Die seltsamen Geschichten
des
Doktor Ulebuhle

Zeichnungen
von
Edmund Fürst

Die seltsamen Geschichten
des
Doktor Ulebuhle

Ein
Jugend- und Volksbuch

von
Bruno H. Bürgel

1920
Verlag Ullstein & Co, Berlin

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Ullstein & Co
Berlin

Inhalt

Ein Vorwort für die Großen[VII]
Vom Doktor Ulebuhle[1]
Die versunkene Stadt[6]
Der Wassertropfen[16]
Gespenster-Heinrich[30]
Der Diamant und seine Brüder[44]
Der alte Baum[56]
Johann der Wunderbare[60]
Das Zündholz und die Kerze[73]
Der Weltuntergang[83]
John Dolland, der Taucher[87]
Das Herz und die Taschenuhr[110]
Ein Tag auf dem Monde[115]
Die Schwalbe und der Telegraphenpfahl[135]
Der Eisberg[142]
Die Busennadel[151]
Der Tod in der Flasche[161]
Als die Sonne feierte[176]
Der gläserne Sarg[184]
Gebrüder Sturm[188]
Die sonderbare Welt[211]

Ein Vorwort für die Großen

Der deutschen Kinderwelt steht eine Fülle von wundervollen Märchendichtungen zur Verfügung. Sie alle sind so gemütvoll, anziehend und phantasiereich, ja zum Teil (insbesondere für den Erwachsenen) so reich an ernsten Gedankengängen, daß sie auch in unserer immer materialistischer werdenden Zeit das Herz des Kindes wie des Erwachsenen, der sich ein Plätzchen für das Stille und Beschauliche bewahrt hat, mit Freude erfüllen werden.

Dennoch entgeht es wohl dem tiefer Blickenden nicht, daß die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere die Großstadtjugend, und auch da wieder vor allem die Buben, sobald der erste Schmelz der Kindlichkeit dahin ist, kein rechtes Verhältnis mehr zu diesen Märchen gewinnt. Es geht dem alten poesievollen Märchen so ähnlich wie dem so reizenden Kasperletheater unserer eigenen Jugendtage: Die oft recht wenig poesievolle und noch weniger zum Kinderherzen sprechende flimmernde Leinwand hat es zum alten Eisen geworfen.

Die Zeiten haben sich geändert! Man kann das bedauern, aber schwer ungeschehen machen. Das Kind des zwanzigsten Jahrhunderts hat einen starken Wirklichkeitssinn und eine große Hinneigung zu technischen Dingen, mit denen es ja auch tagtäglich – zum mindesten in größeren Orten – in engste Berührung kommt. Kein Wunder, daß es mit einer mechanischen Eisenbahn lieber spielt als mit dem hölzernen Harlekin, der einmal unsere Freude war, und kein Wunder auch, wenn es spannend geschriebene Erzählungen, in denen moderne technische Wunder und aufregende Abenteuer eine Rolle spielen, lieber liest als das Märchen vom Wolf und vom Rotkäppchen, das sein Wirklichkeitssinn einfach als „unsinnig“ beiseite schiebt, während wir Großen erst wieder das Symbolische darin zu würdigen wissen.

Aus solchen Erwägungen heraus sind die vorliegenden Geschichten entstanden. Es sind gewissermaßen naturwissenschaftliche Märchen. Märchen nur der Form nach; ihr Kern besteht aus leicht faßlichen naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen und Erfahrungen, und wenn die Kinder dieses Buch mit einigem Interesse (wie ich hoffen darf) gelesen haben werden, so haben sie eine ganze Masse dabei gelernt und sich doch gut unterhalten. Auch der Humor und eine kleine moralische Nutzanwendung kommen da und dort zu ihrem Recht.

Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren zum erstenmal den Versuch machte, in der hier vorgetragenen Weise das „Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts“ zu schaffen, fanden die wenigen Proben eine so allgemein günstige Aufnahme, daß ich den oft mir geäußerten Wünschen, einen ganzen Band solcher Erzählungen herauszugeben, glaubte nachkommen zu sollen. Wozu mir schöne Friedensjahre nicht Zeit ließen, das entstand dann in langen Kriegsjahren draußen „an französischen Kaminen“. Im Kriege ersonnen, in Revolutionstagen niedergeschrieben, mögen diese Erzählungen, das ist mein Wunsch, den deutschen Kindern, die nicht minder schwer als wir Großen die Härte der Zeit gespürt, ein wenig Freude und ein wenig Sonnenschein bringen.

Bruno H. Bürgel

Neubabelsberg bei Potsdam

Vom Doktor Ulebuhle

Meine lieben jungen Freunde! Ehe ihr nun die Geschichten des Doktor Ulebuhle lest, wollt ihr sicher auch wissen, wie sie denn zustande gekommen sind, und was es mit dem Ulebuhle für eine Bewandtnis hat. Eigentlich hieß er gar nicht so, und wie in Wahrheit sein Name war, das haben die Kinder nie erfahren, oder sie hatten es wieder vergessen, aber so viel weiß ich, daß er ein schnurriger Kerl war, so schnurrig wie der Name, den ihm die Leute gegeben hatten.

Da unten im Harzgebirg mit seinen dunklen Tannenbergen liegt die alte Kaiserstadt Goslar, mit ihren uralten spitzen Türmen, seltsamen Torbogen und engen Gassen mit wunderlichen, jahrhundertealten Häusern am Fuße des Rammelsberges, in dem tief, tief unter der Erde die Bergleute pochen. Vor vielen Jahren lebte da der Doktor Ulebuhle. Er bewohnte ganz allein eines jener etwas windschiefen, mittelalterlichen Häuser, die verwundert aus ihren vom Alter fast erblindeten winzigen Fensterchen in die neue Zeit hineinblinzeln. Oben auf dem Hause war ein Turm, gedeckt mit lauter Schiefertafeln, fast so wie die, mit denen wir Buben zur Schule zogen, und da oben hatte Ulebuhle ein großes Fernrohr stehn, mit dem man den Mond und die Kometen betrachten konnte. Und dann waren da im Hause ein paar ganz einfache Zimmerchen, mit alten Möbeln und seltsamen Uhren und allerlei Schnickschnack, und eines davon war ganz mit Büchern vollgestopft, daß man nicht wußte, wohin man treten und wohin man sich setzen könnte. Nebenan sah es noch viel toller aus! Das wahre Museum. Ausgestopfte Tiere, versteinerte Fische und Schnecken, Tiergeripp und Totenbein, und Schmetterlingssammlungen und seltene Käfer. Erdglobus und Himmelsglobus, Elektrisiermaschinen und Mikroskope, hundert Instrumente und weiß der Teufel was noch für Krimskrams.

Und da hauste der alte Ulebuhle ein Leben lang wie ein Maulwurf in seinem Bau. Er hatte keine Frau und keine Kinder; ein ganz altes Weiblein mit einer großen schwarzen Haube besorgte alles und war der einzige Mensch, mit dem sich Ulebuhle vertrug, denn er war ein rechter alter Knurrhahn.

Und wenn ihr nun fragt, wie er ausgesehen hat, der Doktor Ulebuhle, so muß ich sagen, höchst schnurrig! Er war so groß, daß er kaum durch die niederen Türen des alten Hauses ging, und dürr wie ein Pfeifenrohr. Das Alter hatte sein Gesicht in tausend Runzeln zerrissen, es war bartlos und von vielem Tabakrauch gebräunt wie eine alte Meerschaumpfeife, und eisengraues Haar bedeckte das Haupt. Was aber ganz putzig aussah und uns Kindern als das Sonderbarste vom Sonderbaren erschien, das war das kleine Zöpfchen, das dem guten Ulebuhle hinten über den Rockkragen baumelte. Ein Zöpfchen, nicht länger und kaum dicker als ein Rattenschwanz, eisengrau, und mit einer winzigen schwarzen Schleife nahe der Spitze. Mein Vater sagte mir zwar, und aus alten Büchern könnt ihr das ja auch an den Bildern sehen, früher hätten die Männer alle so kleine Zöpfchen getragen, und der gute alte Ulebuhle, der schon fast siebenzig Jahre alt war, habe es sich nur nicht mehr abgewöhnen wollen, als die neue Mode kam und eines Tages schnipp-schnapp die ganzen Zöpfe von der großen Schere der Zeit weggeputzt wurden, aber das ist egal, es sah doch zu schnurrig aus. Zudem trug er auch noch eine mächtige Hornbrille, mit großen runden Gläsern, und wenn er dann so bedächtig mit den Augendeckeln klappte, dann sah das in Verbindung mit der Brille und der scharfen Hakennase aus wie bei einer Eule oder „Ule“, wie die Leute da unten sagen. So aber war auch sein seltsamer Name entstanden. Eigentlich hieß er nur Doktor Buhle, für uns aber war er nur der Ule-Buhle, und dabei blieb es!

In einem langen grauen zugeknöpften Rock, Sommer und Winter mit buntkarrierten Filzschuhen an den Füßen, saß der Doktor Ulebuhle so, aus der langen Pfeife blaue Rauchwolken von sich stoßend, über seinen Büchern, seinen Instrumenten, und kümmerte sich um keinen Menschen in der weiten Welt.

Aber wenn er auch wunderlich aussah, und wenn die Leute auch verstohlen über ihn lachten, sie zogen doch tief den Hut vor ihm, wenn er mal aus dem Fenster schaute oder in seinem Garten die Bäume beschnitt, denn er war ein Mann, der so viel wußte wie keiner in weiter Runde, die Lehrer und den Pfarrer, die Ärzte und den Bürgermeister mit eingeschlossen, und das will was heißen, denn von denen wollte doch auch einer immer mehr wissen wie der andere. Er hatte viele gelehrte Bücher geschrieben, und aus fernen Ländern schickten berühmte Professoren, die so weise waren, daß sie sich Tonnenbänder um den Kopf legen lassen mußten, damit er nicht vor lauter Wissen auseinandersprang, Briefe an unseren Ulebuhle und baten um seinen Rat.

Wie aber, so werdet ihr fragen, kam nun der Doktor Ulebuhle dazu, diese Geschichten zu erzählen?

Das ging so zu: Da, wo das Haus des Doktor Ulebuhle stand, war ein freier Platz, und ein Brunnenbecken stand darauf. Hier aber versammelten wir Kinder uns am liebsten und lärmten da umher, wie eine Schar Spatzen im Kirschenbaum. Das aber war schrecklich für den Alten! Es störte ihn ganz gräßlich bei seinem gelehrten Tun, und als all sein Schimpfen nichts half, da versuchte er es auf einem anderen Wege. Er ließ uns einst, als wir an einem Sommerabend wieder um den Brunnen jagten, von der alten Dienerin heraufholen, was ihm aber nur bei den Mutigsten zunächst gelang. Mit einem seltsamen Schauder und mit einer noch größeren Neugierde betraten wir das sonst so fest für jedermann verschlossene Haus. Ulebuhle aber hielt uns eine lange Rede. Wir wären zwar allesamt Taugenichtse, die noch einmal ein übles Ende nehmen würden, sagte er in einem seltsam knurrigen Ton, aber er wolle uns alle Sonntagabend bei Kuchen und Tee schöne Geschichten erzählen, durch sein Fernrohr den Mond und die Sterne zeigen und andere Dinge, wenn wir versprächen, künftig nicht mehr um den Brunnen zu tollen und Bälle in den Garten zu werfen.

Und so geschah’s! Erst kamen nur wenige, dann mehr, und schließlich alle. Und die Geschichten waren sehr interessant, der Kuchen voller Rosinen, und um den Brunnen war es still geworden, denn keiner wollte es mit Ulebuhle verderben. Dieser aber war ein kluger Mann! Das waren keine gewöhnlichen Märchen, die er da erzählte, keine von Hexen und Menschenfressern, von Prinzessinnen und verwunschenen Froschkönigen und all solchen Dingen, die es gar nicht gibt, sondern es waren Geschichten, aus denen wir Kinder viel lernen konnten und viel gelernt haben, und nur scheinbar waren es Märchen. So wie der Apotheker eine bittere Pille, die uns kurieren soll, mit einer Zuckerhülle umgibt, damit wir sie bereitwilliger schlucken, umgab der gelehrte Doktor seine Erzählungen von all den wunderbaren Dingen der Natur mit einem Märchenkleid.

Was ich behalten habe von diesen Geschichten, das habe ich hier niedergeschrieben, und wenn ihr sie alle gelesen haben werdet, so habt ihr eine ganze Masse gelernt von Sonne, Mond und Sternen, von Wolken, Regen, Schnee und Wind, von Feuerbergen und Meerestiefen.

Wenn ihr aber etwas nicht verstanden habt oder mehr davon wissen möchtet, dann schreibt mir nur und denkt, ich wäre der Ulebuhle selber, und dann will ich mir die Hornbrille aufsetzen, es sorgfältig lesen und euch antworten, wenn auch nicht so knurrig und brummig wie Doktor Ulebuhle.

Die versunkene Stadt

«Ach, da unten im Süden ist es herrlich! So tiefblau ist der Himmel, wie wir Nordländer ihn gar nicht kennen. Eine warme Luft weht herüber vom Mittelländischen Meere, und wundervolle Blumen blühen. Lorbeerhaine stehen am Ufer, und in sonnigen Gärten leuchten Apfelsinen- und Zitronenbäume. Ja, es ist herrlich da unten im Lande Italien.

Seht, da pflügte an einem schönen Frühlingstage ein Bauer das Feld. Er zog das blanke Eisen durch die dampfende Erde, die ein warmer Regen aufgeweicht, und rauchte vergnüglich seine Tonpfeife. Das war nicht weit von dem spitzen Kegelberge, der da hoch aufragt wie ein mächtiger, umgestülpter Napfkuchen, und den die Leute „Vesuv“ nennen. Und was der Bauer konnte, das konnte der Berg auch! Eine feine Rauchsäule stieg aus seinem Gipfel, denn er ist ein feuerspeiender Berg und ein gefährlicher Bursche. Wenn er seinen Rappel kriegt, rumort er plötzlich los. Mit Blitz und Donner fährt das glühende Teufelszeug aus ihm heraus, heiße Asche und brennende Steine sausen durch die Luft und zerstören alles ringsum. Dann ist der tiefblaue Himmel verschwunden, die Lorbeerhaine verbrennen, die Apfelsinen- und Zitronengärten werden im heißen Schlamm begraben. Ach, dann ist es nicht mehr herrlich da drunten im Süden, im Lande Italien.

Der Berg raucht, aber ganz friedlich nur, und der Bauer raucht unbekümmert um ihn sein Pfeifchen, da fährt sein blankes Pflugeisen gegen ein hartes Ding. Ein Stein, denkt er und bückt sich, ihn aus dem Wege zu räumen. Aber wie er das Ding aufheben will, ist es eine wunderschöne Bronzekanne, ein metallener Krug, wundervoll verziert. Wenn man die Erde und Asche abscheuert, die ihn mit dicker Kruste überzieht, sieht man, daß er uralt ist, so, wie ihn die Menschen heute nicht mehr herstellen.

Der Bauer freut sich wie ein König. Das ist eine gar seltene Erdfrucht, denkt er, und nachdem er den Krug lange genug betrachtet, stellt er ihn behutsam seitwärts. Sein Weib wird sich freuen, ein so feines Ding auf ihrem Schrank zu haben.

Der Bauer pflügt und pflügt, und als der Mittag kommt und er eben aufhören will mit seiner Arbeit, da sitzt das Eisen wieder fest und will sich nicht mehr lösen. Ei, denkt der Bauer, bin ich ein Schatzgräber heute! Er holt seinen Spaten und gräbt das Ding heraus. Was ist es? Ein riesiger Metall-Leuchter mit fünf Armen und Löwenfüßen, und ist wohl einen Meter groß und so schwer, daß man ihn kaum heben kann.

Der Bauer ist ein Pfiffikus. Er schiebt den Strohhut in den Nacken und überlegt. Wo das gesteckt hat, kann noch mehr stecken, sagt er zu sich, und so gräbt er im Schweiße seines Angesichts immer tiefer auf seinem Acker und sieht, daß da unten alles Asche ist, Asche, die der feuerspeiende Berg wohl vor vielen Jahrhunderten ausgeworfen hat. Einen niedlichen Handspiegel findet er noch, und ganz unten stößt er auf Mauerwerk und kann nicht weiter. Tief da unten muß also einmal ein Haus gestanden haben, sagt sich der Bauer, denn wo wollte sonst das Mauerwerk herkommen?

Da lädt er denn Krug und Leuchter und Spiegel auf seinen Wagen und fährt vergnügt nach Hause. Ja, das war mal ein Glückstag für einen armen kleinen Bauersmann da drunten am Fuße des Feuerberges!

Die Bäuerin ist voll Staunen über die schönen Sachen und stellt sie stolz in ihre gute Stube, aber sie sind so schön, daß man merkt, sie gehören gar nicht hin, wo die alten wackligen Tische, die Stühle mit dem Strohgeflecht stehen.

Der Bauer sucht noch morgen und übermorgen, aber er findet nichts mehr. Am Abend sitzt er vor seinem Häuschen, schmaucht seine Pfeife und flickt am Sattelzeug seines Esels. Sieh, da staubt es auf der Landstraße, und eine Kutsche, mit zwei schönen Pferden bespannt, kommt dahergerollt.

Ein vornehmer Mann sitzt darin. Der Bauer grüßt und der Vornehme grüßt freundlich wieder. Er läßt halten.

„Kann man einen guten Schluck Landwein bei Euch haben, guter Mann?“ fragt der Vornehme.

„Ei freilich, Euer Ehren!“ antwortet der Bauer.

Da steigt der Mann aus seinem Wagen und geht in das Haus. Er trinkt sein Gläschen Wein und sieht verwundert Leuchter und Kanne und Spiegel und betrachtet sie von allen Seiten rundum, wieder und immer wieder.

„Freund,“ sagt er endlich zu dem Bauer, „wo habt Ihr diese Dinge her? Das ist uralte wunderbare Arbeit. Vor Jahrhunderten, wenn nicht vor Jahrtausenden muß diese Gegenstände ein Künstler geschaffen haben. Sie sind einen Scheffel Silber wert, und wie kommt es, daß sie in Eurem bescheidenen Hause stehen?“

Ein Wort gibt das andere, der Bauer will erst nichts von seinem Geheimnis erzählen, aber als er merkt, daß der Vornehme ein Mann von der Regierung ist, da berichtet er, wie alles hergegangen.

Der Fremde nickt und hat verstanden, und dann sagt er, daß er wiederkommen werde, und bedeutet dem Bauer, seine Schätze wohl aufzuheben, denn man würde sie ihm zu hohem Preise abkaufen. Dann fährt er davon.

Nach drei Tagen rollen zwei Kutschen vor des Bauern Haus. Der Vornehme ist wieder da, und noch sechs andere Herren in feinen Röcken und mit goldenen Brillen auf der Nase sind bei ihm. Alle betrachten die alten Schätze, und dann fahren sie hinaus auf den Acker und bedeuten dem Bauer, mit einigen Arbeitern, mit Schaufeln und Picken nachzukommen.

Da graben sie denn bis zum Abend und graben da und dort und finden überall unter der viele Meter dicken Aschenschicht Mauerreste, Teile von Dächern, Säulen, auch manches kleine Kunstwerk noch, und endlich, gegen Abend, das Knochengerüst eines Menschen.

Da wissen die gelehrten Männer, hier unter dem Acker liegt eine alte Stadt. Eine Stadt, die vor vielen Jahrhunderten versunken ist, verschüttet wurde durch den Steinregen und Ascheregen, den der feuerspeiende Berg da hinten über die unglückliche Stadt schüttete.

„Freund,“ sagen die gelehrten Männer zu dem Bauern, „Ihr habt einen großen Fund gemacht und sollt dafür reich belohnt werden, so daß Ihr Euch ein schönes Häuschen kaufen könnt, und neue Äcker und wohl gar ein Weingut. Diese Schätze aber und Euren alten Acker, den müßt Ihr freigeben, denn wißt, Ihr pflügt über einer versunkenen Stadt, die hier unterging, bald nachdem Jesus Christus am Kreuze verschieden. Wir wissen es lange aus alten Schriften, daß hier zwei Orte standen, Herculanum und Pompeji geheißen, die der Vesuv verschüttete. Ihr habt endlich ihre erste Spur gefunden, und nun wollen wir sie wieder ausgraben, die alten Städte.“

So sprachen die Männer, und so geschah es. Der Bauer wurde reich belohnt, er zog ein wenig weiter hinunter in die Ebene und wurde bald ein wohlhabender Mann. Auf seinem Acker aber, und weit in der Runde, ging es nun geschäftig her. Hunderte von Arbeitern kamen, die schaufelten und pickten Tag um Tag, Monat um Monat, rollten unablässig die Aschenmassen fort, unter denen die alten Städte versanken, und langsam kamen sie zum Vorschein.

Ja, das war wie ein großes Wunder! Nach Jahr und Tag konnte man wieder durch die Straßen von Herculanum und Pompeji wandern, in die Häuser eintreten, die siebzehn Jahrhunderte früher versanken. Der alte Berg im Hintergrunde, der noch immer ein klein wenig schmauchte, blickte verwundert herüber. Da kamen all seine Schandtaten wieder ans Tageslicht. Der gute Mond aber, der sein bleiches Licht in die öden, toten Gassen der ausgegrabenen Städte warf, machte ein verdutztes Gesicht. Ja, vor siebzehn Jahrhunderten sah es hier anders aus, da liefen fröhliche Menschen in langen weißen Gewändern in den Gassen einher, spielten Kinder, tönte Gesang durch die Straßen, fuhren hohe zweirädrige Wagen mit schönen, kräftigen Männern ratternd hinaus in die Ebene. Nun war die Stadt tot, aber sie war wieder auferstanden, und der alte Mond konnte wieder sein Licht auf die weißen Wände der Häuser werfen, die so lange Zeit unter der Erde verborgen waren, begraben durch den rauchenden Berg.

Die Menschen aber wanderten durch die Ruinen und konnten sich nicht satt daran sehen, wie hier ihre Vorväter gewohnt und gearbeitet, gelebt und gelitten hatten.

Ja, da sah man noch alles so deutlich, als sei es erst gestern geschehen! Die Straßen waren grade und sauber, schöne Tempel standen da und kreisrunde Zirkus-Theater, Säulentore und steinerne Badehäuser, Gärten und Türme. Wundervolle Malereien waren an den Wänden, Tische und Bänke, Leuchter und Spiegel, Kannen und Krüge, Teller und Messer, Betten und Schränke fanden sich noch überall in den Häusern. Da sah man noch allerlei Ankündigungen an den Mauern der Häuser, sah noch allerlei Kritzeleien, die auch damals schon ungezogene Buben eingeritzt, und konnte in Kaufmannsläden und Schenken, Apotheken und Bäckereien eintreten.

Noch heute ist das alles zu sehen, und wer hinunterreist nach dem sonnigen Lande Italien, da, wo der Vesuv raucht, der sieht sie noch jetzt so stehen, die versunkenen Städte, kann dahinwandeln in den Gassen und die Bilder beschauen, die vor fast zweitausend Jahren die alten Künstler an die Wände malten.

Aber wenn die Männer, die die Städte ausgruben aus dem Aschenmeer, hineingingen in die Häuser, dann fanden sie zusammengekauert die Skelette der Menschen, die damals gelebt, die der Berg lebendig begraben. Da konnte man sehen, wie die Mutter ihre Kinder an sich preßte, wie sie nahe der Tür kauerten, die nicht mehr aufging, weil der Steinregen sie zusperrte. Da konnte man noch sehen, wie die Männer sich abgemüht hatten, die Hauswände zu durchbrechen, und fand in den Gassen Fliehende, die vom Steinregen erschlagen wurden.

Ach, es war ein trauriges Bild, und es gab wohl Leute, die noch weinen konnten über die Armen, die vor vielen Jahrhunderten hier mitten im friedlichen Glück des Hauses grausam getötet wurden von dem schrecklichen Berge.

Kommt ihr hinunter in den schönen Süden, vergeßt sie nicht aufzusuchen, die Stätte des Schreckens: Herculanum und Pompeji!

Seht, da wandeln die kleinen Menschen vergnügt auf der Erdkugel umher, wie die winzig-winzigen Bazillen, die auf einem Apfel leben. Sie bauen ihre Häuser und Städte, sie säen ihr Korn und pflanzen ihre Bäume und tummeln sich in tausenderlei Geschäften. Aber die Schale eines Apfels ist nur ganz dünn, und dann kommt das Fleisch, und die Schale der Erdkugel ist auch nur ganz dünn, und drunten ist alles Glut und Feuer. Die kleinen Menschlein aber spazieren da oben auf der Erdschale herum und denken gar nicht daran, daß unten das Feuermeer brodelt, wie in einer wahrhaftigen Hölle. Die dicke Schale von Stein und Sand wird es schon da unten schön beieinander halten, denken sie. Aber die Schale hat tausend kleine Risse und Löchlein, und da hinein läuft auch dann und wann das Wasser des Meeres. Es rinnt durch allerlei geheimnisvolle Gänge und Schluchten tief hinunter in die Gesteine, und plötzlich kommt es dahin, wo das unterirdische Feuer glüht und sprüht. Da vermischt es sich mit der heißen Höllenglut, und mit einem Male ist der Teufel losgelassen von seiner Kette. Die Höllenglut und das Wasser vertragen sich nicht. Das dampft und zischt und explodiert wie Millionen Granaten, wie hunderttausend Dampfkessel, und schleudert mit wilder Wut gegen die Erdschale. Da reißt sie entzwei, das wilde Feuer bricht aus dem Innern hervor, schleudert Steine und Erde ringsum, und der feuerspeiende Berg ist fertig. Aus dem Loch in der Erdschale aber fließt glühendes Gestein als ein siedeheißer Brei immer weiter hervor, heiße Asche und Millionen Steine schießen aus dem schrecklichen Berge, der sich über dem Höllenloch türmt, tagelang hervor wie aus einer Kanone, und alles ringsum wird verwüstet und vernichtet. Die Menschlein aber kriegen es mit der Angst! Die Erdschale ist zerrissen, das wilde Feuer steigt heraus, sie fliehen entsetzt von der grausigen Stätte.

Es war am 23. August des Jahres 79. Ein blauer Himmel lag über dem Meere, und aus Blütengärten zog ein süßer Duft über das Land. Die weißen Häuser der Städte Herculanum und Pompeji glänzten in der Sommersonne, und im Hintergrunde stand der Kegel des Feuerberges, umgeben von grünen Weingärten.

Die Menschen wanderten fröhlich durch die Straßen, saßen bei allerlei Handwerk vor ihren Hütten, und die Kinder spielten zwischen den steinernen Säulen der Torbogen. Am Abend, bei Sonnenuntergang, sollte in dem großen Zirkus ein Wagenrennen sein, und die Frauen saßen in ihren Gemächern und schmückten sich.

Als die Sonne sich hinabsenkte zum Meere, da stand über dem Berge eine dunkle Rauchwolke, und wenn es einen Augenblick still war in den Straßen, hörte man unter der Erde ein dumpfes Brausen und Grollen, aber niemand achtete darauf, denn jahrhundertelang war der brennende Berg friedlich gewesen und die Menschen hatten vergessen, daß er wie ein Panter heimtückisch auf der Lauer lag, sie zu überfallen. Sorglos noch, eilten sie festlich gekleidet zu dem Schauspiel, aber immer dunkler stand über dem Berge die Wolke, immer lauter grollte es in der Tiefe, und ganz leise zitterte der Boden unter den Füßen. Da wandten viele den Blick zu dem Berge, und ein dunkles Ahnen kommenden Schreckens stieg auf in den Herzen der Menschen.

Die Nacht verging noch ruhig, am nächsten Morgen aber stieg die Sonne blutig rot auf, und unheimlich rumorte es in den Schlünden der Erde. Über dem Berge stand eine seltsame schwarze Wolke, riesenhoch. Wie ein Baum erhob sie sich und breitete sich in der Höhe aus gleich einem breiten Blätterdach. Immer weiter und weiter schwebte ihre Masse, sie verdunkelte die Sonne, machte den Tag zur Nacht, und ungeheure Aschenregen senkten sich aus ihr hernieder. Dumpf grollte der Donner vom Berge her, grelle Blitze zuckten durch die zunehmende Finsternis. In der Ferne aber lag im Sonnenschein das Meer und die Küste, und in den Ortschaften dort standen die Menschen und sahen entsetzt nach dem furchtbaren Berge und betrauerten die Menschen, die an seinem Fuße wohnten.

Zur Mittagszeit ringelten sich plötzlich glühende Schlangen aus dem Rachen des Berges hervor, flossen in die Weingärten, verbrannten alles ringsum, zerstörten die Wohnungen der Menschen. Da liefen die Bewohner von Herculanum und Pompeji wehklagend durch die Gassen, eilten mit ihrer Habe fort aus der Stadt, weiter hinaus in die Ebene. Aber ein neues Unheil kam vom Feuerberge! Aus seinem Innern schoß ein unendlicher Hagel von glühenden Steinen, stundenlang, tagelang, der erschlug Hunderte der Fliehenden, und die Landstraßen und Felder waren bedeckt mit Männern, Weibern und Kindern, die in der tiefen Finsternis mitten im hellen Tag untergingen. In Todesangst eilten die andern weiter, umwallt von der sinkenden Asche, umrauscht vom Steinhagel, umzuckt von den Blitzen aus der Höhe. Der Donner rollte. Aus dem Erdboden, der da und dort barst, stiegen giftige Schwefeldämpfe auf, dunkelrot glühend krochen die Schlangen des Feuerbreies, der dem Berge entquoll, immer weiter hinein in die Ebene. Jeder dachte nur an die eigene Rettung. Der Freund verließ den Freund, schreiend wälzte sich der Strom der Fliehenden dahin.

Mit Schiffen wollte man vom Meere her den Bedrohten Rettung bringen, aber der Steinregen vertrieb die Seeleute, und einige, die gelandet, erstickten in den giftigen Dämpfen, die dem Boden entstiegen.

Viele von den Einwohnern der unglücklichen Städte waren in den Häusern zurückgeblieben. Sie fürchteten in dem Steinregen umzukommen und verkrochen sich in ihren Gemächern vor dem dichten Staub, der die Luft erfüllte. Da harrten sie der Stunde der Erlösung von all den Übeln. Aber drei Tage und drei Nächte wütete der schreckliche Berg. Immer dichter fiel der Staub, immer höher türmten sich die Steine. Die Häuser versanken darin, die Menschen wurden begraben in der heißen Asche, und jeder Laut erstarb.

Fern auf den Höhen aber standen die Bewohner glücklicherer Orte und sahen Herculanum und Pompeji untergehen.

Als am vierten Tage der Himmel sich wieder ein wenig geklärt, das unterirdische Rollen nachgelassen, die Sonne wieder ein wenig die noch immer mit Asche gefüllte Luft durchdrang, wagten sich mutige Männer heran an die Stätten des Grauens, aber keine Spur mehr fanden sie von den Ortschaften, die hier gestanden. Bis an den Knien versanken sie in der heißen Asche, Herculanum und Pompeji waren vom Erdboden verschwunden, versunken im Aschenmeer, und in der Ferne ragte der Feuerberg düster und drohend aus der stauberfüllten Luft.

Da wandten sie sich verstört und traurig um und verließen das weite Aschenfeld, auf dem vor wenig Tagen noch zwei reiche Städte gestanden.»

Der Wassertropfen

«Kinder,» sagte der Doktor Ulebuhle, «heut will ich euch die Lebensgeschichte eines winzigen kleinen Tropfens erzählen, den ihr alle kennt und der euch schon überall in der Welt angenehm und unangenehm begegnet ist, und dieser kleine Wicht ist der Wassertropfen

«Ulebuhle, das wird aber nur eine kurze Geschichte werden, denn so ein Wassertropfen ist eins, zwei, drei hin und beim Teufel, und dann ist die Geschichte aus!»

«Schnedderengteng, ihr Naseweise und Galgenvögel!» schnob der Alte los und putzte sich mit seinem großen, buntgeblümten Taschentuch die Hornbrille. «Erst einmal abwarten! Und wem’s nicht paßt, der drückt sich. So ein Wassertropfen hat mehr erlebt als ihr, und ist vor allen Dingen nützlicher und alten Leuten weniger ärgerlich.»

Da saßen wir Kinder denn schnell nieder, schluckten unseren Tee und hackten mit dem Sägewerk unserer Zähne gewaltige Stücke aus dem Kuchen der alten Christine, denn der war allemal gut und voller Rosinen.

«Seht,» hub der alte Ulebuhle an, «da saß ein kleines Mädchen im Garten auf der Rasenbank unter dem Holunderbusch, und eine Träne rann ihm über die Wange. Des Mädchens Mutter war zu Grabe getragen worden, und das ist der traurigste Augenblick im Leben eines Menschen, denn Leute gibt es viele auf der Welt, aber nur eine Mutter. – Die Träne funkelte wie ein Diamant auf der Wange des Mädchens, denn die liebe warme Julisonne spiegelte sich in ihr. Das war die Geburtsstunde unseres Wassertröpfchens, denn eine Träne ist ja nichts anderes als ein Wassertropfen edelster Art; der Schmerz ist seine Mutter.

Aber unser Wassertröpfchen selbst war gar nicht traurig. Dem kleinen Wicht gefiel es ganz gut auf der Welt. Er saß da schön weich und warm und liebäugelte mit der Frau Sonne, die hoch oben im Blauen stand, als unentgeltliche Zentralheizung im großen Weltgebäude. Da hinauf zu der hellen Lampe möchte ich auch einmal, dachte das Tröpfchen, und es war, als ob es die Sehnsucht nach der Sonne verzehrte, denn es wurde immer kleiner und kleiner, und schließlich ward es ganz unsichtbar für ein menschliches Auge.

Nun denkt ihr sicher, die Geschichte ist aus, denn der Tropfen ist fort, wie wir es gleich anfangs gesagt haben, und der alte Ulebuhle ist zu Ende mit seinem Latein. Aber da irrt ihr sehr, ihr Grünspechte, denn jetzt fängt meine Geschichte eigentlich erst richtig an. Glaubt nur ja nicht, daß der Wassertropfen nun nicht mehr vorhanden war, weil man ihn nicht mehr sehen konnte. Es geht überhaupt nichts verloren in der Welt, denn das wäre eine schöne Türkenwirtschaft. Alles bleibt bestehen, nur die Form ändert sich.

Unser Tröpfchen hatte sich in der Sonnenwärme in lauter winzige Wasserbläschen aufgelöst, die so ähnlich beschaffen waren wie eine Seifenblase, nur unendlich winziger. Da schwebten sie nun hin in der lauen Luft, und der Wind trieb sie langsam vor sich her. So kamen sie schließlich über eine große Heide, wo dünne Kiefern im heißen Sande standen. Der Sand war so warm, daß er die Luft erhitzte, und wie die heiße Luft im Zimmer emporsteigt, zur Decke, so auch hier. Der Luftstrom strebte aufwärts, immer höher und höher, und nahm die Bläschen unsres Wassertropfens mit sich, hoch hinauf in den blauen Äther. Ein Flieger sauste schnurrend vorüber und hätte beinahe die Teilchen des Tropfens auseinander gewirbelt, und dann wäre es um ihn geschehen gewesen, aber es ging noch einmal gut ab.

Da oben war es empfindlich kalt, und wie die Wärme die Teilchen des Tropfens auseinandergezogen hatte, so verdichtete sie die Kälte wieder, und mit vielen tausend Millionen anderen zusammen bildeten die Wasserteilchen eine Wolke. Weit da drunten lag die Erde, mit winzigen Dörfchen, und das kleine Mädchen, das hinaufsah zu der weißen Wolke, die da in der Höhe wie ein Schiff hinsegelte, dachte gewiß nicht daran, daß in ihr der Wassertropfen schwebte, der als Träne aus ihrem Auge geflossen war. Seht, so geht es oft im Leben, daß wir an einem guten alten Bekannten vorbeigehen und ihn nicht erkennen, weil er alt und grau geworden ist und einen anderen Rock an hat als damals, als wir mit ihm gut Freund waren!

Der Wassertropfen segelte in der Wolke weit über Länder und Meere und dachte ein über das andere Mal: Wie groß ist doch die Welt und wo überall wohnen doch Menschen! – Als der Abend kam, da war die Wolke drunten im Süden, über dem Mittelländischen Meere, und in der Ferne blinkten die Lichter der italienischen Küste. Aus dem Meere aber stieg immer mehr Feuchtigkeit empor zu den Wolken, so daß die Luft das viele Wasser nicht mehr tragen konnte, denn es war nach Sonnenuntergang sehr kühl geworden, und die Wasserteilchen hatten sich immer mehr zusammengeballt, bis es wieder Tropfen wurden. Da beschloß denn die Luft, die ganze Gesellschaft einfach abzuschütteln. Der Wind brauste daher, und mit Millionen anderen fiel unser Wassertropfen aus der Wolke nieder, schneller und schneller. Er war zum Regentropfen geworden!

Drunten rollten die grünlichen Wellen des Meeres. Ein großer Dampfer mit roten, grünen und weißen Lichtern rauschte in voller Fahrt daher und warf mächtige, weißschäumende Strudel mit seiner Schiffsschraube auf. Die Steuerleute standen auf ihrem Posten und spähten scharf hinaus in das Dunkel. Ganz in der Ferne sah man ein helles Licht, das abwechselnd aufblitzte und wieder verschwand; das war der Leuchtturm der Hafeneinfahrt von Neapel. „Wir müßten schon lange im Hafen sein,“ sagten die Steuerleute, „und nun fängt es auch noch an zu regnen!“ Und dann schimpften sie über Wind und Wetter, denn es ist kein Vergnügen für einen Seemann, in Sturm und Regen auf dem Posten zu sein.

Klatsch! Da lag unser Regentropfen plötzlich im Meer und hatte seine Reise von der Wolke zur Erde vollendet. Das ist doch endlich wieder etwas Reelles, dachte er. So als Luftikus in den Wolken zu schweben ist eine gefährliche Sache, denn man kann nie wissen, wo man hinfällt, wenn’s abwärts geht. Aber so im Ozean zu schwimmen, wo man eigentlich hingehört von Rechts wegen, das ist eine sichere Sache. Aber o weh, es kam ganz anders! Er war noch nicht eine Minute im Meer, da brauste mit voller Fahrt der Dampfer daher, und man hörte das taktfeste Stampfen seiner Maschinen. Und so eine große Schiffsdampfmaschine ist ein gefräßiges Ungeheuer, das gierig Kohlen und Wasser verzehrt, um den Dampf zu erzeugen, der die Schiffsschrauben in Bewegung erhält, die den Dampfer vorwärts treiben. Da war eine Saugpumpe seitwärts am Schiff, und die saugte grade in dem Augenblick, als unser Wassertropfen an ihr vorbeiglitt, mit breitem Maul neues Wasser in den Schiffskessel, um das verbrauchte zu ersetzen.

Das Tröpfchen fühlte sich plötzlich ergriffen, in einem rasenden Strudel fortgerissen und langte wenige Sekunden später im Schiffskessel an. Herr Gott, war das eine schreckliche Geschichte! In diesem eisernen Ungetüm war eine Siedehitze, denn gewaltige Feuergluten durchströmten die Kesselröhren, um das Wasser in Dampf zu verwandeln. Dem Tröpfchen wurde weh und übel; es wurde von der Hitze gezwickt und gezwackt und auseinandergezerrt, und schließlich war es wieder in seine Teile aufgelöst, war Wasserdampf geworden, der unter ungeheurem Druck wallend und zischend in ein enges Rohr hineingepreßt wurde. Es geht ans Leben, dachte das Tröpfchen, das eigentlich keines mehr war, jetzt ist es aus mit mir, das kann kein Teufel überstehen, und ich bin ein verlorener Mann! Auf einmal tat sich eine winzige Öffnung vor ihm auf, die führte in den Zylinder der Dampfmaschine. Mit ungeheurer Gewalt schoß der Dampf da hinein und drückte, voll Wut über die schlechte Behandlung, die ihm im Kessel widerfahren, gegen den dickschädligen Kolben, der ihm den Weg versperrte. Dieser wich verblüfft zurück, schob die Kolbenstange vor sich her, und die gab den Stoß wieder weiter an die riesige Kurbel, die die Schiffsschraube drehte und das Schiff vorwärts trieb.

Weiter aber wollte man auch gar nichts von den Wassertropfen, die das vollbracht! Der Dampf entwich durch eine Öffnung, da war es wieder kühl, und die Bläschen schlossen sich wieder eng aneinander und bildeten Tropfen. So kam denn auch unser kleiner Wicht wieder aus der Hölle heraus und rann durch einen Wasserhahn ins Meer.

Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «so ist das nun in der Welt! Wenn einer arbeiten soll, dann geht das nicht ohne Plackereien ab, und man hat seinen Ärger dabei, aber wenn’s vorüber ist, dann sieht man doch, daß man was Nützliches getan hat, und das ist auch was wert, und der Mann im Arbeitskittel ist allemal mehr wert als der Nichtstuer, und wenn sein Rock noch so verbrämt ist!

Es ist doch nicht zu sagen, was man alles erlebt, dachte das Tröpfchen. Hätte ich wohl je geglaubt, als ich im Sonnenschein auf der Wange des kleinen Mädchens schwebte, daß ich noch einmal helfen würde, einen Dampfer nach Neapel zu treiben?! Es geht schnurrig zu in der Welt.

So schwamm denn das Tröpflein mit den Wellen dahin und erholte sich von den ausgestandenen Schrecken, denn es war ganz vergnüglich, so an den sonnigen Küsten des Südens, mit ihren Orangen- und Olivenhainen, dahinzutrollen und den Italienern und Spaniern beim Singen ihrer Nationallieder zu lauschen. Um die Mittagszeit brannte die Sonne aber derart auf die See nieder, daß viel Wasser verdunstete und als feiner bläulicher Schleier träge über Meer und Küste lag. Die Leute, die draußen auf den Feldern und in den Gärten arbeiteten, bekamen rote Köpfe; fortwährend wischten sie den Schweiß von der Stirne und sagten ein über das andere Mal: „Puh, wie ist es schwül!“

Auch unser Wicht schwebte wieder mit in dem warmen Dunst, und es war recht langweilig, denn auch der Wind schlief, und so blieb die ganze Gesellschaft immer an derselben Stelle, in öder Eintönigkeit. Erst gegen Abend erwachte der Wind, und langsam trieb er den Wasserdampf vom Meere hinweg, hinüber zur afrikanischen Küste. Hier war der weiße Sand von der Sonnenglut erhitzt wie eine Ofenplatte, und die Hitze trieb den blauen Dunst empor wie einen Luftballon, bis er hoch im Blauen schwebte. Hier aber war es eisig kalt, und aus den Wasserteilchen schuf der Frost winzige spitze Eisnadelchen, bis eine ganze Wolke von Eisnadeln entstanden war. Das geschah in sehr großer Höhe, wohl zehntausend Meter über der Erde, und nur die allerhöchsten Wolken schweben so fern vom Erdboden, wo kein Flieger und kein Luftschiff mehr hinaufsteigt. Es waren aber auch ganz besondere Wolken. Die Leute, die sie von der Erde aus sahen, sagten erfreut: „Ei seht, was für seltsame Wolkenfederchen da oben hinziehen. Es sieht aus, als habe der alte Petrus seine Bettdecke ausgeschüttelt!“

Der scharfe Wind trieb die Eisnadelwolken nach Norden, bis sie über hohen, schneebedeckten Bergen standen, und das waren die Alpen. Tief drunten waren wunderschöne grüne Wiesen, auf denen bei den Almhütten Kühe weideten, und noch tiefer niedliche Dörfchen. Droben aber glitzerten die Gipfel von Eis und Schnee, und es war ganz einsam und still.

Langsam senkte sich die Wolke infolge ihrer eigenen Schwere immer tiefer, und die winzigen Eisnadeln drängten sich aneinander und wurden zu wundervollen Sternchen, so schön, wie sie der größte Künstler nicht zierlicher hätte herstellen können, und dann fielen sie langsam, langsam zur Erde nieder: Es schneite!

So war aus unserem Wassertropfen ein kunstvolles Wunderwerkchen geworden, ein Schneesternchen, und das hatte der Künstler Frost geschaffen, ohne alle Werkzeuge, und zu Millionen in einer einzigen Minute! Das Sternchen wirbelte nieder, andere gesellten sich unterwegs zu ihm, legten sich daneben, darauf und darunter, und so entstand eine Schneeflocke, und mitten darinnen hauste unser winziger Wicht.

Die Schneeflocke fiel hoch oben in den Bergen zu Boden, und da lag sie mit Milliarden zusammen, und Milliarden neue kamen hinzu und legten sich darüber. Da lag nun die ganze feuchte Gesellschaft, und es war eine höchst langweilige Geschichte, denn es war da oben öde und kalt, und man war gefangen. Das Wassertröpfchen seufzte sehr und dachte darüber nach, wie schön es doch war, da oben im Blauen umherzusegeln, und wie warm die Sonne da drunten an den Gestaden des Mittelmeeres gewärmt hatte, wo lustige Menschen in bunten Gewändern lustige Lieder sangen, und wie wechselreich doch überhaupt das Leben war.

Aber nichts ist ewig, und alles nimmt einmal ein Ende! Eines Tages, als das zu Eis erstarrte Wichtlein da oben in den Bergen monatelang gelegen hatte, kam der Frühling ins Land gezogen, und vor ihm her zog mit brausenden Liedern sein Herold, der Tauwind. Der kam auch in die Berge und machte die Schneemassen weich und schmiegsam. Sie kamen langsam ins Rutschen und wurden nur noch durch eine schräge Gesteinsplatte notdürftig festgehalten, aber das Tröpfchen sah ein, daß sie da wohl nicht lange würden hängen bleiben, und daß die geringste Kleinigkeit hinreichen würde, sie allesamt hinabzuschleudern in die Tiefe. Das war eine gefährliche Sache, aber unser Wicht konnte nichts daran tun, sie zu ändern, denn er war einfach in der Masse gefangen.

Unten im Tal lag ein Dörfchen mit niedlichen Tiroler Häuschen und freundlichen biederen Leuten darin. Zuweilen, wenn der Frühlingswind so recht übermütig durch die Gassen pfiff, nahmen die Bauern die Pfeife aus dem Munde, guckten bedächtig herauf zu den Berghängen droben, und sagten: „No, jetzt muß ma fein Obacht gebn. Dös is die Zeit, wo die Lähn[1] zu Tal kimmen!“

Eines Tages, als wieder neuer Schnee gefallen war und die Luft besonders still und warm erschien, zog der Schmölzler-Seppl seine langen Stiefel an und stieg hinauf zur kleinen Sennhütte auf den Bergwiesen. Und wie er so dahinstapfte und bald oben war, da sauste es plötzlich hoch droben gar sonderbar, und eh der Seppl noch recht zur Besinnung kam, da brauste eine ungeheure weiße Masse auf ihn zu: eine Lähn oder Lawine! Wäre der Schmölzler-Seppl grade mitten davor gewesen, so war’s um ihn geschehen, so aber war er etwas seitwärts. Die riesigen Schneemassen warfen den guten Seppl um, drehten ihn siebenmal umeinand, so daß seine Arme und Beine wie Windmühlenflügel umherwirbelten, und dann war er plötzlich mitten in der zu Tal sausenden Schneekugel eingebacken wie eine Speckgriebe in einem Kartoffelknödel. Da rollte er denn schneller, als er hinaufgekommen war, mitten in der weichen Masse wieder hinab ins Dorf. Sie prallte gegen einen Heuschober und zerfiel, und die erschreckten Leut, die angsterfüllt aus ihren Häuschen herausgestürzt waren, sahen, wie sich der gute Schmölzler aus dem weichen Grab, das ihn nur wenige Minuten beherbergt hatte, herausarbeitete und humpelnd und fluchend in der Lawinenkugel seine Pfeife suchte.

Die Hauptmasse der Lawine aber hatte Gott sei Dank das Dorf seitwärts liegen lassen. Fauchend und krachend, riesige Bäume wie Zündhölzer abknickend, kam sie angestürmt, und ein heftiger Sturmwind ging ihr voraus. Sie verwüstete einen großen Teil des Waldes, schlug eine große Scheune wie eine Zigarrenkiste zusammen, und dann kamen ihre Massen endlich an einer Berglehne, wo ein Bach floß, zum Halten. Da waren denn die guten Tiroler Leut von Herzen froh, denn vor ein paar Jahren erst hatte eine solche Lawine den ganzen Ort begraben und Menschen und Vieh, Häuser und Scheunen vernichtet.

Aber wie war die Masse dort oben ins Rollen gekommen? O, sehr einfach! Ein Raubvogel hatte sich nur einen Augenblick ganz hoch oben niedergelassen, und als er wieder abstrich, da rollten unter seinen Krallen lose Eisstückchen bergab, um die sich der weiche Schnee herumrollte zu einem Ball, der immer größer und größer wurde, und als der Ball dann die mächtige überhängende Schneeschicht erreichte, in der unser Wassertropfen gefangen lag, da riß er sie mit sich, und nun wuchs und wuchs die Masse ins Ungeheure und stürzte als Lawine donnernd zu Tal.

Unser Wicht hatte natürlich von all dem nichts gesehen, und es dauerte lange, ehe er aus seinem Gefängnis befreit wurde. Erst als die Sonne Tag um Tag immer länger und wärmer schien, taute die Schneemasse hinweg, und endlich kam auch des Wichtes Befreiungsstunde! Da war wieder der blaue Himmel über ihm, und die liebe Sonne streichelte den erfrorenen Gesellen mit ihren Strahlenfingern. Da taute sein Herz auf, er wurde wieder der Wassertropfen und rann in den unter ihm murmelnden Bach, der frisch und klar dahinfloß.

Das war fürwahr ein lustigeres Leben, als so still und gebunden im Eise zu stecken! Das Bächlein hüpfte von Stein zu Stein, durchfloß das Dorf, kam durch saftige Wiesen und dann in einen lieblichen Talgrund. Da war es ganz reizend, und eine Wassermühle klapperte zwischen grünenden Buchen. Der alte Müller hatte eine weiße Mütze auf und nagelte hinter dem Hause an einer Schiebkarre, vorn aber, am Mühlenwehr, stand sein Gesell und seine Tochter, und die beiden hatten sich so viel schöne Dinge zu sagen, daß sie Gott und die Welt und die Mühle drüber vergaßen. Das Wassertröpfchen floß durch die dicke Holzrinne, die zum Mühlrad führte, stürzte rauschend in dessen breite, mit Moos bewachsene Speichen, so daß es sich knarrend drehte und drinnen die Mahlsteine die Weizenkörner knirschend zu Mehl zerrieben, und lief dann unten wieder hurtig im Bach davon. Es konnte grade noch sehen, wie der Müllerbursch die schmucke Dirn fest an seine rotsamtene Weste drückte, und wollte gern zuschauen, wie die Geschichte weiter gehen würde, aber da bekam ihn ein Strudel beim Schopf zu fassen und wirbelte ihn hinweg. – So geht es immer in der Welt! Wenn es anfängt interessant zu werden, müssen wir von dannen, und die Geschichten haben dann keinen Schluß!

Der Tropfen rann noch manchen guten Kilometer im Bach dahin, dann aber wurde der dünner und dünner, denn er lief über brüchiges Gestein hinweg, und das Wasser sickerte durch tausend Ritzen hinab in den Erdboden. Da war es stockdunkle Nacht und wenig interessant. Die Tropfen wanden sich mühsam durch tausend feine Kanäle und Löcher und sanken tiefer und tiefer in die Felsenmassen. Allerlei Gestein durchrieselten sie, kamen an Eisenlagern und Silberadern vorüber und lösten allerlei Salze auf, die da im Schoß der Berge ruhten. Schließlich aber traten all die versickerten Tröpfchen als Quelle wieder ans Tageslicht. Kühl und klar war das Wasser, und es schmeckte ein wenig nach den Salzen, die es gelöst, weshalb die Ärzte meinten, es sei gut für die Leute, die sich ein zu rundes Bäuchlein angemästet hätten.

Da, wo die Quelle aus dem Gebirge austrat, war eine schöne Stadt, und der Magistrat dieser Stadt hatte deshalb die Quelle auffangen lassen und leitete das Wasser durch viele tausend Röhren in alle Häuser. So kam denn auch unser Tropfen, kaum daß er das Tageslicht wieder gesehen hatte, abermals ins Dunkle und durchsauste all die Eisenröhren, bis er schließlich in einem großen Hause vor einem blanken Messinghahn stehen blieb, der hier wie ein Portier auf Posten stand und niemand durchließ. Dieses große Haus war aber eine Universität, und da war es wie in einer Schule. Es waren viele Zimmer darinnen, mit Bänken, und davor stand ein Pult, und bei dem Pult war eine große schwarze Tafel, auf der die Lehrer lauter gelehrte Dinge aufschrieben. Diese Lehrer aber hießen Professoren und mußten ohne Rohrstock lehren, denn ihre Schüler waren junge Herren, von denen manche schon einen stattlichen Schnurrbart hatten. Sie trugen bunte Mützen und hießen Studenten, und darauf waren sie sehr stolz.

In einer dieser Lehrstuben ging es ganz besonders gelehrt zu. Da stand ein berühmter Professor an seinem Pult. Er war so gelehrt, daß die Gedanken, die aus seinem Kopfe gekommen waren, im Laufe der Jahre sämtliche Haare mitgenommen hatten, aber das war für den Professor ein Glück, denn wenn er weniger kahlköpfig gewesen wäre, hätten ihn die Leute für weit weniger gelehrt gehalten. Und dieser Professor hielt eine Rede und sagte:

„Meine Herren! Alle Menschen brauchen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Lebens Wasser, aber die wenigsten wissen, woraus das Wasser eigentlich besteht. Vor hundertfünfzig Jahren wußte es überhaupt noch kein Mensch, aber damals haben es ein paar englische Gelehrte herausbekommen. Das Wasser besteht aus zwei unsichtbaren luftigen Körpern, oder wie die Gelehrten sagen, aus zwei Gasen, nämlich aus Wasserstoff und aus Sauerstoff. Beide allein sind so unsichtbar wie die Luft, die wir einatmen, aber wenn man sie miteinander vereinigt, dann entsteht Wasser. Damit Sie mir das auch glauben, will ich hier vor Ihren Augen das Wasser in seine beiden Luftarten auflösen, und nachher will ich aus den beiden Luftarten wieder Wasser machen.“

Der Professor winkte seinem Gehilfen, und der ging an den Hahn der Wasserleitung und ließ das Wasser in ein seltsam geformtes Gefäß hineinlaufen. So kam denn auch unser Wassertröpfchen mit hinein in die gelehrte Versammlung. Es war sehr stolz darauf, denn es ist immer eine Ehre, der Wissenschaft zu dienen, aber bald wurde ihm schlimm und weh zumute, so ähnlich wie damals, als es im Dampfkessel des Schiffes gewaltsam in seine Bestandteile zerrissen wurde. Der Professor steckte nämlich zwei Drähte in das Gefäß und schickte durch diese einen elektrischen Strom, und da wurde die Sache sehr unangenehm. Der elektrische Strom zersetzte das Wasser, so daß an den beiden Drähten unablässig Gasblasen aufstiegen, am einen Draht Wasserstoff und am anderen Sauerstoff. So wurde unser Tröpfchen ein Opfer der Wissenschaft. Es wurde gewissermaßen auf elektrischem Wege hingerichtet, wie die Mörder in Amerika. Es hätte gern geweint, da es aber nur aus einer Träne bestand, so wäre es Selbstmord gewesen. So sehr sich der Wicht auch zu verkriechen suchte, wie die Buben im Wartezimmer des Zahnarztes, endlich war auch die Reihe an ihm, und er verwandelte sich in zwei Gase, die emporstiegen in dem Glasgefäß. Schließlich aber war alles zu Ende. Es war keine Spur Wasser mehr in dem Glase zu sehen, es hatte sich in Wasserstoff und Sauerstoff verwandelt, die unsichtbar da oben schwebten.

Aber was ein richtiger Gelehrter ist, der macht nichts halb, und so ging denn auch unser Professor daran, aus den beiden Gasen wieder Wasser herzustellen. Er ließ die beiden Gase zusammenströmen im Glasgefäß, und dann sandte er mit Hilfe einer Elektrisiermaschine starke elektrische Funken hindurch. Da verbanden sich die Gase wieder zu Wassertropfen und rannen zu Boden.

Die Zuschauer fanden das sehr nett, und sie gaben ihren lebhaften Beifall kund, indem sie gewaltig mit den Füßen trampelten. Der gelehrte Professor aber machte eine kleine Verbeugung und schritt erhobenen Hauptes von dannen.

Das Tröpflein lag nachdenklich im Glase. Es war gestorben und wieder auferstanden, und sein innerstes Wesen war ihm hier enthüllt worden, denn woraus es eigentlich bestand, darüber hatte es bisher noch niemals nachgedacht. Aber lange Zeit zum Überlegen hatte es nicht, denn die Stunde war aus, und alle verließen den Saal. Da kam denn auch der Diener und goß das Wasser in das Leitungsbecken, und da rollte es wieder durch viele Röhren und kam endlich außerhalb der Stadt wieder zum Vorschein, floß in einem breiten Graben dahin, der durch Wiesen ging, und endlich endete ein Teil des Wassers in einem Dorfpfuhl, mitten zwischen Gärten und Feldern und Scheunen.

Hier riecht es wenig vornehm, dachte das Tröpflein, und ein furchtbares Lumpengesindel treibt sich herum. Da schwamm eine leere Medizinflasche einher, ein paar Weinkorke, die sehr aufgeblasen taten, dann trieb ein zerrissener Kinderschuh vorüber, Seiten aus einem Lesebuch, und Strohhalme und dürre Blätter. Ratten liefen am Rande hin, und ein paar Enten schnatterten umher. Am schlimmsten aber waren die vielen winzigen Tierchen, die da im Wasser umherwirbelten und so klein waren, daß Hunderte in einem einzigen Tropfen herumschwimmen konnten. Zwei Buben kamen daher, die waren auf einer Landpartie, und da es heiß war, füllten sie hier ihre Flaschen, und tranken von dem Wasser. Wenn sie gewußt hätten, was alles für Gesindel darin umherwirbelte, hätten sie es wohl gelassen, wie es ihnen ihr Lehrer schon oft geraten. Aber Buben sind allemal Taugenichtse und wissen alles besser!

Das war kein schönes Leben hier für unseren Wicht. „Da sieht man,“ sagte er zu sich selbst, „wie man herunterkommen kann, ohne eigene Schuld! Vor wenig Stunden noch in einer gelehrten Gesellschaft auf der Universität, und nun unter diesem Lumpengesindel, das aus allen schmutzigen Gossen zusammengelaufen ist. Pfui Deubel!“

Aber auch das nahm ein Ende, denn der Reinliche und Anständige kommt doch schließlich immer wieder auf die Beine, wenn er auch mal Unglück haben kann. Da kam eines schönen Morgens der Weinbauer Jochen daher, mit seiner großen Wassertonne, die der Braune mit Hüh und Hott langsam ins Dorf zog. Am Teich machten sie halt, und ein Eimer von dem trüben Wasser nach dem anderen wanderte in die Tonne, bis sie voll war. Und dann trabte Bauer Jochen mit seinem Braunen wieder mit Hüh und Hott von dannen, hinaus zu den Weinpflanzungen. Da goß der Jochen das Wasser zwischen die Weinstöcke, und es sickerte in den Boden zwischen all dem Wurzelwerk, das von der Hitze ganz ausgedörrt war.

Da drang unser Tropfen durch die feinen Poren der Weinstockwurzeln langsam hoch empor in den Stamm, in die feinen Stiele, und endlich in die noch winzigen grünen Weinbeeren, durch die das helle Sonnenlicht hindurchschien. Da drinnen aber war es ganz merkwürdig. Wie in einer chemischen Fabrik. Das Sonnenlicht und die Sonnenwärme zersetzten das Wasser und die Stoffe, die es aus dem Erdboden mit heraufgebracht hatte, und ganz feine Ströme von Säften zogen hin und her und lösten endlich auch unseren Tropfen mit auf, so daß er Weinsaft wurde.

Und dann kam der Herbst! Da wurden die Blätter bunt, und überall wehten Fahnen, und geputzte Burschen und Mädel zogen in die Weinberge, und die Musikanten spielten einen lustigen Ländler nach dem anderen, denn es war Weinernte, und in ungeheuren Massen wanderten die vollen, süßen, reifen Trauben hinab von den sonnigen Höhen zu den Pressen, wo ihnen der Saft entzogen wurde, um in die Weinbottiche zu wandern, und endlich in die Fässer und später dann in die Flaschen.

So hatte auch unser Tropfen sich unter den Zauberkräften der Sonne in Wein verwandelt, und dann lag er lange Jahre in einer staubigen Flasche tief unten im Keller, wo die Spinnen ihre kunstvollen Netze zogen und die Mäuse wisperten. Dann aber hatte auch das ein Ende, denn der alte Doktor Ulebuhle schrieb an seinen Freund, den Weinhändler drunten am Rhein, er möchte ihm noch so ein Dutzend Flaschen senden von dem guten alten Rheinwein, und da wurde denn auch die Flasche mit herausgenommen, in der unser Tröpfchen so lange gefangen saß. Hier ist sie, ihr Racker, nun seht sie euch an!»

Damit langte der Doktor Ulebuhle hinter sich auf den Tisch und stellte eine verstaubte Weinflasche vor uns hin.

«So,» sagte er, zog schnalzend den Pfropfen aus dem grünen Flaschenhals und goß sein Gläschen voll, «nun habe ich mir die Zunge wund und den Gaumen trocken geredet, über den Wassertropfen und seine Abenteuer, und nun soll er selbst mich wieder laben und meinen Durst stillen, denn hier funkelt er golden im Glase. Wer’s aber nicht glaubt, der läßt es bleiben und trollt von dannen!»

Gespenster-Heinrich

Wenn wir zum alten Ulebuhle wollten, dann mußten wir durch eine stille, dunkle Gasse, und in der lag ein uralter Klosterfriedhof mit windschiefen Kreuzen und hohen alten Bäumen, in denen klagend der Wind harfte. Das war denn am Abend immer so ein bißchen gruselig, wenn wir Größeren auch so taten, als ob wir uns vor Hölle und Teufel nicht fürchteten. Wir gingen dann immer nahe beieinander und auch merklich schneller, denn so ganz behaglich war es uns doch nicht da in der Dunkelheit. Einmal aber war ein kleines Mädchen hinter uns zurückgeblieben. Und wie sie nun so dahintrappte, kam etwas Weißes über die Kirchhofsmauer geflattert. Es war nichts weiter als ein Leinentuch, das der Pförtnerin von der Wäscheleine geflogen war, aber es genügte, um die kleine Urschel in Todesangst zu versetzen, weil sie glaubte, ein Gespenst sei hinter ihr her. Da lief sie denn laut kreischend und weinend nach und kam noch immer weinend bei der alten Christine und dem Doktor Ulebuhle an.

Die alte Christine brachte Tee und Kuchen und tröstete unsere ängstliche Kameradin, aber der Doktor Ulebuhle ging knurrend und brummend auf seinen mächtigen Filzschuhen im Zimmer umher und schimpfte über das unvernünftige „Weiberzeug“ und über die Mägde und Ammen, die den Kindern Gespenstergeschichten erzählen und sie so verängstigen, daß sie in kein dunkles Zimmer zu gehen wagen.

«Kinder,» sagte er, «die Toten kommen nicht wieder heraus aus ihren Gräbern, um kleine Mädchen zu erschrecken. Sie schlafen da unten im Frieden und bewegen kein Zehenspitzchen mehr. Gespenster gibt es nicht, aber es gibt allerlei Angstmeier, die an Gespenster glauben, und von so einem will ich euch jetzt etwas erzählen. Er wohnte auch hier in dieser Stadt und war Kutscher und Diener beim alten Doktor Horn. Mit dem mußte er dann und wann über Land fahren, zu den Kranken, oder er mußte ihnen die Medizin bringen. Aber überall sah er in der Dunkelheit Gespenster, so daß ihn die Leute ‚Gespenster-Heinrich‘ nannten.

Der gute Doktor hatte seine Plage mit dem dummen Heinrich, und so oft er ihm auch zeigte, daß all seine Gespenster ganz harmlose Dinge waren, er fand immer neue Gespenstersorten. Von einigen seiner Schreckbilder aber will ich euch hier erzählen, damit ihr selber nicht so töricht werdet, an solchen Schnickschnack zu glauben!

Einmal, im Winter, war droben auf dem Steinberge der Bergwirt krank geworden, und der Doktor Horn schickte den Heinrich mit einer Flasche Medizin noch spät am Abend hinauf in den Tann. Anfangs war es noch ein wenig schummrig, und der Schnee leuchtete genügend, aber langsam wurde es dunkel. Da steckte denn der Heinrich seine große Stallaterne an und trabte weiter, immer bergan. Das ging eine Weile ganz gut, und nichts konnte dem Burschen beängstigend in den Weg treten. Schließlich aber kam er aus den Tannen heraus auf eine freie Hochfläche, über der dichter Nebel zog.

Es war bitter kalt, und Heinrich stellte einen Augenblick seine Laterne hinter sich in den Schnee, um sich die Handschuhe anzuziehen. Wie er eben damit fertig ist und wieder aufschaut, erschrickt er derart, daß ihm die Haare wie Stricknadeln in die Höhe fahren! Vor ihm, nicht weit fort, steht ein riesenhafter Kerl, ganz schwarz und körperlos, wie aus dunkler Pappe geschnitten. Er ist gut ein Haus hoch und in dem Nebel nur undeutlich zu sehen, aber es ist wahr und wahrhaftig keine Täuschung, er steht leibhaftig da!

„Heiliger Gottseibeiuns!“ sagt der Gespenster-Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen, aus Angst, der Riesenkerl könnte eine harmlose Bewegung als eine Drohung auffassen, und auf ihn losfahren. „Heiliger Gottseibeiuns! Was für ein gottvermaledeiter Türkenteufel ist jetzt das nun wieder! Da wünscht’ ich doch, der Doktor Horn stände zur Stund’ an meiner Stelle, damit er endlich einmal sieht, was für ein unchristliches Lumpenvolk sich nachts in den Wäldern und Bergen herumtreibt, denn wenn ich’s ihm morgen erzähle, dann lacht er mich wieder aus und sagt: Jochen Päsel, wat büst du für’n Esel!“

Verstohlen guckt sich Heinrich den schwarzen Spuk vor ihm an. Der steht vollkommen still und scheint zu warten, was der gute Heinrich beginnen wird. Kaum hebt der aber vorsichtig ein wenig den Arm, da nimmt auch der schwarze Kerl schon zum Angriff den seinen hoch, so daß der Heinrich schleunigst kehrt macht, in seiner Angst gegen die hinter ihm stehende Laterne rennt, so daß sie umfällt und verlischt, und dann saust er wie ein Hase mit seiner Medizinflasche den Berg wieder herunter.

Am Waldrande bleibt er endlich pustend und schnappend stehen und schaut sich um. Der Riese ist ihm nicht nachgekommen; keine Spur ist von ihm zu sehen. – Schwerenot, denkt der Heinrich, wenn ich nur meine Laterne mitgenommen hätte, denn nun so durch den dunklen Tann stapfen, das ist auch wieder nicht das rechte. Ob du noch einmal ganz vorsichtig hinaufgehst und sie wieder aufklaubst? Der Heinrich nimmt seinen gesamten Mut auf einen Haufen zusammen und stapft wieder ganz vorsichtig zu der Hochfläche hinauf. Er findet seine Spur im Schnee leicht wieder, und ... da liegt auch wirklich die Laterne noch, der elende Höllenbraten hat sie also nicht mitgenommen, und von ihm selbst ist nichts mehr zu sehen, nur der dicke Nebel zieht noch immer wie eine weiße Wand daher.

Der Gespenster-Heinrich zieht sein Feuerzeug hervor, um die Laterne wieder zu entzünden. Dabei überlegt er, wie sie wieder auf ihn schimpfen werden, wenn er unverrichteter Sache nach Hause kommt und der Bergwirt auf dem Steinberge seine Medizin nicht zu schlucken kriegt. Ob er’s wohl noch einmal versucht? Es ist ja nur eine Viertelstunde Wegs noch, und der Schwarze ist vielleicht inzwischen auf und davon.

Die Laterne brennt nun wieder, und der Heinrich hockt vor ihr am Boden, um noch seine Pfeife anzuzünden. Wie er ein wenig zur Seite blickt: „Kreuzmillionen Türkenteufel, da drüben hockt auch wieder der schwarze Höllenspuk und ist womöglich noch größer geworden!“

Vorsichtig richtet sich unser Heinrich auf, aber der Schwarze erhebt sich ebenfalls und wächst hinauf bis in den Himmel. Nun aber ist kein Halten mehr. Der Gespenster-Heinrich erwischt noch schnell seine Laterne, und dann trabt er talwärts, daß der Schnee wie Puder hinter ihm herstiebt.

Und wie er ein Weilchen gelaufen ist, da kommt auch vor ihm wieder eine schwarze Gestalt, aber die ist Gott sei Dank kleiner. Immerhin, heut ist es mal wieder ganz und gar zum Hinwerden, denkt der Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen. Hinten ein großer Teufel, vorn ein kleiner, das ist doch gegen alle Polizeiverordnung. Da kommt der kleine Teufel näher und ruft: „Heinrich, bist du es, mein alter Rabe?“

Dunnerkiel, denkt Heinrich, das ist ja der Doktor! Na, Gott sei Lob und Preis. Und so ist es wirklich. Der Bergwirt hat dem Doktor sagen lassen, daß es ihm schlechter geht, und der brave alte Arzt hat sich darum selber auf die Beine gemacht, um nach dem Manne zu sehn. Er denkt, der Heinrich kommt schon wieder vom Berge zurück, und ist ganz erstaunt, als er hört, daß er noch gar nicht oben war. Da erzählt denn der Gespenster-Heinrich sein schreckliches Erlebnis.

„Heinrich,“ sagt der Doktor, „es ist wirklich doch zum Haarausraufen mit dir! Du wirst jeden Tag dümmer und furchtsamer. Jetzt kommst du mit mir. Wer weiß, was du wieder gesehen hast! Einen verkrüppelten Baum oder einen Felsen, der dir im Nebel wie ein schwarzer Riese erschienen ist. Pass mal auf, wenn ich bei dir bin, ist der Riese fort.“

So steigen sie denn also aufwärts und kommen bald an die Stelle, wo unser Heinrich den greulichen Spuk gesehen hat. Der Nebel ist noch immer da, aber vom Riesen keine Spur.

„Wie war das nun?“ fragt der Doktor.

„Jä,“ sagt der Heinrich, „das war nu so: Also hier hatte ich meine Lampe hingestellt, un will meine Hannschen anziehn, un wo ich nu hinkucke, da steht der Kerl da!“

Damit stellt der Heinrich seine Laterne wieder so hin, wie sie damals stand, und zeigt dann nach vorn, und dann kreischt er los:

„Dunnerschlag und Hagel, Härr Dukter! Da, da is er wieder, na, Deubel ok, jetzt sinn es zwaa!“

Und wirklich, es ist so! Zwei riesige schwarze Gestalten stehen da vorn im Nebel. Der Doktor putzt seine Brille und schaut noch einmal hin, und dann lacht er aus vollem Halse, daß es nur so hallt und schallt. „Jochen Päsel, wat büst du für’n Esel!“ sagt er zu dem betroffenen Gespenster-Heinrich, „Menschenskind, das ist ja dein eigener Schatten, den die Laterne, die hinter dir steht, auf die Nebelwand vor dir wirft, und du bist also vor deinem eigenen Schatten davongelaufen! Du brauchst ja nur die Arme zu schwenken oder mit den Beinen zu strampeln, dann wirst du sehen, daß der schwarze Teufel da vorn dir all diese Bewegungen nachmacht, denn er ist nichts anderes als dein Schatten, nur daß er nicht auf den Erdboden fällt, wie er es tut, wenn dich die Sonne bescheint, oder der Mond, oder eine Straßenlaterne, sondern daß er auf der Nebelwand vor dir entsteht, weil deine Laterne tief unten am Boden steht!“

Das sah denn auch der gute Heinrich ein, und still ging er mit hängenden Ohren neben dem Doktor her, und nahm sich vor, ein andermal verständiger zu sein.»

Doktor Ulebuhle klopfte seine Pfeife aus und stopfte sie aufs neue. «Ja,» sagte er, «da seht ihr nun, was es mit den Gespenstern für eine windige Sache ist! Die Erscheinung, die der Heinrich da gesehen hatte, ist in den Bergen gar nicht selten, man nennt sie das „Berggespenst“ oder „Brockengespenst“, denn auf dem Brocken, dem höchsten Berge im Harz, ist sie besonders häufig. Da ziehen viele Tage im Jahre dichte Nebelschleier um die Bergkuppe, und wenn die Sonne aufgeht, dann wirft sie unseren Schatten auf die Nebelwand, die zuweilen ein ganzes Endchen von uns entfernt ist, wodurch dann der Schatten riesenhaft vergrößert erscheint. Aber ihr werdet zugeben, daß das ein recht harmloses Gespenst ist, das niemandem etwas zuleide tut und mit dem Nebel in alle Winde zerflattert!»

«Ulebuhle,» fragte das kleine Mädchen, «hat denn der Heinrich später noch andere Gespenster gesehen?»

«Ei freilich, Urschel! Er war ein dummer Tropf und erfand immer neuen Spuk, als wenn er dafür bezahlt bekommen hätte! Einmal mußte er des Abends spät über Land, um seinem Herrn allerlei winzige Instrumente zu bringen, denn ein Kranker hatte ein böses Geschwür, und das mußte aufgeschnitten werden. Drüben sah er das Dorf jenseits der Wiesen liegen, und er beschloß, sich den Weg abzukürzen und quer durch Wiesen und Felder zu wandern. Es waren aber auch große Seen in der Nähe, und an manchen Stellen waren die Wiesen sehr sumpfig. Langsam wurde es dunkel, und nur ganz fern in dem Dörfchen brannten ein paar Lichter, so daß sich der Heinrich immerhin zurechtfinden konnte, wenn er auch aufpassen mußte, nicht in den Sumpf zu geraten. Das ging eine ganze Weile gut, aber plötzlich wurde ihm gar sonderbar zumute! Vor ihm tanzte in der Dunkelheit ein merkwürdiges Lichtlein, es hüpfte auf und nieder, war bald hier, bald dort und kam einmal seiner Hand so nahe, daß er es greifen konnte, und da verlöschte es.

Zugleich merkte unser Heinrich, daß er vom Wege abgekommen war und daß unter ihm der feuchte Moorboden wabberte. Er blickte sich um und sah nun hinter seinem Rücken da und dort einen schwachen Lichtschein. „Aha,“ meinte er, „das sind die Lichter vom Dorf, da wär ich beinahe in der Irre umhergelaufen.“

So ging er denn auf jene Lichter zu. Aber da flackerte wieder vor ihm das seltsame Flämmchen, das frei in der Luft tanzte, nicht weit über dem Boden. „Tanz du nur, Höllenspuk,“ sagte er, „ich gehe meines Weges, und wenn du willst, so komm mit!“

Auf einmal war er ganz dicht bei den Lichtern, von denen er glaubte, sie seien noch weit fort und gehörten zum Dorfe. Er sah, daß auch sie nicht feststanden und immer vor ihm hertanzten, und als er sich nun seitwärts wandte, da flackerten auch dort und ringsum die hüpfenden Flämmchen. Dazu zischelte und wisperte es so seltsam in der Runde, als ob’s im Teekessel siedete, und der Boden wurde immer weicher und wabberte wie Gummi. Mitunter klang es wie verhaltenes Kichern um ihn herum, und wenn er sich in Trab setzte, um dem Spuk zu entgehen, dann wichen die grünlichen Flämmchen vor ihm aus und verschwanden seitwärts, aber neue tauchten vor seinen Füßen auf und schienen aus dem Boden zu kriechen.

Schließlich blieb der arme Heinrich zitternd stehen. Das Wasser ging ihm schon dann und wann oben zu den Stiefelschäften hinein, und der Lichterspuk nahm kein Ende. Da stand der arme Kerl nun und wußte nicht mehr aus und ein. Er war vollkommen vom Wege ab und konnte nicht einmal mehr feststellen, in welcher Richtung das Dorf lag, denn andere Lichter als die hier hin und her hüpfenden grünen Flämmchen waren nirgends zu entdecken.

„Was mag es nur für Teufelszeug sein, das hier umherwimmelt,“ sagte er zu sich selbst, „sicher sind es Geister. Ich glaube, Geister sind immer etwas grünlich, oder es sind die Seelen Verstorbener, vielleicht in diesem Teufelsmoor Ertrunkener. Gespenster sind es auf jeden Fall, denn sie treiben sich hier zur Nachtzeit umher und belästigen mit ihrem Tausendsapperlot-Getänzel und -Geflunker anständige Christenleute und bringen sie vom richtigen Wege ab. Ich möchte wohl wissen, was mein Herr, der Doktor Horn, nun wieder über diese vermaledeite Türkenteufelei für Sprüchlein machen würde!“

So stand der Gespenster-Heinrich eine ganze Weile unschlüssig, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich aus der Klemme ziehen sollte. Zuweilen kamen die seltsamen Flämmchen so nahe heran, daß er sie mit der Hand erwischen konnte, und das tat er in seiner Wut auch mehrmals, aber es geschah nichts weiter, als daß sie wie ein wesenloses Nichts zwischen seinen Fingern verlöschten, wobei auch nicht eine Spur von Wärme zu spüren war.

Heinrich mochte wohl eine Viertelstunde da gestanden haben, als er plötzlich freudig die Ohren spitzte. Irgendwo, aber noch fern, klang es, als ob ein Wagen im Sandweg dahinmahle. Gott sei Dank, er kam langsam näher, und nach einer Weile hörte man auch, daß sich zwei Männer auf dem Wagen unterhielten. Schließlich konnte der Gespenster-Heinrich auch in einiger Entfernung das rötliche Licht der Wagenlaterne erkennen, und nun lief er spornstreichs drauf zu, daß das Wasser nur immer so um ihn her spritzte. Bald hatte er das Gefährt erreicht.

„Hallo, hallo!“ schrie er.

„Hallo!“ antworteten die Leute vom Wagen.

„Geht hier der Weg zum Dorf, und fahrt ihr selber hin?“

„Ei freilich! Wenn Ihr mitwollt, so kommt nur herauf!“

Da sprang der Heinrich schnell auf den Wagen und war seelenvergnügt, es so gut getroffen zu haben.

„Ihr kamt ja aus dem Moor heraus,“ sagte der eine der Bauern, „habt Ihr Euch verlaufen? Da ist es nicht geheuer in der Dunkelheit, denn man ersäuft, ehe man’s recht selbst merkt!“

Und nun erzählte Heinrich, wie es ihm ergangen, und wie ihn die hüpfenden Lichter vom Wege abgeführt.

„Ei der Deubel,“ riefen die Bauern, „das waren die Irrwische. Die haben manchen schon betrogen, die Teufelsdinger. Sie lockten ihn vom rechten Pfade ab, führten ihn immer weiter ins Moor, und da ist er lautlos ersoffen. Die Leute sagen, vor vielen hundert Jahren hätten hartherzige Bauern im Dorf gewohnt, und es seien einmal in einer Regennacht hungrige Musikanten gekommen, die hätten um Nahrung und Obdach gebeten, und die Bauern hätten sie davongejagt. Da seien die Musikanten in das Moor geraten und seien ertrunken, und nun tanzten ihre Seelen da des Abends umher, um die Bauern auch ins Moor zu locken und zu verderben. – So sagen die Leute, aber der Pfarrer und der Lehrer meint, das sei dummes Zeug, und mit den Irrwischen ginge das ganz natürlich zu!“

„Tausenddonner, es sind vermaledeite Gespenster und Türkenteufel, sage ich!“ schrie noch immer erbost der Heinrich, „die Polizei muß sich darum kümmern, aber die kommt nur, wenn man mal ein Gläschen über den Durst getrunken hat und des Nachts ein Liedchen singt auf der Gasse!“

„Ja, ja,“ meinten die Bauern, „so is dat!“ Aber dann riefen sie „Hüh“ und „Hott“, und die Pferde setzten sich in Trab und bogen in die Dorfstraße ein. Der Heinrich aber hütete sich, dem Doktor sein Erlebnis mitzuteilen, denn er wußte, daß jener ihn doch nur auslachen würde ...»

«Solche Lichter habe ich auch schon gesehen,» sagte eines der Kinder, «aber die flogen im Sommer des Abends draußen zwischen den Bäumen herum und waren sehr spaßig, wie lauter kleine grünliche Laternchen, nicht größer als ein Nadelkopf.»

«Oho, das waren nicht solche Irrwische, wie sie dem Gespenster-Heinrich begegnet sind, das waren sogenannte Glühwürmchen oder Johanniswürmchen,» antwortete Ulebuhle. «Die fliegen in warmen Sommernächten um die Büsche oder liegen im Grase, und jeder freut sich über diese seltsamen leuchtenden Kerle. Aber die Irrwische, die sind von ganz anderer Art, und daß durch sie Leute in Sümpfe und Moore in der Irre umhergeführt worden sind, das kann wohl vorgekommen sein, denn nur an solchen feuchten Stellen, wo im Boden viele Pflanzen verwesen, bilden sich die hüpfenden Flämmchen. Aber das geht alles natürlich zu, und es ist nichts Gespenstisches dabei! Seht! überall da, wo etwas verwest, bilden sich Gase, und die verwesenden Pflanzenmassen der Wiesenmoore erzeugen ebenfalls solche Gase. Wenn man bei ruhigem Wetter in der Abendstille durch ein solches Gelände schreitet, dann hört man es merkwürdig leise wispern und zischeln, ganz so, wie es der Gespenster-Heinrich gehört hat, aber das sind nicht irgendwelche Geister, sondern das Singen und Zerspringen von Millionen winziger Gasbläschen, die aus dem Boden emporsteigen. Diese Gase aber haben zuweilen die Eigentümlichkeit, daß sie sich von selbst entzünden und in Gestalt von kleinen Flämmchen über dem Sumpf- und Moorboden schweben. Das sind die Irrlichter oder Irrwische. – Ihr seht, Gespenster sind es nicht, und doch sind sie geheimnisvoll, denn die gelehrten Herren haben noch nicht ganz sicher herausgebracht, wie sich diese Gase entzünden, denn richtige Flammen, wie die Gasflammen in den Laternen, sind es nicht, sondern sie leuchten nur so ähnlich wie der Phosphor an alten Zündhölzern, in einem kalten, merkwürdigen Schein, der wie ein leichter Nebelbausch beim leisesten Windhauch hin und her treibt, so daß es aussieht, als hüpfe er tanzend über das Moor.

Ja Kinder, es gibt sonderbare Dinge in der Welt, und man darf es den Leuten, die nicht viel haben zur Schule gehen können, nicht verargen, wenn sie bei manchen Dingen an Wunder und Zauberei glauben, aber immer, wenn man die Dinge genau ansieht und erforscht, dann zeigt es sich, daß sie nicht wunderbarer sind als die Wolken, die am Himmel schweben, oder als die Kornähre, die aus einem winzigen Samenkörnchen wächst. – Der Gespenster-Heinrich war aber darin ein schnurriger Kauz! Er blieb bei seinem Gespensterglauben und ließ sich nicht belehren, auch als alter Knabe, und da aller guten Dinge drei sind, so will ich euch noch ein Stücklein von ihm erzählen!

Da ging er einstmals im Spätsommer des Abends durch den dunklen Wald zurück von Hahnenklee nach Goslar. Es war eine schöne laue Nacht, aber es war sehr finster im Tann, und der Himmel dunkel und verhangen. Es knackte überall so seltsam in den Zweigen, und dem guten Heinrich, dem immer das Gruseln nahe war, kamen wieder allerlei dumme Gedanken.

Plötzlich hörte er ein erschrecktes Kreischen und einen schweren Flügelschlag, und da sah er dicht vor sich im Tann ein seltsames Ding stehen.

Es war gut mannshoch und leuchtete in einem seltsam gelbgrünen Licht vom Kopf bis zu den Füßen. Der Kopf war dick und unförmig, man sah in ihm nur ein paar dunkle mächtige Augenflecke und breite Haarbüschel fielen bis in die Stirn. Die wehten ständig hin und her, obgleich kein bißchen Wind im Walde ging. Auch starke Arme waren zu sehen, sie waren kohlschwarz und weit ausgespannt, als ob sie den Heinrich beim Vorbeischreiten festhalten wollten. Dazu miaute das unheimliche Wesen in schrecklichster Weise. Bald wimmerte es wie ein kleines Kind, bald stöhnte und krächzte es gottserbärmlich.

Je länger der Gespenster-Heinrich hinschaute, je stärker sah er den greulichen Spuk leuchten in der tiefen Dunkelheit, und er blieb wie angenagelt stehen, weil er sich nicht vorbeitraute.

Aber innerlich schimpfte er um so mehr auf diese „vermaledeite Türkenteufelei“ und das ganze „polizeiwidrige Gespenster-Lumpengesindel“. Das Ding stand da und rührte kein Glied, nur die Haare auf seinem Kopf sah man auf der hellen Stirn hin und her fliegen. Die Arme aber hielt es noch immer weit ausgespannt.

Plötzlich ließ der zitternde Heinrich seinen Wanderstock fallen. Da kreischte der Spuk vor ihm laut auf, und es rauschte etwas miauzend auf den Gespenster-Heinrich zu. Dieser aber sah und hörte schon nichts mehr! Er drehte kurz um und stürzte laut schreiend durch den Tann, daß ihm die Zweige nur so das Gesicht peitschten. Erst als er weit fort war, hielt er schnaufend inne und ging über den nächsten Holzfällerweg in einem weiten Bogen um das Waldstück herum und kam sehr spät erst, müde und ausgehungert daheim an.

„Diesmal,“ sagte er, „will ich’s aber doch dem Doktor gehörig auseinandersetzen! Ich werde ihm sagen, was da wieder für eine elende Himmelhöllenschwerenot im Tann gewesen ist, und daß ich meinen schönen Krückstock eingebüßt habe, und daß ich überhaupt nicht mehr nachts allein zu solchen Botengängen herhalten will. Da bin ich doch gespannt, was er nun wieder für Ausreden hat für diesen neuen Spuk!“

Das tat der Heinrich denn auch, und der alte Doktor, der ihn schon genügend kannte, und der den sonst so braven Kerl nicht noch mehr verärgern wollte, sagte zu ihm:

„Gut, mein bester Heinrich! Heut abend werden wir zusammen den Weg gehn, denn ich muß sowieso einmal nach dem kranken Lehrer in Hahnenklee schauen. Wenn ich dir die Sache nicht an Ort und Stelle ganz harmlos erklären kann, dann sollst du recht behalten und brauchst nicht wieder nachts Medizin durch die Wälder zu tragen. Wenn du aber wieder ein Hasenfuß gewesen bist, dann kann ich nichts weiter tun als sagen: Jochen Päsel, wat bist du für’n Esel!“

Am Abend gingen sie denn richtig los, und sie kamen auch bald an die Stelle, wo unser Freund gestern solche Angst ausgestanden. Da lag auch noch unberührt auf dem Waldwege der Krückstock, und zehn Schritt davon stand ein abgebrochener, ganz vermorschter hoher Baumstumpf, von dem nur noch die Hälfte übrig war. Hinter ihm stand eine kleine Fichte, die seitwärts ihre Arme hinter dem faulenden Stumpf hervorstreckte, und oben auf dem morschen Stumpf wuchsen Farnkräuter, die weit herniederhingen. An allerlei Unrat und Federn sah aber der Doktor, daß oben auf diesem Stumpf wohl dann und wann ein Käuzchen[2] zu rasten pflegte.

Aha! sagte der Doktor bei sich, das ist das Gespenst. Zum Heinrich aber bemerkte er lachend: „Da schau’ her, mein Lieber, das ist der greuliche Spuk, der dich genarrt. Faules Holz leuchtet sehr häufig stark im Dunkeln, und wenn wir heute nacht, wenn es ganz finster sein wird, zurückkehren, dann wirst du den Stamm auch wieder leuchten sehen. Die Augen waren nichts als diese beiden Moosbüschel, die da wachsen, und die Haare waren die Farnkräuter. Was du für Arme gehalten hast, sind die beiden großen Zweige der Fichte da hinter dem Stumpf, und das Miauze und Gewimmer kam von einem Käuzchen, das oben auf dem Stumpfe saß, und auch die Farnkräuter, die Haare deines Gespenstes, bewegte. – Als du deinen Stock fallen ließest, hat sich der Vogel erschreckt, und flog kreischend davon! – So, das ist die ganze Geschichte!“

Der Heinrich war halb schon überzeugt, aber ein wenig mußte er sein Gespenst doch noch verteidigen. „Es leuchtete gar zu gruselig,“ bemerkte er, „aber wenn es heute nacht wirklich ebenso flimmert an dem alten Wurzen da, so will ich es wohl glauben, daß ich mich geirrt!“

Als der Doktor seine Geschäfte erledigt und sie zu später Stunde wieder beim Heimweg an den morschen Stamm kamen, da schimmerte und flimmerte er wirklich so stark, wie es auch der Doktor noch selten erlebt. „Siehst du es nun, ungläubiger Thomas, daß ich recht hatte!“ sagte er. „Brich ein wenig ab und nimm es mit nach Hause, es leuchtet so stark, daß du nachts die Taschenuhr bei dem Lichte ablesen kannst. – Ich will dir auch sagen, wie das Leuchten zustande kommt! Es gibt eine ganze Anzahl leuchtender Bazillen und Pilze. Faulende Fische und faulendes Fleisch leuchten in dunklen Räumen sehr stark, besonders wenn es warm ist, denn auf ihnen haben sich Millionen solcher leuchtenden Bazillen angesiedelt. In den Wäldern Südamerikas trifft man Pilze, die leuchten gar gespenstisch aus dem Walddunkel hervor. Dieser alte Baumstamm aber ist durchwachsen von unendlich vielen ganz winzigen Pilzsträngen, die das Faulen des Holzes hervorrufen und die verwesende Masse zum Leuchten bringen. – Nicht wahr, das ist nicht so schwer zu begreifen, alter Knabe, aber es wird alles nichts helfen, und du wirst immer wieder neue Gespenster sehen. Darum aber bleibe ich dabei und sage: Jochen Päsel, wat bist du für’n Esel!“»

Der Diamant und seine Brüder

Eines Tages, als wir Kinder uns vor dem Hause unseres alten Freundes versammelt hatten, um zu ihm hinaufzugehen, entstand plötzlich ein Zank. Da hatte sich auch der kleine Junge des Flickschusters eingefunden, der auch einmal Märchen hören und Kuchen essen wollte. Aber seine Holzpantoffeln und sein fadenscheiniges, geflicktes Röcklein paßten nicht so recht zu dem Putz der anderen. Der Sohn des reichen Bergrats wollte den kleinen armen Teufel nicht mit hinauf lassen.

«Man kann nicht wie ein Haderlump zum Doktor Ulebuhle!» rief er ein über das andere Mal. Andere aber meinten, er solle ruhig mitkommen, und der Kleine stand unglücklich und zögernd dabei.

Der alte Ulebuhle aber hatte oben leise ein Fenster geöffnet und den Zank mit angehört, und plötzlich fauchte er los, so böse, wie wir ihn selten gehört hatten.

«Ihr vermaledeiten Nichtsnutze,» krächzte er wütend, «fangt ihr auch schon an, wie die Großen, den Menschen nach dem Preise seines Rockes zu achten!? Samt und sonders soll euch der Teufel holen, wenn ihr das noch einmal tut. Zu mir wenigstens kommt ihr nicht mehr ins Haus, wenn ich wieder etwas davon erfahre. Jetzt aber kommt herauf, alle wie ihr da seid, und des Schusters Hannes zuerst! Ich will euch ein Stücklein aufgeigen, aus dem ihr ersehen könnt, daß der Mann im Arbeitskittel mehr wert ist als der Stutzer und Nichtstuer im samtnen Wams. Und dann könnt ihr nach Hause gehen und den Eurigen sagen, der alte Ulebuhle habe euch das gelehrt, dieweil sie es offenbar versäumt hätten!»

Und dann kam die alte Christine, brachte Kuchen und Tee, und der kleine Hannes saß dicht beim warmen Ofen und war seelenvergnügt, daß sich der gefürchtete Alte seiner so angenommen. Der aber stopfte zunächst seine lange Pfeife, brummte noch allerlei Unwirsches und begann schließlich also:

«Auf dem Schreibtische eines sehr reichen Mannes, dem viele Bergwerke und Schiffe und Fabriken gehörten, lag ein wundervoller Diamantring. Der Stein, so groß wie eine Bohne, funkelte in tausend Farben, und es war, als ob Feuer aus ihm hervorbräche. Er hatte viele Tausende gekostet, und sein Kleid war von Gold.

Neben ihm lag ein einfacher Bleistift in einem braunen Röcklein aus Tannenholz und ruhte von der Arbeit, denn sein Herr hatte den ganzen Vormittag Pläne und Zahlen mit ihm auf das Papier geworfen. Es war sehr still in dem Zimmer, nur die hohe Pendeluhr sagte in vornehmer Ruhe ganz langsam und gleichmäßig „Tick ... tack ... Tick ... tack!“

Plötzlich hörte der Bleistift, der ein wenig eingenickt war, neben sich eine feine Stimme. Es war der Diamant.

„Es ist höchst langweilig hier,“ sagte er, „unsereiner, der an glänzende Gesellschaften und rauschende Feste gewöhnt ist, wo man so allerlei amüsante Histörchen hört, ist hier nicht in seinem Element.“

Der einfache Mann im hölzernen Röckchen schwieg. Er war noch müde und hätte lieber weiter geschlafen, als sich zu unterhalten.

Der Diamant ärgerte sich. Ein unhöflicher Kerl, dachte er. Ich glaube, er weiß gar nicht, mit wem er es zu tun hat. Und dann strahlte er um so heller und sagte geziert:

„Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Baron Diamant. Ich stamme aus Südafrika. Meine Frau ist eine geborene Gräfin Perle. Uralter Adel. Sie ist nahe verwandt mit dem Herrscher des Weltmeeres Neptun.“

„Ich heiße Bleistift,“ sagte der andere, „ich bin hier nur einfacher Angestellter im Hause, mache meine Arbeit und kümmere mich sonst nicht viel um die Leute.“

„Das muß doch furchtbar langweilig sein, so nur immer arbeiten für andere Leute. Mein Fall wäre das nicht!“

„Langweilig ist das gar nicht!“ entgegnete der Bleistift. „Meine Tätigkeit ist sehr interessant, denn alle neuen Pläne, die mein Herr hat, erfahre ich zuerst, und das sind Sachen, die nachher in der ganzen Welt besprochen werden. Die Geldleute und die Zeitungsmänner warten schon darauf, was wir wieder Neues vorhaben, und hundert Ingenieure und Tausende von Arbeitern werden zu tun bekommen, wenn das erst alles bekannt wird, was ich heute morgen geschrieben habe. – Sehen Sie, da drüben liegt mein ärgster Feind, der Herr Federhalter. Der wütet sich, daß er diese Arbeiten nicht machen durfte, denn bei uns ist eben die Arbeit die Hauptsache, und bei Ihnen das Vergnügen.“

„Jeder nach seinem Stande,“ meinte hochnäsig der Baron von Diamant. „Ich habe auch einen Feind und Neider, das ist der Herr von Rubin. Manchmal steckt ihn mein Herr auch an den Finger, aber er ist lange nicht so elegant wie ich, und in die ganz vornehmen Kreise wird er nicht eingeführt, denn er funkelt nur wie ein Blutstropfen, ich aber brilliere in allen Farben des Regenbogenlichtes, und jeder sieht auf den ersten Blick meine hohe Herkunft und meinen enormen Wert!“

„Ja, ja, das haben Sie schon einmal gesagt,“ meinte der Bleistift, „aber eigentlich sind Sie doch zu nichts nütze, und unser Herr hätte Sie nicht kaufen können, wenn wir hier alle nicht tüchtig gearbeitet und viel Geld verdient hätten.“

„Gott ja, es muß auch Arbeiter geben, und wir können nicht alle vornehme Herren sein,“ entgegnete der Diamant, „aber Arbeit ist nun mal nicht für mich. Das ist eintönig. Sie machen hier nur immer dasselbe und erleben nichts. Ich aber bin in der großen Welt gewesen und habe das Leben kennengelernt und weiß, wie es zugeht!“

„Erzählen Sie mal, wie es da draußen ist,“ sagte der Bleistift, „so etwas höre ich ganz gern, denn ich bin vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen, die Welt zu sehen!“

„Es ist eine lange Geschichte,“ sagte der Baron von Diamant, „aber wenn es Sie interessiert, dann will ich Ihnen davon berichten. Man muß auch mal etwas für die Armen tun, wenn man ein vornehmer Herr ist. Also passen Sie auf! – Ich und viele meiner Brüder wurden da drunten in Südafrika geboren. Wir lagen tief unten im Gestein verborgen, im dunklen Schoß der Erde. Sehen Sie, was die Menschen jeden Tag finden können, das schätzen sie nicht, aber wenn man sich rar macht, dann wird man eben als vornehmer Mann behandelt.

Eines Tages kamen lauter schwarze Arbeiter, die hackten und schaufelten und gruben unablässig, denn sie suchten uns. Es waren arme Neger, und sie wurden für das Suchen bezahlt, aber behalten durften sie uns nicht, und damit sie uns nicht heimlich in ihren Taschen verschwinden ließen, mußten sie nackend arbeiten. Auch in Indien und in Brasilien suchen die Menschen nach Diamanten, aber nirgends haben sie so große und prächtige gefunden wie da unten in meiner Heimat Südafrika. Manche meiner Brüder sind noch viel vornehmer als ich. Den größten, der überhaupt aus der Erde herausgeholt wurde, besitzt der König von England. Er heißt „Cullinan“-Diamant, ist so groß wie eine Kinderfaust und wiegt mehr als ein Pfund. Sechzehn Millionen kostet er, und ein ganzes Heer von Polizisten hat ihn nach London gebracht, damit er unterwegs nicht gestohlen werden konnte. Der arme Neger, der ihn fand, bekam tausend Mark und ein gesatteltes Pferd für den schönen Fund. Auch der „Exzelsior“-Diamant ist aus dieser Gegend. Er ist halb so groß wie der Cullinan und hat einen Wert von zwölf Millionen Mark, aber der berühmte Koh-i-nor, was soviel heißt wie „Berg des Lichtes“, mein in der ganzen Welt bekannter Verwandter, der ebenfalls dem König von England gehört, stammt aus Indien. Er kostet wohl acht Millionen Mark, aber die Engländer haben ihn den Indern, die sie besiegten, abgenommen und nichts für bezahlt. Früher war er als Auge in das Bildnis eines Götzen eingesetzt, der in einem berühmten indischen Tempel stand, und da wurde er geraubt, und viele Morde und Untaten sind begangen worden, um ihn in Besitz zu bekommen. Ja, so sind die Menschen in ihrer Habgier!“

„Meinetwegen begeht man keine Bluttaten,“ sagte der Bleistift. „Ich bin doch froh, daß ich nur ein einfacher Mann bin, der seine Arbeit tut und in Frieden leben kann. – Aber bitte, erzählen Sie weiter!“

„Ja, es geht schnurrig zu in der großen Welt! Passen Sie auf, wie es mir nun erging. Also eines Tages hackte neben mir eine Picke in den Boden, und dann kam eine Schaufel, und ich wurde mit allen möglichen Gesteinbrocken auf eine Schiebkarre geworfen. In einer großen Halle wurde dann das Gestein genau untersucht, und da ich zufällig in einem Eckchen der Schiebkarre liegen geblieben war, ganz unansehnlich und mit einer dicken Schmutzkruste bedeckt, so fand man mich nicht. Ganz nebenher bemerkte mich dann der Neger, der die Karre wieder hinausschob. Er verbarg mich in der Achselhöhle und wollte mich behalten. Aber ein Kamerad von ihm hatte es doch gesehen. Er sagte es jenem, und die beiden beschlossen, zusammen zu fliehen und mich später in Kapstadt, oder gar in Europa, zu verkaufen.

Wirklich entflohen sie bei Nacht und Nebel durch den öden südafrikanischen Busch und durch dichte Wälder. Aber die Habgier brachte beide ins Verderben. Als der eine schlief, erstach ihn der andere, nahm mich an sich und floh weiter. – Die Polizei der Diamantengruben war aber schon hinter den beiden her, denn jedermann konnte sich denken, daß sie nur entwichen waren, weil sie einen Diamanten von großem Wert gestohlen hatten. So mußte denn der Mörder und Dieb auf einsamen Waldwegen weiterziehen, um nicht gefangen zu werden und am nächsten Baum zu enden. Schließlich verlief er sich in der wilden Einöde. Er hatte nichts mehr zu essen, brach zusammen und verhungerte elend. Erst nach Wochen fand man seine von der Sonne verdörrte Leiche, und in seiner schwarzen Hand hielt er noch immer mich, seinen Raub.“

„Da können Sie aber sehen, wie wenig man doch am Ende mit Ihrer Vornehmheit anfangen kann,“ so unterbrach hier der Bleistift den Erzähler. „Ich glaube, der Verhungernde hätte Sie in seinen letzten Stunden gern für ein Stückchen trockenen Brotes fortgegeben!“

„Das mag wohl sein, mein Lieber!“ entgegnete etwas von oben herunter der Diamant. „Etwas so Vornehmes, wie ich es bin, ist eben nichts für einen schmutzigen Nigger. Er hätte seine Hände davon lassen sollen. – Aber hören Sie weiter! Ich kam nun zu meinen rechtmäßigen Besitzern zurück, und dann nach Amsterdam, der Hauptstadt von Holland, wo die größten und berühmtesten Diamantenhändler und Diamantenschleifer wohnen, und da erst wurde ich richtig zum Licht erweckt, denn jeder Diamant ist, wenn er aus der Erde kommt, unansehnlich wie ein gewöhnlicher Stein. Erst wenn er geschliffen wird, kann das Licht in ihn hineindringen und er kann es dann tausendfach funkelnd zurückwerfen. – Ich kam dann zu einem Goldarbeiter, der mich mit einem goldenen Gürtel umgab, und dann lag ich in Paris im Schaufenster des berühmtesten Juweliers im Strahl der elektrischen Lampen auf einem Kissen von blauem Samt, und alle Vorübergehenden blieben stehen und riefen aus: „Oh, was für ein wundervoller Edelstein!“ Die Damen aber blieben lange stehen und schauten mich mit ihren dunklen Augen sehnsüchtig an, und dann gingen sie schließlich seufzend weiter.

Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. Über die einsame Straße kam ein Mann daher, der blitzschnell mit einem Hammer die Scheibe einhieb und mich ergriff. Dann eilte er durch viele Gassen und Straßen, immer kreuz und quer mit mir dahin, aber es half ihm alles nichts, die Wächter hatten das Klirren des Glases gehört und waren ihm nachgeeilt. In einer dunklen Hausnische wurde er ertappt und verhaftet. Ich wurde zu einer Berühmtheit, die ganze Sache kam in die Zeitungen und kam vor die Richter, und der Dieb wurde viele Jahre eingesperrt. Ich aber war aus seinen schmutzigen Händen befreit und lag wieder auf meinem Samtkissen, und die Leute, die vorbeigingen, sagten: „Das ist der große Diamant, den jener Dieb entwendet hatte.“

Dann aber kam ein vornehmer Mann zu dem Juwelier, und an seinem Arm ging eine reizende junge Dame von großer Schönheit. Das war die berühmte Tänzerin der Großen Oper in Paris, und jener bleiche ernste Mann liebte sie mehr als sein Leben und seine Ehre. Sie hatte sich in mich verliebt und ihren Freund immer und immer wieder gebeten, daß er mich erwerben möchte, als Halsschmuck für sie. – Der ernste Mann hatte lange gezögert, aber dann gab er nach, und so kam ich in den Besitz jener gefeierten Künstlerin. Welch ein Tag des Triumphes für mich, als ich zum erstenmal abends an ihrem blütenweißen Halse an einem feinen Goldkettchen hing und im Licht von tausend Lampen funkelnd mit ihr die Bühne betrat! Welch eine wundervolle Musik, welch eine Farbenpracht ringsumher! Tausende von Menschen schauten mit ihren Opernguckern zu mir hin. Die Herren schmunzelten, und die Damen wurden grün vor Neid, am meisten aber die alten und häßlichen, und sie sagten, es sei ein Skandal. Aber das verstand ich nicht!

Aber dann kam etwas Trauriges. Während hier die Musik rauschend den weiten Saal mit seinen goldschimmernden Säulen und rotsamtnen Logen füllte und um mich herum die zierlichsten Damen in Gewändern, zart wie Engelwölkchen, tanzten, saß der ernste bleiche Mann daheim an seinem Schreibtisch und rechnete. Und dann schrieb er mehrere Briefe an das große Bankhaus, dessen Direktor er war, und sagte darin, daß er Geld, das ihm nicht gehörte, verwendet hätte und darum sterben müsse, und dann zog er ein glänzendes Ding aus seiner Schublade hervor, es gab einen Knall, und dann war er tot.“ –

Dem Bleistift war es ordentlich unheimlich geworden neben dem „vornehmen“ Kerl da in seiner Nähe, und er wäre gern etwas seitwärts gerückt, wenn ihm das möglich gewesen wäre. „Mein Gott,“ sagte er, „Sie haben aber doch nichts weiter als Unglück angerichtet mit Ihrer Schönheit und Vornehmheit. Ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht so vornehm bin wie Sie!“

„Je nun,“ entgegnete mit feinem Lächeln der Baron von Diamant, „was kann ich für die Torheit der Menschen! Es gab einen Mordsskandal, die ganze Geschichte kam wieder in die Zeitungen, und ich wurde noch berühmter als vorher. Die schöne Tänzerin aber kam auch ins Unglück durch den Tod ihres Freundes; sie mußte fort von dem herrlichen Theater, mußte mich verkaufen, kam in Not und ging außer Landes, wo sie ganz verarmt gestorben ist. – Schließlich aber kam ich zu meinem jetzigen Herrn, der mich in einen Ring fassen ließ, und da hat denn meine Geschichte ein Ende. Aber Sie sehen, die Welt hat mich geliebt und bewundert, und ich bin eine berühmte Person geworden und gehöre zu dem Vornehmsten, was es gibt.“

Der Bleistift antwortete nicht, er wußte nicht recht, was er sagen sollte, aber so recht ehrenhaft und wirklich vornehm kam ihm der Baron von Diamant, dessen Frau eine geborene Gräfin Perle war, nicht vor. Plötzlich aber wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt, und auch der Herr von Diamant horchte erschrocken auf. Eine ziemlich grobe und harte Stimme sagte plötzlich aus der einen Ecke des Zimmers heraus:

„Lieber Herr, blasen Sie sich nicht auf, sonst zerspringen Sie noch! Das wäre zwar kein Unglück nach all dem Unheil, das Sie angerichtet haben, aber unser guter Herr würde sich vielleicht drüber ärgern!“

In der Ecke des Zimmers stand ein schöner Kamin mit blanken grünen Kacheln und vernickelten Türen, hinter denen man durch Marienglasscheiben die Kohlen glühen sah. Neben dem Kamin aber stand ein schönes Gefäß, in dem Steinkohlen lagen, und eine kleine Schaufel mit vernickeltem Griff lag dabei. Da merkten der Diamant und der Bleistift, daß es eine große, spiegelblanke Steinkohle war, die da gesprochen hatte. Und die fuhr fort:

„Drei Menschen sind Ihretwegen ums Leben gekommen, zwei andere ins Gefängnis und Unglück, und das alles wegen eines Nichtstuers und Tagediebes, denn das sind Sie, und wenn Sie noch so schön funkeln!“

„Mein Lieber, aus Ihnen spricht der Neid, daß ich einer vornehmen Familie entstamme und Sie ein Arbeiter sind, der Stuben heizen muß und einen schmierigen Rock anhat, so daß ihn selbst der Diener nur mit der Schaufel anfaßt!“

Die Steinkohle lachte im tiefsten Baß: „Hahaha! Sie eitler Wicht! Ich stamme aus derselben Familie wie Sie und wie mein Freund da, der Bleistift, und wir drei sind leibliche Brüder. Aber wir beide sind ehrliche Arbeiter geworden und Sie ein Müßiggänger, der die Eitelkeit der Menschen ausnützt!“

Brüder? Wieso Brüder?“ sagte unwillig der Diamant. „Wie kann ein Diamant der Bruder einer Kohle und eines Bleistiftes sein?

„Ja, das ist aber so,“ meinte der Brummbaß der Steinkohle, „wenn’s Ihnen auch unangenehm ist. Wir alle drei stammen aus derselben Familie, unser aller Vater ist der Kohlenstoff. Sie sind nichts weiter als kristallisierter Kohlenstoff, und der Bleistift, der ja eigentlich Graphit heißt, ist ebenfalls Kohlenstoff, genau so wie ich, nur daß in meinem Körper noch mancherlei andere Stoffe enthalten sind.“

„Das verstehe ich nicht,“ sagte der Diamant.

„Das ist aber ganz einfach,“ antwortete die Kohle. „Sehen Sie, da vor Ihnen auf dem Tisch stehen Blumen im Wasser, und da an der Fensterscheibe sitzt Eis, und da draußen fährt eben eine Lokomotive vorbei, aus der weiße Wasserdampfwolken aufsteigen. Nun, das sind auch drei Brüder wie wir. Da im Glase ist flüssiges Wasser, am Fenster ist zu Eis kristallisiertes Wasser, und die weiße Lokomotivwolke ist verdampftes Wasser. Aber aus Wasser bestehen sie alle drei, und genau so bestehen wir drei hier aus Kohlenstoff und sind also Brüder!“

„So, so,“ meinte der vornehme Mann schon recht kleinlaut, aber doch noch immer von oben herab, „dann müßte ich doch aber genau so im Feuer verbrennen wie Sie, und dann müßte man doch aus Kohlen Diamanten herstellen können!

„Ei freilich, Sie vornehmer Bruder, das kann man auch, und die Menschen haben es auch schon getan! In einer sehr heißen Flamme verbrennen Sie genau so wie ich, mein Lieber, und man hat auch schon aus Kohle kleine künstliche Diamanten hergestellt, wenn das auch sehr schwierig ist, denn die Menschen haben das Küchenkochbuch der Natur, die uns alle drei gebraut hat, noch nicht gefunden. – Ja sehn Sie, so ist es mit Ihrer Vornehmheit. Wenn man genau hinsieht, ist sie eine windige Sache, und auf alle Fälle sind Sie höchst unnütz. Nur einer aus Ihrer Sippe ist ein braver und fleißiger Mann, das ist der Diamant, mit dem der Glaser seine Scheiben zerschneidet, und der ist eine ganz biedere gemütliche Seele. Er riecht zwar immer ein bißchen nach Fensterkitt, und Sie würden ihn sicher nicht als Ihren Bruder anerkennen, aber mir ist er lieber als Sie!“

„Nun,“ entgegnete der schwerbeleidigte Baron von Diamant, „Sie mögen ja über die Verwandtschaftsverhältnisse in meiner Familie besser unterrichtet sein als ich, aber wenn wir selbst so ganz weitläufig miteinander eine Stammesgenossenschaft bilden sollten, eins können Sie doch nicht bestreiten, nämlich daß ich eben der Vornehmste unserer Familie bin und bleibe!“

„Bester Herr,“ meinte gutmütig brummend der schwarze Arbeiter da vom Kamin her, „glauben Sie ja nicht, daß es ein Vergnügen ist, mit Ihnen verwandt zu sein. Schöner sind Sie gewiß als ich und mein Bruder, der Bleistift, aber Sie sind eine höchst anrüchige Person, die in üble Mord- und Raubtaten verwickelt worden ist, und ich lege keinen Wert darauf, mit Ihnen verwandt zu sein. Ob ich aber trotz meines schwarzen Rockes nicht in Wahrheit doch vornehmer bin als Sie, das ist noch sehr die Frage, denn ohne uns Steinkohlen ginge bei den Menschen alles zum Teufel, und wenn wir auch nur einen Tag streiken würden, verlöre unser Herr zehnmal mehr, als Sie samt Ihrer Frau, der geborenen Gräfin Perle, wert sind. Wir treiben mit unserer Kraft die tausend Fabriken, beleuchten und heizen die Riesenstädte der Menschen, wir ziehen die unablässig ein- und ausfahrenden Eisenbahnzüge von Land zu Land, wir sind es, die die Schiffe durch die Wasserwüste des Ozeans treiben. Kaiser und Könige, Herren und Knechte, Millionäre und Bettler sind auf unsere Kraft angewiesen, alles stände still, wenn wir feiern würden. – Wenn man aber heute alle Diamanten der Welt ins Wasser werfen würde, nun, dann wäre auch weiter nichts, und kein Rädchen in der Welt drehte sich deshalb schneller oder langsamer. – Aber still jetzt, ich höre unsern Herrn kommen, und der liebt das Schwätzen nicht. Leben Sie wohl, Sie eitler Fratz, und grüßen Sie Ihre Frau von mir, die geborene Gräfin Perle!“

Die Steinkohle lachte im tiefen Baß ‚Hahaha‘, der spitzige Bleistift kicherte schadenfroh ‚Hihihi‘, und der Baron von Diamant konnte vor Wut kein Wort herausbringen. Dann war er mäuschenstill. Die Gebrüder Kohlenstoff schwiegen.

Da ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat ins Zimmer. Er rief seinen Diener. „Legen Sie noch Kohlen auf,“ sagte er, „es ist kalt, und ich habe noch lange zu arbeiten!“ Und dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm den Bleistift und fing an emsig zu schreiben.

Den Diamantring aber schob er achtlos beiseite. Den brauchte er nicht!

Seht Kinder,» meinte der alte Ulebuhle, «so ist es in der Welt, und darum merkt euch den Spruch: Es kommt nicht auf das Röcklein an, man frage stets: Was kann der Mann?»

Der alte Baum

«Höret nun die Geschichte von dem alten Baum, ihr Kinder, der da wohl ein Jahrhundert im stillen Walde stand und ein merkwürdiges Ende nahm.

Kerzengerade war er gewachsen, denn das ist für eine rechtschaffene Fichte eine Ehrensache. Sein dunkelgrünes Nadelkleid war dicht und voll, und wenn der Wind durch den Wald fuhr, dann rauschte er durch das Geäst des alten Baumes und klapperte mit dürren Zweigen wie ein Storch mit seinem Schnabel. Die kleinen Vögel saßen auf den breiten Fächern von Nadeln, die so schön nach Harz dufteten, und sangen ihre Lieder. Der Specht hämmerte, daß ihm der Kopf brummte, und die Eichkätzchen jagten auf und nieder und spielten Verstecken in dem Dunkel des dichten Geästes.

Im Winter lagen mächtige Schneewuchten auf den breiten Armen der Fichte, und im Frost knackten ihre mit tausend Diamanten behangenen Zweige, daß man es weithin schallen hörte. Dann kamen Hirsche und Rehe und schnoberten an der Rinde, denn sie litten Hunger. Reineke, der Fuchs, schnürte mit gespitzten Ohren vorüber, wartete hinter dem breiten Stamm auf Lampe, den Hasen, und nachts saß zuweilen eine Eule auf dem Wipfel und schrie und miauzte wie ein Wickelkind.

Aber am schönsten war es doch im Sommer, wenn die Sonne so warm schien und die Vögel sangen. Einmal kam ein alter Mann und ein altes Mütterchen. Sie gingen Hand in Hand. Sie blieben vor dem alten Baum stehen.

„Dieser war es,“ sagte der alte Mann und putzte seine Brille.

Und dann suchte er ringsum am Stamm und betastete die rissige Rinde.

„Ja,“ rief er plötzlich fröhlich, „da ist es! Oh, wie lange ist es her, und wie jung waren wir damals!“

Richtig, da war ein Herz in die Rinde des alten Baumes eingeschnitten, und zwei Buchstaben standen darunter, aber man konnte sie kaum noch lesen, denn die Zeit hatte sie zernagt und verwischt. Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und so lange war es her, daß der alte Mann, der damals ein ganz junger war, die Zeichen hier eingegraben in die Rinde. – Lange standen die beiden Alten vor dem Baum und redeten kein Wort, und dann gingen sie Hand in Hand weiter.

Ja, so ein alter Baum ist wie ein treuer Freund, und der junge Jäger, der oft in seinem Schatten ruhte, wenn die Mittagshitze über der Welt lag, liebte ihn wie einen Menschen.

Aber eines Tages nahm das alles ein Ende. Da kamen die Holzfäller mit blanker Säge und scharfer Axt, und viele Bäume mußten sterben. Der Förster kam und machte mit Kreide drei Kreuze an den Stamm der alten Fichte, und das war ihr Todesurteil.

„Es tut mir leid, alter Bursche,“ sagte der Grünrock, „aber es ist nicht zu ändern, die Welt braucht Holz!“

Ach, es war nicht zu ändern! Da kamen die Männer und sägten den Stamm durch. Die Vögel hörten den alten Baum ächzen und stöhnen, erschreckt flogen sie weit fort. Der Star, der da oben im Wipfel eine Dachkammer bewohnt hatte, mußte schleunigst ausziehen. Er setzte sich auf den nächsten Baum und schnatterte und schimpfte stundenlang auf die Störer des Waldfriedens.

Dann legten die Männer ein Seil um den Baum, riefen ziehend „Hoh-Ruck ... Hoh-Ruck“, und krachend stürzte die Fichte nieder auf den moosigen Waldboden.

Äste und Zweige wurden abgeschlagen, die dicke braune Rinde abgelöst, und der lange, kahle Stamm lag wie ein Leichnam im Walde. Nach ein paar Tagen aber kam ein riesiger Wagen mit vier Pferden daher, und der Stamm wurde davongefahren, fort aus der grünen Heimat, herunter in die Stadt, zum Sägewerk.

Da kreischten die Sägen von früh bis spät, schnitten den Stamm in lauter kleine Scheiben, und dann hackte die Hackmaschine das alles in tausend Trümmer. Ja, das Sägewerk war schrecklich. Ganze Wälder hatte es schon gefressen, und die Leute, die den grünen Wald liebten, mochten die blanken Sägen mit ihren tausend Raubtierzähnen nicht leiden.

Als die beiden alten Leute nach Monaten, im Frühlingssonnenschein wieder durch den Wald schritten, da fanden sie den alten Baum nicht mehr. Nur ein breiter Stumpf ragte noch aus dem Boden. Lange standen sie da, und als sie fortgingen, glänzten Tränen im Auge des alten Mütterchens.

Der junge Jäger aber schimpfte und wetterte, als er seinen Liebling nicht mehr fand, und mißmutig warf er die Flinte über die Schulter und ging heimwärts.

Die Trümmer des Baumes waren inzwischen weiter gewandert. Sie kamen in eine große Fabrik, da machte man Papier. Man warf sie in mächtige Kessel, in denen kochte ein scharfer Teufelssaft, und schließlich wurde ein dicker Brei aus dem Holz der alten Fichte. Der Brei wurde weiß gefärbt, kam auf mächtige Siebe, das Wasser wurde verdampft, und da war ein dünner feuchter Filz aus dem Holzbrei geworden. Der ging dann durch viele Walzen und Pressen, wurde immer dünner und dünner, und endlich wurden schöne glatte Papierbogen daraus.

Ja, es ist eine tolle Geschichte, was die Menschen alles aus so einem alten Baume machen können! Aber was nutzt das ganze schöne Papier, wenn es nicht beschrieben oder bedruckt wird, sagten sich die Leute. Das sagte auch der langgelockte Dichtersmann, der da drinnen in der großen Stadt hauste, und so nahm er ein paar von den schönen weißen Bogen, tauchte die Feder in die Tinte und schrieb lauter Reime und Gedichte auf das Papier. Ja, da besang er den Wald mit seinen grünen Bäumen, und die Vögel, die da in den Zweigen wohnen, und sagte, daß es nichts Schöneres gebe in Gottes weiter Welt als den stillen Wald mit den rauschenden Wipfeln. – Ach, er dachte nicht daran, daß der alte Baum sterben mußte, damit der Dichter auf dem Papier seine Lieder über den Wald niederschreiben konnte.

Aber das meiste Papier, das aus dem Fichtenstamm entstanden, kam in eine große Druckerei, und da wurden die Gedichte über den Wald zehntausendmal abgedruckt, und aus dem Baum waren zehntausend Bücher geworden, die hinaus wanderten in alle Welt.

Eines kam auch hinauf in das Forsthaus im Walde, wo der junge Jäger wohnte. Der nahm es mit sich in die grüne Einsamkeit der Tannen und Buchen. Er lagerte sich unter einem hohen Baum und las darin.

„Schnedderengteng!“ sagte er ärgerlich. „Da hauen die Städter die Bäume um und machen Papier daraus, und aus dem Papier machen sie Bücher, und in den Büchern schreiben sie, daß man in den grünen Wald gehen soll, und ihn heilig halten muß. – Es ist ein verrücktes Zeug, und es ist schade um den Baum, der deswegen sterben mußte!“

Da nahm er das Buch und warf es weit fort in das grüne Walddunkel.

Lange lag es da! Die Ameisen krochen zwischen den Seiten. Reineke, der Fuchs, beschnoberte es mißtrauisch und konnte über das seltsame Ding nicht klug werden, und der Starmatz pfiff darauf und benahm sich noch weiterhin unanständig, denn er verstand nichts von Gedichten. Die Sonne vergilbte das Papier, dörrte es aus; der Regen durchweichte es, der Frost zerriß es, die Mäuse knabberten daran, der Schnee des Winters löste es auf in einen Brei. Der Brei sickerte langsam in den Erdboden hinein, gerade da, wo ein ganz winziges Fichtenzweiglein wuchs. Seine feinen Wurzeln saugten die Nahrung ein, und das zerstörte Buch gab der jungen Fichte wieder, was es dem alten Baum genommen hatte.»

Johann der Wunderbare

«Zu Basel,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «lebte vor Jahren ein berühmter Uhrmacher, der war ein Meister in seiner Kunst, wie ihn die Welt noch nicht gesehen. Er baute wundervolle Uhren mit allerlei beweglichen Figuren, die zu jeder Stunde aus dem Gehäuse herauskamen, ihre Verbeugung machten und mit einem Stab die Stunde wiesen. Dann drehten sie sich um, schlugen mit einem kleinen Hämmerchen auf silbernen Glocken die Zeit, und dann verbeugten sie sich wieder und verschwanden.

Von weit und breit kamen die Leute herbei, um die Kunstuhren des Meisters zu sehen, und Fürsten und hohe Herren ließen sich für teures Geld da prunkvolle Werke bauen. Aber der Meister schuf immer wunderbarere Sachen. Da war ein Reiter aus purem Golde, der alle Mittag um zwölf eine Trompete zum Munde führte, ein lustiges Stücklein blies und dann eine Pistole abfeuerte. Das Pferd aber konnte wiehern und mit dem rechten Vorderhuf scharren. Schließlich baute er eine künstliche Ente, die auf dem Wasser schwimmen konnte und so natürlich schnatterte, daß alle Welt voll Staunen war. Setzte man sie aufs Trockene, so watschelte sie dahin und schlug auch zuweilen mit den Flügeln. Man ließ sie in der ganzen Welt sehen, als einen Beweis menschlicher Kunstfertigkeit, und endlich kaufte sie ein reicher Mann für viele tausend Gulden.

Aber der Meister, verwöhnt durch die Gunst hoher Herren, wollte immer höher hinaus. Er wollte etwas schaffen, das seinen Namen bis in die fernsten Zeiten berühmt machte, und darüber grübelte er Tag und Nacht. Endlich hatte er den richtigen Gedanken gefunden. Er beschloß einen künstlichen Menschen zu bauen, einen Mann aus Eisen, in Lebensgröße, der täuschend Menschenart und Menschentun nachahmen sollte.

Er schloß sich in seine Werkstatt ein, rechnete und zeichnete und ließ niemand vor. Als er endlich das große Werk auf dem Papier fertig vor sich hatte, ging er daran, es wirklich auszuführen. Alles machte er selber, denn mit niemand wollte er seinen Ruhm teilen. Er goß die Form in Eisen und Bronze, er schmiedete und hämmerte, feilte und bohrte, schuf tausend Räder und Hebel, Gelenke und Lager, Wellen und Kurbeln, Federn und Gewichte. Aber nur langsam ging das schwierige Werk vonstatten, und da er keinerlei andere Arbeit annahm, so verbrauchte sich schnell das früher erworbene Geld, und seine Familie kam in Not.

„Mann,“ sagte seine Frau, „es ist bald kein Pfennig mehr im Hause. Seit Jahr und Tag sitzt du bei deiner geheimnisvollen Arbeit in deiner Werkstatt, niemand, nicht einmal ich weiß, was du da für ein Kunstwerk baust, und da du alle alten Kunden mit ihren Aufträgen abweisest, so wird bald niemand mehr kommen, und wir wissen nicht mehr, wovon wir leben sollen.“

„Geht zum Teufel mit eurem Plunderzeug,“ sagte wütend der Meister. „Für die nichtige Schusterarbeit sind genug andere Uhrmacher da, die nichts weiter verstehen, aber ich will etwas bauen, daß alle Gelehrten und Künstler der Welt vor Neid erblassen sollen, etwas, das Fürsten und Könige aus aller Welt nach Basel locken wird. Dann werde ich berühmt werden auf der ganzen Erde, man wird mich zum Ober-Hofmechanikus ernennen, und es wird Gulden regnen.“

„Es wird aber noch lange dauern,“ entgegnete die Frau, „und inzwischen ergeht es uns elender als dem kleinsten Uhrmacher, der die Schwarzwälder Uhren repariert. Es ist kein Brot mehr im Hause und kein Fleisch für dich und die Kinder.“

„So nimm die Tauben, mit denen Jung-Heinrich spielt,“ sagte der Mann, „das hilft einen Tag weiter!“

„Das bringe ich nicht über das Herz, Mann, sie sind seine liebsten Gefährten, sie sitzen auf seinen Schultern und picken ihm die Erbsen aus dem Munde, sie schmiegen sich an seine Wangen, er hängt mit ganzem Herzen an ihnen, und es wäre grausam, dem Knaben die beiden weißen Täubchen zu nehmen. Was hülfe es auch, nur einen Tag Rat zu schaffen!“

„So laß mich in Ruh! Geh borgen und warte die Zeit ab. Ich schaffe ein Kunstwerk, das Scheffel Goldes bringt, und man wird mich feiern wie einen Großen!“

„Mann, sieh dich vor! Dich hat der Hochmutsteufel beim Kragen! Versuche Gott nicht!“

„Hol euch alle der Fuchs!“ schrie wütend der Meister und stürzte davon in seine Werkstatt, die Tür donnernd hinter sich zuschlagend. Er schloß sich ein, Frau und Kinder sahen ihn kaum mehr, denn er schlief auch dort in seiner verborgenen Klause, und selbst die Mahlzeiten nahm er da ein.

So verging noch ein Jahr und noch ein halbes. Die Frau borgte sich überall den Lebensunterhalt zusammen, verkaufte, was in der Wirtschaft entbehrlich, und bald stak des Künstlers Familie so tief in Schulden, daß niemand mehr eine Semmel leihen wollte. Die Frau des Künstlers und seine Kinder wurden blaß und mager, und es flossen viel Tränen im Hause. Aber der Mann sah das alles nicht. Eine unstete Hoffart, eine unbezwingliche Ruhmsucht flackerte aus seinen Augen. Er sah zuweilen aus, als sei sein Geist verwirrt.

Aber eines Tages war er mit dem Werk fertig. Mitten in der Nacht, als alles schlief, beschloß er, es zu probieren. Er stand auf und machte Licht, und dann nahm er die schwarzen Decken, die das Kunstwerk verhüllten, ab.

Es war wirklich ein Kunstwerk! Da stand ein leibhaftiger Mensch, ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Er hatte eine dunkelblaue Livree an, mit blanken Knöpfen, wie ein vornehmer Bedienter. Das Gesicht war, da die äußere Hülle aus feinster Emaille bestand, so natürlich, daß man auf den ersten Blick einen wirklichen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Ein schwarzer Vollbart floß vom Kinn lang hernieder, die Augen, obwohl von Glas, blickten durchaus nicht starr, die Hände waren wohlgeformt, nur die Füße, die in hohen Stiefeln mit flachen Sohlen steckten, sahen ein wenig plump aus, aber das mußte so sein, denn der Mann war ganz aus Eisen, und er mußte auf diesen mit Blei beschwerten Füßen sicher stehen.

Der Künstler knöpfte die Livree auf und öffnete die eiserne Tür, die die Brust des künstlichen Menschen verschloß. Himmel, wie sah es darin aus! Ein Gewirr von Hebeln und Rädern und Drähten und Magneten und Drahtspulen, es konnte einem schwindlig werden, und kein Mechaniker der Welt hätte diesen verwickelten Apparat auseinandernehmen und wieder zusammensetzen können. Nicht anders sah es in den Armen und Beinen aus. Da waren Laufwerke und Gewichte und elektrische Batterien, Zugfedern und kunstvolle Gelenke, und alles bewegte sich wie am Schnürchen.

Am großartigsten aber war es im Kopfe des eisernen Mannes bestellt! Der Uhrmacher nahm ihm die Perücke ab und öffnete den Schädel, um noch einmal nachzusehen, ob alle Schrauben am rechten Fleck. Die Glasaugen konnten wirklich sehen. Ein photographischer Apparat war an ihnen angebracht. Ein Uhrwerk bewegte langsam den Film weiter, auf dem die Aufnahmen entstanden, und was die Glasaugen sahen, das wurde so auf dem abrollenden Photographenfilm festgehalten und abgebildet. Auch hören konnte dieser eiserne Mensch. In den Ohren steckten Schallkapseln, wie bei einer Sprechmaschine, und der eingebaute Phonograph grub in eine Wachswalze ein, was die Ohren hörten. Drückte man auf einen verborgenen Knopf, dann wiederholte die Figur, was sie gehört hatte, denn dann fing die Sprechmaschine an zu schnurren, und aus dem Munde kamen deutlich alle Worte wieder. Dabei bewegten sich die Lippen so naturgetreu, daß man einen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Da war außerdem noch eine besondere Walze, die mancherlei alltägliche Redensarten enthielt, wie „Guten Tag“, „Gute Nacht“, „Schlafen Sie wohl!“, „Wie geht es Ihnen?“, „Ich danke, mir geht es gut!“, „Ich heiße Johann der Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius!“, „Hatschi, es zieht, schließen Sie das Fenster!“ Dies und ähnliches konnte das Kunstwerk sprechen.

Die Figur drehte den Kopf, nickte, hob Arme und Beine, grüßte wie ein Soldat, und vor allem konnte sie auch gehen. Freilich, sie ging ein wenig schwerfällig, und der Gang war langsam, aber im ganzen sah es doch recht natürlich aus, denn es gibt ja auch Menschen, die sich ein wenig langsam und unbeholfen fortbewegen. Durch ein Uhrwerk und einige einstellbare Hebel konnte man erreichen, daß der Mann soundso viele Schritte geradeaus ging, dann links oder rechtsum machte, wieder eine bestimmte Zahl Schritte tat und dann stehen blieb.

Aber er konnte auch ein treuer Wächter sein. Trat ein unberufener Eindringling auf einen elektrischen Draht, der von ihm ausging, so schoß er eine Pistole auf jenen Platz hin ab. Diese Pistole mußte man ihm natürlich zuvor in die Hand schrauben.

Ja, es war wirklich ein Kunstwerk.

Es kam der große Tag, an dem der eiserne Mann öffentlich gezeigt werden sollte. An allen Straßenecken war das Wunder in großen Plakaten angekündigt, alle Zeitungen hatten davon berichtet. Der Meister Cornelius wolle ein nie dagewesenes Kunstwerk zeigen, einen künstlichen Menschen: „Johann den Wunderbaren.“ Tausende und Abertausende liefen herzu. Die armen Leute gingen, die Vornehmeren fuhren im Wagen, und die ganz Hochgeborenen saßen zu Pferde. Es war ein Geschiebe und Gedränge vor dem Hause des Meisters, daß es beängstigend wurde, und die Polizisten liefen mit blauroten Köpfen umher, ihre Schnurrbärte waren gesträubt, und sie fuchtelten mit weißbehandschuhten Händen gewaltig in der Luft herum.

Es war angekündigt, daß Johann der Wunderbare ganz allein von seinem Geburtshause bis zu der großen Ausstellungshalle laufen sollte, in der er sich der Menge und den hohen Herrschaften vorstellen würde. Das war ein schöner glatter Weg bis dahin und ging zweimal um eine Ecke.

Die Frau des Künstlers und seine Kinder hatten Johann den Wunderbaren schon einen Tag vorher zu sehen bekommen. Da stand nun die Figur, wegen der sie zwei Jahre lang so viel hatten leiden und dulden müssen. Johann der Wunderbare hatte einen bösen Zug um den Mund, und auf der Stirn hatte er eine düstere Falte. Dazu sein langer dunkler Bart ... ja, so kunstvoll er war, die Frau konnte keine Freude empfinden. Er kam ihr vor wie ein böser Dämon. Auch die Kinder fürchteten sich fast vor diesem künstlichen Menschen; am meisten aber Heinrich, des Meisters Jüngster. Er haßte diesen eisernen kalten Mann, wegen dessen die Mutter so viel geweint. „Er sieht so böse aus,“ sagte Heinrich zur Mutter, „so wie ein Mensch, der kein Herz hat.“ – „Da hast du recht, mein Junge,“ meinte die Mutter, „aber er hat ja auch kein Herz, und deshalb ist er auch kein richtiger Mensch. Aber wir dürfen dem Vater seinen Stolz und seine Freude über sein Werk nicht verderben. Gebe Gott, daß er uns wieder besseren Zeiten zuführe und Geld bringe und wieder Frieden im Hause.“

Da ging Jung-Heinrich wieder hinweg, um mit seinen beiden weißen Täubchen zu spielen, denn das war sein größtes Vergnügen auf der Welt, und er liebte nichts so wie diese Täubchen.

Die Menge vor dem Hause wuchs immer mehr. Endlich aber kamen in Begleitung des Bürgermeisters und der gelehrten Herren der Stadt die hohen fürstlichen Gäste an, und man benachrichtigte den Meister Cornelius, daß es an der Zeit sei.

Da tat sich die Tür auf, Meister Cornelius erschien, und hinter ihm kam langsam und bedächtig, sorgsam die Beine hebend und senkend, Johann der Wunderbare. Hurra, schrie die Menge, als sie seiner ansichtig wurde. Er legte ein paarmal die Hand an die Mütze, und dann lief er kerzengerade die glatte Straße hinunter. Vor ihm her ging sein Verfertiger. Weiter hinten folgten des Meisters Frau und die Kinder.

Im Winde wehte der dunkle Bart Johanns. Hin und wieder drehte er den Kopf nach rechts und nach links, und zuweilen hob er die Hand und grüßte.

Die Leute staunten und schrien durcheinander, und alle rühmten laut, wie er daherkam. Das Erstaunen wuchs aber, als Johann der Wunderbare im richtigen Augenblick linksum machte und um die Ecke bog, in die Seitenstraße, und der Jubel und das Verwundern nahm zu, als er richtig an der nächsten Ecke wieder einschwenkte und dann geradenwegs auf die große Halle zulief.

„Bei Gott, er ist wie ein lebendiger Mensch,“ sagten die Leute, „hoffentlich betrügt uns der Meister Cornelius nicht, und es ist nicht wirklich ein Mensch, der nur eine Figur vortäuscht!“

Die vornehmen Leute aber sagten, es wäre „pyramidal“, und die Gelehrten meinten, es wäre „ein exorbitantes Phänomen“. Die kleinen Bürger, die das hörten, wußten zwar nicht, was das zu bedeuten hätte, aber sie bekamen noch mehr Respekt vor Johann dem Wunderbaren, über den die hohen Herren so seltene Worte sagten.

Mitten in der weiten Halle lag ein Teppich, und als der eiserne Mann diesen Platz erreicht hatte, machte er Halt. Nun setzten sich die Vornehmen auf Sesseln ringsum, und alles Volk füllte die weite Halle bis auf den letzten Platz.

Meister Cornelius hob die Hand, und alles wurde mäuschenstill.

„Meine hohen Herrschaften, hochgelehrte Herren, verehrtes Publikum,“ sagte er und machte eine tiefe Verbeugung, „hier stelle ich Ihnen mein neuestes Kunstwerk vor, an dem ich zwei und ein halbes Jahr gearbeitet habe. Es ist etwas noch nie Dagewesenes, ein künstlicher Mensch. Ich darf mich rühmen, der erste Mensch auf Erden zu sein, dem es gelang, ein solches fast vollkommenes Wesen herzustellen. Der von mir geschaffene Johann der Wunderbare handelt so natürlich, daß vielleicht manche glauben, es sei ein wirklicher Mensch, und sie würden betrogen. Ich werde daher meinem Kunstwerk den Kopf abnehmen, werde seinen Körper öffnen, damit sich jeder überzeugen kann, daß es eine Maschine ist.“

Das tat der Meister dann, und alle sahen, es ist wirklich ein Kunstwerk. Dann brachte der Künstler sein Werk wieder in Ordnung, und als er abermals die Hand hob und Schweigen gebot, begann die Figur ihre Vorstellung. Sie machte eine kleine Verbeugung, legte die Hand an die Mütze und sagte mit deutlicher Stimme: „Guten Tag! Ich heiße Johann der Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius! Hatschi!! Es zieht, schließen Sie das Fenster!“

Erstaunen ging durch die Menge. Die Leute lachten vergnügt über den spaßigen Kerl, und einige schlossen wirklich das Fenster. Ja, das ist ein großes Kunstwerk, sagten die Leute. Die Vornehmen aber meinten, es wäre wirklich pyramidal, und die gelehrten Herren schüttelten die Köpfe und sagten einmal über das andere Mal: „In der Tat, ein exorbitantes Phänomen!“

Dann sang Johann der Wunderbare ein kleines Lied, und als die Leute klatschten, verbeugte er sich und sagte: „Ich danke, mir geht es sehr gut!“

„Jetzt,“ meinte der Meister, „wird der künstliche Mann zeigen, daß er auch hören und verstehen kann. Einer von den Herrschaften wird ihm mit lauter Stimme etwas zurufen, und er wird es wiederholen.“

Einer der gelehrten Herren, der berühmte Professor Konfusemathesius, trat heran und sagte laut zu dem wunderbaren Johann: „Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?“

Der Meister, der neben der Figur stand, drückte auf den Knopf, der den Phonographen in Tätigkeit setzte, und so nahm er die Worte auf. „Johann,“ sagte er dann, „was sagte der berühmte Professor Konfusemathesius zu dir?“ Da schnurrte die Walze wieder ab, und die Figur sprach deutlich: „Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?“

Die Leute klatschten und waren ganz aus dem Häuschen. Inzwischen aber rief der Meister in das andere Ohrhinein: „Christoph Kolumbus.“ Und als die Figur nun den Namen des Entdeckers Amerikas aussprach, da war alles des Lobes voll.

„Jetzt,“ rief Meister Cornelius, „wird der künstliche Mann zeigen, daß er auch sehen kann. Er wird an das Fenster treten, Sie werden ihm irgend etwas zeigen, und nachher werde ich Ihnen sagen, was Sie ihm gezeigt haben. Ich aber werde hier ruhig stehen bleiben, Sie sollen mir die Augen verbinden, damit ich es selbst nicht sehen kann, was meiner Figur vorgeführt wird.“