Thomas Babington Macaulay’s
Geschichte von England
seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
Vollständige und wohlfeilste
Stereotyp-Ausgabe.
Neunter Band:
enthaltend Kapitel 17 und 18.
Leipzig, 1856.
G. H. Friedlein.
Siebzehntes Kapitel.
Wilhelm und Marie.
[Inhalt.]
| Seite | |
| Wilhelm’s Reise nach Holland | [5] |
| Wilhelm’s Einzug in den Haag | [6] |
| Kongreß im Haag | [8] |
| Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen | [10] |
| Wilhelm erlangt eine Toleranz für die Waldenser | [12] |
| Mängel, welche in der Natur der Coalitionen liegen | [12] |
| Belagerung und Fall von Mons | [13] |
| Wilhelm kehrt nach England zurück. Prozesse Preston’s und Ashton’s | [14] |
| Ashton’s Hinrichtung | [16] |
| Preston’s Unschlüssigkeit und seine Geständnisse | [16] |
| Nachsicht gegen die Verschwörer. Clarendon | [18] |
| Dartmouth | [18] |
| Turner | [19] |
| Penn | [19] |
| Tod Georg Fox’; sein Character | [20] |
| Unterredung zwischen Penn und Sidney | [24] |
| Preston begnadigt | [25] |
| Freude der Jakobiten über den Fall von Mons | [26] |
| Die erledigten Bisthümer werden besetzt | [26] |
| Tillotson, Erzbischof von Canterbury | [27] |
| Benehmen Sancroft’s | [29] |
| Uneinigkeit zwischen Sancroft und Ken | [30] |
| Sancroft’s Haß gegen die Landeskirche. Er bestimmt die bischöfliche Succession unter den Eidverweigerern | [31] |
| Die neuen Bischöfe | [32] |
| Sherlock Dechant von St. Paul | [33] |
| Verrätherei einiger Diener Wilhelm’s | [38] |
| Russell | [40] |
| Godolphin | [41] |
| Marlborough | [42] |
| Wilhelm kehrt auf den Continent zurück | [45] |
| Der Feldzug von 1691 in Flandern | [46] |
| Der Krieg in Irland | [48] |
| Zustand des englischen Theils von Irland | [48] |
| Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war | [51] |
| Uneinigkeiten unter den Irländern in Limerick | [52] |
| Rückkehr Tyrconnels nach Irland | [54] |
| Ankunft einer französischen Flotte in Limerick; Saint-Ruth | [55] |
| Die Engländer rücken ins Feld | [56] |
| Fall von Ballymore | [56] |
| Belagerung und Fall von Athlone | [57] |
| Rückzug der irischen Armee | [61] |
| Saint-Ruth beschließt eine Schlacht zu wagen | [62] |
| Schlacht bei Aghrim | [64] |
| Fall von Galway | [66] |
| Tyrconnel’s Tod | [68] |
| Zweite Belagerung von Limerick | [68] |
| Die Irländer wollen kapituliren | [70] |
| Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern | [71] |
| Die Kapitulation von Limerick | [73] |
| Die irischen Truppen werden aufgefordert, zwischen ihrem Vaterlande und Frankreich zu wählen | [75] |
| Die Mehrzahl der irischen Truppen erklärt sich für den Freiwilligendienst in Frankreich | [75] |
| Viele von den Irländern, die sich für Frankreich erklärt hatten, desertiren | [76] |
| Die letzte Division der irischen Armee segelt von Cork nach Frankreich ab | [78] |
| Zustand Irland’s nach dem Kriege | [78] |
Wilhelm’s Reise nach Holland.
Am 18. Jan. 1691 schiffte sich der König, nachdem seine Abreise durch widrige Winde um einige Tage verzögert worden war, in Gravesend ein. Vier Yachten waren für ihn und sein Gefolge ausgerüstet worden. Unter seinen Begleitern waren Norfolk, Ormond, Devonshire, Dorset, Portland, Monmouth, Zulestein und der Bischof von London, und zwei ausgezeichnete Admiräle, Cloudesley Shovel und Georg Rooke, befehligten die Kriegsschiffe, welche den Convoi bildeten. Die Ueberfahrt war langweilig und unangenehm. Auf der Höhe der Godwin-Sandbänke wurde das Geschwader viele Stunden durch eine Windstille aufgehalten, und erst am fünften Tage zeigte das Senkblei an, daß man sich der holländischen Küste näherte. Der Seenebel war jedoch so dicht, daß sich das Land nicht erkennen ließ, und man hielt es nicht für gerathen, in der Dunkelheit weiter zu fahren. Der Seereise überdrüssig und von Sehnsucht nach seinem geliebten Vaterlande erfüllt, beschloß Wilhelm in einem offenen Boote zu landen. Die ihn begleitenden Edelleute versuchten ihn von dem Vorhaben abzubringen, ein so kostbares Leben zu gefährden; als sie aber sahen, daß sein Entschluß fest stand, drangen sie darauf, die Gefahr mit ihm zu theilen. Es zeigte sich bald, daß diese Gefahr ernster war als sie erwartet hatten. Man hatte geglaubt, daß die Gesellschaft in einer Stunde das Ufer erreichen werde; aber große Massen Treibeis erschwerten das Fortkommen des Bootes, die Dunkelheit brach herein, der Nebel wurde dichter und die Wogen durchnäßten den König und seine Begleiter. Einmal stieß das Fahrzeug auf eine Sandbank und wurde nur mit großer Mühe wieder flott gemacht. Auch die kühnsten Seeleute konnten sich einiger Besorgniß nicht erwehren. Wilhelm aber blieb die ganze Nacht durch eben so ruhig, als ob er sich im Drawingroom zu Kensington befunden hätte. „Schämt Euch,” sagte er zu einem der verzagenden Matrosen, „fürchtet Ihr in meiner Gesellschaft den Tod?” Ein verwegener holländischer Seemann sprang ins Meer und schwamm und watete durch Brandung, Eis und Schlamm ans Land. Hier schoß er ein Gewehr ab und zündete ein Feuer an, zum Zeichen daß er in Sicherheit war. Keiner von seinen Mitpassagieren hielt es jedoch für gerathen, seinem Beispiele zu folgen. Sie lagen auf- und abtreibend im Angesicht des Feuers, das er angezündet hatte, bis der erste matte Schimmer eines Januarmorgens sie erkennen ließ, daß sie sich dicht bei der Insel Goree befanden. Ganz erstarrt von der Kälte und mit Eisklumpen bedeckt, landete der König mit seinen Lords, um sich zu erwärmen und auszuruhen.[1]
Nachdem Wilhelm einige Stunden in der Hütte eines Landmanns geruht hatte, reiste er weiter nach dem Haag. Dort wurde er mit Ungeduld erwartet, denn obgleich die Flotte, die ihn brachte, am Ufer nicht sichtbar war, so waren doch die königlichen Salutschüsse durch den Nebel gehört worden und hatten der ganzen Küste seine Ankunft verkündet. Viele Tausende waren bei Honslaerdyk versammelt, um ihn mit einem Jubel zu bewillkommnen, der aus ihren Herzen kam und den Weg zu seinem Herzen fand. Es war einer der wenigen Freudentage in einem wohl nützlichen und ruhmvollen, doch keineswegs glücklichen Leben. Nachdem der Verbannte über zwei Jahre in einem fremden Lande zugebracht, stand er jetzt wieder auf seinem heimathlichen Boden, hörte wieder die Sprache seiner Kindheit und sah die Scenerie und Architektur wieder, die in seinem Geiste unzertrennlich mit den Jugenderinnerungen und Heimathsgefühlen verknüpft waren; die kahlen Dämme von Sand, Muscheln und Steinen, an denen sich die Wogen des deutschen Oceans brachen; die endlosen, von Gräben durchschnittenen Wiesen; die schnurgeraden Kanäle und die freundlich angestrichenen, mit zierlichen Figuren und Inschriften geschmückten Landhäuser. Er hatte viele langweilige Monate unter einem Volke gelebt, das ihn nicht liebte, das ihn nicht verstand und das nie vergessen konnte, daß er ein Ausländer war. Selbst diejenigen Engländer, die ihm am treuesten dienten, dienten ihm ohne Begeisterung, ohne persönliche Zuneigung und nur aus amtlichem Pflichtgefühl. Im Stillen bedauerten sie es, daß ihnen keine andre Wahl blieb, als zwischen einem englischen Tyrannen und einem holländischen Befreier. Hier war Alles anders. Wilhelm befand sich unter einer Bevölkerung, von der er angebetet wurde, wie Elisabeth angebetet worden war, als sie bei Tilbury durch die Reihen ihrer Armee ritt, wie Karl II. angebetet worden war, als er in Dover landete. Allerdings waren die alten Feinde des Hauses Oranien während der Abwesenheit des Statthalters nicht müßig gewesen, und es war, wenn auch nicht laut, doch leise gegen ihn gemurrt worden. Er habe, sagte man, sein Vaterland um seines neuen Königreichs willen vernachlässigt. Ueberall wo das Ansehen der englischen Flagge, der Aufschwung des englischen Handels im Spiele gewesen sei, habe er vergessen, daß er ein Holländer war. Sobald man aber sein wohlbekanntes Gesicht wieder sah, war alle Eifersucht, alle Kälte verschwunden. Es war nicht ein Bauer, nicht ein Fischer, nicht ein Handwerker unter den Volksmassen, welche die Straße von Honslaerdyk nach dem Haag bedeckten, dessen Herz sich nicht stolz gehoben hätte bei dem Gedanken, daß der erste Minister Holland’s ein großer König geworden war, daß er die Engländer befreit und die Irländer besiegt hatte. Es würde Tollkühnheit gewesen sein, wenn Wilhelm von Hampton Court nach Westminster ohne Eskorte gefahren wäre; in seinem eignen Lande aber brauchte er keine Schwerter und Karabiner zu seinem Schutze. „Haltet die Leute nicht zurück,” rief er aus, „laßt sie nahe zu mir herankommen, sie sind alle meine guten Freunde.”
Wilhelm’s Einzug in den Haag.
Er erfuhr bald, daß glänzende Vorbereitungen zu seinem Empfange im Haag getroffen wurden. Zuerst schalt er darüber und machte Einwendungen. Er hasse, sagte er, alles Geräusch und Schaugepränge. Die nothwendigen Kosten des Kriegs seien ohnehin schwer genug. Er hoffe, daß seine lieben Mitbürger ihn als einen unter ihnen gebornen und erzogenen Nachbar betrachten und ihm nicht ein so schlechtes Compliment machen würden, ihn ceremoniös zu behandeln. Aber alle seine Vorstellungen waren vergebens. So einfach und sparsam die Holländer in ihrer gewöhnlichen Lebensweise sind, bei dieser Gelegenheit hatten sie sich vorgenommen, ihrem erlauchten Landsmanne einen seinem Range und seinen Verdiensten entsprechenden Empfang zu bereiten, und er sah wohl, daß er sich fügen mußte. Am Tage seines Triumphzuges war der Zusammenfluß von Menschen ungeheuer. Alle Wagen und Pferde der Provinz waren nicht hinreichend, um die Masse Derer zu befördern, welche zu dem Schauspiele herbeiströmten. Viele Tausende kamen zu Schlitten oder mit Schlittschuhen auf den zugefrornen Kanälen von Amsterdam, Rotterdam, Leyden, Haarlem und Delft. Am Morgen des 26. Januar um zehn Uhr gab die große Glocke auf dem Rathhause das Signal. Sechzehnhundert wohlhabende Bürger, wohl bewaffnet und in die schönsten Anzüge gekleidet, die sie in den Tiefen ihrer Garderoben hatten finden können, hielten Ordnung in den mit Menschen gefüllten Straßen. Balkons und Gerüste, von Immergrün umrankt und mit Teppichen behangen, verbargen die Fenster. Der königliche Wagen, begleitet von einem Heere von Hellebardieren und Läufern und gefolgt von einem langen Zuge von Equipagen, fuhr durch zahllose mit Schnitzwerk und Malerei reich verzierte Triumphbögen unter dem endlosen Rufe: „Lange lebe der König, unser Statthalter!” Die Vorderseite des Rathhauses und der ganze Umkreis des Marktplatzes prangten im glänzendsten Farbenschmucke. Bürgerkronen, Trophäen, Embleme der Künste, der Wissenschaften, des Handels und des Ackerbaues zeigten sich allenthalben. An einer Stelle sah Wilhelm die glorreichen Thaten seiner Ahnen abgebildet. Da war der schweigsame Prinz, der Gründer der batavischen Republik, wie er mit seinen Kriegern über die Maas ging. Da war der ungestümere Moritz, wie er den Angriff bei Nieuport leitete. Ein wenig weiter hin konnte der Held die ereignißvolle Geschichte seines eignen Lebens verfolgen. Er sah sich als Kind auf dem Schooße seiner verwittweten Mutter; dann am Altare mit Mariens Hand in der seinigen; dann wie er in Torbay landete; dann wie er durch den Boyne schwamm. Zuletzt kam ein von Eis und Brandung umgebenes Boot, über welchem ganz passend in der majestätischen Sprache Rom’s die Worte des großen Römers: „Was fürchtest Du? Du hast Cäsar an Bord,” geschrieben standen. Die Aufgabe, die lateinischen Mottos zu liefern, war zwei Männern übertragen worden, welche bis zum Erscheinen Bentley’s unter den klassischen Gelehrten der damaligen Zeit die erste Stelle einnahmen. Spanheim, der als Kenner der römischen Münzen unerreicht dastand, ahmte nicht ohne Glück die edle Kürze der alten Umschriften nach, die er fleißig studirt hatte, und er wurde unterstützt durch Grävius, der damals in Utrecht einen Lehrstuhl inne hatte und dessen wohlverdienter Ruf Massen von Studirenden aus allen Theilen des protestantischen Europa an diese Universität zog.[2] Als die Nacht hereinbrach, wurden auf dem großen Teiche, der die Mauern des Bundespalastes bespülte, Feuerwerke abgebrannt. Dieser Teich war jetzt so hart wie Marmor, und die Holländer rühmten sich, daß die Welt, selbst auf der Terrasse von Versailles, nie etwas Prächtigeres gesehen habe als den Effect der zahllosen Feuergarben, die der glatte Eisspiegel zurückwarf.[3] Die englischen Lords beglückwünschten ihren Gebieter wegen seiner großen Popularität. „Ja,” sagte er, „aber ich bin nicht der Liebling. Der Jubel würde ungleich größer gewesen sein, wenn Marie bei mir gewesen wäre.”
Wenige Stunden nach seinem triumphirenden Einzuge wohnte der König einer Sitzung der Generalstaaten bei. Sein letztes Erscheinen in ihrer Mitte hatte an dem Tage stattgefunden, an welchem er sich nach England einschiffte. Er hatte damals unter dem lauten Schluchzen und Weinen dieser ernsten Senatoren ihnen für die Güte gedankt, mit der sie über seine Kindheit gewacht, seinen jugendlichen Geist gebildet und in reiferen Jahren seine Autorität unterstützt, und er hatte seine geliebte Gemahlin feierlich ihrer Obhut empfohlen. Jetzt kehrte er zu ihnen zurück als der König dreier Reiche, als das Haupt der größten Coalition, die Europa seit hundertachtzig Jahren gesehen hatte, und man hörte nichts als Beifall und Glückwünsche im Saale.[4]
Congreß im Haag.
Inzwischen bewegten sich durch die Straßen des Haag die Equipagen und Gefolge der Fürsten und Gesandten, welche zu dem großen Congresse strömten. Zuerst erschien der ehrgeizige und prachtliebende Friedrich, Kurfürst von Brandenburg, der einige Jahre später den Titel König von Preußen annahm. Dann kamen der junge Kurfürst von Bayern, der Regent von Würtemberg, die Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt und eine lange Reihe souverainer Fürsten aus den erlauchten Häusern Braunschweig, Sachsen, Holstein und Nassau. Der Marquis von Gastanaga, Gouverneur der spanischen Niederlande, kam vom viceköniglichen Hofe zu Brüssel zu der Versammlung. Außerordentliche Gesandte waren vom Kaiser, von der Königin von Spanien, Polen, Dänemark und Schweden und vom Herzoge von Savoyen geschickt. Die Stadt und Umgegend bot kaum Räumlichkeiten genug zur Aufnahme der englischen Lords und Gentlemen und der deutschen Grafen und Barone, welche Neugierde oder Amtspflicht an den Versammlungsort geführt hatten. Die ernste Hauptstadt der sparsamsten und betriebsamsten Nation der Welt war so heiter wie Venedig zur Carnevalszeit. Die durch jene majestätischen Linden und Ulmen, in deren Mitte die Villa des Prinzen von Oranien liegt, führenden Alleen strotzten von den Federbüschen, den Ordenssternen, den wallenden Perrücken, den gestickten Röcken und den vergoldeten Degengefäßen eleganter Cavaliere aus London, Berlin und Wien. Unter die Edelleute waren jedoch auch Gauner gemischt, nicht minder prächtig gekleidet als jene. Des Abends waren die Hazardspieltische belagert und das Theater bis unter das Dach gefüllt. Fürstliche Bankets drängten sich in rascher Aufeinanderfolge. Die Speisen wurden in goldenen Schüsseln aufgetragen und nach der alten teutonischen Sitte, mit welcher Shakespeare seine Landsleute bekannt gemacht hat, ertönten die Pauken und Trompeten so oft einer der großen Fürsten eine Gesundheit ausbrachte. Einige englische Lords, insbesondere Devonshire, gaben Feste, welche mit denen der Souveraine wetteiferten. Es wurde bemerkt, daß die deutschen Potentaten, welche im allgemeinen bezüglich der Etikette streitsüchtig und peinlich waren, sich bei dieser Gelegenheit ohne alle Förmlichkeit versammelten und ihren Hang zu genealogischen und heraldischen Controversen vergessen zu haben schienen. Die Liebe zum Wein aber, welche damals ein characteristischer Zug ihrer Nation war, hatten sie nicht vergessen. An der Tafel des Kurfürsten von Brandenburg erregte der gravitätische Ernst der holländischen Staatsmänner, die in ihrer Nüchternheit durch Citate aus Grotius und Puffendorf den Unsinn widerlegten, den die berauschten Edlen des Reichs hervorstammelten, große Heiterkeit. Einer dieser Edlen leerte so viele Humpen, daß er in das Torffeuer taumelte, aus dem er erst wieder herausgezogen wurde, als sein schöner Sammetrock verbrannt war.[5]
Doch inmitten dieser festlichen Gelage wurden die Geschäfte nicht vernachlässigt. Es wurde eine förmliche Sitzung des Congresses unter Wilhelm’s Präsidium gehalten, worin er in einer kurzen und würdevollen Ansprache, welche rasch die Runde durch ganz Europa machte, die Nothwendigkeit festen Zusammenhaltens und energischer Anstrengung auseinandersetzte. Die tiefe Ehrerbietung, mit der ihn die glänzende Versammlung anhörte, erweckte den bitteren Neid und Aerger seiner Feinde in England wie in Frankreich. Die deutschen Potentaten wurden heftig getadelt, daß sie einem Emporkömmlinge den Vorrang einräumten. Die Vornehmsten unter ihnen bezeigten ihm aber auch in der That eine solche Achtung, wie sie sie kaum der kaiserlichen Majestät gezollt haben würden; sie mischten sich unter die in seinem Vorzimmer harrende Menge und benahmen sich an seiner Tafel so ehrfurchtsvoll wie irgend ein dienstthuender englischer Lord. Auf einer Carricatur sind die verbündeten Fürsten als Bären mit Maulkörben dargestellt, einige mit Kronen, andere mit Staatsmützen auf dem Kopfe. Wilhelm hält sie alle an einer Kette und läßt sie tanzen. Auf einer andren Carricatur sah man ihn bequem in einem Armstuhl hingestreckt, die Füße auf einem Kissen und den Hut auf dem Kopfe, während die Kurfürsten von Brandenburg und Bayern entblößten Hauptes auf niedrigen Sesseln zu seiner Rechten und Linken saßen; die Schaar der Landgrafen und souverainen Herzöge stand in bescheidener Entfernung, und Gastanaga, der unwürdige Nachfolger Alva’s, erwartete mit gebeugtem Knie die Befehle des ketzerischen Tyrannen.[6]
Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen.
Es wurde bald auf höheren Befehl angekündigt, daß noch vor Beginn des Sommers zweihundertzwanzigtausend Mann gegen Frankreich im Felde stehen würden.[7] Das Contingent, das jede der verbündeten Mächte zu stellen hatte, wurde bekannt gemacht. Diejenigen Angelegenheiten aber, über welche eine öffentliche Erklärung abzugeben nicht zweckmäßig gewesen wäre, wurden zwischen dem Könige von England und seinen Bundesgenossen privatim besprochen. Bei dieser wie bei jeder andren wichtigen Gelegenheit während der ganzen Dauer seiner Regierung war er sein eigner Minister des Auswärtigen. Um der Form willen war es nothwendig, daß ihm ein Staatssekretär zur Seite stand, und daher hatte Nottingham ihn nach Holland begleitet. Aber wenn auch Nottingham in allen die innere Verwaltung England’s betreffenden Dingen das Vertrauen seines Gebieters in hohem Grade besaß, so erfuhr er doch von den Geschäften des Congresses wenig mehr als was er in den Zeitungen las.
Dieses Verfahren würde jetzt für höchst verfassungswidrig angesehen werden, und viele Schriftsteller, welche den Maßstab ihres Jahrhunderts an die Transactionen einer früheren Zeit legten, haben Wilhelm deshalb, weil er ohne den Rath seiner Minister handelte, und seine Minister, weil sie es sich gefallen ließen, über Angelegenheiten, bei denen die Ehre der Krone und das Wohl der Nation stark betheiligt waren, in Unkenntniß zu bleiben, streng getadelt. Man darf jedoch wohl mit Gewißheit annehmen, daß das was die rechtschaffensten und achtbarsten Männer beider Parteien, z. B. Nottingham unter den Tories und Somers unter den Whigs, nicht allein thaten, sondern auch öffentlich eingestanden, nicht ganz unverantwortlich gewesen sein kann; und eine genügende Entschuldigung ist nicht schwer zu finden.
Die Lehre, daß der Souverain nicht verantwortlich ist, ist unzweifelhaft so alt wie irgend ein andrer Theil unsrer Verfassung. Nicht minder uralt ist die Lehre, daß seine Minister verantwortlich sind. Daß da wo keine Verantwortlichkeit ist, keine sichere Gewähr gegen schlechte Verwaltung sein kann, ist ein Satz, den zu unsrer Zeit und in unsrem Lande Wenige bestreiten werden. Aus diesen drei Vordersätzen folgt ganz natürlich, daß die Verwaltung dann am besten geleitet zu werden verspricht, wenn der Souverain keinen öffentlichen Act ohne die Beihülfe und Vermittelung eines Ministers vollzieht. Diese Folgerung ist durchaus richtig. Aber wir müssen bedenken, daß Regierungen anders construirt sind als Schlußfolgerungen. In der Logik kann nur ein Dummkopf die Vordersätze zugeben und den daraus hervorgehenden Schluß in Abrede stellen. In der Praxis aber sehen wir, daß große und aufgeklärte Staatsgesellschaften oftmals viele Generationen hindurch darin beharren, Grundsätze aufzustellen, und doch nicht nach diesen Grundsätzen handeln wollen. Es darf bezweifelt werden, ob irgend ein Staatswesen, das jemals thatsächlich existirt hat, der reinen Idee dieses Staatswesens genau entsprochen hat. Nach der reinen Idee des constitutionellen Königthums herrscht der Fürst, regiert aber nicht, und das constitutionelle Königthum, wie es jetzt in England besteht, kommt der reinen Idee näher als in irgend einem andren Lande. Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wollte man glauben, daß unsere Fürsten bloß herrschen und niemals regieren. Im 17. Jahrhundert hielten es die Whigs sowohl wie die Tories nicht allein für das Recht, sondern für die Pflicht des ersten Staatsbeamten, zu regieren. Alle Parteien tadelten Karl II. einstimmig, daß er nicht sein Premierminister war; alle Parteien lobten Jakob einstimmig, daß er sein eigner Marineminister war, und alle Parteien fanden es natürlich und vernünftig, daß Wilhelm sein eigner Staatssekretär des Auswärtigen war.
Man wird bemerken, daß selbst die Tüchtigsten und Kenntnißreichsten unter Denen, welche die Art und Weise tadelten, wie damals Unterhandlungen geleitet wurden, mit sich selbst nicht recht einig sind. Denn während sie Wilhelm tadeln, daß er sein eigner bevollmächtigter Minister im Haag war, loben sie ihn, daß er sein eigner Oberbefehlshaber in Irland war. Doch wo ist im Prinzip ein Unterschied zwischen den beiden Fällen? Gewiß wird jeder Grund der angeführt werden kann, um zu beweisen, daß er die Verfassung verletzte, als er aus eigner Machtvollkommenheit mit dem Kaiser und dem Kurfürsten von Brandenburg Verträge schloß, auch eben so beweisen, daß er die Verfassung verletzte, als er aus eigner Machtvollkommenheit einer Colonne befahl, bei Oldbridge ins Wasser zu gehen, einer andren, die Brücke von Slane zu passiren. Wenn die Verfassung ihm das Recht gab, die Streitkräfte des Staats zu commandiren, so gab sie ihm auch das Recht die auswärtigen Angelegenheiten des Staats zu leiten. Nach welchem Prinzipe kann man also behaupten, daß es ihm frei stand, die erste Befugniß auszuüben, ohne Jemanden zu fragen, daß er aber verpflichtet war, die letztere Befugniß nur in Uebereinstimmung mit dem Rathe eines Ministers auszuüben? Will man etwa sagen, ein diplomatischer Fehler könne dem Lande voraussichtlich mehr schaden als ein strategischer Fehler? Gewiß nicht. Es läßt sich kaum denken, daß ein Mißgriff, den Wilhelm im Haag begehen konnte, den öffentlichen Interessen hätte nachtheiliger werden können als eine Niederlage am Boyne. Oder wird man sagen, daß mehr Grund vorhanden gewesen sei, in seine militärische Geschicklichkeit Vertrauen zu setzen, als in seine diplomatische? Sicherlich nicht. Er zeigte im Kriege einige große moralische und geistige Eigenschaften, als Taktiker aber stand er auf keiner hohen Stufe, und von seinen zahlreichen Feldzügen waren nur zwei entschieden glücklich. In den Talenten eines Diplomaten hingegen ist er nie übertroffen worden. Er kannte die Interessen und Gesinnungen der festländischen Höfe besser als sein ganzer Staatsrath zusammengenommen. Einige seiner Minister waren unstreitig sehr geschickte Männer, vortreffliche Redner im Hause der Lords, und genaue Kenner aller Verhältnisse unsrer Insel. Aber bei den Verhandlungen des Congresses würden Caermarthen und Nottingham ihm eben so weit nachstehend erfunden worden sein, wie er sich bei einer parlamentarischen Debatte über eine englische Angelegenheit ihnen nachstehend erwiesen haben würde. Die Koalition gegen Frankreich war sein Werk. Er allein hatte die Theile des großen Ganzen zusammengefügt und er allein konnte sie zusammenhalten. Hätte er diese große und complicirte Maschine den Händen irgend eines seiner Unterthanen anvertraut, so würde sie augenblicklich in Stücke zerfallen sein.
Es mußte allerdings auch Einiges geschehen, was keiner seiner Unterthanen zu thun gewagt haben würde. Der Papst Alexander war factisch, wenn auch nicht nominell, einer der Verbündeten; es war von höchster Wichtigkeit, ihn zum Freunde zu haben, und doch war die Stimmung der englischen Nation von der Art, daß ein englischer Minister sich wohl scheuen konnte, mit dem Vatikan in directem oder indirectem Verkehr zu stehen. Die Staatssekretäre waren ganz froh, daß sie eine so delikate und gefährliche Sache ihrem Gebieter überlassen und mit gutem Gewissen versichern konnten, daß niemals eine einzige Zeile, gegen welche der intoleranteste Protestant etwas hätte einwenden können, aus ihrem Bureaux hervorgegangen sei.
Wilhelm erlangt eine Toleranz für die Waldenser.
Man darf jedoch nicht glauben, daß Wilhelm je vergaß, daß die Beschützung des reformirten Glaubens seine specielle, seine erbliche Mission war. Er wendete seinen Einfluß auf die katholischen Fürsten beständig und nachdrücklich zu Gunsten ihrer protestantischen Unterthanen an. Im Frühjahr 1691 wurden die lange und grausam verfolgten und ihres Lebens überdrüssigen waldensischen Hirten durch frohe Botschaften überrascht. Diejenigen, welche wegen Ketzerei im Gefängniß schmachteten, kehrten in ihre Heimath zurück. Kinder die ihren Eltern entrissen worden waren, um von Priestern erzogen zu werden, wurden ihren Angehörigen zurückgegeben. Gemeinden, die sich bisher nur heimlich und mit der größten Gefahr hatten versammeln können, verehrten jetzt Gott am hellen Tage, ohne von Jemandem belästigt zu werden. Diese einfachen Gebirgsbewohner erfuhren wahrscheinlich niemals, daß ihr Schicksal im Haag besprochen worden war und daß sie ihr häusliches Glück und den ungestörten Besuch ihrer bescheidenen Tempel dem Einflusse verdankten, den Wilhelm auf den Herzog von Savoyen ausübte.[8]
Mängel, welche in der Natur der Coalitionen liegen.
Keine Coalition, deren Andenken die Geschichte uns aufbewahrt, hat ein geschickteres Oberhaupt gehabt als Wilhelm es war. Aber selbst Wilhelm kämpfte oft vergebens gegen die Mängel an, welche allen Coalitionen von Natur eigen sind. Kein Unternehmen, das ein herzliches und dauerndes Zusammenwirken vieler unabhängiger Staaten erfordert, verspricht einen gedeihlichen Fortgang. Eifersüchteleien entstehen unvermeidlich; Streitigkeiten erzeugen neue Streitigkeiten. Jeder Bundesgenosse fühlt sich versucht, einen Theil der Last, die er selbst tragen sollte, auf Andere zu wälzen. Kaum Einer stellt ehrlich das versprochene Contingent, kaum Einer hält pünktlich den bestimmten Tag ein. Aber vielleicht keine Coalition, welche je existirt hat, war in so fortwährender Gefahr der Auflösung als die, welche Wilhelm mit unendlicher Mühe gebildet hatte. Die lange Liste der Potentaten, die in Person oder durch Bevollmächtigte vertreten, im Haag zusammenkamen, nahm sich in den Zeitungen vortrefflich aus. Die Masse der von bunten Garden und Lakaien umgebenen fürstlichen Equipagen gewährte unter den Linden des Voorhout einen ganz prächtigen Anblick. Aber gerade die Umstände, welche den Congreß glänzender machten als andere Congresse, machten die Conföderation schwächer als andere Conföderationen. Je zahlreicher die Alliirten, um so zahlreicher waren die Gefahren, welche der Allianz drohten. Es war unmöglich, daß zwanzig Regierungen, welche durch Rang-, Gebiets-, Handels- oder Religionsstreitigkeiten veruneinigt waren, lange in vollkommener Harmonie zusammenhandeln konnten. Daß sie mehrere Jahre lang wenigstens in unvollkommener Harmonie zusammenhandelten, ist lediglich der Klugheit, Geduld und Festigkeit Wilhelm’s zuzuschreiben.
Die Lage seines mächtigen Feindes war eine ganz andre. Die Hülfsquellen der französischen Monarchie kamen zwar den vereinten Hülfsquellen England’s, Holland’s, des Hauses Oesterreich und des deutschen Reichs nicht gleich, waren aber doch sehr achtunggebietend, denn sie waren alle in einer Hand vereinigt und standen alle unter der unumschränkten Leitung eines einzigen Geistes. Ludwig konnte mit zwei Worten soviel erreichen als Wilhelm kaum durch zweimonatliche Unterhandlungen in Berlin, München, Brüssel, Turin und Wien zu Stande bringen konnte. Deshalb war Frankreich in effectiver Stärke allen gegen dasselbe verbündeten Staaten zusammen gewachsen. Denn in der politischen Welt kann, wie in der natürlichen Welt, zwischen zwei ungleichen Körpern eine Gleichheit der Wirkung stattfinden, wenn der an Gewicht geringere Körper an Geschwindigkeit überlegen ist.
Dies zeigte sich bald in augenfälliger Weise. Im März trennten sich die im Haag versammelt gewesenen Fürsten und Gesandten, und kaum waren sie auseinandergegangen, so wurden alle ihre Pläne durch eine kühne und geschickte Bewegung des Feindes über den Haufen geworfen.
Belagerung und Fall von Mons.
Ludwig sah wohl ein, daß die Zusammenkunft des Congresses einen großen Eindruck auf die öffentliche Meinung in Europa machen werde. Diesen Eindruck beschloß er durch einen plötzlichen und furchtbaren Schlag zu zerstören. Während seine Feinde die Zahl der Truppen, welche jeder von ihnen stellen sollte, festsetzten, ließ er zahlreiche Divisionen seiner Armee von weit entfernten Punkten gegen Mons marschiren, das eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste der Festungen war, welche die spanischen Niederlande vertheidigten. Sein Vorhaben wurde erst entdeckt, als es fast schon ausgeführt war. Wilhelm, der sich auf einige Tage nach Loo zurückgezogen hatte, erfuhr mit Erstaunen und mit größtem Verdrusse, daß sich Cavallerie, Infanterie, Artillerie und Pontons auf verschiedenen convergirenden Straßen der dem Verderben geweihten Stadt rasch näherten. Es waren hunderttausend Mann zusammengezogen worden, und Louvois, im Verwaltungsfache der Erste seiner Zeit, hatte reichlich für alle Kriegsbedürfnisse gesorgt. Das Commando führte Luxemburg, der erste der lebenden Generäle, und die wissenschaftlichen Operationen leitete Vauban, der erste der lebenden Ingenieurs. Damit nichts fehlte, um in allen Reihen eines tapferen und loyalen Heeres einen edlen Wetteifer zu entzünden, war der große König selbst von Versailles nach dem Lager abgereist. Wilhelm hatte indessen noch eine schwache Hoffnung, daß es möglich sein könne, die Belagerung aufzuheben. Er eilte nach dem Haag, setzte alle Truppen der Generalstaaten in Bewegung und schickte Eilboten an die deutschen Fürsten. Schon drei Wochen nachdem er die erste Kunde von der drohenden Gefahr erhalten, stand er an der Spitze von funfzigtausend Mann Truppen verschiedener Nationen in der Nähe der belagerten Stadt. Eine an Zahl überlegene, von einem Feldherrn wie Luxemburg befehligte Armee anzugreifen, war ein kühnes, fast verzweifeltes Unternehmen. Wilhelm aber war so entschieden der Meinung, daß der Fall von Mons ein fast nicht wieder gutzumachendes Unglück und eine unauslöschliche Schmach sein würde, daß er sich entschloß, sein Heil zu versuchen. Er war überzeugt, daß der Ausgang der Belagerung die Politik der Höfe von Stockholm und Kopenhagen bestimmen werde. Diese beiden Höfe schienen seit Kurzem geneigt, der Coalition beizutreten; wenn aber Mons fiel, blieben sie gewiß neutral oder wurden vielleicht gar Feinde. „Es ist ein großes Wagniß,” schrieb er an Heinsius, „doch bin ich nicht ohne Hoffnung. Ich werde thun was möglich ist, der Ausgang liegt in Gottes Hand.” An dem nämlichen Tage, an welchem dieser Brief geschrieben wurde, fiel Mons. Die Belagerung war energisch betrieben worden. Ludwig selbst war, obgleich am Podagra leidend, mit dem Beispiele körperlicher Anstrengung vorangegangen. Seine Haustruppen, das schönste Soldatencorps in Europa, hatten unter seinen Augen sich selbst übertroffen. Die jungen Cavaliere seines Hofes hatten seinen Blick auf sich zu lenken gesucht, indem sie sich dem heftigsten Feuer mit der nämlichen sorglosen Heiterkeit aussetzten, mit der sie gewohnt waren, ihre eleganten Gestalten bei seinen Ballfesten zu zeigen. Seine verwundeten Soldaten waren entzückt über die herablassende Leutseligkeit, mit der er zwischen ihren Betten umherging, den Chirurgen beim Verbinden der Wunden zusah und zum Frühstück einen Napf Hospitalsuppe aß. Während bei den Belagerern Alles Gehorsam und Begeisterung war, herrschte unter den Belagerten Uneinigkeit und Angst. Die französischen Vorpostenlinien versahen ihren Dienst so gut, daß kein von Wilhelm abgesandter Bote im Stande war, sich durchzuschleichen. Die Garnison wußte daher nicht, daß Entsatz in ihrer Nähe war. Die Bürger schauderten bei der Aussicht auf die entsetzlichen Drangsale, denen mit Sturm genommene Städte preisgegeben sind. In den Straßen regnete es Bomben und glühende Kanonenkugeln, und die Stadt gerieth an zehn verschiedenen Stellen zugleich in Brand. Die friedlichen Bewohner fanden in dem Uebermaaß ihrer Angst einen ungewöhnlichen Muth und erhoben sich gegen die Soldaten. Von diesem Augenblicke an war jeder Widerstand unmöglich, und es wurde daher eine Kapitulation geschlossen. Dann kehrten die Armeen in ihre Quartiere zurück und die militärischen Operationen ruhten einige Wochen; Ludwig kehrte im Triumph nach Versailles zurück und Wilhelm machte England, wo seine Anwesenheit dringend nöthig war, einen kurzen Besuch.[9]
Wilhelm kehrt nach England zurück. Prozesse Preston’s und Ashton’s.
Er fand die Minister noch immer damit beschäftigt, die Verzweigungen des Complots aufzufinden, das kurz vor seiner Abreise entdeckt worden war. Zu Anfang des Januar waren Preston, Ashton und Elliot vor die Old Bailey gestellt worden. In ihren Einwendungen beanspruchten sie das Recht der abgesonderten Prozessirung, und die Untersuchung mußte daher gegen jeden einzeln geführt werden. Das Auditorium war zahlreich und glänzend, viele Peers waren anwesend. Der Lordpräsident und die beiden Staatssekretäre wohnten der Verhandlung bei, um zu beweisen, daß die dem Gerichtshof vorliegenden Papiere die nämlichen wären, welche Billop nach Whitehall gebracht hatte. Eine beträchtliche Anzahl Richter saßen auf der Bank und Holt präsidirte. Es ist ein vollständiger Bericht über die Verhandlungen auf uns gekommen und derselbe verdient aufmerksam studirt und mit den Berichten über andere Prozesse, welche nicht lange vorher unter dem nämlichen Dache stattgefunden hatten, verglichen zu werden. Der ganze Geist des Tribunals hatte in wenigen Monaten eine so vollständige Umwandlung erfahren, daß man hätte glauben sollen, sie könne nur das Werk von Jahrhunderten sein. Zwölf Jahre früher hatten unglückliche Katholiken unter der Anklage eines Verbrechens, das ihnen nie in den Sinn gekommen war, vor der nämlichen Verhörsschranke gestanden. Die Kronzeugen hatten ihre abscheulichen Erdichtungen unter dem Beifallsgemurmel der Anwesenden wiederholt. Die Richter hatten die stupide Leichtgläubigkeit und die wilden Leidenschaften des großen Haufens getheilt oder doch sich gestellt, als ob sie dieselben theilten, hatten mit den meineidigen Angebern lächelnde Blicke und Complimente gewechselt, die von den Gefangenen mit schwacher Stimme hervorgestammelten Argumente überschrien und sich nicht entblödet, bei Fällung des Todesurtheils gemeine Witze über das Fegefeuer und die Messe zu machen. Sobald das Abschlachten der Papisten vorüber war, hatte das Abschlachten der Whigs begonnen, und die Richter waren an dieses neue Werk mit noch größerer Barbarei gegangen. Diesen Skandalen hatte die Revolution ein Ziel gesetzt. Wer nach Durchlesung der Prozesse Ireland’s und Pickering’s, Grove’s und Berry’s, Sidney’s, Cornish’s und der Alice Lisle zu den Prozessen Preston’s und Ashton’s übergeht, wird über den Contrast erstaunen. Der Generalprokurator Somers führte die Untersuchung mit einer Mäßigung und Humanität, von der seine Vorgänger ihm kein Beispiel gegeben hatten. „Ich habe nie geglaubt,” sagte er, „daß Jemand, der in Fällen dieser Art als Rechtsbeistand des Königs fungirt, die Verpflichtung habe, das Verbrechen des Gefangenen in ein schwärzeres Licht zu stellen oder die Beweisführung mit falschen Farben auszuschmücken.”[10] Holt’s Benehmen war tadellos. Pollexfen, der älter war als Holt und Somers, hatte noch ein wenig — und ein wenig war schon zu viel — von dem Tone der schlechten Schule beibehalten, in der er gebildet war. Aber obwohl er einigemal das strenge Decorum seiner Stellung vergaß, kann man ihn doch keiner Verletzung der materiellen Gerechtigkeit bezichtigen. Die Gefangenen selbst scheinen über die Unparteilichkeit und Milde, mit der sie behandelt wurden, erstaunt gewesen zu sein. „Ich versichere Ihnen,” sagte Holt zu Preston, „daß ich die Jury nicht irreleiten, noch Eurer Lordschaft überhaupt im entferntesten Unrecht thun werde.” — „Ja, Mylord,” entgegnete Preston, „ich sehe es deutlich genug, daß Eure Lordschaft dies nicht wollen.” — „Welches auch mein Schicksal sein mag,” sagte Ashton, „ich muß bekennen, daß mein Prozeß mit Unparteilichkeit geführt worden ist.”
Die Angeklagten gewannen indeß nichts durch die Mäßigung des Generalprokurators oder durch die Unparteilichkeit des Gerichtshofes, denn die Beweise waren unumstößlich. Die Bedeutung der von Billop aufgefangenen Papiere war so klar, daß auch der beschränkteste Geschworne sie nicht mißverstehen konnte. Es war vollständig erwiesen, daß ein Theil dieser Papiere von Preston’s Hand herrührte. Ein andrer Theil war von Ashton’s Hand, aber dies konnten die Anwälte der Krone nicht beweisen. Sie gründeten daher die Anklage gegen Ashton auf die unbestreitbare Thatsache, daß das verrätherische Packet auf seiner Brust gefunden worden war und daß er Aeußerungen gethan hatte, welche keinen Sinn gehabt haben würden, wenn er nicht eine strafbare Kenntniß des Inhalts gehabt hätte.[11]
Ashton’s Hinrichtung.
Preston und Ashton wurden Beide überführt und zum Tode verurtheilt. Ashton wurde bald hingerichtet. Er hätte sein Leben retten können, wenn er Enthüllungen gemacht hätte. Aber obgleich er erklärte, daß, wenn man ihm seine Strafe erließe, er stets ein treuer Unterthan Ihrer Majestäten sein würde, war er doch fest entschlossen, die Namen seiner Mitschuldigen nicht zu nennen. In diesem Entschlusse wurde er durch die eidverweigernden Geistlichen bestärkt, die ihn in seiner Zelle besuchten. Durch sie hatte er sich auch wahrscheinlich dazu bestimmen lassen, noch auf dem Schaffot den Sheriffs eine Erklärung einzuhändigen, die er abgeschrieben und unterzeichnet, aber, wie man hoffen darf, weder verfaßt, noch aufmerksam erwogen hatte. In diesem Schriftstücke ließ man ihn sich über die Parteilichkeit seines Prozesses beschweren, von dem er selbst öffentlich anerkannt hatte, daß er im höchsten Grade unparteiisch geführt worden sei. Auch ließ man ihn auf das Wort eines Sterbenden versichern, daß er den Inhalt der bei ihm gefundenen Papiere nicht kenne. Unglücklicherweise erwies sich bei genauer Untersuchung die Handschrift seiner Erklärung als genau übereinstimmend mit der eines der wichtigsten von jenen Papieren. Er starb mit männlicher Standhaftigkeit.[12]
Preston’s Unschlüssigkeit und seine Geständnisse.
Elliot wurde nicht zur Untersuchung gezogen. Die gegen ihn vorliegenden Beweise waren nicht ganz so klar wie die, auf welche hin seine Genossen verurtheilt worden waren, und überdies war er des Zornes der Regierung nicht werth. Preston’s Schicksal war lange unentschieden. Die Jakobiten stellten sich als ob sie fest überzeugt wären, daß die Regierung es nicht wagen würde, sein Blut zu vergießen. Er sei, sagten sie, ein Günstling von Versailles und sein Tod werde furchtbare Repressalien zur Folge haben. Sie vertheilten in den Straßen London’s Papiere, in denen versichert wurde, daß, wenn ihm ein Leid geschähe, Mountjoy und alle anderen angesehenen Engländer, die als Gefangene in Frankreich lebten, gerädert werden würden.[13] Diese lächerlichen Drohungen würden die Hinrichtung nicht um einen einzigen Tag verzögert haben. Aber Die, welche Preston in ihrer Gewalt hatten, waren nicht abgeneigt, ihn unter gewissen Bedingungen frei ausgehen zu lassen. Er war in alle Geheimnisse der mißvergnügten Partei eingeweiht und konnte höchst werthvolle Aufschlüsse geben. Er wurde benachrichtigt, daß sein Schicksal in seiner Hand liege. Der Kampf war lang und schwer. Auf der einen Seite Stolz, Gewissen und Parteigeist, auf der andren die heftige Liebe zum Leben. Eine Zeit lang schwankte er unschlüssig hin und her. Hörte er seine jakobitischen Genossen, so stieg sein Muth; hörte er die Agenten der Regierung, so sank ihm das Herz in der Brust. Wenn er des Abends gut gegessen und seinen Claret getrunken hatte, fürchtete er nichts. Er wollte lieber wie ein Mann sterben, als seinen Kopf durch eine Schurkerei retten. Aber seine Stimmung war eine ganz andre, wenn er am folgenden Morgen erwachte, wenn der Muth, den er aus Wein und Gesellschaft geschöpft, verflogen, wenn er wieder allein war mit seinen Eisengittern und seinen steinernen Mauern und wenn der Gedanke an den Block, das Beil und die Sägespäne in ihm aufstieg. Eine Zeit lang setzte er regelmäßig jeden Vormittag, während er nüchtern war, ein Bekenntniß auf, das er am Abend, wenn er aufgeheitert war, wieder verbrannte.[14] Seine eidverweigernden Freunde entwarfen den Plan, Sancroft zu einem Besuch im Tower zu bewegen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß die Ermahnungen eines so angesehenen Prälaten und eines so großen Heiligen die erschütterte Standhaftigkeit des Gefangenen wieder kräftigen würden.[15] Ob dieser Plan Erfolg gehabt haben würde, steht zu bezweifeln; er kam nicht zur Ausführung, die verhängnißvolle Stunde rückte heran, und Preston’s Festigkeit wich. Er bekannte sich für schuldig und nannte Clarendon, Dartmouth, den Bischof von Ely und Wilhelm Penn als seine Complicen. Außerdem gab er eine lange Liste von Personen, denen er selbst nichts zur Last legen könne, die aber, wenn er Penn’s Versicherungen glauben dürfe, mit König Jakob auf freundschaftlichem Fuße ständen. Unter diesen Personen befanden sich Devonshire und Dorset.[16] Es ist nicht der geringste Grund zu der Annahme vorhanden, daß einer von diesen beiden vornehmen Edelleuten jemals direct oder indirect mit Saint-Germains verkehrt habe. Doch kann man deshalb Penn nicht absichtlicher Unwahrheit beschuldigen. Er war leichtgläubig und geschwätzig. Der Obersthofmeister und der Lord Kammerherr hatten den Verdruß getheilt, mit welchem ihre Partei die Hinneigung Wilhelm’s zu den Tories bemerkt, und wahrscheinlich hatten sie diesen Verdruß unbesonnenerweise geäußert. Ein so schwacher Mann wie Penn, der überall Jakobiten zu finden wünschte und der stets geneigt war zu glauben was er wünschte, konnte leicht Invectiven, zu deren Aeußerung der stolze und reizbare Devonshire nur zu bereit war, und Sarkasmen, wie sie in Augenblicken übler Laune den Lippen des witzigen Dorset nur zu leicht entschlüpften, eine falsche Deutung geben. Caermarthen, ein Tory, und ein Tory, den die Whigs unbarmherzig verfolgt hatten, war geneigt, diese leeren Gerüchte nach Möglichkeit auszubeuten. Aber er wurde darin von seinem Gebieter nicht ermuthigt, der unter allen großen Staatsmännern, von denen uns die Geschichte erzählt, am wenigsten argwöhnisch war. Als Wilhelm nach England zurückkam, wurde Preston vor ihn geführt und ihm geheißen das Geständniß zu wiederholen, das er schon den Ministern abgelegt hatte. Der König stand hinter dem Stuhle des Lord Präsidenten und hörte mit ernster Miene zu, während Clarendon, Dartmouth, Turner und Penn genannt wurden. Sobald aber der Gefangene von dem was er selbst bezeugen konnte, zur Wiederholung der Geschichten überging, welche Penn ihm erzählt hatte, berührte Wilhelm Caermarthen’s Schulter und sagte zu ihm: „Mylord, wir haben nur zuviel schon gehört.”[17] Diese einsichtsvolle Großmuth fand den verdienten Lohn. Devonshire und Dorset widmeten sich von diesem Augenblicke an eifriger als je der Sache des Gebieters, der trotz der Verleumdung, zu der ihre Unbesonnenheit vielleicht einigen Grund geliefert hatte, nach wie vor Vertrauen in ihre Loyalität setzte.[18]
Nachsicht gegen die Verschwörer. Clarendon.
Selbst Diejenigen, welche unzweifelhaft strafbar waren, wurden im allgemeinen mit großer Milde behandelt. Clarendon saß ungefähr sechs Monate im Tower. Seine Schuld war vollkommen erwiesen, und eine Partei unter den Whigs verlangte laut und ungestüm seinen Kopf. Er wurde jedoch durch die dringenden Bitten seines Bruders Rochester, durch die Fürsprache des menschenfreundlichen und edelmüthigen Burnet und durch Mariens Pietät für das Andenken ihrer Mutter gerettet. Die Haft des Gefangenen war nicht streng, und er durfte seine Freunde in seiner Zelle bewirthen. Als endlich seine Gesundheit zu leiden begann, erhielt er die Erlaubniß, unter Aufsicht eines Kerkermeisters aufs Land zu gehen; der Aufseher wurde bald zurückgerufen und Clarendon benachrichtigt, daß man ihn nicht behelligen werde, so lange er ein ruhiges Landleben führe.[19]
Dartmouth.
Dartmouth’s Verrath war von nicht gewöhnlicher Art. Er war ein englischer Seemann, hatte den Anschlag gemacht, Portsmouth den Franzosen zu überliefern und hatte sich erboten, das Commando eines französischen Geschwaders gegen sein Vaterland zu übernehmen. Seine Schuld wurde dadurch noch bedeutend erschwert, daß er einer der Ersten gewesen war, welche Wilhelm und Marien den Huldigungseid geleistet hatten. Er ward verhaftet und vor den Geheimen Rath gestellt. Eine von ihm selbst geschriebene Erzählung dessen was dort vorging, ist uns erhalten worden. In dieser Erzählung giebt er zu, daß er mit großer Artigkeit und Rücksicht behandelt wurde. Er betheuerte mit Heftigkeit seine Unschuld und erklärte, daß er nie mit Saint-Germains correspondirt habe, daß er kein Günstling des dortigen Hofes sei und daß besonders Marie von Modena einen alten Groll gegen ihn hege. „Mylords,” sagte er, „ich bin ein Engländer und habe jederzeit, selbst als das Ansehen des Hauses Bourbon hier am größten war, die Franzosen, Männer sowohl als Frauen, gemieden. Ich würde eher den letzten Tropfen meines Blutes hingeben, als Portsmouth in der Gewalt von Fremden sehen. Ich bin kein solcher Thor, daß ich glauben könnte, König Ludwig wollte unser Land nur für König Jakob erobern. Ich weiß gewiß, daß mir mit Grund nichts zur Last gelegt werden kann als höchstens einige übereilte Aeußerungen bei der Flasche.” Seine Versicherungen scheinen einigen Eindruck gemacht zu haben, denn man gestattete ihm anfangs die sehr milde Haft unter der Obhut des schwarzen Stabes. Im weiteren Verlaufe der Untersuchung jedoch beschloß man ihn in den Tower zu schicken. Nach einer Haft von wenigen Wochen starb er an einem Schlaganfall, aber er lebte noch lange genug, um das Maß seiner Schande voll zu machen, indem er der neuen Regierung seinen Degen anbot und in glühenden Worten die Hoffnung aussprach, daß die Güte Gottes und Ihrer Majestäten ihm eine Gelegenheit geben möchte zu beweisen wie sehr er die Franzosen hasse.[20]
Turner.
Turner schwebte in keiner ernsten Gefahr, denn die Regierung war entschieden abgeneigt, einen von den Sieben, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet hatten, aufs Schaffot zu bringen. Es wurde indessen ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlassen, und seine Freunde hatten wenig Hoffnung, daß er entkommen würde, denn er war im Besitz einer Nase, die Niemand vergessen konnte, wenn er sie einmal gesehen, und es half ihm nur wenig, daß er eine wallende Perrücke trug und sich den Bart wachsen ließ. Die Verfolgung wurde jedoch wahrscheinlich nicht sehr eifrig betrieben, denn nachdem er sich einige Wochen in England verborgen gehalten, gelang es ihm über den Kanal zu entkommen, und er blieb einige Zeit in Frankreich.[21]
Penn.
Auch gegen Penn wurde ein Verhaftsbefehl erlassen, und er entging mit genauer Noth den Staatsboten. Gerade an dem Tage, an welchem sie ausgeschickt wurden, um auf ihn zu fahnden, wohnte er einer großen Feierlichkeit in der Nähe seines Wohnorts bei. Es war ein Ereigniß eingetreten, das der Geschichtsschreiber, der sich das Ziel gesteckt hat, das wirkliche Leben einer Nation darzustellen, nicht unerwähnt lassen darf. Während London noch durch die Nachricht aufgeregt war, daß ein Complot entdeckt worden sei, starb Georg Fox, der Gründer der Quäkersecte.
Tod Georg Fox; sein Character.
Mehr als vierzig Jahre waren verstrichen, seitdem Fox angefangen hatte, Visionen zu sehen und Teufel auszutreiben.[22] Er war damals ein Jüngling von reinen Sitten und ernstem Wandel, begabt mit einem eigensinnigen Temperament, mit der Bildung eines Handwerksmannes und mit einem Verstande, der sich in der unglücklichsten Verfassung von der Welt befand, und zwar deshalb, weil er zu verworren war für die Freiheit und doch nicht verworren genug für das Irrenhaus. Die Verhältnisse, in die er versetzt wurde, waren aber auch von der Art, daß sie die Verkehrtheiten seines Geistes nothwendig in der stärksten Form zum Ausbruch bringen mußten. Zu der Zeit als seine Verstandeskräfte zu reifen begannen, kämpften Episkopalen, Presbyterianer, Independenten und Baptisten um die Herrschaft und widerlegten und schmähten einander in jedem Winkel des Reichs. Er wanderte von Gemeinde zu Gemeinde, hörte Priester gegen Puritaner und Puritaner gegen Priester haranguiren und wendete sich vergebens um geistlichen Rath und Trost an Gelehrte beider Parteien. Ein jovialer alter Geistlicher der anglikanischen Gemeinschaft rieth ihm Tabak zu rauchen und Psalmen zu singen, ein andrer sagte ihm, er solle sich ein wenig Blut abzapfen lassen.[23] Der junge Forscher wendete sich mit Abscheu von diesen Rathgebern ab zu den Dissenters und fand auch in ihnen blinde Führer.[24] Nach einiger Zeit gelangte er zu dem Schlusse, daß kein menschliches Wesen befähigt sei, ihn in göttlichen Dingen zu belehren und daß die Wahrheit ihm durch unmittelbare Inspiration vom Himmel mitgetheilt worden sei. Aus dem Umstande, daß die Spaltung der Sprachen in Babel begonnen und daß die Verfolger Christi eine lateinische, griechische und hebräische Inschrift an das Kreuz setzten, folgerte er, daß die Kenntniß der Sprachen, ganz besonders der lateinischen, griechischen und hebräischen, einem christlichen Geistlichen nutzlos sein müsse.[25] Er war allerdings so weit entfernt, viele Sprachen zu verstehen, daß er gar keine verstand; die corrupteste hebräische Stelle kann dem Ungelehrten nicht unverständlicher sein, als sein Englisch oft dem scharfsinigsten und aufmerksamsten Leser ist.[26] Eine der kostbaren Wahrheiten, welche diesem neuen Apostel auf göttlichem Wege offenbart wurden, war, daß es Falschheit und Schmeichelei sei, sich der zweiten Person im Plural, anstatt der zweiten Person im Singular zu bedienen. Eine andre war, daß, wer vom Monat März spreche, den blutdürstigen Gott Mars verehre, und wer vom Montag spreche, dem Monde eine abgöttische Huldigung darbringe. Guten Morgen und guten Tag sagen war höchst verwerflich, denn in diesen Phrasen lag offenbar der Sinn, daß Gott auch schlechte Tage und schlechte Nächte gemacht habe.[27] Ein Christ war verbunden, eher dem Tode entgegenzugehen, als vor dem Vornehmsten der Menschen den Hut zu ziehen. Als Fox aufgefordert wurde, zur Unterstützung dieses Dogmas eine biblische Autorität anzuführen, citirte er die Stelle, wo geschrieben steht, daß Shadrach, Mesach und Abednego mit den Hüten auf dem Kopfe in den feurigen Ofen geworfen wurden, und wenn man seiner eigenen Erzählung glauben darf, wußte der Oberrichter von England auf dieses Argument mit nichts weiter zu antworten als mit dem Ausrufe: „Führt ihn ab, Kerkermeister!”[28] Fox legte auch viel Werth auf das nicht minder gewichtige Argument, daß die Türken ihren Vorgesetzten nie das entblößte Haupt zeigen, und er fragte mit großer Lebhaftigkeit, ob Die, welche den hehren Namen Christen trügen, die Türken an Tugend nicht übertreffen müßten.[29] Das Verbeugen verbot er auf’s Strengste und schien es wirklich als die Aeußerung eines satanischen Einflusses zu betrachten, denn wie er bemerkte, wurde das Weise im Evangelium, das von einem Krankeitsteufel besessen war, zusammengekrümmt, was aber sogleich aufhörte, als göttliche Macht sie von der Tyrannei des Bösen befreit hatte.[30] Seine Erklärungen der heiligen Schriften waren höchst wunderlich. Stellen, welche alle Leser der Evangelien seit sechzehn Jahrhunderten bildlich verstanden, legte er wörtlich aus, und andere Stellen, die kein Mensch vor ihm anders als im wörtlichen Sinne verstanden hatte, legte er bildlich aus. So leitete er aus den rhetorischen Ausdrücken, welche bei Beleidigungen die Pflicht der Geduld einschärfen, die Lehre ab, daß Selbstvertheidigung gegen Räuber und Mörder unerlaubt sei. Dagegen erklärte er die einfachen und klaren Gebote, mit Wasser zu taufen und zum Gedächtniß der Erlösung der Menschheit Brot und Wein zu genießen, für allegorisch. Er zog lange von Ort zu Ort und lehrte diese wunderliche Theologie, zitterte in seinen Anfällen fanatischer Aufregung wie Espenlaub, drängte sich mit Gewalt in die Kirchen, denen er den Spottnamen Thurmhäuser gab, unterbrach die Gebete und Predigten durch Geschrei und Verhöhnungen[31] und peinigte die Rectoren und Richter mit Episteln, welche große Aehnlichkeit mit Parodien der erhabenen Oden hatten, in denen die hebräischen Propheten die Drangsale von Babylon und Tyrus vorhersagten.[32] Er erlangte durch diese Thaten bald ein großes Renommée. Sein sonderbares Gesicht, seine sonderbare Sprache, sein unbeweglicher Hut und seine Lederhosen waren im ganzen Lande bekannt, und er rühmte sich, daß, sobald sich das Gerücht verbreitete: „der Mann mit den Lederhosen kommt,” heuchlerische Professoren von Entsetzen ergriffen wurden und feile Priester ihm eiligst aus dem Wege gingen.[33] Er wurde zu wiederholten Malen eingesperrt, bald mit Recht, weil er den öffentlichen Gottesdienst störte, bald mit Unrecht, bloß weil er Unsinn schwatzte. Indessen sammelte er bald eine Anzahl Schüler um sich, von denen manche ihn an Albernheit noch übertrafen. Er erzählt uns, daß einer seiner Freunde nackend durch Skipton ging, die Wahrheit erklärend,[34] und daß ein Andrer aus göttlicher Anregung mehrere Jahre hindurch nackend auf Marktplätze und in die Häuser von Gentlemen und Geistlichen ging.[35] Fox beklagt sich bitter, daß diese vom heiligen Geiste eingegebenen frommen Handlungen von einer verkehrten Generation mit Rippenstößen, Steinwürfen und Peitschenhieben belohnt wurden. Obgleich er aber den Eifer der Dulder lobte, ging er doch nicht ganz so weit wie sie. Zuweilen fühlte er allerdings das Bedürfniß, sich theilweis zu entkleiden. So zog er einmal seine Schuhe aus und ging mit dem Ausrufe: „Wehe der blutigen Stadt!” barfuß durch Lichfield.[36] Er scheint sich jedoch nie für verpflichtet gehalten zu haben, vor dem Publikum ohne das anständige Kleidungsstück zu erscheinen, dem seine volksthümliche Bezeichnung entlehnt war.
Beurtheilen wir Georg Fox einfach nach seinen Thaten und Schriften, so werden wir keinen Grund sehen, ihn in moralischer oder geistiger Hinsicht über Ludwig Muggleton oder Johanna Southcote zu stellen. Allein es würde höchst ungerecht sein, wollte man die Secte, die ihn als ihren Gründer betrachtet, mit den Muggletonianern oder Southcotianern auf eine Stufe stellen. Unter den Tausenden, die von seinem Fanatismus angesteckt wurden, befanden sich einige Personen, deren Geistesgaben und Bildung ganz andrer Art waren, als die seinigen. Robert Barclay war ein Mann von bedeutenden Talenten und Kenntnissen. Wilhelm Penn, obwohl Barclay an natürlichen und erworbenen Geistesvorzügen nachstehend, war ein Gentleman und Gelehrter. Daß solche Männer Anhänger Georg Fox’ werden konnten, wird Den nicht Wunder nehmen, der bedenkt, welche scharfsinnigen und hochgebildeten Geister selbst in unsrer Zeit durch die unbekannten Zungen getäuscht worden sind. Es ist ausgemacht, daß keine noch so hohe geistige Begabung gegen Verirrungen dieser Art schützt. In Bezug auf Gott und seine Wege vermag auch der gebildetste menschliche Verstand wenig mehr zu ergründen als der ungebildetste. In der Theologie ist in der That nur ein geringer Unterschied zwischen Aristoteles und einem Kinde, zwischen Archimedes und einem nackten Wilden. Es ist daher kein Wunder, wenn selbst einsichtsvolle Männer, des Grübelns müde, von Ungewißheit gequält, von dem Drange beseelt, etwas zu glauben, und doch gegen Alles Einwendungen erblickend, sich endlich blindlings Lehrern in die Arme werfen, die sich mit festem und zweifellosem Glauben für vom Himmel Gesandte halten. So sehen wir oftmals forschende und ruhelose Köpfe sich vor ihrem eignen Skepticismus in den Schooß einer Kirche flüchten, welche Anspruch auf Unfehlbarkeit macht, und es über sich gewinnen eine Oblate anzubeten, nachdem sie an der Existenz einer Gottheit gezweifelt haben. So kam es, daß auch Fox einige Convertiten machte, die in Allem, außer in der Energie seiner Ueberzeugungen, unendlich höher standen als er. Diese Convertiten brachten seine rohen Lehren in eine den gesunden Verstand und den guten Geschmack etwas weniger verletzende Form. Keine Behauptung, die er aufgestellt, wurde zurückgenommen, keine unschickliche oder lächerliche Handlung, die er verrichtet oder gebilligt, wurde verdammt; aber das Absurdeste in seinen Theorien und Handlungen wurde gemildert oder wenigstens dem Publikum nicht aufgedrängt; Alles was dem Auge annehmbar gemacht werden konnte, wurde in das beste Gewand gekleidet; sein Kauderwälsch wurde ins Englische übersetzt; seinen Phrasen wurde ein Sinn untergelegt, den er nicht begriffen haben würde und sein System, das auf diese Art so sehr verbessert worden, daß er es nicht wieder erkannt haben würde, wurde durch zahlreiche Citate aus heidnischen Philosophen und christlichen Kirchenvätern vertheidigt, deren Namen er nie gehört hatte.[37] Gleichwohl legten Diejenigen, die seine Theologie umgeformt, nach wie vor eine tiefe Ehrfurcht vor ihm an den Tag, die sie auch ohne Zweifel wirklich empfanden, und seine unsinnigen Episteln wurden fortwährend in den Quäkerversammlungen des ganzen Landes mit Achtung aufgenommen und verlesen. Sein Tod machte ein Aufsehen, das sich nicht auf seine Schüler beschränkte. Am Morgen des Leichenbegängnisses versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Bethause in Gracechurch Street. Von da wurde der Leichnam nach dem Gottesacker der Seele unweit Bunhill Fields getragen. Mehrere Redner sprachen zu der Menge, welche den Friedhof füllte. Unter den Jüngern, die den ehrwürdigen Leichnam der Erde übergaben, bemerkte man Penn. Die Ceremonie war kaum zu Ende, als er erfuhr, daß Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen waren. Er ergriff augenblicklich die Flucht und verbarg sich viele Monate lang vor den Augen der Oeffentlichkeit.[38]
Unterredung zwischen Penn und Sidney.
Kurze Zeit nach seinem Verschwinden erhielt Sidney eine sonderbare Mittheilung von ihm. Penn bat um eine Unterredung, verlangte aber das Versprechen, daß er unangefochten in sein Versteck zurückkehren dürfe. Sidney erhielt die königliche Erlaubniß, unter dieser Bedingung die nöthige Veranstaltung zu treffen. Penn kam an den ihm bezeichneten Ort und sprach ausführlich zu seiner Vertheidigung. Er erklärte, daß er ein treuer Unterthan des Königs Wilhelm und der Königin Marie sei und daß er, wenn ihm ein Anschlag gegen sie bekannt wäre, denselben enthüllen würde. Er ging diesmal von seinem Ja und Nein ab und betheuerte vor Gott, daß er von keinem Complot wisse und daß er überhaupt gar nicht an die Existenz eines Complots glaube, es sei denn, daß man die ehrgeizigen Projecte der französischen Regierung so nennen wolle. Sidney, wahrscheinlich erstaunt, einen Mann, der einen solchen Abscheu vor dem Lügen hatte, daß er die gewöhnlichen Formen der Höflichkeit nicht beobachtete, und einen solchen Abscheu vor Eiden, daß er vor Gericht das Evangelium nicht küßte, etwas einer Lüge sehr Aehnliches sagen und mit etwas einem Eide sehr Aehnlichen bekräftigen zu hören, fragte ihn, wie man sich die Existenz der bei Ashton gefundenen Briefe und Notizen erklären solle, wenn wirklich kein Complot bestehe. Dieser Frage wich Penn aus. „Wenn ich nur mit dem Könige sprechen könnte,” sagte er, „so würde ich ihm Alles offen gestehen. Ich würde ihm Vieles sagen, was ihm zu wissen wichtig sein würde. Nur auf diese Weise kann ich ihm nützlich werden. Ein Kronzeuge kann ich nicht sein, denn mein Gewissen erlaubt mir nicht zu schwören.” Er versicherte Sidney, daß die gefährlichsten Feinde der Regierung die unzufriedenen Whigs seien. „Die Jakobiten sind nicht gefährlich, denn es ist kein Einziger unter ihnen, der gesunden Verstand hat. Einige von Denen, die mit dem Könige aus Holland herübergekommen, sind weit mehr zu fürchten.” Namen scheint Penn nicht genannt zu haben. Man ließ ihn ungehindert wieder gehen und es wurden auch keine thätigen Nachforschungen nach ihm angestellt. Er blieb noch einige Monate in London verborgen, stahl sich dann nach der Küste von Sussex und entkam nach Frankreich. Nachdem er ungefähr drei Jahre im Verborgenen umhergestreift war, söhnte er sich durch Vermittelung einiger hochgestellter Männer, die seine Fehler um seiner guten Eigenschaften willen übersahen, mit der Regierung aus und wagte es wieder seine geistlichen Functionen zu verrichten. Die Art und Weise jedoch, wie er die gegen ihn geübte Milde vergalt, gereicht seinem Character nicht zu großer Ehre. Kaum hatte er wieder angefangen, öffentlich über die Unrechtmäßigkeit des Kriegs zu haranguiren, so schickte er eine Botschaft ab, durch die er Jakob dringend aufforderte, mit dreißigtausend Mann unverzüglich eine Landung in England zu unternehmen.[39]
Preston begnadigt.
Es vergingen noch einige Monate, ehe Preston’s Schicksal entschieden wurde. Nach wiederholten Aufschiebungen setzte die Regierung, welche überzeugt war, daß er, obwohl er viel gesagt hatte, noch mehr sagen könne, einen Tag zu seiner Hinrichtung fest und befahl den Sheriffs, die Todesmaschinerie in Bereitschaft zu halten.[40] Er erlangte jedoch einen abermaligen Aufschub und nach Verlauf einiger Wochen erhielt er seine Begnadigung, die sich indeß nur auf sein Leben erstreckte, sein Vermögen aber allen Consequenzen der Verurtheilung unterwarf. Kaum war er in Freiheit gesetzt, so gab er neue Ursache zu Aergerniß und Verdacht und wurde abermals verhaftet, verhört und eingesperrt.[41] Endlich gestattete man ihm, sich, verfolgt von dem Hohngeschrei und den Verwünschungen beider Parteien, auf ein einsames Landhaus im nördlichen Bezirke von Yorkshire zurückzuziehen. Hier hatte er wenigstens nicht die zornigen Blicke ehemaliger Parteigenossen zu ertragen, die ihn einst für einen Mann von furchtlosem Muthe und makelloser Ehre gehalten hatten, die aber jetzt erklärten, daß er im besten Falle ein Feigling sei, und den Verdacht äußerten, daß er von Anfang an ein Spion und Verführer gewesen.[42] Er verwendete den kurzen und traurigen Rest seines Lebens dazu, den Trost des Boethius ins Englische zu übersetzen. Die Uebersetzung erschien nach dem Tode des Uebersetzers im Druck. Sie ist hauptsächlich wegen einiger völlig mißlungener Versuche, unsren Versbau mit neuen Metren zu bereichern und wegen der Anspielungen, mit denen die Vorrede angefüllt ist, interessant. Unter einem dünnen Schleier bildlicher Redensarten legte Preston dem Mitleid oder der Verachtung des Publikums seinen befleckten Ruf und sein gebrochenes Herz dar. Er beklagte sich, daß das Tribunal, das ihn zum Tode verurtheilt, milder gegen ihn gehandelt habe als seine früheren Freunde, und daß Viele, die niemals durch Versuchungen wie die seinigen geprüft worden seien, sich sehr wohlfeil den Ruf des Muthes erworben hätten, indem sie über seine Aengstlichkeit gespöttelt und von ferne Schrecken getrotzt, welche in der Nähe gesehen selbst einen standhaften Geist besiegen müßten.
Freude der Jakobiten über den Fall von Mons.
Der Muth der Jakobiten, der auf einige Zeit durch die Entdeckung des Preston’schen Complots gebeugt worden war, wurde durch den Fall von Mons wieder aufgerichtet. Die Freude der ganzen Partei war grenzenlos. Die eidverweigernden Priester liefen zwischen Sam’s Kaffeehaus und Westminster Hall hin und her, Ludwig preisend und über den kläglichen Ausgang der Berathungen des Congresses lachend. Im Park zeigten die Mißvergnügten ihre stolzesten Mienen und predigten mit ihrer lautesten Stimme Aufruhr. Der Hervorragendste unter diesen Großsprechern war Sir Johann Fenwick, der unter der vorigen Regierung in großer Gunst gestanden und ein hohes militärisches Commando bekleidet hatte und jetzt ein unermüdlicher Agitator und Verschwörer war. In seinem Freudentaumel vergaß er die Artigkeit, die der Mann dem andren Geschlecht schuldig ist. Schon mehr als einmal hatte er sich durch seine Impertinenz gegen die Königin bemerkbar gemacht. Jetzt trat er ihr absichtlich in den Weg, wenn sie ihre Erholungspromenade machte, und während Alles um ihn her das Haupt entblößte und sich tief verbeugte, sah er sie starr an und drückte vor ihren Augen den Hut tiefer über die Stirn. Die Beleidigung war nicht nur roh, sondern feig, denn das Gesetz hatte keine Strafe für bloße Impertinenz und der König war der einzige Gentleman und Offizier im Königreiche, der seine Gemahlin nicht mit dem Degen gegen Insulten schützen konnte. Die Königin konnte weiter nichts thun als den Parkhütern befehlen, daß sie Sir John nicht wieder einließen. Lange nach ihrem Tode kam eine Zeit, wo er Ursache hatte zu wünschen, daß er seine Unverschämtheit gezügelt haben möchte. Er erhielt fühlbare Beweise, daß er von allen Jakobiten, die verzweifeltsten Mörder nicht ausgenommen, der einzige war, gegen den Wilhelm einen heftigen persönlichen Widerwillen empfand.[43]
Die erledigten Bisthümer werden besetzt.
Einige Tage nach diesem Ereignisse begann die Wuth der Mißvergnügten heftiger aufzulodern als je. Die Entdeckung der Verschwörung, deren Haupt Preston gewesen war, hatte eine Krisis in den kirchlichen Angelegenheiten herbeigeführt. Die eidverweigernden Bischöfe hatten während des Jahres, das auf ihre Absetzung folgte, die Amtswohnungen innebehalten, welche einst ihr Eigenthum gewesen waren. Burnet hatte sich auf Mariens Ansuchen bemüht, einen Vergleich zu Stande zubringen. Seine directe Intervention würde wahrscheinlich mehr geschadet als genützt haben, und er bediente sich daher der Vermittelung Rochester’s, der in der Achtung der Eidverweigerer höher stand als irgend ein Staatsmann und kein Eidverweigerer war, und Trevor’s, der bei aller seiner Unwürdigkeit doch einen beträchtlichen Einfluß bei der Hochkirchenpartei hatte. Sancroft und seine Collegen wurden benachrichtigt, daß, wenn sie sich dazu verstehen wollten, ihre geistlichen Functionen zu verrichten, zu ordiniren, zu installiren, zu confirmiren und den Glauben und die Moralität der Priesterschaft zu überwachen, eine Bill im Parlamente eingebracht werden sollte, die sie der Eidesleistung entband.[44] Dieses Anerbieten war unvorsichtig liberal, und doch konnten Diejenigen, denen es gemacht wurde, consequenterweise nicht darauf eingehen. Denn in dem Ordinationsdienste wie überhaupt in fast jedem kirchlichen Dienste waren Wilhelm und Marie als König und Königin bezeichnet. Das einzige Versprechen, das von den ihres Amtes entsetzten Prälaten erlangt werden konnte, war, daß sie sich ruhig verhalten wollten, und selbst dieses Versprechen hatten sie nicht alle gehalten. Einer von ihnen wenigstens hatte sich eines durch Gottlosigkeit erschwerten Hochverraths schuldig gemacht. Er hatte aus Angst von dem Pöbel zerrissen zu werden erklärt, daß er den Gedanken, die Hülfe Frankreich’s nachzusuchen, verabscheue, und hatte Gott zum Zeugen angerufen, daß diese Erklärung aufrichtig gemeint sei. Kurze Zeit nachher jedoch war man dahinter gekommen, daß er im Geheimen darauf hinarbeitete, eine französische Armee nach England zu bringen, und er hatte an den Hof von Saint-Germains geschrieben, um ihm zu versichern, daß er im Einverständniß mit seinen Collegen, insbesondere mit Sancroft handle. Die Whigs forderten laut Strenge. Selbst die toryistischen Räthe Wilhelm’s gestanden ein, daß die Nachsicht aufs Aeußerste getrieben worden sei. Indessen machten sie noch einen letzten Vermittelungsversuch. „Wollen Sie und Ihre Collegen,” sagte Trevor zu Lloyd, dem eidverweigernden Bischofe von Norwich, „jede Verbindung mit Doctor Turner desavouiren und erklären, daß das was er in seinen Briefen Ihnen zur Last legt, falsch ist?” Lloyd wich der Frage aus. Es lag jetzt klar am Tage, daß Wilhelm durch seine Nachsicht die Gegner, die er zu gewinnen gehofft, nur kühner gemacht hatte. Selbst Caermarthen, selbst Nottingham erklärten, es sei hohe Zeit, die erledigten Bischofsstühle zu besetzen.[45]
Tillotson, Erzbischof von Canterbury.
Tillotson wurde zum Erzbischof ernannt und am Pfingstsonntage in der Kirche St. Mary Le Bow geweiht. Compton, der sich schwer gekränkt fühlte, weigerte sich, irgend welchen Antheil an der Ceremonie zu nehmen. Anstatt seiner fungirte Mew, Bischof von Winchester, dem Burnet, Stillingfleet und Hough assistirten. Die Versammlung war die glänzendste, die man seit der Krönung in einem Gotteshause gesehen hatte. Das Empfangszimmer der Königin war an diesem Tage verödet. Die meisten von den in der Stadt anwesenden Peers versammelten sich am Morgen in Bedford House und zogen von dort in Prozession nach Cheapside. Man bemerkte unter ihnen Norfolk, Caermarthen und Dorset. Devonshire, der es nicht erwarten konnte, seine Waldungen in Chatsworth in ihrer Sommerpracht zu sehen, hatte gleichwohl seine Abreise verschoben, um Tillotson seine Achtung zu bezeigen. Die Volksmenge, welche die Straßen füllte, begrüßte den neuen Primas mit lebhaftem Zurufe, denn er hatte seit vielen Jahren in der City gepredigt, und seine Beredtsamkeit, seine Rechtschaffenheit und die seltene Sanftmuth seines Characters und seiner Manieren hatten ihn zum Liebling der Londoner gemacht.[46] Aber die Glückwünsche und Beifallsbezeigungen seiner Freunde konnten die lauten Verwünschungen nicht übertäuben, welche die Jakobiten erhoben. In ihren Augen war er ein Dieb, der nicht durch die Thür hereingekommen, sondern über den Zaun gestiegen war. Er sei ein Miethling, sagten sie, dem die Schafe nicht eigenthümlich gehörten, der sich den Stab des guten Hirten widerrechtlich angemaßt habe und von dem man sicher erwarten dürfe, daß er die Heerde den Klauen jedes Wolfes preisgeben werde. Er sei ein Arianer, ein Socinianer, ein Deist, ein Atheist. Er habe die Welt durch schöne Redensarten und durch einen Anschein von guten Sitten getäuscht; eigentlich aber sei er ein viel gefährlicherer Feind der Kirche, als er es hätte sein können, wenn er sich offen für einen Schüler Hobbes’ erklärt und so locker wie Wilmot gelebt hätte. Er habe die eleganten Herren und Damen, die seinen Styl bewunderten und die man beständig um seine Kanzel versammelt sehe, gelehrt, daß sie sehr gute Christen sein und doch den im ersten Buche Mosis erzählten Sündenfall für allegorisch halten könnten. Sie könnten in der That leicht so gute Christen sein wie er, denn er sei niemals getauft worden, seine Eltern seien Anabaptisten, er habe schon als Knabe ihre Religion verloren und nie eine andre gefunden. In gemeinen Pasquillen wurde er der „nicht eingetauchte Johann” (undipped John) genannt. Umsonst wurde sein Taufzeugniß vorgelegt; seine Feinde klagten fortwährend, daß sie es erleben müßten, Väter der Kirche zu sehen, die nicht ihre Kinder seien. Sie erfanden eine Geschichte, daß die Königin das große Verbrechen, durch welches sie einen Thron erlangt, bitter bereut, daß sie sich in ihrer Angst an Tillotson gewendet und daß dieser sie mit der Versicherung getröstet habe, die Strafe der Sünder in einer zukünftigen Welt werde nicht ewig sein.[47] Das Gemüth des Erzbischofs war von Natur von fast weiblicher Sanftheit und war durch die Gewohnheiten eines langen Lebens, während dessen die streitenden Sekten und Parteien einstimmig von seinen Talenten mit Bewunderung und von seinem Character mit Achtung gesprochen hatten, eher noch weicher als härter geworden. Die Fluth von Schmähungen und Vorwürfen, die er in einem Alter von mehr als sechzig Jahren zum ersten Male auszuhalten hatte, war zuviel für ihn. Sein Lebensmuth sank, seine Gesundheit wurde erschüttert; und doch wich er weder vom Pfade seiner Pflicht ab, noch versuchte er es, sich an seinen Verfolgern zu rächen. Einige Tage nach seiner Consecration wurden mehrere Personen dabei ergriffen, wie sie gegen ihn gerichtete Schmähschriften vertheilten. Die Kronanwälte schlugen vor, gegen die Betroffenen gerichtliche Untersuchung einzuleiten; aber er bestand darauf, daß Niemand um seinetwillen verfolgt werden solle.[48] Als er eines Tages Gesellschaft hatte, wurde ihm ein versiegeltes Packet überbracht; er öffnete es und eine Maske fiel heraus. Seine Freunde waren empört und erbittert über diese rohe Beleidigung; aber der Erzbischof bemühte sich, seinen Schmerz unter einem Lächeln zu verbergen, zeigte auf die Pamphlets, mit denen sein Tisch bedeckt war, und sagte, der Vorwurf, den das Emblem der Maske ausdrücken solle, müsse im Vergleich zu anderen Vorwürfen, die er täglich zu erdulden habe, gelind genannt werden. Nach seinem Tode fand man ein Packet heftiger Schmähschriften, welche die Eidverweigerer gegen ihn in Umlauf gesetzt hatten, unter seinen Papieren, mit der Aufschrift: „Ich bitte Gott, daß er ihnen vergeben möge, wie ich ihnen vergebe.”[49]
Benehmen Sancroft’s.
Die Gemüthsstimmung des abgesetzten Primas war eine ganz andre. Er scheint in Bezug auf seine Wichtigkeit in einem vollständigen Irrwahn begriffen gewesen zu sein. Die große Popularität, die er drei Jahre früher genossen, die Gebete und Thränen der Volksmassen, die in die Themse gewatet waren, um seinen Segen zu erflehen, die Begeisterung, mit der die Schildwachen des Tower unter den Fenstern seines Kerkers auf seine Gesundheit getrunken, das ungeheure Freudengeschrei, das am Morgen seiner Freisprechung im Palasthofe ertönt war, die Triumphnacht, in welcher an jedem Fenster von Hyde Park bis Mile End sieben Lichter geglänzt, deren mittelstes und längstes ihn vorgestellt hatte, waren bei ihm noch in frischem Andenken, und er besaß nicht so viel Einsicht, um zu erkennen, daß alle diese Huldigungen nicht seiner Person, sondern der Religion und den Freiheiten gegolten hatte, deren Repräsentant er auf einen Augenblick war. Die ungemeine Rücksicht, mit der ihn die neue Regierung noch lange behandelt, scheint ihn in seinem Irrthum bestärkt zu haben. Daß ihm von Kensington eine Reihe versönlicher Botschaften zukam; daß ihm so liberale Bedingungen angeboten wurden, wie sie sich kaum mit der Würde der Krone und mit dem Wohle des Staats vertrugen; daß seine kalten und unhöflichen Antworten die königliche Langmuth nicht erschöpfen konnten; daß er trotz des lauten Geschreis der Whigs und der täglichen Provocationen von Seiten der Jakobiten noch funfzehn Monate nach seiner Amtsentsetzung den erzbischöflichen Palast bewohnte: dies Alles schien ihm nicht die Nachsicht, sondern die Furcht der herrschenden Gewalten zu verrathen. Er schmeichelte sich, daß sie es nicht wagen würden, ihn zu vertreiben. Daher versetzte ihn die Nachricht, daß sein Stuhl besetzt sei, in eine Wuth, die bis an sein Lebensende dauerte und die ihn zu manchen thörichten und unpassenden Handlungen verleitete. Tillotson begab sich sogleich nach seiner Ernennung nach Lambeth, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, durch Artigkeit und Freundlichkeit die Gereiztheit zu beschwichtigen, deren unschuldige Ursache er war. Er wartete lange im Vorzimmer und ließ sich durch mehrere Diener anmelden; aber Sancroft würdigte ihn nicht einmal einer Antwort.[50] Drei Wochen vergingen und noch immer machte der abgesetzte Erzbischof keine Miene das Feld zu räumen. Da erhielt er endlich einen Befehl, der ihm die königliche Willensmeinung kund that, daß er die Wohnung verlassen solle, die schon längst nicht mehr die seinige sei und in der er nur als Gast sich aufgehalten. Dieser Befehl verdroß ihn heftig und er erklärte, daß er demselben nicht nachkommen werde. Er werde so lange bleiben, bis die Beamten des Sheriffs ihn mit Gewalt vertrieben, und er werde sein Recht vor Gericht suchen soweit er dies könne, ohne die Autorität der Usurpatoren anzuerkennen.[51] Die Sache war so klar, daß er durch kein Mittel der Chikane mehr erlangen konnte als einen kurzen Aufschub. Als das gegen ihn lautende Erkenntniß gesprochen war, verließ er zwar den Palast, befahl aber seinem Intendanten, den Besitz desselben zu behaupten. Die Folge davon war, daß der Intendant verhaftet und zu einer bedeutenden Geldstrafe verurtheilt wurde. Tillotson ließ seinem Vorgänger die freundliche Benachrichtigung zukommen, daß die Geldbuße nicht eingefordert werden würde. Sancroft aber hatte sich vorgenommen, einen Grund zur Beschwerde zu haben, und er wollte das Geld bezahlen.[52]
Uneinigkeit zwischen Sancroft und Ken.
Von diesem Augenblicke an war das ganze Bestreben des engherzigen und eigensinnigen alten Mannes darauf gerichtet, die Kirche, deren erster Diener er gewesen war, in Stücke zu zerreißen. Umsonst machten einige von denjenigen Eidverweigerern, deren Tugenden, Talente und Gelehrsamkeit der Stolz ihrer Partei waren, Vorstellungen gegen seinen Plan. „Unsre Amtsentsetzung” — so argumentirte Ken — „ist in den Augen Gottes null und nichtig. Wir sind die wahren Bischöfe unserer Stühle und werden es bleiben, bis wir sterben oder selbst resigniren. Diejenigen, die sich unsere Titel und Functionen anmaßen, werden die Schuld eines Schisma’s auf sich laden. Mit uns aber wird, wenn wir so handeln wie es uns geziemt, das Schisma aufhören, und unter der nächsten Generation wird die Einheit der Kirche wiederhergestellt sein. Weihen wir dagegen Bischöfe zu unseren Nachfolgern, so kann die Spaltung Jahrhunderte dauern, und wir werden zwar nicht für die Entstehung, wohl aber für die Fortdauer derselben mit Recht verantwortlich gemacht werden.” Diese Betrachtungen hätten Sancroft’s eigenen Grundsätzen zufolge in seinen Augen ein entscheidendes Gewicht haben sollen; aber seine zornigen Leidenschaften behielten die Oberhand. Ken verließ ruhig den ehrwürdigen Palast von Wells. Er habe das Streiten aufgegeben, sagte er, und werde fortan seinen Gefühlen nicht mehr in Disputationen, sondern in Hymnen Luft machen. Seine Mildthätigkeit gegen Unglückliche aller Glaubensrichtungen, insbesondere gegen die Gefährten Monmouth’s und gegen die verfolgten Hugenotten, war so groß gewesen, daß sein ganzes Privatvermögen noch in siebenhundert Pfund Sterling und einer Bibliothek bestand, welche zu verkaufen er sich nicht entschließen konnte. Aber Thomas Thynne, Viscount Weymouth, machte sich, obgleich er kein Eidverweigerer war, eine Ehre daraus, dem tugendhaftesten der Eidverweigerer ein ruhiges und würdiges Asyl in dem fürstlichen Schlosse Longleat anzubieten. Hier verlebte Ken ein glückliches und geehrtes Greisenalter, während welchem er nie das Opfer bedauerte, das er seiner vermeintlichen Pflicht gebracht, und doch immer nachsichtiger gegen Diejenigen wurde, deren Begriffe von Pflicht von den seinigen abwichen.[53]
Sancroft’s Haß gegen die Landeskirche. Er bestimmt die bischöfliche Succession unter den Eidverweigerern.
Sancroft war von ganz andrem Character. Er hatte sich eigentlich so wenig zu beklagen wie nur irgend Einer, der durch eine Revolution von einer hohen Stellung herabgestürzt wird. Er besaß in Fressingfield in Suffolk ein Erbgut, das ihn in Verbindung mit dem, was er sich während seines zwölfjährigen Primats erspart hatte, in den Stand setzte, wenn auch nicht so, wie er gelebt hatte, als er der erste Peer des Parlaments war, doch aber auf dem Fuße eines reichen Landedelmanns zu leben. Er zog sich auf seinen erblichen Landsitz zurück und verbrachte hier den Rest seiner Tage über das ihm zugefügte Unrecht brütend. Der Widerwille gegen die Landeskirche wurde in ihm eben so stark, als er in Martin Marprelate gewesen war. Er betrachtete Alle, die mit ihr in Gemeinschaft blieben, als Heiden und Zöllner. Tillotson gab er den Spottnamen Mufti. In dem Zimmer, das er in Fressingfield als Kapelle benutzte, durfte Niemand, der die Eide geleistet oder dem Gottesdienste eines Geistlichen, der die Eide geleistet, beigewohnt hatte, am Genusse des geweihten Brotes und Weines Theil nehmen. Es wurde jedoch ein Unterschied zwischen zwei Klassen von Sündern gemacht. Einem Laien, der noch in Gemeinschaft mit der Landeskirche blieb, war es erlaubt zugegen zu sein, so lange Gebete verlesen wurden; nur von dem höchsten der christlichen Mysterien war er ausgeschlossen. Mit Geistlichen aber, welche den im Besitze des Thrones befindlichen Souverainen Treue geschworen hatten, wollte Sancroft nicht einmal beten. Er sorgte dafür, daß die Siegel, die er eingeführt hatte, in weiten Kreisen bekannt wurde und lehrte seine Anhänger durch Vorschrift und durch Beispiel, auch den Rechtgläubigsten, Frömmsten und Tugendhaftesten von Denen, welche Wilhelm’s Autorität anerkannt hatten, mit einem Gefühle betrachten, ähnlich dem, mit welchem der Jude den Samariter betrachtete.[54] Eine solche Intoleranz würde selbst bei einem Manne, der für ein großes Prinzip kämpfte, verwerflich gewesen sein. Sancroft aber kämpfte nur für einen Namen. Er war der Urheber des Regentschaftsplanes. Er war vollkommen bereit, die ganze königliche Gewalt von Jakob auf Wilhelm zu übertragen. Die Frage, welche diesem engherzigen und mürrischen Charakter wichtig genug dünkte, um das Excommuniciren von zehntausend Priestern und fünf Millionen Laien zu rechtfertigen, war die, ob der Staatsbeamte, auf den die ganze königliche Gewalt übertragen wurde, den Titel König annehmen solle. Auch konnte Sancroft den Gedanken nicht ertragen, daß die Erbitterung, die er hervorgerufen, mit seinem Leben erlöschen sollte. Nachdem er sein Möglichstes gethan, um die Fehde heftig zu machen, beschloß er sie zu verewigen. Er sandte eine Liste der Geistlichen, die aus ihren Aemtern vertrieben worden waren, nach Saint-Germains, mit dem Ersuchen, daß Jakob zwei bezeichnen möchte, welche die bischöfliche Succession aufrechterhalten sollten. Jakob, dem es ohne Zweifel ganz angenehm war, der Menge von Seelen, die er als die Schmach des Protestantismus betrachten gelernt hatte, noch um eine vermehrt zu sehen, ernannte zwei heftige und unversöhnliche Eidverweigerer, Hickes und Wagstaffe, Ersterer von Sancroft, Letzterer von Lloyd, dem abgesetzten Bischof von Norwich empfohlen.[55] Dies war der Ursprung einer schismatischen Hierarchie, welche, nachdem sie eine kurze Zeit lang Besorgniß erweckt hatte, bald in Dunkel und Verachtung sank, die aber trotz Dunkel und Verachtung ihre kümmerliche Existenz noch durch mehrere Generationen schleppte. Die kleine Kirche, ohne Tempel, Einkünfte oder Würden, war durch innere Streitigkeiten sogar noch mehr zerrissen als die im Besitz von Kathedralen, Zehnten und Pairien verbliebene große Kirche. Einige Eidverweigerer neigten sich zu dem römischen Ritual, andere wollten nicht die geringste Abweichung von dem allgemeinen Gebetbuche dulden. Altar wurde gegen Altar aufgerichtet. Ein Schattenprälat erklärte die Consecration eines andren Schattenprälaten für unkanonisch, bis endlich die Hirten gänzlich ohne Heerden waren. Einer dieser geistlichen Lords wurde wohlweislich Arzt; ein andrer verließ seinen sogenannten Bischofssitz und siedelte nach Irland über, und endlich im Jahre 1805 sank der letzte Bischof dieser Gesellschaft, welche mit Stolz auf den Titel der einzig wahren Kirche England’s Anspruch gemacht hatte, unbeachtet ins Grab.[56]
Die neuen Bischöfe.
Die Stühle der Bischöfe, welche zugleich mit Sancroft vertrieben worden waren, wurden in einer der Regierung zur Ehre gereichenden Weise besetzt. Patrick wurde Nachfolger des Verräthers Turner. Fowler ging nach Gloucester. Richard Cumberland, ein bejahrter Geistlicher, der keine Gönner bei Hofe hatte und dessen einzige Empfehlungen seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit waren, erfuhr mit Erstaunen aus einem Neuigkeitsbriefe, den er auf dem Tische eines Kaffeehauses fand, daß er zum Bischof von Peterborough ernannt war.[57] Beveridge wurde zum Nachfolger Ken’s erwählt; er willigte ein und die Ernennung wurde wirklich in der London Gazette angezeigt. Doch Beveridge war wohl ein rechtschaffener Mann, besaß aber keine Seelenstärke. Einige Jakobiten machten ihm Vorstellungen, andere Vorwürfe, der Muth sank ihm, und er nahm seine Zusage zurück. Während die Eidverweigerer über diesen Sieg frohlockten, wurde er wieder andren Sinnes, aber zu spät. Er hatte sich durch seine Unschlüssigkeit Wilhelm’s Gunst verscherzt und erhielt erst eine Mitra, als Anna auf dem Throne saß.[58] Das Bisthum Bath und Wells wurde Richard Kidder verliehen, einem Manne von hervorragender Bildung und makellosem Character, der aber in dem Verdacht stand, daß er sich zum Presbyterianismus hinneige. Um die nämliche Zeit nahm Sharp, der Hochkirchlichste, der einen Skrupel deshalb hegte, daß er der Nachfolger eines abgesetzten Prälaten werden sollte, das durch Lamplugh’s Tod zur Erledigung gekommene Erzbisthum York an.[59]
Sherlock Dechant von St. Paul.
In Folge der Erhebung Tillotson’s auf den Stuhl von Canterbury wurde die Dechanei von St. Paul erledigt. Sobald der Name des neuen Dechanten bekannt wurde, brach ein Geschrei los, wie es vielleicht nie eine kirchliche Ernennung veranlaßt, ein Geschrei, zusammengesetzt aus Gebrüll des Hasses, aus Gezisch der Verachtung und aus halb triumphirenden, halb beleidigenden Willkommrufen: denn der neue Dechant war Wilhelm Sherlock.
Die Geschichte seiner Bekehrung verdient ausführlich erzählt zu werden, denn sie wirft ein helles Licht auf den Character der Parteien, welche damals die Kirche und den Staat spalteten. Sherlock war, dem Einflusse und dem Rufe, wenn auch nicht dem Range nach, der bedeutendste Mann unter den Eidverweigerern. Seine Autorität und sein Beispiel hatten einige seiner Collegen, welche anfangs geschwankt hatten, dazu bestimmt, ihre Stellen niederzulegen. Der Tag der Suspension kam, der Tag der Absetzung kam, und noch blieb er fest. Er schien in dem Bewußtsein der Rechtschaffenheit und in der Betrachtung der unsichtbaren Welt reichen Ersatz für alles Verlorene gefunden zu haben. Während er von der Kanzel ausgeschlossen war, wo seine Beredtsamkeit einst die gelehrten und gebildeten Inwohner des Temple entzückt hatte, schrieb er seinen berühmten Treatise on Death, welcher viele Jahre lang auf den Bücherbrettern ernster Arminianer zunächst neben The Whole Duty of Man stand. Bald jedoch begann man zu argwöhnen, daß seine Festigkeit schwanke. Er erklärte, daß er keinen Theil an einem Schisma haben wolle, er rieth Denen, die sich bei ihm Raths erholten, ihre Pfarrkirchen nicht zu verlassen, und da er sah, daß das Gesetz, das ihn seines Amtes enthob, ihm nicht verbot, Gottesdienst zu halten, predigte er sogar in St. Dunstan und betete dort für König Wilhelm und Königin Marie. Die apostolische Vorschrift, sagte er, laute dahin, daß für alle obrigkeitliche Gewalt Habenden gebetet werden solle, und Wilhelm und Marie hätten sichtbar obrigkeitliche Gewalt. Seine jakobitischen Freunde tadelten laut seine Inconsequenz. Wie können Sie, fragten sie, wenn Sie annehmen, daß der Apostel an dieser Stelle von der bestehenden Obrigkeit spricht, behaupten, daß er an anderen ähnlichen Stellen nur von rechtmäßiger Obrigkeit spricht? Oder wie können Sie, ohne zu sündigen, in einer feierlichen Anrede an Gott Jemanden als König bezeichnen, dem Sie nicht als König zu gehorchen versprechen können, ohne zu sündigen? Diese Argumente waren unwiderlegbar, und Sherlock begann bald sie ebenfalls dafür zu halten; der Schluß aber, zu dem sie ihn führten, war dem Schlusse zu dem sie ihn führen sollten, diametral entgegengesetzt. Er schwankte jedoch, bis von einer Seite, von der man wenig Grund hatte etwas Andres als zehnfache Finsterniß zu erwarten, ein neues Licht in seinen Geist fiel. Unter der Regierung Jakob’s I. hatte Doctor Johann Overall, Bischof von Exeter, eine gelehrte Abhandlung über die Rechte bürgerlicher und kirchlicher Regenten geschrieben. Diese Abhandlung war von der Convocation von Canterbury und York feierlich gutgeheißen worden und konnte daher als eine Autorität habende Darstellung der Lehre der englischen Kirche betrachtet werden. Sancroft besaß eine Abschrift des Manuscripts und er ließ es bald nach der Revolution durch den Druck veröffentlichen. Er hoffte ohne Zweifel, die Veröffentlichung werde der neuen Regierung schaden; aber er sah sich vollständig getäuscht. Das Buch verwarf zwar jeden Widerstand in eben so starken Ausdrücken, als er selbst sie hätte anwenden können; aber eine Stelle, die seiner Beachtung entgangen war, entschied gegen ihn und seine Mitschismatiker. Overall und die beiden Convocationen, welche Overall’s Lehre sanctionirt hatten, erklärten, daß eine Regierung, die aus einem Aufstande hervorgegangen sei, sobald sie vollkommen feststehe, als von Gott angeordnet betrachtet werden und daß die Christen ihr gehorchen müßten.[60] Sherlock las und war überzeugt. Seine ehrwürdige Mutter, die Kirche, hatte gesprochen und er nahm ihr Gebot mit der Folgsamkeit eines Kindes an. Die aus der Revolution hervorgegangene Regierung konnte wenigstens seit der Schlacht am Boyne und der Flucht Jakob’s aus Irland mit gutem Grunde eine feststehende Regierung genannt werden, und es gebührte ihr daher passiver Gehorsam, bis sie durch eine neue Revolution gestürzt wurde und eine andre feststehende Regierung auf sie folgte.
Sherlock leistete die Eide und veröffentlichte sofort zur Rechtfertigung seines Schrittes eine Flugschrift, betitelt: The Case of Allegiance to Sovereign Powers stated. Dieses Buch machte ungeheures Aufsehen. Dryden’s Hind and Panther hatte keine solche Sensation erregt, Halifax’ Letter to a Dissenter hatte nicht so viele Antworten hervorgerufen. Die Repliken wider den Doctor, die Vertheidigungen des Doctors, die Schmähschriften auf den Doctor würden eine ganze Bibliothek füllen. Das Geschrei nahm zu, als es bekannt wurde, daß der Convertit nicht allein wieder zum Vorsteher des Temple ernannt worden war, sondern auch die Dechanei St. Paul angenommen hatte, die in Folge der Absetzung Sancroft’s und der Beförderung Tillotson’s zur Erledigung gekommen war. Die Wuth der Eidverweigerer steigerte sich fast bis zum Wahnsinn. Sei es nicht genug, fragten sie, die wahre und reine Kirche in dieser ihrer Stunde der Betrübniß und Gefahr zu verlassen, ohne sie auch noch zu verleumden? Es sei leicht zu begreifen, warum ein habgieriger und feiger Heuchler sich weigerte, dem Usurpator die Eide zu leisten, so lange es wahrscheinlich war, daß der rechtmäßige König wieder eingesetzt würde, sich aber nach der Schlacht am Boyne zu schwören beeilte. Ein solches Schwanken in Zeiten bürgerlicher Uneinigkeit sei nichts Neues. Das aber sei etwas Neues, daß der Renegat seine eigne Schuld und Schande auf die englische Kirche zu wälzen versuche und erkläre, sie habe ihn gelehrt, sich gegen den Schwachen zu kehren, der im Recht sei, und vor dem Mächtigen zu kriechen, der im Unrecht sei. Habe sie dies wirklich in schlimmen Tagen gelehrt und danach gehandelt? Habe sie ihren königlichen Märtyrer im Gefängnisse oder auf dem Schaffot verlassen? Habe sie ihren Kindern vorgeschrieben, dem Rumpfe oder dem Protector zu gehorchen? Sei indessen die Regierung des Rumpfs oder des Protector’s weniger berechtigt gewesen eine feststehende Regierung genannt zu werden, als die Regierung Wilhelm’s und Mariens? Sei die Schlacht bei Worcester nicht ein eben so harter Schlag für die Hoffnungen des Hauses Stuart gewesen, als die Schlacht am Boyne? Seien nicht die Aussichten auf eine Restauration im Jahre 1657 eben so schwach gewesen, als sie jedem einsichtsvollen Mann im Jahre 1691 erscheinen müßten? Doch allen Schmähungen und Sarkasmen stand Overall’s Abhandlung und die billigenden Beschlüsse der beiden Convocationen gegenüber, und es war viel leichter, Sherlock zu tadeln, als die Abhandlung oder die Beschlüsse wegzudisputiren. Ein Schriftsteller behauptete, mit einer völlig feststehenden Regierung müsse eine Regierung gemeint gewesen sein, deren Rechtstitel unbestritten sei. So, sagte er, wurde die Regierung der Vereinigten Provinzen eine feststehende Regierung, als sie von Spanien anerkannt war; ohne diese Anerkennung aber würde sie bis ans Ende aller Zeiten niemals eine feststehende Regierung gewesen sein. Ein andrer nicht ganz so strenger Casuist erklärte, daß eine von Haus aus unrechtmäßige Regierung nach Verlauf eines Jahrhunderts eine feststehende Regierung werden könnte. Am 13. Februar 1789, nicht einen Tag früher, würde es daher den Engländern frei stehen, einer aus der Revolution hervorgegangenen Regierung Treue zu schwören. Die Geschichte des erwählten Volks wurde durchstöbert, um Präcedenzfälle zu finden. War Eglon’s Regierung eine feststehende, als Ehud ihn erstach? War Joram’s Regierung eine feststehende, als Jehu ihn erschoß? Aber der maßgebende Fall war der der Athalia. Es war allerdings ein Fall, der den Mißvergnügten manche glückliche und beißende Anspielungen lieferte. Ein Königreich, verrätherisch an sich gerissen durch einen dem Throne nahe verwandten Usurpator; der rechtmäßige Fürst lange vom Besitze ausgeschlossen; ein Theil des Priesterstandes durch viele unheilvolle Jahre dem königlichen Hause treu; endlich eine Contrerevolution, bewerkstelligt durch den Hohenpriester an der Spitze der Leviten. Wer, fragte man, werde es wagen, den heldenmüthigen Hohenpriester zu tadeln, der den Erben David’s wieder eingesetzt? Sei indessen die Regierung der Athalia nicht eben so fest begründet gewesen wie die des Prinzen von Oranien? Hunderte von Seiten, welche damals über die Rechte der Joas und über das kühne Unternehmen des Jojada geschrieben wurden, vermodern in den alten Bücherschränken von Oxford und Cambridge. Während Sherlock so von seinen alten Freunden heftig angegriffen wurde, ließen auch seine alten Feinde ihn nicht in Ruhe. Einige heftige Whigs, unter denen sich Julian Johnson auszeichnete, erklärten, daß selbst der Jakobitismus achtungswerth sei im Vergleich zu der schmählichen Doctrin, die man im Convocation Book entdeckt habe. Daß den Königen passiver Gehorsam gebühre, sei allerdings eine absurde und verkehrte Ansicht. Doch es sei unmöglich, die Consequenz und Standhaftigkeit von Männern nicht zu achten, die sich verpflichtet glaubten, auf jede Gefahr hin einem unglücklichen, entthronten und verbannten Bedrücker treu zu bleiben. Aber die Theorie, welche Sherlock von Overall gelernt habe, sei reine Schlechtigkeit und Schändlichkeit. Eine Sache solle aufgegeben werden, nicht weil sie ungerecht, sondern weil sie mißlungen sei. Ob Jakob ein Tyrann oder der Vater seines Volks gewesen, sei ganz unwesentlich. Wenn er die Schlacht am Boyne gewonnen hätte, wären wir als Christen verbunden gewesen, seine Sklaven zu sein. Da er sie verloren habe, seien wir als Christen verbunden, seine Feinde zu sein. Andere Whigs gratulirten dem Proselyten, daß er, gleichviel auf welchem Wege, zu einem ganz praktischen Schlusse gelangt sei, konnten sich aber eines spöttischen Lächelns über die Geschichte, die er von seiner Bekehrung erzählte, nicht enthalten. Er sei, sagten sie, ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Begabung. Er habe die Frage von der Unterthanenpflicht lange und gründlich studirt, und er habe viel darüber geschrieben. Man habe ihm mehrere Monate bewilligt, um zu lesen, zu beten und zu erwägen, dann nochmals mehrere Monate, bevor man ihn abgesetzt habe. Er habe sich eine Meinung gebildet, für die er sich bereit erklärt, den Märtyrertod zu erleiden, er habe Andere diese Meinung gelehrt und sie dann bloß deshalb geändert, weil er entdeckt habe, daß sie vor mehr als achtzig Jahren von den beiden Convocationen nicht widerlegt, aber dogmatisch für irrig erklärt worden sei. Dies heiße gewiß aller Freiheit des persönlichen Urtheils entsagen und den Synoden von Canterbury und York eine Unfehlbarkeit zuschreiben, auf welche nach der Erklärung der englischen Kirche selbst das Oekumenische Concil keinen begründeten Anspruch habe. Wenn, sagte man sarkastisch, alle unsere Begriffe von Recht und Unrecht in Dingen, welche von wesentlicher Wichtigkeit für das Wohl der Gesellschaft seien, plötzlich durch einige in einem Winkel der Bibliothek von Lambeth gefundene Zeilen Manuscript geändert werden könnten, so sei es um des Seelenfriedens demüthiger Christen willen sicherlich sehr zu wünschen, daß alle die Schriftstücke, denen diese Art von Autorität zustehe, hervorgesucht und so bald als möglich durch den Druck veröffentlicht würden, denn geschähe dies nicht, so könnten wir alle, wie der Doctor, als er voriges Jahr die Eide verweigerte, Sünden begehen in der vollen Ueberzeugung, daß wir Pflichten erfüllten. Es ist in der That schwer zu glauben, daß das Convocation Book Sherlock irgend etwas mehr als einen Vorwand lieferte, um das zu thun, was er zu thun sich vorgenommen hatte. Die vereinigte Kraft der Vernunft und des Interesses hatten ihn ohne Zweifel überzeugt, daß seine Leidenschaften und Vorurtheile ihn zu einem großen Irrthum geführt, diesen Irrthum beschloß er zu widerrufen, und es wurde ihm leichter zu sagen, seine Ansicht sei durch neu entdeckte Beweise geändert worden als er habe sich mit allen Materialien zur Bildung eines richtigen Urtheils sein falsches Urtheil gebildet. Das Volk glaubte, sein Widerruf sei das Resultat der Thränen, Bitten und Vorwürfe seiner Gattin. Die Dame habe aufgeklärte Ansichten, sie genieße in ihrer Familie eine große Autorität und sie kümmere sich weit mehr um ihr Haus und um ihre Equipage, um den Ueberfluß ihrer Tafel und um die Aussichten ihrer Kinder, als um den patriarchalischen Ursprung einer Regierung oder um den Sinn des Wortes Abdankung. Sie habe, behauptete man, ihrem Gatten Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, bis er seine Bedenken überwunden gehabt. Ihre Ueberredungs- und Einschüchterungsgabe wurde in zahllosen Briefen, Fabeln, Liedern und Gesprächen höhnisch gerühmt. Sie war Xantippe, die Sokrates Wasser aufs Haupt goß. Sie war Delila, Simson scheerend. Sie war Eva, wie sie Adam zum Genusse der verbotenen Frucht zwang. Sie war Hiob’s Weib, wie sie ihren in der Asche sitzenden und sich kratzenden zu Grunde gerichteten Gemahl beschwor, nicht zu verfluchen und zu sterben, sondern zu schwören und zu leben. Während die Balladenmacher den Sieg der Mrs. Sherlock feierten, fiel eine andre Klasse von Gegnern über den theologischen Ruf ihres Gatten her. Bis zu dem Augenblicke wo er die Eide leistete, war er stets als der orthodoxeste Geistliche betrachtet worden. Aber die tadelsüchtige und boshafte Kritik, der man seine Schriften jetzt unterwarf, würde selbst in der Bergpredigt Ketzerei gefunden haben, und er war leider so voreilig, gerade in dem Augenblicke, wo der Unwille über seine politische Unbeständigkeit sich am lautesten äußerte, seine Gedanken über das Mysterium der Dreieinigkeit zu veröffentlichen. Zu einer andren Zeit würde sein Werk von guten Anglikanern wahrscheinlich als eine siegreiche Antwort gegen die Socinianer und Sabellianer begrüßt worden sein. Unglücklicherweise aber hatte er sich in seinem Eifer gegen Socianer und Sabellianer solcher Ausdrücke bedient, die als Tritheismus ausgelegt werden konnten. Vorurtheilsfreie Richter würden bedacht haben, daß der rechte Weg auf beiden Seiten dicht an den Irrthum grenzte und daß es kaum möglich war, sich auf der einen Seite fern genug von der Gefahr zu halten, ohne sich auf der andren der Gefahr dicht zu nähern. Aber vorurtheilsfreie Richter durfte Sherlock unter den Jakobiten nicht erwarten. Seine früheren Verbündeten behaupteten, daß er alle die furchtbaren Strafen verwirkt habe, die in dem Athanasischen Glaubensbekenntnisse über Diejenigen verhängt werden, welche das Wesen der Gottheit theilen. Dickleibige Quartanten wurden geschrieben, um zu beweisen, daß er an die Existenz dreier getrennter Gottheiten glaubte, und einige humoristische Mißvergnügte, die sich sehr wenig um die katholische Wahrheit kümmerten, erheiterten die Stadt durch englische und lateinische Spottschriften auf seine Heterodoxie. „Wir,” sagte einer dieser Witzlinge, „schwören Einem Könige Treue und rufen Einen Gott zum Zeugen eines Gelöbnisses an. Es kann uns nicht auffallend erscheinen, daß der Doctor mehr als Einem Könige Treue geschworen hat, wenn wir erwägen, daß der Doctor mehr als einen Gott hat, bei dem er schwört.”[61]
Verrätherei einiger Diener Wilhelm’s.
Sherlock würde vielleicht gezweifelt haben, ob die Regierung, der er sich unterworfen, berechtigt war, eine feststehende Regierung genannt zu werden, wenn er alle die Gefahren gekannt hätte, von denen sie bedroht war. Preston’s Complot war kaum entdeckt, als sich ein neues Complot ganz anderer Art im Lager, bei der Flotte, im Schatzamte, und selbst im Schlafzimmer des Königs bildete. Das Geheimniß dieser Schändlichkeit ist im Laufe von fünf Generationen allmälig entschleiert worden, ganz aber ist es noch jetzt nicht entschleiert. Möglich, daß einige noch dunkle Theile desselben der Nachwelt durch die Entdeckung von Briefen und Tagebüchern, die jetzt unter dem Staube von hundertfunfzig Jahren ruhen, klar werden. Doch sind die Materialien, die uns gegenwärtig zu Gebote stehen, schon genügend, um eine Erzählung zusammenzusetzen, die man nicht ohne Beschämung und Abscheu lesen kann.[62]
Wir haben gesehen, daß Shrewsbury aus Verdruß darüber, daß er seine Rathschläge verworfen und die seiner toryistischen Nebenbuhler befolgt sah, sich in einer unheilvollen Stunde in eine Correspondenz mit der verbannten Königsfamilie verwickeln ließ. Wir haben ferner gesehen, durch welche heftigen Körper- und Seelenleiden er seine Fehler büßte. Von Reue und daraus entstandener Krankheit gequält, hatte er den Hof verlassen; aber es blieben an demselben Männer zurück, deren Grundsätze nicht minder locker als die seinigen, und deren Herzen noch viel härter und kälter waren.
Zu Anfang des Jahres 1691 begannen einige von diesen Männern sich in geheime Verbindung mit Saint-Germains zu setzen. So schändlich und ehrlos ihr Verfahren auch war, es lag nichts Wunderbares darin. Sie handelten nach ihrer Weise. Es waren unruhige Zeiten, eine dichte Wolke verhüllte die Zukunft, der scharfsichtigste und erfahrenste Politiker konnte mit einiger Klarheit nicht drei Monate weit über die Gegenwart hinaussehen. Ein Mann von Tugend und Ehre fragte allerdings darnach nicht viel. Seine Ungewißheit bezüglich dessen, was der morgende Tag bringen würde, konnte ihn wohl besorgt, aber nicht treulos machen. Wenn auch in völliger Unkenntniß über das, was seine Interessen berührte, hatte er doch die feste Richtschnur seiner Grundsätze. Leider aber gab es unter den Höflingen jener Zeit nicht viele Männer von Tugend und Ehre. Whitehall war seit dreißig Jahren eine Pflanzschule jedes öffentlichen und privaten Lasters und wimmelte von niedrigdenkenden, doppelzüngigen und selbstsüchtigen Politikern. Diese Männer handelten jetzt so, wie es von unmoralischen Männern in einer Krisis, deren Ausgang Niemand voraussehen konnte, nicht anders zu erwarten war. Einige von ihnen hatten eine leichte Vorliebe für Wilhelm, Andere hatten eine leichte Vorliebe für Jakob; aber durch keine solche Vorliebe wurde das Verfahren einer dieser Männer geleitet. Hätte es sicher geschienen, daß Wilhelm sich halten würde, so würden sie Alle für Wilhelm gewesen sein. Hätte es sicher geschienen, daß Jakob wieder eingesetzt werden würde, so würden sie Alle für Jakob gewesen sein. Aber was war zu thun, da die Aussichten sich fast genau die Wage zu halten schienen? Es gab rechtschaffene Männer der einen Partei, welche geantwortet haben würden: dem wahren Könige und der wahren Kirche treu zu bleiben und nöthigenfalls für sie zu sterben wie Laud. Es gab rechtschaffene Männer der andren Partei, welche geantwortet haben würden: Fest an den Freiheiten England’s und an der protestantischen Religion zu halten und nöthigenfalls für sie zu sterben wie Sidney. Aber eine solche Consequenz war Vielen der Vornehmen und Mächtigen unbegreiflich. Ihr Ziel war, sich für alle Fälle zu sichern. Daher schworen sie öffentlich dem einen Könige Treue und verpfändeten ihr Wort heimlich auch dem andren. Sie waren unermüdlich bestrebt, sich unter dem großen Siegel Wilhelm’s Aemter, Peerspatente, Pensionen und Geschenke von Kronländern zu verschaffen, und in ihren geheimen Schubkästen hatten sie Amnestieversprechen von Jakob’s Hand.
Unter Denen, welche sich dieser Schändlichkeit schuldig machten, stehen drei Männer: Russell, Godolphin und Marlborough, in erster Reihe. Es konnte kaum drei Menschen geben, die an Geist und Herz einander unähnlicher waren, und die besonderen Eigenschaften jedes derselben verliehen seiner Schurkerei einen besonderen Character. Der Verrath Russell’s ist zum Theil dem Grolle, der Verrath Godolphin’s lediglich der Aengstlichkeit zuzuschreiben; Marlborough’s Verrath aber war der Verrath eines Mannes von großem Genie und grenzenlosem Ehrgeize.
Russell.
Es mag auffallend scheinen, daß Russell unzufrieden sein konnte. Er hatte eben erst das Commando der vereinigten Flotten England’s und Holland’s mit dem Range eines Flottenadmirals übernommen; er war Schatzmeister der Flotte, hatte einen Jahrgehalt von dreitausend Pfund Sterling, und es war ihm Kronland in der Nähe von Charing Croß im Werthe von achtzehntausend Pfund verliehen worden. Außerdem müssen seine indirecten Einnahmen enorm gewesen sein. Aber er war noch immer nicht zufrieden. Er war in der That trotz seines unerschrockenen Muthes, trotz bedeutender Talente für den Krieg wie für die Verwaltung, und trotz eines gewissen Gemeinsinns, der sich selbst in den schlimmsten Perioden seines Lebens vorübergehend zeigte, im vollen Umfange des Worts ein schlechter Mensch: übermüthig, boshaft, habsüchtig und treulos. Er meinte, daß die großen Dienste, die er zur Zeit der Revolution geleistet, nicht gebührend belohnt worden seien. Alles was Andere erhielten, betrachtete er als ihm geraubt. Es existirt noch ein Brief von ihm, den er damals an Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält nichts als Selbstruhm, Vorwürfe und Spötteleien. Der Admiral bittet zuvörderst unter ironischen Versicherungen seiner Ergebenheit und Loyalität um die Erlaubniß, seine Beschwerden zu Papiere bringen zu dürfen, da seine Schüchternheit ihm nicht gestatte, sich mündlich darüber auszusprechen. Sein Kummer sei unerträglich. Andere Leute erhielten königliche Domainen, er aber könne fast gar nichts erlangen. Andere Leute könnten ihre Angehörigen versorgen; seine Empfehlungen aber blieben regelmäßig unbeachtet. Das Einkommen, das er der königlichen Gunst verdanke, sehe zwar groß aus; aber er habe arme Verwandte, und die Regierung habe dieselben, anstatt ihre Pflicht gegen sie zu thun, unfreundlicherweise seiner Sorge überlassen. Er habe eine Schwester, die einer Pension bedürfe, denn ohne eine solche könne sie ihren Töchtern keine Aussteuer geben. Er habe einen Bruder, der, weil er keine Stelle habe, in die traurige Nothwendigkeit versetzt worden sei, eine alte Frau wegen ihres Geldes zu heirathen. Russell beklagte sich dann bitter, daß die Whigs vernachlässigt würden, daß die Revolution Männer zu Ansehen und Reichthum gebracht habe, welche die größten Anstrengungen gemacht hätten, sie zu verhindern. Und man hat Grund zu glauben, daß diese Klage aus seinem Herzen kam, denn nächst seinen eigenen Interessen waren die seiner Partei ihm theuer, und selbst als er am meisten dazu geneigt war, ein Jakobit zu werden, hatte er nicht die mindeste Neigung ein Tory zu werden. In der Stimmung, welche dieser Brief verräth, hörte er bereitwillig auf die Einflüsterungen David Lloyd’s, eines der gewandtesten und thätigsten Emissäre, welche damals beständig zwischen Frankreich und England hin und her reisten. Lloyd überbrachte Jakob die Versicherung, daß Russell, sobald sich eine günstige Gelegenheit darböte, versuchen würde, vermittelst der Flotte das zu bewerkstelligen, was Monk unter der vorhergehenden Generation vermittelst der Armee bewerkstelligt habe.[63] Bis zu welchem Punkte diese Versicherungen aufrichtig waren, dies war eine Frage, über welche Leute, die Russell und seine Handlungsweise genau kannten, in Zweifel waren. Es ist wahrscheinlich, daß er viele Monate lang mit sich selbst nicht im Klaren war. Es lag in seinem Interesse, so lange als möglich mit beiden Königen auf gutem Fuße zu stehen, und sein reizbares, gebieterisches Temperament trieb ihn beständig an, mit beiden zu hadern. Die eine Woche wurde seine üble Laune durch eine trockene Antwort von Wilhelm, die nächste Woche durch eine alberne Proklamation von Jakob erregt. Zum Glück fand ihn der wichtigste Tag seines Lebens, der Tag, von welchem alle seine späteren Jahre ihre Färbung entlehnten, nicht in bester Stimmung gegen den verbannten König.
Godolphin.
Godolphin hatte keine Ursache sich über die Regierung, der er diente, zu beklagen und er behauptete auch gar keine zu haben. Er war erster Commissar des Schatzes, er war mit Protection, Vertrauen und Gunstbezeigungen überschüttet worden, ja, die ihm bewiesene Gunst hatte sogar viel Murren veranlaßt. Sei es passend, hatten die Whigs unwillig gefragt, daß ein Mann, der während der ganzen vorigen Regierung hohe Aemter bekleidet, der für die Indulgenz zu stimmen versprochen, der mit einem Jesuiten im Staatsrathe und mit zwei Papisten im Schatzamte gesessen, der eine Götzendienerin an ihren Altar begleitet hatte, zu den ersten Ministern eines Fürsten gehörte, dessen Ansprüche auf den Thron aus der Rechtserklärung hergeleitet seien? Aber auf Wilhelm hatte dieses Geschrei keinen Eindruck gemacht, und keiner von seinen Dienern scheint damals sein Vertrauen in größerem Umfange besessen zu haben als Godolphin.
Dessenungeachtet verzweifelten die Jakobiten nicht. Einer der eifrigsten unter ihnen, ein Gentleman Namens Bulkeley, der früher mit Godolphin auf vertrautem Fuße gestanden hatte, übernahm es zu sehen, was er thun könne. Er begab sich ins Schatzamt und bemühte sich, den ersten Lord in ein politisches Gespräch zu ziehen. Dies war kein leichtes Ding, denn Godolphin war nicht der Mann, der sich leicht in Andrer Hände gab. Seine Zurückhaltung war sprüchwörtlich, und er war besonders wegen der Gewandtheit berühmt, mit der er während seines ganzen Lebens die Unterhaltung von Staatsangelegenheiten auf einen Hahnenkampf oder auf den Stammbaum eines Racepferdes zu lenken wußte. Der Besuch endete, ohne daß er ein Wort geäußert hätte, welches verrieth, daß er sich der Existenz König Jakob’s erinnerte.
Bulkeley ließ sich jedoch nicht so leicht abschrecken. Er kam wieder und brachte den Gegenstand, der ihm zunächst am Herzen lag, auf’s neue zur Sprache. Godolphin erkundigte sich hierauf nach seinem ehemaligen Gebieter und seiner ehemaligen Gebieterin in dem unmuthigen Tone eines Mannes, der die Hoffnung aufgegeben hatte, je mit ihnen ausgesöhnt zu werden. Bulkeley versicherte ihm, daß König Jakob bereit sei, alles Vergangene zu verzeihen. „Darf ich Sr. Majestät sagen, daß Sie Sich bemühen wollen, seine Gunst zu verdienen?” Bei dieser Frage erhob sich Godolphin, sagte etwas von Amtsfesseln und von dem Wunsche, ihrer ledig zu sein und brach die Unterredung ab.
Bulkeley machte bald einen dritten Versuch. Godolphin hatte inzwischen mancherlei erfahren, was sein Vertrauen zu der Stabilität der Regierung, der er diente, erschütterte. Er begann zu glauben, daß er zu hoch auf die Revolution gewettet, wie er sich ausgedrückt haben würde, und daß es Zeit sei, für und wider zu wetten. Ausweichende Antworten konnten ihm nicht länger genügen. Er sprach sich aus und erklärte sich für einen ergebenen Diener König Jakob’s. „Ich werde die nächste Gelegenheit ergreifen, um meine Stelle niederzulegen. Bis dahin aber bin ich gebunden. Ich darf meine Amtspflicht nicht verletzen.” Um den Werth des Opfers, das er zu bringen sich vornahm, zu erhöhen, legte er ein höchst freundliches und vertrauliches Schreiben vor, das er kürzlich von Wilhelm erhalten hatte. „Sie sehen, welches unbedingte Vertrauen der Prinz von Oranien in mich setzt. Er sagt mir, daß er mich nicht entbehren könne, und das es keinen Engländer gebe, dem er so zugethan sei; aber dies Alles ist bei mir von keinem Gewicht im Vergleich zu meiner Pflicht gegen meinen rechtmäßigen König.”
Wenn der erste Lord des Schatzes wirklich Bedenken hegte, das ihm geschenkte Vertrauen zu verrathen, so wurden diese Bedenken bald so wirksam gehoben, daß er sechs Jahre lang in aller Gemächlichkeit das Brot des einen Herrn aß, während er im Geheimen einem andren Anhänglichkeitsversicherungen und Dienstversprechen sandte.
Die Wahrheit ist, daß Godolphin unter dem Einflusse eines viel gewaltigeren und viel verderbteren Geistes stand als der seinige war. Seine Verlegenheiten waren Marlborough mitgetheilt worden, mit dem er seit langer Zeit durch eine Freundschaft verbunden war, wie zwei völlig characterlose Menschen sie überhaupt für einander zu fühlen vermögen, und mit dem er später noch durch enge häusliche Bande verknüpft wurde.
Marlborough.
Marlborough war in einer ganz andren Lage als die anderen Diener Wilhelm’s. Lloyd konnte Russell, Bulkeley konnte Godolphin Eröffnungen machen. Aber alle Agenten des verbannten Hofes hielten sich fern von dem Verräther von Salisbury. Jene schmachvolle Nacht schien den meineidigen Deserteur für immer von dem Fürsten getrennt zu haben, den er in’s Unglück gestürzt hatte. Jakob hatte noch in der äußersten Bedrängniß, als seine Armee im vollen Rückzuge begriffen war und sein ganzes Königreich sich gegen ihn erhoben hatte, erklärt, daß er Churchill nie und nimmer vergeben werde. Der Name Churchill war bei allen Jakobiten gründlich verhaßt, und in der Prosa wie in den Versen, welche täglich aus ihren geheimen Pressen hervorgingen, wurde ihm unter den vielen Verräthern der damaligen Zeit bezüglich der Infamie die erste Stelle angewiesen. In der aus der Revolution entsprungenen Ordnung der Dinge war er einer der Großen England’s, von hohem Range im Staate wie im Heere. Er war zum Earl creirt worden und spielte eine bedeutende Rolle bei der Militärverwaltung. Die directen und indirecten Emolumente der Stellen und Commandos, die ihm von der Krone verliehen worden waren, schätzte man bei der holländischen Gesandtschaft auf zwölftausend Pfund Sterling jährlich. Im Fall einer Contrerevolution schien er nichts als eine Dachstube in Holland oder ein Schaffot auf Tower Hill zu erwarten zu haben. Man hätte daher denken sollen, daß er seinem neuen Gebieter mit Treue dienen werde, wenn auch nicht mit der Treue Nottingham’s, welche die Treue der Gewissenhaftigkeit, nicht mit der Treue Portland’s, welche die Treue der Zuneigung war, so doch mit der nicht minder beharrlichen Treue der Verzweiflung.
Die, welche das glaubten, kannten Marlborough nur wenig. Auf seine Fertigkeit im Täuschen vertrauend, beschloß er, da die jakobitischen Agenten ihn nicht mehr aufsuchten, sie aufzusuchen. Zu dem Ende ließ er den Obersten Eduard Sackville um eine Unterredung bitten.
Sackville war über das Ansuchen erstaunt und nicht sonderlich erfreut. Er war ein starrsinniger Cavalier aus der alten Schule. In den Tagen des papistischen Complots war er verfolgt worden, weil er mannhaft sagte, was er über Oates und Bedloe dachte und was jetzt Jedermann über sie denkt.[64] Seit der Revolution hatte er für König Jakob seinen Kopf auf’s Spiel gesetzt, war von Beamten mit Verhaftsbefehlen verfolgt und in einer Proklamation, an welcher Marlborough selbst Theil gehabt, als ein Verräther bezeichnet worden.[65] Nicht ohne Widerstreben überschritt der standhafte Royalist die Schwelle des Abtrünnigen. Doch er wurde für seine Ueberwindung durch das erbauliche Schauspiel einer so qualvollen Reue belohnt, wie er sie noch nie gesehen. „Wollen Sie,” fragte ihn Marlborough, „mein Fürsprecher beim Könige sein? Wollen Sie ihm sagen, was ich leide? Meine Verbrechen erscheinen mir jetzt in ihrem wahren Lichte und ich schaudere entsetzt vor ihnen zurück. Der Gedanke an sie verfolgt mich Tag und Nacht. Ich setze mich zu Tische, aber ich kann nicht essen. Ich werfe mich auf mein Bett, aber ich kann nicht schlafen. Ich bin bereit Alles zu opfern, Allem zu trotzen, mein ganzes irdisches Glück preiszugeben, wenn ich nur von dem Jammer eines verwundeten Herzens befreit werden kann.” Wenn man dem äußeren Anschein trauen durfte, so empfand dieser große Sünder eine ebenso aufrichtige Reue wie David oder Petrus. Sackville berichtete seinen Freunden was geschehen war. Sie mußten anerkennen, daß, wenn der Erzverräther, der bisher seinem Gewissen und der öffentlichen Meinung die nämliche kalte und heitere Unerschrockenheit entgegengestellt hatte, die ihn auf dem Schlachtfelde auszeichnete, wirklich angefangen habe, Reue zu fühlen, es absurd sein würde, seiner Unwürdigkeit halber die unschätzbaren Dienste zurückzuweisen, die er der guten Sache zu leisten vermochte. Er war Mitglied des inneren Rathes; er bekleidete ein hohes Commando in der Armee; er war unlängst mit der Leitung wichtiger militärischer Operationen betraut worden und wurde ohne Zweifel auf’s Neue damit betraut. Es war allerdings wahr, daß kein Andrer eine so schwere Schuld auf sich geladen hatte; aber es war nicht minder wahr, daß kein Andrer die Macht hatte, seine Schuld in gleichem Umfange wieder gut zu machen. Wenn er aufrichtig war, konnte er sicherlich die Verzeihung verdienen, nach der ihn so sehr verlangte. Aber war er auch aufrichtig, hatte er nicht noch am Vorabende seines Verbrechens eben so laut seine Loyalität betheuert? Er mußte auf die Probe gestellt werden. Sackville und Lloyd wendeten mehrere Proben an. Marlborough wurde aufgefordert, vollständigen Aufschluß über die Stärke und Vertheilung sämmtlicher Divisionen der englischen Armee zu geben, und er that es. Er wurde aufgefordert, den ganzen Plan des bevorstehenden Feldzuges zu enthüllen, und er that es. Die Häupter der Jakobiten spähten sorgfältig nach Ungenauigkeiten in seinen Berichten, konnten aber keine finden. Man hielt es für einen noch stärkeren Beweis von seiner Treue, daß er werthvolle Auskunft über das gab, was im Bureau des Staatssekretärs vorging. Gegen einen eifrigen Royalisten war eine Aussage beschworen worden. Gegen einen andren war ein Verhaftsbefehl im Werke. Diese Mittheilungen retteten mehrere Mißvergnügte vom Gefängniß, wenn nicht vom Galgen, und sie konnten nicht umhin, einige Nachsicht gegen den erwachten Sünder zu fühlen, dem sie so viel verdankten.
Er jedoch machte in seinen geheimen Unterredungen mit seinen neuen Bundesgenossen keinen Anspruch auf Verdienst. Er verlange kein Vertrauen, sagte er. Wie könne er nach den Schändlichkeiten, die er an dem besten aller Könige begangen, hoffen, daß man ihm je wieder Vertrauen schenken werde? Es sei genug für einen Sünder wie er, wenn man ihm gestatte, mit Gefahr seines Lebens dem gnädigen Gebieter, den er in der That schändlich beleidigt, den er aber nie aufgehört habe zu lieben, wenigstens einen Ersatz zu leisten. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß er im Sommer die englischen Truppen in Flandern befehligen werde. Wünsche man, daß er sie alle mit einem Male in’s französische Lager hinüberführe? Wenn dies der Wille des Königs sei, so werde er zusehen, daß er es möglich mache. Im Ganzen aber halte er es für besser, bis zur nächsten Parlamentssession zu warten. Hierauf deutete er einen Plan zur Vertreibung des Usurpators vermittelst der englischen Legislatur und der englischen Armee an, den er später ausführlicher entwickelte. Inzwischen hoffe er, daß Jakob Godolphin nicht befehlen werde, das Schatzamt zu verlassen. Ein Privatmann könne für die gute Sache wenig thun. Ein Mann aber, der die nationalen Finanzen leite und in die wichtigsten Staatsgeheimnisse eingeweiht sei, könne unschätzbare Dienste leisten.
Marlborough’s vorgebliche Reue täuschte Diejenigen, welche die Angelegenheiten Jakob’s in London leiteten, so vollkommen, daß sie Lloyd mit der frohen Botschaft, daß der verstockteste aller Rebellen wunderbar in einen loyalen Unterthan verwandelt werden sei, nach Frankreich schickten. Die Nachricht erfüllte Jakob mit Entzücken und Hoffnung. Wäre er ein weiser Fürst gewesen, so würde sie nur Widerwillen und Mißtrauen in ihm erweckt haben. Es war thöricht zu glauben, daß ein Mann, dessen Herz wirklich von Reue und Scham über einen Act der Treulosigkeit erfüllt war, sich entschließen würde, sein Gewissen durch einen neuen, eben so abscheulichen und eben so entehrenden Act der Treulosigkeit zu erleichtern. Die versprochene Sühne war so schändlich und erniedrigend, daß sie nie von einem Manne dargeboten werden konnte, der den aufrichtigen Wunsch hegte, vergangene Schändlichkeit und Ehrlosigkeit wieder gut zu machen. Die Wahrheit war, daß Marlborough, als er den Jakobiten sagte, sein Schuldbewußtsein verhindere ihn, am Tage zu essen, und des Nachts zu schlafen, sie im Stillen auslachte. Der Verlust einer halben Guinee würde viel eher im Stande gewesen sein, ihm den Appetit zu verderben und seinen Schlummer zu stören, als alle Schrecken eines bösen Gewissens. Seine Anerbietungen bewiesen in Wirklichkeit nichts weiter, als daß sein früheres Verbrechen nicht aus einem ordnungswidrigen Eifer für die Interessen seines Vaterlandes und seiner Religion, sondern aus einer tiefen und unheilbaren moralischen Verderbtheit entsprungen war, die den ganzen Menschen ergriffen hatte. Jakob aber konnte theils aus Beschränktheit, theils aus Egoismus in keiner Handlung, die ihm Nutzen brachte, etwas Unmoralisches erblicken. Gegen ihn conspiriren, ihn verrathen, einen ihm geschworenen Eid der Treue brechen, dies waren Verbrechen, für welche keine Strafe, weder in dieser noch in jener Welt, zu streng sein konnte. Aber seine Feinde umbringen, das seinen Feinden gegebene Wort brechen, war nicht nur etwas Unschuldiges, sondern etwas Lobenswerthes. Der Abfall zu Salisbury war das ärgste Verbrechen gewesen, denn es hatte ihn ins Unglück gestürzt. Ein ähnlicher Abfall in Flandern wäre etwas Ehrenvolles gewesen, denn er konnte ihn wieder auf den Thron bringen.
Der Bußfertige wurde von seinen jakobitischen Freunden benachrichtigt, daß ihm verziehen sei. Diese Nachricht war ihm zwar höchst willkommen, aber es bedurfte noch etwas mehr, um seinen verlornen Seelenfrieden wiederherzustellen. Dürfe er nicht hoffen, zwei Zeilen von der Hand des Königs zu erhalten, worin ihm Verzeihung zugesichert würde? Er verlange dies natürlich nicht um seinetwillen, sondern er sei überzeugt, daß er mit einem solchen Dokumente in der Hand einige Personen von hohem Ansehen, die nur deshalb zu dem Usurpator hielten, weil sie glaubten, daß sie von dem legitimen Könige keine Gnade zu erwarten hätten, auf den rechten Weg zurückführen könne. Sie würden zu ihrer Pflicht zurückkehren sobald sie sähen, daß selbst dem schwersten aller Verbrecher in Rücksicht auf seine Reue, großmüthig vergeben worden sei. Das Versprechen wurde niedergeschrieben, abgeschickt und sorgfältig aufbewahrt. Marlborough hatte jetzt seinen Zweck erreicht, den er mit Russell und Godolphin gemeinschaftlich verfolgte. Allein er hatte noch andere Zwecke, an die weder Russell noch Godolphin je gedacht. Es ist, wie wir nachher sehen werden, starker Grund zu der Annahme vorhanden, daß dieser kluge, tapfere und gewissenlose Mann auf einen Plan sann, der seines fruchtbaren Geistes und seines tollkühnen Muthes nicht minder würdig war als seines völlig verderbten Herzens, einen Plan, der, wenn er nicht auf sonderbare Weise vereitelt worden wäre, Wilhelm, ohne Nutzen für Jakob, in’s Verderben gestürzt und den vom Glück begünstigten Verräther zum Beherrscher England’s und zum Schiedsrichter Europa’s gemacht haben würde.
Wilhelm kehrt auf den Continent zurück.
So standen die Sachen, als Wilhelm nach einem kurzen und vielbeschäftigten Aufenthalte in England im Mai 1690 wieder nach dem Continent aufbrach, wo der regelmäßige Feldzug beginnen sollte. Er nahm Marlborough mit sich, dessen Talente er richtig würdigte und von dessen neuerlichen Unterhandlungen mit Saint-Germains er nicht die leiseste Ahnung hatte. Im Haag wurden mehrere wichtige militärische und politische Berathungen gepflogen, und die ausgezeichnetsten Soldaten und Staatsmänner der Vereinigten Provinzen fühlten bei jeder Gelegenheit die Superiorität des feingebildeten Engländers. Heinsius pflegte noch lange nachher ein Gespräch zu erzählen, das damals zwischen Wilhelm und dem Fürsten von Vaudemont, einem der geschicktesten Heerführer in holländischen Diensten stattfand. Vaudemont sprach sich sehr günstig über mehrere englische Offiziere aus, unter anderen über Talmash und Mackay; Marlborough aber stellte er unvergleichbar hoch über alle anderen. „Er besitzt alle Vorzüge eines Generals, schon sein Blick verräth dies. Es kann nicht fehlen, daß er noch etwas Großes vollbringt.” — „Ich glaube in der That, Vetter,” antwortete der König, „daß Mylord Alles bewahrheiten wird, was Sie von ihm gesagt haben.”
Es dauerte noch eine Weile, ehe die militärischen Operationen begannen. Wilhelm brachte diese Pause in seinem geliebten Parke von Loo zu. Marlborough verweilte einige Tage daselbst und wurde dann mit dem Befehle nach Flandern geschickt, alle englischen Streitkräfte zusammenzuziehen, in der Nähe von Brüssel ein Lager zu bilden und Alles für die Ankunft des Königs bereit zu halten.
Jetzt hatte Marlborough Gelegenheit, die Aufrichtigkeit der Versicherungen zu beweisen, durch die er von einem Herzen, das er selbst als härter denn ein marmorner Kaminsims bezeichnet, Verzeihung eines Vergehens erlangt hatte, das selbst ein weiches Gemüth mit tödtlichem Hasse erfüllt haben würde. Er erhielt aus Saint-Germains eine Botschaft, welche die augenblickliche Erfüllung seines Versprechens verlangte, an der Spitze seiner Truppen überzugehen. Man sagte ihm, dies sei der größte Dienst, den er der Krone leisten könne. Er habe sein Wort darauf gegeben, und der gnädige Gebieter, der alle vergangenen Fehler verziehen, erwarte mit Zuversicht, daß er sein Wort halten werde. Der Heuchler wich der Aufforderung mit characteristischer Gewandtheit aus. Er entschuldigte sich in den ehrerbietigsten und liebevollsten Ausdrücken, daß er dem königlichen Befehle nicht sofort nachkomme. Das Versprechen, dessen Erfüllung man von ihm verlange, sei nicht ganz richtig verstanden worden, es habe auf Seiten der Abgesandten ein Mißverständniß stattgefunden. Das Uebergehen eines oder zweier Regimenter würde mehr schaden als nützen; das Uebergehen einer ganzen Armee aber erfordere viel Zeit und große Vorsicht.[66] Während Jakob über diese Entschuldigungen murrte und wünschte, daß er nicht ganz so versöhnlich gewesen sein möchte, kam Wilhelm im Hauptquartier der verbündeten Streitkräfte an und übernahm das Obercommando.
Der Feldzug von 1691 in Flandern.
Die militärischen Operationen in Flandern begannen Anfangs Juni wieder und endeten mit dem Schlusse des Septembers. Es fand jedoch kein wichtiger Zusammenstoß statt. Die beiden Armeen machten Märsche und Contremärsche, rückten einander näher und entfernten sich wieder. Eine Zeit lang standen sie sich auf weniger als eine Meile gegenüber. Aber weder Wilhelm noch Luxemburg wollten anders als mit Vortheil losschlagen und Keiner ließ dem Andren einen Vortheil. So ereignißleer der Feldzug war, ist er doch in einer Beziehung interessant. Seit mehr als einem Jahrhundert hatte unser Land keine große Armee abgesandt, um außerhalb der Britischen Inseln Krieg zu führen. Unsre Aristokratie war daher schon längst kein militärischer Stand mehr, die Edelleute Frankreich’s, Deutschland’s und Holland’s waren in der Regel Soldaten. Es würde wahrscheinlich nicht leicht gewesen sein, in dem glänzenden Zirkel, welcher Ludwig in Versailles umgab, einen einzigen Marquis oder Vicomte von vierzig Jahren zu finden, der nicht einer Schlacht oder einer Belagerung beigewohnt hätte. Aber die große Mehrzahl unserer Peers, Baronets und reichen Esquires hatte nie gedient, außer bei der Miliz und hatte nie an einer ernsteren militärischen Action Theil genommen als der Unterdrückung eines Aufstandes oder der Säuberung der Straßen bei einem Aufzuge. Die Generation, welche bei Edgehill und Lansdowne gefochten hatte, war so ziemlich ausgestorben. Die Kriege Karl’s II. waren fast nur Seekriege gewesen. Unter seiner Regierung war daher der Seedienst entschieden mehr in der Mode als der Landdienst, und zu wiederholten Malen, wenn unsre Flotte unter Segel ging, um gegen die Holländer zu kämpfen, hatte sich der Adel in solcher Masse an Bord begeben, daß unsere Parks und Theater verödeten. Im Jahre 1691 endlich erschien zum ersten Male seit der Belagerung von Boulogne durch Heinrich VIII. eine englische Armee unter Anführung eines englischen Königs auf dem Continent. Ein Feldlager, das zugleich ein Hoflager war, hatte einen unwiderstehlichen Reiz für viele junge Patrizier, die von natürlichem Muthe und von dem Wunsche beseelt waren, die Gunst zu erlangen, welche Männer von ausgezeichneter Tapferkeit bei den Frauen zu allen Zeiten gefunden haben. Als Freiwilliger in Flandern zu dienen, wurde eine wahre Manie unter den eleganten Herren, die im Saint James-Kaffeehause ihre wallenden Perrücken kämmten und ihre parfümirten Prisen austauschten. Wilhelm’s Hauptquartier wurde durch eine Masse glänzender Equipagen und durch eine rasche Aufeinanderfolge prächtiger Bankette belebt. Denn viele von den hochgebornen und tapferen jungen Männern, die zu seiner Fahne eilten, waren zwar vollkommen bereit, dem Feuer einer Batterie zu trotzen, deshalb aber keineswegs geneigt, sich den Luxus zu versagen, der sie in Soho Square umgeben hatte. Nach wenigen Monaten brachte Shadwell diese tapferen Stutzer und Epikuräer auf die Bühne. Die Stadt wurde durch den Character eines muthigen, aber verschwenderischen und verzärtelten Gecken erheitert, der es nicht erwarten kann, mit den besten Männern unter den französischen Haustruppen den Degen zu kreuzen, der aber ganz betrübt ist, als er erfährt, daß es ihm schwer werden wird, jeden Tag während des Sommers seinen Champagner in Eis zu bekommen. Er hat Köche, Zuckerbäcker und Wäscherinnen, eine ganze Wagenladung Silbergeschirr, eine Garderobe betreßter und gestickter Anzüge und eine Menge prächtiger Zeltmöbeln bei sich, deren Muster von einem Kreise schöner Damen ausgewählt worden sind.[67]
Während die feindlichen Armeen in Flandern einander beobachteten, wurden in anderen Gegenden Europa’s die Feindseligkeiten etwas energischer betrieben. Die Franzosen errangen in Catalonien und Piemont einige Vortheile. Ihre türkischen Alliirten, welche im Osten die Besitzungen des Kaisers bedrohten, wurden von Ludwig von Baden in einer großen Schlacht geschlagen. Nirgends aber waren die Ereignisse des Sommers so wichtig als in Irland.
Der Krieg in Irland.
Vom October 1690 bis zum Mai 1691 war keine große militärische Operation in diesem Königreiche unternommen worden. Das Gebiet der Insel war während des Winters und Frühjahrs nicht ungleich zwischen die streitenden Volksstämme getheilt. Ganz Ulster, der größte Theil von Leinster und etwa ein Drittel von Munster hatte sich den Engländern unterworfen. Ganz Connaught, der größere Theil von Munster und einige Grafschaften von Leinster waren im Besitz der Irländer. Die gewundene Grenzlinie, welche Wilhelm’s Garnison bildete, lief in nordöstlicher Richtung von der Bai von Castlehaven nach Mallow, zog sich dann noch weiter gegen Osten und ging bis Cashel. Von Cashel ging die Linie nach Mullingar, von Mullingar nach Longford und von Longford nach Cavan, zog sich an der Westseite des Ernesees hin und stieß bei Ballyshannon wieder in den Ocean.[68]
Zustand des englischen Theils von Irland.
Auf der englischen Seite dieser Grenzmark herrschte eine rohe und unvollkommene Ordnung. Zwei Lords Justices, Coningsby und Porter, denen ein Geheimer Rath zur Seite stand, repräsentirten den König Wilhelm im Schlosse zu Dublin. Richter, Sheriffs und Friedensrichter waren ernannt, und in mehreren Grafschaftsstädten wurden nach langer Zeit wieder Assisen gehalten. Die Colonisten hatten sich inzwischen zu einer starken Miliz formirt unter dem Commando von Offizieren, welche von der Krone ernannt waren. Die Milizen der Hauptstadt bestanden aus zweitausendfünfhundert Mann Infanterie, zwei Schwadronen Reiter und zwei Schwadronen Dragoner, lauter Protestanten und alle wohl bewaffnet und equipirt.[69] Am 4. November, Wilhelm’s Geburtstage, und am 5., dem Jahrestage seiner Landung zu Torbay, erschien diese ganze Streitmacht in all’ ihrem kriegerischen Pompe. Die besiegten und entwaffneten Eingebornen sahen mit unterdrücktem Aerger und Zorn den Triumph der Kaste, die sie fünf Monate früher ungestraft unterdrückt und ausgeplündert hatten. Die Lords Justices begaben sich in feierlichem Aufzuge nach der Kathedrale St. Patrick; die Glocken läuteten, Freudenfeuer wurden angezündet, auf den Straßen wurden Fässer voll Ale und Claret ausgeschenkt, in College Green wurde Feuerwerk abgebrannt, eine zahlreiche Gesellschaft von Edelleuten und öffentlichen Beamten war im Schlosse zu einem Festmahle vereinigt, und beim zweiten Gange schmetterten die Trompeten und der Herold von Ulster proklamirte in lateinischer, französischer und englischer Sprache Wilhelm und Marien zum König und zur Königin von Großbritannien, Frankreich und Irland von Gottes Gnaden.[70]
In dem Gebiete, wo der sächsische Volksstamm der herrschende war, hatten Handel und Industrie schon wieder aufzuleben begonnen. Die kupfernen Scheidemünzen, welche das Bild und die Umschrift Jakob’s trugen, machten dem Silber Platz. Die Flüchtlinge, die sich nach England begeben hatten, kehrten in Masse zurück, und durch ihre Intelligenz, ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit wurde die durch zweijährige Unordnung und Beraubung verursachte Verwüstung bald theilweise wieder gut gemacht. Schwer befrachtete Kauffahrer segelten beständig über den St. Georgskanal hin und her. Die Einnahme der Zollämter auf der Ostküste, von Cork bis Londonderry beliefen sich in sechs Monaten auf siebenundsechzigtausendfünfhundert Pfund, eine Summe, die selbst in den blühendsten Zeiten für außerordentlich gegolten haben würde.[71]
Die innerhalb des englischen Gebiets zurückgebliebenen Irländer waren allesammt der englischen Herrschaft feindlich gesinnt. Sie waren daher einem strengen Polizeisystem unterworfen, der natürlichen, wenn auch beklagenswerthen Folge großer Gefahr und heftiger Provocationen. Ein Papist durfte weder einen Degen noch ein Schießgewehr haben. Er durfte sich nicht weiter als drei Meilen aus seinem Kirchspiele entfernen, außer an einem Markttage in die Marktstadt. Damit er seinen Brüdern, welche die westliche Hälfte der Insel bewohnten, keine Nachrichten oder Beistand zukommen lassen konnte, war ihm verboten, innerhalb zehn Meilen von der Grenze zu wohnen. Damit sein Haus nicht ein Versammlungsort für Mißvergnügte wurde, war ihm untersagt, geistige Getränke im Einzelnen zu verkaufen. Eine Proclamation kündigte an, daß, wenn das Eigenthum eines Protestanten durch Räuber beschädigt würde, sein Verlust ihm auf Kosten seiner papistischen Nachbarn ersetzt werden sollte. Eine andre that kund und zu wissen daß, wenn ein Papist, der nicht seit wenigstens drei Monaten sein Domicil in Dublin habe, daselbst gefunden wurde, als Spion betrachtet werden solle. Nicht mehr als fünf Papisten durften sich unter irgend welchem Vorwande in der Hauptstadt oder deren Umgebung versammeln. Ohne Schutz von Seiten der Regierung war kein Mitglied der römischen Kirche sicher, und die Regierung gewährte diesen Schutz keinem Mitgliede der römischen Kirche, das einen Sohn in der irischen Armee hatte.[72]
Trotz aller Vorsicht und Strenge fanden jedoch die Celten manche Gelegenheiten, heimtückische Rache zu üben. Häuser und Scheunen wurden häufig angezündet, Soldaten wurden nicht selten ermordet, und es war kaum möglich, die Missethäter, welche die Sympathien der ganzen Bevölkerung für sich hatten, zu bestrafen. Bei solchen Gelegenheiten wagte die Regierung zuweilen Maßregeln, welche mehr einer türkischen als einer englischen Verwaltung angemessen schienen. Eine dieser Maßregeln wurde ein Lieblingsthema für jakobitische Pamphletisten und war der Gegenstand einer ernsten parlamentarischen Untersuchung zu Westminster. Sechs Musketiere wurden nur wenige Meilen von Dublin ermordet aufgefunden. Die Bewohner des Dorfes, in welchem das Verbrechen begangen worden war, wurden, Männer, Frauen und Kinder, wie Schafe in das Schloß getrieben, wo der Geheime Rath Sitzung hielt. Dem einen der Mörder, Namens Gafney, sank der Muth. Er willigte ein, als Zeuge zu dienen, wurde vom Rathe verhört, gestand seine Schuld ein und nannte einige seiner Mitschuldigen. Er wurde dann ins Gefängniß zurückgebracht; aber ein Priester erlangte auf einige Minuten Zutritt bei ihm. Was während dieser wenigen Minuten vorging, zeigte sich als er zum zweiten Male vor den Geheimen Rath gestellt wurde. Er hatte die Frechheit zu leugnen, daß er irgend etwas gestanden, noch irgend Jemanden angeklagt habe. Die Zuhörenden von denen mehrere sein Geständniß niedergeschrieben hatten, waren empört über seine Unverschämtheit. „Ihr seid ein Hallunke! Ihr seid ein Schurke!” riefen die Lords Justices aus; „Ihr sollt gehängt werden! Wo ist der Generalprofoß?” Der Generalprofoß kam. „Nehmt diesen Mann,” sagte Coningsby, auf Gafney zeigend, „nehmt diesen Mann und hängt ihn auf.” Es war kein Galgen bereit, aber eine Kanonenlaffette vertrat die Stelle, und der Gefangene wurde augenblicklich aufgeknüpft, ohne Untersuchung, ohne nur einen schriftlichen Befehl zur Hinrichtung, und dies obgleich die Gerichtshöfe nur einige hundert Schritt davon versammelt waren. Das englische Haus der Gemeinen resolvirte einige Jahre später nach langer Discussion ohne Abstimmung, daß der Befehl zur Hinrichtung Gafney’s willkürlich und ungesetzlich sei, daß aber Coningsby’s Fehler durch die Umstände, die dabei obwalteten, so gemildert werde, daß er keinen geeigneten Gegenstand zu einer Anklage abgebe.[73]
Und nicht nur durch die unversöhnliche Feindschaft der Irländer wurde der Sachse des englischen Districts damals beunruhigt. Seine Verbündeten belästigten ihn fast eben so sehr als seine Heloten. Der Hülfe fremder Truppen bedurfte er allerdings sehr nöthig; aber sie war theuer erkauft. Selbst Wilhelm, der die ganze Civil- und Militärgewalt in sich vereinigte, hatte es als schwierig erkannt, in einer Armee, die aus vielen Ländern zusammengebracht war und großentheils aus Söldlingen bestand, welche gewohnt waren, auf Kosten Anderer zu leben, die Disciplin aufrecht zu erhalten. Die Gewalten, die er in sich vereinigt gehabt hatte, waren jetzt getheilt und wiedergetheilt. Die beiden Lords Justices betrachteten die Civilverwaltung als ihr Departement und überließen die Armee der Leitung Ginkell’s, welcher commandirender General war. Ginkell hielt vortreffliche Ordnung unter den Hülfstruppen aus Holland, die unter seinem unmittelbaren Commando standen. Aber seine Autorität über die Engländer und die Dänen war minder vollkommen, und unglücklicherweise war ihre Löhnung während eines Theils des Winters in Rückstand. Sie entschädigten sich für den Mangel dessen was ihnen zukam durch Excesse und Erpressungen, und es war nicht gut möglich, Leute deshalb streng zu bestrafen, weil sie nicht Lust gehabt hatten, mit den Waffen in der Hand zu darben. Endlich im Frühjahr kamen große Sendungen von Geld und Kriegsvorräthen an; die Soldrückstände wurden bezahlt, die Rationen waren reichlich und eine strengere Disciplin wurde gehandhabt. Aber nur zu viele Spuren von den schlechten Gewohnheiten, welche die Soldaten angenommen hatten, waren bis ans Ende des Kriegs sichtbar.[74]
Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war.
Von dem Theile Irland’s, welcher Jakob noch als König anerkannte, konnte man inzwischen kaum sagen, daß daselbst Gesetzlichkeit, Eigenthumsrecht und Regierung bestanden. Die Katholiken von Ulster und Leinster waren zu Tausenden westwärts geflohen, einen großen Theil des Viehes, das der Verwüstung zweier Schreckensjahre entgangen war, mit sich führend. Die Zufuhr von Lebensmitteln in das celtische Gebiet hielt jedoch bei weitem nicht gleichen Schritt mit dem Zuströmen der Consumenten. Die Lebensbedürfnisse waren knapp. Bequemlichkeiten, an welche jeder kleine Landwirth oder Bürger in England gewöhnt war, konnten sich kaum Edelleute und Generäle erzeugen. Gemünztes Geld war gar nicht zu sehen, außer Stücken von schlechtem Metall, welche Kronen und Schillinge hießen. Die nominellen Preise waren enorm hoch. Ein Quart Ale kostete zwei Schilling sechs Pence, ein Quart Branntwein drei Pfund. Die einzigen Städte von einiger Bedeutung an der westlichen Küste waren Limerick und Galway, und die Kleinhändler in diesen Städten seufzten unter einem so harten Drucke, daß viele von ihnen sich mit den Ueberresten ihrer Waarenlager auf das englische Gebiet stahlen, wo ein Papist zwar auch mannichfache Beschränkungen und Demüthigungen zu ertragen hatte, aber doch für seine Waaren verlangen durfte was er wollte, und den Kaufpreis dafür in Silber erhielt. Die Kaufleute, welche in dem unglücklichen Gebiete zurückblieben, waren ruinirt. Jedes Waarenlager, das etwas Werthvolles enthielt, wurde von Räubern erbrochen, welche vorgaben, daß sie beauftragt seien, Vorräthe für den Staatsdienst herbeizuschaffen, und die Eigenthümer erhielten für Ballen Tuch und Fässer Zucker einige Bruchstücken von alten Kesseln und Tiegeln, die in London oder Paris kein Bettler genommen haben würde. Sobald ein Kauffahrteischiff in der Galwaybai oder im Shannon ankam, wurde es von diesen Räubern weggenommen. Die Ladung wurde fortgeschafft, und der Eigenthümer mußte sich mit demjenigen Quantum Kuhhäuten, Wolle und Talg begnügen, das die Bande, die ihn ausgeplündert, ihm zu geben Lust hatte. Die Folge davon war, daß, während ausländische Waaren massenhaft in die Häfen von Londonderry, Carrickfergus, Dublin, Waterford und Cork strömten, jeder Seemann Limerick und Galway als Piratennester mied.[75]
Der Unterschied zwischen dem irischen Infanteristen und dem irischen Rapparee war niemals genau markirt gewesen. Jetzt verschwand derselbe ganz. Ein großer Theil der Armee streifte ungehindert umher und lebte vom Maraudiren. Ein unaufhörlicher Raubkrieg wüthete längs der ganzen Linie, welche das Gebiet Wilhelm’s von dem Gebiete Jakob’s trennte. Jeden Tag stahlen sich Banden von Freibeutern, zuweilen in bloße Strohgeflechte gekleidet, welche die Stelle der Montur vertraten, auf das englische Gebiet, sengten, raubten und plünderten und eilten dann zurück auf ihren eigenen Grund und Boden. Es war nicht leicht, sich gegen diese Einfälle zu schützen, denn das Landvolk des geplünderten Gebiets sympathisirte stark mit den Plünderern. Den Speicher eines Ketzers auszuleeren, ihm sein Haus anzuzünden und sein Vieh wegzutreiben, galt bei jedem schmutzigen Bewohner einer Lehmhütte für ein gutes Werk. Ein darauf ausgehender Trupp durfte mit Sicherheit erwarten, daß er trotz aller Proklamationen der Lords Justices einen Freund fand, der die reichste Beute, den kürzesten Weg und den sichersten Versteck anzeigte. Die Engländer klagten, daß es nicht leicht sei, einen Rapparee zu fangen. Zuweilen, wenn er Gefahr im Anzuge sah, legte er sich in das lange Gras des Moors nieder, und dann war er eben so schwer zu finden wie ein sitzender Haase. Andere Male sprang er in einen Fluß und lag darin wie eine Otter, nur den Mund und die Nasenlöcher über dem Wasser. Ja, eine ganze Bande solcher Räuber verwandelte sich in einem Nu in eine Truppe harmloser Arbeiter. Jeder von ihnen nahm sein Gewehr auseinander, verbarg das Schloß in seinen Kleidern, verstopfte die Mündung mit einem Korke, das Zündloch mit einem Stifte und warf die Waffe in den nächsten Teich. Dann sah man nichts als eine Schaar armer Bauern, die nicht einmal einen Rock bei sich hatten und deren demüthiges Aussehen und schleichender Gang zu verrathen schien, daß sie willenlose Sklaven seien. Sobald aber die Gefahr vorüber war und das verabredete Zeichen gegeben wurde, eilte Jeder nach der Stelle, wo er seine Waffen verborgen hatte, und bald waren die Räuber in vollem Marsche nach dem Hause eines Protestanten. Die eine Bande drang in Clonmel ein, eine andre marschirte in die Nähe von Maryborough, eine dritte schlug ihr Lager auf einem bewaldeten Eilande festen Bodens in der Mitte des großen Sumpfes von Allen auf, machte die ganze Grafschaft Wicklow unsicher und beunruhigte selbst die Vorstädte von Dublin. Allerdings fielen diese Expeditionen nicht immer glücklich aus. Zuweilen stießen die Plünderer auf Abtheilungen von Miliz oder auf Detachements englischer Garnisonen unter Umständen, wo Verstellung, Flucht und Widerstand gleich unmöglich waren. In solchen Fällen wurde jeder Kerne, der ergriffen ward, ohne alle Umstände am nächsten Baume aufgeknüpft.[76]
Uneinigkeiten unter den Irländern in Limerick.
Im Hauptquartier der irischen Armee gab es während des Winters keine Autorität, die im Stande gewesen wäre, sich auch nur in einem Umkreise von einer Meile Gehorsam zu verschaffen. Tyrconnel war am französischen Hofe und er hatte die oberste Verwaltung in den Händen eines aus zwölf Personen bestehenden Regentschaftsrathes zurückgelassen. Das nominelle Commando der Armee hatte er Berwick übertragen; aber Berwick war, obgleich er sich nachmals als ein Mann von nicht gewöhnlichem Muth und Talent erwies, noch jung und unerfahren. Weder die Welt noch er selbst hatte eine Ahnung von seinen Fähigkeiten,[77] und er unterwarf sich ohne Widerstreben der Vormundschaft eines vom Vicekönig ernannten Kriegsrathes. Weder der Regentschaftsrath noch der Kriegsrath war in Limerick beliebt. Die Irländer beklagten sich, daß Leute, die keine Irländer waren, mit einer wichtigen Rolle bei der Verwaltung betraut worden seien. Am lautesten war das Geschrei gegen einen Offizier, Namens Thomas Maxwell. Denn es war ausgemacht, daß er ein Schotte war, es war zweifelhaft, ob er ein Katholik war, und er hatte seine Abneigung gegen das celtische Parlament, welches die Ansiedlungsacte widerrufen und die Confiscationsacte erlassen hatte, nicht verhehlt.[78] Die Unzufriedenheit, genährt durch die Ränke von Intriganten, unter denen der verschlagene und characterlose Heinrich Luttrell der thätigste gewesen zu sein scheint, brach bald in offene Empörung aus. Es wurde ein großes Meeting gehalten, dem viele Offiziere von der Armee, einige Peers, einige angesehene Juristen und einige Prälaten der römisch-katholischen Kirche beiwohnten, und es wurde resolvirt, daß die Verfassung die von dem Vicekönig eingesetzte Regierung nicht kenne. Irland, hieß es, könne in Abwesenheit des Königs gesetzlich nur durch einen Lord Lieutenant, durch einen Lord Stellvertreter oder durch Lords Justices regiert werden. Der König sei abwesend, der Lord Lieutenant sei abwesend und es gebe weder einen Lord Stellvertreter, noch Lords Justices. Die Acte, durch welche Tyrconnel seine Autorität einer aus seinen Creaturen zusammengesetzten Junta delegirt habe, sei null und nichtig. Die Nation sei daher ohne legitimes Oberhaupt und könne temporäre Maßregeln für ihre Sicherheit treffen, ohne die der Krone schuldige Unterthanentreue zu verletzen. Es wurde eine Deputation an Berwick abgeschickt, um ihm anzukündigen, daß er eine ihm nicht zustehende Gewalt übernommen habe, daß aber trotzdem die Armee und das Volk von Irland ihn gern als ihr Oberhaupt anerkennen wollten, wenn er sich dazu verstehe, in Gemeinschaft mit einem wirklichen irischen Rathe zu regieren. Berwick sprach entrüstet sein Erstaunen darüber aus, daß Militärs sich eigenmächtig, ohne die Erlaubniß ihres Generals versammelten und Berathungen hielten. Sie antworteten ihm, es gebe keinen General, und wenn Se. Gnaden nicht geneigt sei, die Verwaltung unter den proponirten Bedingungen zu übernehmen, so würde ein andrer Führer leicht zu finden sein. Mit großem Widerstreben gab Berwick nach und blieb eine Puppe in einer neuen Klasse von Händen.[79]
Die, welche diese Umwälzung bewerkstelligt hatten, hielten es für klug, eine Deputation nach Frankreich zu schicken, um ihr Verfahren zu rechtfertigen. Mitglieder dieser Deputation waren der katholische Bischof von Cork und die beiden Luttrell. Auf dem Schiffe, das sie von Limerick nach Brest brachte, fanden sie einen Reisegesellschafter, dessen Anwesenheit ihnen keineswegs angenehm war: ihren Feind Maxwell. Sie ahneten, und nicht ohne Grund, daß er ebenfalls nach Saint-Germains ging, aber in ganz andrer Absicht. In der That war Maxwell von Berwick abgesandt, um ihre Schritte zu beobachten und ihre Pläne zu vereiteln. Heinrich Luttrell, der gewissenloseste Mensch von der Welt, schlug vor, die Sache kurz abzumachen, indem man den Schotten ins Meer würfe. Allein der Bischof, der ein gewissenhafter Mann, und Simon Luttrell, der ein Mann von Ehre war, widersetzten sich diesem Gewaltmittel.[80]
Unterdessen gab es in Limerick keine oberste Behörde. Da Berwick sah, daß er keine wirkliche Autorität hatte, vernachlässigte er die Geschäfte gänzlich und gab sich denjenigen Vergnügungen hin, welche der traurige Verbannungsort darbot. Unter den irischen Anführern gab es keinen Mann von hinreichendem Gewicht und Talent, um die Uebrigen im Zaume zu halten. Sarsfield trat eine Zeit lang an die Spitze. Aber Sarsfield war, obgleich im Felde außerordentlich tapfer und thätig, in der Militärverwaltung wenig, und in den Civilgeschäften noch weniger bewandert. Selbst Diejenigen, welche am meisten geneigt waren, seine Autorität zu unterstützen, mußten bekennen, daß sein Character zu vertrauensvoll und nachsichtig war für einen Posten, auf dem man nicht mißtrauisch und streng genug sein konnte. Er glaubte Alles was ihm gesagt wurde, er unterzeichnete Alles was ihm vorgelegt wurde, und die durch seine Nachsicht dreist gemachten Commissare, raubten und betrogen schamloser als je. Tagtäglich zogen sie unter Eskorte von Piken und Feuergewehren aus, um dem Namen nach für den öffentlichen Dienst, in Wahrheit aber für sich selbst, Wolle, Leinwand, Leder, Talg, Haus- und Wirthschaftsgeräthe wegzunehmen, durchsuchten jede Vorrathskammer, jede Garderobe, jeden Keller und vergriffen sich frevelhafterweise selbst an dem Eigenthum von Priestern und Prälaten.[81]
Rückkehr Tyrconnel’s nach Irland.
Zu Anfang des Frühjahrs wurde die Regierung, wenn man sie so nennen darf, deren ostensibles Oberhaupt Berwick war, durch Tyrconnel’s Zurückkunft aufgelöst. Die beiden Luttrell hatten Jakob im Namen ihrer Landsleute dringend gebeten, ein so loyales Volk nicht unter einen so schändlichen und unfähigen Vicekönig zu stellen. Tyrconnel sei alt und hinfällig, sagten sie; er müsse viel schlafen, er verstehe nichts vom Kriege, er sei langsam, parteiisch und raubsüchtig, die ganze Nation traue ihm nicht und hasse ihn. Die von ihm im Stich gelassenen Irländer hätten tapfer Stand gehalten und die siegreiche Armee des Prinzen von Oranien zum Rückzuge gezwungen. Sie hofften bald wieder in einer Stärke von dreißigtausend Mann ins Feld zu rücken und sie beschwörten ihren König, ihnen einen Feldherrn zu senden, der würdig sei, eine solche Streitmacht zu commandiren. Tyrconnel und Maxwell hingegen schilderten die Delegirten als Meuterer, Demagogen und Verräther und drangen in Jakob, Heinrich Luttrell in die Bastille zu schicken, um Mountjoy Gesellschaft zu leisten. Jakob, ganz verwirrt durch diese Anklagen und Gegenanklagen, war lange unschlüssig, und zog sich endlich mit characteristischer Klugheit dadurch aus der Verlegenheit, daß er allen Streitenden schöne Worte sagte und sie zurückschickte, um in Irland selbst ihre Sache auszufechten. Berwick wurde zu gleicher Zeit nach Frankreich zurückberufen.[82]
Tyrconnel wurde in Limerick, selbst von seinen Feinden, mit gebührender Achtung empfangen. So sehr sie ihn auch haßten, konnten sie doch die Gültigkeit seiner Bestallung nicht in Frage stellen, und obwohl sie noch immer behaupteten, daß sie vollkommen berechtigt gewesen seien, während seiner Abwesenheit die von ihm getroffenen verfassungswidrigen Anordnungen zu annulliren, gaben sie doch zu, daß er, wenn anwesend, ihr rechtmäßiges Verwaltungsoberhaupt sei. Er kam nicht ganz ohne Mittel zurück, welche geeignet waren, sie mit ihm auszusöhnen. Er brachte viele gnädige Botschaften und Versprechungen mit, ein Peerspatent für Sarsfield, etwas Geld, das nicht von Kupfer war, und einige Bekleidungsstücke, die sogar noch willkommener waren als Geld. Die neuen Anzüge waren zwar nicht sehr elegant, aber selbst die Generäle waren schon längst mit ihrer Garderobe zu Ende, und unter den Gemeinen gab es nur wenige, deren Uniformen in einem blühenderen Lande zur Bekleidung einer Vogelscheuche für genügend erachtet worden wären. Jetzt endlich konnte sich seit vielen Monaten zum ersten Male wieder jeder gemeine Soldat rühmen, ein Paar Beinkleider und ein Paar Holzschuhe zu besitzen. Der Vicekönig war außerdem ermächtigt anzukündigen, daß ihm bald mehrere mit Lebensmitteln und Kriegsvorräthen beladene Schiffe folgen würden. Diese Mittheilung war den Truppen, die seit langer Zeit kein Brot und kein stärkeres Getränk als Wasser hatten, höchst willkommen.[83]
Die Zufuhren wurden mehrere Wochen mit Ungeduld erwartet. Endlich war Tyrconnel genöthigt sich einzuschließen, denn sobald er sich öffentlich blicken ließ, liefen ihm die Soldaten nach und schrien um Nahrung. Selbst das Rindfleisch und Hammelfleisch, das, halb roh und halb verbrannt, ohne Zuspeise und ohne Salz, die Armee bisher erhalten hatte, war selten geworden und die Gemeinen bereits auf Pferdefleischrationen gesetzt, als endlich die verheißenen Segel in der Mündung des Shannon erschienen.[84]
Ankunft einer französischen Flotte in Limerick; Saint-Ruth.
Ein ausgezeichneter französischer General, Namens Saint-Ruth, war mit seinem Stabe an Bord. Er brachte ein Patent mit, das ihn zum Oberbefehlshaber der irischen Armee ernannte. Das Patent erklärte zwar nicht ausdrücklich, daß er von der viceköniglichen Autorität unabhängig sein sollte; aber Jakob hatte ihm versichert, daß Tyrconnel geheime Instructionen erhalten werde, sich nicht in die Kriegführung einzumischen. Saint-Ruth war ein andrer General, Namens D’Usson, zur Unterstützung beigegeben. Die französischen Schiffe brachten einige Waffen, etwas Munition, und einen reichen Vorrath von Getreide und Mehl mit. Der Muth der Irländer lebte wieder auf und das Te Deum wurde mit inbrünstiger Andacht in der Kathedrale von Limerick gesungen.[85]
Tyrconnel hatte noch keine Anstalten zu dem bevorstehenden Feldzuge getroffen. Saint-Ruth aber ging, sobald er gelandet war, mit Energie daran, die verlorne Zeit wieder einzubringen. Er war ein Mann von Muth, Thatkraft und Entschlossenheit, aber von barschem und gebieterischem Character. In seinem Lande war er als der unbarmherzigste Verfolger berühmt, der je mit seinen Dragonern die Hugenotten in die Messe getrieben hatte. Englische Whigs behaupteten, er sei in Frankreich unter dem Spottnamen des Henkers bekannt, in Rom hätten selbst die Cardinäle ihren Abscheu vor seinen Grausamkeiten geäußert, und sogar die Königin Christine, die gewiß wenig Ursache habe, über Blutvergießen zu erschrecken, habe sich mit Widerwillen von ihm abgewandt. Er hatte unlängst ein Commando in Savoyen bekleidet, die in französischen Diensten stehenden irischen Regimenter hatten einen Theil seiner Armee gebildet, und sie hatten sich ausgezeichnet benommen. Deshalb traute man ihm ein besonderes Talent zur Führung irischer Truppen zu. Aber es war ein großer Unterschied zwischen den gut gekleideten, gut bewaffneten und gut eingeübten Irländern, die er kannte, und den zerlumpten Räubern, die er in den Straßen von Limerick herumstreichen sah. Gewöhnt an den Glanz und die Disciplin französischer Lager und Garnisonen, sah er mit Ekel, daß in dem Lande, in das er gesandt worden war, ein Infanterieregiment einen Haufen Menschen bedeutete, so nackt, so schmutzig und so verwildert wie die Bettler, die auf dem Kontinent die Thüren eines Klosters belagerten oder einer bergauf fahrenden Diligence nachliefen. Mit schlecht verhehltem Widerwillen ging er indessen kräftig ans Werk, diese wunderlichen Soldaten zu discipliniren, und war Tag und Nacht im Sattel, um von Posten zu Posten, von Limerick nach Athlone, von Athlone nach dem nördlichen Ende des Reasees und vom Reasee nach Limerick zu galoppiren.[86]
Die Engländer rücken ins Feld.
Es war in der That auch nothwendig, daß er sich beeilte, denn wenige Tage nach seiner Ankunft erfuhr er, daß auf der andren Seite des sächsischen Gebiets Alles zur Action bereit war. Der größere Theil der englischen Truppen war vor Ende des Monats Mai in der Nähe von Mullingar zusammengezogen. Ginkell war Oberbefehlshaber. Er hatte unter sich die nächst Marlborough zwei besten Offiziere, deren sich unsre Insel damals rühmen konnte: Talmash und Mackay. Der Marquis von Ruvigny, der erbliche Anführer der Refugiés und ältere Bruder des tapferen Caillemot, der am Boyne gefallen war, hatte sich mit dem Range eines Generalmajors der Armee angeschlossen. Der Lord Justice Coningsby, obgleich kein Soldat von Profession, kam von Dublin, um den Eifer der Truppen zu beleben. Das Aussehen des Lagers bewies, daß das vom englischen Parlamente bewilligte Geld nicht gespart worden war. Die Uniformen waren neu, das glänzende Scharlachroth der Reihen blendete das Auge, und der Artillerietrain war so, wie man ihn in Irland noch nie gesehen hatte.[87]
Fall von Ballymore.
Am 6. Juni verlegte Ginkell sein Hauptquartier von Mullingar weg und am 7. erreichte er Ballymore. Zu Ballymore stand auf einer von einem sumpfartigen See umgebenen Halbinsel eine alte Festung, welche kürzlich unter Sarsfield’s Leitung verstärkt worden war und die von mehr als tausend Mann vertheidigt wurde. Die englischen Geschütze wurden sofort gegen dieselbe aufgefahren, und schon nach wenigen Stunden hatten die Belagerer die Freude, die Belagerten wie Kaninchen von einer Schutzwehr zur andren laufen zu sehen. Der Gouverneur, der zuerst eine sehr trotzige Sprache geführt hatte, bat demüthiglich um Pardon und erhielt ihn. Die ganze Garnison wurde nach Dublin dirigirt. Nur acht von den Siegern waren gefallen.[88]
Ginkell verwendete einige Tage auf die Ausbesserung der Vertheidigungswerke von Ballymore. Diese Arbeit war kaum beendigt, als die dänischen Hülfstruppen unter dem Commando des Herzogs von Würtemberg zu ihm stießen. Die ganze Armee marschirte hierauf westwärts und erschien am 19. Juni vor den Mauern von Athlone.[89]
Belagerung und Fall von Athlone.
Athlone war, vom militärischen Gesichtspunkte, vielleicht der wichtigste Platz auf der Insel. Rosen, der den Krieg gut verstand, hatte stets behauptet, daß sich dort die Irländer mit dem meisten Vortheile gegen die Engländer würden halten können.[90] Die von Erdwällen umgebene Stadt lag zum Theil in Leinster und zum Theil in Connaught. Der in Leinster liegende englische Stadttheil hatte einst aus neuen und hübschen Häusern bestanden, war aber vor einigen Monaten von den Irländern in Brand gesteckt worden und lag jetzt in Trümmern. Der in Connaught liegende irische Stadttheil war alt und schlecht gebaut.[91] Der Shannon, der die Grenze zwischen beiden Provinzen bildet, wälzte sich als ein tiefer und reißender Strom durch Athlone und setzte zwei große Mühlen in Bewegung, welche auf den Bögen einer steinernen Brücke standen. Oberhalb der Brücke, auf der Connaughter Seite, erhob sich ein angeblich vom König Johann erbautes Schloß von siebzig Fuß Höhe, das sich zweihundert Fuß am Flusse hin erstreckte. Funfzig bis sechzig Schritt unterhalb der Brücke war eine schmale Furth.[92]
In der Nacht des 19. fuhren die Engländer ihre Geschütze auf. Am Morgen des 20. begann das Bombardement und um fünf Uhr Nachmittags wurde ein Sturm unternommen. Ein tapfrer französischer Refugié war der Erste, der mit einer Granate in der Hand die Bresche erklomm und fiel, mit seinem letzten Athemzuge seine Landsleute zum Sturm anfeuernd. Solcher Art waren die tapfren Männer, welche Ludwig’s Bigotterie abgesandt hatte, um in der Zeit seiner äußersten Noth die Armeen seiner bittersten Feinde zu verstärken. Das Beispiel war nicht fruchtlos. Es hagelte Granaten und die Stürmenden erstiegen zu Hunderten die Wälle. Die Irländer wichen und liefen nach der Brücke. Hier wurde das Gedränge so arg, daß einige von den Fliehenden in der engen Passage todtgedrückt und andere über die Brustlehnen in die Fluthen gedrängt wurden, welche unten zwischen den Mühlrädern schäumten. Binnen wenigen Stunden war Ginkell Herr des englischen Stadttheils von Athlone, und dieser Erfolg hatte ihm nicht mehr als zwanzig Todte und vierzig Verwundete gekostet.[93]
Doch sein Werk hatte erst begonnen. Zwischen ihm und der irischen Stadt tobte der reißende Shannon. Die Brücke war so schmal, daß einige entschlossene Männer sie gegen eine Armee vertheidigen konnten. Die auf derselben stehenden Mühlen waren stark besetzt, und sie wurde von den Kanonen des Schlosses beherrscht. Die Stelle des Connaughter Ufers, wo der Fluß zu passiren war, wurde durch Befestigungen vertheidigt, welche der Vicekönig, trotz des Murrens einer mächtigen Partei, Saint-Ruth gezwungen hatte, Maxwell anzuvertrauen. Maxwell war als ein unpopulärerer Mann aus Frankreich zurückgekommen, als er bei seiner Abreise dahin gewesen war. Man munkelte, er habe in Versailles schmähend von der irischen Nation gesprochen, und er war deshalb nur wenige Tage zuvor von Sarsfield öffentlich beschimpft worden.[94] Am 21. Juni waren die Engländer damit beschäftigt, längs des Leinsterschen Ufers Batterien zu errichten, und am 22. bald nach Tagesanbruch begann die Kanonade. Das Feuer dauerte den ganzen Tag und die ganze darauffolgende Nacht. Als der Morgen wieder anbrach, war eine ganze Seite des Schlosses zusammengeschossen, die mit Stroh gedeckten Häuser der celtischen Stadt lagen in Asche und eine der Mühlen war mit sechzig Soldaten, die sie vertheidigten, verbrannt.[95]
Die Irländer vertheidigten jedoch noch immer entschlossen die Brücke. Mehrere Tage lang fand ein blutiges Handgemenge in der engen Passage statt. Die Angreifenden gewannen Boden, aber sie mußten ihn Zoll für Zoll erkämpfen. Der Muth der Besatzung wurde durch die Hoffnung auf baldigen Succurs aufrechterhalten. Saint-Ruth war endlich mit seinen Vorbereitungen fertig, und die Nachricht, daß Athlone in Gefahr sei, hatte ihn bewogen, an der Spitze einer Armee, die der Armee Ginkell’s numerisch überlegen war, ihr aber in wichtigeren Elementen der militärischen Stärke nachstand, eiligst ins Feld zu rücken. Der französische General scheint geglaubt zu haben, daß die Brücke und die Furth leicht vertheidigt werden könnten, bis die Herbstregen und die Krankheiten, welche dieselben gewöhnlich in ihrem Gefolge hatten, den Feind zum Rückzuge zwingen würden. Er begnügte sich daher, nach und nach Detachements zur Verstärkung der Besatzung abzusenden. Die unmittelbare Leitung der Vertheidigung übertrug er seinem Unterbefehlshaber D’Usson und schlug sein eigenes Hauptquartier einige Meilen von der Stadt auf. Er äußerte sein Erstaunen darüber, daß ein so erfahrener Commandeur wie Ginkell auf einem hoffnungslosen Unternehmen beharre. „Sein Gebieter sollte ihn aufhängen lassen, weil er Athlone zu nehmen versucht, und der meinige soll mich aufhängen lassen, wenn ich es verliere.”[96]
Saint-Ruth war jedoch keineswegs wohl zu Muthe. Er hatte sich zu seinem großen Verdruß überzeugt, daß er nicht die ganze Autorität besaß, welche die ihm in Saint-Germains gemachten Versprechungen ihn zu erwarten berechtigt hatten. Der Lord Lieutenant war im Lager. Seine körperliche und geistige Hinfälligkeit hatte in den letzten paar Wochen merklich zugenommen. Der langsame und unsichere Schritt, mit dem er, der einst wegen seiner Körperkraft und Behendigkeit berühmt gewesen war, jetzt von seinem Lehnstuhl zu seinem Lager schwankte, war kein unpassendes Bild der trägen und unsicheren Thätigkeit seines Geistes, der einst seine Zwecke mit einer Heftigkeit verfolgte, die weder durch Furcht noch durch Mitleid, weder durch das Gewissen noch durch die Scham gemäßigt wurde. Dennoch klammerte sich der alte Mann noch immer mit unverminderter physischer wie geistiger Kraft an die Gewalt. Wenn er privatim den Befehl erhalten hatte, sich in die Leitung des Kriegs nicht einzumischen, so beachtete er diesen Befehl nicht. Er maßte sich die ganze Autorität eines Souverains an, zeigte sich mit großem Gepränge den Truppen als obersten Anführer und behandelte Saint-Ruth geflissentlich als einen Unterbefehlshaber. Die Einmischung des Vicekönigs erregte bald den heftigen Unwillen der mächtigen Partei im Heere, die ihn schon längst haßte. Viele Offiziere unterzeichneten ein Instrument, durch welches sie erklärten, daß sie ihm nicht das Recht zugeständen, im Felde Gehorsam von ihnen zu verlangen. Einige von ihnen beleidigten ihn persönlich auf das Gröblichste. Man sagte ihm geradezu, daß, wenn er darauf beharre, zu bleiben, wo man ihn nicht brauche, die Leinen seines Zeltes durchschnitten werden würden. Er hingegen schickte seine Emissäre an alle Lagerfeuer und versuchte unter den gemeinen Soldaten eine Partei gegen den französischen General zu bilden.[97]
Das Einzige, worin Tyrconnel und Saint-Ruth übereinstimmten, war, daß sie Sarsfield fürchteten und haßten. Er war nicht nur bei der großen Masse ihrer Landsleute beliebt, sondern er war auch von einem Häuflein Anhänger umringt, deren Hingebung für ihn der Hingebung der ismaelitischen Mörder für den Alten vom Berge glich. Es war bekannt, daß einer dieser Fanatiker, ein Oberst, eine Sprache geführt, die in dem Munde eines Offiziers von so hohem Range wohl Besorgniß erwecken konnte. „Der König,” hatte dieser Mann gesagt, „ist in meinen Augen nichts. Ich gehorche Sarsfield. Wenn Sarsfield mir befiehlt, irgend einen Mann in der ganzen Armee, gleichviel welchen, zu tödten, so thue ich es.” Sarsfield war zwar ein zu ehrenhafter Gentleman, als daß er seine ungeheure Gewalt über die Gemüther seiner Verehrer hätte mißbrauchen sollen. Aber der Gedanke, daß seine Ehrenhaftigkeit die einzige Garantie gegen Meuterei und Meuchelmord war, mußte den Vicekönig und den Oberbefehlshaber nothwendig beunruhigen. Die Folge davon war, daß bei dem Wendepunkte des Schicksals Irland’s die Dienste des ausgezeichnetsten irischen Soldaten gar nicht oder doch nur mit eifersüchtiger Vorsicht benutzt wurden und daß sein Rath, wenn er einen zu geben wagte, mit geringschätzendem Lächeln oder mit Unmuth aufgenommen wurde.[98]
Ein großes und unerwartetes Unglück machte diesen Streitigkeiten ein Ende. Am 30. Juni berief Ginkell einen Kriegsrath zusammen. Die Fourage ging zur Neige und es war durchaus nothwendig, daß die Belagerer entweder den Uebergang über den Fluß forcirten oder sich zurückzogen. Die Schwierigkeiten, über die zertrümmerten Ueberreste der Brücke ans andre Ufer zu gelangen, waren fast unübersteiglich. Es wurde vorgeschlagen, die Furth zu versuchen. Der Herzog von Württemberg, Talmash und Ruvigny stimmten zu Gunsten dieses Planes und Ginkell gab mit einiger Besorgniß seine Einwilligung.[99]
Es wurde beschlossen, daß der Versuch noch denselben Nachmittag gemacht werden sollte. Die Irländer, welche glaubten, die Engländer schickten sich zum Rückzuge an, hielten nachlässig Wache. Ein Theil der Besatzung war müde, der andre schlief. D’Usson saß bei Tische. Saint-Ruth war in seinem Zelte und schrieb an seinen Gebieter einen Brief voll Beschuldigungen gegen Tyrconnel. Während dem wurden funfzehnhundert Grenadiere, von denen jeder einen grünen Zweig am Hute trug, auf dem Leinster’schen Ufer des Shannon aufgestellt. Viele von ihnen erinnerten sich gewiß, daß sie an demselben Tage vor einem Jahre auf Befehl König Wilhelm’s an den Ufern des Boyne grüne Zweige auf ihre Hüte gesteckt hatten. Guineen waren freigiebig unter diese auserlesenen Leute vertheilt worden; aber sie waren von einem so frohen Muthe beseelt, wie kein Gold ihn erkaufen kann. Sechs Bataillone standen bereit, um den Angriff zu unterstützen. Mackay commandirte. Er billigte den Plan nicht, aber er setzte ihn mit einem solchen Eifer und einer solchen Energie ins Werk, als wäre er selbst der Urheber desselben gewesen. Der Herzog von Württemberg, Talmash und mehrere andere tapfere Offiziere, denen keine Rolle bei der Unternehmung zu Theil geworden war, bestanden darauf, an diesem Tage als freiwillige Gemeine zu dienen, und ihr Erscheinen in den Gliedern entflammte die Soldaten zur feurigsten Begeisterung.
Es war sechs Uhr. Eine Glocke auf dem Thurme der Kirche gab das Signal. Prinz Georg von Hessen-Darmstadt und Gustav Hamilton, der tapfere Anführer der Enniskillener, gingen zuerst in den Shannon hinunter. Dann nahmen die Grenadiere den Herzog von Württemberg auf die Schultern und sprangen lautjubelnd zwanzig Mann hoch bis an die Halsbinden ins Wasser. Der Strom war tief und reißend, aber in wenigen Minuten hatte die Spitze der Colonne wieder trocknen Boden unter ihren Füßen. Talmash war der Fünfte, der das Connaughter Ufer erreichte. Die unvermuthet überfallenen Irländer feuerten eine unregelmäßige Salve ab und ergriffen die Flucht, ihren Commandeur Maxwell als Gefangenen zurücklassend. Die Sieger erklommen über die Reste der durch eine zehntägige Kanonade zertrümmerten Wälle das Ufer. Mackay hörte seine Leute fluchen und schwören, während sie über den Schutt stolperten. „Meine Jungen,” rief der muthige alte Puritaner inmitten des Getümmels, „Ihr seid brave Burschen, aber fluchet nicht. Wir haben mehr Ursache, Gott für die Güte zu danken, die er uns heute erwiesen hat, als seinen Namen zu mißbrauchen.” Der Sieg war vollständig. Ohne den geringsten Widerstand von Seiten der erschreckten Besatzung wurden Bretter über die zerbrochenen Brückenbogen gelegt und Pontons über den Fluß geschlagen. Mit einem Verlust von zwölf Todten und etwa dreißig Verwundeten hatten die Engländer binnen wenigen Minuten den Weg nach Connaught erzwungen.[100]
Rückzug der irischen Armee.
Auf den ersten Alarm eilte D’Usson nach dem Flusse; aber der Strom der Fliehenden kam ihm schon entgegen, riß ihn mit sich fort, rannte ihn zu Boden und tödtete ihn beinahe. Er wurde in einem solchen Zustande ins Lager gebracht, daß man ihm zur Ader lassen mußte. „Genommen!” rief Saint-Ruth außer sich. „Es kann nicht sein! Eine Stadt genommen, und ich mit einer Armee zu ihrem Entsatz dicht dabei!” Von Gram verzehrt, brach er unter dem Schutze der Dunkelheit seine Zelte ab und zog sich in der Richtung von Galway zurück. Bei Tagesanbruch sahen die Engländer von den Zinnen des zertrümmerten Schlosses König Johann’s die irische Armee in weiter Ferne sich durch die öde Gegend bewegen, welche den Shannon von dem Suck trennt. Noch vor Mittag war die Nachhut ihren Blicken entschwunden.[101]
Schon vor dem Verluste Athlone’s war das celtische Lager von Parteispaltungen zerrissen gewesen. Man kann daher leicht denken, daß nach einem so vernichtenden Schlage nichts zu hören war als Anklagen und Gegenanklagen. Die Feinde des Vicekönigs waren lauter als je. Er und seine Creaturen hätten das Königreich an den Rand des Verderbens gebracht. Er mische sich in Dinge, von denen er nichts verstehe. Er wolle es besser wissen als Männer, die wirkliche Soldaten seien. Er vertraue den wichtigsten aller Posten seinem Werkzeuge, seinem Spione, dem erbärmlichen Maxwell an, der kein geborner Irländer, kein aufrichtiger Katholik, im besten Falle ein Stümper und nur zu wahrscheinlich ein Verräther sei. Man behauptete, Maxwell habe seine Leute nicht mit Munition versehen. Als sie Pulver und Kugeln von ihm verlangt, habe er sie gefragt, ob sie Lerchen schießen wollten. Kurz vor dem Angriffe habe er ihnen befohlen, zu Abend zu essen und sich niederzulegen, da an diesem Tage nichts mehr vorgenommen werden würde. Als er sich gefangen gegeben, habe er einige Worte geäußert, die ein vorgängiges Einverständniß mit den Siegern verrathen hätten. Die wenigen Freunde des Lord Lieutenants erzählten eine ganz andre Geschichte. Nach ihnen hätten Tyrconnel und Maxwell zu Vorsichtsmaßregeln gerathen, die einen Ueberfall unmöglich gemacht haben würden. Aber der französische General, der keine Einmischung geduldet, habe es unterlassen, diese Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Man habe Maxwell rücksichtslos gesagt: wenn er sich fürchte, thue er besser, sein Commando niederzulegen. Er habe seine Pflicht wacker gethan, er habe Stand gehalten, während seine Leute geflohen seien, in Folge dessen sei er in die Hände des Feindes gefallen, und nun werde er in seiner Abwesenheit von Denen verleumdet, denen seine Gefangennehmung mit Recht zur Last falle.[102] Auf welcher Seite die Wahrheit ist, läßt sich nach so langer Zeit schwer ermitteln. Das Geschrei gegen Tyrconnel war im Augenblicke so laut, daß er das Feld räumte und sich verdrüßlich nach Limerick zurückzog. D’Usson, der von den Verletzungen, die ihm seine eigenen fliehenden Truppen zugefügt hatten, noch nicht genesen war, begab sich nach Galway.[103]
Saint-Ruth beschließt eine Schlacht zu wagen.
Saint-Ruth der jetzt im unbestrittenen Besitz des Oberbefehls war, hatte große Lust, das Glück einer Schlacht zu versuchen. Die Mehrzahl der irischen Offiziere, mit Sarsfield an der Spitze, war ganz andrer Meinung. Man dürfe sich nicht verhehlen, sagte er, daß Ginkell’s Armee der ihrigen bei weitem überlegen sei. Das Klügste sei daher augenscheinlich, den Krieg in solcher Weise fortzuführen, daß der Unterschied zwischen dem disciplinirten und dem undisciplinirten Soldaten so gering als möglich sei. Es sei allgemein bekannt, daß rohe Rekruten auf einem Streifzuge, in einem Straßenkampfe, oder bei der Vertheidigung eines Walles oftmals gute Dienste leisteten, daß sie aber im offenen Felde gegen Veteranen wenig Chancen hätten. „Man versammle den größten Theil unsrer Infanterie hinter den Wällen von Limerick und Galway. Die übrigen lasse man in Verbindung mit der Reiterei dem Feinde in den Rücken fallen und ihm seine Zufuhren abschneiden. Wenn er in Connaught eindringt, so fallen wir in Leinster ein. Macht er vor Galway Halt, das leicht zu vertheidigen ist, so machen wir einen Angriff auf Dublin, das gänzlich entblößt ist.”[104] Saint-Ruth würde diesen Rath vielleicht für gut gehalten haben, wenn sein Urtheil nicht durch seine Leidenschaften irregeleitet worden wäre. Aber er grämte sich noch über die erlittene demüthigende Niederlage. Angesichts seines Zeltes hatten die Engländer einen reißenden Strom passirt und eine befestigte Stadt erstürmt. Er mußte nothwendig fühlen, daß, wenn auch Andre zu tadeln waren, er selbst nicht vorwurfsfrei war. Er hatte, gelind gesagt, die Dinge zu leicht genommen. Ludwig, der seit vielen Jahren gewohnt war, Befehlshaber in seinem Dienste zu haben, welche nichts dem Zufalle zu überlassen pflegten, was durch Umsicht sicher erreicht werden konnte, ließ es schwerlich als eine genügende Entschuldigung gelten, daß sein General einen so kühnen und plötzlichen Angriff vom Feinde nicht erwartet habe. Der Lord Lieutenant stellte voraussichtlich das Geschehene im ungünstigsten Lichte dar, und Alles was der Lord Lieutenant sagte, fand bei Jakob Wiederhall. Es stand ein scharfer Verweis, vielleicht ein Abberufungsschreiben zu erwarten. Als ein Schuldbeladener nach Versailles zurückzukehren, sich in höchster Bestürzung dem großen Könige zu nahen, ihn die Achseln zucken, die Stirn runzeln und sich abwenden zu sehen, fortgeschickt zu werden, um sich weit von Höfen und Feldlagern auf einem einsamen Landsitze zu langweilen: das war zuviel, um es ertragen zu können, und doch stand es ernstlich zu befürchten. Es gab nur einen Ausweg: zu kämpfen, und zu siegen oder zu sterben.
In solcher Stimmung schlug Saint-Ruth sein Lager ungefähr dreißig Meilen von Athlone auf der Straße nach Galway unweit des zerstörten Schlosses Aghrim auf und beschloß, die Ankunft der englischen Armee zu erwarten.
Sein ganzes Benehmen war verändert. Er hatte bisher die irischen Soldaten mit geringschätzender Strenge behandelt. Jetzt aber, da er sich entschlossen hatte, Leben und Ruf auf den Muth des verachteten Volks zu setzen, wurde er ein andrer Mensch. Während der wenigen Tage, die ihm noch blieben, bemühte er sich, durch Nachsicht und Freundlichkeit die Herzen Aller zu gewinnen, die unter seinem Commando standen.[105] Zu gleicher Zeit wendete er auf seine Truppen die mächtigsten moralischen Stimulationsmittel an. Er war ein eifriger Katholik, und es ist wahrscheinlich, daß die Strenge, mit der er die Protestanten seines Vaterlandes behandelt hatte, zum Theil dem Hasse zugeschrieben werden muß, den er gegen ihre Glaubenslehren empfand. Er versuchte jetzt, dem Kriege den Character eines Kreuzzuges zu geben. Die Geistlichen waren die Werkzeuge, deren er sich bediente, um den Muth seiner Soldaten aufrecht zu erhalten. Das ganze Lager war in einer religiösen Aufregung. In jedem Regimente waren Priester fortwährend beschäftigt zu beten, zu predigen, zu absolviren und Hostie und Kelch emporzuhalten. Während die Soldaten auf das geweihte Brot schwuren, ihre Fahnen nicht zu verlassen, richtete der General einen Aufruf an die Offiziere, der auch die trägsten und verweichlichtsten Naturen zu heldenmüthiger Anstrengung angespornt haben würde. Sie kämpften, sagte er, für ihren Glauben, für ihre Freiheit und für ihre Ehre. Unglückliche Ereignisse, die nur zu weit und breit bekannt seien, hätten einen Schatten auf den Nationalcharacter geworfen. Das irische Militär würde überall nur mit einem Hohnlächeln erwähnt. Wenn ihnen darum zu thun sei, den guten Ruf ihres Vaterlandes wiederherzustellen, so sei jetzt die Zeit und der Ort dazu.[106]
Die Stelle, wo er das Schicksal Irland’s zur Entscheidung zu bringen beschlossen hatte, scheint mit großer Einsicht gewählt gewesen zu sein. Seine Armee war am Abhange eines Hügels aufgestellt, der fast ganz von röthlichem Sumpfboden umgeben war. Vor der Front, nahe am Rande des Moors, befanden sich einige Zäune, aus denen ohne Mühe eine Verschanzung errichtet wurde.
Am 11. Juli nahm Ginkell, nachdem er die Befestigungen von Athlone ausgebessert und daselbst eine Besatzung zurückgelassen hatte, sein Hauptquartier in Ballinasloe, etwa vier Meilen von Aghrim, und ritt vorwärts, um die irische Stellung in Augenschein zu nehmen. Bei seiner Zurückkunft gab er Befehl, daß Munition vertheilt, daß jedes Gewehr und jedes Bajonnet zum Gefecht bereit gemacht und am andren Morgen in aller Frühe jeder Mann ohne Appell unter den Waffen stehen solle. Zwei Regimenter sollten zum Schutze des Lagers zurückbleiben, und die übrigen sollten unbeschwert mit Gepäck gegen den Feind vorrücken.
Schlacht bei Aghrim.
Am folgenden Morgen bald nach sechs Uhr waren die Engländer auf dem Wege nach Aghrim. Ihr Marsch wurde jedoch zuerst durch einen dichten Nebel, der bis Mittag über dem feuchten Thale des Suck lagerte, und dann wieder durch die Nothwendigkeit, die Irländer aus einigen Vorposten zu vertreiben, etwas aufgehalten, und der Nachmittag war schon weit vorgerückt, als die beiden Armeen einander, nur durch den Sumpf und die Verschanzungen getrennt, endlich gegenüberstanden. Die Engländer und ihre Verbündeten waren unter zwanzigtausend, die Irländer über fünfundzwanzigtausend Mann stark.
Ginkell hielt einen kurzen Kriegsrath mit seinen vornehmsten Offizieren. Sollte er sofort angreifen, oder bis zum nächsten Morgen warten? Mackay war für den sofortigen Angriff, und seine Meinung behielt die Oberhand. Um fünf Uhr begann die Schlacht. Das englische Fußvolk rückte in so guter Ordnung als es auf dem verrätherischen und unebenen Terrain beobachten konnte, bei jedem Schritte tief in den Schlamm einsinkend, gegen die irischen Verschanzungen vor. Aber diese Verschanzungen wurden mit einer Entschlossenheit vertheidigt, die selbst Männern, welche am stärksten gegen den celtischen Stamm eingenommen waren, einige Worte unwilligen Lobes abzwang.[107] Immer und immer wieder kehrten sie zum Kampfe zurück. Einmal wurden sie durchbrochen und über den Morast zurückgetrieben; aber Talmash sammelte sie wieder und zwang die Verfolger zum Rückzuge. Schon zwei Stunden hatte der Kampf gedauert, der Abend brach herein und noch immer war der Vortheil auf Seiten der Irländer. Ginkell begann auf den Rückzug zu denken. Saint-Ruth’s Hoffnung wuchs. „Der Sieg ist unser, meine Jungen,” rief er, den Hut in der Luft schwenkend. „Wir wollen sie vor uns hertreiben bis unter die Mauern von Dublin.” Aber das Glück hatte sich schon zu wenden begonnen. Mackay und Ruvigny war es gelungen, mit der englischen und hugenottischen Reiterei den Sumpf an einer Stelle zu passiren, wo kaum zwei Mann nebeneinander reiten konnten. Saint-Ruth lachte anfangs, als er die Blauen einzeln hintereinander sich unter einem Feuer, das jeden Augenblick einen tapferen Federhut zu Boden streckte, durch den Morast arbeiten sah. „Was wollen sie?” fragte er und setzte dann mit einem Schwure hinzu, daß es doch jammerschade sei, so prächtige Burschen dem sicheren Untergange entgegengehen zu sehen. „Doch laßt sie nur herüberkommen,” sagte er weiter; „je mehr ihrer sind, um so mehr werden wir niedermachen.” Bald aber sah er sie Schanzkörbe auf dem Sumpfboden aufrichten. Es wurde ein breiterer und festerer Weg hergestellt, Schwadron nach Schwadron erreichte trocknen Boden, und die Flanke der irischen Armee wurde bald geworfen. Der französische General eilte zur Unterstützung herbei, als eine Kanonenkugel ihm den Kopf wegriß. Seine Umgebung hielt es für gefährlich, sein Schicksal bekannt zu machen. Sein Leichnam wurde daher in einen Mantel gehüllt, vom Schlachtfelde getragen und in aller Stille zwischen den Ruinen des ehemaligen Klosters Loughrea in geweihter Erde bestattet. Bis nach beendigtem Kampfe wußte keine der beiden Armeen, daß er nicht mehr war. Seinen Tod den gemeinen Soldaten zu verbergen, mag vielleicht klug gewesen sein. Ihn seinen Offizieren zu verbergen, war Thorheit. Der entscheidende Moment der Schlacht war gekommen, und es war Niemand da, um die Operationen zu leiten. Sarsfield commandirte die Reserve; aber er hatte strenge Weisung von Saint-Ruth, ohne Befehl nicht von der Stelle zu gehen, und der Befehl kam nicht. Mackay und Ruvigny griffen mit ihren Reitern die Irländer in der Flanke an; Talmash und seine Infanterie kehrten mit grimmiger Entschlossenheit nochmals zum Frontangriff zurück. Das Schanzwerk wurde genommen. Die Irländer zogen sich, noch immer fechtend, von Zaun zu Zaun zurück; aber ein Zaun nach dem andren ward genommen und ihre Anstrengungen wurden immer schwächer und schwächer. Endlich lösten sie sich auf und flohen. Und nun folgte ein entsetzliches Blutbad. Die Sieger waren in einer wüthenden Stimmung, denn es hatte sich unter ihnen das Gerücht verbreitet, daß einige englische Gefangene, denen Pardon gegeben worden war, niedergehauen worden seien. Es wurden nur vierhundert Gefangene gemacht. Die Anzahl der Gefallenen war im Verhältniß zu der Zahl der Kämpfenden größer als in irgend einer Schlacht der damaligen Zeit. Wäre nicht eine mondscheinlose Nacht hereingebrochen, die ein feiner Regen noch dunkler machte, so würde kaum ein Mann davon gekommen sein. Die Finsterniß setzte Sarsfield in den Stand, mit einigen wenigen noch zusammenhaltenden Schwadronen den Rückzug zu decken. Die Sieger hatten ungefähr sechshundert Todte und tausend Verwundete.
Die Engländer schliefen diese Nacht auf dem Schlachtfelde. Am folgenden Tage begruben sie ihre Waffengefährten und marschirten dann westwärts. Die Leichen der Besiegten wurden unter freiem Himmel liegen gelassen, ein seltsamer und schauerlicher Anblick! Man zählte viertausend irische Leichname auf dem Schlachtfelde. Hundertfunfzig lagen in einer kleinen Umzäunung, hundertzwanzig in einer andren. Aber das Gemetzel hatte sich nicht auf das Schlachtfeld allein beschränkt. Ein Augenzeuge erzählt uns, daß er auf dem Gipfel des Berges, an dessen Abhange das celtische Lager aufgeschlagen gewesen war, die Umgegend, auf eine Entfernung von beinahe vier Meilen mit den nackten Leichnamen der Erschlagenen bedeckt gesehen habe. Die Ebene, sagt er, sah aus, wie eine mit Schafheerden bedeckte ungeheure Weide. Wie gewöhnlich differirten selbst die Schätzungen von Augenzeugen; aber es ist wahrscheinlich, daß die Zahl der gefallenen Irländer nicht weniger als siebentausend betrug. Bald fanden sich eine Menge Hunde ein, um die Leichen zu verzehren. Diese Thiere wurden dadurch so wild und fanden einen solchen Geschmack an Menschenfleisch, daß es lange gefährlich war, anders als in Gesellschaft durch diese Gegend zu reisen.[108]
Die geschlagene Armee hatte jetzt ganz und gar das Aussehen einer Armee verloren, und glich einem Pöbelhaufen, der von einer Jahrmarktsschlägerei in wilder Unordnung zurückkehrt. Ein mächtiger Strom von Fliehenden wälzte sich gegen Galway, ein andrer gegen Limerick. Die nach diesen beiden Städten führenden Straßen waren mit weggeworfenen Waffen bedeckt. Ginkell bot sechs Pence für jede Muskete. In kurzer Zeit waren so viel Wagenladungen eingebracht, daß er den Preis auf zwei Pence reducirte, und immer noch kamen große Massen von Gewehren an.[109]
Fall von Galway.
Die Sieger marschirten zuerst auf Galway. D’Usson war mit sieben Regimentern dort, welche durch das Gemetzel von Aghrim gelichtet und völlig desorganisirt und entmuthigt waren. Die letzte Hoffnung der Besatzung und der katholischen Einwohner war, daß Baldearg O’Donnel, der verheißene Befreier ihres Stammes, sie zu befreien kommen werde. Aber Baldearg O’Donnel ließ sich durch die abergläubische Verehrung, die man ihm zollte, nicht täuschen. So lange der Ausgang des Kampfes zwischen den Engländern und Irländern zweifelhaft war, hatte er sich abseits gehalten. Am Tage der Schlacht war er mit seiner tumultuarischen Armee in sicherer Entfernung geblieben, und sobald er erfuhr, daß seine Landsleute geworfen waren, floh er, auf dem ganzen Wege plündernd und sengend, in die Gebirge von Mayo. Von dort aus bot er Ginkell seine Unterwerfung und seine Dienste an. Ginkell ergriff mit Freuden die Gelegenheit, eine furchtbare Räuberhorde aufzulösen, und den Einfluß, den der Name einer celtischen Dynastie noch immer auf den celtischen Volksstamm ausübte, zum Guten zu wenden. Die Unterhandlung hatte jedoch ihre Schwierigkeiten. Der fahrende Ritter verlangte zuerst nichts Geringeres als den Earltitel. Nach einigem Feilschen verstand er sich dazu, die Liebe eines ganzen Volks und seine Ansprüche auf die Königswürde für ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund zu verkaufen. Dennoch war der Zauber, der seine Anhänger an ihn fesselte, noch nicht ganz gebrochen. Einige Fanatiker aus Ulster waren bereit, unter dem O’Donnel gegen ihre eigne Zunge und gegen ihre eigne Religion zu kämpfen. Mit einer kleinen Schaar dieser ergebenen Anhänger schloß er sich einer Division der englischen Armee an und leistete Wilhelm bei verschiedenen Gelegenheiten nützliche Dienste.[110]
Als es bekannt wurde, daß keine Unterstützung von dem Helden zu erwarten war, dessen Ankunft von so vielen Sehern verkündet worden, verloren die in Galway eingeschlossenen Irländer allen Muth. D’Usson hatte auf die erste Aufforderung der Belagerer eine trotzige Antwort gegeben; aber er sah bald, daß jeder Widerstand unmöglich war, und er beeilte sich daher zu kapituliren. Die Garnison durfte sich mit militärischen Ehren nach Limerick zurückziehen, den Bürgern wurde vollständige Amnestie für frühere Vergehen bewilligt, und stipulirt, daß es den katholischen Priestern innerhalb der Mauern gestattet sein solle, ihre religiösen Gebräuche privatim zu üben. Unter diesen Bedingungen wurden die Thore geöffnet. Ginkell wurde von dem Mayor und den Aldermen mit tiefer Ehrerbietung empfangen und vom Recorder mit einer Ansprache begrüßt. D’Usson marschirte mit ungefähr zweitausenddreihundert Mann ungehindert nach Limerick.[111]
In Limerick, dem letzten Asyl des besiegten Volksstammes, war Tyrconnel die höchste Autorität. Es gab jetzt keinen General, welcher behaupten konnte, daß seine Bestallung ihn vom Vicekönig unabhängig mache; auch war der Vicekönig jetzt nicht mehr so unpopulär wie er vierzehn Tage früher gewesen war. Nach der Schlacht war ein Umschwung der öffentlichen Meinung eingetreten. Dem Vicekönig konnte keine Schuld an diesem großen Unglück beigemessen werden. Er war in der That dagegen gewesen, das Glück einer Feldschlacht zu versuchen und er konnte mit einem Anschein von Wahrheit behaupten, daß die Nichtbeachtung seiner Rathschläge den Untergang Irland’s herbeigeführt habe.[112]
Er traf einige Anstalten zur Vertheidigung Limerick’s, besserte die Festungswerke aus und entsendete Truppenabtheilungen, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Die Gegend wurde von diesen Detachements auf viele Meilen im Umkreise rein ausgeplündert und eine bedeutende Quantität Vieh und Fourage innerhalb der Mauern aufgehäuft. Außerdem hatte man einen großen Vorrath von Zwieback aus Frankreich. Die in Limerick versammelte Infanterie belief sich auf etwa funfzehntausend Mann. Die irischen Reiter und Dragoner, drei- bis viertausend an der Zahl, campirten auf der Clareseite des Shannon. Die Communication zwischen ihrem Lager und der Stadt wurde durch eine von einem Fort beschützte Brücke, Thomond Bridge genannt, unterbrochen. Diese Vertheidigungsmittel waren nicht zu verachten. Aber der Fall von Athlone und das Gemetzel von Aghrim hatte den Muth der Armee gebrochen. Eine kleine Partei, an deren Spitze Sarsfield und ein tapferer schottischer Offizier, Namens Wauchop standen, nährte die Hoffnung, daß der Siegeszug Ginkell’s durch die Mauern aufgehalten werden würde, von denen Wilhelm das Jahr vorher hatte abziehen müssen. Aber viele von den irischen Anführern erklärten laut, daß es Zeit sei an eine Kapitulation zu denken. Heinrich Luttrell, der jederzeit eine dunkle und krumme Politik liebte, trat heimlich in Unterhandlung mit den Engländern. Einer seiner Briefe wurde aufgefangen und er wurde in Arrest gebracht; aber Viele, die seine Treulosigkeit tadelten, stimmten gleichwohl mit ihm darin überein, daß es nutzlos sei, den Kampf zu verlängern. Tyrconnel selbst war überzeugt, daß Alles verloren sei. Seine einzige Hoffnung beruhte noch darauf, daß er im Stande sein werde, den Kampf so lange hinauszuziehen bis er von Saint-Germains die Erlaubniß erhielt zu unterhandeln. Er erbat sich in einem Schreiben diese Erlaubniß und bewog mit einiger Mühe seine verzweifelnden Landsleute, sich durch einen Eid zu verpflichten, nicht zu kapituliren, bis eine Antwort von Jakob anlangte.[113]
Tyrconnel’s Tod.
Wenige Tage nachdem der Eid geleistet worden, war Tyrconnel nicht mehr. Am 11. August speiste er bei D’Usson. Die Gesellschaft war sehr heiter. Der Lord Lieutenant schien die Last, die seinen Körper und Geist niederdrückte, abgeschüttelt zu haben; er trank und scherzte und war wieder der Dick Talbot, der mit Grammont gewürfelt und gezecht hatte. Bald nachdem er vom Tische aufgestanden war, beraubte ihn ein Schlaganfall der Sprache und der Besinnung. Am 14. hauchte er seinen Geist aus. Die entseelten Reste des Körpers, der einst Bildhauern zum Modell gedient hatte, wurden unter den Steinplatten der Kathedrale begraben; aber keine Inschrift und keine Tradition bezeichnet der Nachwelt die Ruhestätte.[114]
Sobald der Vicekönig verschieden war, präsentirte Plowden, der die irischen Finanzen verwaltet hatte, so lange es irische Finanzen zu verwalten gab, ein mit dem großen Siegel Jakob’s versehenes Vollmachtspatent, durch welches Plowden selbst, Fitton und Nagle für den Fall von Tyrconnel’s Tode zu Lords Justices ernannt wurden. Die Bekanntmachung der Namen erregte viel Murren, denn Plowden und Fitton waren Sachsen. Die Bestallung erwies sich jedoch als eine bloße Formalität, denn sie war von Instructionen begleitet, welche den Lords Justices jede Einmischung in die Führung des Kriegs untersagten, und in dem kleinen Raume, auf den Jakob’s Gebiet jetzt reducirt war, gab es nichts weiter zu thun als Krieg zu führen. Die Verwaltung war daher thatsächlich in den Händen D’Usson’s und Sarsfield’s.[115]
Zweite Belagerung von Limerick.
An dem Tage an welchem Tyrconnel starb kam die Vorhut der englischen Armee vor Limerick an, und Ginkell schlug sein Lager auf dem nämlichen Boden auf, den zwölf Monate früher Wilhelm innegehabt hatte. Die Batterien, welche jetzt aus ganz anderen Kanonen und Mörsern bestanden, als Wilhelm sich ihrer hatte bedienen müssen, spielten Tag und Nacht und bald sah man an allen Ecken und Enden der Stadt Dächer brennen und Mauern einstürzen. Ganze Straßen wurden in Asche gelegt. Mittlerweile kamen mehrere englische Kriegsschiffe den Shannon herauf und gingen ungefähr eine Meile unterhalb der Stadt vor Anker.[116]
Der Platz hielt sich indessen noch immer. Die Besatzung stand der Belagerungsarmee an numerischer Stärke wenig nach, und es schien nicht unmöglich, daß die Vertheidigung verlängert werden könnte, bis die Aequinoctialregen die Engländer zum zweiten Male zwangen, sich zurückzuziehen. Ginkell beschloß, einen kühnen Schlag zu thun. Kein Punkt auf der ganzen Befestigungslinie war wichtiger und kein Punkt schien gesicherter zu sein als die Thomondbrücke, welche die Stadt mit dem Lager der irischen Reiterei auf dem Clareufer des Shannon verband. Der Plan des holländischen Generals ging dahin, die innerhalb der Wälle befindliche Infanterie von der außerhalb liegenden Cavallerie abzuschneiden und er führte diesen Plan mit großer Geschicklichkeit, Energie und gutem Erfolge aus. Er schlug eine Brücke von blechernen Booten über den Fluß, passirte denselben mit einem starken Truppencorps, trieb funfzehnhundert Dragoner, welche schwachen Widerstand leisteten, in Verwirrung vor sich her und marschirte auf die Quartiere der irischen Reiterei zu. Die irischen Reiter machten an diesem Tage dem Rufe, den sie sich am Boyne erworben, keine große Ehre. Dieser Ruf war allerdings mit der fast gänzlichen Vernichtung der besten Regimenter erkauft worden. Rekruten hatte man zwar ohne große Mühe gefunden, aber der Verlust von funfzehnhundert vortrefflichen Soldaten war nicht zu ersetzen. Das Lager wurde ohne Schwertstreich aufgegeben. Ein Theil der Reiter floh in die Stadt, die übrigen zogen sich, soviel Vieh als sie in diesem Augenblicke panischen Schreckens zusammenbringen konnten, vor sich her treibend, in die Berge zurück. Man fand in den Magazinen einen reichen Vorrath von Rindfleisch, Branntwein und Monturstücken, und die sumpfige Ebene des Shannon war mit Gewehren und Granaten bedeckt, welche die Fliehenden weggeworfen hatten.[117]
Die Sieger kehrten im Triumph in ihr Lager zurück. Aber Ginkell war mit dem gewonnenen Vortheile noch nicht zufrieden. Er wollte gern jede Verbindung zwischen Limerick und der Grafschaft Clare abschneiden. Nach einigen Tagen überschritt er zu dem Ende nochmals an der Spitze mehrerer Regimenter den Fluß und griff das Fort an, das die Thomondbrücke deckte. In kurzer Zeit war das Fort erstürmt. Die Soldaten, welche darin gelegen hatten, flohen in Verwirrung in die Stadt. Der Platzmajor, ein französischer Offizier, der am Thomondthore commandirte, ließ aus Besorgniß, daß mit den Fliehenden zugleich auch die Verfolger hereinkommen würden, den der Stadt zunächst gelegenen Theil der Brücke aufziehen. Viele von den Irländern stürzten kopfüber in den Strom und ertranken; andere riefen um Pardon und schwenkten ihre Taschentücher zum Zeichen der Unterwerfung. Aber die Sieger waren rasend vor Wuth, ihr Blutdurst konnte nicht sogleich gezügelt werden und es wurden nicht eher Gefangene gemacht, als bis die Haufen der Leichen bis über die Brustwehren der Brücke gingen. Die Besatzung des Forts hatte aus ungefähr achthundert Mann bestanden. Von diesen entkamen nur hundertzwanzig nach Limerick.[118]
Diese Niederlage schien eine allgemeine Meuterei in der Stadt hervorrufen zu wollen. Die Irländer schrien nach dem Blute des Platzmajors, der angesichts ihrer fliehenden Landsleute die Brücke aufzuziehen befohlen hatte. Seine Vorgesetzten mußten versprechen, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt werden solle. Zu seinem Glücke war er beim Verschließen des Thomondthores tödtlich verwundet worden, und der Soldatentod rettete ihn vor der Wuth der Menge.[119]
Die Irländer wollen kapituliren.
Das Geschrei nach einer Kapitulation wurde so laut und dringend, daß die Generäle demselben nicht widerstehen konnten. D’Usson benachrichtigte seine Regierung, das Gefecht auf der Brücke habe den Muth der Garnison so vollständig vernichtet, daß es unmöglich sei den Kampf länger fortzusetzen.[120] Gegen D’Usson’s Aussage muß man vielleicht einiges Mißtrauen hegen, denn er war ohne Zweifel, wie alle Franzosen, die ein Commando in der irischen Armee bekleidet hatten, seiner Verbannung überdrüssig und sehnte sich nach Paris zurück. Es ist jedoch ausgemacht, daß selbst Sarsfield den Muth verloren hatte. Bis zu diesem Augenblicke hatte er beständig für hartnäckigen Widerstand gestimmt. Jetzt war er nicht nur bereit zu unterhandeln, sondern er verlangte sogar ungeduldig darnach.[121] Er hielt die Stadt für unrettbar verloren. Es war keine Hoffnung mehr weder auf einheimische noch auf fremde Hülfe. In jedem Theile Irland’s hatten die Sachsen den Fuß auf den Nacken der Eingebornen gesetzt. Sligo war gefallen. Selbst die wüsten Eilande, welche die mächtigen Wogen des atlantischen Oceans von der Galwaybucht abhalten, hatten Wilhelm’s Autorität anerkannt. Die Männer von Kerry, welche für den wildesten und unfügsamsten Theil der eingebornen Bevölkerung galten, hatten sich lange gehalten, waren aber doch endlich geschlagen und in ihre Wälder und Berge getrieben worden.[122] Eine französische Flotte, wenn eine solche jetzt an der Küste von Munster angekommen wäre, würde die Mündung des Shannon von englischen Kriegsschiffen bewacht gefunden haben. Die Lebensmittelvorräthe in Limerick gingen bereits zu Ende. Wurde die Belagerung fortgesetzt, so mußte die Stadt aller menschlichen Berechnung nach entweder durch Gewalt oder durch eine Blockade fallen. Und wenn Ginkell durch die Bresche eindringen oder von einer verhungernden Bevölkerung angefleht werden sollte seine eigenen Bedingungen vorzuschreiben, was konnte man dann anders erwarten als eine Tyrannei von noch unerbittlicherer Härte als die eines Cromwell? War es also nicht weise zu versuchen, was für Bedingungen zu erlangen waren so lange die Sieger noch etwas von der Wuth und Verzweiflung der Besiegten zu fürchten hatten, so lange die letzte irische Armee hinter den Wällen der letzten irischen Festung noch einigen Widerstand leisten konnte?
Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern.
Am Abend des Tages, welcher auf den Kampf am Thomondthore folgte, gaben die Trommeln von Limerick das Zeichen zum Parlamentiren, Wauchop rief von einem der Thürme die Belagerer an und ersuchte Ruvigny, Sarsfield eine Unterredung zu bewilligen. Der wackere Franzose, der wegen seiner Anhänglichkeit an die eine Religion ein Verbannter war, und der wackere Irländer, der im Begriff stand, wegen seiner Anhänglichkeit an eine andre ein Verbannter zu werden, kamen zusammen und conferirten miteinander, unzweifelhaft mit gegenseitiger Sympathie und Achtung.[123] Ginkell, dem Ruvigny den Verlauf der Unterredung berichtete, willigte gern in einen Waffenstillstand. Denn so andauernd auch sein Erfolg bis jetzt gewesen war, so hatte derselbe ihn doch noch nicht sicher gemacht. Die Chancen waren zwar entschieden auf seiner Seite, allein es war immerhin möglich, daß ein Versuch, die Stadt mit Sturm zu nehmen, scheiterte, wie ein ähnlicher Versuch zwölf Monate früher gescheitert war. Wenn die Belagerung in eine Belagerung verwandelt werden sollte, so war es wahrscheinlich, daß die Seuche, welche der Armee Schomberg’s verderblich geworden war, die Wilhelm zum Rückzuge gezwungen hatte und die selbst Marlborough’s Genie und Thatkraft beinahe zu Schanden gemacht hätte, das Blutbad von Aghrim sehr bald rächte. Es hatte neuerdings stark geregnet, die ganze Ebene konnte in Kurzem ein ungeheurer Pfuhl stehenden Wassers werden. Es konnte nöthig werden, die Truppen nach einer gesünderen Stellung als am Ufer des Shannon zu versetzen und ihnen ein wärmeres Obdach als das von Zelten zu verschaffen. Dann war der Feind bis zum Frühjahr sicher. Im Frühjahr konnte eine französische Armee in Irland landen, die Eingebornen konnten sich von Donegal bis Kerry aufs Neue bewaffnet erheben und der Krieg, der jetzt so gut wie beendigt war, konnte sich heftiger als je wieder entzünden.
Es wurde daher mit dem beiderseitigen aufrichtigen Wunsche, dem Kampfe ein Ziel zu setzen, eine Unterhandlung eröffnet. Die Anführer der irischen Armee hielten mehrere Berathungen, zu denen einige katholische Prälaten und einige ausgezeichnete Juristen eingeladen wurden. Man legte den Bischöfen eine vorläufige Frage vor, welche zarte Gewissen in Verlegenheit setzte. Der verstorbene Vicekönig hatte die Offiziere der Besatzung überredet zu schwören, daß sie Limerick nicht eher übergeben wollten, als bis sie eine Antwort auf das Schreiben erhalten haben würden, in dem ihre Lage Jakob geschildert worden war. Die Bischöfe waren der Meinung, daß der Eid nicht mehr bindend sei. Er sei zu einer Zeit wo die Communication mit Frankreich noch offen gewesen und in dem festen Glauben geleistet worden, daß Jakob’s Antwort binnen drei Wochen eintreffen werde. Jetzt sei mehr als das Doppelte dieser Zeit verstrichen. Jeder Zugang zur Stadt werde vom Feinde streng bewacht. Sr. Majestät getreue Unterthanen hätten im Sinne ihres Versprechens gehandelt, indem sie sich so lange gehalten, bis es ihm unmöglich geworden sei, ihnen seinen Willen kund zu thun.[124]
Die nächste Frage war, welche Bedingungen verlangt werden sollten. Eine Schrift, die Vorschläge enthielt, welche Staatsmänner unsrer Zeit für billig halten werden, welche aber selbst den humansten und liberalsten englischen Protestanten des 17. Jahrhunderts überspannt vorkamen, wurde ins Lager der Belagerer geschickt. Es wurde verlangt, daß alle Vergehen mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt, daß der eingebornen Bevölkerung vollkommene Freiheit der Gottesverehrung gewährt werden, daß jedes Kirchspiel seinen Priester haben und daß die irischen Katholiken befähigt sein sollten, alle Civil- und Militärämter zu bekleiden und alle municipalen Privilegien zu genießen.[125]
Ginkell kannte die Gesetze und Gesinnungen der Engländer wenig, aber er hatte unter seiner Umgebung Leute, welche befähigt waren, ihn zu leiten. Sie hatten ihn acht Tage vorher abgehalten, einen Rapparee rädern zu lassen, und jetzt gaben sie ihm eine Antwort auf die Vorschläge des Feindes ein. „Ich bin hier fremd,” sagte Ginkell, „ich kenne die Verfassung dieses Landes nicht; aber man versichert mir, daß das was Sie verlangen, mit dieser Verfassung unvereinbar ist, und deshalb kann ich mit Ehren nicht einwilligen.” Er ließ auf der Stelle eine neue Batterie errichten und mit Kanonen und Mörsern befahren. Aber seine Anstalten wurden sehr bald durch eine neue Botschaft aus der Stadt unterbrochen. Die Irländer baten ihn nun, ihnen zu sagen was er ihnen gewähren wolle, da er ihnen das was sie verlangten, nicht bewilligen könne. Er berief seine Rathgeber zu sich und schickte nach kurzer Besprechung mit ihnen eine Schrift zurück, welche einen Vertrag enthielt, von dem er annehmen zu dürfen glaubte, daß die Regierung, der er diente, ihn billigen werde. Was er anbot war allerdings viel weniger als die Irländer wünschten; aber es war so viel als sie erwarten konnten, wenn sie ihre Lage und die Stimmung der englischen Nation in Betracht zogen. Sie zeigten ihm eiligst ihre Zustimmung an. Es wurde festgesetzt, daß sowohl zu Lande als auch in den Häfen und Buchten von Munster die Feindseligkeiten eingestellt und einer französischen Flotte gestattet werden sollte, unbehindert den Shannon heraufzukommen und unbehindert wieder abzusegeln. Die Unterzeichnung des Vertrags wurde bis zur Ankunft der Lords Justices, welche Wilhelm in Dublin repräsentirten, in Ginkell’s Hauptquartier verschoben. Einige Tage lang ließ die militärische Wachsamkeit auf beiden Seiten nach. Gefangene wurden in Freiheit gesetzt. Die Vorposten der beiden Armeen plauderten und aßen zusammen. Die englischen Offiziere sahen sich in der Stadt um, die irischen Offiziere speisten im Lager. Anekdoten über das was bei den freundschaftlichen Zusammenkünften dieser Männer, welche noch kürzlich Todfeinde gewesen waren, vorging, circulirten weit und breit. Besonders eine Geschichte erzählte man sich in ganz Europa. „Hat dieser letzte Feldzug,” sagte Sarsfield zu einigen englischen Offizieren, „Ihnen nicht eine bessere Meinung von den irischen Soldaten beigebracht.” — „Aufrichtig gesagt,” erwiederte ein Engländer, „denken wir von ihnen noch ganz ebenso wie wir immer gedacht haben.” — „Wie gering Sie auch von uns denken mögen,” versetzte Sarsfield, „lassen Sie uns unsere beiderseitigen Könige vertauschen, und wir werden bereitwillig unser Glück noch einmal mit Ihnen versuchen.” Er dachte ohne Zweifel an den Tag, an welchem er die beiden Souveraine an der Spitze zweier großer Armeen gesehen hatte, Wilhelm als den Ersten beim Angriffe, und Jakob als den Ersten auf der Flucht.[126]
Die Kapitulation von Limerick.
Am 1. October kamen Coningsby und Porter im englischen Hauptquartiere an. Am 2. wurden die Kapitulationsbedingungen sehr ausführlich berathen und definitiv festgestellt. Am 3. wurden sie unterzeichnet. Sie waren in zwei Theile, einen Militärvertrag und einen Civilvertrag getheilt. Ersterer wurde nur von den beiderseitigen Generälen, letzterer auch von den Lords Justices unterzeichnet.
Durch den Militärvertrag war festgesetzt, daß diejenigen irischen Offiziere und Soldaten, weiche erklärten, daß sie nach Frankreich zu gehen wünschten, dahin gebracht werden und inzwischen unter dem Commando ihrer eigenen Generäle bleiben sollten. Ginkell übernahm es eine beträchtliche Anzahl Transportfahrzeuge zu liefern. Auch französische Schiffe sollten zwischen der Bretagne und Munster hin und her fahren dürfen. Ein Theil von Limerick sollte sofort den Engländern übergeben werden. Aber die Insel, auf welcher die Kathedrale und das Schloß standen, sollte vor der Hand noch im Besitz der Irländer bleiben.
Die Bedingungen des Civilvertrags waren ganz verschieden von denen, welche Ginkell zu bewilligen sich beharrlich geweigert hatte. Es war nicht stipulirt, daß die Katholiken Irland’s zur Bekleidung eines bürgerlichen oder militärischen Amtes befähigt sein oder daß sie in eine Corporation zugelassen werden sollten. Aber sie erhielten das Versprechen, daß sie in der Ausübung ihrer Religion diejenigen Privilegien genießen sollten, welche mit dem Gesetz vereinbar waren oder die sie unter der Regierung Karl’s II. genossen hatten.
Allen Einwohnern von Limerick und allen Offizieren und Soldaten der jakobitischen Armee, die sich der Regierung unterwarfen und ihre Unterwerfung durch Leistung des Huldigungseides bekundeten, war volle Amnestie versprochen. Sie sollten ihr Eigenthum behalten, sollten jeden Erwerbszweig betreiben dürfen, den sie vor den Unruhen betrieben hatten, sollten wegen keines seit dem Regierungsantritt des vorigen Königs verübten Verraths, Felonie oder Vergehens bestraft werden, ja es sollte sogar kein Entschädigungsanspruch wegen einer Beraubung oder Gewaltthätigkeit, die sie während der drei unruhigen Jahre begangen, gegen sie erhoben werden. Dies war mehr als die Lords Justices nach der Verfassung zu gewähren befugt waren. Es wurde deshalb hinzugesetzt, daß die Regierung ihr Möglichstes thun werde, um die Ratification des Vertrags von Seiten des Parlaments zu erlangen.[127]
Sobald die beiden Instrumente unterzeichnet waren, zogen die Engländer in die Stadt ein und besetzten einen Theil derselben. Ein schmaler, aber tiefer Arm des Shannon trennte sie von dem noch im Besitz der Irländer befindlichen Theile.[128]
Schon nach einigen Stunden entspann sich ein Streit, der eine Erneuerung der Feindseligkeiten hervorzurufen drohte. Sarsfield hatte sich entschlossen, in französischen Diensten sein Glück zu versuchen, und natürlich wünschte er ein Truppencorps mit auf den Continent zu nehmen, das ein wichtiger Zuwachs zur Armee Ludwig’s sein würde. Ginkell war eben so natürlich nicht geneigt, die Streitkräfte des Feindes durch Tausende von Leuten zu verstärken. Beide Generäle beriefen sich auf den Vertrag. Jeder legte denselben so aus, wie es seinem Zwecke entsprach und Jeder beschwerte sich, daß der Andre ihn verletzt habe. Sarsfield wurde beschuldigt, einen seiner Offiziere in Arrest geschickt zu haben, weil er sich geweigert, nach dem Continent zu gehen. Ginkell erklärte heftig gereizt, er wolle die Irländer lehren ihm Streiche spielen, und begann Anstalten zu einer Kanonade zu treffen. Sarsfield kam ins englische Lager und versuchte seine Maßregel zu rechtfertigen. Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel. „Ich füge mich,” sagte Sarsfield endlich, „denn ich bin in Ihrer Gewalt.” — „Sie sind durchaus nicht in meiner Gewalt,” erwiederte Ginkell; „kehren Sie zurück und thun Sie das Schlimmste was Sie denken.” Der verhaftete Offizier wurde in Freiheit gesetzt und dadurch ein blutiger Kampf vermieden, und die beiden Befehlshaber begnügten sich mit einem Wortkriege.[129] Ginkell erließ Proklamationen, worin er den Irländern versicherte, daß, wenn sie ruhig in ihrem Lande leben wollten, sie beschützt und begünstigt, und, wenn sie das militärische Leben vorzögen, in die Armee Wilhelm’s aufgenommen werden sollten. Aber es wurde hinzugesetzt, daß Keiner, der diese freundliche Einladung zurückwiese und ein Soldat Ludwig’s würde, erwarten dürfe, je wieder die Insel zu betreten. Sarsfield und Wauchop boten ihre Beredtsamkeit für die gegentheilige Ansicht auf. Das jetzige Aussehen der Dinge, sagten sie, sei allerdings trübe, aber hinter den Wolken sei der Himmel heiter. Die Verbannung werde kurz, die Rückkehr triumphirend sein. Binnen einem Jahre würden die Franzosen in England einfallen, und bei einem solchen Einfalle würden die irischen Truppen, wenn sie nur fest zusammenhielten, gewiß eine Hauptrolle spielen. Inzwischen sei es weit besser für sie, in einem benachbarten und befreundeten Lande, unter der väterlichen Fürsorge ihres eignen rechtmäßigen Königs zu leben, als sich dem Prinzen von Oranien anzuvertrauen, der sie wahrscheinlich an das andre Ende der Welt schicken werde, um für seinen Bundesgenossen, den Kaiser, gegen die Janitscharen zu kämpfen.
Die irischen Truppen werden aufgefordert, zwischen ihrem Vaterlande und Frankreich zu wählen.
Der Beistand des katholischen Klerus wurde angerufen. An dem Tage, an welchem Diejenigen, die sich entschlossen hatten nach Frankreich zu gehen, aufgefordert wurden, ihren Entschluß kund zu thun, waren die Priester unermüdlich in Ermahnungen. Vor jedem Regiment wurde eine Predigt gehalten über die Pflicht, der Sache der Kirche treu zu bleiben, und über die Sünde und Gefahr, sich mit Ungläubigen zu verbinden.[130] Jeder, wurde gesagt, der in den Dienst der Usurpatoren trete, würde dies bei Gefahr seines Seelenheils thun. Die Ketzer versicherten, daß dem Auditorium nach der Predigt eine tüchtige Ration Branntwein gereicht worden und daß, nachdem der Branntwein getrunken gewesen sei, ein Bischof den Segen gesprochen habe. So durch physische und moralische Stimulationsmittel gehörig vorbereitet, wurde die aus etwa vierzehntausend Mann Infanterie bestehende Besatzung auf der großen Wiese aufgestellt, die auf dem Clarer Ufer des Shannon lag. Hier wurden Abdrücke von Ginkell’s Proklamation in Masse vertheilt und englische Offiziere gingen durch die Reihen, um die Mannschaften zu beschwören, sich nicht dem Verderben preis zu geben, und um ihnen die Vortheile auseinanderzusetzen, welche die Soldaten König Wilhelm’s genössen. Endlich kam der entscheidende Augenblick. Die Truppen erhielten Befehl, die Revue zu passiren. Diejenigen, welche in Irland zu bleiben wünschten, mußten an einer bestimmten Stelle umkehren. Von allen denen, die über diese Stelle hinaus marschirten, nahm man an, daß sie sich für Frankreich entschieden hatten. Sarsfield und Wauchop sahen auf der einen Seite, Coningsby und Ginkell auf der andren Seite mit ängstlicher Spannung zu. D’Usson und seinen Landsleuten wurde es schwer, ihre ernste Miene zu bewahren, obgleich das Schauspiel nicht ohne Interesse für sie war. Die Confusion, der Lärm, das groteske Aussehen einer Armee, in der fast kein Hemd und kein Beinkleid, kein Schuh oder Strumpf zu erblicken war, bildete einen so lächerlichen Contrast mit dem geordneten und glänzenden Aussehen der Truppen ihres Gebieters, daß sie einander scherzend fragten, was wohl die Pariser sagen würden, wenn sie auf der Ebene von Grenelle eine solche Armee defiliren sähen.[131]
Die Mehrzahl der irischen Truppen erklärt sich für den Freiwilligendienst in Frankreich.
Zuerst marschirte das sogenannte Regiment Royal vierzehnhundert Mann stark. Alle bis auf Sieben überschritten den verhängnißvollen Punkt. Ginkell’s Gesicht verrieth einen heftigen Unmuth. Er tröstete sich indeß wieder, als er das nächste Regiment, das aus Eingebornen von Ulster bestand, wie ein Mann Kehrt machen sah. Es war trotz der Gemeinschaft des Bluts, der Sprache und der Religion zwischen den Celten von Ulster und denen der anderen drei Provinzen eine Antipathie entstanden; auch ist es nicht unwahrscheinlich, daß das Beispiel und der Einfluß Baldearg O’Donnel’s einigen Eindruck auf die Bevölkerung des Landes gemacht haben mag, das seine Vorfahren regiert hatten.[132] In den meisten Regimentern waren die Meinungen getheilt; aber die große Mehrheit erklärte sich für Frankreich. Heinrich Luttrell gehörte zu Denen, welche umkehrten. Er wurde für seinen Abfall und vielleicht für noch andere Dienste mit Verleihung der großen Güter seines älteren Bruders Simon, der fest zur Sache Jakob’s hielt, mit einem Jahrgelde von fünfhundert Pfund von Seiten der Krone, und mit dem Abscheu der katholischen Bevölkerung belohnt. Nachdem er ein Vierteljahrhundert in Reichthum, Luxus und Schande gelebt, wurde Heinrich Luttrell ermordet, als er sich in seiner Sänfte durch Dublin tragen ließ, und das irische Haus der Gemeinen erklärte, man habe Grund zu vermuthen, daß er als ein Opfer der Rache der Papisten gefallen sei.[133] Achtzig Jahre nach seinem Tode wurde sein Grab unweit Luttrellstown durch die Nachkommen Derer, die er verrathen, gewaltsam geöffnet und sein Schädel vermittelst einer Spitzhacke in Stücken zerschlagen.[134] Der tödtliche Haß, deren Gegenstand er war, ging auch auf seinen Sohn und auf seinen Enkel über und leider hatte weder der Character seines Sohnes noch der seines Enkels Seiten, welche das Gefühl, das der Name Luttrell erweckte, zu mildern geeignet gewesen wären.[135]
Als der lange Zug vorbeidefilirt war, ergab es sich, daß ungefähr tausend Mann bereit waren, in Wilhelm’s Dienste zu treten. Etwa zweitausend nahmen Pässe von Ginkell an und begaben sich ruhig in ihre Heimath. Ungefähr elftausend kehrten mit Sarsfield in die Stadt zurück. Einige Stunden nachdem die Besatzung die Revue passirt hatte, wurden auch die einige Meilen von der Stadt lagernden Reiter aufgefordert, ihre Wahl zu treffen, und die meisten von ihnen entschieden sich für Frankreich.[136]
Viele von den Irländern, die sich für Frankreich erklärt hatten, desertiren.
Sarsfield betrachtete die Truppen, welche bei ihm blieben, als unwiderruflich verpflichtet, außer Landes zu gehen, und damit sie sich nicht versucht fühlen möchten, ihre Zusage zurückzunehmen, hielt er sie innerhalb der Wälle und ließ die Thore schließen und streng bewachen. Obwohl Ginkell in seinem Aerger einige Drohungen murmelte, scheint er doch eingesehen zu haben, daß eine Einmischung seinerseits nicht gerechtfertigt war. Aber die Vorsichtsmaßregeln des irischen Generals erreichten ihren Zweck bei weitem nicht vollkommen. Es war durchaus nicht zu verwundern, daß ein abergläubischer und reizbarer Kerne, mit einer Predigt und einem Glas Branntwein im Kopfe, bereit war Alles zu versprechen was seine Priester verlangten; eben so wenig war es zu verwundern, daß, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte und keine Anathemen ihm mehr in den Ohren klangen, er peinliche Besorgnisse empfand. Er hatte sich verpflichtet, vielleicht auf Lebenszeit ins Exil zu gehen, weit weg von den traurigen Wasserflächen, die seinem ungebildeten Geiste ein geheimnißvolles Grauen einflößten. Alles was er verlassen sollte, zog an seinen Gedanken vorüber, der wohlbekannte Torfhaufen und das Kartoffelfeld und die Lehmhütte, die bei aller ihrer Aermlichkeit doch immer seine Heimath war. Nie sollte er die wohlbekannten Gesichter wieder um das Torffeuer sitzen sehen, nie die traulichen Klänge der alten celtischen Lieder hören. Der weite Ocean sollte zwischen ihm und dem Herde seiner greisen Eltern und seines blühenden Liebchens wogen. Einige, die den quälenden Gedanken einer solchen Trennung nicht zu ertragen vermochten und die Unmöglichkeit vor Augen sahen, bei den Schildwachen, welche die Thore hüteten, vorbeizukommen, sprangen in den Fluß und erreichten das entgegengesetzte Ufer. Doch war die Zahl dieser kühnen Schwimmer nicht groß, und die Armee würde wahrscheinlich vollzählig über den Kanal gebracht worden sein, wenn sie bis zum Einschiffungstage in Limerick geblieben wäre. Aber viele von den Schiffen auf denen die Ueberfahrt bewerkstelligt werden sollte, lagen in Cork und Sarsfield mußte mit einigen seiner besten Regimenter dahin abgehen. Dies war ein Marsch von nicht weniger als vier Tagen durch eine öde Gegend. Es war unmöglich, gewandte junge Männer, die mit allen Schlichen eines unsteten und räuberischen Lebens vertraut waren, zu verhindern, daß sie sich unter dem Schutze der Dunkelheit nach den Sümpfen und Wäldern fortstahlen. Viele Soldaten waren sogar dreist genug, am hellen Tage davonzulaufen, noch ehe die Kathedrale von Limerick ihren Blicken entschwunden war. Das Regiment Royal, das am Tage der Revue ein so auffallendes Beispiel von treuer Anhänglichkeit an die Sache Jakobs’ gegeben hatte, schmolz von vierzehnhundert auf fünfhundert Mann zusammen. Noch vor der Abfahrt des letzten Schiffes kam die Nachricht, daß die mit den ersten Schiffen Abgegangenen in Brest unfreundlich empfangen worden seien. Sie waren kärglich mit Lebensmitteln versehen worden, hatten weder Sold noch Kleidung erlangen können und mußten ohne andres Obdach als Hecken und Zäune auf freiem Felde schlafen, obgleich der Winter vor der Thür war. Man hatte Viele von ihnen äußern hören, es würde weit besser gewesen sein, in Alt-Irland zu sterben als in dem ungastlichen Lande zu leben, in das sie verbannt wären. Die Wirkung dieser Berichte war, daß Hunderte, welche lange in der Absicht auszuwandern beharrt hatten, sich im letzten Augenblicke weigerten an Bord zu gehen, ihre Waffen wegwarfen und in ihre heimathlichen Dörfer zurückkehrten.[137]
Die letzte Division der irischen Armee segelt von Cork nach Frankreich ab.
Sarsfield bemerkte, daß eine Hauptursache der Desertion, die seine Armee lichtete, die sehr natürliche Ungeneigtheit der Leute war, ihre Familien in Dürftigkeit zurückzulassen. Cork und die Umgegend war mit den Angehörigen der Fortgehenden angefüllt. Eine große Menge Frauen, von denen viele ihre Kinder führten, trugen oder säugten, bedeckte alle Zugänge zu dem Einschiffungsplatze. Der irische General, der den Eindruck fürchtete, den die Bitten und Klagen dieser armen Geschöpfe unfehlbar hervorbringen mußten, erließ eine Proklamation, in der er seinen Soldaten versicherte, daß es ihnen erlaubt sein solle, ihre Frauen und Familien nach Frankreich mitzunehmen. Es wäre eine Beleidigung für das Andenken eines so tapferen und biederen Mannes, wollte man annehmen, daß er dieses Versprechen mit der Absicht gegeben habe, es nicht zu halten. Viel wahrscheinlicher ist es, daß er die Anzahl Derer, welche die Ueberfahrt verlangen konnten, zu niedrig anschlug, und daß er sich außer Stande sah, sein Wort zu halten, als es bereits zu spät war, andere Einrichtungen zu treffen. Nachdem die Soldaten eingeschifft waren, fand man zwar noch Raum für die Familien Vieler; aber es blieben doch eine große Menge am Lande zurück, welche kläglich baten, an Bord genommen zu werden. Als das letzte Boot abstieß, stürzten sich Viele in die Brandung. Einige Weiber erfaßten die Taue, wurden in tiefes Wasser mit fortgezogen, ließen nicht los, bis ihre Hände zerschnitten waren, und kamen in den Wellen um. Die Schiffe begannen sich in Bewegung zu setzen. Ein wildes, entsetzliches Geschrei erscholl am Ufer und erregte ungewohntes Mitleid in Herzen, welche durch Haß gegen den irischen Volksstamm und gegen den römischen Glauben gestählt waren. Selbst der strenge Cromwellianer, jetzt endlich nach einem dreijährigen verzweifelten Kampfe der unbestrittene Herr der blutgetränkten und verwüsteten Insel, konnte nicht ungerührt den Schmerzensschrei vernehmen, in welchem sich die ganze Wuth und der ganze Kummer einer besiegten Nation aussprach.[138]
Die Segel verschwanden. Der abgezehrte und muthlose Schwarm Derer, die ein härterer Schlag als der Tod zu Wittwen und Waisen gemacht, zerstreute sich, um sich durch ein verwüstetes Land nach Hause zu betteln oder niederzusinken und an der Straße vor Gram und Hunger zu sterben. Die Verbannten gingen, um in fremden Feldlagern die Disciplin zu lernen, ohne welche der natürliche Muth von geringem Werthe ist, und um auf fernen Schlachtfeldern die Ehre wieder zu erkämpfen, welche daheim durch eine lange Reihe von Niederlagen verloren worden war.
Zustand Irland’s nach dem Kriege.
In Irland war Friede. Die Herrschaft der Colonisten war unumschränkt und die eingeborne Bevölkerung zeigte die grauenvolle Ruhe der Erschöpfung und der Verzweiflung. Gewaltthätigkeiten, Räubereien, Brandstiftungen und Mordthaten kamen wohl noch immer vor, aber mehr als ein Jahrhundert verging ohne einen allgemeinen Aufstand. Während dieses Jahrhunderts wurden in Großbritannien durch die Anhänger des Hauses Stuart zwei Revolutionen angestiftet. Aber weder als der ältere Prätendent in Scone gekrönt wurde, noch als der jüngere in Holyrood sein Hoflager hielt, wurde das Banner dieses Hauses in Connaught oder Munster aufgepflanzt. Sogar im Jahre 1745, als die Hochländer gegen London marschirten, waren die Katholiken Irland’s so ruhig, daß der Vicekönig ohne die mindeste Gefahr mehrere Regimenter zur Verstärkung der Armee des Herzogs von Cumberland über den St. Georgskanal senden konnte. Diese Unterwürfigkeit war jedoch nicht eine Folge der Zufriedenheit, sondern lediglich der Bestürzung und Entmuthigung. Der Stahl war tief ins Herz gedrungen. Die Erinnerung an vergangene Niederlagen, die Gewohnheit, alltäglich Insulten und Bedrückungen zu ertragen, hatten den Muth der unglücklichen Nation gebrochen. Es gab zwar noch irische Katholiken von großer Befähigung, Energie und Ehrgeiz; aber sie waren überall, nur nicht in Irland zu finden: in Versailles und in St. Ildefonso, in den Armeen Friedrich’s und in den Armeen Maria Theresia’s. Einer der Verbannten wurde Marschall von Frankreich. Ein Andrer wurde Premierminister von Spanien. Wäre er in seinem Vaterlande geblieben, so würden sich alle die unwissenden und unbedeutenden Squires, welche auf das Gedächtniß der glorreichen und denkwürdigen Zeit tranken, ihn als tief unter sich stehend betrachtet haben. In seinem Palaste zu Madrid hatte er das Vergnügen, den Gesandten Georg’s II. sich eifrig um seine Gunst bewerben zu sehen und dem Gesandten Georg’s III. in stolzen Ausdrücken Trotz bieten zu können.[139] Ueber ganz Europa fand man tapfere irische Generäle, gewandte irische Diplomaten, irische Grafen, irische Barone, irische Ritter des St. Ludwigs- und des St. Leopoldsordens, des weißen Adlers und des goldenen Vließes zerstreut, die, wenn sie im Hause der Knechtschaft geblieben wären, kaum Fähndriche in Infanterieregimentern oder Bürger kleiner Corporationen hätten werden können. Nachdem diese Männer, die natürlichen Oberhäupter ihres Stammes, entfernt worden, waren die noch Zurückgebliebenen gänzlich hülflos und passiv. Eine Erhebung des irischen Elements gegen das englische war eben so wenig zu befürchten, wie eine Erhebung der Frauen und Kinder gegen die Männer.[140]
Es gab zwar damals heftige Streitigkeiten zwischen dem Mutterlande und der Colonie; aber für diese Streitigkeiten interessirte sich die eingeborne Bevölkerung eben so wenig wie die rothen Indianer für den Streit zwischen Altengland und Neuengland über das Stempelgesetz. Die herrschende Minderheit, selbst wenn in Aufruhr gegen die Regierung, kannte keine Gnade für etwas das wie Aufruhr seitens der unterworfenen Mehrheit aussah. Keiner von den römischen Patrioten, welche Julius Cäsar ermordeten, weil er nach dem Königstitel strebte, würde das geringste Bedenken getragen haben, eine ganze Gladiatorenschule zu kreuzigen, die es versucht hätte, sich der abscheulichsten und schimpflichsten Knechtschaft zu entziehen. Keiner der virginischen Patrioten, welche ihre Lostrennung vom britischen Reiche damit rechtfertigten, daß sie es für eine selbstverständliche Wahrheit erklärten, daß der Schöpfer allen Menschen ein unveräußerliches Recht auf die Freiheit gegeben habe, würde das mindeste Bedenken getragen haben, einen Negersklaven niederzuschießen, der auf dieses unveräußerliche Recht Anspruch gemacht hätte. Ebenso waren die protestantischen Herren von Irland, während sie sich prahlerisch zu den politischen Doctrinen Locke’s und Sidney’s bekannten, der Meinung, daß ein Volk, das celtisch sprach und die Messe hörte, in diesen Lehren nicht mit inbegriffen sei. Molyneux zog die Suprematie der englischen Legislatur in Zweifel. Swift griff mit den schärfsten Waffen des Spottes und Hohnes jeden Theil des Regierungssystems an. Lucas beunruhigte die Verwaltung Lord Harrington’s. Boyle stürzte die Verwaltung des Herzogs von Dorset. Aber weder Molyneux noch Swift, weder Lucas noch Boyle dachten jemals daran, an die eingeborne Bevölkerung zu appelliren. Sie würden eben so leicht daran gedacht haben, an die Schweine zu appelliren.[141] Zu einer späteren Zeit stachelte Heinrich Flood die dominirende Klasse auf, eine Parlamentsreform zu verlangen und zur Erlangung dieser Reform selbst revolutionäre Mittel anzuwenden. Aber weder er noch Diejenigen, die ihn als ihren Führer betrachteten und auf sein Geheiß bis dicht an den Rand des Hochverraths gingen, wollten der unterworfenen Klasse auch nur den kleinsten Antheil an der politischen Macht einräumen. Der tugendhafte und gebildete Charlemont, ein Whig unter den Whigs, verbrachte ein langes Leben im Kampfe für das was er die Freiheit seines Vaterlandes nannte. Aber er stimmte gegen das Gesetz, welches katholischen Grundbesitzern das Wahlrecht verlieh, und er starb mit der feststehenden Meinung, daß das Parlamentshaus von katholischen Mitgliedern rein gehalten werden müsse. In der That, während des auf die Revolution folgenden Jahrhunderts stand die Geneigtheit eines englischen Protestanten, das irische Element mit Füßen zu treten, gewöhnlich im Verhältniß zu dem Eifer, den er für die politische Freiheit an sich zur Schau trug. Wenn er ein einziges Wort des Mitleids mit der durch die Minderheit unterdrückten Mehrheit äußerte, konnte er dreist ein bigotter Tory und Hochkirchlicher genannt werden.[142]
Während dieser ganzen Zeit gohr ein durch die Furcht niedergehaltener Haß in der Brust der Kinder des Bodens. Sie waren noch das nämliche Volk, das 1641 auf den Ruf O’Neill’s und 1689 auf den Ruf Tyrconnel’s zu den Waffen geeilt war. Für sie war jedes vom Staate angeordnete Fest ein Tag der Trauer, jede vom Staate errichtete öffentliche Trophäe ein Denkmal der Schande. Wir haben die Gefühle einer Nation, welche dazu verurtheilt ist, beständig auf allen ihren öffentlichen Plätzen die Denkmäler ihrer Unterjochung zu sehen, nie gekannt und können uns mit einen schwachen Begriff davon machen. Auf solche Monumente traf das Auge der irischen Katholiken allenthalben. Vor dem Senatshause ihres Landes sahen sie das Standbild ihres Besiegers. Wenn sie eintraten, sahen sie die Wände mit den Niederlagen ihrer Väter bedeckt. Endlich, nach hundert Jahren der Knechtschaft, die ohne einen energischen oder einmüthigen Befreiungskampf ertragen worden waren, weckte die französische Revolution eine wilde Hoffnung im Busen der Bedrückten. Männer, welche alle Prätensionen und alle Leidenschaften des Parlaments geerbt, das Jakob in den King’s Inns gehalten hatte, konnten nicht ohne innere Bewegung von dem Sturze einer reichen Staatskirche, von der Flucht eines glänzenden Adels, von der Confiscation eines ungeheuren Ländergebiets hören. Alte Antipathien, welche nie geschlummert hatten, wurden durch die Combination von Anreizungen, die in jeder andren Gesellschaft einander entgegengewirkt haben würden, zu neuer und furchtbarer Energie entflammt. Der Geist des Papismus und der Geist des Jakobitismus, überall anderwärts unversöhnliche Gegner, waren für diesmal zu einer unnatürlichen und entsetzlichen Einigkeit verbunden. Ihr vereinter Einfluß rief die dritte und letzte Erhebung der eingebornen Bevölkerung gegen die Colonie hervor. Die Urenkel der Soldaten Galmoy’s und Sarsfield’s standen den Urenkeln der Soldaten Wolseley’s und Mitchelburn’s gegenüber. Wieder schaute der Celte ungeduldig nach den Segeln aus, die ihm von Brest Hülfe bringen sollten, und wieder hatte der Sachse die Gesammtmacht England’s zur Stütze. Der Sieg blieb abermals der gebildeten und wohlorganisirten Minderzahl. Glücklicherweise aber fand das besiegte Volk diesmal auf einer Seite Schutz, von wo es früher nichts als unversöhnliche Härte zu erwarten gehabt hätte. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts hatte zu dieser Zeit den englischen Whiggismus von dem tiefwurzelnden Fehler der Intoleranz gereinigt, den derselbe während einer langen und innigen Verbindung mit dem Puritanismus des 17. Jahrhunderts angenommen. Aufgeklärte Männer hatten angefangen einzusehen, daß die Argumente, durch welche Milton und Locke, Tillotson und Burnet die Rechte der Ueberzeugung vertheidigt hatten, mit nicht geringerem Gewicht zu Gunsten der Katholiken, wie zu Gunsten der Independenten oder der Baptisten geltend gemacht werden konnten. Die große Partei, deren Entstehung durch die Exclusionisten hindurch bis zu den Rundköpfen zurückgeht, verlangte noch dreißig Jahre lang trotz königlichen Unwillens und Volksgeschreis für diejenigen irischen Papisten, welche die Rundköpfe und die Exclusionisten nur als Jagdwild oder als Lastvieh betrachtet hatten, einen Antheil am Genusse aller Wohlthaten unsrer freien Verfassung. Doch es bleibt einem andren Geschichtsschreiber vorbehalten, die Wechselfälle dieses großen Kampfes und den endlichen Sieg der Vernunft und Humanität zu erzählen. Leider wird dieser Geschichtsschreiber auch zu berichten haben, daß dem durch solche Anstrengungen und solche Opfer errungenen Siege alsbald Enttäuschung folgte, daß es sich als viel schwerer erwies, böse Leidenschaften auszurotten als schlechte Gesetze abzuschaffen, und daß noch lange nachdem jede Spur von nationalem und religiösem Hasse aus dem Gesetzbuche verwischt war, nationaler und religiöser Haß in der Brust von Millionen fortwucherte. Möge er auch berichten können, daß Weisheit, Gerechtigkeit und Zeit allmälig in Irland das bewirkten, was sie in Schottland bewirkt hatten, und daß alle Stämme, welche die britischen Inseln bewohnen, endlich unauflösbar zu einem Volke verschmolzen!
Fußnoten
[1] Relation de la Voyage de Sa Majesté Britannique en Hollande, enrichie de planches très curieuses, 1692; Wagenaar; London Gazette, Jan. 29. 1690/91; Burnet II. 71.
[2] Die Namen dieser beiden großen Gelehrten werden in einem sehr interessanten Briefe von Bentley an Grävius vom 29. April 1698 neben einander gestellt. „Sciunt omnes qui me norunt, et si vitam mihi Deus O. M. prorogaverit, scient etiam posteri, ut te et τὁν πἁνυ Spanhemium, geminos hujus aevi Dioscuros, lucida literarum sidera, semper praedicaverim, semper veneratus sim.”
[3] Relation de la Voyage de S. M. Britannique en Hollande, 1692; London Gazette, Febr. 2. 1690/91; Le Triomphe Royal, où l’on voit descrits les Arcs de Triomphe, Pyramides, Tableaux et Devises au Nombre de 65, erigez à la Haye à l’honneur de Guillaume Trois, 1692; Le Carneval de la Haye, 1691. Letztere Schrift ist ein heftiges Pasquill gegen Wilhelm.
[4] London Gazette, Febr. 5. 1690/91; His Majesty’s Speech to the Assembly of the States General of the United Provinces at the Hague, the 7th of February N. S., together with the Answer of their High and Mighty Lordships, as both are extracted out of the Register of the Resolutions of the States General, 1691.
[5] Relation de la Voyage de S. M. Britannique en Hollande; Burnet II. 72; London Gazette, Febr. 12, 19, 23. 1690/91; Mémoires du Comte de Dohna; William Fuller’s Memoirs.
[6] Wagenaar 42; Le Carneval de la Haye, Mars 1691; Le Tabouret des Electeurs, April 1691; Cérémonial de ce qui s’est passé à la Haye entre le Roi Guillaume et les Electeurs de Bavière et de Brandebourg. Diese letztere Abhandlung ist ein Manuscript, das Georg IV. dem Britischen Museum schenkte.
[7] London Gazette vom 23. Febr. 1690/91.
[8] Der geheime Artikel, durch den der Herzog von Savoyen sich verpflichtete, den Waldensern Duldung zu gewähren, findet sich in Dumont’s Sammlung. Er wurde unterzeichnet am 8. Febr. 1691.
[9] London Gazette vom 26. März bis 13. April 1691; Monthly Mercury vom März und April; Wilhelm’s Briefe an Heinsius vom 18. und 29. März und 7. und 9. April; Dangeau’s Memoiren; The Siege of Mons, eine Tragikomödie 1691. In diesem Drama überreden die Geistlichen, welche im französischen Interesse handeln, die Bürger zur Uebergabe der Stadt. Dieser Verrath ruft die Aeußerung des Unwillens hervor:
„O, Priesterthum, o Krämerstand, wie schwächet ihr
Der Menschen Muth!”
[10] Preston’s Prozeß in der Collection of State Trials. Ein Anwesender spricht sich folgendermaßen über Somers’ Eröffnungsrede aus: „In der die Untersuchung eröffnenden Rede sah man weder absichtliche Uebertreibungen noch ein Prahlen mit gemeinen Beredtsamkeitsfloskeln, wie man sie in früheren Prozessen, dem Geschnatter von Gänsen ähnlich, findet. Man hörte nichts als einfache Facta oder daraus hervorgehende natürliche und treffende Bemerkungen.” Die Flugschrift, aus der ich diese Worte anführe, ist betitelt: An Account of the late horrid Conspiracy by a Person who was present at the Trials, 1691.
[11] State Trials.
[12] Paper delivered by Mr. Ashton, at his execution, to Sir Francis Child, Sheriff of London; Answer to the Paper delivered by Mr. Ashton. Die Antwort war von Dr. Eduard Fowler, nachmaligem Bischof von Gloucester, geschrieben. Burnet II. 70; Brief vom Bischof Lloyd an Dodwell im zweiten Bande von Gutch’s Collectanea Curiosa.
[13] Narcissus Luttrell’s Diary.
[14] Narcissus Luttrell’s Diary; Burnet II. 71.
[15] Brief von Collier und Cook an Sancroft unter den Tanner’schen Manuscripten.
[16] Caermarthen an Wilhelm, 3. Febr. 1690/91; Life of James, II. 443.
[17] Daß diese Darstellung im Wesentlichen auf Wahrheit beruht, wird genugsam bewiesen durch S. 443 des 2. Theiles der Lebensbeschreibung Jakob’s. Einige geringfügige Umstände habe ich auch Dalrymple entlehnt, der sie meines Wissens aus jetzt unwiederbringlich verlorenen Papieren genommen, welche er im Schottischen Collegium zu Paris gesehen hatte.
[18] Der Erfolg von Wilhelm’s „anscheinender Milde” wird von dem Herausgeber der Lebensbeschreibung Jakob’s zugegeben. „Die Methode des Prinzen von Oranien,” heißt es darin, „hatte so guten Erfolg, daß die von Penn genannten Lords, welches auch damals ihre Gesinnungen gewesen sein mochten, sich nachmals thatsächlich als bittere Feinde der Sache Sr. Majestät erwiesen.” — II. 443.
[19] Siehe sein Tagebuch; Evelyn’s Tagebuch unterm 25. März, 22. April und 11. Juli 1691; Burnet II. 71; Briefe von Rochester an Burnet vom 21. März und 2. April 1691.
[20] Life of James, II. 443, 450; Legge Papers in der Mackintosh-Sammlung.
[21] Burnet II. 71; Evelyn’s Tagebuch, 4. und 18. Jan. 1690/91; Brief von Turner an Sancroft, 19. Jan. 1690/91; Brief von Sancroft an Lloyd von Norwich, 2. April 1692. Diese beiden Briefe befinden sich unter den Tanner’schen Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek und sind in Life of Ken, by a Layman abgedruckt. Turner’s Entkommen nach Frankreich wird in Narcissus Luttrell’s Tagebuch, Februar 1690 erwähnt. Siehe auch A Dialogue between the Bishop of Ely and his Conscience, 16th February 1690/91. Das Gespräch wird durch Trompetenstöße unterbrochen. Der Bischof hört sich zum Verräther proklamiren und ruft aus:
„Komm, Bruder Penn, ’s ist Zeit, daß wir nun gehn.”
[22] Bezüglich einer Probe seiner Visionen siehe sein Tagebuch, Seite 13; über sein Teufelaustreiben Seite 26. Ich führe die Folioausgabe von 1765 an.
[23] Tagebuch, Seite 4.
[24] Tagebuch, Seite 7.
[25] „Was sie wissen, das wissen sie von Natur, die sich von dem Gebete abwenden und von dem Geiste abirren, deren Frucht verdorrt, die da sagen, daß Hebräisch, Griechisch und Latein die Ursprachen seien; bevor Babel war, hatte die Erde nur eine Sprache; und Nimrod der kluge Jäger vor dem Herrn, der aus Ham’s verfluchtem Geschlecht abstammte, der Urheber und Erbauer von Babel, das Gott durch viele Sprachen vernichtete, und dies sagen sie, die von dem Geiste und Gebote abirrten, sei der Urtext, und Pilatus hatte sein ursprüngliches Hebräisch, Griechisch und Latein, der Christum kreuzigte and machte ihm eine Zuschrift daraus.” A message from the Lord to the Parliament of England, by G. Fox, 1654. Dieselbe Argumentation findet sich in seinem Tagebuche, nur ist sie dort durch den Herausgeber in etwas besseres Englisch übersetzt worden. „Glaubst Du Diener Christi zu machen durch diese natürlichen verworrenen Sprachen, die aus Babel hervorgingen, in Babylon bewundert werden und von einem Verfolger über Christi, des Lebens, Haupt gesetzt wurden?” Seite 64.
[26] Sein Tagebuch wurde, bevor es erschien, noch einmal durch Männer von mehr Verstand und Kenntnissen als er selbst besaß, revidirt und giebt uns daher bei aller seiner Absurdität noch keinen Begriff von seinem echten Style. Nachstehendes ist eine gute Probe. Es ist die Einleitung zu einem seiner Manifeste. „Sie, welche die Welt, die ohne Gottesfurcht ist, spöttischerweise Quäker nennt, leugnen alle Meinungen, sie leugnen alle Ueberzeugungen, sie leugnen alle Secten und leugnen alle Ideen und Begriffe und Urtheile, die aus dem Willen und dem Gedanken entspringen, und sie leugnen die Zauberei und alle Eide und die Welt und ihre Werke, und ihren Gottesdienst und ihre Gebräuche mit dem Licht, und sie leugnen falsche Wege und falsche Gottesverehrung, die Verführer und Betrüger, wie man sie jetzt sieht in der Welt mit dem Licht, und mit ihm sind sie verurtheilt, welches Licht führet zum Frieden und vom Tode zum Leben, was jetzt Tausende bezeugen dem neuen Lehrer Christus, ihm, durch den die Welt gemacht wurde, der regiert unter den Kindern des Lichts, und mit dem Geist und der Macht des lebendigen Gottes sie sehen und unterscheiden läßt die Spreu von dem Weizen und sieht den, der geschüttelt werden muß, neben dem, der nicht geschüttelt noch bewegt werden kann, woraus zu sehen ist, welcher geschüttelt und bewegt ist; so werden Die, welche in den Begriffen, Meinungen, Ideen, Gedanken und Vorstellungen leben, geschüttelt und kommen auf einen Haufen, während Die, welche diese vorerwähnten Dinge geschüttelt und bewegt sehen, in Frieden wandeln, nicht gesehen und erkannt von Denen, welche in diesen Dingen ungeschüttelt und unbewegt wandeln.” — A Warning to the World that are Groping in the Dark, by G. Fox, 1655.
[27] Siehe die Schrift betitelt: Concerning Good morrow and Good even, the World’s Customs, but by the Light which into the World is come by it made manifest to all who be in the Darkness, by G. Fox, 1657.
[28] Tagebuch, Seite 166.
[29] Epistel aus Harlingen vom 11. des 6. Monats 1677.
[30] Of Bowings, by G. Fox, 1657.
[31] Siehe zum Beispiel das Tagebuch, Seite 24, 26 und 51.
[32] Siehe z. B. die Epistel an Sawkey, einen Friedensrichter, im Tagebuche Seite 86; die Epistel an Wilhelm Lampitt, einen Geistlichen, welche beginnt: „Das Wort des Herrn Dir, o Lampitt,” Seite 80, und die Epistel an einem andren Geistlichen, den er Priester Tatham nennt, Seite 92.
[33] Tagebuch, Seite 55.
[34] Ibid. Seite 300.
[35] Ibid. Seite 323.
[36] Ibid. Seite 48.
[37] „Besonders neuerdings,” sagt Leslie, der entschiedenste Gegner der Secte, „haben sich einige von ihnen dem Christenthum mehr genähert, als je zuvor, und unter ihnen hat der geistreiche Mr. Penn seit kurzem einige ihrer albernsten Ansichten verbessert und sie in eine gewisse Form gebracht, so das wenigstens Verstand und Englisch aus ihnen spricht, von welchen beiden Dingen Georg Fox, ihr erster und größter Apostel, ganz und gar nichts wußte.... Sie thun Alles was sie können, um ihrer Lehre den Anschein zu geben, als wäre sie sich von Anfang an gleich geblieben und hätte durchaus keine Aenderung erfahren, und deshalb nehmen sie es auf sich, alle Schriften Georg Fox’ so wie andrer der ersten Quäker zu vertheidigen, und drehen und winden sich, dieselben (was unmöglich ist) mit dem was sie jetzt lehren, in Einklang zu bringen.” (The Snake in the Grass, 3. Ausgabe, 1698. Einleitung.) Leslie war jederzeit artiger gegen seinen jakobitischen Collegen Penn wie gegen irgend einen andren Quäker. Penn selbst sagt von seinem Meister: „So abgerissen und zerstückelt seine Sentenzen über göttliche Dinge zuweilen von ihm kommen, so ist es doch wohl bekannt, daß sie oft vielen besseren Erklärungen als Themata dienten.” Das heißt mit anderen Worten: Georg Fox schwatzte Unsinn, und einige seiner Freunde umschrieben diesen Unsinn, so daß er verständlich wurde.
[38] In Penn’s Biographie, die seinen Werken vorgedruckt ist, wird uns erzählt, daß die Verhaftsbefehle am 16. Januar 1690/91 in Folge einer Anklage erlassen wurden, die sich auf die eidliche Angabe Wilhelm Fuller’s stützte, der mit Recht ein Lump, ein Lügner und ein Betrüger genannt wird, und Mr. Clarkson wiederholt diese Geschichte. Sie ist jedoch sicherlich falsch. Caermarthen sagt in einem Briefe an Wilhelm vom 3. Februar, man habe damals nur einen Zeugen gegen Penn gehabt, und dieser eine Zeuge sei Preston gewesen. Es liegt demnach auf der Hand, daß Fuller nicht der Angeber war, auf dessen eidliche Aussage hin der Verhaftsbefehl gegen Penn erlassen wurde. Aus Fuller’s Selbstbiographie geht in der That hervor, das er damals im Haag war. Als Nottingham am 26. Juni an Wilhelm schrieb, war ein zweiter Zeuge aufgetreten.
[39] Sidney an Wilhelm, 27. Febr. 1690/91. Der Brief befindet sich in Dalrymple’s Anhang, Theil II. Buch 6. Narcissus Luttrell erwähnt in seinem Tagebuche vom September 1691 Penn’s Entkommen von Shoreham nach Frankreich. Unterm 5. December 1693 schreibt Narcissus: „Wilhelm Penn der Quäker tritt jetzt, nachdem er sich einige Zeit verborgen gehalten und das gegen ihn Vorliegende ausgeglichen hat, wieder öffentlich auf und hielt vergangenen Freitag im „Bull and Mouth” in St. Martin’s einen Vortrag.” Am 18. (28.) December 1693 wurde in Saint-Germains unter Melfort’s Leitung eine Schrift aufgesetzt, die eine Stelle enthält, welche in der Uebersetzung lautet: „Mr. Penn sagt, daß Eure Majestät schon mehrere Gelegenheiten gehabt hat, aber noch nie eine so günstige als die gegenwärtige, und er hofft, daß Eure Majestät ernstlich in den Allerchristlichsten König dringen wird, sie nicht zu versäumen; daß eine Landung mit dreißigtausend Mann nicht nur Eure Majestät wieder retabliren, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Ligue auflösen würde.” Diese Schrift befindet sich unter den Nairne-Manuscripten und wurde von Macpherson übersetzt.
[40] Narcissus Luttrell’s Diary, April 11. 1691.
[41] Narcissus Luttrell’s Diary, August 1691; Brief von Vernon an Wharton vom 17. Oct. 1691 in der Bodlejanischen Bibliothek.
[42] Die Meinung der Jakobiten geht aus einem Briefe hervor, der sich in den Archiven des französischen Kriegsministeriums befindet. Derselbe wurde am 25. Juni 1691 in London geschrieben.
[43] Welwood’s Mercurius Reformatus, April 11., 24., 1691; Narcissus Luttrell’s Diary, April 1691; L’Hermitage an die Generalstaaten, 19. (29.) Juni 1696; Calamy’s Life. Die Geschichte von Fenwick’s Rohheit Marien gegenüber wird verschieden erzählt. Ich habe mich an die mir am glaubwürdigsten scheinende und gewiß mindest entehrende Version gehalten.
[44] Burnet II. 71.
[45] Lloyd an Sancroft, 24. Jan. 1691. Der Brief befindet sich unter den Tanner-Manuscripten und ist im Life of Ken by a Layman abgedruckt.
[46] London Gazette vom 1. Juni 1691; Birch’s Life of Tillotson; Congratulatory Poem to the Reverend Dr. Tillotson on his Promotion, 1691; Vernon an Wharton, 28. und 30. Mai 1691. Diese Briefe an Wharton befinden sich in der Bodlejanischen Bibliothek und gehören zu einer höchst interessanten Sammlung, auf welche Dr. Bandinel so freundlich war mich aufmerksam zu machen.
[47] Birch’s Life of Tillotson; Leslie’s Charge of Socinianism against Dr. Tillotson considered, by a True Son of the Church, 1695; Hickes’s Discourses upon Dr. Burnet and Dr. Tillotson, 1695; Catalogue of Books of the Newest Fashion to be Sold by Auction at the Whig’s Coffee House, augenscheinlich 1693 gedruckt. Mehr als sechzig Jahre später spricht Johnson von einem starren Jakobiten, der fest überzeugt gewesen war, daß Tillotson als Atheist gestorben sei; Idler, Nr. 10.
[48] Tillotson an Lady Russell, 23. Juni 1691.
[49] Birch’s Life of Tillotson; Memorials of Tillotson, by his pupil John Beardmore; Sherlock’s Predigt, beim Tode der Königin Marie 1694/95 in der Tempel-Kirche gehalten.
[50] Wharton’s Collectanea, angeführt in Birch’s Life of Tillotson.
[51] Wharton’s Collectanea, angeführt in D’Oyly’s Life of Sancroft; Narcissus Luttrell’s Diary.
[52] Das Lambeth-Mspt., angeführt in D’Oyly’s Life of Sancroft; Narcissus Luttrell’s Diary; Vernon an Wharton, 9., 11. Juni 1691.
[53] Siehe einen Brief von R. Nelson, vom 21. Febr. 1709/10 im Anhange zu N. Marshall’s Defence of our Constitution in Church and State, 1717; Hawkin’s Life of Ken; Life of Ken, by a Layman.
[54] Siehe eine von ihm am 15. Nov. 1693 dictirte Abhandlung in Wagstaffe’s Brief aus Suffolk.
[55] Kettlewells’ Life, III. 59.
[56] Siehe D’Oyly’s Life of Sancroft, Hallam’s Constitutional History und Dr. Lathbury’s History of the Nonjurors.
[57] Siehe die Selbstbiographie seines Nachkommen und Namensvetters des Schauspieldichters. Außerdem Onslow’s Note zu Burnet II. 76.
[58] A Vindication of Their Majesties Authority to fill the Sees of the deprived Bishops, May 20. 1691; London Gazette vom 27. April und 15. Juni 1691; Narcissus Luttrell’s Diary, May 1691. Unter den Tanner-Manuscripten befinden sich zwei Briefe von Jakobiten an Beveridge, der eine mild und anständig, der andre an Rücksichtslosigkeit die gewöhnliche Rücksichtslosigkeit der Eidverweigerer noch übertreffend. Ersteren kann man im Life of Ken, by a Layman nachlesen.
[59] Es ist nicht ganz klar, ob Sharp’s Skrupel wegen der abgesetzten Prälaten ein Gewissensskrupel oder nur ein Zartgefühlsskrupel war. Siehe seine Biographie von seinem Sohne.
[60] Siehe Overall’s Convocation Book, Kap. 28. Nichts kann klarer und schlagender sein als seine Sprache:
„Wenn, nachdem sie ihre unheiligen Wünsche erreicht, seien es ehrgeizige Könige durch Unterwerfung eines Landes, oder unloyale Unterthanen durch rebellische Erhebung gegen ihre natürlichen Landesherren, sie eine der besagten entarteten Regierungen unter ihrem Volke errichtet haben, so ist die entweder so unrechtmäßig errichtete, oder dem wahren und rechtmäßigen Besitzer gewaltsam entrissene Autorität, da sie immerhin Gottes Autorität ist und durch die Schlechtigkeit Derer, die sie besitzen, nicht beeinträchtigt wird, jederzeit in Ehren zu halten und ihm zu gehorchen, sobald solche Aenderungen sich vollständig befestigt haben, und die Leute aller Art, vom geistlichen wie vom Laienstande, müssen ihr unterthan sein, nicht allein aus Furcht, sondern auch aus Gewissenspflicht.”
Dann folgt die Regel:
„Wenn Jemand behaupten wollte, daß, wenn eine solche neue Regierungsform, die mit einem Aufstande begonnen, sich nachmals vollkommen befestigt hat, die ihnen innewohnende Autorität nicht von Gott stamme, oder daß irgend Jemand, der auf dem Gebiete einer solchen Regierung wohnt, nicht verbunden sei, sich der Autorität Gottes, welche daselbst ausgeübt wird, zu unterwerfen, sondern sich gegen dieselbe auflehnen dürfe, der würde sehr irren.”
[61] Eine Aufzählung aller der Schriften, die ich über Sherlock’s Apostasie gelesen habe, wurde den Leser ermüden. Ich will einige von verschiedenem Character anführen. Parkinson’s Examination of D. Sherlock’s Case of Allegiance, 1691; Answer to D. Sherlock’s Case of Allegiance, by a London Apprentice, 1691; The Reasons of the New Convert’s taking thie Oaths to the present Government, 1691; Utrum horum? or God’s ways of disposing of Kingdoms, and some Clergymen’s ways of disposing of them, 1691; Sherlock and Xanthippe, 1691; Saint Paul’s Triumph in his Sufferings for Christ, by Matthew Bryan, L. L. D., dedicated Ecclesiae sub cruce gementi; A word to a wavering Levite; The Trimming Court Divine; Proteus Ecclesiasticus, or Observations on D. Sh — ’s late Case of Allegiance; The Weasil Uncased; A Whip for the Weasil; The Anti-Weasils. Zahlreiche Anspielungen auf Sherlock und seine Gattin finden sich in den satyrischen Schriften Tom Brown’s, Tom Durfey’s und Ned Ward’s. Siehe Life of James, II. 318. Mehrere interessante Briefe über Sherlock’s Apostasie befinden sich unter den Tanner-Manuscripten. Ich will ein paar Proben von den Versen anführen, welche der Case of Allegiance veranlaßte:
Kaum hatte Eva den Apfel genossen,
So eilte zum Gatten sie unverdrossen
Und zupfte ihn lockend am Kinn.
„Mein Liebster, sprach sie, hier nimm den und koste
Er wird Dir behagen, ich sag’ Dir’s zum Troste,
Nichts Sündhaftes liegt für Dich drin.”
[62] Die Hauptquelle für diesen Theil meiner Geschichte ist das Leben Jakob’s, besonders die höchstwichtige und interessante Stelle des zweiten Bandes, welche mit Seite 444 beginnt und auf Seite 450 endigt.
[63] Russell an Wilhelm, 10. Mai 1691, in Dalrymple’s Anhang, Theil II. Buch 7. Siehe auch die Memoiren von Sir John Leake.
[64] Commons’ Journals, March 21. 24. 1679; Grey’s Debates; Observator.
[65] London Gazette vom 21. Juli 1690.
[66] Life of James. II. 449.
[67] Shadwell’s Volunteers.
[68] Story’s Fortsetzung; Proklamation vom 21. Febr. 1690/91; London Gazette vom 12. März.
[69] Story’s Fortsetzung.
[70] Story’s Impartial History; London Gazette vom 17. Nov. 1690.
[71] Story’s Impartial History. Das Jahr 1684 war als eine Zeit besonderer Blüthe betrachtet worden und die Zolleinnahmen waren ungewöhnlich groß gewesen. Aber der Ertrag aus sämmtlichen Häfen Irland’s während des ganzen Jahres belief sich auf nur hundertsiebenundzwanzigtausend Pfund. Siehe Clarendon’s Memoiren.
[72] Story’s Geschichte und Fortsetzung; London Gazette vom 29. Sept. 1690 und vom 8. Jan. und 12. März 1690/91.
[73] Siehe die Protokolle der Lords vom 2. und 7. März 1692/93 und die der Gemeinen vom 16. Dec. 1693 und 29. Jan. 1693/94. Die Geschichte, die im besten Falle schlimm genug ist, wurde von den persönlichen und politischen Feinden der Lords Justices mit Zusätzen erzählt, welche das Haus der Gemeinen augenscheinlich als verleumderisch betrachtete, wofür ich sie auch wirklich halte. Siehe den Gallienus Redivivus. Die Erzählung, welche Oberst Robert Fitzgerald, ein Mitglied des Geheimen Raths und Augenzeuge, unter eidlicher Erhärtung dem Hause der Lords schriftlich einreichte, scheint mir vollkommen glaubwürdig. Es ist sonderbar, daß Story, obgleich er die Ermordung der Soldaten erwähnt, nichts von Gafney sagt.
[74] Burnet II. 66; Leslie’s Answer to King.
[75] Macariae Excidium; Fumeron an Louvois vom 31. Jan. (10. Febr.) 1691. Es muß bemerkt werden, daß Kelly, der Verfasser des Macariae Excidium, und Fumeron, der französische Intendant, durchaus unverwerfliche Zeugen sind. Sie befanden sich damals beide innerhalb der Mauern von Limerick. Man hat keinen Grund, die Unparteilichkeit des Franzosen zu bezweifeln, und der Irländer war für seine Landsleute eingenommen.
[76] Story’s Impartial History und Fortsetzung, und die London Gazette vom December, Januar, Februar und März 1690/91.
[77] Es ist auffallend, daß Avaux, der doch ein sehr scharfsichtiger Menschenkenner war, Berwick bedeutend unterschätzte. In einem Briefe an Louvois von 15. (25.) Oct. 1689 sagt er: „Je ne puis m’empescher de vous dire qu’il est brave de sa personne, à ce que l’on dit, mais que c’est un aussy mechant officier qu’il en ayt, et qu’il n’a pas le sens commun.”
[78] Leslie’s Answer to King; Macariae Excidium.
[79] Macariae Excidium.
[80] Macariae Excidium; Life of James, II. 422; Mémoires de Berwick.
[81] Macariae Excidium.
[82] Macariae Excidium; Mémoires de Berwick.
[83] Life of James, II. 433, 451.; Story’s Fortsetzung.
[84] Life of James, II. 438; Light to the Blind; Fumeron an Louvois, 22. April (2. Mai) 1691.
[85] Macariae Excidium; Mémoires de Berwick; Life of James, II. 451, 452.