei, aus der großen Krisis, die er erwartete, Nutzen zu ziehen. Inzwischen erwartete Jakob in Calais mit noch größerer Ungeduld das Zeichen, daß sein Neffe nicht mehr war. Dieses Zeichen sollte durch ein Feuer gegeben werden, zu dem das Holz bereits auf den Klippen von Kent zusammengetragen wurde und das über dem Kanal sichtbar sein sollte.[108]
Entdeckung des Mordanschlags.
Doch über Verschwörungen wie die Barclay’s und Charnock’s hat bei uns zu Lande immer ein eignes Verhängniß geschwebt. Die Engländer betrachten den Meuchelmord mit einem ihnen eigenen Widerwillen und haben ihn seit mehreren Jahrhunderten stets so betrachtet. Dieses Gefühl ist in der That so specifisch englisch, daß es selbst heute noch nicht irisch genannt werden kann und bis vor Kurzem auch nicht schottisch war. In Irland wird der Schurke, der aus einem Hinterhalte auf seinen Feind schießt, noch jetzt nur zu oft durch die öffentliche Sympathie gegen die Gerechtigkeit in Schutz genommen. In Schottland wurden Mordpläne während des 16. und 17. Jahrhunderts nicht selten glücklich ausgeführt, obgleich eine Menge Leute darum wußten. Die Ermordungen Beaton’s, Rizzio’s, Darnley’s, Murray’s und Sharpe’s sind sprechende Beispiele. Die Royalisten, welche Lisle in der Schweiz ermordeten, waren Irländer; die Royalisten, welche Ascham in Madrid ermordeten, waren Irländer; die Royalisten, welche Dorislaus im Haag ermordeten, waren Schotten. Sobald in England ein solcher Plan aufhört, ein in den Falten eines unzufriedenen und verderbten Herzens verborgenes Geheimniß zu sein, ist die Gefahr der Entdeckung und des Scheiterns sehr groß. Felton und Bellingham vertrauten sich keinem menschlichen Wesen an, und sie waren daher im Stande, ihr böses Vorhaben auszuführen. Aber Babington’s Verschwörung gegen Elisabeth, Fawke’s Verschwörung gegen Jakob, Gerard’s Verschwörung gegen Cromwell, das Ryehousecomplot, die Verschwörung von Cato Street wurden alle entdeckt, vereitelt und bestraft. Einer solchen Verschwörung droht bei uns in der That gleich große Gefahr von Seiten der guten wie der schlechten Eigenschaften der Verschwörer. Ein Engländer, der nicht ohne alles Gewissen und Ehrgefühl ist, wird sich schwerlich in ein Complot zur Ermordung eines nichtsahnenden Mitmenschen einlassen; und ein Schurke, der weder Gewissen noch Ehrgefühl hat, wird sehr wahrscheinlich viel über die Gefahr, der er ausgesetzt ist, wenn er seinen Genossen treu bleibt, und über die Belohnung nachdenken, die er zu erwarten hat, wenn er sie verräth. Allerdings giebt es auch Menschen, in denen der religiöse oder politische Fanatismus jedes moralische Gefühl in einem gewissen Punkte erstickt, im allgemeinen aber dieses Gefühl unversehrt gelassen hat. Ein solcher Mensch war Digby. Er trug kein Bedenken, König, Lords und Gemeinen in die Luft zu sprengen. Seinen Mitschuldigen aber war er gewissenhaft und ritterlich treu, und selbst die Furcht vor der Folter vermochte nicht ihm ein Wort auszupressen, das ihnen hätte nachtheilig werden können. Doch diese Vereinigung von Schlechtigkeit und Heroismus ist höchst selten. Die große Mehrzahl der Menschen ist nicht verderbt genug oder nicht tugendhaft genug, um treue und aufopfernde Mitglieder verrätherischer und blutiger Bündnisse zu sein, und wenn ein einziges Mitglied entweder nicht die nöthige Schlechtigkeit oder nicht die nöthige Tugend besitzt, so ist das ganze Bündniß in Gefahr. Einen Verein von vierzig Engländern zusammenzubringen, die sämmtlich gefühllose Kehlabschneider und dabei doch so rechtschaffen und hochherzig sind, daß weder die Hoffnung auf Reichthum noch die Furcht vor dem Galgen Einen von ihnen verleiten könnte, gegen die Uebrigen falsch zu sein, ist bisher unmöglich gewesen und wird es hoffentlich immer bleiben.
Es befanden sich unter Barclay’s Anhängern Leute, die zu schlecht, und Leute, die zu gut waren, als daß man ihnen ein Geheimniß wie das seinige hätte anvertrauen können. Der Erste, dem der Muth sank, war Fisher. Schon ehe noch Zeit und Ort des Verbrechens festgesetzt waren, suchte er um eine Audienz bei Portland nach und theilte diesem Lord mit, daß ein Anschlag auf das Leben des Königs im Werke sei. Einige Tage darauf brachte Fisher noch genauere Nachrichten. Doch sein Ruf war nicht von der Art, daß seine Aussagen besonderen Glauben verdient hätten, und die Schurkereien Fuller’s, Young’s, Whitney’s und Taafe’s hatten verständige Männer etwas ungläubig gegen Verschwörungsgeschichten gemacht. Portland scheint daher, obgleich er in der Regel sehr leicht zu beunruhigen war, wo es sich um das Wohl und Wehe seines Gebieters und Freundes handelte, wenig Gewicht auf die Sache gelegt zu haben. Am Abend des 14. Februars aber erhielt er einen Besuch von Jemandem, dessen Aussage er nicht leicht nehmen konnte. Dies war ein katholischer Gentleman von anerkanntem Muthe und ehrenhafter Gesinnung, Namens Pendergraß. Er war den Tag vorher aus Hampshire in die Stadt gekommen in Folge einer dringenden Einladung von Porter, der bei aller seiner Sittenlosigkeit und Characterlosigkeit Pendergraß stets der liebevollste Freund, ja fast ein Vater gewesen war. Bei einem jakobitischen Aufstande würde Pendergraß wahrscheinlich einer der Ersten gewesen sein. Aber mit Entsetzen vernahm er, daß man von ihm die Betheiligung an einer abscheulichen und schimpflichen That erwartete. Er sah sich in einer von den Lagen, welche für edle und gefühlvolle Naturen am quälendsten sind. Was sollte er thun? Sollte er einen Mord begehen? Sollte er einen Mord geschehen lassen, den er verhindern konnte? Doch sollte er einen Mann verrathen, der, wie strafbar er auch sein mochte, ihn stets mit Wohlthaten überhäuft hatte? War es nicht vielleicht möglich, Wilhelm zu retten, ohne Porter zu schaden? Pendergraß beschloß, den Versuch zu machen. „Mylord,” sagte er zu Portland, „wenn Ihnen das Leben des Königs Wilhelm lieb ist, so lassen Sie ihn morgen nicht zur Jagd fahren. Er ist der Feind meiner Religion; aber meine Religion gebietet mir, ihm diesen Wink zu geben. Die Namen der Verbrecher bin ich jedoch entschlossen zu verschweigen; einige von ihnen sind meine Freunde, einer insbesondere ist mein Wohlthäter, und ich mag sie nicht verrathen.”
Portland begab sich sogleich zum Könige; dieser aber nahm die Mittheilung sehr kalt auf und schien entschlossen, sich durch eine solche müßige Geschichte nicht das Vergnügen eines guten Jagdtages verderben zu lassen. Portland demonstrirte und bat vergebens. Endlich sah er sich gezwungen, die Drohung auszusprechen, daß er die ganze Geschichte auf der Stelle öffentlich bekannt machen würde, wenn Se. Majestät nicht einwilligte, den folgenden Tag zu Hause zu bleiben; und diese Drohung wirkte.[109]
Sonnabend der 15. erschien. Die Vierzig waren bereit zu Pferde zu steigen, als sie von den Ordonnanzen, welche Kensington House bewachten, die Meldung erhielten, daß der König diesen Morgen nicht auf die Jagd zu gehen gedenke. „Der Fuchs,” sagte Chambers mit rachsüchtiger Bitterkeit, „bleibt in seinem Baue.” Dann öffnete er sein Hemd, zeigte die große Narbe auf seiner Brust und gelobte Wilhelm Rache.
Der erste Gedanke der Verschwörer war, daß ihr Vorhaben entdeckt sei. Aber sie wurden bald darüber beruhigt. Es wurde ausgesprengt, das Wetter habe den König zu Hause zurückgehalten, und der Tag war in der That kalt und stürmisch. Es zeigte sich keine ungewöhnliche Bewegung im Palaste. Es wurden keine außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es fanden keine Verhaftungen statt. Man hörte in den Kaffeehäusern kein ominöses Geflüster. Die Verzögerung war unangenehm, aber im Grunde war der nächste Sonnabend, der 22., eben so gut.
Ehe jedoch der nächste Sonnabend herankam, war ein dritter Angeber, De la Rue, im Palaste erschienen. Sein Lebenswandel verlieh ihm zwar keinen großen Anspruch auf Achtung; aber seine Erzählung stimmte mit den Angaben Fisher’s und Pendergraß’ so genau überein, daß selbst Wilhelm an eine wirkliche Gefahr zu glauben begann.
Sehr spät am Freitagabend, dem 21., wurde Pendergraß, der bis jetzt noch viel weniger enthüllt hatte, als die beiden anderen Angeber, dessen einfaches Wort aber mehr werth war als Beider Eide zusammengenommen, ins königliche Cabinet beschieden. Der treue Portland und der tapfere Cutts waren die einzigen Zeugen der sonderbaren Unterredung zwischen dem Könige und seinem hochherzigen Feinde. Wilhelm drang mit einer Artigkeit und Lebhaftigkeit, die er selten zeigte, aber niemals anwendete, ohne damit einen tiefen Eindruck zu machen, in Pendergraß, sich offen auszusprechen. „Sie sind ein Mann von wahrer Rechtschaffenheit und Ehre, und ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet; aber Sie müssen einsehen, daß die nämlichen Betrachtungen, die Sie bewogen haben, uns so viel zu sagen, Sie bestimmen sollten, uns noch mehr zu sagen. Die warnenden Winke, die Sie bis jetzt gegeben haben, sind nur geeignet, mich gegen Jeden, der in meine Nähe kommt, mißtrauisch zu machen. Sie sind hinreichend, mir das Leben zu verbittern, nicht aber es mir zu erhalten. Sie müssen mir die Namen dieser Leute nennen.” Ueber eine halbe Stunde fuhr der König fort zu bitten, Pendergraß, sich zu weigern. Endlich sagte Pendergraß, daß er die verlangten Aufschlüsse geben wolle, wenn man ihm die Zusicherung gebe, daß sie nur zur Verhinderung des Verbrechens und nicht zum Verderben der Verbrecher benutzt werden sollten. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,” sagte Wilhelm, „daß Ihre Aussage gegen Niemanden ohne Ihre freie Zustimmung benutzt werden wird.” Es war längst Mitternacht vorüber, als Pendergraß die Namen der Hauptverschwörer aufschrieb.
Während dies in Kensington geschah, schwelgte ein großer Theil der Mörder in einem jakobitischen Wirthshause in Maiden Lane. Hier empfingen sie ihre letzten Befehle für den folgenden Tag. „Morgen oder nie,” sagte King. „Morgen Kinder,” rief Cassels mit einem Fluche, „wollen wir reine Wirthschaft machen.” Der Morgen kam. Alles war bereit; die Pferde waren gesattelt, die Pistolen geladen, die Degen geschliffen, die Ordonnanzen auf ihrem Posten. Letztere schickten frühzeitig die Meldung aus dem Palaste, daß der König gewiß auf die Jagd fahre; alle gewöhnlichen Anstalten seien getroffen, eine Abtheilung Garden sei über Kingston Bridge nach Richmond geschickt worden; die königlichen Wagen, jeder mit sechs Pferden bespannt, seien aus den Ställen von Charing Croß nach Kensington abgegangen. Die Hauptmörder versammelten sich in der heitersten Stimmung in Porter’s Wohnung. Pendergraß, der auf Befehl des Königs ebenfalls in ihrer Mitte erschien, wurde mit wildem Jubel empfangen. „Pendergraß,” sagte Porter, „Sie sind zu einem der Acht ernannt, die ihn hinüber befördern sollen. Ich habe ein Musketon für Sie, das acht Kugeln hält.” — „Mr. Pendergraß,” sagte King, „bitte, scheuen Sie sich nicht, die Glasscheiben zu zertrümmern.” Von Porter’s Wohnung begab sich die Gesellschaft nach den „Blue Posts” in Spring Gardens, wo sie einige Erfrischungen einzunehmen gedachte, bevor sie nach Turnham Green aufbrach. Sie saßen bei Tische, als von einer der Ordonnanzen die Meldung kam, daß der König sich anders besonnen habe und nicht auf die Jagd fahren werde; und kaum hatten sie sich von ihrem Erstaunen über diese unheilverkündende Botschaft erholt, als Keyes, der ausgegangen war, um unter seinen ehemaligen Kameraden zu recognosciren, mit noch unheilverkündenderen Nachrichten ankam, „Die Wagen sind nach Charing Croß zurückgekehrt. Die nach Richmond vorausgeschickten Garden sind so eben im gestreckten Galopp, die Flanken ihrer Pferde mit Schaum bedeckt, wieder in Kensington angelangt. Ich habe mit einem der Blauen einige Worte gesprochen, und er sagte mir, daß ganz wunderliche Dinge gemunkelt würden.” Die Gesichter der Mörder verlängerten sich und das Herz sank ihnen in der Brust. Porter machte einen schwachen Versuch, seine Unruhe zu verbergen. Er nahm eine Orange und zerdrückte sie. „Was heute nicht geschehen kann, kann ein andermal geschehen. Kommen Sie, meine Herren, lassen Sie uns, bevor wir auseinandergehen, noch ein Glas auf das Zerquetschen der faulen Orange trinken.” Man trank auf das Zerquetschen der faulen Orange und die Gesellschaft zerstreute sich.[110]
Noch wenige Stunden und sämmtliche Verschwörer gaben jede Hoffnung auf. Einige von ihnen schöpften Trost aus dem Gerücht, daß der König Arzenei eingenommen habe und daß dies der einzige Grund gewesen, warum er nicht nach Richmond gefahren sei. Wenn dies wahr sei, könne der Schlag noch immer geführt werden. Zwei Sonnabende seien ungünstig gewesen; aber der Sonntag stehe bevor, und man könne einen der früher besprochenen und aufgegebenen Pläne wieder in Erwägung ziehen. Man könne den Usurpator am Rande von Hydepark auf seinem Wege in die Kapelle überfallen. Charnock war zu jedem, auch noch so verzweifelten Unternehmen bereit. Wenn die Jagd einmal begonnen habe, meinte er, sei es besser, bis zum letzten Athemzuge um sich beißend und kratzend zu sterben, als sich ohne Widerstand oder Rache zu Tode hetzen zu lassen. Er berief einige seiner Complicen in eines der zahlreichen Häuser, in denen er eine Wohnung hatte, und setzte ihnen mit Toasten auf den König, die Königin, den Prinzen und den großen Monarchen, wie sie Ludwig XIV. nannten, hart zu. Aber die Angst und Muthlosigkeit der Bande waren stärker, als die Macht des Weines, und es hatten sich so Viele heimlich fortgeschlichen, daß die Zurückgebliebenen wenig ausrichten konnten. Im Laufe des Nachmittags erfuhr man, daß die Palastwachen verstärkt worden seien, und bald nach Einbruch der Dunkelheit eilten Boten des Staatssekretärs mit Fackeln, begleitet von Musketierpikets, durch die Straßen. Vor Anbruch des Sonntagmorgens war Charnock in Sicherheit gebracht. Ein wenig später wurden Rookwood und Bernardi in einem jakobitischen Alehause auf Tower Hill im Bett gefunden. Im Laufe des Vormittags wurden noch siebzehn weitere Verräther ergriffen und auch drei Mann von den Blauen in Arrest geschickt. Es wurde noch diesen Morgen eine Staatsrathssitzung gehalten, und sobald sie aufgehoben war, ging ein Expresser nach Flandern ab, um einige Regimenter von dort zurückzuberufen; Dorset reiste nach Sussex ab, dessen Lordlieutenant er war; Romney, der Aufseher der Fünfhäfen, begab sich an die Küste von Kent, und Russell eilte die Themse hinunter, um das Commando der Flotte zu übernehmen. Am Abend hielt der Staatsrath wieder Sitzung. Einige der Gefangenen wurden verhört und ins Gefängniß geschickt. Der anwesende Lordmayor wurde von der gemachten Entdeckung in Kenntniß gesetzt und speciell beauftragt, für die Ruhe der Hauptstadt zu sorgen.[111]
Am Montagmorgen waren alle Milizen der City unter den Waffen. Der König begab sich mit feierlichem Gepränge ins Haus der Lords, ließ die Gemeinen entbieten und sagte dem Parlamente vom Throne herab, daß er ohne den Schutz einer allgütigen Vorsehung in diesem Augenblicke eine Leiche und eine französische Armee unterwegs sein würde, um in das Königreich einzufallen. Die Gefahr einer Invasion, setzte er hinzu, sei noch immer groß, aber er habe bereits diejenigen Anordnungen getroffen, die, wie er hoffe, zum Schutze des Landes hinreichen würden. Einige Verräther seien eingezogen, gegen andere seien Verhaftsbefehle erlassen; er werde in dieser Krisis seine Schuldigkeit thun und hege das feste Vertrauen zu den Häusern, daß sie auch die ihrige thun würden.[112]
Parlamentarische Schritte bezüglich des Mordanschlags.
Die beiden Häuser votirten sofort eine gemeinschaftliche Adresse, in der sie dankbar die göttliche Güte anerkannten, die ihn seinem Volke erhalten, und ihn beschworen, mehr als gewöhnlich Acht auf seine Person zu haben. Sie schlossen mit der dringenden Mahnung, alle Diejenigen, die er für gefährlich halte, festnehmen und in Sicherheit bringen zu lassen. An dem nämlichen Tage wurden zwei wichtige Bills bei den Gemeinen eingebracht. Durch die eine wurde die Habeascorpusacte suspendirt. Die andre bestimmte, daß das Parlament durch Wilhelm’s Tod nicht aufgelöst werden solle. Sir Rowland Gwyn, ein achtbarer Landgentleman, stellte einen Antrag, dessen wichtige Folgen er gewiß nicht im entferntesten ahnete. Er schlug vor, daß die Mitglieder einen Verein zur Vertheidigung ihres Souverains und ihres Vaterlandes bilden sollten. Montague, der die besondere Gabe besaß, einen Wink rasch aufzufassen und zu benutzen, erkannte sogleich, wie sehr ein solcher Verein die Regierung und die Whigpartei kräftigen mußte.[113] Es wurde unverzüglich ein Dokument aufgesetzt, durch das die Vertreter des Volks, jeder für seine Person, feierlich Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anerkannten und sich verpflichteten, ihm und einander unter sich gegen Jakob und dessen Anhänger beizustehen. Schließlich gelobten sie, daß, wenn Sr. Majestät Leben gewaltsam abgekürzt werden sollte, sie ihn exemplarisch an seinen Mördern rächen und einmüthig die durch die Rechtsbill festgestellte Thronfolge energisch aufrechterhalten würden. Es wurde angeordnet, daß die Mitglieder des Hauses am nächsten Morgen namentlich aufgerufen werden sollten.[114] Sie fanden sich in Folge dessen sehr zahlreich ein, die Associationsurkunde lag in einer Reinschrift auf Pergament auf dem Tische und die Mitglieder unterzeichneten dieselbe nach der Reihenfolge der Grafschaften.[115]
Stand der öffentlichen Stimmung.
Die Rede des Königs, die gemeinsame Adresse der beiden Häuser, der von den Gemeinen gebildete Verein und eine Proklamation, die eine Liste der Verschwörer enthielt und eine Belohnung von tausend Pfund auf die Ergreifung eines jeden derselben aussetzte, wurden bald in allen Straßen der Hauptstadt zum Verkauf ausgeboten und durch alle Posten über das ganze Land verbreitet. Ueberall wohin die Nachricht kam, gerieth das Volk in Bewegung. Die beiden verhaßten Worte Meuchelmord und Invasion wirkten wie ein Zauberspruch. Es bedurfte keines Preßgangs. Die Matrosen kamen zu Tausenden aus ihren Verstecken hervor, um die Flotte zu bemannen. Nur drei Tage nach der Berufung des Königs an die Nation verließ Russell mit einem starken Geschwader die Themse. Ein andres lag bei Spithead schlagfertig. Die Milizen aller Küstengrafschaften, vom Wash bis Land’s Ende standen unter den Waffen. Leute, welche bloßer politischer Vergehen wegen angeklagt waren, fanden in der Regel viel Theilnahme. Aber auf Barclay’s Mordgenossen machte die ganze Bevölkerung wie auf Wölfe Jagd. Der Abscheu, den die Engländer seit vielen Generationen gegen Haussuchungen und alle diejenigen Hindernisse empfinden, welche die Polizei der festländischen Staaten den Reisenden in den Weg legt, ruhte für einige Zeit. Die Thore der City von London wurden mehrere Stunden verschlossen gehalten, während drinnen genaue Durchsuchungen stattfanden. Die Behörden fast aller umwallten Städte des Königreichs folgten dem Beispiele der Hauptstadt. Auf jeder Landstraße waren Militärpikets postirt, mit dem Befehl, Reisende von verdächtigem Aussehen anzuhalten. Einige Tage lang war es fast unmöglich, ohne Paß zu reisen oder ohne besondere Autorisation eines Friedensrichters Postpferde zu erhalten. Und keine einzige Stimme erhob sich gegen diese Vorsichtsmaßregeln. Das gemeine Volk entwickelte sogar einen wo möglich noch größeren Eifer als die öffentlichen Beamten, um die Verräther in die Hände der Justiz zu bringen. Dieser Eifer mag vielleicht zum Theil der großen Belohnung zugeschrieben werden, welche die königliche Proklamation versprach. Der Haß, den jeder gute Protestant gegen die papistischen Mörder empfand, wurde nicht wenig verstärkt durch die Lieder, in denen die Straßenpoeten den glücklichen Miethkutscher besangen, der einen Hochverräther abgefaßt, seine tausend Pfund in Empfang genommen und sich als Gentleman zur Ruhe gesetzt hatte.[116] Der Eifer des Volks konnte an einigen Orten nur mit Mühe in den gesetzlichen Schranken gehalten werden. Auf Parkyns’ Landsitze in Warwickshire wurden Waffen und Armaturstücke zur Equipirung einer ganzen Reiterschwadron gefunden. Sobald dies bekannt wurde, rottete sich ein wüthender Pöbelhaufen zusammen, demolirte das Haus und verwüstete die Gartenanlagen vollständig.[117] Parkyns selbst wurde bis in eine Dachkammer im Temple verfolgt. Porter und Keyes, welche nach Surrey geflüchtet waren, wurden mit Steckbriefen verfolgt, bei Leatherhead durch das Landvolk angehalten, nach schwachem Widerstande festgenommen und ins Gefängniß geworfen. Friend wurde im Hause eines Quäkers versteckt gefunden. Knightley wurde in der Verkleidung einer eleganten Dame ergriffen und trotz Schönpflästerchen und Schminke erkannt. In wenigen Tagen waren alle Hauptverschwörer in sicherem Gewahrsam, mit Ausnahme Barclay’s, dem es gelang, nach Frankreich zu entkommen.
Zu gleicher Zeit wurden einige notorische Mißvergnügte eingezogen und eine Zeit lang auf Verdachtgründe hin in Haft gehalten. So wurde der greise Roger Lestrange, der jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre stand, ergriffen. Ferguson wurde in Gray’s Inn Lane unter einem Bett versteckt gefunden und zur allgemeinen Freude in Newgate eingesperrt.[118] Inzwischen wurde eine Specialcommission zur Prozessierung der Hochverräther eingesetzt. An Zeugen fehlte es nicht, denn von den ergriffenen Verschwörern waren zehn oder zwölf bereit, ihre Köpfe dadurch zu retten, daß sie als Belastungszeugen gegen ihre Genossen auftraten. Niemand war strafbarer und Niemand hatte eine verächtlichere Furcht vor dem Tode als Porter. Die Regierung willigte ein, sein Leben zu schonen und erlangte dadurch nicht nur sein Zeugniß, sondern auch das viel achtbarere Zeugniß Pendergraß’. Pendergraß war nicht in Gefahr, er hatte nichts begangen, sein Ruf war unbescholten und seine Aussagen mußten daher bei einer Jury viel größeres Gewicht haben als die Aussagen einer Menge von Angebern, welche nur schwuren, um ihre Hälse zu retten. Aber er hatte das Ehrenwort des Königs, daß er nicht ohne seine freie Zustimmung als Ankläger benutzt werden sollte, und er war fest entschlossen, nur dann als solcher aufzutreten, wenn ihm die Zusicherung gegeben wurde, daß Porter nichts geschehen sollte. Diese Zusicherung war jetzt gegeben und Pendergraß nahm nun keinen Anstand mehr, die ganze Wahrheit zu erzählen.
Prozeß Charnock’s, King’s und Keyes’.
Charnock, King und Keyes wurden zuerst prozessirt. Die Oberrichter der drei Civilgerichtshöfe und mehrere andere Richter waren auf der Bank, und unter den Zuhörern bemerkte man viele Mitglieder beider Parlamentshäuser.
Es war der 11. März. Die neue Acte, welche das Verfahren in Hochverrathsfällen regulirte, sollte erst am 25. in Kraft treten. Die Angeklagten verlangten, daß, da die Legislatur durch Erlassung dieser Acte den Anspruch eines des Hochverraths Beschuldigten auf Einsicht seiner Anklage als begründet anerkannt und ihm den Beistand eines Advokaten zugestanden habe, das Tribunal ihnen entweder das was die höchste Autorität für eine gerechte Vergünstigung anerkannt, bewilligen oder die Untersuchung vierzehn Tage aufschieben müsse. Die Richter aber wollten in keinen Aufschub willigen. Sie sind deshalb von späteren Schriftstellern beschuldigt worden, den todten Buchstaben des Gesetzes angewendet zu haben, um Menschen ins Verderben zu stürzen, die, wenn das Gesetz nach seinem wahren Geiste ausgelegt worden wäre, einige Aussicht gehabt hätten davonzukommen. Diese Beschuldigung ist ungerecht. Die Richter brachten unzweifelhaft die wirkliche Intention des Gesetzes zur Anwendung, und wenn eine Ungerechtigkeit begangen wurde, so ist die Legislatur und nicht die Richter dafür verantwortlich zu machen. Die Worte „25. März” haben sich nicht aus Versehen in die Acte eingeschlichen. Alle Parteien im Parlamente waren über das Prinzip der neuen Verordnungen längst einverstanden. Der einzige noch strittige Punkt war die Zeit, zu welcher diese Verordnungen in Kraft treten sollten. Nach langen Debatten, die sich durch mehrere Sessionen zogen, nach wiederholten Abstimmungen mit verschiedenen Resultaten, war ein Vergleich getroffen worden, und es stand den Gerichtshöfen sicherlich nicht zu, die Bestimmungen dieses Vergleichs abzuändern. Man kann sogar zuversichtlich behaupten, daß die Häuser, wenn sie das Mordcomplott vorausgesehen hätten, nicht einen früheren, sondern einen späteren Tag für den Anfang des neuen Systems bestimmt haben würden. Unbestreitbar verdiente das Parlament und insbesondere die Whigpartei ernsten Tadel. Denn wenn die alten Procedurregeln der Krone keinen unbilligen Vortheil gewährten, so war kein Grund vorhanden, sie abzuändern, und wenn sie, wie allgemein angenommen wurde, der Krone einen unbilligen Vortheil gewährten, und dies gegen einen auf Leben und Tod Angeklagten, so durften sie dieselben nicht einen einzigen Tag länger fortbestehen lassen. Den Gerichten aber kann man keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nicht in directem Widerspruch mit dem Buchstaben wie mit dem Geiste des Gesetzes handelten.
Die Regierung hätte allerdings die Untersuchungen so lange aufschieben können, bis die neue Acte in Kraft trat, und es würde eben so weise als gerecht gewesen sein, wenn sie dies gethan hätte, denn die Angeklagten würden dadurch nichts gewonnen haben. Der gegen sie vorliegende Fall war einer von Denen, auf welche der Scharfsinn der Juristenfacultäten keinen Eindruck machen konnte. Porter, Pendergraß, De la Rue und Andere gaben Aussagen ab, die keine Entgegnung zuließen. Charnock sagte das Wenige was er zu sagen hatte, mit Gewandtheit und Geistesgegenwart. Die Jury fand alle Angeklagten schuldig. Es gereicht der damaligen Zeit eben nicht zu großer Ehre, daß die Verkündigung des Verdicts von der Volksmenge, welche das Gerichtshaus umgab, mit lauten Hurrahs begrüßt wurde. Diese Hurrahs wiederholten sich, als die drei Unglücklichen, nachdem sie ihr Urtheil angehört, in Begleitung einer Wache fortgeführt wurden.[119]
Charnock hatte bisher kein Zeichen von Schwäche blicken lassen; als er aber wieder in seiner Zelle war, verließ ihn seine Standhaftigkeit und er bat flehentlich um Gnade. Er wolle zufrieden sein, sagte er, wenn er den Rest seiner Tage in leichter Haft zubringen dürfe. Nur um sein Leben bitte er. Dafür werde er dann auch von den Anschlägen der Jakobiten gegen die Regierung Alles entdecken was er wisse. Wenn es sich herausstellen sollte, daß er Winkelzüge mache oder etwas verschweige, so sei er bereit, sich der äußersten Strenge des Gesetzes zu unterwerfen. Dieses Anerbieten rief große Aufregung und einige Meinungsverschiedenheit unter Wilhelm’s Räthen hervor. Der König aber entschied, wie in solchen Fällen fast immer, mit Weisheit und Großmuth. Er sah, daß die Entdeckung des Mordcomplots die ganze Lage der Dinge verändert hatte. Sein vor kurzem schwankender Thron stand jetzt auf einer unerschütterlich festen Basis. Seine Popularität war mit ungestümer Schnelligkeit eben so hoch gestiegen, als zur Zeit seines Marsches von Torbay nach London. Viele, die mit seiner Verwaltung unzufrieden gewesen waren und in ihrem Unmuth mit Saint-Germains Verkehr gepflogen hatten, machten die betrübende Erfahrung, daß sie gewissermaßen mit Mördern verbündet gewesen waren. Er wollte diese Leute nicht zur Verzweiflung treiben, er wollte sie nicht einmal beschämen. Sie sollten nicht nur ungestraft bleiben, es sollte ihnen auch die Demüthigung einer Begnadigung erspart werden. Er wollte gar nicht wissen, daß sie gesündigt hatten. Charnock wurde jedoch seinem Schicksale überlassen.[120] Nachdem er die Ueberzeugung gewonnen, daß er keine Aussicht hatte, als Ueberläufer aufgenommen zu werden, affectirte er den würdevollen Stolz eines Märtyrers und führte seine Rolle bis zu Ende durch. Um mit möglichstem Anstande aus der Welt zu gehen, bestellte er sich einen schönen neuen Rock für seine Hinrichtung und ließ an seinem Todestage seine Perrücke mit besonderer Sorgfalt pudern und frisiren.[121] Unmittelbar vor seiner Aufknüpfung händigte er den Sheriffs ein Schriftstück ein, worin er gestand, daß er gegen das Leben des Prinzen von Oranien conspirirt, aber feierlich leugnete, daß Jakob den Mordplan irgendwie autorisirt habe. Diese Behauptung war allerdings buchstäblich richtig; aber Charnock leugnete nicht und hätte auch sicherlich nicht leugnen können, daß er eine von Jakob geschriebene und unterzeichnete Vollmacht gesehen, welche Worte enthielt, die, ohne der Wahrheit im Geringsten Gewalt anzuthun, als eine Autorisirung des mörderischen Ueberfalls von Turnham Green ausgelegt werden konnten und von Allen, denen sie zu Gesicht kamen, auch wirklich so ausgelegt wurden.
In einem andren Schriftstücke, das noch existirt, aber nie gedruckt worden ist, führt Charnock in der That eine ganz andre Sprache. Er sagt darin offen, daß er aus Gründen, welche zu nahe lägen, als daß sie besonderer Erwähnung bedürften, in dem Papiere, das er den Sheriffs übergeben, nicht die ganze Wahrheit habe sagen können. Er gab zu, daß das Complot, in das er verwickelt gewesen sei, selbst vielen loyalen Unterthanen als höchst strafbar erschiene. Sie nannten ihn einen Meuchelmörder und Todtschläger. Doch was habe er Schlimmeres gethan als Mucius Scävola? Ja, was habe er Schlimmeres gethan als Jeder gethan habe, der gegen den Prinzen von Oranien die Waffen getragen? Wenn plötzlich eine Armee von zwanzigtausend Mann in England gelandet wäre und den Usurpator überfallen hätte, so würde man dies rechtmäßigen Krieg genannt haben. Hänge der Unterschied zwischen Krieg und Mord lediglich von der Anzahl der dabei betheiligten Personen ab? Welches sei dann die geringste Anzahl, die einen Feind rechtmäßigerweise überfallen dürfe? Seien es fünftausend, tausend oder hundert Personen? Jonathan und sein Waffenträger seien ihrer nur Zwei gewesen, und doch hätten sie ein großes Blutbad unter den Philistern angerichtet. Sei das Mord gewesen? Nicht der Act an sich, sagte Charnock, könne das Tödten zum Meuchelmord machen, sondern nur die Ursache, aus der es geschieht. Daraus folge, daß es kein Mord sein könne, Jemanden zu tödten — und hier ließ der dem Tode Geweihte seinem ganzen Hasse freien Lauf — der allen loyalen Unterthanen einen Vernichtungskrieg erklärt, der Jeden, der für das Recht aufgestanden sei, gehängt, geschleift und geviertheilt, der England ausgesogen habe, um die Holländer zu bereichern. Charnock gab zu, daß sein Unternehmen nicht zu rechtfertigen gewesen wäre, wenn Jakob es nicht autorisirt gehabt hätte; aber er behauptete, daß Jakob es autorisirt habe, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch stillschweigend. Se. Majestät habe zwar früher ähnliche Attentate verboten, aber er habe sie nicht als an sich strafbar, sondern nur als unter diesen oder jenen Umständen unzweckmäßig verboten. Die Umstände hätten sich geändert, und man habe daher das Verbot mit gutem Grunde als aufgehoben betrachten dürfen. Sr. Majestät getreue Unterthanen hätten sich dann nur an die Worte seiner Vollmacht zu halten gehabt, und diese Worte autorisirten unbestreitbar zu einem Angriffe auf die Person des Usurpators.[122]
Hinrichtung Charnock’s, King’s und Keyes’.
King und Keyes erlitten zugleich mit Charnock den Tod. King benahm sich mit Muth und Anstand. Er bekannte sein Verbrechen und sagte, daß er es bereue. Er hielt es für eine Pflicht gegen die Kirche, deren Mitglied er war und auf die sein Benehmen einen Vorwurf gebracht, zu erklären, daß er nicht durch eine Casuistik über Tyrannenmord, sondern lediglich durch die Heftigkeit seiner eigenen bösen Leidenschaften irregeleitet worden sei. Der arme Keyes war in einer fürchterlichen Todesangst. Seine Thränen und Wehklagen machten das Mitleid einiger Zuschauer rege. Es wurde damals gesagt und ist seitdem oft wiederholt worden, daß ein Diener, der durch seinen Herrn zu einem Verbrechen verleitet wird, gegründeten Anspruch auf die königliche Gnade habe. Aber Diejenigen, welche die Strenge tadeln, die gegen Keyes geübt wurde, haben den wichtigen Umstand außer Acht gelassen, der ihn von jedem andren Verschwörer unterschied. Er hatte dem Corps der Blauen angehört und hatte bis zum letzten Augenblicke in Verkehr mit seinen ehemaligen Kameraden gestanden. Noch an dem für den Mord festgesetzten Tage hatte er sich unter sie gemischt, um etwas von ihnen zu erfahren. Das Regiment war so stark von Illoyalität angesteckt, daß man es für nöthig erachtet hatte, einige Leute zu verhaften und eine bedeutend größere Anzahl zu entlassen. Gewiß, wenn an irgend Jemandem ein Exempel statuirt werden mußte, so war es der Agent, durch dessen Vermittelung die Leute, die den König erschießen wollten, mit den Leuten verkehrten, welche die Obliegenheit hatten, ihn zu bewachen.
Prozeß Friend’s.
Friend wurde zunächst in Untersuchung gezogen. Sein Verbrechen war nicht so schwarzer Natur wie das der drei Verschwörer, welche so eben den Tod erlitten hatten. Er hatte zwar auswärtige Feinde aufgefordert, in das Land einzufallen, und hatte Anstalten getroffen, sich ihnen anzuschließen; aber wenn er auch um den Mordplan gewußt hatte, war er doch kein Theilnehmer an demselben gewesen. Doch sein großes Vermögen und der Gebrauch, den er, wie man sehr wohl wußte, davon gemacht hatte, bezeichneten ihn als ein passendes Strafobject. Er bat, wie Charnock, um einen Vertheidiger, aber eben so vergebens wie dieser. Die Richter konnten den Gang des Gesetzes nicht hemmen, und der Generalfiskal wollte den Prozeß nicht aufschieben. Die Verhandlungen jenes Tages sprechen stark zu Gunsten der Acte, von deren Wohlthat Friend ausgeschlossen war. Man kann sie, selbst nach so langer Zeit, nicht lesen, ohne Mitleid mit einem beschränkten und verbildeten, durch die Todesgefahr entmuthigten, einem kaltblütigen, klugen und erfahrenen Antagonisten gegenüberstehenden Manne zu empfinden. Charnock hatte sich und Die, welche mit ihm prozessirt wurden, so gut vertheidigt, wie irgend ein Advokat von Profession es vermocht hätte. Der arme Friend aber war hülflos wie ein Kind. Er wußte wenig mehr zu sagen, als daß er ein Protestant, und seine Ankläger Papisten seien, die von ihren Priestern Dispensationen zum Meineid hatten und die es für ein verdienstvolles Werk hielten, Ketzer ums Leben zu schwören. Er war so völlig unwissend in den Gesetzen und der Geschichte des Landes, daß er glaubte, das unter der Regierung Eduards III., zu einer Zeit, wo es nur eine Religion im westlichen Europa gab, erlassene Hochverrathsgesetz enthalte eine Bestimmung des Inhalts, daß kein Papist vor Gericht zeugen dürfe, so daß der Sekretär des Gerichtshofes sich genöthigt sah, die ganze Acte von Anfang bis zu Ende vorzulesen. Es war unmöglich, daß ein Vernünftiger an seiner Schuld zweifeln konnte. Er wurde für schuldig befunden, was sicherlich auch geschehen sein würde, wenn ihm die Vorrechte, die er beansprucht hatte, bewilligt worden wären.
Parkyns’ Prozeß.
Nach Friend kam Parkyns an die Reihe. Er war bei dem schlimmsten Theile des Complots tief betheiligt gewesen, und war in einer Beziehung weniger zu entschuldigen als irgend einer seiner Complicen, denn sie alle waren Eidverweigerer, er aber hatte der bestehenden Regierung Treue geschworen. Auch er verlangte, daß er nach den Bestimmungen der neuen Acte prozessirt werde. Aber die Staatsanwälte bestanden auf ihrem äußersten Rechte und sein Gesuch wurde abgeschlagen. Da er ein Mann von bedeutenden Talenten war und die Rechtswissenschaft studirt hatte, so machte er wahrscheinlich Alles zu seinen Gunsten geltend, was ein Advokat hätte geltend machen können, und dies Alles war sehr wenig. Er wurde für schuldig befunden und sechs Stunden vor dem Augenblicke wo das Gesetz, dessen Wohlthat er umsonst beansprucht hatte, in Kraft treten sollte, zum Tode verurtheilt.[123]
Die Hinrichtung der beiden Ritter wurde von der Bevölkerung London’s begierig erwartet. Die Generalstaaten wurden von ihrem Correspondenten benachrichtigt, daß das Hängen eines Menschen von allen Schauspielen dasjenige sei, an welchem die Engländer das meiste Vergnügen fänden, und daß von allen Hängescenen, die seit Menschengedenken stattgefunden, die Hinrichtung Friend’s und Parkyns’ das meiste Interesse erregte. Das gemeine Volk war durch Gerüchte über die unerhört schlechte Qualität des von ihm gebrauten Biers gegen ihn aufgereizt worden. Man hatte sogar ausgesprengt, daß er in seinem Eifer für die jakobitische Sache alles der Flotte gelieferte Bier vergiftet habe. In Folge dessen strömte eine unabsehbare Menschenmasse nach Tyburn. Es waren Gerüste erbaut worden, die ein ungeheures Amphitheater rund um den Galgen bildeten. Auf diesen Gerüsten standen die wohlhabenderen Zuschauer in dichtgedrängten Reihen, und die Erwartung war aufs Höchste gespannt, als die Meldung kam, daß das Schauspiel aufgeschoben sei. Die Menge entfernte sich in sehr übler Laune und nicht ohne zahlreiche Kämpfe zwischen Denen, die ihre Plätze bezahlt hatten, und Denen, die sich weigerten, das Geld zurückzugeben.[124]
Die Ursache dieser unangenehmen Enttäuschung war ein von den Gemeinen plötzlich gefaßter Beschluß. Ein Mitglied hatte vorgeschlagen, daß ein Ausschuß in den Tower geschickt werden sollte, mit der Ermächtigung, die Gefangenen zu verhören und ihnen Hoffnung zu machen, daß sie durch ein vollständiges und unumwundenes Geständniß die Fürsprache des Hauses erlangen könnten. Aus den dürftigen Mittheilungen, die auf uns gekommen sind, geht hervor, daß die Debatte höchst interessant gewesen sein muß. Die Parteien schienen die Rollen gewechselt zu haben. Man hätte erwarten sollen, daß die Whigs unerbittlich streng sein würden und daß, wenn sich einige Theilnahme für die Unglücklichen kund gäbe, diese Theilnahme auf Seiten der Tories hätte sein müssen. Aber viele von den Whigs hofften, daß sie durch Schonung zweier Verbrecher, welche unschädlich gemacht waren, zahlreiche Verbrecher vornehmen Standes und hoher amtlicher Stellung würden entdecken und vernichten können. Auf der andren Seite sah Jeder, der einmal in directem oder indirectem Verkehr mit Saint-Germains gestanden oder der sich für eine Person, die möglicherweise in einem solchen Verkehr gestanden haben könnte, interessirte, mit ängstlicher Besorgniß den Enthüllungen entgegen, welche die Furcht vor dem Tode den Gefangenen auspressen konnte. Seymour widersetzte sich einfach deshalb, weil er im Hochverrath weiter als irgend ein andres Mitglied des Hauses gegangen war, heftiger als irgend ein andres Mitglied des Hauses jeder Nachsicht gegen seine Mitverräther. Wollten die Gemeinen sich die geheiligtste Prärogative der Krone anmaßen? Seiner Majestät und nicht ihnen stehe es zu, zu beurtheilen, ob ein gesetzlich verwirktes Leben ohne Gefahr geschont werden könnte. Doch die Whigs setzten ihr Vorhaben durch. Ein aus allen im Hause anwesenden Staatsräthen bestehender Ausschuß brach unverzüglich nach Newgate auf. Friend und Parkyns wurden verhört, aber ohne Erfolg. Nachdem ihnen das Urtheil gesprochen war, hatten sie anfangs einige Symptome von Schwäche gezeigt; aber ihr Muth war durch die Ermahnungen eidverweigernder Geistlicher gehoben worden, welche Zutritt in das Gefängniß erlangt hatten. Man erzählte sich, daß Parkyns ohne die Bitten seiner Tochter, die ihn beschworen habe, wie ein Mann für die gute Sache zu sterben, nachgegeben haben würde. Die Verurtheilten gestanden ein, daß sie die Handlungen, deren sie für schuldig befunden worden, begangen hätten, weigerten sich aber mit einer Standhaftigkeit, die um so achtungswerther ist, als sie nicht aus natürlichem Trotze, sondern aus ehrenhafter Gesinnung und Religiosität entsprungen zu sein schien, etwas zu sagen, was Andere compromittiren konnte.[125]
Hinrichtung Friend’s und Parkyns’.
Nach wenigen Stunden versammelte sich das Volk wieder auf Tyburn, und diesmal wurden die Schaulustigen nicht um ihr Vergnügen gebracht. Sie genossen sogar einen Anblick, den sie nicht erwartet hatten und der größere Sensation erregte als die Hinrichtung selbst. Jeremias Collier und zwei andere minder berühmte eidverweigernde Geistliche, Namens Cook und Snatt, hatten die Gefangenen in Newgate besucht und waren mit in dem Richtkarren am Fuße des Galgens. Als die Gebete vorüber waren, kurz ehe der Henker sein Amt zu verrichten begann, erhoben sich die drei schismatischen Priester und legten ihre Hände auf die Köpfe der beiden Verurtheilten, welche noch auf den Knien lagen. Collier sagte eine aus dem Dienste für Krankenbesuche entlehnte Absolutionsformel her und seine Amtsbrüder sprachen Amen!
Diese Ceremonie rief ein lautes Geschrei hervor, das noch lauter wurde, als einige Stunden nach der Execution die Schriftstücke veröffentlicht wurden, welche die beiden Hochverräther den Sheriffs übergeben hatten. Man hatte erwartet, daß wenigstens Parkyns einige Reue über das Verbrechen, das ihn an den Galgen gebracht, an den Tag legen werde. Hatte er doch vor dem Ausschusse der Gemeinen selbst eingestanden, daß das Mordcomplot nicht zu rechtfertigen sei. In seiner letzten Erklärung aber bekannte er seine Theilnahme an diesem Complot nicht nur ohne ein Wort, das Reue verrathen hätte, sondern sogar mit einer Art von Frohlocken. War das ein Mann, den christliche Priester absolviren durften, dies vor den Augen vieler Tausende und mit einer Feierlichkeit, die offenbar darauf berechnet war, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und von der weder im allgemeinen Gebetbuche noch in den Gebräuchen der englischen Kirche eine Spur zu finden war!
In Journalen, Broschüren und Flugblättern wurde die Frechheit der drei Leviten, wie man sie nannte, scharf getadelt. Es wurden bald Verhaftsbefehle gegen sie erlassen. Cook und Snatt wurden ergriffen und ins Gefängniß geworfen; Collier aber gelang es sich zu verbergen, und er ließ mit Hülfe einer der Pressen, welche im Dienste seiner Partei standen, aus seinem Versteck eine Rechtfertigung seines Verfahrens vom Stapel. Er erklärte, daß er den Mord eben so verabscheue, wie irgend einer von Denen, die ihn schmähten, und sein allgemeiner Character berechtigt uns zu dem Glauben, daß diese Erklärung vollkommen aufrichtig war. Aber die übereilte Handlung, zu der er sich durch den Parteigeist hatte hinreißen lassen, lieferte seinen Gegnern sehr plausible Gründe, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Es erschienen eine Menge Antworten auf seine Vertheidigung. Von hervorragender Bedeutung war darunter ein feierliches Manifest, unterzeichnet von den beiden Erzbischöfen und sämmtlichen damals in London anwesenden Bischöfen, zwölf an der Zahl. Selbst Crew von Durham und Sprat von Rochester setzten ihre Namen unter dieses Dokument. Sie verurtheilten das Verfahren der drei eidverweigernden Geistlichen als der Form nach regelwidrig und dem Wesen nach gottlos. Die Sünden unbußfertiger Sünder zu vergeben, sei ein entweihender Mißbrauch der Gewalt, welche Christus seinen Dienern übertragen habe. Es werde nicht geleugnet, daß Parkyns einen Mord beabsichtigt habe. Es werde nicht behauptet, daß er Reue darüber an den Tag gelegt. Daraus ergebe sich die ganz natürliche Folgerung, daß die Geistlichen, die ihn absolvirt hatten, es nicht für eine Sünde hielten, König Wilhelm zu ermorden. Collier replicirte; aber obgleich ein schlagfertiger Polemiker, scheute er doch bei dieser Gelegenheit einen nachdrücklichen Kampf und zog sich so gut er konnte unter einer Wolke von Citaten aus Tertullian, Cyprian und Hieronymus, Albaspinäus und Hammond, dem Concil von Karthago und dem Concil von Toledo vom Kampfplatze zurück. Die öffentliche Meinung war entschieden gegen die drei Absolvirer. Aber die Regierung beschloß wohlweislich, ihnen nicht die Ehre des Märtyrerthums zu Theil werden zu lassen. Die große Jury von Middlesex fand Grund zu einer Anklage gegen sie; aber sie wurden nicht prozessirt. Cook und Snatt wurden nach kurzer Haft in Freiheit gesetzt, und Collier würde eben so mild behandelt worden sein, wenn er eingewilligt hätte, Bürgschaft zu stellen. Aber er hatte sich vorgenommen, nichts zu thun, was als eine Anerkennung der usurpirenden Regierung hätte ausgelegt werden können. Er wurde daher geächtet, und als er nach mehr als dreißig Jahren starb, war seine Acht noch nicht aufgehoben.[126]
Prozesse Rookwood’s, Cranburne’s und Lowick’s.
Parkyns war der letzte Engländer, der nach dem alten Procedursystem wegen Hochverraths gerichtet wurde. Der Erste, der nach dem neuen System prozessirt wurde, war Rookwood. Er wurde von Sir Bartholomäus Shower vertheidigt, der sich unter der vorhergehenden Regierung als ein serviler und herzloser Sykophant eben keine beneidenswerthe Berühmtheit erworben, der von Jakob die Stelle des Recorders von London erhalten, als Holt dieselbe ehrenvollerweise niederlegte, und der, als Recorder, Soldaten wegen Verstößen gegen die militärische Disciplin an den Galgen geschickt hatte. Seine servile Grausamkeit hatte ihm den Beinamen des Menschenjägers verschafft. Shower verdiente mehr als irgend ein Verbrecher von der Indemnitätsacte ausgenommen und der ganzen Strenge der Gesetze überlassen zu werden, die er so schamlos verdreht hatte. Doch er war durch Wilhelm’s Milde verschont worden und hatte diese Milde mit hartnäckiger und hämischer Opposition vergolten.[127] Shower wurde ohne Zweifel wegen seiner bekannten Hinneigung zum Jakobitismus bei dieser Gelegenheit als Vertheidiger benutzt. Er erhob einige technische Einwendungen, welche der Gerichtshof verwarf. Die Sache selbst konnte er nicht vertheidigen. Das Verdict der Jury lautete auf Schuldig. Hierauf wurden Cranburne und Lowick prozessirt und ebenfalls schuldig befunden. Sie erlitten mit Rookwood den Tod und damit hatten die Hinrichtungen ein Ende.[128]
Der Verein.
Die Stimmung der Nation war von der Art, daß die Regierung noch viel mehr Blut hätte vergießen können, ohne den Vorwurf der Grausamkeit auf sich zu laden. Die Gesinnung, welche durch die Entdeckung des Complots erweckt worden war, nahm noch mehrere Wochen lang mit jedem Tage zu. Diese Gesinnung benutzten die an der Spitze der Whigpartei stehenden talentvollen Männer mit ausgezeichneter Umsicht. Sie sahen ein, daß die öffentliche Begeisterung, wenn sie sich selbst überlassen bliebe, in Hurrahs, Toasten und Freudenfeuern verrauchen würde, daß sie aber unter einer klugen Leitung das Mittel werden könnte, eine große und nachhaltige Wirkung zu erzeugen. Der Verein, den die Gemeinen gebildet hatten, während ihnen die Rede des Königs noch in den Ohren klang, bot das Mittel dar, um vier Fünftel der Nation zu einem großen Club zur Vertheidigung der Thronfolgeordnung, mit der die kostbarsten Freiheiten des englischen Volks untrennbar verknüpft waren, und zur Einführung eines Testes zu verbinden, welcher Diejenigen, die für jene Thronfolgeordnung begeistert waren, von Denen unterscheiden würde, die sie nur mit Unmuth und Widerstreben acceptirten. Von den fünfhundertdreißig Mitgliedern des Unterhauses unterzeichneten ungefähr vierhundertzwanzig freiwillig das Dokument, welches Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König von England anerkannte. Im Oberhause wurde beantragt, die nämliche Form zu adoptiren; aber die Tories erhoben Einwendungen dagegen. Der stets gewissenhafte und ehrenwerthe, aber engherzige Nottingham erklärte, daß er den Worten „rechtmäßig” und „gesetzlich” nicht beistimmen könne. Er war noch immer der Meinung, der er von Anfang an gewesen war, daß ein Fürst, der die Krone nicht kraft seines Geburtsrechts, sondern als ein Geschenk der Convention trug, von Rechtswegen nicht so genannt werden könne. Wilhelm sei allerdings factischer König und habe als solcher Anspruch auf den Gehorsam der Christen. „Kein Mensch,” sagte Nottingham, „hat Sr. Majestät treuer gedient und wird ihm auch fernerhin treuer dienen als ich. Aber unter dieses Dokument kann ich meinen Namen nicht setzen.” Rochester und Normanby führten eine ähnliche Sprache. Dagegen ermahnte Monmouth die Lords in einer dritthalbstündigen Rede dringend, den Gemeinen beizutreten. Burnet sprach heftig für dieselbe Ansicht. Wharton, dessen Vater unlängst gestorben war und der nunmehr Lord Wharton hieß, stand ebenfalls in der vordersten Reihe der whiggistischen Peers. Am meisten aber zeichnete sich in der Debatte ein Mann aus, dessen öffentliches sowohl als Privatleben eine lange Reihe von Sünden und Unglücksfällen war: der blutschänderische Geliebte Henriette Berkeley’s, der unglückliche Leutnant Monmouth’s. Seit kurzem führte er nicht mehr den befleckten Namen Grey von Wark, sondern hieß jetzt Earl von Tankerville. Er sprach an diesem Tage mit großer Energie und Beredtsamkeit für die Worte „rechtmäßig und gesetzlich.” Leeds übernahm das Amt eines Vermittlers, nachdem er sein Bedauern ausgedrückt, daß eine Frage über eine bloße Phrase unter Edelleuten, welche alle dem regierenden Souverain mit gleicher Treue ergeben seien, Uneinigkeit hervorgerufen habe. Er schlug vor, daß Ihre Lordschaften, anstatt Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anzuerkennen, erklären sollten, er habe das gesetzliche Recht auf die englische Krone und kein Andrer habe irgend ein Recht auf diese Krone. Sonderbarerweise waren fast alle Tories durch den Vorschlag Leeds’ vollkommen befriedigt. Die Whigs jedoch waren zum Theil nicht geneigt, in eine Veränderung zu willigen, die trotz ihrer Geringfügigkeit zu dem Glauben Anlaß geben konnte, daß über einen Gegenstand von hoher Wichtigkeit zwischen beiden Häusern eine Meinungsverschiedenheit stattfinde. Aber Devonshire und Portland erklärten sich zufrieden, ihre Autorität drang durch, und die Aenderung wurde vorgenommen. In wiefern ein rechtmäßiger und gesetzlicher Besitzer sich von einem Besitzer unterscheidet, der nach dem Gesetz das ausschließliche Recht hat, ist eine Frage, die ein Whig ohne irgend ein peinliches Gefühl von Beschämung als über seinen Horizont gehend bezeichnen und deren Erörterung er den Hochkirchlichen überlassen kann. Dreiundachtzig Peers setzten auf der Stelle ihre Namen unter die amendirte Associationsformel, und Rochester war unter ihnen. Nottingham, noch nicht ganz befriedigt, bat um Bedenkzeit.[129]
Außerhalb der Mauern des Parlaments kümmerte man sich nicht um diese Wortklaubereien. Die Ausdrucksweise des Hauses der Gemeinen wurde vom ganzen Lande adoptirt. Die City von London ging voran. Binnen sechsunddreißig Stunden, nachdem die Vereinsurkunde auf Anordnung des Sprechers bekannt gemacht worden war, wurde sie von dem Lordmayor, den Aldermen und fast allen Mitgliedern des Gemeinderaths unterzeichnet. Diesem Beispiele folgten die Municipalcorporationen des ganzen Königreichs. Die Frühjahrsassisen begannen eben, und in jeder Grafschaftsstadt unterschrieben die Mitglieder der großen Jury und die Friedensrichter ihre Namen. Bald kamen Krämer, Handwerker, Freisassen, Pächter und Landwirthe zu Tausenden an die Tische, auf denen die Pergamente auslagen. Westminster zählte siebenunddreißigtausend Vereinsmitglieder, die Towerortschaften achttausend, Southwark achtzehntausend. Die Landbezirke von Surrey lieferten siebzehntausend. In Ipswich unterzeichneten sämmtliche Wahlbürger bis auf zwei. In Warwick unterschrieben alle männlichen Einwohner, die das sechzehnte Jahr erreicht hatten, mit Ausnahme von zwei Papisten und zwei Quäkern. In Taunton, wo die blutigen Assisen noch in frischem Andenken waren, erklärte jeder des Schreibens Kundige seinen Anschluß an die Regierung. Alle Kirchen und Bethäuser der Stadt waren in einem Maße wie noch nie mit Leuten gefüllt, welche kamen um Gott für die Erhaltung des Mannes zu danken, den sie liebevoll Wilhelm den Befreier nannten. Von allen Grafschaften England’s war Lancashire die jakobitischeste. Gleichwohl lieferte Lancashire funfzigtausend Unterschriften. Von allen großen Städten England’s war Norwich die jakobitischeste. Die Magistratspersonen dieser Stadt galten für Freunde der exilirten Dynastie. Die Eidverweigerer waren zahlreich und hatten kurz vor der Entdeckung des Complots ungewöhnlich guten Muths geschienen und hatten sich ungewöhnlich viele Freiheiten herauszunehmen gewagt. Einer der vornehmsten Geistlichen des Schismas hatte daselbst eine Predigt gehalten, welche zu einem sonderbaren Verdacht Anlaß gab. Er hatte zum Text den Vers gewählt, in welchem der Prophet Jeremias verkündigt, daß der Tag der Rache gekommen sei, daß das Schwert trunken sein werde von Blut, daß der Herr der Heerschaaren ein Schlachtopfer haben werde im Lande gegen Mitternacht am Flusse Euphrat. Ganz kurz darauf erfuhr man, daß zur Zeit als diese Rede gehalten wurde, wirklich unter Barclay’s und Parkyns’ Leitung Schwerter geschliffen wurden zu einem blutigen Opfer am nördlichen Ufer der Themse. Der Unwille des gemeinen Volks von Norwich war nicht zu halten. Obgleich durch die Municipalbehörden eingeschüchtert, kam es in Masse herbei, um Wilhelm, dem rechtmäßigen und gesetzlichen Könige, Treue zu schwören. In Norfolk belief sich die Zahl der Unterschriften auf achtundvierzigtausend, in Suffolk auf siebzigtausend. Ueber fünfhundert Listen gingen aus allen Theilen England’s nach London. Die Anzahl der Namen, welche siebenundzwanzig von diesen Listen enthielten, betrug nach der London Gazette dreihundertvierzehntausend. Rechnet man die größtmögliche Zahl für betrügerische Angaben ab, so scheint doch soviel gewiß, daß der Verein die große Mehrheit der erwachsenen männlichen Bewohner England’s, die ihren Namen schreiben konnten, umfaßte. Die Fluth des Volksgefühls ging so hoch, daß Jemand, von dem man wußte, daß er nicht unterschrieben hatte, ernste Gefahr lief, öffentlich insultirt zu werden. An vielen Orten zeigte sich Niemand ohne ein rothes Band am Hute, worauf die Worte gestickt waren: General Association for King William. Einmal hatte ein Trupp Jakobiten die Dreistigkeit, in einer Straße London’s mit einer sinnbildlichen Devise zu paradiren, die ihre Verachtung des neuen feierlichen League und Covenant anzudeuten schien. Sie wurden augenblicklich durch den Pöbel auseinandergetrieben und ihre Anführer weidlich untergetaucht. Die Begeisterung verbreitete sich nach entlegenen Inseln, nach ausländischen Factoreien, nach entfernten Colonien. Die Association wurde unterzeichnet von den rauhen Fischern der Scilly Rocks, von den englischen Kaufleuten in Malaga, von den englischen Kaufleuten in Genua, von den Bürgern Newyork’s, von den Tabakpflanzern Virginien’s und von den Zuckerpflanzern auf Barbados.[130]
Durch den Erfolg kühn gemacht, wagten die Whighäupter noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie brachten eine Bill zur Sicherung der Person und Regierung des Königs im Unterhause ein. Durch diese Bill wurde verordnet, daß Jeder, der während der Dauer des Kriegs ohne königliche Erlaubniß aus Frankreich nach England käme, den auf Hochverrath gesetzten Strafen verfallen, daß die Suspension der Habeascorpusacte bis zu Ende des Jahres 1696 fortdauern und daß alle von Wilhelm ernannten Beamten im Fall seines Ablebens ihre Stellen so lange behalten sollten, bis es seinem Nachfolger gefallen würde, sie zu entlassen. Die vom Hause der Gemeinen angenommene Associationsformel wurde feierlich bestätigt, und es wurde bestimmt, daß Niemand, der sie nicht unterzeichnete, einen Sitz in diesem Hause einnehmen oder ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleiden sollte. Den Lords wurde gestattet, sich ihrer eigenen Formel zu bedienen, und über den Klerus wurde nichts gesagt.
Die Tories, mit Finch und Seymour an ihrer Spitze, beschwerten sich bitter über diesen neuen Test und wagten es einmal abstimmen zu lassen, wurden aber geschlagen. Finch scheint geduldig angehört worden zu sein; die verächtliche Art und Weise aber, in der Seymour von der Association sprach, erregte trotz aller Beredtsamkeit einen Sturm, dem er nicht Stand zu halten vermochte. Der laute Ruf: „der Tower! der Tower!” wurde vielfach gehört. Trotz seines hochmüthigen und gebieterischen Wesens war er gezwungen, seine Worte hinwegzuerklären, und er konnte durch Entschuldigungen, an die er wenig gewohnt war, kaum der Demüthigung entgehen, vor die Schranke gerufen zu werden und kniend einen Verweis zu erhalten. Die Bill wurde den Lords zugesandt und trotz der Opposition Rochester’s und Nottingham’s rasch angenommen.[131]
Bill zur Regulirung der Wahlen.
Die Natur und der Umfang der Veränderung, welche die Entdeckung des Mordcomplots in der Stimmung des Hauses der Gemeinen und der Nation hervorgebracht hatte, wird durch die Geschichte einer Bill, betitelt: eine Bill zur ferneren Regulirung der Wahlen der Parlamentsmitglieder, treffend characterisirt. Die Geldmacht war fast durchgängig whiggistisch und daher ein Gegenstand der Abneigung für die Tories. Das rasche Wachsthum dieser Macht wurde von den Landeigenthümern, mochten sie Whigs oder Tories sein, mit neidischen Blicken betrachtet. Es war etwas Neues und Unerhörtes, einen Kaufmann aus Lombard Street, den kein Band an den Boden unsrer Insel fesselte und dessen Vermögen durchaus persönlich und beweglich war, mit einem Koffer voll Guineen nach Devonshire oder Sussex reisen, einem benachbarten Landgentleman gegenüber, dessen Vorfahren seit den Kriegen der Rosen stets gewählt worden waren, als Candidat für einen Burgflecken auftreten und an der Spitze der Wahlliste zurückkehren zu sehen. Und dies war noch nicht das Schlimmste. Mehr als ein Sitz im Parlament war angeblich bei einer Tasse Kaffee bei Garraway gekauft und verkauft worden. Man hatte von dem Käufer nicht einmal die Beobachtung der Formalität verlangt, sich den Wählern zu zeigen. Ohne sein Comptoir in Cheapside verlassen zu haben, war er zum Vertreter eines Ortes gewählt worden, den er in seinem Leben nicht gesehen. Solche Dinge waren unerträglich. Niemand, sagte man, solle einen Sitz in der englischen Legislatur einnehmen, der nicht einige hundert Acker englischen Grund und Bodens sein nenne.[132] Es wurde demgemäß eine Bill eingebracht, welche bestimmte, daß jedes Mitglied des Hauses der Gemeinen ein gewisses Grundeigenthum besitzen müsse. Für einen Grafschaftsritter war die Qualification auf fünfhundert Pfund, für den Vertreter eines Burgfleckens auf zweihundert Pfund jährlicher Grundrente festgesetzt. Anfang Februar wurde diese Bill zum zweiten Male gelesen und einem gewählten Ausschusse überwiesen. Es wurde beantragt, daß der Ausschuß angewiesen werden solle, eine Klausel einzuschalten, welche anordne, daß alle Wahlen vermittelst Stimmzetteln stattfinden sollten. Ob dieser Antrag von einem Whig oder einem Tory ausging, durch welche Argumente er unterstützt und auf welche Gründe hin er bekämpft wurde, können wir jetzt nicht mehr ermitteln. Wir wissen nur, daß er ohne Abstimmung verworfen wurde.
Bevor die Bill aus dem Ausschusse zurückkam, hatten einige der achtungswerthesten Wahlkörper des Königreichs ihre Stimmen gegen die neue Beschränkung erhoben, der sie unterworfen werden sollten. Es hatte im allgemeinen wenig Sympathie zwischen den Handelsstädten und den Universitätsstädten geherrscht. Denn die Handelsstädte waren die Hauptsitze des Whiggismus und der Nonconformität, die Universitäten aber waren eifrige Anhänger der Krone und der Kirche. Jetzt aber machten Oxford und Cambridge gemeinschaftliche Sache mit London und Bristol. Es sei hart, sagten die Akademiker, daß ein ernster und gelehrter Mann, der von einer zahlreichen Corporation ernster und gelehrter Männer in den Großen Rath der Nation gesandt würde, für weniger geeignet erachtet werden sollte, in diesem Rathe zu sitzen als ein roher Mensch, der kaum so viel wissenschaftliche Bildung besitze, um auf das privilegium clericale Anspruch zu haben. Es sei hart, sagten dagegen die Kaufleute, anzunehmen, daß ein Handelsfürst, der die erste Magistratsperson der ersten Stadt der Welt gewesen sei, dessen Name auf der Rückseite eines Wechsels in Smyrna und in Genua, in Hamburg und in Amsterdam unbedingtes Vertrauen erwecke, der Schiffe zur See habe, von denen jedes so viel werth sei als ein Rittergut, und der in Zeiten wo die Freiheit und Religion des Königreichs in Gefahr waren, zu wiederholten Malen der Regierung binnen einer Stunde fünf- oder zehntausend Pfund vorgestreckt habe, bei dem Gedeihen des Staates weniger interessirt sei als ein Squire, der seine Ochsen und seinen Hopfen in dem nächsten Marktflecken bei einem Kruge Ale verkaufte. Bei der Berichterstattung wurde beantragt, daß die Universitäten ausgenommen werden sollten, aber der Antrag wurde mit hunderteinundfunfzig gegen hundertdreiundvierzig Stimmen verworfen. Bei der dritten Lesung wurde beantragt, daß die City von London ausgenommen sein sollte; aber man hielt es nicht für rathsam, abstimmen zu lassen. Die Schlußfrage, ob die Bill angenommen sei, wurde an dem Tage vor der Entdeckung des Mordcomplots mit hundertdreiundsiebzig gegen hundertfunfzig Stimmen bejaht. Die Lords traten der Bill ohne Amendement bei.
Wilhelm hatte nun zu erwägen, ob er seine Genehmigung ertheilen sollte oder nicht. Die Handelsstädte des Reichs, darunter auch die City von London, welche stets treu zu ihm gehalten und ihn schon oft aus großen Verlegenheiten gerissen hatten, baten ihn um seinen Schutz. Man stellte ihm vor, daß die Gemeinen thatsächlich weit davon entfernt seien, in diesem Punkte eines Sinnes zu sein, daß bei der letzten Lesung die Majorität in einem vollen Hause nur dreiundzwanzig Stimmen betragen habe und daß der Antrag, die Universitäten auszunehmen, mit einer Majorität von nur acht Stimmen verworfen worden sei. Nach reiflicher Ueberlegung beschloß er die Bill nicht zu genehmigen. Niemand, sagte er, könne ihn beschuldigen, bei dieser Gelegenheit selbstsüchtig gehandelt zu haben; seine Prärogative sei bei der Sache nicht betheiligt, und er habe gegen das vorgeschlagene Gesetz weiter nichts einzuwenden, als daß es seinem Volke nachtheilig sein würde.
Am 10. April 1696, erhielt daher der Sekretär des Parlaments Befehl, den Häusern mitzutheilen, daß der König sich die Bill zur weiteren Regulirung der Wahlen überlegen wolle. Einige heftige Tories im Hause der Gemeinen schmeichelten sich, daß es ihnen gelingen werde, einen den König tadelnden Beschluß durchzubringen. Sie stellten den Antrag, daß Derjenige, der Sr. Majestät gerathen habe, ihrer Bill seine Genehmigung zu verweigern, für einen Feind des Königs und der Nation erklärt werden solle. Einen ärgeren Mißgriff konnte es nicht geben. Die Stimmung des Hauses war eine ganz andre als an dem Tage, wo die Adresse gegen Portland’s Schenkung durch Acclamation votirt worden war. Die Entdeckung einer mörderischen Verschwörung, die Besorgniß einer französischen Invasion hatten Alles verändert. Der König war populär. Jeden Tag wurden ihm zehn bis zwölf Pergamentstöße mit den Unterschriften von Vereinsmitgliedern zu Füßen gelegt. Nichts konnte unkluger sein, als in einem solchen Augenblicke ein dünn verschleiertes Tadelsvotum gegen ihn zu beantragen. Die gemäßigten Tories trennten sich daher von ihren aufgebrachten und unverständigen Gesinnungsgenossen. Der Antrag wurde mit zweihundertneunzehn gegen siebzig Stimmen verworfen und das Haus ordnete die öffentliche Bekanntmachung der Frage und der beiderseitigen Stimmen an, damit die Welt erfahren solle, wie vollständig der Versuch, Uneinigkeit zwischen dem Könige und dem Parlamente hervorzurufen, gescheitert war.[133]
Acte zur Errichtung einer Landbank.
Die Landgentlemen würden vielleicht geneigter gewesen sein, wegen des Scheiterns ihrer Bill zu grollen, wären sie nicht durch eine andre Bill, die ihnen noch wichtiger dünkte, in gute Laune versetzt worden. Das Project einer Landbank war wieder angeregt worden, und zwar nicht in der Form, in der es zwei Jahre früher dem Hause der Gemeinen zur Erwägung unterbreitet worden war, sondern in einer den gesunden Verstand viel weniger beleidigenden und der Lächerlichkeit weniger ausgesetzten Form. Chamberlayne protestirte allerdings laut gegen jede Modification seines Planes und proklamirte mit unverminderter Zuversichtlichkeit, daß er alle seine Landsleute reich machen wolle, wenn sie ihn nur gewähren ließen. Er sei nicht der erste große Entdecker, sagte er, den Fürsten und Staatsmänner als einen Träumer betrachtet hätten. Heinrich VII. habe sich in einer bösen Stunde geweigert, Christoph Columbus anzuhören, und die Folge davon sei gewesen, daß England um die Bergwerke von Mexico und Peru gekommen sei. Und doch, was seien die Bergwerke von Mexico und Peru gegen die Reichthümer einer mit einem unbegrenzten Papiergelde gesegneten Nation? Aber die vereinte Kraft der Vernunftgründe und des Spottes hatte die einst zahlreiche Anhängerschaar Chamberlayne’s auf einen kleinen Kreis unverbesserlicher Thoren reducirt. Selbst von den Squires glaubten jetzt nur noch wenige an seine beiden großen Lehrsätze: den Lehrsatz, daß der Staat, indem er ein Bündel alter Lumpen zehn Millionen Pfund Sterling nenne, das Nationalvermögen um zehn Millionen Pfund Sterling vermehren, und den Lehrsatz, daß eine Abtretung von Grund und Boden auf eine bestimmte Anzahl Jahre vielmal so viel werth sein könne als der unbeschränkte Besitz. Dagegen waren die Landgentlemen noch immer allgemein der Ansicht, daß eine Bank, welche die specielle Bestimmung habe, auf Grundeigenthum Geld vorzustrecken, ein großer Segen für die Nation sein könne. Harley und der Sprecher Foley schlugen jetzt vor, eine solche Bank durch Parlamentsacte zu errichten, und versprachen, daß, wenn ihr Plan adoptirt würde, der König reichlich mit Geld für den nächsten Feldzug versehen sein sollte.
Die Whigführer, und namentlich Montague, sahen ein, daß der Plan eine Illusion sei, daß er sehr bald scheitern müsse und daß er möglicherweise vor seinem Untergange ihr Lieblingsinstitut, die Bank von England, ruiniren könne. In diesem Punkte aber hatten sie nicht nur die ganze Torypartei, sondern auch ihren Gebieter und viele ihrer Anhänger gegen sich. Die Bedürfnisse des Staats waren dringend und die Anerbietungen der Projectenmacher lockend. Die Bank von England hatte zum Dank für die ihr verliehene Concession dem Staate nur eine Million zu acht Procent vorgeschossen; die Landbank wollte über dritthalb Millionen zu sieben Procent vorschießen. Wilhelm, dem jetzt hauptsächlich darum zu thun war, sich Geld zur Deckung der Ausgaben des laufenden Jahres zu verschaffen, war eben nicht sehr geneigt, über eine Quelle zu mäkeln, aus der sich dritthalb Millionen schöpfen ließen. Sunderland, der seinen Einfluß sonst gewöhnlich zu Gunsten der Whigführer anwendete, wurde ihnen bei dieser Gelegenheit untreu. Die whiggistischen Landgentlemen freuten sich der Aussicht, ihre Viehstände ergänzen, ihre Keller füllen und ihre Töchter ausstatten zu können. Gegen eine solche Vereinigung von Streitkräften zu kämpfen, war unmöglich. Es wurde eine Bill angenommen, welche die Regierung ermächtigte, zwei Millionen fünfhundertvierundsechzigtausend Pfund zu sieben Procent aufzunehmen. Ein hauptsächlich durch eine neue Salzsteuer gebildeter Fond wurde zur Zahlung der Zinsen bestimmt. Wenn vor dem 1. August die Hälfte dieser Anleihe gezeichnet und die Hälfte der gezeichneten Summe in die Schatzkammer eingezahlt war, sollten die Unterzeichner eine Corporation mit den Namen Nationallandbank werden. Da diese Bank ausdrücklich dazu bestimmt war, den Landgentlemen unter die Arme zu greifen, so war es ihr streng verboten, auf andre Sicherheit als Landhypothek Geld auszuleihen, und ihr zur Pflicht gemacht, jährlich mindestens eine halbe Million auf Hypothek auszuleihen. Die Zinsen für diese halbe Million sollten bei vierteljährlichen Zahlungen nicht dreiundeinhalb Procent, bei halbjährlichen Zahlungen nicht vier Procent übersteigen. Der gebräuchliche Zinsfuß für die besten Hypotheken war damals sechs Procent. Die schlauen Beobachter bei der holländischen Gesandtschaft glaubten daher, daß die Kapitalisten sich jeder Betheiligung bei einem Geschäft, daß ihnen nothwendig Verlust bringen mußte, enthalten und daß die erforderliche Summe nicht zur Hälfte gezeichnet werden würde, und man sollte nicht glauben, daß ein Mensch von gesundem Verstande hätte anders denken können.[134]
Doch alle Vernunftgründe vermochten nichts gegen die allgemeine Verblendung. Die Tories prophezeiten triumphirend, die Bank Robert Harley’s werde die Bank Karl Montague’s völlig in den Schatten stellen. Die Bill ging in beiden Häusern durch. Am 27. April erhielt sie die königliche Sanction und unmittelbar darauf wurde das Parlament prorogirt.
Fußnoten
[1] Siehe Claude’s Predigt auf Mariens Tod.
[2] Prior an Lord und Lady Lexington, 14. (24.) Jan. 1695. Der Brief befindet sich in den Lexington Papers, einer werthvollen und gut edirten Sammlung.
[3] Monthly Mercury vom Januar 1695. Ein Redner, der in Utrecht eine Lobrede auf die Königin hielt, war so albern zu sagen, ihr letzter Hauch sei ein Gebet für das Wohl der Vereinigten Provinzen gewesen: — „Valeant et Batavi,” — dies sind ihre letzten Worte, — „sint incolumes; sint florentes; sint beati: stet in aeternum, stet immota praeclarissima illorum civitas, hospitium aliquando mihi gratissimum, optime de me meritum.” Siehe auch die Reden Peter Francius’ von Amsterdam und Johann Ortwinius’ von Delft.
[4] Journal de Dangeau; Mémoires de Saint-Simon.
[5] Saint-Simon; Dangeau; Monthly Mercury für Januar 1695.
[6] L’Hermitage, 1. (11.) Jan. 1695; Vernon an Lord Lexington, 1. 4. Januar; Portland an Lord Lexington, 15. (25.) Jan.; Wilhelm an Heinsius, 22. Januar (1. Febr.).
[7] Commons’ Journals, Feb. 11., April 12., 17.; Lords’ Journals April 8., 18. 1695. Leider ist in dem Protokolle der Gemeinen vom 12. April eine Lücke, so daß es jetzt nicht mehr möglich ist, zu ermitteln, ob über die Frage bezüglich des Beitritts zu dem von den Lords vorgeschlagenen Amendement eine Abstimmung stattfand.
[8] L’Hermitage 10. (20.) April 1695; Burnet II. 149.
[9] An Essay upon Taxes, calculated for the present Juncture of Affairs, 1693.
[10] Commons’ Journals, Jan. 12., Feb. 26., Mar. 6.; A Collection of the Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695 upon the Inquiry into the late Briberies and Corrupt Practices, 1695; L’Hermitage an die Generalstaaten, 8. (18.) März; Van Citters, 15. (25.) März. L’Hermitage sagt: „Si par cette recherche la chambre pouvoit remedier au désordre qui règne, elle rendroit un service très utile et très agréable au Roy.”
[11] Commons’ Journals, Feb. 16. 1695. Collection of the Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695; Life of Wharton; Burnet II. 144.
[12] Sprecher Onslow’s Note zu Burnet II. 583; Commons’ Journals, Mai 6., 7. 1695. Die Geschichte des schrecklichen Endes dieses Mannes findet man in den Flugschriften über das Südseejahr.
[13] Commons’ Journals, March 8. 1695; Exact Collection of Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695; L’Hermitage, 8. (18.) März.
[14] Exact Collection of Debates.
[15] L’Hermitage, 8. (18.) März 1695. L’Hermitage’s Erzählung wird durch die Protokolle vom 7. März 1694/95 bestätigt. Es geht daraus hervor, daß das Haus unmittelbar vor Ernennung des Ausschusses beschloß, daß während einer Sitzung keine Briefe an Mitglieder abgegeben werden sollten.
[16] L’Hermitage, 19. (29.) März 1695.
[17] Birch’s Life of Tillotson.
[18] Commons’ Journals, March 12, 13, 14, 15, 16, 1694/95; Vernon an Lexington, 15. März; L’Hermitage, 15. (25.) März.
[19] „On vit qu’il étoit impossible de le poursuivre en justice, chacun toutefois démeurant convaincu que c’étoit un marché fait à la main pour lui faire présent de la somme de 10,000 l., et qu’il avait été plus habile que les autres novices que n’avoient pas su faire si finement leurs affaires.” L’Hermitage, 29. März (8. April); Commons’ Journals, March. 12.; Vernon an Lexington, 26. April; Burnet II. 145.
[20] In einem Gedicht, betitelt The Prophecy (1703) kommt die Strophe vor: