AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER
DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON
RUDOLF LEONHARD
BAND 3
VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
DER MORD
AM POLIZEIAGENTEN BLAU
VON
EDUARD TRAUTNER
VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
EINBANDENTWURF
GEORG SALTER
BERLIN
Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
EINLEITUNG.
Der Fall des ermordeten Polizeispitzels Karl Blau interessiert nicht so sehr wegen der beteiligten Personen; selbst nicht wegen der des Ermordeten. Dieser scheint nach den in der Verhandlung vorgebrachten Bekundungen ein geistig unbedeutender und sittlich minderwertiger Mensch gewesen zu sein, den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit gefährlich machte; jene treten als Persönlichkeiten überhaupt nicht hervor: man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat, ob Statisten; denn man erkennt weniger Individuen, als Funktionäre unsichtbarer Strömungen und Bewegungen. Befangen und fast entselbstet sind sie schemenhaft undurchdringbar in Zusammenhängen und Herkunft: so wie die Tat – die zufällig sichtbar wurde aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht unwichtige Masche ist; nur eine Masche, die dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.
Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher, gleichartig farblos in den Persönlichkeiten und gleichartig undurchdringlich, morgen wie heute bekannt werden mag: – und dies berechtigt den Versuch, den Fall zu erörtern. Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar verborgen und übersehen, doch heute wie damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung; es ist die unterirdische Bewegung, die politisch unruhige Zeiten trägt; das vulkanische Rollen, das Revolutionen und Restaurationen vorausgeht, nachfolgt und sie begleitet.
– Je ferner und entrückter ein Ding ist, desto einfacher wird es, es klar zu betrachten, falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn: der Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag, dessen Oberflächen ihm keine Tiefen verbergen. Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft ihm ein knapp formuliertes Urteil – das Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren, die seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist. Wenn aber Liebe und Haß, Verzweiflung und Angst die Gemüter erregen, trübt sich der Blick, und: wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit und gezwungen ist sich und das Letzte einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne zu rasen ... muß es sein, um den Schritt ins Morgen zu wagen!
Nun war des letzten Dezenniums Ablauf so rasch und hat so brutal mit uns gehandelt, daß niemals das Heute Zeit ließ, an das Vorher zu denken. Natürlich wissen wir alle Viel und Zu-Vieles aus diesen Jahren; so viel, daß dessen Last uns ängstigte und nicht mehr tragbar war. Da setzten wir an Stelle der Wahrheit leicht benutzbare Urteile, nach ihrem Propagandawert ausgewählt! Und machten die Gegenwart uns dadurch erträglich ... Wir haben eine tote Vergangenheit; nicht etwa, daß sie leer wäre; nur: sie ward nie lebendig. Wir deckten unsere Erinnerungen mit unseren Formulierungen zu ... und eiferten uns in die Berechtigung unserer Ziele.
Doch, – die Schufte sind selten; häufiger sind schon die Hanswurste, und die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen erhebt berechtigten Anspruch darauf, für gute Bürger und gute Patrioten zu gelten. Und: man wird auf der ganzen Erde zusammen nicht so viel Mut finden, um nur ein Drittel eines Volkes zu den Verbrechern zu machen, die sie gegenseitig sich schimpfen. Wer also nicht bereit sein will, in politischen Dingen des Gegners nur Gemeinheit zu sehen und Niedertracht, muß das Bild all der Jahre wecken: ohne Betrachtung der politischen Lage der breiten Massen und ihrer Gestaltung unter dem Einfluß des Nachkrieges ist es unmöglich, dem Fall Blau gerecht zu werden – soweit überhaupt Möglichkeit ist, durch dieses Dunkel zu dringen, denn:
In der Aufklärung, wie der Prozeß sie gibt, sind die letzten Enden und Fäden verborgener Bestrebungen eben erkennbar; man sieht in der aufgerissenen Wunde zerfetzte Sehnen und weiß, daß im Lebenden, irgendwo hinter dem Sichtbaren, Wille sitzt und Gehirn. Aber es ist unmöglich, diesen Spuren zu folgen; eine Spanne weit sind sie zu ahnen, dann kommt das Uferlose. Die Ganzheit entzieht sich stumm und unfaßbar jeder Betrachtung.
DER BODEN.
Die Außenseiter.
Jede bisherige Art der menschlichen Gesellschaft fand im Urteile der Betrachter das eine Wort: daß sie schlecht sei und berechtigten Anforderungen nicht genüge. Der nächste Satz war, daß sie notdürftig funktioniere. Darüber hinaus zeigten sich die Verschiedenheiten, trennten sich die Wege: die einen betonten das Wort „funktionieren“, während die anderen das „notdürftig“ rot unterstrichen.
Ein Lebendiges sollte man nicht an Hand mechanischer Vorstellungen erörtern, – aber unsere Sprachen sind nach diesen und Mathematik geformt und für deren Bedürfnisse durchgebildet: So vergleicht man die Gesellschaft mit einer riesigen und sehr komplizierten Maschine.
Aber man muß sich erinnern, daß die Gesellschaft aus einer Unzahl Einzelmenschen mit persönlichem Schicksal besteht; und, daß sie nicht alle Menschen umfaßt: außerhalb stehen andere, die in anderen Gesellschaften organisiert sind, und solche, die kaum irgendwo zugehören. Es gibt mehrere solcher Maschinen, die sich berühren und in manchem durchdringen: es braucht schon Gewalt, um eine allein zu betrachten. Doch auch an der einzelnen ist nichts, was fest ist. Nicht nur, daß die Menschen altern, sich ändern, wechseln; auch die Gruppen von Menschen, die Teile der Maschine, wandeln sich in ihrer Struktur, ihrer Leistung und sogar ihrer Notwendigkeit für das Ganze. So ist auch dieses einer dauernden Umbildung unterworfen, die oftmals das Schwergewicht zwischen den einzelnen Sphären (z. B. Landwirtschaft, Wehrmacht, Geldwesen, Beamtentum usw.) verlagert und für immer verschiebt.
Die Mittelpunkte der Konsolidierung und Kristallisation sind selbständig und suchen vielfach unabhängig voneinander den Bau zu durchdringen; ein Ringen um die Hegemonie findet statt, und neben den Tendenzen, die auf Befestigung zielen, laufen Prozesse der Auflösung und der Rückbildung einher: Dies erfordert eine angemessene Beweglichkeit der einzelnen Elemente und bedingt besonders an den Berührungszonen der einzelnen Gebiete eine beträchtliche Lockerheit des Gefüges. Nur so kann der Organismus die starke Reibung dort und hier die lose Verknüpfung ertragen.
Wo immer man eine Bevölkerungsgruppe abtastet, wird man an ihren Grenzen finden, daß sie zerfasert und allmählich oder verzackt in andere Gruppen überfließt. Dort, an den Grenzschichten, findet man diese elastischen und beweglichen Elemente. Im Inneren der Gesellschaft füllen sie als Zwischenhändler, Kommissionäre usw. vorhandene Lücken aus und überbrücken sie; an den freien Außenflächen aber vermögen sie sich zu entfalten und blühen aus als Künstler, Gelehrte, Propheten, oder entwickeln sich zu Feinden und Verbrechern – je nachdem die Verhältnisse gelagert sind und je nach dem, was die bestehende Form mit diesen Gliedern anzufangen weiß, –: bis fortschreitende Entwicklung vielleicht gerade von diesen Zonen aus neue und umwälzende Mittelpunkte zur Geltung bringt.
Darum ist auch eine andere Betrachtung der Gesellschaft möglich: im Gegensatz zu den starren und durchkonstruierten Teilen der Maschine stellt jenes schmiegsame Milieu das Bewegliche, Gärende und so das Lebendige dar, das zeugt und stirbt. Man kann also das Geordnete als gegeben und nicht weiter anregend statistisch aufnehmen: in den Zwischenschichten aber das fruchtbare und fortbildende Element untersuchen: den Ausgangspunkt der Entwicklung – und vielleicht besteht der wesentliche Teil praktischer Innenpolitik im Versuch der Erkenntnis und richtigen Voraussicht, im Auffangen der so bedingten Verschiebungen. –
Der Sprachgebrauch wird diese abseits des stabilen Kreislaufs wirksamen Existenzen als Außenseiter bezeichnen. Der Außenseiter ist demnach kein aus der Bahn geschleudertes Individuum, sondern ein der Gesellschaft und jeder noch nicht verknöcherten Gesellschaft notwendiges Milieu. Zwangsläufig wird der einzelne in diese Schicht getrieben; zum Teil, weil er den benachbarten Stabilisierungstendenzen weniger geneigt und von ihnen abgedrängt wird, zum anderen Teil, weil die vorhandene Lücke von irgendwoher ihn ansaugt. Selbstverständlich wird eine gewisse Auslese der Charaktere stattfinden, aber ebenso sehr erwartet das Milieu den Menschen! Die Idee der Gesellschaft allein setzt schon als gegeben den Außenseiter; die Art ihres Aufbaues bedingt die Rolle, die er zu spielen hat, und so, wie sie der vorhandenen Lage entspricht, wird jener fördernd oder auflösend oder erneuernd wirken.
Aber, was stetig sich ändert, verschiebt und anpaßt, wird nie der Idee entsprechen; bestenfalls ist es ein Angleichen, das Reibungen, Härten und Stöße nicht ausschließt: sondern aushalten muß. Diese Erschütterungen möglichst bald abzufedern – im Interesse des Ganzen – ist nötig und die Wirklichkeit ist nicht wählerisch in den Mitteln.
Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke, die besteht und Erfüllung fordert; erst sekundär erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes für die weitere Gestaltung des Ganzen.
Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums ist die politische: von den überragenden Köpfen, die zwischen und über den Parteien und Völkern stehen, zu den vaterländischen Märtyrern und den Verbrechern, die mit Raub und Erpressung arbeiten, von da wieder zu den Fälschern, Schwindlern und politischen Hochstaplern sind schwebende Übergänge vorhanden. Diese Verhältnisse zu erörtern, wäre eine langwierige Arbeit für sich, die hier nicht in Betracht kommt.
Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919, und um diese Zeit (kurz nach dem Zusammenbruch und vor der Organisation und Politik der Geheimbünde) herrschten in Deutschland Zustände, die mit denen vor dem Krieg und entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft haben. Selbst heute hat sich schon so viel geändert, daß es am geratensten ist, das damalige Chaos und seine Entstehung zu schildern – auf die Gefahr hin, Bekanntes zu wiederholen.
Der Krieg.
Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines Dutzends sich hintereinander versteckender Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas an einen Abgrund gebracht, vor dem sie nicht mehr zu retten waren. Im August setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff alle Kreise der Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher Erregung, ein Gefühl der Befreiung und ein Drang, sich zu opfern.
Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang zu entziehen: solche, deren persönliche Welt vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer Seinsart verankert war: sie schwiegen damals, wie sie heute und immer tun; und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand vernommen. Solche, die aus überzeugter Gegnerschaft zum bestehenden System und seiner Politik protestierten: und diese wurden eingesperrt. Die anderen alle waren im Strom.
Alle! Und es ist unrecht, den heutigen Sozialisten, Internationalisten und Pazifisten vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre berechtigt, denen, die, ängstlich an Halme und Balken sich klammernd, in der Heimat verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn nachzutragen. Das ganze Volk war einig, die Atmosphäre war zu drückend gewesen, als daß sie nicht jeden ergriffen hätte!
Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit: Im Herbst bereits konnten Verständige sehen, daß der Krieg lange dauern würde und durch Siege allein nicht zu gewinnen war. Doch die Verständigen schwiegen und dienten: Man war Soldat (– und der Krieg wurde daran verloren, daß man zuviel Soldat war!).
Die großen Siege von 1915 und 16 rissen das Geschehen ins Grandiose; und verwischten den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse war so übermenschlich, daß die Möglichkeit einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte geopfert werden zu irgendeinem, zum möglichen Ziel: die Männer, die 1914 gebangt hatten vor der Schwere der übernommenen Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche sie rechtfertigen konnte: Siegfrieden; es mußte gesiegt sein, sonst war alles verloren! Schon das Zurück überlegen war ein Verbrechen und dessen Folgen mußten furchtbar sein! –
Wir
müssen siegen!
Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhr
große öffentliche Versammlung
im Harmoniesaale
Wir fordern:
Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!
Wir wollen:
den Frieden der Sicherheit,
den Frieden, der unserer Toten wert ist!
Wir verlangen:
Rückerstattung der Kriegskosten,
militärische und industrielle Sicherungen, besonders der Westfront,
koloniale Berichtigungen!
Wir fordern unsern Platz auf der Welt!
Durchhalten!
Aushalten!
Maul halten!
Wir müssen siegen!
Deutsche Vaterlandspartei.
Der Ortsvorstand.
Die Mehrheit der Bevölkerung, besonders die Truppe, trug den Krieg wie einen Beruf: sie wälzte Verantwortung auf die Höheren ab, erfüllte stumm ihre Pflicht und schonte sich nicht. Selbst in den Kreisen hinter der Front, die man nicht immer lobend erwähnte, blieb bei aller lokalen Verlottertheit kein Appell ohne Wirkung; man war nicht mehr begeistert, wie in jenem August; und mußte nicht unbedingt an der Spitze sein: doch war man jederzeit bereit, wenn nötig, das Letzte zu geben.
Es gab keine Außenseiter, es gab keine Beweglichkeit! Sicher, die Kriegswirtschaft arbeitete mit ungeheuren Verlusten und Spesen, aber sie funktionierte und – wenn man tausendmal manches hätte ändern und bessern können: ohne die Versteifung und Verstählung um einen einzigen Kern ging es nicht! Wenn nicht dieser ganze Staat eisern und ehern eine Maschine war, ohne Reibung und ohne Leerlauf nur Härte: dann war heiler Ausgang unmöglich.
Wenn er überhaupt möglich war! – Es ist für die Einheitlichkeit der nationalen Bewegung beweisend, daß Widerspruch gegen den Krieg erst dann weitere Kreise zog, als Männer an exponierten und orientierten Plätzen die Möglichkeit des Sieges verneinten und jedes weitere Opfern als unnütz und die Lage verschlimmernd zu erkennen glaubten; und hier fand der entscheidende Bruch in der Psyche während des Krieges statt: die einen sagten: „Wir können nicht zurück!“ und bissen die Zähne ineinander; die anderen fühlten: „Wir müssen zurück!“ und schwiegen; und warteten auf den besseren Augenblick. Beide fühlten sich schuldig.
1918.
Die Begeisterung jenes heißen Augusts war mit den Jahren ernster Gefaßtheit gewichen; 1918 wandelte sie sich in beengenden Druck. Man wußte, daß man nicht siegen konnte; man wußte, daß die leichten Möglichkeiten zum Frieden vorüber waren; man wußte, daß zuviel unwiederbringlich vorüber war und fühlte sich angstvoll und unfrei. Jedenfalls, die Verantwortlichen taten nichts, einen Ausweg zu finden: wie gelähmt folgten sie der Entwicklung, und selbst die erkannte Wahrheit vermochte keinen Entschluß zu reifen.
Und unverantwortlich waren nur die niedrigsten Gruppen: die einfachen Soldaten und die in der Kriegsindustrie zusammengepferchten Arbeiter, das hungernde Volk! Gerade die Masse dieser Unverantwortlichen – die gehorchte und litt im Vertrauen auf den Erfolg – gerade dieses Vertrauen forderte entscheidende Tat ... Aber man war schon zu weit! So hofften die einen auf allgemeine Zermürbung, die anderen bangten vor der erkannten Gefahr; beide hielten sich dadurch aufrecht, daß sie ihre individuelle Pflicht erfüllten.
Dabei war das System nur für den Sieg gebaut! Jede andere Lösung war unerträglich; das Letzte war auf die einzige Karte gesetzt! Die ganze Maschine des Staates war derart überkonstruiert und versteift, daß sie die geringste Abweichung weder ertragen, noch überstehen konnte; sie mußte springen. –
Man spricht von Unterwühlung der Front und nennt die paar Streiks, die paar Meutereien, nennt die wenigen Namen, die während des ganzen Krieges ungehört widersprochen hatten: man suche nicht Sündenböcke! Zuerst wollte, dann mußte man siegen; für den Fall, daß der Sieg ausbleiben würde, war nicht gesorgt ... und hätte man dafür gesorgt, dann war keine Aussicht, zu siegen. Es war eine Zwickmühle. Der Krieg war eben verloren und war dadurch verloren, daß er zu lange Möglichkeit zeigte, gewonnen zu werden.
Dies ist eine Tragik, kein persönliches Verschulden; und vor der Größe dieser Tragik wird alles belanglos, was man an Fehlern nach links und rechts aufdecken kann. Man erhebt als plausibelsten Vorwurf den: im Jahre 1918 selbst sei die Beilegung des Krieges so lange verzögert worden, bis man den Waffenstillstand in wenigen Stunden haben mußte.
Aber, während periphere (koloniale) Kriege im Verlustfalle gleichgültig sind, im Gewinnfalle höchstens mit der Krönung des siegreichen Feldherrn enden, enden zentrale (Erschöpfungs-) Kriege im Verlustfall mit dem Sturz des Systems. Um die bestehende Ordnung zu erhalten, mußten die verantwortlichen Leiter, als die Stützen und Träger des herrschenden Systems, alles versuchen, um den Krieg nicht offensichtlich zu verlieren. – Doch er war schon verloren!
Der November.
Im August waren die letzten Offensiven gescheitert; im September-Oktober erlahmte der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden aus, und in diesem höchsten Moment zeigt sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele Demokraten forderten die nationale Verteidigung, viele Nationalisten das sofortige Ende! Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich einigen konnten, erfolgte um sie herum der Zusammenbruch, ... in dem der Sturz der Monarchien kaum mehr vernommen wurde. Die überbeanspruchte Maschine zersprang an ihrem Mangel an Elastizität.
Heute nennt man es Revolution und rechnet es sich als Verdienst oder Schande; doch:
Revolutionen entbrennen in einem müden und untergrabenen System plötzlich, blutig und breiten erobernd sich über das Land aus. In diesem Falle krachte der ganze Mechanismus des Bestehenden in einem Augenblick völlig und überall zusammen. Über den Trümmern wehte keine Fahne, die vorwärts ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war nichts Schöpferisches und Freudiges da, nur Panik. Es war eben keine Revolution, es war einfach Zusammenbruch, Entsetzen und Chaos, débâcle.
So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung mechanisch vorzustellen, so schwer ist es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß innerhalb weniger Stunden und Tage durch das ganze Gebiet des Landes bis in den kleinsten Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden und flohen und jegliches Ruder ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern, wie die Entwicklung des Krieges sowohl den Unentwegten wie den Defaitisten ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein schlechtes Gewissen, das sie nicht froh werden ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz wenige nur besaßen den Patriotismus oder die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur Verfügung zu stellen und zur Rettung des Ganzen zu drängen. Die anderen verstummten und überließen das Feld der unendlichen Flut: den Arbeitern und Soldaten.
Diese, die bisher Unverantwortlichen, sahen plötzlich die Gesamtheit des Vorhandenen in ihrem Bereich; doch anstatt darüber herzufallen, erkannten sie eine Verpflichtung und versuchten, ihr Folge zu leisten.
Die Patrioten.
Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach dem urteilen, was geschrien und geschrieben wird; man muß nach den Tatsachen fragen: es wurden Arbeiter- und Bauern-, Bürger- und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet, die – zu erhalten suchten!
Wenn ein ausgehungertes und entnervtes Volk zusammenbricht, erwartet man Plünderung und Zerstörung. Selbstverständlich wurde geplündert; aber zerstört wurde fast nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer die Räte: man wollte erhalten. Leicht ist es heute, über den Wust unnützer Debatten und wirkungsloser Beschlüsse zu lachen: die Leute, die damals sich Mühe gaben, waren sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten und versuchten, möglichst vieles zu retten. Daran ändern Zitate nichts und nichts Geringschätzung, denn sie haben’s geschafft. Als alle bis dahin bestehende Ordnung zerbrach, vermochten sie es, den Bestand zu erhalten. Aber weiter vermochten sie nichts.
Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räte einschneidende Maßnahmen zu umgehen suchten, Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende Versammlung, und solcherart selbst ihre Wirksamkeit als vorübergehende und rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren sie in diesen Wochen die einzige vollziehende und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich, mit welcher Sorgfalt dies zu Boden geschmetterte Volk sich zu bewahren suchte, – es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang in diesem Volke vorhanden gewesen sein – der kleinste Anstoß müßte genügt haben, das ganze Feld zu entflammen! –
Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten klug war; viele werden behaupten, daß eine schmerzliche Operation besser ist als eine lange Krankheit – und, wenn man bedenkt, daß heute (1924) die Herstellung des Friedens noch nicht gelungen ist, mag man noch mehr mit dem Urteil zögern. Trotzdem bleibt die Art, wie diese Männer die Liquidation dieses Krieges und die Erhaltung des toten Bestandes fertiggebracht haben, ein Phänomen der Geschichte.
Ihr Verdienst wird nicht dadurch geschmälert, daß ihnen die Errichtung einer neuen Staatsmaschine mißlang; denn die Auflösung des alten Systems war derart völlig und katastrophal, daß weder in Handel noch in Produktion, weder in Verwaltung noch in den Gebieten der öffentlichen Sicherheit irgendwelche leistungsfähige Organisation verschont war. Es mußte alles neu aufgebaut werden.
Die Gegner.
In den Novembertagen gab es eigentlich nur mehr Einzelne und zufällige Anhäufungen von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen Anhäufungen (dem Heer und den Arbeitermassen in den Betrieben) baute sich die erste Struktur auf. Es entstanden Richtlinien und damit die Schwierigkeit des Richtens: jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand des desorganisierten Einzelnen überwunden werden.
Doch darüber hinaus gaben die neuen Richtlinien zu Widerspruch Anlaß: die einen versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform zu erhalten, so doch die Macht den Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben. Die anderen wollten, wenn man schon aufbaut, einen von Grund aus neuen und verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig war, vorher noch mehr zu zerstören. Beide warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit des feilschenden Maklers vor, die Angst um den billigsten Mittelweg.
Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichen sein: aber in einem Trümmerfeld darf man nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar der Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man muß auch bedenken, daß die rivalisierenden Kräfte sich gegeneinander organisierten und Tag um Tag die Möglichkeit sahen, sich durch Gewalt in den Besitz der wenigen Herrschaft zu setzen, die da war. Was die Arbeit und das Erbe der Räte bedeutsam macht, ist, daß es sich bis heute erhielt und durchsetzte; nicht: daß damals schon vorhanden war, was es ausgezeichnet hätte.
Drei feindliche Richtungen bekriegten sich auf einem Meere von Unordnung. Aber man darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht überschätzen; die Richtungen selbst haben sich erst allmählich gefestigt und durchgesetzt.
Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel zu bringen: Jeder sein eigener Patriot; nach seinen Kräften. Wer einen Mund hatte, brüllte; wer eine Faust hatte, schlug. Der Besitz eines Maschinengewehrs war mehr wert als der einer Überzeugung; und, da die Verständigen ohnmächtig und ratlos verstummten, hatten’s die Dummköpfe leicht, laut zu sein. Sie fühlten sich sogar dazu berufen und angestellt.
In solchem Zustand wiegen die Köpfe nicht, da gilt ein Temperament alles, und die Temperamente kamen:
Die Unruhigen: Abenteurer, Wichtigtuer, Projektemacher, Querulanten; Die Phantasten: Fanatiker, Propheten, Halbirre, Ekstatiker; Die Schmarotzer: Intriganten, Hanswurste, Schmeichler, Faulenzer: eine wogende Masse, die brodelnd aufgerührt wurde und haltlos hin- und herschlug. Dazu kam die Unzahl derer, die aus Trägheit oder Gelegenheit leichtem Unterhalt nachging und dem nächsten sich anschloß; und endlich der unzuverlässigste unter allen Machtfaktoren innerpolitischer Auseinandersetzung: die, deren Stellungnahme in einer Stunde wechselt und unvorhergesehen entscheiden kann; die Legion derer, die ihrer Art nach Soldaten sind und gehorchen und siegen wollen, das Heer!
Drei hauptsächliche Richtungen, eine Anzahl Querköpfe auf eigene Faust, eine Unzahl von Mitläufern und ein desorganisiertes Heer: das waren die Figuren des damaligen politischen Spieles – abgesehen von ein paar Führern und ihrem organisierten Anhang unverantwortliche Außenseiter, wucherndes Fleisch, dessen Aufsaugung der Republik bis heute nicht gelang.
Der Bürgerkrieg.
Seit 1919 lebt Deutschland im Bürgerkrieg. Daß immer mehrere sich zusammentaten, um den anderen zu schlagen, und, daß die Republik immer bei den mehreren war und so anscheinend erstarkte, ändert nichts an der Sache. Ebensowenig die Feststellung, daß nicht an jedem Tage an jedem Orte geschossen wurde. Denn: wer alle Schießereien, Morde, Prozesse aneinanderreiht, erhält trotzdem einen ununterbrochenen Kriegsbericht, der es mit irgendeinem historischen Krieg aufnehmen kann.
Offiziere der
7. Kavalleriedivision!
center.u Für Recht! Für Gesetz! Für Ordnung!
Setzt euch in Beziehung mit euren Kameraden
fürs Vaterland!!!
Der Bürgerkrieg wird von mehreren, äußerlich kaum unterscheidbaren Teilen eines Volkes geführt; von Leuten, die Mut haben und von ihrem Recht überzeugt sind. Sie halten die Anderen für Schufte, Verräter und Verbrecher: weil nur dieses Urteil den Totschlag von Volksgenossen verantworten kann. Der Rest der Bevölkerung versucht ängstlich seinen Besitz zu wahren, und sei es auf Kosten der Nachbarn oder des Ganzen – um morgen vielleicht doch arm zu sein. Politische und wirtschaftliche Zerrüttung: die Ereignisse der letzten Jahre bestätigen das.
Die Tatsache, daß der Feind äußerlich nicht erkennbar und räumlich nicht getrennt ist, schafft eine Atmosphäre des Mißtrauens und der Unsicherheit, die zugleich mit der Verachtung des Gegners die Schärfe des Kampfes und seine Brutalität erklärt. Dazu kommt, daß die Lage in Deutschland die Folge eines Zusammenbruchs ist. Die ganze vorher geschilderte brodelnde Masse schiebt sich hinter und zwischen die Parteien und derselbe Zusammenbruch, der jenes unorganisierte Milieu schuf, zwingt die Parteien, sich seiner zu bedienen; und es wird Träger der Politik und ihrer Bestrebungen. Das Verantwortungslose ruft sich aus zum System.
Der Spitzel.
Für den Naiven besteht die Historie aus Schlachten und Morden: Dingen, die mit Krawall in die Welt gesetzt werden und durch ihren Krach überzeugen. Die Erinnerung des großen Krieges zeigt, daß Leisetreten auch wirksam ist: daß Aufklärung und Propaganda, Kredite, Fehler des Gegners, nicht zuletzt Ideen und Lügen das Schicksal der Völker entscheidend zu beeinflussen vermögen; das Hinter- und Unter-der-Front ergibt erst die Strategie.
– Jeder Staat und jede Partei verfügt über Nachrichten- und Propagandadienst, hat Interesse für Verrat und Provokation. In normalen Zeiten verwendet man dazu möglichst ausgesuchte Leute, die mit aktiver Spionage arbeiten oder mit bezahltem Verrat; eventuell über Mittelmänner. Die Zwischenschicht des Spitzels ist, wie bei jeder stabilisierten Gesellschaft die Zwischenschichten, dünn und einflußlos. Von dem seltenen Spion aus Vaterlandsliebe und Opferwillen abgesehen gibt es eine kleine Clique von Internationalen, unter denen echte und falsche Nachrichten für mehr oder weniger Geld käuflich sind.
Diese kommt für den Bürgerkrieg kaum in Betracht: der Boden ist heiß und die Chancen sind gering. Außerdem sind die Erfordernisse ganz andere. In der ruhigen Politik handelt es sich meist darum, Geheimnisse und Geheimgehaltenes zu erfahren oder zu verbergen: Arbeiten, die auf lange Sicht unternommen werden. Hier aber schafft jeder Tag neue Situationen. Zuerst sind schon die Parteien nicht fest orientiert; Gruppen und Grüppchen bilden sich, lösen sich auf; viele handeln auf eigene Faust: und es ist schwer, orientiert zu sein, was von Belang ist. Zudem stehen hinter den Leuten Waffen, die nicht in Jahren, sondern morgen schon losgehen können. Das schafft eine Erregung, in der jeder geordnete Nachrichtendienst versagt; da erwacht das Gerücht in seiner gefährlichen Unkontrollierbarkeit.
Genossen! Vorsicht!
Spitzel!
1,67 groß, untersetzt, beweglich; aschblondes Haar, dto. Schnurrbart, Rundschädel, starke Backenknochen, eher Stupsnase, unruhige graubraune Augen, schlechtes Gebiß, im Oberkiefer einige Zähne fehlend.
Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;
Namen wechselnd.
Spitzel!
Genossen! Vorsicht!
Jedes Ohr neigt jedem Mund sich zum Horchen. Jeder, der mit Leuten verschiedener Parteien verkehrt, kann in die Lage des Zwischenträgers und seine Not kommen. Es ist eine ununterbrochene Skala von den Plauderern zu den Bezahlten, von den Gutgläubigen bis zu den beauftragten Provokateuren.
Wo Spitzel sind, da herrscht Spitzelangst; da alle Wasser trüb sind, fischt man mit groben Netzen: Aushorchen, Erpressung, Verhaftungen und Mißhandlungen, Haussuchung, Raub und Mord sind die Mittel, und ein Heer von Zwischenträgern und Achtgroschenjungs lebt davon; der Feind macht’s ebenso, und nun werden Verräter entlarvt, wird über Verbrechen und Provokation gestritten, Urheberschaft sich in die Schuhe geschoben und sich beschimpft: bis kein Mensch mehr weiß, wer was wirklich veranlaßt hat. Berufsmäßiges Verbrechen mischt sich ein; Desordre – und jeder schwört auf seine Meinung wie zuvor.
Nach der Psychologie dieses Spitzels zu fragen ist müßig. Sie ist zu verschieden; selbst die Bezahlten sind in keiner Weise ein Typ. Sie kommen durch Zufall zu diesem Erwerb, und einmal im Zuge, gleiten sie weiter; sie nehmen das Geld, oft von beiden Seiten, und haben meist gar nicht vor, dafür Arbeit zu leisten; es wird gelogen, gedichtet und provoziert: wahllos und ohne Hemmungen – wie es eben geglaubt, gewünscht und bestellt wird. Alles an diesen Leuten ist falsch; sie kennen nicht Freund noch Feind; nur Betrogene – und wahrscheinlich ohne darüber klar zu sein: ein zerstörender Zustand der Demoralisation. Bei dem vielleicht viele nicht wissen, wie sehr sie daran Anteil haben.
Denn es ist unrichtig, einzig dem Zusammenbruch und der dadurch bedingten Verwirrung die Schuld zu geben. Die Verantwortung liegt viel mehr bei denen, die – anstatt mit allen Mitteln gegen das verwahrloste Außenseitertum einzuschreiten – sich nicht scheuten gerade die minderwertigsten Elemente für ihren Zweck zu engagieren; sie liegt bei denen, die den Lockspitzel anstellten und ihn bezahlten.
Der vorliegende Fall wird genügend Einblick in diese Zustände geben!
DIE ANKLAGE.
Vorgeschichte.
Am 7. August 1919, vormittags 9 Uhr, wurde vor dem Hause Königin-Augusta-Straße 31 zu Berlin eine männliche Leiche aus dem Landwehrkanal geborgen; der Körper war bis auf Schuhe und Hut völlig bekleidet; die Beine waren in eine um die Knie verknotete graue Decke gewickelt; eine hanfene Waschleine verband beide Knie und hielt sie an den Hals gezogen, wo sie in einer Schlinge endete; die Arme waren frei. – Der Gerichtsarzt nahm Selbstmord an.
In der Tasche des Toten wurde ein Gepäckschein, auf den Anhalter Bahnhof lautend, gefunden; die Koffer wurden abgeholt: deren Durchsicht ergab Papiere, die auf den landwirtschaftlichen Inspektor Karl Blau ausgestellt waren.
Dieser Mann war der Polizei als politischer Spitzel persönlich bekannt; die Leiche wurde identifiziert. Aber gerade die Beschäftigung des Toten mußte die Möglichkeit eines Verbrechens nahelegen. Nachuntersuchung wurde angeordnet.
Gerichtschemiker Dr. Brüning führte sie aus; ihm erschien die Halsschlaufe zu weit, das Fehlen der Schuhe nicht selbstverständlich; ohne sich zu entscheiden, wollte er gewaltsamen Tod nicht ausschließen.
– Es dauerte mehrere Wochen, bis ein Resultat weiterer Nachforschungen bekannt wurde. Die Nachtzeitung (Nr. 200 der Deutschen Abendzeitung, 6. Jahrg.) brachte am 27. August 1919 folgende Meldung:
Der Mörder des Inspektors Blau verhaftet.
Wie uns aus Königsberg gemeldet wird, wurde dort der Landarbeiter Max Leuschner aus Berlin, der als einer der Hauptbeteiligten an dem politischen Morde des Inspektors Blau in Betracht kommt, von der Königsberger Kriminalpolizei in der Wohnung des Kommunisten Lang, wo er sich unter falschem Namen verborgen hielt, verhaftet.
Andere Nachrichten folgten:
B. Z. am Mittag, Nr. 195, am Freitag, 29. August 1919:
Die Mordaffäre Blau.
Der als Haupttäter an der Ermordung des Landwirtschaftsinspektors Blau verdächtige, in Königsberg festgenommene Lederarbeiter Leuschner ist von den Berliner Kriminalbeamten, die die Verhaftung bewirkten, nach Berlin gebracht worden. Im Polizeipräsidium wurde heute mit dem Verhör Leuschners begonnen. Die beiden Kriminalkommissare Trettin und Dr. Riemann sind mit der Ermittelung dieses Falles betraut worden. Leuschner gibt zu, daß er unter falschem Namen in Königsberg gewohnt hat. Er sei von Berlin aus nach Königsberg gegangen, habe dort bei einem Gesinnungsgenossen Unterschlupf gefunden und auf die Gelegenheit gewartet, nach Russland durchzukommen. Er gibt auch zu, die Versammlung, die am 1. August in der Mittenwalder Straße in Berlin stattgefunden hat, geleitet zu haben. Dabei habe er den Blau nach seinen Papieren gefragt und diese geprüft. Die Vernehmung ist zur Stunde noch nicht abgeschlossen.
Freiheit, Nr. 432, am Montag, 8. September 1919:
Der Tod des Inspektors Blau.
Darüber berichtet eine Lokalkorrespondenz: Der Lederarbeiter Max Leuschner wurde gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Er wird der Anstiftung zur Ermordung Blaus beschuldigt. Leuschner erklärte, daß er von der Tat nichts wisse und auch über die Täter nichts sagen könne, doch hat die Untersuchung ergeben, daß er als Versammlungsleiter den Befehl erteilt hat, Blau umzubringen. Er gibt an, daß ihm an dem Abend in der Versammlung aufgefallen sei, daß Blau zwei Finger der rechten Hand fehlten. Als er nun in der Zeitung gelesen habe, daß im Landwehrkanal die zusammengeschnürte Leiche eines zunächst unbekannten Mannes gelandet worden sei, dem die beiden Finger fehlten, habe er sich gleich gesagt, daß es sich um Blau handeln müsse. Nun packte ihn die Angst. Wie er selbst sagt, sah er sich schon in Untersuchungshaft und traf sofort Vorbereitungen zur Flucht. Er fuhr nach Königsberg, um dort auf Papiere zu warten, die ihm die kommunistische Zentrale zusenden und die ihm ermöglichen sollten, über die Grenze nach Rußland zu fliehen. Die hiesige Kriminalpolizei hatte jedoch seine Spur verfolgt, seinen Aufenthalt in Königsberg ermittelt und die dortige Kriminalpolizei aufmerksam gemacht, die ihn dann festnahm, bevor er noch seinen Plan verwirklicht hatte. Der Plan, berichtet weiter die Korrespondenz, Blau umzubringen, ist, wie die Feststellungen der Kriminalpolizei ergeben haben, in München gefaßt worden. Zuerst wollten die Spartakisten den ihnen lästigen Spitzel nach Wien locken und ihn dort beiseite schaffen. Schließlich entschied man sich aber für Berlin. Der 27 Jahre alte, aus Hötensleben gebürtige Möbelzeichner Franz Herm lockte Blau von München nach Berlin und führte ihn in die Versammlung, in der sein Tod beschlossen wurde. In dem dringenden Verdacht, das Todesurteil vollstreckt zu haben, steht der 22 Jahre alte, aus Arnswalde gebürtige Schlächtergeselle Hermann Dahms, der zuletzt in Berlin wohnhaft war und ebenso wie Herm flüchtig ist. Auf beide wird jetzt eifrig gefahndet, doch gelang es bisher noch nicht, ihren Aufenthalt zu ermitteln.
Es verlautbarte noch, daß Leuschner in Ostpreußen sich durch unvorsichtige Äußerungen auffällig gemacht und dadurch die Verhaftung ermöglicht hatte.
Das Ergebnis vierwöchiger Ermittlung war demnach folgendes:
1. die Identifizierung der Leiche und die Erkennung des Todesfalls als Verbrechen,
2. die Verhaftung eines Mannes, der mit Blau in Beziehung stand und Anlaß zu haben schien, diese Tatsache zu verheimlichen.
Die Umgebung, in der die Ereignisse dieses Prozesses spielen, bringt es mit sich, daß jede Aussage zweifelhaft wird. Schon ist es fast unmöglich, Beteiligte und Zuschauer scharf zu trennen, noch schwerer scheint es, den Wahrheitsgehalt einer Mitteilung klar zu bekommen; unvermeidlich wird man in Voreingenommenheit und Konstruktion verfallen.
Es ist nun leichter, einen Standpunkt als Standpunkt zu wechseln, als in der Dauer schwieriger Diskussionen alle Parteilichkeit zu vermeiden: es ergreife also der Staatsanwalt das Wort.
Der Ablauf eines Schwurgerichtsverfahrens bis zur Verhandlung ist etwa folgender:
Zuerst erfolgen Nachforschungen der Kriminalpolizei und Feststellung verdächtiger Personen. Die Schwere der Beschuldigung wie der belastenden Anzeichen und die Wahrscheinlichkeit der Flucht oder Verdunklung bedingen den vorläufigen Haftbefehl.
Die körperliche Folter ist der modernen Gerichtsbarkeit nicht gestattet; falls man nicht die endlos sich dehnende Untersuchungshaft mit ihrer oft völligen Absperrung, die Tage und Nächte währenden Befragungen mit ihren Bluffs und Tricks für solche halten mag. Denn das Prinzip der Untersuchung ist sich natürlich gleichgeblieben: hat man erst einen, der sicher wenigstens etwas weiß, so läßt man ihn erst, wenn er sichtlich alles gestand. Bald oder später, einmal wird jeder mürbe.
So addieren sich zu neuen Tatsachen Geständnisse, deren Auswertung wieder Tatsachen fördert; bis ein zweiter Beteiligter festgestellt ist, ein dritter, und schließlich das Bild der Geschehnisse sich entschleiern läßt.
Das Resultat dieser Ermittlungen wird in der Anklageschrift zusammengefaßt und dem Beschuldigten zugestellt, dessen Anwalt in einer Schutzschrift dazu Stellung nimmt.
Nach Maßgabe der in beiden Ausführungen niedergelegten Beweiskraft entscheidet das Gericht (die Strafkammer des Landgerichts) in nichtöffentlicher Verhandlung über die Eröffnung des Hauptverfahrens. Der Beschluß wird abermals allen Beteiligten zugestellt. Sobald die Untersuchung zu einem vorläufigen oder endgültigen Abschluß gelangt ist, wird die Verhandlung über die festgestellten Reate anberaumt. Erst in der Verhandlung treten die Geschworenen auf; bis dahin läuft der Gerichtsweg zwischen Staatsanwalt, Beschuldigtem, Verteidiger und den von Amt bestimmten Richtern.
Bei allen Eingaben ist die
nachstehende Geschäftsnummer
anzugeben.
Geschäftsnummer:
2 c J. 2691. 19 155.
In der Strafsache
gegen Fichtmann und Gen.
wegen Mordes
wird Ihnen die Anklageschrift in der Anlage mitgeteilt. Für den Fall, daß Sie die Vornahme einzelner Beweiserhebungen vor der Hauptverhandlung beantragen oder Einwendungen gegen die Eröffnung des Hauptverfahrens vorbringen wollen, werden Sie aufgefordert, Ihre Anträge oder Einwendungen innerhalb einer Frist von 5 Tagen entweder schriftlich einzureichen oder zum Protokolle des Gerichtsschreibers zu erklären.
Die Rechtsanwälte Liebknecht, N 4, Chausseestr. 121 und Dr. Weinberg, C 2, Klosterstr. 65, sind von Ihnen zu Verteidigern gewählt worden.
Berlin, den 27. Mai 1920.
NW 52, Turmstr. 93.
Das Landgericht II Strafkammer 5.
Der Vorsitzende
gez. Scheringer.
Beglaubigt
Nogolin, Rechnungsrat,
als Gerichtsschreiber.
Der Erste Staatsanwalt
beim Landgericht II.
2 c. J. 2691/19
151
Berlin, den 25. Mai 1920.
NW 52, Rathenower Str. 70.
Haft- und Schwurgerichtssache!
Anklage.
Bd. VI
Bl. 95 1. Der Lederarbeiter (Schankwirt) Max Fichtmann aus Berlin, Parochialstraße 35, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. d. H. in Sachen 67 J. 2899/19 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft, geboren am 22. November 1899 Berlin, mosaisch, unverheiratet, vorbestraft (Strafregisterauszug folgt),
Bd. V
Bl. 89, 111 2. der Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin Hoppe aus Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geboren 1. April 1899 Berlin, religionslos, unverheiratet, bestraft (neuer Strafregisterauszug folgt),
Bd. V
Bl. 98, 109 3. der Schneidergeselle Willi Winkler aus Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geboren 16. September 1899 Berlin, evangelisch, unverheiratet, angeblich unbestraft (neuer Strafregisterauszug folgt),
werden angeklagt, zu Berlin zu Anfang August 1919
a) Fichtmann und Hoppe gemeinschaftlich mit anderen den Inspektor Karl Blau vorsätzlich getötet und diese Tötung mit Überlegung ausgeführt zu haben,
b) Winkler den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe und den anderen Mittätern bei Begehung des Verbrechens des Mordes zu a) durch Rat oder Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben, – Verbrechen gegen §§ 211, 47, 49 Strafgesetzbuch.
An
das Landgericht II,
Schwurgericht, hier
Bd. II
Bl. 3, 6 Am Dienstag, dem 7. August 1919, vormittags 9 Uhr wurde vor dem Hause Königin-Augusta-Straße 31 die Leiche des landwirtschaftlichen Inspektors Karl Blau, geboren am 13. November 1891 Erfurt, zuletzt in Charlottenburg, Bayreuther Straße 10, aus dem Landwehrkanal gezogen. Der untere Körperteil war mit einer grauen wollenen Schlafdecke umhüllt, die unter den Knien zusammengeschlungen war. Die Leiche war mit einem Hanfstrick (in Waschleinenstärke) derart zusammengebunden, daß der Hals in einer Schlinge lag und die Knie bis zur Brust heraufgezogen waren. Der Tote war bekleidet; es fehlten nur Schuhe und Kopfbedeckung. Die Leichenöffnung ergab keine bestimmte Bd. I
Bl. 7 Bd. II
Bl. 6, 87 Bd. II
Bl. 86, 138 Todesursache. Die Ärzte sprachen sich dahin aus, daß der Verstorbene seinen Tod wahrscheinlich durch Zuschnüren des Halses gefunden hat. Der Sachverständige Dr. Brüning, der die bei dem Toten gefundenen Sachen (Strick, Kragen, Krawatte, Jackett, Weste, Hose, Hosenträger, Hemd, Unterhose, Vorhemd, Taschentuch, Decke) untersucht hat, konnte ebenfalls nicht feststellen, ob Mord oder Selbstmord vorlag, erklärte aber, daß gegen letzteren eine Anzahl von Momenten spreche, so insbesondere die Art der Verknotung, die Schlaufen und die Weite der Halsschlaufe. Die fortgesetzten Ermittelungen erbrachten die Gewißheit, daß Blau ermordet und daß diese Tat von kommunistisch-terroristischer Seite planmäßig ausgeführt worden war.
Blau hatte in München in Kommunistenkreisen als Spitzel verkehrt, insbesondere auch mit dem Möbelzeichner Franz Herm aus Hötensleben. Als die Kommunisten die Spitzeltätigkeit des Blau entdeckt hatten, war von ihnen seine gewaltsame Beseitigung beschlossen worden. Herm war offenbar dazu bestimmt worden, dieserhalb das Weitere zu veranlassen, insbesondere Blau nach Berlin zu bringen und ihn dann ermorden Bd. I
Bl. 29 v, 35 zu lassen. Herm hatte sich dem Zeugen Schreiber und der Frau Baumeister gegenüber schon vor Antritt der Reise in diesem Sinne geäußert. Am Abend des 29. Juli 1919 fuhren Bd. I
Bl. 29 v Herm, Blau, Schreiber und ein angeblicher Schuster von München ab. Die Reise ging zunächst nur bis Magdeburg, wo Herm wahrscheinlich die dortigen Kommunistenkreise in den Mordplan einweihte. In Magdeburg trennten sich die vier. Schreiber fuhr am 31. Juli 1919 Bd. I
Bl. 31 mittags über Schöningen nach Hötensleben zu den Eltern des Herm, wo er dessen Rückkehr aus Berlin abwarten sollte. Blau, der unterwegs von Schreiber gehört hatte, daß man ihn als Spitzel entlarvt und geplant hätte, ihn von Berlin nach Wien zu bringen und dort zu ermorden, dieser Nachricht aber keine allzu große Bedeutung beigemessen zu haben scheint, fuhr am Vormittage des 31. Juli 1919 von Magdeburg mit dem Zug nach Halle ab. In Halle wollten sich Herm, der nachkommen wollte, und Blau noch am selben Tage im Wartesaal II. Klasse treffen und von dort aus dann gemeinschaftlich nach Berlin Bd. V
Bl. 38 v f. fahren. Blau scheint, bevor er nach Halle kam, noch vorher in Sangerhausen gewesen zu sein. Wie der Zeuge Mahlig bekundet, hat Blau Ende Juli oder am 1. August 1919 bei ihm in Sangerhausen vorgesprochen. Er hat ihm von seinen politischen Reisen und Taten erzählt und auch erwähnt, daß man ihm von der gegnerischen Seite nach dem Leben trachte, und daß es bei ihm auf Leben und Tod gehe, daß er wieder eine große Sache vorhätte und er ein gemachter Mann wäre, wenn diese ihm glückte. Blau und Herm scheinen sich dann auch in Halle getroffen zu haben und von dort nach Berlin gefahren zu sein. Daß Herm in Berlin war, geht aus der Aussage des Zeugen Schreiber und seinem Briefe Bd. I
Bl. 31 v Bd. III
Bl. 19 e Abschriften
Bd. I
Bl. 50 Bd. III
Bl. 7 an die Kaltenhauser vom 3. August 1919 hervor. Wie Schreiber bekundet, ist Herm am 2. August 1919 abends sehr aufgeregt und bleich in Hötensleben erschienen. Er sagte, daß er direkt aus Berlin käme und entgegnete auf die Frage des Schreiber, wo Blau sei, daß für Blau bereits gesorgt sei, er (Schreiber) werde über Blau das Nähere noch früh genug erfahren. Weiteren Fragen über Blau wich Herm jedesmal aus, erwähnte aber doch einmal, daß er von München Bd. I
Bl. 33 aus die Berliner Genossen verständigt hatte, daß er mit Blau nach Berlin kommen würde.
In dem Briefe vom 3. August 1919 schrieb er von Hötensleben an die Kaltenhauser in München folgendes:
Bd. III
Bl. 19 e „Werte Genossin Kaltenhauser! Hoffentlich treffen Sie diese Zeilen bei gutem Befinden an. Ich bin gestern gut angekommen. Den Spitzel Blau habe ich, da ich nicht anders konnte, von München mit fortgenommen und unterwegs besorgt. Er wird so bald nicht wieder in München auftauchen. Ich hatte noch einen Ausweis bei ihm gesehen, nach welchem er für die Fahndungsabteilung in München arbeitet. Dieser Ausweis war am 23. Juli ausgestellt und mit einem Polizeistempel versehen. Der Fall B. hat mir zirka 200 Mark gekostet. Hier in Magdeburg bei der K. P. D. war ein Meyer, welcher von der K. P. D. beauftragt sein will, nach Schuhmann zu suchen. Der Mensch ist nach der Beschreibung der von mir kaltgestellte Dr. Frey (Franz?) aus Zürich, ich nehme an, daß er ein Spitzel ist. Freundlichen Gruß an Genossen Blumenfeld, ich habe die beiden gut untergebracht. Papiere treffen in den nächsten Tagen ein. Grüßen Sie den Genossen Weber bei Corl, ich habe seinen Bruder getroffen, es geht ihm gut, er wird mich besuchen. Wenn Blumenfeld noch einige dort hat, kann er sie in 14 Tagen zu mir senden. Herr Kämpfer soll seine Revolutionen machen, die sich mit dem Gesetz vereinbaren lassen (komisch?). Also seien Sie und Ihre Tochter und Schwester recht herzlich von mir gegrüßt, Ihr Franz Herm. Freundlichen Gruß an die Bekannten.“ Diesen Brief gab Bd. I
Bl. 31 v Herm dem Schreiber mit der Bitte, daß er ihn sofort als Eilbrief und eingeschrieben zur Post nach Hötensleben bringen sollte. Als Quittung über die Abgabe des Briefes auf der Post sollte Schreiber ihm den Postschein bringen. Da Schreiber ahnte, daß in dem Briefe etwas Wichtiges stünde, nahm er ein anderes Kuvert und schrieb die Adresse der Kaltenhauser darauf. In das Kuvert legte er einen leeren Briefbogen und gab es dann zur Post. Den Postschein gab er dem Herm. Den Brief des Herm an die Kaltenhauser gab er nicht auf. Als Herm später in der Zeitung von der Auffindung der Leiche Bd. I
Bl. 38 des Blau las, freute er sich darüber, daß man bei Blau einen Selbstmord vermutete. Da in der Zeitung auch stand, daß für die Aufklärung im Falle einer Ermordung des Blau 5000 Mark ausgesetzt seien, sagte Herm noch zu Schreiber, daß er ihn hoffentlich wegen der 5000 Mark nicht verraten würde. Um Herm vollständig sicher zu machen, klopfte Schreiber ihm auf die Schulter und sagte, er sei auch zufrieden, daß so ein Lump von der Bildfläche verschwinde. Unmittelbar im Anschluß an das Lesen der Zeitungsnotiz gab Herm dem Schreiber den Auftrag, sofort nach Braunschweig zum Büro der K. P. D. zu fahren und dort darauf zu dringen, daß die schriftlichen Aufzeichnungen des Herm vor seinen, Schreibers, Augen vernichtet würden. Schreiber fuhr auch nach Braunschweig, hörte dort aber, daß die schriftlichen Angaben des Herm über Blau dort bereits vernichtet wären, nachdem man die Ermordung des Blau in der Zeitung gelesen hatte. Als Schreiber nach Hötensleben zurückkehrte, erfuhr er von dem Bruder des Herm, daß letzterer nach München gefahren sei, um seinen an die Kaltenhauser gerichteten Brief vom 3. August 1919 in die Hände zu bekommen und zu vernichten. Am nächsten Tage (12. August 1919) fuhr Schreiber nach Magdeburg zum Büro der K. P. D., trug den ihm schon vorher erteilten Auftrag des Herm, seine Aufzeichnungen über Blau zu vernichten, vor und sah auch, daß demgemäß die Aufzeichnungen zerrissen und verbrannt wurden. Vom Büro der K. P. D. ging Schreiber in das Büro der U. S. P. D. zu Peters. Von diesem hörte er, daß er die Aufzeichnung über Blau bereits beim Lesen der Zeitungsnachrichten über den Fall Bd. I
Bl. 32 v
33 Blau vernichtet hätte. Als Schreiber von Magdeburg nach Hötensleben zurückgekehrt war, konnte er sich dort nicht mehr länger aufhalten, da er seines Lebens dort nicht mehr sicher war und von Genossen, die wahrscheinlich von Herm nach Entdeckung der Briefunterschlagung gedungen waren, um ihn als wichtigen Belastungszeugen zu beseitigen, dieserhalb gesucht wurde. Es gelang dem Schreiber aber, den ihn verfolgenden und auf ihn schießenden Genossen zu entkommen.
Bd. II
Bl. 25 Blau wollte am Nachmittage des 1. August 1919 seine in Charlottenburg, Bayreuther Straße 19, wohnende Ehefrau besuchen, erfuhr aber von der Portierfrau Nowak, daß diese nicht zu Hause war. Am Abend desselben Tages suchte Blau die kommunistische Versammlung, die in der Aula des Friedrichs-Realgymnasiums in Berlin, Mittenwalder Straße 34, stattfand und von Leuschner, dem Vorsteher des 3. Bezirks der K. P. D., geleitet wurde, auf. Ob er allein oder mit anderen, insbesondere mit Herm dorthin gegangen ist, konnte bisher nicht festgestellt werden. Nach Lage der Sache ist aber anzunehmen, daß er mit Herm oder jedenfalls auf dessen Veranlassung in die Versammlung gegangen ist. Schon in der Versammlung wurde Blau von einem Teil der anwesenden Genossen zur Rede gestellt. Dies setzte sich nach Schluß der Versammlung auf der Straße fort. Blau suchte sich zu verteidigen, fand aber keinen Glauben bei den Genossen. Diese beschlossen vielmehr, um Blau vollends zu überführen, noch den Zeugen Stolz (Strolz) heranzuführen. Zu diesem Zwecke wurden Hoppe und noch ein Genosse fortgesandt. Die anderen, unter denen sich Leuschner, Pohl sen. und jun., Geisler, Schröder, Klust, Gentz, Schmitz, Hoffmann und Acosta (Mendelsohn) befanden, gingen mit Blau durch die Mittenwalder-, Bergmann- und Kreuzbergstraße nach dem Viktoriapark (Ecke Großbeerenstraße). Schon unterwegs war davon die Rede, daß Blau umgebracht werden sollte. Man sprach insbesondere davon, daß er auf dem Tempelhofer Felde erschossen werden sollte. Von diesem Vorhaben wurde aber zunächst mit Rücksicht auf die große Anzahl der Anwesenden Abstand genommen. Am Viktoriapark kamen nach einiger Zeit die beiden nach Stolz entsandten Genossen in einem Auto zurück. Sie brachten die Nachricht, daß sie Stolz nicht getroffen Bd. V
Bl. 52 v hätten. Pohl jun. erklärte sich bereit, Blau in seiner Wohnung, Gneisenaustraße 7a, Bd. V
Bl. 112 v aufzunehmen. Hoppe und Geisler kamen mit, angeblich nur, um aufzupassen, daß Blau nicht entwische. Hoppe hatte aber offenbar die Absicht, Blau in der Wohnung des Pohl zu ermorden. Bd. VI
Bl. 47 v Hoppe äußerte sich jedenfalls am nächsten Tage zu Pohl in diesem Sinne und bemerkte dabei, daß er einen Korb besorgen und die Leiche fortschaffen würde. Pohl und seine Frau gingen aber darauf nicht ein. Im Laufe des 3. August 1919 entfernte sich Geisler. Am Bd. VI
Bl. 47 v Morgen war bereits der Genosse, der mit Hoppe am Abend vorher den Stolz holen sollte, in der Pohlschen Wohnung erschienen und hatte mit Hoppe auf dem Korridor verhandelt. Pohl hörte, daß er zu Hoppe sagte, er hätte niemand gefunden. Der Betreffende kam vormittags nochmals, und zwar mit zwei Männern, die feldgraue Uniform trugen. Der eine Wachmann, welcher einen Revolver trug, blieb in der Wohnung. Weitere vier Mann bewachten das Haus. Ein Mann in braunem Anzug, der gegen Mittag herauf kam, erklärte, er sei von der „T-Terroristengruppe“, Bd. V
Bl. 113 die unten das Haus bewache, er gab dem Hoppe auch eine Flasche, die Morphium enthielt. Ihr Vorhaben, Blau schon in Bd. V
Bl. 113,
45 v der Pohlschen Wohnung umzubringen, scheiterte an dem Widerstande der Eheleute Pohl, die offenbar aus Angst nicht dulden wollten, daß die Tat bei ihnen ausgeführt wurde. Es blieb dem Hoppe daher nichts anderes übrig, als sich nach einer anderen Wohnung umzusehen. Er ging daher zu seinem Jugendfreunde Winkler, der bei seinen Eltern in der Großbeerenstraße 20 wohnte. Dieser stellte ihm die Wohnung zur Verfügung. Die Eltern des Winkler hielten sich während dieser Zeit außerhalb auf ihrem Laubengrundstück am Teltowkanal auf. Die Schlüssel zur Wohnung will Winkler dem Hoppe Bd. VII
Bl. 79 v gleich mitgegeben haben. Hoppe behauptet aber, daß Winkler sie zufolge einer zwischen ihnen beiden vorher getroffenen Verabredung Ecke Bd. V
Bl. 113 v Hagelsbergerstraße dem zweiten „T“-Mann (Wachmann der Terroristen-Gruppe) ausgehändigt habe. Dieser ging als erster in das Haus Großbeerenstraße 20. Hoppe und Blau folgten. Einige Zeit später gingen weitere zwei Mann, Bd. VI
Bl. 51 v darunter Fichtmann, hinein. Pohl, der mit bis zum Hause gegangen war, blieb zunächst in unmittelbarer Nähe des Hauses auf der anderen Straßenseite stehen. Er bemerkte Acosta und Winkler, die auf der Hausseite auf und ab Bd. VI
Bl. 52 gingen. Nach einiger Zeit kamen beide zu ihm herüber und unterhielten sich mit ihm. Beide Bd. VII
Bl. 90 v wußten, daß mit Blau etwas vor sich gehen sollte und fragten Pohl, was in seiner Wohnung passiert sei. Pohl erzählte ihnen, daß man von Blau verschiedenes herausbekommen und daß man bei ihm gegessen hätte. Im Laufe der Unterhaltung, die sich nur um Blau drehte, erwähnte Winkler auch, daß er den Auftrag gehabt hätte, einen Korb zu besorgen; er habe dies Bd. VII
Bl. 91 aber nicht getan, da es schon dunkel sei und er auch Zahnschmerzen hätte, zudem sei ja sein Bd. VII
Bl. 91 Vater Schneidermeister und habe genug Decken, in die man nachher Blau einwickeln könne. Die Hauptsache sei, daß er nachher die Decke wiederbekäme. Winkler und Acosta gingen dann zu Schröder, wo sie über Nacht blieben. Bd. VI
Bl. 55 Auf die Mitteilungen des erregten Acosta, daß der Spitzel Blau in der Großbeerenstraße sei, daß man verschiedenes schon von ihm herausbekommen habe, insbesondere, daß er den Abgeordneten Eichhorn für 50000 Mark ermorden sollte, Pohl stehe auf der Brücke und wisse Näheres, ging Schröder zur Großbeerenstraße, wo er Pohl an der Brücke traf. Nachdem sie sich längere Zeit unterhalten hatten und währenddessen auch auf und ab gegangen waren, kam ein Mann auf sie zu und forderte sie auf, bei dem Transport der inzwischen aus dem Hause Großbeerenstraße 20 geschafften, in eine Decke eingewickelten Leiche des Blau zu helfen. Schröder ging auf diese Aufforderung sofort hin, hob die Leiche auf, trug sie zum Kanal und warf sie ins Wasser. Hoppe, Schröder, Pohl und der eine Wachmann blieben dann noch zusammen und gingen zum Lokal von Maaß in der Bergmannstraße, während die anderen vier Männer der Terrorgruppe, unter ihnen Fichtmann, sich zerstreuten. Auf dem Wege zum Maaßschen Lokale erzählten Hoppe und der Wachmann die näheren Umstände der Ermordung: „Sie hätten Bd. VI
Bl. 51 Blau zunächst Wein mit Morphium zu trinken gegeben. Blau wäre eingeschlafen: Hoppe und der Wachmann hätten ihm die Schlinge um den Hals gelegt. Beim ersten Male sei Blau jedoch aufgewacht, und es sei ihnen gerade noch gelungen, die Schlinge von seinem Halse zu nehmen. Blau hätte sich gewundert, daß der Tisch abgerückt war, die Tür zu und drei fremde Leute im Zimmer waren. Sie hätten ihn beruhigt, er sei dann wieder eingeschlafen. Nunmehr hätten Hoppe und der Wachmann ihm die Schlinge um den Hals gelegt und zugezogen, während die beiden anderen Anwesenden sich auf die Knie des Blau geworfen hätten. Die beiden letzteren (darunter Fichtmann) hätten sich schlapp benommen; der eine Mann (Fichtmann) habe gezittert.“
Hoppe, Fichtmann und Winkler bestreiten, sich strafbar gemacht zu haben.
Bd. V
Bl. 93 v Hoppe hat zunächst überhaupt zu Abrede gestellt, in der Versammlung in der Schule, in der Wohnung des Pohl und Winkler und mit Blau zusammengewesen zu sein. Erst nach hartnäckigem Bd. V
Bl. 111 v,
ff. 151 Leugnen hat er dies schließlich zugegeben. Er sucht die Sache jetzt so darzustellen, Bd. VI
Bl. 18 ff. daß er die Wohnung des Winkler verlassen habe, als er merkte, daß man Blau umbringen wollte. Seine Angaben verdienen indes keinen Glauben und werden im übrigen durch die Bekundungen des Zeugen Pohl widerlegt. Diesen und den Mitangeschuldigten Winkler hat er auch zu Bd. V
Bl. 9 v falschen Angaben verleiten wollen. Als er und Pohl kurz nach ihrer Festnahme im Isoliergewahrsam zusammentrafen, stieß Hoppe den Pohl im Vorbeigehen an und sagte: „Wir kennen uns nicht.“ Später steckte er dem Winkler im Bd. VI
Bl. 17 Gefängnis einen Kassiber zu. Winkler aber kam nicht zum Lesen desselben, da er ihm vorher von dem Gefängnisbeamten Bruhnke abgenommen wurde. Auf die Frage des Bruhnke, Bd. VIII
Bl. 90 was er dem Winkler zugesteckt habe, erwiderte Hoppe: „Streichhölzer.“ Der Kassiber hatte folgenden Wortlaut:
Bd. VI
Bl. 17 „Lieber Willy! Aus dem Dir zugegangenen Haftbefehl gegen uns ersiehst Du ohne weiteres die Situation. Den Ernst derselben, soweit es sich um mich handelt, zu unterschätzen, wäre nicht möglich. Ich bitte Dich daher dringend, um das Schlimmste zu verhindern, mich, soweit es möglich ist, zu entlasten, wie ich es bei Dir auch dauernd bestrebt bin. Ich bitte Dich daher um folgendes: Bei der Verhandlung gestehe ein, daß Du die Wohnungsschlüssel auf sein Geheiß einem Menschen in braunem Anzug (Dir unbekannt) auf ein bestimmtes Parolewort (was Du aber vergessen hast) an der Hagelsbergerstraße Ecke Großbeerenstraße ausgehändigt hast. (Zeitpunkt etwa ½ Stunde nach meinem Besuch in Deiner Wohnung. Grund: Da ich noch etwas zu erledigen hatte und Du aber noch nicht angezogen warst, um mit herunterzugehen, mir also die Schlüssel nicht gleich mitgeben konntest.) Alles vorher Geschehene bleibt wie abgemacht (Sitzung abhalten usw.). Das wäre die 1. Bitte, die zu erfüllen wohl für Dich keine großen Schwierigkeiten machen kann. Jetzt jedoch zu einer anderen, etwas heikleren Frage, die für Dich aber auch noch kein allzugroßes Opfer bedeutet im Verhältnis zur Wichtigkeit derselben im Interesse meiner Person. Denn Du könntest mich damit retten und für Dich wäre die Sache dadurch immer noch zu ertragen. Und dann, l. W., kommt es doch hier nur darauf an, das Leben zu retten, alles andere wäre doch nur von kurzer Dauer, denn die Zeit arbeitet doch für uns. Mit dieser Hoffnung will ich Dir gleich meine 2. Bitte vortragen. Ich habe alles eingestanden. Bin auch zu Deiner Wohnung mit raufgegangen, aber nach einer ½ Stunde wieder runtergekommen, da ich oben merkte, was die T.-Leute für Absichten hatten und ich aber damit nicht einverstanden war, sondern dafür war, Blau nur festzuhalten und dem Strolz u. a. gegenüberzustellen. Ich äußerte also meine Bedenken, worauf man mich als Feigling runterschickte. Ich bin also nach ½ Stunde runtergekommen und nach Hause gegangen und in den Straßen umhergeirrt, und bin dann, erst halb aus Neugierde, halb aus Angst, ½ Stunde bevor die T.-Leute mit Blau herunterkamen, wieder vor Deinem Hause angelangt und habe dort gestanden, bis man von oben runterkam. Im Protokoll habe ich nur angegeben, daß ich Acosta unten getroffen habe. Pohl dagegen hat auch Dich und Schröder angegeben. Ich brauche jetzt also entweder Dich oder Schröder als Alibi-Zeugen, der mich gesehen hat unten auf der Straße, während die anderen oben waren. Ich rechne da stark auf Dich, l. W. Nur weiß ich nicht, wann Du überhaupt unten standest, also ob bei meinem Runterkommen oder später, etwa ½ Stunde bevor die anderen runterkamen mit d. L. Äußere Dich, bitte, ausführlich über meine Bitte und Ausführung. Wenn Du gewillt bist, dann überlasse alles mir bis zur Verhandlung. Was oben in der Wohnung vorgeht, hast Du erst von Acosta erfahren. Mit kom. Gruß Erwin C. II 48. Wenn Du also willst, dann rufe ich Dich in der Verhandlung als Alibi-Zeugen an.“
Bd. VI
Bl. 9 Fichtmann stellt sogar in Abrede, mit in der Winklerschen Wohnung gewesen zu sein. Der Zeuge Pohl hat ihn aber als eine der beiden Personen erkannt, die hinter Hoppe und Blau in das Mordhaus hineingegangen sind und die später Wein aus der Teltower Straße geholt haben. Fichtmann ist nach den Angaben des Pohl auch beim Transport der Leiche nach dem Wasser vorangegangen und fortgelaufen, nachdem sie ins Wasser geworfen war. Er ist auch von Hoppe als derjenige bezeichnet werden, der bei Bd. VI
Bl. 164 der Ausführung der Mordtat sich schlapp benommen und auf den Knien des Blau gelegen hatte. Sein Alibibeweis ist mißglückt. Nach der Bd. VII
Bl. 44 Vorstrafe ist ihm die Mordtat auch zuzutrauen.
Bd. V
Bl. 93 ff.,
11 ff. Winkler erklärte anfangs, daß er von der ganzen Sache überhaupt nichts wüßte und zur fraglichen Zeit überhaupt nicht in Berlin, sondern mit seinen Eltern auf der Laube am Teltowkanal Bd. VI
Bl. 51 ff., 89 gewesen sei. Diese Angabe wurde von ihm später widerrufen. Er erklärte nunmehr, Bd. VIII
Bl. 79 f. daß er dem Hoppe seine Wohnung zu einer „Sitzung“ zur Verfügung gestellt habe. Seine Angaben, die er dem Pohl gegenüber über das Besorgen des Korbes und über die Decken gemacht hat, sein ganzes auffälliges Verhalten während der Zeit, wo der Mord in seiner Wohnung ausgeführt wurde, und die Angaben des Hoppe in dem an ihn gerichteten Kassiber lassen erkennen, daß er in den Mordplan eingeweiht gewesen ist.
Beweismittel:
a) Angaben der 3 Angeschuldigten,
b) Skizze Blatt Bd. II Bl. 31, Bild des Blau Bd. I. 31. 52, Lichtbilder Bd. V Bl. 155, Brief des Herm Bd. III Bl. 51. 19. (Abschriften: Bd. I. Bl. 50, Bd. III Bl. 7) Kassiber des Hoppe Bd. VI Bl. 13, Kasseauszug Bd. V Bl. 51 ff. Briefe des Leuschner Bd. V Bl. 73 f., Bd. VI Bl. 162 c,
c) Vorstrafakten des Fichtmann: 67 J. 2099/19 Staatsanwaltschaft I Berlin.
d) Sachverständige:
Bd. I
Bl. 4 ff. 1. Gerichtsarzt Professor Dr. Strauch in Berlin,
Bd. I
Bl. 4 ff. 2. Gerichtsarzt Geh. Medizinalrat Dr. Hoffmann in Berlin,
Bd. II
Bl. 85, 132 3. Dr. Brüning von der Staatlichen Nahrungsmitteluntersuchungsanstalt in Berlin, Alexanderstraße 3/6,
e) Zeugen:
Bd. III
Bl. 3, 37 1. Schiffseigner Friedrich Kullmann in Züllichau, Oberweinberge,
2. Kriminalkommissar Dr. Biermann in Berlin,
3. Kriminalkommissar Trettin in Berlin,
4. Kriminalkommissar Maslak in Berlin,
Bd. I
Bl. 36 ff.,
60, 68 v f. 5. Mechaniker Walter Schreiber – Adresse wird noch angegeben –,
Bd. I
Bl. 34 ff.,
60 v f. 6. Frau Mathilde Baumeister geb. Seidl in München, Badstraße,
Bd. I
Bl. 54, 56,
75 ff. 7. Frau Gertrud Kaltenhauser in München – nähere Adresse wird noch angegeben –,
Bd. I
Bl. 53, 65,
68 ff. 8. Student Hans Blumenfeld in München – nähere Adresse wird noch angegeben –,
Bd. I
Bl. 59 ff. 9. Landgerichtsrat Dr. Wiesehahn vom Landgericht I Berlin,
10. Landrichter Marquard, Untersuchungsrichter beim Landgericht II Berlin,
Bd. V
Bl. 31 ff.,
144,
151 v,
175 a f. Bd. VI
Bl. 47 ff.,
50 ff.,
61, 97 Bd. VII
Bl. 93 v f. 11. Lagerist Georg Pohl in Berlin, Gneisenaustraße 7a,
Bd. V
Bl. 13 ff.,
130 Bd. VI
Bl. 118 12. Frau Martha Pohl geb. Schubert in Berlin, Gneisenaustraße 7a,
Bd. II
Bl. 29 13. Frau Maria Sprung geb. Stumpf in Berlin, Schleiermacherstraße 23,
Bd. II
Bl. 23 v 14. Krim.-Wachtmeister Hencke in Berlin-Pankow, Talstraße 11,
Bd. II Bl. 44 Bd. V
Bl. 144 15. Privatiere Gertrud Wollweber in Charlottenburg, Kantstraße 45, bei Janke,
Bd. II
Bl. 112 Bd. I
Bl. 113 f. Bd. VI
Bl. 150 Bd. VII
Bl. 6 16. Lederarbeiter Max Leuschner in Berlin, Dresdener Straße 125,
Bd. II
Bl. 46 17. Frau Martha Leuschner geb. Kallios in Berlin, Dresdener Straße 125,
Bd. II
Bl. 98 f., 121 18. Edmund David de Samson – Adresse wird noch angegeben –,
Bd. II
Bl. 120 19. Student Franz Stolz in Berlin, Weidenweg 38,
Bd. I
Bl. 132 f. Bd. V
Bl. 41 v ff. 20. Techniker Fritz Klust in Berlin, Katzbachstraße 23,
Bd. V
Bl. 4 ff. 21. Arbeiter Johann Pohl in Berlin, Nostitzstraße 49,
Bd. V
Bl. 49 ff.,
138 v 22. Schlosser Jakob Schmitz in Berlin, Gneisenaustraße 28,
Bd. V
Bl. 51 ff., 135 23. Hilfsarbeiter Karl Hoffmann in Berlin, Nostitzstraße 45,
Bd. V
Bl. 65 ff., 75 Bd. VI
Bl. 103 24. Eisendreher Alfred Geisler in Berlin, Großbeerenstraße 13 a,
Bd. V
Bl. 35, 113 Bd. VI
Bl. 54, 41 v f. 25. Kutscher Paul Schröder in Berlin, Großbeerenstraße 30,
Bd. V
Bl. 63 v 26. Kaufmann Otto Mahlig in Sangerhausen,
Bd. IV
Bl. 1 ff. 27. Parteisekretär Wilhelm Peters in Magdeburg, Schillerstraße 47,
Bd. VII
Bl. 56 f.,
100 f., 102 f. 28. Schneider Max Eulenberger, z. Zt. im Gefängnis Leipzig in Haft,
Bd. VI
Bl. 154 29. Marta Kuschel in Berlin, Dunkerstraße 87,
Bd. VII
Bl. 44 30. Paul Born in Berlin, Parochialstraße 1/2,
Bd. VII
Bl. 90 31. Gefangenenaufseher Emil Bruhnke in Berlin, Untersuchungsgefängnis.
Es wird beantragt,
das Hauptverfahren zu eröffnen und die Verhandlung und Entscheidung der Sache vor dem Schwurgericht des Landgerichts II in Berlin stattfinden zu lassen, sowie die Fortdauer der Untersuchungshaft gegen die Angeschuldigten Hoppe und Winkler aus den bisherigen Gründen anzuordnen.
gez. Hagemann.
Erörterung zur Anklageschrift.
Dokumente.
Dem Staatsanwalt liegen nur zwei Dokumente vor: der Brief des Herm, der besagt, daß er den Blau „besorgt“ habe. Dies „besorgt“ kann sehr viel bedeuten; kann aber auch nur enthalten, daß er eine Absicht ausgeführt habe; gleichgültig welche; etwa die, den Mann im Norden Deutschlands zu verankern; „der kommt so bald nicht wieder nach München.“ Außerdem war Herm während der fraglichen Zeit nicht in Berlin; wenigstens ist Verbindung zwischen ihm und den Berlinern nicht nachgewiesen; im Gegenteil scheint festzustehen, daß Blau sich allein nach Berlin begab und sich freiwillig in der Versammlung im Friedrichsrealgymnasium einfand. Hätte man ihn gefangen gehalten, dann hätte man ihn nicht vor vielen Leuten herumgezogen – und ihm nicht gestattet, den Mahlig und seine Frau aufzusuchen. Der Brief des Herm scheint Blaus Münchener Tätigkeit zu liquidieren, ohne in direkter Beziehung zu den Berliner Ereignissen zu stehen. Er erhärtet bestenfalls, daß man in Bayern Blaus Spitzelrolle erkannt hatte und Sorge trug, ihn abzuschieben.
Das zweite Schriftstück ist der Kassiber des Hoppe. In diesem steht, daß der Schreiber alles gestanden habe; er fragt nun den Winkler, ob er ihn auf der Straße vor dem Mordhause gesehen habe, und bittet ihn, falls das der Fall sei, dies zu bezeugen. Die Tatsache des Kassibers kann man nicht als Schuldbeweis zählen: die monatelange Einzelhaft wirkt zermürbend und läßt jedes Mittel ergreifen. Über die Vorgänge in der Winklerschen Wohnung ist nichts gesagt; als Quelle ihrer Kenntnis wird Acosta angegeben, jener Acosta, von dem öfter gesprochen wird, doch den zu verhaften nicht gelungen ist. Das Dokument ergibt nur, daß mehrere Leute, unter ihnen Winkler, Acosta, Hoppe, sich damals auf der Straße herumtrieben – was andere Aussagen bestätigen. Daß der verdächtigte Hoppe versucht, einen der Mitanwesenden dazu zu veranlassen, seine und damit auch Hoppes Anwesenheit zu gestehen, ist verständlich – ohne die Tat zu erhellen.
Alles andere sind Aussagen, bei denen der Untersuchende kaum zu entscheiden vermag, ob die Sprechenden immer subjektiv bei der Wahrheit bleiben. Man wird infolgedessen versuchen, das herauszuklauben, was an objektiv Historischem berichtet wird. Die Gespräche und gar durch Dritte berichtete Worte sind schon vorsichtiger zu verwerten, am zweifelhaftesten sind aber Aussagen, die Zusammenhänge betreffen: da schiebt sich oft die eigene Kombination vor die Dinge und, wenn einer lügen will, wird er zuerst eine andere Ansicht haben, dann Gespräche verändern; erst zuletzt und im Notfall wird er Tatsachen leugnen oder erfinden: weil ihm das am leichtesten nachgewiesen werden kann.
Das Historische.
Im Juli 1919 war in München eine aufgeregte Zeit. Am 1. Mai war die Räterepublik gefallen. Die Kämpfe und Verhaftungen hatten durch Wochen gedauert, noch jetzt war das große Aufräumen in Gang: täglich Verhaftungen, Verhandlungen, täglich Gefahr.
p. 45 In dieser Zeit verkehrte in Münchener Kommunistenkreisen ein gewisser Blau. Kommunistenkreise waren damals illegal und bedroht; Blau lief in dieser Illegalität und Bedrohung herum und führte vermutlich das Leben der Geflüchteten: Übernachten da und dort bei Genossen, Treffpunkte in entlegenen Wirtshäusern da und dort, alles geheim und verborgen.
p. 46 Am 29. Juli fuhr Blau mit drei Begleitern nach Magdeburg. Deren Namen sind Schreiber, Herm und ein gewisser Schuster. Vermutlich war die Partei die Mittlerin ihrer Bekanntschaft; ob sie persönlich voneinander gewußt haben, ist unbestimmt. Jedenfalls steht der Name Schuster in Fragezeichen.
p. 46 In Magdeburg scheinen sich die vier getrennt zu haben: von Schuster ist keine Erwähnung mehr, Schreiber fuhr nach Hötensleben zu den Eltern des Herm und blieb dort bis nach Auffindung der Leiche (7. August).
p. 47 Wo Herm geblieben war, ist nicht nachgewiesen; doch kam er noch vor der Ermordung des Blau am 2. August abends bei seinen Eltern in Hötensleben an; nach Angabe des Schreiber aus Berlin.
p. 46 Blau war am 31. Juli vormittags allein bei einem gewissen Mahlig in Sangerhausen, am p. 49 1. August nachmittags, wieder ohne Begleitung, in Berlin, Bayreuther Straße 10, beim Portier Nowak des Hauses, in dem seine Frau wohnte.
p. 49 Vom 1. August abends an ist Blaus Aufenthalt lückenlos festgestellt. Er taucht auf in einer Kommunistenversammlung in der Mittenwalder Straße zu Berlin. Die Versammlung wurde von dem Lederarbeiter p. 50 Leuschner geleitet. Noch während der Versammlung geriet Blau mit Anwesenden in lebhafte Besprechung; nachher bewegte er sich mit einem Trupp in der Richtung zum Viktoriapark.
Als seine Begleiter wurden festgestellt: Acosta, Geißler, Gentz, Kluft, Leuschner, Pohl jun. und sen., Schmidt, Schröder. Später kamen dazu noch Hoppe und noch ein Mann, der als erster Unbekannter mit (1) bezeichnet sei.
p. 50 In der Nähe des Viktoriaparkes trennte sich der Trupp und Blau ging mit Hoppe und Geißler in die Wohnung der beiden Pohl, wo anscheinend geschlafen wurde.
Am Morgen des 2. August ging Geißler weg. Später kam der Mann (1), rief Hoppe und sprach mit ihm auf dem Flur; ging und kam mit zwei Feldgrauen (2), (3) zurück; weitere vier Mann (4), (5), (6), (7) waren auf der Straße und bewachten das Haus.
Weiter kam ein Mann in braunem Anzug (8), der eine Flasche hatte, in der nach seinen Angaben Morphium war; dieser sprach mit Hoppe und ging dann.
p. 51 Im Laufe des 2. August fand der Umzug in die zur Zeit leere Wohnung der Eheleute Winkler statt. Der junge Winkler verließ die Wohnung, ehe Blau und seine Begleiter ankamen und händigte auf der Straße den Schlüssel entweder dem Hoppe oder einem der Wachleute (1)-(7) aus.
In die Wohnung ging zuerst dieser Wachmann, später erst kamen Blau und Hoppe; einige andere, vermutlich welche der Wachleute (1-7), werden nachgefolgt sein, der Rest soll als Posten auf der Straße gestanden haben. Auch Fichtmann soll das Haus betreten haben.
p. 52 Auf der Straße trafen sich Neugierige; Pohl, Winkler, Acosta sind genannt; sie standen dort bis in die Nacht. Dann gingen Winkler und Acosta zu Schröder, um dort zu schlafen; sie trafen Schröder zu Hause und sprachen mit ihm.
Schröder ging daraufhin fort und begegnete Pohl in der Nähe der Winklerschen Wohnung; zu beiden trat einer der Wachleute und forderte sie auf, die Leiche mittragen zu helfen.
Schröder folgte dem Mann; der Körper, in eine Decke gewickelt, war schon auf der Straße. Schröder nahm ihn auf und warf ihn in den Kanal – aus dem er am 7. gezogen wurde.
Anwesend waren noch Pohl, Schröder, Hoppe und ein Wachmann (die in das Lokal von Maß gingen). Vier weitere Leute, darunter nach Aussage des Pohl auch Fichtmann, zerstreuten sich.
Die Nachzählung der Personen ergibt, daß im Laufe des Tages etwa acht Unbekannte auftauchten, von denen nach der Tat fünf noch anwesend waren.
Die Gespräche der Beteiligten.
Die bezeugten Aussagen und Gespräche lassen einen Zusammenhang zwischen den Münchener und Berliner Kommunistenkreisen zweifelhaft erscheinen:
p. 45 In München hielt man Blau für entlarvt; man hatte ihn erkannt; Herm äußerte sich in diesem Sinne, und Schreiber sowie Frau Baumeister geben als Ziel der Reise an, Blau nach dem Norden vor die Berliner Genossen p. 47 zu bringen. Blau hatte einen Ausweis der Fahndungsabteilung München, den Herm ihm abnahm; an der Spitzeltätigkeit des Blau war kein Zweifel.
p. 48 (Daß Herm nach Auffindung der Leiche sofort an Mord dachte und bemüht war, seine Berührung mit Blau zu verwischen und Aufzeichnung und Briefe zu vernichten, ist leicht verständlich, wenn man das Risiko langmonatiger Untersuchungshaft berücksichtigt – wie sie in diesem Prozeß der unbeteiligte Leuschner erlitt –.)
p. 49 In Berlin lagen die Dinge anders: als man den Mann in der Versammlung erkannt hatte, ließ man sich in eine Diskussion mit ihm ein und sandte Hoppe mit einem Begleiter ab, um einen Genossen Stolz oder Strolz zu holen, der den Verdächtigten bestätigen p. 55 sollte. Hoppe gibt an, bis zuletzt die Gegenüberstellung der beiden gefordert zu haben: unzweifelhafte Klarheit scheint nicht bestanden zu haben.
Auch Blau selbst hat die gegen ihn erhobenen Anklagen nicht sehr ernst genommen. p. 46 Die Warnungen des Schreiber wies er ab.
p. 46 Er wußte aber, daß ihm nach dem Leben getrachtet wurde und daß es um Leben und Tod ging. Dem Mahlig erzählte er, daß er große Dinge vorhabe: ob es der Mordplan gegen den Kommunistenführer Eichhorn war, die 50000 M., von denen Acosta dem Schröder erzählte? Schwer sind die Reden dieses Mannes mit seinen Handlungen zu vereinen: warum geht er mit seinen Feinden, bleibt dort über Nacht, geht in eine zweite Wohnung? Er mußte die Gefahr nicht so nahe geahnt haben – oder er sah seine eigentlichen Feinde gar nicht in den Kommunisten? Denn während dieser vierundzwanzig langen Stunden hätte er sicher entfliehen, unbedingt aber Lärm schlagen können; doch er blieb.
Auch ein anderes ist auffällig: wenn man einen Spitzel entlarvt hat, schlägt man ihn gleich tot oder man stellt seine Persönlichkeit fest, photographiert ihn usw. und läßt ihn dann laufen. Aber man zieht ihn nicht von Wohnung zu Wohnung, um ihn dann zu ermorden. (Daß man den Mann von München abschob oder weglockte, ist begreiflich: unter den damaligen Zuständen in München war der Mann zu gefährlich.)
p. 50 In Berlin soll der Plan zur Ermordung schon bei den Teilnehmern der Versammlung aufgetaucht sein. Greifbare Formen hat dieser Plan erst gefunden, als man die Ausführung bespricht. Der junge Pohl gibt an, daß ein Korb für die Leiche besorgt werden sollte; seine Eltern weigern sich, in ihrer p. 51 Wohnung die Tat ausführen zu lassen. Vor dem Winklerschen Hause, auf der Straße stehen Leute; Wachleute? Neugierige? Es wird geraunt, daß oben mit Blau etwas vor p. 52 sich gehe. Man beobachtet, erörtert, berichtet sich. Man spricht wieder von einem Korb für die Leiche, sieht Wein holen usw.: sie reden alle von dem, was vermutlich oben geschieht.
Über die Vorfälle in der Wohnung selbst liegen widersprechende Aussagen vor. Die p. 55 ausführlichsten stammen vom Zeugen Pohl, der aber weder im Haus, noch in der Wohnung, sondern auf der relativ dunklen Straße sich aufhielt. Dieser gibt an, daß Fichtmann für die Leute Wein geholt habe (in dem Blau das Morphium verabreicht worden sei) und daß Fichtmann beim Leichentransport vorausging; p. 53 ferner, daß nach der Tat Hoppe und der eine Wachmann erzählt haben, sie beide hätten den Blau erdrosselt, die anderen beiden Anwesenden, darunter Fichtmann, ihn p. 53 festgehalten. Hoppe selbst gibt an, die Wohnung verlassen zu haben, als er sah, daß die anderen vom Mord nicht zurückzuhalten p. 54 waren. Auch in seinem Kassiber vertritt er p. 55 diesen Standpunkt und gibt als Nachrichtenquelle für die Details der Ermordung Acosta p. 55 an. Fichtmann leugnet überhaupt seine p. 56 Anwesenheit, die Anwesenheit des Winkler ist unwahrscheinlich; auch Schröder, der nachher dazukam, vermag Näheres nicht anzugeben. –
Zieht man die Bilanz, so findet man das Vorauszusehende: der äußere Gang der Ereignisse steht ziemlich fest. Man kennt den Schauplatz und weiß ungefähr, was passierte; außer den Festgestellten waren noch unbekannte Leute beteiligt, Leute, die vermutlich auch den Zeugen und Angeklagten namentlich nicht bekannt waren. Wie die Rollen verteilt waren, ist nicht klar; klar ist nur, was geschah: der Mord.
Fragt man weiter nach dem Zusammenhang des Geschehens: der Abtransport aus München erscheint motiviert und logisch; die Entlarvung in der Versammlung und Diskussion über das „Was nun?“ ist erwiesen. Dann kommt eine Lücke, in der man die Initiative nicht mehr erkennen kann. Diese Dunkelheit wird durch das Verhalten des Blau noch mehr getrübt: was geschah in der Wohnung des Pohl und des Winkler und wer waren die treibenden Kräfte? Die Angeklagten, oder die Unbekannten? Man kann nur raten, man weiß es nicht. Man weiß nur, daß außerhalb der betreffenden Häuser, auf der Straße Zufällige, die von den Dingen wußten, herumstanden und kombinierten – und daß dann die Leiche kam.
Dies ungefähr sind die Bruchstücke, die der Kritik standhalten; man kann damit nicht mehr tun, als die Leute taten, die auf der Straße standen: kombinieren, – was nicht allzu schwer erscheint. Aber der Verlauf der Verhandlung wird zeigen, wie all diese Kombinationen zusammenfallen, weil ein ganz neues Element hinzukommt: das Spitzeltum.
Die Gegenschrift des Verteidigers Dr. Weinberg beschränkte sich, wie meist bei Schwurgerichtssachen, auf die Betonung und Beantragung einiger für die Beschuldigten vorteilhaften Punkte, so daß sie der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht im Wege stand.
2 c J 2691, 10
Beschluß.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird gegen
1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max Fichtmann aus Berlin, Parochialstr. 35, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. H. in Sachen 67 J 2699, 10 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft, geb. am 22. November 1898 Berlin, mosaisch,
2. den Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin Hoppe aus Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geb. 1. April 1899 Berlin, religionslos, unverheiratet,
3. den Schneidergesellen Willi Winkler aus Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geb. 16. September 1899 Berlin, evangelisch, unverheiratet,
welche hinreichend verdächtig erscheinen, in Berlin zu Anfang August 1919
a) Fichtmann und Hoppe gemeinschaftlich mit anderen den Inspektor Blau (Karl) vorsätzlich getötet und diese Tötung mit Überlegung ausgeführt zu haben,
b) Winkler den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe und den Mitgliedern bei Begehung des Verbrechens zu a durch Rat oder Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben,
Verbrechen gegen §§ 211, 47, 49, StGB.
das Hauptverfahren vor dem Schwurgericht des Landgerichts II in Berlin eröffnet.
Die Untersuchungshaft gegen die Angeklagten Hoppe und Winkler dauert aus den bisherigen Gründen fort.
Die Ausführungen des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Weinberg in der Schutzschrift vom 1. Juni 1920 stehen der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht entgegen.
Berlin, den 7. Juni 1920.
Landgericht II, Strafkammer 5
gez. Scheringer David Gerhard.
DIE VERHANDLUNG.
Eröffnung.
Die Verhandlung begann am Donnerstag, dem 24. Juni 1920, vor dem Schwurgericht des Landgerichts II zu Berlin und dauerte bis Montag, den 5. Juli. Das Aufsehen, das der Prozeß in der Öffentlichkeit erregte, war außerordentlich; besonders die republikanischen Organe und die Presse der Linken nahm Anlaß zu heftigen Ausführungen. „Der Spitzelsumpf“ – „Die Spitzelorganisation der Garde-Kavallerie-Schützendivision“ – „Die Mordzentrale“ – „Der Lockspitzel als Zeuge“ waren etwa die Überschriften, die den Berichten vorstanden, und es ist sehr verständlich, daß weder Richter noch Staatsanwalt von den Enthüllungen der Beweisaufnahme erbaut waren: ein Schmutz trat zutage, der in die Berechtigung dieses speziellen Verfahrens ernsthafte Zweifel setzen läßt und nach allgemeiner Remedur ruft.
Den Vorsitz der Verhandlung führte Landgerichtsdirektor Dr. Joel, die Anklage vertrat Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann, die Verteidigung der Angeklagten lag in den Händen der Rechtsanwälte Theodor Liebknecht, Dr. Kurt Rosenfeld und Dr. Siegfried Weinberg. Unter den Geschworenen befanden sich Vertreter folgender Berufe: Bibliothekar, Dreher, Bäckermeister, Bankbeamter, Bürobeamter, Brauereidirektor, Generaldirektor, Rieselmeister, Maler, Landwirt, Architekt, Molkereibesitzer, Kassenbeamter, Vorarbeiter, Chemiker, Obergärtner, Buchdruckereibesitzer, Ingenieur, Rittergutsbesitzer, Fabrikbesitzer, Kaufmann. Bei der Auslosung machte die Verteidigung von ihrem Ablehnungsrecht Gebrauch. Als beisitzende Richter waren Landgerichtsrat, Geh. Justizrat Bienutta und Gerichtsassessor Siemens tätig, als Gerichtsschreiber Landgerichtsratsassistent Schröder.
Die Sitzungen des Gerichts füllten neun volle Tage aus. Bei kurzen Prozessen gestattet die Anwesenheit aller Beteiligten eine klare Disposition des Vorsitzenden: er vermag die Verhandlung so übersichtlich zu leiten, daß ein genaues Protokoll imstande ist, ein klares Bild zu geben. Hier, wo während der Tagung dauernd das Bild sich verschob, nachträglich neue Zeugen erschienen, deren Aussagen an in Tagen vorher Niedergelegtes sich anschließt; hier, wo zeitweise das Thema der Verhandlung sich gar nicht um die Angeklagten zu drehen schien: ist es unmöglich, eine getreu den Ereignissen folgende Schilderung ohne intensives Studium zu überblicken. Es muß versucht werden, Zusammengehöriges im Zusammenhang darzustellen, so gut es geht. Die Gesichtspunkte, unter denen dies unternommen wurde, sind geteilt; es ergaben sich Abschnitte, die den Gang des Prozesses betreffen; und solche, in denen bestimmte zur Sprache gebrachte Personen oder Gebiete für sich allein interessieren. Wenn hier nochmal gesagt ist, daß diese Ausführungen keinerlei Stellungnahme beabsichtigen: weder zum Urteil, noch zur Verhandlungsführung wird die gewählte Darstellung, die sich übrigens streng an die Berichte hält, sicher zu Mißverständnissen keinen Anlaß geben.
Allgemeines und Einleitendes.
Bereits erwähnt wurde, daß bei der Auslosung der Schöffen die Anwälte von ihrem Ablehnungsrecht Gebrauch machten. Wesentliches spielte sich dabei nicht ab.
Rechtsanwalt Liebknecht stellt dann einen
Antrag der Verteidigung
„es möchte die Vertagung der Verhandlung beschlossen werden, da es trotz der zehn Monate langen Voruntersuchung der Verteidigung nicht möglich war, die Gerichtsakten rechtzeitig einzusehen.“
Antrag abgelehnt.
Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg:
„Ich stelle fest, daß vier der geladenen Zeugen zur Verhandlung nicht erschienen sind; es handelt sich um die Zeugen Samson, Schreiber, Strolz und Toifl.“
Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann:
„Der Aufenthalt dieser Zeugen war nicht zu ermitteln.“
Rechtsanwalt Weinberg:
„Diese vier Zeugen standen der Voruntersuchung zur Verfügung und haben die Angeklagten schwer belastende Aussagen gemacht; diese vier Zeugen sind als Lockspitzel der Polizei tätig gewesen und sollen jetzt nicht zu erreichen sein?!“
Staatsanwalt:
„Der Auftrag, diese Zeugen zu laden, erging ordnungsgemäß; es wurde alles versucht, ihrer habhaft zu werden.“
Rechtsanwalt S. Weinberg:
„Der Herr Staatsanwalt hat sich gewiß nicht an die richtigen Herren vom Polizeipräsidium gewandt.“
Staatsanwalt:
„Ich bitte Sie uns dabei behilflich zu sein!“
Rechtsanwalt S. Weinberg:
„Einen Augenblick! – Ich erkläre: die nicht erschienenen Zeugen Samson und Strolz sind in die vorliegende Tat als Lockspitzel verwickelt gewesen; der Zeuge Toifl steht im Verdacht, an der Tat beteiligt gewesen zu sein und gegen den wichtigsten dieser Belastungszeugen, den Polizeispitzel Schreiber, besteht begründeter Argwohn, daß er selbst der Täter sei! Ich verlange, daß alles geschieht, um diese Leute persönlich vorzuführen! Der Eindruck ihrer Aussagen kann nicht ersetzt werden durch Verlesung der Protokolle!“
Staatsanwalt:
„Ich wiederhole nochmals, daß alles geschah, um die Zeugen beizuschaffen. Der Zeuge Schreiber ist Schweizer Staatsangehöriger und nach Mitteilung der Münchener Polizei von München nach der Schweiz abgeschoben worden.“
Rechtsanwalt S. Weinberg:
„Die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran, daß dieser Mord aufgeklärt werde. Es muß endlich Schluß werden mit der Tätigkeit privater und militärischer Spitzelzentralen; es muß Schluß werden mit dem Agentenwesen der Polizei! Dieser Schreiber hat zur Tat aufgereizt, sie veranlaßt, vielleicht sie ausgeführt; er hat ausgesagt in der Voruntersuchung – und jetzt ist er nicht zu ermitteln? Ich behaupte: die Polizei kann diesen Spitzel nicht finden, weil sie ihn jetzt nicht finden will! ... Genau, wie im Ledebourprozeß, wo die Zeugen Roland und Leutnant Bachmann bei den behördlichen Spitzelzentralen ein- und ausgingen, und dem Gericht nicht erreichbar waren! Wie oft, meine Herren, wird dieses Spiel sich noch wiederholen? Der Zeuge Schreiber ist von der Polizei nach der Schweiz gebracht worden, – gut: Im Namen der Verteidigung stelle ich folgenden
Beweisantrag der Verteidigung.
Walter Schreiber wird als Zeuge bestätigen:
1. daß er als Lockspitzel militärischer und polizeilicher Stellen tätig war;
2. daß er als solcher und im Einverständnis mit seinen Auftraggebern die Beseitigung des unbequem gewordenen Blau übernommen hatte;
3. daß er als solcher und im Einverständnis mit seinen Auftraggebern die Beförderung des Blau nach Magdeburg und Berlin bewerkstelligt hat;
4. daß er als solcher und im Einverständnis mit seinen Auftraggebern die Ermordung des Blau betrieben hat, und, daß er selber, nicht aber die Angeklagten die zur Anklage stehende Tat begangen hat.
Die genaue Adresse des Schreiber ist bekannt: der schweizerischen Behörde, sowie dem deutschen Konsulat in Zürich; ferner dem Vorsteher der politischen und Fahndungsabteilung des Polizeipräsidiums zu München und der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums Berlin: die dies als Zeugen bestätigen werden.“
Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann:
„Der Untersuchungsrichter hat keinen Anlaß gesehen, gegen die Zeugen einzuschreiten oder ihre Glaubwürdigkeit zu bezweifeln – und ich stelle dem Urteile des Gerichts anheim, ob nicht viel eher die Drohungen der Kommunisten und die Angst vor Terrorakten Ursache sind, daß die Zeugen ihren Aufenthalt verheimlichen. Aber die Staatsanwaltschaft will alles tun, diesen Mord aufzuklären: ich werde die von der Verteidigung genannten Wege beschreiten und nochmals alles versuchen, des Zeugen Schreiber habhaft zu werden.“
Die Entscheidung über den Beweisantrag wird infolgedessen vertagt, – doch ist es geraten, den weiteren Verlauf gleich hier zu berichten:
Am zweiten Verhandlungstag teilt der Staatsanwalt mit, daß seine Recherchen nach Schreiber erfolglos waren; er habe sich sofort an die Polizeidirektion München gewandt und nochmals die Antwort erhalten: der Zeuge sei seiner Zeit nach Lindau abgeschoben worden, sein Aufenthalt in der Schweiz oder sonstwo sei unbekannt. Ebenso sei die telegraphische Anfrage bei der Polizeidirektion Zürich und dem deutschen Generalkonsulat Zürich bisher vergeblich gewesen. R.-A. Dr. S. Weinberg rät, Herrn von Saldersberg von der antibolschewistischen Liga in Berlin um Auskunft anzugehen.