Anmerkungen zur Transkription
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Bruno Wille im Gefängnis
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GRÖSSERES BILD
Bruno Wille
Das Gefängnis zum
Preußischen Adler
Eine selbsterlebte Schildbürgerei
Mit einem Bild des Gefängnisses
Erstes bis fünftes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1914
Kapitelverzeichnis
| Seite | |
| Blüh auf, gefrorner Christ | [1] |
| Vom Löweneckerchen | [5] |
| Anno dunnemals | [14] |
| Der Igel | [22] |
| Die Vernehmung | [31] |
| Der innere Feind | [43] |
| Brotkorb und Maulkorb | [50] |
| Milderung des Sittenklimas | [55] |
| Die olle Konservenkiste | [59] |
| Pfändung der Habe | [70] |
| Der Tierkreis | [77] |
| Verhaftet | [82] |
| Robinson richtet sich häuslich ein | [90] |
| Der Kreispfiffikus | [98] |
| Doktor fürs Vieh | [106] |
| Das Flugblatt | [109] |
| Die Grille im Käfig | [116] |
| Die Pennbrüder | [121] |
| Der Gefangene wildert Grünlinge | [124] |
| Das Preußenherz | [135] |
| Der Biedermaxe | [141] |
| Einsamkeit | [151] |
| Italienische Nacht | [163] |
| Herbstnachtigall | [172] |
| Von Badewannen und Müggelpiraten | [177] |
| Schwedische Schüssel mit Konfusionen | [184] |
| Goldmacherei und Strindbergs Koffer | [191] |
| Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel | [193] |
| Gardinenpredigt und Lösung des Piratenrätsels | [197] |
| Aschenputtel und der Lizentiat | [203] |
| Der Fürst dieser Welt und die Schildbürger | [211] |
| Dreck—Speck—Zweck überhaupt | [219] |
| Was der Teelöffel anstiftete | [224] |
| So leb denn wohl | [230] |
| Kartoffelkomödie | [233] |
Gedruckt in der Frommannschen Buchdruckerei in Jena
Blüh auf gefrorner Christ
Ostersonne, welch sanftes Feuer in deinem Kusse! Strahlenselig blinkerst du im feinen Wellenspiel hier vorn beim gelben Ufersande. Weiterhin glatt die mächtige Wasserfläche, blau spiegelt sich darin die Himmelswölbung. Wie blitzende Schneeflocken schweben ein paar Federwölkchen. Am jenseitigen Ufer hingedehnt eine Hügelkette mit Kiefernwald. Veilchenfarbene Schleier sind diese Massen, zart wie Duft ... O Zaubermacht der Ferne, wie weißt du zu verklären! Harte, schwere Körper lösest du auf in stoffloses Leuchten. Und Erlebnisse, die einst peinlich berührten wie kreischendes Geräusch, läutern sich zu friedlich heitrer Stimmung. Osterfeier der Seele — am Grabe, wo ein hingemarterter Erdensohn in Todesbanden gelegen, lächelt der weißgekleidete Himmelsbote: „Er hat sein Gefängnis verlassen!“
„Blüh auf, gefrorner Christ!“ So klingt es in mir, ein verschollenes Gedicht — und immer muß ich hinlauschen. Weiß nicht, wie es weiter geht; etwas zärtlich Schönes muß es wohl sein — etwas wie dies laue Sonnenküssen und dies lichtgrüne Gras, bei dem ich im Ufersande lagre. Durch die blaue Luft flattern Träume von blühendem Schlehdorn, von goldigen Himmelschlüsselchen ... Und wieder jubelt es in mir: „Blüh auf, gefrorner Christ!“
Wer ist es doch, der diese Weise sang? Sie mahnt an alte Frömmigkeit, an einen Heiland, der innen aufersteht. Und deutlicher wird sie mir: ein Auftakt ist sie vom „Cherubinischen Wandersmann“. Schon ein viertel Jahrtausend, seit diesem Poeten seine frommen Sprüche aufgingen. Doch jung bleibt solche Gottseligkeit, jung wie Sonne und Erde, die mir immer wie große Kinder vorkommen. „Blüh auf, gefrorner Christ ...“ Und weiter? Ich weiß nur, daß es in den Versen wie Lerchenlaut zwitschert — und eben fällt mir noch ein, daß der Frühling den gefrornen Christen ermahnt, die winterliche Erstarrung aufzugeben.
Ja, so hat es hier der weitgedehnte See gemacht, an dessen Ufer ich in molliger Aprilsonne schauend schwelge. Vom Tauwind ward seine Eisdecke zermürbt, zerschmolzen, und nun „blüht“ der See. Heiter leuchten die sanften Farben seines Spiegels. Dort in der schilfigen Bucht wimmelt es von verliebtem Wassergeflügel. In das Schnarren der Teichhühner, Haubentaucher und Gänseseeger mischt sich schüchternes Koaksen von Fröschen, glockenhaftes Unken von Kröten.
Auch in mir blüht etwas auf, wie ich mich so dem Frühling hingebe. Ein erster gelber Falter taumelt dahin, trunken von Sonne und lauer Luft. Gänseblümchen lächelt ihm zu — wie ein Bauernkind ist es in seiner gesunden Frische und einfältigen Lieblichkeit. Neben ihm Jungvolk von Grashalmen — ich lehne meine Wange ans zarte Grün. Da sind auch Huflattichs gelbe Sterne und die Milchtropfen des Hungerblümchens. Das Erlengezweig am sumpfigen Ufer ganz lila — das machen die Blütenkätzchen, rötlichen Raupen ähnlich. Von den walzenförmigen Blüten der Haselnußstaude stäubt gelber Puder.
Und sieh doch, am Saume des Kiefernwaldes bei den Baumwurzeln glimmert’s wie blankes Kupfer: blühendes Moos! Das ernste Dunkelgrün der Moospolster hat einen zarten Flaum zur Sonne emporgetrieben, lauter goldbraune Fäserchen. Und jedes Fäserchen eine Blüte, selig, voller Leben und Zukunft — jedes Blütenfäserchen ein schimmerndes Kunstwerk.
Und der Ufersand, sieh, welch Glitzern und Flirren! Jedes Körnchen ein blitzendes Edelgestein — Goldpunkte ohne Zahl — Lichtstaub der Milchstraße — Wunder wie Sand am Meer! „Klein das Große — groß das Kleine.“ Wie das Hehrste, das wir uns vorstellen können, klein ist vor der Unendlichkeit, so bedeutet andrerseits jede Winzigkeit eine ganze Welt — und die Holdseligkeit dieses Frühlingsbildes ist gar nicht auszuschöpfen, sofern du den Sinn öffnest für die Fülle der Schöpfung ... „Blüh auf, gefrorner Christ!“ Der goldige Baldur ist da, ist neu erstanden aus Finsternis und Eis. Baldur ist nicht bloß der Lenz, die Jahreszeit; ich meine zugleich jene erweckende Macht, die aus trübem Geschick dem Herzen, das vom Frost auftaut, Auferstehung bereitet und Himmelfahrt. Und nun erinnere ich mich, wie der Vers weiter geht: „Blüh auf, gefrorner Christ — der Mai ist vor der Tür!“
Sieh doch, ein Silberfunke sprüht vom Seespiegel ins blaue Luftreich! Hüpft die leuchtende Schönheit des Wassers in lenzlichem Übermut? — Nur ein Hecht war’s — der Hungrige hat sein Opfer verschlungen.
Und eine Möve kommt geschwebt. Zierlich wiegt sie sich, wie Schnee blitzt die Schwinge über der stahlblauen Flut. Mit sachtem Flattern sinkt sie auf den Wasserspiegel und tunkt den Schnabel hinein, leicht und zierlich. So umgaukelt ein Schmetterling zum Kusse seine blaue Blume ... Nicht doch! Die sanfte Bewegung des weißen Gefieders, dies scheinbare Kosen der Flut ist tatsächlich ein mörderischer Überfall; den zappelnden Fisch im Schnabel strebt schwerfälligen Flügelschlags der Raubvogel zum schlammigen Strande, die Beute zu verzehren.
Sirene Natur! Raubtier in lockender Schönheit! Doch ich klage nicht an — bin selber ja Natur. Ich lächle — und mag Wehmut im meinem Lächeln sein, so doch kein Weh. Seelenruhe hält mich umfangen, keine Wolke soll Trübung bringen. Mag lieber das graue Gewölk sich verklären zu goldenem Dufte!
Sonne, leuchtende Sonne, du freilich tust not zum Verklären. In den trüben Dunst der Gewöhnlichkeit muß etwas rinnen aus jenem Born, dem das ewige Licht entquillt. So erfüllt sich die Verheißung: „Wisset ihr nicht, daß ihr Götter seid.“ — Ach, wie oft wissen wir’s nicht! Und das sind die Winterzeiten der Seele — da wähnen wir uns nichts Besseres als trüben Erdenkloß, chaotisch zusammengeklumpt für ein Weilchen — darauf angewiesen, mit Angst und Gier dies knappe Dasein zu behaupten ... „Der Mai ist vor der Tür!“ O Frühling, der du alles verklärst, wecke mir stets aufs neue zur Heiterkeit den Sinn, daß er aus den Gefängnissen aller Art Ausblicke finde zur Fülle des Lebens. Wo man sonst, weil Staub das Auge trübt, nur garstiges Chaos sieht, nur Zufall und blind tappendes Geschick, wo man sich aufregt über „Glück“ und „Unglück“, wo man grollt und verdammt, von schmeichelnder Hoffnung umgaukelt oder verstört von Sorge, — da sieht der Erweckte in allem, was die Zeiten bringen, den Bezug zum Unendlichen. Und über sein Gemüt kommt eine Stille, daß er sein Schicksal heiter beschaut, wie dieser See Ufer und Himmel spiegelt.
Das ist die „geistige Gottesliebe“, wie Spinoza sagt, ist die „Schau der Ewigkeit“. Tief klingt es und schwer — und ist doch etwas Schwebendes, Hohes, ist ein seliger Überblick, wie er sogar dem Vöglein ein wenig gelingen mag — der Lerche, die dort von der Ackerscholle des Forsthauses jubilierend emporsteigt.
O lausche doch!
Ein schmiegt sich die süße Melodie in die Symphonie des All-Lebens! Schwinge dich auf! Sammle die Kraft zum Emporstieg — aus deinem Innern schöpfe sie! Forme zur Macht, was dich niederdrücken will! Sein geheimer Beruf ist, deinen Widerstand zu wecken. Des Winters Mission und der tiefe Sinn aller Trübsal heißt Baldur. Sei du ein Auftauen der Eisscholle! Sei du einer, der aus dem Gefängnis ins Freie geht. Sei du Knospe, die aus enger Hülle ihr Sonnenkindlein entwickelt, mündend in unermeßliche Nachkommenschaften. Sei du Frühlingslerche, von Andacht emporgetragen über die dunkle Ackerfurche, hingegeben dem Lichte, dem Klange!
Mag doch eine Strecke deines Lebens finster und öde aussehn — es kommt ein Lenzen, da glimmert es dir auf wie blühendes Moos, da bricht der Lerchentriller hervor, und der bisher verborgene Zusammenhang der Dinge erschließt sich. Mit staunender Andacht erschaust du: ein elendes Stück Dasein, roh und ungefüge, Staub und Schlamm, ordnet sich ins unendliche Leben, wie Dissonanzen in die Symphonie, und hat auf einmal Sinn, Stimmung, Schönheit, gütige Heiterkeit und Weisheit.
Und nun fällt mir ein, wie der ganze Frühlingsspruch lautet:
„Blüh auf, gefrorner Christ!
Der Mai ist vor der Tür;
Und ewig bleibst du tot,
Blühst du nicht jetzt und hier!“
Vom Löweneckerchen
Mit Entzücken lauschte ich — zurückgelehnt in den molligen Ufersand, so daß mir Halme die Schläfen umschmeichelten. Ich lausche der Lerche, die bei ihrem Taumeln durch den Äther vom Ostwind herübergetrieben wurde. Nicht mehr über dem Forsthaus-Acker stand sie, sondern senkrecht über mir. Deutlich sah ich ihre Flügelchen den Takt wirbeln zum Trillern der kleinen Kehle; die sprudelte wie ein singender Quell.
Einen schönen Namen, Lerche, haben dir die Lateiner gegeben: Alauda — das heißt: „Lobe aufwärts!“ Dieselbe Bedeutung hat wohl auch dein deutscher Name. Meine niedersächsischen Landsleute nennen dich Lewerken, Löwarke oder Lauberchen, und ich denke, das soll heißen: „Loberchen“. In Hessen sagt man „Löweneckerchen“.
Dies Wort hat nichts zu tun mit dem König der Wüste. Allerdings erzählt das hessische Märchen von einem Löweneckerchen, das, auf der Spitze eines Baumes trillernd, von einem Löwen bewacht wird; indessen ist hier der Löwe kein Raubtier, sondern ein verzauberter Königssohn ...
Doch zunächst wäre ja wohl der Anfang der Geschichte zu berichten. Also: es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor, und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. Da begehrte die Älteste Perlen, die Zweite Diamanten, die Jüngste aber sprach: „Ach lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen!“
Mit dieser Tochter nun bin ich, der Chronist, von Herzen einverstanden, wie ich es überhaupt in den Märchen alleweil mit der dritten Tochter halte, ebenso mit dem jüngsten Königssohne — die Jüngsten sind des Märchens Lieblinge (wohl weil sie noch ihre Kindlichkeit haben). Auch ich bin von Kindesbeinen an dem singenden, springenden Löweneckerchen überaus hold gewesen.
Vom Löwen, wenn es nicht gerade ein verwunschener Königssohn ist, halt’ ich nicht viel und gebe mich lieber der Vermutung hin: das Löweneckerchen hat seinen Namen von: Loben Äckerchen — weil es lobt sein Äckerchen. Das Äckerchen, dem solch trillerndes Loben behagt, läßt dafür seine Pflanzenkinder hübsch gedeihen: Zum Mittsommerfeste wimmeln die blonden Ähren im Reigen, und Junker Mohn im roten Staatsrock führt zum Tanze Jungfer Kornblum mit dem Krinolinenkleid aus blauer Seide. Während dann Löweneckerchen droben trillert, lauscht von der Ackerscholle sein Weibchen empor. Im Halmenneste brütet es; da platzen die graugesprenkelten Hüllen, und aus jeder schlüpft ein neues Löweneckerchen — wenn es auch nicht gleich so singen und springen kann wie Väterchen in blauer Himmelsaue.
Nun soll ich wohl noch mehr verraten vom Märchen, das so spannend anhebt? Aber haltet euch lieber an die Brüder Grimm, die so manche schöne Heimlichkeit dem Volksmunde abgelauscht haben; dort kann man die Geschichte lesen.
Meinerseits habe ich vom Löweneckerchen nur aus dem Grunde angefangen, weil es sozusagen in meinem Herzen ein Nest hat, also zu den Wunderlichkeiten des Mannes gehört, der dies Gedenkbuch schreibt und dabei von seinem Vogel ähnlich beeinflußt wird, wie der Acker vom Lerchenliede.
Nach allem, was ich berichtet habe, wird es nicht wunder nehmen, daß der fliegende Sänger, der am Seegestade über mir trillerte, allmählich niedersank, bis er kurz über meinem Kopfe verstummte und sich fallen ließ. Gerade in meinen offenen Mund hinein. Das war ja nun keine Taube, wie sie den Bewohnern des Schlaraffenlandes gebraten ins Maul fliegt, kam mir aber nicht minder alltäglich und selbstverständlich vor. In mich hinein gehörte ja mein Vogel. Ich fühlte denn auch, daß er sofort in mein Herz geschlüpft war und nun ruhig brütend da saß ...
Doch ich wittere, daß meine Leser unruhig geworden. Auf natürliche Weise geht es nach ihrer Ansicht nicht zu, daß in einem Menschenherzen ein Vogel nistet. Drum muß ich wohl noch etliche Züge verraten aus der Naturgeschichte meines singenden, springenden Löweneckerchens.
Daß ich solch ein Ding beherberge, stellte sich zum ersten Male heraus, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Ich fand es noch nicht unter meiner Würde, auf einem hochbeinigen Stühlchen zu thronen, — vorn hatte es eine Schranke, um Kindchen vor dem Hinuntergleiten zu bewahren und zugleich als eine Art Tisch zu dienen für Spielzeug oder Blechbecherlein.
In diesem Käfigstühlchen also saß ich am Familientisch bei Vater, Mutter, Bruder. Neben der Kaffeekanne, über die eine gemütliche Wollmütze zum Warmhalten gestülpt war, lagen im Gebäckkorbe Martinihörnchen. So nannten wir Magdeburger ein Gebäck in Form eines Hornes oder richtiger Hufeisens, von alters her am Tage Martini gebacken, zu Ehren eines Heiligen, der — wie ich später erfuhr — nichts Geringeres ist als der höchste Gott der alten Deutschen; wegen seines martialischen Berufes ist er dann von den christlichen Priestern zum heiligen Martin umgedeutet worden, der ein Reitersmann gewesen wie Wotan und bis in unsre Zeit in Gestalt jener Martinihörnchen einen Bezug auf das Hufeisen des Wotanrosses bewahrt hat.
Während mir mein Martinihörnchen mundete, blickte mein Vater träumerisch durchs Fenster und sagte auf einmal lebhaft: „Da kommt Sankt Martin auf dem Schimmel geritten!“ Diese Redensart wandte der Volksmund an, wenn am Martinstage, der in den November fällt, Schneeflocken stöbern.
Hier regte sich auf einmal mein singendes, springendes Löweneckerchen: Ich sah nicht bloß die Flocken, die draußen vom grauen Himmel in den engen Hof des städtischen Mietshauses wirbelten, sondern sah in leibhaftiger Wahrheit ein weißes Roß und den rotbärtigen Reiter mit Schlapphut und Mantel, schwertumgürtet — so wie ich Sankt Martin aus einem Bilderbuche kannte. Gleich darauf war er vorübergesprengt, und nun war alles wieder wie sonst: eine bekalkte Wand, ein Ziegeldach, eine blecherne Dachrinne. „Hast du gesehen?“ fragte mein Vater geheimnisvoll, ich nickte sprachlos.
Noch ganz erfüllt von dem Abenteuer, tat ich in der Küche unserm Dienstmädchen Bericht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, und wie ich nunmehr behauptete, ganz deutlich hätte sich der Schimmel vor der Dachrinne gebäumt und hui, einen gewaltigen Satz übers Dach gemacht, da lachte mir Marie ins Gesicht und tippte mit dem Finger auf ihre Stirn: „Junge, du hast’n Vogel!“
Damals merkte ich, daß es eine Mißachtung sein soll, wenn gewöhnliche Leute so was von jemand sagen. Als ich in die Schule ging, wendeten meine Mitschüler des öfteren diese Unhöflichkeit an, und ich sprach sie gelegentlich wohl nach, obwohl mir die Ahnung schon dämmerte, daß solch ein Vogel manchmal eine Gottesgabe ist, die einer, so sich drauf versteht, lieber mag als Perlen und Diamanten.
Unser Hauswirt, der einen Ladenhandel mit Kolonialwaren hatte, vergnügte sich an einer Landwirtschaft im kleinen; auf seinem Hofe gab es Tauben, Hühner, sogar einen Ziegenstall, und die Ziege war meine Freundin. Einst las ich ihr aus meinem Märchenbuche vom Wolf und den sieben jungen Geißlein vor, während sie gemütlich aus ihrer Raufe knupperte — es war ihr Leckerbissen, grüne Erbsenstauden, daran hingen sogar noch etliche Schoten. Auf einmal hinter mir höhnisches Lachen, und August, der Sohn des Hauswirtes, machte die bekannte Gebärde: „Du hast’n Vogel!“ Damals war ich dumm genug, mich darob zu schämen. Es dauerte aber nicht lange, so ging mir ein Licht auf.
August, dem ich mein Märchenbuch anpries, wurde neugierig, und ich lieh es ihm. Als ich etwas später fragte, wie ihm das Buch gefalle, meinte er gleichgültig, er habe bloß darin geblättert. Bald darauf brachte er mir das Buch zurück und sah mich mit einem Blicke an, kalt wie eine Hundeschnauze: „Is ja allens jelogen!“
Gelogen? Verdutzt war ich, ganz bestürzt. Meine lieben Märchen und gelogen? Lügen ist doch was Häßliches, Niedriges; meine Märchen aber sind schöne, edle Prinzessinnen! Ich fühlte, wie ich bei ihnen ordentlich was Besseres wurde. Nun aber August! Spürte er denn gar nichts von all der Herrlichkeit? Nein, wie dumm!
Aha! jetzt wußte ich auf einmal, was mir im Herzen nistete; und ich sprach zu August: „Du sagst immer, ich habe ’nen Vogel. Hab’ ich auch! Aber weißt du, was für einer das ist? Ein singendes, springendes Löweneckerchen! Dein Vogel — na ja, der muß wohl ganz was andres sein!“ — „Meiner?“ entgegnete August dummstolz — „ick habe keenen Vogel!“ — „Es hat jeder seinen!“ gab ich zurück.
Und an dieser Überzeugung hab’ ich festgehalten. Ich behaupte auch jetzt noch: jeder hat seinen! Nur freilich merkt es nicht jeder — oder ist nicht ehrlich genug, es einzugestehen. Schämt sich seines Vogels — und mag in diesem Gefühl nicht immer ganz unrecht haben.
„Aber was soll der Vogel?“ fragt ungeduldig, wenn nicht gar pikiert mancher Leser. „Was hat der Vogel mit der Chronik zu tun, um die es sich hier handelt? Von der seltsamen Gefangenschaft will ich hören!“ — Gemach! Eins nach dem andern! Ein gewissenhafter Chronist greift an die Wurzeln der Dinge und entwickelt daraus die ganze Geschichte. Um es rund herauszusagen: Der Vogel war’s, der mich in mein Gefängnis zum Preußischen Adler brachte; mit seinen Launen hat er alles heraufbeschworen. Ich meine freilich nicht bloß meinen Vogel, sondern zugleich den Vogel andrer Leute. Ich meine die Vogelhaftigkeit unsres guten Vaterlandes Schilda, — und ich meine letzten Endes die Vogelhaftigkeit des Weltalls. Weil also die Naturgeschichte des Vogels durchaus zur Sache gehört, so darf ich wohl noch ein bißchen davon plaudern. Aus dem Kapitel meiner Kindheit, das nun einmal aufgeblättert ist, teile ich zwei weitere Erlebnisse mit. Sie sollen dartun, was für ein launischer Kauz der Vogel des Verfassers ist. Man muß beizeiten wissen, was man von ihm zu erwarten hat.
Wenn ich an Sommersonntagen mit meinen Eltern nach dem Dörfchen Krakau spaziert war, wo man in einem Garten an der Elbe Kaffee trank, wenn wir dann bei Sonnenuntergang nach der Stadt heimkehrten, kamen wir vor Eintritt in den Festungsgürtel an einem Häuschen vorbei, das von der Landstraße zurückgezogen in einem Obst- und Blumengarten lag. An seiner Mauer blühten Rosen und Malven, zum traulichen Giebelfenster hinan rankte Wein mit richtigen Trauben. Was mich am allermeisten entzückte, war das rote Gleißen der Fensterscheiben. „Mit diesem Haus muß es eine abenteuerliche Bewandtnis haben, weil doch Gold und Purpur aus seinem Innern strahlt, und weil mir dann immer ein süßes Klingen im Herzen anhebt. Da muß eine Fee hausen!“ Diese Vermutung hatte ich dem August nicht verhohlen. Er trat an einem Ferientage zu mir: „Kommste mit? Vater hat jeschäftlich zu duhn — un weißte wo? Da, wo deine Fee haust!“ Natürlich war ich bereit und war höchst gespannt.
Diesmal aber machte das rätselhafte Haus einen völlig andern Eindruck — schon deshalb, weil wir keine Abendsonne, sondern nebeliges Herbstwetter hatten. Blätterlos hing das Gerank am Giebel, hinter trüben Fenstern lauerte es unheimlich. Der Besitzer des Hauses kam uns entgegen, ein hagerer, ältlicher Mann in Schlafrock und Wollmütze. Er hatte stechend schwarze Augen und einen pfeifenden Atem. Augusts Vater zog tief seinen Hut, und auch August benahm sich unterwürfig vor dem Mann. Es hieß, wir dürften uns im Garten umsehn, und Augusts Vater ging mit dem Manne ins Haus. Im Garten war ja nun diesmal nichts Hübsches — die Obstbäume standen kahl, welk lag unten das Laub, die Himbeersträucher häkelten mit ihren Dornen, auf den Beeten moderten die Strunke abgeschnittener Kohlhäupter. Ich fühlte mich erleichtert, als Augusts Vater wiederkam. Und dann gingen wir.
„Was ist das für einer?“ fragte ich scheu. Verächtlich lautete die Antwort: „Der Olle? Ein Halsabschneider!“ Es überlief mich kalt, und ich dachte zuerst an einen Menschenfresser, wie sie im Märchen vorkommen. Dann zog ich in Erwägung, daß August, der später die Handlung seines Vaters übernehmen wollte, den Ausdruck wohl im kaufmännischen Sinne meinte, und so viel wußte ich ja bereits, daß ein Halsabschneider ein böser Mensch war. „Aber warum habt ihr dann solche Bücklinge vor ihm gemacht?“ — August zuckte die Achsel: „Jeschäft is Jeschäft!“
Bedrückt schwieg ich, und damals in meiner ärgerlichen Enttäuschung war ich schlecht auf meinen Vogel zu sprechen, der mir vorgefaselt hatte, das Haus sei ein Feenschloß. Doch der Vogel verteidigte sich: „Kann etwa das Haus dafür, daß einer drin wohnt, dem sie Garstiges nachsagen? Jedenfalls sind die Blumen und Weinranken im Sommer wundervoll, und der Goldglanz, der zuweilen aus der Giebelstube strahlt, er ist und bleibt feenhaft, mögen auch die Leute sagen, es sei ja bloß die Abendsonne.“ Und wieder zufrieden war ich: „Schon recht, mein singendes, springendes Löweneckerchen!“
Voll ernster Bedenken schüttelte mancher den Kopf, als Löweneckerchen folgendes anstiftete: Unser Dienstmädchen hatte von meiner Mutter Urlaub bekommen, um ihrem bäuerlichen Vater bei der Getreideernte zu helfen, und da meine Sommerferien waren, durfte ich mit in das Ackerbürgerstädtchen. Bald war ich mit den Bauerjungen bekannt genug, um sie aufs Feld zu begleiten oder abends zur Pferdeschwemme. Einmal umschwärmten sie einen betrunkenen Mann und johlten:
„Allzuviel is unjesund,
Jakade is ’n Schweinehund!“
Etliche Tage später ging das Gerücht, Jakade, in ewigem Hader mit seiner Frau, habe sich aufgehängt — wo, wisse man freilich nicht. Mit einem Trupp Jungen kehrte ich von einem Nachbardorfe zurück, und da wir an einem Kiefernwäldchen vorbeikamen, das sie den Hankebusch nannten, streiften wir hinein, nach Pfefferlingen zu suchen. Es dämmerte schon und war lauschig still. Meine Aufmerksamkeit wurde durch eine dunkle Masse im Wipfel einer Kiefer gefesselt, und obwohl das nichts anderes war als ein sogenannter Hexenbesen, täuschte mich die Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt, und ich platzte heraus: „Da hängt Jakade!“ Wie eine scheue Schafherde rannten auf einmal die Jungen aus dem unheimlichen Hankebusch, ich ihnen nach. Auf der Landstraße wollte jeder den Jakade deutlich erkannt haben, es hieß sogar, sein Gesicht sei ganz blau und gelb gewesen.
Kaum waren wir im Ackerstädtchen angelangt, so flog auch unsere Botschaft hindurch: „Jakade hängt im Hankebusch!“ Als wir zu Mariens Vater kamen, der vorm Häuschen auf der Bank sein Pfeifchen schmauchte, hatte er schon gehört und fragte die Jungen, die bei mir waren: „Wer hät denn nu Jakaden jesiehn?“ — „Der da!“ antworteten sie und zeigten auf mich. — „Is dat woahr?“ fragte der Landmann, und sein blaues Auge spähte so durchdringend, daß ich meinte, er müsse in meinem Innern den Vogel entdecken, an dem ich litt. „Oder is et jelogen?“ fuhr er streng fort. Und nun fiel mir diese scharfe Unterscheidung aufs Herz: Wahr oder gelogen! — Ja, gab es denn nicht wenigstens ein Drittes? — Kleinlaut klang meine Antwort: „Ich weiß nicht! Ich dachte: da hängt einer! Und die andern haben ihn doch auch gesehen; sie sagten, er wäre ganz blau und gelb im Gesicht.“ — „War’s denn nu wirklich Jakade?“ Verlegen sah ich mich um und schwieg. Der Landmann sagte weiter nichts als „hm“ — und paffte seine Pfeife.
Als ich andern Tags durch das Städtchen ging, zeigte man auf mich, und ich hörte sagen: „Dä is dat — mit Jakaden!“ Und auf einmal kam der totgesagte Jakade, wieder angesäuselt, aus einem Hause auf mich losgetorkelt. Er drohte mit einem Stock: „Vafluchtijer Bengel, wat häst du jesacht?“ — Es traf sich gut, daß meine Ferien zu Ende waren, sonst hätte dieser Jakade mich noch erwischt und am Verleumder ein Strafgericht vollzogen. Da hatte ich nun den greifbaren Beweis, wie wenig Verlaß auf meinen Vogel war.
Merkwürdig freilich, daß ein Jahr darauf Marie aus einem Briefe vorlas: „Nu haben se den Jakade wirklich mit eenen Strick um den Hals dot jefunden.“ — „Na ja!“ wird der kritische Leser sagen, „Zufall, weiter nichts! Jedenfalls läßt sich nicht abstreiten, daß dieser Vogel, wenn er solche Geschichten macht, ein zweideutiges Viech ist.“
Zweideutig? Der Vogel hat allerdings manchmal seine Mucken. Ich glaube bemerkt zu haben, daß es nicht gleichgültig ist, an welcher Stelle meines Innern er sitzt.
Manchmal sitzt er mir auf den Lippen und schnarrt wie ein Starmatz — das kribbelt dann so, man muß lachen, muß rasch die Lippen bewegen, — und so gibt es zuweilen ein Geschwätz, aus dem man hinterher selber nicht mehr klug wird. Auf den Lippen saß er mir gewiß damals, als ich den Jakade hängen sah.
Des weiteren kann er auch im Kopfe sitzen, dann pfeift er hell und scharf wie ein geschulter Dompfaff. Dabei ist einem zumute, als hätte man eine Prise genommen und sich den Verstand so recht klar geniest.
Drittens nistet er, wie schon gesagt, im Herzen. Dann ist es voller Sonne, die ganze Welt möchte man lieb haben — wie damals, als ich der Ziege vorlas und das goldige Feenschloß erschaute.
So recht frei aber fühle ich mich, wenn mein Löweneckerchen das Allerschönste tut, wozu es der Himmel berufen: wenn es den blauen Äther durchdringt und durchklingt. Ganz hingegeben sind mir dann Ohr und Auge, Haupt und Herz; und was Menschenlippen nie singen und sagen, hier tönts wie fühlende Flöten und Geigen — als habe sich Korn und Blumenwiese, Wipfelwogen und Wellenspiel, als habe sich die ganze Sommerwelt mit all ihrer Sonnenliebe und Lebenstrunkenheit zusammengefunden in dem einen jauchzenden Seelchen, dem flatternden Punkte droben.
Anno dunnemals
Wo bin ich?
Ich packe meine Nase und rüttle mit forschem Rucke den Verstandskasten zurecht. Nun finde ich mich wieder in die wirkliche Welt.
Ja, ja, ja! Die weite Fläche da vor mir ist der Müggelsee, vom Märker „die Müggel“ genannt. Hat eine Tiefe bis zu acht Metern. Jenseits blauen die waldigen Müggelberge, ganze fünfundneunzig Meter hoch, wie ich aus dem „Touristenführer durch das Oberspreegebiet“ behalten habe. Derselbe Gewährsmann nennt die Müggel den „Bodensee der Mark“. Vielleicht wegen jener südlichen Hügel, die der Niederdeutsche natürlich „Berge“ nennt, die er hier wohl gar mit dem Alpenwall am Bodensee vergleicht. Oder vielleicht, weil die Spree, das Beispiel des Rheins beherzigend, durch einen See fließt. Links, im Osten, wo hinter der Rohrwildnis das alte Kirchlein von Rahnsdorf hervorlugt, tritt die Spree in die Müggel ein. Rechts, weit hinter den roten Ziegelmauern und Schlöten der Wasserwerke, bei der Friedrichshagener Brauerei, fließt sie hinaus. In dieser Länge mißt die Wasserfläche fünf Kilometer, während ihre Breite vom Nordufer, wo ich beobachte, nach den Müggelbergen hinüber halb so groß ist. Zuweilen kann der See offenes Meer vortäuschen; bei dunstigem Wetter verschwindet das jenseitige Ufer, und wenn unter einer Brise Wellen über den Sandstrand spülen, ist der Anblick ähnlich, wie von einer waldigen Ostseedüne.
Heute bleibt die Müggel auffallend einsam, — ein Dampfer schleppt ein paar Zillen, rechts blinkt ein kleines Segel. Noch zu früh ist die Jahreszeit für Ausflügler. In den Sommerferien geht es hier hoch her. Nach Zehntausenden zählen dann die Berliner; durch die Waldung spazieren sie, erquicken sich am Sonnabend und am Freibad Müggelsee oder belagern als Zuschauer in buntem Gewimmel die Sanddüne. Andere machen in gemieteten Booten Ruderversuche, elegisch singend: „Still ruht der See.“ Weht ein guter Wind, so sind die Jachten zur Stelle, mit ihren ausgebreiteten Segeln gleich Schwänen, dabei wie Schwalben hurtig. Dorfgänsen ähneln die langen Lastzillen, die trotz geblähten Segels nicht eben flott vorwärtskommen, so daß der Schiffer mit der Stoßstange nachhilft. Nun von Rahnsdorf her Vergnügungsdampfer mit Musik. Kopf an Kopf wimmeln darauf die Ausflügler aus Berlin. Vorbei geht es an den hübschen Villen, den baumreichen Seegrundstücken von Friedrichshagen, vorbei an der waldigen Landzunge, wo das Wirtshaus Müggelschlößchen zur Beschaulichkeit unter säuselnden Birken ladet. Hier verläßt die Spree den Müggelsee. Dann kommen die Gartenhäuser von Hirschgarten, der Dampfer gleitet unter einer Brücke hindurch zur alten Stadt Cöpenick. Vorbei an ihrem Schloß und dem verwilderten Park, durch die Wuhlhaide zum großen Volkshain von Treptow. Vorbei an Lagerplätzen und Schuppen, in die Riesenstadt hinein ...
Doch lieber nicht gedacht an den brodelnden Hexenkessel Berlin. Im Naturfrieden an der Müggel weilt es sich köstlicher — zumal heute die Störer fehlen und, wofern ich nicht nach den Wasserwerken blicke, mein singendes, springendes Löweneckerchen mir den Traum heraufzaubert, die Weltgeschichte sei noch um ein Vierteljahrhundert zurück.
„Anno dunnemals“, wie der olle krumme Kuschel, der Gemeinde-Kuhhirt, zu sagen pflegte — war Friedrichshagen noch einfältig hübsch. Seitdem hat sich die Jungfer vom Lande städtisch zurechtgemacht — wetteifert fast mit Rixdorf. Ja ich vermute, wäre Friedrichshagen nicht nach seinem Gründer, dem großen Friedrich, genannt, sondern mit einem ländlich klingenden Namen, es wäre auch wohl der Versuchung erlegen, sich umzutaufen, wie’s Emporkömmlinge zuweilen tun. Hat sich nicht Rixdorf umgetauft in Neukölln? Und Kiekemal in Königstal?
Jedenfalls war das alte Friedrichshagen oder — wie die Eingeweihten es im Gegensatz zu heute nennen — „Fritzenwalde“ noch ein richtiges Dorf. Die Friedrichstraße, vom Bahnhof zur Brauerei erstreckt, eine breite, sandige Dorfstraße. Ihre alten Maulbeerbäume, in vier Reihen gepflanzt, legten Zeugnis ab von der Seidenzucht, die auf Befehl des alten Fritz von den Kolonisten neben ihrer kleinen Landwirtschaft und Handwerkerei betrieben wurde. Die Zucht der Seidenraupe ließ sich allerdings nicht lohnend gestalten. Aber die Maulbeere wurde vorteilhaft nach Berlin verkauft. Desgleichen die Sauerkirsche, in den sonnigen Hintergärten herangereift und am Hügel der holländischen Windmühle, von wo man im April einen Blick auf all die Blüten hatte. Obwohl zu meiner Zeit die Maulbeerbäume nur noch streckenweise standen, bildeten sie ein ehrwürdiges Wahrzeichen des Ortes, und es gab ein malerisches Idyll, wenn gegen ihre knorrigen Stämme und dunkelgrünen Laubmassen rotgolden die Abendsonne schien. Zwischen den gebuchteten Blättern wie gelbe Perlen die Maulbeeren. Mit Steinen und Knütteln sucht sie ein Kinderschwarm herabzuholen. Auch schwarze Beeren gibt’s; sind sie gefallen und versehentlich zertreten, so sehen sie auf dem Kiesboden wie Tintenkleckse aus; das Gesicht der schleckenden Kinder ist davon fleckig.
Der urwüchsige Sandboden von Wagen gefurcht, an feuchten Stellen mit Gras bewachsen. Die Kühe, die soeben mit dem Gemeindehirten von der Waldwiese heimkehren, rupfen sich vor dem Stall noch einen grünen Happen. Den Hintergrund des Gemäldes bilden die einstöckigen Landhäuschen. Auf ihren Rohrdächern Moos. Vor den niedrigen Fenstern Georginen und Sonnenblumen. Buchsbaum umrahmt die Beete, in der Mitte ragt ein Wacholderbusch. Dazu gehören noch watschelnde Gänse, trinkend aus der Pfütze vom nächtlichen Platzregen. An der Gartenpforte seines Häuschens steht ein weißbärtiger Handwerker in brauner Wolljacke, pfeifeschmauchend genießt er den Feierabend.
Das schlichte, weißgetünchte Kirchlein mit dem kurzen, breiten Turm wurde unter Friedrich Wilhelm dem Dritten aus den kargen Überschüssen der Spinnerei erbaut. Der Turm sieht den Kindern zu, die um das Kriegerdenkmal spielen. Und zweimal in der Woche schaut er auf ein kleines, nettes Markttreiben, auf Salat, Spinat und Eier in Körben, auf Kartoffeln und was sonst die derben Landweiber mit den sonnverbrannten Gesichtern feilbieten, während die Madamkens die Reihen durchmustern. Sonst sorgt für den Bedarf der Hausfrau ein Gemüsewagen, dessen Inhaber mit gröhlender Marktschreierstimme seine Ware preist: „Äppeläppeläppel! Jurken, Jurken! Pflaumen wie de Puteneier! Jrienä jrienä Heringä! Flundern, Flundern, Flundern — wer kooft, der wird sich wundern!“ Eine andre Gestalt der sandigen Straße ist der lahme Lumpensammler, der seinen magern Karrengaul immer eine kurze Strecke ziehen läßt, um dann zu halten, ob ihm nicht alte Kleider und Stiefel, Papier, Lumpen und Knochen angeboten werden. Um seine Kunden anzulocken, trillert er auf einer Blechflöte; dann ruft ihm wohl ein Spötter „Rejenwurm“ zu, und Rejenwurm ist so dumm, sich jedesmal zu entrüsten über den Spitznamen, der auf sein im Staube wühlendes Gewerbe anspielt.
Neben Hahnenkraht und Huhngegackel waren solche Laute ziemlich der einzige Lärm, der im alten Friedrichshagen erscholl, — es sei denn, daß dumpfe Tuterohre, blökende „Feuerkälber“, wie sie genannt wurden, die Freiwillige Feuerwehr zu einem Brande herbeiriefen, öfter natürlich bloß zur harmlosen Übung mit nachfolgendem Biertrunke. Nur Sonntagabends ging es etwas lebhaft zu, auf der Friedrichstraße, wenn die Berliner truppweise von einer Landpartie heimkehrten — zuweilen in bekränzten „Kremsern“, wie ein mit Dach versehenes Fuhrwerk hieß, wo elf bis siebzehn Menschen, dicke und dünne, männliche, weibliche und sächliche, quietschvergnügt (oder richtiger: quetschvergnügt) stundenlang ihre diversen Gebeine durcheinander rütteln und vom Chausseestaub bepudern ließen. Den Sommertag hatten sie im Müggelschlößchen verbracht oder in einem andern Gartenlokal, zu dem die beliebte Aufschrift lockte:
„Der alte Brauch wird nicht gebrochen:
Hier können Familien Kaffee kochen.“
Abends verzehrten die Familien ihre mitgebrachten Stullen zur „Großen Weißen“, die kommunistisch aus ungeheurem Glasnapf getrunken wurde, unter Beigabe einer „Strippe“: eines Glases Kümmel oder Korn.
Wenn nun diese Kleinbürger und Arbeiter mit Kind und Kegel bis in die Nacht auf die Eisenbahnzüge warteten und im Kupee wie Tonnenheringe sich drängelten, so läßt sich ermessen, wieviel das Friedrichshagener Idyll den Berliner Ausflüglern wert sein mußte, da es durch solche Beschwerden erkauft wurde. Und es war ja auch wundervoll, was das Müggelgebiet an Naturreizen bot. Träumen durfte man damals noch — etwa am Seeranft, auf dem Rasenteppich hinter dem Müggelschlößchen, den Kiefern und Birken zu Füßen — oder weiter hinten an der Schilfbucht unter dem Haargezweige eines Weidenbaumes. Dotterblumen säumen das Ufer, Binsen und flüsterndes Rohr. Über Stangen gebreitet die Netze der Fischerinnung. Von der Düne schaut man weit auf einen blauen Spiegel oder auf schäumendes Gewoge. Rechts die Kiefernhügel mit dem Aussichtsturm sind die Müggelberge. Drüben das Rahnsdorfer Kirchlein, ganz hinten die Kranichberge. Vorn im Schutze des Schilfwalls sammeln sich zur Paarungszeit Schwärme von Teichhühnchen und Haubentauchern, Enten und Gänseseegern, und ihr verliebtes „Krick“ und „Gork“ mischt sich ins behagliche Orgeln der Frösche.
Nördlich von diesem Revier, genauer gesagt: vom Lehnschulzengut „Alte Ziegelscheune“, hatten sich die Kolonisten aus Böhmen und der Pfalz angesiedelt, denen der Alte Fritz eine halbe Quadratmeile Ödland abgetreten hatte. Da sie von der Spinnerei allein nicht leben konnten, rodeten sie Wald aus und beackerten den Boden. Mager gediehen die Ähren, desto besser die Kartoffeln. Durch die sandigen Ackerstücke zog sich ein Feldweg, mit Schlehdornbüschen, Akazien, Birken. Da lagen etliche Granitblöcke, Findlinge aus der Eiszeit. Lieblich prangten die Feldblumen, besonders auf den Ackerrainen. Allenthalben hingesprüht flammender Mohn und Kornblumen. Nach Honig duftete das goldig lodernde Labkraut, und am stillen Sommerabend mischte sich in den harzigen Kiefernhauch vom nahen Forste der scharfe Ruch gelber Strohblumen. Was an diesem märkischen Idyll entzückte, war neben dem bunten Unkraut das Konzert der Lerchen, von denen zur Frühlingszeit immer ein paar im Äther trillerten ...
„Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!“
Das war mein Gefühl von Kindheit an. Kein Wunder, daß ich als Berliner Literatur-Novize in den Frieden der märkischen Landschaft flüchtete, unmittelbar nach meiner Hochzeit mit der Gefährtin, die nächstens mit mir die Silberhochzeit feiert. Auch Freund Wilhelm Bölsche, mit dem ich zuvor eine Berliner Wohnung geteilt hatte, siedelte damals nach Friedrichshagen über. Es schlossen sich noch andere Musenverehrer an, die entweder von ihrer Feder lebten, oder vom väterlichen Vermögen, oder endlich von der frischen Luft. Neben seinen Urbewohnern hatte das alte Friedrichshagen noch ein Paar Fabrikanten, Ärzte, Beamte, einige hundert Arbeiter, in einer großen Bildgießerei beschäftigt. Auch manchen Freund des Wassersports, pensionierte Beamte und Sechsdreierrentiers.
Zu den Straßen, wo die Naturschwärmer wohnten, gehörte die Kastanienallee mit meiner Mietswohnung. Mir gegenüber ein verwilderter Laubpark, wo im April die Amsel pfiff, im Fliederbusch Nachtigallen schlugen. Waren die Bäume entlaubt, so sah man vom Balkon durch das Gezweige den Bahndamm und die blauschwarze Wand des Forstes. Das Hinterhaus zeigte Beete mit Blumen und Beeren, Spargel- und Obstgärten. Aus entfernten Birkengruppen lugten die schlichten Villen der noch ungepflasterten Nachbarstraße, die den rätselhaft stolzen Namen „Breestpromenade“ führt. Bis gestern blieb auch die Kastanienallee ungepflastert. Das ist ja nicht immer angenehm — wenn zum Beispiel im Winter auf hartgefrorenem Boden der nasse Schneebrei nicht weichen will. Doch weil sich Fuhrwerke selten in den Sand meiner Kastanienallee wagten, hat es ein Sinnierer, mit der Feder arbeitend, hier ein viertel Jahrhundert ausgehalten ...
Sonst hat sich Friedrichshagen seit Anno dunnemals arg verändert. Am See, wo Kiefernheide war, ragen die Schlöte und roten Ziegelwände der Berliner Wasserwerke. An Stelle der dummen Ackerstreifen mit ihren unrentablen Ähren und nichtsnutzigen Blumen lauter gerade geschnittene Baustellen, von Stacheldrähten umhegt. Straßendämme, aus deren Sande schon die Kopfstücke der unterirdischen Kanalisation ragen. „Aufschwung!“ höre ich ein paar Herren aus Berlin sagen, die sich offenbar auf Bauspekulation verstehen, und mit Ehrfurcht konstatieren, was aus der Feldlandschaft geworden. Überall buddelt man den Naturboden um: jene künstlichen Eingeweide müssen angelegt werden — abziehen soll durch sie der viele Unrat, den die funktionierende Kultur mit sich bringt. Überall bekommt Mutter Erde einen Panzer vor den Busen. Nicht mehr nach Kuhstall duftet es, sondern nach Benzin; hupende Autos sausen die Friedrichstraße entlang, und die hat nichts mehr von der alten Dorfstraße. Der grasige Sandweg verschwunden; gediegenes Pflaster, Straßenbahnschienen. Keine Vorgärtchen mehr, dafür breite Bürgersteige. Die ländlichen Häuschen abgelöst durch hohe Mietshäuser mit Schaufenstern. Die knorrigen Maulbeerbäume verschwunden, ersetzt durch Bäume von vorschriftsmäßigem Wuchs. Ach, und die holländische Windmühle hinter Conrads Tanzsaal verschwunden. Gänzlich weggeräumt vom märkischen Sande, der früher unverwüstlich konservativ erschien. Und dieser Sand selbst — wo ist er jetzt? Die Mühle stand doch auf einem Hügel! Wo blieb der Hügel? Mit Kalk vermischt, ward er in all die rings emporgewachsenen Mauermeisterstücke vermauert.
Horch, was für ein weltstädtisches Tosen auf der Friedrichshagener Friedrichstraße? Aus dem Berliner Zuge hat sich ein stampfender, schwatzender Menschenstrom ergossen. Diese hastenden Arbeiter, abgespannten Verkäuferinnen und Bürobeamten bringen die dumpfige Luft ihrer Arbeitskasernen mit und all die andern Segnungen des Maschinenzeitalters. Elektrische Flammen bestrahlen ein grellbuntes Plakat. Unter dem Titel eines Theaters hat sich ein Kientopp etabliert, von Stiergefecht und Detektivromantik flimmern seine Filme. Uff, und Grammophone lassen ihre Walzen wetteifern! Bei mildem Wetter sind ihre Besitzer so uneigennützig, die Fenster zu öffnen, damit nur ja die weite Nachbarschaft lauschen kann dem schelmisch quäkenden Damencouplet und der Arie eines Baßbuffo, der Stockschnupfen hat oder sich beim Singen die Nase zuhält. Und wenn auch noch das oberste Luftreich von der neuen Ära bebt! Wenn vom nahen Flugplatze Johannisthal eine Rumplertaube in brummenden Kreisen naht oder ein Parseval wie ein Fabeldrache angeschnoben kommt ... O Himmel, was für einen Aufschwung hast du über das gute Fritzenwalde verhängt!
Einen andern Aufschwung meinte ich, als die Osterlerche über dem Forsthaus jubilierte. Doch den will man noch nicht gelten lassen in Preußisch-Schilda. Nach Gesinnung und Verfassung ist lieb Vaterland so geblieben wie Anno dunnemals, als es den Chronisten hinter Schloß und Riegel steckte. — Ob’s endlich mal anders wird? Ob es Schildbürgern gelingen wird, die Seelen so fliegen zu lassen wie ihre Maschinen? Ein Trost, daß es noch singende, springende Löweneckerchen gibt.
Der Igel
Den Igel von der Buxtehuder Heide haben wir als Kinder bejubelt — wie er mit dem langbeinigen Junker Hasen um die Wette lief: seine Frau hatte er am Ziel versteckt, so daß der Hase, als ihm Fru Swinegelin zurief: „Ick bün all hier!“, meinte, nun sei ihm der krüppelbeinige Konkurrent doch zuvorgekommen. Im wiederholten Wettlauf ging dem Hasen die Puste aus, tot streckte er seine Stelzen.
Guter Meister Igel, was bist du trotz deiner Stacheln für ein herziger Bursche! Nicht nur der Heidebauer jubelt dir zu, weil du verschmitzter Kerl dir zu helfen gewußt mit deiner wackern Ehehälfte und weil du’s dem Junker Hochmut gründlich eingetränkt hast, daß er zu spotten gewagt über den geringen Mann. Glaube nun beileibe nicht, daß ich dich herabsetzen will, wenn ich deinen Namen einer zweibeinigen Kreatur gebe, die ihn nicht ganz verdient; denn der menschliche Igel, auf den ich zu sprechen komme, besaß deinen charaktervollen Schlaukopf bloß in seiner Einbildung, und seine Ähnlichkeit mit dir erstreckt sich fast nur auf das duckmäuserische Exterieur. Auch stand ihm keine Swinegelin zur Seite, sintemalen er bis in sein sechstes Jahrzehnt den Junggesellenstand beibehalten. Friedrichshagen, wo dieser Igel hauste und waltete, war damals noch dörflich, hatte an ländlichen Häuschen mit Rohrdach und Fliedergärtchen nicht Mangel, besaß noch keine Pflasterung, keine Kanalisation, keinen Kientopp und keinen Bürgermeister.
„Es ist schon lange her —
Das freut mich um so mehr“ —
— und zwar besonders aus dem Grunde, weil man nach so viel Zeit eine Lippe riskieren und ohne Gefahr einer Majestätsbeleidigung verraten darf, besagter Igel von dunnemals sei eine Respektsperson gewesen, gewissermaßen der Statthalter des Königs von Preußen am Müggelsee, nämlich etliche Monde lang stellvertretender Amtsvorsteher von Friedrichshagen. Sein bürgerlicher Name war Friedrich Hegel, und es ist nicht ausgeschlossen, daß er irgendwie verwandt war mit jenem Philosophen, den eines Schwabendichters Loblied wetteifern läßt mit den Guanovögeln:
„Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,
Schafft ihr den vortrefflichsten Mist.“
Um die Kassenführung eines ostelbischen Städtchens war unser Fritz Hegel so verdient, daß ihn die allgerechte Obrigkeit mit dem Kronenorden vierter Güte und dem Titulo Rechnungsrat dekoriert hatte. Anfangs nannten ihn die Fritzenwalder Herr Rechnungsrat. An sein früheres Rechnen schien er freilich nicht sonderlich gern zu denken; er hatte auf diese Anrede zunächst einen stechenden Blick, dann näselte er mit einem Lächeln gemachter Leutseligkeit: „Bitte nennen Se mich einfach Rat.“ O freilich, Rat Hegel, das klingt vornehm; was ist dagegen Amtsvorsteher! Vorstehen kann schließlich jeder Bäckermeister. Aber Rat — das läßt auf Geist und Bildung schließen; Ratgeber hat man „oben“ nötig. Der Herr Landrat des Kreises Niederbarnim ist auch einfach Rat!
Der „Alte Fritz“, Gründer von Friedrichshagen, war Hegels besondere Schwärmerei und ja auch Friedrich getauft; deshalb nannte den Rat sein Stammtisch im „Waldhaus“ gern den „Jungen Fritz“. Allerdings war unser Igel durchaus kein Jüngling mehr; immerhin wäre ja der Große Friedrich, wenn er jetzt noch lebte, jetzt viel älter als der Amtsvorsteher Hegel. Übrigens wollte man ein unterscheidendes Merkmal gegenüber dem Alten Fritz geltend machen. Und schließlich gehörte es zu den Eigentümlichkeiten des Jungen Fritz, immer noch jugendlich aufzutreten, zumal der Damenwelt gegenüber, für die er eine nie versiegende Verehrung empfand.
Auch wie er zu dem Spitznamen Igel kam, will ich nicht verschweigen. Schon der Name Hegel hat die Anlage, in Egel, Igel umgewandelt zu werden. Und als ich zum erstenmal mit dem Rate zu tun hatte, ging es mir durch den Sinn: den mußt du schon mal gesehn haben! Wo denn aber? Da ward mir auf einmal klar, daß dieser Würdenträger Ähnlichkeit mit dem wettlaufenden Swinegel hat, wie ihn Ludwig Richter gezeichnet. Hier war ja dieselbe kurze Gestalt, derselbe kleine Duckmäuserkopf mit den listigen Schweinsäugelchen, dieselbe rattenhafte Spitzmäuligkeit — seine schmalen, rasierten Lippen wurden durch ein paar Nagezähne schräg nach vorn geschoben — hier war auch der huschende Leisegang des Igels.
Was die Pedale des Herrn Rat betrifft, so will ich beileibe nicht andeuten, daß sie krumm waren, wie die Schleichkrüppelchen des Buxtehuder Swinegels. Kurz und zierlich, ja das waren sie, deshalb würdigte sie der selbstbewußte Eigentümer auch einer besonderen Sorgfalt. Auf den Tanzkränzchen der Bürgerressource staunte man nicht bloß über die Elastizität der Hegelschen Hüpforgane, sondern auch über ihre patente Bekleidung. Beim Contretanz, den er mit den nasalen Lauten eines französischen Mäters zu kommandieren pflegte, kokettierte er in Lackstiefeletten, während er sonst gelbe Promenadenschuhe trug, die Beinkleider stutzerhaft aufgeschlagen. Sein Ideal war eine Mischung von Landrat und Friseur, emeritiertem Hauptmann und Tanzmeister.
Sein rastloser Ehrgeiz hatte ihn ins Fritzenwalder Amt befördert. Anfangs hatte er nur als Pensionär am Müggelsee leben wollen, als passionierter Angler, Tänzer und sonstiger Lebenskünstler. Dann in den Gemeinderat gewählt, fühlte er immer bestimmter, sein Genie sei noch lange nicht welk, vielmehr zu erneuter Karriere berufen. Damals fügte es sich, daß ein Friedrichshagener Amtsvorsteher, der sonst so tüchtige Herr Drachholz, wegen seines plötzlich gesteigerten Asthmaleidens auf Urlaub nach Ägypten gehn mußte, und nun war ein stellvertretender Amtsvorsteher nötig. Durch geschicktes Aufgebot all seiner Gönnerinnen gelang es dem Jungen Fritz, seinem gefährlichen Mitbewerber, dem reichen Klempnermeister Kuhlicke, viele Stimmen abspenstig zu machen. Nunmehr provisorischer Regent der „Kolonie“, hoffte er, dem Herrn Landrat und „den Herren da oben“ ebenso wie den Spießern bald zeigen zu können, daß Rat Hegel ein ganzer Kerl und Preuße sei, zum definitiven Amtsvorsteher fraglos vorherbestimmt.
Wenn der kleine Gernegroß den eleganten und gebildeten Weltmann herauszubeißen suchte, so kamen auch Entgleisungen vor, die dem Bierbankgelächter willkommene Nahrung boten. Als Beispiel mag eine Begebenheit dienen, die nach Errichtung einer biologischen Station für Binnenfischerei am Gestade des Müggelsees vorfiel. Ein fremdländisch aussehender Herr war von Berlin auf dem Bahnhof Friedrichshagen angelangt, als er in sichtlicher Ratlosigkeit, an einen Bahnbeamten gewandt, in gebrochenem Deutsch stammelte: „Wo ist biologische Station?“ — „Hier ist Station Friedrichshagen“, lautete die Antwort. Der Ausländer blieb bei seiner Formel: „Ich will zu biologische Station.“ — „Ach, Sie meinen wohl Station Zoologischer Garten?“ Der Ausländer protestierte: „Nicht zo — sondern bi, bi!“ Dies Zwiegespräch hatte Rat Hegel mit angehört, und um seine weltmännische Gewandtheit darzutun, schüttelte er vornehm mitleidig das Haupt über des Bahnschaffners unbeholfene Art: „Aber Mann! Erraten Sie denn gar nicht, was dieser Pariser will, hä?“ Und er blinzelte den Fremdling an: „Oui oui, monsieur, je comprends! Kommen Sie!“ Vertraulich seinen Arm ergreifend, führte er ihn nach jenem Bretterhäuschen, das von den Reisenden der wenig komfortablen Vorortzüge oft mit sehnsüchtiger Hast erstrebt wird. „Ici bibi! Ici biologische Station!“ Mit einem Blick der Entrüstung wandte sich der Fremdling ab; Rat Hegel, über solche Wirkung seines Ratschlags verdutzt, ratschlagte hin und her, ob er es an Takt habe fehlen lassen, oder ob dieser Pariser doch etwas anderes gemeint habe.
Als er sein Abenteuer im „Waldhaus“ erzählte, platzte der dicke Wirt heraus: „Warum haben Se’n denn nich zu mir geschickt, Herr Rat? Er meinte doch offenbar die Bierologische Station!“ Zufällig saß auch der Leiter der biologischen Station am Stammtisch, der schlug die Hände zusammen: „Also Sie, Herr Rat, sind das gewesen? Wissen Sie denn nicht, was für einen Beruf und Posten ich hier in Friedrichshagen habe!“ — „Sie — hä? Natürlich weiß ich das! Herr Professor sind Leiter des Instituts für Binnenfischerei am Müggelsee.“ — „Na das ist doch die biologische Station!“ War das ein Reinfall für unsern Igel! War das ein gefundenes Fressen für die auf Ulk erpichten Bürger des Kreises Niederbarnim! Zu seiner Entschuldigung machte er mit wehmütigem Lächeln geltend: „Wenn ich bei der Frage des Ausländers nicht sofort erraten habe, daß Biologie Binnenfischerei bedeutet, so ist das verzeihlich bei einem Manne, der auf seiner Realschule zwar ein leidlicher Franzose gewesen, aber natürlich kein Lateiner. Auch bin ich eben ein schlicht konservativer Patriot, und in meiner bald vierzigjährigen Amtstätigkeit sind mir immer nur Preußische Formen und Aufgaben vorgekommen, keine kosmopolitischen Probleme. Übrigens weiß man oben schon, was man an Rat Hegel hat, dem die Kolonie des Großen Friedrich anvertraut worden — oder etwa nicht, hä?“
Ein Patriot — nun ja, das war Rat Hegel — was mancher Beamte, um die Gunst seiner Vorgesetzten beflissen, so unter einem Patrioten versteht. Die politische Gesinnung gehört dabei zum Dienst, wie der Soldat vorgeschriebene Uniform zu tragen hat und stramm seinen Griff macht, wenn das Kommando erfolgt „Helm ab zum Gebet!“ Obwohl der Junge Fritz gelegentlich mit Fridericianischer Aufgeklärtheit kokettierte, so war er doch auch von jenem Geist erfüllt, der einem Polizeimenschen zu Anfang der neunziger Jahre, wenigstens einem Preußischen, eigen war, nachdem man durch das Ausnahmegesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen lange genug zum Unratschnüffeln abgerichtet war. So nahe beim blutroten Hexenkessel Berlin hatte Rat Hegel ein klein wenig von dem Grundsatz, den sein Kollege in Erkner, „Wehrhahn“ in Gerhart Hauptmanns „Biberpelz“, mit den schneidigen Worten verkündet: „Meine Aufgabe hier ist mustern und säubern. Was hat sich nicht alles für Kehricht am Orte angesammelt! Dunkle Existenzen, politisch verfehmte, reichs- und königsfeindliche Elemente. Die Leute sollen zu stöhnen bekommen.“
So schlimm wie dieser Bramarbas hatte es Rat Hegel nun freilich nicht vor, dazu liebte er zu sehr seine Ruhe. Ein paarmal raffte er sich indessen zur hurrapatriotischen Attacke auf gegen die erwähnten dunklen Existenzen. Nicht geheuer schien ihm jene Gruppe von Schriftstellern, die in einigen Literaturgeschichten „die Friedrichshagener“ heißen. Als Menschen, die sich im Punkte der Überzeugung keinerlei Vorschriften machen ließen, um vielmehr von ihren Ideen oder mindestens ihrer gutgemeinten Schwärmerei geleitet zu werden, betrachteten sie Ungebundenheit als ihr Lebenselement und waren in Wort und Werk verblüffend unpreußisch.
Das Generalquartier der Friedrichshagener, mit denen es auch allerlei Berliner Genies hielten, war jahrelang das Haus der Brüder Streitmüller in der Ahornallee. Zweier Soziologen, die, begeistert von Güte für die Massen armer Volksgenossen, einem Sozialismus huldigten, der selbst den Sozialdemokraten zu frei war, daher „Anarchismus“ genannt wurde. Benno Streitmüller, der jüngere Bruder, verkehrte überdies in Paris und London mit Leuten wie Réclus und Fürst Krapotkin. Persönlichkeiten, die man später, als ihre geistige Bedeutung nicht mehr abzuleugnen war, mit dem entschuldigenden Etikett „Edelanarchisten“ bezeichnet hat, die aber in den achtziger und neunziger Jahren für den normalen Polizeiverstand Hochverräter und Bombenwerfer waren. Kein Wunder, daß der Preußische Statthalter von Friedrichshagen, den auch noch die Berliner Polizei scharf gemacht hatte, ein Auge auf seine Literatenkolonie hatte.
In diese amtliche Stimmung platzte eines schönen Tages eine Bombe hinein. Wenigstens ähnlich einer Bombe wirkte eine Postkarte, die aus London anlangte, adressiert an Herrn Benno Streitmüller in Friedrichshagen. Auf einem obskuren, doch wohl einfachen Wege war ihr Inhalt zur Kenntnis des Amtsvorstehers gelangt. Der ging hoch wie ein gärender Vulkan, als er die Worte las: „Produkt wohlgeraten. Zur größern Sicherheit läßt Freund die Kiste lieber von Hamburg abgehen; damit unterwegs nichts passiert, ist Inhalt als leicht zerbrechlich bezeichnet. Wohl bekomm’s! Dein Krapotkin!“ — Oh! Da war ja nun die Bescherung, die längst von dieser Tintenkulibande zu erwarten war. In der Kiste mußte Dynamit oder so was sein, darauf ließen die Worte wie die Personen schließen. Vollends verdächtig war folgende Nachschrift der Postkarte: „Deinen Gruß an Fifi kann ich nicht bestellen. Denke dir, er hat sich fortgemacht — vor fünf Tagen fand man seinen Käfig leer.“ Also ein Verbrecher war ausgebrochen; kein Zweifel, dies rebellische Gesindel hatte gefährliche Anschläge. Gott sei Dank war ja nun Rat Hegel rechtzeitig dahinter gekommen, der Himmel hatte ihn zum Retter auserkoren. Ja, ja! Wer hat jetzt noch die Stirn, den Amtsvorsteher eines märkischen Dorfes gering zu schätzen? Der Mann kann ja für den Staat Friedrichs des Großen ähnlich wichtig sein, wie für das römische Kapitol die Gänse waren, die durch ihr Schnattern vereitelten, daß es der Feind bei Nacht überrumpelte.
Natürlich überbrachte Rat Hegel seine Entdeckung brühwarm dem Berliner Polizeipräsidium. Mit dem Erfolge, daß ein Dutzend handfeste Detektivs in aller Herrgottsfrühe die Friedrichshagener Anarchistenspelunke umzingelten, und daß der Igel, flankiert von zwei Revolverfritzen, in das Verbrecherhaus eindrang, sobald die erste Post mit der avisierten Dynamitkiste zu erwarten war. Streitmüllers Haushälterin wollte eben mit dem Marktkorb einholen gehn, als ihr der Amtsvorsteher eröffnete, daß Haussuchung stattfinde. Zuerst wurde der Korb der verblüfften Madam visitiert, dann hieß es: „Führen Sie uns zu Herrn Benno Streitmüller, wir wissen, daß er hier ist.“ — „Ach, der ist ja in Paris!“ — „Leugnen ist überflüssig — wenn Sie ihn verborgen halten, werden Sie ernste Unannehmlichkeiten haben.“ So ging die Untersuchung nach allen Regeln der Polizeikunst los. Doch kein Benno Streitmüller, nicht einmal sein Bruder Paul wurde aufgestöbert. Wie dann die Postkiste angelangt war, fanden sich darin Blechdosen. Das war ja nun bedenklich. Darin mochten die Dynamitbomben verwahrt sein. Mit größter Behutsamkeit ging man vor — konnte doch so’n Dings einem vor der Nase explodieren — und das Gesicht konfiszieren ... „In Wasser legen!“ krähte Rat Hegel und retirierte, als ein waghalsiger Polizeier eine der Höllenmaschinen öffnete ... Huhu brrr! Es waren rätselhafte Kugeln darin, faustgroß und dunkelrot. Jetzt hatte der heldenhafte Detektiv sein Käsemesser gezogen und wagte in solch eine Kugel — höchst schauderbar — hineinzupieken. „Det sieht ja aus wie Paradiesäppel!“ meinte er schnüffelnd — „Jotte doch, richtije Paradiesäppel, wo neierdings Tomaten heeßen. Wat will die Bande mit Obst?“ Nun bestätigte die Haushälterin, in den Blechdosen seien eingemachte Tomaten, und als man ihr den Inhalt der Postkarte mitteilte, gab sie unter Gelächter die Aufklärung: Fürst Krapotkin, ein passionierter Tomatenzüchter, habe Benno Streitmüller für seine Züchtungsmethode interessieren wollen. Und Fifi, der aus dem Käfig Ausgebrochene, war ein Kanarienvogel Krapotkins — in seiner Unerfahrenheit hatte das Tierchen sein Freiheitsideal außerhalb des Vogelbauers, im wüsten London gesucht.
Nicht ganz so harmlos wie die geschilderte Begebenheit, doch ebenso charakteristisch, verlief jene andere, die mich persönlich mit dem Igel aneinander brachte. Es mochte ihm bekannt sein, wer seinen zoologischen Spitznamen geprägt hatte, der ihn ebenso wurmte, wie der „Junge Fritz“ eine Schmeichelei bedeutete. Vollends gehörte ich zu der Literatursippe und war einer der Schlimmsten. Genug, ich witterte längst, daß er mir nicht grün; ja von Anfang an hatte mich der lauernde Zug in den Schweinsäugelchen ahnen lassen, dieser Igel werde mal einen listigen Gang mit mir tun und trage sich mit dem Vorsatz: „Warte nur, frecher Langbein, ich werde dich noch zur Strecke bringen, wie mein Namensvetter von Buxtehude!“
Na ja, an Diensteifer ließ er ’s nicht fehlen, als die Reiberei losging. Die Einleitung war ein Schriftstück, das vom Amtsdiener Bolle in meine Wohnung gebracht, mich „zur Vernehmung“ aufs Amt lud. Mein erster Gedanke war: Du hast wohl was Impertinentes in einer Rede gesagt oder durch Druck veröffentlicht? und nun will dir der Staatsanwalt zu Leibe? Aber nein doch! Wohl nur als Zeuge sollst du vernommen werden; vielleicht auch wollen diese Büropedanten einfach das Personalregister berichtigen. Sei’s, wie es sei — wir werden ja sehen!
Die Vernehmung
Das Fritzenwalder „Amt“ war einstalliert in einem gemieteten Landhäuschen, das nur ein Erdgeschoß mit einem großen Zimmer und ein paar kleinen hatte. Längs der Wände lagen die Akten aufgestapelt, in den Fächern hölzerner Gestelle ohne Verschluß, dem Staube, der Vergilbung, den Motten preisgegeben. All diesen Akten hing gewissermaßen die Zunge zum Halse heraus, und diese Aktenzunge war gelb, grün, blau, rot, ein Kennzettel, um Rede zu stehen über den Inhalt des Schriftstückes. Ein paar Schreiberseelen hockten an Pulten, und wenn sie nicht frühstückten, rauchten oder plauderten, hörte man ihre Federn kritzeln, dazu im Sommer den ländlichen Fliegenschwarm summen und beim Nachbar die Hühner gackeln.
Rat Hegel saß dann — vorausgesetzt, daß er nicht am Gestade der Müggel die Angelrute schwang — in einer Art Boudoir, das mit Schreibtisch und Lutherstuhl ausgestattet war, auch mit Teppich, Liegesofa und etlichen Bildern. Hier pflegte der Igel Amtspflichten zu erfüllen, die er nicht der Kritik und Indiskretion aussetzen mochte. Wenn zum Beispiel eine junge Witwe gegen ihre Steuereinschätzung reklamierte, oder wenn die stattliche Frau Mauermeisterin in einer Bauangelegenheit den Vorteil ihres Gatten wahrzunehmen suchte, oder wenn ein hübsches Dienstmädchen ... das heißt, ob das Mädchen hübsch, die Meisterin stattlich, die Witwe jung war, tut eigentlich nichts zur Sache — lassen wir’s!
Genug, in besagtes Geheimkabinett wurde ich von einem Beamten des Vorderbureaus, dem ich meine Vorladung gezeigt, nach zeremonieller Anmeldung geleitet. Der Igel erhob sich von seinem Sessel am Schreibtisch, zog unter Augenzwinkern den Kopf zwischen die Schultern — was eine gemessene Verbeugung sein sollte — lud mich durch Handbewegung auf das Sofa und nahm die hochwichtige Schreibarbeit wieder auf, die mein Eintreten unterbrochen hatte. Als mir sein Kritzeln zu langweilig wurde, stand ich auf, die Bilder zu betrachten, mit denen das Boudoir geschmückt war. Das Portrait des greisen Kaisers in Öldruck war mir nicht ganz neu; wohl aber ein großes Gruppenbild, das den Amtsvorsteher darstellte, inmitten des Gemeinderats und der Freiwilligen Feuerwehr.
„Hä?“ grunzte der Igel in etwas mißbilligendem Tone, befremdet durch meinen Mangel an Befangenheit. „Sie kommen gleich dran. Die Zeit soll Ihnen nicht lang werden.“ — „Bitte!“ gab ich im Tone der Wurstigkeit zurück und vertiefte mich nunmehr in die Photographie des Landrats. Doch schon hatte er die Feder hingeworfen und ein Aktenstück aufgeschlagen. Mit nachlässigem Genuschel las er: „Zu vernehmen der Schriftsteller Dr. Bruno Wille zu Friedrichshagen, Kastanienallee neun.“ Stechend blinzelten seine Schweinsritzen zu mir herüber: „Das sind Sie — hä? Wollen Sie gefälligst wieder Platz nehmen!“ Ich setzte mich, und nachdem er abermals eine spannende Pause gemacht hatte, indem er die Akten durchblättert, fuhr er fort: „Da ist ’ne — Sache vom — Königlichen — Provinzial — Schulkollegium — hä?“ Und grausam listig fixierten die Äugelchen ihr Opfer.
Ich war nichts weniger als bestürzt. Eine Schulsache? Ich fühlte mich erleichtert, fast übermütig. War ich doch die beklemmende Aussicht los, daß mich der Staatsanwalt wegen einer freimütigen Äußerung belangen wolle. Schule! Kollegium! Na ja, es wird sich um gestundete Kollegienhonorare handeln — schon recht! Diese alten Studentenschulden müssen abgezahlt werden — und nun will man mich dringend mahnen. Was könnte ich sonst mit der Schulbehörde zu tun haben? — Wie? Oder sollte diese Geschichte den Jugendunterricht angehen, den ich in der freireligiösen Gemeinde erteile? — Meine dämmernde Ahnung wurde rasch zur Wahrscheinlichkeit, getroffen vom nüchternen Lichte historischer Realität. Gehört doch Friedrichshagen zu Preußen, und hier, wo der Gesetzentwurf des Ministers von Zedlitz-Trützschler, eine Verfrommungsattacke auf die Volksschule, soeben von der öffentlichen Meinung abgewiesen war, schlich nun das Dunkelmännertum auf Hintertreppen, um durch administrative Verfügungen Vorteile zu gewinnen.
„Ja und —? Was will denn das Provinzial-Schulkollegium?“ erlaubte ich mir, mißtrauisch und etwas ungeduldig zu fragen. Wieder in das Dokument vertieft, wiegte der Rat den Kopf, als wisse er nicht, wie er die Sache anfassen solle. Da er gemerkt hatte, daß sein Amtsgesicht nicht imponiere, suchte er mir auf andre Art beizukommen. Schüttelte also das mit fuchsiger Perücke gezierte Denkerhaupt, als befremde ihn der Inhalt des Schriftstückes. Aufatmend in den Lutherstuhl zurückgelehnt, klatschte er die flache Hand auf das Papier: „P! Was soll unsereins nicht alles! So ’nem Amtsvorsteher werden die schwierigsten Sachen zugemutet. Gewisse hochgestellte Herren scheinen zu denken, man is so’n richtiger Packesel — für ihre diplomatischen Missionen — hä?“ — Mein Lächeln für Beifall nehmend, suchte er diese Stimmung zu begünstigen und fuhr im Tone einer behaglichen Beschaulichkeit fort: „Unser Großer Friedrich hat gesagt: In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Das ist auch mein Grundsatz — naturgemäß.“ Zustimmend neigte ich ein wenig den Oberkörper, und es fuhr der Igel fort: „Na ja! Darin sind wir einig! Nun aber das da! P!“ Und wieder klatschte er nichtachtend auf das Dokument — „was soll man dazu sagen, hä?“
„Aber Herr Rat, ich weiß ja noch gar nicht —?“ Beschwichtigend hob er die Hand: „Lassen Sie mich zuvor bemerken, daß mich hier keinerlei Schuld trifft — nicht die mindeste Verantwortung, als Mensch sozusagen. Auch für mich gilt das Wort jenes englischen Prinzen: Ich diene!“ — „Ich zweifle nicht, Herr Rat.“ — „Ja, nicht wahr? Und Sie können sich denken, Herr Doktor — wenn die Herren oben — Sie verstehen, wen ich meine! wenn sie vorher bei mir angefragt hätten, ob die Sache opportun sei ...“ — „Sie meinen die Sache da vom Provinzial-Schulkollegium?“ — „Ich hätte gesagt: Nicht opportun!“ — „Aber hat sie denn was zu tun mit dem Grundsatz, daß jeder nach seiner Fasson? Wie? Mit Religion? Ach so, es handelt sich wohl um die Freireligiöse Gemeinde?“ — „Naturgemäß! Ja und nun sagen Sie mal, Herr Doktor, was wollen denn diese Freireligiösen, hä? Sie möchten wohl ganz ohne Glauben sein? ohne Pastor und ohne Kirche, hä? Na ja, wissen Sie, so’n bißchen freireligiös — und wenn ich auch ein konservativer Mann bin — im Grunde unseres Herzens haben wir alle heutzutage so’n Stück Freigeist. Ich selber habe mal im Gemeinderate — als es sich um die Waldparzelle für die Wasserwerke handelte, — da habe ich unverfroren gesagt: Meine Kirche — wissen Sie, meine Herren, was meine Kirche ist? Der Wald! — Ja wohl, Herr Doktor, das hab ich rund heraus gesagt. Sehn Sie, darin bin ich auch freireligiös ... Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?“
Es fiel mir nicht leicht, den Schein der Ernsthaftigkeit zu wahren. Seine Erwähnung des Waldes brachte mir eine hölzerne Warnungstafel in Erinnerung, die damals am Eingang zum Forst angeschlagen war, unterzeichnet „Amt Friedrichshagen. gez. Hegel.“ Sie enthielt die monumentalen Worte: „Das Betreten dieses Waldes ist nur mit geschlossener Pfeife gestattet.“ — „Sehr verdienstvoll, Herr Rat,“ — lächelte ich — „daß Sie in unserm Friedrichshagen etwas von der friderizianischen Tradition lebendig halten.“ Wie wenn einem Berliner Weißbierphilister die Kohlensäure prickelnd in die Nase steigt, so wurden des Igels Nüstern angenehm geschwellt, und vor Genugtuung funkelten seine Äugelchen. „Aber“ — so fuhr ich fort — „darf ich mir die Frage erlauben, inwiefern unser Religionsgespräch, das mir ja an und für sich interessant ist — ich meine, inwiefern es zur Sache gehört — zu meiner Vernehmung in Angelegenheiten des Provinzial-Schulkollegiums?“ Er nickte, und mich streifte ein echter Igelblick — in dem sich Pfiffigkeit und Mißtrauen mischten. „Zur Sache gehört das alles — ganz naturgemäß. Was nun Ihre Anspielung auf den friderizianischen Geist betrifft, so ehrt sie mich. Indessen muß ich eine Einschränkung geltend machen. Es hat nämlich der geniale Friedrich — bei aller Freigeisterei — an gewissen Ideen der Religion festgehalten. Vor allem an der Idee des höchsten Wesens, wissen Sie, hä?“
„Des höchsten Wesens? Hum! Ja, aber es kommt bloß darauf an, was man darunter versteht!“ — „Ja, verstehen denn die Freireligiösen überhaupt etwas darunter?“ Jetzt begegnete ich dem lauernden Blick des Anglers, wenn er dem anschwimmenden Fischlein den Köder hinwirft, mit dem es den Haken verschlucken soll. Da ich schwieg, so lockte er weiter: „Allerdings, wer unter dem höchsten Wesen einen weißbärtigen Herrn versteht“ ... Unsicher geworden, verstummte er, ich aber nahm seinen Gedanken auf: „An den weißbärtigen Herrn glauben Sie also wohl selber nicht, Herr Rat, wie?“ — „Immerhin an einen Gott!“ eiferte er mit Salbung — „an ein höchstes Wesen, das über der Natur waltet — als Regent, als Persönlichkeit — darauf kommt es an — hä?“
„Ja so! Persönlichkeit! Aber müßte ein höchstes Wesen denn nicht erhaben sein über jegliche Beschränkung? Persönlichkeit ist doch Beschränkung!“ Sein Gesicht wurde eisig und simpel, und er murrte: „Beschränkung? hä? Na, das ist denn doch stark! Da muß ich doch bitten ... Mögen gewisse Persönlichkeiten — mögen sie beschränkt sein — so gibt es doch andere — die alles eher, nur nicht beschränkt sind — sollte ich meinen — hä?“ Und seine Äugelchen suchte er aufzureißen zur gebieterischen Hoheit seines genialen Vorbildes. — „Aber nein doch!“ beschwichtigte ich — „eine bestimmte Persönlichkeit zu verkleinern liegt mir fern — und Goethe hat ja auch mit Recht gesagt: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit!“ — Er wurde wieder friedlich: „Wollt’ ich mir auch ausgebeten haben.“ Dann schien er über das Rätsel der göttlichen Persönlichkeit zu grübeln — bis er auf einmal erleuchtet deklamierte: „Gott ist — ein Geist!“ — „Und die ihn anbeten,“ zitierte ich weiter, „sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Schon recht! Doch weshalb müssen dann unsere Schulkinder im wörtlichen Sinne glauben, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geformt, also ebenfalls einen Körper habe? Und daß er im Garten Eden in der Abendkühle lustwandelte? Und dem Abraham als dreifältiger Mann erschien? Und mit Mose auf dem Sinai redete? Und bei Jesu Taufe vom Himmel rief: Dies ist mein lieber Sohn?“
Wiederholt nickte der Igel, als wollt’ er sagen: „Du bist im rechten Fahrwasser!“ Und als ich schwieg, suchte er zu ermuntern: „Na ja, mit dem dreieinigen Gott — das ist naturgemäß so ’ne Sache. Katechismus war nie meine Stärke, und auch ich bin Freigeist genug, um zum Beispiel ... Wie soll ich sagen, hä?“ — Ich half ihm: „Nun, im Katechismus heißt es zum Beispiel: Auferstehung des Fleisches. Die Ebenbilder Gottes, im Grabe endlich zu Staub geworden, kristallisieren sich beim Schall der Posaune wieder zum alten Adam, aus den Grüften schlüpft Fleisch und Bein ... Nun denken Sie mal, Herr Rat, Ihr Liebling, der Philosoph auf dem Preußenthron — Taufe und Katechismus mußte er schon über sich ergehen lassen — aber geglaubt hat er so was doch nicht! Sie kennen die Geschichte vom Küster, der abgesetzt werden sollte, weil er nicht an die Auferstehung des Fleisches glaubte? Der alte Fritz versah das Aktenstück mit der Randbemerkung: Der Küster bleibt, und wenn er nicht an Auferstehung des Fleisches glauben will, kann er ja liegen bleiben am jüngsten Tage.“ Beifällig schmunzelte Hegel, und ich fuhr fort: „Na also, Herr Rat! Aber wo ist heute der friderizianische Geist? In der Kirche sicher nicht! Sie wissen doch, da bekennt jeden Sonntag der Pastor im Namen der Gemeinde: Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben, Amen!“
„Das sind Ammenmärchen!“ platzte mein Gegenüber hochtrabend heraus — die Rolle des Freigeistes hatte ihn hingerissen, daß er den Amtsvorsteher vergaß. Er merkte zwar an meinem spöttischen Gesicht, daß er zu weit gegangen, und suchte einzuschränken: „Das heißt naturgemäß — mißverstehen Sie mich nicht ...“ — „Aber nein! Sie haben ganz deutlich gesprochen. Und warum sollten Sie Ihr Bekenntnis auch verhehlen? Selbst im heutigen Preußen darf man schließlich nach seiner Fasson selig werden, — wofern man seine Freigeisterei für sich im Geheimkabinett behält.“
Wenn in der Nähe eines ländlichen Gehöftes ein Swinegel vom Kater überrascht wird, rollt er sich zur Kugel zusammen — krallt nun der Kater nach der Kugel, so piken ihn die Swinegelstacheln in die Pfote. Auch der Amts-Igel zog sich auf seine borstige Schutzstellung zurück. Nach mißtrauischem Lauern bemerkte er gereizt: „Aber erlauben Sie mal, Herr Doktor! Mein Glaube kommt hier ganz und gar nicht im Betracht! Was ich in meinem Boudoir denke — Gedanken sind naturgemäß zollfrei! Vorausgesetzt — und darauf kommt’s an —, daß man sie nicht ins Volk trägt! Davor muß man sich hüten! Sie protestieren? Sehen Sie — das ist eben unsere Meinungsverschiedenheit. Sie haben Ihre Freigeisterei ins Volk getragen — tun es grundsätzlich — na also! Und eben diesen Mißgriff verübelt man Ihnen oben. Die Regierung steht naturgemäß auf dem Standpunkte, daß die unteren Schichten des Volkes nicht reif sind für Freigeisterei. Was versteht auch der Proletarier von Kaviar, hä? Dies Bedenken hat schon der große König gehegt — und dem möchte ich mich auch in dieser Hinsicht anschließen!“
Ich nickte lächelnd. In der Tat, es war, wie ich vermutet hatte: Auch das Betreten seiner Waldkirche gestattet dieser aufgeklärte Despot von Fritzenwalde nur mit geschlossener Tabakspfeife. Ja, ja! So sind die Philister-Freigeister! Für sich nehmen sie die Zollfreiheit der Gedanken in Anspruch — sie gereicht ihrer religiösen Gleichgültigkeit zum Lotterbett. Aber die Freigeisterei soll beileibe nicht ins Volk getragen werden!
„Na also! Und nun wollen wir darüber unser Protokollchen aufnehmen, hä? Sie machen keinen Hehl daraus, daß Sie Atheist sind — mündlich haben Sie das ja auch schon zugegeben, hä?“ — Nun wurde mir die Geschichte doch zu bunt, und ich trumpfte auf: „Na hören Sie mal! Zugegeben? Wer hat hier was zugegeben? Sie, Herr Rat, haben zugegeben!“ Er starrte mich betroffen an: „Na, da hört doch alles auf! Ich soll Sie hier vernehmen als Ihr amtlich Vorgesetzter, — und Sie versuchen, den Spieß umzukehren? Bin ich etwa hier der Atheist, oder sind Sie es, hä?“
„Atheist? Ah, ich verstehe! Das ist des Pudels Kern! Um dies Thema also dreht sich die Vernehmung!“ Er wehrte ab und suchte mildere Saiten anzuschlagen: „Aber verehrter Herr Doktor! Veruneinigen wir uns doch nicht! Wie können Sie denn sagen, ich hätte hier was zugegeben. Auf meinen Standpunkt kommt es doch gar nicht an.“
„Sie selber haben ihn geltend gemacht.“
„Na ja doch!“ begütigte er. „Aber das war unter uns gesagt — rein menschlich! Lassen wir das doch beiseite! Amtlich bin ich hier nur der Vernehmende. Und zu meiner Amtspflicht gehört das Protokoll — ich will nur objektiv protokollieren ...“ — „Nette Objektivität!“ — „Ich kenne Sie nicht wieder, Herr Doktor! Sie sind sonst ein freimütiger Bekenner! Daß Sie Atheist sind, na das ist doch einfach notorisch!“
„Wenn’s notorisch ist, was soll dann noch Vernehmung und Protokoll?“ — „Über die Vernehmung habe ich dem Provinzial-Schulkollegium zu berichten!“ — „Berichten Sie immerzu! Aber wenn Sie protokollieren wollen, hier sei irgend etwas eingestanden worden, wie Sie sich ausdrücken — als wären Sie hier Untersuchungsrichter — und ich Angeklagter — so vergessen Sie wenigstens nicht, wer hier eingestanden hat!“
„Eingestanden?“ Hegel wurde blaß. „Ich doch etwa nicht?“ — „Wer denn sonst? Haben Sie nicht gesagt, auch Sie seien im Grunde Ihres Herzens Freigeist? Ihre Kirche sei der Wald? Und schließlich noch, Auferstehung des Fleisches und so weiter seien Ammenmärchen? Wissen Sie, wenn ich hier so etwas gesagt hätte, mir wäre man mit Paragraph 166 gekommen!“ Das war kein Igel mehr, das war eine sich bäumende, zischelnde Viper. Er war aufgesprungen und machte heftige Armbewegungen. Es war die Wut der Angst. Doch er kämpfte sie nieder, ließ sich geknickt in seinen Sessel fallen und raunte heiser: „Sie werden mich doch nicht denunzieren wollen?“ — „Denunzieren? Dummes Zeug! Ich denunziere nicht! Aber Sie, Sie möchten den Herren da oben helfen, mich zu verketzern.“
Ächzend wiegte der Swinegel seine Perücke hin und her: „Mein Gott ja! Das ist nun so ein stellvertretender Amtsvorsteher! Da bilden sich die mißgünstigen Herren vom Gemeinderat ein, ich lebe hier wie der große Friedrich in Sanssouci, mein Amt sei eine Sinecure. Hat sich was mit Sinecure! Die Verhältnisse hier werden immer komplizierter! Wenn ich aber eines Tages die Karre hinschmeiße — naturgemäß, wofern das so weiter geht — so werden die Herren vom Gemeinderat noch einsehen, wen sie verloren haben. Von denen ist keiner den hiesigen Anforderungen gewachsen! Ein gewisser Herr Blechschmidt, vulgo Klempnermeister, erst gar nicht! Mein Nachfolger müßte schon ein studierter Jurist sein. Ob sie den aber kriegen? Allenfalls einen durchgefallenen Referendar! Aber der schon wird andere Ansprüche machen als ich! Und das werdet Ihr Steuerzahler merken, naturgemäß — na wartet man!“
„Nun muß ich aber ernstlich ersuchen: zur Sache, Herr Amtsvorsteher! Was hat denn mein Fall mit Ihrer Abdankung zu tun? Wenn Ihnen das Amt verleidet ist, so legen Sie’s doch einfach nieder!“ — „Ach, ich denke ja gar nicht daran, niederzulegen, freiwillig nicht! Aber gewisse Leute lauern drauf, daß ich mir einen Schwupper zuschulden kommen lasse.“ — „Na, ich gehöre nicht zu denen — von mir aus bleiben Sie ungeschoren — keine Sorge, kein Lamento! Zur Sache endlich! Bitte, teilen Sie mir ohne Umschweife mit, worüber Sie mich vernehmen sollen! Will das Provinzial-Schulkollegium in der Tat wissen, ob ich Atheist bin? Kaum glaublich!“
„Ja — in der Tat!“ sagte der Igel erleichtert. „Darauf kommt es an. Und nun bitte, äußern Sie sich!“ — „So mag die Behörde doch einfach meine Schriften lesen — oder zu mir in meine Vorträge kommen! Und wenn Sie mich schon für einen notorischen Atheisten hält, na gut — wozu dann noch die Umstände? Atheist! Solch ein Schlagwort paßt mir überhaupt nicht, ist ja rein negativ und inhaltlos!“ Kleinlaut bemerkte mein Gegenüber: „Ich werde also schreiben, daß Sie zur Kennzeichnung Ihres Standpunktes auf Ihre Schriften verweisen, hä?“
Ich murrte weiter: „Amt Friedrichshagen ist doch kein Inquisitionsamt! Und was versteht ein Amtsvorsteher überhaupt von Theologie? Ebensowenig wie von Biologie!“ Der Igel keuchte, als ob ihn ein Schlaganfall bedrohe, und brauchte eine Weile, um sich halbwegs zu fassen. Dann ergriff er mit zittriger Hand die Feder und kritzelte die Worte, die er mir vorlas: „Der Vorgeladene verweigert die Aussage.“ — „Na wissen Sie,“ erwiderte ich, „dies Ergebnis hätten Sie rascher erzielen können — und gemütlicher!“
Er sah mir tückisch ins Gesicht, reichte mir die eingetunkte Feder und wies die Stelle, wo ich unterschreiben sollte. Ich lehnte ab: „Bilden Sie sich etwa ein, daß ich etwas Unrichtiges unterschreiben soll?“ — „Aber Sie verweigern doch die Aussage!“ — „Umgekehrt, Herr Rat! Sie verweigern die Aussage! Ich frage ja in einem fort: Was will eigentlich das Provinzial-Schulkollegium? Sie aber weichen einer deutlichen Antwort aus. Ich kann doch nicht glauben, daß diese Behörde Ihrer Mitwirkung bedarf, um meinen Atheismus festzustellen! Die Sache hängt offenbar anders zusammen. Das Schreiben des Provinzial-Schulkollegiums wird ja meine religiösen Meinungen berühren — ich glaubs schon. Es kann aber unmöglich anordnen, daß Sie mich darüber vernehmen sollen. Machen wir die Probe, Herr Amtsvorsteher! Lassen Sie mich das Schreiben einfach lesen! Sie wollen nicht? Das ist bezeichnend, da haben wir’s! Die Untersuchung über meinen Atheismus — das ist eine Aufgabe, die Sie selber sich gestellt haben. Aus Anlaß einer Anfrage des Provinzial-Schulkollegiums. Sie möchten sich hervortun, möchten bald definitiv Amtsvorsteher sein ... Albernes Zeug! Ich gebe mich nicht her für solche Manöver!“
Da ich mich erhob, um zu gehen, klappte Hegel die Akten zusammen und schmiß sie wütend hin. In Kassandras hohlem Tone sprach er, warnend die Hand erhoben: „Passen Sie auf, Herr Doktor! Das Provinzial-Schulkollegium ist Ihre vorgesetzte Behörde — die wird Ihnen den Brotkorb höher hängen!“ —
Als ich das amtliche Haus verlassen hatte und das Vorgärtchen durchschritt, wurde mein Auge gefesselt durch die „zur Zier“ zwischen Rosen aufgestellte Spiegelkugel. Betroffen sah ich hier mein Spiegelbild ins Groteske verzerrt — ich war kurz und breit, die Backen waren wie Buttertonnen, ich sah wie ein Nilpferd aus. Hm! Auf die Art des Sehens kommt alles an, und die ist oft putzig verschieden. Was ist Schein, was ist Sein? — Spöttisch klang es mir in den Ohren: „Und es schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Ei ja, Ihr Persönlichkeits-Karikaturen! Es paßt Euch in den Kram, die eigene Kläglichkeit zu beschönigen durch den Hinweis auf das schöpferische Urbild.
Dann fiel mir das Goethewort ein:
„Wie einer ist, so ist sein Gott.
Darum ward Gott so oft zum Spott.“
Ich dachte auch an die Geschichte vom Swinegel un sine Fru, die am andern Ende der Ackerfurche duckmäuserisch saß, ihm zum Verwechseln ähnlich. Ei natürlich! Ist der Mensch ein Swinegel, so hockt drüben im Jenseits sein Konterfei und echot herüber: „Ick bün all hier!“
In solcher Zwickmühle könnte fürwahr dem stolzen Fortschrittshasen die Puste ausgehn. Es ist nur gut, daß er vom Buxtehuder Hasen lediglich die flotten Beine hat, nicht den Dummkopf. Na und so geht’s halt doch vorwärts, oft freilich auf Hasenfüßen. Schließlich haben die Swinegel jeglicher Sorte nur noch die eine Bedeutung, daß man über sie lacht — und das ist der Humor davon.
Damit dieser Humor nicht zu bitter werde, führt der Chronist aus seinem Tagebuch von damals folgende Notiz an: Mein Spiegelbild in der Glaskugel hat mich milde gestimmt, fast demütig ... Sind wir Menschlein nicht alle Zerrbilder? Mit irdischen Augen gesehn, kommen wir einander recht zoologisch vor. Ich bin für das Provinzial-Schulkollegium ein gefährlicher Wauwau. Und der Amtsvorsteher deucht mir ein Igel. — Mag er doch! Mag der Duckmäuser schleichen! Es ist seine Natur!
Übrigens leitet ihn jener Diensteifer, der im Staatsleben, zumal in Preußen, grassiert: Es gibt Beamtenseelen, zur Unterordnung unter Vorgesetzte in einer Weise hergerichtet, daß sie die Vorschrift von oben schlechthin für höchste Pflicht halten und daneben kein eigenes Gewissen spüren. Man soll sie nicht gleich verdammen, weil ihnen Überzeugung und freie Selbstbestimmung verdächtig fremd vorkommen. Die Schnecke kann nicht dafür, daß ihr auf dem Rücken ein Gehäuse festgewachsen ist. Sie kann sich nicht vorstellen, wie man ohne solchen Käfig lebt. Putziger Igel! Erhaben dünkst du dich über die Sünder wider den heiligen Amtsgeist — brächtest sie gern hinter Schloß und Riegel. Und ahnst nicht, daß du selber in einem Gefängnis steckst: in der Enge deines Banausentums.
Der innere Feind
Seltsames Summen, melodisch: eine Glocke. Hallt sie aus der Wassertiefe? Liegt im See ein Kloster versunken? Von Rahnsdorf her kommt das Geläute, sanft gleitend über den Wasserspiegel. Vielleicht tragen sie drüben einen Toten zu Grabe — oder sie hochzeiten ...
Rahnsdorf, trautes Wassernest! Im Geiste seh ich deine niedrigen Häuschen ums alte Kirchlein. Buchsbaumgärtchen mit Wacholder und Flieder, an den Fenstern der Wohnstübchen rote Geranienblüten. Rohrgedeckte Ställe und Gerümpel. Ziegen auf einem Rasenfleck. Misthaufen mit scharrenden Hühnern. Bunte Enten auf der strömenden Spree. Die alte Kneipe am Wasser, wo gern die Ruderer einkehren. Tische mit Weißbiernäpfen. Dorfjungen angeln bei bunt bemalten Kähnen. Über Stangen sind Fischernetze gebreitet. Eine Zille streift vorüber, schön wölbt sich das Segel, die Schiffersfrau steuert, neben sich einen kläffenden Spitz. Über die Sumpfwiesen, die weithin das Dorf umlagern, weben sich Dünste. Wie Hexen kauern knorrige, struppige Weiden. In den Schilfwildnissen unermüdlich schwatzende Rohrsperlinge. Aus dunklen Binsen gleitet ein weißer Schwan.
So ungefähr hatte ich einem Gaste, der mit mir spazieren ging, Rahnsdorf geschildert, es aus der Ferne betrachtend, vom Forsthaus Müggelsee. Hier bietet sich ein besonders hübscher Blick auf das Dörfchen. Man sieht allerdings kaum mehr als den Kirchturm hinter dem Röhrichtgürtel des Seeufers hervorlugen. Doch gerade dies Ferne, Verhüllte hat einen eigenen Reiz: Rührend unschuldig sieht das Dorf aus, — und ich fühlte es meinem Gaste nach, wie er, ein passionierter Schwärmer und Seelsorger, ehemals Pfarrer in der Schweiz, die Arme breitete und trunkenen Blickes meinte: „Da möcht ich Pfarrer sein!“ Mit seinem Pathos sprachs der Hüne, andächtig den Kalabreser vom Lockenhaupt gezogen. Bühnenhaft klängen seine Worte, wären sie nicht aus einer echten Schwyzerkehle gekommen.
„Kein übler Wunsch,“ gab ich zur Antwort, „und doch muß ich lächeln. Sie Sohn der himmelstürmenden Alpen möchten hier Pfarrer sein? In der norddeutschen Ebene, in einem Sumpfneste der Mark? Die Rahnsdorfer Mücken haben Sie noch nicht genossen — und das saure Weißbier — und die rasseechten Söhne der alten wendischen Wasserräuber.“ — „Halloh! Was haben Ihnen die urwüchsigen Rahnsdorfer getan?“
„Mir nicht das mindeste. Ich lache über die Geschichte. Aber mein Freund Bartels hat nicht gelacht, als sie ihm passiert ist.“ — „Erzählen Sie!“
„Bartels, ein passionierter Ruderer, schlägt auf der stürmischen Müggel um, nicht weit von Rahnsdorf. Da er sich bei dem Wellengange in Kleidern nicht auf Schwimmen verlassen mag, kriecht er auf das kieloben treibende Boot — da sitzt er rittlings, pudelnaß im Novemberwetter, bebbert und ruft um Hilfe. Am Ufer stehn Rahnsdorfer — haben Kähne — doch die Hände in den Hosentaschen, sehen sie der Not meines Freundes zu.“ — „Wie? Ohne zu helfen? Ihr Freund wurde doch gerettet?“
„Von einem Dampfer — nicht von Ihren urwüchsigen Naturkindern.“ — „Schwefelbande!“
„So sagten auch die Leute, denen mein Freund die Geschichte erzählte. Ein paar Tage später war’s, auf der Eisenbahn — und eben hatten sich die Zuhörer entrüstet, als aus der benachbarten Wagenabteilung ein Bursche erschien, dunkelrot vor Zorn: „Sie wollen uns Rahnsdorfer schlecht machen? Na warten Se, Männeken! Ihnen werden wir det besorjen! Ick war dabei, wie Sie um Hilfe brillten. Ja woll, Herrschaften! Un wenn Se ooch schimpfen — wat wissen denn Sie! Und wir Rahnsdorfer duhn doch, wat ma wollen. Die Baliner valangen, det wir ihnen retten sollen, wenn se uff unsre Müjjel rumjondeln — un nischt von’t Jondeln vastehn! Zus Retten is unsereens jut jenuch! Un wahaftijen Jott, manche Jroßschnouze hatte schon feste Wasser jeschluckt, da hammer ihr rausjeholt! Aber nu frag ick: Wat hammer ’n davon jehatt? Nich eenen Dahler! Sehn Se, Herrschaften, so sinn die duslijen Wasserfexe aus Balin — ihre olle Jondel schmeißen se um, un wir sollen nu Retter sind — un unsre Sonntagsbuxen naß machen! Aber Drinkjeld? nich in de Hand!“ — „Gemütsmenschen!“ lachte der Altpfarrer, mit dem Finger drohend: „Jetzt erst recht: Da möcht ich Pfarrer sein!“
Und ich mit einem respektvollen Blick auf seine bärenhafte Tatze: „Den Rahnsdorfern wäre solch ein Seelsorger ja zu gönnen — aber deshalb brauchen Sie nicht gerade in jenes Rohrnest zu kriechen. Die Rahnsdorfer sind ja kein außergewöhnliches Völkchen — mit Rahnsdorfern, wie jener Bursch einer war, ist das Erdenrund bevölkert — und im deutschem Vaterlande haben wir deren sattsam: Das Drinkjeld regiert unsere frumbe Christenheit. Kein Wunder. Wird sie doch dressiert von Kindesbeinen an, einen Platz zu ergattern an der himmlischen Freudentafel.“ — Mit einem ernsten Blicke nickte der Altpfarrer: „Sonder Zwyfel! Und als junger Theolog hab ich selber dieser Lohnsucht Vorschub geleistet — meine Konfirmanden haben an den himmlischen Papa geglaubt, der in einer Hand die Zuckerdüte, in der andern die höllische Rute hält. Wenn ich persönlich auch anders dachte, so war ich doch befangen vom Geschwätz der Amtsbrüder. Die Religion Goethes, hieß es, sei bloß für die Gebildeten, das gemeine Volk bedürfe eines gröberen Glaubens, um in Zucht zu bleiben. Was diesen Christen fehlt, ist der Glaube an den Menschensohn, will sagen an die Menschenwürde. Man glaubt, nur einen göttlichen Menschen habe es gegeben, damit basta! Drum betrachtet die herrische Richtung — in der Religion wie in der Politik — das Volk als armselige Proles. Das Volk wiederum glaubt auch zu wenig an Menschenwürde. Ließe sich sonst nicht so viel gefallen. Jetzt wieder die Zustände in eurem Preußen! Dies Ministerium mit seinem Volksschulgesetzentwurf! Den Pfaffen möcht es die Jugend, unsere Zukunft, ausliefern. Sie wissen doch, Kollege Wille, daß dies politische Ereignis mich nach Berlin gezogen und mit Ihnen bekannt gemacht hat? Ich will die Bewegung studieren, durch die sich das preußische Volk gegen die einbrechende Reaktion wehrt. Nächsten Mittwoch besuch ich Ihren freireligiösen Jugendunterricht in der Rosenthalerstraße, gelt?“
„Die Kinder sind bereits gespannt auf Sie. Um so mehr, als uns vor drei Wochen eine wunderliche Geschichte passiert ist. Sie kennzeichnet die preußischen Zustände — geht übrigens auch Sie persönlich an. Sie haben nämlich einen Doppelgänger in Berlin. Er war neulich im freireligiösen Unterricht und ist für Sie gehalten worden. Vor drei Wochen bereits hatten Sie sich brieflich bei mir angemeldet — Sie erinnern sich ...“ — „Ja, mir kam damals was dazwischen, meine Fahrt nach Berlin verzögerte sich.“ — „Jedenfalls erwartete ich Sie schon damals und hatte meinen freireligiösen Zöglingen bei Beginn des Unterrichts gesagt: Heute kriegen wir Besuch, Herr Pfarrer Konrad kommt aus der Schweiz, um zu hören, was Ihr gelernt habt. Nun macht der Gemeinde Ehre! Antwortet besonnen, wenn Ihr gefragt werdet. Sobald der Besucher eintritt, erhebt sich die ganze Klasse artig von den Plätzen. Ebenso, wenn er geht. Verstanden, Kinder? Ein kleines Mädchen lächelte und scheint eine Frage auf dem Herzen zu haben. Na, Emma? Da meinte sie: Wie sieht denn der Herr aus? Ich antwortete: Gesehen habe ich ihn selber noch nicht — bloß aus Briefen kennen wir uns. Aber er soll ein guter Mann sein, und das ist die Hauptsache. — Die Kinder waren natürlich sehr gespannt, ich merkte das an der Unachtsamkeit und dem ewigen Getuschel. Auf einmal horch, sie stutzen, draußen nähern sich Schritte der Tür, sie geht auf — und prompt erhebt sich die Klasse. Herein tritt ein großer, starker Herr, und ich denke natürlich, Sie sind das. Überdies glaubte ich bei der Begrüßung deutlich zu hören: Mein Name ist Konrad! — Die Kinder erwarten Sie schon — sage ich — und wir alle freuen uns, daß Sie gekommen sind, nicht wahr, Kinder? Einstimmiges Ja! — Ihr Doppelgänger wird verlegen. Ich biete ihm einen Stuhl — er lehnt ab. Etwas schüchtern scheint dieser Konrad zu sein! Und sieht doch so militärisch aus! — Wissen Sie, fahre ich fort, eigentlich sieht man Ihnen gar nicht den Schweizer an! — Der Mann stammelt: Woher wissen Sie, daß ich Schweizer war? — Sie waren es? Haben Sie sich naturalisieren lassen? — Immer verwirrter wird der Mann: Ich bin allerdings mal Schweizer gewesen! Haben wir uns damals vielleicht gesehen? In Pommern, auf dem Rittergute Altfinow — aber das war schon vor meiner Militärzeit. — Ei, was ist das? Schweizer auf einem pommerschen Rittergut? Das wäre ja ein Kuh-Schweizer! Birgt dieser Konrad hinter seinem hölzernen Wesen Eulenspiegelei? Oder liegt hier eine Personen-Verwechselung vor? Von vornherein kam es mir nicht recht geheuer vor, daß der Altpfarrer aus der Schweiz nach preußischem Unteroffizier aussah. Nun fällt mir noch auf, daß er Kommißstiefel trägt; an ihnen konnte man damals den Polizeispitzel erkennen. — Wie? bemerke ich argwöhnisch, sagten Sie nicht, Ihr Name wäre Konrad? — Da antwortet der Mann: Nein, Grunert! — Ah Grunert! (in der freireligiösen Gemeinde gab es ein Mitglied dieses Namens). Ach, Sie sind Herr Grunert! Und wollen wohl Ihr Kind zum Jugendunterricht anmelden? — Nun, aber raten Sie, Kollege, was der Kerl entgegnet: Ich komme vom Königlichen Polizeipräsidium! Ich soll anfragen, ob Sie einen Unterrichts-Erlaubnis-Schein haben — dann möchten Sie den auf Zimmer sechsensiebzig bringen! — Stellen Sie sich mein Staunen vor, Kollege! Ich hatte geglaubt, Sie seien es, und nun auf einmal ist es ein Polizeimensch! Und verlangt von mir einen Unterrichts-Erlaubnis-Schein! Ich wußte nicht mal, was das für’n Dings ist. Dachte zunächst an ein Universitätsdiplom und entgegnete: Wenn ich nicht die Befugnis hätte, hier zu unterrichten, würde ich es nicht tun! Sagen Sie das Ihrem Vorgesetzten! Der Polizei irgendwelche Nachweise darüber beizubringen, bin ich nicht verpflichtet. — Der Mann zuckt die Achseln, steht ein Weilchen unschlüssig — und verabschiedet sich mit den Worten: Also nich wahr, Ihren Erlaubnisschein! Präsidium Zimmer sechsensiebzig! — Die Verlegenheit des Mannes trat besonders hervor, als bei seinem Hinausgehen die Kinder sich abermals von den Plätzen erhoben.“
„Haha! Dieser Doppelgänger ist nicht schmeichelhaft für mich; doch besteht seine ganze Ähnlichkeit mit mir darin, daß er dort erschien, wo ich erwartet wurde. Schweizer — nun ja, das war er auch; aber Schweizer von der Art dieses abgehalfterten Kuhschweizers, der nun auf den Pfaden der Reaktion den inneren Feind beschleicht, spielen in meinem Vaterlande keine Rolle. Bei euch, ihr Preußen mit eurer stolzen Schneidigkeit, mengt sich die Polizei in alles — der Kasernengeist dringt in die Religion.“ — „Widersprechen kann ich leider kaum; doch, mein biederer Eidgenosse, Kantönlifreiheit ist auch nicht das Höchste.“
Lächelnd setzte der Altpfarrer seinen antipreußischen Gedankengang fort: „Wissen Sie, wer der innere Feind ist? Ein Berliner Leutnant hat in der Instruktionsstunde seine Rekruten pflichtschuldigst vor dem inneren Feind gewarnt. Die ausgebildeten Soldaten sollen dem Regimentskommandeur vorgestellt werden, und der Leutnant will ein Paradestückli vorbringen. Wie teilt man den Feind ein? fragt er, und die Antwort erfolgt prompt: In den äußeren Feind und den inneren Feind! — Schön! sagt der Oberst. Aber Kinder, wißt ihr denn auch, wer das ist, der äußere Feind? — Das ist der Russ’! — Na meinetwegen, sagt der Oberst, der könnt’ es ja mal sein! Aber nun die Hauptsache: Wer ist der innere Feind? Das wißt ihr nicht? Na, ich werde euch darauf bringen: Der innere Feind muß einer sein, der in Deutschland wohnt. — Eisiges Schweigen, alle Lippen wie verrammelt. Ein Kerl schaut unternehmend drein, ein Pfälzer oder Wackes oder so einer aus der Gegend da. Nun, mein Sohn? — Der politische Rekrut antwortet zuversichtlich: Der innere Feind, das ist der Preuß!“
„In gewissem Sinne stimmt das, Kollege Konrad! Nur steckt diese Art Preußentum auch in anderen Ländern. Jeder Mensch hat was davon in sich; es ist der Kasernengeist, die Sucht, zu kommandieren, zu reglementieren. Besonders heillos ist der innere Feind auf religiösem Gebiete, wo doch alles auf Freiwilligkeit ankommt, auf Entfaltung der Menschlichkeit. Der wahre Kulturkampf muß im Innern ausgefochten werden. Da, Kultursoldat, ist dein Posten, da exerziere und ringe, da sei dein Siegesfeld! Siegen wirst du nur, wenn du glaubst an den freien Menschensohn in dir, wenn du aufhörst kleinmütig zu sein; sonst geht aller Fortschritt den duckmäuserischen Schneckengang. Sehen wir doch die Militärsoldaten an, die auf den Feind dressiert sind. Im Kriege mordet das einander, ohne daß einer dem andern vorher was getan hat. Dabei gibt alle Welt zu, friedliche Verständigung wäre wahre Kultur. Nun also, warum erfolgt denn keine Verständigung? Weil man sich nicht getraut, dem bessern Selbst zu folgen. Ich muß schießen, denkt der Soldat — sonst werde ich totgeschossen. Ja, wenn die anderen zur Besinnung kämen, wenn sie, mir voran, zur Friedfertigkeit übergingen! Aber man kann sich nicht auf die anderen verlassen. — Glaub’s schon! Doch warum kann man das nicht? Weil man sie hinter demselben Strauche sucht, wo man selber gesessen. An ihre Kraft zum bessern Selbst glaubt man einfach deshalb nicht, weil man nicht an die eigne glaubt. Wer sich selber nicht ernst nimmt, wie kann der andere ernst nehmen! Der kleinmütige Philister hört auf die Stimme der Wahrheit nicht anders, als ob da ein Pastor schöne Redensarten drechsele. Die Gemeinde findet die Predigt wieder mal sehr schön — man ist aber schließlich froh, wenn man die Erbauung wie den Sonntagsrock ausziehen kann, um dann gemütlich in Hemdsärmeln zu sitzen. Und also, lieber Kollege von der freien Andacht, worauf es ankommt: man muß den Philister abstreifen, diesen Angstmeier und Krämer, diesen ungläubigen Thomas, der nicht vertraut seinem Heiland Menschenwürde!“
Brotkorb und Maulkorb
Den Brotkorb höher hängen!“ Niederträchtig echote durch meinen Sinn dies Swinegelwort. Aus der Angabe, ich sei Sprecher der Freireligiösen Gemeinde, mochte er sich die Vorstellung gebildet haben, ich sei so was wie ein geistlicher Hirt mit einer Pfründe — oder wie ein Prolet des Lehramts — werde also hündisch den Maulkorb hinnehmen, sobald eine strenge Behörde den Brotkorb zu entfernen drohe.
Brotkorb! Das Gehältchen, das die Freireligiöse Gemeinde aus den Beiträgen ihrer Anhänger zusammenbrachte, sorgte in der Tat für meinen Brotkorb — und zwar so reichlich, daß die ganze Familie, selbst unter dem Beistande aller Freunde und Gäste, nicht imstande gewesen wäre, all das freireligiöse Brot zu vertilgen. Aber der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern hat gern noch etwas Butter dazu, Fleisch, Gemüse, Obst. Übrigens muß er Miete bezahlen, Schneider- und Schuster-Rechnungen. Genug, eine Schmälerung des Einkommens hätte mir das Gesicht allerdings etwas ins Säuerliche verzogen, das ist menschlich. Damals, als neugebackener Ehemann, hatte ich noch keine Rücklage zusammengehamstert und glaubte mich abgefunden zu haben mit der humorigen Lebensweisheit:
Wer nix erheirat’ und nix ererbt,
Der bleibt ’n arm’s Luder, bis er sterbt.
Immerhin muß ich als gewissenhafter Chronist bekennen, daß der freireligiöse Sprecher außer seinem Sprechorgan noch Feder und Tinte besaß, und daß dies Handwerkszeug allenfalls langte für Butter und Braten, sogar für eine Flasche Wein zu festlicher Gelegenheit.
Bekennen muß ich ferner, daß die Andeutung, ich hätte „nix erheirat’“ einer bedeutungsvollen Einschränkung bedarf. Ich mache sie ausdrücklich geltend — nicht etwa bloß um die Gefühle meiner Frau zu schonen, die mir wiederholt unter die Nase rieb: „Die Frau Deines Freundes Bartels hat bei ihrer Hochzeit nichts gehabt als ein Kopfkissen und ein Sektglas — wenn man das altväterliche Spitzglas, das überdies einen Sprung hatte, überhaupt so bezeichnen will — Deine Frau aber hat außer prächtigen Betten und Tafelgeschirren allen möglichen Hausrat in die Ehe gebracht, so daß wir bei der Wohnungseinrichtung fast gar keine Kosten hatten.“ — Das stimmt! und ist eine Sache von solcher Wichtigkeit, daß sie diese Chronik erst möglich gemacht hat. Wäre unser damaliger Hausrat nicht in die Ehe gebracht worden von meiner — auch in dieser Hinsicht — besseren Hälfte, so wäre mein kurios lehrreiches Gefängnis zum Preußischen Adler gar nicht zustande gekommen. Wieso? Das wird sich bald deutlich enthüllen.
Der Brotkorb ist insofern ein Ausgangspunkt der Geschichte, als ich längere Zeit nach meiner Vernehmung durch den Amtsvorsteher — im traurigen Monat November war’s — ein Schreiben bekam, das schon äußerlich anzeigte, nun erfülle sich des Igels Kassandrawort. Auf dem blauen Papiersiegel sah man den stolzen Adler Preußens nebst der Umschrift: Königliches Provinzial-Schulkollegium Berlin. Der Amtsbrief, bis auf den wirr gekritzelten Namenszug des Dezernenten von musterhafter Handschrift und echtem Lumpenpapier, verfügte klipp und klar, es sei mir hinfüro verboten, die freireligiösen Kinder zu unterrichten. Ein konzessionspflichtiger Unterricht sei meine freireligiöse Jugendunterweisung. Um etwaigen Flausen meinerseits zuvor zu kommen, wurde mir schlechtweg „jede derartige Tätigkeit“ bei Strafe verboten und „für jeden Übertretungsfall eine Exekutivstrafe von hundert Mark, im Unvermögensfalle zehn Tagen Haft“ angedroht. Ich fragte natürlich: Oho, wieso? mit welchem Recht? — Es fehlte in der Verfügung ein Hinweis auf Gesetzesparagraphen, es war einfach geltend gemacht, ich habe nicht „die erforderliche Konzession zu unterrichtlicher Tätigkeit“. — Konzession? Bei Hinstarren auf dies Wort machte ich, nach Aussage meiner Frau, jedesmal ein ratlos steinernes Gesicht. Was für eine Konzession vermißte man an mir? Ich hatte wohl von einer Schankkonzession gehört. Doch was ging die mich an! Ich war ja kein Budiker! Oder hielt man die freireligiösen Ideen für Destillenschnäpse?
Was tun? Natürlich mußte ich mich mit meinen Gesinnungsfreunden beraten. Schickte also die Verfügung an den Vorsitzenden der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin und wurde sofort zu einer Vorstands-Sitzung geladen. Diese fand in einem Nebenraume unseres Versammlungssaals statt, den wir von einem Gastwirt der Rosenthalerstraße gemietet hatten. Da sah ich unsere erwählten Führer um den Wirtshaustisch sitzen und noch ein paar Rechtsanwälte, die man bei der Wichtigkeit des Falles hinzugezogen hatte. Der ehemalige Apotheker Friederici — ein Mann von seltener Hingabe und Pflichttreue, der bis zu seinem Tode, drei Jahrzehnte hindurch, die Gemeinde geführt hat — leitete die Beratung, und was er vorbrachte, fand Beifall bei den grauköpfigen wie bei den heißspornigen Matadoren.
Als unser Bollwerk betrachteten wir das allgemeine Gesetz und Recht. Natürlich versagte das vielgepriesene Deutsche Reich, wie so oft, auch hier gegenüber dem Sonderwillen Preußens. Doch selbst in diesem klassischen Lande der Bürokratie hatte die Verfassung nicht umhin gekonnt, in ihrem Artikel zwölf die Freiheit der Religionsübung zu gewährleisten, und schon das Allgemeine Landrecht hatte als Befugnis der geduldeten Religionsgesellschaften „die Ausübung der ihren Religionsgrundsätzen gemäßen Gebräuche“ bezeichnet. Zu den geduldeten Religionsgesellschaften aber gehörte die Freireligiöse Gemeinde — zu deren Gebräuchen die freireligiöse „Jugendfeier“ oder Konfirmation, sowie die unentbehrliche Vorbereitung darauf in Form eines Konfirmandenunterrichts. Diese freireligiöse Tätigkeit war seit dem Bestehen der Gemeinde unbeanstandet von ihren Sprechern ausgeübt worden, unter den Augen der Regierung, die doch stets mißgünstig blickten — ohne daß man in dem Zeitraum von einem halben Jahrhundert eine besondere Konzession von den freireligiösen Sprechern gefordert hatte. Und nun auf einmal — —!
„Was heißt denn Unterrichts-Konzession?“ brauste ich auf. „Genügt nicht meine Universitätsbildung? mein Studium der Theologie und der Philosophie? Genügt nicht mein Doktordiplom, um zu beglaubigen, daß ich fähig bin, die Jugend einzuführen in den Anschauungskreis der Freireligiösen Gemeinde? Und wenn ich der Aufforderung jenes Polizeibeamten, den ich für den Schwyzer Pfarrer Konrad gehalten, entsprechen und auf dem Polizeipräsidium einen Unterrichts-Erlaubnisschein nachsuchen würde, was wäre die Folge? Spöttisch würde man mir eröffnen, daß ich keinen Erlaubnis-Schein kriege — und würde dann auch noch geltend machen: Durch Ihr Gesuch haben Sie selber zugegeben, daß Sie einer besonderen Erlaubnis bedürfen! — Was tun? Eine Konzession nachsuchen? Lieber nicht! — Nachgeben? Auf keinen Fall! Mit unsrer Jugendunterweisung würde man dem freireligiösen Baume die Wurzelfäden nehmen, er müßte verdorren!“ — Düster nickten alle Führerköpfe, dann schlug auf den Beratungstisch eine geballte Faust: „Trotzen! Weiter unterrichten! Es bis zum Äußersten kommen lassen! Zum Schutze aber das Gericht anrufen!“ — „O freilich!“ rief ich entschlossen — „an mir soll’s nicht fehlen! Ich unterrichte ruhig weiter! Bleibt dem Provinzial-Schulkollegium nichts übrig, als mich einsperren zu lassen.“
„Von wem denn aber? möcht ich wissen,“ eiferte Friederici — „kein Gericht nimmt Sie in Haft, wenn Sie nicht richterlich dazu verurteilt sind.“ — „Um so besser! So mag die Schulbehörde nach Belieben drohen — und mag Strafen verhängen, so viel sie Lust hat — was tut’s, wenn sich kein Vollstrecker findet, kein Gerichtsvollzieher ... Übrigens, der soll nur kommen! Mit leeren Händen muß er wieder abziehn!“ — „Wieso das?“ — „Weil er nichts finden wird, was mein ist! Das Mobiliar ist von meiner Frau in die Ehe gebracht, und da wir nach märkischem Rechte geheiratet haben, besteht keine Gütergemeinschaft.“
Während die anderen pfiffig Beifall lächelten, meinte Friederici in seiner polternden Weise: „Ach was, Gerichtsvollzieher! Unsinn! Der hat in Ihrem Falle gar nichts zu schaffen — es liegt ja kein Richterspruch gegen Sie vor!“ — „Gut also! Es wird weiter unterrichtet! Festhalten! Immer fest!“ Aufgeregt erhob man sich von den Plätzen, in ein freies Durcheinander war die Beratung aufgelöst.
Und dann saß ich in der polternden Eisenbahn. Draußen auf der Wuhlheide lag dunstig die Novembernacht. Im Finstern lauerte und tappte etwas Unheimliches: Eine Tatze, die mir mit einem Maulkorbe zum Munde fahren wollte. Aber warte nur, täppisches Ungeheuer, — ob dir nicht Löweneckerchen entwischt und spöttisch eins pfeift!
Steht Wahrheit bei
Und rühmt sie frei,
Laßt euch das Maul nicht binden!
Es hang ihr an
Jedweder Mann,
Und keiner bleib dahinten!
Daß diese Trutzweise in der rohen Zeit des dreißigjährigen Krieges erschallen konnte, verdient allen Respekt. Im neunzehnten Jahrhundert kam eine andere Losung auf — in der Residenz Preußens sang man:
Wer die Wahrheit kennet und saget sie frei,
Der kommt zu Berlin in die Hausvogtei!
Milderung des Sittenklimas
Als jemand den wohltätigen Einfluß der christlichen Mission auf die Wilden pries, wandte ein Zweifler ein: „Fressen sie denn keine Menschen mehr?“ — „Das freilich noch immer, aber schon mit Messer und Gabel.“
In der Tat, mit der Zivilisation ist es vorwärts gegangen — nur darf man fragen: in welcher Hinsicht vorwärts? Nach der Meinung eines Geschichtsphilosophen beschränken sich die Fortschritte auf das intellektuelle Gebiet, während die Sittlichkeit seit Jahrhunderten kaum besser geworden sei. Was mich betrifft, so bin ich versucht, die These umzukehren und — wenigstens als Chronist gut preußischer Verhältnisse — zu bezeugen, daß in unserm braven Staate die Sitten angenehmer geworden sind, während die Geistreichigkeit noch viel zu wünschen übrig läßt.
Was ich meine, zeigt das Beispiel der Ketzergerichte — wenn wir die einstigen vergleichen mit denen von jetzt. Anno eintausendsechshundert wurde auf dem Blumenmarkte zu Rom der freie Denker Giordano Bruno bei lebendigem Leibe geröstet. Der versammelten Christenheit sollte erbaulich zu Gemüte geführt werden, wie es schon auf Erden und vollends im Jenseits einem Ungläubigen ergehe. Die Ketzergerichte von heute zeigen einen entschiedenen Fortschritt — das moderne Sittenklima ist nicht mehr so hitzig wie zur Zeit der Scheiterhaufen. Wenigstens muß ich dem Strafgericht, das ich in Friedrichshagen erlebte, geradezu liebenswürdige Formen nachrühmen.
Nicht brachen in der Kastanienallee nachts gewappnete Schergen ein, mich jäh in Ketten zu werfen, wie weiland den Giordano Bruno — sondern es klingelte bescheiden, dann erschien grüßend ein wehrloser Uniformbeamter, dem eine Brieftasche umgeschnallt war. Er zückte kein Schwert, bloß ein unschuldiges Papier, und höflich bat er mich, durch einen Zug seines Tintenstiftes den Empfang zu bescheinigen.
Nachdem ich den harmlosen Wunsch erfüllt, besah ich mir das Schreiben. Wie ein blaues Auge blickte das bekannte Siegel: der Adler mit der Umschrift „Königliches Provinzial-Schulkollegium“. Ein sanfter Vorwurf sprach daraus, und schon schlug mir das Gewissen. Oh freilich, ich hatte die Schulbehörde, hatte den hohen Minister der Unterrichts-, geistlichen und Medizinal-Angelegenheiten durch bockenden Ungehorsam gekränkt. Freireligiösen Unterricht hatte ich erteilt, wohl mindestens ein dutzendmal. Kein Wunder, daß nun die Vergeltung anhub. In der Tat, da stand es schwarz auf weiß, in preußischer Kanzleischrift: „Nach Auskunft des Königlichen Polizeipräsidiums haben Sie in einer Reihe von Fällen Unterricht an Kinder von Mitgliedern der hiesigen Freireligiösen Gemeinde erteilt ...“ Die Einzelheiten der Verfügung sind nicht weiter bemerkenswert — bis auf die Kostenrechnung: Achtmal freireligiösen Unterricht — mehr war einstweilen nicht angekreidet — und jeder einzelne Fall kostete einhundert Mark. Summa: achthundert Mark.
Hm ja! War das nun eigentlich teuer? oder war’s billig? Da ich genau dreihundertvierunddreißig freireligiöse Zöglinge hatte, so war die Unterrichtsstunde für das einzelne Kind mit dreißig Pfennigen berechnet. Man könnte diese Einschätzung einigermaßen hoch finden und darüber erstaunt sein, daß für die preußische Obrigkeit die freireligiöse Lehre derart in die Wagschale fiel. Bedenkt man aber, daß die Unterrichtsstunde sechzig Minuten hat, und daß ich allenfalls die Fixigkeit besaß, den Kindern mindestens eine freie Idee in der Minute zu versetzen, so stellte sich nach Adam Riese der Preis für eine Idee genau auf einen halben Pfennig pro Kopf. Das war denn eine Idee allenfalls schon wert ... Beiläufig: das Volk der Dichter und Denker scheint, trotz seiner Festredner auf Kant, Schiller und Goethe, die Idee für ein unsolides Spinnefädchen oder Sonnenstäubchen zu halten. Etwas Winziges, z. B. ein paar Körnlein Zucker oder Salz, nennt man in Preußisch-Schilda eine „Idee“.
Ich überlegte, wie sich die dreißig Pfennig pro sechzig Ideen in der angenehmsten Form zusammenbringen ließen. Zum Beispiel so: Jedes Kind erhält, wenn es zur freireligiösen Stunde kommen will, von der Mutter einen Groschen in Papier eingewickelt. Der zweite Groschen wird den Zinsen des freireligiösen Gemeindevermögens entnommen, so daß hieraus jährlich eintausendfünfhundert Mark aufzubringen wären. Den dritten Groschen zahl ich selber; meine Feder wird schon so ergiebig sein, daß ich mir den Luxus gestatten kann, freireligiösen Unterricht zu erteilen.
Aber wo bin ich Träumer? Habe ich das Geld etwa schon in der Tasche? Achthundert Mark verlangt die Behörde, und eine kurze Frist ist mir gestellt. Hm ja! Doch was geht mich überhaupt die Frist an! Und wozu die Träumerei vom Zahlungsmodus! Bin ich denn nicht entschlossen, unter keinen Umständen zu berappen? Na also! Und was dann? Ein Blick ins Schreiben der Behörde bestätigte, was dann zu gewärtigen: „Im Unvermögensfalle“, wenn also das Geld von mir nicht einzutreiben ist, soll für je hundert Mark eine Haftstrafe von zehn Tagen eintreten. Das wären achtzig Tage hinter Schloß und Riegel — zunächst mal! Und wenn ich fortfahre, zu sündigen, brumme ich mir mit jedem Einzelfalle weitere zehn Tage auf. Das gemahnt nun wirklich ein wenig an den alten Inquisitionskerker.
Aber nicht doch! Der Fortschritt in den Sitten ist unverkennbar: Wie human gestaltet sich die Haft eines modernen Ketzers! Was mich betrifft, so muß mir erstens Selbstbeschäftigung vergönnt sein, zweitens ein gewisses Maß von Spazierengehen, drittens Besuchempfangen — und so weiter. Kurz, ich werde ein beneidenswert geregeltes Leben führen, kann ohne Störung nach Herzenslust sinnieren, lesen und schreiben — und das alles auf Staatskosten! Muß man mir doch freie Station und Kost gewähren, Heizung, Bedienung, unter Umständen sogar ärztliche Behandlung.
Als Sokrates angeklagt war, die Jugend zum Unglauben verführt zu haben, meinte er in seiner Verteidigungsrede naiv, eigentlich verdiene er, öffentlich im Rathause gespeist zu werden. Sollte der stolze Traum dieses Ketzers von Athen nunmehr zu Fritzenwalde in Erfüllung gehn? Ei ja! Und da zweifelt jemand am Fortschritt der Sitten? Solch eine Haftstrafe bedeutet geradezu eine Sinekure, ähnlich dem behaglichen Dasein in einem wohltätigen Altersheim. Wunderschön wird in der stillen Zelle meine Schriftstellerei vonstatten gehn.
Was den freireligiösen Unterricht betrifft, so kann ich ihn ja während der Pausen meiner Haft erteilen — und dabei mein Leben in beneidenswert idealer Weise gestalten. Etwa folgendermaßen: zunächst zehn Tage Haft, besser gesagt: Stiftler-Dasein. Dann geht’s auf vier Tage in die Welt — den ersten widme ich dem freireligiösen Unterricht; ferner habe ich drei Tage Ferien, kann mich meiner Frau widmen, kann die holden Einsamkeiten der Mark belauschen oder den Rucksack mal über den Kamm des Riesengebirgs schleppen. Durch den neuerteilten Unterricht habe ich für zehn weitere Tage Haft gesorgt und trete diese gern an. Nach ihrer „Verbüßung“, oder richtiger: nach ihrem Genuß, kehre ich abermals in die Welt zurück und — befolge dasselbe weise Programm. So fließen meine Tage dahin, in einem Turnus von vierzehn Tagen — ebenmäßig wie der wechselnde Mond, wie Ebbe und Flut, wie die Lebensmusik der Pythagoräer.
Die olle Konservenkiste
Ein Luftschloß vom idealen Sträflingsleben zerflatterte, als die Wirklichkeit rauh dazwischenfuhr. Wirbel entstehen, wo Bewegungen widereinander prallen. Es gibt Windhosen, Wasser- und Staubhosen. Man könnte sogar von „Ideenhosen“ sprechen, wo nämlich entgegengesetzte Ideen im Ringkampfe herumwirbeln. Auf der Bühne meines Innenlebens spielte sich ein Drama ab, das meine Ideenwelt heftig mit den obrigkeitlichen Verfügungen aneinander brachte: eine Ideenhose.
Träume sind nicht immer bloß Schäume. Ein Freund von mir hat mal gesagt, das verständige Denken gehöre zur Oberfläche des Menschen, der wertvolle Kern sei „der Weise im Innern“. Heimliche Weisheit waltet manchmal in Träumen, die der Verstand für albern hält. Hier solch ein Traum.
Doch ich muß zuerst berichten, unter welchen Umständen der Traum zustande kam. Nach dem Verbot meines freireligiösen Unterrichts wollte ich herausbringen, ob man gegen mich bloß deshalb vorgegangen war, weil ich eine vorgeschriebene Form nicht erfüllt, nämlich keine Unterrichtskonzession eingeholt hatte, oder ob das Kultusministerium diesen Umstand lediglich zum Vorwand nehme, um die freireligiöse Jugendunterweisung lahm zu legen. Zur Probe sollte meine nun regelrechte Bewerbung um einen Erlaubnisschein für philosophischen Vorbereitungsunterricht dienen. Ich wollte versuchen, ob ich freireligiöse Zöglinge in die Grundbegriffe einer Welt- und Lebensanschauung einführen dürfe. Da verweigerte mir das Provinzial-Schulkollegium die Erlaubnis zum Unterricht an jugendliche Personen überhaupt. Es heißt in dem neuen Ukas: „Nach der Staatsministerial-Instruktion vom 1. Dezember 1839 genügt die wissenschaftliche Befähigung allein nicht, um die Erlaubnis zur Erteilung von Privatunterricht zu erlangen. Vielmehr sollen Personen, bei denen in religiöser oder politischer Beziehung Bedenken vorliegen, vom Lehrstande ferngehalten werden. Da Sie, wie die bisher gepflogenen Verhandlungen und der von Ihnen in der Freireligiösen Gemeinde gehaltene, später im Druck erschienene Vortrag ‚Das Leben ohne Gott‘ ergeben, das Dasein Gottes leugnen, auch in politischer Beziehung sich zu derjenigen Partei halten, welche den Umsturz alles Bestehenden anstrebt, so können Sie als eine zum Unterricht jugendlicher Personen qualifizierte Persönlichkeit nicht angesehen werden.“
„Ne dolle Kiste!“ hatte bei unserer Beratung ein Freireligiöser gesagt, derselbe, den man wegen eines Vortrages von beißendem Witz den „Zehn Gebote-Hoffmann“ nennt. „So ’ne richtije olle Konservenkiste! Na jewiß doch! Ich meine so ’ne Kiste, wo die Herren von’ jrünen Tisch ihren Aktenplunder konservieren, damit er späteren Jeschlechtern die Lungen verstaubt.“ Nun hatte unser Rechtsanwalt das Wort ergriffen: „Was hilft all diese Rebellion des Herzens, wo es doch schließlich auf juristische Begriffe ankommt — vor allem auf den Standpunkt des Verwaltungsrichters! Na, und der ist kaum zweifelhaft — in der Zeit, wo nach dem Fall des Sozialistengesetzes die Stockkonservativen krampfhafte Versuche machen, den sogenannten Umsturz auf andere Weise niederzuringen, nämlich auf administrativem Wege, der ja in Preußen gangbar ist. Die öffentliche Entrüstung fürchtet man durchaus nicht — im Gegenteil, es gibt Leute, die möchten eine Revolte herausfordern und den Säbel mal tüchtig hauen lassen.“ — „Wenn sich der hauende Säbel bloß nicht verhaut!“ hatte Hoffmann bemerkt.
Und Friederici: „Na und? Wie wird nach Ihrer Meinung der Verwaltungsrichter entscheiden?“ — „Wird sich diplomatisch aus der Klemme winden. Wird sagen, er sei hier überhaupt nicht zuständig.“ — „Aber zum Kuckuck!“ polterte Friederici — „leben wir denn in Rußland, wo sich die Regierung herausnehmen darf, mißliebige Untertanen auf administrativem Wege zu bestrafen? Ohne daß der Richter angerufen werden kann, wie? Wir haben doch eine Verfassung!“ — „Das schon,“ erwiderte der Rechtsanwalt, „aber wir haben manche Lücke in der Verfassung. Weil noch kein eigentliches Schulgesetz vorhanden, sieht der Verwaltungsrichter für seine Entscheidung keine andere Rechtsgrundlage, als eine Reihe von uralten Kabinettsordern und Verfügungen preußischer Kultusminister. Das ist eben die Lücke ...“
„Ach so!“ meinte Adolf Hoffmann, „und für diese Lücke soll nu Wille büßen! Echt preußische Auslegung des Wortes Lückenbüßer!“ —
Als ich, von der freireligiösen Sitzung heimgekehrt, im Bette lag, gingen mir diese Gespräche durch den Kopf — wie im Wirbelwind Staub und Papierfetzen herumtanzen. Ich quälte mich mit Schlaflosigkeit — gesteigert wurde meine Unruhe noch durch die Aussicht, am nächsten Vormittage einer Theaterprobe beiwohnen zu sollen. Hierzu hatte ich eigentlich keine Zeit, jedenfalls keine Sammlung. Es handelte sich um ein Stück, das in der Volksbühne, die ich gegründet hatte und als Vorsitzender leitete, zur Aufführung gelangen sollte. Lag die Regie auch in den fähigen Händen Emil Lessings, so hatten es widrige Umstände gefügt, daß ich der Generalprobe mit Bedenken entgegensah. So hatten sich auch noch Theaterwirren in die Ideenhose gemischt. Ich schloß die Augen, um den Schlaf herbeizuzwingen, hörte aber die greisenhafte Stimme eines Papageis, der dummes Zeug schwatzte. Dann sagte meine Frau: „Der dumme Vogel will durchaus mit ins Theater. Nimm ihn in deiner Hutschachtel mit!“ — „Nicht in die Hutschachtel,“ protestierte der Vogel, „in den Souffleurkasten will Papchen.“ Die Worte genügten, um auf einmal die Szene zu verwandeln.
Ich saß im Souffleurkasten des Theaters, Papchen neben mir auf der Hutschachtel. Über die Bühne polterten Kulissenschieber, und da gingen Schauspieler in Unterhosen, vom Garderobenmeister hatten sie eben ihr Kostüm erhalten. „Wo ist denn bloß das Regiebuch?“ fragte ich beunruhigt. „Ich suche immerfort — weiß nicht mal, was für’n Stück gespielt wird.“ — „Die olle Konservenkiste wird gespielt,“ erwiderte Papchen. — „Da brauchen wir eine Kiste! Inspizient Lehmann! Die Kiste haben Sie bereit? Nun rasch eine Tafel zusammengebaut, grünes Tuch drüber! Der Kultusminister wird gleich erscheinen, hat mit seinen Räten eine Sitzung am grünen Tisch.“ Stutzig erwiderte der Inspizient: „Der Kultusminister? Er hat ja telephonisch abgesagt!“ — „Ei verflucht!“ plapperte Papchen. Unwirsch ich: „Ach was telephonisch! Hat er ein Zeugnis vom Theaterarzt? Keine Drückebergerei!“ — „Theaterarzt?“ Und der Inspizient schüttelte den Kopf: „Wissen Sie nicht aus der Zeitung, daß der Kultusminister den Kaiser nach Posen begleitet hat?“ — „Ganz egal!“ schnauzte ich. „Ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen. Müßte eigentlich schlafen; — aber ich bin doch zur Stelle. Sagen Sie dem Kultusminister, es gibt Abzüge von seiner Gage. Ja, aber was fangen wir nun an? Wer soll die Sitzung am grünen Tisch leiten?“ Papchen wußte Rat: „Der Ministerialdirektor muß ihn vertreten.“ Blödsinn! Doch es schrillte die Glocke, das Spiel begann.
Um den grünen Tisch standen würdige Herren in etwas abgeschabten schwarzen Röcken. Sie hatten Glatzen oder graue Haare, vornehm rasierte Gesichter oder hochgesträubte Schnurrbärte, manche auch weiße Vollbärte. Die Gestalten waren teils behäbig, teils vertrocknet, teils lang, teils kurz und dick. Aus den zwanglosen Gruppen kam brockenweise ihr Geplauder. „Sein Burgunder delikat!“ — „Zum nächsten Kegelabend pünktlicher!“ Plötzlich rief einer: „Der Olle kommt!“ Und wie Schuljungen hasteten sie auf ihre Plätze. Frei blieben zwei Armsessel an den Kopfenden der Tafel. Durch die von Lakaien aufgerissene Tür traten zwei Herren. Eine spindeldürre Gardefigur in schwarzem Gehrock, Monokel ins knochige Gesicht geklemmt, Orden im Knopfloch. Mit gezierter Höflichkeit führte er seinen Begleiter zu einem der Armsessel und stellte ihn den Beamten vor, die sich ehrerbietig verneigten. „Der Herr Hofprediger gibt uns die Ehre, unserer Sitzung beizuwohnen. Seien Sie uns willkommen, Hochwürdigster, und geruhen Sie, Platz zu nehmen.“ Über des Hofpredigers Gesicht, das bis auf zwei Reste von Backenbart rasiert war, glitt ein stolzes Lächeln ...
Hier hielt ich es für angemessen, das Spiel zu unterbrechen: „Halt! Ihre Maske, Hofprediger, könnte feiner sein. Den Jesuitismus sollten Sie ein wenig mildern, dafür muß die Lutherpose deutlicher heraus. Bedenken Sie, daß Sie nicht bloß Hofprediger sind, sondern dabei auch Volksmann. Das Lächeln mehr gewinnend! Gut so! Weiter!“ — Wie nun die Beamtenschaft am grünen Tische die Ohren spitzte, sprach der Hofprediger, die Hände gefaltet: „Geliebte in Christoph Columbus! Stützen von Thron und Altar! Die alte Schlange, die schon im Paradies die Menschen verführte — sie erhebt wieder mal ihr Haupt, zischelt und speit Gift. Die Masse des Volkes soll unserer evangelischen Landeskirche abspenstig gemacht werden. Die roten Demagogen brauchen den Unglauben, um den Umsturz alles Bestehenden vorzubereiten. Unsern deutschen Michel, sonst ein leidlich folgsames Tier, reizen sie mit ihrem roten Lappen, daß er die Hörner senkt gegen die göttliche Weltordnung. Auf deren Trümmern möchten die Dämonen der Finsternis triumphieren. Das sind natürlich ...“ — „Vor allem die Juden,“ plapperte Papchen, und gereizt griff der Hofprediger das Wort auf: „Ja wohl, die stecken hinter jeder Rebellion! Auch hinter dem Getriebe, über das ich ein ernstes Wort mit Ihnen reden will — ich meine die Freireligiöse Gemeinde! Und das sage ich Ihnen, meine Herren, wenn Sie nicht energisch aufräumen mit diesem glaubenslosen Gesindel, dann sollen Sie mal sehen ...“ Ein Schlag mit der flachen Hand knallte auf den grünen Tisch, so daß der Ministerialdirektor drüben zusammenfuhr und seine Beamten in sich zusammenkrochen, wie wenn eine Schnecke einen Nasenstüber bekommt und die Fühlhörner einzieht. Grimmig nickend musterte der Hofprediger die Versammlung: „Sie schweigen? Antworten Sie klipp und klar: Warum geht der ketzerische Jugendunterricht ganz gemütlich weiter? Warum lassen Sie diesen frechen Bruno Wille nicht einfach durch den Schutzmann abführen, he? Polizei ist doch zum Zugreifen da! Der Minister soll einfach verfügen! Ihre Kanzlei muß doch eine Fundgrube sein für Verordnungen, die sich zu unsern Gunsten ausnutzen lassen! Ausgraben, ausgraben! Kabinettsbefehle, Ministerialerlasse, Instruktionen von Anno Toback. Wo haben Sie denn Ihre Kiste? Warum steht die fromme Kiste nicht auf dem Tisch, he?“
Auf ein Zeichen des bestürzten Ministerialdirektors hastet der Geheime expedierende Sekretär hinaus. Bittend lächelt der Ministerialdirektor: „Die Kiste war beim Faßbinder, ein paar eiserne Reifen mußten drum! Übrigens horch, man bringt sie schon! Platz in der Mitte, Platz für unsere altpreußische Regierungskiste!“ Und mit Gepolter geht die Tür auf — vier Leichendiener, umflorte Zylinder auf, schleppen auf einer Bahre die Kiste herbei. Wie sie auf dem grünen Tische steht, gleich einer Bundeslade, nähert sich mit der Ehrfurcht eines Altardieners der Geheime expedierende Sekretär, nimmt den Deckel behutsam ab und reicht ihn den Leichendienern. Nachdem er seinen Rock ausgezogen, krempelt er die Hemdsärmel auf und reckt hagere Arme wie eine Spinne. Die krallenartigen Finger sind mit Tinte befleckt. Eifrig greift er in die Kiste, daß Staub aufwirbelt. Schmunzelndes Nicken im Kreise der Bürokraten: „Alte feine Jahrgänge! Wie duften diese Weinchen! Je staubiger, desto adliger!“ Triumphierend hebt der Geheime expedierende Sekretär eine Urkunde heraus: „Allerhöchste Kabinettsordre vom 1. Dezember 1825!“ Alles blickt ehrerbietig. Der Ministerialdirektor: „Oha, wir haben noch ältere!“ Und der Sekretär setzt seine Wühlarbeit fort. Ein neues Dokument hält er: „Dienstinstruktion für die Provinzial-Schulkollegien vom 23. Oktober 1813 — und hier vom gleichen Tage die Geschäftsinstruktion für die Königlichen Regierungen. Noch weiter haben wir da eine gute alte Kabinettsordre vom Jahre 1808.“
„Gleich nach der Schlacht bei Jena war das also — wo Preußen seine Kloppe bekam, weil es aus der ollen Konservenkiste rejiert wurde.“ Ich kannte diese Stimme und war ebenso verblüfft wie die Beamtenschaft, als hinter den Leichendienern, die an der Türe harrten, in einer Gruppe von eingedrungenem Volk, Männern im Arbeitskittel, ärmlichen Frauen und Kindern, mein freireligiöser Gesinnungsgenosse Adolf Hoffmann stand. Er war’s, der die Worte gesprochen. Wie Stahl blitzten seine Blicke durch den Kneifer, die leicht ergrauende Mähne erinnerte an einen grimmen Löwen. „Zur Jeschäftsordnung!“ fährt er fort. „Hat denn nich der olle Fritze auch so’n biedern Erlaß herausjebracht? Ich meine, darin heißt es, jeder könne nach seiner Fasson selig werden. Aber den Herren vom jrünen Tisch paßt die Zeit um Jena rum besser. Daß unsere Obrigkeit auf Jahrgänge zurückjreift, die nich jrade jut beleumundet sind, ist ein Zeichen der Zeit.“ Empört eifert der lungenkräftige Hofprediger: „Was redet er von Zeichen der Zeit? Diese böse und verkehrte Art suchet ein Zeichen und soll ihr kein Zeichen gegeben werden, denn das Zeichen des Propheten Jona.“ Hohles Gelächter bei der Volksmenge, die sich durch Nachdrängende vergrößert. Und Hoffmann: „Er redet vom Propheten Jonas. Von dem berichtet die göttliche Offenbarung, er sei vom Walfisch verschlungen und nach drei Tagen lebendig ausgespien. Proste Mahlzeit! Da möcht ich mir mal die Frage erlauben, wie der Jonas denn eijentlich in den Bauch dieses Viechs jelangen konnte — da doch der Walfisch, wie jedes Kind in der Naturkunde lernt, eine auffallend enge Speiseröhre hat.“
Der Hofprediger, nicht ohne Verwirrung: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Übrigens gibt’s einen Fisch, dessen Schlund weit genug ist, einen Menschen hinunterzuschlucken. Der Fisch, der den Jonas verschlang, war ein Haifisch!“ — „Hoho!“ johlt die Menge, und Hoffmann triumphiert: „Haifisch! Na ich danke! Der Schlund des Haifisches is ja jespickt mit dolchscharfen Zähnen. Ehe da der arme Prophet hinunterrutschen konnte in den Haifischbauch, war er sicherlich Hackebraten!“ Hatten die Räte bisher wie versteinert gesessen, so sprangen sie jetzt auf, und aus ihrer brausenden Bewegung, die der Hofprediger mit fuchtelnden Armen noch wilder machte, kamen Rufe: „Staatsanwalt!“ — „Des bin ich Zeuge!“ rief der Hofprediger. „Dieser Aufwiegler hat Gott gelästert! Ich nehm’s auf meinen Diensteid!“ — „Diensteid?“ höhnte Hoffmann. „Hoho! Ich habe auch einen Diensteid geschworen. Der gilt dem Volke! So steht denn Eid gegen Eid. Mag nun der Herr Hofprediger geltend machen, sein Eid sei so gut wie mein Eid ...“ Wutschnaubend unterbrach ihn der andere: „Er hat gesagt Meineid!“ — „Ich sage sojar Jemeinheit!“ ruft Hoffmann unter lustigem Beifall. „Und wenn Sie jlauben, Sie werden im Zeichen der ollen Konservenkiste siegen, denn passen Se mal auf, wie wir Ihren verschluckten Propheten herausholen aus dem Walfischbauch!“ Und seinen Künstlerkopf mit dem grauen Henriquatre keck erhoben, die Rechte drohend geballt, stampft er und singt die Wallfahrerweise:
„O du pfi—pfi—pfi ...
O du pfiffiger Pfaff!
Deinen sau—sau—sau ...
Deinen sauberen Plan
Holt der hei—hei—hei ...
Holt der heilige Hai ...“
Im Takte trampelt dazu die Menge. Nun tritt Hoffmann, während die Beamten scheu zurückweichen, an ihre Bundeslade und hebt wie ein Beschwörer die Hände:
„Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse,
Befiehlt dir, dich hervorzuwagen —
Incubus, Incubus!
Sanktus Bürokratius!“
Und donnernd trifft sein Fußtritt die Konservenkiste. Da fährt eine Staubwolke heraus und formt sich zu einem Gespenst, ähnlich einem schlotternden Aktuarius, grauen hohlwangigen Gesichts, ein Aktenbündel unter dem Arm. Entsetzt ringt Bürokratius die Hände und flüchtet — als aus der Volksmenge ein Haifisch hervorschießt und mit seinem roten, weißgezahnten Rachen nach dem Aktengespenst schnappt. Dieses wirbelt auf der Bühne herum, vom gierigen Hai verfolgt. Und grausam höhnisch hetzt ihn die Menge zum Schnappen:
„Hackepacke hackepacke!
Hacke hacke, hackepacke!“
Im Getümmel und Wirbel, zu dem die Volksmenge samt den Beamten zusammenwogt, fällt die Kiste mit den Akten um, auch der grüne Tisch. Schließlich poltern die Kulissen zusammen — und alles ist eine einzige aufstöhnende, heulende Staub- und Ideenhose: „Huh—uiii!“
Entsetzen durchschlottert mich, Angstschweiß rinnt mir über die Stirn, ich stöhne, als drücke mich der Alb. Aber da kommt durch das schnarrende Geräusch der wirbelnden Ideenhose, wie aus der Ferne, eine beruhigende Stimme: „Bruno! Mann! träumst du? Das macht wieder mal dein spätes Nachhausekommen.“ — „Pa—Pa—Papchen!“ bringe ich mühsam heraus — und spüre, wie mein Vogel, der beim Tumult zu mir in den Souffleurkasten geflattert ist, mausartig in meinen aufgesperrten Mund schlüpft.
„Du hast furchtbar geschnarcht! Ihr schwatzt so lange in euren Sitzungen — dann stöhnst du nachts und träumst!“ sagt meine Frau, während ich mich auf die andere Seite lege und beruhigt seufze: „Ach ja — geträumt!“
Draußen schüchternes Lerchenzwitschern ... —
Daß jene Kabinettsbefehle und Ministerialerlasse, die der Geheime expedierende Sekretär aus der Konservenkiste hervorgeholt, genau die Daten trugen, die ich angegeben, vermag der Chronist nicht zu behaupten. Genug, es ist urkundliche Tatsache, daß meine Gefangenschaft aus der Konservenkiste kam und auf Kabinettsbefehle und Ministerialerlasse aus den Jahren 1839, 1813 und 1808 gegründet war.
Obwohl meine verbotene Jugendunterweisung mir keineswegs als konzessionspflichtiger Unterricht erschien, stellte ich sie doch in ihrer bisherigen Form ein und begnügte mich, die freireligiösen Anschauungen durch Erbauungsvorträge zu verbreiten. Da kam eine neue Verfügung vom Provinzial-Schulkollegium: „Nach Auskunft des Kgl. Polizei-Präsidiums sammeln Sie allsonntäglich vormittags die Kinder von Mitgliedern der hiesigen freireligiösen Gemeinde, halten denselben Vorträge über die Grundsätze der letzteren, lesen aus dem Lehrbuche für den Jugendunterricht freireligiöser Gemeinden einzelne Sprüche und Fabeln vor, erläutern dieselben und fordern die Kinder auf, die besprochenen Stellen zu Hause nachzulesen. Wir machen Ihnen hiermit bemerklich, daß diese Kinderversammlungen nicht etwa deswegen, weil sie Sonntags abgehalten werden, als gottesdienstliche Versammlungen angesehen werden können, da die hiesige freireligiöse Gemeinde, deren Grundsätze den Kindern gelehrt werden, infolge ihrer Gottesleugnung eine Religion nicht hat und somit Anhänger dieser Grundsätze Gottesdienst gar nicht halten können. Ihre obenbeschriebene Tätigkeit fällt daher lediglich unter den Begriff der Unterrichtserteilung, die Ihnen durch unsere Verfügung unter Strafandrohung verboten worden ist. Jede weitere Zuwiderhandlung gegen dies Verbot wird nach Maßgabe unserer Verfügung geahndet werden.“
Den Widerstand gegen solche behördliche Unterdrückungstaktik fortzusetzen, war für die freireligiöse Bewegung ein Gebot der Selbsterhaltung. Auch im Interesse des Volkes überhaupt, dessen Rechts- und Freiheitssinn bei allen Gelegenheiten belebt werden muß, schien es mir erforderlich, nicht widerstandslos die Waffen zu strecken. Deswegen hielt ich im Einverständnis mit meiner Gemeinde die Vorträge weiter. Die Folgen blieben nicht aus. Das Provinzial-Schulkollegium diktierte mir eine Strafe nach der anderen zu, und schon kam eine Summe von zweitausendvierhundert Mark oder zweihundertvierzig Tagen heraus — abgesehen von den Strafen, die ich durch meine frühere Tätigkeit nach Art des Konfirmandenunterrichts verwirkt hatte. —
Als nach meinem Traum die Morgensonne zum offenen Kammerfenster hereinflutete und das Pfeifen der Stare, des Hühnervolkes Gackern, das Summen geschäftiger Insekten, der Säuselwind in den Apfelbäumen zu einem einzigen Jubel verschmolz — da ließ sich „der Weise im Innern“ über meinen Traum von der ollen Konservenkiste aus: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern! Ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, die auswendig hübsch scheinen; aber inwendig sind sie voller Totenbein und Unflat. Den Heiland hat man in eine Konservenkiste gelegt, hat einen Stein davorgewälzt — und da modert der Lebendige für jene, so das Engelwort nicht begreifen: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“
Pfändung der Habe
Tolstoi hat bemerkt, ein Mensch, der Verse macht, komme ihm vor wie ein Bauer, der mit Tanzschritten hinter seinem Pfluge hergeht. Aber es gibt nun mal solche versfüßelnden Käuze, auch ich gehöre dazu. Besonders in jungen Jahren hielt ich was vom Versemachen — kam mir vor wie ein Fischer, der aus vorbeirauschender Strömung Perlen fischen möchte. Bunt schillert’s in der Flut, eine Perle scheint dem Poeten manches, dem sein Kinderauge Verklärung leiht. „Sollen all diese Schätze verloren gehn?“ denkt er mit Wehmut. „Nein! du mußt sie festhalten — in eine künstlerische Fassung bringen — deinen Mitmenschen zur Erquickung darbieten!“ Mit anderen Worten: der junge Dichter hält es für heiligen Beruf, seine Verse der Unsterblichkeit zu vermachen. Sein Gedichtbuch soll eine neue Epoche der Literatur einleiten.
Doch ich will mich nicht einfältiger hinstellen, als ich vor einem Vierteljahrhundert war. Immerhin hegte ich den heißen Wunsch, mich als Lyriker gedruckt zu sehen. Da ein paar Verlagsbuchhändler, mit denen ich verhandelte, nichts als kühle Bedenken vorbrachten und dann sogar das Ansinnen stellten, ich solle die Druckkosten zahlen, so wandte ich mich grollend von der ganzen Verlegersippe ab. Eine Unterhaltung hierüber hatte ich in einem Nachtcafé mit Richard Dehmel, der damals noch zu den Ungedruckten gehörte. Düster hörte er mir zu. Struppig war ihm Vollbart und Haarschopf, zergrübelt die Stirn mit der Studentenschmarre, durch den Kneifer loderte das wilde Auge: „Zum Kuckuck! Wenn man schon die Druckkosten selber tragen soll, so möchte man wenigstens dafür den Reinertrag ungeschmälert ernten. Selbstverlag ist immer noch das beste. Wenn nur die Kritiker nicht gleich mißtrauisch würden! Lesen sie auf dem Titel: Im Selbstverlage des Verfassers, Kommissionsbuchhandlung Leipzig, so denken sie: Aha! wieder so ein grüner Dilettant, der sich seine Eitelkeit etwas kosten läßt.“ Ich brütete mürrisch — da kam mir ein Aufleuchten: „Heureka! Gründen wir einen genossenschaftlichen Selbstverlag; er soll Freie Verlagsanstalt heißen. Zur Genossenschaft werden Verfasser zugelassen, die ihre Druckkosten zahlen und natürlich einen literarischen Wert haben.“
Die Freie Verlagsanstalt wäre nicht zustande gekommen, hätte ich nicht einen Buchdrucker gekannt, der ebenso gutmütig wie rund und massiv war. Wegen seiner Statur nannten wir ihn den Elephantenwillem, wobei wir aber auch an den treuen Eifer und die Intelligenz des Elefanten dachten. Seine schwere Hand hatte der Elefantenwillem auf meine Schulter gelegt und mit einem freimütigen Blick seiner blauen Augen das Geständnis getan: „Ick schätze Ihnen, Wille — Sie sind ’n Aas uf de Jeije — un ick stunde Sie de Druckkosten.“ So wurde es möglich, daß ich wenige Wochen später das berauschende Erlebnis durchkostete, meine Verse für den Druck herzurichten. Eines schönen Tages kam das Paket Bücher — da lag das Werk wie ein neugebackener Kuchen: „Einsiedler und Genosse ... Freie Verlagsanstalt, Berlin.“
Für meine Chronik kommt der vorliegende Fall insofern in Betracht, als er bei der Pfändung meines Mobiliars mitspielte. Nachdem mir die Geldstrafe seit geraumer Zeit aufgebrummt war, ohne daß ich Zahlung leistete, konnte jeden Tag das Zwangsverfahren eintreten, und ich hatte mit meiner Frau bereits überlegt, wie wir uns verhalten wollten.
Es klingelte, und gleich dachten wir: „Der Exekutor!“ Es war aber mein Freund Benno Streitmüller. Sein gutmütiges Lächeln war nicht ohne Schelmerei, als er seinem Portefeuille ein Schriftstück entnahm und auf den Frühstückstisch breitete. Da las ich, daß der Elephantenwillem den Rest seiner Forderung für Druck meines Gedichtbuches an Benno abgetreten hatte. „Sieh mich an!“ sprach Benno, „ich bin jetzt dein Gläubiger — Junge, Junge! Zahl mal sofort vierhundertachtzig Mark. Ich schicke dir sonst den Gerichtsvollzieher. Mensch, ich presse dich aus wie eine Zitrone.“ Dabei faßte er mich bei den Schultern. Meine Frau starrte ihn an, den Mund geöffnet. „Keine Witze!“ stammelte ich. Benno lächelte grausam: „Witze? Das Fell zieh ich dir über die Ohren.“ — „Du weißt doch, daß die Wohnungseinrichtung meiner Frau gehört.“ — „Nicht gänzlich! Zum Beispiel das Gemälde über deinem Schreibtisch ist dein Eigentum. Diese köstliche Kopie des Abendmahls von Leonardo hat dir der Maler geschenkt, wie du mir mal erzählt hast. Auf dies Stück hab ich’s besonders abgesehen. Das lasse ich durch den Gerichtsvollzieher versiegeln und dazu noch die goldene Uhr, die du in Bukarest zum Andenken bekommen hast. Das Gemälde ist gut und gern zweihundert Mark wert, die Uhr ebensoviel. Den Hauptteil meiner Forderung hab ich dann sicher; sonst kommt mir das Amt Friedrichshagen zuvor und pfändet Bild und Uhr — was du leichtsinniger Mensch wohl nicht bedacht hast — ja ha ha!“ — „Ich verstehe dich, Freundchen.“ Lächelnd schüttelten wir einander die Hände, und meine Frau, die jetzt begriff, meinte kopfschüttelnd: „Hätte ich je gedacht, daß Benno so grausam pfiffig ist?“
Bald nach diesem Gespräch erhielt ich richtig vom Amtsgericht Cöpenick den Befehl, vierhundertachtzig Mark an Benno Streitmüller zu zahlen. Da ich nicht zahlte, kam etliche Tage später der Cöpenicker Gerichtsvollzieher zu mir, ein freundlicher alter Herr, die Amtsmütze auf dem Kopfe. Mit bedauerndem Achselzucken kündigte er an, daß er mich pfänden müsse: „Ich bitte um Ihr Portemonnaie — und die Uhr da!“ Was er im Portemonnaie fand, war nicht der Rede wert; die Pariser Ankeruhr aber besah er mit Hochachtung. Unter den geöffneten Golddeckel klebte er ein rundes Papiersiegel und reichte mir die zugeklappte Uhr zurück. „Na, und? was kann man sonst noch kriegen? Alles nette und leidlich wertvolle Sachen! Ich darf wohl mal durch die Wohnung gehn?“ — „Das können Sie sich sparen,“ versetzte meine Frau, „nahezu alles gehört mir — ich hab’s mit in die Ehe gebracht, Gütergemeinschaft ist bei uns ausgeschlossen. Bloß die Uhr gehört meinem Mann — und das Gemälde — natürlich auch die Bibliothek — aber die braucht er ja zu seinem Beruf.“ Der erfahrene Gerichtsvollzieher legte die Hand ans Kinn: „Glaub’s schon! Aber versiegeln muß ich doch. Es steht Ihnen frei, zu intervenieren, indem Sie den Nachweis bringen, daß die Sachen Ihr Eigentum sind.“ Er ging in den sogenannten Salon und klebte mit raschem Kunstgriff unter die Möbel und Teppiche seine blauen Papiersiegel. Schließlich nahm er ein Protokoll auf und verabschiedete sich.
Bald kündigte die Flurklingel neuen Besuch an. Benno Streitmüller war’s; schalkhaft strahlten die blauen Augen des edlen Jünglings. „Eben bin ich ihm begegnet. Nun wäre ja wohl alles in Ordnung, und du bist deine letzte Habe los, Jungeken!“ — „Blutsauger!“ deklamierte ich hohl.
Er amüsierte sich über die angeklebten Papierdinger, da er sowas noch nie gesehen. „Und nun, Frau Lieschen, lassen Sie ruhig den anderen Exekutor kommen! Er findet alles bereits versiegelt. Wenn er gleichwohl glaubt, pfänden zu dürfen, so mag er sich an Ihre Sachen halten. Dann los mit Ihrer Interventionsklage gegen das Amt Friedrichshagen! Das kann ja die Kosten tragen.“ Und er kicherte. — „Aber die Sachen sind doch schon alle versiegelt,“ wandte ich ein. — „Macht nichts,“ versetzte Benno, „ich gebe sie frei, großmütig, wie ich nu mal bin. Bloß die Uhr und das Gemälde behalte ich, lasse dir aber den Gebrauch dieser beiden Stücke — zunächst bis Ende dieses Jahres. Hier hab ich schon den Leihkontrakt. Kannst gleich unterschreiben. Wenn dann morgen jemand vom Amte pfänden will, zeig ihm den Kontrakt.“ — „Morgen schon?“ fragte meine Frau, und Benno erwiderte: „Ich habe vor zehn Minuten den jüngsten Leutnant getroffen, gleich hinter dem Gerichtsvollzieher kam er. Na, jüngster Leutnant? hab ich gesagt, geben Sie man Herrn Rat Hegel einen Wink! sonst kommt ihm der Cöpenicker Onkel da bei Doktor Wille zuvor. Sie wissen doch? Andere Leute könnten früher aufstehen als das Amt — verstehen Sie? So sagte ich, und nun paßt mal auf, Kinder, der jüngste Leutnant erzählt die Geschichte brühwarm dem Igel, dann schickt dieser schleunigst seinen Exekutor.“ Notabene: der jüngste Leutnant war ein Amtsdiener, der vor wenigen Monaten frisch vom Militär gekommen war und sich in seiner nagelneuen Uniform benahm wie ein Äh-bäh-Stutzer.
Andern Tages erschien in der Tat in meiner Wohnung ein Amtsdiener, es war der olle Schäffer, der mit seinem Biedergesicht, seiner Brille und dem grauen Vollbart an meinen alten Oberlehrer erinnerte. Auch Schäffer begann seine strenge Rolle durchaus human. Er redete gut zu, ich solle auf die geforderten Strafgelder doch wenigstens eine Anzahlung machen: „Denn sehen Se, sonst muß ick Sie Ihre Möbel nehmen.“ — „Die sind aber mein Eigentum,“ entgegnete meine Frau. — „Wenn Sie det jerichtlich nachweisen können, jut! Aber vorleifich muß ick vasiejeln.“
„Die Sachen sind ja schon versiegelt,“ wandte ich ein und kehrte einen der Stühle um, so daß man das untergeklebte Siegel sah. Schäffer wurde schweigsam und schien die Schlacht bereits aufzugeben. Da entstand durch mein Verhalten eine Verwicklung. „Ich muß Ihnen allerdings gestehen, daß Herr Streitmüller, der die Sachen gestern versiegeln ließ, schon alles wieder freigegeben hat. Bloß diese Uhr und ein Gemälde hat er behalten, und darüber haben wir einen Leihkontrakt; hier ist er.“ — „So?“ meinte Schäffer gedehnt und las das Schriftstück. „Darf ick mal de Uhr sehn?“ Ich zeigte das Siegel im Innern. „Nu bitte det Jemälde!“ Als ich vor meinem Schreibtisch auf das „Abendmahl“ wies, nicht ohne Befriedigung über die treffliche Wiedergabe des Meisterwerkes, zeigte er gar kein Interesse für die Kunst, nahm das Bild von der Wand und suchte nach dem Siegel. Doch sieh, ein Siegel war hier gar nicht vorhanden — der Gerichtsvollzieher hatte es vergessen oder das Bild allzu gering geschätzt.
Schäffer blickte spitz: „Denn muß ick det Bild fänden, un nu wollen wir ooch mal die übrijen Sachen untasuchen.“ Er lehnte das Bild an die Wand, und los ging ein Durchschnüffeln der ganzen Wohnung. Unter die Tische kroch er, um die Siegel zu finden. Sofa und Diwan mußte er hochkippen, weil sein Vorgänger aus Cöpenick in zarter Rücksicht seine Zettelchen versteckt angebracht hatte. Ob der ungewohnten Arbeit schnaufte der ältliche Amtsdiener. Als meine Frau ihr Lachen nicht verhalten konnte, gab er weitere Bemühungen auf und begnügte sich, von den reichlich mitgebrachten Siegeln des Amtes Friedrichshagen eins hinten auf das Bild zu kleben. Nachdem er sein Protokoll aufgenommen, verabschiedete er sich kühl und ergriff das Bild. Ich protestierte: „Sie haben kein Recht, zu nehmen, was nicht mir gehört, sondern Herrn Streitmüller.“ Und Schäffer: „Wenn Herr Streitmüller anfechten will, so ist det eene Jerichtssache zwischen ihn un det Amt Friedrichshagen.“ Resolut setzte er die Amtsmütze auf und zog mit dem Bilde ab.
Ich hatte Mühe, unsern Terrier Schuftel, der ein Vorurteil gegen Uniform-Menschen hatte, von Angriffen auf die Staatsgewalt zurückzuhalten. Als ich den Köter eingesperrt hatte, vernahm ich einen Wortwechsel auf dem Hofe: unsere treue Schaffnerin Frau Pape redete auf den Amtsdiener ein. Aus dem Fenster beobachtete ich, wie sie ihm ein Paar olle Stiebel hinhielt und spöttisch antrug, auch die mitzunehmen.
Keine halbe Stunde nach diesem Auftritt, und Schuftel, den ich wieder freigelassen, verriet durch Straßengekläff, daß er abermals Händel habe. Die scheltende Menschenstimme gehörte dem Amtsdiener Schäffer. Mit raschem Griff hatte ich den Teppichklopfer, der mir gerade in die Quere kam, und eilte die Treppe hinab. Fürchterlich anzusehen, wie der Amtsdiener sich des Hundes erwehrte. Mit seinen glotzenden Augen und dem weißgezahnten Rachen gemahnte das Vieh an den Haifisch meines Traumes, wie er nach dem retirierenden Aktengespenst schnappte: „Hacke hacke!“ Der olle Schäffer, die Augen starr auf den Feind, nahm sich zusammen, um keinen Biß abzukriegen, und teilte fortwährend Fußtritte in der Richtung des Schnappenden aus. Ich staunte über die Gelenkigkeit der ältlichen Oberlehrerbeine. Da, mit einem Schwupp, hatte sich der Köter am Absatz des Amtsdieners festgebissen, daß dieser nicht loskam und auf einem Beine hüpfte, wobei er jämmerlich schrie. Sofort traf mein Teppichklopfer die Bestie, daß sie losließ und sich fletschend trollte. An den Gartenzaun gelehnt, hielt der Amtsdiener sein Bein hoch und betrachtete den Stiefel. „Hat er durchgebissen?“ fragte ich bestürzt. „Det nich, aber der Stiebel is kaputt.“ — „Bedaure sehr, Herr Schäffer, doch Hauptsache, daß Sie keine blutige Wunde haben. Den Stiefelschaden ersetze ich. Na, und was führt Sie denn nochmals zu mir?“ — „Ick habe mir eenen Schwupper zu schulden kommen lassen.“ — „So? Na denn kommen Se man wieder rauf!“ Oben spendierte ich dem Polizeimann einen herzstärkenden Trank, und nun gab er folgende Erklärung: „Ick habe also den Herrn Rat allens berichtet. Da wird e’ janz wild: Aber Schäffer, Mensch! Sie bringen so’n wertlosen Trödelkram? Wat soll ick mit det Bild? Man schleunigst retur, un bessere Stücke versiejelt. Ja, sehen Se, Herr Dokter, so leid et mich duht, den Schwupper muß ick nu wieder jut machen.“ Und nochmals durchmusterte er die Wohnung, nochmals mußte er Sofa und Diwan hochkippen und unter die Tische kriechen, seine Zettelchen anzubringen.
Zu solchen Scherereien gesellten sich andere, die schon verdrießlicher waren. Hin und wieder sah ich meiner Frau an, daß sie sich mit Sorgen trug, und auf mein Zureden gab sie den Bescheid: „Sowas ist doch keine Kleinigkeit! Wir haben noch nie mit Polizei und gar Gerichtsvollzieher zu tun gehabt — da kommen nu Männer mit Amtsmütze un blamieren einen im ganzen Ort. Die Nachbarn schwatzen, warum hier wohl versiegelt wäre, un nächstens soll ich in Cöpenick schwören — und weiß gar nicht, wie man das macht.“
Der Tierkreis
In diesen Tagen des ersten Frühlings wurde unsere Unruhe durch Stimmungen geheilt, wie sie der Natur eines märkischen Dörfchens eigen sind. Über den Kiefernforst kam lauer Brausewind geflogen, und die Sonne schien auf die sprießende Wintersaat der schmalen Feldstücke, auf die Obst- und Blumengärtchen, wo an molliger Stelle Veilchen blühten. Drüben im verwilderten Laubpark schlüpfte die schwarze Amsel am Erdboden hin, Nahrung mit dem gelben Schnabel pickend. Zufrieden saß sie abends auf der Spitze einer Pappel, von wo sie das Frühlingsreich überschaute, ihre Pfiffe in den gelben Himmel jauchzend. Wenn wir über die Feldlandschaft spazierten, so sahen wir hin und wieder einen Kleinbürger, der nach getaner Berufsarbeit seinen Kartoffelacker umgrub.
Bei dieser Tätigkeit fanden wir am ersten April nach Feierabend unsern Hauswirt Krause. In dem Häuschen, wo er wohnte (die zwei anderen Häuser, die er besaß, dienten ihm lediglich zum Vermieten), hatte ich ihn nicht angetroffen, als ich die Miete zahlen wollte. „N’Abend, Herr Krause! Ich möchte bei Ihnen mein Geld los werden.“ Mit latschigen Schritten kam Krause heran und reichte mir schweigend die Arbeitshand. Ohne den kalten Zigarrenstummel von den Lippen zu tun, nuschelte er: „Jeben Sie det Jeld man meine Frau!“ — „Die ist nicht zu Hause. Und was man doch zahlen muß, wird man gern rasch los; sonst kommt wohl gar über Nacht ein Spitzbube.“ — „Zu Sie kommt keener,“ lächelte Krause. — „Aber vielleicht wieder mal der Amtsdiener!“ — „Ach so! Denn man her mit den Draht!“
Ich zählte das Geld auf das Quittungsbuch, er sackte ein, ich reichte ihm den Tintenstift zum Unterschreiben. Er machte drei seltsam gekritzelte Kreuze. „Soll das Krause heißen?“ — „Anders ha’k nich jelernt; aber die Kreize haben et in sich. Ibrijens brauchen ma nischt Schriftlichet! Wat wir zwee beede sinn, da heest et eenfach: Topp!“
Daß Mangel an Schulbildung das Heil der Seele nicht immer beeinträchtigt, dafür bildet mein Hauswirt ein leuchtendes Beispiel. Sein bienenhafter Fleiß, seine Rechtschaffenheit und Friedfertigkeit waren jedem Kenner wert. Obwohl sein Vermögen mit sechs Ziffern geschrieben wurde, war seine Lebenshaltung die eines Tagelöhners. Beifall verdient sein Verhalten in meiner Pfändungsangelegenheit.
Wie prophezeit war, erschien am zweiten April vormittags bei mir ein Amtsdiener — diesmal war es der Jüngste Leutnant. Nicht exekutieren wollte er — brachte bloß eine Vorladung aufs Amt, wo ich vernommen werden sollte. Als ich hinging und an Krauses Häuschen vorüberkam, trat dieser heraus. Sonst wie der ärmlichste Landarbeiter gekleidet, trug er diesmal seinen schwarzen Sonntagsanzug und einen altmodischen Zylinder. Den lüftete er in seiner gemessenen Art: „Moo—arn!“ — „Na, Herr Krause?“ fragte ich munter, „wo soll es denn hingehn?“ — „Nach de Breestpromenade,“ antwortete er kurz. „Doch nicht etwa aufs Amt?“ Schweigend nickte er. Mir schwante, er werde in meiner Angelegenheit vorgeladen sein. Und richtig! Als mich nach dem üblichen Warten im Vorderbüro der Schreiber ins Budoar des Herrn Rat lud, fügte er hinzu: „Un Sie, Herr Krause, jehn Se man jleich mit!“
Rat Hegel empfing uns mit kühlem Kopfnicken, ohne sich vom Sessel zu erheben. Dann zwinkerte er mit den Igelaugen: „Zu diesem Verhör, Herr Dokter, habe ich Ihren Hauswirt geladen, um Sie beide zu konfrontieren.“ — „Nanu?“ gab ich zurück. — „Und jetzt, Herr Krause (dabei blickte er gebieterisch), sagen Sie frei heraus: Gehört das Mobiliar in der Wohnung des Herrn Dokter ihm — oder seiner Frau?“ Krause hielt den Amtsblick aus und zuckte die Achsel: „Weeß ’k nich!“
Um Igels schmale Lippen huschte spöttische Pfiffigkeit: „Das wissen Sie nicht? P! Denn geben Sie mal den Mietskontrakt her! Sie haben ihn doch mitgebracht, hä?“ Krause schüttelte den Kopf. „Nicht mit? P! Das ist stark! Ich habe Ihnen doch sagen lassen, Sie sollen ihn vorlegen. Was steht denn drin? Sie haben doch wohl das Formular des Hausbesitzervereins? Darin heißt es: Mieter versichert, daß die von ihm eingebrachten Möbel sein ausschließliches Eigentum sind. Wer hat denn nu Ihren Mietsvertrag unterzeichnet hä? Etwa die Frau Doktor Wille? Er doch natürlich! hä? Raus mit der Sprache!“
Krause blickte mit unerschütterlicher Gelassenheit. Als er schweigend den Kopf schüttelte, krähte Rat Hegel voreilig: „Aha! Also nicht Ihre Frau, Herr Doktor! Sie haben unterschrieben! Haben sich also als Eigentümer des Mobiliars bekannt. Ihre Frau kann gegen die Exekution nichts machen, basta! Oder wollen Sie etwa leugnen, daß Sie den Kontrakt unterschrieben haben? Ich könnte ja sofort eine Haussuchung anordnen, damit der Kontrakt beschafft wird. Also nu, was sagen Sie nu, hä?“
Ich war etwas verwirrt, wußte nicht, was im Mietskontrakt stand. „Kontrakt hebben ma ieberhaupt keenen!“ wandte Krause mit Seelenruhe ein. Der Igel stutzte und knurrte mißtrauisch: „Überhaupt keinen? Na, das wäre eine dolle Wirtschaft! Sie, Eigentümer zweier Mietshäuser, wollen mir einreden, daß Ihr Mieter nichts Schriftliches mit Ihnen ausgemacht hat, hä?“ — „Det is so!“ nickte Krause. Jetzt wurde der Igel wild und fuchtelte mit den Armen: „Aber Mann! was machen Sie für Streiche! Sie vermieten an den Herrn da — und haben nichts Schriftliches von ihm, hä? wissen nicht mal, ob die Möbel ihm gehören oder wem sonst, hä? Das ist ein Unrecht! ein Unrecht gegen Ihr Kapital — gegen die guten Sitten!“ Mein Hauswirt, bockig geworden, trumpfte auf: „Det jeht Ihnen jar nischt an! Se wollen mich woll’n Loch in’n Kopp reden?“ — „Das heißt,“ gab der Igel streng zurück, „Sie dürfen nicht vergessen, daß ich Sie amtlich vernehme. Also geht mich die Sache wohl an! Hier liegt bei Ihnen ein gewisser Leichtsinn vor. Wenn Ihnen nun dieser Mieter keine Miete zahlt? Sein Mobiliar liegt bereits unter Siegel. Da ist er Ihnen ja nicht mehr sicher!“ — „Der is mich sicher! Bei uns zwee beede heeßt et: Topp, een Mann, een Wort! Un nu will ’ck man jehn! Ick habe keine Zeit for hier mit Sie zu brabbeln!“ Und er stand auf, nahm den Zigarrenstummel und nickte seinen Gruß. „Halt!“ rief der Igel, in seiner höhnischen Kälte an den Landvogt Geßler gemahnend, „erst müssen Sie Protokollchen unterschreiben, hä?“ — „Nischt unterschreib’ ick — hechstens mach ’ck drei Kreize!“ — „Ah so!“ staunte Rat Hegel und lächelte hochmütig. „Sie also sind der letzte Analphabet in der Kolonie des großen Friedrich? Na, denn gehn Se man! Wir kommen zurecht auch ohne Kreuzelschreiber.“ So rief er ihm nach und bemerkte unter spöttischem Zwinkern seiner Schweineritzen: „Wer ohne Kopf geboren is, bleibt zeitlebens ein Krüppel — hä?“
Das Protokoll, das der Igel nun aufsetzte, ging einfach dahin, daß ein schriftlicher Mietsvertrag nicht vorhanden und keinerlei Erklärung darüber erfolgt sei, wem das Mobiliar gehöre. Als ich unterschrieben hatte, bemerkte ich mein Bild, das an der Wand lehnte und sein Siegel zeigte. „Bei dieser Gelegenheit,“ sagte ich, „möchte ich Sie ersuchen, Herr Rat, daß mir das Bild da zurückgegeben wird. Das Amt hat kein Recht darauf; es ist Eigentum des Herrn Streitmüller, und ich habe es zur Verwahrung erhalten. Ich wünsche, daß das Bild baldigst wieder an die alte Stelle kommt — über meinen Schreibtisch; sonst komme ich nicht in Stimmung und bin bei der Arbeit gestört.“
Neugierig erhob sich der Igel: „Was Sie sagen! Lassen Se das Dings mal besehn!“ und lehnte das Bild an einen Stuhl, so daß es vom Fenster beleuchtet war. Beim Betrachten feixte er spöttisch: „P! Ein Atheist, un so’n Kirchenbild! Sie wollen mir einreden, daß Sie diese Schilderung des Abendmahls zu Ihrer Erbauung benötigen? Glauben Sie denn überhaupt an Christus, hä?“ — „Wenn Sie wieder ein Religionsgespräch belieben, so will ich Ihnen verraten: Wer den Christusgeist betätigt, der allein glaubt an ihn! Ob Christus der geschichtlichen Wirklichkeit angehört, kommt dabei nicht in Betracht ...“
Der Swinegel unterbrach mich mit staunender Heiterkeit: „Also Sie halten es für möglich, daß Christus gar nicht mal gelebt hat, hä?“ — „Für mich lebt er — ist das bessere Selbst, das Licht der Welt, die geistige Sonne in der Menschheit wie im All. Im Bilde der Sonne hat man ihn schon damals verehrt als die Mythe von den zwölf Jüngern entstand. Die Zwölf bedeuten die Himmelszonen, die der Sonnenlauf in den einzelnen Monaten berührt — die zwölf Tierzeichen des Kalenders.“ Hier lachte der Igel krähend: „Tierzeichen ist gut! Ein Tier also ist Sankt Peter, hä? ein Tier Sankt Johannes und so weiter! Ein Tier, wie’s im Kalender steht: Widder, Stier, Krebs, Skorpion ... hehehe! Diese Viecher empfehle ich ganz besonders Ihrer atheistischen Andacht. Und Sie können an Ihrem Schreibtisch nicht produzieren, nicht wahr, wenn Sie nicht Ihren Tierkreis betrachten, hihihi! Na ich fühle ein menschliches Rühren, Sie sollen Ihren Willen haben. Das Bild hat ja auch keinen Wert. Ich habe meinem Amtsdiener gleich gesagt: Da haben Se sich schön anschmieren lassen! Kommt der Mann angepustet mit einem Bild, das auf der Auktion nicht einen Taler bringt. Wer kauft denn bei uns Heiligenbilder un so ’n frommen Kram, hä? Also Ihren Tierkreis lasse ich Ihnen noch heute bringen! P! Zum Dank könnten Sie mir verraten, welche Tiere mit den einzelnen Jüngern Christi gemeint sind. Wer ist denn hier der Widder, hä? Wer ist der Stier? hihihi!“ Er glaubte mich vernichtet zu haben und lachte mir schadenfroh ins Gesicht.
„Wer mit den Tieren gemeint ist, müssen Sie sich schon selber herausdividieren, Herr Rechnungsrat — machen Sie sich nach Belieben Ihre Gedanken über den Widder und den Stier. Das sind übrigens respektable Wesen — wir haben Grund, bescheiden zu sein den Tieren gegenüber, die uns oft beschämen durch ihre Unschuld, Gutmütigkeit und Treue. Wissen Sie, was Schopenhauer zu seinem Pudel sagte, wenn er ihn schelten wollte? Nicht etwa: du Vieh! Sondern mit durchbohrender Überzeugung: Du Mensch! Dann kniff der Pudel den Schwanz ein und versteckte sich.“ — „Ach so! P!“ höhnte der Igel bösartig, „und unsereins hat sich eigentlich zu verstecken vor Ihrem verhimmelten Viehzeug, hä? Naturgemäß! Der Mensch stammt ja vom Affen ab — lehrt Ihr atheistischer Affenprofessor! P! Is vielleicht auch der Affe in Ihrem Tierkreis? hihihi!“ — „Der Affe? nein! Auch der Igel nicht! Dieser Duckmäuser paßt nicht in den Sonnenkreis.“ Wütend schlug der Igel auf den Tisch und keifte: „Beamtenbeleidigung!“
Ich ging. — Ein Stündchen später brachte mir der jüngste Leutnant das Bild zurück — da hing es wieder über meinem Schreibtisch. In dem Kreuzzug, den die preußische Behörde gegen einen Ketzer unternommen hatte, war die erste Heldentat die Pfändung eines Christusbildes.
Verhaftet
Dies neue Religionsgespräch war eine der letzten Amtshandlungen des Rates Hegel. Mochte er nun dem Aufschwunge des Ortes und den immer verwickelteren Geschäften nicht gewachsen sein, oder mochten die Fritzenwalder die Wichtigtuerei dieses jungen Fritzen peinlich empfinden — genug, am ersten Juli trat er als durchgefallener Kandidat schmollend wieder in den Stand der Ruhe. In seinem Boote saß er nun mit der Angelrute, abends in einem Tanzlokal, wo er seinen Lieblingen zulächelte, gelegentlich sogar das berühmte Tanzbein schwang.
Im Amte war an seine Stelle nicht etwa der Klempnermeister Kuhlicke getreten, sondern Herr Kloß, dessen ganze Art durchaus anders war, als die des Vorgängers. Suchte dieser seinem großen Friedrich gleichzukommen, so schwärmte Kloß für Bismarck — und an Gestalt war er ihm nicht unähnlich. Eins freilich hatte Kloß an Bismarck auszusetzen — zu barsch sei er immer aufgetreten, während der Diplomat schmiegsam sein müsse, um sich keine Feinde zu machen.
Mich hat der Amtsvorsteher Kloß stets nach diesem Grundsatze behandelt. Es fiel ihm nicht ein, mir mit Scherereien zu kommen, und so ließ er der Interventionsklage meiner Frau ihren glatten Verlauf, ohne irgendwelche Einrede zu tun. Nicht einmal, daß meine Frau nach Cöpenick zitiert wurde — den Schwur besorgte Freund Bartels; er konnte bestätigen, sie habe das Mobiliar in die Ehe eingebracht. So mußten die Siegel des Amtes Friedrichshagen wieder abgenommen werden. Begegnete ich nun auf der Straße Herrn Amtsvorsteher Kloß, so zog er tief den Hut und blinzelte augurenhaft mit dem grauen Auge, als wolle er anerkennend sagen: „Bist ein Filou!“
Nun war’s wieder mal Herbst, und es zogen die Wildgänse. Vor einbrechender Dunkelheit kamen sie in keilförmigen Geschwadern über den weiten Kiefernforst. Auf den mit Wintersaat bestellten Äckern nördlich der Wuhlheide hatten sie tagsüber gegrast und kehrten abends zum Müggelsee zurück, um darauf zu übernachten. Da sie zu Hunderten dort schwammen und nicht viel Schlaf bedurften, so war in stillen Nächten ihr Geschnatter weithin vernehmbar. Im Morgengrauen ging es mit Geschrei wieder fliegend zur Weide. Beim Kommen und Gehen der Wandervögel hörte man das Gewehr des Försters knallen.
„Heute früh haben sie wieder arg auf Wildgänse gefeuert,“ sagte ich zu meiner Frau, als sie den Morgentee einschenkte. „Ja, nicht wahr?“ antwortete sie — „bei jedem Schuß gibt es mir einen Stich, und am liebsten möchte ich den Gänsen zurufen: Fliegt doch höher — daß euch die Schrotkörner nicht erreichen!“ — „So ist das Leben! Einer gönnts dem andern nicht. Haustier muß man sein, um geduldet zu werden. Eine zahme, dumme Watschelgans, die dem Herrn des Hofes ihre Federn ins Bett legt — ihre Jungen in die Bratpfanne. So was nennt sich Kultur! Regt sich aber irgendwo eine freie Schwinge, gleich geht’s piff paff.“ — „Ach, laß doch!“ wiederholte meine Frau — „der Morgen ist so unschuldig!“
„Das ist er eben nicht!“ entgegnete ich — und in diesem Moment, gleichsam wie gerufen, kam das Unheil — schrill ging die Flurklingel, und Schuftel, unser Terrier, der in der Küche war, begann ein grimmes Gekläff. „Der Briefträger!“ sagte meine Frau; Schuftel konnte ja keinen Uniform-Menschen leiden — eine Ausnahme machte nur der Geldbriefträger — und da behaupte einer, Tiere hätten keinen Verstand!
Gleich darauf trat Frau Pape zu uns ein, die haushälterische Stütze meiner Frau — sie meldete, der Amtsdiener Bolle wünsche mich zu sprechen. „Halten Sie den Hund in der Küche, machen Sie ihm zur Sicherheit den Maulkorb an — Herrn Bolle lassen Sie eintreten.“
Seinen Namen führte Bolle insofern mit Recht, als seine Statur, übrigens auch seine Nase, in die Breite geschwollen war wie jenes Knollengewächs. Gutmütig hätte man sein rundes Gesicht nennen können, wenn nicht das Mißtrauen des Philisters darin gezwinkert hätte. Als der Amtsdiener mit seiner schwarzen Aktenmappe eintrat, ließ seine verdrossene Miene erraten, daß er etwas Peinliches bringe. „Herr Dokta un Frau Doktan, nu is die Sache doch mies — Se wissen ja, von wejen den freireljeesen Unterricht — wo man die ville Strafe von Sie verlangt. Dadermit wird’s nu Ernst — un nu schickt mir der Herr Amtsvorsteha — un Se mechten so jut sind — un wenichstens mal wat zahlen. Ick soll zweedausend Märker infordern — wie det hier anjeordnet is. Aber der Herr Amtsvorsteher saacht: wenn’s ooch bloß hundert Märker wären, un Se zahlten die wenigstens — denn wäre doch der jute Wille erwiesen, un det jenüjte. Denn wissen Se, die Herren wollen bloß ihren Kopp durchsetzen — bloß ihren Kopp!“ — „Glaub’s schon,“ gab ich zur Antwort. „Ich habe aber auch einen Kopp — und Geld gibt’s keins — das habe ich doch schon längst mit aller Deutlichkeit erklärt.“
„Ja aber um Jottes Willen — denn soll ’ck Ihnen ja verhaften — saacht der Herr Amtsvorsteha — Jeld soll ’ck bringen oder Ihnen persönlich — saacht der Herr Amtsvorsteha.“ — „Ach so! Die Börse oder das Leben! Na also die Börse kriegen Se nich!“ — „Aber Herr Dokta, nee, nee! Kränken Se mir doch nich mit Ihre Ausdrucksweise. Ick bin doch keen Schinderhannes!“ — „Sie persönlich meine ich nicht, Herr Bolle, und natürlich auch nicht den Amtsvorsteher und die Herren Geheimräte vom Provinzial-Schulkollegium; das ganze System meine ich. Na, machen Se keine Leichenbittermiene, Bolle! Es handelt sich um keinen Beinbruch. Wenn Sie mich verhaften sollen, ich stehe zu Diensten. Aber erst lassen Sie mich in Ruhe meinen Tee trinken. Sie nehmen schon so lange Platz — wie? und frühstücken ein bißchen mit, Herr Bolle!“
Sein Gesicht wurde sonnig, da die Sache eine so gemütliche Wendung nahm. Meine Frau, die anfangs verdutzt dagestanden, zeigte Fassung. Und wie nun Frau Pape das Gedeck für den Amtsdiener aufgetragen hatte und jeder sich Tee mit Buttersemmel munden ließ, hatte die Szene bei aller Seltsamkeit etwas Anmutendes — zumal jetzt draußen das Kastanienlaub in der Morgensonne herbstgolden leuchtete. Zum Abschied küßte ich meine Frau und meinte zuversichtlich: „Ich werde mal mit dem Amtsvorsteher sprechen — vielleicht bin ich schon in einer Stunde wieder zurück.“
Tat also meinen Mantel um und ging mit Bolle aufs Amt. Der kluge Amtsvorsteher Kloß begrüßte mich mit seiner gewinnenden Höflichkeit. „Und nicht wahr, verehrter Herr Doktor? Sie schaffen den peinlichen Fall aus der Welt — und beweisen Ihren guten Willen .... Sollte Ihnen aber für heute oder morgen die Zahlung nicht passen — na gut, das macht nichts — ich berichte einfach an die Behörde, daß Sie willig sind — und wer weiß, ob sich damit nicht die ganze Geschichte in Wohlgefallen auflöst.“ Und die väterliche Güte, die aus dem Antlitz dieses Amtsvorstehers strahlte, war so verführerisch, daß ich an die Fabel vom Wanderer dachte, der sich seinen Mantel nicht vom Sturmwind abtrotzen, aber von der warmen Sonne abschmeicheln ließ.
Indessen bedeutete ich Herrn Kloß: „Sie meinen’s ja freundlich. Aber Sie könnten sich eigentlich selbst sagen, daß ich die Geschichte nicht angefangen habe, um bei der Entscheidung umzukippen. I bewahre! hier ist keine Spur von freiwilliger Unterwerfung. Nichts zahle ich, bin ganz und gar nicht willig.“ Mit einem Ausdruck von Fassungslosigkeit starrte er mich an, als zweifle er sacht an meinem Verstande. Nach einem Seufzer lächelte er süß, legte die Hand auf’s Herz und verbeugte sich: „Aber mein Verehrtester! Sie bringen mich in die peinlichste Verlegenheit — ich müßte Sie ja — bedenken Sie doch — verhaften müßte ich Sie! Tun Sie mir so was nicht an! Bedenken Sie auch, was Sie Ihrem Stande schuldig sind! Es geht doch nicht, daß Sie ins Gefängnis spazieren! So was macht man doch mit Geld ab! Und Sie haben ja nicht mal Kosten davon — die freireligiöse Gemeinde wird Sie schadlos halten, selbstverständlich! Also nicht wahr? machen wir’s so! Sie wollen nicht? wie? ab-so-lut — nicht? Ja, dann kann ich nicht helfen! nicht helfen!“ Und aufseufzend berührte er den Knopf der elektrischen Klingel.
Der Amtsdiener trat in strammer Haltung ein: „Bolle, der Herr ist Ihr Arrestant!“ Noch einen wehleidigen Blick gab mir der Amtsvorsteher mit auf den Weg und wimmerte: „Daß mir so was passieren muß — ausgerechnet mir!“ Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren: „Sie tun ja, als wären Sie der Arrestant!“ — „Oh! Lachen Sie nicht! oh!“ stöhnte der Amtsvorsteher. „Kennen Sie unser Gefängnis? Zu meinem Leidwesen sei’s gestanden, das ist verflucht unbequem!“