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Thomas Babington Macaulay’s
Geschichte von England
seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.
Vierter Band
Leipzig, 1854.
G. H. Friedlein.
Siebentes Kapitel.
Jakob II.
[ Inhalt.]
Wilhelm, Prinz von Oranien. [Wilhelm] Heinrich, Prinz von Oranien-Nassau, nimmt in der Geschichte Englands und der gesammten Menschheit eine so bedeutende Stelle ein, daß es wünschenswerth erscheint, die markirten Züge seines Characters mit einiger Ausführlichkeit zu zeichnen.[1]
[1.] Die Hauptquellen, aus denen ich meine Schilderung des Prinzen von Oranien geschöpft habe, sind Burnet’s Geschichte, Temple’s und Gourville’s Memoiren, die Unterhandlungen der Grafen Estrades und Avaux, Sir Georg Downing’s Briefe an den Lordkanzler Clarendon, Wagenaar’s umfangreiches Geschichtswerk, Van Kampen’s Karakterkunde Vaderlandsche Geschiedenis, und vor Allem Wilhelm’s eigene vertrauliche Correspondenz, von welcher der Herzog von Portland Sir Jakob Mackintosh eine Abschrift zu nehmen erlaubte.
Sein Äußeres. [Er] stand jetzt in seinem siebenunddreißigsten Lebensjahre, war aber körperlich und geistig älter als andere Leute in diesen Jahren. Man könnte fast sagen, er sei niemals jung gewesen. Sein Äußeres ist uns fast eben so gut bekannt, als seinen eigenen Heerführern und Räthen. Bildhauer, Maler und Münzschneider haben ihre ganze Geschicklichkeit aufgeboten, um seine Züge der Nachwelt zu überliefern, und diese waren von der Art, daß kein Künstler sie verfehlen und daß, wer sie einmal gesehen, sie nie vergessen konnte. Sein Name erinnert uns sogleich an eine schmächtige und zarte Gestalt, an eine hohe und breite Stirn, an eine wie der Schnabel eines Adlers gebogene Nase, an ein Paar Augen, die an Glanz und Schärfe mit denen des Adler wetteiferten, an eine gedankenvolle, etwas finstre Miene, einen festen und etwas mürrischen Mund, an eine bleiche, eingefallene und durch Krankheit und Sorgen tief gefurchte Wange. Dieses gedankenvolle, ernste und feierliche Aussehen konnte kaum einem glücklichen und lebensfrohen Manne angehört haben; aber es verräth in unverkennbarer Weise die Befähigung zu den schwierigsten Unternehmungen und einen durch kein Mißgeschick und durch keine Gefahren zu erschütternden Muth.
Sein früheres Leben und seine Erziehung. [Die] Natur hatte Wilhelm mit allen Eigenschaften eines großen Herrschers reich ausgestattet und die Erziehung hatte diese Eigenschaften in nicht gewöhnlichem Grade entwickelt. Mit einem scharfen natürlichen Verstande und einer seltenen Willenskraft sah er sich, als sein Geist zu erwachen begann, als vater- und mutterlose Waise, als das Oberhaupt einer großen, aber unterdrückten und entmuthigten Partei und als den Erben ausgedehnter aber unbestimmter Ansprüche, welche die Furcht und die Abneigung der damals in den Niederlanden herrschenden Oligarchie erregten. Das gemeine Volk, das seit einem Jahrhundert seinem Hause treu ergeben war, bewies so oft es ihn sah, auf nicht zu verkennende Weise, daß es ihn als sein rechtmäßiges Oberhaupt betrachtete. Die geschickten und erfahrenen Minister der Republik, die seinen Namen tödtlich haßten, brachten ihm täglich ihre erzwungene Huldigung dar und beobachteten dabei die Fortschritte seines Geistes. Die ersten Regungen seines Ehrgeizes wurden sorgfältig bewacht, jedes unüberlegte Wort, das ihm entschlüpfte, wurde niedergeschrieben, und er besaß nicht einen einzigen Rathgeber, auf dessen Ausspruch Vertrauen gesetzt werden konnte. Er war kaum funfzehn Jahre alt, so wurden alle Diener, die seinem Interesse ergeben waren und die sein Vertrauen genossen, von der mißtrauischen Regierung aus seinem Hause entfernt. Er sträubte sich dagegen mit einer weit über seine Jahre hinausgehenden Energie, aber vergebens. Aufmerksame Beobachter sahen mehr als einmal Thränen in den Augen des jungen Staatsgefangenen. Seine von Haus aus zarte Gesundheit war eine Zeit lang durch die Gemüthsbewegungen, die seine traurige und vereinsamte Stellung erzeugte, ernstlich erschüttert. Eine solche Lage macht den Schwachen muthlos und bestürzt, dem Starken giebt sie eine verdoppelte Kraft. Von Schlingen umgeben, in denen ein gewöhnlicher Jüngling umgekommen sein würde, lernte Wilhelm vorsichtig und zu gleicher Zeit energisch auftreten. Schon lange bevor er das Mannesalter erreicht, verstand er es, Geheimnisse zu bewahren, die Neugierde durch trockene und wohlüberlegte Antworten abzutrumpfen und alle Leidenschaften unter dem nämlichen Scheine ernster Ruhe zu verbergen. In der feinen Weltbildung und in literarischen Kenntnissen machte er dagegen nur geringe Fortschritte. Dem Benehmen des holländischen Adels jener Zeit fehlte die liebenswürdige Anmuth, welche bei den gebildeten Franzosen in höchster Vollkommenheit zu finden war und in geringerem Grade auch den englischen Hof zierte; seine Manieren waren durchaus holländisch. Selbst seine eigenen Landsleute nannten ihn plump, und Ausländern erschien er oft noch mehr als dies. In seinem Verkehr mit der Welt im Allgemeinen schien er jene Fertigkeiten, welche den Werth einer Gunstbezeugung erhöhen und einer Verweigerung die Spitze abbrechen, nicht zu kennen oder sie zu verschmähen. Die Literatur und die Wissenschaften interessirten ihn wenig; er wußte nichts von den Entdeckungen eines Newton und Leibnitz, von den Poesien eines Dryden und Boileau; dramatische Darstellungen langweilten ihn und er war froh, wenn er den Blick von der Bühne abwenden und von öffentlichen Angelegenheiten sprechen konnte, während Orestes raste oder Tartüffe der Elmira die Hand drückte. Er besaß zwar einiges Talent zu Sarkasmen und entfaltete nicht selten ganz unbewußt eine sonderbar klingende, aber kräftige und originelle natürliche Redekunst, aber nach den Titel eines Schöngeistes oder eines Redners strebte er nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf diejenigen Studien gerichtet gewesen, welche einen tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmann bilden. Von Kindheit an hörte er mit Interesse zu, wenn wichtige Fragen über Bündnisse, Finanzen und Krieg besprochen wurden. Von der Geometrie lernte er soviel als zum Bau einer Schanze oder eines Hornwerks nöthig war. Von fremden Sprachen lernte er mit Hülfe seines ausgezeichneten Gedächtnisses soviel als er bedurfte, um Alles, was mit ihm gesprochen wurde, und jeden Brief, den er empfing, verstehen und beantworten zu können. Das Holländische war seine Umgangssprache. Er verstand Lateinisch, Italienisch und Spanisch, sprach und schrieb Französisch, Englisch und Deutsch, zwar nicht elegant und grammatisch richtig, aber fließend und verständlich. Keine Fähigkeit konnte wichtiger sein für einen Mann, der dazu bestimmt war, große Bündnisse zu organisiren und Armeen zu commandiren, die aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt waren.
Seine religiösen Ansichten. [Eine] Klasse von philosophischen Fragen war durch die Umstände seiner Aufmerksamkeit dringend empfohlen worden und scheint ihn mehr interessirt zu haben, als man es von seinem allgemeinen Character hätte erwarten sollen. Die Protestanten der Vereinigten Provinzen bestanden wie die unsrer Insel aus zwei großen religiösen Partein, welche zwei großen politischen Parteien fast genau entsprachen. Die Oberhäupter der städtischen Oligarchie waren Arminianer und wurden im Allgemeinen von der Menge als nicht viel besser denn Papisten betrachtet. Die Prinzen von Oranien waren gewöhnlich die Schutzpatrone der calvinistischen Theologie gewesen und verdankten keinen geringen Theil ihrer Popularität ihrem Eifer für die Lehren von der Gnadenwahl und dem endlichen Beharren, einem Eifer, der nicht immer durch Kenntnisse erleuchtet oder durch Humanität gemäßigt war. Wilhelm war von Kindheit auf in dem theologischen System, dem seine Familie anhing, sorgfältig unterrichtet worden, und betrachtete dieses System mit größerer Vorliebe, als man in der Regel für seinen ererbten Glauben hegt. Er hatte über die großen Probleme, welche auf der Synode von Dortrecht erörtert worden waren, nachgedacht und in der strengen, unbeugsamen Logik der genfer Schule etwas gefunden, was seinem Verstande und seinem Gemüth zusagte. Das Beispiel von Unduldsamkeit, das einige seiner Vorgänger gegeben, ahmte er jedoch niemals nach; er empfand gegen alle Verfolgung eine entschiedene Abneigung, die er nicht allein da aussprach, wo ein solches Eingeständniß offenbar staatsklug war, sondern auch in Fällen, wo es den Anschein hatte, daß sein Interesse durch Verstellung oder Stillschweigen hätte gefördert werden können. Gleichwohl waren seine theologischen Ansichten noch entschiedener als die seiner Vorgänger. Die Lehre von der Prädestination war der Grundstein seiner Religion. Er erklärte oft, daß wenn er diese Lehre aufgeben müßte, er zugleich mit derselben allen Glauben an eine waltende Vorsehung aufgeben und ein reiner Epikuräer werden müßte. Diesen einzigen Punkt ausgenommen, wurde die ganze Fülle seines kräftigen Geistes frühzeitig von dem Theoretischen ab und auf das Praktische gelenkt. Die Fähigkeiten, deren es zur Leitung wichtiger Geschäfte bedarf, gediehen bei ihm schon in einem Alter zur Reife, wo sie sich bei gewöhnlichen Menschen kaum erst zu entfalten begonnen haben. Seit Octavius hatte die Welt kein solches Beispiel frühzeitiger staatsmännischer Befähigung gesehen. Erfahrene Diplomaten erstaunten über die treffenden Bemerkungen, die der siebzehnjährige Prinz über öffentliche Angelegenheiten machte, und mit noch weit größerem Erstaunen sahen sie diesen Knaben in Lagen, wo man hätte erwarten sollen, daß er starke Leidenschaften verrathen werde, eine eben so unerschütterliche Ruhe bewahren, wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren saß er bereits unter den Vätern der Republik, ernst, besonnen und einsichtsvoll wie der Älteste unter ihnen. Mit zweiundzwanzig Jahren ward er an einem Tage der Trauer und des Schreckens an die Spitze der Verwaltung gestellt. Mit dreiundzwanzig Jahren war er durch ganz Europa als Feldherr und Staatsmann berühmt. Er hatte innere Factionen niedergeworfen, war die Seele einer mächtigen Coalition und hatte im Felde gegen einige von den größten Generälen seiner Zeit mit Ehren gefochten.
Seine militairischen Talente. [Seine] persönlichen Neigungen waren mehr die eines Kriegers als die eines Staatsmannes, aber wie sein Urgroßvater, der schweigsame Prinz, der die batavische Republik gründete, nimmt er unter den Staatsmännern einen viel höheren Rang ein als unter den Feldherren. Der Verlauf der Schlachten ist allerdings kein untrüglicher Prüfstein für die Talente eines Befehlshabers, und es würde ganz besonders ungerecht sein, wollte man diesen Prüfstein bei Wilhelm anwenden, denn das Schicksal wollte, daß er fast stets Feldherren, welche vollendete Meister in ihrer Kunst, und Truppen gegenüberstand, welche in der Disciplin den seinigen weit überlegen waren. Indessen läßt sich mit gutem Grunde annehmen, daß er als General im offenen Felde Manchem, der in geistiger Beziehung tief unter ihm stand, keineswegs gleichkam. Mit Leuten, die sein Vertrauen besaßen, sprach er über diesen Gegenstand mit der edlen Offenheit eines Mannes, der Großes vollbracht hat und der recht wohl auch einige Mängel eingestehen kann. Er sagte, er habe keine Lehrzeit für den militairischen Beruf bestanden; er sei schon als Knabe an die Spitze einer Armee gestellt worden, unter seinen Offizieren habe sich keiner befunden, der fähig gewesen wäre, ihn zu unterweisen; nur aus seinen eigenen Fehlern und deren Folgen habe er etwas lernen können. „Ich würde einen guten Theil meines Vermögens darum geben,“ rief er einmal aus, „wenn ich einige Feldzüge unter dem Prinzen von Condé mitgemacht hätte, ehe ich gegen ihn commandiren mußte.“ Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Umstand, welcher Wilhelm verhinderte, eine ausgezeichnete strategische Bildung zu erlangen, der allgemeinen Entwickelung seiner Geisteskräfte zu Gute gekommen ist. Bewiesen seine Schlachten auch nicht den großen Taktiker, so berechtigten sie ihn doch zu dem Titel eines großen Mannes. Kein Mißgeschick konnte ihn nur einen Augenblick seiner Festigkeit und des vollständigen Besitzes aller seiner Fähigkeiten berauben. Seine Niederlagen wurden mit einer so wunderbaren Schnelligkeit wieder gut gemacht, daß er, noch ehe seine Feinde das Tedeum gesungen hatten, schon wieder zum Kampfe gerüstet war; auch beeinträchtigten solche Schläge in keiner Weise die Achtung und das Vertrauen, dessen er sich von Seiten seiner Soldaten erfreute. Diese Achtung und dieses Vertrauen verdankte er in nicht geringem Maße seinem persönlichen Muthe. Den Grad von Muth, dessen der Soldat bedarf, um einen Feldzug ohne Schande zu bestehen, besitzen die meisten Menschen oder wenigstens können sie denselben in einer guten Schule erlangen. Ein Muth wie der des Prinzen Wilhelm aber ist in der That selten. Er wurde auf jede nur mögliche Weise geprüft, durch Krieg, durch Wunden, durch schmerzhafte und entnervende Krankheiten, durch Seestürme, durch die beständig drohende Gefahr, ermordet zu werden, eine Gefahr, die schon sehr starke Nerven erschüttert hat und durch welche selbst die eiserne Tapferkeit Cromwell’s einen harten Stoß erhielt. Aber Niemand konnte je etwas entdecken, was der Prinz von Oranien fürchtete. Seine Rathgeber konnten ihn nur mit Mühe dazu bringen, daß er einige Vorsichtsmaßregeln gegen die Pistolen und Dolche von Verschwörern ergriff.[2] Alte Seeleute erstaunten über die kaltblütige Ruhe, die er inmitten tobender Brandungen an einer gefahrvollen Küste bewahrte. In der Schlacht zeichnete ihn seine Tapferkeit unter Zehntausenden tapferer Krieger aus, erweckte die hochherzige Anerkennung selbst der feindlichen Heere und wurde selbst von der Unbilligkeit feindlicher Factionen nie bestritten. Während seiner ersten Feldzüge setzte er sich der Gefahr aus, als ob er den Tod gesucht hätte, war beim Angriff stets der Erste, beim Rückzug der Letzte, kämpfte mit dem Schwerte in der Hand im dichtesten Gewühl, und mit einer Flintenkugel im Arm, den Harnisch von Blut überströmt, hielt er noch immer Stand und schwenkte im furchtbarsten Feuer seinen Hut. Seine Freunde beschworen ihn, er solle doch sein für das Vaterland unschätzbares Leben mehr schonen. Sein berühmtester Gegner, der große Condé, bemerkte nach der blutigen Schlacht von Seneff, der Prinz von Oranien habe sich in jeder Beziehung wie ein alter General benommen, nur in sofern nicht, als er sich wie ein junger Soldat ausgesetzt. Wilhelm leugnete, daß er sich der Tollkühnheit schuldig gemacht habe. Er stelle sich, meinte er, nur aus Pflichtgefühl und aus kalter Berechnung dessen, was das öffentliche Interesse erheische, immer auf den Posten der Gefahr. Die Truppen, die er befehlige, seien wenig an den Krieg gewöhnt und fürchteten ein Handgemenge mit den französischen Veteranen; es sei daher nöthig, daß ihr Anführer ihnen zeige, wie man Schlachten gewinnt. Und in der That wurde auch mehr als eine Schlacht, welche rettungslos verloren schien, noch durch die Kühnheit gewonnen, mit der er seine zersprengten Bataillone sammelte und eigenhändig die Memmen niederhieb, welche das Beispiel zur Flucht gaben. Zuweilen sah es jedoch ganz so aus, als ob er ein eignes Vergnügen daran finde, sein Leben zu gefährden. Es wurde bemerkt, daß er nie heiterer, freundlicher und liebenswürdiger war, als im blutigen Getümmel der Schlacht. Selbst bei seinen Zerstreuungen liebte er das Aufregende der Gefahr. Kartenspiele, Schach und Billard machten ihm kein Vergnügen; seine Lieblingserholung war die Jagd, und die gefährlichste war ihm die liebste. Er machte oft Sätze, daß seine kühnsten Begleiter nicht Lust hatten, ihm zu folgen. Selbst die verwegensten Sportvergnügungen Englands scheint er für weibisch gehalten zu haben, und im großen Parke von Windsor sehnte er sich nach dem Wilde, das er in den Forsten von Geldern zu jagen gewohnt war, nach Wölfen, Ebern und riesigen Sechzehnendern.[3]
[2.] Nach dem Frieden von Ryswick drangen die Freunde Wilhelm’s in ihn, mit dem französischen Gesandten ganz ernstlich über die Mordanschläge zu sprechen, welche die Jakobiten von St. Germain beständig schmiedeten. Die kaltblütige Hochherzigkeit, mit der er diese Warnungen vor Gefahr aufnahm, ist besonders characteristisch. Dem Grafen Bentinck, der von Paris sehr beunruhigende Nachrichten gemeldet hatte, antwortete er nur am Schlusse eines langen Geschäftsbriefes: „Pour les assasins je ne luy en ay pas voulu parler, croiant que c’etoit au desous de moy.“ — 2.(12.) Mai 1698. Ich habe die Orthographie des Originals, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, beibehalten.
[3.] Von Windsor schrieb er an Bentinck, damals Gesandten in Paris: „J’ay pris avant hier un cerf dans la forest avec les chains du Pr. de Denm. et ay fait un assez jolie chasse, autant, que ce vilain paiis le permest.“ — 20. März (1. April) 1698. Die Orthographie ist schlecht, aber nicht schlechter als die Napoleon’s. In besserer Stimmung schrieb Wilhelm von Loo aus: „Nous avons pris deux cerfs, le premier dans Dorewaert, qui est un des plus gros que je sache avoir jamais pris. Il porte seize.“ — 25. Oct. (4. Nov.) 1697.
Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit. [Seine] Tollkühnheit war um so merkwürdiger, da er von ungemein zarter Körperconstitution war. Er war von früher Jugend an schwächlich und kränklich gewesen, und im ersten Mannesalter waren seine Leiden durch einen heftigen Pockenanfall noch verschlimmert worden. Er war engbrüstig und schwindsüchtig. Sein schwächlicher Körper wurde durch einen beständigen heiseren Husten erschüttert. Er konnte nicht schlafen, wenn sein Kopf nicht durch mehrere Kissen unterstützt wurde, und nur in der reinsten Luft konnte er ohne Beschwerden athmen. Dabei quälten ihn oft heftige Kopfschmerzen. Körperliche Anstrengungen ermüdeten ihn sehr bald. Die Ärzte pflegten die Hoffnung seiner Feinde dadurch aufrecht zu erhalten, daß sie einen Termin festsetzten, über den hinaus, wenn sich überhaupt irgend etwas in der Wissenschaft mit Sicherheit bestimmen lasse, sein zerrütteter Organismus unmöglich ausdauern könnte. Dennoch verließ seinen Geist während seines ganzen Lebens, das nur eine lange Krankheit war, bei keiner wichtigen Gelegenheit die nöthige Kraft, um seinen leidenden und siechen Körper aufrecht zu erhalten.
Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen. [Er] war mit heftigen Leidenschaften und mit leichter Reizbarkeit geboren; aber die Welt hatte keine Ahnung von der Stärke seiner Gemüthsaffecte. Vor den Blicken der Menge verbarg er seine Freude und seinen Kummer, seine Zuneigung und seinen Groll unter einer phlegmatischen Ruhe, die ihm den Ruf des kaltblütigsten und gleichgültigsten Menschen verschaffte. Wer ihm eine gute Nachricht brachte, konnte selten ein Zeichen von Freude entdecken; wer ihn nach einer Niederlage sah, spähte umsonst nach einer Spur von Unmuth. Er lobte und tadelte, belohnte und bestrafte mit der kalten Gelassenheit eines Mohawkhäuptlings; aber wer ihn genauer kannte und ihn näher betrachtete, der bemerkte wohl, daß unter dieser Eisrinde beständig ein ungestümes Feuer brannte. Nur selten raubte der Zorn ihm seine Selbstbeherrschung; wenn er aber einmal in Wuth gerieth, so war der erste Ausbruch seiner Leidenschaft furchtbar. Es war dann in der That nicht rathsam, ihm zu nahe zu kommen. In diesen seltenen Fällen jedoch gab er, sobald er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte, Denen, die er beleidigt, so vollständige Genugthuung, daß sie sich fast zu dem Wunsche versucht fühlten, er möchte aufs neue in Wuth gerathen. Seine Liebe war nicht minder stürmisch als sein Zorn. Wo er einmal liebte, da liebte er mit der ganzen Kraft seiner starken Seele. Wenn der Tod ihn von einem geliebten Wesen trennte, fürchteten die wenigen Zeugen seiner Schmerzensausbrüche für seinen Verstand und für sein Leben. Einem sehr kleinen Kreise intimer Freunde gegenüber, auf deren Treue und Verschwiegenheit er sich unbedingt verlassen konnte, war er ein ganz andrer Mensch als der verschlossene und stoische Wilhelm, dem die Menge jedes menschliche Gefühl absprach. In ihrer Gesellschaft war er freundlich, gemüthlich, offenherzig, selbst gesellig und witzig, konnte Stunden lang bei Tische sitzen und vollen Antheil an einer heiteren Unterhaltung nehmen.
Seine Freundschaft für Bentinck. [Am] höchsten in seiner Gunst stand ein Kavalier seines Hofstaates, Namens Bentinck, der aus einem edlen batavischen Geschlecht stammte und der Gründer eines der großen patrizischen Häuser Englands werden sollte. Bentinck’s Treue hatte sich in nicht gewöhnlicher Weise erprobt. Zu der Zeit, als die Vereinigten Provinzen gegen die Macht Frankreichs um ihre Existenz kämpften, wurde der junge Prinz, auf dem alle ihr Hoffnungen ruhten, von den Pocken befallen. Diese Krankheit hatte bei mehreren Mitgliedern seiner Familie einen tödtlichen Ausgang genommen und zeigte auch bei ihm anfangs einen sehr bösartigen Character. Die Bestürzung des Volks war groß. Von früh bis Abends waren die Straßen im Haag mit Leuten angefüllt, die sich ängstlich nach dem Befinden Seiner Hoheit erkundigten. Endlich nahm das Übel eine günstige Wendung. Seine Genesung wurde zum Theil seinem eignen Gleichmuth, zum Theil der unerschrockenen und unermüdlichen Freundschaft Bentinck’s zugeschrieben. Nur aus seinen Händen nahm Wilhelm Speisen und Arzneien an; er allein hob ihn aus dem Bette und legte ihn wieder hinein. „Ich weiß nicht, ob Bentinck während meiner Krankheit geschlafen hat oder nicht,“ sagte Wilhelm mit inniger Rührung zu Temple; „soviel aber weiß ich, daß ich in den sechzehn Tagen und Nächten nicht ein einziges Mal etwas verlangte, ohne daß Bentinck augenblicklich an meiner Seite gewesen wäre.“ Bevor der treue Diener seine Aufgabe ganz vollendet hatte, wurde er selbst angesteckt. Trotzdem überwand er noch immer Müdigkeit und Fieberschauer, bis sein Gebieter als Reconvalescent erklärt wurde. Jetzt endlich bat er um Erlaubniß, nach Hause gehen zu dürfen. Es war die höchste Zeit, denn seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen. Er kam in die größte Gefahr, genas aber und eilte, sobald er das Bett verlassen konnte, zur Armee, wo er in vielen heißen Feldzügen immer dicht an Wilhelm’s Seite gefunden ward, wie er es in einer Gefahr andrer Art gewesen.
Dies war der Ursprung einer so innigen und reinen Freundschaft wie irgend eine, von der uns die alte oder neue Geschichte erzählt. Die Nachkommen Bentinck’s bewahren noch heute viele Briefe auf, die Wilhelm an ihren Ahnherrn geschrieben, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß wer diese Briefe nicht gelesen hat, sich keinen richtigen Begriff von dem Character des Prinzen bilden kann. Der Mann, den selbst seine Verehrer in der Regel für den zurückhaltendsten und frostigsten Menschen hielten, vergißt hier jeden Rangunterschied und schüttet alle seine Gedanken mit der Offenherzigkeit eines Schulknaben aus. Ohne Rückhalt theilt er Geheimnisse von der höchsten Wichtigkeit mit und legt mit der größten Einfachheit umfassende Pläne vor, welche alle Regierungen Europa’s berührten. Mit seinen Mittheilungen über solche Dinge verbindet er Mittheilungen von ganz andrer, aber vielleicht nicht weniger interessanter Art. Alle seine Abenteuer, alle seine persönlichen Ansichten, seine langen Jagdritte nach gewaltigen Hirschen, seine Gelage am St. Hubertustage, das Gedeihen seiner Anpflanzungen, das Mißrathen seiner Melonen, der Zustand seines Gestüts, der Wunsch, einen frommen Zelter für seine Gemahlin zu erlangen, sein Verdruß, als er erfährt, daß einer seiner Kavaliere, nachdem er ein Mädchen aus guter Familie unglücklich gemacht, sich weigert, sie zu heirathen, seine Anfälle von Seekrankheit, sein Husten, seine Kopfschmerzen, seine andächtigen Stimmungen, seine Dankbarkeit für den göttlichen Schutz nach Errettung aus einer großen Gefahr, seine Anstrengungen, sich nach einem Unglücksfalle dem göttlichen Willen zu unterwerfen, dies Alles ist darin mit einer liebenswürdigen Redseligkeit geschildert, die man von dem verschwiegensten und ernstesten Staatsmanne jener Zeit kaum erwarten sollte. Noch auffallender sind die sorglosen Ergüsse seiner Zärtlichkeit und die brüderliche Theilnahme, die er an seines Freundes häuslichem Glücke nimmt. Als Bentinck ein Erbe geboren wurde, sagte Wilhelm: „Ich hoffe, er wird ein so braver Mann werden als Sie einer sind, und sollte ich einen Sohn bekommen, so werden unsere Kinder einander hoffentlich ebenso lieben, wie wir uns geliebt haben.“[4] Während seines ganzen Lebens blickte er mit väterlicher Liebe auf die kleinen Bentincks. Er ruft sie bei den zärtlichsten Diminutiven, er sorgt für sie in ihres Vaters Abwesenheit, und so schwer es ihm wird, ihnen ein Vergnügen zu versagen, so will er sie doch nicht an einer Jagdpartie teilnehmen lassen, wo ihnen die Gefahr droht, von einem Hirsche gestoßen zu werden, noch ihnen erlauben, bei einem Abendschmause bis spät in die Nacht hinein zu verweilen.[5] Als ihre Mutter während der Abwesenheit ihres Gatten krank wird, findet Wilhelm inmitten der wichtigsten und dringendsten Staatsgeschäfte noch soviel Zeit, um an einem Tage mehrere expresse Boten mit kurzen Briefen abzuschicken, in denen er von ihrem Zustande Nachricht giebt.[6] Einmal als sie nach einem heftigen Anfall außer Gefahr erklärt wird, ergießt sich der Prinz in die wärmsten Dankesbezeigungen gegen Gott. „Ich schreibe,“ sagt er, „mit Thränen der Freude in den Augen.“[7] Es liegt ein eigner Reiz in diesen Briefen von der Hand eines Mannes, dessen Alles überwältigende Energie und unbeugsame Festigkeit selbst seinen Feinden Achtung abnöthigte, dessen kaltes und unfreundliches Benehmen in den meisten seiner Anhänger keine innigere Zuneigung aufkommen ließ und dessen Geist beständig mit gigantischen Plänen beschäftigt war, welche die Gestalt der Welt veränderten.
Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren, Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein solcher Mann war Bentinck.
[4.] 3. März 1679.
[5.] „Voilà en peu de mot le détail de nostre St. Hubert. Et j’ay en soin que M. Woodstoc (Bentinck’s ältester Sohn) n’a point esté à la chasse, bien moin au soupé, quoyqu’il fut icy. Vous pouvez pourtant croire que de n’avoir pas chassé l’a un peu mortifié, mais je ne l’ay pas ausé prendre sur moy, puisque vous m’aviez dit que vous ne le souhaitiez pas.“ — Von Loo, 4. Nov. 1697.
[6.] Am 15. Juni 1688.
[7.] 6. Sept. 1679.
Marie, Prinzessin von Oranien. [Wilhelm] war in der Ehe nicht weniger glücklich als in der Freundschaft. Anfangs hatte jedoch seine Ehe kein besonderes häusliches Glück versprochen. Seine Wahl war hauptsächlich durch politische Rücksichten bestimmt worden, und es sah nicht wahrscheinlich aus, daß zwischen einem hübschen sechzehnjährigen Mädchen, die zwar ein sanftes Gemüth und natürlichen Verstand besaß, im übrigen aber unwissend und einfach war, und einem Bräutigam, der, obwohl noch nicht ganz achtundzwanzig Jahr alt, doch seinem körperlichen Zustande nach älter war als ihr Vater, der ein kaltes, abstoßendes Benehmen hatte und dessen Kopf beständig mit Staatsgeschäften und Sportvergnügungen angefüllt war, eine innige Zuneigung würde entstehen können. Eine Zeit lang vernachlässigte Wilhelm seine Gemahlin, indem er durch andere Frauen von ihr abgezogen wurde, besonders durch eine ihrer Hofdamen, Namens Elisabeth Villiers, welche Talente besaß, die sie wohl geeignet machten, seine Sorgen zu theilen, obgleich sie aller persönlichen Reize entbehrte und sogar durch ein häßliches Schielen entstellt war.[8] Er schämte sich zwar seiner Fehler und bemühte sich nach Kräften, sie zu verbergen, aber trotz aller Vorsicht wußte Marie wohl, daß er ihr nicht ganz treu war. Spione und Ohrenbläser thaten auf Anregen ihres Vaters ihr Möglichstes, um ihren Zorn zu entflammen. Ein Mann von ganz andrem Character, der vortreffliche Ken, der mehrere Monate lang im Haag ihr Kaplan war, wurde so aufgebracht durch die ihr widerfahrenden Kränkungen, daß er mit mehr Eifer als Besonnenheit drohte, ihren Gemahl ernstlich zur Rede zu setzen.[9] Sie selbst ertrug jedoch alles Unrecht mit einer Sanftmuth und Geduld, welche ihr nach und nach Wilhelm’s Achtung und Dankbarkeit erwarben. Indessen war auch noch eine andre Ursache der Entfremdung vorhanden. Es kam ohne Zweifel eine Zeit, wo die Prinzessin, welche nur zu Stickereiarbeiten, zum Spinetspiel und zum Lesen der Bibel und der „Pflichten des Menschen“ erzogen war, das Oberhaupt einer großen Monarchie wurde und das Gleichgewicht Europa’s in ihrer Hand ruhte, während ihr ehrgeiziger, geschäftskundiger und beständig auf große Unternehmungen sinnender Gemahl bei der britischen Regierung keine vorausbestimmte Stelle für sich fand und nur durch ihre Güte und so lange es ihr gefiel Macht ausüben konnte. Es kann nicht befremden, daß ein Mann, der die Gewalt so liebte wie Wilhelm, und der sich seines Herrschergenies so bewußt war, in hohem Maße die Eifersucht empfand, die während eines Königthums von wenigen Stunden zwischen Guildford Dudley und Lady Johanna Zwietracht hervorrief und einen noch viel tragischeren Bruch zwischen Darnley und der Königin von Schottland herbeiführte. Die Prinzessin von Oranien hatte nicht die leiseste Ahnung von den Gefühlen ihres Gemahls. Ihr Lehrer, der Bischof Compton, hatte sie in der Religion sorgfältig unterrichtet und ihr Gemüth namentlich gegen die Künste der römisch-katholischen Theologen gestählt, sie aber in völliger Unkenntniß der englischen Verfassung und ihrer eignen Stellung gelassen. Sie wußte, daß ihr eheliches Gelübde sie zum Gehorsam gegen ihren Gemahl verpflichtete und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß dieses gegenseitige Verhältniß einmal umgekehrt werden könnte. Sie war bereits neun Jahre vermählt, ehe sie die Ursache von Wilhelm’s Verstimmung entdeckte, und von ihm selbst würde sie dieselbe auch nie erfahren haben. In Folge seiner ganzen Gemüthsart brütete er eher über die ihn niederdrückenden Sorgen, als daß er denselben einen Ausdruck gab, und in diesem speciellen Falle wurde sein Mund durch ein ganz natürliches Zartgefühl versiegelt. Endlich aber kam durch die Vermittelung Gilbert Burnet’s eine vollkommene Verständigung und Aussöhnung zu Stande.
[8.] Siehe Swift’s Bericht über sie im Journal to Stella.
[9.] Heinrich Sidney’s Tagebuch vom 31. März 1680 in Mr. Blencowe’s interessanter Sammlung.
Gilbert Burnet. [Burnet]’s Ruf ist mit auffallender Böswilligkeit und Hartnäckigkeit angegriffen worden. Der Angriff begann schon frühzeitig in seinem Leben und wird noch jetzt mit unverminderter Heftigkeit fortgesetzt, obgleich er bereits über ein und ein Viertel Jahrhundert im Grabe liegt. Allerdings ist er auch für den Parteihaß und den muthwilligen Spott eine Zielscheibe, wie sie sich keine bessere wünschen können, denn die Mängel seines Verstandes und seines Characters liegen klar am Tage und können Niemandem entgehen. Es waren jedoch nicht die Fehler, welche man als seinen Landsleuten eigen zu betrachten pflegt. Er allein unter den vielen Schotten, die sich in England zu Auszeichnung und Wohlstand emporgeschwungen haben, hatte den Charakter, welchen Satiriker, Romanschreiber und Schauspieldichter allgemein den irischen Abenteurern zuschreiben. Seine physische Lebendigkeit, seine Ruhmredigkeit, seine unverhohlene Eitelkeit, seine Faseleien, seine herausfordernde Indiscretion und seine kecke Dreistigkeit boten den Tories unerschöpflichen Stoff zu Spötteleien. Auch unterließen seine Feinde nicht, ihm nebenbei über seine breiten Schultern, seine dicken Waden und sein Glück in Heirathsspekulationen auf verliebte reiche Wittwen mehr witzige als artige Complimente zu machen. Obwohl jedoch Burnet in vieler Beziehung dem Spott und selbst dem Tadel Blößen darbot, so verdiente er doch keineswegs eine solche Geringschätzung. Er besaß einen regen Geist, einen unermüdlichen Fleiß und eine vielseitige, ausgedehnte Belesenheit. Er war zu gleicher Zeit Geschichtsschreiber, Alterthumsforscher, Theolog, Prediger, Tagesschriftsteller, Polemiker und thätiger politischer Parteiführer, und in allen diesen Eigenschaften zeichnete er sich unter vielen geschickten Mitbewerbern vortheilhaft aus. Die vielen geistreichen Abhandlungen, die er über Tagesbegebenheiten schrieb, sind jetzt nur noch Forschern bekannt; aber seine History of his own Times, seine History of the Reformation, seine Exposition of the Articles, sein Discourse of Pastoral Care, sein Life of Hale und sein Life of Wilmot werden noch immer neu aufgelegt und fehlen in keiner guten Privatbibliothek. Gegen eine solche Thatsache vermögen alle Anstrengungen der Verleumder nichts. Ein Schriftsteller, dessen umfangreiche Werke in verschiedenen Zweigen der Literatur noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tode zahlreiche Leser finden, kann große Fehler gehabt haben, muß aber auch große Vorzüge gehabt haben, und diese hatte Burnet: einen fruchtbaren und regen Geist und einen Styl, der allerdings von tadelloser Reinheit weit entfernt, doch stets klar, oft lebendig ist und sich zuweilen selbst zu feierlicher und glühender Beredtsamkeit erhebt. Auf der Kanzel wurde die Wirkung seiner ohne irgend welche schriftliche Notizen gehaltenen Predigten noch erhöht durch eine edle Gestalt und einen imponirenden Vortrag. Er wurde oft durch das Beifallsgemurmel seiner Zuhörer unterbrochen, und wenn die Sanduhr, die sich damals auf jeder Kanzel befand, abgelaufen war und er dieselbe emporhielt, forderte ihn die Gemeinde durch lauten Zuruf auf fortzufahren, bis der Sand noch einmal abgelaufen wäre.[10] Die großen Mängel seines sittlichen Characters und seines Geistes wurden durch große Vorzüge mehr als ausgeglichen. Obgleich durch Vorurtheil und Leidenschaft oft auf Irrwege geführt, war er doch im strengsten Sinne des Worts ein Ehrenmann. Konnte er auch den Versuchungen der Eitelkeit nicht immer widerstehen, so stand sein Character doch hoch über den Einflüssen der Habsucht und der Furcht. Er war von Gemüth leutselig, hochherzig, dankbar und nachsichtig.[11] Sein Glaubenseifer, obwohl stetig und glühend, wurde im Allgemeinen durch Humanität und durch Achtung der Gewissensfreiheit in Schranken gehalten. Trotz seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an das was er als den Geist des Christenthums betrachtete, war er doch gleichgültig gegen Gebräuche, Namen und Formen der kirchlichen Verfassung und war selbst gegen Ungläubige und Ketzer, deren Lebenswandel tadellos war und deren Irrthümer mehr die Wirkung falscher Begriffe als eines verderbten Characters zu sein schienen, durchaus nicht zur Strenge geneigt. Aber gleich vielen anderen braven Männern jener Zeit betrachtete er die Sache der römischen Kirche als eine Ausnahme von allen gewöhnlichen Regeln.
Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente, welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern, besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ. Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war. Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde. Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit, seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.
[10.] Sprecher Onslow’s Note zu Burnet I. 596; Johnson’s Life of Sprat.
[11.] Niemand hat Burnet häufiger und bitterer widersprochen als Dartmouth. Und doch schrieb auch Dartmouth: „Ich glaube nicht, daß er jemals vorsätzlich etwas veröffentlichte, was er für falsch hielt.“ Zu einer späteren Zeit nahm er, durch einige Bemerkungen über sich im zweiten Bande der Geschichte des Bischofs gereizt, dieses Lob zurück; aber auf einen solchen Widerruf darf man kein großes Gewicht legen. Selbst Swift war so gerecht zu sagen: „Im Ganzen war er ein hochherziger und braver Mann.“ Short Remarks on Bishop Burnet’s History.
Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the Revolution oder Clarke’s Life of James the Second einer ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen, daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner Zeit war.
Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der Prinzessin. [Alle] Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde, Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe, zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ — „Ich bedarf keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben, ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe einzuflößen.
Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin vollkommene Eintracht herrschte.
Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien. [Bis] nach der Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer, welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören, als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s Ecclesiastical Policy in ihrer Hand sah.[12]
[12.] Dr. Hooper’s handschriftliche Erzählung im Anhange zu Lord Dungannon’s Life of William.
Seine Gesinnungen gegen England. [Er] verfolgte daher lange den Streit zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen, war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.
Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich. [All]’ sein patriotisches Gefühl gehörte Holland. Hier befand sich das prächtige Grabmal, in welchem der große Staatsmann ruhte, dessen Blut, dessen Namen, dessen Character und dessen Genie er geerbt hatte. Hier war der bloße Klang seines Namens schon ein Zauberspruch, welcher durch drei Generationen die liebevolle Begeisterung der Landleute und Handwerker erweckt hatte. Die holländische Sprache war die Sprache seiner Kinderstube; unter dem holländischen Adel hatte er seine ersten Freunde gewählt; die Vergnügungen, die Bauart und die Gegenden seines Heimathlandes wurzelten tief in seinem Herzen. Zu ihm wendete er sich immer wieder mit unveränderter Zärtlichkeit von einem stolzeren und schöneren Nebenbuhler ab. In den Sälen von Whitehall sehnte er sich nach dem traulichen Hause im Busche im Haag und er fühlte sich nie glücklicher, als wenn er die Pracht von Windsor mit der bescheidenen Einfachheit von Loo vertauschen konnte. Während seiner glänzenden Verbannung fand er einigen Trost darin, daß er durch Bauen, Pflanzen und Graben um sich her einen Schauplatz schaffen konnte, der ihn an die regelmäßigen Gebäude von rothem Backstein, an die langen Kanäle und an die symmetrischen Blumenbeete erinnerte, unter denen er seine Jugend verlebt hatte. Doch selbst die Liebe zu seinem Vaterlande war einem andren Gefühle untergeordnet, welches schon frühzeitig in seiner Seele die Oberherrschaft gewann, das sich mit allen seinen Leidenschaften vermischte, das ihn zu großartigen Unternehmungen anspornte, das ihn aufrecht erhielt, wenn Kränkungen, Schmerzen, Krankheit und Sorgen ihn zu Boden drücken wollten, das gegen das Ende seiner Laufbahn einmal kurze Zeit erloschen zu sein schien, aber bald heftiger als je wieder hervorbrach und ihn noch beseelte, als das Sterbegebet an seinem Lager gesprochen wurde. Dieses Gefühl war der Haß gegen Frankreich und den prachtliebenden König, der in mehr als einer Hinsicht Frankreich repräsentirte und der mit seinen specifisch französischen Tugenden und Vorzügen jenen unruhigen, gewissenlosen und dünkelhaften Ehrgeiz verband, der zu wiederholten Malen den Zorn ganz Europa’s über Frankreich gebracht hat.
Es ist nicht schwer, die Fortschritte des Gefühls zu verfolgen, welches nach und nach die Alleinherrschaft in Wilhelm’s Seele erlangte. Als er kaum erst dem Knabenalter entwachsen, war sein Vaterland in prahlerischem Trotze gegen Recht und Gerechtigkeit überfallen, verwüstet und allen Excessen der Raubsucht, Ausschweifung und Grausamkeit preisgegeben worden. Die Holländer hatten sich in ihrer Bedrängniß vor dem Eroberer gedemüthigt und um Gnade gefleht. Darauf war ihnen der Bescheid geworden, daß wenn sie Frieden wünschten, sie ihre Selbstständigkeit aufgeben und alljährlich dem Hause Bourbon huldigen müßten. Die schwer beleidigte Nation hatte, zur Verzweiflung getrieben, ihre Deiche durchbrochen und das Meer als Bundesgenossen gegen die französische Tyrannei zu Hülfe gerufen. Mitten in den Greueln dieses Kampfes, während die Landleute entsetzt vor den Eroberern flohen, während Hunderte von schönen Gärten und Lusthäusern in den Fluthen begraben, während die Berathungen der Generalstaaten durch die Ohnmachten und das laute Weinen alter Senatoren unterbrochen wurden, welche den Gedanken nicht ertragen konnten, die Freiheit und den Ruhm ihres Vaterlandes zu überleben, war Wilhelm an die Spitze der Geschäfte berufen worden. Eine Zeit lang dünkte ihm jeder Widerstand hoffnungslos. Er sah sich vergebens nach Hülfe um. Spanien war ausgesogen, Deutschland zerrissen, England bestochen. Es schien dem jungen Statthalter, als ob ihm nichts weiter übrig bliebe, als mit dem Schwerte in der Hand zu fallen, oder der Aeneas einer großen Völkerwanderung zu werden und in Gegenden, welche außer dem Bereiche der Tyrannei Frankreichs lagen, ein neues Holland zu gründen. Dann wäre kein Hinderniß mehr vorhanden gewesen, das die Fortschritte des Hauses Bourbon hätte hemmen können. Noch wenige Jahre und dieses Haus würde seine Besitzungen durch Lothringen und Flandern, Castilien und Arragonien, Neapel und Mailand, Mexico und Peru vergrößert haben. Ludwig hätte sich dann die Kaiserkrone aufsetzen, einen Prinzen seines Hauses auf den Thron Polens erheben und der Alleinherrscher in Europa von den scythischen Wüsten bis zum Atlantischen Ocean, sowie in Amerika von den Gegenden nördlich vom Wendekreis des Krebses bis zu den Gegenden südlich vom Wendekreis des Steinbocks werden können. Dies waren die Aussichten, die sich Wilhelm darboten, als er in das öffentliche Leben eintrat und welche ihn bis zu seinem letzten Tage unaufhörlich verfolgten. Die französische Monarchie war für ihn das was die römische Republik für Hannibal, was das ottomanische Reich für Scanderbeg, was die südliche Herrschaft für Wallace war. Die Religion gab diesem glühenden und unverlöschlichen Hasse ihre Weihe. Hunderte von calvinistischen Predigern verkündeten, daß die nämliche Macht, welche Simson vom Mutterleibe an dazu bestimmt, die Geißel der Philister zu werden, und welche Gideon von der Dreschtenne abgerufen, um die Midianiter zu schlagen, Wilhelm von Oranien zum Vorkämpfer aller freien Nationen und aller reinen Kirchen erkoren habe, und diese Ansicht war nicht ohne Einfluß auf sein Gemüth geblieben. Dem Vertrauen, welches dieser heldenmüthige Fatalist in seine erhabene Bestimmung und in seine heilige Sache setzte, ist zum Theil seine auffallende Gleichgültigkeit gegen jede Gefahr zuzuschreiben. Er hatte ein großes Werk zu vollbringen und bis es vollbracht war, konnte ihm nichts schaden. Daher kam es auch, daß er trotz der Prophezeiungen der Ärzte von hoffnungslos scheinenden Krankheiten genas, daß Schaaren von Mördern sich vergebens gegen sein Leben verschworen, daß der offene Nachen, dem er sich in sternenloser Nacht auf einem tobenden Ocean an einer verrätherischen Küste anvertraute, ihn wohlbehalten ans Land trug und daß auf zwanzig Schlachtfeldern die Kanonenkugeln auf allen Seiten an ihm vorübersausten. Die Begeisterung und Ausdauer, womit er sich seiner Sendung widmete, haben kaum ein Beispiel in der Geschichte. Seinem großen Ziele gegenüber achtete er das Leben Anderer ebenso gering als sein eigenes. Selbst die menschlichsten und edelmüthigen Soldaten jener Zeit waren zu sehr daran gewöhnt, das Blutvergießen und die Verheerungen, welche von großen kriegerischen Unternehmungen unzertrennlich sind, mit kalter Gleichgültigkeit zu betrachten, und Wilhelm’s Herz war nicht allein durch berufsmäßige Unempfindlichkeit, sondern auch durch die noch starrere Unempfindlichkeit gestählt, welche die Wirkung des Pflichtgefühls ist. Drei große Coalitionen, drei lange und blutige Kriege, in denen ganz Europa von der Weichsel bis zum westlichen Ocean unter den Waffen stand, sind lediglich seiner unbezwinglichen Energie zuzuschreiben. Als im Jahre 1678 die Generalstaaten erschöpft und entmuthigt nach Ruhe verlangten, stimmte er noch immer dagegen, das Schwert in die Scheide zu stecken, und der Friede wurde nur geschlossen, weil er seinen wilden und entschlossenen Geist nicht auch Anderen einhauchen konnte. Noch im letzten Augenblicke schlug er in der Hoffnung, dadurch die Unterhandlungen abzubrechen, von denen er wohl wußte, daß sie dem Abschlusse nahe waren, eine der blutigsten und hartnäckigsten Schlachten jener Zeit. Von dem Tage an, wo der Friede von Nymwegen unterzeichnet worden war, begann er auf eine neue Coalition zu sinnen. Sein Streit mit Ludwig, der nun vom Schlachtfelde in das Kabinet versetzt wurde, ward bald durch eine Privatfehde noch erbitterter. Die beiden Rivalen waren einander in Talenten, Character, Manieren und Ansichten gerade entgegengesetzt. Ludwig, fein und würdevoll, verschwenderisch und ausschweifend, ein Freund von Prunk und Feind von persönlicher Gefahr, ein freigebiger Beschützer der Künste und Wissenschaften und ein grausamer Verfolger der Calvinisten, bildete einen auffallenden Contrast mit Wilhelm, der einfach in seinen Neigungen, unfreundlich in seinem Benehmen, unermüdlich und unerschrocken im Kriege, gleichgültig gegen alle Luxuszweige des Wissens und ein entschiedener Anhänger der genfer Theologie war. Die beiden Feinde beobachteten nicht lange jene Artigkeit, welche Männer ihres Ranges, selbst wenn sie einander an der Spitze von Armeen gegenüberstehen, selten aus den Augen setzen. Wilhelm gebrauchte zwar die Formalität, daß er Ludwig seine besten Dienste anbot; aber diese Höflichkeit wurde nach ihrem wahren Werthe gewürdigt und mit einer trocknen Zurückweisung vergolten. Der große König verachtete den kleinen Prinzen, der der Diener eines Bundes von Handelsstädten war und auf jedes Zeichen von Verachtung antwortete der unerschrockene Statthalter mit einer neuen Herausforderung, Wilhelm entlehnte seinen Namen, ein Name, den die Ereignisse des vorhergegangenen Jahrhunderts zu einem der glänzendsten und berühmtesten von ganz Europa gemacht hatten, von einer Stadt, welche nicht weit von Avignon an den Ufern der Rhone liegt und die, wie Avignon, obgleich von allen Seiten von französischem Gebiet umgeben, doch eigentlich nicht der französischen, sondern der kaiserlichen Krone als Lehen gehörte. Ludwig besetzte Orange mit der ihm eigenen übermüthigen Verachtung des Völkerrechts, schleifte die Befestigungswerke und eignete sich die Einkünfte der Stadt zu. Wilhelm erklärte laut bei Tische in Anwesenheit vieler Personen, der allerchristlichste König solle diese Beleidigung schwer bereuen, und als der Graf von Avaux ihn um eine nähere Erklärung dieser Worte bat, weigerte er sich auf das Bestimmteste, sie zu widerrufen oder wegzuerklären. Der Streit ging so weit, daß der französische Gesandte es nicht wagen durfte, sich im Empfangzimmer der Prinzessin blicken zu lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, öffentlich beleidigt zu werden.[13]
Wilhelm’s Gesinnungen gegen Frankreich erklären zugleich seine ganze Politik gegen England. Sein Gemeinsinn war ein europäischer. Der Hauptgegenstand seiner Sorge war nicht unsre Insel, ja selbst sein Geburtsland nicht, sondern die große Gemeinschaft der Nationen, der die Unterjochung durch ein zu mächtiges Mitglied drohte. Wer in dem Irrthume befangen ist, ihn als einen englischen Staatsmann zu betrachten, muß nothwendig sein ganzes Leben in einem falschen Lichte erblicken und wird nicht im Stande sein, irgend einen Grundsatz, sei es ein guter oder ein schlechter, ein whiggistischer oder ein toryistischer, zu entdecken, auf den sich seine wichtigsten Thaten zurückführen ließen. Betrachten wir ihn aber als einen Mann, dessen besondere Aufgabe es war, eine Masse von schwachen, zerrissenen und entmuthigten Staaten zu einem festen und starken Bunde gegen den gemeinsamen Feind zu sammeln, betrachten wir ihn als einen Mann, in dessen Augen England namentlich deshalb wichtig war, weil ohne dasselbe die von ihm beabsichtigte große Coalition unvollständig gewesen sein würde, so werden wir zugeben müssen, daß keine langjährige Laufbahn, von der uns die Geschichte erzählt, von Anfang bis zu Ende gleichmäßiger war als die dieses großen Fürsten.[14]
[13.] Avaux Negotiations, Aug. 10.(20.), Sept. 14.(24.), Sept. 28. (Oct. 8.), Dec. 7.(17.) 1682.
[14.] Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, Massillon’s unfreundliche, aber scharfsinnige und edle Characteristik Wilhelm’s hier anzuführen: „Un prince profond dans ses vues; habile à former des ligues et à reunir les esprits, plus heureux à exciter les guerres qu’à combattre; plus encore à craindre dans le secret du cabinet, qu’à la tête des armées; un ennemi que la haine du nom Français avait rendu capable d’imaginer de grandes choses et de les exécuter; un de ces génies qui semblent être nés pour mouvoir à leur gré les peuples et les souverains; un grand homme, s’il n’avoit jamais voulu être roi.“ Grabrede auf den Dauphin.
Seine Politik durchaus consequent. [Der] Leitfaden, den wir jetzt besitzen, wird es uns möglich machen, ohne Schwierigkeit den wirklich consequenten, obgleich anscheinend zuweilen gewundenen Gang zu verfolgen, den er gegen unsere inneren Factionen beobachtete. Er erkannte deutlich, was übrigens auch weit weniger scharfsichtigen Leuten als er war, nicht entging, daß das Unternehmen, an dem er mit ganzer Seele hing, wahrscheinlich gelingen würde, wenn England auf seiner Seite wäre, daß der Ausgang ungewiß sein würde, wenn England neutral bliebe, und daß es hoffnungslos sein würde, wenn England handelte, wie es in den Tagen der Cabale gehandelt hätte. Nicht weniger deutlich sah er, daß zwischen der äußeren und der inneren Politik Englands ein enger Zusammenhang stattfand, daß der Regent dieses Landes, wenn er mit dem gesetzgebenden Körper harmonirte, stets einen großen Einfluß auf die Angelegenheiten der Christenheit ausüben und daß ihm offenbar daran gelegen sein mußte, der ungebührlichen Machtvergrößerung irgend eines festländischen Potentaten entgegenzuwirken; daß auf der andren Seite der Souverain, wenn der gesetzgebende Körper ihm nicht traute und ihn in seinen freien Bewegungen hemmte, in der europäischen Politik nur von geringem Gewicht sein konnte und daß dieses ganze kleine Gewicht in die falsche Wagschale fallen würde. Der erste Wunsch des Prinzen war daher: Eintracht zwischen dem Throne und dem Parlamente. Wie diese Eintracht herzustellen war und auf welcher Seite Zugeständnisse gemacht werden mußten, dies waren seiner Ansicht nach Fragen von untergeordneter Bedeutung. Allerdings würde es ihm am liebsten gewesen sein, wenn eine vollständige Aussöhnung hätte bewirkt werden können, ohne einen Buchstaben von der Prärogative zu opfern, denn er hatte an der ungeschmälerten Aufrechthaltung derselben ein anwartschaftliches Interesse, und war von Natur mindestens eben so herrschsüchtig und ein eben so großer Feind von Beschränkung, als irgend ein Stuart. Aber es gab kein Kleinod der Krone, das er nicht, selbst nachdem sie auf sein eignes Haupt gesetzt worden, bereitwilligst zum Opfer gebracht hätte, wenn er überzeugt sein konnte, daß ein solches Opfer zur Erreichung seines großen Zieles unumgänglich nöthig war. Daher empfahl er auch der Regierung in den Tagen des papistischen Complots Nachgiebigkeit, obgleich er die Heftigkeit mißbilligte, mit der die Opposition die königliche Autorität angriff. Das Verfahren der Gemeinen bezüglich der inneren Angelegenheiten, sagte er, sei höchst unverständig, aber so lange die Gemeinen unzufrieden seien, könnten die Freiheiten Europa’s nicht sicher sein und dieser überwiegenden Rücksicht müsse jede andre weichen. Nach diesen Grundsätzen handelte er, als die Ausschließungsbill die ganze Nation erschütterte. Man hat keinen Grund zu der Annahme, daß er die Opposition aufgemuntert habe, diese Bill einzubringen oder die wiederholt gemachten Vergleichsvorschläge des Thrones zurückzuweisen. Als es aber klar wurde, daß, wenn diese Bill nicht durchging, ein ernster Bruch zwischen den Gemeinen und dem Hofe entstehen mußte, sprach er deutlich, obwohl mit gebührender Mäßigung, seine Ansicht dahin aus, daß man sich um jeden Preis mit den Vertretern des Volks versöhnen müsse. Als ein heftiger und reißender Umschwung der öffentlichen Meinung die Whigpartei eine Zeit lang völlig hilflos gelassen hatte, versuchte er es sein großes Ziel auf einem andren Wege zu erreichen, der seiner Natur vielleicht besser zusagte als der vorher betretene. Die veränderte Stimmung der Nation bot wenig Aussicht dar, daß ein Parlament gewählt werden würde, das geneigt war, die Wünsche des Souverains zu durchkreuzen. Karl war eine Zeit lang Herr. Ihn zu gewinnen, war daher des Prinzen erster Wunsch. Im Sommer 1683, fast in dem Augenblicke, als die Entdeckung des Ryehousecomplots die Niederlage der Whigs und den Sieg des Königs vollständig machte, traten anderwärts Ereignisse ein, welche Wilhelm nicht ohne die größte Angst und Besorgniß mit ansehen konnte. Die türkischen Heere rückten bis an die Vorstädte Wiens heran. Die große österreichische Monarchie, auf deren Unterstützung der Prinz gerechnet hatte, schien ihrem Untergange nahe zu sein. Bentinck wurde daher schleunigst vom Haag nach London gesandt, mit dem Auftrage nichts zu versäumen, was nöthig sein konnte, um den englischen Hof zu gewinnen, und ganz besonders war er angewiesen, in den stärksten Ausdrücken den Abscheu seines Gebieters gegen die Whigverschwörung zu versichern.
Während der nächsten achtzehn Monate war einige Hoffnung, daß der Einfuß Halifax’ überwiegen und daß der Hof von Whitehall zur Politik der Tripleallianz zurückkehren werde. An diese Hoffnung klammerte sich Wilhelm mit Vorliebe an und sparte keine Mühe, um Karl günstig zu stimmen. Die gastliche Aufnahme, welche Monmouth im Haag fand, muß hauptsächlich dem ernstlichen Bestreben des Prinzen, die wirklichen Wünsche von Monmouth’s Vater zu erfüllen, zugeschrieben werden. Sobald Karl gestorben war, schlug Wilhelm in unabänderlicher Verfolgung seines Zieles wieder ein andres Verfahren ein. Er hatte Monmouth aufgenommen, um dem verstorbenen Könige zu gefallen; damit nun der gegenwärtige König keine Ursache zu Beschwerden haben sollte, wurde Monmouth fortgeschickt. Wir haben gesehen, daß beim Ausbruche des Aufstandes im Westen die in holländischen Diensten stehenden britischen Regimenter durch die thätigen Bemühungen des Prinzen auf die erste Aufforderung in ihre Heimath zurückgesandt wurden. Wilhelm erbot sich sogar, persönlich ein Commando gegen die Rebellen zu übernehmen, und daß dieses Anerbieten vollkommen aufrichtig gemeint war, kann von Niemandem, der seine vertraulichen Briefe an Bentinck gelesen hat, bezweifelt werden.[15]
Der Prinz gab sich zu dieser Zeit augenscheinlich der Hoffnung hin, daß der große Plan, dem in seinem Geiste alles Andre untergeordnet war, den Beifall und die Unterstützung seines Schwiegervaters erhalten werde. Der hohe Ton, den Jakob damals gegen Frankreich annahm, die Bereitwilligkeit, mit der er sich zu einem Defensivbündnisse mit den Vereinigten Provinzen verstand, und seine Geneigtheit zu einer Verbindung mit dem Hause Österreich bestärkten diese Erwartung. Aber bald verfinsterte sich der Horizont. Die Entlassung Halifax’, der Bruch zwischen Jakob und dem Parlamente, die Prorogation desselben und die ausdrückliche Erklärung, welche der König den auswärtigen Gesandten gab, daß die festländische Politik seine Aufmerksamkeit nicht länger von inneren Maßregeln zur Befestigung seiner Hoheitsrechte und zur Förderung der Interessen seiner Kirche ablenken sollte, machten der Täuschung ein Ende. Es war klar, daß England, wenn Jakob sein Beherrscher war, im Fall einer europäischen Krisis entweder unthätig bleiben oder im Einklange mit Frankreich handeln würde. Und die europäische Krisis rückte immer näher. Das Haus Österreich war durch eine Reihe von Siegen gegen fernere Gefahr von Seiten der Türkei gesichert worden und hatte daher nicht mehr nöthig, die Übergriffe und Beleidigungen Ludwig’s geduldig zu ertragen.
[15.] Zum Beispiel: „Je crois M. Feversham un très brave et honeste homme. Mais je doute s’il a assez d’expérience à diriger une si grande affaire qu’il a sur le bras. Dieu lui donne un succès prompt et heureux. Mais je ne suis pas hors d’inquiétude.“ — 7.(17.) Juli 1685. Als er die Nachricht von der Schlacht von Sedgemoor erhalten hatte, schrieb er wieder: „Dieu soit loué du bon succès que les troupes du Roy ont eu contres les rebelles. Je ne doute pas que cette affaire ne soit entièrement assoupie, et que le règne du Roy sera heureux, ce que Dieu veuille.“ — 10.(20.) Juli.
Vertrag von Augsburg. [In] Folge dessen wurde im Juli 1686 zu Augsburg ein Vertrag unterzeichnet, durch den sich die Fürsten des Reichs zum Zwecke gegenseitiger Vertheidigung eng verbanden. Die Könige von Spanien und von Schweden waren diesem Bunde ebenfalls beigetreten, der König von Spanien als Besitzer der im burgundischen Kreise liegenden Provinzen, der König von Schweden als Herzog von Pommern. Die Verbündeten erklärten, daß sie nicht die Absicht hätten irgend eine Macht anzugreifen oder irgend eine zu beleidigen, daß sie aber entschlossen seien, keine Verletzung der Rechte zu dulden, welche das deutsche Reich unter Sanction des Völkerrechts und der öffentlichen Treue besitze. Sie verpflichteten sich, einander im Falle der Noth beizustehen und bestimmten das Truppencontingent, das jedes Mitglied des Bundes stellen mußte, wenn es nöthig werden sollte, einen Angriff zurückzuweisen.[16] Der Name Wilhelm’s war in dieser Urkunde nicht genannt aber Jedermann wußte, daß sie sein Werk war und sah voraus, daß er in nicht langer Zeit wieder an der Spitze einer Coalition gegen Frankreich stehen werde. Zwischen ihm und dem Vasallen Frankreichs konnte unter solchen Umständen kein herzliches Einvernehmen stattfinden. Es erfolgte zwar kein offener Bruch und kein Austausch von Drohungen oder Vorwürfen; aber Schwiegervater und Schwiegersohn waren vollständig und für immer geschieden.
[16.] Der Vertrag ist in dem Recueil des Traités, IV. No. 209 zu finden.
Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition. [Gerade] zu der Zeit, als der Prinz so dem englischen Hofe entfremdet wurde, verschwanden die Ursachen, welche bisher eine Kälte zwischen ihm und den beiden großen Parteien des englischen Volks hervorgerufen hatten. Ein großer Theil, der Zahl nach vielleicht die Mehrheit der Whigs, hatte die Ansprüche Monmouth’s begünstigt, aber Monmouth existirte jetzt nicht mehr. Die Tories auf der andren Seite hatten gefürchtet, die Interessen der anglikanischen Kirche mochten unter der Leitung eines Mannes nicht sicher sein, der unter holländischen Presbyterianern aufgewachsen und dessen Ansichten über die Gewänder, die Ceremonien und die Bischöfe als latitudinarisch wohl bekannt waren; seitdem aber jener geliebten Kirche von einer ganz andren Seite weit furchtbarere Gefahren drohten, hatten diese Befürchtungen fast ihre ganze Kraft verloren. So kam es, daß beide große Parteien in dem nämlichen Augenblicke ihre Hoffnungen und ihre Liebe auf den nämlichen Führer zu richten begannen. Alte Republikaner konnten ihr Vertrauen einem Manne nicht versagen, der viele Jahre hindurch das höchste Amt einer Republik würdig bekleidet hatte, und alte Royalisten sahen ein, daß sie in Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen handelten, wenn sie einem dem Throne so nahe gehenden Prinzen die tiefste Ehrerbietung bezeigten. Unter diesen Umständen war es von höchster Wichtigkeit, daß zwischen Wilhelm und Marien die vollkommenste Einigkeit herrschte. Eine Mißhelligkeit zwischen der präsumtiven Thronerbin und ihrem Gemahl hätte in der großen Masse, die sich von allen Seiten her um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt schaarte, eine Spaltung hervorbringen müssen. Zum Glück wurde jede Gefahr einer solchen Mißhelligkeit im entscheidenden Augenblicke durch Burnet’s Dazwischenkunft beseitigt und der Prinz wurde das unbestrittene Haupt der ganzen Partei, welche der Regierung feindlich gegenüberstand, einer Partei, welche fast die ganze Nation in sich begriff.
Es ist nicht der mindeste Grund zu der Annahme vorhanden, daß er schon um diese Zeit das große Unternehmen im Sinne hatte, zu dem ihn später die gebieterische Nothwendigkeit trieb. Er wußte sehr gut, daß die öffentliche Stimmung in England, wenn auch durch Kränkungen gereizt, doch zu einer Revolution keineswegs reif war. Gewiß würde er gern das Ärgerniß vermieden haben, das ein blutiger Streit zwischen Personen, welche durch die engsten Bande der Blutsverwandtschaft und der Verschwägerung an einander gekettet waren, nothwendig erregen mußte. Auch sein Ehrgeiz ließ es ihm nicht wünschenswerth erscheinen, die Größe, die im gewöhnlichen Laufe der Natur und des Rechts ihm zufallen konnte, einer Gewaltthätigkeit zu verdanken, denn er wußte jetzt, daß, wenn die Krone auf regelmäßigem Wege auf seine Gemahlin überging, zugleich mit derselben auch alle ihre Vorrechte ungeschmälert auf ihn selbst übergehen würden, daß sie aber, wenn sie durch eine Wahl erlangt wurde, unter den Bedingungen angenommen werden mußte, welche die Wähler zu stellen für gut fanden. Er schien daher geduldig den Tag erwarten zu wollen, wo er mit unbestrittenem Rechte die Regierung antreten konnte, und sich bis dahin darauf zu beschränken, als erster Prinz von Geblüt und als Oberhaupt der Partei, welche in der Nation entschieden das Übergewicht hatte, und die auch darauf rechnen konnte, in beiden Häusern eines zu versammelnden Parlaments entschieden zu überwiegen, einen großen Einfluß auf die englischen Angelegenheiten auszuüben.
Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor. [Indessen] war er bereits durch einen Rathgeber, der weniger scharfsichtig, aber ungestümer war als er selbst, gedrängt worden, einen kühneren Weg einzuschlagen. Dieser Rathgeber war der junge Lord Mordaunt. Das damalige Zeitalter hat kein erfinderischeres Genie und keinen verwegeneren Geist hervorgebracht. Aber wenn ein Plan nur glänzend war, so fragte Mordaunt selten danach, ob er auch ausführbar sein würde, sein ganzes Leben war ein wilder Roman, zusammengesetzt aus geheimnißvollen Intriguen der Politik und der Liebe, aus heftigen und schnellen Wechseln des Schauplatzes und des Glücks, und aus Siegen, welche mehr denen eines Amadis und eines Lancelot, als denen eines Luxemburg und eines Eugen glichen. Die Episoden, welche mit dieser seltsamen Lebensgeschichte verflochten waren, entsprachen ganz der Hauptintrigue. Es waren darunter nächtliche Kämpfe mit edelmüthigen Räubern und Befreiungen vornehmer und schöner Damen aus den Händen von Entführern. Nachdem sich Mordaunt durch die Beredtsamkeit und Kühnheit ausgezeichnet, mit der er im Hause der Lords gegen den Hof aufgetreten war, zog er sich bald nach der Prorogation nach dem Haag zurück und empfahl dringend eine unverzügliche Landung in England. Er bildete sich ein, es sei eben so leicht, drei große Königreiche zu überrumpeln, als es ihm lange nachher wurde, Barcellona zu nehmen.
Wilhelm verwirft den Rath. [Wilhelm] hörte ihn an, überlegte sich die Sache und erwiederte endlich in allgemeinen Ausdrücken, er interessire sich sehr für die englischen Angelegenheiten und werde dieselben scharf im Auge behalten.[17] Was aber auch seine Absicht sein mochte, es ist nicht anzunehmen, daß er einen voreiligen und hitzköpfigen fahrenden Ritter zu seinem Vertrauten erwählt haben würde. Die beiden Männer hatten nichts mit einander gemein als persönlichen Muth, der bei ihnen bis zum fabelhaften Heroismus ging, Mordaunt wollte lediglich die Aufregung des Kampfes genießen und die Menschen in Erstaunen setzen, Wilhelm hatte beständig ein erhabenes Ziel vor Augen. Nach diesem Ziele trieb ihn eine gewaltige Leidenschaft, die ihn im Gewande einer heiligen Pflicht erschien. Auf dieses Ziel steuerte er mit einer Geduld hin, die, wie er einmal sagte, der Geduld eines Bootsführers glich, den er auf einem Kanale gegen eine widrige Strömung hatte ankämpfen sehen, der immer wieder zurückgeworfen wurde, aber nicht aufhörte zu rudern und zufrieden war, wenn er nach stundenlanger Arbeit um einige Yards vorwärts gekommen war.[18] Heldenthaten, die ihn seinem Ziele nicht näher brachten, mochten sie in den Augen des großen Haufens noch so ruhmvoll sein, waren seiner Ansicht nach kindische Eitelkeiten, aber kein Theil der wahren Aufgabe des Lebens.
Er beschloß, Mordaunt’s Rath zu verwerfen und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dies ein weiser Entschluß war. Hätte Wilhelm im Jahre 1686 oder selbst 1687 das versucht, was er 1688 mit so glänzendem Erfolge unternahm, so würden zwar vielleicht auf seinen Ruf viele Whigs zu den Waffen gegriffen haben, aber er würde bald gesehen haben, daß die Nation noch nicht hinreichend vorbereitet war, um einen bewaffneten Befreier aus fremdem Lande willkommen zu heißen, und daß die Kirche noch nicht genugsam gereizt und beleidigt worden war, damit sie den Grundsatz, der seit so langer Zeit ihr Losungswort war, schon hätte vergessen haben können. Die alten Kavaliere würden sich um das königliche Banner geschaart haben und es würde wahrscheinlich in allen drei Königreichen ein eben so langer und heftiger Bürgerkrieg als der unter der vorigen Generation ausgebrochen sein. Während dieser Krieg auf den britischen Inseln wüthete, was konnte Ludwig inzwischen nicht Alles auf dem Continent versuchen? Und welche Aussichten hätte dann Holland gehabt, das von seinen Truppen entblößt und von seinem Statthalter verlassen gewesen wäre?
[17.] Burnet I. 762.
[18.] Temple’s Memoirs.
Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde. [Wilhelm] begnügte sich daher für jetzt, Maßregeln zu ergreifen, um der mächtigen Opposition, deren Oberhaupt er geworden war, Einigkeit und Lebenskraft einzuhauchen. Dies war nicht schwer. Der Fall der Hyde hatte durch ganz England eine heftige Aufregung und Entrüstung hervorgerufen. Man fühlte, daß es sich jetzt nicht mehr darum handelte, ob der Protestantismus herrschen, sondern ob er geduldet werden sollte. An die Stelle des Schatzmeisters war eine Commission getreten, deren Oberhaupt ein Papist war. Das Geheimsiegel war einem Papisten anvertraut worden und der Nachfolger des Lordlieutenants von Irland war ein Mann, der durchaus keinen andren Anspruch auf einen so hohen Posten hatte, als daß er Papist war. Tyrconnel wäre der Letzte gewesen, den eine Regierung, welcher das allgemeine Wohl des Landes am Herzen lag, nach Dublin als Stellvertreter geschickt hätte. Seine brutalen Manieren machten ihn geradezu unfähig, die Majestät der Krone zu repräsentiren. Sein beschränkter Verstand und sein heftiges Temperament machten ihn untauglich, wichtige Staatsgeschäfte zu leiten. Sein unversöhnlicher Haß gegen die Besitzer des größeren Theiles des irischen Grund und Bodens machte ihn ganz untauglich, gerade dieses Land zu verwalten. Aber die Maßlosigkeit seiner Bigotterie wurde als ein genügender Ersatz für die Maßlosigkeit seiner anderen Leidenschaften betrachtet und aus Rücksicht auf seinen Haß gegen den reformirten Glauben gestattete man ihm, seinem Hasse gegen den englischen Namen freien Lauf zu lassen. Dies war also der wirkliche Sinn der Achtung Seiner Majestät vor den Rechten der Überzeugung! Er wollte, daß sein Parlament alle den Papisten auferlegte Ausschließungen beseitigte, nur damit er gleich drückende Ausschließungen über die Protestanten verhängen konnte. Es war klar, daß unter einem solchen Fürsten Glaubensabfall der einzige Weg zur Größe sein konnte. Dennoch wagten es nur Wenige, diesen Weg einzuschlagen, denn der Geist der Nation war furchtbar aufgeregt, und jeder Renegat hatte ein solches Maß von Hohn und Verachtung zu ertragen, daß auch die verhärtetsten Naturen nicht ganz unempfindlich dagegen bleiben konnten.
Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury. [Allerdings] hatten erst kürzlich mehrere bemerkenswerthe Übertritte stattgefunden; aber sie waren von der Art, daß sie der römischen Kirche wenig Ehre machten. Zwei vornehme Männer hatten sich in ihren Schooß aufnehmen lassen: Heinrich Mordaunt, Earl von Peterborough und Jakob Cecil, Earl von Salisbury. Aber Peterborough, früher ein thätiger Soldat, Hofmann und Diplomat, war jetzt durch Alter und Krankheit gebeugt und wer ihn, auf einen Stock gestützt und in Flanell und Pflaster eingehüllt, durch die Gallerien von Whitehall hinken sah, tröstete sich über seinen Abfall damit, daß er seinen Glauben erst gewechselt, nachdem er seine Körper- und Geisteskräfte überlebt hatte.[19] Salisbury war sprüchwörtlich albern. Sein Körper war in Folge sinnlicher Genüsse dermaßen aufgeschwollen, daß er sich fast nicht mehr bewegen konnte, und dieser träge Körper war der Wohnsitz eines eben so trägen Geistes. In populären Spottliedern war er als ein Mensch dargestellt, der dazu geschaffen war, betrogen zu werden, als ein Mensch, der bisher die Beute von Spielern gewesen und der eben so gut die Beute von Mönchen werden konnte. Ein Pasquill, das zur Zeit von Rochester’s Rücktritt an die Thür von Salisbury House am Strand angeheftet wurde, schildert in starken Ausdrücken das Entsetzen, mit dem der weise Robert Cecil, wenn er aus seinem Grabe auferstehen könnte, sehen würde, auf was für ein Geschöpf seine Würden und Ehren gekommen waren.[20]
[19.] Siehe die beiden Gedichte, betitelt: The Converts und The Delusion.
[20.] Die Verse befinden sich in der Collection of State Poems.
Wycherley, Tindal, Haines. [Dies] waren im Range die höchststehenden von Jakob’s Proselyten. Außerdem gab es noch Renegaten ganz andrer Art, unbemittelte Leute von Talent, die aber keine Grundsätze und keine Spur von Ehrgefühl besaßen. Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm Wycherley, der zügelloseste und hartherzigste Schriftsteller einer ganz besonders zügellosen und hartherzigen Schule, zu diesen gehörte.[21] Gewiß ist, daß Matthäus Tindal, der sich später durch seine Schriften gegen das Christenthum einen Namen machte, um diese Zeit in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen wurde, ein Schritt, den, wie man leicht denken kann, die Theologen, mit denen er nachmals polemisirte, nicht vergessen hatten.[22] Ein noch ehrloserer Apostat war Joseph Haines, dessen Name jetzt so gut wie vergessen ist, der aber damals als ein Abenteurer von vielseitiger Begabung, als Gauner, Falschmünzer, falscher Zeuge, falscher Bürge, Tanzmeister, Possenreißer, Dichter und Schauspieler wohl bekannt war. Einige von seinen Prologen und Epilogen wurden von seinen Zeitgenossen viel bewundert und sein Schauspielertalent war allgemein anerkannt. Dieser Mann wurde Katholik, ging im Gefolge Castelmaine’s mit nach Italien, wurde aber bald wegen schlechter Aufführung wieder entlassen. Wenn man einer Tradition glauben darf, die sich lange im Garderobezimmer erhalten hat, so hatte Haines die Frechheit zu behaupten, daß ihm die Jungfrau Maria erschienen sei und ihn zur Buße aufgefordert habe. Nach der Revolution versuchte er es sich mit der Stadt durch eine Buße auszusöhnen, die noch skandalöser war als sein Vergehen. Eines Abends, ehe er in einer Posse auftrat, erschien er in ein weißes Betttuch gehüllt und mit einer Kerze in der Hand auf der Bühne und trug einige gottlose, unanständige Knittelverse vor, die er seinen Widerruf nannte.[23]
[21.] Die Nachrichten, die wir über Wycherley haben, sind äußerst dürftig; zweierlei aber ist gewiß: daß er sich in seinen späteren Jahren einen Papisten nannte und daß er von Jakob Geld erhielt. Ich zweifle kaum daran, daß er ein bezahlter Convertit war.
[22.] Siehe den Artikel über ihn in der Biographia Britannica.
[23.] Siehe Jakob Quin’s Bericht über Haines in Davies’s Miscellanies; Tom Brown’s Works; Lives of Sharpers; Dryden’s Epilog zu der Secular Masque.
Dryden. [Mit] dem Namen Haines wurde in vielen Libellen der Name eines berühmteren Renegaten, Johann Dryden’s verbunden. Dryden näherte sich jetzt dem Abend seines Lebens. Nach vielen Erfolgen und vielen Enttäuschungen hatte er endlich mit allgemeiner Zustimmung die erste Stelle unter den lebenden Dichtern Englands erhalten. Er hatte größere Ansprüche auf den Dank Jakob’s als irgend ein andrer Schriftsteller des Königreichs. Doch Jakob war an Versen wenig, sehr viel aber am Gelde gelegen. Vom Tage seiner Thronbesteigung an bemühte er sich kleine Ersparnisse zu machen, welche einer Regierung den Vorwurf der Knauserei zuziehen, ohne die Finanzlast merklich zu erleichten. Zu den Opfern seiner unverständigen Sparsamkeit gehörte auch der Poeta Laureatus. Es wurde Befehl gegeben, daß in dem neuen Diplom, welches durch die Erledigung der Krone nöthig geworden war, das jährlich gespendete Faß Sect, das ursprünglich Jonson bewilligt und auch dessen Nachfolgern zugestanden worden war, weggelassen werden sollte.[24] Dies war die einzige Notiz, welche der König im ersten Jahre seiner Regierung von dem gewaltigen Satiriker zu nehmen geruhte, der im kritischesten Augenblicke des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill in den Reihen der Whigs Schrecken verbreitet hatte. Dryden war arm und seine Armuth drückte ihn nieder. Von Religion wußte er wenig und kümmerte sich auch nicht darum. Wenn irgend ein Gefühl tief in seiner Brust wurzelte, so war es der Widerwille gegen die Priester jeden Glaubens, gegen Leviten, Auguren, Muftis, römisch-katholische Geistliche, presbyterianische und anglikanische Geistliche. Er war von Natur kein hochherziger Mann, und seine Bestrebungen waren nicht von der Art, daß sie seinem Sinne höhere Würde und größeres Zartgefühl verleihen konnten. Er hatte viele Jahre lang sich seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er dem verderbten Geschmacke des Publikums diente und reichen, adeligen Gönnern auf die plumpste Manier schmeichelte. Selbstachtung und ein feines Schicklichkeitsgefühl konnte man von einem Manne, der das Leben eines Bettlers und Speichelleckers geführt hatte, nicht erwarten. Da er die Bemerkung machte, daß seine Dienste unbeachtet bleiben würden, wenn er fortführe sich einen Protestanten zu nennen, so erklärte er sich zum Papisten. Augenblicklich ließ die Knauserei des Königs nach. Dryden wurde mit einem Jahrgelde von hundert Pfund belohnt und dazu verwendet, seine neue Religion in Prosa und in Versen zu vertheidigen.
Zwei ausgezeichnete Männer, Samuel Johnson und Walter Scott, haben ihr Möglichstes gethan, um sich selbst und Andere zu überreden, daß dieser denkwürdige Glaubenswechsel aufrichtig war. Es war natürlich, daß sie einen Schandfleck von dem Gedächtnisse eines Mannes verwischen wollten, dessen Genie sie mit Recht bewunderten und mit dessen politischen Ansichten sie stark sympathisirten; der unparteiische Geschichtsschreiber aber muß ein ganz andres Urtheil aussprechen. Es wird jederzeit starker Zweifel gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung erhoben werden, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt. Und in Dryden’s Falle ist nichts vorhanden, was diesen Zweifel entkräften konnte. Seine theologischen Schriften beweisen zur Genüge, daß er sich nie fleißig und ernstlich bemüht hat, die Wahrheit zu ergründen, und daß seine Kenntniß der Kirche, die er verließ, wie auch der, zu der er übertrat, höchst oberflächlich war. Eben so wenig benahm er sich in der Folge wie ein Mann, den ein starkes Pflichtgefühl zu einem Schritte von so hochwichtiger Bedeutung bewogen hatte. Wäre er ein solcher Mann gewesen, so würde die nämliche Überzeugung, die ihn in den Schooß der römischen Kirche geführt hatte, ihn abgehalten haben, allgemeine Regeln, welche diese Kirche in Übereinstimmung mit jeder andren christlichen Gemeinschaft als bindend anerkennt, gröblich und gewohnheitsmäßig zu verletzen. Es würde ein merklicher Unterschied zwischen seinen früheren und seinen späteren Werken zu erkennen gewesen sein; er würde mit Reue auf seine fast dreißigjährige literarische Laufbahn zurückgeblickt haben, während welcher er seine seltenen Talente für die Diction und den Versbau systematisch zur Verbreitung der Sittenverderbniß angewendet hatte. Nicht eine Zeile, welche darauf hinzielte, die Tugend verächtlich zu machen und unreine Begierden zu entzünden, würde von diesem Augenblicke an mehr aus seiner Feder geflossen sein. Leider aber ist es nur zu wahr, daß die Dramen, welche er nach seiner angeblichen Bekehrung schrieb, in keiner Hinsicht weniger unrein und profan sind, als die seiner Jugend. Selbst in seinen Übersetzungen wich er beständig von den Originalen ab, um Bilder aufzusuchen, die er hätte übergehen müssen, wenn er sie in den Originalen gefunden hätte. Das Schlechte wurde durch seine Übertragungen noch schlechter, und das Unschuldige wurde durch die Berührung mit seinem Geiste befleckt. Er machte die derbsten Satiren Juvenal’s noch derber, schob in die Erzählungen Boccacio’s schlüpfrige Schilderungen ein und befleckte die liebliche und reine Poesie der Georgica mit Schmutz, der Vergil’s Ekel erregt haben würde.
Dryden’s Beistand war denjenigen römisch-katholischen Theologen willkommen, welche gegen die ausgezeichnetsten Männer der Staatskirche mit Mühe einen Kampf unterhielten. Sie konnten es sich nicht verhehlen, daß ihr durch ausländische, in Rom oder Douay aufgelesene Ausdrücke entstellter Styl der Beredtsamkeit eines Tillotson und Sherlock gegenüber eben in keinem vortheilhaften Lichte erschien. Man glaubte es nicht gering anschlagen zu dürfen, daß man die Mitwirkung des größten lebenden Meisters der englischen Sprache gewonnen hatte. Der erste Dienst, der von ihm zum Dank für die bewilligte Pension verlangt wurde, war eine in Prosa geschriebene Vertheidigung seiner Kirche gegen Stillingfleet. Aber einem Manne, der nichts zu sagen weiß, hilft das Talent, Alles gut sagen zu können, nichts, und in diesem Falle befand sich Dryden. Er sah bald ein, daß er einem Gegner, dessen ganzes Leben ein langes Studium der Polemik gewesen, nicht gewachsen war. Der langgediente Gladiator entwaffnete den Neuling, versetzte ihm mit Verachtung einige Hiebe und wendete sich dann von ihm ab, um achtunggebietenderen Kämpfern entgegenzutreten.
[24.] Diese Thatsache, welche den genauen Forschungen Malone’s entging, ergiebt sich aus dem Briefbuche des Schatzamts von 1685.
„The Hind and Panther.“ [Jetzt] griff Dryden zu einer Waffe, in der er schwerlich einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Er zog sich auf einige Zeit von dem Geräusch der Kaffeehäuser und Theater in einen ruhigen Winkel von Huntingdonshire zurück und schrieb dort mit ungewohnter Sorgfalt und Anstrengung sein berühmtes Gedicht über die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden Streitpunkte. Die römische Kirche ist darin bildlich als eine milchweiße Hindin dargestellt, die beständig in Lebensgefahr schwebt, aber dazu bestimmt ist, nicht zu sterben. Die Thiere des Feldes sannen auf ihr Verderben. Der zitternde (quaking) Hase beobachtete eine furchtsame Neutralität, aber der socinianische Fuchs, der presbyterianische Wolf, der independente Bär und der anabaptistische Eber schossen hämische Blicke auf das makellose Geschöpf. Unter dem Schutze ihres Freundes, des königlichen Löwen, konnte sie es indessen wagen, mit ihnen aus der nämlichen Quelle zu trinken. Die anglikanische Kirche war als Panther dargestellt, der zwar Flecken hat, aber schön, für ein Raubthier nur zu schön ist. Hindin und Panther, von der blutdürstigen Bevölkerung des Waldes in gleichem Grade gehaßt, beriethen sich im Stillen über ihre gemeinsame Gefahr. Dann gingen sie zur Discussion der Punkte über, in denen sie verschiedener Ansicht waren, und hielten, mit dem Schwanze wedelnd und sich den Bart leckend, ein langes Zwiegespräch über die wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahl, über die Autorität der Päpste und Concilien, über die Strafgesetze, die Testacte, die Meineide des Oates, Buttler’s schlecht belohnte Dienste für die Kavalierpartei, Stillingfleet’s Pamphlets und Burnet’s breiten Rücken und glückliche Heirathsspekulationen.
Das Unpassende dieses Planes springt in die Augen. Die Allegorie konnte in der That nicht zehn Zeilen hintereinander ununterbrochen beibehalten werden. Keine noch so kunstvolle Ausführung konnte die Fehler eines solchen Planes verdecken. Dessenungeachtet ist die Fabel von der Hindin und dem Panther unbestreitbar der werthvollste Beitrag zu der englischen Literatur aus der kurzen und unruhigen Regierungszeit Jakob’s II. In keinem andren Werke Dryden’s finden sich ergreifendere und erhabenere Stellen, eine größere Biegsamkeit und Kraft der Sprache und ein lieblicherer und abwechselnderer Wohllaut.
Das Gedicht erschien mit allen Vortheilen ausgestattet, welche königliche Gunst gewähren konnte. Eine Prachtausgabe für Schottland wurde in der in Holyrood House errichteten Officin gedruckt. Aber die Leute waren nicht in der Stimmung, um sich von dem durchsichtigen Style und den melodischen Reimen des Apostaten bezaubern zu lassen. Der durch seine Feilheit erregte Unwille, die durch die Politik, deren Lobhudler er war, hervorgerufene Besorgniß ließen sich nicht in Schlaf singen. Die gerechte Entrüstung des Publikums wurde von Vielen, die den Stachel seines Spotts gefühlt, und von Vielen, die seinen Ruhm beneideten, angeschürt. Trotz aller Beschränkungen, denen die Presse unterlag, erschienen täglich Angriffe auf sein Leben und seine Schriften. Bald hieß er Bayes, bald der Dichter Squab. Man erinnerte ihn daran, daß er in seiner Jugend dem Hause Cromwell in der nämlichen knechtischen Weise den Hof gemacht, wie jetzt dem Hause Stuart. Ein Theil seiner Gegner druckte boshafterweise die sarkastischen Verse wieder ab, die er zu einer Zeit, wo es ihm nichts eingebracht haben würde, wenn er Papist geworden wäre, gegen den Papismus geschrieben hatte. Von den vielen satirischen Arbeiten, welche bei dieser Gelegenheit erschienen, war die gelungenste das gemeinsame Werk zweier junger Männer, welche kürzlich ihre Studien in Cambridge vollendet hatten und als vielversprechende Anfänger in den literarischen Kaffeehäusern Londons begrüßt worden waren: Karl Montague und Matthäus Prior. Montague war von adeliger Abkunft, Prior’s Ursprung aber war so dunkel, daß kein Biograph im Stande gewesen ist, demselben auf die Spur zu kommen. Beide Abenteurer waren arm und strebsam. Beide hatten einen scharfen Verstand und einen lebendigen Geist, Beide schwangen sich später hoch empor. Beide verbanden in nicht gewöhnlichem Grade mit der Liebe zu den Wissenschaften Geschicklichkeit in denjenigen Gebieten des praktischen Lebens, gegen welche die Schöngeister in der Regel einen entschiedenen Widerwillen haben. Von den funfzig Dichtern, deren Lebenslauf Johnson geschildert hat, waren Montague und Prior die beiden einzigen, die sich durch eine gründliche Kenntniß des Handels und des Finanzwesens auszeichneten. Ihre Wege gingen bald weit auseinander, und ihre Jugendfreundschaft löste sich auf. Einer von ihnen wurde das Haupt der Whigpartei und wurde von den Tories angeklagt; der Andre wurde in alle Geheimnisse der toryistischen Diplomatie eingeweiht und von den Whigs lange in strenger Haft gehalten. Endlich wurden die so lange getrennt gewesenen Freunde nach vielen ereignißvollen Jahren in der Westminster-Abtei wieder mit einander vereinigt.
Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner. [Wer] die Fabel von der Hindin und dem Panther aufmerksam gelesen hat, muß bemerkt haben, daß während der Bearbeitung dieses Werks in den Ansichten Derer, welche Dryden als Dolmetscher benutzten, eine große Veränderung vorging. Anfangs wird von der anglikanischen Kirche mit Liebe und Achtung gesprochen und sie wird ermahnt, sich mit der römisch-katholischen gegen die puritanischen Secten zu verbinden; am Schlusse des Gedichts aber und in der Vorrede, welche nach Vollendung des Ganzen geschrieben wurde, werden die protestantischen Dissenters aufgefordert, mit den Katholiken gemeinschaftliche Sache gegen die anglikanische Kirche zu machen.
Dieser Umschlag in der Sprache des Hofpoeten deutete auf einen großen Umschlag in der Politik des Hofes hin. Der ursprüngliche Zweck Jakob’s war gewesen, nicht allein vollständige Befreiung von allen Strafen und bürgerlichen Ausschließungen, sondern auch einen großen Antheil an den kirchlichen und akademischen Stiftungen für seine Kirche zu erlangen und zu gleicher Zeit die Gesetze gegen die puritanischen Secten mit Strenge auszuüben. Alle von ihm gewährten besonderen Dispensationen waren römischen Katholiken gewährt worden. Alle Gesetze, welche auf den Presbyterianern, Independenten und Baptisten am schwersten lasteten, hatte er eine Zeit lang mit aller Strenge durchgeführt. Während Hales ein Regiment commandirte, während Powis im Geheimen Rathe saß, während Massey eine Dechanei bekleidete, während in Oxford mit königlicher Genehmigung Breviarien und Meßbücher gedruckt wurden, während in London die Hostie unter dem Schutze der Piken und Musketen der Fußgarde öffentlich ausgestellt wurde, während Ordensbrüder und Mönche in ihren Kutten in den Straßen von London einhergingen, saß Baxter im Gefängniß, war Howe in der Verbannung, standen die Fünfmeilenacte und die Conventikelacte in voller Kraft, mußten die puritanischen Schriftsteller zur ausländischen oder geheimen Pressen ihre Zuflucht nehmen, konnten puritanische Gemeinden sich nur des Nachts oder in abgelegenen Einöden versammeln, mußten puritanische Geistliche in Kohlengräber- oder Matrosenverkleidung predigen. In Schottland hatte der König neue Gesetze von beispielloser Härte gegen die Presbyterianer von den Ständen verlangt und erhalten, während er keine Anstrengung sparte, ihnen jede Erleichterung für die Katholiken abzupressen. Sein Verfahren gegen die verbannten Hugenotten hatte seine Gesinnungen nicht minder deutlich verrathen. Wir haben gesehen, wie er, als die öffentliche Mildthätigkeit eine große Summe zur Unterstützung dieser Unglücklichen in seine Hände gelegt, allen Gesetzen der Gastfreundschaft und der Rechtschaffenheit zum Hohn von ihnen verlangte, daß sie dem calvinistischen Ritual, dem sie mit großer Liebe anhingen, entsagen und sich der anglikanischen Kirche anschließen müßten, ehe er ihnen das Geringste von den seiner Verwaltung anvertrauten Gaben spenden könnte.
Dies war seine Politik gewesen, so lange er noch einigermaßen hoffen konnte, daß die anglikanische Kirche einwilligen werde, die Herrschaft mit der römischen Kirche zu theilen. Einmal stieg diese Hoffnung zur festen Überzeugung. Die Begeisterung, mit der die Tories seinen Regierungsantritt begrüßt hatten, die Wahlen, die demüthige Sprache und die reichen Geldbewilligungen seines Parlaments, die Unterdrückung des Aufstandes im Westen, die völlige Vernichtung der Partei, die ihn vom Throne hatte ausschließen wollen, dies Alles steigerte seine Zuversicht bis über die Grenzen der Vernunft. Er glaubte fest, daß seiner Macht und seiner Entschlossenheit jedes Hinderniß weichen werde. Sein Parlament leistete ihm Widerstand. Er versuchte die Wirkung von ungnädigen Blicken und Drohungen, und da er mit diesen nichts erreichte, versuchte er es mit der Prorogation. Aber von dem Augenblicke der Prorogation an wurde der Widerstand gegen seine Pläne immer stärker und stärker. Es schien klar, daß, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er ihn im Widerspruch mit der großen Partei durchsetzen mußte, die seinem Throne, seinem Hause und seiner Person so glänzende Beweise von Treue gegeben hatte. Die ganze anglikanische Geistlichkeit, die ganze Kavaliergentry war gegen ihn. Vergebens hatte er kraft seines kirchlichen Supremats dem Klerus anbefohlen, sich jeder Erörterung von Streitpunkten zu enthalten. Jede Gemeinde der Nation wurde allsonntäglich gegen die Irrthümer Roms gewarnt, und diese Warnungen waren um so wirksamer, weil sie stets mit Versicherungen der Ehrerbietung gegen den König und des Entschlusses, Alles mit Geduld zu ertragen, was ihm zu verhängen belieben werde, verbunden waren. Die royalistischen Ritter und Squires, welche durch fünfundvierzig Jahre des Kriegs und der Parteiwuth dem Throne mannhaft zur Seite gestanden hatten, sprachen jetzt in sehr nachdrücklichen Worten den Entschluß aus, daß sie eben so mannhaft zur Kirche halten würden. Trotz seines beschränkten Verstandes und seines despotischen Characters sah Jakob nun doch ein, daß er sein Verfahren ändern müsse. Er konnte es ohne Gefahr nicht wagen, alle seine protestantischen Unterthanen zugleich zu beleidigen. Wenn er es über sich gewinnen konnte, der Partei, welche in beiden Häusern das Übergewicht hatte, Zugeständnisse zu machen, wenn er sich entschließen konnte, der Staatskirche alle ihre Würden, Einkünfte und Privilegien zu lassen, so mochte er auch fernerhin presbyterianische Versammlungen verbieten und die Gefängnisse mit baptistischen Predigern füllen. Blieb er aber dabei, die Hierarchie zu plündern, so mußte er sich entschließen, dem Vergnügen, die Dissenters zu verfolgen, zu entsagen. Wollte er von nun an mit seinen alten Freunden in Fehde leben, so mußte er mit seinen alten Feinden einen Waffenstillstand schließen. Er konnte die anglikanische Kirche nur dadurch bezwingen, daß er eine umfassende Coalition gegen sie bildete, welche Secten in sich schloß, die zwar in Lehre und Verfassung von einander selbst viel stärker abwichen als von ihr, aber doch durch ihre gemeinsame Eifersucht auf ihre Größe und durch die gemeinsame Furcht vor ihrer Unduldsamkeit bewogen werden konnten, ihre Feindseligkeiten so lange ruhen zu lassen, bis jene Kirche die Macht verloren hatte, sie zu tyrannisiren.
Ein Grund schien besonders für diesen Plan zu sprechen. Wenn es ihm nur gelang, die protestantischen Nonconformisten zu gewinnen, so durfte er sich mit der Hoffnung schmeicheln, vor jeder Rebellion sicher zu sein. Nach der Ansicht der anglikanischen Geistlichen konnte keine Kränkung irgend welcher Art einen Unterthanen berechtigen, den Gesalbten des Herrn gewaltsamen Widerstand zu leisten. Die Theorie der puritanischen Sectirer lautete ganz anders. Diese Sectirer trugen kein Bedenken, Tyrannen mit dem Schwerte Gideon’s zu Boden zu schlagen, und manche von ihnen scheuten sich auch nicht, den Dolch Ehud’s zu gebrauchen. Wahrscheinlich sannen sie eben jetzt wieder auf einen neuen westlichen Aufstand oder auf ein neues Ryehousecomplot. Jakob glaubte daher, daß er getrost die Staatskirche verfolgen könnte, wenn es ihm nur gelang, die Dissenters zu gewinnen. Die Partei, deren Grundsätze ihm keine Sicherheit gewährten, war dann durch das Interesse an ihn gefesselt, und die Partei, deren Interessen er angriff, erregte aus Grundsatz keinen Aufruhr.
Unter dem Einflusse solcher Erwägungen begann Jakob von dem Augenblicke an, als er sich zornig von seinem Parlament trennte, auf eine Coalition aller katholischen wie protestantischen Nonconformisten gegen die Landeskirche zu denken. Schon um Weihnachten 1685 meldeten die Gesandten der Vereinigten Provinzen den Generalstaaten, daß der Plan einer allgemeinen Duldung entworfen sei und bald ans Licht treten werde.[25] Indessen erwiesen sich die Nachrichten, welche der holländischen Gesandtschaft zugekommen waren, als verfrüht. Die Separatisten scheinen jedoch im Jahre 1686 schon viel milder behandelt worden zu sein, als während des Jahres 1685. Aber nur ganz allmälig und nach vielen inneren Kämpfen vermochte es der König über sich, mit Allem, was er am meisten verabscheute, ein Bündniß zu schließen. Er hatte einen nicht oberflächlichen und launenhaften, nicht erst kürzlich entstandenen oder rasch aufgeschossenen, sondern in seiner Familie erblichen Groll zu überwinden, welcher durch große, während hundertzwanzig ereignißvoller Jahre zugefügte und erlittene Unbilden verstärkt worden und mit allen seinen religiösen und politischen, häuslichen und persönlichen Gefühlen verwachsen war. Vier Generationen von Stuarts hatten mit vier Generationen von Puritanern einen Krieg auf Leben und Tod geführt, und während dieses ganzen langen Krieges hatte kein Stuart die Puritaner so stark gehaßt, und war so stark von ihnen gehaßt worden, als er. Sie hatten es versucht, seine Ehre zu untergraben und ihn seines Geburtsrechts zu berauben; sie hatten ihn einen Brandstifter, einen Kehlabschneider und einen Giftmischer genannt; sie hatten ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe verdrängt; sie hatten ihn zu wiederholten Malen in die Verbannung getrieben, sie hatten einen Mordanschlag auf ihn gemacht, und sie hatten sich zu Tausenden mit bewaffneter Hand gegen ihn erhoben. Dafür hatte er sich an ihnen durch ein Gemetzel gerächt, wie es England noch nie gesehen. Ihre Köpfe und Glieder verwesten noch auf Pfählen auf allen öffentlichen Plätzen von Somersetshire und Dorsetshire. Bejahrte Frauen, die wegen ihrer Frömmigkeit und Mildthätigkeit von den Sectirern in hohen Ehren gehalten wurden, waren um geringfügiger Vergehen willen, die kein guter Fürst nur eines strengen Verweises werth gehalten haben würde, enthauptet oder lebendig verbrannt worden. In einem solchen Verhältnisse hatte selbst in England der König zu den Puritanern gestanden, und in Schottland hatte die Tyrannei des Königs und die Wuth der Puritaner einen Grad erreicht, von dem sich die Engländer kaum einen Begriff machen konnten. Einen so langjährigen und so tödtlichen Haß zu vergessen, war für einen ganz besonders harten und unversöhnlichen Character keine leichte Aufgabe.
Der Kampf, der im Innern des Königs stattfand, entging dem Blicke Barillon’s nicht. Ende Januar 1687 schrieb er einen interessanten Brief nach Versailles. Der König — dies war der wesentliche Inhalt des Schreibens — habe sich so ziemlich überzeugt, daß er nicht völlige Freiheit für die römischen Katholiken erlangen und dabei doch die Gesetze gegen die protestantischen Dissenters aufrecht erhalten könne. Er neige sich daher zu einem Plane allgemeiner Indulgenz hin, im Herzen aber würde es ihm weit lieber sein, wenn er auch jetzt noch seinen Schutz und seine Gunst zwischen der römischen und der anglikanischen Kirche, mit Ausschluß aller anderen religiösen Überzeugungen, theilen könnte.[26]
[25.] Leeuwen, 25. Dec. (4. Jan.) 1685/6.
[26.] Barillon, 31. Jan. (10. Febr.) 1686/7. „Je crois que, dans le fond, si on ne pouvoit laisser que la religion Anglicane et la Catholique établies par les loix, le Roy d’Angleterre en seroit bien plus content.“
In Schottland theilweise Duldung gewährt. [Wenige] Tage nach dem Abgang dieser Depesche that Jakob zögernd und widerstrebend den ersten Schritt zur Annäherung an die Puritaner. Er hatte sich entschlossen, mit Schottland zu beginnen, wo seine Befugniß, von Parlamentsacten zu dispensiren, von den willfährigen Ständen anerkannt war. Demgemäß wurde am 12. Februar in Edinburg eine Proklamation erlassen, welche ängstlichen Gewissen eine Erleichterung gewährte.[27] Diese Proklamation beweist vollkommen die Richtigkeit von Barillon’s Urtheil. Selbst in der Acte, durch die er den Presbyterianern Zugeständnisse machte, konnte Jakob seinen Widerwillen gegen sie nicht verhehlen. Die den Katholiken gewährte Duldung war vollkommen. Auch die Quäker hatten wenig Ursache sich zu beklagen. Aber die den Presbyterianern, welche die Hauptmasse des schottischen Volks bildeten, bewilligte Indulgenz war durch Bedingungen beschränkt, die sie fast werthlos machten. An die Stelle des bisherigen Religionseides, der sowohl Katholiken als Presbyterianer von Staatsämtern ausschloß, war ein neuer Religionseid gesetzt, der die Katholiken zuließ, aber die meisten Presbyterianer ausschloß. Den Katholiken war es erlaubt, Kapellen zu erbauen und sogar die Hostie überall, mit Ausnahme der Straßen in königlichen Burgflecken, in Prozession umherzutragen; den Quäkern war es gestattet, sich in öffentlichen Gebäuden zu versammeln; die Presbyterianer aber durften nur in Privatwohnungen Gottesdienst halten; es war ihnen streng verboten, Bethäuser zu bauen, sie durften nicht einmal eine Scheune oder ein Nebenhaus zu Andachtsübungen benutzen, und es ward ihnen nachdrücklich eingeschärft, daß, wenn sie es wagten, Conventikel unter freiem Himmel zu hatten, das Gesetz, welches sowohl den Predigern als den Zuhörern mit dem Tode drohte, mit schonungsloser Strenge angewendet werden sollte. Jeder katholische Priester durfte Messe lesen, jeder Quäker durfte vor seinen Glaubensbrüdern Reden halten; aber der Geheime Rath war angewiesen, darüber zu wachen, daß kein presbyterianischer Geistlicher sich unterfange, ohne specielle Erlaubniß der Regierung zu predigen. Jede Zeile dieses Dokuments und der dasselbe begleitenden Briefe beweist, wie schwer es dem Könige wurde, nur einigermaßen die Härte zu mildern, mit der er die alten Feinde seines Hauses von jeher behandelt hatte.[28]
Man hat wirklich Grund zu glauben, daß er bei Veröffentlichung dieser Proklamation noch keineswegs zu einer Coalition mit den Puritanern fest entschlossen war und daß er ihnen zuvörderst nur eben so viele Begünstigungen gewähren wollte, als durchaus nöthig waren, um die Anhänger der Landeskirche durch Einschüchterung zum Gehorsam zu bringen. Er wartete daher einen Monat, um zu sehen, welchen Eindruck das in Edinburg erlassene Edict in England machen werde. Diesen Monat verwendete er auf Petre’s Rath eifrig zu dem, was man closeting[29] nannte.
[27.] Sie ist zu finden im Anfange zu Wodrow II. 129.
[28.] Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 128, 129, 132.
[29.] Persönliche Bearbeitung Einzelner im Privatkabinet des Königs. D. Übers.
Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet. [London] war voll von geeigneten Persönlichkeiten. Man erwartete die baldige Zusammenberufung des Parlaments zur Erledigung von Geschäften, und viele Mitglieder waren bereits in der Stadt. Der König nahm sich vor, sie Mann für Mann zu werben. Er hoffte, daß die eifrigen Tories — und aus solchen bestand das Unterhaus mit wenigen Ausnahmen — seinen dringenden Bitten schwer würden widerstehen können, wenn er dieselben nicht an die Gesammtheit, sondern an jeden Einzelnen, und nicht vom Thronsessel herab, sondern im vertraulichen Gespräch an sie richtete. Die Mitglieder, welche nach Whitehall kamen, um ihre Aufwartung zu machen, wurden demnach auf die Seite genommen und mit langen Privatunterredungen beehrt. Der König drang in sie, daß sie, als loyale Gentlemen, ihm nur in dem einem Punkte, der ihm mehr als alles Andre am Herzen liege, den Willen thun möchten. Er meinte, die Sache berühre seine persönliche Ehre. Die unter der vorigen Regierung von factiösen Parlamenten gegen die Katholiken erlassenen Verordnungen seien lediglich gegen ihn selbst gerichtet gewesen; diese Gesetze hätten ihm ein Brandmal aufgedrückt, ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe vertrieben, und er sei berechtigt, zu erwarten, daß Alle, die ihn liebten und ehrten, sich zur Abschaffung jener Gesetze vereinigen würden. Sah er, daß seine Zuhörer gegen diese Ermahnungen taub blieben, so nahm er seine Zuflucht zu Drohungen und Bestechungen. Denjenigen, die sich weigerten, ihm in dieser Angelegenheit zu Willen zu sein, wurde geradezu gesagt, daß sie keine Gunstbezeigung zu erwarten hätten. Trotz seiner Knauserei öffnete und vertheilte er seine Schätze. Mehrere von Denen, die zu einer Conferenz mit ihm eingeladen worden waren, nahmen aus seinem Schlafzimmer Geld mit fort, das sie aus königlicher Hand empfangen hatten. Die Richter, die sich gerade auf ihrer Frühjahrsrundreise befanden, erhielten Befehl vom Könige, die noch in der Provinz zurückgebliebenen Mitglieder zu besuchen und die Gesinnungen jedes Einzelnen zu erforschen.
Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung. [Das] Resultat aller dieser Nachforschungen war, daß die große Majorität des Hauses der Gemeinen entschlossen zu sein schien, sich den Maßregeln des Hofes zu widersetzen.[30] Einer von Denjenigen, deren Festigkeit allgemeine Bewunderung erregten, war Arthur Herbert, der Bruder des Oberrichters, Parlamentsmitglied für Dover, Kammerherr und Contreadmiral von England.
[30.] Barillon, 28. Febr. (10. März) 1686/7; Citters, 15.(25.) Febr.; Reresby’s Memoirs; Bonrepaux, 25. Mai (4. Juni) 1687.
Admiral Herbert. [Arthur] Herbert war bei den Seeleuten sehr beliebt und galt für einen der tüchtigsten adeligen Marineoffiziere. Man hatte allgemein vermuthet, daß er sich den Wünschen des Königs bereitwillig fügen werde, denn er fragte wenig nach der Religion, war vergnügungslustig und verschwenderisch, hatte kein Privatvermögen, bezog aus seinen Stellen ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund und wurde seit langer Zeit zu den ergebensten persönlichen Anhängern Jakob’s gerechnet. Als aber der Contreadmiral im Privatkabinet vorgenommen und das Versprechen von ihm verlangt wurde, daß er für die Aufhebung der Testacte stimmen wolle, antwortete er, seine Ehre und sein Gewissen erlaubten ihm nicht, ein solches Versprechen zu geben. „Niemand zweifelt an Ihrer Ehre“, sagte der König, „aber ein Mann, der so lebt wie Sie, sollte nicht von seinem Gewissen sprechen.“ Auf diesen Vorwurf, einen Vorwurf, der dem Geliebten der Katharine Sedley übel anstand, erwiederte Herbert mit männlicher Offenheit: „Ich habe meine Fehler, Sire, aber ich könnte Leute nennen, welche viel häufiger von ihrem Gewissen sprechen als ich und dabei ein eben so lockeres Leben führen.“ Er wurde aller seiner Stellen entsetzt und die Rechnung über seine Ausgaben und Einnahmen als Kammerherr wurden mit großer und, wie er klagte, ungerechter Strenge geprüft.[31]
Es war jetzt augenscheinlich, daß jede Hoffnung auf ein Bündnis zwischen der anglikanischen und römischen Kirche zu dem Zwecke, die Ämter und Einnahmen unter sich zu theilen und die puritanischen Secten zu unterdrücken, aufgegeben werden mußte. Es blieb weiter nichts übrig, als der Versuch, eine Koalition zwischen der römischen Kirche und den puritanischen Secten gegen die anglikanische Kirche zu Stande zu bringen.
[31.] Barillon, 14.(24.) März 1687; Lord Russell an Dr. Fitzwilliam, 1. April; Burnet I. 671, 672. In Clarke’s Life of James the Second, II. 204 ist die Unterredung etwas anders erzählt. Diese Stelle aber ist kein Theil der eigenen Memoiren des Königs.
Die Indulgenzerklärung. [Am] 18. März kündigte der König dem Geheimen Rathe an, daß er beschlossen habe, das Parlament bis Ende November zu prorogiren und allen seinen Unterthanen aus eigner Machtvollkommenheit völlige Gewissensfreiheit zu gewähren.[32] Am 4. April erschien die denkwürdige Indulgenzerklärung.
In dieser Erklärung sagte der König, es sei sein innigster Wunsch, seine Unterthanen als Mitglieder derjenigen Kirche zu sehen, der er selbst angehöre. Da dies aber nicht sein könne, erkläre er, daß es seine Absicht sei, sie in der freien Ausübung ihrer Religion zu schützen. Er wiederholte alle die schönen Redensarten, welche acht Jahre früher, als er selbst ein Unterdrückter war, so oft aus seinem Munde kamen, die er aber nicht mehr gebrauchte, seitdem ein Wechsel des Glücks ihm die Macht verliehen hatte, selbst ein Unterdrücker zu werden. Er sei schon längst überzeugt, sagte er, daß man dem Gewissen keinen Zwang anthun dürfe, daß Verfolgungen der Zunahme der Bevölkerung und dem Handel nachtheilig seien und nie zu dem Zwecke führten, den die Verfolger erreichen wollten. Er wiederholte das schon oft gegebene und eben so oft gebrochene Versprechen, daß er die Staatskirche im Genusse ihrer gesetzlichen Rechte schützen wolle. Hierauf erklärte er, ebenfalls aus eigner Machtvollkommenheit, eine lange Reihe von Gesetzen für null und nichtig, hob alle Strafbestimmungen gegen alle Klassen von Nonconformisten auf, ermächtigte die römischen Katholiken wie auch die protestantischen Dissenters, ihren Gottesdienst öffentlich zu halten, verbot seinen Unterthanen bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens, irgend eine religiöse Versammlung zu stören, und schaffte auch alle diejenigen Gesetze ab, welche die Befähigung zu bürgerlichen und militairischen Ämtern von einem Religionseide abhängig machten.[33]
Daß die Indulgenzerklärung verfassungswidrig war, darüber sind beide große Parteien Englands zu allen Zeiten einig gewesen. Jeder, der in politischen Fragen ein Urtheil hat, muß einsehen, daß ein Fürst, der eine solche Erklärung erlassen darf, nichts Geringeres ist als ein absoluter Monarch. Auch kann man zur Vertheidigung dieser Handlung Jakob’s nicht die Gründe geltend machen, mit denen viele willkürliche Maßregeln der Stuarts vertheidigt oder entschuldigt worden sind. Man kann nicht sagen, daß er den Umfang seiner Prärogative verkannt habe, weil sie nicht genau bestimmt gewesen sei, denn er überschritt die Grenze angesichts einer ganz kürzlich erst festgestellten Grenzmarke. Funfzehn Jahre früher hatte sein Bruder auf Anrathen der Cabale auch eine Indulgenzerklärung erlassen, welche im Vergleich zu der Erklärung Jakob’s gemäßigt und vorsichtig genannt werden konnte. Die Erklärung Karl’s dispensirte nur von Strafgesetzen, die Erklärung Jakob’s dispensirte auch von allen Religionseiden. Die Erklärung Karl’s gestattete den Katholiken, nur in Privatwohnungen ihren Gottesdienst zu halten, nach der Erklärung Jakob’s konnten sie Tempel bauen und ausschmücken und sogar mit Kreuzen, Bildern und Rauchfässern in Prozession durch Fleet Street ziehen. Dennoch war die Erklärung Karl’s in alter Form für gesetzwidrig erklärt worden. Die Gemeinen hatten sich dahin ausgesprochen, daß der König nicht befugt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Karl hatte hierauf das mißliebige Schriftstück vor seinen Augen vernichten lassen, hatte mit eigner Hand das Siegel davon abgerissen und sowohl durch eine von ihm eigenhändig unterschriebene Botschaft als auch mündlich vom Throne herab in vollem Parlament beiden Häusern fest versprochen, daß der Schritt, der so großen Anstoß gegeben, als nie geschehen betrachtet werden solle. Die beiden Häuser hatten dann ohne eine einzige opponirende Stimme eine gemeinschaftliche Dankadresse für diese Erfüllung ihrer Wünsche an ihn gerichtet. Nie war eine Verfassungsfrage mit reiflicherer Erwägung, mit unzweideutigerer Klarheit und mit vollkommnerer Einhelligkeit entschieden worden.
Jakob’s Vertheidiger haben zu seiner Entschuldigung häufig das Erkenntniß anführt, welches der Gerichtshof der Kings Bench in der abgekarteten Klage gegen Sir Eduard Hales abgab; aber dieser Entschuldigungsgrund hat gar kein Gewicht. Jakob hatte diesen Ausspruch notorisch durch Bitten, durch Drohungen, durch Entlassung gewissenhafter Beamten und durch Besetzung der Richterbank mit anderen höfischer gesinnten Richtern erlangt. Und obgleich dieses Erkenntniß von der Advokatur wie von der Nation allgemein für verfassungswidrig erklärt wurde, erstreckte es sich doch nur so weit, daß der König aus besonderen Staatsgründen einzelnen Individuen Dispensationen von ausschließenden Gesetzen bewilligen dürfe. Daß er durch ein Alles über den Haufen werfendes Edict alle seine Unterthanen ermächtigen konnte, ganze Bände von Gesetzen nicht mehr zu befolgen, dies hatte kein Gerichtshof angesichts der feierlichen Entscheidung des Parlaments von 1673 zu behaupten gewagt.
[32.] London Gazette, March 21, 1686/7.
[33.] London Gazette, April 7. 1087.
Stimmung der protestantischen Dissenters. [Die] Stellung der Parteien war jedoch von der Art, daß Jakob’s Indulgenzerklärung, obgleich der kühnste von allen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit, wohl geeignet war, gerade demjenigen Theile der Gesellschaft zu gefallen, der allen anderen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit den beharrlichsten Widerstand entgegengesetzt hatte. Es stand kaum zu erwarten, daß der durch ein hartes und streng gehandhabtes Gesetzbuch von seinen Landsleuten getrennte protestantische Nonconformist geneigt sein werde, die Gültigkeit eines Erlasses zu bestreiten, der ihn von unerträglichen Bedrückungen erlöste. Ein kalter und philosophischer Beobachter würde ohne Zweifel erklärt haben, daß alles Übel, das aus allen intoleranten Gesetzen, welche je von Parlamenten erlassen wurden, hervorgehen könne, nicht zu vergleichen sei mit dem Unheil, welches durch eine Übertragung der gesetzgebenden Gewalt vom Parlament auf den Souverain entstehen würde. Aber eine so ruhige und philosophische Überlegung kann man nicht von Leuten erwarten, die unter einem vorhandenen Drucke seufzen und denen die lockende Aussicht auf sofortige Erleichterung dargeboten wird. Ein puritanischer Theolog konnte allerdings nicht leugnen, daß die jetzt von der Krone beanspruchte Dispensationsgewalt mit den Grundprinzipien der Verfassung unvereinbar war. Aber es war vielleicht zu entschuldigen, wenn er fragte, was die Verfassung eigentlich für ihn sei. Die Gleichförmigkeitsacte hatte ihn trotz königlicher Versprechungen von einer Pfründe vertrieben, die sein rechtmäßiges Eigenthum war, und hatte ihn in Armuth und Abhängigkeit zurückgeworfen. Die Fünfmeilenacte hatte ihn von seiner Heimath, von seinen Verwandten, von seinen Freunden, von fast jedem öffentlichen Zufluchtsorte verbannt. Kraft der Conventikelacte war er seines Vermögens beraubt und aus einem schmutzigen Kerker in den andren mitten unter Straßenräuber und Diebe geworfen worden. Außerhalb des Gefängnisses wurde er beständig von den Gerichtsdienern verfolgt; er hatte Angeber durch Geldgeschenke zum Schweigen bringen, hatte sich in schimpflicher Verkleidung durch Fenster und Fallthüren heimlich zu seiner Gemeinde schleichen müssen, und während er das geweihte Wasser auf den Täufling sprengte oder das Brod des heiligen Abendmahls austheilte, hatte er in beständiger Angst auf das Zeichen horchen müssen, welches ihm sagte, daß die Sbirren der Justiz sich näherten. War es nicht bitterer Hohn, einen so ausgeplünderten und bedrückten Mann aufzufordern, daß er für das Eigenthum und die Freiheit seiner Plünderer und Bedrücker zum Märtyrer werden solle? Mochte die Indulgenzerklärung seinen glücklichen Nachbarn noch so despotisch erscheinen, ihm brachte sie Erlösung. Er wurde aufgefordert, nicht zwischen der Freiheit und der Knechtschaft, sondern zwischen zwei Jochen zu wählen, und es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn er das Joch des Königs für erträglicher gehalten hätte als das der Kirche.
Stimmung der anglikanischen Kirche. [Während] solche Gedanken die Gemüther vieler Dissenters beschäftigten, war die anglikanische Partei in Angst und Bestürzung. Diese neue Wendung der Dinge war in der That beunruhigend. Das Haus Stuart im Bunde mit republikanischen und königsmörderischen Secten gegen die alten Kavaliere Englands; der Papismus im Bunde mit dem Puritanismus gegen ein kirchliches System, an welchem die Puritaner nichts weiter auszusetzen hatten, als daß es zuviel Papistisches beibehalten: das waren Zeichen und Wunder, welche alle Berechnungen der Staatsmänner über den Haufen warfen. Die Kirche sollte also mit einem Male von allen Seiten angegriffen werden, und zwar unter der Leitung Dessen, der ihrer Verfassung nach ihr Oberhaupt war. Es war kein Wunder, wenn sie von Erstaunen und Entsetzen ergriffen wurde. Und zu dem Erstaunen und dem Entsetzen gesellten sich noch andere bittere Gefühle: Groll gegen den meineidigen Fürsten, dem sie nur zu treu gedient, und Reue über die Grausamkeiten, die sie in Gemeinschaft mit ihm verübt hatte und für die er sie jetzt, wie es schien, bestrafen wollte. Ihre Strafe war gerecht, sie erntete was sie gesäet hatte. Als nach der Restauration ihre Macht den Höhepunkt erreicht, hatte sie nur Rache geschnaubt. Sie hatte die Stuarts aufgefordert, gedrängt, fast gezwungen, die kürzlich geleisteten Dienste der Presbyterianer mit schnödem Undanke zu vergelten. Hätte sie sich in jener Zeit ihrer höchsten Blüthe, wie es ihr geziemte, ihrer Feinde angenommen, so würde sie jetzt, in der Zeit der Noth, Freunde in ihnen gefunden haben. Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte sie noch die Taktik ihres Bedrückers gegen ihn selbst kehren. Es gab unter den Anglikanern eine gemäßigte Partei, welche den protestantischen Dissenters immer freundlich gesinnt gewesen war. Allerdings war diese Partei nicht zahlreich, aber die Talente, Kenntnisse und Tugenden ihrer Mitglieder machten sie achtunggebietend. Sie war von den höchsten Würdenträgern der Kirche nicht mit günstigem Auge betrachtet und von den Frömmlern aus der Schule Laud’s schonungslos verunglimpft worden; aber von dem Tage, an welchem die Indulgenzerklärung erschien, bis zu dem Tage, wo Jakob’s Macht aufhörte Schrecken einzuflößen, schien die ganze Kirche von dem Geiste der verleumdeten Latitudinarier beseelt zu sein und von ihren Rathschlägen geleitet zu werden.
Der Hof und die Kirche. [Nun] folgte eine Art von Versteigerung, die sonderbarste, von der uns die Geschichte erzählt. Der König auf der einen, die Kirche auf der andren Seite begannen einander zu überbieten, um die Gunst Derer zu erlangen, zu deren Unterdrückung sie bis dahin verbündet gewesen waren. Die protestantischen Dissenters, die noch vor wenigen Monaten eine verachtete und geächtete Klasse gewesen waren, hielten jetzt die Wage der Macht in ihrer Hand. Die Härte, mit der sie behandelt worden waren, wurde allgemein verdammt. Der Hof suchte die ganze Schuld auf die Hierarchie zu wälzen, und die Hierarchie warf sie zurück auf den Hof. Der König erklärte, daß er die Separatisten wider Willen nur deshalb verfolgt habe, weil seine Angelegenheiten in einem Zustande gewesen wären, bei dem er es nicht hatte wagen dürfen, dem Klerus der Staatskirche zu nahe zu treten. Dieser versicherte, daß er nur aus Ehrerbietung vor der Autorität des Königs an einer Strenge Theil genommen habe, die seinen Gefühlen durchaus fremd sei. Der König brachte eine Sammlung von Anekdoten von Rectoren und Vikaren zusammen, welche durch Androhung von Verfolgung von protestantischen Dissenters Geld erpreßt hatten. Er sprach häufig und öffentlich über diesen Gegenstand, drohte mit einer Untersuchung, welche die Pfarrer der ganzen Welt in ihrem wahren Character zeigen werde und erließ in der That mehrere Verordnungen, durch welche Agenten, auf die er sich verlassen zu können glaubte, ermächtigt wurden, den Betrag der Summen zu ermitteln, welche in verschiedenen Landestheilen von Bekennern der herrschenden Religion Sectirern abgepreßt worden waren. Die Vertheidiger der Landeskirche führten dagegen Beispiele von rechtschaffenen Pfarrern an, welche vom Hofe Verweise und Drohungen erhalten, weil sie auf der Kanzel Duldsamkeit empfohlen und sich geweigert hatten, kleine Gemeinden von Nonconformisten auszuspüren und zu Tode zu hetzen. Der König behauptete, daß einige Mitglieder der Staatskirche, die er privatim vorgenommen, sich erboten hatten, den Katholiken ausgedehnte Zugeständnisse zu machen, unter der Bedingung, daß die Verfolgung gegen die Puritaner ihren Fortgang behalte. Die angeklagten Anhänger der Staatskirche leugneten heftig die Wahrheit dieser Beschuldigung und behaupteten, daß, wenn sie sich mit dem, was der König für seine eigene Kirche verlangte, einverstanden erklärt hätten, er ihnen sehr gern gestattet haben würde, sich durch Verfolgung und Ausplünderung protestantischer Dissenters zu entschädigen.[34]
Der Hof hatte seine Physiognomie verändert. Die Schärpe und der Priesterrock der anglikanischen Geistlichen konnten sich daselbst kaum noch sehen lassen ohne spöttisches Lächeln und boshaftes Geflüster hervorzurufen. Die Hofdamen erlaubten sich nicht mehr zu kichern und die Kammerherren verbeugten sich bis zur Erde, wenn sich das puritanische Gesicht und die puritanische Tracht, welche in den vornehmen Zirkeln so lange Zeit Lieblingsgegenstände des Spotts gewesen waren, in den Gallerien des Palastes zeigten. Taunton, das zwei Generationen hindurch die Veste der Rundkopfpartei im Westen gewesen war, das die Armeen Karl’s I. zweimal tapfer zurückgeschlagen, sich zur Unterstützung Monmouth’s wie ein Mann erhoben hatte und von Kirke und Jeffreys in eine Schlachtbank verwandelt worden war, schien plötzlich die Stelle erobert zu haben, welche Oxford einst in der königlichen Gunst eingenommen.[35] Der König gewann es über sich, ausgezeichneten Dissenters sogar mit kriechender Höflichkeit zu begegnen. Einigen bot er Geld an, Anderen städtische Ehrenämter, noch Anderen Begnadigung von Verwandten und Freunden, die wegen Theilnahme an dem Ryehousecomplot oder wegen Anschluß an die Fahne Monmouth’s auf dem Kontinent umherirrten oder in den Zuckerplantagen von Barbados schwitzten. Er stellte sich sogar, als ob er mit den freundlichen Gesinnungen der englischen Puritaner gegen ihre auswärtigen Glaubensbrüder sympathisirte. Eine zweite und dritte Proklamation erschien in Edinburg, welche die den Presbyterianern durch das Februaredict gewährte nichtssagende Duldung bedeutend erweiterten.[36] Die verbannten Hugenotten, die der König seit vielen Monaten mit ungnädigem Auge angesehen und denen er die von der Nation aufgebrachten milden Gaben vorenthalten hatte, wurden jetzt unterstützt und gehätschelt. Es wurde ein Ministerialbefehl erlassen, der die öffentliche Mildthätigkeit nochmals zu ihren Gunsten aufrief. Die Vorschrift, welche von ihnen den Anschluß an die anglikanische Gottesverehrung als Bedingung des Empfangs einer Unterstützung verlangte, scheint zu dieser Zeit stillschweigend aufgehoben gewesen zu sein, und die Vertheidiger der Politik des Königs hatten die Frechheit zu behaupten, diese Vorschrift sei auf Andringen der Prälaten der Staatskirche erlassen worden, während wir aus den sichersten Quellen wissen, daß sie von ihm selbst im Einverständniß mit Barillon ersonnen worden war.[37]
Während der König sich so die Gunst seiner alten Gegner zu erwerben suchte, waren die Freunde der Landeskirche nicht weniger thätig. Von der Bitterkeit und dem Hohne, mit dem die Prälaten und Priester seit der Restauration die Sectirer zu behandeln pflegten, war kaum noch eine Spur zu erkennen. Die, welche man ganz kürzlich noch Schismatiker und Fanatiker genannt hatte, waren jetzt geliebte Mitprotestanten, Glaubensbrüder, die vielleicht schwach sein mochten, aber deren Gewissensskrupel immerhin zarte Rücksichtnahme verdienten. Wenn sie nur in dieser Krisis der englischen Verfassung und dem reformirten Glauben treu blieben, so sollte ihre Hochherzigkeit bald und reich belohnt werden. Anstatt einer Indulgenz, welche keine gesetzliche Gültigkeit hätte, sollten sie eine wirkliche, durch eine Parlamentsacte gesicherte Indulgenz haben. Ja, viele Mitglieder der Staatskirche, die sich bisher durch ihr starres Festhalten an jeder in der Liturgie vorgeschriebenen Geberde und Formel ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt nicht nur zur Duldung, sondern sogar zur Gleichstellung geneigt. Der Streit um Chorröcke und Stellungen, sagten sie, habe nur zu lange Christen von einander getrennt, welche doch in den wesentlichen Glaubenspunkten übereinstimmten. Wenn der Kampf auf Tod und Leben gegen den gemeinsamen Feind vorüber wäre, dann würde man sehen, daß die anglikanische Geistlichkeit zu jedem billigen Zugeständnisse bereit sei. Wenn die Dissenters nur nicht unbescheiden wären, so würden ihnen nicht blos bürgerliche, sondern auch geistliche Ämter offen stehen, und Baxter und Howe würden ohne einen Flecken an ihrer Ehre oder ihrem Gewissen auf der Bank der Bischöfe sitzen können.
[34.] Verordnungen des Schatzamts. Siehe besonders die Instructionen vom 8. März 1687/88; Burnet, I. 715; Reflections on His Majesty’s Proclamation for a Toleration in Scotland; Letters containing some Reflections on His Majesty’s Declaration for Liberty of Conscience; Apology for the Church of England with relation to the spirit of Persecution for which she is accused, 1687/88. Doch es ist mir unmöglich, alle Flugschriften anzuführen, aus denen ich mein Urtheil über den damaligen Stand der Parteien geschöpft habe.
[35.] Letter to a Dissenter.
[36.] Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 132, 134.
[37.] London Gazette, April 21. 1687; Animadversions on a late paper entituled a Letter to a Dissenter, by H. C. (Henry Care), 1687.
„Brief an einen Dissenter.“ [Von] den zahlreichen damaligen Flugschriften, in denen die Sache des Hofes und die Sache der Kirche vor dem Puritaner, der jetzt durch eine sonderbare Wendung des Geschicks das Loos seiner Verfolger entscheiden sollte, eifrig und ängstlich entwickelt wurde, ist jetzt nur noch eine in der Erinnerung, betitelt: Letter to a Dissenter. In dieser meisterhaften kleinen Schrift waren alle Argumente, die einen Nonconformisten überzeugen konnten, daß es seine Pflicht und sein Interesse sei, ein Bündniß mit der Staatskirche einem Bündnisse mit dem Hofe vorzuziehen, auf einem engen Raume in der übersichtlichsten Ordnung zusammengestellt, mit geistreichem Witze erörtert und mit einer zwar lebhaften, aber selbst in den Momenten der leidenschaftlichsten Heftigkeit die Grenzen des Anstandes und der seinen Bildung nie überschreitenden Beredtsamkeit zur Geltung gebracht. Die Schrift machte einen ungeheuren Eindruck, denn da sie nur einen Bogen stark war, wurden über zwanzigtausend Exemplare durch die Post versandt und die Wirkung zeigte sich in jedem Winkel des Reichs. Es erschienen vierundzwanzig Antworten darauf, aber die ganze Stadt erklärte sie für schlecht und die von Lestrange für die schlechteste von allen vierundzwanzig.[38] Die Regierung war sehr ärgerlich und sparte keine Mühe, um den Verfasser des Briefs ausfindig zu machen; aber es war nicht möglich, rechtskräftige Beweise gegen ihn aufzubringen. Einige meinten die Denk- und Sprachweise Temple’s zu erkennen.[39] In Wirklichkeit aber gehörte dieser umfassende und scharfe Verstand, diese lebhafte Phantasie, dieser elegante und kräftige Styl, diese ruhige und edle, halb hofmännische, halb philosophische Würde, welche die heftigste Aufregung des Kampfes nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen konnte, keinem Andren als Halifax an.
[38.] Lestrange’s Answer to a Letter to a Dissenter; Care’s Animadversions on a Letter to a Dissenter; Dialogue between Harry and Roger, nämlich Harry Care und Roger Lestrange.
[39.] Der Brief war mit T. W. unterzeichnet. Care sagt in seinen Animadversions: „Dieser Herr Politiker T. W. oder W. T., denn einige Kritiker halten dies für die richtigere Lesart.“
Benehmen der Dissenters. [Die] Dissenters schwankten und man darf ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren. Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten, Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben. Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen zugleich einlud.
Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus, ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs ausübten.[40] So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden waren?
[40.] Ellis’ Correspondenz, 15. März u. 27. Juli 1686; Barillon, 28. Febr. (10. März), 3.(13.) März, 6.(16.) März 1687; Ronquillo, 9.(19.) März 1687 in der Mackintosh-Sammlung.
Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell. [Als] die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in einer Schrift unter dem Titel Packet of Advice from Rome (Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte, schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und verleumdet hatte.[41] Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war, wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem Hofe.[42] Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte, daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste gewonnen.[43]
[41.] Wood’s Athenae Oxonienses; Observator; Heraclitus Ridens an mehreren Stellen. Doch Care’s eigene Schriften sind das beste Material zur Würdigung seines Characters.
[42.] Calamy’s Account of the Ministers ejected or silenced after the Restoration, Northamptonshire; Wood’s Athenae Oxonienses; Biographia Britannica.
[43.] Collection of State Trials; Samuel Rosewell’s Life of Thomas Rosewell, 1718; Calamy’s Account.
Lobb. [Das] Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren, und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.[44]
[44.] London Gazette, March 15. 1685/6; Nichols’s Defence of the Church of England; Pierce’s Vindication of the Dissenters.
Penn. [Mit] Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte, hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.
Durch den Einfluß dieser und anderer weniger hervorragender Männer wurden mehrere Dissentergemeinden bewogen, Dankadressen an den König zu richten. Toryistische Schriftsteller haben mit Recht bemerkt, daß die Sprache dieser Adressen so widerlich servil war wie nur in irgend einer der überschwenglichsten Lobreden, welche den Stuarts von Bischöfen gespendet worden sind. Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus, daß die Schmach nur einem sehr kleinen Theile der puritanischen Partei zur Last fällt. Es gab kaum einen Marktflecken in England, der nicht wenigstens ein kleines Häuflein Separatisten gehabt hätte, und man sparte keine Mühe, um sie zu einer Äußerung ihrer Dankbarkeit für die Indulgenz zu bewegen. Rundschreiben, welche sie zur Unterzeichnung aufforderten, wurden nach allen Gegenden des Landes in solchen Massen geschickt, daß, wie man scherzweise sagte, die Postfelleisen den Pferden zu schwer waren. Indessen belief sich die Gesammtzahl der Adressen, die man von allen über ganz England zerstreuten Presbyterianern, Independenten und Baptisten erlangen konnte, noch nicht auf sechzig; auch ist kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß diese Adressen zahlreiche Unterschriften hatten.[45]
[45.] Die Adressen sind in der London Gazette zu finden.
Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter. [Die] große Masse der protestantischen Nonconformisten, welche fest an den bürgerlichen Freiheiten hing und den Versprechungen des Königs und der Jesuiten nicht traute, weigerte sich standhaft, für eine Begünstigung zu danken, hinter der man mit gutem Grund eine Schlinge argwöhnen durfte. Dies war die Stimmung aller angesehensten Oberhäupter der Partei. Zu ihnen gehörte Baxter. Er war, wie wir gesehen haben, bald nach Jakob’s Thronbesteigung in Untersuchung gezogen, von Jeffreys gröblich insultirt und von einer Jury, wie die höfischen Sheriffs der damaligen Zeit sie zu wählen pflegten, für schuldig erklärt worden. Baxter befand sich seit ungefähr anderthalb Jahren im Gefängniß, als der Hof ernstlich darauf zu denken begann, die Nonconformisten zu gewinnen. Er wurde nicht allein in Freiheit gesetzt, sondern auch bedeutet, daß er, wenn er sonst wollte, seinen Aufenthalt in London nehmen könnte, ohne die Anwendung der Fünfmeilenacte gegen sich zu fürchten. Die Regierung hoffte wahrscheinlich, daß die Erinnerung an vergangene Leiden und das Gefühl der gegenwärtigen Erlösung auf ihn die nämliche Wirkung äußern werde, wie auf Rosewell und Lobb. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als irrig. Baxter war weder zu bestechen, noch zu täuschen; er weigerte sich, irgend eine Dankadresse für die Indulgenz zu unterzeichnen und verwendete seinen ganzen Einfluß zur Herbeiführung eines guten Vernehmens zwischen der Staatskirche und den Presbyterianern.[46]
[46.] Calamy’s Life of Baxter.
Howe. [Wenn] es irgend einen Mann gab, der in der Achtung der protestantischen Dissenters noch höher stand als Baxter, so war dies Johann Howe. Howe hatte, wie Baxter, durch den neuerlichen Umschwung der Politik persönlich gewonnen. Die nämliche Tyrannei, welche Baxter ins Gefängniß warf, hatte ihn in die Verbannung getrieben und bald nach Baxter’s Entlassung aus dem Gefängnisse der Kings Bench kehrte Howe von Utrecht nach England zurück. Man erwartete in Whitehall, daß Howe den ganzen Einfluß, den er auf seine Glaubensgenossen ausübte, zu Gunsten des Hofes verwenden werde. Der König selbst ließ sich herab, den Unterthan, den er unterdrückt hatte, um seinen Beistand zu bitten. Howe scheint geschwankt zu haben; der Einfuß Hampden’s aber, mit dem er intim befreundet war, vermochte ihn, der Sache der Verfassung treu zu bleiben. Eine Versammlung presbyterianischer Geistlichen wurde in seinem Hause gehalten, um über die Lage der Dinge zu berathen und über den einzuschlagenden Weg einen Beschluß zu fassen. Im Palaste erwartete man mit ängstlicher Spannung das Ergebniß. Zwei königliche Abgesandte wohnten der Verhandlung bei, und sie kamen mit der unwillkommnen Nachricht zurück, daß Howe sich entschieden gegen das Dispensationsrecht erklärt und nach langer Debatte die Majorität der Versammlung für sich gewonnen habe.[47]
[47.] Calamy’s Life of Howe. Den Antheil, den die Familie Hampden an dieser Angelegenheit gehabt, habe ich aus einem Briefe von Johnstone an Waristoun vom 13. Juni 1688 erfahren.
Bunyan. [Neben] Baxter und Howe muß noch ein andrer Mann genannt werden, der nach seiner Stellung und Gelehrsamkeit tief unter ihnen, an Tugend aber ihnen gleich, und an Genie hoch über ihnen stand, Johann Bunyan. Bunyan war ursprünglich Kesselflicker gewesen und hatte als gemeiner Soldat in der Parlamentsarmee gedient. Schon in seinen früheren Jahren hatten ihn furchtbare Gewissensbisse wegen seiner Jugendsünden gequält, von denen jedoch die schlimmsten solche gewesen zu sein scheinen, welche die Welt für verzeihlich hält. Seine große Reizbarkeit und seine glühende Phantasie machten seine inneren Kämpfe ganz besonders qualvoll. Er bildete sich ein, daß ein Verdammungsurtheil über ihn verhängt sei, daß er den heiligen Geist gelästert, daß er Christum verkauft habe und daß er thatsächlich von einem bösen Geiste besessen sei. Bald vernahm er laute Warnungsstimmen vom Himmel, bald versuchte ihn der Teufel durch gottlose Einflüsterungen. Er hatte Visionen von entfernten Berggipfeln, welche die Sonne glänzend beleuchtete, von denen er aber durch eine Schneewüste getrennt war. Er fühlte wie der Teufel ihn an den Kleidern zupfte; er glaubte, das Kainszeichen sei ihm aufgedrückt; er fürchtete daß er zerbersten werde, wie Judas. Diese Seelenkämpfe zerrütteten seine Gesundheit. Den einen Tag zitterte er wie ein vom Schlage Getroffener; ein andermal brannte es ihn wie Feuer in der Brust. Es ist kaum zu begreifen, daß er so entsetzlichen und andauernden Qualen nicht unterlag. Endlich zertheilten sich die Wolken. Aus dem Abgrunde der Verzweiflung erhob sich der Büßende in einen Zustand heiterer Glückseligkeit. Ein unwiderstehlicher Drang trieb ihn an, auch Andere des Segens theilhaftig werden zu lassen, dessen er selbst genoß.[48] Er schloß sich den Baptisten an und wurde Prediger und Schriftsteller. Seine Erziehung war die eines Handwerkers gewesen und er verstand keine andre Sprache als die englische, wie sie von dem niederen Volke gesprochen wird. Er hatte kein großes Musterwerk studirt, mit der einzigen, allerdings sehr bedeutenden Ausnahme unsrer herrlichen Bibelübersetzung. Seine Orthographie war schlecht; er machte häufige Verstöße gegen die Regeln der Grammatik. Doch sein angebornes Genie und seine durch eigene Erfahrung erworbene Kenntniß aller religiösen Gefühle, von der Verzweiflung bis zur Verzückung, ersetzten in ihm reichlich den Mangel an Gelehrsamkeit. Seine natürliche Beredtsamkeit erhob und rührte Zuhörer, welche bei den fleißig ausgearbeiteten Vorträgen großer Dialektiker und Hebraisten kalt blieben. Seine Werke waren unter den niederen Klassen weit verbreitet. Eines davon, des Pilgers Reise, wurde schon zu seinen Lebzeiten in mehrere fremde Sprachen übersetzt. Den Gelehrten und höher Gebildeten war es jedoch kaum bekannt, und die frommen Hüttenbewohner und Handwerker hatten sich bereits seit einem Jahrhundert daran erfreut, als es endlich von einem in der Literatur sehr hochstehenden Manne öffentlich empfohlen wurde. Die Kritik ließ sich nun herab, das Geheimniß einer so ausgedehnten und dauernden Popularität zu erforschen. Sie mußte gestehen, daß die unwissende Menge richtiger geurtheilt hatte als die Gelehrten und daß das verachtete Büchlein wirklich ein Meisterwerk war. Bunyan ist in der That ebenso gewiß der erste Allegoriker, wie Demosthenes der erste Redner und Shakespeare der erste Dramatiker ist. Zwar haben andere Allegoriker eine gleiche Erfindungsgabe gezeigt; aber kein andrer ist je im Stande gewesen, das Herz zu rühren und abstracte Begriffe zu Gegenständen des Entsetzens, des Mitleids und der Liebe zu machen.[49]
Es dürfte zu bezweifeln sein, ob irgend ein englischer Dissenter die Last der Strafgesetze schwerer empfunden hat als Johann Bunyan. Von den siebenundzwanzig Jahren, welche seit der Restauration verstrichen waren, hatte er zwölf im Gefängniß zugebracht. Dennoch fuhr er fort zu predigen, aber um dies zu können, mußte er sich als Fuhrmann verkleiden. Oft wurde er, im Fuhrmannskittel und mit der Peitsche in der Hand, durch eine Hinterthür in die Versammlung eingeführt. Hätte er nur an seine eigene Ruhe und Sicherheit gedacht, so würde er die Indulgenzerklärung freudig begrüßt haben. Jetzt durfte er endlich am hellen Tage predigen und ermahnen. Seine Gemeinde wuchs mit reißender Schnelligkeit. Tausende hingen an seinen Lippen und in Bedford, wo er sich größtentheils aufhielt, gingen reiche Beisteuern zum Bau eines Bethauses für ihn ein. Er stand in so hohem Ansehen bei dem gemeinen Volke, daß die Regierung ihm gern ein städtisches Amt übertragen hätte; aber sein scharfer Verstand und sein treues englisches Herz widerstanden siegreich allen Versuchungen und Täuschungen. Er war fest überzeugt, daß die angebotene Duldung nur ein Köder sei, um die puritanische Partei damit ins Verderben zu locken; auch wollte er nicht durch Annahme einer Stelle, zu der er nicht gesetzlich qualificirt war, die Gültigkeit der Dispensationsgewalt anerkennen. Eine der letzten edlen Handlungen seines tugendreichen Lebens war die Ablehnung einer Unterredung, zu der er durch einen Agenten der Regierung eingeladen wurde.[50]
[48.] Bunyan’s Grace Abounding.
[49.] Young stellt Bunyan’s Prosa auf gleiche Stufe mit Durfey’s Poesie. Die fashionablen Leute im Spiritual Quixote stellen den Pilgrim’s Progress mit Jack the Giantkiller zusammen. Spät im achtzehnten Jahrhundert wagte Cowper nur eine Anspielung auf den großen Allegoriker:
Nicht nennen will ich dich, damit Dein Name
Statt wohlverdienten Ruhm nicht Hohn Dir bringe.
[50.] Fortsetzung von Bunyan’s Biographie im Anhang zu seiner „Überströmenden Gnade.“
Kiffin. [So] groß Bunyan’s Ansehen bei den Baptisten war, Wilhelm Kiffin’s Ansehen war noch größer. Kiffin war in Bezug auf Rang und Reichthum der Erste unter ihnen. Er pflegte seine geistlichen Talente bei ihren Versammlungen auszuüben, erwarb sich aber nicht durch Predigen seinen Unterhalt. Er machte große Handelsgeschäfte, stand an der Börse in hohem Ansehen und hatte sich ein bedeutendes Vermögen gesammelt. Niemand hätte vielleicht unter den dermaligen Verhältnissen dem Hofe werthvollere Dienste leisten können als er. Aber zwischen ihm und dem Hofe stand die Erinnerung an ein entsetzliches Ereigniß. Er war der Großvater der Gebrüder Hewling, der beiden muthigen Jünglinge, welche von allen Opfern der blutigen Assisen vielleicht am allgemeinsten bedauert worden waren. Für das traurige Loos des einen von ihnen war Jakob ganz besonders verantwortlich. Jeffreys hatte dem jüngeren Bruder einen Aufschub bewilligt. Churchill hatte der Schwester der beiden jungen Männer eine Audienz beim Könige verschafft, und sie hatte um Gnade gefleht; aber des Königs Herz war unerbittlich gewesen. Es war für die ganze Familie ein harter Schlag; am meisten aber war Kiffin zu bedauern. Er war siebzig Jahr alt, als er vereinsamt dastand. Diejenigen überlebend, die ihn hatten überleben sollen. Die herzlosen und feilen Schmarotzer von Whitehall glaubten, indem sie nach sich selbst urtheilten, der alte Mann werde durch einen Aldermansmantel und durch eine Geldentschädigung für das verwirkte Vermögen seiner Enkel leicht wieder zu gewinnen sein. Penn wurde zu dem Verführungswerke ausersehen; aber seine Bemühungen waren vergebens. Der König beschloß hierauf, die Wirkung seiner persönlichen Artigkeit zu versuchen. Kiffin wurde in den Palast beschieden. Er fand einen glänzenden Kreis von Kavalieren und Gentlemen versammelt. Jakob kam ihm sogleich entgegen, redete ihn sehr freundlich an und schloß mit den Worten: „Ich habe Sie zu einem der Aldermen von London bestimmt, Herr Kiffin.“ Der alte Mann sah den König fest an, brach in Thränen aus und antwortete: „Sire, ich bin abgenutzt, ich bin nicht mehr fähig, Eurer Majestät oder der Hauptstadt zu dienen. Und überdies, Sire, hat der Tod meiner armen Jungen mir das Herz gebrochen. Diese Wunde ist noch heute so frisch wie jemals, und ich werde sie mit ins Grab nehmen.“ Der König schwieg einige Augenblicke sichtlich bewegt und sagte dann: „Ich werde einen Balsam für diese Wunde finden, Herr Kiffin.“ Es war gewiß nicht Jakob’s Absicht, etwas Kränkendes oder Übermüthiges zu sagen, im Gegentheil, er scheint sich in einer ungewöhnlich weichen Stimmung befunden zu haben. Dennoch wirft keine Äußerung die uns von ihm berichtet wird, ein so nachtheiliges Licht auf seinen Character als diese wenigen Worte. Es sind die Worte eines hartherzigen, niedrig denkenden Mannes, der sich keine Verwundung des Gefühls denken kann, welche durch eine Stelle oder durch eine Pension nicht vollkommen zu heilen wäre.[51]
Der Theil der Dissenters, der sich der neuen Politik des Königs günstig zeigte, war von Anfang an klein gewesen und begann bald noch mehr zusammenzuschmelzen. Denn die Nonconformisten erkannten in nicht langer Zeit, daß ihre geistlichen Privilegien durch die Indulgenz eher geschmälert als erweitert worden waren. Der characteristische Zug des Puritaners war Abscheu gegen die Eigenthümlichkeiten der römischen Kirche. Er hatte sich nur deshalb von der anglikanischen Kirche losgetrennt, weil er meinte, daß sie ihrer hochmüthigen und üppigen Schwester, der Zauberin mit dem goldenen Becher und dem Purpurgewande, zu ähnlich sähe. Jetzt fand er, daß eine von den stillschweigenden Bedingungen des Bündnisses, welches einige seiner Seelenhirten mit dem Hofe geschlossen hatten, die war, daß die Religion des Hofes mit Achtung und Schonung behandelt werden sollte. Er begann bald sich nach den Tagen der Verfolgung zurückzusehnen. So lange die Strafgesetze noch angewendet wurden, hatte er die Worte des Lebens zwar im Geheimen und mit persönlicher Gefahr angehört, aber er hatte sie doch gehört. Wenn die Brüder in ihrer Stube versammelt waren, wenn die Schildwachen ausgestellt und die Thüren verschlossen waren, wenn der Prediger in der Kleidung eines Metzgers oder Fuhrmanns über das Dach hereingekommen war, dann wurde wenigstens ein wirklicher Gottesdienst gehalten. Kein Theil der göttlichen Wahrheit ward aus weltlichen Rücksichten unterdrückt oder verstümmelt, alle unterscheidenden Lehren der puritanischen Theologie wurden vollständig und sogar in ihrer ungeschminktesten Form dargestellt. Der römischen Kirche ward kein Pardon gegeben. Das Thier, der Antichrist, der Mensch der Sünde, die mystische Isabel, das mystische Babylon waren die Ausdrücke, mit denen man jenen hehren und bezaubernden Aberglauben zu bezeichnen pflegte. Dies war einst die Sprache Alsop’s, Lobb’s, Rosewell’s und anderer Geistlichen gewesen, welche kürzlich im Palast wohl aufgenommen worden waren; aber so sprachen sie jetzt nicht mehr. Geistliche, die nach einer hohen Stufe in der Gunst und dem Vertrauen des Königs strebten, durften es nicht wagen, in harten Worten von der Religion des Königs zu sprechen. Die Gemeinden beklagten sich daher laut, daß sie seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung, welche ihnen dem Wortlaute nach doch völlige Gewissensfreiheit gewähren wollte, das Evangelium nie mehr kühn und rein hätten verkünden hören. Früher hatten sie ihre geistliche Nahrung verstohlen erhaschen müssen, aber wenn sie sie erhascht hatten, so fanden sie sie wenigstens ganz nach ihrem Geschmacke zubereitet. Jetzt konnten sie sie öffentlich und in aller Bequemlichkeit zu sich nehmen, aber sie hatte ihren ganzen Wohlgeschmack verloren. Sie versammelten sich bei Tage und in geräumigen Lokalen; aber sie hörten Predigten, die ihnen bei weitem nicht so gefielen, als die, welche der Rector ihnen gehalten haben würde. In der Pfarrkirche wurde der selbstgeschaffene Gottesdienst und die Abgötterei Roms jeden Sonntag energisch angegriffen; im Versammlungshause aber hütete sich der Pastor, der noch vor wenigen Monaten die Geistlichen der Landeskirche für nicht viel besser als die Papisten erklärt hatte, jetzt sorgfältig, den Papismus zu tadeln, oder kleidete seinen Tadel wenigstens in ein so mildes Gewand, daß er selbst das Ohr eines Pater Petre nicht beleidigt haben würde. Auch war es nicht möglich, für diesen Wechsel einen stichhaltigen Grund aufzufinden. Die römisch-katholischen Lehren hatten sich nicht verändert; seit Menschengedenken waren die katholischen Priester noch nie so eifrig im Proselytenmachen gewesen; noch nie waren so viele katholische Schriften aus der Presse hervorgegangen; noch nie hatten Alle, die sich um die Religion kümmerten, den Streit zwischen Katholiken und Protestanten mit so gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Was konnte man also von der Aufrichtigkeit von Theologen halten, welche nicht müde geworden waren, den Papismus zu schmähen, so lange derselbe vergleichsweise harmlos und wehrlos war, und die jetzt, wo eine Zeit wirklicher Gefahr für den reformirten Glauben gekommen, sorgfaltig jedes Wort vermieden, das einem Jesuiten Anstoß geben konnte? Ihr Benehmen war in der That nicht schwer zu erklären. Es war bekannt, daß einige von ihnen Begnadigungen erlangt, es wurde vermuthet, daß andere Geld bekommen hatten. Ihr Vorbild war der schwache Apostel, der aus Angst den Herrn verleugnete, dem er prahlerisch die unverbrüchlichste Treue gelobt hatte, oder der noch schlechtere Apostel, der seinen Herrn um eine Handvoll Silberlinge verkaufte.[52]
So verloren die vom Hofe gewonnenen Dissentergeistlichen rasch den Einfluß, den sie einst auf ihre Glaubensbrüder besessen hatten. Auf der andren Seite fühlten sich die Sektirer durch eine starke religiöse Sympathie zu den anglikanischen Prälaten und Priestern hingezogen, welche trotz königlicher Befehle, Drohungen und Versprechungen einen heftigen Krieg gegen die römische Kirche unterhielten. Die so lange durch tödtliche Feindschaft getrennt gewesenen Anglikaner und Puritaner, näherten sich einander mit jedem Tage mehr und mehr und jeder Schritt zur Einigung vermehrte den Einfluß des Mannes, der ihr gemeinsames Oberhaupt war. Wilhelm eignete sich in jeder Beziehung zum Vermittler zwischen diesen beiden großen Parteien der englischen Nation. Man konnte nicht sagen, daß er einer von beiden angehöre; aber keine von beiden konnte sich bei ruhiger Überlegung weigern, ihn als einen Freund zu betrachten. Sein theologisches System stimmte mit dem der Puritaner überein. Zu gleicher Zeit betrachtete er das Episcopat wenn auch nicht als eine göttliche Einrichtung, doch als eine vollkommen rechtmäßige und höchst nützliche Form des Kirchenregiments. Fragen über Stellungen, Gewänder, Festtage und Liturgien waren in seinen Augen keine Lebensfragen. Ein einfacher Gottesdienst wie der, an den er von jeher gewöhnt war, würde seinem persönlichen Geschmacke am meisten zugesagt haben, aber er war dabei gern bereit, sich jedem Ritual zu fügen, das der Nation angenehm war, und bestand nur darauf, daß man ihm nicht zumuthete, diejenigen seiner protestantischen Brüder zu verfolgen, denen ihr Gewissen es nicht zuließ, seinem Beispiele zu folgen. Zwei Jahre früher würde er von zahlreichen Bigotten auf beiden Seiten für einen bloßen Laodicäer erklärt, worden sein, der weder kalt noch warm war und zu nichts taugte als ausgestoßen zu werden. Aber der Eifer, der Anglikaner gegen Dissenters und Dissenters gegen Anglikaner entflammt hatte, war durch gemeinsame Widerwärtigkeiten und Gefahren so gedämpft worden, daß die Lauheit, die man ihm früher als Verbrechen angerechnet, jetzt als eine seiner Haupttugenden betrachtet wurde.
[51.] Kiffin’s Memoirs; Luson’s Brief an Brooke vom 11. Mai 1773 in der Hughes-Correspondenz.
[52.] Man sehe unter anderen zeitgenössischen Flugschriften eine mit dem Titel: A Representation of the threatening Dangers impending over Protestants.
Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die Indulgenzerklärung. [Jedermann] war gespannt auf seine Ansicht über die Indulgenzerklärung. Eine Zeit lang nährte man in Whitehall die Hoffnung, daß seine bekannte Achtung vor den Rechten des Gewissens ihn wenigstens abhalten werde, öffentlich seine Mißbilligung einer Politik auszusprechen, die einen unleugbaren Anstrich von Freisinnigkeit hatte. Penn schickte zahlreiche Auseinandersetzungen nach dem Haag und begab sich sogar persönlich dahin, in der Hoffnung daß seine Beredtsamkeit, von der er eine hohe Meinung hatte, sich als unwiderstehlich erweisen werde. Aber obgleich er sein Lieblingsthema mit einer Redseligkeit entwickelte, die seine Zuhörer ermüdete und obgleich er sie versicherte, daß ein Mann, der mit den Engeln verkehre, ihm das Herannahen eines goldenen Zeitalters der Religionsfreiheit geoffenbart habe, so machte er doch keinen Eindruck auf den Prinzen.[53] „Ihr verlangt von mir,“ sagte er zu einem der Agenten des Königs, „daß ich einen Angriff auf meine eigne Religion unterstützen soll. Das kann ich mit gutem Gewissen nicht thun, und ich werde es nicht thun, nein, nicht um die Krone Englands, nicht um die Herrschaft der Welt!“ Diese Worte wurden dem Könige mitgetheilt und sie beunruhigten ihn nicht wenig.[54] Er schrieb mit eigner Hand eindringliche Briefe. Zuweilen nahm er den Ton des Beleidigten an. Er sei das Oberhaupt der königlichen Familie, als solches sei er berechtigt, von den jüngeren Mitgliedern Gehorsam zu erwarten, und es sei sehr hart, daß er in einer Angelegenheit, die ihm über Alles am Herzen liege, auf Widerstand stoße. Andere Male wurde ihm ein Köder vorgehalten, den man für unwiderstehlich hielt. Wenn Wilhelm nur in diesem einen Punkte nachgäbe, so würde die englische Regierung ihm dafür kräftigen Beistand gegen Frankreich leisten. Er ließ sich aber nicht bethören. Er wußte, daß Jakob selbst beim besten Willen ohne die Unterstützung eines Parlaments nicht im Stande sein würde, der gemeinschaftlichen Sache Europa’s einen wirksamen Dienst zu leisten, und es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß wenn ein Parlament zusammenkam, die erste Forderung beider Häuser die Cassirung der Indulgenzerklärung sein würde.
Die Prinzessin stimmte allen Meinungsäußerungen ihres Gemahls bei, und ihre gemeinschaftliche Ansicht wurde dem Könige in entschiedenen aber gemäßigten Ausdrücken mitgetheilt. Sie erklärten, daß sie das von Seiner Majestät eingeschlagene Verfahren lebhaft bedauerten. Sie seien überzeugt, daß er sich ein Hoheitsrecht angemaßt habe, das ihm gesetzlich nicht zustehe. Gegen diese Anmaßung protestirten sie, nicht nur als Freunde der bürgerlichen Freiheit, sondern auch als Mitglieder des königlichen Hauses, als welche sie ein hohes Interesse an der Erhaltung der Rechte dieser Krone hätten, die sie einst tragen könnten. Denn die Erfahrung habe gelehrt, daß Willkürherrschaft in England unfehlbar eine Reaction nach sich ziehe, die noch verderblicher sei als jene selbst, und man müsse mit Grund befürchten, daß die durch die Aussicht auf Despotismus beunruhigte und entrüstete Nation selbst gegen die constitutionelle Monarchie einen Widerwillen fassen würde. Sie gäben daher dem Könige den Rath, daß er in allen Dingen streng nach dem Gesetze regieren möge. Sie geständen sehr gern zu, daß das Gesetz mit Nutzen durch die competente Autorität abgeändert werden könne und daß ein Theil seiner Erklärung es wohl verdiene, einer Parlamentsacte einverleibt zu werden. Sie seien keine Verfolger, sie würden mit Vergnügen römische Katholiken so gut als protestantische Dissenters in geeigneter Weise von allen Strafgesetzen befreit, und ebenso gern protestantische Dissenters in zweckmäßiger Weise zu bürgerlichen Ämtern zugelassen sehen. Weiter aber könnten Ihre Hoheiten nicht gehen. Sie könnten sich der ernsten Besorgniß nicht enthalten, daß die Zulassung römischer Katholiken zu Staatsämtern große Nachtheile hervorrufen würden, und es war nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß der Grund zu dieser Besorgniß namentlich in Jakob’s Handlungsweise liege.[55]
[53.] Burnet I. 693, 694.
[54.] „Le Prince d’Orange, qui avoit éludé jusqu’alors de faire une réponse positive dit ... qu’il ne consentira jamaia à la suppression de ces lois qui avoient été établies pour le maintien et la sureté de la religion Protestante, et que sa conscience ne lui permettoit point, non seulement pour la succession du royaume d’Angleterre, mais même pour l’empire du monde; en sorte que le roi d’Angleterre est plus aigri contre lui qu’il n’a jamais été.“ — Bonrepaux, 11.(21.) Juni 1687.
[55.] Burnet, I. 710; Bonrepaux, 24. Mai (4. Juni) 1687.
Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen Katholiken. [Die] ausgesprochene Ansicht des Prinzen und der Prinzessin über die Ausschließungen, denen die römischen Katholiken unterworfen waren, theilten fast alle Staatsmänner und Philosophen, welche damals der politischen und religiösen Freiheit eifrig das Wort redeten. In unsrer Zeit dagegen haben erleuchtete Männer oft mit Bedauern sich dahin geäußert, daß Wilhelm in diesem einen Punkte gegen seinen Schwiegervater im Nachtheil stehe. Das Wahre ist, daß einige Erwägungen, welche nothwendig sind, wenn man sich ein richtiges Urtheil bilden will, von vielen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts nicht berücksichtigt worden zu sein scheinen.
Es sind zwei einander entgegengesetzte Irrthümer, in welche Diejenigen, die sich mit dem Studium unsrer vaterländischen Geschichte beschäftigen, in steter Gefahr sind zu verfallen: der Irrthum, daß sie die Gegenwart nach der Vergangenheit, und der Irrthum, daß sie die Vergangenheit nach der Gegenwart beurtheilen. Dem ersteren sind Diejenigen unterworfen, welche geneigt sind alles Alte zu verehren, dem zweiten Diejenigen, welche von allem Neuen angezogen werden. Auf den ersteren stößt man beständig in den Raisonnements conservativer Politiker über die Fragen ihrer Zeit, der zweite findet sich immer in den Betrachtungen von Schriftstellern der liberalen Richtung, wenn sie die Ereignisse einer früheren Zeit besprechen. Der erstere ist bei einem Staatsmanne, der andre bei einem Geschichtsschreiber verderblicher.
Es ist für Niemanden, der es in Unsrer Zeit unternimmt, über die Revolution zu schreiben, welche die Stuarts stürzte, so leicht, die rechte Mittelstraße zwischen diesen beiden Extremen stetig einzuhalten. Die Frage, ob es gerathen sei, Mitglieder der katholischen Kirche zum Parlament und zu Staatsämtern zuzulassen, erschütterte unser Vaterland während der Regierung Jakob’s II., durch seinen Sturz wurde sie in den Hintergrund zurückgedrängt, und nachdem sie über ein Jahrhundert lang geruht hatte, kam sie in Folge der großen Aufregung der Gemüther, welche dem Zusammentritt der französischen Nationalversammlung folgte, wieder zur Sprache. Dreißig Jahre währte der Streit in beiden Häusern des Parlaments, in jedem Wahlkörper, in jedem Kreise der Gesellschaft. Er stürzte Ministerien, zerriß Parteien, machte in einem Theile des Landes jede Regierung unmöglich und brachte uns zuletzt an den Rand des Bürgerkrieges. Selbst nach Beendigung des Kampfes gohren die Leidenschaften, die er aufgeregt hatte, noch immer fort. Ein Mann, dessen Geist unter dem Einflusse dieser Leidenschaften stand, konnte fast unmöglich die Ereignisse der Jahre 1687 und 1688 in einem vollkommen richtigen Lichte erblicken.
Eine Klasse von Politikern, welche von dem richtigen Vordersatze ausging, daß die Revolution eine große Wohlthat für unser Land gewesen sei, gelangte zu dem irrigen Schlusse, daß keine Bürgschaft, die von den Staatsmännern der Revolution zum Schutze unsrer Religion und unsrer Freiheit für nöthig erachtet worden war, ohne Gefahr abgeschafft werden könnte. Eine andre Klasse, die von dem ebenfalls richtigen Vordersatze ausging, daß die über die Katholiken verhängten Ausschließungen lange Zeit nichts als Unheil verursacht hätten, kam zu dem falschen Schlusse, daß diese Ausschließungen zu keiner Zeit nützlich und nothwendig gewesen sein könnten. Der erste Trugschluß durchdrang die Reden des geistreichen und gelehrten Eldon, der andre blieb selbst auf einen so ruhigen und philosophischen Kopf wie Mackintosh nicht ganz ohne Einfluß.
Bei näherer Prüfung wird es sich jedoch vielleicht zeigen, daß wir das von allen großen englischen Staatsmännern des siebzehnten Jahrhunderts einstimmig gebilligte Verfahren rechtfertigen können, ohne die Weisheit des von allen großen englischen Staatsmännern unsrer Zeit eben so einstimmig gebilligten Verfahrens in Zweifel zu ziehen.
Es ist unbestreitbar ein Übel, wenn ein Bürger seiner religiösen Meinung halber vom Staatsdienste ausgeschlossen sein soll; aber der menschlichen Weisheit bleibt zuweilen nichts andres übrig als die Wahl zwischen zwei Übeln. Eine Nation kann in eine Lage kommen, in der die Mehrheit entweder Ausschließungen verhängen oder sich solche gefallen lassen muß und wo das was unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Recht als Verfolgung verdammt werden würde, noch innerhalb der Grenzen der Selbstvertheidigung liegt. In einer solchen Situation befand sich England im Jahre 1687.
Nach der Verfassung des Reichs hatte Jakob das Recht, fast alle öffentlichen Beamten, bei der Regierung, bei den Gerichten, in der Kirche, beim Militair und bei der Flotte zu ernennen. Bei der Ausübung dieses Rechts war er nicht, wie unsere gegenwärtigen Souveraine, genöthigt, in Übereinstimmung mit dem Rathe von Ministern, die das Haus der Gemeinen billigte, zu handeln. Es lag also auf der Hand, daß es, wenn er durch das Gesetz nicht streng verbunden war, nur Protestanten anzustellen, ihm frei stand, lauter Katholiken anzustellen. Die Anzahl der römischen Katholiken war unbedeutend, und es gab nicht einen einzigen Mann unter ihnen, dessen Dienste der Staat ernstlich vermißt haben würde. Das Verhältniß, in dem ihre Zahl zur Gesammtbevölkerung stand, war noch viel geringer als es gegenwärtig ist, denn gegenwärtig ergießt sich ein ununterbrochener Auswanderungsstrom von Irland in unsere großen Städte, während es im siebzehnten Jahrhunderte noch nicht einmal in London eine irische Colonie gab. Neunundvierzig Funfzigstel der Bewohner des Königreichs, neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens des Königreichs, fast alle politischen, juristischen und militairischen Talente und Kenntnisse, die das Land besaß, waren protestantisch. Trotzdem hatte der König in thörichter Verblendung sich vorgenommen, sein unbegrenztes Ernennungsrecht als Mittel zum Proselytenmachen zu benutzen. Seiner Kirche angehören war in seinen Augen der erste Befähigungstitel für ein Amt. Der Landeskirche angehören war entschieden ein Grund der Nichtbefähigung. Er verwarf zwar in einer Sprache, welche den Beifall einiger leichtgläubigen Freunde der Glaubensfreiheit fand, die monströse Ungerechtigkeit des Religionseides, der eine kleine Minderheit der Nation von öffentlichen Ämtern ausschloß; zu gleicher Zeit aber führte er einen andren Religionseid ein, der die Mehrheit ausschloß. Es schien ihm hart, daß ein guter Finanzmann und loyaler Unterthan lediglich deshalb weil er ein Papist war, von dem Posten eines Lordschatzmeisters ausgeschlossen sein sollte; aber er selbst hatte einen Lordschatzmeister, den er als einen tüchtigen Finanzmann und loyalen Unterthan anerkannt, bloß deshalb abgesetzt, weil er Protestant war. Er hatte wiederholt und bestimmt erklärt, er sei fest entschlossen, den weißen Stab niemals in die Hände eines Ketzers zu geben. Mit vielen anderen hohen Staatsämtern war er ebenso verfahren. Bereits waren der Lordpräsident, der Geheimsiegelbewahrer, der Oberkammerherr, der Garderobeaufseher, der erste Lord des Schatzes, ein Staatssekretär, der Lordobercommissar von Schottland, der Kanzler von Schottland und der Sekretär von Schottland Katholiken oder gaben sich wenigstens dafür aus. Die meisten von diesen Beamten waren von Haus aus Anglikaner und hatten sich des offenen oder geheimen Abfalls schuldig gemacht, um ihre hohen Stellen zu erlangen oder zu behalten. Jeder Protestant, der noch einen wichtigen Staatsposten bekleidete, bekleidete ihn in beständiger Ungewißheit und Angst. Wir würden nicht fertig werden, wollten wir die untergeordneteren Stellen anführen, welche von Mitgliedern der begünstigten Klasse besetzt waren. In jedem Zweige der Verwaltung wimmelte es schon von Katholiken. Sie waren Lordlieutenants, stellvertretende Lieutenants, Richter, Friedensrichter, Zollcommissare, Gesandte an fremden Höfen, Regimentsobersten und Festungscommandanten. Der Antheil, den sie binnen wenigen Monaten von den durch die Krone zu besetzenden weltlichen Ämtern erlangt hatten, war weit über zehnmal so groß, als er unter einem unparteiischen Systeme gewesen sein würde. Dies war indessen noch nicht das Schlimmste. Man hatte sie auch zu Beherrschern der anglikanischen Kirche gemacht. Männer, die den König versichert hatten, daß sie seines Glaubens seien, saßen in der Hohen Commission und übten die höchste geistliche Gerichtsbarkeit über alle Prälaten und Priester der Landeskirche aus. Kirchliche Pfründen von hohem Ansehen waren theils erklärten, theils verkappten Papisten verliehen worden. Und dies Alles war geschehen, während die Gesetze gegen den Papismus noch in Kraft waren und Jakob noch gegründete Ursache hatte, Achtung vor den Rechten des Gewissens zu heucheln. Was war also von ihm zu erwarten, wenn seine Unterthanen einwilligten, ihn durch ein Gesetz von jedem Schatten der Beschränkung vollends zu befreien? Kann man wohl daran zweifeln, daß Protestanten durch eine streng gesetzmäßige Anwendung der königlichen Prärogative eben so wirksam von Anstellungen ausgeschlossen worden wären, als jemals römische Katholiken durch eine Parlamentsacte ausgeschlossen worden sind?
Wie hartnäckig Jakob entschlossen war, den Mitgliedern seiner Kirche einen Antheil an den öffentlichen Ämtern zu gewähren, der zu ihrer Zahl und zu ihrer Bedeutung außer allem Verhältniß stand, geht aus den Instructionen hervor, die er im Exil und im hohen Alter als Leitfaden für seinen Sohn aufzeichnete. Es ist unmöglich, diese Ergüsse eines Mannes, an dem alle Lehren der Erfahrung und des Unglücks spurlos vorübergegangen waren, ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu lesen. Dem Prätendenten wird anempfohlen, wenn er einmal zur Regierung in England gelangen sollte, die Ämter zu theilen und den Mitgliedern der römischen Kirche einen Antheil zu reserviren, der groß genug für sie gewesen sein würde, wenn sie die Hälfte, anstatt ein Funfzigstel der Nation gebildet hätten. Ein Staatssekretär, ein Schatzcommissar, der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großwürdenträger des Hofstaates und die Mehrzahl der Offiziere der Armee müßten immer Katholiken sein. Dies waren Jakob’s Ansichten selbst dann noch, als seine thörichte Bigotterie ihm eine Strafe zugezogen hatte, über welche die ganze Welt erschrocken war. Kann man also wohl in Zweifel darüber sein, wie er gehandelt haben würde, wenn sein Volk, durch den leeren Namen der religiösen Freiheit geblendet, ihn ohne Zügel hätte fortregieren lassen?
Selbst Penn scheint trotz seiner blinden und maßlosen Begeisterung für die Indulgenzerklärung eingesehen zu haben, daß man sich nicht wundern durfte, wenn die Parteilichkeit, mit der römische Katholiken mit Ehrenstellen und Einkünften überschüttet wurden, die Eifersucht der Nation erregte. Er gab zu, daß die Protestanten im Fall der Aufhebung der Testacte Anspruch auf ein Äquivalent hätten, und ging sogar so weit, daß er verschiedene Äquivalente vorschlug. Schon seit mehreren Wochen war das Wort Äquivalent, damals erst kürzlich aus Frankreich eingeführt, im Munde aller Kaffeehausredner; endlich aber machten einige Seiten scharfsinniger Logik und feiner Sarkasmen aus Halifax’ Feder diesen hohlen Projecten ein Ende. Einer von Penn’s Plänen bestand darin, daß ein Gesetz erlassen werden sollte, welches die von der Krone zu verleihenden Ämter in drei gleiche Theile theilte, von denen nur einer den Mitgliedern der katholischen Kirche zufallen sollte. Selbst unter einem solchen System würden die Katholiken noch immer zwanzigmal den ihnen eigentlich zustehenden Antheil erhalten haben, und doch kann man nicht annehmen, daß der König selbst in eine solche Anordnung gewilligt haben würde. Hätte er aber auch darein gewilligt, welche Garantie konnte er bieten, daß er auch wirklich an diesem Übereinkommen festhielt? Man hatte keine Antwort auf das von Halifax aufgestellte Dilemma: wenn Gesetze für Euch bindend sind, so beobachtet das jetzt bestehende Gesetz; sind sie nicht bindend für Euch, so ist es auch nutzlos, uns ein Gesetz als Bürgschaft zu bieten.[56]
Es ist sonach klar, daß es sich gar nicht darum handelte, ob weltliche Ämter allen Religionsparteien ohne Unterschied offen stehen sollten. So lange Jakob König war, war Ausschließung unvermeidlich, und es fragte sich nur, wer ausgeschlossen werden sollte, ob Papisten oder Protestanten, die Wenigen oder die Vielen, hunderttausend Engländer oder fünf Millionen.
Dies sind die gewichtigen Gründe, durch welche das Verfahren des Prinzen von Oranien gegen die englischen Katholiken mit den Grundsätzen der Glaubensfreiheit in Einklang gebracht werden kann. Diese Gründe haben, wie man bemerken wird, mit keinem Theile der katholischen Theologie etwas zu thun. Ebenso wird man einsehen, daß sie ihr ganzes Gewicht verlieren mußten, als die Krone an ein protestantisches Herrscherhaus gekommen und die Macht des Unterhauses im Staate ein so entschiedenes Übergewicht erlangt hatte, daß kein Souverain, mochten seine Ansichten oder Neigungen sein, welche sie wollten, das Beispiel Jakob’s nachahmen konnte. Die Nation befand sich indessen nach ihren Schrecken, ihren Kämpfen und ihrer mit genauer Noth erlangten Rettung in einer mißtrauischen und rachsüchtigen Stimmung. Daher wurden Vertheidigungsmittel, welche die Nothwendigkeit gerechtfertigt hatte, die aber auch nur die Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, noch lange, nachdem die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden war, hartnäckig beibehalten, und erst aufgegeben, nachdem das herrschende Vorurtheil einen langjährigen Kampf gegen die Vernunft bestanden hatte. Zu den Zeiten Jakob’s aber standen Vernunft und herrschendes Vorurtheil auf der nämlichen Seite. Der Fanatiker und Ignorant wollte den Katholiken vom Staatsdienste ausschließen, weil er Klötze und Steine anbetete, weil er das Zeichen des Thieres an sich trug, weil er London angezündet und Sir Edmondsbury Godfrey erwürgt hatte, und der einsichtsvollste und toleranteste Staatsmann wurde, während er über den Irrwahn lächelte, in dem das gemeine Volk befangen war, auf einem ganz andren Wege zu dem nämlichen Schlusse geführt.
Wilhelm’s großer Plan war jetzt, die zahlreichen Theile des großen Körpers, der ihn als sein gemeinschaftliches Oberhaupt betrachtete, zu einem Ganzen zu vereinigen. Bei diesem Werke hatte er mehrere geschickte und zuverlässige Mitarbeiter, von denen zwei, Burnet und Dykvelt, ihm ganz besonders nützlich waren.
[56.] Johnstone, 13. Jan. 1688; Halifax’s Anatomy of an Equivalent.
Jakob’s Feindschaft gegen Burnet. [Burnet]’s Dienste mußten allerdings mit einiger Vorsicht angewendet werden. Die freundliche Aufnahme, die er im Haag gefunden, hatte Jakob heftig aufgebracht, und Marie erhielt von ihrem Vater zwei Briefe voll Invectiven gegen den frechen und wühlerischen Theologen, den sie beschützte. Diese Beschuldigungen aber machten einen so geringen Eindruck auf sie, daß sie Antworten darauf zurücksandte, welche Burnet selbst dictirt hatte. Im Januar 1687 endlich schritt der König zu energischeren Maßregeln. Skelton, der die englische Regierung bei den Vereinigten Provinzen vertreten hatte, wurde nach Paris versetzt und erhielt Albeville, das schwächste und gemeinste Mitglied der ganzen jesuitischen Cabale, zum Nachfolger. Geld war Albeville’s einziger Lebenszweck, und er nahm es von Jedem, der es ihm anbot. Er wurde zu gleicher Zeit von Frankreich und von Holland bezahlt. Er verschmähte sogar den erbärmlichen Anstand, den auch die Bestechlichkeit zu beobachten pflegt, und nahm so kleine Geschenke an, wie sie eher einem Lastträger oder einem Bedienten zukommen als einem Gesandten, der mit einer englischen Baronie und einem ausländischen Marquisate beehrt worden war. Einmal steckte er mit der größten Gemüthsruhe ein Trinkgeld von fünfzig Pistolen für einen Dienst ein, den er den Generalstaaten geleistet hatte. Dieser Mann war beauftragt, zu verlangen, daß Burnet im Haag nicht länger begünstigt werde. Wilhelm, der keine Lust hatte, sich von einem so werthvollen Freunde zu trennen, antwortete zuerst mit seiner gewohnten Kälte: „Ich wüßte nicht, Sir, daß der Doctor seit seinem Hiersein etwas gethan oder gesagt hätte, worüber Seine Majestät sich mit Grund beklagen könnte.“ Jakob aber bestand entschieden auf seiner Forderung, und da die geeignete Zeit zu einem offenen Bruche noch nicht gekommen war, so mußte Wilhelm nachgeben. Über anderthalb Jahr lang kam Burnet weder mit dem Prinzen, noch mit der Prinzessin in persönliche Berührung; aber er wohnte in ihrer Nähe, wurde von Allem, was vorging, genau unterrichtet, sein Rath ward beständig in Anspruch genommen, seine Feder bei jedem wichtigen Anlasse benutzt und viele der schärfsten und wirksamsten Aufsätze und Flugschriften, welche damals in London erschienen, wurden ihm mit Recht zugeschrieben.
Jakob’s Wuth entbrannte. Er war von jeher für zornige Leidenschaften nur zu empfänglich gewesen, aber noch keinen seiner Feinde, selbst die nicht, welche sich gegen sein Leben verschworen oder es versucht hatten, ihm durch Meineid die Schuld des Verraths und des Mordes aufzubürden, hatte er mit einer solchen Erbitterung gehaßt, als er jetzt Burnet haßte. Seine Majestät schimpfte täglich in höchst unköniglicher Sprache auf den Doctor und sann auf ungesetzliche Rache. Selbst Blut genügte diesem wüthenden Hasse nicht; der unverschämte Theolog mußte gefoltert werden, ehe er sterben durfte. Zum Glück war er ein Schotte von Geburt, und in Schottland konnten seine Beine erst in den spanischen Stiefeln zerquetscht werden, bevor er auf dem Grasmarkte gehängt wurde. Zu dem Ende wurde in Edinburg der Prozeß gegen ihn eingeleitet; aber er war in Holland naturalisirt, hatte eine vermögende Frau aus dieser Provinz geheirathet und es war gewiß, daß sein Adoptivvaterland ihn nicht ausliefern würde. Man beschloß daher, ihn wegfangen zu lassen. Mit großen Summen wurden einige Bösewichter für diesen gefährlichen und schändlichen Dienst gedungen; im Staatssekretariat wurde zu diesem Zwecke eine Anweisung auf dreitausend Pfund Sterling ausgestellt. Ludwig wurde von dem Plane unterrichtet und interessirte sich außerordentlich dafür; er sicherte seinen kräftigen Beistand zu, damit der Schurke nach England gebracht werde, und versprach, daß die Werkzeuge der Rache Jakob’s in Frankreich eine Freistätte finden sollten. Burnet kannte die ihm drohende Gefahr wohl, aber Furcht gehörte nicht zu seinen Fehlern. Er veröffentlichte eine beherzte Antwort auf die in Edinburg gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Er wisse, sagte er, daß man ihn ohne Prozeß hinzurichten gedenke, aber er vertraue auf den König aller Könige, zu dem unschuldiges Blut selbst gegen die mächtigsten Fürsten der Erde nicht vergebens schreien werde. Er gab einigen Freunden ein Abschiedsmahl, und nach demselben nahm er als ein Mann, der dem Tode verfallen sei und mit dem sie ohne Gefahr nicht mehr umgehen könnten, feierlich Abschied von ihnen. Dessenungeachtet zeigte er sich nach wie vor so furchtlos auf allen öffentlichen Plätzen im Haag, daß seine Freunde ihm wegen seiner Tollkühnheit bittere Vorwürfe machten.[57]
[57.] Burnet I. 726—731; Answer to the Criminal Letters issued out against Dr. Burnet; Avaux Neg., July 7.(17.), 14.(24.) July 28. (Aug. 7.) 1687, Jan. 19.(29.) 1688; Ludwig an Barillon, 30. Dec. 1687 (9. Jan. 1688); Johnstone an Waristoun, 21. Febr. 1688; Lady Russel an Dr. Fitzwilliam, 5. Oct. 1687. Da man vermuthet hat, daß Burnet, der seine persönliche Wichtigkeit nicht zu unterschätzen pflegte, die ihm drohende Gefahr übertrieben habe, so will ich hier die Worte Ludwig’s und Johnstone’s anführen: „Qui que ce soit“, sagt Ludwig, „qui entreprenne de l’enlever en Hollande trouvera non seulement une retraite assurée et une entière protection dans mes états, mais aussi toute l’assistance qu’il pourra désirer pour faire conduire surement ce scélérat en Angleterre.“ — „Mit Bamfield (Burnet) ist es ganz bestimmt so“, sagt Johnstone. „Niemand zweifelt hier daran, und Einige, die dabei betheiligt sind, leugnen es nicht. Seine Freunde sagen, sie hätten gehört, daß er nicht vorsichtig sei, sondern aus Eitelkeit, um seinen Muth zu zeigen, mit thörichter Verwegenheit handle, so daß Jedermann ihn auslachen werde, wenn ihm ein Unglück zustoßen sollte. Ich bitte ihm dies von Seiten Jones’ (Johnstone) zu sagen. Wenn Einige abgefaßt werden könnten, während sie ihren coup d’essai auf ihn machen, so wäre das sehr gut, weil sie dadurch abgeschreckt würden, etwas gegen Ogle (den Prinzen) zu unternehmen.“
Sendung Dykvelt’s nach England. [Während] Burnet Wilhelm’s Sekretär für die englischen Angelegenheiten in Holland war, wurde Dykvelt mit nicht geringerem Nutzen in London verwendet. Dykvelt war einer von den ausgezeichneten Staatsmännern, welche in der edlen Schule des Johann de Witt ihre politische Bildung erhalten hatten und nach dem Falle dieses großen Ministers ihre Pflichten gegen die Republik dadurch am besten zu erfüllen glaubten, daß sie sich um den Prinzen von Oranien schaarten. Keiner von den Diplomaten im Dienste der Vereinigten Provinzen stand in Bezug auf Gewandtheit, Character und Manieren über Dykvelt, und ebenso scheint keiner ihm in der Kenntniß der englischen Verhältnisse gleichgekommen zu sein. Es fand sich ein Vorwand, um ihn zu Anfang des Jahres 1687 mit Beglaubigungsschreiben von den Generalstaaten in einer besonderen Mission nach England zu senden. Eigentlich aber galt seine Sendung nicht der Regierung, sondern der Opposition, und er handelte nach Privatinstructionen, welche von Burnet entworfen und von Wilhelm genehmigt waren.[58]
[58.] Burnet, I. 708; Avaux Neg., Jan. 3.(13.), Feb. 6.(16.) 1687; Van Kampen, Karakterkunde der Vaderlandsche Geschiedenis.
Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern. [Dykvelt] berichtete, daß Jakob sich durch das Benehmen des Prinzen und der Prinzessin tief gekränkt fühle. „Die Pflicht meines Neffen ist, meine Hand zu stärken“, sagte der König, „aber es hat ihm von jeher Vergnügen gemacht, wenn er mir hat hinderlich sein können.“ Dykvelt antwortete, in Privatangelegenheiten habe Seine Hoheit stets die Wünsche des Königs berücksichtigt und werde dies auch in Zukunft jederzeit thun, aber es sei doch kaum recht und billig, die Unterstützung eines protestantischen Fürsten gegen die protestantische Kirche zu erwarten.[59] Der König war zum Schweigen gebracht, aber nicht besänftigt. Mit einem Verdrusse, den er nicht verhehlen konnte, sah er, daß Dykvelt alle die verschiedenen Abteilungen der Opposition mit einer Geschicklichkeit musterte und einschulte, welche dem gewandtesten englischen Staatsmanne zur Ehre gereicht haben würde und die bei einem Ausländer bewundernswürdig war. Der Geistlichkeit wurde gesagt, daß sie in dem Prinzen einen Freund des Episcopats und der Liturgie finden werde. Den Nonconformisten wurde Hoffnung gemacht, daß sie von ihm nicht nur Duldung, sondern sogar Gleichstellung zu erwarten hätten. Selbst die römischen Katholiken wurden versöhnt und einige der Angesehensten unter ihnen sagten dem Könige ins Gesicht, daß sie mit dem, was Dykvelt ihnen biete, zufrieden seien und daß sie eine durch das Gesetz verbürgte Duldung einem gesetzwidrigen und unsicheren Übergewichte vorzögen.[60]
[59.] Burnet I. 711. Dykvelt’s Depeschen an die Generalstaaten enthalten, so weit ich es habe ersehen oder erfahren können, kein Wort über den wirklichen Zweck seiner Sendung. Seine Correspondenz mit dem Prinzen von Oranien war streng privater Natur.
[60.] Bonrepaux, 12.(22.) Sept. 1687.
Danby. [Die] Oberhäupter aller wichtigen Parteien der Nation hielten häufige Besprechungen in Gegenwart des geschickten Gesandten. Die Ansicht der Torypartei war bei diesen Zusammenkünften hauptsächlich durch die Earls von Danby und von Nottingham vertreten. Obgleich seit Danby’s Sturze bereits über acht Jahre vergangen waren, so stand sein Name doch bei den alten Kavalieren Englands noch in hohem Ansehen, und selbst viele von denjenigen Whigs, die ihn früher verfolgt hatten, gaben jetzt bereitwillig zu, daß er für die Sünden Anderer habe büßen müssen und daß sein Eifer für die Hoheitsrechte ihn zwar oft irre geleitet habe, aber bei alledem durch zwei ehrenwerthe Gefühle gemildert worden sei: durch Eifer für die Staatsreligion und durch Eifer für die Würde und Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Auch im Haag wurde er hoch geschätzt, denn man vergaß es ihm dort nie, daß er es gewesen war, der Karl trotz des Einflusses Frankreichs und der Papisten bewogen hatte, die Hand der Prinzessin Marie ihrem Vetter zu geben.
Nottingham. [Daniel] Finch, Earl von Nottingham, ein Edelmann, dessen Name in der Geschichte dreier ereignißvoller Regierungen häufig genannt werden wird, stammte aus einer Familie von unvergleichlicher juristischer Auszeichnung. Einer seiner Verwandten hatte das Siegel Karl’s I. geführt, hatte seine eminenten Talente und Kenntnisse zu schlechten Zwecken gemißbraucht und war von der Rache der Gemeinen Englands, mit Falkland an der Spitze, verfolgt worden. Einen ehrenvolleren Ruf erlangte unter der folgenden Generation Heneage Finche. Er war unmittelbar nach der Restauration zum Staatsprokurator ernannt worden und war nacheinander zum Lordsiegelbewahrer, zum Lordkanzler, zum Baron Finch und Earl von Nottingham emporgestiegen. Während dieser ganzen glänzenden Laufbahn hatte er die Hoheitsrechte stets so hoch gehalten, als er es mit Ehren und Anstand konnte; nie aber war er bei irgend einer Machination gegen die Grundgesetze des Reichs betheiligt gewesen. Inmitten eines verderbten Hofes hatte er seine persönliche Rechtschaffenheit unbefleckt zu erhalten gewußt. Auch als Redner genoß er eines hohen Rufes, obwohl seine nach Mustern aus der Zeit vor dem Bürgerkriege gebildete Diction gegen das Ende seines Lebens von den Schöngeistern der heranwachsenden Generation steif und pedantisch genannt wurde. In Westminsterhall wird er noch immer mit Achtung als der Mann erwähnt, welcher aus dem Chaos, dem man in alter Zeit den Namen der Billigkeit gab, zuerst ein neues juristisches System bildete, das ebenso geregelt und vollständig ist wie das nach welchem die Richter des gemeinen Rechts verfahren.[61] Ein wesentlicher Theil der sittlichen und geistigen Eigenschaften dieses großen Staatsmannes ging mit dem Titel Nottingham auf seinen ältesten Sohn über. Dieser Sohn, der Earl Daniel, war ein rechtschaffener und tugendhafter Mann. Obwohl er in einigen abgeschmackten Vorurtheilen befangen und sonderbaren Anfällen von Launenhaftigkeit unterworfen war, kann man ihn doch nicht beschuldigen, daß er um unredlichen Gewinns oder strafbaren Genusses willen vom Pfade des Rechts abgewichen wäre. Er war, wie sein Vater, ein ausgezeichneter Redner und sprach eindringlich, aber weitschweifig und mit zu monotoner Gemessenheit. Seine Persönlichkeit entsprach ganz seiner Rede. Seine Haltung war steif, seine Gesichtsfarbe so dunkel, daß man ihn für den Eingebornen eines wärmeren Himmelstrichs hätte halten können, und seine scharf markirten Gesichtszüge hatten einen Ausdruck, welcher dem des Hauptleidtragenden bei einem Begräbnisse glich. Man pflegte von ihm zu sagen, daß er eher wie ein spanischer Grande als wie ein englischer Gentleman aussähe. Spottvögel gaben ihm die Spitznamen Dismal (Trübselig), Don Dismallo und Don Diego, welche noch heute nicht vergessen sind. Er hatte auf das Studium der Wissenschaft, durch die seine Familie sich so hoch emporgeschwungen, großen Fleiß verwendet und war für einen vornehm und reich gebornen Mann in den Gesetzen seines Vaterlandes erstaunlich bewandert. Er war ein treuer Sohn der Hochkirche und bewies seine Achtung vor derselben auf zwei Wegen, welche bei den Lords, die sich zu seiner Zeit als ihre besonderen Freunde gerirten, nicht gewöhnlich war, nämlich dadurch, daß er Schriften zur Vertheidigung ihrer Glaubenssätze herausgab und daß er sich in seinem Privatleben nach ihren Gebeten richtete. Wie viele andre eifrige Anglikaner hatte er bis vor Kurzem die monarchische Regierungsform kräftig unterstützt. Die Politik aber, welche seit der Unterdrückung des Aufstandes im Westen befolgt wurde, empörte ihn auf das heftigste, und zwar deshalb nicht weniger, weil sein jüngerer Bruder Heneage in Folge seiner Weigerung, die Dispensationsgewalt des Königs zu vertheidigen, seines Amtes als Generalprokurator entsetzt worden war.[62]
[61.] Siehe seine Biographie von Lord Campbell.
[62.] Johnstone’s Correspondenz; Mackay’s Memoirs; Arbuthnot’s John Bull; Swift’s Schriften von 1710 bis 1714 an mehreren Stellen; Whiston’s Brief an den Earl von Nottingham und des Letzteren Antwort darauf.
Halifax. [Mit] diesen beiden großen toryistischen Earls war jetzt Halifax, das ausgezeichnete Oberhaupt der Trimmers, verbunden. Auf Nottingham’s Gesinnungen scheint Halifax damals in der That einen entschiedenen Einfluß ausgeübt zu haben. Zwischen Halifax und Danby bestand eine Feindschaft, welche am Hofe Karl’s begonnen hatte und nachher auch den Hof Wilhelm’s beunruhigte, während der Tyrannei Jakob’s aber wie viele andere Feindschaften ruhte. Die beiden Gegner trafen häufig in den von Dykvelt veranstalteten Conferenzen zusammen und stimmten in dem Ausdrucke des Mißfallens an der Politik der Regierung und der Verehrung für den Prinzen von Oranien überein. In ihrem Verkehr mit den holländischen Gesandten trat die Characterverschiedenheit der beiden Staatsmänner stark hervor. Halifax zeigte ein bewundernswürdiges Talent für Auseinandersetzungen, scheute sich aber vor kühnen und unwiderruflichen Entschlüssen. Danby war minder fein und beredt, besaß aber mehr Energie, Entschlossenheit und praktischen Scharfblick.
Devonshire. [Mehrere] ausgezeichnete Whigs waren mit Dykvelt in fortwährender Verbindung; aber die Oberhäupter der großen Häuser Cavendish und Russel konnten keinen so thätigen und vorwiegenden Antheil an den Unterhandlungen nehmen, als man nach ihrer Stellung und ihren Ansichten hätte erwarten dürfen. Der Ruhm und das Glück Devonshire’s wurden im Augenblicke durch eine Wolke verdunkelt. Er hatte einen beklagenswerthen Streit mit dem Hofe, der nicht aus einer öffentlichen und ehrenvollen Angelegenheit, sondern aus einem Privatzwist entsprungen war, in welchem selbst seine wärmsten Freunde ihn nicht von aller Schuld freisprechen konnten. Als er einmal nach Whitehall kam, um seine Aufwartung zu machen, war er von einem gewissen Colepepper insultirt worden, einem jener Raufbolde, welche die Umgebungen des Hofes unsicher machten und die sich durch Beleidigung von Mitgliedern der Opposition bei der Regierung in Gunst zu setzen suchten. Der König selbst äußerte seine Entrüstung über die einem seiner ausgezeichneten Peers unter dem königlichen Dache widerfahrene Behandlung und Devonshire wurde durch die Versicherung besänftigt, daß der Beleidiger den Palast nie wieder betreten solle. Dieses Verbot wurde jedoch bald wieder aufgehoben und der Groll des Earls erwachte von neuem. Seine Diener nahmen sich der Sache an und die Straßen von Westminster wurden durch Händel beunruhigt, die in ein roheres Zeitalter gehörten. Die Zeit des Geheimen Raths ward durch Anklagen und Gegenanklagen der streitenden Parteien in Anspruch genommen. Colepepper’s Frau erklärte: sie und ihr Gatte seien ihres Leben nicht sicher und ihr Haus sei beständig von Banditen in der Livree der Cavendish belagert; Devonshire erwiederte, es sei aus Colepepper’s Fenstern auf ihn geschossen worden. Dies wurde heftig geleugnet. Es wurde zwar eingeräumt, daß ein blind geladenes Pistol abgefeuert worden sei, aber dies sei nur in einem Augenblicke des Schreckens geschehen, um die Wache zu alarmiren. Wahrend diese Fehde ihren Höhepunkt erreicht hatte, traf der Earl im Empfangzimmer zu Whitehall mit Colepepper zusammen und er glaubte in den Mienen des Raufboldes triumphirenden Übermuth zu erkennen. Vor den Augen des Königs geschah nichts Unziemliches; sobald aber die beiden Gegner das Audienzzimmer verlassen hatten, machte Devonshire den Vorschlag, den Streit auf der Stelle mit dem Degen zu entscheiden. Die Herausforderung wurde zurückgewiesen. Da vergaß der stolze Peer die Achtung, die er dem Orte an dem er sich befand, und seiner eignen Würde schuldig war, und schlug Colepepper mit einem Stocke ins Gesicht. Diese Handlung wurde allgemein als übereilt und unschicklich getadelt und Devonshire selbst konnte, nachdem sein Blut sich abgekühlt hatte, nicht ohne Verdruß und Beschämung daran denken. Die Regierung aber verfuhr mit gewohntem Unverstande so streng gegen ihn, daß das Publikum bald ganz auf seine Seite trat. Es wurde eine Criminalanklage bei der Kings Bench anhängig gemacht. Der Angeklagte berief sich auf seine Vorrechte als Peer des Königsreichs; dieser Punkt aber wurde sogleich zu seinem Nachtheile entschieden, und es läßt sich auch nicht leugnen, daß diese Entscheidung, mochte sie den technischen Regeln der englischen Gesetzgebung entsprechen oder nicht, in vollkommenem Einklange mit den großen Prinzipien stand, welche die Grundlage jeder Gesetzgebung sein sollen. Es blieb ihm somit nichts übrig, als sich dem Erkenntnisse zu unterwerfen. Der Gerichtshof war durch eine Reihe von Entlassungen zu so vollständigem Gehorsam gebracht worden, daß die Regierung, welche die Untersuchung eingeleitet hatte, die Strafe selbst vorschreiben konnte. Die Richter machten Jeffreys in pleno ihre Aufwartung und dieser bestand auf der Zuerkennung einer Geldbuße von dreißigtausend Pfund. Dreißigtausend Pfund waren im Verhältniß zu den damaligen Einkünften der englischen Großen ungefähr soviel als hundertfunfzigtausend im neunzehnten Jahrhundert. In Anwesenheit des Kanzlers wurde kein Wort der Mißbilligung geäußert; als aber die Richter sich entfernt hatten, bemerkte Sir Johann Powell, in welchem sich das wenige Rechtsgefühl des ganzen Collegiums concentrirte, daß die beantragte Strafsumme übermäßig hoch und ein Zehntel derselben vollauf genug sei. Seine Collegen waren nicht dieser Meinung und er zeigte in diesem Falle nicht den Muth, durch den er einige Monate später an einem denkwürdigen Tage seinen Ruf glänzend wiederherstellte. Der Earl wurde demnach in eine Geldbuße von dreißigtausend Pfund und bis zur Bezahlung dieses Betrags zu persönlicher Haft verurtheilt. Eine solche Summe konnte damals auch der reichste Edelmann nicht in einem Tage aufbringen. Indessen war das Hafturtel leichter gesprochen, als vollzogen. Devonshire hatte sich nach Chatsworth zurückgezogen, wo er eben damit beschäftigt war, das alte gothische Stammschloß seiner Familie in ein Gebäude umzuwandeln, das Palladio’s würdig war. Der Peak war damals ein fast ebenso unwirthbarer Bezirk als gegenwärtig Connemara, und der Sheriff erkannte oder behauptete wenigstens, daß es schwer sein dürfte, den Lord in einer so wilden Gegend und inmitten treu ergebener Diener und Pächter zu verhaften. Darüber vergingen einige Tage, endlich aber wurde nicht nur der Earl, sondern auch der Sheriff zur Haft gebracht. Inzwischen verwendeten sich eine Menge Fürsprecher mit ihrem ganzen Einflusse. Es hieß die verwittwete Gräfin von Devonshire habe eine Privataudienz beim Könige erlangt, sie habe ihn daran erinnert, daß ihr Schwager, der tapfere Karl Cavendish, im Kampfe für die Krone bei Gainsborough gefallen sei, und ihm schriftliche Empfangsbescheinigungen von Karl I. und Karl II. über bedeutende Summen vorgelegt, die ihr Gemahl während der bürgerlichen Unruhen beiden Monarchen geliehen hatte. Diese Darlehen waren nie zurück gezahlt worden und sollten angeblich mehr betragen als die ungeheure Geldstrafe, welche die Kings Bench über den Earl verhängt hatte. Dazu kam noch ein andrer Punkt, der beim Könige noch mehr Gewicht gehabt zu haben scheint als die Erinnerung an früher geleistete Dienste. Es konnte nothwendig werden ein Parlament einzuberufen, und man glaubte, daß Devonshire in diesem Falle sofort eine Cassationsklage einreichen werde. Der Punkt, auf den er seine Appellation gegen das Erkenntniß der Kings Bench zu stützen gedachte, waren seine Privilegien als Peer, und das Tribunal, vor das die Appellation kommen mußte, war das Haus der Peers. In einem solchen Falle konnte der Hof nicht einmal auf die Unterstützung der ihm ergebensten Adeligen mit Gewißheit rechnen. Es stand kaum zu bezweifeln, daß das Urtel cassirt werde, und daß die Regierung dadurch, daß sie zu viel haben wollte, Alles verlieren würde. Jakob war daher zu einem Vergleiche geneigt. Es wurde dem Earl angekündigt, daß, wenn er eine Schuldverschreibung über die ganze Summe geben und sich des möglichen Vortheils einer Cassationsklage begeben wolle, er in Freiheit gesetzt werden solle. Ob er zur Bezahlung der Summe angehalten werden würde oder nicht, sollte von seinem ferneren Benehmen abhängen. Wenn er das Dispensationsrecht unterstützte, solle er nicht dafür in Anspruch genommen werden; trachte er aber nach Popularität, so müsse er die dreißigtausend Pfund bezahlen. Er weigerte sich eine Zeit lang, auf diese Bedingungen einzugehen; aber die Haft war ihm unerträglich. Er stellte die Verschreibung aus und wurde aus den Gefängnis entlassen; aber obgleich er sich dazu verstand seinem Vermögen diese drückende Schuldlast aufzubürden, konnte ihn doch nichts zu dem Versprechen bestimmen, daß er seinen Grundsätzen und seiner Partei untreu werden wolle. Er wurde nach wie vor in alle Geheimnisse der Opposition eingeweiht, aber einige Monate lang hielten seine politischen Freunde es um seiner selbst wie um ihrer Sache willen für gerathen, daß er im Hintergrunde blieb.[63]
[63.] Kennet’s Grabrede auf den Herzog von Devonshire und Memoiren der Familie Cavendish; Collection of State Trials; Privy Council Book, March 5. 1685/6; Barillon, 30. Juni (10. Juli) 1687.; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687.; Lords’ Journals May 6. 1689. „Ses amis et ses proches,“ sagt Barillon, „lui conseillent de prendre le bon parti, mais il persiste jusqu’à présent à ne se point soumettre. S’il vouloit se bien conduire et renoncer à être populaire, il ne payeroit pas l’amende, mais s’il opiniâtre, il lui en coutera trente mille pièces, et il demeurera prisonnier jusq’à l’actuel payement.“
Eduard Russell. [Der] Earl von Bedford hatte sich von dem harten Schlage, der ihm vor vier Jahren fast das Herz gebrochen, nie wieder erholen können. Seine persönlichen wie auch seine öffentlichen Gefühle machten ihn zum Gegner des Hofes; aber an der Verabredung von Maßregeln gegen denselben nahm er keinen thätigen Antheil. Seine Stelle in den Versammlungen der Mißvergnügten vertrat sein Neffe. Dies war der berühmte Eduard Russell, ein Mann von unbezweifeltem Muth und Talent, aber von lockeren Grundsätzen und ruhelosem Geiste. Er war Seemann, hatte sich in seinem Berufe ausgezeichnet und hatte unter der vorigen Regierung ein Hofamt bekleidet; aber durch den Tod seines Vetters Wilhelm Russell waren alle Bande, die ihn an den Hof ketteten, zerrissen worden. Der verwegene, unruhige und racheschnaubende Seemann saß jetzt in den von dem holländischen Gesandten berufenen Versammlungen als Vertreter des kühnsten und heftigsten Theiles der Opposition, der Männer, welche unter den Namen Rundköpfe, Exclusionisten und Whigs einen fünfundvierzigjährigen Kampf gegen drei aufeinanderfolgende Könige mit wechselndem Glück unterhalten hatten. Diese Partei, welche vor Kurzem niedergeworfen und fast vernichtet gewesen war, sich jetzt aber mit voller Lebenskraft rasch zu Ansehen und Einfluß erhob, wurde durch keine von den Bedenklichkeiten behindert, welche die Bewegungen der Tories und der Trimmers noch immer hemmten, und war bereit, das Schwert gegen den Tyrannen zu ziehen, sobald es mit gegründeter Aussicht auf den Sieg gezogen werden konnte.
Compton. — Herbert. — Churchill. [Drei] Männer sind noch zu erwähnen, mit denen Dykvelt in vertrauter Verbindung stand und mit deren Hülfe er sich die Mitwirkung von drei großen Ständen zu sichern hoffte. Bischof Compton war der Agent, der die Geistlichkeit zu bearbeiten hatte, Admiral Herbert übernahm es, seinen ganzen Einfluß bei der Flotte zu verwenden und durch Churchill suchte man die Armee zu gewinnen.
Das Benehmen Compton’s und Herbert’s bedarf keiner Erklärung. Nachdem sie der Krone in allen weltlichen Dingen mit Treue und Eifer gedient, hatten sie sich durch ihre Weigerung, als Werkzeuge der Zerstörung ihrer eignen Religion zu dienen, das Mißfallen des Königs zugezogen. Beiden hatte die Erfahrung gelehrt, wie bald Jakob eingegangene Verpflichtungen vergaß und mit welchem bitteren Groll er sich dessen erinnerte, was er als Beleidigung anzusehen für gut fand. Der Bischof war durch einen ungesetzlichen Richterspruch seiner bischöflichen Functionen enthoben, der Admiral in einer Stunde aus Reichthum in Armuth gestürzt worden. Ganz anders war die Lage Churchill’s. Er war durch königliche Gunst aus der Dunkelheit zu hohem Ansehen, aus der Dürftigkeit zum Reichthum erhoben worden. Als armer Fähndrich hatte er seine Laufbahn begonnen und jetzt war er, in seinem siebenunddreißigsten Jahre, Generalmajor, Peer von Schottland und Peer von England, befehligte eine Abtheilung der Leibgarde, bekleidete mehrere ehrenvolle und einträgliche Stellen und bis jetzt verrieth noch nichts, daß er den geringsten Theil von der Gunst verloren hatte, der er so viel verdankte. Er war nicht nur durch die allgemeine Pflicht der Unterthanentreue, sondern auch durch militairische Ehren, durch persönliche Dankbarkeit und, wie es oberflächlichen Beobachtern schien, durch die stärksten Bande des Interesses an Jakob gebunden. Aber Churchill selbst war kein oberflächlicher Beobachter, er wußte genau, worin sein wirkliches Interesse bestand. Er war überzeugt, daß, wenn sein Gebieter einmal volle Freiheit erhielt Papisten anzustellen, er nicht einen einzigen Protestanten mehr anstellen würde. Eine Zeit lang wurden vielleicht einige hochbegünstigte Diener der Krone noch von der allgemeinen Proscription ausgenommen, in der Hoffnung, daß sie sich dadurch bestimmen ließen, ihren Glauben zu wechseln, aber selbst diese mußten nach einer kurzen Frist Einer nach dem Andren fallen, wie Rochester schon gefallen war. Churchill konnte sich allerdings durch Übertritt zur katholischen Kirche gegen diese Gefahr sicher stellen und noch höher in der königlichen Gunst steigen; auch hätte man glauben können, daß ein Mann, der sich eben so sehr durch Habsucht und Characterlosigkeit, wie durch Talent und Tapferkeit auszeichnete, schwerlich an dem Gedanken, eine Messe anhören zu müssen, Anstoß nehmen würde. Aber die menschliche Natur ist so reich an Widersprüchen, daß selbst abgestumpfte Gewissen eine empfindliche Stelle haben. So hatte dieser Mann, der seine Erhebung der Schande seiner Schwester verdankte, der von der verschwenderischesten, herrschsüchtigsten und schamlosesten Buhlerin unterhalten worden war und dessen öffentliches Leben Jedem, der mit unbefangenem Blicke den schimmernden Glanz des Genies und des Ruhms zu durchdringen vermag, als ein Abgrund von Schändlichkeit erscheinen muß, einen blinden Glauben an die Religion, die ihm als Kind eingelernt worden war, und schauderte bei dem Gedanken, sie förmlich abzuschwören. Es stand ihm eine furchtbare Alternative bevor. Das irdische Übel, das er am meisten fürchtete, war die Armuth, das einzige Verbrechen, vor dem sein Herz zurückbebte, war der Glaubensabfall, und wenn die Pläne des Hofes gelangen, konnte er nicht zweifeln, daß er bald zwischen Armuth und Abfall wählen mußte. Daher entschloß er sich, diese Pläne zu durchkreuzen, und es zeigte sich bald, daß er bereit war, jede Schuld und jede Schmach auf sich zu laden, wenn er nur der Nothwendigkeit entging, entweder seine Stellen oder seine Religion aufgeben zu müssen.[64]
[64.] Der Beweggrund, welcher das Verfahren der Churchill bestimmte, ist kurz und bündig in The Duchess of Marlborough’s Vindication dargelegt. „Jedermann erkannte deutlich,“ sagt sie, „daß bei dem Systeme, das König Jakob angenommen hatte, Jeder der nicht Katholik werden wollte, früher oder später zu Grunde gehen mußte. Diese Überzeugung ließ mich das Unternehmen des Prinzen von Oranien, uns aus solcher Knechtschaft zu erlösen, mit Wohlgefallen betrachten.“
Lady Churchill und die Prinzessin Anna. [Nicht] bloß als militairischer Befehlshaber von hohem Range und ausgezeichnetem Geschick und Muth konnte Churchill der Opposition Dienste leisten. Es war für das Gelingen der Pläne Wilhelm’s wenn nicht absolut nothwendig, doch höchst wichtig, daß seine Schwägerin, welche nach der englischen Thronfolgeordnung zwischen ihm und seiner Gemahlin stand, in vollkommener Übereinstimmung mit ihm handelte. Alle ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten würden bedeutend vergrößert worden sein, wenn Anna sich günstig für die Indulgenz ausgesprochen hätte. Auf welche Seite sie treten würde, hing von dem Willen Anderer ab, denn ihr Verstand war träge, und obgleich in ihrem Character ein erblicher Eigenwille und Starrsinn verborgen lag, welche viele Jahre später durch große Macht und heftige Provocationen zum Vorschein gebracht wurden, so war sie doch zur Zeit die willige Sklavin einer Frau von viel lebhafterem und herrschsüchtigerem Character als der ihrige war. Diese Frau, welche sie völlig beherrschte, war Churchill’s Gattin, ein Weib, die nachmals auf die Geschicke England’s und Europa’s einen großen Einfluß ausübte.
Der Name dieser berühmten Günstlingin war Sara Jennings. Ihre ältere Schwester Franziska hatte sich durch Schönheit und Leichtfertigkeit selbst unter der Masse von schönen Gesichtern und leichtfertigen Characteren ausgezeichnet, welche Whitehall während des wilden Carnevals der Restauration zierten und schändeten. Einmal verkleidete sie sich als Apfelsinenmädchen und rief in den Straßen ihre Früchte aus.[65] Gesetzte Leute meinten, daß ein Mädchen von so wenig Takt- und Schicklichkeitsgefühl nicht leicht einen Gatten finden werde. Sie war indessen zweimal verheirathet und jetzt die Gattin Tyrconnel’s. Sara war nicht so regelmäßig schön als ihre Schwester, aber vielleicht noch anziehender. Ihr Gesicht war ausdrucksvoll, ihre Gestalt entbehrte keines weiblichen Reizes, und die Fülle ihrer schönen Haare, welche noch nicht nach der barbarischen Mode, deren Einführung sie noch erlebte, durch Puder verunziert waren, erfüllten ihre zahlreichen Bewunderer mit Entzücken. Von den Freiern, die sich um ihre Hand bewarben, erhielt der junge, schöne, liebenswürdige, einschmeichelnde, beredte und tapfere Oberst Churchill den Vorzug. Er mußte sie wirklich lieben, denn außer der Leibrente, die er sich für den von der Herzogin von Cleveland erhaltenen schmachvollen Lohn gekauft hatte, besaß er wenig Vermögen, war unersättlich in seiner Gier nach Schätzen, Sara war arm, und es war ihm ein einfaches Mädchen mit einem großen Vermögen angetragen worden. Nach einem kurzen Kampfe trug die Liebe den Sieg über die Habsucht davon, die Ehe verstärkte nur noch seine Leidenschaft, und Sara genoß bis zum letzten Augenblicke seines Lebens das Vergnügen und die Auszeichnung, das einzige menschliche Wesen zu sein, das im Stande war, diesen weitsehenden und sicheren Blick auf sich zu fesseln, das von diesem kalten Herzen heiß geliebt und von diesem unerschrockenen Geiste knechtisch gefürchtet wurde.
Im weltlichen Sinne ward Churchill’s treue Liebe reich belohnt. Bei aller Dürftigkeit brachte seine Braut ihm doch ein Heirathsgut zu, das klug verwendet ihn endlich zum englischen Herzog, zum deutschen Reichsfürsten, zum Oberfeldherrn einer großen Coalition, zum Schiedsrichter zwischen mächtigen Fürsten und was in seinen Augen noch viel mehr werth war, zum reichsten Privatmann von ganz Europa machte. Sie war von früher Kindheit an mit der Prinzessin Anna aufgewachsen und es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen den beiden Mädchen gebildet. Im Character glichen sie einander nur wenig. Anna war phlegmatisch und schweigsam. Gegen Diejenigen, die sie liebte, war sie sanft; ihr Zorn äußerte sich nur durch ein mürrisches Schmollen. Sie hatte einen starken religiösen Sinn und war den Gebräuchen und der Verfassung der anglikanischen Kirche mit wahrer Bigotterie zugethan. Sara war lebhaft und redselig, dominirte selbst Diejenigen, die sie am meisten liebte, und wenn sie gekränkt wurde, äußerte sich ihre Wuth durch Thränen und heftige Vorwürfe. Auf Frömmigkeit machte sie keinen Anspruch, ja sie entging sogar kaum der Beschuldigung der Irreligiosität. Sie war jetzt noch nicht das was sie später wurde, nachdem das Glück eine Klasse von Fehlern, das Unglück eine andre vollkommen entwickelt, als Siege und Huldigungen ihr den Kopf verrückt und Mißgeschick und Kränkungen ihren Character verbittert hatten. Sie wurde in ihren späteren Lebensjahren das verächtlichste und erbärmlichste Geschöpf: ein altes Weib, die in beständigem Hader lebte mit ihrem ganzen Geschlecht, mit ihren eigenen Kindern und Enkeln, zwar vornehm und reich, aber Vornehmheit und Reichthum hauptsächlich nur deshalb schätzend, weil dieselben sie in den Stand setzten, der öffentlichen Meinung Hohn zu sprechen und rückhaltlos ihrem Hasse gegen Lebende und Todte zu fröhnen. Unter der Regierung Jakob’s II. galt sie für nichts Schlimmeres als eine schöne, stolze junge Frau, die wohl zuweilen launenhaft und eigensinnig sein konnte, der man aber in Berücksichtigung ihrer Reize ihre Launen gern verzieh.
Es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß Verschiedenheit der Neigungen und Geistesfähigkeiten keine Hindernisse der Freundschaft sind und daß gerade zwei Herzen, die sich gegenseitig ergänzen, das Band der innigsten Zuneigung umschlingt. Lady Churchill wurde von der Prinzessin Anna geliebt, ja fast angebetet. Die Prinzessin konnte ohne den Gegenstand ihrer romanhaften Zärtlichkeit nicht leben. Sie vermählte sich und wurde eine treue, sogar liebevolle Gattin; aber Prinz Georg, ein beschränkter Mann, dessen Hauptgenüsse die Freuden der Tafel und der Flasche waren, erlangte keinen Einfluß auf sie, der sich mit dem ihrer Freundin vergleichen ließ, und gab sich bald mit stupider Geduld der Herrschaft des heftigen und gebieterischen Geistes hin, von dem seine Gemahlin sich leiten ließ. Das königliche Paar bekam Kinder und Anna entbehrte keineswegs der Gefühle einer Mutter; aber die Liebe zu ihren Kindern war lau im Vergleich mit ihrer hingebenden Zärtlichkeit für ihre Jugendfreundin. Endlich wurde die Prinzessin des Zwanges müde, den die Etikette ihr auferlegte, es war ihr unerträglich, die Worte Madame und Königliche Hoheit aus dem Munde einer Frau zu hören, die ihr mehr war als eine Schwester. In der Gallerie und im Empfangzimmer waren diese Worte nicht zu umgehen, aber im Boudoir wurden sie abgeschafft. Hier hieß Anna Mrs. Morley, Lady Churchill Mrs. Freeman, und unter diesen kindlichen Namen bestand zwanzig Jahre hindurch ein intimer Verkehr zwischen den beiden Freundinnen, von dem schließlich das Schicksal von Regierungen und Dynastien abhing. Bis jetzt hatte jedoch Anna noch keine politische Macht und nur geringen persönlichen Einfluß. Ihre Freundin bekleidete in ihrem Hausstaate das Amt der ersten Kammerdame mit nur vierhundert Pfund Sterling Gehalt. Gleichwohl hat man Grund zu glauben, daß es Churchill schon zu dieser Zeit möglich war, seine vorherrschende Leidenschaft durch den Einfluß seiner Gattin zu befriedigen. Obgleich die Prinzessin ein hohes Einkommen hatte und sehr einfach lebte, so machte sie doch Schulden, die ihr Vater mit einigem Unwillen bezahlte, und man sagte, daß der Grund ihrer finanziellen Verlegenheiten in ihrer verschwenderischen Freigebigkeit gegen ihren Liebling zu suchen sei.[66]
Endlich war die Zeit gekommen, wo diese sonderbare Freundschaft einen großen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausüben sollte. Man war äußerst gespannt darauf, welche Rolle Anna in dem Kampfe, der England erschütterte, spielen werde. Auf der einen Seite stand die Kindespflicht, auf der andren die Interessen der Religion, der sie aufrichtig zugethan war. Ein minder phlegmatischer Character würde zwischen so starken und wichtigen Beweggründen, die ihn nach entgegengesetzten Richtungen hinzogen, gewiß lange geschwankt haben. Der Einfluß der Churchill aber entschied die Frage und ihre Gönnerin wurde ein wichtiges Mitglied des umfassenden Bundes, dessen Oberhaupt der Prinz von Oranien war.
[65.] Mémoires de Grammont; Pepys’s Diary, Feb. 21. 1684/5.
[66.] Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle die Werke aufzählen, aus denen ich mein Urtheil über den Character der Herzogin geschöpft habe. Meine Hauptquellen sind ihre eigenen Briefe, ihre „Rechtfertigung“ und die Entgegnungen, welche diese veranlaßte.
Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern nach dem Haag zurück. [Im] Juni 1687 kehrte Dykvelt nach dem Haag zurück. Er überreichte den Generalstaaten ein königliches Schreiben voll Lobeserhebungen über sein Benehmen während seines Aufenthalts in London. Diese Lobeserhebungen waren jedoch nur eine Formalität. In Privatmittheilungen von seiner eigenen Hand beschwerte Jakob sich bitter darüber, daß der Gesandte einen so vertrauten Umgang mit den heftigsten Oppositionsmännern seines Reiches gepflogen und sie in allen ihren Umsturzplänen bestärkt habe. Außerdem brachte Dykvelt auch eine Anzahl Briefe von den ausgezeichnetsten derjenigen Männer mit, mit denen er sich während seines Aufenthalts in London berathen hatte. Die Schreiber dieser Briefe versicherten den Prinzen allgemein ihrer unbegrenzten Verehrung und Hingebung und verwiesen ihn wegen der näheren Darlegung ihrer Ansichten an den Überbringer. Halifax erörterte den Zustand und die Aussichten des Landes mit gewohnter Schärfe und Lebendigkeit, hütete sich aber sorgfältig, für irgend ein gefährliches Verfahren die Verantwortung zu übernehmen. Danby schrieb in einem kühneren und entschlosseneren Tone und konnte sich nicht enthalten, über die Besorgnisse und Bedenklichkeiten seines genialen Nebenbuhlers zu spötteln. Der interessanteste Brief aber war der von Churchill. Er war mit der natürlichen Beredtsamkeit, an der es ihm trotz seines Mangels an höherer Bildung bei wichtigen Anlässen nie fehlte, und mit einem Anstrich von Hochherzigkeit geschrieben, den er sich, so perfid er auch war, mit seltener Geschicklichkeit zu geben verstand. Die Prinzessin Anna, sagte er, habe ihm befohlen, ihre erlauchten Verwandten im Haag zu versichern, daß sie mit Gottes Hülfe fest entschlossen sei, eher ihr Leben zu lassen, als sich eines Glaubensabfalls schuldig zu machen. Was seine Person betreffe, so lege er auf seine Stellen und auf die königliche Gunst einen weit geringeren Werth als auf seine Religion. Er schloß mit der hochtrabenden Erklärung, daß man ihn, obgleich er keinen Anspruch darauf mache, wie ein Heiliger gelebt zu haben, doch vorkommenden Falls bereit finden werde, den Märtyrertod zu sterben.[67]
[67.] Das Formalitätsschreiben, welches Dykvelt den Generalstaaten überbrachte, befindet sich in den Archiven des Haags. Die anderen in diesem Paragraphen erwähnten Briefe giebt Dalrymple im Anhange zu Buch V.
Zulestein’s Sendung. [Dykvelt]’s Sendung hatte einen so glänzenden Erfolg gehabt, daß bald ein neuer Vorwand gefunden war, um einen andren Agenten abzusenden, der das so glücklich begonnene Werk fortsetzen sollte. Der neue Gesandte, nachmals der Gründer eines jetzt erloschenen englischen Adelshauses, war ein illegitimer leiblicher Vetter Wilhelm’s und führte einen der Herrschaft Zulestein entlehnten Namen. Seine Verwandtschaft mit dem Hause Oranien gab Zulestein in den Augen des Publikums ein bedeutendes Ansehen. Sein Benehmen war das eines tapferen Soldaten. In diplomatischen Talenten und Kenntnissen stand er Dykvelt weit nach, aber gerade diese Inferiorität hatte ihre Vortheile. Ein Militair, der sich anscheinend nie um die Politik gekümmert hatte, konnte ohne Verdacht zu erregen mit der englischen Aristokratie einen Verkehr unterhalten, der mit argwöhnischem Auge bewacht worden sein würde, wenn er ein bekannter Meister in der Staatskunst gewesen wäre. Nach kurzer Abwesenheit kehrte Zulestein mit nicht minder wichtigen Briefen und mündlichen Botschaften, als die welche seinem Vorgänger anvertraut worden waren, in sein Vaterland zurück. Von diesem Augenblicke an trat der Prinz mit der Opposition in einen regelmäßigen Briefwechsel. Geschäftsträger verschiedenen Ranges reisten beständig zwischen der Themse und dem Haag hin und her. Der nützlichste von diesen war ein Schotte von einigem Talent und großer Thätigkeit, Namens Johnstone. Er war Burnet’s Vetter und der Sohn eines angesehenen Covenanters, der bald nach der Restauration wegen Hochverraths hingerichtet worden war und von seiner Partei als Märtyrer verehrt wurde.
Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm. [Die] Entfremdung zwischen dem Könige von England und dem Prinzen von Oranien wurde mit jedem Tage vollkommener. Es hatte sich ein ernsthafter Streit in Betreff der sechs britischen Regimenter erhoben, welche im Solde der Vereinigten Provinzen standen. Der König wollte diese Regimenter unter das Commando römisch-katholischer Offiziere stellen, und der Prinz widersetzte sich diesem Ansinnen entschieden. Der König nahm seine Zuflucht zu seinen Lieblingsgemeinplätzen von der Duldung; der Prinz erwiederte daß er nur das Beispiel Seiner Majestät nachahme. Es sei notorisch erwiesen, daß loyale und tüchtige Männer in England lediglich deshalb, weil sie Protestanten waren, aus dem Staatsdienste entlassen worden seien, und dies berechtige den Statthalter und die Generalstaaten doch gewiß dazu, die Papisten von hohen öffentlichen Ämtern auszuschließen. Diese Antwort erbitterte Jakob dermaßen, daß er in seiner Wuth die Wahrhaftigkeit und den gesunden Verstand völlig aus den Augen verlor. Es sei nicht wahr, behauptete er mit Heftigkeit, daß er irgend Jemanden jemals aus religiösen Gründen abgesetzt habe. Und wenn er es wirklich gethan hätte, was ginge es dann dem Prinzen oder die Generalstaaten an? Wären sie etwa seine Herren? wären sie befugt, sich zu Richtern über die Handlungen fremder Fürsten aufzuwerfen? Von jetzt an wünschte er seine in holländischen Diensten stehenden Unterthanen zurückzuberufen, denn er glaubte durch diese Maßregel sich selbst zu verstärken und seine schlimmsten Feinde zu schwächen. Es traten ihm jedoch finanzielle Schwierigkeiten entgegen, die er unmöglich übersehen konnte. Die Zahl der bereits von ihm unterhaltenen Truppen war schon so groß, als es seine Einkünfte nur irgend zuließen, obgleich dieselben die aller seiner Vorgänger weit überstiegen und mit großer Sparsamkeit verwaltet wurden. Wenn aber die jetzt in Holland stehenden Bataillone noch zu dem vorhandenen Etat kamen, so war die Staatskasse bankerott. Vielleicht ließ Ludwig sich bewegen, sie in seinen Dienst zu nehmen. In diesem Falle wurden sie aus einem Lande entfernt, wo sie dem verderblichen Einflusse einer republikanischen Regierung und einer calvinistischen Kirchenverfassung ausgesetzt waren, und kamen in ein Land, wo Niemand die Autorität des Monarchen und die Lehren der wahren Kirche zu bestreiten wagte. Die Soldaten würden dann bald alle politische und religiöse Ketzerei wieder verlernen, ihr Landesfürst konnte zu jeder Zeit binnen kurzer Frist über ihre Hülfe verfügen und sich unter allen Umständen auf ihre Treue verlassen.
Es wurden zwischen Whitehall und Versailles Unterhandlungen in dieser Angelegenheit eröffnet. Ludwig hatte soviel Soldaten als er brauchte, und wäre es auch anders gewesen, so würde er dennoch keine Lust gehabt haben, englische Truppen in Dienst zu nehmen, da der englische Sold, so niedrig er unsrer Generation erscheinen muß, doch viel höher war als der französische. Auf der andren Seite aber hätte er Wilhelm sehr gern um eine so schöne Brigade geschwächt. Nach einer mehrwöchentlichen Correspondenz wurde Barillon zu der Erklärung ermächtigt, daß, wenn Jakob die britischen Truppen aus Holland zurückriefe, Ludwig die Unterhaltungskosten für zweitausend Mann in England übernehmen wolle. Jakob nahm dieses Anerbieten mit dem wärmsten Danke an. In Folge des getroffenen Arrangements ersuchte er die Generalstaaten um Rücksendung der sechs Regimenter. Die Generalstaaten aber, welche Wilhelm ganz nach seinem Willen leitete, antworteten, daß ein solches Verlangen unter den obwaltenden Umständen durch die bestehenden Verträge nicht gerechtfertigt werde, und weigerten sich entschieden, demselben zu entsprechen. Es ist bemerkenswerth, daß Amsterdam, welches für Zurückhaltung dieser Truppen in Holland gestimmt hatte, als Jakob ihrer gegen die Insurgenten im Westen bedurfte, jetzt heftig für die Erfüllung seines Verlangens stritt. In beiden Fällen beabsichtigten die Behörden dieser großen Stadt nichts weiter, als dem Prinzen von Oranien zu opponiren.[68]
[68.] Sunderland an Wilhelm, 24. Aug. 1686; Wilhelm an Sunderland, 2.(12.) Sept. 1686; Barillon, 6.(16.) Mai, 26. Mai (5. Juni), 3.(13.) Oct., 28. Nov. (8. Dec.) 1687; Ludwig an Barillon, 14.(24.) Oct. 1687; Memorial von Albeville, 15.(25.) Dec. 1687; Jakob an Wilhelm, 17. Jan., 16. Feb., 2. u. 13. März 1688: Avaux, 1.(11.), 6.(16.), 8.(18.) März, 22. März (1. April) 1688.
Einfluß der holländischen Presse. [Die] holländischen Waffen waren jedoch für Jakob kaum so gefährlich als die holländische Presse. Fast täglich erschienen im Haag englische Bücher und Flugschriften gegen die Regierung, und keine Wachsamkeit konnte es verhindern, daß viele Tausende von Exemplaren in die an der Nordsee gelegenen Grafschaften eingeschmuggelt wurden. Unter diesen Schriften zeichnete sich besonders eine durch ihre Wichtigkeit und durch den Eindruck, den sie machte, aus. Jedermann, der mit den öffentlichen Angelegenheiten vertraut war, kannte die Ansicht des Prinzen und der Prinzessin von Oranien in Betreff der Indulgenz; da aber keine officielle Erklärung dieser Ansicht erschienen war, so wurden Viele, denen gute Privatquellen nicht zugänglich waren, durch die Zuversicht, mit der die Anhänger des Hofes behaupteten, daß Ihre Hoheiten die letzten Maßregeln des Hofes billigten, getäuscht oder verwirrt gemacht. Es würde ein sehr einfacher und naheliegender Weg gewesen sein, diese Behauptungen öffentlich zu widerlegen, wenn Wilhelm keinen andren Zweck gehabt hätte, als seinen Einfluß in England zu befestigen. Allein er betrachtete England hauptsächlich als das zur Ausführung seines großen europäischen Planes nöthige Werkzeug. Er hoffte für diesen Plan die Mitwirkung der beiden Linien des Hauses Österreich, der italienischen Fürsten und selbst des Papstes zu gewinnen, und er hatte Grund zu der Befürchtung, daß jede die britischen Protestanten befriedigende Erklärung in Madrid, Wien, Turin und Rom Besorgniß und Unwillen erregen könnte. Deshalb enthielt sich der Prinz lange jeder officiellen Äußerung seiner Gesinnungen. Endlich aber wurde er darauf aufmerksam gemacht, daß sein beharrliches Stillschweigen unter den ihm Wohlwollenden viel Besorgniß und Mißtrauen erweckt habe und daß es hohe Zeit sei, sich offen auszusprechen. Er beschloß daher, sich zu erklären.
Stewart’s und Fagel’s Correspondenz. [Ein] schottischer Whig, Namens Jakob Stewart, war vor einigen Jahren nach Holland geflüchtet, um dem spanischen Stiefel und dem Galgen zu entgehen, und er war mit dem Großpensionär Fagel befreundet worden, der das Vertrauen und die Gunst des Statthalters in hohem Grade besaß. Stewart war der Verfasser des heftigen und gehässigen Manifestes von Argyle. Als die Indulgenz erschien, erkannte Stewart, daß sich ihm die Gelegenheit darbot, nicht nur Begnadigung, sondern noch obendrein eine Belohnung zu erlangen. Er bot der Regierung, deren Feind er gewesen war, seine Dienste an, diese wurden angenommen und er schrieb an Fagel einen Brief, zu dem er angeblich von Jakob selbst beauftragt war. In diesem Briefe wurde der Großpensionär dringend aufgefordert, seinen ganzen Einfluß bei dem Prinzen und der Prinzessin aufzubieten, um sie zur Unterstützung der Politik ihres Vaters zu bewegen. Nach einiger Zeit schickte Fagel eine tief durchdachte und ausgezeichnet geschriebene Erwiederung ein. Wer dieses interessante Dokument liest, muß bemerken, daß es zwar in einer Weise abgefaßt ist, welche geeignet war, die englischen Protestanten zu beruhigen und ihnen zu gefallen, dennoch aber kein Wort enthält, das selbst dem Vatikan Anstoß hätte geben können. Es war darin gesagt, daß Wilhelm und Marie mit Vergnügen zur Abschaffung jedes Gesetzes mitwirken würden, welches über irgend einen Engländer seiner religiösen Überzeugung wegen Strafe verhänge. Aber zwischen Strafen und Ausschließungen war ein Unterschied gemacht. Katholiken zu Staatsämtern zuzulassen, könne nach der Ansicht Ihrer Hoheiten weder im allgemeinen Interesse Englands, noch im Interesse der Katholiken selbst liegen. Dieses Manifest wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war auf dem Continent weit verbreitet. Von der durch Burnet besorgten englischen Ausgabe wurden nahe an funfzigtausend Exemplare in die östlichen Grafschaften eingeführt und rasch über das ganze Land verbreitet. Nie hat eine Staatsschrift einen vollständigeren Erfolg gehabt. Die Protestanten unsrer Insel priesen die männliche Entschiedenheit, mit der Wilhelm erklärte, daß er es nicht gutheißen könne, die Papisten Antheil an der Regierung nehmen zu lassen. Den katholischen Fürsten auf der andren Seite gefiel der milde und gemäßigte Ton, in welchem diese Erklärung gehalten war, sowie die ihnen eröffnete Aussicht, daß unter seiner Regierung kein Mitglied ihrer Kirche um seines Glaubens willen belästigt werden würde.
Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom. [Es] ist wahrscheinlich, daß der Papst selbst einer von Denen war, die den berühmten Brief mit Vergnügen lasen. Einige Monate zuvor hatte er Castelmaine auf eine Art entlassen, welche wenig Rücksicht auf die Gesinnungen des Königs zeigte. Innocenz war mit der ganzen inneren und äußeren Politik der englischen Regierung durchaus nicht zufrieden. Er sah, daß die ungerechten und unklugen Maßregeln der jesuitischen Cabale viel eher dazu beitrugen, das Fortbestehen der Strafgesetze als die Abschaffung des Testes zu bewirken. Sein Streit mit dem Hofe von Versailles wurde mit jedem Tage ernsthafter, und er konnte weder als weltlicher Fürst, noch als Oberhaupt der katholischen Kirche für einen Vasallen dieses Hofes eine herzliche Freundschaft fühlen. Castelmaine war nicht geeignet, diesen Widerwillen zu beseitigen. Er kannte zwar für einen Laien Rom ziemlich gut und war auch in der theologischen Polemik gründlich bewandert,[69] besaß aber durchaus nicht das Geschick, welches sein Posten erforderte, und wenn er auch der talentvollste Diplomat gewesen wäre, so würde doch ein Umstand ihn für die besondere Mission, mit der er betraut war, untauglich gemacht haben. Er war in ganz Europa als der Gatte des schamlosesten Weibes bekannt, und als weiter nichts. Man konnte unmöglich mit ihm oder von ihm sprechen, ohne daran zu denken, wie er zu dem Titel gekommen war, bei dem er genannt wurde. Dieser Umstand würde wenig auf sich gehabt haben, wenn er an einem sittenlosen Hofe accreditirt gewesen wäre, wie zum Beispiel bei dem, an welchem unlängst die Herzogin von Montespan das Regiment geführt hatte. Aber es war offenbar ein grober Mißgriff, ihn mit einem Auftrage mehr geistlichen als weltlichen Characters an einen Papst von patriarchalischer Sittenstrenge zu senden. Die Protestanten von ganz Europa spöttelten darüber, und Innocenz, der ohnehin schon gegen die englische Regierung eingenommen war, betrachtete die ihm mit so großer Gefahr und so großen Kosten erzeigte Aufmerksamkeit als nicht viel besser denn eine Beleidigung. Der Gehalt des Gesandten war auf hundert Pfund die Woche festgesetzt. Castelmaine klagte, daß dies zu wenig sei und daß das Dreifache dieses Betrags kaum ausreichen werde. Denn in Rom bemühten sich die Gesandten aller großen Continentalmächte einander vor den Augen eines Volks, das durch den beständigen Anblick prächtiger Gebäude, Decorationen und Ceremonien verwöhnt war, im Glanz zu überbieten. Er erklärte stets, daß er bei seiner Gesandtschaft Geld zusetzen müsse. Es waren ihm mehrere junge Adelige aus den vornehmsten katholischen Familien Englands, wie die Ratcliffe, die Arundell und Tichborne, beigegeben, und er bewohnte in Rom den Palast der Familie Pamfili an dem prächtigen Navonaplatze. Eine Privatunterredung mit Innocenz wurde ihm bald bewilligt, die officielle Audienz aber wurde lange hinausgeschoben. Castelmaine’s Vorbereitungen zu diesem wichtigen Acte waren so prachtvoll, daß sie, obgleich schon zu Ostern 1686 begonnen, im darauffolgenden November noch nicht beendigt waren, und im November bekam der Papst einen wirklichen oder angeblichen Gichtanfall, der einen weiteren Aufschub verursachte. Im Januar 1687 endlich fand die feierliche Vorstellung und Aufwartung mit ungewöhnlichem Pompe statt. Die Staatswagen, welche zu der Auffahrt in Rom gebaut wurden, waren so prächtig, daß man sie für werth hielt, der Nachwelt in schönen Abbildungen überliefert und von Dichtern in mehreren Sprachen besungen zu werden.[70] Die Façade des Gesandtschaftspalastes wurde an diesem hochwichtigen Tage mit geschmacklosen allegorischen Gemälden von riesenhafter Größe decorirt. Man sah hier den heiligen Georg mit dem Fuße auf dem Nacken des Titus Oates, und Herkules, wie er mit seiner Keule den protestantischen Tischler College zu Boden schlägt, der sich vergebens mit seinem Flegel zu vertheidigen sucht. Nach dieser öffentlichen Schaustellung lud Castelmaine alle damals in Rom anwesenden Notabilitäten zu einem Bankett in dem freundlichen und prächtigen Saale ein, den Peter von Cortona mit Gemälden von Scenen aus der Aeneide geschmückt hat. Die ganze Stadt drängte sich zu dem Schauspiele und nur mit Mühe konnte eine Compagnie der Schweizergarde die Ordnung unter den Zuschauern aufrechterhalten. Die Kavaliere des päpstlichen Hofstaates gaben hierauf ihrerseits dem Gesandten glänzende Gastmähler, und Dichter und Literaten überhäuften seinen Gebieter mit abgeschmackten und hyperbolischen Schmeicheleien, wie sie da am meisten floriren, wo Genie und Geschmack am tiefsten gesunken sind. An der Spitze der Schmeichler stand ein gekröntes Haupt. Mehr als dreißig Jahre waren verflossen, seit Christine, die Tochter des großen Gustav Adolph, freiwillig vom schwedischen Throne herabgestieqen war. Nach langen Wanderungen, während denen sie viele Thorheiten und Verbrechen begangen, hatte sie endlich in Rom ihren bleibenden Aufenthalt genommen, wo sie sich mit astrologischen Berechnungen und mit den Intriguen des Conclave beschäftigte und sich nebenbei mit Gemälden, Gemmen, Handschriften und Münzen die Zeit vertrieb. Jetzt dichtete sie einige italienische Stanzen zu Ehren des englischen Fürsten, der, wie sie selbst, einem Geschlecht von Königen entsprossen, welche zu ihrer Zeit als die Vorkämpfer der Reformation betrachtet wurden, sich, gleich ihr, mit der alten Kirche wieder ausgesöhnt hatte. Sie gab eine glänzende Gesellschaft in ihrem Palaste. Ihre in Musik gesetzten Verse wurden unter allgemeinem Beifalle vorgetragen und einer ihrer literarischen Günstlinge hielt über denselben Gegenstand eine Rede in so blühendem Style, daß er den Geschmack der englischen Zuhörer beleidigt zu haben scheint. Die dem Papste feindlich gesinnten, den Interessen Frankreichs ergebenen Jesuiten, denen jede Gelegenheit, Jakob Ehre zu erzeigen, willkommen war, empfingen den englischen Gesandten mit möglichstem Gepränge in dem fürstlichen Hause, wo die Überreste des Ignatius Loyola in einem Schrein von Lasurstein und Gold aufbewahrt werden. Bildhauerkunst, Malerei, Poesie und Beredtsamkeit wurden aufgeboten, um den Fremden zu bewillkommnen; aber alle diese Künste lagen tief im Argen. Es wurde viel schwülstige und unedle Latinität entfaltet, die eines so gelehrten Ordens unwürdig war, und einige von den die Wände zierenden Inschriften zeigten noch schlimmere Fehler als schlechten Styl. An einer Stelle war gesagt, daß Jakob seinen Bruder als Boten zum Himmel gesandt habe, an einer andren, daß Jakob die Schwingen geliefert, welche seinen Bruder in eine höhere Region emporgetragen. Außerdem gab es ein noch viel unglücklicheres Distichon, welches damals wenig beachtet wurde, dessen man aber einige Monate später mit boshaften Auslegungen gedachte. „O König,“ sagte der Dichter, „seufze nicht länger nach einem Sohne. Mag auch die Natur Deinen Wunsch nicht erfüllen, die Sterne werden Mittel finden, um ihn zu befriedigen.“
Inmitten dieser Festlichkeiten erfuhr Castelmaine schwere Kränkungen und Demüthigungen. Der Papst behandelte ihn mit äußerster Kälte und Zurückhaltung. So oft der Gesandte ihn um eine Antwort auf das zu Gunsten Petre’s gestellte Anliegen bat, bekam Innocenz einen heftigen Hustenanfall, der dem Gespräch ein Ende machte. Ganz Rom unterhielt sich von diesen sonderbaren Audienzen. Pasquino schwieg nicht und die ganze neugierige und geschwätzige Bevölkerung der müßigsten aller Städte, mit alleiniger Ausnahme der Jesuiten und der Prälaten der französischen Faction, lachte über Castelmaine’s verunglückte Mission. Sein von Natur unfreundlicher Character wurde bald auf’s Heftigste erbittert und er verbreitete eine Denkschrift mit Betrachtungen über den Papst. Dadurch gerieth er in eine schiefe Stellung, der kluge Italiener hatte einen Vortheil gewonnen und er ließ sich denselben nicht wieder entreißen. Er erklärte gerade heraus, die Regel, welche die Jesuiten von kirchlichen Würden ausschließe, dürfe zu Gunsten Petre’s nicht übertreten werden. Der immer mehr gereizte Castelmaine drohte jetzt Rom zu verlassen. Innocenz erwiederte ihm mit sanfter Impertinenz, die um so kränkender war, weil sie sich kaum von treuherziger Einfalt unterscheiden ließ. Seine Excellenz könne gehen, wenn es ihm beliebe. „Wenn wir ihn aber verlieren müssen,“ setzte der ehrwürdige Pontifex hinzu, „so hoffe ich wenigstens, daß er unterwegs seine Gesundheit schonen wird. Ein Engländer weiß nicht, wie gefährlich es ist, hier zu Lande während der Tageshitze zu reisen. Man thut am besten, wenn man vor Tagesanbruch aufbricht und zu Mittag Rast macht.“ Mit diesem wohlmeinenden Rathe und einem Rosenkranze wurde der unglückliche Gesandte entlassen. Wenige Monate darauf erschien eine pomphafte Geschichte seiner Sendung in einer prachtvollen Folioausgabe mit Kupferstichen in italienischer und englischer Sprache. Das Titelkupfer zeigte zum großen Ärgerniß aller Protestanten Castelmaine in der Peersrobe und mit der Adelskrone in der Hand, wie er Innocenz den Fuß küßt.[71]
[69.] Adda, 9.(19.) Nov. 1685.
[70.] Der Professor der griechischen Sprache am Kollegium De Propaganda Fide machte seiner Bewunderung in einigen abscheulichen Hexametern und Pentametern Luft, von denen folgende Probe genügen mag:
Ρωγερίου δὴ σκεψόμενος λαμπροῖο θρίαμβον,
Ὦκα μάλ’ ἤϊσσεν καὶ θέεν ὄχλος ἅπας·
Θαυμάζουσα δὲ τὴν πομπὴν, παγχρύσεά τ’ αὐτοῦ
Ἅρματα, τοὺς θ’ ἵππους, τοίαδε Ῥώμη ἔψη.
Die lateinischen Verse sind etwas besser. Nahum Tate stimmte auf Englisch ein:
Um etwas von dem Prachtzug zu erspähen,
Wie selbst in Rom noch Niemand ihn gesehen,
Drängt Alt und Jung sich nach der Thürme Zinnen
Und über jede Wange Freudenthränen rinnen.
[71.] Correspondenz Jakob’s und Innocenz’ im Britischen Museum; Burnet, I. 703—705; Welwood’s Memoirs; Commons’ Journals, Oct. 28. 1689; An Account of his Excellency Roger Earl of Castelmaine’s Embassy, by Michael Wright, chief steward of his Excellency’s house at Rome, 1688.
Achtes Kapitel.
Jakob II.
[ Inhalt.]
Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste. [Die] auffallende Unhöflichkeit des Papstes hätte wohl den sanftmüthigsten Fürsten reizen müssen. Auf Jakob aber machte sie keinen andren Eindruck, als daß er mit Schmeicheleien und Komplimenten noch verschwenderischer wurde. Während Castelmaine, das Herz von Zorn und Unwillen erfüllt, auf der Rückreise nach England begriffen war, wurde der Nuntius mit Ehrenbezeigungen überhäuft, die sein eigner Verstand verwerfen mußte. Er war in Folge einer bei der römischen Kirche häufig in Anwendung kommenden Fiction unlängst zur Bischofswürde ohne Bischofssitz erhoben worden. Jetzt wurde er zum Erzbischof von Amasia, einer Stadt am Pontus, dem Geburtsorte Strabo’s und Mithridates’, erhoben. Jakob bestand darauf, daß die Ceremonie der Consecration in der Kapelle des St. Jamespalastes stattfinden sollte. Der apostolische Vikar Leyburn und zwei irische Prälaten versahen den Dienst. Die Thüren wurden dem Publikum geöffnet und man bemerkte unter den Zuschauern einige von den Puritanern, die sich neuerdings dem Hofe angeschlossen hatten. Am Abend erschien Adda in seiner neuen Amtstracht im Gesellschaftszirkel der Königin. Jakob fiel angesichts des ganzen Hofes auf die Knie und bat um seinen Segen. Trotz aller Vorschriften der Etikette konnten die Umstehenden ihr Erstaunen und ihren Widerwillen nicht unterdrücken.[1] Es hatte in der That seit langer Zeit kein englischer Souverain vor einem Sterblichen gekniet und wer das sonderbare Schauspiel mit ansah, erinnerte sich unwillkürlich des schmachvollen Tages, an welchem Johann sich seine Krone von Pandolph aufs Haupt setzen ließ.
[1.] Barillon, 2.(12.) Mai 1687.
Sein officieller Empfang. — Der Herzog von Somerset. [Bald] darauf fand eine noch prächtigere Schaustellung zu Ehren des Heiligen Stuhles statt. Es wurde beschlossen, daß der Nuntius sich in feierlicher Prozession an den Hof begeben sollte. Bei dieser Gelegenheit zeigten mehrere Personen, auf deren Gehorsam der König gerechnet hatte, zum ersten Male eine Neigung zur Widersetzlichkeit. Der Hervorragendste unter ihnen war der zweite Peer des Königreichs, Karl Seymour, gewöhnlich der stolze Herzog von Somerset genannt. Er war in der That ein Mann, bei dem Geburts- und Rangstolz fast zu einer krankhaften Manie geworden war. Sein ererbtes Vermögen war der hohen Stelle, die er unter dem englischen Adel einnahm, nicht angemessen; aber durch seine Vermählung mit der Tochter und Erbin des letzten Percy, der die alte Krone von Northumberland trug, war er in den Besitz des größten Vermögens in England gelangt. Somerset war erst fünfundzwanzig Jahre alt und im Publikum noch wenig bekannt. Er war Kammerherr des Königs und Oberst eines der Regimenter, welche zur Zeit des Aufstandes im Westen neu errichtet worden waren. Er hatte kein Bedenken dagegen erhoben, bei feierlichen Gelegenheiten das Staatsschwert in die königliche Kapelle zu tragen; diesmal aber weigerte er sich entschieden, an dem Festzuge zu Ehren des Nuntius Theil zu nehmen. Einige Mitglieder seiner Familie baten ihn dringend, sich das königliche Mißfallen nicht zuzuziehen; aber ihr Bitten war fruchtlos. Der König setzte ihn nun selbst zur Rede. „Ich hätte geglaubt, Mylord,“ sagte er, „daß ich Ihnen eine große Ehre erzeigte, indem ich Sie dazu ausersah, den Gesandten des ersten aller gekrönten Häupter zu begleiten.“ — „Sire,“ entgegnete der Herzog, „ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich Eurer Majestät nicht gehorchen kann, ohne das Gesetz zu verletzen.“ — „Ich will Sie lehren, mich ebenso zu achten wie das Gesetz,“ erwiederte der König in hochfahrendem Tone. „Wissen Sie noch nicht, daß ich über dem Gesetz stehe?“ — „Eure Majestät mögen über dem Gesetz stehen, ich aber nicht, und wenn ich dem Gesetz gehorche, fürchte ich nichts.“ Der König entfernte sich höchlich erzürnt und Somerset wurde augenblicklich seiner Stellen im Hofstaate und in der Armee entsetzt.[2]
In einem Punkte zeigte jedoch der König einige Klugheit. Er wagte es nicht, den päpstlichen Gesandten in feierlichem Aufzuge der ganzen Bevölkerung der Hauptstadt vorzuführen. Die Ceremonie fand am 3. Juli 1687 in Windsor statt. Eine große Menschenmenge strömte nach dem Städtchen. Der Schaulustigen waren so viele, daß sie weder Speise und Trank noch ein Unterkommen fanden und eine Menge vornehmer Leute den ganzen Tag in ihrem Wagen zubringen mußten, um das Schauspiel mit anzusehen. Spät am Nachmittag endlich erschienen die Leute des Hofmarschalls zu Pferde. Hierauf folgte ein langer Zug von Läufern und dann in einem königlichen Staatswagen Adda im Purpurmantel und mit einem Brillantenkreuze auf der Brust. Hinter ihm fuhren die Equipagen der vornehmsten Hofkavaliere und der Staatsminister. Mit großem Mißfallen bemerkte das Volk in dem Zuge die Wappen und Livreen Crewe’s, Bischofs von Durham, und Cartwright’s, Bischofs von Chester.[3]
[2.] Memoirs of the Duke of Somerset; Citters, 5.(15.) Juli 1687; Eachard’s History of the Revolution; Clarke’s Life of James the Second, II. 116, 117, 118; Lord Lonsdale’s Memoirs.
[3.] London Gazette, July 7. 1687; Citters, 7.(17.) Juli; Bericht über die Ceremonie in den Somers’schen Schriften.
Auflösung des Parlaments. [Am] folgenden Tage erschien in der Gazette eine Proklamation, welche das Parlament auflöste, das von allen durch die Stuarts einberufenen Parlamenten das fügsamste gewesen war.[4]
Mittlerweile hatten sich neue Schwierigkeiten in Westminsterhall gezeigt. Erst vor wenigen Monaten waren mehrere Richter entlassen und andere an deren Stelle gesetzt worden, um in dem Prozesse gegen Sir Eduard Hales ein Erkenntniß zu Gunsten der Krone zu erlangen, und schon waren neue Änderungen nöthig.
[4.] London Gazette, July, 4. 1687.
Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen. [Der] König hatte kaum die Armee gebildet, auf die er zur Ausführung seiner Pläne namentlich rechnete, so erkannte er auch schon, daß er sie selbst nicht regieren konnte. Wenn ein Krieg im Lande wüthete, so konnte ein Meuterer oder Deserteur vor ein Kriegsgericht gestellt und das Urtel durch den Generalprofoß vollzogen werden. Aber man war jetzt im tiefsten Frieden. Das englische Landrecht, das aus einem Zeitalter herrührte, wo erforderlichenfalls Jedermann, Niemand aber beständig die Waffen trug, machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen einem Soldaten und jedem andren Unterthan, und es gab kein Gesetz ähnlich dem, durch welches heutzutage dem Souverain alljährlich die zum Oberbefehl über die reguläre Truppenmacht nöthige Autorität verliehen wird. Zwar erklärten einige alte Verordnungen die Desertion in gewissen angeführten Fällen für Felonie; aber diese Verordnungen galten nur für die Soldaten, welche dem Könige im wirklichen Kriege dienten und konnten nicht ohne die arglistigste Willkür so weit ausgedehnt werden, daß sie auch auf einen Mann Anwendung fanden, der in einer Zeit der vollständigsten inneren und äußeren Ruhe des Lagers von Hounslow überdrüssig wurde und daher in sein heimathliches Dorf zurückkehrte. Die Regierung hatte offenbar über einen solchen Mann keine andre Macht, als die, welche ein Bäcker- oder Schneidermeister über seine Gesellen hat. Er und seine Offiziere standen vor dem Gesetz auf gleicher Stufe. Fluchte er gegen sie, so konnte er wegen Schwörens mit einer Geldstrafe belegt werden; schlug er sie, so konnte er wegen thätlicher Mißhandlung verklagt werden. Das stehende Heer stand factisch unter einer milderen Disciplin als die Miliz, denn die Miliz war durch eine Parlamentsacte errichtet worden, in welcher zugleich bestimmt war, daß Disciplinarvergehen summarisch mit leichten Strafen geahndet werden könnten.
Es scheint nicht, daß die aus diesem Zustande des Gesetzes entspringenden praktischen Nachtheile sich unter der Regierung Karl’s II. sehr fühlbar gemacht hatten, was sich vielleicht dadurch erklären läßt, weil bis zum letzten Jahre seiner Regierung die Streitmacht, die er in England unterhielt, hauptsächlich aus Haustruppen bestand, welche einen so hohen Sold bekamen, daß die Entlassung aus dem Dienste von den Meisten sehr schmerzlich empfunden worden wäre. Eine Anstellung als Gemeiner in der Leibgarde war für den jüngeren Sohn eines Gentleman eine gute Versorgung; selbst die Fußgarden wurden so gut bezahlt als Fabrikarbeiter unter besonders günstigen Verhältnissen, und sie befanden sich daher in einer Lage, um die sie die große Masse der arbeitenden Bevölkerung wohl beneiden konnte. Die Rückkehr der Garnison von Tanger und die Errichtung der neuen Regimenter hatte eine große Veränderung herbeigeführt. Es gab jetzt in England viele Tausend Soldaten, welche nur acht Pence den Tag erhielten. Die Furcht vor der Verabschiedung war nicht mehr hinreichend, um sie der Dienstpflicht treu zu erhalten, und körperliche Strafen durften die Offiziere gesetzlich nicht zuerkennen. Jakob hatte daher nur die Wahl, entweder die Armee ihrer Auflösung entgegengehen zu lassen oder die Richter zu der Erklärung zu bewegen, daß das Gesetz das sei, was es, wie jeder Student wußte, nicht war.
Es war besonders wichtig, die Mitwirkung zweier Gerichtshöfe zu gewinnen: der Kings Bench, welche der erste Criminalgerichtshof des Landes war, und des Gerichtshofs für Leerung der Gefängnisse, der in der Old Bailey saß und über die in der Hauptstadt begangenen Vergehen abzuurtheilen hatte. In beiden Gerichtshöfen aber stieß man auf große Schwierigkeiten. Herbert, der Oberrichter der Kings Bench, wollte trotz aller bis dahin bewiesenen Servilität nicht weiter gehen. Ein noch entschiedenerer Widerstand war von Sir Johann Holt zu erwarten, der als Syndikus der City von London auf der Bank der Old Bailey saß. Holt war ein ausgezeichnet gelehrter und aufgeklärter Jurist, dabei ein rechtschaffener und muthiger Mann und seine politische Meinung hatte eine whiggistische Färbung, obgleich er sich von allem Parteitreiben stets fern hielt. Dem Willen des Königs mußten jedoch alle Hindernisse weichen. Holt wurde seines Syndikats entsetzt. Herbert und ein andrer Richter von der Kings Bench entfernt, und die erledigten Stellen mit Männern besetzt, auf die sich die Regierung verlassen konnte. Allerdings mußte man in ziemlich niedere juristische Regionen hinabsteigen, ehe man Leute fand, welche zu Dienstleistungen, wie man sie jetzt brauchte, bereit waren. Der neue Oberrichter, Sir Robert Wright, war sprichwörtlich ein Ignorant, und die Unwissenheit war noch nicht sein ärgster Fehler. Seine Laster hatten ihn zu Grunde gerichtet. Um sich Geld zu verschaffen, hatte er zu unredlichen Mitteln seine Zuflucht genommen und einmal einen falschen Eid abgelegt, um in den Besitz von fünfhundert Pfund zu gelangen. Arm, ausschweifend und schamlos war er einer von den Schmarotzern Jeffreys’ geworden, der ihn beförderte und verächtlich behandelte. Dies war der Mann, den Jakob zum Lord Oberrichter von England erkor. Ein gewisser Allibone, der in der Rechtskunde noch unwissender war als Wright und als Katholik eigentlich gar nicht fähig war, ein öffentliches Amt zu bekleiden, wurde zum Unterrichter der Kings Bench ernannt. Sir Bartholomäus Shower, als serviler Tory und langweiliger Redner gleich bekannt, wurde Syndikus von London. Nachdem diese Veränderungen bewirkt waren, wurden mehrere Deserteurs zur Untersuchung gezogen und dem Wortlaute und dem Geiste des Gesetzes zum Hohn für schuldig befunden. Einige von ihnen vernahmen ihr Todesurtheil vor den Schranken der Kings Bench, Andere vor den Schranken der Old Bailey. Sie wurden vor den Augen der Regimenter, denen sie angehört hatten, gehängt und dafür Sorge getragen, daß diese Hinrichtungen durch die London Gazette, welche derartige Vorgänge nur selten berichtete, zur Öffentlichkeit gelangten.[5]
[5.] Siehe Statutes 18 Henry 6. c. 19; 2 & 3 Ed. 6. c. 2.; Eachard’s History of the Revolution; Kennet, III. 468; North’s Life of Guildford, 247.; London Gazette, April 18. & May 23. 1687; Vindication of the E. of R. (Earl of Rochester.)
Verfahren der Hohen Commission. [Man] kann wohl denken, daß das Gesetz, das so gröblich von denjenigen Gerichtshöfen verletzt wurde, deren ganze Autorität sich auf dasselbe gründete und die es als Richtschnur zu betrachten pflegten, von einem durch tyrannische Willkür errichteten Tribunale eben so wenig geachtet wurde. Während der ersten Monate ihres Bestehens hatte die neue Hohe Commission Geistlichen nur die Ausübung ihrer Amtshandlungen verboten; die Eigenthumsrechte waren noch unangetastet geblieben. Zu Anfang des Jahres 1687 aber beschloß man auch gegen die Pfründeneinkünfte einen Schlag zu führen und jedem anglikanischen Priester und Prälaten die Überzeugung beizubringen, daß, wenn er seine Beihülfe zur Vernichtung der Kirche, deren Diener er war, verweigerte, er in einer Stunde zum Bettler gemacht werden würde.
Die Universitäten. [Es] würde der Klugheit angemessen gewesen sein, das erste Exempel an einem unbekannten Individuum zu statuiren. Die Regierung aber war in einer so unseligen Verblendung befangen, daß man dieselbe in einem naiveren Zeitalter als eine göttliche Strafe betrachtet haben würde. Es wurde daher ohne weiteres gleich von Anfang an den beiden ehrwürdigsten Korporationen des Reichs, den Universitäten Oxford und Cambridge, der Krieg erklärt.
Die Macht dieser beiden Körperschaften war schon seit vielen Jahrhunderten groß; in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber hatte sie ihren Höhepunkt erreicht. Kein Nachbarland konnte sich so glänzender und reicher Sitze der Wissenschaft rühmen. Die Hochschulen von Edinburg und Glasgow, von Leyden und Utrecht, von Löwen und Leipzig, von Padua und Bologna kamen Gelehrten, welche in den prächtigen Stiftungen Wykeham’s und Wolsey’s, Heinrich’s VI. und Heinrich’s VIII. gebildet waren, ärmlich vor. Literatur und Wissenschaft waren in dem akademischen Systeme Englands mit Gepränge umgeben, mit obrigkeitlicher Gewalt bekleidet und mit den vornehmsten Institutionen des Landes eng verbunden. Kanzler einer Universität zu werden, war eine Auszeichnung, nach der die Magnaten des Reichs eifrig strebten; eine Universität im Parlament zu vertreten, war das Lieblingsziel des Ehrgeizes von Staatsmännern. Edelleute und selbst Fürsten waren stolz darauf, wenn eine Universität ihnen das Recht verlieh, den Scharlach der Doctorwürde zu tragen. Die Neugierigen wurden von den Universitäten angezogen durch alte, mit mittelalterlichen Verzierungen reich ausgestattete Gebäude, durch neuere Gebäude, welche glänzendes Zeugniß von dem künstlerischen Genie eines Jones und Wren gaben, durch imposante Hallen und Kapellen, durch Museen, durch botanische Gärten und durch die einzigen öffentlichen Bibliotheken, welche das Königreich damals besaß. Der Prunk, den namentlich Oxford bei feierlichen Gelegenheiten entfaltete, wetteiferte mit dem souverainer Fürsten. Wenn der Kanzler, der ehrwürdige Herzog von Ormond, in seinem geflickten Mantel auf seinem Throne unter der gemalten Decke der Sheldon’schen Tribüne saß, umgeben von vielen hundert Graduirten in der ihrem verschiedenen Range entsprechenden Kleidung, während die vornehmsten Jünglinge Englands ihm als Bewerber um akademische Ehren feierlich vorgeführt wurden, spielte er eine kaum minder königliche Figur als sein Gebieter im Bankethause zu Whitehall. Auf den Universitäten waren fast alle ausgezeichneten Geistlichen, Rechtsgelehrten, Ärzte, Schriftsteller, Dichter und Redner des Landes und zum großen Theil auch der hohe Adel und die reiche Gentry gebildet. Auch ist zu bemerken, daß die Verbindung zwischen dem Schüler und der Schule durch seinen Abgang nicht aufgelöst wurde. Er blieb oft während seines ganzen Lebens Mitglied des akademischen Körpers und behielt bei allen wichtigen Wahlen eine Stimme. Er hing daher an seinem alten Lieblingsaufenthalte am Cam und Isis mit weit größerer Zuneigung, als gebildete Leute sie in der Regel zu ihren Bildungsstätten empfinden. Es gab in England keinen Winkel, wo nicht beide Universitäten dankbare und treuergebene Söhne gehabt hätten. Jeder Angriff auf die Ehre oder die Interessen von Cambridge oder Oxford mußte nothwendig den Unwillen einer mächtigen, thätigen und intelligenten Klasse erregen, die über alle Grafschaften, von Northumberland bis Cornwall, zerstreut war.
Die seßhaften Graduirten waren vielleicht im Ganzen genommen den seßhaften Graduirten unsrer Zeit nicht überlegen, aber im Vergleich zu den anderen Gesellschaftskreisen standen sie damals auf einer viel höheren Stufe; denn Cambridge und Oxford waren die beiden einzigen Provinzialstädte im ganzen Königreiche, wo man eine bedeutende Anzahl hochgebildeter Männer fand. Selbst die Hauptstadt hatte große Achtung vor der Autorität der Universitäten, nicht nur in Fragen der Theologie, der Naturwissenschaften und des klassischen Alterthums, sondern auch in solchen Angelegenheiten, in denen die Hauptstädte in der Regel für die höchsten Instanzen gelten wollen. Von Will’s Kaffeehaus und dem Parterre des Drurylanetheaters appellirte man noch an die beiden großen Nationalsitze des Geschmacks und der Gelehrsamkeit. Schauspiele, die in London mit enthusiastischem Beifalle aufgenommen worden waren, galten erst dann für außer Gefahr, wenn sie die strenge Prüfung eines mit Sophokles und Terenz vertrauten Zuhörerkreises bestanden hatten.[6]
Die englischen Universitäten hatten ihren großen moralischen und intellectuellen Einfluß energisch zu Gunsten der Krone angewendet. Das Hauptquartier Karl’s I. war in Oxford gewesen und die silbernen Krüge und Teller sämmtlicher Collegien waren zur Unterstützung seiner Kriegskasse eingeschmolzen worden. Cambridge war nicht weniger loyal gesinnt. Es hatte ebenfalls einen großen Theil seines Silbergeräths in’s königliche Lager gesandt, und der Rest würde auch nachgefolgt sein, wäre die Stadt nicht von den Parlamentstruppen genommen worden. Beide Universitäten waren von den siegreichen Puritanern mit der äußersten Strenge behandelt worden, beide hatten die Restauration mit Freuden begrüßt, beide hatten sich der Ausschließungsbill standhaft widersetzt und ihren tiefsten Abscheu über das Ryehousecomplot ausgesprochen. Cambridge hatte nicht nur seinen Kanzler Monmouth abgesetzt, sondern seinen Unwillen über den Verrath des Herzogs sogar in einer eines Sitzes der Gelehrsamkeit unwürdigen Weise zu erkennen gegeben, indem es die Leinwand, auf der Kneller seine einnehmende Physiognomie und Gestalt mit künstlerischer Vollendung dargestellt hatte, den Flammen übergab.[7] Oxford, das dem Herde des westlichen Aufstandes näher lag, hatte noch stärkere Beweise von Loyalität gegeben. Die Studenten hatten mit Bewilligung ihrer Professoren zu Hunderten die Waffen zur Vertheidigung der erblichen Thronrechte ergriffen. Und diese Körperschaften beschloß Jakob jetzt in offenem Widerspruch mit den Gesetzen und mit seinem verpfändeten Worte zu beschimpfen und zu berauben.
[6.] Dryden’s Prologe und Cibber’s Memoiren enthalten zahlreiche Beweise von dem Ansehen, welches der Geschmack der Oxforder bei den gefeiertsten Dichtern und Schauspielern genoß.
[7.] Siehe das Gedicht: Advice to the Painter upon the Defeat of the Rebels in the West, sowie noch ein andres ganz abscheuliches Gedicht über den nämlichen Gegenstand von Stepney, welcher damals am Trinity-Collegium studirte.
Verfahren gegen die Universität Cambridge. [Mehrere] Parlamentsacte, die so klar waren als nur irgend eine Verordnung des Gesetzbuches, hatten vorgeschrieben, daß auf beiden Universitäten Niemand zu irgend einem Grade zugelassen werden sollte, ohne den Suprematseid und einen andren ähnlichen Eid, der Gehorsamseid genannt, abgelegt zu haben. Dessenungeachtet wurde im Februar 1687 ein königliches Schreiben nach Cambridge gesandt, worin die Aufnahme eines Benedictinermönches, Namens Alban Francis, als Magister der freien Künste anbefohlen wurde.
Die akademischen Würdenträger, zwischen der Ehrerbietung gegen den König und der Achtung vor dem Gesetz schwankend, waren in großer Verlegenheit. Es wurden in aller Eile Boten an den Herzog von Albemarle gesandt, der Monmouth’s Nachfolger als Kanzler der Universität war, und er wurde dringend ersucht, dem Könige die Sache in geeigneter Weise vorzustellen. Unterdessen begaben sich der Registrator und die Pedelle zu Francis und erklärten ihm, daß er sogleich aufgenommen werden solle, wenn er die gesetzlich vorgeschriebenen Eide leiste. Er weigerte sich dessen, machte den Beamten Vorwürfe wegen ihrer Nichtachtung des königlichen Befehls, und da sie nicht nachgaben, reiste er auf der Stelle wieder ab, um sich in Whitehall zu beschweren.
Die Vorsteher der Collegien versammelten sich zu einer Berathung. Die Gutachten der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten wurden abgehört und sie sprachen sich entschieden zu Gunsten des beobachteten Verfahrens aus. Aber schon war ein zweites hochmüthiges und drohendes Schreiben von Sunderland unterwegs. Albemarle antwortete der Universität unter vielen Versicherungen seiner Theilnahme und seines Bedauerns, daß er alles Mögliche gethan habe, aber vom Könige sehr kalt und unfreundlich aufgenommen worden sei. Der akademische Körper, durch die königliche Ungnade erschreckt und von dem aufrichtigen Willen beseelt, den Wünschen Seiner Majestät nachzukommen, dabei aber auch fest entschlossen, das klare Gesetz des Landes nicht zu verletzen, unterbreitete die bescheidensten und ehrerbietigsten Auseinandersetzungen, aber ohne Erfolg. Bald darauf kam eine Vorladung, welche den Vicekanzler und den Senat auf den 24. April vor die Hohe Commission nach Westminster beschied. Der Vicekanzler sollte in Person erscheinen, der Senat, der aus allen Doctoren und Magistern der Universität besteht, eine Deputation senden.
Der Earl von Mulgrave. [Als] der festgesetzte Tag erschien, füllte sich der Sitzungssaal mit einer großen Zuschauermenge. Jeffreys fungirte als Präsident der Commission. Rochester war, seit ihm der weiße Stab abgenommen worden, nicht mehr Mitglied, anstatt seiner erschien der Lordkammerherr Johann Sheffield, Earl von Mulgrave. Das Schicksal dieses Edelmanns glich in einer Beziehung dem seines Collegen Sprat. Mulgrave schrieb Verse, die sich kaum über die absolute Mittelmäßigkeit erhoben, da er aber ein in den politischen und vornehmen Kreisen hochangesehener Mann war, so fanden seine Verse doch Bewunderer. Die Zeit zerstörte den Zauber, zu seinem Unglücke aber erst nachdem seine Gedichte bereits ein unveräußerliches Recht auf eine Stelle in allen Sammlungen englischer Dichtungswerke erlangt hatten. Dennoch werden bis auf den heutigen Tag seine, abgeschmackten Reimereien und seine jämmerlichen Lieder an Amoretta und Gloriana in Gesellschaft des „Comus“ und des „Festes Alexander’s“ immer wieder gedruckt. Die Folge davon ist, daß unsre Generation Mulgrave hauptsächlich als einen Dichterling kennt und ihn als solchen verachtet. Er war jedoch, wie selbst Diejenigen zugaben, die ihn weder liebten noch achteten, ein durch schöne Talente ausgezeichneter Mann und in der parlamentarischen Beredtsamkeit stand er kaum einem Redner seiner Zeit nach. Dagegen verdiente sein moralischer Character keine Achtung. Er war ein Wüstling, aber ohne jene Offenheit des Herzens und der Hand, welche zuweilen auch die Ausschweifung liebenswürdig, und ein stolzer Aristokrat ohne jene Hoheit der Denkungsart, welche zuweilen den aristokratischen Hochmuth achtungswerth macht. Die damaligen Satiriker gaben ihm den Spottnamen Lord Allpride (Ganzstolz). Sein Stolz vertrug sich indessen mit allen schmachvollen Lastern. Viele wunderten sich darüber, wie ein Mann, der ein so übertriebenes Gefühl seiner Würde zur Schau trug, in Geldangelegenheiten so zäh und knauserig sein konnte. Er hatte der königlichen Familie großes Ägerniß dadurch gegeben, daß er den Gedanken zu hegen wagte, das Herz und die Hand der Prinzessin Anna zu erobern. In dieser Hoffnung getäuscht, hatte er sich bemüht, durch kriechende Gemeinheit die durch Anmaßung verwirkte Gunst wieder zu gewinnen. Seine von ihm selbst verfaßte Grabschrift sagt noch heute jedem Besucher der Westminsterabtei, daß er in religiösen Dingen als Zweifler lebte und starb, und aus seinen hinterlassenen Memoiren ersehen wir, daß der römische Aberglaube ein Lieblingsthema seines Spottes war. Dennoch begann er unmittelbar nach Jakob’s Regierungsantritt eine starke Hinneigung zum Papismus zu zeigen und gerirte sich endlich privatim als Convertit. Der Lohn für diese verworfene Heuchelei war seine Anstellung bei der Hohen Commission.[8]
Vor diesem gefürchteten Tribunal erschien jetzt der Vicekanzler der Universität Cambridge, Doctor Johann Pechell. Er selbst war kein Mann von ausgezeichneter Befähigung und Energie, aber es begleiteten ihn acht vom Senat gewählte vorzügliche Akademiker. Einer davon war Isaak Newton, Fellow des Trinity-Collegiums und Professor der Mathematik. Sein Genie stand damals in seiner vollsten Kraft. Das große Werk, welches ihm die erste Stelle unter den Geometern und Naturforschern aller Zeiten und aller Nationen sichert, wurde seit einiger Zeit unter der Sanction der Königlichen Societät gedruckt und war seiner Vollendung nahe. Er war der entschiedenste Freund der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen Religion, aber seine Gewohnheiten machten ihn für die Kämpfe des praktischen Lebens durchaus nicht geeignet. Er verharrte daher in bescheidenem Stillschweigen unter den Delegirten und überließ anderen Männern, welche im Geschäftsleben mehr bewandert waren, die Aufgabe, seine geliebte Universität zu vertheidigen.
Es konnte keinen klareren Rechtsfall geben. Das Gesetz ließ keinen Zweifel zu und die Praxis hatte fast stets im Einklang mit dem Gesetz gestanden. Es konnte vielleicht schon vorgekommen sein, daß an einem besonders feierlichen Tage, wo viele Ehrengrade verliehen wurden, in der Menge Einer durchgeschlüpft war, der die Eide nicht abgelegt hatte; aber eine solche Unregelmäßigkeit, lediglich die Folge der Eil und Unachtsamkeit, konnte nicht als Vorgang geltend gemacht werden. Fremde Gesandte verschiedener Glaubensrichtungen, insbesondere ein Muselmann, waren ohne die Eide aufgenommen worden. Aber es war eine große Frage, ob solche Fälle im Bereiche der Ansicht und des Geistes der betreffenden Parlamentsverordnungen lagen. Es war nicht einmal behauptet worden, daß schon einmal Jemand, dem die Eide angesonnen wurden und der sie nicht leisten wollte, einen akademischen Grad erlangt habe, und in dieser Lage befand sich Francis. Die Delegirten erboten sich zu beweisen, daß unter der vorigen Regierung mehrere königliche Befehle unberücksichtigt geblieben waren, weil die empfohlenen Personen sich dem Gesetz nicht hatten fügen wollen, und daß die Regierung sich in solchen Fällen stets bei dem Verfahren der Universität beruhigt habe, da sie es als das richtige anerkennen mußte. Jeffreys aber wollte von nichts hören. Er kam bald dahinter, daß der Vicekanzler ein schwacher, unerfahrener und schüchterner Mann war und ließ daher der ganzen Unverschämtheit, welche so lange der Schrecken der Old Bailey gewesen war, freien Lauf. Der unglückliche Doctor, der an ein solches Auditorium und an eine solche Behandlung nicht gewöhnt war, wurde bald so eingeschüchtert, daß er gänzlich die Fassung verlor. Sobald andere zur Verfechtung ihrer Sache besser befähigte Akademiker das Wort ergreifen wollten, wurden sie auf die unsanfteste Weise zum Schweigen gebracht. „Sie sind nicht Vicekanzler; wenn Sie es einmal sein werden, dann mögen Sie sprechen, bis dahin aber geziemt es Ihnen, den Mund zu halten.“ Die Angeklagten wurden, ohne gehört worden zu sein aus dem Gerichtssaale gewiesen. Nach einer Weile wurden sie wieder hereingerufen und ihnen kundgethan, daß die Commission beschlossen habe, Pechell seiner Würde als Vicekanzler zu entheben und ihm alle Einkünfte vorzuenthalten, die er als Vorsteher eines Collegiums bezog und welche ganz den Character eines unantastbaren Eigenthums hatten. „Sie, meine Herren,“ sagte Jeffreys zu den Delegirten, „sind größtentheils Theologen, und ich will Sie daher mit einer Stelle aus der Schrift heimschicken: „Gehet hin und sündigt fortan nicht mehr, damit Euch nicht etwas Ärgeres widerfahre.“[9]
[8.] Mackay’s Character of Sheffield nebst Swift’s Note; Satire on the Deponents, 1688; Life of John, Duke of Buckinghamshire, 1729; Barillon, 30. Aug. 1687. Ich besitze ein handschriftliches Spottgedicht aus Mulgrave von 1690, das nicht ohne Witz ist. Die bemerkenswerthesten Zeilen sind diese:
Heut’ schmeichelt er dem Peters (Petre), morgen dem Burnet.
Fragt nicht nach Glauben und Partei, denn alle sind ihm gleich.
[9.] Siehe den Prozeß gegen die Universität Cambridge in der Collection of State Trials.
Zustand Oxford’s. [Man] sollte meinen, daß dieses Verfahren ungerecht und willkürlich genug war. Aber der König hatte schon angefangen, Oxford mit einer Strenge zu behandeln, im Vergleich zu welcher die gegen Cambridge bewiesene Milde genannt werden konnte. Schon war das University-Collegium durch Obadja Walker in ein römisch-katholisches Seminar verwandelt, schon stand das Christchurch-Collegium unter der Leitung eines römisch-katholischen Dechanten, schon wurde in diesen beiden Collegien täglich Messe gelesen. Die ruhige, majestätische Stadt, so lange das Bollwerk des monarchischen Prinzips, war von Leidenschaften aufgeregt, die sie bisher nie gekannt hatte. Die Untergraduirten verhöhnten mit stillschweigender Erlaubniß ihrer Vorgesetzten die Mitglieder von Walker’s Gemeinde und sangen Spottlieder unter ihren Fenstern. Einige Bruchstücke von den Serenaden, welche damals in High Street die Ruhe störten, sind der Nachwelt erhalten worden; der Refrain einer Ballade lautet:
„Der alte Obadja
singt Ave Maria.“
Als die Schauspieler nach Oxford kamen, äußerte sich die öffentliche Meinung noch stärker. Es wurde Howard’s „Comité“ gegeben. Dieses bald nach der Restauration geschriebene Stück stellte die Puritaner in einem gehässigen und verächtlichen Lichte dar und war deshalb seit einem Vierteljahrhundert ein Lieblingsstück des oxforder Publikums. Jetzt war es beliebter als je zuvor, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß eine der Hauptrollen ein alter Heuchler Namens Obadja war. Das Publikum brach in einen Beifallsjubel aus, als Obadja in der letzten Scene mit einem Strick um den Hals hereingeschleppt wurde, und der Applaus nahm zu, als einer der Schauspieler, von dem vorgeschriebenen Texte abweichend, ankündigte, daß Obadja wegen Glaubenabfalls gehängt werden solle. Der König war höchlich entrüstet über diesen Hohn. Die Stimmung der Universität war so rebellisch, daß eines der neu errichteten Regimenter, das welches gegenwärtig das zweite Gardedragonerregiment heißt, nach Oxford versetzt wurde, um einen Aufstand zu verhindern.[10]
Diese Vorgänge hätten Jakob überzeugen können, daß er einen Weg eingeschlagen hatte, der ihn ins Verderben führen mußte. An das Geschrei der Londoner war er schon längst gewöhnt. Es war zuweilen ungerechterweise, zuweilen vergebens gegen ihn erhoben worden; er hatte demselben wiederholt getrotzt und konnte ihm auch fernerhin trotzen. Daß aber Oxford, der Sitz der Loyalität, das Hauptquartier der Kavalierarmee, der Ort, wohin sein Vater und sein Bruder ihren Hof verlegten, wenn sie sich in ihrer stürmisch bewegten Hauptstadt nicht mehr sicher glaubten, der Ort, wo die Schriften der großen republikanischen Lehrer unlängst den Flammen überliefert worden waren, daß diese Stadt sich jetzt in einer unzufriedenen Gährung befand und die muthigen Jünglinge, die sich vor wenigen Monaten so eifrig als Freiwillige gemeldet hatten, um gegen die Insurgenten im Westen zu marschiren, jetzt nur mit Mühe durch Säbel und Karabiner im Schach gehalten wurden: das waren Zeichen von schlimmer Vorbedeutung für das Haus Stuart. Doch der abgestumpfte, starrsinnige und eigenwillige Tyrann beachtete den Warnungsruf nicht. Er hatte sich einmal vorgenommen, seiner Kirche die reichsten und glänzendsten Stiftungen Englands zu verschaffen. Umsonst machten ihm die besseren und verständigeren seiner römisch-katholischen Rathgeber Vorstellungen. Sie erklärten ihm, daß er der Sache seiner Religion viel nützen könne, ohne die Eigenthumsrechte zu verletzen. Eine Bewilligung von jährlich zweitausend Pfund aus seiner Privatchatulle würde hinreichen, um ein Jesuitencollegium in Oxford zu unterhalten, und diese Summe könne er leicht verschmerzen. Ein solches Collegium, mit tüchtigen, gelehrten und eifrigen Lehrern ausgestattet, würde ein gefährlicher Nebenbuhler für die alten akademischen Anstalten werden, welche nur zu deutliche Symptome einer von Reichthum und Sicherheit unzertrennlichen Erschlaffung zeigten. König Jakob’s Collegium würde bald selbst von den Protestanten hinsichtlich der Wissenschaften sowohl als auch der moralischen Zucht als die erste Bildungsanstalt der Insel anerkannt werden. Dies würde der wirksamste und zugleich glimpflichste Weg sein, um die anglikanische Kirche zu demüthigen und die römische zu Ansehen zu bringen. Der Earl von Ailesbury, einer der ergebensten Diener des königlichen Hauses, erklärte, daß er, obgleich Protestant und nicht reich, lieber selbst einen Beitrag von tausend Pfund zu diesem Zwecke hergeben wolle, als daß sein Gebieter die Eigenthumsrechte verletze und sein der Staatskirche gegebenes Wort breche.[11] Der Plan fand jedoch keinen Beifall in den Augen des Königs. Allerdings entsprach er auch in mehr als einer Beziehung seinem unfreundlichen Character nicht. Denn es machte ihm Vergnügen, den Sinn der Menschen zu beugen und zu brechen, und von seinem Gelde konnte er sich nur schwer trennen. Was er auf seine Kosten zu unternehmen nicht hochherzig genug war, das beschloß er auf Kosten Anderer durchzuführen. Wenn er einmal etwas begonnen hatte, so hielt sein Stolz und sein Starrsinn ihn ab, wieder zurückzutreten, und er ließ sich endlich Schritt für Schritt zu Handlungen türkischer Tyrannei verleiten, zu Handlungen, welche die Nation zu der Überzeugung bringen mußten, daß das Vermögen eines protestantischen Freisassen Englands unter einem römisch-katholischen König ebenso unsicher war, wie das eines Griechen unter der Herrschaft eines Moslem.
[10.] Wood’s Athenae Oxonienses; Apology for the Life of Colley Cibber; Citters, 2.(12.) März 1686.
[11.] Burnet, I. 697; Brief von Lord Ailesbury, abgedruckt im European Magazine, April 1795.
Das Magdalenen-Collegium in Oxford. [Das] Magdalenen-Collegium, gegründet im funfzehnten Jahrhundert von Wilhelm von Waynflete, Bischof von Winchester und Lordgroßkanzler, war eine der hervorragendsten unserer akademischen Institute. Ein schlanker Thurm, auf dessen Zinnen alljährlich am Morgen des ersten Mai von Choristen eine lateinische Hymne gesungen wurde, fesselte schon von weitem die Aufmerksamkeit des von London her kommenden Reisenden. Wenn er sich näherte, bemerkte er, daß dieser Thurm sich von einem mit Zinnen versehenen, zwar niedrigen und unregelmäßigen, aber doch sehr ehrwürdig aussehenden Gebäude erhob, das von Bäumen beschattet und von den trägen Fluthen des Chervell bespült wurde. Er trat durch einen Thorweg,[12] über dem eine stattliche Gallerie hinlief, in einen geräumigen Kreuzgang, der mit Emblemen der Tugenden und Laster, von den Bildhauern des funfzehnten Jahrhunderts roh in grauen Stein gemeißelt, verziert war. Der Tisch der Gesellschaft wurde in einem mit Gemälden und phantastischem Schnitzwerk reich ausgestatteten Refectorium gedeckt. Der Gottesdienst wurde früh und Abends in einer Kapelle gehalten, die von den Reformers und den Puritanern viel zu leiden gehabt hatte, aber trotz alledem ein wunderschönes Bauwerk war, das in unseren Tagen mit seltenem Geschmack und Geschick restaurirt worden ist. Die großen Gartenanlagen am Ufer des Flusses zeichneten sich durch hohe Bäume aus, unter denen ein Wunder der Pflanzenwelt unsrer Insel emporragte, eine riesige Eiche, welche hundert Jahre älter sein sollte, als das älteste Collegium der Universität.
Die Statuten der Gesellschaften bestimmten, daß die Könige von England und die Prinzen von Wales in dem Hause aufgenommen werden sollten, wie in ihrem eignen Palaste. Eduard IV. hatte das Gebäude bewohnt, als es noch nicht vollendet war. Richard III. hatte darin sein Hoflager gehalten, im großen Saale Disputationen mit angehört, war königlich bewirthet worden und hatte die Küche seiner Wirthe mit einem Geschenk von fetten Rehböcken aus seinen Forsten beehrt. Zwei muthmaßliche Thronerben, welche frühzeitig hinweggerafft wurden, Arthur, der ältere Bruder Heinrich’s VIII., und Heinrich, der ältere Bruder Karl’s I., hatten in dem Collegium studirt; ebenso auch ein andrer Prinz von Geblüt, der letzte und beste der römisch-katholischen Erzbischöfe von Canterbury, der menschenfreundliche Reginald Pole. Zur Zeit des Bürgerkriegs war das Collegium der Sache der Krone treu geblieben. Ruprecht hatte dort sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ehe er zu einigen seiner kühnsten Unternehmungen auszog, hatte man in den stillen Kreuzgängen seine Trompeter zum Aufbruch blasen hören. Die Mehrzahl der Fellows waren Theologen und konnten den König nur mit Gebeten und Geldspenden unterstützen. Doch einer von den Mitgliedern der Gesellschaft, ein Doctor des Civilrechts, warb eine Truppe Untergraduirter und fiel an ihrer Spitze im tapferen Kampfe gegen die Soldaten von Essex. Als die Feindseligkeiten beendigt und die Rundköpfe Herren von England waren, verweigerten sechs Siebentel der Mitglieder der usurpirten Gewalt ihre Unterwerfung. In Folge dessen wurden sie aus ihren Wohnungen vertrieben und ihrer Einkünfte beraubt. Nach der Restauration kehrten die noch Lebenden an ihren lieblichen Wohnsitz zurück. Eine neue Generation war auf sie gefolgt, die ihre Ansichten und ihren Muth geerbt hatte. Zur Zeit des Aufstandes im Westen hatten diejenigen Collegiaten, welche nicht durch Alter oder Beruf zum Gebrauche der Waffen unfähig waren, sich bereitwilligst erboten, für die Krone zu kämpfen. Es dürfte schwerlich im ganzen Königreiche irgend eine Korporation zu finden sein, welche gerechteren Anspruch auf die Dankbarkeit des Hauses Stuart gehabt hätte.[13]
Die Gesellschaft bestand aus einem Präsidenten, vierzig Fellow’s, dreißig Studenten (Demies, Halbe genannt) und einer Anzahl von Kaplanen, Schreibern und Chorsängern. Zur Zeit der Generalvisitation unter Heinrich VIII. waren die Einkünfte viel bedeutender als die jeder andren ähnlichen Stiftung des Landes, fast um die Hälfte größer als die der reichen Stiftung Heinrich’s VI. in Cambridge und über noch einmal so groß als die, welche Wilhelm von Wykeham seinem Collegium in Oxford vermacht hatte. In den Tagen Jakob’s II. war der Reichthum des Magdalenen-Collegiums enorm und wurde durch das Gerücht noch übertrieben. Das Collegium wurde allgemein für reicher als die reichsten Abteien des Continents gehalten. Wenn die Pachtgelder alle eingingen, hieß es unter dem Volke, so beliefen sich die jährlichen Einkünfte auf die ungeheure Summe von vierzigtausend Pfund Sterling.[14]
Die Collegiaten waren durch die von dem Begründer festgesetzten Statuten ermächtigt, sich ihren Präsidenten unter Personen, welche Mitglieder ihrer Gesellschaft oder des Neuen Collegiums waren oder gewesen waren, selbst zu wählen. Dieses Recht war in der Regel mit völliger Freiheit ausgeübt worden. Nur in einzelnen Fällen waren königliche Zuschriften gekommen, welche dem Collegium befähigte Personen anempfahlen, die bei Hofe in Gunst standen, und es war in solchen Fällen Sitte gewesen, auf die Wünsche des Souverains gebührende Rücksicht zu nehmen.
Im März 1687 starb der Präsident des Collegiums. Einer der Fellows, Doctor Thomas Smith, vom Volke spottweise Rabbi Smith genannt, ein ausgezeichneter Reisender, Büchersammler, Alterthumsforscher und Orientalist, der Kaplan bei der Gesandtschaft in Konstantinopel gewesen und mit der Vergleichung der alexandrinischen Handschriften beauftragt worden war, bewarb sich um den erledigten Posten. Er meinte als Gelehrter und als eifriger Tory einigen Anspruch auf die Begünstigung von Seiten der Regierung zu haben. Seine Loyalität war auch in der That so glühend und so unwandelbar, wie man sie in der ganzer englischen Kirche nur finden konnte. Er war lange mit dem Bischof Parker von Oxford intim befreundet gewesen und hoffte durch die Verwendung dieses Prälaten ein königliches Empfehlungsschreiben an das Collegium zu erhalten. Parker versprach sein Möglichstes zu thun, berichtete aber bald, daß er auf Schwierigkeiten gestoßen sei. „Der König,“ sagte er, „mag Niemanden empfehlen, der nicht ein Freund seiner Religion ist. Was können Sie in dieser Beziehung thun, um ihn zufrieden zu stellen?“ Smith antwortete, daß, wenn er Präsident werden sollte, er sich bemühen würde, Gelehrsamkeit, wahres Christenthum und Loyalität zu fördern. „Das wird nicht genügen,“ sagte der Bischof. „Nun so mag Präsident werden wer da will,“ versetzte Smith mannhaft; „ich kann nicht mehr versprechen.“
[12.] Dieser Thorweg ist jetzt verschlossen.
[13.] Wood’s Athenae Oxonienses; Walker’s Sufferings of the Clergy.
[14.] Burnet, I. 697; Tanner’s Notitia Monastica. Bei der Visitation im sechsundzwanzigsten Regierungsjahre Heinrich’s VIII. ergab es sich, daß die Einkünfte des Kings-Collegiums 751 Pfd. St., die des Neuen Collegiums 487 Pfd. St. und die des Magdalenen-Collegiums 1076 Pfd. St. betrugen.
Anton Farmer vom Könige als Präsident empfohlen. [Die] Wahl wurde auf den dreizehnten April festgesetzt und die Fellows aufgefordert, derselben beizuwohnen. Es ging die Rede, daß ein königliches Schreiben einlaufen werde, das einen gewissen Anton Farmer für die erledigte Stelle empfehle. Das Leben dieses Mannes war eine Reihenfolge ehrloser Handlungen. Er war Mitglied der Universität Cambridge gewesen und der Ausstoßung nur durch rechtzeitige freiwillige Entfernung entgangen. Dann hatte er sich den Dissenters angeschlossen und hierauf war er nach Oxford gegangen, um in das Magdalenen-Collegium einzutreten, wo er sich bald durch alle möglichen Laster auszeichnete. In der Regel taumelte er spät in der Nacht so betrunken, daß er nicht sprechen konnte, seinem Collegium zu. Es war allbekannt, daß er an der Spitze eines unehrenvollen Aufruhrs in Abingdon gestanden hatte, und er war ein regelmäßiger Gast bekannter Lieblingsorte von Wüstlingen gewesen. Endlich war er Kuppler geworden, hatte sogar die gewöhnliche Gemeinheit seines abscheulichen Gewerbes noch übertroffen und hatte von liederlichen jungen Leuten für Dienste, welche die Geschichte nicht gut erzählen kann, Geld genommen. Dieser erbärmliche Mensch war jetzt zum Papismus übergetreten. Sein Abfall sühnte alle seine Laster, und obgleich noch sehr jung, wurde er zum Vorsteher einer ernsten religiösen Gesellschaft empfohlen, in welcher das Ärgerniß, das er durch seine Lasterhaftigkeit gegeben, noch im frischen Andenken war.
Durch das allgemeine Landesgesetz war er als römischer Katholik von allen akademischen Ämtern ausgeschlossen, und da er niemals Fellow des Magdalenen-Collegiums noch des Neuen Collegiums gewesen, so hatte er der besonderen Verordnung Wilhelm’s von Waynflete gemäß gar kein Recht, sich um die erledigte Präsidentenstelle zu bewerben. Überdies hatte Waynflete den Mitgliedern seiner Stiftung noch ausdrücklich eingeschärft, daß sie bei der Wahl ihres Vorstehers namentlich auf seinen moralischen Character Rücksicht nehmen sollten, und hätte er auch keine derartige Weisung hinterlassen, so konnte eine meist aus Theologen bestehende Gesellschaft einem Mann wie Farmer schicklicherweise nicht die Leitung einer Bildungsanstalt übertragen.
Die Collegiaten stellten dem Könige ehrerbietigst vor, in welche Verlegenheit sie kommen würden, wenn das Gerücht, daß Farmer ihnen empfohlen werden sollte, sich als begründet erwies, und baten darum, daß Seine Majestät, wenn es ihm beliebe, sich in die Wahl einzumischen, ihnen einen Mann vorschlagen möchte, für den sie gesetzlicherweise und mit gutem Gewissen stimmen könnten. Von dieser ergebenen Bitte wurde keine Notiz genommen. Das königliche Schreiben lief ein. Der Überbringer desselben war ein Fellow des Collegiums, der unlängst Papist geworden war, Namens Robert Charnock, ein Mann von Talent und Geist, aber von heftigem und ruhelosem Temperament, das ihn einige Jahre später zu einem abscheulichen Verbrechen und zu einem entsetzlichen Schicksale trieb. Das Collegium versammelte sich am 13. April in der Kapelle. Man hatte noch immer einige Hoffnung, daß der König sich durch die an ihn gerichteten Vorstellungen werde bewegen lassen, und die Versammlung vertagte sich deshalb bis auf den 15. April, als den letzten Termin, an welchem die Wahl nach den Statuten des Collegiums stattfinden mußte.
Wahl des Präsidenten. [Der] 15. April erschien und die Collegiaten versammelten sich wieder in ihrer Kapelle. Von Whitehall war keine Antwort gekommen. Einige der älteren Mitglieder, darunter Smith, waren der Meinung, die Wahl lieber noch einmal zu verschieben, als einen Schritt zu thun, der den König möglicherweise beleidigen konnte. Aber die Sprache der Statuten war klar und die Mitglieder des Collegiums hatten sich eidlich verpflichtet, dieselben zu befolgen. Die Ansicht der Mehrheit war daher, daß kein weiterer Aufschub stattfinden dürfe. Es erfolgte eine heftige Debatte. Die Wähler waren zu aufgeregt, als daß sie hätten auf ihren Plätzen bleiben können; die ganze Kapelle war in Aufruhr. Diejenigen, welche für die Vornahme der Wahl stimmten, beriefen sich auf ihre Eide und auf die Verordnungen des Stifters, dessen Brot sie aßen. Sie behaupteten ganz richtig, der König habe nicht das Recht, ihnen selbst einen geeigneten Candidaten aufzudringen. In der Hitze des Streits fielen einige für toryistische Ohren anstößige Äußerungen und Smith ließ sich zu der Bemerkung verleiten, der Geist Ferguson’s habe sich seiner Collegen bemächtigt. Mit großer Stimmenmehrheit wurde endlich der Beschluß gefaßt, die Wahl unverzüglich vorzunehmen. Charnock verließ die Kapelle. Die übrigen Fellows gaben, nachdem sie vorher das Sakrament empfangen, ihre Stimmen ab. Die Wahl fiel auf Johann Hough, einen Mann von seltener Tugend und Besonnenheit, der, nachdem er Verfolgungen mit hohem Muthe und das Glück mit ernster Würde ertragen, zu hohen Ehren emporgestiegen und noch höhere bescheiden abgelehnt hatte, mehr als sechsundfünfzig Jahre nach diesem ereignißvollen Tage in hohem Alter, aber noch in voller Kraft des Geistes starb.
Die Gesellschaft beeilte sich, dem Könige die Umstände auseinanderzusetzen, welche es nothwendig gemacht hatten, ohne weiteren Verzug zur Wahl eines Präsidenten zu schreiten, und ersuchte den Herzog von Ormond als Kanzler der ganzen Universität, und den Bischof von Winchester als Visitator des Magdalenen-Collegiums, das Amt der Vermittelung zu übernehmen. Der König aber war viel zu aufgebracht und viel zu befangen, als daß er auf derartige Verstellungen hätte hören können.
Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die Hohe Commission geladen. [Anfangs] Juni wurden die Collegiaten vor die Hohe Commission nach Whitehall beschieden. Fünf von ihnen kamen als Deputirte der Korporation der Aufforderung nach. Jeffreys behandelte sie nach seiner gewohnten Manier. Als einer von ihnen, ein ehrwürdiger Doctor, Namens Fairfax, einigen Zweifel an der Rechtsgültigkeit der Commission äußerte, begann er zu brüllen wie ein wildes Thier: „Wer ist der Mann? Wer giebt ihm das Recht, hier unverschämt zu sein? Ergreift ihn und steckt ihn in ein finstres Zimmer! Wie kann man ihn ohne Wächter lassen? Er steht als Wahnsinniger unter meiner Aufsicht. Es wundert mich, daß noch Niemand bei mir darauf angetragen hat, daß er in sicheres Gewahrsam gebracht werde.“ Als aber der Sturm ausgetobt hatte und die Aussagen über den sittlichen Charakter des vom Könige empfohlenen Kandidaten verlesen waren, hatte keiner der Commissare die Frechheit zu behaupten, daß ein solcher Mensch sich zum Präsidenten eines großen Collegiums eigne. Obadja Walker und die übrigen oxforder Papisten, die sich eingefunden hatten, um ihren Proselyten zu unterstützen, waren nicht wenig bestürzt. Die Commission erklärte Hough’s Wahl für ungültig und suspendirte Fairfax von seiner Collegiatur; von Farmer aber war keine Rede mehr und im August kam ein königliches Schreiben an, welches dem Collegium den Bischof von Oxford, Parker, empfahl.
Parker zum Präsidenten empfohlen. [Parker] war kein erklärter Papist. Es lag jedoch ein Umstand gegen ihn vor, der, selbst wenn die Präsidentur erledigt gewesen wäre, hätte entscheidend sein müssen: er hatte weder dem Neuen Collegium noch dem Magdalenen-Collegium jemals angehört. Aber die Präsidentur war gar nicht erledigt, denn Hough war rechtskräftig gewählt und sämmtliche Mitglieder des Collegiums waren eidlich verpflichtet, ihn in seinem Amte zu erhalten. Sie entschuldigten sich daher mit vielen Versicherungen ihrer Loyalität und ihres Bedauerns, daß sie dem Befehle des Königs nicht Folge leisten könnten.
Die Karthause. [Während] Oxford so der Tyrannei energisch entgegen trat, leistete man an einem andren Orte nicht weniger tapferen Widerstand. Jakob hatte vor einiger Zeit den Administratoren der Karthause, Männern von hohem Rang und Ansehen im Königreiche, den Befehl gegeben, einen römischen Katholiken, Namens Popham, in das unter ihrer Verwaltung stehende Hospital aufzunehmen. Der Vorsteher der Anstalt, Thomas Burnet, ein durch Genie, Gelehrsamkeit und Tugend ausgezeichneter Geistlicher, hatte, obgleich der wilde Jeffreys im Collegium saß, den Muth, sie darauf aufmerksam zu machen, daß jene Zumuthung dem Willen des Stifters sowohl als einer Parlamentsacte zuwiderlaufe. „Was thut dies zur Sache?“ fragte ein dem Vorstande angehörender Höfling. „Ich meine, es thut sehr viel zur Sache,“ antwortete eine von Alter und Sorgen geschwächte Stimme, die aber in keiner Versammlung ohne Achtung gehört wurde, die Stimme des ehrwürdigen Ormond. „Eine Parlamentsacte,“ fuhr der Patriarch der Kavalierpartei fort, „ist meiner Ansicht nach keine Kleinigkeit.“ Es wurde die Frage gestellt, ob Popham zugelassen werden solle, und der Beschluß lautete auf seine Zurückweisung. Da der Kanzler seinem Grolle nicht wohl durch Fluchen und Verwünschungen gegen Ormond Luft machen konnte, so lief er in voller Wuth fort und mehrere von der Minorität folgten ihm. In Folge dessen blieb keine beschlußfähige Anzahl übrig und es konnte daher auf den königlichen Befehl keine formelle Antwort gegeben werden.
Die nächste Sitzung fand nur zwei Tage, nachdem die Commission Hough’s Wahl für ungültig erklärt und Fairfax suspendirt hatte, statt. Die Administratoren erhielten einen zweiten Befehl mit dem großen Staatssiegel; aber das tyrannische Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium hatte ihren Muth noch erhöht, anstatt ihn zu schwächen. Sie setzten ein Schreiben an Sunderland auf, durch welches er ersucht wurde, dem Könige mitzutheilen, daß sie im vorliegenden Falle Seiner Majestät nicht gehorchen könnten, ohne das Gesetz und ihre Amtspflicht zu verletzen.
Es dürfte kaum zu bezweifeln sein, daß, wenn diese Zuschrift nur von unbedeutenden Männern unterzeichnet gewesen wäre, der König irgend einen Gewaltschritt gethan haben würde. Aber selbst er erschrak beim Anblick der großen Namen Ormond, Halifax, Danby und Nottingham, der Oberhäupter aller Farben der großen Partei, der er seine Krone verdankte. Er begnügte sich deshalb, Jeffreys zu bedeuten, daß er das weiter einzuschlagende Verfahren in Erwägung ziehen solle. Einmal hieß es, es werde ein Prozeß bei der Kings Bench anhängig gemacht werden, ein andermal, die Kirchliche Commission werde den Fall in die Hand nehmen, aber diese Drohungen verstummten nach und nach wieder.[15]
[15.] A Relation of the Proceedings at the Charterhouse, 1689.
Rundreise des Königs. [Der] Sommer war jetzt weit vorgerückt und der König trat eine Reise an, die längste und glänzendste, die man seit vielen Jahren gesehen hatte. Am 16. August begab er sich von Windsor nach Portsmouth, besichtigte die Festungswerke, berührte einige mit Kröpfen Behaftete und fuhr dann in einer seiner Yachten nach Southampton. Von hier reiste er nach Bath, wo er sich einige Tage aufhielt und die Königin zurückließ. Als er wieder abreiste, begleiteten ihn der Obersheriff von Somersetshire und eine große Anzahl Gentlemen bis an die Grenze der Grafschaft, wo ihn der Obersheriff von Gloucestershire mit einem nicht minder glänzenden Gefolge erwartete. Der Herzog von Beaufort kam bald darauf den königlichen Equipagen entgegen und geleitete dieselben nach Badminton, wo ein des Rufes, den sich der Herzog durch seinen glänzenden Haushalt erworben hatte, würdiges Mahl für ihn angerichtet war. Am Nachmittag ging der Zug weiter nach Gloucester. Zwei Meilen vor der Stadt wurde er vom Bischofe und der Geistlichkeit bewillkommnet. Am Südthore erwartete ihn der Mayor mit den Schlüsseln. Die Glocken gingen und aus allen Röhrtrögen floß Wein, während der König durch die Straßen nach dem Platze zog, der die ehrwürdige Kathedrale umgiebt. Er übernachtete in der Dechanei und brach am folgenden Morgen nach Worcester auf. Von Worcester ging er nach Ludlow, Shrewsbury und Chester, und wurde überall mit äußeren Zeichen der Freude und Ehrerbietung empfangen, die er schwach genug war, als Beweise zu betrachten, daß die durch seine Maßregeln hervorgerufene Unzufriedenheit gedämpft sei und ihm ein leichter Sieg bevorstehe. Der scharfblickendere Barillon benachrichtigte Ludwig, daß der König in einer Täuschung befangen sei, daß die Reise keinen wirklichen Nutzen gebracht habe und daß die nämlichen Gentlemen von Worcestershire und Shropshire, die es für ihre Pflicht gehalten, ihren Souverain und Gast mit allen Ehrenbezeigungen zu empfangen, sich so widerspenstig als je zeigen würden, wenn die Testangelegenheit zur Sprache käme.[16]
Unterwegs schlossen sich dem königlichen Zuge zwei Höflinge an, die in Character und Meinungen weit von einander verschieden waren. Penn war auf einer geistlichen Hirtenreise in Chester. Seine Popularität und sein Ansehen waren unter seinen Glaubensbrüdern tief gesunken, seitdem er ein Werkzeug des Königs und der Jesuiten geworden war.[17] Jakob aber nahm ihn sehr freundlich auf und er durfte am Sonntage im Ballhause einen Vortrag halten, während Cartwright in der Kathedrale predigte und der König an einem in der Grafschaftshalle errichteten Altare die Messe hörte. Man sagt sogar, Seine Majestät habe geruht, einen Augenblick in das Ballhaus einzutreten und der melodischen Beredtsamkeit seines Freundes mit Anstand zuzuhören.[18]
Der wüthende Tyrconnel war von Dublin über den Kanal gekommen, um von seiner Verwaltung Bericht zu erstatten. Alle achtungswertheren englischen Katholiken behandelten ihn als einen Feind ihres Stammes und als eine Schande ihrer Religion mit Kälte. Sein Gebieter aber hieß ihn herzlich willkommen und entließ ihn mit Versicherungen seines ungeschwächten Vertrauens und seiner steten Unterstützung. Jakob vernahm mit großer Freude, daß bald die ganze Verwaltung Irlands in römisch-katholischen Händen sein werde. Die englischen Ansiedler waren schon ihrer ganzen politischen Macht beraubt, es blieb nur noch übrig, sie auch ihres Eigenthums zu berauben, und diese letzte Gewaltthat wurde so lange aufgeschoben, bis man sich die Mitwirkung eines irischen Parlaments gesichert haben würde.[19]
Von Cheshire wendete sich der König nach dem Süden und in der festen Überzeugung, daß die Fellows des Magdalenen-Collegiums es trotz ihres widerspenstigen Geistes nicht wagen würden, einem ihnen mündlich gegebenen Befehle den Gehorsam zu verweigern, reiste er nach Oxford. Auf dem Wege dahin machte er einige kleine Abstecher nach Orten, die ihn als König, als Bruder und als Sohn besonders interessirten. Er besuchte das gastliche Dach von Boscobel und die Überreste der Eiche, die in der Geschichte seines Hauses eine so wichtige Rolle spielt. Er fuhr über das Schlachtfeld von Edgehill, wo die Kavaliere zuerst mit den Soldaten des Parlaments die Schwerter kreuzten. Am 3. September speiste er mit großem Gepränge im Palast von Woodstock, einem alten berühmten Schlosse, von dem kein Stein mehr vorhanden ist, dessen Lage aber noch heute auf der Wiese des Blenheimparks durch zwei unweit der stattlichen Brücke stehende Platanen bezeichnet wird.
[16.] London Gazette vom 18. Aug. bis 1. Sept. 1687; Barillon, 19.(29.) Sept.