Lose Blätter.
Neue Novellen
von
Doris Freiin von Spättgen.
Leipzig.
Verlag von F. A. Berger.
1895.
Vor Nachdruck geschützt.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis.
| [Licht] | [3] |
| [Fächer-Bilder] | [35] |
| [Aus Großtantchens Hofdamenleben] | [63] |
| [Unter dem Niagara-Falle] | [83] |
| [Zahnschmerzen] | [103] |
| [Amerikanische Existenzen] | [133] |
Licht.
Weit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden, so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen annimmt – dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen, deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude, im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte.
Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen, hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain).
Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den diese Villen auf den Fremden ausübten.
Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen begegnete.
Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand: »to let.«
Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr. O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel aussähen und gebildet schienen.
Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen. »Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt uns nicht – das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar, das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein – wovon leben sie?«
Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen, die Unbemittelten, um reich zu werden – Müßiggang giebt es in den Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt. Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen schien.
Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war, außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das war alles.
Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging. Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte, die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von New York gleichgestellt werden konnte.
An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!«
Keine Antwort erfolgte – das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine schwere, moosgrüne Portiere getrennt war.
»M'a!«
Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter, wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an dem gewohnten Platze.
Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des gemeinsamen Schlafgemachs – dort saß Mrs. Northland und schien, über ein weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:
»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.«
»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?«
Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll. O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen Zügen der jungen Sprecherin.
»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace, es kann ja so nicht weiter gehen.«
»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester Stimme.
»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind – nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch diesen Stolz – er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter heißen Thränen.
»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück.
»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß – diese Damen werden gut bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre beanspruchen – nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der Tochter schmiegend.
»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte.
Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich – schlecht gerechnet – ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht – irgend ein – bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte. Niemand kennt uns in New York – wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du, mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden Apathie und für unsere Zukunft sorgen!«
»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne, vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen – entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete.
»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau.
»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten, M'a,« sagte die Tochter weich.
»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der kleinen Summe, die wir mitbrachten – nun ist sie fast ganz zusammen geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. – Ach, ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu stunden.«
»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre mir schrecklich – erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab. Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam:
»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf – hast Du daran schon gedacht, mein Kind?«
»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück. Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der unteren Etage hinabstiegen.
Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd:
»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe eigenhändigst unterzieht!«
»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet nicht,« versetzte Grace heiter.
»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du hast wirklich ein großes Talent dafür.«
Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über die regelmäßigen Züge glitt.
Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer, aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht.
Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen, kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen, daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen.
Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern, daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände, die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten. Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und damit war diese Sache fürs erste abgethan. –
Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame, welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich mit seinem Frühstück beschäftigte.
»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!«
»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre, dann stehe ich zu Deinen Diensten.«
»Das ist wirklich originell, hahaha!« – Abermals tönte das helle Lachen nach dem Sprechenden hinüber.
»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.«
Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an die Seite der stattlichen Frau. Diese las:
»Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten: Head-Postoffice restante Nr. 600.«
»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein schlechter Spaß oder – was mir wahrscheinlicher dünkt – ein Notschrei aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen trocknen zu können!«
»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben. Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine Vermutungen zutreffend sind oder nicht.«
»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die Dame fuhr angeregt fort:
»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu führen – wohlan, ich schreibe, Anthony.«
Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr, hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche. Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf bezügliche Gespräch vergessen. –
Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.
Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken, das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer, weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde, aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger – wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff, die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette.
Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt. »Eine Dame, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken, daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien, wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas Beschäftigung – und hoffentlich auch recht lohnende – gefunden zu haben!« –
Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken, zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm.
Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen. Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs. Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte, gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch bekannter zu werden hoffe.
Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen, hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete. Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun.
»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs. Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß.
»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche, aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all' dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.«
Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig, daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen verpflichtet wäre. –
Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr, trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich liebe die Ordnung – sie liegen auf meinem Schreibtisch.«
Da das Verhältnis zwischen dem Sohne und der zweiten Frau des verstorbenen Mr. Clark ein selten inniges war, so entgegnete er ebenso freundlich und zuvorkommend:
»O gewiß gern, liebe Mutter, aber ...«
Den Schluß seiner Rede hörte die Dame nicht mehr, weil sie Eile zu haben schien und das Zimmer bereits verlassen hatte.
Zögernd und mit einer ihm selbst unerklärlichen Befangenheit stand Anthony Clark noch einige Minuten vor der Thür des Zimmers, das von der Fremden zu ihrem prosaischen Geschäft benutzt wurde. Er wußte es selbst nicht, warum er gerade diesen Weg nach der Bibliothek eingeschlagen hatte. Einerseits scheute er eine Begegnung mit dem jungen Mädchen, andererseits trieb eine innere Gewalt ihn vorwärts. War er denn nicht der Hausherr hier, der überallhin kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte? Mit dieser Schlußfolgerung trat er endlich ein.
Ja, da stand sie wieder, die so eigentümlich imponierende und doch so mädchenhaft schüchterne Gestalt. Ein leichtes Rot war ihm nun in die Stirn gestiegen, weil er sich bewußt war, oft – vielleicht sehr oft sich dieses seltsame Bild vor die Seele gezaubert zu haben.
Recht auffällig sichtbar nahm er nun den mitgebrachten Bücherstoß in seinen linken Arm und grüßte höflich mit den Worten: »Verzeihung, mein Fräulein, daß ich Sie störe, allein – ich muß hinüber nach der Bibliothek!« Dabei war aber Anthony keineswegs weitergeschritten, sondern etwa sechs Schritte von dem jungen Mädchen stehen geblieben. Verwundert und, wie es ihm vorkam, mit leisem Lächeln, begegnete sie seinem leuchtenden Blicke.
»Es steht mir kein Recht zu, dieses Zimmer für mich allein beanspruchen zu wollen, Mr. Clark,« entgegnete sie mit volltönender überaus sympathischer Stimme. – Also wußte die Fremde darum, daß er der Hausherr war. Rasch erwiderte er:
»O doch, Miß, Miß –« (augenscheinlich verlangte es ihn, ihren Namen zu erfahren) – »Northland!« klang es sehr leise zurück.
»O doch, Sie haben ein Recht, hier ganz ungestört zu sein, Miß Northland. Sie sind ja die Wohlthäterin für das ganze Haus, ich meine: seit Sie zuerst hier eingetreten, ist es – Licht geworden.«
Der schöne Mädchenkopf senkte sich tiefer auf die Brust herab. »Man ist gütig gegen mich,« flüsterte sie bescheiden.
»Vielleicht ist es sehr anmaßend von mir, Ihnen ein plumpes Lob zu spenden, aber ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu gestehen, daß ich Ihren Mut, Ihre Willensstärke und Selbstverleugnung – bewundere,« sagte Anthony nun eigentümlich erregt.
»Das Wörtlein ›muß‹ ist ein strenger Lehrmeister, Mr. Clark, welcher mit eiserner Hand alle rebellischen Oppositionsgelüste herabzudrücken versteht. Aber dennoch giebt es noch etwas Mächtigeres als diesen moralischen Zwang, und diesem Mächtigeren bringt man gerne Hochmut, Eitelkeit und thörichte Eigenliebe zum Opfer,« versetzte das schöne Mädchen, indem ihre großen Augen freudig aufleuchteten.
»Sie haben Eltern, Miß Northland, eine Mutter, für die Sie sorgen?« forschte er, näher tretend.
»Jawohl, um meiner Mutter willen stehe ich hier an diesem Platze, und das Bewußtsein, für sie, die mir auf Erden das teuerste ist, meine Kindespflicht zu erfüllen, hat den Gedanken an Demütigung und Erniedrigung noch niemals in mir aufkommen lassen.«
Mr. Anthony erwiderte kein Wort und so war es mehrere Minuten ganz still im Zimmer; Miß Northland hatte unterdessen ihre Beschäftigung wieder aufgenommen.
»Haben Sie keine Verwandten oder Freunde hier in New York?« fragte er nun eindringlich und leise. Es kam ihm so vor, als ob seine Stimme plötzlich einen veränderten Klang bekommen hätte.
»Nein, keine; wir sind erst vor einigen Monaten aus dem Westen – aus St. Louis gekommen und daher noch ganz fremd hier,« lautete der einfache Bescheid.
Die Sprecherin gewahrte nicht die sichtliche Überraschung in des jungen Mannes Zügen; unverwandt und forschend waren seine Augen auf das feine Profil gerichtet. Nur als er sich jetzt fast ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte und leise sagte: »Auf Wiedersehen, Miß Northland,« schaute sie eigentümlich befremdet auf und entgegnete schüchtern:
»Ich hoffe, daß Ihre Frau Mutter meine kleinen Dienste noch einige Zeit wird gebrauchen können.«
Nicht lange verweilte Mr. Anthony in der nahen Bibliothek, schon nach fünf Minuten kehrte er daraus zurück; allein dieses Mal durchmaß er beinahe hastig das Gemach, indem er in Anknüpfung an das vorige Gespräch nur die halb prophetische, halb aufmunternde Bemerkung hinwarf:
»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen: Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« –
An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte er:
»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht, das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?«
»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche – mich an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen das Mädchen einzuwenden?«
»Ich – einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und schwer aufatmend, fort:
»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte, erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen – zwischen ...« Er stockte.
»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!«
»Dieses Rätsel bald – recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin:
»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!«
»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft.
»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich, daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen mußte, Anthony!«
»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem Stiefsohne aufblickte.
»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer Pause.
»Thue ich das nicht stets, Anthony?«
»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner Freundin ist, morgen noch einmal – zum letztenmale – hier ihres schweren Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun, was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?«
Unter Thränen nickte diese ihm zu. –
Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten, charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« – – –
Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens – heute würde sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« –
Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu gehen – da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das! Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend. Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er – Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern überfiel die hohe Mädchengestalt – und wenn er es wirklich gethan, mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden, flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan.
Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber jener Rose gewesen sein.
Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Diamanten strahlten die Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der hätte denken können, ein Teil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen, so glitzerten und funkelten die zahlreichen glow worms (Leuchtkäfer) allenthalben im tauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher Eintracht saßen Mutter und Tochter auf der kleinen Veranda, während Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst erzielte, zum Beistand der Mutter ins Hauswesen genommen, geräuschlos hin und her glitt und den Theetisch abräumte.
»Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zuweilen scheint es mir, als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilten, als zu Hause!« fragte Mrs. Northland, nachdem sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut, die an des jungen Mädchens Busen prangte.
»Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glücklich sein können, Ma,« entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht.
»Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich – das zu vergelten, vermag nur Gott,« flüsterte die ältere Dame in tiefer Bewegung.
»Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering, in anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke,« lautete die heitere Erwiderung.
»Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die verschiedenen Häuser erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet Dir mit Achtung?«
»Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste Zurücksetzung erfahren. Vor allen ist es –« (Grace zögerte ein wenig) »ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht.«
»Mrs. Clark, eine noch junge Frau?«
»Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große volle Blondine, mit selten schönen, blauen Augen und – –«
»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der Tochter hastig ins Wort.
»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?«
Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und schwer.
»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt – mich verflucht! Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!«
Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du, Grace?«
Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der hölzernen Treppe emporstiegen.
Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau.
»Annie! Barmherziger Gott!«
»Mary!«
Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte – sie sah nur ihn – Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie blickenden Augen.
»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung – bringst Du Deine so schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs. Northlands Munde.
»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es meiner Fürsprache bei Dir bedarf!«
Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der überraschten Frau.
»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? – Das purpurglühende Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem Sessel.
Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie, Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit Wochen umhergegangen – geblendet und beschämt über die eigentliche Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen. – Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch – eine Bitte – –«
»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte sie ihn an.
»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können. Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...«
Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit des holden jungen Mädchens sich weideten.
Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark, über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht geworden.
Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat, bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären, daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde.
Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag, wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der poetischen Einsamkeit von Dolly Ward.
Fächer-Bilder.
»Caro amico!
Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge Dich damit, daß ich mich langweile – zum Sterben langweile und Dein heiteres Künstlergemüt – Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte, die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben würden!
»Aber Mensch, bist Du verrückt geworden!« höre ich in Gedanken Deine Stimme rufen: »Bist verheiratet seit sechs Monaten, hast eine charmante Frau, ein Heim, eine Stellung unter den Künstlern, um die Dich die Götter beneiden könnten, und sprichst von Langweile?!« Zugegeben – alles zugegeben, alter Freund! Aber ich kann Dir einmal nicht helfen. Gerade das Geregelte meines jetzigen Daseins widert mich an. Es erscheint mir zu philisterhaft, zu sittsam, zu hausbacken, keine Spur von Abwechslung – von prickelnden Reizen liegt darin. Wo bist Du hin, Du goldige Junggesellenzeit! Nimm den freien Waldvogel, stecke ihn unbarmherzig in einen Paradekäfig und schau zu, was er für eine Miene macht! So ungefähr kannst Du Dir denken, wie mir, den Du früher zur Genüge gekannt, nun zu Mute ist. O heiliger Brahma! Es war eine große Dummheit, mir jetzt schon die Flügel zu stutzen und mich ins Joch zu spannen. Die Galle läuft mir zuweilen über, wenn ich an die verschiedenen Tanten, Onkels – und Schwiegermütter denke, welche mir diese Heirat so plausibel dargestellt und es fertig gebracht haben, aus einem von Übermut und Lebensgenuß beseelten Taugenichts einen soliden Ehemann zu machen! – Solide?? Das doppelte Fragezeichen steht nicht ohne Bedeutung da. Arme kleine Frau! Ich glaube, sie hat von uns beiden wohl doch noch die schlechtere Nummer gezogen, obgleich ich bisweilen moralischen Katzenjammer bekomme und in bitterer Reue diesem noch so kindlichen Geschöpfe, was sich mein Weib nennt, alle begangenen Sünden abbitten möchte. Wer aber verlangt auch, daß ein Maler, ein Künstler von Ruf, wie ich ohne Überhebung es mir zu sein schmeichle, der überdies in Berlin lebt, Grundsätze und Selbstverleugnung des heiligen Antonius besitzen soll! Wer das verlangt, der ist ein Narr! Ich habe Agnes geheiratet, erstens: weil meine und ihre Familie es wünschten; zweitens: weil sie ein leidlich hübsches, sanftes Geschöpf ist, die sogar einer Ameise aus dem Wege geht, um sie nicht zu zertreten, wie viel weniger dem eigenen Gatten unfreundlich begegnen oder ihm gar widersprechen würde. Darum habe ich sie zu meiner Gemahlin gemacht, nicht aber, weil –, wie Du es zu glauben scheinst – sie es verstanden hätte, mein launisches Herz in Fesseln zu schlagen, noch weil sie überhaupt qualifiziert wäre, einen Mann – noch dazu einen verwöhnten Mann – zu begeistern und hinzureißen. In unserer Art führen wir ja auch eine ganz glückliche Ehe. Sie ist eine wohlhabende Frau, ich derjenige, der um sein Brot schaffen muß. Daher habe ich es mir selbstverständlich auch zur Pflicht gemacht, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen und ihr stets aufs Rücksichtsvollste zu begegnen. Nebenbei glaube ich wirklich, daß sie einiges Vertrauen zu mir hat und mir aufrichtig zugethan ist. Dankbar zeigt sie sich wenigstens für jedes freundliche Wort aus meinem Munde, wenn auch mein übriges Thun und Lassen – außer unsern vier Pfählen – sie wenig oder gar nicht zu interessieren scheint. Von Eifersucht habe ich vorläufig noch nicht das Mindeste bemerkt. Manchmal sogar könnte mich der sonst sehr anerkennenswerte Mangel dieser Untugend an meiner jungen Frau beinahe ungeduldig machen. Wir führen somit ein ganz modernes, großstädtisch angehauchtes Eheleben.
Agnes lebt ziemlich häuslich, verkehrt nur im kleinen Verwandten- und Bekanntenkreise. Ich hingegen tummle mich in der großen Welt umher, wozu ein Künstler von Beruf verpflichtet ist, wenn er seinen Geist anfeuern will. Trotzdem aber entgehe ich bei solchem Dasein der Langweile nicht. Das ewige Haschen nach pikanten Abenteuern und reizvoller Abwechslung wird schließlich fade; oft fehlt dabei der wahre Humor, oft aber auch jedwede Poesie! Pah! So ist einmal der Mensch. Er erwartet immer, daß Fortuna ihm einmal etwas ganz Apartes in den Schoß werfen soll! Das einzige, was mich wahrhaft befriedigt, ist und bleibt immer die Kunst. Diese edle Dame ist es auch, die mich zuweilen recht energisch bei den Ohren zieht mit der Mahnung: »Nun ist's genug, Freund Gilbert, mit dem Vergnügen! An die Arbeit mit Dir!« Und dieser Mahnung habe ich mich bisher noch immer willig gefügt. Halte mir aber in Deinem Antwortschreiben um Himmelswillen nicht etwa eine Moralpredigt, amico Carolo, um mich mit diplomatischen Redensarten auf den schmalen Pfad der Tugend hinüberzulocken! An mir ist nun einmal Hopfen und Malz verloren, und muß ich fürs Leben verbraucht werden, wie ich eben bin. Wenn Dir übrigens etwas daran liegt, so will ich Dir von Zeit zu Zeit eine gedrängte Übersicht meiner hiesigen Lebensweise, oder richtiger gesagt: ein Sündenregister zukommen lassen. Vor Dir kennt mein Herz keine Geheimnisse. Und nun Addio bis zum nächsten Male.
Gilbert.«
Berlin, 8. Februar 18..
»Teurer Freund!
Es ist zum Totlachen! Ich habe ein reizendes Abenteuer erlebt, welches ganz nach meinem Geschmack ist und die mich befallene schlappe Gemütsstimmung total aufgefrischt hat. Übrigens danke ich Dir für Deinen Brief und die freundlichen Grüße an Agnes, der Du allem Anscheine nach ein liebenswürdiges Interesse zu teil werden läßt. Das gute Kind hatte vor einigen Tagen zum erstenmale eine Anwandlung von Eifersucht. Wie komisch! Doch davon später.
Also: unser Künstlerbund gab vorige Woche einen brillanten Maskenball, den ich selbstverständlich besucht habe, während meine Frau dergleichen rauschende Vergnügungen grundsätzlich meidet. Natürlich bin ich weit davon entfernt, sie in ihren etwas streng puritanischen Ideen beeinflussen zu wollen. Ich hingegen warf mich mit blasierter Gleichgültigkeit in den wildesten Strudel dieses Zauberfestes. Ein schlichter Domino aus moosgrüner Seide, der noch aus meiner Junggesellenzeit stammt und mir vor Jahren zur Karnevalszeit in Rom gute Dienste geleistet, wurde wieder hervorgesucht und für tauglich befunden. Vom Scheitel bis zur Zehe verhüllte er meine Gestalt, so daß ich darauf hätte Gift nehmen wollen, unerkannt zu bleiben. Allein es kam anders. Denn bereits vom Beginn des Balles an intriguierten mich zwei Damen ganz impertinent, indem sie mich auf Schritt und Tritt verfolgten.
Die eine, ebenfalls im Domino, schien der Figur und Haltung nach schon etwas bei Jahren zu sein, wogegen die andere, im entzückendsten Susannenkostüm, Formen und Bewegungen auswies, wie ich solche an einer Sterblichen überhaupt noch nicht gesehen. Im Nu war meine blasierte Stimmung verschwunden; ich fühlte einen Feuerstrom durch meine Glieder ziehen. Große Samtmasken mit lang herabfallenden Spitzenbärten machten jedes neugierige Erspähen der Gesichtszüge rein unmöglich.
Wer war dieses Götterweib? Sicherlich wohl eine Fremde. Denn solcher Anmut und vornehmer Grazie war ich in Berlin noch nicht begegnet. Aufs höchste interessiert und sympathisch angezogen, daß die Aufmerksamkeit dieser distinguierten Erscheinung sich gerade auf meine unbedeutende Person gelenkt, mache ich unserer bisherigen stummen Wanderung durch die Säle ein Ende mit den an die Jüngere gerichteten bedeutungsvollen Worten:
»Was veranlaßt wohl nur das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?«
Sie zuckte zum Zeichen, daß sie mich nicht verstanden, die wohlgerundeten Schultern. Ich wiederholte dieselbe Frage auf Französisch. Da lachte sie hell auf. Es war ein köstliches melodisches Lachen; dann klang eine glockentiefe Altstimme an mein in Verzückung lauschendes Ohr:
»Monsieur Gilbert besitzt viele Freunde, ohne daß er davon eine Ahnung zu haben scheint.«
Beinahe erschreckt stutze ich. Also faktisch erkannt!
»Ist er doch nicht umsonst zwei Karnevalsaisons in Rom gewesen. Jener grüne Domino hier –« (ihre mit schwarzen Halbhandschuhen bekleidete Rechte strich sanft über meinen Ärmel hinweg) – »machte den Verräter.«
Etwas verblüfft starre ich durch die Augenschlitze der Maske nach der Sprecherin hin.
»Eine Freundin, Madame? So sind wir alte Bekannte?« sagte ich ziemlich indiskret.
»Das weiß ich nicht, Monsieur! Wer zählt die Völker, kennt die Namen! Künstler Gilbertos Herz ist weit, aber sein Gedächtnis scheint kurz. Armer Gilberto!« fuhr sie, bedauernd den Kopf wiegend, fort: »Jetzt ist er ein Philister geworden; er mußte es nolens volens werden, – hat eine reiche, unelegante, häßliche Frau heiraten müssen, die nebenbei noch grimmig eifersüchtig sein mag. Seine Freunde bedauern und bemitleiden ihn aber aus tiefstem Herzensgrunde und hoffen wenigstens, daß die geniale Künstlernatur unter solchem Mißgeschick nicht zu Grunde gehen wird!«
»Eine häßliche Frau!« Das verschnupfte mich, und ein wenig ärgerte ich mich über solchen meinem sonst stets als kompetent geltenden Geschmack gemachten Vorwurf, insbesondere, weil er ganz ungerecht war. Allein der Moment schien nicht geeignet darüber zu streiten, und deshalb nahm ich es ruhig hin; ja ich war sogar entzückt davon, daß die reizende Susanne nun sans gêne ihren Arm unter den meinen schob und dicht neben mir weiter schritt. Der weibliche Domino folgte uns.
Witz, Geist und Übermut sprudelten aus jedem Worte meiner Begleiterin. Ich schwelgte in einem Meer von Wonne. Hier war doch einmal wieder richtiges Amüsement, nach welchem ich mich förmlich gesehnt hatte. Berlin, meine Ehemannspflichten, ja sogar die sanfte, braunhaarige Agnes, – alles war vergessen; ich verträumte mich wieder nach Italien, in die selige Periode meiner unbeschränkten Freiheit!
Mio amico! Ich kann Dir versichern, daß es wirklich ein außerordentlich amüsanter Abend war. In einem ziemlich entlegenen Winkelchen nahmen wir ungestört Erfrischungen ein, nach deren Genusse diejenige, welche von meiner reizenden Maske mit Tante angeredet wurde, in einen wohligen Halbschlaf zu fallen schien. Wir ignorierten das selbstverständlich und unterhielten uns um so lebhafter. Aus verschiedenen Äußerungen der jetzt Schlummernden war mir klar geworden, daß die Damen Russinnen sein mußten, ihr Domizil in Wiesbaden hatten und bloß für kurze Zeit auf Besuch zu einer Malerfamilie nach Berlin gekommen waren, indessen die Hauptstadt schon am nächsten Tage zu verlassen gedachten. Halb mechanisch spielte ich mit dem mir angeeigneten Fächer meiner Begleiterin und that dabei die vielleicht etwas dreiste Äußerung, daß ich denselben als Pfand für ein eventuelles Wiedersehen, oder auch zur Erinnerung an diesen Abend als mein Eigentum behalten wollte.
»O nein! Dieses unscheinbare Ding hier ist ein teueres Andenken an einen Freund,« entgegnete sie wieder mit dem so bezaubernden Lachen. »Aber, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Monsieur Gilberto! Sie behalten den Fächer einstweilen und malen mir mit Künstlerhand ein Bildchen darauf, dann wird er mir erst doppelt wert sein.«
»Gern. Doch wie soll ich Ihnen denselben wieder zustellen, bella Susanna?« fragte ich gespannt, indem ich ihre reizende, brillantenfunkelnde Hand einen Moment fest zwischen die meine nahm.
»Eh bien! Sie schicken ihn mir par poste, oder was noch besser wäre, Sie bringen ihn selbst, Gilberto! Meine Adresse ist: Madame de Baranow, Wiesbaden ... Straße. Im Mai komme ich übrigens wieder nach Berlin.«
Darauf erhob sie sich, weckte mit sanften Schütteln die schlummernde Tante, und bald waren die Damen im Maskengewühl meinen Blicken entrückt.
Ich glaube, daß ich noch eine ziemliche Weile, in selige Träumereien versunken, mit dem gedachten Fächer in der Hand auf diesem Platze gesessen habe. Obgleich kein Kunstwerk, was die schöne Unbekannte mir zurückgelassen, entströmte demselben doch ein eigentümlich süßes Parfüm. Von goldverziertem Schildpatt war der zierliche Griff, alles übrige von feiner schwarzer Seidengaze. Und doch fühlte ich mich in dem Besitze gleich einem Krösus, so daß auch in meinem erregten Geiste allerlei mögliche Ideen auftauchten – liebliche Phantasiegebilde, denen ich auf dem duftigen Gewebe mit dem Pinsel Ausdruck, ja Form und Gestalt verleihen wollte. Sicherlich sollte Dir, bella Susanna, der Beweis geliefert werden, daß Gilbertos leidenschaftliches Temperament, sein zündender Geistesfunke noch nicht untergegangen im hausbackenen Eheleben.
Das Fest hatte jetzt keinen Reiz mehr für mich. Ich ließ mir von dem ersten besten dienstbaren Geiste ein Stück Papier bringen, wickelte den mir so kostbaren Fächer sorgfältig ein und schob das kleine Päckchen in die Tasche. Nach zwanzig Minuten stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hinan.
Schon von der Straße aus hatte ich wahrgenommen, daß in dem an mein Atelier stoßenden Wohnzimmer, wiewohl die Mitternachtsstunde längst geschlagen, noch eine Lampe brannte. War denn Agnes noch wach? Wollte die kleine Frau mich, an dessen späte Rückkehr sie doch hinlänglich gewöhnt sein mußte, heute auf einmal erwarten? Das dünkte mir höchst wunderbar. Der Entreedrücker befand sich in meiner Tasche, weshalb ich, ohne zu klingeln und von den Dienstleuten unbemerkt, mein Heim zu betreten vermochte. Ein wenig neugierig öffnete ich die Stubenthür; doch machte der sich mir darbietende Anblick unwillkürlich lächeln. Dort – an dem mit umfangreichen Weißnähereien bedeckten Tische, über welchen die Hängelampe ihr mildes Licht ausstrahlte, lag, auf die gekreuzten Arme herabgesunken, das Haupt meines jungen Weibes, während die Brust der sanft Schlummernden unter regelmäßigen Atemzügen sich hob und senkte.
»Die häßliche Frau!« So schoß es mir plötzlich durch den Sinn. Leise trat ich näher, um mich mit Kritikerblicken einmal zu überzeugen, in wie weit jener Ausspruch gerechtfertigt schien. Freilich wies dieses zierliche Köpfchen dort keine regelrechten Schönheitslinien auf. Dafür aber lag der Schmelz holder Frauenhaftigkeit, die Taufrische eines weiß-rosigen Teints über dem beinahe noch kindlich runden Gesichte. Häßlich? Nein, das war entschieden ganz ungerecht. Der Chic der großen Welt, und das so gewisse, auch weniger schöne Frauen anziehend machende Etwas fehlte hier natürlich durchaus. Allein mein Malerauge fand heute zum erstenmale, daß das, was ich an Modellen so oft vergeblich gesucht und wofür ich, um es auf die Leinwand zu bannen, eine wahre Leidenschaft hegte, nämlich: einen rötlich goldigen Glanz im hellbraunen Haar, was die Engländer so bezeichnend auburn nennen, – daß gerade diese große Seltenheit mein eigenes Weib besaß. In einem langen Prachtzopfe hing dieses jetzt vom Lampenlicht beleuchtete, wunderbar schimmernde Haar der schlanken Gestalt über den Nacken herab. Merkwürdig, nicht wahr, mio amico? Und noch merkwürdiger, daß ich das vorher gar niemals beachtete.
Nachdem ich Cylinder, Handschuhe und das kleine Paket mit dem Fächer auf den Tisch gelegt, war ich eben im Begriff, mich auch des Paletots zu entledigen, da erwachte Agnes.
Halb verstört schaute sie mich an. Doch nur mit verlegenem Gruße raffte sie eilig die Arbeit zusammen und barg dieselbe auf dem Schoße.
»Aber, Kind! Was fällt Dir ein, so lange wach zu bleiben! Das ist thöricht!« sagte ich mehr unwillig, als freundlich, indem ich es nicht einmal der Mühe wert hielt, ein lautes Gähnen zu unterdrücken. »Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«
Nur ein ängstlich scheuer Blick aus ihren stahlblauen Augen streifte mich. Was sie dabei wohl gedacht, vermochte ich nicht zu ergründen. Vielleicht hatte sie gerade um meinetwillen den Schlaf der halben Nacht geopfert, vielleicht auch auf ein herzlich dankbares Wort aus meinem Munde gerechnet. Arme kleine Frau! Sie packte, wie das so ihre Gewohnheit war, meine nachlässig hingeworfenen Sachen sorgsam zusammen. Dabei aber entschlüpfte der Fächer seiner papiernen Hülle und fiel zurück auf den Tisch. Sie stutzte, da sie das verräterische Rot sofort bemerkte, was meine Stirn bezog.
»Hast Du Dich neuerdings auf Fächermalen verlegt, Gilbert?« kam es eigentümlich spöttisch von den rosigen Lippen. Der Ton reizte mich.
»Ja wohl, wenn Du nichts dagegen hast, kleine Moralistin! Ich werde diesen schlichten, schwarzen Fächer zu einem wahren Kunstwerk umgestalten, weil die Besitzerin ein ...« (ich stockte, denn der Ausdruck des mir zugewandten Gesichtes glich dem eines entsetzten Kindes) – »weil eine Dame mich freundlich darum gebeten hat, dieses unscheinbare Ding zu verschönern,« fügte ich gleichgültig hinzu.
»So? Nun, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« sagte sie halb schmollend, während sie den verfänglichen Gegenstand zur Hand nahm und denselben, das ihm entströmende Parfüm einsaugend, an ihr Stumpfnäschen hielt.
»Dir?« fragte ich höchlichst verwundert. »Trägst Du denn überhaupt einen Fächer? Ich dachte, solch' Spielzeug für große Kinder erscheine Dir viel zu frivol?«
Zu meiner noch größeren Verwunderung sah ich, wie das zierliche Köpfchen mit einem energischen Ruck ganz plötzlich in den Nacken fuhr, worauf es mit eigentümlich bebender, allein halb trotziger Stimme an mein Ohr schlug:
»O, natürlich ahne und verstehe ich nichts vom Fächerspiele all' jener Frauen, deren Lebenszweck nur eitles Haschen nach Vergnügen ist und für welche das heilige Wort Pflichten überhaupt keine Bedeutung hat. Einen Fächer zum Gebrauche in Deinem Sinne brauche ich gottlob nicht! Gute Nacht, Gilbert!«
Dergleichen Heftigkeit war mir neu an meiner Gattin. Gut, dachte ich, fangen wir doch zur Abwechslung einmal an, uns gegenseitig auf den Kriegsfuß zu stellen! Das würde jedenfalls mehr Anregung bieten im häuslichen Einerlei, als diese lauwarme Spülwasser-Stimmung. Oho! Ich war sicher nicht der Mann, um mich über die kindischen Launen der einfältigen kleinen Frau zu grämen. War doch mein Geist ohnehin so vollständig gefangen genommen durch das reizvolle Abenteuer des Maskenballes, daß alles andere gänzlich in den Hintergrund trat.
Für heute aber mag's genug sein, mio Carolo! Das Fächerbild ist bereits begonnen worden und scheint mir vortrefflich zu gelingen. Vive l'amour!
Dein Gilbert!«
Berlin, den 26. März 18..
»Lieber Karl!
Ich bin allein in meiner stillen Bude. Agnes sah in letzter Zeit miserabel aus und ist recht erholungsbedürftig, so daß ihre besorgte Mama, meine verehrte Frau Schwiegermutter, für einige Wochen das Töchterlein zu sich genommen hat, um ihr alle erdenkliche Pflege und Schonung angedeihen zu lassen, deren sie im eigenen Heim entbehrt. Liegt doch das Haus ihres Vaters im schönsten, gesundesten Teile Berlins, wo die herrliche laue Frühlingsluft, die dort vom Tiergarten herüberweht, die Wangen des blassen Kindes hoffentlich bald wieder runden und rosig färben wird.
Über die letzte Zeit habe ich wenig Interessantes, noch Erfreuliches zu berichten. Ich meine, daß ich seit Wochen schauerlich schlechter Laune und höchst ungemütlich gewesen bin. Manchmal befielen mich wahrhafte Wutparoxismen, so daß ich am liebsten jede lästige Fessel gesprengt hätte und hingeeilt wäre zu derjenigen, die unausgesetzt all' mein Denken gefangen hielt – hin zu Madame de Baranow nach Wiesbaden. Dann aber versank ich auch wieder in eine stumpfsinnige Apathie, welche mir das Dasein fast ekelhaft fade erscheinen ließ. Glücklicherweise ist der bedeutungsvolle Fächer noch vor dieser Trübsinnsperiode vollendet worden und befindet sich jetzt schon in den Händen von bella Susanna. Was ich darauf gezaubert?
Ich glaube wirklich, der Genius der Malerei hat mir dabei die Hand geführt und Amor die Palette gehalten. Seit jenem Abende fragte Agnes allerdings nicht mehr nach dem Fächer; doch weil ich so unvorsichtig gewesen, ihn einmal unverschlossen liegen zu lassen, hatten ihre Kinderaugen ihn dennoch erblickt.
Mehreremale in jeder Woche besuche ich das Haus der Schwiegereltern, um mich pflichtschuldigst nach dem Befinden meiner Gemahlin zu erkundigen, welche wieder sanft und freundlich zu mir ist, aber auffallend traurig. Der Herr Papa dagegen betrachtet mich öfters mit seltsam herausfordernden Blicken, während die Frau Mama mir stets so offen ihre Ungnade zeigt, daß sie mit mir überhaupt nicht mehr spricht. Amico Carolo! Es will mich bedünken, es steigen düstere Wolken über meinem unseligen Haupte auf. Zuweilen sogar regen sich im Busen leise Anwandlungen von Reue, und ich sage mir dann ganz ehrlich, daß ich doch ein recht ungemütliches, trübseliges Leben führe, welches anders – besser sein könnte, wenn ich – ja, was denn eigentlich? Ich glaube, der Fächer hat mich verhext – ich bin ein Narr! Adieu!
Gilbert.«
Berlin, 3. Mai 188.
»Bester Freund!
Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut, lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität – das alles prägt sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.
Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert, was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen. Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die Erde geplumpst wäre, nein, amico, moralisch habe ich einen Purzelbaum gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich knirsche – ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme – ich glaube, es ist das bessere Ich in meiner Brust – mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert, gründlich reingefallen!«
Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede, als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte, demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche Theater«.
Gesagt – gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen: Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war glücklicherweise ein Eckplatz.
Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des Himmels! Das konnte niemand anders – das mußte Susanna – Madame de Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen – beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos. Wo – wo war – wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt – von diesem still verborgenen Platze aus – vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit, die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten Matronen bestand. Nur links von mir – in der ersten Reihe, sah ich die wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...? Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß! Diese und keine andere mußte bella Susanna sein!
Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. – Da – noch während ich dies niederschreibe – lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner Rechten – da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer – ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden Blicken erspähe ich darauf – das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal – hoffte ich – würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der Ruhestörerin um, la bella Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind denn meine Augen getrübt, – bin ich verrückt oder treibt der Satan sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe. Einerlei – ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre? O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?
Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn – die häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und gepeinigt hat. Und ich Narr, – ich Esel, – bin hier so einfältig auf den Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula, nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern, schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen! Wirklich schändlich – empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf. Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.
»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei angetrunken.
»Nein, rot – feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen. Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill – öde und einsam dünkte mir in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.
Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte, ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens, Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.
Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte, rechtzeitig zu vollenden.
Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht
Deinem
Gilbert.«
»Alter lieber Freund!
Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. – Übrigens – Du bist ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme, herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung beigetragen.
Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin.
So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk – kein Bravourstück sollte diese Arbeit werden, – Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, – ein Etwas, was ihr sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im Galopp davon!
Endlich – endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau. Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.
Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte. Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar nicht gemacht worden, und hatte ich es nur en passant erfahren. Darum sah ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich male – male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da – auf einmal macht ein schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.
»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.
»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen, hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.
»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.
»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«
Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.
»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube, daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht einfältiges Gesicht gemacht habe.
»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das Bild ist – ist entzückend!«
»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben aus – dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das – andere, was noch darauf ist, sind – natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein, wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.
Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre! Ich überwand mich. Nicht jetzt – nicht um des Fächers willen sollte die Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste – ein anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und – ging. –
Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!
Bist Du jetzt mit mir zufrieden, amico?
Dein Gilbert.«
(24 Stunden später.)
»Herzensfreund!
Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe, ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner Künstlerlaufbahn jemals erlebte.
Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte; aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen – mit ihr – mit mir – mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn solchen Glückes auch wert?«
Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? – –
Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes, weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen Gedanken und Empfindungen. Ich wußte – fühlte, daß ein veredelnder Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen Briefen noch zur Genüge studieren konntest, – nein, nein, und tausendmal nein! – nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten, der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort »Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand. Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen. Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. –
Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher zuerst nur an sich selbst dachte!
Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm, im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich – alles mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. – Da – da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen – ich taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen – meines Kindes ist's, was ich vernehme.
Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, – keine Macht der Erde hätte mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht – und befinde mich alsbald in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen: »Gilbert!«
Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner Frau Schwiegermutter – machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam, am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt, den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«
Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand, woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.
»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« –
Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht, leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm. Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen
stets getreuen Freund Gilbert.«
Aus Großtantchens Hofdamenleben.
Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen Großvaters noch vor meinem Geiste.
Damals – lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen – imponierte mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von vierundneunzig Jahren gewaltig.
Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte, um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen, da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die – nach meiner Idee – den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette.
Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht, – heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches, witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen, Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie, unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern.
Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden, dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor meinen Augen auf.
In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel, dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken, verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen sein soll. Ganz besonders aber war es ein Name, der ihre matten Augen stets in merkbarem Feuer aufflammen machte.
Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als für den großen Kaiser Napoleon.
»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf Großtantchen – noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und deren mannigfache Enttäuschungen – seufzend erwiderte, daß der Stolze, Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben.
Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie wahrheitsgetreu nacherzähle:
»Der Kaiser – der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs erste noch nichts. Mir genügte, daß er kam, daß ich ihn sehen, daß meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er gestreift! Eines Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich – ich glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr – nahm meine Gebieterin mir das Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen.
»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang.
»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen möge! Denn – denn ...‹
»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf die Stirn küßte und zur Thür hinausschob.
»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre, andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung allein zurücklegen zu müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte.
»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen gewölbten Wänden wieder! – Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter. Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete, glücklich erreicht, – da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir gerade entgegen.
»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich, der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange aufzubleiben beliebte.
»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen, energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich, wie fatal! Jetzt – neugierig spähe ich – trotz meines fieberhaften Herzklopfens – mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen.
»Da – ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast springen vor Angst und Scham – da vertritt der Unverschämte mir schnell und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges Figürchen stürmisch an die Brust.
»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst. Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem Kopfe nieder, und – ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam, brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen!
»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes Hoffräulein, so sans façon zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das konnte – das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen.
»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen.
»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon – mein angebeteter Held – mein Ideal war es!!
»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht, ob es Todesschreck – ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts.
»›Adieu, ma belle! Au revoir!‹ tönte ein heiterer, merklich spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch links schauend, stürmte ich meines Wegs – die Treppe hinan und erreichte atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. – –
»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige, überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige, nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer, welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments. Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm verwöhnten Mannes Haupt. –
»Endlich – Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich warten zu lassen – endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ...
»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen Trotz um den festgeschlossenen Mund, – so kam er dahergeschritten. Nun erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem, indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen.
»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches Teil hübscher als ich. Allein gerade an meiner unbedeutenden, kleinen, zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten.
»Was war das? – Hatte er mich wiedererkannt? – War diejenige, welcher sein heiterer Zuruf: ›Au revoir, ma belle!‹ gegolten, vielleicht nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O, daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen!
»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den Gemächern der Frau Herzogin. –
»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. –
»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden. Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen sollte!« –
Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal – mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« – – –
Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige, kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt.
Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil, so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen Hofdamenzeit mitzuteilen.
»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe:
»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer!
»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt.
»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen Kriegslasten zu entbinden.
»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen und Denken, ja die Seele eines Weibes zu besitzen und bemühte sich daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge, die im Gesichtskreise der Frau liegen.
»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen.
»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte.
»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins, zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte.
»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren Zeit, sondern nur um seichte französische Romane – Hofklatsch und – Toilettenangelegenheiten!
»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit erheischte die allergrößte Rücksicht.
»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte. Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre geben sollte.
»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand, glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den Weltbezwinger zu diesem Schritte – persönlich nach X. zu kommen – veranlaßten.
»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm gebührenden Empfang zu bereiten.
»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen, – nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche des Kaisers gethan.