EMIL TRINKLER

QUER DURCH AFGHANISTAN
NACH INDIEN

MIT 68 ABBILDUNGEN
UND EINER KARTE

PETER J. OESTERGAARD VERLAG

BERLIN-SCHÖNEBERG

COPYRIGHT 1927 BY PETER J. OESTERGAARD VERLAG
BERLIN-SCHÖNEBERG – ALLE RECHTE VORBEHALTEN

INHALT

EINLEITUNG[9]
I QUER DURCH RUSSLAND UND RUSSISCH TURKESTAN[12]
II AN DER RUSSISCH-AFGHANISCHEN GRENZE FESTGEHALTEN[23]
III ÜBER AFGHANISTANS RANDGEBIRGE[41]
IV EINE MÄRCHENSTADT[46]
V DURCH DAS ÖDE ZENTRALAFGHANISTAN[55]
VI ÜBER HOHE GEBIRGE UND EINGESCHNEITE PÄSSE[76]
VII KABUL[100]
VIII TRÜBE WINTERTAGE[112]
IX AFGHANISTANS HÖCHSTES GEBIRGE[120]
X INS TAL DER GROSSEN BUDDHAS[127]
XI EINE WINTERFAHRT INS AFGHANISCHE HOCHGEBIRGE[139]
XII IM AUTO VON AFGHANISTAN NACH INDIEN[162]
XIII PESHAWAR[169]
XIV SOMMERTAGE IN KABUL[180]
XV UNRUHIGE ZEITEN[187]
XVI INDIENS MÄRCHENPRACHT
a Delhi[199]
b Jaipur[206]
c Agra[212]
d Benares[216]
XVII HEIMWÄRTS[224]

EINLEITUNG

Im Herzen von Asien, als Pufferstaat zwischen Russland und Indien eingekeilt, liegt Afghanistan. Noch bis vor kurzem war dieser Staat den Europäern verschlossen, und nur selten wurden Ärzte oder Ingenieure ins Land gelassen. Genauere Kunde über Afghanistan verdanken wir den Berichterstattern der englisch-afghanischen Kriege 1841/42 und 1878/79, sowie einigen kühnen Pionieren, die in den Jahren 1825 bis 1840 das Reich des Emir besuchten.

1. Familiengrab der Herater-Timuriden (1457)

Schon seit ältesten Zeiten ist Afghanistan der Schauplatz vieler Kämpfe und Umwälzungen gewesen, da es ein Durchzugsland ist. Durch die indisch-afghanischen Grenzberge führen die Zugangswege nach Indien. Alexander der Große, Timur oder Tamerlan, Mahmud von Ghasni, Baber, der erste der indischen Großmoguln, und der Perserkönig Nadir Schah, sie alle durchzogen Afghanistan auf ihren Kriegszügen nach Indien.

2. Afghanisches Regierungs-Karawanserai

Afghanistan ist ein wildes Bergland, in dessen östlichstem Teile die Gipfel des Hindukusch Höhen bis zu 7000 m erreichen. Tiefe Schluchten durchschneiden die Berge, und tagelang kann der Reisende über große Plateaus ziehen, ohne kaum ein Fleckchen Grün zu sehen. Brennt im Sommer die Sonne unbarmherzig auf die stark verwitterte Bergwelt hernieder, so hüllt im Winter tiefer Schnee die Berge ein, und fast ein halbes Jahr lang ist der Weg durch Zentralafghanistan dann für jeglichen Verkehr gesperrt.

3. Meine Wohnung in Tschähar Bagh, Herat

Nach dem letzten englisch-afghanischen Kriege 1919 hat Emir Amannullah Khan sein Land den Europäern geöffnet und zahlreiche Deutsche und Italiener in das Land gezogen, die sich dort dem afghanischen Staatsdienste als Ingenieure, Ärzte, Elektrotechniker, Architekten und Lehrer widmen.

Schon seit meiner Schulzeit habe ich mich mit den Ländern Innerasiens beschäftigt, und schon während meiner Studienzeit an der Münchener Universität hatte ich meine Arbeiten auf diese Länder Zentralasiens eingestellt. Außer Chinesisch-Turkestan, Tibet und Indien zählte auch Afghanistan zu meinem engeren Interessenbereich. Da bot sich mir im Sommer 1923 Gelegenheit durch die liebenswürdige Vermittlung eines guten Freundes als Geologe in Diensten einer neugegründeten afghanischen Handelsgesellschaft nach jenem Lande zu gehen. Die Reise ging durch Rußland – kreuz und quer durch Afghanistan – und heim über Indien.

Von den wissenschaftlichen Ergebnissen ist in diesem Buche nur wenig die Rede, ihre Veröffentlichung ist einem anderen Werke vorbehalten. Das vorliegende Buch – lose aneinandergereihte Tagebuchblätter, Skizzen und Bilder – soll dem Leser nur ein ungefähres Bild von dem Lande und dem Leben geben, wie es sich dem Reisenden darstellt.

Ungefähr ein Jahr ist verflossen, seit ich Afghanistan verlassen habe. Ich bin wieder heimgekehrt in das von Sorgen und Kämpfen zerrissene Europa, heimgekehrt in die Länder rastloser Arbeit sich hetzender Menschen, deren Seele im Alltag verkümmert und stirbt. Oft wandern meine Gedanken nach dem großen, stillen Asien zurück, nach Afghanistans einsamen Bergen und Tälern, nach Indiens sonnigen Fluren und heiligen Stätten. Ich sehe mich im Geiste wieder mit meiner Karawane über die hohen, eingeschneiten Pässe ziehen, sehe uns wieder am flackernden Lagerfeuer sitzen und glaube manchmal die Stimmen meiner Diener zu hören. Und wieder andere Bilder steigen vor mir auf: Weiße Marmorpaläste, stille Tempelhaine, die im Schatten großer Bäume träumen, und stille Seen, in denen sich der tiefblaue Himmel und hohe Palmen spiegeln. Wenn es mir gelungen ist, in Wort und Bild diese Länder dem Leser näherzubringen, dann ist der Zweck dieses Buches erreicht.

Sämtliche Photographien sind von mir selbst aufgenommen, mit Ausnahme der Bilder Nr. 34, 35, 57–60, die mir von Herrn Blaich, Kabul, zur Verfügung gestellt wurden, wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen besten Dank ausspreche.

Zuletzt noch ein Wort des Dankes an die Herren der Deutsch-Afghanischen Kompanie für die vielseitige Unterstützung, die sie meinen Plänen zuteil werden ließen, an Frau Erna Martens, die mir eine unermüdliche Korrekturleserin gewesen ist, sowie dem Herrn Verleger für die Sorgfalt und das Interesse, das er der Herausgabe dieses Buches entgegenbrachte.

DR. EMIL TRINKLER

I
QUER DURCH RUSSLAND UND RUSSISCH-TURKESTAN

Am Freitag, dem 6. August, abends 11 Uhr, verließ ich mit meinen Kameraden Wagner und Blaich Riga. Der Wagen, den wir angewiesen bekamen, war augenscheinlich ganz neu. Er hatte elektrische Beleuchtung, bequeme aufklappbare Polstersitze und war sehr sauber. Als wir uns am anderen Morgen erhoben und gefrühstückt hatten, wurden die Abteile vom Zugpersonal ausgekehrt und geputzt, und der erste Eindruck, den wir von Rußland erhielten, war nicht schlecht.

Mit großer Spannung erwarteten wir unsere Einfahrt in das Reich der Sowjets. Wenn wir aus dem Fenster blickten, zeigte sich immer dasselbe Bild: Wald, Wald und wieder Wald, Äcker, einsame kleine Bauerndörfer, mit niedrigen strohgedeckten Holzhäusern, hin und wieder große Wiesen und Sümpfe. Gegen zwölf Uhr fahren wir durch ein großes hölzernes Tor, auf dem die rote Fahne weht und an dem das Sowjetwappen – Sichel, Hammer und Stern – angebracht ist. Wir sind an der Grenze angelangt, und der Zug hält, bis die Paßkontrolle erledigt ist. Zu beiden Seiten erheben sich neuerbaute Blockhäuser, auf denen ebenfalls die roten Fahnen flattern. Militärposten mit aufgepflanztem Bajonett bewachen den Zug, den niemand verlassen darf. Bald fahren wir weiter nach Sebesch, wo die Gepäckrevision stattfindet. Es gießt in Strömen, als wir gegen ein Uhr unsere Reise fortsetzen können. Endlos erscheint uns die Fahrt durch Rußlands Ebenen, durch unendliche Wälder und Sümpfe. Der graue Himmel und der klatschende Regen lassen das Bild noch trauriger erscheinen. Auf den Stationen kann man Lebensmittel erhalten, Weißbrot, Wurst, Früchte, Käse und Milch. Hier sehen wir schon typisch russische Bilder: Frauen und Mädchen in bunten Kopftüchern, Soldaten in verschiedenen Uniformen und zerlumpte Bettler.

Oft kann man an den Bahnhofsgebäuden in großen Lettern lesen: »Proletarier aller Länder vereinigt euch«. Das Wetter klärt sich auf, und beim Abendsonnenschein fahren wir in eine größere Stadt, deren viele weiße Kirchen mit grünen Kuppeln schon von weitem leuchten. Am Sonntagmittag, fünf Minuten vor zwölf Uhr, ohne eine Minute Verspätung fährt unser Zug in den Moskauer Bahnhof ein.

Ich will mich nicht lange mit der Beschreibung Moskaus aufhalten, denn die Zustände haben sich seit 1923 geändert, und das Bild, das ich von der Hauptstadt des Sowjetreiches empfing und entwerfen müßte, wäre nicht mehr zutreffend. – Als wir in Moskau weilten, waren nur zwei Hotels geöffnet; da das Savoy besetzt war, fanden wir im Knjajnüj Dwor, im Fürstenhof, Unterkunft. Lebensmittel gab es 1923 gut und reichlich; aber für russische Verhältnisse waren sie zu teuer. Doch ist Moskau wohl schon in Friedenszeiten eine der teuersten Städte Europas gewesen. Hier sieht man bereits ganz asiatische Bilder, und in den Basaren und auf den Märkten begegnet man häufig Turkmenen, Chinesen, Armeniern und Persern. Die Menschen erschienen aber alle bedrückter Stimmung; Sorge und Kummer sprachen aus den Gesichtern; ich habe in Moskau nie einen Menschen herzlich lachen hören. Alle waren sehr schlecht gekleidet, und obgleich wir gar nicht elegant gekleidet gingen, fielen wir doch überall sehr auf. Derjenige, der sich näher über die jetzigen Verhältnisse in Rußland zu unterrichten wünscht, dem kann nur das in diesem Verlage erschienene Buch von Prof. Obst: »Russische Skizzen« aufs wärmste empfohlen werden.

Die fünftägige Bahnfahrt von Moskau nach Taschkent verlief sehr angenehm, da die Züge, die auf dieser Strecke verkehren, internationale Schlaf- und Speisewagen haben. Je mehr wir uns Taschkent näherten, desto wärmer wurde es, und während der letzten beiden Tage der Fahrt war die Hitze beinahe unerträglich. Unvergeßlich wird mir die Überfahrt über Europas größten Fluß bleiben. Es war frühmorgens; die Strahlen der Morgensonne lagen auf den großen Wäldern und Feldern, die die gewaltige Wolga einsäumen. Es rollte dumpf, als wir langsam über die berühmte, ca. 1500 m lange Brücke fuhren. Einige Dampfer und Flöße zogen langsam stromabwärts. Frieden und Ruhe weit umher, Feiertagsstimmung!

Langsam verschwinden die Wälder, Schwarzerdeboden tritt auf, durch den sich wie samtene Bänder dunkelgrüne Felder hinziehen, und dann tritt die Steppe die Herrschaft an. Tag und Nacht haben wir dasselbe Bild der verbrannten dürren Einöde. Wir sehen die ersten Kamele, passieren Jurtensiedelungen der Kirgisen, vor denen abends die Lagerfeuer hell flackern, und sehen die Sonne wie eine blutrote Kugel am Abendhimmel versinken. Auf den Stationen wird meistens lange gehalten. Hier kann man seinen Proviant ergänzen und Obst, Hühner, Brot, Milch und Eier zu teueren Preisen erstehen. An jeder Station bekommt man auch heißes Wasser, denn den Tee bereitet man sich selbst im Wagen. Köstlich mundeten die Zucker- und Wassermelonen, die wenigstens etwas den Durst stillten.

Am vierten Tag zeichnet sich die tiefblaue Fläche des Aralsees auf dem braunen Steppenboden ab. Von Grün war nichts zu erblicken; nur dürres gelbes Gras und Sandboden so weit der Blick reichte! Eines Abends sahen wir eine Herde Kamele auf der Steppe weiden, und eine Karawane zog langsamen Schrittes der untergehenden Sonne entgegen. Keine Wolke war mehr am blauen Himmel zu sehen, und es sollte Monate dauern, bis wir den ersten bewölkten Himmel wieder erblickten. In Kasalinsk war großer Fischmarkt. Stör und Kaviar wurden hier zu billigen Preisen angeboten. Die Reisetage vergingen uns noch viel zu schnell; am fünften Tage mittags trafen wir in Taschkent fahrplanmäßig ein.

Tagsüber war es noch sehr heiß, und wir waren immer froh, wenn der Abend kam. Dann saßen wir im Garten des Turkwojenkop-Restaurants, tranken ein Glas Turkestaner Roten und lauschten der Musik einer Zigeunerkapelle. Sobald das Tagesgestirn am Horizont versunken war, erwachten die Lebensgeister wieder, und jeder freute sich der frischen würzigen Luft.

Orient umgibt uns; er leuchtet uns entgegen im farbenprächtigen Leben der Basare, in den von einfachen Lehmmauern eingefaßten Blumengärten, im hellen Blau des Himmels und in der flammenden Lichtflut der Sonne. An allen Straßenecken haben die Turkmenen ihre Verkaufsstände aufgeschlagen, die fast unter der Fülle des Obstes zusammenzubrechen drohen. Weintrauben, deren Beeren ungefähr so groß wie Pflaumen sind, sowie große süße Zucker- und Wassermelonen verführen fast immer zum Kaufen. In den Basaren herrscht orientalisches Leben. Die bunte Kleidung der Sarten und ihre vielfarbig gestickten Kappen ziehen immer wieder den Blick auf sich.

Mittags wird es sehr heiß; dann sieht man auch nur wenige Menschen auf den Straßen, über denen die Luft flimmert. Vor den Hauseingängen hocken Eingeborene, essen Obst, schlafen oder träumen vor sich hin. Nach Möglichkeit vermeidet man es, in den Mittagsstunden auszugehen, wenn auch prächtige Pappelalleen etwas Schutz spenden. Überall ist es sehr staubig. Die Blätter der Bäume sind grau, und abends liegt eine dicke Staubwolke über der Stadt, so daß man glaubt, alles durch einen Schleier zu sehen. Manchmal machte ich mit Wagner abends noch einen Spaziergang. Wir hatten in jenen Tagen gerade Vollmondschein, und die Straßen waren in silberhelles Licht getaucht. In den Häusern brannten noch spätnachts die Lampen, und oft hörte man die Klänge eines Klaviers oder einer Gitarre die Nacht durchdringen. Auf einem großen Basarplatz spielten die Mondstrahlen Verstecken und warfen von einer Kirche tiefe Schatten.

Nachdem es uns in Taschkent endlich geglückt war, Fahr- und Platzkarten für den Zug nach Samarkand zu erhalten, sowie das umfangreiche Gepäck zu befördern, konnten wir die neue Fahrt beginnen. Früh um drei Uhr, in einer hellen Vollmondnacht, trafen wir in Samarkand ein und ließen uns in die Stadt fahren, die ziemlich weit vom Bahnhof entfernt liegt.

Es war noch still und sehr frisch. Wir begegneten einer großen Kamelkarawane, die langsam im Morgengrauen dahinzog, und trafen einige Sarten, die auf kleinen Eseln vorbeiritten. Die von hohen Pappeln eingefaßten Straßen waren auch hier sehr staubig; unser Kutscher fuhr wie toll, und wir fürchteten jeden Augenblick, daß er mit uns in einem Straßengraben landete.

4. Die Burg in Herat

Im »Hotel« war natürlich alles besetzt, denn es hatte nur zehn Zimmer, aber wir konnten uns wenigstens etwas frisch machen, da im Hofe Waschtische aufgestellt waren. Dann ließen wir uns einen Samowar bringen, kochten Tee und frühstückten im Hof. Darauf machten wir einen Spaziergang in die Stadt. Der Hotelbesitzer, der auch etwas Deutsch verstand, führte uns zu einem österreichischen Sanitäter, der als Kriegsgefangener hier interniert worden war und seinen Wohnsitz jetzt hier aufgeschlagen hatte. Je mehr wir uns der Eingeborenenstadt näherten, um so bunter wurde das Bild.

5. Marktplatz, Herat

Orient, wohin das Auge blickt! und so bunt und schillernd, daß man kaum weiß, wohin man den Blick zuerst lenken soll! Hellblauer, reiner Himmel strahlt über der Stadt Timurs, und das Sonnenlicht ist so hell, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die Straßen sind sehr staubig; bei jedem Schritt wird eine dicke Staubwolke aufgewirbelt. Es war großer Markttag und das Gedränge in den engen Gassen war groß. Europäer trifft man selten; überall beherrschen die Sarten in ihren bunten Gewändern das Feld. Mitten durch die farbige Menge ziehen Kamele bedächtigen Schrittes, trippeln kleine Esel, bahnen sich Reiter den Weg oder werden große, zweiräderige Lastkarren von Ochsen gezogen. Überall wird gehandelt und gefeilscht; dieser bietet Teppiche, jener Käppis, dieser Obst, jener seidene Stoffe und Edelsteine an. Vor einigen Verkaufsläden sind Tische gedeckt, und man fordert uns zum Kebabessen auf (am Spieß gebratenes Hammelfleisch). Junge Burschen tragen große Tabletts auf dem Kopfe und gehen durch die Menge, um frischgebackenes Brot, Kuchen oder Trauben anzubieten; andere sitzen am Boden und verkaufen aus großen Tonkrügen frisches Wasser. Wir gehen an den Ständen der Schmiede, Fleischer und Schneider vorbei und sehen schon von weitem die weltberühmten Bauten Samarkands: das Grabmal Timurlenks und die von seinem Enkel Ullugh Begh erbauten Medressen, die den Registan einfassen. Schöner blauer Kachelschmuck erfreut hier das Auge. In der Tila Kari werden wir vom Oberpriester, einem alten Weißbart in wallendem Gewande und großem Turban, freundlich begrüßt, und es wird uns gestattet, auf das Dach der alten Hochschule zu steigen, von dem aus wir einen umfassenden Ausblick auf die Stadt haben. Ein alter Mohammedaner, mit großem, weißem Turban, führt uns die baufälligen Stufen hinan. Auf dem Dache dürfen wir nur an einzelnen Stellen uns bewegen, da die Gefahr des Einsturzes droht. Wie durch einen feinen Schleier sehen wir das umliegende Land, da die Luft so stauberfüllt ist. Unter uns ziehen sich die bunten Basarstraßen hin, in denen es wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Der Führer erklärt uns die verschiedenen Kuppelgräber, die man sieht. Die Hitze auf dem flachen Dache wird schon nach einigen Minuten unerträglich, und wir steigen gerne wieder in den Hof hinab. Immer wieder muß man die farbenprächtigen Kacheln bewundern, die mit ihrem Tief- und Hellblau sich so gut aus dem Gelbbraun der Lehmmauern herausheben. Das eine Minarett steht ganz schief und wird nur durch dicke Drahtseile gehalten.

6. Teil des Gouvernementgebäudes, Herat

Und dann gehen wir zu dem Grabmal Timurs. In einem Hain von hohen Pappeln erhebt sich stolz die blaue Kuppel. Ein Molla führt uns durch den dunklen Eingang in das Innere, wo der Sarkophag steht, der aus einem einzigen Nephritkristall gearbeitet ist. Das Licht ist gedämpft; nur durch eine Öffnung in der Wand dringt ein Bündel Sonnenstrahlen in den Raum und zaubert helle Flecke auf den Boden und das Marmorgitter, das den Sarkophag umgibt. Auf diesem liest man in persischen Lettern den berühmten Spruch: »Wenn ich noch lebte, sollte die Welt vor mir erzittern.« Beim Scheine einer Kerze führt uns der Molla in ein unterirdisches Gewölbe, wo verschiedene Grabsteine liegen und wo unter anderem sich auch die eigentliche Grabstätte Timurs befindet. Timurlenk oder Tamerlan war sicher einer der größten Herrscher, die je gelebt haben, und er sowie Dschinghis-Khan haben mehr als einmal ganz Asien in Schrecken versetzt. Noch heute begegnet man ihren Spuren auf Schritt und Tritt in den vielen Ruinen, die man in Persien, Afghanistan und Turkestan antrifft. Trotzdem diese Herrscher unerhörte Grausamkeiten begangen haben, muß man doch auch wieder ihren Sinn für Kunst und Wissenschaft bewundern, ließ doch z. B. Timur von weither (Damaskus) Baumeister kommen, die die Prachtbauten aufführten.

Einmal waren wir bei einem Deutschen zu Gast. Wir saßen in einem großen schattigen Garten, der von einer hohen Lehmmauer umgeben war. Des Mondes silberne Strahlen spielten auf den Wegen, fielen durch das Blattwerk und warfen helle, runde Flecke in die dunklen Schatten. Es war einer jener Sommerabende, die man nie vergißt und die sich für immer fest in unsere Seele einprägen. Zum ersten Male aßen wir hier den »Pilau« aus gewürztem Reis, Hammelfleisch mit Tomaten, Gurken und Rosinen und ließen uns den Turkestaner Wein gut schmecken. Erst gegen Mitternacht brachen wir auf, und lange noch lagen wir wach und hörten das Heulen und Weinen der wilden Hunde und Schakale.

Am anderen Tage ging es weiter nach Merw. Wir waren schon früh am Bahnhof, da wir noch Karten lösen mußten und dies in Rußland immer ziemlich umständlich ist. Wir tranken noch einen Kaffee und suchten dann im Gedränge unser Abteil, da wir Platzkarten hatten. Kaum saßen wir im Zuge, da merkte ich, daß mir meine Brieftasche fehlte. Ich hatte sie in dem Wartesaal noch gehabt, hatte selbst die Fahrkarten gelöst und den Kaffee bezahlt. Entweder war sie mir gestohlen worden, was wohl das wahrscheinlichste war, oder sie war beim Einsteigen in den Wagen aus der Tasche gefallen. Daß in der Tasche zirka fünfzig Mark waren, war weniger schmerzlich, aber sie enthielt auch meinen Paß und andere wichtige Ausweispapiere. Bis zur Abfahrt des Zuges waren noch ein paar Minuten Zeit übrig. Ich eilte in die Bahnhofshalle zum Vorsteher, setzte ihm so kurz wie möglich den Sachverhalt auseinander, worauf er mich an die Bahnhofskommandantur der Tscheka verwies, wo mir eine Bescheinigung ausgestellt wurde. Es ging alles in furchtbarer Hast, denn in jeder Sekunde mußte der Zug abfahren, da schon zweimal das Abfahrtssignal gegeben war. Als ich wieder im Zuge war, fiel mir auch ein, daß unser Gepäckschein ebenfalls in der Tasche war, aber dies war nicht das Schlimmste. Langsam ahnte ich, welche Kette von Unannehmlichkeiten und Sorgen folgen würden.

Der Zug war ganz besetzt. Einige Leute lagen auf dem Boden, man konnte sich kaum rühren. Die Luft war stickig und stauberfüllt, und man konnte beobachten, wie die Staubschicht auf den Bänken von Stunde zu Stunde dicker wurde, als der Zug sich pustend und keuchend durch die Sandwüste der Kara-kum schleppte. Wie ein erstarrtes Meer reiht sich Sanddüne an Sanddüne, so weit das Auge sehen kann, und nur an den kleinen Stationen sieht man Leben: ein oder zwei kleine rote Häuschen, ein paar Kinder, die inmitten einiger Schafe und Ziegen herumtollen.

In aller Frühe trafen wir in Merw ein und ließen uns nach dem »Hotel« Franzia bringen. Wir mußten lange klopfen, ehe ein Junge uns öffnete. Das Haus machte einen primitiven Eindruck: kein Fenster war heil, die Stühle zerschlagen und die Zimmer sahen wie Gefängniszellen aus. Im Hof lagen zwei Lausejungen in ihren Betten, und das Zimmermädel hatte das ihre am Rande eines kleinen Tümpels aufgeschlagen, der schmutzig graugrünes Wasser enthielt. Der Herr »Portier«, dessen verlauster Kopf ebenfalls aus einer schmierigen Decke herausguckte, fluchte, daß wir ihn in seiner Ruhe gestört hatten. Das schien ja ein fideles Gefängnis zu sein! Und wir mußten ein paar Tage in dieser trostlosen Stadt zubringen, ehe wir nach Kuschk weiterfahren konnten. Merw ist wegen seines heißen, ungesunden Klimas berüchtigt, und wir waren daher recht froh, als wir mit dem kleinen Zuge, in dem nur ein Personenwagen war, nach Kuschk weiterfahren konnten. In Merw trafen wir auch noch zwei afghanische Kuriere, die ebenfalls nach Afghanistan wollten; durch ihre Freundlichkeit hatten wir viele Erleichterungen und erhielten ein geschlossenes Abteil.

Als es dämmerte, fuhren wir schon in ein hügeliges Steppengebiet ein, und als ich nachts einmal aufwachte, sah ich, wie sich schwarze Bergsilhouetten vom sternenübersäten Himmel abhoben. Dann schlief ich wieder ein. Plötzlich hielt der Zug. Die Afghanen weckten uns und sagten, wir müßten aussteigen! Von einer Station aber sahen wir nichts, keine Lichter, keine Menschen, vollkommene Finsternis! Im Abteil brannte kein Licht, und wir mußten beim Schein einer Wachskerze unsere Sachen zusammenpacken. Der Schaffner kam und schimpfte, daß wir noch nicht draußen waren. Wir begriffen gar nicht, was eigentlich los war, denn der Zug konnte noch nicht in Kuschk sein, da wir die einzigsten Fahrgäste waren, die ausstiegen. Aber wir hatten gar keine Zeit zu fragen; unser Gepäck flog einfach aus dem Fenster auf den Bahndamm, und kaum waren wir aus dem Zuge, da fuhr er auch bereits weiter in die Nacht hinaus. Es war sehr kalt und wir waren noch halb verschlafen und vollkommen im ungewissen, als wir unser herumliegendes Gepäck, den Afghanen folgend, in ein kleines, weißes Haus brachten, das in einem von hohen Pappeln eingefaßten Garten stand. Wir wurden in ein Zimmer geführt, in das eine brennende Wachskerze ihren fahlen, flackernden Lichtschein warf, und in dem wir ein paar Stühle und eine Bank erkennen konnten. Ein russischer Beamter – der Grenzkommissar Ostanin – begrüßte uns kurz. Dann legten wir uns auf den Fußboden und schliefen bald ein.

II
AN DER RUSSISCH-AFGHANISCHEN GRENZE FESTGEHALTEN

Als ich am 2. September beim Morgengrauen zum ersten Male die kleinen Bauernhäuser von Kuschk sah, da ahnte ich nicht, daß ich in diesem weltverlassenen Winkel des Russischen Reiches volle sieben Wochen verbringen sollte. Wir waren gerade bei unserer Morgentoilette, als der Grenzkommissar Ostanin, in dessen Hause wir untergebracht waren, unsere Pässe verlangte, damit sie dem Festungskommandanten vorgelegt würden. Ich erklärte ihm mein Mißgeschick und übergab ihm das in Merw von der politischen Polizei ausgefertigte Schriftstück. Er prüfte es sorgfältig, legte es in die Pässe meiner Freunde und schickte dann seinen Sekretär mit den Papieren fort. Wir setzten uns darauf in den von hohen, schlanken Pappeln eingefaßten Hof und nahmen hier zusammen mit der Familie des Kommissars das Frühstück ein.

Gegen Mittag kam ein Soldat angeritten, brachte die Pässe zurück und den Bescheid, daß ich nicht die Grenze passieren dürfte, ehe nicht von Taschkent die Erlaubnis zur Weiterreise gegeben wäre. Sofort setzten wir ein Telegramm an die Bezirksstelle für auswärtige Angelegenheiten auf, das der Soldat mitnahm. Als am anderen Mittag noch keine Antwort eingetroffen war, entschied sich Wagner, aufzubrechen. Er wollte in dem ersten afghanischen Orte alles zur Weiterreise vorbereiten, während Blaich mir noch Gesellschaft leisten sollte. Auf einem Leiterwagen wurde unser großes Gepäck verstaut, auf diesem thronten die afghanischen Kuriere und Wagner, und in Begleitung von zwei berittenen Soldaten rollte der Wagen die staubige Straße entlang, die von Aleksejevka aus an den Grenzfluß führt.

Nachmittags unternahm ich mit Blaich, den beiden Kindern des Kommissars und seiner Schwägerin eine kleine Wanderung in die umliegenden Berge, die trostlos öde ausschauen. Rücken legt sich an Rücken – ein Meer flachgerundeter großer Hügel dehnt sich hier an der russisch-afghanischen Grenze aus. Der Fels ist stark verwittert. Schutt, Sand und Löß, wohin das Auge blickt. Die kärglichen Pflanzen verdorrt, gelb, trocken wie Zunder! Nur der Kameldorn hat seine olivgrüne Farbe behalten. Auf dem platten, trockenen Gras gleitet man leicht aus; aber was tut’s, Steilabstürze gibt es hier nicht! Und immer wieder türmt sich ein Berg hinter dem anderen auf. Den Kindern machte es viel Freude, mit uns herumzutoben, und auch das kleine braune Lamm, das dem Mädelchen gehörte und das von selbst mitgelaufen war, schien an unseren Spielen Gefallen zu finden, denn es hüpfte und sprang vor Freude.

Endlich hatten wir den einen hohen Bergrücken erklommen, auf dem einige vereinzelte Pistazienbäume standen. Diese tragen haselnußähnliche Früchte, die gut schmecken. Es war sehr spät geworden; goldgelb versank die Sonne hinter den Bergen, und blaue Schatten legten sich auf das Tal. Wir gingen nach Norden, um wieder ins Dorf abzusteigen; aber ein Bergrücken folgte dem anderen. Olga fing an zu weinen und jammerte, sie könnte nicht mehr weiter; Aleksej brüllte und wollte durchaus auf den Arm genommen werden, und das Lämmchen blieb dauernd stehen und blökte. Es war zum Verzweifeln! Endlich hatten wir den letzten Hügelrücken erreicht und sahen das Dorf inmitten der Pappeln unter uns liegen. Da wachten die Lebensgeister wieder auf, und unter Lachen und Gesang fanden wir uns wieder im Garten ein. Als auch am folgenden und übernächsten Tage keine Antwort auf unser Telegramm eintraf, trotzdem wir noch ein zweites mit bezahlter Rückantwort abgesandt hatten, und wir auch beim Festungskommandanten nichts erreichen konnten, da machte sich auch Blaich auf den Weg nach Afghanistan.

Nun war ich allein in Kuschk und wartete und wartete – – Tage – – Wochen – –. Jeden Morgen wachte ich mit der Hoffnung auf, daß der Tag die ersehnte Antwort aus Taschkent bringen würde, aber vergebens. Tagsüber war ich immer im Freien, denn im Zimmer war es nicht auszuhalten. Der Raum, in dem ich untergebracht war, enthielt nur eine gepolsterte Bank, zwei Stühle und einen Flügel, der aber, da die Beine abgeschlagen waren, auf Holzgestellen ruhte und vollständig verstimmt war! Spielen konnte man nicht darauf. Frühmorgens mußten wir schon Bretter vor die Fenster stellen, um die glühende Hitze abzuhalten und auch um die Fliegen zu vertreiben, die in den so verdunkelten Raum nicht gerne hineinflogen. Trotzdem war es unmöglich zu schlafen, ohne sich ganz unter das dünne Bettuch zu verkriechen, das ich zum Glück mitgenommen hatte; aber bei der Hitze war dies natürlich wenig angenehm. Hätte ich nur mein großes Gepäck gehabt, dann hätte ich es mir schon gut einrichten können; aber so besaß ich nur das, was ich auf dem Leibe hatte, und einen kleinen Pappkarton, in dem ich noch ein Paar Strümpfe, Unterzeug und sechs Taschentücher hatte. Das schlimmste war, daß ich auch keine Lektüre hatte; wohl erhielt ich öfters vom Grenzkommissar die russischen Zeitungen, aber diese waren auch schnell durchflogen. So benutzte ich die Zeit denn, um große Spaziergänge in die Umgegend zu machen.

Morgens um halb neun wurde im Hof gefrühstückt. Frau Ostanin bereitete selbst das Essen zu, und wir hatten immer ausgezeichnete Spiegel- oder Rühreier oder auch wohl Fleischpasteten. Nach dem Essen machte ich mich fertig und wanderte dann in die Berge; durchschritt zuerst das flache, breite Talbecken und erklomm den Bergrücken, der sich genau im Südosten erhebt. Von hier aus hatte man einen weiten Überblick über das Land. Ich sah den Gipfel, auf dem ich mit Blaich und den Kindern gewesen war und wo wir die Pistazien gepflückt hatten, aber ein noch viel höherer Gipfel türmte sich im Süden auf. Von dort müßte man noch etwas mehr von den afghanischen Grenzbergen sehen können!

Eines Tages machte ich mich schon frühzeitig auf und folgte der großen Straße nach Tschihil Duchteran. Ich schritt tüchtig aus und war ungefähr nach einer Stunde am Fuße dieser Bergrücken. Die Sonne brannte; ich erklomm erst einen kleineren Hügel und legte mich in den Schatten einiger Pistazien. Kein lebendes Wesen war ringsumher zu erblicken. Es war alles so hell um mich, daß ich kaum die Augen offen halten konnte. Hin und wieder wurde die Stille durch den Ruf eines Raubvogels unterbrochen, der langsam um die morschen Gipfel seine Kreise zog. Hinter mir erhob sich gerade der markante Bergrücken, den ich mir zum Ziele genommen hatte. Auf der Nordseite war der Berg stark zerklüftet, was mich einigermaßen erstaunte, da sonst hier ein Rücken wie der andere flachgerundet aussah. Als ich endlich den Gipfel erreicht hatte, konnte ich feststellen, daß es ein alter Vulkan war. Überall lagen Tuffe, Bomben, Trachyte umher, und ich sammelte mir eine ganze Serie Handstücke für meine geologische Sammlung. Der Ausblick war herrlich! In allen Farben schillerten die Berge, die sich bis an die afghanischen Hochgebirge hinzogen. Wie bedauerte ich, meinen Zeichenkasten und meinen photographischen Apparat nicht bei mir zu haben. Gen Norden konnte ich bis in die transkaspische Ebene sehen, und gen Süden bildeten die hohen Bergketten des Parapomisos, die in hellila Tönen schimmerten, den Hintergrund.

Lange blieb ich hier oben; aber gegen 12 Uhr wurde die Hitze unerträglich; die Luft flimmerte über den Bergen. Auf einem großen Felsblock sonnte sich eine kleine schwarzweiß geringelte Schlange. Sie rührte sich kaum, als ich herantrat. Ich beobachtete diese Schlangen häufig in diesen Bergen und fand, daß, wenn man sie angreift, sie sich stets äußerst heftig verteidigen. Sonst war wenig Tierleben zu beobachten. Überall hatte die Sonne das Land versengt, das Leben vernichtet. Die Bachbetten waren ausgetrocknet, die sie einfassenden Büsche verdorrt. In den tiefsten Senken fand ich nur manchmal eine tiefrot blühende, große Malve. Immer war es eine große Freude, wenn man aus den Wüsteneien der Felsberge in das Tal des Kuschkflusses abstieg und das wie eine Oase schimmernde Aleksejevka betrat!

Eines Tages wandte ich mich in die nordöstlichen Berge. Das Tal ist hier sehr breit, und der Fluß wird vom Wald eingefaßt. Ich erklomm wieder einen der das Tal einsäumenden Hügel und fand auch hier dasselbe trostlos öde Bild. Dann folgte ich einem kleinen, ausgetrockneten Bachbette, in dem ich einige hübsche Versteinerungen auflesen konnte. Nachdem ich zwei Stunden in diesen öden Bergen umhergewandert war, entdeckte ich auf einem Hange eine große Melonenplantage. Als Wächter war hier ein alter Afghane angestellt; er hatte sicher schon manchen Sturm erlebt, denn das eine Auge war ihm ausgeschlagen und ein Knie war steif, so daß er humpelte. Mißtrauisch blickte er mich an; als ich ihm aber erzählte, daß ich kein Russe sei und daß ich nach Afghanistan reisen wollte, war er die Liebenswürdigkeit selbst und schenkte mir ein paar große saftige Wassermelonen, die meinen Durst stillten. Ich habe wohl nie wieder während meines Aufenthaltes in Turkestan und Afghanistan solche süßen Wassermelonen gegessen, und ich erkläre mir dies aus der Lage der Plantage, die auf dem Berghange den ganzen Tag der vollen Sonne ausgesetzt ist.

Oft waren die Berghänge schwarz gesprenkelt von Schafherden. Es waren meist afghanische Hirten, die mit ihren Herden auch auf das russische Gebiet zogen. Von ferne gesehen, sahen diese Herden wie ein großer schwarzer Fleck aus, der langsam über die Hänge zog; erst wenn man das Fernglas zu Hilfe nahm, löste sich der Fleck in einzelne schwarze Punkte auf.

Oft kamen große Karawanen aus Herat. Sie trafen meist abends bzw. nachts ein. Schon lange, bevor wir sie sahen, hörten wir das Geläute der großen Karawanenglocken von den Bergen widerhallen. Gegenüber von unserem Hause war das russische Zollamt, und alle Waren, die von Afghanistan kamen, wurden erst dort eingelagert.

Es dauerte manchmal Stunden, bis allen Kamelen ihre Lasten abgenommen waren. Dann war der Zollhof mit Warenballen übersät, und für die Kinder gab es nichts Schöneres, als hier herumzutollen und von Ballen zu Ballen zu springen. Tagsüber wurden die Kamele auf die Weide geschickt, und oft konnten wir sie auf fernen Bergen herumwandern sehen. Abends wurden sie zurückgetrieben, und in Reih’ und Glied lagen sie dann alle auf dem großen Platze, der sich vor dem Zollhause ausdehnte. Es waren stattliche Karawanen – manchmal 250–300 Kamele stark –, die Wolle und Häute aus Afghanistan brachten. Auch diese Karawanen wurden von russischen Soldaten begleitet, denn das russisch-afghanische Grenzgebiet ist vor Räubern nicht sicher.

Die Karawanenführer – meist alte, würdige Weißbärte – mußten in meinem Zimmer übernachten, denn in dem kleinen Hause waren nur drei Zimmer: in dem einen hausten Ostanins, im anderen wohnte der Besitzer Simon, ein vierschrötiger Bauer, mit seiner kranken Frau und fünf Kindern, und das dritte war das Gästezimmer. Waren die Afghanen mit im Zimmer, so war an Schlaf nicht zu denken. Schon morgens um drei Uhr fingen sie an zu reden und die Wasserpfeife zu rauchen. Und schliefen sie, so schnarchten sie meistens so laut, daß man kaum ein Auge zumachen konnte. Einmal hatte ich sogar das zweifelhafte Vergnügen, mit einem Karawanenführer zusammen zu schlafen, der so laut schnarchte, daß Ostanins, deren Zimmer von dem meinigen durch den Korridor und durch Doppeltüren getrennt war, die Nacht nicht schlafen konnten.

Morgens nahmen die Karawanenführer auch das Frühstück mit uns ein. Eines Morgens, als wir am Kaffeetisch saßen, hörte ich hinter mir ein seltsames Quieken. Ich fragte Ostanin, was es wäre, und er sagte mir mit einem Augenblinzeln nach den Afghanen: »Swinja« (Ferkel)! Nun gibt es für einen Mohammedaner nichts Ekelerregenderes als ein Schwein; und Schweinefleisch essen ist für ihn das Furchtbarste, was er sich denken kann. Dies Schweinchen war in einem Sacke verpackt und lag im Hofe an der Hausmauer. Die Afghanen hörten wohl das Quieken, blickten verstohlen nach dem Sack, in dem es sich dann und wann regte, und waren unschlüssig, was sie tun sollten. Da trat mit schwerem Schritt Simon aus der Haustür, nahm den Sack, zog das kleine Ferkel heraus und schlachtete es im Hof vor unseren Augen. Die Afghanen standen ohne ein Wort zu sagen auf, und gingen. Simon hatte anscheinend von Schweineschlachten keine große Ahnung; es war grauenhaft anzusehen, wie das Ferkel, acht Minuten, nachdem er ihm die Kehle durchschnitten hatte, noch lebte, bis er es in einen Tubben mit kochendem Wasser geworfen hatte. Mittags gab es also gebratenes Spanferkel, und wir ließen es uns recht gut schmecken, zumal Frau Ostanin den Braten äußerst schmackhaft zubereitet hatte. Aber wie jeden Mittag konnten wir uns kaum vor den Wespen, Hornissen und Fliegen retten. Während man mit der einen Hand aß, mußte man mit der anderen Hand die Insekten vertreiben. Ich versuchte öfters zu schätzen, wie viele dieser Quälgeister uns immer beim Mittagessen störten. Es waren ca. 8 bis 10 große Hornissen, die ihr Nest unter dem Dach hatten, 10 bis 20 Wespen und ca. 50 bis 60 Fliegen. Gerade als wir unserem Schweinebraten gut zusprachen, kam einer der Karawanenführer über den Hof an unserem Tisch vorbei. Nie werde ich den verächtlichen Blick vergessen, den er uns zuwarf, als er das geröstete Spanferkel auf dem Tische erblickte. Den Mohammedanern ist der Ekel vor dem Schwein so in Fleisch und Blut übergegangen wie uns der Ekel vor einer Ratte oder einer Schlange. Man kann einem Afghanen keine größere Beleidigung sagen, als wenn man ihn »Chuk« schimpft. Seitdem die Afghanen uns hatten Schweinefleisch essen sehen, zogen sie sich auch mehr und mehr von uns zurück, tranken nicht mehr mit uns Tee und ließen nicht mehr die Wasserpfeife zirkulieren.

Wir hatten oft unseren Spaß an den Wespen und Hornissen. Wenn wir uns ruhig verhielten, taten sie uns nichts, und dann konnten wir ungestört ihr Leben studieren. Oft konnten wir beobachten, wie eine Wespe sich auf eine Fliege stürzte, die gerade auf dem Tische naschte. Sie packte die Fliege – stach sie aber nicht – und flog mit ihr zum Nest. Manche Wespen hatten geradezu eine Virtuosität, die Fliegen im Fluge zu fangen. Die Hornissen aber gaben sich weder mit den Wespen noch mit den Fliegen ab; hatten wir aber eine Hornisse totgeschlagen, so stürzten sich die anderen auf diese und rissen sie auseinander. Trotzdem wir Tag für Tag, morgens und mittags, diesen Kampf mit den Wespen und Hornissen auszufechten hatten, um überhaupt essen zu können, wurde keiner von uns in der Zeit gestochen. Nur eines Tages – wir saßen schon alle am Mittagstisch – kam der kleine Aleksej heulend angelaufen. Er sah einfach »verboten« aus! So verbeult und verbogen habe ich noch nie ein Gesicht gesehen! Er hatte mindestens fünf bis sechs Wespenstiche im Gesicht; seine Augenlider waren derart geschwollen, daß man vom Auge kaum etwas sah. Er sah so kurios aus, daß wir alle das Lachen nicht verbeißen konnten, und der alte Ostanin wollte sich vor Lachen schütteln und neckte den Jungen immer mit: »Kitajez – Kitajez« (kleiner Chinese)! Desto mehr aber brüllte Aleksej, der, nachdem er noch eine Tracht Prügel erhalten hatte, mit kalten Umschlägen ins Bett befördert wurde. Jedesmal, wenn Aleksej Schläge bekam, wurde auch Olga vorgenommen, die dann für irgendwelche Streiche, die sie Tage vorher begangen hatte, noch einmal eine Lektion erhielt. – Trotzdem konnte es Aleksej nicht lassen, nach ein paar Tagen dasselbe Wespennest noch einmal aufzusuchen und sich noch einmal so übel zurichten zu lassen.

Mit der Verpflegung wurde es schlechter. Wir mußten hamstern gehen, um die nötigsten Lebensmittel zu erstehen. Froh waren wir, wenn wir Butter und Eier erhielten. Gegen Sowjetrubel aber verkauften die Bauern nichts, und wenn wir noch so bettelten; nur gegen Zaren-Goldrubel oder afghanisches Silbergeld konnten wir die notwendigsten Lebensmittel erstehen.

Von Taschkent kam keine Antwort. Nachdem noch einmal auf dienstlichem Wege ein Telegramm mit Rückantwort abgesandt worden war, und auch auf dieses keine Antwort kam, sandte ich ein Radiotelegramm an die deutsche Botschaft in Moskau. Und wartete – – – und wartete – – –.

7. Minarett der Musallah, Herat

Inzwischen war ein neuer Grenzkommissar gekommen; denn Ostanin wurde nach Poltarazk (ehemalig Astrabad) versetzt. Der Platz in dem kleinen Hause wurde zu eng, und so wurde ich ausquartiert und bezog Wohnung beim Sekretär im Dorf. Er hatte sich bei einem Bauern ein großes Zimmer gemietet und ganz hübsch eingerichtet. Ich fühlte mich hier doch wohler, zumal ich in einem richtigen Bett schlafen konnte, wenn auch nur in eine dünne Wolldecke gewickelt. Der Sekretär, ein junger, blonder, großer Mensch, war mir sehr sympathisch. Er hatte viel gelesen, hatte orientalische Sprachen studiert und gab mir aus seiner kleinen Bibliothek zu lesen. Er war viel zu Hause und arbeitete für sich. Abends saßen wir zusammen bei einer kleinen Petroleumlampe an dem schweren Holztisch und verschlangen russische Romane, die uns die Dorfschullehrerin lieh. Ich hatte mein Russisch während der Wochen, die ich in Rußland weilte, schnell vervollkommnet, und es machte mir viel Freude, ohne Schwierigkeit A. K. Tolstois Roman: Fürst Serebrjanyj lesen zu können. Abends gingen wir meist spät zu Bett. Oft kam der Sekretär auch mit zu Ostanins, und dann saßen wir bis spät in die Nacht hinein im Garten. Die kleine Petroleumlampe, deren Zylinder nur noch halb war, verbreitete ein trübes Licht; aber ein helles Licht hätte gar nicht hierhergepaßt. Es war alles so gedämpft und still; wie schwarze Silhouetten standen die Berge schweigend ringsum; unbeweglich reckten die Pappeln ihre schlanken Stämme zum sternenübersäten Himmel empor. Hin und wieder ertönte vom Dorf her der so melancholisch und traurige Gesang eines russischen Mädchens. Noch oft glaube ich diese Klänge zu hören, möchte sie festhalten, sie zu Papier bringen, um sie jederzeit wieder hören zu können. Oft hörten wir die Schakale gellend weinend bellen. Dann war wieder Ruhe, überall tiefes Schweigen. Wie oft habe ich dieses Schweigen später auf meinen Wanderungen empfunden: bei den Nachtmärschen durch Afghanistans Berge oder in den schwülen Nächten in Indien. Es ist etwas Feierliches, Erhabenes. Es ist die unendliche Ruhe, die noch über dem großen Asien liegt. Dann leuchten die Sterne in so magischem Glanz, und die Landschaft liegt so still und unberührt da, daß man sich ganz verlassen und einsam vorkommt, und im Geiste wandern dann die Gedanken nach Europa, wo das Leben hastet und den Menschen keine Ruhe mehr läßt.

8. Zitadelle von Herat

Als nach vier Wochen immer noch keine Antwort eingetroffen war, entschied ich mich, nach Taschkent zu fahren, um meine Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Es traf sich gut, daß auch gerade zwei afghanische Kuriere mitreisten.

9. Schwarzer Marmorsarkophag des Sultans Hussein Mirza (1470–1505)

Ich packte meinen kleinen Pappkarton und stieg in die Bahn. Die afghanischen Kuriere waren während der Fahrt sehr besorgt um mich, und ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Nachts zwei Uhr kamen wir in Merw an, und erst um sieben Uhr fuhr der Zug nach Taschkent weiter. Wir blieben auf dem Bahnsteig, da die Kuriere das schwere Gepäck nicht in das Hotel Franzia schleppen wollten, und der Bahnhofswartesaal geschlossen war. Es war eine bitterkalte Nacht, und ich fror entsetzlich, hatte ich doch nur einen leichten Anzug und meinen dünnen Mantel an. Einer der Afghanen lieh mir eine Decke, und als Kopfkissen benutzte ich meinen Pappkarton. Trotzdem gelang es mir einzuschlafen. Aber als es fünf Uhr war, war ich so durchfroren und so steif, daß ich mich kaum rühren konnte. Ich stand auf und ging eine halbe Stunde auf dem Bahnsteig hin und her, um warm zu werden. Wie froh war ich, als endlich die Sonne aufging.

Als ich in Samarkand eintraf und dort auf dem Bahnsteig auf und abging, kamen zwei Offiziere der Tscheka auf mich zu und fragten, ob ich Trinkler sei, was ich bestätigte. Es stellte sich nun heraus, daß inzwischen in Kuschk aus Moskau die Antwort eingetroffen war, daß ich meine Reise nach Afghanistan fortsetzen konnte. Ich hatte nun die Wahl, in Samarkand zu bleiben oder nach Taschkent zu fahren, bis der Zug nach Merw kam, der nur alle drei Tage verkehrte. Ich entschied mich für Taschkent, da ich noch einige wichtige Besorgungen dort erledigen wollte. In Taschkent war nirgends Platz; Hotel Regina voll besetzt! So nahm ich Quartier in der afghanischen Gesandtschaft, wo ich auch gut aufgenommen wurde. Wie wenig ahnte ich, daß ich vierzehn Tage später den Konsul noch einmal wiedersehen sollte; wieviel Sorge und Unbequemlichkeiten wären mir erspart geblieben, hätte ich mir auch gleich von ihm einen neuen Paß ausstellen lassen!

Zurück nach Kuschk, drei Tage und drei Nächte Bahnfahrt! Endlich hatte die Befreiungsstunde geschlagen! Zum letztenmal – so glaubte ich – nahm ich das Mittagsmahl in Kuschk ein. Dann sattelte Simon zwei Pferde, und gegen fünf Uhr verließen wir Aleksejevka. Es war ein herrlicher Tag, und da die Sonne bald hinter den Bergen verschwand, war das Reiten sehr angenehm. Noch einmal grüßte ich die Berge, auf denen ich so manchen Tag geweilt hatte und wo mir fast jeder Baum und Strauch, jeder Felsblock vertraut war; dann bogen wir in ein Seitental und ritten gen Süden. Langsam legten sich die Schatten auf die Berge. Sie hüllten zuerst die Täler in blaue Farben und kletterten dann die Hänge hinauf. Bald sahen wir die ersten Sterne flackern. Der Weg ist sandig, und tief sanken die Pferde in den Staub ein. Oft hatten wir kleine schluchtähnliche Risse zu kreuzen. Es war schon stockdunkel, als wir den russischen Grenzposten erreichten. So späten Besuch hatten die Herren kaum erwartet. Lange mußten wir rufen, ehe der Stacheldrahtzaun geöffnet und unsere Papiere geprüft wurden. Ein russischer Soldat begleitete uns bis an den ersten afghanischen Posten am jenseitigen Ufer.

Wir reiten an den Fluß hinunter, durchqueren ihn in einer Furt und suchen unseren Weg durch verschiedene Sümpfe. Es ist recht dunkel, und man kann kaum sehen, wohin das Pferd tritt. Vorsichtig, Schritt für Schritt, arbeiten wir uns durch das morastige Gelände. Endlich erreichen wir das aus ein paar elenden Lehmhütten erbaute afghanische Tschihil Duchteran (vierzig Töchter). Wir müssen lange klopfen und rufen, ehe sich jemand blicken läßt; wir sind hungrig und durstig und sehnen uns nach einem Nachtlager. Die Hunde schlagen an und machen Lärm, und endlich zeigen sich ein paar wilde, verschlafene Gestalten; aber nur, um uns mitzuteilen, daß wir hier nicht bleiben können, sondern nach Kara-Tepe (der schwarze Berg) weiterreiten müssen. Also wieder auf die Pferde und weiter! Ein afghanischer Soldat begleitet und bewacht uns.

Die Wolken haben sich verteilt, und obgleich der Mond nicht scheint, ist es doch ziemlich hell, denn wie tausend Lichter flackern die Sterne am Firmament. Zur Linken haben wir kleine flachgewölbte, schwarze Bergrücken, zur Rechten das Flußbett. Schweigend reiten wir durch die kühle Nacht. Ich bin sehr müde und nicke dann und wann ein. Es kommt mir alles wie ein Traum vor. Ich sehe vor mir im Halbdunkel eine ganze Karawane von Pferden auf einer endlosen Chaussee. Aber es ist eine optische Täuschung. Vor uns taucht ein viereckiger Turm auf, ein afghanischer Wachtposten. Wir werden angerufen; man fragt, woher und wohin, dann ziehen wir weiter in das Dunkel der Nacht. Wieder reiten wir ungefähr eine Stunde. Ein dunkler Berg zeichnet sich wie eine Silhouette vor uns ab; endlich sehen wir die afghanische Festung vor uns auftauchen. Es ist halb zwei Uhr geworden. Wütend kläffen die Hunde, als wir an das Festungstor klopfen und Einlaß begehren. Auch hier müssen wir endlos lange warten, ehe man uns öffnet. Es ist bitter kalt. Wir haben uns in unsere Mäntel gehüllt und stampfen auf dem hartgefrorenen Boden umher. Endlich finden wir in der Festung Einlaß; aber man gibt uns nichts mehr zu essen, und so legen wir uns auf den steinernen Fußboden, hüllen uns in unsere dünnen Decken und Mäntel und schlafen bald ein. Früh sind wir schon wieder auf. Wir erhalten Tee, Brot, und man verspricht mir Pferde und einen Begleitsoldaten. Da erscheint der unglückselige Dolmetscher, den ich schon von Kuschk her kannte, und fragt nach meinem Paß. Ich sage ihm, er wisse doch, daß mir mein Paß gestohlen sei und daß der Gouverneur von Herat mich jetzt erwarte. Er geht zum Oberst und meldet es. Doch der läßt sich nicht erweichen. Er weiß auch über den Stand meiner Angelegenheit nichts, da er erst vor kurzem hierher versetzt worden ist. Er ist unfreundlich, hochmütig. Ich sage ihm, er solle telephonisch beim Gouverneur anfragen; denn zwischen dem afghanischen Grenzposten und Herat existiert bereits Telephonverbindung. Er erwidert, das Telephon funktioniere nicht. Ich will ein Radiotelegramm nach Taschkent an den afghanischen Konsul aufgeben; aber er erklärt: Telegramme existierten für ihn nicht! Er wolle ein richtiges Visum: gestempelte Photographie usw. Es war zum Verzweifeln! Aber man gewöhnt sich langsam an solche Dinge; Geduld lernt man in Asien! Es blieb also nichts anderes übrig, als nochmals nach Taschkent zurückzureisen. Wohl spielte ich einen Augenblick mit dem Gedanken, einfach auf eigene Faust nach Herat zu ziehen; aber das hätte sicher schlecht geendet. Ich kannte den Weg nicht, hatte keine Karte, kein Pferd, und mein Geld ging auf die Neige. Ein afghanischer Soldat war ständig um mich, und auch Simon hatte ein Auge auf mich. Es wäre ein hoffnungsloses Beginnen gewesen. Aber mir graute auch vor der ca. 1100 km langen Rückreise nach Taschkent, mir graute vor den Strapazen auf der russischen Bahn, die noch größer waren als die auf den Karawanenreisen im Inneren Afghanistans. Nur der Gedanke, noch einmal wieder nach Merw zu müssen, wieder beim afghanischen Konsul in Taschkent zu übernachten – – –

Doch es half nichts, es sollte wohl so sein; zwei volle Tage mußte ich erst wieder in Aleksejevka warten, ehe ich nach Taschkent aufbrechen konnte. In Merw traf ich wieder spätnachts ein. Ich wollte mich im Wartesaal auf eine Bank niederlegen, als ich einen afghanischen Kaufmann sah, den ich öfters in Kuschk gesprochen hatte. Er schlug mir vor, mit ihm ins Hotel Franzia zu gehen. In den Straßen war es stockfinster, und ich wunderte mich, wie mein Gefährte den Weg fand. Ein Mädel öffnete und wies uns eines der finsteren Zimmer an: Holzpritsche, ein paar zerbrochene Stühle, ein kleiner Tisch, auf dem das Wachslicht flackerte. Es konnte gegen ein Uhr sein. Wir tranken eine Flasche feurigen Süßweins und dann verschwand der Afghane mit dem Mädel und ließ mich allein. Ich war todmüde. Als ich meine Stiefel auszog, stieß ich gegen den Tisch. Das Licht fiel um und erlosch. Streichhölzer hatte ich nicht. Ich verschloß Fenster und Tür und schlief bald ein. Nachts wachte ich von einem eigentümlichen Geräusch auf. Es mußte jemand in meinem Zimmer sein. Ich stand auf und ging leise ans Fenster und an die Tür: Beides verschlossen. Ich tastete im Zimmer umher, fand aber nichts; darauf legte ich mich wieder auf die Pritsche und versuchte einzuschlafen. Lange war es still, und schon wollte mich der Schlaf übermannen, als ich wieder das seltsame Geräusch vernahm. Es hörte sich an, als ob jemand die Seiten eines alten Pergaments umblätterte. Ich horchte gespannt; einmal kam es mir vor, als komme das Geräusch vom Tische her, dann, als ob es an der Tür sei. Es konnte nur irgendein Tier sein.

Morgens, als es dämmrig wurde, ging ich von neuem dem Geräusche nach; und nun stellte es sich heraus, was es gewesen war. Am Abend vorher hatte der Afghane das Papier, in dem die Flasche eingewickelt war, auf den Boden vor die Tür geworfen. Ein Nashornkäfer, der sich im Zimmer herumgetrieben hatte, wollte ins Freie und versuchte, sich durch die Tür zu klemmen. Dadurch kam er oft an die Stelle, wo das Papier lag und hakte mit seinen kleinen, dornigen Beinen hinter das harte Papier, wodurch der eigentümliche Laut hervorgerufen wurde, den ich mir nicht erklären konnte und der mir eine schlaflose Nacht bereitet hatte. Ich fing den kleinen Ruhestörer und habe ihn als Andenken an die schlaflose Nacht in Merw mit nach Hause gebracht, wo er jetzt meine Käfersammlung ziert.

Wie verändert hatte sich das Bild Turkestans, seitdem ich zuletzt hier war! Der Herbst war gekommen, und überall hatte er seine bunten, leuchtenden Farben ausgestreut. Manche Bäume waren schon ganz entlaubt; andere aber glühten in rotem und gelbem Farbenschmuck. Auch der klare, blaue Himmel war verschwunden. Drohende Wolken ballten sich zusammen, und auf den hohen Bergketten im Osten lag schon viel Schnee. In Taschkent traf ich am 16. Oktober ein. Es war kühl geworden, und der Wind ließ einen leicht frösteln.

Als ich den afghanischen Konsul aufsuchte, saß er in einen dicken Pelzmantel gehüllt im Sessel. Er war wie immer sehr liebenswürdig und versprach, für mich zu tun, was er konnte. Mein Zug fuhr erst in ein paar Tagen, und so besuchte ich in Taschkent noch einige Museen, den botanischen und den zoologischen Garten. In den Straßen lag schon viel Laub, und die losen Blätter wurden oft vom Winde hoch aufgewirbelt. Früh wurde es dunkel; bereits um sechs Uhr konnte man ohne Licht nicht mehr arbeiten. Der afghanische Konsul fertigte mir ein großes, versiegeltes Schreiben aus; ich ließ mich auf dem Basar für ein paar Rubel photographieren, und diese Photographie wurde auf den Paß aufgenäht. Dann zog ich wieder Kuschk zu.

In Aleksejevka mietete ich mir jetzt von Simon einen Leiterwagen, denn ich hatte mir in Taschkent eine Steppdecke gekauft und hatte beim afghanischen Grenzposten meine Handtasche aufgelesen, die Wagner dort deponiert hatte. Es war jetzt auch hier richtig Herbst geworden; die Sonne wärmte nicht mehr; der Himmel war bezogen, und der Wind jagte die grauen Wolken über die Berge. In tollkühner Fahrt ging es die Hänge hinauf und hinab. Simon wollte den Weg abschneiden, geriet dabei aber oft an Stellen, wo der Wagen fast kippte und es in den Achsen knackte und krachte.

Gegen sechs Uhr – es dämmerte bereits – kamen wir im russischen Tschihil-Duchteran an. Die Paßkontrolle erledigte sich schnell, und dann fuhren wir durch den Fluß. Auf der afghanischen Seite erfuhren wir, daß wir wieder nach Kara-Tepe müßten. Ich machte es mir im Wagen jetzt so bequem wie möglich, und beim Vollmondschein traten wir die weite Reise an. Ich war sehr müde und es dauerte auch nicht lange, da schlief ich fest, trotz des Rüttelns des Wagens. »Prischli« (angekommen) hörte ich halb noch im Traum Simon sagen. Wir bezogen wieder denselben Raum in der Festung, den wir das letztemal innehatten. Wir aßen zu Abend, wenn es inzwischen auch schon zwölf Uhr geworden war, und legten uns schlafen. Wir hatten ein Nachtlicht erhalten und ließen es ruhig herunterbrennen. Simon schlief bald ganz fest. Ich aber lag noch lange wach und ließ noch einmal die letzten Wochen, seit ich von meinen Kameraden getrennt war, an meinen Augen vorüberziehen. Seltsam gestaltet sich manchmal des Schicksal des Menschen ohne sein Wollen. Eine höhere Macht lenkt unsere Wege: an diese göttliche Hand, die uns durchs Leben führt, müssen wir glauben, ihr vertrauen und ihr folgen, und wir müssen fest daran glauben, daß alles nur zu unserem Besten geschieht, wenn es uns im Augenblick auch nicht zum Bewußtsein kommt.

Schließlich schlief auch ich ein; wachte aber nachts von irgendeinem Geräusch auf und sah in dem vom Mondschein erhellten Zimmer, wie ein großer, schwarzer Kater unsere Abendbrotreste verzehrte und dabei den Leuchter vom Tisch stieß. Seine grünen Augen funkelten im Dunkeln. Dann und wann raschelte er mit dem Papier, in dem unser Proviant verpackt war. Sonst hörte man nichts weiter als das feste Schnarchen Simons.

Am Morgen sind wir früh auf, zeigen den afghanischen Paß vor, und alles ist in Ordnung. Man bringt uns Brot und Tee und ist eitel liebenswürdig! Man stellt mir Pack- und Reitpferd sowie einen Begleitsoldaten zur Verfügung. Darauf verabschiede ich mich von Simon, drücke ihm noch ein gutes Trinkgeld in die Hand, und dann trennen wir uns. Er fährt auf geradem Wege nach Kuschk zurück; ich aber ziehe mit meiner kleinen Karawane neuen Schicksalen entgegen.

III
ÜBER AFGHANISTANS RANDGEBIRGE

Der erste Tagesmarsch auf afghanischem Gebiet war kurz, denn das Wetter war sehr schlecht; es stürmte und goß in Strömen. Wir ritten zurück bis Tschihil Duchteran, wo wir gegen Mittag eintrafen. Ich konnte mich mit den Afghanen gut auf Persisch verständigen, wenn auch noch häufig von meiner Seite aus ein russisches Wort fiel. In dem einen Raum, der fast einer Gefängniszelle glich, machte ich es mir so bequem wie möglich. Die Fenster waren vergittert, lange Spinnennetze hingen von der Decke herab. Drang schon durch die kleine Öffnung kaum Licht in das Innere hinein, so ließen die schmutzigen, ganz verstaubten Fenster noch weniger Tageslicht in den Raum fallen. Tschihil Duchteran ist ein berüchtigtes Malarianest, denn es ist von Sümpfen umgeben. Auch in meiner Zelle waren viele Mücken, und da mein Feldbett und mein Moskitonetz beim großen Gepäck in Herat waren, so konnte ich mich vor den zudringlichen und gefährlichen Quälgeistern, durch deren Stich die Malaria übertragen wird, kaum schützen; war man so weit, daß man einschlafen wollte, dann hörte man sicher bald ein ganz feines, leises Summen am Ohr. So verlief die Nacht sehr unruhig, und ich war recht froh, als es am anderen Morgen weiterging.

Das Wetter war trostlos. Hatte es zuerst den Anschein, als ob es sich aufklären wollte, so begann es um neun Uhr wieder zu regnen. Von den Bergen war nicht viel zu sehen, graue Wolken hüllten die Gipfel ein. Alles war naß, und es tropfte von der Mähne der Pferde.

Nachdem wir drei Stunden geritten sind, haben wir keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Dazu ist es sehr frisch, und der Soldat sagt oft: »Chunuk, chunuk« (kalt). Wir reiten in ein großes Tal ein, in dem einige kleine Dörfer liegen. Die Bewohner sind neugierig; wenn wir vorbeireiten, kommen sie herbei und fragen den Soldaten, wer ich bin, und wohin wir wollen.

Auf einem Felsblock sitzt ein großer Adler; er rührt sich aber nicht, als wir vorbeireiten. Da ich nur meinen dünnen Khakianzug trage, fühle ich mich bei dem naßkalten Wetter gar nicht wohl. Heute reite ich den schwarzen Hengst, der gestern mein Gepäck trug. Er geht besser als der braune, ist aber furchtbar faul, und ich muß ständig die Peitsche gebrauchen. Der Pferdeknecht Abdullah thront hoch oben auf dem Lastpferd, er hat sich ganz in dicke Decken eingehüllt, pendelt verdächtig auf den hohen Lasten hin und her, und ich habe ihn stark in Verdacht, daß er dann und wann ein kleines Schläfchen macht. Stunde auf Stunde vergeht. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen! Und in feinen, grauen Fäden gießt es lustig weiter. Wir passieren ein paar elende Lehmhütten, aber kein Mensch zeigt sich, nur ein einsamer Esel schreit ganz kläglich. Endlich sichten wir hinter ein paar hohen Bäumen das erste große Karawanserai Chodschah Molal, wo wir die einzigen Gäste sind und auf das liebenswürdigste aufgenommen werden.

Die Karawanseraien, die von der Regierung angelegt sind, haben einen viereckigen Grundriß ([Abb. 2]):

In der Mitte ist der große Hof für die Tiere. Oft erhebt sich auch ein kleines Gebäude in der Mitte, das als Moschee dient. Die einzelnen Räume, die als Quartiere dienen, sind nicht groß, haben nur eine kleine Türe, die nach dem Hof geht, und in der Decke ein kleines Luftloch, damit der Rauch abziehen kann.

Sobald wir im Robat (Karawanserai) ankamen, wurde der Raum, in dem wir die Nacht verbringen sollten, ausgefegt, wobei der Staub nur so in Wolken aufwirbelte. Dann wurde ein helles Feuer angefacht und Teewasser gekocht. Nachdem wir unsere Sachen so leidlich getrocknet und Huhn mit Reis gegessen hatten, fühlten wir uns wieder wohl.

Nach einer gut verbrachten Nacht sind wir morgens schon früh wieder auf. Draußen ist ein furchtbares Wetter; es gießt wieder in Strömen und ist noch kälter und windiger als gestern. Ich ziehe alles Zeug an, das ich bei mir habe: zwei Unterhosen, drei Hemden, drei Paar Strümpfe! Aber trotzdem wird man nicht warm. Der Pferdejunge hat sich wieder in seine schmutzigen, verfilzten Decken gehüllt. Nur der Soldat ist zu bedauern, der keinen Mantel hat. Die Pferde sehen uns traurig an, und nach einer halben Stunde ist schon alles wieder durchnäßt.

Von den Bergen ist nicht viel zu sehen, dicke graue Wolken und Nebelfetzen haben sich um die Gipfel gelegt. Die Landschaft ist trostlos öde und stimmt einen traurig. Wir reiten langsam dem hohen Ardewan-Passe zu, der in der vor uns sich hinziehenden Hauptkette eingesenkt ist. Häufig haben wir einen kleinen Bach zu kreuzen, der sich zwischen verwitterten, düsteren, kahlen Bergen dahinschlängelt. Kein Leben ist zu sehen, nur hin und wieder kreist ein großer Raubvogel über uns. Gegen elf Uhr sind wir schon ziemlich hoch gestiegen. Es beginnt in dicken Flocken zu schneien; vornübergebeugt sitzt jeder im Sattel, keiner spricht ein Wort. So geht es wohl eine Stunde bergan. An vielen Stellen ist der schwarze Boden schon mit einer dicken Lage Schnee bedeckt. Wir arbeiten uns langsam zum Passe empor, der eine Höhe von ca. 1600 m hat. Der Abstieg nach Süden ist ziemlich steil und die Pferde gleiten auf den schlüpfrigen Schieferplatten häufig aus, so daß wir absteigen und die Tiere führen müssen. Durchfroren und naß kommen wir in Kusch Robat an, wo wir uns einen heißen Tee geben lassen und uns an einem Feuer wärmen. Dann ziehen wir weiter, überschreiten noch eine kleine Bergkette und reiten bis zum Dunkelwerden über eine große, breite Ebene, die kein Ende nehmen will. Wir treffen große Schaf- und Ziegenherden, und eine Kamelkarawane zieht langsamen Schrittes an uns vorüber. Es dämmert bereits, als wir in das armselige Dorf Perwaneh einziehen. Die Berge im Süden werden von der untergehenden Sonne beleuchtet und schimmern in goldgelben Farben; sonst aber hängen dicke, blaugraue Wolken am Himmel. In dem Karawanserai wird uns ein elendes Loch angewiesen, und da es spät ist, kann auch ein Pilau nicht mehr zubereitet werden. So erhalten wir Spiegeleier, die in Hammelfett schwimmen, Brot und Tee und legen uns dann bald schlafen.

Der folgende Tagesmarsch war kurz. Als wir aufbrachen, war noch alles in dicke Nebel gehüllt; aber man sah die Sonnenscheibe schon die weißen Schleier durchdringen. Bald verteilten sich die Wolken, und der blaue Himmel leuchtete uns entgegen. Wir reiten in einem breiten Gebirgstale nach einem niederen Bergrücken hinauf. Bald ist es so warm, daß ich meinen Mantel ausziehe. Die Sonne taut uns alle wieder auf, und sowohl der Pferdeknecht wie auch der Soldat sind äußerst gesprächig; als wir in das fruchtbare Heri-rud-Tal einziehen, sind wir mit einem Male wieder in den Hochsommer versetzt.

Wir passieren große, mit blauen Kacheln gedeckte Kuppelgräber, schlanke Minarette, die ebenfalls mit glasierten Ziegeln bekleidet sind, und sehen vor uns die Stadtmauern und die Zitadelle aufragen. Sehr bald hat der Soldat ausfindig gemacht, wo meine Sachen verstaut sind, und ich werde in ein kleines reizendes Gartenhäuschen geführt. In der Mitte des Innenhofes befindet sich ein Goldfischteich, über den sich ein großer Maulbeerbaum neigt. Die Fenster sind alle aus buntem Glas zusammengesetzt; ein Diener öffnet das Mittelfenster, und die Sonne fällt in den Raum. Alles atmet gleich Licht und Sonne, und laue Lüfte hüllen uns ein. Welch Gegensatz zu den letzten Tagen!

Man bereitet mir Tee, bringt Obst, und bald erscheint Sahib Dad Khan im Auftrage des Gouverneurs und teilt mir mit, daß ich im Tschähar-Bagh Quartier beziehen soll, der zu den Gouvernementsgebäuden gehört. Mir wird hier ein großes, schönes Zimmer angewiesen, von dem aus ich auf die großen Blumenbeete blicke, die den Hof schmücken ([Abb. 3]). Der Duft ist geradezu betäubend; große Schmetterlinge mit schweren, seidenen Flügeln flattern von einer Blume zur anderen, und auch die Bienen sind noch eifrig an der Arbeit. Nachdem ich mein großes Gepäck in Empfang genommen und mir mein Zimmer eingerichtet habe, holt mich Sahib Dad Khan zu einem Spaziergange ab, der mich quer durch die Stadt führt.

IV
EINE MÄRCHENSTADT

Wenn ich an Herat zurückdenke, dann sehe ich wieder sonnige Straßen, alte Ruinen, große Obst- und bunte Blumengärten vor mir auftauchen und glaube die Stimme des Mueddin zu hören, der von der blauen Kuppel des Minaretts die Gläubigen zum Gebete ruft. Ich sehe den kleinen, von hohen Lehmmauern eingefaßten Hof mit dem Goldfischteich und glaube die wohlige Wärme zu verspüren, die die strahlende Herbstsonne als letzten Gruß des schwindenden Sommers Herat schenkte. Eine unendliche Ruhe lag über der Stadt, zeigte sich auch in jedem einzelnen Menschen und teilte sich auch mir mit. Das Gefühl, nach endlosen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten meinem Ziele nahe zu sein, ließ mich aufatmen, und ich empfand die Ruhe und Sorglosigkeit, in der ich meine Tage in Herat verbrachte, als etwas ganz Selbstverständliches.

Dazu kam, daß mich ein Stück Orient umfangen hielt, das mit all seinen Reizen und Schönheiten zu den unverfälschtesten Gebieten der mohammedanischen Welt gehört. Ich habe mich schwer von Herat losreißen können, als ich nach 14tägigem Aufenthalt die Stadt verließ. Es war mir, als ob ich von einer schönen, unbekannten Frau Abschied nehmen sollte, die ich gern noch mehr kennengelernt hätte und der ich vielleicht nie wieder im Leben begegnen würde, deren Bild mir aber immer als Erinnerung an glückliche, unvergeßliche Stunden wieder vor Augen treten wird.

Wenn ich durch die engen Basargassen schlenderte, die noch genau so holperig sind wie sicher schon zu jener Zeit, als Alexander der Große Herat zu einem wichtigen Stützpunkt auf seinem Zuge nach Indien machte, wenn ich das bunte Stadtbild betrachtete und sah, mit welch unbeschreiblicher Ruhe und Würde die Menschen sich bewegten und ihrer Arbeit nachgingen, die ja gar nicht drängte und die man ebensogut auch morgen oder übermorgen, ja vielleicht auch erst die kommende Woche erledigen konnte, dann ahnte ich, daß sich hier seit unendlichen Zeiten nichts geändert hat. Wie ehedem ziehen noch heute die Kamelkarawanen unter dem Klange der großen Glocken langsam und stolz durch die Gassen, und die Kameltreiber singen dieselben alten Weisen. Und auf allem liegt das Sonnenlicht, hell, leuchtend, und der reine blaue Himmel zittert über den gelben Lehm- und Backsteinbauten. Von den Wänden und Mauern strahlt die Hitze zurück und fängt sich in engen Korridoren. Es ist mittags schwül, kein Luftzug regt sich, die Luft flimmert und scheint auf den erhitzten Dächern zu tanzen. Im Schatten einer Pappel sitzt ein Bettler, von Alter gebeugt, mit großem weißen Bart, und hält die Almosenschale hin; unter den Bäumen liegen die Afghanen und schlafen, und verträumt hocken die Händler in ihren Verkaufsständen ([Abb. 5]). Man könnte manchmal glauben, die Stadt sei in einen Dornröschenschlaf verzaubert. Jetzt, nach zwei Jahren, im Getriebe der Großstadt eines sich aufreibenden Europas, in gehetzten Stunden des trüben, grauen Alltags, wandern meine Gedanken oft nach dem fernen Asien zurück und besonders gern nach der alten Märchenstadt am Heri-rud, wo keine Europäer den Frieden der Natur stören. Wer einmal den wahren Frieden kennengelernt hat, sehnt sich nie wieder nach Krieg.

Eines Nachmittags holte mich der Mudir (Sekretär) zu einem längeren Spaziergang ab. Wir besuchten einige der Ruinen, die sich im Norden der Stadt befinden und die schon gleich am ersten Tage meine Aufmerksamkeit erregt hatten.

Wundervoll muß einst die große Moschee, die Musallah, gewesen sein, deren Minarette, obgleich zerstört, noch heute prächtigen Kachelschmuck tragen ([Abb.7]). Die Farben, die hier verwendet wurden, sind ein tiefes Preußischblau, ein lichtes, etwas ins Grünliche spielendes Hellblau, Ocker und Dunkelgrün. Und diese Farben sind so fein gegeneinander abgestimmt, daß die bunten Muster einen im höchsten Grade harmonisch wirkenden Eindruck hinterlassen. Weiße Blumenranken schlingen sich durch dunkles Blau und verknüpfen sich mit ockerfarbenen Blüten, während grüne Kränze eine mit Weiß in Tiefblau geschriebene Inschrift einfassen. Andere Stellen hingegen zeigen wieder Rosettenmuster oder einzelne große weiße Blüten auf tiefblauem Untergrunde. Die blauen Töne überwiegen bei weitem, lassen dadurch aber die ockergelben und grünen um so besser und wirksamer hervortreten. Prachtvoll sind die großen weißen Marmorplatten, aus denen kufische Inschriften herausgemeißelt sind.

10. Innenhof der Freitagsmoschee, Herat

Der Bau dieser Moschee soll im Jahre 1192 von Ghyaz Eddin begonnen und von seinem Sohne Mahmud beendet worden sein (1212). Darauf aber wurde sie von Dschinghis-Khan teilweise zerstört, um dann von Sultan Hussein Mirza neu aufgebaut zu werden. Ihm und Schah Rukh verdankt Herat seine schönsten Bauten. Eine andere Version schreibt den Bau der Musallah auch der Frau des Schah Rukh zu.

11. Militärschüler in Herat

Inmitten der Minarette, in Schutt und Staub, von einer kleinen Mauer eingefaßt, steht der schwarze Marmorsarg, der die Stelle bezeichnet, wo Sultan Hussein Mirza begraben liegt ([Abb. 9]). Prachtvolle Blumenmuster sind aus dem schwarzen Marmor herausgeschnitten, selbst in Indien habe ich kaum schönere Arbeiten gesehen. Die Moschee soll ursprünglich dazu bestimmt gewesen sein, die Überreste des heiligen Imam Risa aus Meschhed aufzunehmen. Die große Kuppel, die die Moschee zu der schönsten ganz Asiens machte, ist 1885 aus fortifikatorischen Gründen niedergelegt worden.

12. Afghanische Offiziere, Herat

Noch heute findet man im Schutt und Staub Stücke alter Kacheln von gelber Farbe mit echten Goldfünkchen unterlegt und samtschwarz mit hellen Flecken, die wie Perlmutter in allen Farben schimmern. Die Pracht dieser Bauten muß unbeschreiblich schön gewesen sein.

Ganz nah steht das Kuppelgrab der Herater Timuriden ([Abb. 1]). Es ist schon ziemlich baufällig, weist viele Risse auf, und viele der schönen blauen Kacheln sind abgefallen oder geraubt. Im Innern des Baues liegen regellos einige weiße Marmorsärge, einige fast schon im Staube vergraben. Weiter im Norden erhebt sich noch ein anderer Kuppelbau, der ebenfalls blauen Fliesenschmuck trägt. – Kleine Kinder kletterten auf dem Sockelunterbau umher, spielten und lachten und belebten die stille Stätte.

Am folgenden Tage ging ich wieder dort hin, setzte mich an den Rand eines Grabens, der sich an dem einen Minarett vorbeizieht, und versuchte im Aquarell einige der schönen Kachelmuster festzuhalten. Kein Mensch war weit und breit zu erblicken. Die Sonne neigte sich dem westlichen Horizonte zu; immer leuchtender wurde das Bild, die ockerfarbenen Ziegel färbten sich goldgelb und die blauen Kacheln glänzten und strahlten eine märchenhafte Farbenpracht aus. Ein unendlicher Friede lag über der Stadt. Es war mir, als ob auch sie tot sei und nur mein Diener und ich die einzigsten Menschen weitum waren. Dunkler wurde es und dunkler, blaue Schatten senkten sich herab und hüllten Stadt und Tal ein.

Außer diesen alten Ruinen, die an Herats einstige Macht und Größe erinnern, löst noch die »Ark«, die Zitadelle, einen großen Eindruck aus ([Abb. 4]). Sie ist aus gebrannten Ziegeln erbaut und erhebt sich mit ihren gewaltigen, zinnengekrönten Mauern und Bastionen auf einem Rücken, der aus dem Schutt uralter Bauten im Laufe endloser Zeiten aufgehäuft wurde. Ob es möglich sein wird, einmal endgültig festzustellen, wann die ersten befestigten Anlagen hier errichtet wurden, ist noch eine Frage ([Abb. 8]). Daß sie bis auf Alexander den Großen zurückgehen, das ist vielleicht nicht ausgeschlossen. Seine Geschichtschreiber nennen das ganze Gebiet, in dem sich jetzt Herat erhebt, Aria und nennen als Städte Aria Metropolis und Artacoana (Ptolemäus). Daß Herat schon seit ältesten Zeiten besiedelt gewesen ist, kann man nach der überaus günstigen Lage der Stadt wohl annehmen. Hier kreuzen sich die großen Straßen, die von Nord nach Süd und von Ost nach West führen. Das Tal ist überaus fruchtbar; zahlreiche Bewässerungskanäle durchziehen das Land und verwandeln den sonst trockenen Boden in ein blühendes Gartenland, das die herrlichsten Obstsorten – Weintrauben, Melonen, Äpfel, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche und Maulbeeren – hervorbringt. Große weiße Mohnfelder wiegen sich im Winde, Baumwolle und Tabak werden gepflanzt, und Luzerne kann achtmal im Jahre geschnitten werden!

Ich fühlte mich in meiner Wohnung sehr wohl und hatte mich ganz häuslich eingerichtet. Der Ausblick aus dem Fenster nach dem Innenhof war entzückend; ich versuchte eines Nachmittags, die in allen Farben schimmernden Blumenbeete auf einer Farbenplatte festzuhalten, aber leider waren die Platten schon durch die Hitze verdorben. Ein kleiner Teich träumte inmitten der Farbenpracht, und manchmal saßen Afghanen in bunten Gewändern auf den Steinstufen, die zum Wasser hinunterführten. Die Diener, die sich um mich kümmerten, waren liebenswürdige, freundliche Menschen, die mir halfen, wo sie nur konnten. Ich entwickelte in Herat alle Aufnahmen, die ich dort machte, und der eine Diener lernte sehr schnell das Kopieren, das ihm unendlichen Spaß bereitete.

Eines Tages, es war an einem Freitag, also mohammedanischem Sonntag, war ich mit dem Diener fast ganz allein in dem großen Gouvernementsgebäude, da der Wesir mit seinem ganzen Troß auf Jagd gegangen war. Es war einer jener Tage, an denen die Ruhe und der Frieden der Natur sich auch auf uns überträgt, wo wir im wahrsten Sinne des Wortes glücklich und zufrieden sind und nichts anderes wünschen, als daß diese Harmonie immer bleiben möge. Es war ein herrlicher Novembertag, und in der Sonne war es so warm wie im Hochsommer bei uns. Morgens, als der Gouverneur aufbrach, hörte ich Trommeln und Trompeten erschallen; aber je mehr sich die Jagdgesellschaft entfernte, desto mehr verhallte der Klang und erstarb schließlich ganz. Ich setzte mich in den Garten und las ein schönes Buch, schrieb Briefe oder machte neue Kopien von den letzten Aufnahmen, die ich nach Hause schicken wollte. Auch plauderte ich viel mit dem Diener, um meine persischen Sprachkenntnisse zu verbessern; denn man lernt ja in Europa, wenn man sich mit einer fremden Sprache zu beschäftigen hat, nie das, was man notwendig in fremden Ländern braucht; ganz gleich, ob es die englische, französische oder sonst eine andere Sprache ist. Es müßte an allen Schulen beim Erlernen der Fremdsprachen vielmehr Wert auf Konversation gelegt werden.

Das Erlernen fremder Sprachen ist mir immer sehr leicht gefallen. Wenn man als Wissenschaftler und besonders als Geograph fremde Länder bereist, muß man unbedingt die Landessprache gut beherrschen. Ohne Kenntnis der Sprache wird einem das betreffende Volk stets ein Rätsel bleiben. Schon als Schulknabe habe ich mir dieses gesagt, und da ich schon damals ahnte, daß mich einmal mein Weg nach Asien führen würde, hatte ich mir von der Bibliothek meiner Heimatstadt eine persische Grammatik geholt und trieb mit großem Eifer das Studium dieser Sprache. Ich vernachlässigte das Französische, das mir nie sehr lag, und so kam es dann, daß ich fast stets in diesem Fache Note vier im Zeugnis mit nach Hause brachte!

Als es Abend wurde, stieg ich mit dem Mudir, der mich aufsuchte, auf das Dach des Palastes, um den Sonnenuntergang zu sehen. Von diesem Punkte aus übersahen wir die ganze Stadt mit ihren Lehmhäusern und Türmen, ihren Ruinen und Wällen, die von dem Grün der Gärten sich abhoben. Als die Sonne golden hinter den Bergen versank, hörten wir aus der Ferne den Klang der Trompeten – die Jagdgesellschaft kam von ihrem Ausfluge zurück! Schön war der Anblick der Moschee, deren beide Minarette mit den blauen Kuppeln im Abendsonnenscheine glänzten.

Ich hatte eines Tages Gelegenheit, diese Moschee zu besichtigen. Es war um die Mittagszeit, als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte. Ein feierliches Schweigen ringsum; es war so still, daß man glauben konnte, in einer toten Stadt zu sein, die in tausendjährigen Schlaf versetzt ist. Im Inneren des Moscheehofes träumte das Wasserbecken; eine große, blaugrüne Pinie lehnte ihre Krone an die hohen Mauern, deren Fliesenschmuck in allen Farben leuchtete, und die beiden Minarette schauten wie Wächter auf die heilige Stätte herab. Diese Moschee soll eines der ältesten Gebäude in Herat sein ([Abb. 10]).

Wenn man die vielen Ruinen sieht, die sich überall erheben, dann ahnt man, welch wechselvolle Geschichte Herat durchgemacht hat. Mehrmals wurde die Stadt bis auf die Grundmauern zerstört. Die Annalen erzählen, daß einst Dschinghis-Khan die Stadt mit 80 000 Reitern überfiel und sämtliche Bewohner – es wird die Zahl 1 600 000 genannt – umbringen ließ. Nur 40 Personen, die sich in Höhlen versteckt gehalten hatten, entkamen dem furchtbaren Blutbade. Das Gebiet, das heute von der Stadtmauer eingeschlossen wird, war früher nur Festung, denn die Stadt hatte eine viel größere Ausdehnung. Auch im Laufe des letzten Jahrhunderts ist die Bevölkerung infolge der Kämpfe mit den Persern stark zurückgegangen. Für die Jahre vor 1838 wurde sie auf 70 000 Einwohner geschätzt, nach der Belagerung auf 7 bis 8000, 1845 auf 20 bis 22 000. Dies dürfte auch ungefähr der jetzigen Zahl entsprechen. Ob die Zahlen, die für Herat zur Zeit vor Dschinghis-Khan angegeben werden, nicht stark übertrieben sind, sei dahingestellt. Immerhin ist es ganz interessant, diese Zahlen einmal mit denen zu vergleichen, die Arthur Conolly, ein englischer Offizier, der Herat 1830 besuchte, angibt:

Um 1219 n. Chr. besaß Herat:zur Zeit Conollys 1830:
Verkaufsläden12 0001200
öffentl. Bäder6 00020
Schulen3506
Häuser144 0004000

Man kann wohl sagen, daß das Bild, das Herat heute bietet, ungefähr zur Zeit Schah Rukhs und Sultan Hussein Mirzas geschaffen wurde (1469 bis 1506). Auch Baber, der erste der indischen Großmogule, besuchte Herat und gibt in seinen Memoiren eine Aufzählung aller Sehenswürdigkeiten der Stadt. Er scheint in Herat eine sehr vergnügte Zeit verlebt zu haben, denn die Schilderung der Festlichkeiten und Trinkgelage gehört zum Köstlichsten seiner Memoiren.

Ich benutzte die Zeit in Herat auch dazu, um Einkäufe für die bevorstehende Karawanenreise zu machen, Pferde zu mieten und Diener zu engagieren. Sahib Dad Khan half dabei, und bald hatten wir eine Menge nützlicher Sachen beisammen: Reis, Zucker, Tee, Kerzen, Fett, Zwiebeln, ferner Kupfertöpfe, Teekessel, Leuchter, Streichhölzer, Zigaretten. Der Diener, den ich engagierte, hieß Juma; der Leser wird ihn im Laufe der Reiseberichte bald näher kennenlernen; ebenso auch meinen Karawanenführer Gul Mohammed.

Als ich einige Tage in Herat war, machte ich auch dem Gouverneur meinen Besuch. Ich wurde von seinem Sekretär Latif Khan und Sahib Dad Khan zu ihm geführt. Die Audienz dauerte nicht sehr lange, aber wir unterhielten uns ausgezeichnet. Er war ein sehr freundlicher Herr, erkundigte sich eingehend nach meinen Schicksalen und Plänen, und war erfreut, daß ich Persisch sprechen konnte; bewirtete mich selbstverständlich mit Tee und Gebäck und versprach mir für meine Weiterreise jegliche Hilfe. Schon Wagner hatte ihm erzählt, daß ich voraussichtlich ziemlich mittellos in Herat eintreffen und wahrscheinlich gezwungen sein würde, ihn um Geld zu bitten. Als ich ihm nun mein Anliegen vortrug, war er nicht im mindesten überrascht, sondern sagte, daß es ihm ein großes Vergnügen sei, mir zu helfen. Ich nahm also bei ihm eine Anleihe von 400 Rupien (ca. 350 Mark) auf, die ich später in Kabul an die Staatskasse zurückzahlen mußte.

Langsam näherte sich nun mein Aufenthalt in Herat seinem Ende, und als der junge afghanische Lehrer Gulam Ali, der mit mir zusammen nach Kabul reisen sollte, mit seinen Reisevorbereitungen ebenfalls fertig war, konnten wir unsere Fahrt quer durch das zentrale Afghanistan antreten.

V
DURCH DAS ÖDE ZENTRAL-AFGHANISTAN

Am 6. November 1923, mittags zwölfeinhalb Uhr, verließ ich Herat. Sahib Dad Khan begleitete mich bis vor das Tor, wo ich Gulam Ali traf. Die Packtiere waren unter Gul Mohammeds Leitung schon vorausgezogen. Ich schwang mich auf meinen braunen Wasiri, sagte Sahib Dad Khan Lebewohl, und dann trabten wir durch die engen winkeligen Gassen zum Stadttor hinaus.

Die Pferde waren sehr übermütig, da sie lange im Stall gestanden hatten, und wir hatten Mühe, sie zu halten. Vor der Stadt erwarteten uns ca. 10 bis 15 junge Afghanen zu Pferde, Freunde Gulam Alis, die uns noch eine Strecke weit das Geleit geben wollten, wie es in Afghanistan allgemein üblich ist. Wir ritten eine ziemlich breite Straße entlang, die uns an großen Gärten vorbeiführte, aus denen die grauen Lehmhäuser hervorsahen. Hier wuchsen die herrlichen Trauben und Melonen, die Walnüsse, Maulbeeren und Aprikosen, die weithin wegen ihrer Güte und Schmackhaftigkeit berühmt sind. Gulam Alis Diener, Mesjidi Khan, hatte im Basar ein Gewehr gekauft, ein altes französisches Modell, auf das er sehr stolz war. Es war dies außer meinem Revolver die einzige Waffe, die wir bei uns hatten. Als wir uns von den jungen Afghanen verabschiedeten, wurde sogar aus diesem französischen Gewehr Salut geschossen, was die Pferde noch störrischer machte. Dann zogen wir alleine weiter.

Es war gegen vier Uhr. Zur Linken hatten wir eine jeglicher Vegetation bare, verwitterte Gebirgskette, von der sich große Schuttfächer ins Tal zogen; rechts grüne Gärten und Kulturen, die den Heri-rud einfassen. Gegen fünf Uhr kamen wir in dem ersten Karawanserai an und gingen früh schlafen.

Am folgenden Tage brachen wir bereits um sechs Uhr auf, als es noch stockfinster war. Die Sterne flackerten am Himmel, und die Sichel des Mondes schwebte über den Bergen. Es war sehr kalt, und man vergrub beide Hände in die Manteltaschen. Schweigsam verliefen immer die ersten Morgenstunden; keiner hatte Lust zu reden; erst wenn die Sonne aufging, kam Leben in meine Gesellschaft.

Wir ritten genau gen Osten den hohen Bergen entgegen. Endlos erschienen uns manchmal diese ersten Morgenstunden, ehe es Tag wurde. Da wir gen Osten ritten, hatten wir den Sonnenaufgang immer vor uns. Das Dunkel der Nacht ging dann plötzlich in ein leuchtendes Gelb über, und es dauerte nur Minuten, bis die Sonne ihr flutendes Licht über das Land goß. Ich habe es während meines Aufenthaltes in Asien immer mehr verstanden, daß es Menschen gibt, die die Sonne anbeten. Wohl nie habe ich die Sonne so herbeigesehnt wie auf den Karawanenreisen in Afghanistan! Verfroren und gegen alles gleichgültig, saß man während der Nachtmärsche auf seinem Pferde und hatte nur den einen Wunsch, daß bald die Sonne aufgehen möge!

13. Landschaft roter Konglomerate zwischen Germ-ab und Lar

Der Weg bot wenig Abwechslung. Links und rechts in Verwitterungsschutt gehüllte Berge, nackt und kahl, wo kein Fleckchen Grün zu sehen war. Dann und wann zeigten sich im Tale kleine Siedelungen, von Gärten umgeben, wie die Oasen in der Wüste. Wir passierten das kleine Dorf Tunian. Kein Mensch war zu erblicken. Wie verzaubert war der Ort mit seinem kleinen See, in dem sich hohe Pinien spiegelten. Häufig begegneten uns Kamel- und Eselskarawanen; sie bringen immer etwas Leben und Abwechslung in die sonst stille, träumende Landschaft. Die Luft war außerordentlich klar, und man täuschte sich stets in den Entfernungen. Stundenlang sah man manchmal ein Dorf vor sich und glaubte, es jede Minute erreichen zu müssen. Gestern sahen wir schon im Südosten große Schneeberge, heute sind wir ihnen kaum näher gekommen. Es ist der Sefid Kuh. Gegen drei Uhr erreichten wir das Robat Marwa.

14. Der Heri-rud

8. November. Heute brachen wir sehr früh auf. Als ich aufwachte, sah ich, daß es noch finstere Nacht war. Juma erhob sich zuerst, zündete das Feuer an und kochte Tee. Wenn wir frühstücken, beginnt Gul Mohammed die Pferde zu beladen. Das geschieht beim Scheine eines Feuers, das im Hofe des Karawanserai angezündet wird. In den ersten Tagen ging das Beladen der Tiere natürlich nie ohne großen Lärm und Schimpfen vor sich. Dann waren die Lasten nicht richtig verteilt, so daß sie rutschten, oder die Stricke waren nicht richtig gebunden, oder eines der Pferde lief halb bepackt fort; ein anderes schlug hinten aus, und ein drittes schüttelte die Lasten einfach wieder ab! Kurz und gut, es kostete zuerst viele Mühe, ehe wir startbereit waren.

15. Schule in Obeh

Um fünfeinhalb Uhr brachen wir von Marwa auf. Mein brauner Wasiri war in diesen Tagen schon ganz zahm geworden; ich konnte ruhig die Zügel hängen lassen und dem Pferde die Führung überlassen. Dies war besonders in den ersten Morgenstunden angenehm; dann konnte man seine Hände nicht tief genug in die Manteltaschen vergraben. Der Sonnenaufgang war herrlich, die Berge schimmerten in allen Farben von Rotgelb über Braun in Violett ([Abb. 14]). Immer wieder und wieder mußte ich dieses Farbenspiel bewundern, das so einzig in seiner Art ist. Sobald die Sonne aufging, war es warm; der Himmel leuchtete in tiefstem Blau, von dem sich die Berge scharf abhoben. Auf einem Hügel am Wege saß ein großer Raubvogel, und Mesjidi Khan prahlte, er würde ihn mit seiner neuen Flinte sofort erlegen. Wie eine Katze schlich er sich dicht an den Adler heran; der Schuß krachte; das Erdreich, ein Meter unter dem Vogel wurde aufgewühlt, und das Tier verschwand in elegantem Fluge nach der gegenüberliegenden Talseite.

Oft passierten wir kleine Lehmdörfer, die etwas abseits von unserem Wege im tiefer gelegenen Tale lagen. Gegen neun Uhr erhob sich ein kalter Wind aus Osten, so daß wir von der Sonne nicht viel spürten. Als wir gegen Mittag in den Talkessel von Obeh kamen, war es aber wieder sehr heiß.

In diesem größeren Dorfe machten wir noch einige Einkäufe. Es gibt hier an dem Flüßchen, das das Dorf durchzieht, recht malerische Winkel; große schattige Bäume, unter denen die kleinen Lehmhäuser und Verkaufsstände sich hinziehen. Gulam Ali besuchte hier einen Freund, der Schulmeister des Dorfes war. In einem einfachen Lehmziegelhaus war die Schule untergebracht. Wir wurden – wie überall in Afghanistan – sofort zum Tee eingeladen, und dann mußte ich die Schulkinder photographieren. Es waren sehr nette Jungen darunter, die einen intelligenten Eindruck machten ([Abb. 15]).

Am folgenden Tage wollten wir schon nachts aufbrechen, da uns ein langer Tagesmarsch bevorstand. Aber vor sechs Uhr kamen wir nicht fort. Das Aufstehen fiel uns immer schwer, und wenn nicht Mesjidi Khan gewesen wäre, so hätten wir sicher manchen Morgen verschlafen. Der heutige Tagesmarsch war sehr schön, keine Wolke am blauen Himmel! Und wenn es auch morgens 3 Grad Celsius Kälte gab, so konnte ich mittags doch +30 Grad Celsius messen. Dazu hatten wir keinen Wind, der sonst immer so außerordentlich lästig war, da er Kälte brachte und uns ganze Ladungen Staub ins Gesicht wehte. Auf den hohen Bergen im Süden lag etwas Schnee, und ich wurde immer an die ersten sonnigen Frühlingstage in unseren Alpen erinnert. Nur das bunte Laub, das in goldgelben Farben schimmerte, zeigte, daß Herbst war. Überall trafen wir kleine Bäche, die sprudelnd und rauschend dem Heri-rud zueilten. Ein Bauer bestellte seine Felder; er trieb mit großem Geschrei die Ochsen an.

An einigen Stellen mußten wir den Fluß verlassen, da er in tiefen Schluchten die Berge durchbricht. Häufig ist er von Terrassen eingesäumt, und hoch über seinem jetzigen Niveau finden sich an den Berghängen Flußgerölle, die beweisen, daß der Fluß ehemals viel höher floß und sich mit der Zeit so tief in die Berge eingeschnitten hat. An einigen Stellen konnten wir diese Schluchten zu Fuß passieren, während die Tiere mit den Dienern den Umweg über die angrenzenden Berge machen mußten. Juma war heute sehr redselig; er war sehr stolz, daß er mein Fernglas tragen durfte, und Gul Mohammed sang den ganzen Tag unverwüstlich seine Paschtulieder. Meine afghanischen Begleiter verstanden diese kaum; aber sie brüllten trotzdem mit und stimmten mit in den Refrain ein. Auf jeden Fall schienen sie ihren Gesang schön zu finden; ich ließ meine Gesellschaft auch ruhig zufrieden und war froh, daß alle so guter Stimmung waren.

Als wir am 10. November aufbrachen, war es schon spät. Irgend etwas klappte nicht. Endlich zog Gul Mohammed mit den Packtieren ab; Gulam Ali und ich ritten hinterher. Als wir uns, nachdem wir zehn Minuten geritten waren, nach den anderen umsahen, bemerkten wir, daß im Robat irgend etwas nicht in Ordnung war. Unsere Diener und der Perser mit seinem Sohne, die sich uns angeschlossen hatten, fehlten. Wir warteten eine Zeitlang und ritten dann zurück. Da sahen wir, daß eine Schlägerei im Gange war. Mitten unter den Kämpfenden bemerkte ich auch Juma, der das größte Wort hatte und dem man bereits den Turban vom Kopf geschlagen hatte. Der Perser ließ die Reitpeitsche sausen, und verschiedene Kämpfer hatten schon Schrammen im Gesicht und bluteten! Es war eine allgemeine Aufregung. Der Streit war dadurch entstanden, daß der Perser den Preis des Huhns, das er am Abend vorher von dem Verwalter des Robats gekauft hatte, nicht bezahlen wollte und sich übervorteilt glaubte. Uns ging daher die Sache eigentlich gar nichts an; aber fanatisch wie die Afghanen einmal sind, mischten sich alle in den Streit, und ich hatte Mühe und Not, erst einmal Juma herauszuholen. Es setzte Peitschenhiebe und blutige Gesichter, und der Godamdar lief zu mir und schwor bei Allah, daß er im Rechte sei, während unser persischer Reisegefährte dagegen anschrie: »Durug migujäd, Durug migujäd«, er lügt, er lügt! und dem Alten wieder eins mit der Peitsche gab. Als die Kampfhähne sich absolut nicht einig werden konnten, und da uns die Sache nichts anging, nahmen wir unsere Diener und überließen den Perser seinem Schicksal. Nach einer Stunde stieß er auch wieder zu uns.

Der erste Teil des heutigen Marsches verlief wieder im Tale des Heri-rud. Das Gelände war aber bergiger, und oft hatte sich der Fluß in tiefen Schluchten durch die Felsen geschnitten. Sein Wasser war ganz klar und von blaugrüner Farbe. Sehr häufig mußten wir kleine Pässe überschreiten, die manchmal so steil waren, daß wir absteigen und die Pferde führen mußten. Das braunrote Erdreich war sehr locker, da die Felsen stark verwittert sind. Auf den Paßhöhen war es meist sehr windig; man zog sich die Mütze über beide Ohren und setzte gegen den Staub eine Schutzbrille auf. Meine Schneebrille, die mich auf mancher Alpentour begleitet hatte, tat auch hier gute Dienste, denn sie dämpfte das grelle Licht. Heute saß selbst die Mütze nicht mehr gegen den Sturm fest, und ich band mir daher noch mein Handtuch um den Kopf! Gegen elf Uhr wurde es aber warm und gegen Mittag so heiß, daß wir schwitzten. Die täglichen Temperaturschwankungen sind auf diesen Höhen sehr groß; nachts fiel das Thermometer im Verlauf der Reise auf –20 Grad Celsius, und mittags hatten wir oft +30 Grad Celsius. Immer weiter ging es bergan; seit Herat waren wir schon fast 600 Meter gestiegen. Langsam, Schritt für Schritt, zog unsere Karawane gen Osten. Das Wetter war wieder herrlich. Keine Wolke war am hellblauen Himmel zu sehen. Kleine gelbe Schmetterlinge – Heufaltern ähnlich – flatterten häufig an uns vorüber. Zu beiden Seiten des Weges hatten wir wieder die in Schutt gehüllten kahlen Berge; aber fern im Osten zeichnete sich ein hoher, schneegekrönter Gipfel wie ein blendender Kristall vom blauen Himmel ab.

Ich hatte es mir auf meinem braunen Wasiri bequem gemacht; er hatte sich endlich an mich gewöhnt, ging ruhig, Schritt für Schritt, so daß ich ungehindert meine Aufnahmen und Notizen machen konnte. Gegen ein Uhr passierten wir den Heri-rud, um uns von nun an gen Süden zu wenden. Erst nach vier Tagen sollten wir den Fluß wieder sehen. Nach der neuesten englischen Karte (India and adjacent countries: Sheet No. 33.29 Kalkutta 1916) mußten wir an der Stelle sein, wo der 64. Längengrad den Heri-rud schneidet. Die Karte ist hier ungenau; ebenso auch für das Gebiet, das wir am folgenden Tage durchzogen. Vor der deutschen Expedition, die während des Krieges auf dem Wege nach Kabul hier durchkam, hat meines Wissens kein Europäer je diese Gegenden besucht. Der Heri-rud war sehr flach und reichte den Pferden kaum bis an die Knie. Wir konnten auch einen Einblick in die große Schlucht gewinnen, aus der der Fluß von Osten herkommt. Dann bogen wir in ein Seitentälchen ein, das nach Südosten führt, und vor uns erhob sich die Hauptkette des Sefid-Kuh, die wir überschreiten mußten. Hier und dort zeigten sich schneebedeckte Gipfel. Wilde, fast senkrechte Felsen türmten sich zu beiden Seiten auf, und ich hatte alle Hände voll zu tun, um die nötigen Beobachtungen zu machen und Gesteinsproben zu sammeln. In diesem Felstale brannte die Sonne; es war schwül; die Hitze brütete zwischen den Felsen, und wir waren stark verbrannt, als wir gegen drei Uhr im Robat zu Charsar eintrafen, das ca. 1800 Meter hoch gelegen ist.

Abend für Abend wiederholt sich dasselbe Bild. Das Aufschlagen des Nachtlagers geht mittlerweile auch schnell, da die Diener genau wissen, wie und wo sie das Gepäck verstauen sollen. Juma hat inzwischen gelernt, das Feldbett richtig aufzuschlagen, so daß es nicht mehr zusammenbricht, wenn man sich darauf legt, und er versteht es auch, meine Koffer so zu stellen, daß ich leicht heran kann. Stets zwar, wenn ich etwas suchte, fand ich es nicht, oder es lag zu unterst im letzten Koffer. Während das Abendessen zubereitet wird, arbeite ich, auf meinem Feldbett liegend, die Beobachtungen des Tages aus, mache meteorologische Beobachtungen, etikettiere und verpacke die gesammelten Gesteinsproben und schreibe Tagebuch.

Nach dem Essen kamen heute ein paar Afghanen in unsere Höhle zu Besuch und sangen uns etwas vor. Der eine war ein prächtiger Bursche, groß, von feingeschnittenen angenehmen Zügen; bei den anderen beiden aber konnte man sofort den Einschlag mongolischen Blutes feststellen. Sie trugen uns einen alten Wechselgesang vor. Die Vorführung dauerte ungefähr eine Stunde. Der eine der Sänger mußte oft Tierstimmen nachahmen, was ihm auch trefflich gelang. Am folgenden Morgen brachen wir sehr früh auf. Jeder hatte sich warm angezogen; die Afghanen hatten ihren Turban so über den Kopf gewickelt, daß nur Augen und Nase frei blieben.

Es war noch sehr frisch, und die kleinen Bäche waren bis auf den Grund gefroren. Um uns warm zu halten, gingen wir bis Sonnenaufgang alle zu Fuß. Unser Weg führte in einem engen Tale bergan, und bald hatten wir einen herrlichen Ausblick auf den Schneeberg, den wir gestern bereits sichteten. Er erhebt sich genau im Südosten. Wir sammelten trockenes Gestrüpp, schichteten es aufeinander und zündeten es an. Wir hielten Hände und Füße direkt in die züngelnden Flammen, um wieder Leben in die fast erstarrten Glieder zu bringen.

Langsam geht es einen Paß hinauf, der ca. 2300 Meter mißt. Immer wieder mußten wir hinauf und hinunter – bergauf und bergab. Gerade ist man froh, daß man eine Paßhöhe erreicht hat, da muß man wieder hinunter ins Tal. Juma deutet mit der Hand nach Südosten auf eine Kette und sagt: Kutel, Kutel: Paß. Dort müssen wir wieder hinauf. Langsam, im Schneckentempo zieht die Karawane bergan. Alle sind abgestiegen, um die Tiere nicht zu ermüden. Ich wollte eine photographische Aufnahme machen, aber die Gebirgslandschaft war so öde, daß ich den Film schonte. Überall kahle, verwitterte, in Schutt gehüllte Felsen, die nur kleine dürre, vertrocknete Steppenpflanzen auf den Hängen tragen. Aber die Farben der Berge sind schön; selten habe ich so bunte Felslandschaften gesehen! Hier schimmert ein Berg in roten und gelben, dort einer in violetten und grünen Farben! Vom Passe, der ca. 2830 Meter hoch ist, genießen wir einen weiten Ausblick; im Süden zeigt sich eine hohe schneebedeckte Bergkette, deren hohe Gipfel sich wie weiße Zähne vom tiefblauen Himmel abheben. Wie gerne wäre ich dort hingezogen, in das Herz des Hesarajat-Hochlandes, über das wir noch so wenig unterrichtet sind! Nur einem einzigen Europäer, dem Franzosen Ferrier, ist es gelungen, einen Blick in diese Wildnisse zu tun; aber vieles in seinem Bericht ist ungenau, und seine Angaben sind stark angezweifelt worden.

Weiter ziehen wir durch die öden Gebirge und folgen einem Flusse, dessen blaues Band tief unter uns sich hinzieht. Infolge der außerordentlich klaren Luft aber erscheint alles viel näher gerückt. Dann treten wir in die tiefe Schlucht ein, der unser nächster Halteplatz seinen Namen verdankt: Teng-i-Asau (die Schlucht des Asau). Dunkelrote Felswände türmen sich zu beiden Seiten auf, nur ein kleines Stück vom blauen Himmel freilassend. Auf einem Felsvorsprung thronte eine alte Lehmruine. Tot sieht die Landschaft aus; auf dem Monde kann es nicht trostloser sein ([Abb. 16])!

16. Öde Berge bei Teng-i-Asau

Am 12. November brechen wir wieder sehr früh auf. Es ist vier Uhr und so dunkel, daß wir keine Hand vor den Augen sehen können; es bleibt uns nichts übrig, als die Laternen anzuzünden. An der Spitze des Zuges marschiert Mesjidi Khan, und seiner blinkenden Laterne folgt die Karawane. Langsam bewegen wir uns den hohen Paß hinauf, der sich direkt hinter Teng-i-Asau erhebt. Die englische Karte verläßt uns hier ganz, denn auf ihr ist Teng-i-Asau nicht angegeben. Wir haben einen kleinen Gebirgsbach zu kreuzen, der rauschend gen Süden eilt. Alle kamen heil auf das andere Ufer, nur Juma glitt beim Springen von einem Stein auf den anderen aus und nahm zum Spaß aller Zuschauer ein kaltes Morgenbad.

17. An oberen Heri-rud bei Khassi

Das Steigen machte sich in der dünnen Luft wohl bemerkbar, und alle paar Minuten blieben auch die Pferde stehen, um sich zu verschnaufen. Als wir die Paßhöhe erreichten, dämmerte es bereits. Wir gingen auch weiterhin zu Fuß, um uns warm zu halten. Langsam begann sich der Himmel im Osten zu färben, immer mehr Einzelheiten im Landschaftsbild traten hervor; ein orangegelber Streifen kündet die Stelle an, wo die Sonne aufgehen würde, und bald floß ihr strahlendes Licht über die schweigende Bergwelt. Feuerrot leuchteten einige Konglomeratfelsen, die von den ersten Strahlen der Morgensonne getroffen wurden, während in den tiefen Tälern unter uns noch die blauen Schatten der Dämmerung lagen. Dann steigen wir in ein großes, breites Längstal hinab, in dem der größte Teil unseres heutigen Weges verläuft. Einförmige, verwitterte Berge rechts und links; dann und wann ein Ausblick auf höhere, schneebedeckte Gipfel im Süden und Norden. Menschen begegnen wir kaum; still, öde und verlassen ist die Gegend.

18. Afghanen
(von links nach rechts: Gulam Ali, Mesjidi Khan, ein Freund Gulam Alis)

Jeden Morgen um elf Uhr verteilt Juma das Frühstück, das wir im Sattel einzunehmen pflegen. Ein Stück trocken Brot, kaltes Hammelfleisch oder Huhn und ein paar getrocknete Aprikosen schmeckten uns trefflich. Gegen Mittag passierten wir einige Ruinen, in deren Gemäuer Raben hausten. Dann ging es stundenlang über bergiges Gelände. Gegen drei Uhr sahen wir von einer Anhöhe das Robat von Godar-i-Pam im Tale liegen. Ziegelrote, flache Berge heben sich scharf vom tiefblauen Himmel ab, und ich mache eine kleine Aquarellskizze von der bunten Landschaft.

19. Blick von der Paßhöhe ins Tal von Pänjao

Für vier Rupien kauften wir einen Hammel, der abends geschlachtet wurde. Juma bereitete ein treffliches Hammelragout zu, das uns allen gut mundete. Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwand, wurde es wieder empfindlich kalt, und wir zündeten in unserer Höhle ein großes Feuer an, das herrlich wärmte.

13. November. Wir hatten eine sehr unruhige Nacht. Ich mochte vielleicht zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch ein Geräusch aufwachte. Die Afghanen schienen fest zu schlafen. Den Abend vorher waren beim Lagerfeuer noch viele Räubergeschichten erzählt worden, und es hieß allgemein, daß diese Gegend nicht ganz sicher sei. Ich hörte deutlich, das irgend jemand mit dem Geschirr klapperte, und wollte Licht machen. Aber es waren natürlich wieder keine Streichhölzer da. Ich rief Juma, der in der einen Ecke unserer Höhle lag und fest schlief. Endlich wachte er auf, zündete umständlich eine Wachskerze an und untersuchte unseren Raum, fand aber nichts. Wohl war die eine Laterne umgeworfen, und die Töpfe lagen durcheinander, aber sonst konnten wir nichts feststellen. Wahrscheinlich hatte sich ein großer Kater in unsere Behausung geschlichen, um die Reste unseres Abendbrotes zu vertilgen. Fast in jedes Karawanserai leben einige große Katzen, die äußerst zudringlich sind. Schlug man sie, so wurden sie meist noch frecher.

Wir froren, als wir morgens um sechs Uhr aufbrachen, war das Thermometer doch auf –10 Grad Celsius gefallen. Der heutige Tagesmarsch war kurz und äußerst eintönig. Wir zogen in einem großen, von Terrassen eingefaßten Tale bergan. Der Boden war mit Reif überzogen, und die Schneekristalle glitzerten wie Tausende von Diamanten. Der Weg wandte sich wieder nach Norden. Vor uns stieg die Bergkette auf, die wir morgen in einem hohen Passe überschreiten sollten. Nur wenig Schnee lag auf den felsigen Hängen.

Gegen Mittag trafen wir eine große Karawane von Hesares. Schon von weitem sahen wir die Staubwolke, die sie aufwirbelte, und meine Afghanen machten schon ängstliche Gesichter, da sie glaubten, es seien Räuber. Die Hesares sind sonst gutmütige, friedfertige Menschen im Gegensatz zu den Firuzkuhis, die nördlich der Bergkette wohnen. Man sieht ihnen sofort die mongolische Abstammung an – scharfe Schlitzaugen, wenig Bartwuchs, stark hervortretende Backenknochen. Man könnte sie oft für Tibeter halten, mit denen sie wohl die größte Ähnlichkeit haben. Sie sollen mit Dschinghis-Khan ins Land gekommen sein und sind jetzt auf das zentrale Afghanistan beschränkt. Sie besitzen große Schaf- und Ziegenherden, die ihren ganzen Reichtum ausmachen, treiben nebenher aber auch etwas Ackerbau. Wir trafen auch eine Hesarensiedelung, ca. 20 schwarze, runde, jurtenähnliche Zelte.

Langsam arbeiteten wir uns höher und höher und näherten uns mehr und mehr den Schneeflächen. Kurz vor dem Robat Tere-Bulak (nasse Quelle), sammelten wir einige schön erhaltene Versteinerungen. Heute zeigten sich zum ersten Male einige weiße Kumuluswolken, die wie große Segelschiffe über den blauen Himmel zogen. Nachmittags bestieg ich einen Berg, der sich dicht hinter dem Robat erhebt, und sammelte hier noch einige Fossilien. Gulam Ali und Mesjidi Khan amüsierten sich damit, einige der niedrigen Sträucher, die die Hänge bedeckten, anzuzünden. Das trockene Gestrüpp brannte herrlich, und der weiße Rauch zog sich in dicken Schwaden um den Abhang. Abends gingen wir früh schlafen, da uns am anderen Tage ein anstrengender Marsch bevorstand.

14. November. Heute früh kamen wir erst um sechs Uhr fort. Da es zu dem hohen Passe, den wir heute zu überwinden haben, weit und die Steigung nicht zu stark ist, steigen wir bald zu Pferde und lassen uns langsam bergan tragen. Vor uns haben wir jetzt das Bend-i-Baian-Gebirge; es sieht nicht sehr drohend aus und trägt auf den uns zugewandten Südhängen nur wenig Schnee. So arbeiten wir uns langsam empor und erreichen gegen neun Uhr die erste ca. 3000 Meter messende Paßhöhe. Juma ist vorausgeeilt und hat von den dürren Stauden, die hier und da die Hänge bekleiden, ein großes Feuer angezündet, das herrlich wärmt und uns wieder auftaut.

Wir sind jetzt auf den Höhen des Gebirges, und je mehr wir auf die Nordhänge hinüberreiten, um so mehr Schnee treffen wir an. Von dem höchsten Passe, dem Kutel-i-Ahengeran, haben wir eine herrliche Aussicht. Eine Winterlandschaft umgibt uns; fern im Norden hebt sich wie eine weiße Sägelinie der Hauptkamm des Kuh-i-Baba vom blauen Himmel ab, und auch im Süden ragen einige hohe Schneegipfel aus der Bergwelt heraus. Wir befinden uns jetzt mitten in den Schneefeldern, deren Kristalle das Sonnenlicht in tausend Facetten zurückwerfen. Ich bin froh, daß ich meine Schneebrille bei mir habe, denn der Neuschnee, auf dem die Morgensonne liegt, blendet so stark, daß man kaum die Augen aufhalten kann. Ich mache zwei photographische Aufnahmen, die ein gutes Bild von diesen öden, eingeschneiten Bergen geben. Alpine Formen vermißt man ganz; Gletscher fehlen, und steile Felswände trifft man nur selten an. Das Gestein ist stark verwittert und besteht aus dunklen Kalken und Schiefern.

Auf der zweiten Paßhöhe machten wir Rast, zündeten ein großes Feuer an und nahmen unser Frühstück ein. Ein langer Abstieg folgte, und schon von ferne sahen wir das von Terrassen eingefaßte Tal des Heri-rud. Gegen drei Uhr passierten wir eine Siedelung von Hesares. Diese hausen hier in Höhlen, die sie aus dem weichen Fels herausgeschlagen haben. Augenscheinlich war gerade großes Reinmachen; denn auf den Hängen waren Teppiche und Decken zum Trocknen ausgebreitet. Zwei große wütende Hunde, weiße Mastiffs, wollten uns nicht vorbeilassen, und wir konnten sie uns nur durch Steinwürfe vom Leibe halten.

Das Talbecken von Ahengeran ist reich kultiviert. Überall dehnen sich Felder und Lehmhäuser aus. Eine kleine verfallene Ruine liegt zur Linken. Wir passieren das Robat und ziehen weiter in östlicher Richtung nach Khassi. Wir sind jetzt wieder im Heri-rud-Tale, das wir zwischen Obeh und Charsar verlassen hatten. Über den Lauf des Flusses zwischen Ahengeran und Obeh konnte ich nur in Erfahrung bringen, daß er in tiefer Schlucht sich den Weg durch die Berge schneidet.

Eine stundenlange Wanderung durch das Heri-rud-Tal folgte. Eine Schar Wildenten trieb sich am Flusse umher, und Mesjidi Khan wollte wieder sein Jagdglück versuchen; aber wie immer schoß er daneben. Im Süden unseres Weges hatten wir den langen, stark denudierten Kamm des Bend-i-Baian-Gebirges, zur Linken in Schutt gehüllte Berge, die zum Heri-rud abfallen. Dann und wann steigen wir ab und gehen zu Fuß. Wir müssen auch noch einige Berge überschreiten, ehe wir gegen vier Uhr die Kalé (die Festung) und das Robat von Khassi sichten. Kurz bevor wir dort eintrafen, konnte ich noch eine herrliche Naturerscheinung beobachten. Die im Osten sich auftürmenden Berge wurden von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen und flammten in purpurroten und tiefvioletten Farben auf, was sich gegen den schon dunklen Abendhimmel prächtig ausnahm. Aber nur Minuten dauerte diese Erscheinung; sie war flüchtig wie alles Schöne auf Erden. Und doch sind solche Augenblicke für uns unvergeßlich. Sie erheben uns, und wir zehren lange davon. Und in trüben Stunden, da treten diese Augenblicke wieder vor uns hin, gleichsam, um uns zu mahnen und uns neuen Mut zu verleihen.

In Khassi wollen wir einen Ruhetag einlegen, denn Gulam Ali hat hier einen Freund wohnen, den er besuchen will. Auch wollen wir den Tieren einmal etwas Ruhe gönnen. Da das Dorf Khassi auf dem nördlichen Ufer liegt, müssen wir durch den Heri-rud reiten. Ich war zu müde, um noch ins Dorf zu gehen, und blieb im Karawanserai. Gerade als ich es mir auf meinem Feldbette bequem gemacht hatte und mein Tagebuch schreiben wollte, kam ein Diener gelaufen und brachte mir eine Einladung von Gulam Alis Freund, der Steuereinzieher dieses Bezirkes war. Er hatte auch gleich ein Pferd mitgebracht, damit ich den Fluß durchreiten konnte. Ich machte mich also fertig, schwang mich auf das ungesattelte Pferd und ließ mich nach dem Flusse hinunterführen. Es war schon dunkel. Der Diener hielt in der einen Hand die Stallaterne, in der anderen die Zügel des Pferdes. Als wir mitten im Fluß waren, und das rauschende Wasser schäumte und spritzte, wurde das Pferd störrisch, und ich konnte mich nur mit Mühe halten. Schließlich kamen wir aber doch glücklich ans andere Ufer.

Bei dem jungen Afghanen wurden wir sehr liebenswürdig aufgenommen. Er bewirtete uns mit Pilau und Mast (saure Milch) sowie Tee und Kuchen, und es gab auch Musik und Gesang. Gegen neuneinhalb Uhr brach ich wieder auf, während Gulam Ali und Mesjidi Khan bei ihrem Freunde übernachteten ([Abb. 18]).

15. November. Heute war der ersehnte Ruhetag, wir konnten wirklich einmal ausschlafen. Erst um acht Uhr wurde gefrühstückt. Ich leistete mir zur Feier des Tages Kakao, da wir hier Milch kaufen konnten. Auch den Afghanen gab ich zu trinken; aber obgleich ich den Kakao stark gezuckert hatte, erklärten sie, er sei »bisjar tälch« (sehr bitter). Übrigens fiel es ihnen sehr schwer, das Wort Kakao richtig auszusprechen, und ich amüsierte mich immer, wenn Juma die Kakaotüte suchte und fragte: »Kaukau kuja’st?«

Den Vormittag benutzten wir dazu, die Koffer wieder gut zu verpacken, denn es war alles durcheinandergerüttelt. Mittags wurde ich wieder zum Freunde Gulam Alis eingeladen, und es gab wieder Pilau, Tee und Süßigkeiten. Alle hatten sich heute in Gala geworfen, und ich kam mir in meinem Reitanzug gar nicht gesellschaftsfähig vor.

Nachmittags wanderten wir in den umliegenden Bergen umher. Die Felsen sind sehr verwittert, und die Diorite sowie die anderen Eruptivgesteine sind zu Schutt und Staub zerfallen. Nur an einzelnen Stellen ragen einige härtere Felsen aus dem Schutte auf und bilden kleine Riffe. Ein sehr hartes Band dunkler Eruptivgesteine verläuft quer zum Fluß und verursacht Stromschnellen. In der Ferne konnten wir einige gut ausgeprägte Terrassen erkennen, die darauf hinweisen, daß der Fluß einst in einem bedeutend höheren Niveau floß ([Abb. 17]).

Dann besuchten wir den Hakim (Untergouverneur). Schon bevor wir nach Khassi kamen, erzählten meine Begleiter von ihm wunderliche Geschichten und sagten, er sei ein verrückter alter Kerl, der aber ziemlich große Macht habe. Da ich ohne jedes Empfehlungsschreiben und ohne Paß reiste, schien mir der Besuch bei diesem Herrn gar nicht so geheuer, denn wenn er sich, wie die Afghanen sagten, verrückt bürokratisch anstellte und nach einem Papier verlangte, war ich in übler Lage.

Nachmittags, als ich auf einem Terrassenvorsprung meine Gefährten und ihren Freund photographierte, sahen wir, daß sich auf der von uns durch ein kleines Tal getrennten gegenüberliegenden Seite eine Menschenmenge ansammelte, die unser Tun genau beobachtete. Und sicher wurde dem Hakim genau Bericht erstattet, was wir trieben. Wir hielten es daher für das beste, ihm erst einmal unseren Besuch zu machen. Er residierte in einer elenden, halb in Ruinen liegenden Kalé oder Festung. Als wir uns dieser näherten, scharten sich die Einwohner um uns und sandten uns nicht gerade freundliche Blicke zu. Ich wurde unwillkürlich an die Situation erinnert, in der Younghusband war, als er die Festung der Kandjuten im Kara-Korum aufsuchte. Wir gingen durch finstere Gänge und vor Schmutz starrende Höfe, bis wir endlich in einen Hof gelangten, der etwas sauberer war. Dort breitete man für uns einige Kelims aus. Nachdem wir lange gewartet und meine Afghanen noch mehr als einen Witz über den Hakim gerissen hatten, trat der Gewaltige herein. Er entpuppte sich als ein kleines verhutzeltes Männchen, dem aber der Schalk im Gesicht geschrieben stand, und ich habe keinen Zweifel, daß er auch sehr grausam sein konnte. Wir wurden zum Tee geladen. Ich mußte ihm meinen Feldstecher zeigen; aber sonst wurde wenig gesprochen. Meine Afghanen hatten anscheinend solchen Respekt vor ihm, daß sie gar nicht wagten den Mund aufzutun. Wir blieben auch nur kurze Zeit und gingen dann wieder an den Fluß hinunter, wo ich noch einige Gesteinsproben sammelte und die Gesellschaft photographierte.

16. November. Heute wollten wir eigentlich schon bis Dauletjar kommen, erfuhren aber, daß der Weg sehr weit sei, und so entschlossen wir uns, nur bis Badgah zu ziehen. Der Freund Gulam Alis begleitete uns die erste Strecke des Weges. Er trug seinen besten Anzug und ritt einen prächtigen, schwarzen Hengst. Seine Lammfellmütze hielt er in der rechten Hand, um sich gegen die Sonne zu schützen, worüber Juma sich sehr lustig machte. Wir ritten stetig ansteigend die Terrassen hinauf, die sich längs des Flusses hinziehen. Bei Pusaleh passierten wir die große Brücke über den Heri-rud; das Dorf selbst scheint verlassen zu sein. Etwas oberhalb Pusaleh verläßt der Weg den Fluß, der hier Stromschnellen und kleine Wasserfälle bildet und aus einer tiefen Schlucht heraustritt. Zur Rechten haben wir noch das Bend-i-Baian-Gebirge mit seinem abgetragenen, gerundeten Bergrücken. Ein ödes Land!

Gegen Mittag steigen wir wieder ins Heri-rud-Tal ab, das von hohen, kahlen Felsbergen eingefaßt ist. Ein paar vertrocknete Stauden am Fluß bilden die einzige Vegetation, die wir sehen. Wie oft finde ich in meinem Tagebuch die Eintragung: den ganzen Tag kein Fleckchen Grün gesehen. Der erste Europäer, der wohl Badgah besucht hat, war Arthur Conolly, der ca. 1831 auf seinem Wege von Kabul nach Khiva durch Badgah zog. Er hatte auf seinem Wege viel unter Überfällen zu leiden. Badgah liegt in einer großen Ebene, den Winden von allen Seiten ausgesetzt, daher auch der Name (Bad = Wind und Gah = Ort).

Abends im Robat spielt sich stets die gleiche Szene ab. Wenn Juma in der Feuerstelle die trockenen Stauden anhäuft und anzündet, ist in ein paar Minuten der Raum voll beißenden Rauches. Man weint die bittersten Tränen, und selbst die Schutzbrille hilft nicht dagegen; es bleibt nichts weiter übrig, als sich platt auf den Boden ans Feuer zu legen. Bis auf einen halben Meter über dem Erdboden liegt der Rauch in dicken Schwaden, und erst, wenn der Raum genügend erwärmt ist und wir das Luftloch in der Decke gereinigt haben, zieht der Rauch ab. Beim Scheine des Feuers schreibe ich mein Tagebuch. Ab und zu legen wir neue trockene Stauden auf, daß es knistert und funkt. Stundenlang können wir so um die Glut sitzen und in die blauen züngelnden Flammen starren. Bilder aus längst vergangenen Tagen steigen wieder auf. Osterfeuer – Sonnwendfeuer –. Die Afghanen sitzen still und stumm; Gulam Ali liest in einem persischen Geschichtsbuch. Er ist ganz in seine Lektüre vertieft; nur manchmal gerät er so in Entzücken, daß er Mesjidi Khan ein besonders schönes Gedicht vorträgt. Draußen vor der Pforte unserer Höhle flammt auch ein Feuer auf. Dort kocht Gul Mohammed den Reispudding. Juma sitzt am Feuer und träumt. Das Wasser in unserem kleinen, schwarz berußten Teekessel beginnt zu summen, und gegen neun Uhr ist meistens auch das Essen fertig. Auf einer großen Schüssel wird der Reis aufgetragen, das Fleisch um den Rand gelegt. Ich fülle mir mein Essen auf den Teller; die Afghanen aber stürzen sich alle auf die große Schüssel. Jeder greift mit der Hand in den Reis und sucht das größte Stück Fleisch zu erhaschen. Messer und Gabel kennen sie ja nicht. Gul Mohammed ißt für zwei. Ich wundere mich oft, wo er das alles läßt. Er sieht in seinem dicken, weißen Filzmantel und schwarzen Turban gegen seine Kameraden ordentlich vornehm aus. Heute trank er zum Schluß noch das übriggebliebene geschmolzene Hammelfett aus; worauf Juma die Bemerkung machte: er fresse wie eine Kuh. Damit hatte er aber Gul Mohammed so schwer beleidigt, daß er in den nächsten Tagen mit Juma kein Wort sprach. Gul Mohammed war überhaupt sehr eitel. Oft schaute er während des Marsches in einen kleinen runden Spiegel, den er stets bei sich trug. An einem Ring hatte er auch einige interessante kleine Instrumente: einen Nagelreiniger, einen Ohrlöffel und eine Pinzette, mit der er sich Barthaare ausriß!

17. November. Der heutige Tagesmarsch war wohl der eintönigste von allen. Zuerst zogen wir im Tale des Heri-rud aufwärts, dann aber verließen wir den Fluß und ritten stundenlang durch die öden, verwitterten Berge. Gegen Mittag sahen wir den Fluß wieder tief unter uns und stiegen langsam an sein Ufer hinab. Wir genossen einen herrlichen Ausblick nach Norden auf die Schneespitzen des Kuh-i-Baba. Über Schinieh erreichten wir Dauletjar, eine bedeutende Siedelung, die in einem großen Talbecken gelegen ist. Dort laufen verschiedene große Karawanenstraßen zusammen, von denen eine längs des Farah-rud nach Sistan gehen soll.

Manche Forscher haben die Meinung vertreten, daß auch Alexander der Große auf seinem Zuge nach Bamian mit seiner Armee dem Hilmend-Tal gefolgt sein soll. Quintus Curtius beschreibt jedenfalls eine Route, die bedeutend größere Schwierigkeiten geboten haben muß als der reguläre Weg von Kandahar über Kabul nach Bamian.

Etwas nordöstlich von Dauletjar kreuzte Ferrier den Heri-rud; er wandte sich dann nach Süden in das eigentliche Hesarajat-Hochland. Auch die englischen Offiziere Talbot und Maitland sind in dieser Gegend gewesen; ihre genauen Berichte sind aber nicht zugänglich.

Als ich später nach Kabul kam, erfuhr ich, daß die deutschen Ärzte, die ein paar Monate vor mir auf dieser Straße gezogen, hier ihren Kameraden Berends verloren, der an Malaria starb und in dieser einsamen Bergwelt bestattet wurde.

VI
ÜBER HOHE GEBIRGE UND EINGESCHNEITE PÄSSE

18. November. Nachts um zwei Uhr mußten wir heute schon aufstehen, und ich war noch sehr verschlafen, als um einhalb drei der Tee gebracht wurde. Um einhalb vier erfolgte der Aufbruch. Langsam zog unsere Karawane in das Dunkel der Nacht hinaus. Zuerst ritt ich, aber bald waren die Füße so eiskalt, daß auch ich zu Fuß ging. Langsam, unendlich langsam schleichen die Stunden dahin. Herrlich ist der Sternenhimmel; selten habe ich so viel Sternschnuppen beobachten können; alle paar Minuten leuchten sie wie Raketen am sternenübersäten Nachthimmel auf. Um diese Zeit schlägt es in Europa gerade Mitternacht; dieselben Sterne sehen auch auf meine Heimatsstadt und mein Elternhaus! Wie es dort wohl aussehen mag? Seit über drei Monaten habe ich nichts mehr von Deutschland gehört.

Langsam arbeiten wir uns den hohen Paß hinauf, den wir heute zu überschreiten haben. Endlich beginnt es etwas heller zu werden, und wir können die Einzelheiten im Landschaftsbilde erkennen. Über den Bergen liegt ein eigentümlich violetter Schleier, der, je heller es wird, in blaue Töne übergeht. Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Berggipfel treffen, reiten wir in das malerische Talbecken der Hesarensiedelung Germ-ab. Hier wurde fleißig gearbeitet: die Felder gepflügt, das Korn gedroschen. Die Männer sangen zur Arbeit, die Frauen saßen vor den jurtenähnlichen Hütten, spielten mit den Kindern, nähten oder flickten. Es war ein idyllisches, friedliches Bild, das mich an die Schilderung erinnert, die Ferrier von einer Hesarensiedlung an einem südlicher gelegenen See in Zentralafghanistan gegeben hat. Ein paar Schafe und Ziegen grasten im Tale, und ein paar große, kräftige Hunde bewachten das Dorf.

Wir zogen weiter, und bald war die kleine Siedelung unseren Augen entschwunden. Wir hatten einen neuen Paß zu überschreiten, von dem aus wir eine interessante Aussicht hatten. Unter uns zur Linken lag wie ein erstarrtes Meer eine ziegelrote, orangefarbene Bergwelt, die scharf vom tiefblauen, wolkenlosen Himmel abstach ([Abb. 13]). Rechts aber türmten sich höhere Berge auf, die aus dunklem vulkanischen Gestein bestehen und einige Schneekappen tragen. In der Sonne war es heute recht warm; es war einer der letzten schönen Herbsttage des Jahres.

Gegen drei Uhr kamen wir an einen breiten aber seichten Fluß, in dessen ruhigem Wasser sich die Berge spiegelten. Auf dem jenseitigen Ufer lag ein größeres Dorf. Beim Durchschreiten des Flusses glitt mein Wasiri aus, und wir beide nahmen in den kühlen Fluten ein erfrischendes Bad! Ich ging darauf den letzten Teil des Weges nach Lar zu Fuß. Mesjidi Khan hatte seinen Fuß verstaucht und war weit zurückgeblieben. Gegen vier Uhr sichteten wir das Robat, das auf einer Terrasse gelegen ist, unterhalb derer sich der Fluß hinschlängelt.

Je mehr sich die Sonne dem Westen zuneigte, um so phantastischer wirkte die rote Berglandschaft, die sich im Norden des Flusses hinzieht. Die Dämmerung brach schnell herein. Blauschwarz war der Himmel im Nordosten, gerade als ob ein Gewitter aufziehen wollte, und die Berge schimmerten in schwefelgelben und violetten Tönen.

19. November. Schon am Abend verkündeten Gulam Ali und Mesjidi Khan, daß wir ganz früh aufbrechen müßten, mindestens um ein Uhr. Da die Afghanen die Uhr kannten, selbst aber keine hatten, stellte ich meine Uhr um zwei Stunden zurück, denn ich verspürte absolut keine Lust, mir meine Nachtruhe nehmen zu lassen. Als gegen halb zwei Mesjidi Khan sich erhob, die Laterne anzündete und anfangen wollte einzupacken, erklärte ich ihm, er sei verrückt; es wäre erst halb zwölf und ich machte auf keinen Fall mit. Darauf drehte ich mich wieder in meinen Pelz ein, legte mich auf die andere Seite und schlief weiter. Mesjidi Khan brummte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, blies das Licht aus und kroch auch wieder unter seine Decke zu Gulam Ali, der fest schnarchte.

Erst gegen fünf Uhr brachen wir auf. Der Himmel war bezogen – es sah nach Schnee aus. Kreideweiß hoben sich die schneegepuderten Berge vom bleigrauen Himmel ab. Man konnte fast glauben, daß diese traurige Landschaft auch uns ernster stimmte; denn der Morgenritt verlief sehr schweigsam. Ich zeichnete vom Pferde aus einige Panoramen von der Bergwelt, die wir zur Rechten hatten und wo sich einige schöne Flußterrassen hinzogen.

Wieder müssen wir auf einen Paß hinauf. Das eine Lastpferd scheute vor einem Kamelskelett, das am Wege lag. Wir trafen häufig die Überreste zusammengebrochener Tiere; manche Skelette sind schon von der Sonne gebleicht, an anderen hängen noch Fetzen Haut und Fell; und manche Tiere müssen erst kürzlich verendet sein. Wir fanden auch Skeletteile abseits vom Wege, wohin sie von den Wölfen verschleppt worden waren. Ein trauriges Bild boten manchmal die Karawanseraien, in deren Höfen oft die Skelette verendeter Tiere lagen.

Auf der Paßhöhe zündeten wir wieder ein großes Feuer an und lagerten eine Viertelstunde, während der ich einige hohe Schneegipfel, die sich im Südosten zeigten, einpeilte und skizzierte. Die Berge bestanden aus dunkelroten Sandsteinen beziehungsweise Tuffen, ähnlich denen, die wir bei Teng-i-Asau sahen. Dann ritten wir in das Tal von Kirman hinab, das vollkommen öde und verlassen ist.

Je mehr wir uns diesem kleinen Flecken nähern, um so kälter wird es; ein schneidender Wind bläst uns entgegen, und jeder wickelt sich so viel Tücher um den Kopf wie nur irgend möglich. Ganz fein beginnt es zu schneien, und bald ist der Boden mit einer weißen Decke überzogen. Wir reiten an einigen Ruinen vorbei, in deren Gemäuer Raben hausen und die Luft mit ihrem Gekrächze erfüllen, als wir vorbeiziehen. Ein paar Reiter, Flinten über den Schultern, reiten auf uns zu und fragen, wohin wir wollen. Sie erkennen mich nicht als einen Europäer; denn ich habe meine Schneebrille auf und das Gesicht mit Tüchern umwickelt, und rasiert hatte ich mich seit Wochen nicht! Die Kälte wird immer stärker; der Wind schneidender; man erstarrt fast auf dem Pferde.

Um elf Uhr verteilt Juma das Frühstück. Ich erhalte die Brust und das Bein vom Huhn, aber das Fleisch ist gefroren und so mit Eiskörnern durchspickt, daß es knirscht, als ich hineinbeiße. Nebel und Wolken hüllen die hohen Schneeberge ein, auf die wir jetzt zureiten.

Es wird dunkler und dunkler, und wieder hüllt uns ein Schneewetter ein. Ich kann die Hände kaum noch zum Zeichnen gebrauchen. Wir treffen viele Nomaden, die auf Eselchen und kleinen Pferden reiten. Manche gehen zu Fuß. Wie müssen sie in ihren schmutzigen, zerrissenen Gewändern frieren! Eine Kamelkarawane kommt langsamen Schrittes gezogen; die Tiere sehen wie bepudert aus. Auf dem einen Kamel hockt eine junge Frau und blickt verstohlen zu uns herüber, wer wir wohl sein mögen. Auf einem anderen sind kleine Kinder festgebunden und blicken ängstlich von ihrem schaukelnden Sitz herunter. Nomadenleben! Und doch scheinen sie so zufrieden mit ihrem Schicksal zu sein; sie haben ja auch nie etwas anderes kennengelernt.

Von hier aus führt anscheinend auch ein Weg nach Bamian, der auf der neuesten englischen Karte nicht eingetragen ist, wohl aber auf den älteren Ausgaben. Er führt über einen Paß, der Talatu heißt und über den wahrscheinlich Ferrier gezogen ist.

20. Kuh-i-Baba von Süden
(Quellgebiet des Hilmend)

Gegen ein Uhr ziehen wir auf den Scharak-Kuschta-Paß. Alle gehen zu Fuß; wir sind froh, daß es zu schneien aufgehört hat. Mesjidi Khan ist weit vorangeeilt; er klettert wie eine Katze; ihm macht die Luftverdünnung nichts aus. Wir aber bleiben alle paar Minuten stehen und schöpfen Luft. Auch die armen Tiere kommen nur langsam vorwärts. Gul Mohammed ist weit zurückgeblieben, da das eine Pferd nicht mehr weiter will. Wieviel Elend diese Felsen wohl schon gesehen haben mögen! Ich zählte im Verlaufe unseres heutigen Paßüberganges acht Skelette von Pferden und Kamelen.

Wir kommen in eine immer gewaltigere Bergwelt. Endlich haben wir die Paßhöhe erreicht, von der aus wir ziemlich steil in ein geschütztes Tal absteigen, in dem wir wieder ein Feuer anzünden, uns wärmen und warten, bis Gul Mohammed mit den Packtieren kommt. Der soeben überschrittene Paß bildet die Wasserscheide zwischen Heri-rud und Hilmend, der in den abflußlosen Hamunsee in Sistan mündet.

21. Eingeschneit im Karawanserai Pänjao

Dann nehmen wir den zweiten großen Paß, den Kutel-i-Akserat in Angriff. Schritt für Schritt arbeiten wir uns empor. Die Bergwelt, die uns umgibt, ist großartig. Nach jeder Richtung hin türmen sich Schneeberge auf. Vom Passe aus, der eine Höhe von ca. 3300 Meter hat, genießen wir einen umfassenden Ausblick auf Afghanistans Hochgebirgswelt. Ein Meer hoher Gipfel dehnt sich ringsumher aus. Ich habe viel zu tun, alle diese Gipfel einzupeilen und zu photographieren. Das Gestein ist wieder dunkelroter Sandstein. Wir müssen noch eine dritte Anhöhe erklimmen, ehe wir in das Tal von Akserat absteigen können. Ein nicht endenwollender Marsch folgt, ehe wir das Robat erreichen.

22. Der Kuh-i-Baba

Gegen sechs Uhr abends beginnt es in großen Flocken zu schneien, und als wir uns am anderen Morgen erheben, umgibt uns eine vollständige Winterlandschaft. Meine Begleiter haben keine große Meinung, bei dem Wetter aufzubrechen; aber da der Schnee nur in feinen Flocken fällt und die Wolken sich zerteilen, sehe ich keinen Grund, weshalb wir nicht weiterziehen sollen. Langsam beladen Juma und Gul Mohammed die Pferde, und gegen acht Uhr verlassen wir Akserat. Es ist kalt, und der Schnee knirscht unter den Hufen der Tiere. Berge und Täler sind unter einer weißen Decke begraben.

23. Auf dem Weg von Jaokul nach dem Unaipaß

An einem kleinen kristallklaren Bach, der mit einer dünnen Eisschicht überzogen ist, machen wir halt und tränken die Tiere. Die graue Wolkenwand teilt sich mehr und mehr, und bald überflutet helles Sonnenlicht die herrliche Winterlandschaft. Wie tausend Diamanten glitzert es im Schnee, und ohne Schneebrille kann man die Augen kaum offen halten. Hin und wieder begegnen uns Hesaren, die uns im Vorüberreiten freundlich: »Salem alaikum, mundä näbaschi« (Seid gegrüßt, möget ihr nicht ermüden!) zurufen.

Zur Linken bestehen die Berge aus feinem Tonschiefer, aber trotz eifrigen Suchens kann ich keine Versteinerungen finden. Gulam Ali und Mesjidi Khan reiten nach einer Hesarensiedlung, um »Kurk Barek« (Stoff) zu kaufen. Es ist dies ein braunes, grobes, gewebtes Tuch, das außerordentlich dauerhaft und warm ist, und aus dem sich die Afghanen ihre Winteranzüge machen. Wir haben wieder einmal einen hohen Paß zu überschreiten, aber der Anstieg ist bequem. Von der Paßhöhe aus mache ich einige Aufnahmen ([Abb. 19]). Dann folgt der Abstieg ins Tal von Pänjao. Von einer der hohen Felswände war ein großer Block losgebrochen, der voller Versteinerungen war; aber es kostete viel Mühe, diese aus dem festen Fels herauszuarbeiten.

Der Weg nach Pänjao erschien uns endlos; stundenlang zogen wir bei sehr wechselndem Wetter durch das von Terrassen eingefaßte Tal. Bald schien die Sonne, bald hüllten uns eisige Hagelschauer ein. Wir passierten viele kleine Siedelungen und begegneten Hesaren, die kleine, schwarze, mit Gestrüpp über und über beladene Ochsen vor sich hertrieben. Bevor wir ins Robat kamen, mußten wir noch den Fluß kreuzen, der von der Kuh-i-Baba-Kette herunterkommt und in seinem Unterlauf den Namen Tagao Pänjao trägt. Das Robat liegt auf einer Anhöhe über dem Fluß, während auf der anderen Seite sich eine Lehmfeste erhebt. Auch in dieser Gegend herrschen die dunkelroten Sandsteine vor, die der Landschaft eine so charakteristische Farbe aufprägen, während die höheren Ketten aus schwarzen Schiefern und dunklen Kalken bestehen.

In dieser Gegend soll eine heiße Quelle sein. Kurz vor dem Robat hätten wir beinahe unseren Teekessel verloren. Zum Glück fand ihn Juma noch, der als Nachzügler hinterherkam. Im Schneetreiben kamen wir im Robat an, wo wir es uns bald bequem machten. Als Gul Mohammed abends Brennholz suchen ging und aus dem Bache Wasser schöpfen wollte, sah er im Robat einen großen Wolf, der an einem Skelett eines verendeten Kamels zerrte. Er kam sofort zurückgelaufen und verlangte von Mesjidi Khan das Gewehr; als wir aber in den Hof gingen, war der Wolf bereits verschwunden; aber im frisch gefallenen Schnee konnten wir die Spuren erkennen. Das eine der Pferde war in einem bedauernswerten Zustand. Es war gänzlich abgemagert und hatte durch die Lasten große Druckstellen davongetragen. Abends ging ich noch einmal zu den Tieren hinaus. Sie standen aneinandergedrängt im Hofe. Gul Mohammed rieb gerade die wunden Stellen des kranken Packpferdes mit rohem Eiweiß ein. Er machte ein betrübtes Gesicht; hatte er doch gerade auf das weiße Pferd seine größten Hoffnungen gesetzt. Als auch am folgenden Tage keine Besserung im Befinden des Pferdes eintrat, versuchte er es mit einer Radikalkur. Er entnahm dem Tiere Blut aus den Nüstern. Seltsamerweise bewirkte diese Kur Wunder; denn als wir nach Kabul kamen, war das weiße Pferd tatsächlich das munterste von allen.

Am anderen Tage brachen wir gegen siebeneinhalb Uhr auf. Es hatte während der Nacht wieder geschneit, und wo gestern im Laufe des Tages der Schnee geschmolzen war, lag heute eine neue weiße Decke ([Abb. 21]). Wir ritten in einem breiten Tale gen Osten. Vor uns erhob sich ein massiger hoher Gipfel, auf dessen steilen Felsklippen sich der Schnee nicht halten konnte. Ich machte eine kleine Skizze, peilte den Berg ein, und dann zogen wir an seinen Hängen bergan, um gegen zehn Uhr auf eine Paßhöhe zu gelangen, von der aus wir einen schönen, umfassenden Ausblick hatten. Aber wir mußten noch einen Paß überschreiten, ehe wir in das Gebiet des Hilmendoberlaufes kamen.

Uns allen fiel das Steigen sehr schwer, und wir mußten alle paar Minuten stehen bleiben, um Luft zu schöpfen. Nur Mesjidi Khan schienen die verdünnte Luft und die große Steigung nichts anzuhaben; er war schon eine halbe Stunde früher als wir auf der Paßhöhe angelangt. Wir passierten das in Ruinen liegende Robat Siah-Seng (der schwarze Fels) und hatten gegen zwei Uhr noch einen weiteren Paß zu überschreiten. Dann folgte ein zweistündiger Ritt bis Gargareh, wo wir in der Moschee übernachteten beziehungsweise in dem Lehmhause, das als Moschee und zugleich als Gästehaus dient.

Abends hatten wir wundervollen Vollmondschein. Das ganze Tal schimmerte in silberhellem Lichte, und die tief eingeschneiten Kuppen der Berge leuchteten blendendweiß. Abends bettelte mich Gul Mohammed nach dem Essen um Chinin an, denn er klagte über heftige Kopfschmerzen. Als ich das Glas wieder einpacken wollte, rollten ein paar Tabletten auf die Erde; aber ich war zu müde, um mich von meinem Feldbette zu erheben, und ließ die Tabletten liegen. Als ich am anderen Mittag Gul Mohammed fragte, wie es ihm gehe, meinte er: Ja, die Tabletten hätten nicht viel geholfen, obgleich er abends vorher auch noch die anderen vier Tabletten, die heruntergefallen waren, geschluckt habe!

Vergangene Nacht hatte ich mich auch sehr über die Afghanen geärgert. Kaum war ich richtig eingeschlafen, als um einhalb eins Gul Mohammed bereits mit dem Talglicht zu hantieren anfing und behauptete, wir müßten zum Aufbruch rüsten. Meine Begleiter trauten auch meiner Uhr nicht mehr recht, gingen hinaus und sagten, es sei ganz hell und dämmere bereits. Das war natürlich großer Schwindel. Aber unsere Gesellschaft war nun einmal wach geworden, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Es war auch in unserer großen Behausung so kalt, daß man es schon vorzog, zu gehen. – Es wurde also Feuer angezündet, Tee gebraut, und gegen drei Uhr brachen wir auf.

Zuerst müssen wir die linke Talterrasse erreichen, auf der der Weg sich hinzieht. Eine kalte Winternacht umgibt uns. Der Weg ist so schmal, daß wir die Pferde führen und aufpassen müssen, daß nicht ein Tier oder wir selbst den Abhang der Terrasse hinunterpurzeln. Wir sind vielleicht eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt, als durch das Dunkel der Nacht aus dem Tale heraus Stimmen zu uns dringen und wir angerufen werden. Gulam Ali und Mesjidi Khan tasten sich langsam und vorsichtig den Abhang hinunter und kommen nach einer Viertelstunde wieder. Es waren nur die Wächter des Ortes gewesen, die geglaubt hatten, wir seien Räuber oder Schmuggler.

Als es dämmerte, kamen wir nach Mar-chane (Schlangenhaus), wo das Robat ebenfalls in Ruinen lag. Die Flüsse haben hier wilde Schluchten durch die Berge geschnitten, und das seegrüne Wasser schäumt und rauscht zwischen den engen Felsen. Wir sind jetzt schon im Bereich der kristallinen Schiefer, und ich kann mir eine schöne Sammlung Handstücke schlagen. Gerade als wir die eine Schlucht passiert hatten, trafen wir eine kleine Karawane; Gulam Ali erkannte dabei einen seiner besten Freunde. Es fand eine herzliche Begrüßung statt; beide umarmten sich zärtlich. Nach einer Stunde erst traf Gulam Ali wieder zu uns. Es war heute bitter kalt, und die Morgensonne wärmte nicht im geringsten. Herrlich war der Sonnenaufgang! Purpurrot färbten sich die hohen Gipfel, als sie von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen wurden. Die kleinen Bäche waren sämtlich gefroren, und wir mußten sehr auf die Pferde achtgeben, daß sie nicht stürzten. Heute gesellte sich ein kleiner Hund zu uns; er war ein drolliges Tierchen, noch jung und hatte ein wolliges Fell wie die jungen Schäferhunde. Woher er kam, war uns rätselhaft. Die Sonne war noch so kräftig, daß sie im Laufe des heutigen Tages den Schnee fast überall schmolz. Die Berge leuchteten in allen Farben; eine breite Zone dunkelroter Tuffe konnten wir auf weite Erstreckung hin verfolgen. Gegen Mittag lagerten wir einen Augenblick auf einer Anhöhe. Die Sonne brannte, und es war sehr heiß. Ein tiefes Schweigen breitete sich ringsum aus. Manchmal löste sich ein Stein und rollte den Abhang hinunter. Andere wurden mitgerissen. Es war mir, als ob mir die Berge ihre Geschichte erzählen wollten: wie sie aufgepreßt, gefaltet und hoch aufgetürmt wurden, um später wieder zerrissen und abgetragen zu werden im Laufe unendlicher Zeiten.

Wieder zähle ich während eines Paßüberganges acht Kamelskelette; an dem einen knabbert ein großer Hund herum, daß es in den Knochen klappert und mein Wasiri fast scheut. Unser kleiner Hund ist sehr neugierig und will mit dem großen anbandeln, aber der knurrt verdächtig, worauf der kleine zu bellen anfängt und sich zurückzieht.

Weiter geht es durch die öde Bergwelt. Das Wetter hat sich wieder aufgeklärt. Gegen elf Uhr sehe ich über die kahlen verwitterten Berge ein paar herrliche Schneezacken aufragen, und als wir gegen zwölf Uhr nach Ser-i-Kutel kommen, haben wir ein Panorama der ganzen Schneegipfel des Kuh-i-Baba vor uns. Die Afghanen wollten weiterziehen, aber ich erklärte ihnen, daß ich hier bleiben wolle, um ein Rundpanorama aufzunehmen und jeden Gipfel einzupeilen. So bleiben wir denn in Ser-i-Kutel.

Mittags ist es recht schön warm. Der Himmel ist vom reinsten Blau, und der Schnee der hohen Berge glitzert in der Sonne. Die kleinen Bäche sind wieder aufgetaut, und überall sprudelt das klare Wasser und springt von Stein zu Stein.

Im Robat war eine Kompanie Soldaten untergebracht, die hier in diesem Gelände ihre Übungen abhielten. Der Hauptmann, ein großer alter, wetterfester Hesare, war ein prächtiger Kerl. Nachmittags lud er mich zum Tee ein, und wir ließen uns im Sonnenschein auf dem platten Dach des Karawanserai nieder. Seine Leibwache war stets bei ihm und präsentierte jedesmal das Gewehr, wenn ich zu ihm trat. Als wir dann zusammen Tee tranken, er meinen geologischen Kompaß (auf persisch Kibla Nameh genannt, da man mit Hilfe des Kompasses feststellen kann, wo Mekka liegt), Feldstecher und Photoapparat bewunderte, da war es mir, als hätte ich das alles schon einmal erlebt; irgendwo und irgendwann, vor unendlich langen Zeiten. Auch damals saßen wir auf dem flachen Dache eines Karawanserai, auch damals dieselbe Umgebung, dasselbe Gespräch, dieselben Menschen. Ein seltsames Gefühl bemächtigt sich unser in solchen Sekunden; man wagt kaum zu atmen und weiß nicht, was die tiefere Bedeutung, der Sinn davon ist. Man möchte den Schleier, der soeben vor unseren Augen zerrissen, gerne weiter lüften, um Geheimnisse zu erfahren, die uns sonst verborgen sind. Aber ebenso schnell, wie der Gedanke aufblitzt, verschwindet er in ein Nichts, und die Wirklichkeit tritt wieder vor uns hin.

Nach dem Tee bestiegen wir eine der umliegenden Anhöhen, von denen aus wir eine weite Fernsicht genießen konnten. Aber ein kalter Wind blies hier und der Hauptmann sowie Mesjidi Khan, die mit mir gekommen waren, froren trotz der dicken Schafpelze, die sie trugen. »Bisjar chunuk äst, Bisjar chunuk äst« (es ist bitter kalt), sagte der Häuptling mehrmals, um mich zu bewegen, mein Zeichnen aufzugeben. Aber ich ließ mich nicht beirren, arbeitete ruhig weiter und photographierte.

24. November. Der heutige Tagesmarsch bot viel Interessantes. Wir brachen gegen 6½ Uhr auf. Ein herrlicher Sonnenaufgang! Ich war allein vorausgeeilt und hatte die anderen weit hinter mir gelassen. Feine bläulichgrüne Schleier, unendlich zart und duftig wie ein Hauch, überzogen den Himmel im Osten, und einige kleine goldene Wolken, die in ein strahlendes Rosa übergingen, schwebten über den stillen Schneegipfeln ([Abb. 22]). Ich setzte mich auf einen großen Felsblock und blickte gen Osten, wo jeden Augenblick das Tagesgestirn sein flutendes Licht über das Land ausgießen mußte. Ich verspürte nichts von der Kälte und dem Wind; das gewaltige Schauspiel der Natur hielt mich in Bann. Wenn ich nur diese Farben festhalten könnte! Sie sind so unbegreiflich, so unwirklich, so märchenhaft schön! Und immer feuriger wird das Flammenmeer des Himmels und immer mehr erglühen die Schneekuppen der Berge! Eine unendliche Sehnsucht packt mich. Festhalten möchte ich diese Bilder, möchte sie eingraben in meine Seele; denn nur flüchtig sind diese Augenblicke auf unserer Erde, flüchtig wie das Glück, das kaum uns gegeben, wieder entschwindet. Und lange, lange zehren wir von solchen Augenblicken; in düsteren Stunden des grauen Alltags, wenn alles trostlos und öde erscheint, dann treten diese Bilder wohl wieder plötzlich vor uns hin, erinnern uns an ein Glück und geben uns wieder neuen Lebensmut. Und dann kommt die Sonne und färbt die Kuppen der Berge purpurrot, läßt sie aufflammen einen nach dem anderen. Und ein Meer von Licht gießt sich über die einsame Bergwelt, weckt sie aus den kalten Armen der Nacht. Immer wieder und wieder, Tag für Tag muß ich diesen Siegeszug des Tagesgestirns bewundern, und die Sonne ist mir in diesen Jahren mein liebster Freund geworden. Sie ist für mich das Symbol des Guten und Reinen, das sich auch im Menschen immer wieder und wieder Bahn bricht und ihn zur Höhe, zum endlichen Glücke führt.

Wir befinden uns im Quellgebiet des Hilmend; hoch wandern wir über die Bergrücken und blicken hinab in die tiefen Schluchten und Täler, die sich die Flüsse in die Bergwelt gerissen haben. Und ringsherum – aus violettblauen Nebelschleiern auftauchend – reihen sich die weißen Zinnen und Zacken der hohen Berge, die das Hochplateau der Hilmendquellen einfassen ([Abb. 20]). Unter uns tost und braust der Fluß, den wir überschreiten müssen ([Abb. 26]). Steil geht es die Felsen hinab, und tief unter uns sehen wir den Steg, der den Fluß überspannt. Eng schließen sich die Felsen über uns zusammen. Sie bestehen aus den buntesten Gesteinen. Am Flußufer glitzert es wie eitel Silber von Millionen feiner Glimmerschüppchen, die dem Sande beigemengt sind und von denen das Sonnenlicht reflektiert wird. Der Fluß führt in dieser Jahreszeit wenig Wasser; aber im Frühjahr und Hochsommer sollen sich gewaltige Fluten hier hinunterwälzen; selbst in dem entfernten Robat Ser-i-Kutel soll man das Donnern und Rauschen des Flusses vernehmen können.

Wir überschreiten die Brücke und steigen dann am anderen Ufer wieder langsam auf den Plateaurand hinauf. Der Weg ist stark vereist, die Pferde gleiten und stürzen, so daß wir gezwungen sind, Sand und Steine auf das Eis zu streuen.

Es begegneten uns einige Hesarenfamilien, sonst ist das Land öde und ohne Leben. Von der Tierwelt haben wir bis jetzt eigentlich gar nichts zu sehen bekommen. Wir ziehen über das große Plateau. Langsam verrinnen die Stunden. Wir sind jetzt in einem interessanten Eruptivgebiet; rechts vom Wege fand ich einen Asbestberg, und Porphyre, Granite sowie basische Eruptivgesteine wechseln häufig miteinander ab.

Dann kommen wir in eine breite Talebene, in der das große Dorf Rah-kol liegt. Seit langer Zeit sehen wir wieder einmal ein paar Bäume. Die Häuser waren hier buchstäblich mit Schafdungfladen beklebt, die an der Sonne trocknen sollten, um später als Feuerungsmaterial verwendet zu werden.

Wir haben jetzt wieder einen herrlichen Ausblick auf die Kuh-i-Baba-Kette. Die Pferde gehen sehr langsam, und die Marschgeschwindigkeit nimmt von Tag zu Tag ab. Vor uns dehnt sich ein großes, von vielen kleinen Bächen durchschnittenes Hochplateau aus ([Abb. 24]). Mit Hilfe des Fernglases erkenne ich das Karawanserai von Badassia. Aber stundenlang müssen wir noch reiten.

Wenn man täglich so zehn Stunden im Sattel sitzt, wird man schließlich müde und gleichgültig gegen alles. Ich glaube, ich bekam es fertig, manchmal an gar nichts zu denken. Gegen vier Uhr kamen wir im Robat an, das verlassen war. Gul Mohammed war im Dorfe gewesen und hatte versucht, Lebensmittel und Brennholz zu kaufen; aber die Leute waren sehr unfreundlich und gaben nichts. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. An einigen Stellen war das Robat eingefallen, die Decken eingestürzt; dort sahen die dicken Balken heraus. Das würde ein feines Brennholz geben! Aber es war unmöglich, die Hölzer herauszuziehen oder zu zerkleinern. Uns fehlte es an Werkzeugen. Ich hatte nur meinen Geologenhammer und ein großes Taschenmesser. Nach stundenlangem Suchen und Arbeiten hatten wir endlich einige kleine Hölzer gefunden; dazu schnitt ich mit dem Messer von den größten Balken Späne ab, so daß wir wenigstens ein kleines Feuer anzünden konnten.

Mit dem Abendessen sah es auch traurig aus. Es gab trocken Brot mit Zucker. Dann gingen wir früh schlafen. Die Nacht war bitter kalt gewesen, und ein unfreundlicher Morgen mit schneidendem Wind und klingendem Frost erwartete uns. Der Mond stand noch am Himmel, und die Sterne funkelten, als die Tiere beladen wurden. Man konnte deutlich beobachten, wie der Mond sich mehr und mehr dem Horizonte zuneigte. Bald war er hinter der hohen Mauer des Robats verschwunden, und nur durch die Türöffnung fiel sein fahler Lichtschein in den Hof.

Der Sonnenaufgang bot wieder ein prächtiges Schauspiel. Vor uns war ein kleiner Paß, er war niedrig, machte uns aber viel zu schaffen. Es war eisig kalt, und obgleich wir alle zu Fuß gingen, waren wir bis ins Mark erstarrt. Unsere Lippen waren gerissen und blutig, ebenso unsere Hände.

Auf der Paßhöhe wollten wir wieder ein Feuer anzünden, aber das kärgliche Gestrüpp war so fest in den Boden gefroren, daß wir es erst mit dem Hammer herausschlagen mußten, was mit den klammen Händen nicht leicht war. Mein Geologenhammer war überhaupt zu allem gut; mehr als einmal am Tage verlangte Juma den »Chergosch«, sei es zum Zerkleinern des Hutzuckers, sei es um das Hammelfleisch mürbe zu schlagen und die Knochen herauszutrennen, sei es um einer allzu zudringlichen Katze einen Schlag damit zu versetzen!

Die Temperatur war –18 Grad Celsius. Wir freuten uns, als es bergab ging und wir im Morgensonnenschein reiten konnten. Gul Mohammed war zurückgeblieben. Dabei war es ihm geglückt, in ein paar kleinen Hesarenhütten einige Pfund prachtvoller Weintrauben aufzutreiben, die – wenn auch eiskalt und halbgefroren – trefflich mundeten. Wieder umgab uns richtige Hochgebirgslandschaft: Felsen, Schnee, Geröll; kein Grün, kaum ein Strauch war zu erblicken.

Wir reiten durch eine malerische wilde Schlucht, wo unzählige Geier hausen. Sie sitzen stumm auf den Felsen, als ob sie aus dem Stein herausgeschlagen seien; nur wenn wir mit Steinen nach ihnen werfen, fliegen sie auf und schweben mit schweren Flügelschlägen den hohen Gipfeln zu. Dann kommen wir wieder in das breite Hilmendtal, in dem viele kleine Siedelungen liegen.

Heute früh schickten wir Gul Mohammed weit voraus, um für abends schon Proviant einzukaufen. Er schwang sich auf das eine Packpferd und ritt im Galopp davon. Als wir nach einer Stunde zu ihm stießen, hatte er tatsächlich einige Hühner erstanden, die wir dem einen Packpferd aufbanden. Auch war es ihm geglückt, fünf Brote zu kaufen.

Zur Linken haben wir jetzt ganz nahe die mit Schnee bedeckten Berge des Kuh-i-Baba. Ich mache verschiedene photographische Aufnahmen und zeichne von der Hauptkette ein Panorama. Auch das Hilmendtal ist von Terrassen eingesäumt, was beweist, daß auch dieser Fluß früher viel größere Wassermengen führte ([Abb. 25]). Wohin man auch in Afghanistan kommt, überall findet man die Hinweise auf ein ehemals viel feuchteres Klima. Nur die allerhöchsten Bergketten scheinen während der Eiszeit stärker vergletschert gewesen zu sein. Sonst äußerte sich die Eiszeit in gewaltigen Niederschlägen; große Flüsse müssen das Land durchzogen und viele Seen bestanden haben. Doch dies sind Fragen, die ausführlich in meinem wissenschaftlichen Werke behandelt werden sollen.

Vor uns, südlich vom Flusse, sehen wir den Anstieg zu einem hohen Passe; eine große Kamelkarawane zieht gerade hinauf; auch wir folgen diesem Wege. Schnee, Schnee und wieder Schnee! Wir sind jetzt über 3000 Meter hoch. Kurz vor Jaokul treffen wir auf die große Straße, die von Turkestan kommend über Bamian – den Hajigakpaß – Jaokul nach Kabul geht. In dem Karawanserai von Jaokul ist daher viel Leben, und nur mit Mühe finden wir hier Platz. Die Leute hier sind überdies sehr unfreundlich und die Lebensmittelpreise hoch.

Nach einer kalten Nacht brechen wir morgens gegen fünf Uhr auf. Es ist Vollmondschein, und infolge des vielen Schnees ist es sehr hell. Der Weg vom Robat bis auf die Paßhöhe des Unai steigt langsam an; in der frischen Morgenluft bereitet das Gehen eine wahre Freude. Eine tief eingeschneite Hochgebirgswelt umgibt uns ([Abb. 23]). In einem kleinen Seitentälchen, das den Weg kreuzt, finden wir einige Gräber. Einfache Steinplatten und Felsblöcke sind aufeinandergehäuft, und an Kopf- und Fußende sind zwei hohe Steinplatten in den Boden gesteckt. Juma, der schon in früheren Zeiten durch Jaokul gereist ist, erzählt uns folgende Geschichte:

Es war in einer Winternacht, als eine große Karawane, von Turkestan kommend, in diesem Tälchen das Lager aufschlug. Die Kamele ließ man sich in Reih und Glied nebeneinanderlegen, nachdem ihnen die Lasten abgenommen waren. Wachtfeuer wurden angezündet, Tee gekocht und der Pilau zubereitet. Dann ging man schlafen. Die Karawane brachte die Staatseinnahmen von Turkestan nach Kabul, und war sogar von Soldaten begleitet. Nachts hörte man plötzlich das Getrappel von Pferden, und ehe man wußte, was los war, fiel eine starke Räuberbande über das Lager her. Es kam zu heftigen Kämpfen, in deren Verlauf die Räuber die Oberhand behielten, zahlreiche Begleiter der Staatskarawane erschossen und mit dem Raub in die Berge verschwanden. Trotz eifrigen Suchens und Nachforschens ist es nie gelungen, der Räuber habhaft zu werden.

Kurz vor der Paßhöhe sahen wir noch einen Wolf, der an einem Pferdeskelett herumzerrte, aber Reißaus nahm, sobald er uns erblickte. Tief unter uns in einem eingeschneiten Seitental glaubten wir ebenfalls zwei Wölfe zu sehen, aber als wir das Fernglas zu Hilfe nahmen, erkannten wir, daß es zwei große gelbe Hunde waren. Gerade als wir auf der Paßhöhe anlangten, ging die Sonne auf. Im Westen war der Himmel noch dunkel, und der Vollmond stand silberhell über den Bergen; im Osten aber war der Himmel hellgrüngelb gefärbt. Der Sonnenaufgang bot immer so unvergeßlich schöne Bilder, daß ich immer wieder darauf hinweisen muß. Erst wenn man von allen Fesseln der Zivilisation losgelöst ist und ganz frei die Schönheiten der Erde auf sich einwirken lassen kann, gleichsam mit der Natur eins wird, sie miterlebt, lernt man die Erde und das Leben lieben.

Mit dem Unaipasse haben wir den letzten hohen Paß auf dem Wege nach Kabul überschritten, und wir steigen jetzt hinab in tiefere, wärmere Regionen. Schon nach kurzer Zeit bemerken wir den Wechsel in der Vegetation. Wir sind in das Gebiet des oberen Kabulflusses eingetreten. Hohe Pappeln säumen den Lauf des Flusses ein, und als wir an einem kleinen Hain von 20 bis 30 dieser Bäume vorbeireiten, rufen die Afghanen begeistert: Jängäl, jängäl Wald, Wald!

Am Wege waren kleine Verkaufsbuden aufgeschlagen, in denen Tee, Brot und Früchte zu haben waren. In einem schönen Verkaufsladen oder besser einer Teestube steigen wir ab, setzen uns auf den Teppich und lassen uns Tee bringen. Die Sonne scheint ordentlich warm; es kommt uns vor, als ob wir plötzlich wieder in den Sommer versetzt sind. Gestern früh hatten wir noch fast –20 Grad, und heute will die Sonne uns verbrennen.

Als wir weiterzogen, gerieten Mesjidi Khan und Gul Mohammed in einen heftigen Streit. Wir ritten alle ganz vergnügt, als plötzlich Mesjidi Khan vom Pferde stieg und Gul Mohammed zu Boden warf. Dieser, nicht faul, griff Mesjidi Khan ans Bein, so daß er zu Fall kam, und dann kugelten sie alle beide im Schmutze herum! Unter Püffen und Schlägen, Kneifen und Beißen wurde dieser Kampf ausgefochten, bei dem schließlich Gul Mohammed dem gewandten Mesjidi Khan unterlag. Die beiden Kampfhähne warfen sich den ganzen Tag noch Schimpfworte an den Kopf.

Gegen elf Uhr passierten wir das Robat Ser-i-tscheschme, ließen es aber links liegen. Bis zum Robat Kute Eschrau ritten wir in Begleitung zweier kleiner Jungen, die zusammen auf einem Esel saßen. Sie sangen sehr hübsche Lieder und waren sehr lustig und übermütig. Manchmal ließen sie den Esel galoppieren; aber einmal wurde das kleine Grautier störrisch, und beide Jungen lagen auf der Straße und wälzten sich im Staub. Der arme Esel mußte aber diese Schandtat schwer büßen, denn er wurde dafür sehr geschlagen und mit Steinen bombardiert.

Abends wurde im Robat große Toilette gemacht; wir zogen neue Wäsche an und rasierten uns, weil wir morgen in Kabul einziehen sollten. Große Räubergeschichten wurden erzählt, und Gulam Ali bestand darauf, daß ich meinen Revolver und Mesjidi Khan sein Gewehr in Ordnung brachten. Dann gingen wir früh schlafen.

Der letzte Tagesmarsch nach Kabul! Wir erhoben uns schon früh und brachen um fünf Uhr auf. Es war wieder sehr kalt. Auf den Bergen lag nur wenig Schnee, aber wir waren auch schon mehr als tausend Meter wieder bergab gestiegen. Der Sefid-Chakpaß, den wir am Morgen überschritten, ist ebenso berüchtigt wie der Unai. Mesjidi Khan sah in jedem Entgegenkommenden einen Räuber und hielt sein Gewehr immer schußbereit in der Hand.

Langsam zogen wir durch große Blockmeere nach der Paßhöhe hinauf. Aber kein Räuber zeigte sich; nur hin und wieder begegneten uns Karawanen oder einige Hesares. Viele trugen ein langschäftiges Beil, das ihnen im Kampfe mit Wölfen als Waffe dient. Auch trafen wir einen einsamen Wanderer in zerlumpten Gewändern, der mit einem Speer bewaffnet war. Als wir dicht unter der Paßhöhe waren, sahen wir in den Felsen einige mit Flinten bewaffnete Burschen liegen; aber sie entpuppten sich als die von der Regierung hier stationierten Schutzposten, die beinahe uns für Räuber angesehen hätten.

Auf der Paßhöhe ruhten wir uns etwas aus und warteten, bis auch Gul Mohammed mit den Lasttieren kam. Wild, öde und zerrissen ist auch hier die Bergwelt, die in Schutt gehüllt ist und in der man kaum ein Fleckchen Grün zu sehen bekommt. Etwas unter uns sahen wir ein Lehmfort. Als wir dieses passierten, hielt man uns an, und wir mußten in einem großen Buche bescheinigen, daß auf dem Passe alles in Ordnung war und wir keine Begegnung mit Räubern gehabt hatten.

Je weiter wir ritten, desto lebhafter wurde der Verkehr auf der Straße. Karawane folgte auf Karawane, und wir begegneten auch zwei Arbeitselefanten. In einer kleinen Teestube zur Seite der Straße machten wir wieder Mittagsrast. Dann ging es weiter. In der Sonne war es sehr schön warm, und das Reiten machte wirklich Vergnügen.

24. Das Hilmendplateau

Gegen zwei Uhr zeigte mir Gulam Ali Babur Bagh, wo jetzt die deutsche Gesandtschaft untergebracht ist ([Abb. 39]). Vor meiner Ausreise hatte ich einige Bilder von Kabul gesehen, und ich erkannte die zwei charakteristischen Berge, deren Kämme die Ruinen der alten Befestigungen tragen. Zwischen beiden Bergen hat sich der Kabulfluß einen schluchtähnlichen Durchgang geschaffen.

25. Rast bei Fahrahkol

Kurz bevor wir die Stadt betraten, hatten wir noch das Zollwächterhaus zu passieren, und ein Zollbeamter geleitete uns durch finstere enge Winkel des Basars nach dem Zollamt, wo unser Gepäck erst einmal unter zollamtlichen Verschluß genommen wurde. Mesjidi Khan holte inzwischen einen Wagen und hatte auch ausfindig gemacht, wo meine Kameraden weilten. Schon nach einer Viertelstunde, als wir auf einer großen von hohen Bäumen eingefaßten Chaussee dahinfuhren, traf ich Blaich, der mich freudig begrüßte, und war so wieder mit meinen Kameraden vereint, von denen ich zweieinhalb Monate getrennt gewesen war.

26. In der Hilmendschlucht

Im Winter, von Dezember bis Mai, ist der Weg durch das Hesarajat, den ich in den letzten beiden Kapiteln beschrieben habe, infolge starker Schneefälle gesperrt, und alle Karawanen, die von Herat kommen, müssen dann den großen Umweg über Kandahar machen, den auch meine Freunde zurückgelegt hatten. Wie furchtbar die Strapazen einer Durchquerung des Hesarajats im Winter sind, zeigen uns am besten die Berichte des indischen Großmoguls Baber (1483–1530), die in seinen Memoiren niedergelegt sind und die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte; es heißt dort:

– – – »Von dem Augenblicke an, wo wir Lenger verließen, schneite es ständig bis nach Chekh Cheran (Gegend von Dauletjar). Je weiter wir zogen, um so tiefer wurde der Schnee. Bei Chekh Cheran reichte er den Pferden schon bis an die Knie … Zwei oder drei Tagereisen nach dieser Gegend wurde der Schnee außerordentlich tief; an vielen Stellen fanden die Pferde keinen festen Boden unter den Füßen, und es schneite immer noch … Sultan Bischâi war unser Führer. Er verlor den Weg und konnte ihn nicht wiederfinden. Am nächsten Tage war der Schnee so tief, daß wir trotz aller Anstrengungen den Weg nicht wiederfanden. Wir konnten weder vor- noch rückwärts … Eine ganze Woche lang fuhren wir fort, den Schnee niederzutreten und konnten trotzdem nicht mehr als zwei bis drei Meilen am Tage zurücklegen. Ich selbst half mit, den Schnee niederzutreten. Bei jedem Schritt sanken wir bis an die Brust ein. Da die Kraft desjenigen, der zuerst ging, nach ein paar Schritten schon erlahmte, mußte er sich bald ablösen lassen. Auf ihn folgten 10 bis 20 Mann, die den Schnee niedertraten, und darauf folgte ein unbemanntes Pferd, das bis zum Sattelgurt einsank. Hatte es 10 bis 15 Schritte gemacht, so war es total erschöpft.«

27. Blick vom Kuh-i-Asmai auf die Kabul-Ebene
(Im Hintergrunde die Paghmankette)

Nach ein paar Tagen erreichten sie dann einen Ort, namens Anjukan, und von dort aus gelangten sie an eine Höhle, Khawal genannt, am Fuße des Zirinpasses. Alle diese Orte müssen in den Gebirgen gelegen haben, die sich zwischen Akserat und Bamian ausdehnen. Es heißt dann weiter in dem Bericht:

»Die ersten Truppen erreichten Khawal noch bei Tage. Gegen Abend und noch nachts kamen immer mehr Nachzügler an, und jeder mußte dort halten, wo er gerade war. Manche mußten im Sattel den Morgen erwarten. Die Höhle war klein. Mit einer Hacke schaufelte ich den Schnee vor der Höhle fort und schuf mir so ein Lager. Ich grub mich bis zu den Achseln in den Schnee ein und erreichte den Erdboden nicht. Dieses Schneeloch gab mir etwas Schutz vor dem Winde. Einige wünschten, ich solle in die Höhle gehen, aber ich wollte nicht. Ich fühlte, daß es unvereinbar wäre mit dem, was ich ihnen schuldete, wenn ich in einem warmen Raume bequem untergebracht sein sollte, während meine Soldaten inmitten von Schnee und Sturm sich draußen befanden. Es war nur gerecht, daß ich alle Leiden und Beschwerden, denen sie unterworfen waren, mit ihnen teilte. Es gibt ein persisches Sprichwort, das lautet: ›Tod in Gesellschaft guter Freunde ist ein Fest!‹ Daher blieb ich bis zum Nachtgebet im Schneetreiben sitzen; der Schnee fiel so dicht, daß bald Kopf, Lippen und Ohren zehn Zentimeter dick mit Schnee bedeckt waren. In dieser Nacht zog ich mir ein schweres Ohrenleiden zu.«

Gerade zur Zeit des Nachtgebets hatte eine Gruppe seiner Leute ausfindig gemacht, daß die Höhle groß genug war, um alle Mann aufzunehmen.

Diese Schilderung gibt uns ein anschauliches Bild von den Gefahren, die den Reisenden im tiefen Winter auf dieser Straße erwarten.

VII
KABUL

Kabul, die Hauptstadt Afghanistans und Residenz des Emir, liegt in einer großen, fruchtbaren Ebene, die von einem Kranze hoher Berge eingefaßt ist ([Abb. 27]). Kommt man von Westen – von Herat –, so sieht man die Stadt erst im letzten Augenblick, da die zwei Bergrücken, der Kuh-i-Asmai und der mit den Ruinen der Bala Hissar gekrönte Scher Derwase-Berg, die Aussicht auf das Stadtbild sperren.

Obgleich Kabul sicher schon in ältesten Zeiten besiedelt war, finden wir keine Bauten aus alter Zeit; wir vermissen die schönen, mit blauen Kacheln belegten Minarette und Kuppelbauten, wie wir sie in Herat sahen. Ganz Kabul ist ein graues Lehmhäusermeer, aus dem einige mehr in europäischem Stil gebaute Häuser das eintönige Graubraun der Lehmwände unterbrechen ([Abb. 30]). Es gibt schöne, breite Straßen, die von Pappeln und Maulbeerbäumen eingefaßt sind, aber auch düstere enge Gassen, die selbst am hellen Tage so dunkel sind, daß man dort nur langsam gehen kann und ständig aufpassen muß, daß man nicht mit dem Fuß in ein Loch oder eine Grube gerät. Malerische Partien gibt es auch am Kabulfluß, der die Stadt durchschneidet und an dessen Ufer schöne Promenadenwege sich hinziehen.

Die großen Straßen werden sowohl vor Sonnenaufgang wie kurz vor Sonnenuntergang besprengt. Zu beiden Seiten der Wege ziehen sich Gräben hin, deren Wasser dann einfach auf die Straße herausgeschaufelt wird. Waren die Leute gerade mit dieser Arbeit beschäftigt, so mußte man stets aufpassen, daß man keine Dusche bekam; denn trotz des großen Verkehrs ließen sie sich nie in ihrer Tätigkeit stören.

Die Häuser sind meistens zweistöckig und im Grundriß viereckig gebaut. Sie haben aber allgemein nur einen Eingang, der durch schwere Holztüren, meistens Doppeltüren, verschlossen werden kann. Richtige Schlösser kennen die Afghanen nicht; an den Innenseiten der Türen sind meistenteils schwere Ketten angebracht, die man beim Verschließen der Tür über einen Haken hängt, der an der Innenseite der anderen Tür befestigt ist. Auch die Zimmertüren werden so geschlossen; nur legt man, wenn man das Zimmer von außen verschließt, ein Vorhängeschloß an die Kette.

Der Innenhof, durch den oft ein kleiner Wasserarm fließt und den manchmal ein Blumengarten ziert, wird also von vier Mauern eingefaßt, und fast alle Zimmer des Hauses haben ihre Fenster dem Hofe zugekehrt. Meistenteils führen drei oder vier verschiedene Treppen von diesem aus ins Haus nach den betreffenden großen Wohnräumen. Diese sind aber selten untereinander verbunden, und wenn man von einem Zimmer ins andere wollte, mußte man stets erst wieder den Hof betreten und eine andere Treppe hinaufgehen. Daher sind die Häuser sehr kompliziert gebaut, und ich habe wohl nie so viel Treppen steigen müssen wie in Kabul. Die zwei beigefügten Skizzen geben ein besseres Bild von der Bauart der Kabuler Häuser als viele Beschreibungen.

Im Sommer hielten wir uns abends immer auf dem flachen Dache auf, wo es kühler und nicht so stickig war wie in den Räumen im Erdgeschoß.

Die Häuser sind durchweg aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln gebaut, die durch Holzfachwerk zusammengehalten werden. Ist das Grundgerüst fertig, so werden die Wände mit »Gil«, d. h. mit Lehm, dem feingeschnittenes Stroh beigemengt wird, überlegt und dadurch alle noch vorhandenen Öffnungen geschlossen. Bei älteren Häusern findet man oft sehr schön geschnitzte Fenster. Viele Häuser haben nach der Straße zu kleine Balkons, von denen aus man dem bunten Treiben zusehen kann ([Abb. 34]).

Später, wenn der Gilbelag getrocknet ist, werden die Wände weiß getüncht. Die Decken werden meist aus Matten hergestellt, die man über die Querpfosten legt. Dann wird eine dicke Schicht Lehm darüber ausgebreitet, und das Dach ist fertig. Im Winter, wenn der Schnee taut und der Gil durchweicht ist, dringt das Wasser natürlich auch durch die Matten, die ebenfalls durchnäßt werden, und es konnte passieren, daß einem von der Decke ein Klumpen Lehm auf den Kopf fiel. Als wir im Winter diese Erfahrungen gemacht hatten, entschlossen wir uns, eine noch dickere Lehmschicht auf das Dach zu legen. Diese Arbeit ging schnell vor sich.

Vor unserem Hause wurde einfach eine große Grube gegraben, von dem nächsten Graben etwas Wasser hineingeleitet, bis ein dicker Schlammsee sich gebildet hatte. 5 bis 6 Mann stiegen dann in die Lehmsuppe und schaufelten das Erdreich um. Darauf wurde der Lehm in Eimer geschüttet, die mit Stricken aufs Dach gezogen und dort einfach ausgeleert wurden.

Ein Gang durch den Basar zeigt uns am besten das Leben in Kabul. Den ersten Eindruck erhielt ich, als ich von Herat kommend, auf meinem Wasiri durch die engen Gassen getragen wurde. Das Bild war sinnverwirrend, und es dauerte lange Zeit, ehe ich mich in dem Gewirr der Gassen und Straßen Kabuls zurecht fand. An den meisten Stellen sind die Straßen durch einfaches Holzfachwerk überdeckt, über das Matten gelegt sind. Das Ganze gibt ein Bild, wie es unsere Jahrmärkte bieten. Verkaufsstand reiht sich an Verkaufsstand. Aber die Kaufleute stehen nicht hinter den Ladentischen, sondern hocken mit untergeschlagenen Beinen in ihren Ständen. Viele, die sich keinen Laden leisten können, sitzen an den Straßenecken und bieten dort ihre Waren an: Streichhölzer, Brot, kleine Kuchen und Obst ([Abb. 35]). Stets war das Gedränge sehr groß, und paßte man nicht auf, so wurde man sicher angerannt, denn Ausweichen vor Europäern kennen nur wenige Afghanen. Und inmitten der Menschenmenge trippeln Esel, mit Holz, Backsteinen oder Häcksel beladen, ziehen Kamelkarawanen langsamen Schrittes dahin, oder bahnen sich Reiter herrisch den Weg. Ständig schwirren die Rufe: »Chaberdar, chaberdar!« Vorsicht, Achtung! durch die Luft oder das »Paiseh bideh, Paiseh bideh!« der Bettler ([Abb. 32]).

Wollte man etwas kaufen, so mußte man lange handeln. Während die Inder für ihre Ware Reklame machen und den Vorübergehenden anrufen, sitzen die Afghanen ruhig in ihren Ständen, trinken Tee und rauchen die Wasserpfeife. Manchmal sah es fast so aus, als ob ihnen Kundenbesuch gar nicht genehm wäre; wurden sie doch dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem beschaulichen Dasein gestört.

Hatte man die Absicht etwas zu kaufen, so bot man den dritten Teil der Summe, die der Händler verlangte. Dann schüttelte dieser wohl den Kopf und legte das betreffende Stück wieder fort. Man verabschiedete sich und ging; aber kaum war man ein paar Schritte fort, so wurde man zurückgerufen. Dann begann das Handeln von neuem. Der Händler bot zwei Drittel der zuerst genannten Summe, und man gab ebenfalls etwas zu. Eine Einigung kam aber meistens auch dann noch nicht zustande. Kam man zum zweiten Male, so wußte der Händler schon ganz genau, was man wollte; holte das Stück hervor, und wieder begann das Handeln und Feilschen. Manchmal lud er einen auch zum Tee in seinen Verkaufsstand ein, wo man sich ebenfalls am Boden hinhockte und in aller Gemütlichkeit sich gegenseitig Komplimente machte und so lange handelte, bis man das gewünschte Stück zum halben Preise erstand. Nur ganz wenige Händler gab es, die feste Preise hatten.

Wollte man Geld wechseln, so besuchte man ebenfalls einen Geldwechsler nach dem anderen. Sie haben ihre Stände im Zentrum des Basars. Sobald sie sahen, daß man Geld wechseln wollte, riefen sie einen an, denn jeder wollte das Geschäft machen. Hier konnte man auch manchmal alte griechisch-baktrische Münzen erstehen; aber sie waren meistens schlecht erhalten und stark abgegriffen.

28. Deh-i-Afghanan in Kabul

Einige Verkaufsstände waren richtige kleine Warenhäuser, in denen man alle möglichen europäischen Waren erhalten konnte; von Zahnbürsten und Chlorodont angefangen bis zu französischen Parfüms, Eismaschinen und kleinen Harmoniums. Jedes Handwerk und Gewerbe hat seinen bestimmten Bezirk. Da sind 6 bis 8 Verkaufsstände nebeneinander, in denen die Kupferschmiede ihrer Arbeit nachgehen und hübsche Teller und Schüsseln herstellten. Hier herrschte immer ein ohrenbetäubender Lärm, so daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Gegenüber sitzen die Sattler und weiter nach dem Zentrum des Basars zu die Tuch- und Teppichhändler. Aber nur selten fand man hier ein wirklich schönes, preiswertes Stück, wie zum Beispiel feine zierliche Mauris mit ihren bunten Mustern und tiefblaurote Heratis, die oft einen so feinen weichen Glanz haben.

Bunt sah es bei den Färbern aus; da standen die großen Bottiche mit den tiefgrünen, roten oder blauen Lösungen, und hoch über der Straße waren Stricke gespannt, an denen die frischgefärbten Tücher im Winde flatterten.

29. An Kabulfluß