Anmerkungen zur Transkription
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Kleine
Romanenbibliothek
von und für Damen.
Vierte Lieferung.
Natalie.
von
Fanny Tarnow.
Berlin,
bei Ferdinand Dümmler,
1815.
Natalie.
Ein Beitrag
zur
Geschichte des weiblichen Herzens
von
Fanny.
Schwölle Lethe auf zu Ozeanen,
Unterging’ in ihr die Liebe nicht.
E. M. Arndt.
Berlin,
bei Julius Eduard Hitzig.
1811.
Erster Abschnitt.
Mit ungehemmten Flügeln dringen
Wir jung, als Adler in die Luft —
Doch jeder Tag kürzt uns die Schwingen
Und endlich sinken wir gelähmt zur Gruft.
E. M. Arndt.
Natalie war die älteste Tochter des Geheimenraths Alberti, der, in einer ziemlich ansehnlichen Provinzstadt Deutschlands, von seinen Zinsen lebte, und ein großes Haus ausmachte. Schon sehr früh kam in das tief empfindende, und fast unauslöschlich bewahrende Gemüth des Kindes der erste Mißlaut, der greller und greller darin forttönte, bis Nataliens ganzes Wesen verstimmt war. Der Vater liebte das Kind außerordentlich; aber die Kleine wandte sich mit unerklärbarer Scheu von ihm. Er durfte sich ihr nicht nähern, als sie noch auf dem Arm der Amme ihr verstandloses, nur vom Instinkt geleitetes Leben führte, ohne daß sie ihm den lebhaftesten Widerwillen zeigte. Erbittert darüber wollte er ihre Neigung erzwingen und ihr — wie viele Thränen und Flüche erzeugte nicht schon dieser, noch bei vielen Eltern geltende Begriff! — den Sinn brechen. Die Ruthe wurde die Zuchtmeisterin Nataliens, so oft sie bei seinen Liebkosungen weinte, und die Wirkung entsprach natürlich dem gewählten Mittel: die Abneigung der Kleinen wurzelte tiefer, und als er sie einst in ihrem dritten Jahre zwang, bei Tisch neben ihm zu sitzen, und bei hundert kleinen Possen, die sie auf sein Geheiß vornehmen mußte, freundlich zu bleiben, erlag die zarte Natur dem unzart angestrengten Geiste, und sie brachte den Rest des Tages in Verzuckungen und Krämpfen hin. Die Mutter, äußerst duldsam und nachgebend, konnte nur von ihrer so schmerzlich aufgeregten Mutterliebe den Muth erhalten, ihrem Gatten Vorwürfe zu machen, die vielleicht jetzt, nach so oft und so lange unterdrücktem Gefühl, zu unfreundlich wurden. Dies, und die eigne unangenehme Empfindung, mit der er, an Nataliens Wiege, den Konvulsionen zusah, die ihren Lebensfaden zu zerreißen drohten, wirkten wie oft im ähnlichen Fall. Das Bewußtseyn des eignen Unrechts wurde Bitterkeit gegen die arme kleine Natalie, die er aus seinem Herzen verstieß. Ihren Platz nahm ein später geborner Knabe ein, dem alle Liebkosungen, alle Vorzüge des Lieblings zu Theil wurden, während Nataliens ungewöhnlich früh sich entwickelnder Geist den Druck unverdienter Strenge und Härte erleiden mußte. Die Mutter suchte ihr dies heimlich und verstohlen durch innigere Liebe zu ersetzen, ob sie gleich in Gegenwart ihres Mannes das Kind kaum zu beachten schien. Unbeschreiblich tief wurde das junge Gemüth hiervon ergriffen, und der trübe Anklang, den es in Natalien weckte, tönte durch ihr ganzes Leben fort.
In ihrem vierten Jahre wurde sie zu einer alten Demoiselle in die Schule geschickt, die keine andre Hülfsmittel des Unterrichts kannte, als die Fibel und Luthers Catechismus. Die Bequemlichkeit der Mutter, die es lästig fand, das Kind zu Hause zu beschäftigen und zu hüten, und keine Ahndung davon hatte, daß es auch in der Schule schlecht aufgehoben seyn könne, spannte die Kleine in dies Joch. Trotz der erbärmlichen Anweisung, lernte sie in acht Wochen fertig lesen, und diente nun der pädagogischen Eitelkeit der Erzieherin zum Spielwerk. Aber so wie die Leidenschaftlichkeit ihres Gemüthes, durch das Gefühl unverdienter Härte und unschuldig erduldeten Wehes im elterlichen Hause, aufgeregt wurde: so ward jetzt in der Schule ihre Phantasie zu einer noch verderblichern Thätigkeit gereizt. Von den sechs Stunden, die sie täglich in einem kleinen, engen Zimmer zubringen mußte, war nur eine dem Hersagen ihrer Lektion und dem Lesen ihrer Blattseite bestimmt. Die übrige Zeit mußte sie unthätig und still sitzend, mit der Fibel in der Hand, zubringen. Nur das rege Spiel ihrer Phantasie vermochte diese Stunden auszufüllen, und zu diesem Nachtheil gesellte sich später noch der des vielen Auswendiglernens von Gesängen und Sprüchen, welches, da sie dem Gelernten keinen Sinn geben konnte, ihrem Gedächtniß die gefährliche Fähigkeit erwarb, auch unbegriffen zu fassen und zu bewahren.
Unter diesen Umgebungen wurde der sanften Psyche bald die Mondscheindämmerung der ersten, süßen Kindlichkeit entrissen, ein Verlust für das innre Leben, der auch der Matrone noch fühlbar bleiben muß. Natalie erfuhr in diesem Zeitpunkt, als Grund der Abneigung ihres Vaters ihre frühere Antipathie gegen ihn, und diese Unnatur legte sich wie eine Schuld auf die junge Seele. Sie glaubte, nun seine Härte zu verdienen, und duldete sie mit sanfter Ergebung, die aus der Innigkeit hervorging, mit der sie sich seit dieser Entdeckung an den Vater hing. Aber eben diese Liebe machte sie gegen sein hartes Zurücktreten doppelt empfindlich. Oft fiel sie in einem einsamen Moment ihrer Mutter, die sie unaussprechlich liebte, weinend um den Hals. Diese verstand sie nicht, ließ dies unbemerkt hingehen, oder nannte ihr Weinen wohl gar Unart. Viel Güte mußte aber die Natur in Nataliens Herz gelegt haben, weil sie, so von allen Seiten gepreßt, doch unverstockt und weich, und sogar gegen den vorgezognen Bruder, dem sie ein willenloses Spielwerk seiner Unarten seyn mußte, liebevoll blieb. Nur eine sonderbare Verschlossenheit, und eine für ihr Alter ungewöhnliche Tiefe und Leidenschaftlichkeit der Empfindung kam in sie.
So ward sie sechs Jahr.
Eines Tages wurde sie wegen einer zerrissenen Schürze von ihrer Mutter bestraft. Der Vater trat unerwartet ins Zimmer, und, ohne sich nach der Ursache zu erkundigen, entriß er der Mutter die Ruthe, und schlug unbarmherzig auf das zu seinen Füßen nur noch winselnde Kind los. Empört fiel ihm die Mutter in den Arm und während er sich von ihr loszumachen, und sie aus dem Zimmer zu drängen strebte, floh die arme Natalie zum Fenster — und stürzte sich, vor den Augen der Eltern, aus dem zweiten Stock des hohen Hauses, auf die Gasse hinab.
Ein Wunder erhielt sie unbeschädigt, aber die feineren Lebenstheile hatten durch die heftige Erschütterung gelitten und sie fiel in eine lange, gefährliche Nervenkrankheit. Ihr Vater schwur der Mutter, Natalien nie wieder zu züchtigen und ihr die Erziehung derselben allein zu überlassen; allein mit diesem Schwur war ihr auch der Vater ganz verloren. Nie vergab er ihr die Empfindung, mit der er sie für todt von der Straße aufgenommen und der Mutter entgegengebracht hatte.
Noch vor Weihnachten warf sie jene Krankheit nieder, und als sie zum erstenmal wieder von ihrer Mutter, die sie mit der treuesten Zärtlichkeit pflegte, an die Luft getragen wurde, standen die Pfirsichbäume des Gartens hinter dem elterlichen Hause in voller Blüthe, und die Sonne lächelte das kleine Wesen aus dem blauen wolkenlosen Frühlingshimmel freundlich und erquickend an. Nie vergaß Natalie dieser Stunde. —
Kann aber der Mensch hienieden schon getröstet und freundlich einig mit dem Leben werden, wenn er als Kind solche Thränen weint? — Natalie wenigstens ward es nie. —
Sie genas; aber eine große Nervenschwäche blieb ihr zurück, und von der Schönheit, welche sie, vor dieser Krankheit, unter allen Kindern der Stadt auszeichnete, sah man keine Spur mehr. Lange noch mußte sie aus Schwäche auf Krücken gehen und über ein halbes Jahr blieb sie völlig taub. So, von jeder Freude, jedem Spiel der Kindheit geschieden, öffnete sich ihr in der Lectüre eine neue Quelle des Genusses. Ihre Eltern lebten rauschend gesellig, sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause und waren noch öfter abwesend. Die Mutter konnte, wenn sie auch gewollt hätte, diese Lebensweise nicht ändern, und da Natalie nicht auf dem gemeinschaftlichen Kinderzimmer bleiben konnte, räumte man ihr ein kleines Stübchen ein, dessen Fenster auf einen nur sechs Ellen großen Hof gingen, gab ihr ein eignes, altes, treues Mädchen zur Pflegerin und überließ sie so sich selbst. Ihren Vater sah sie in diesem kleinen Stübchen nie; ihre Mutter alle Tage mehreremale, aber außer ihrem Arzt weiter keinen Menschen. Ach, die gute Mutter brachte ihr fast täglich etwas, woran sie sich freuen sollte, und das leidende Kind war ihrem Herzen näher denn je. Das einzige, was Natalie liebte und forderte, waren Bücher. Sie erhielt deren, so viel sie wollte, aus einer Leihbibliothek, und keiner bekümmerte sich darum, was sie las.
Unersättlich gab sie sich diesem Genuß hin, der ihr eine Welt neuer Bilder zuführte, und in dieses so reizbare, so unnatürlich aufgeregte und verletzte Gemüth zogen nun die Heroenbilder der griechischen und römischen Welt ein. Ihr Inneres erhob sich in der Begeisterung für diese Gestalten, die ihr nicht fremdartig erschienen; aber sie lernte sie nicht aus Schriften kennen, die für ihr Alter berechnet waren, und so traten die Gräuel entarteter Menschheit, Laster und Verbrechen in einem Zeitpunkte vor sie hin, wo der jugendlichen Seele noch alles als reizende Dichtung erscheinen soll, aus der sich dann später die Blüthe des Ideals entwickelt. Für Natalien hatte das Ideale dieser Heroengestalten der Vorwelt auch noch den Nachtheil, daß es ihren Sinn für einfache Güte und schimmerlose Tugend schwächte und sie später oft verleitete, Extravaganz mit Größe, Ungewöhnlichkeit mit Originalität zu verwechseln. Alle ihre Gedanken und Empfindungen nahmen eine hohe, stolze, begeisterte Gestalt an, weil sie glaubte, nur so könne und müsse die Tugend sich äußern.
Nach ihrer gänzlichen Wiederherstellung sandte man sie in eine französische Schule. Auch hier ward Prunk mit ihr getrieben, da sie schon nach Verlauf von vierzehn Tagen richtig las, und ihre Mutter erfuhr nun, daß Natalie ausgezeichnete Geistesanlagen habe. Eifrig sorgte sie jetzt für Lehrer aller Art, und zweifelte keinesweges, daß sie ihrer Tochter nicht allein eine glänzende, sondern auch eine Erziehung gebe, die, nach ihrer Ansicht, nichts zu wünschen übrig ließ.
Auch jetzt in der Schule blieb Natalie sehr einsam. Alles, was sie umgab, drängte sie mehr in sich selbst zurück, und sie versank so in die innre Welt ihrer dämmernden Phantasieen und Träume, daß die Erscheinungen der äußern unbeachtet an ihr vorüber glitten. Alle ihre Freistunden füllte Lektüre aus, und ihr Kopf wurde ein wahres Chaos von dichterischen Ideen und einzelnen wissenschaftlichen Notizen. Ihr Gedächtniß faßte ungeheuer viel, und bei allem, was sie las, dachte sie an ihr künftiges Leben und suchte es darin zu verweben. So war sie nur noch an Jahren Kind, aber ihrer Phantasie, ihrem Herzen, ihrem Gemüthe nach, ein sechzehnjähriges, tieffühlendes Mädchen. Schwärmerische Religiosität und eine stille elegische Wehmuth waren die Grundtöne ihres Wesens, mit denen eine trübe, namenlose Sehnsucht innig verschwistert war. Die vielen Romane die sie las, vorzüglich Lafontaines Werke, die sie in diesem Zeitpunkt allen andern vorzog, machten sie frühe mit dem Glück und mit der Gewalt der Liebe bekannt, und der tägliche Besuch des Schauspiels vermehrte noch das Unheil, das ihr unausbleiblich aus dieser vorzeitigen Kenntniß erwachsen mußte. Einzig in den Träumen ihrer Phantasie lebend, entfremdete sie sich ganz der Wirklichkeit, und bald gelang es dieser Zauberin, ihr eignes Leben, das drückende Verhältniß zu ihrem Vater, die verstohlne Liebe der Mutter, mit einem Kolorit auszuschmücken, dessen Reiz ihr Ersatz für die Bitterkeit desselben wurde. So verlor sie schon als Kind die Wahrheit der ersten Gefühle an leere Phantasieen, die sie auf die Gränzlinie führten, wo ein dichterisches Leben sich von der Wahrheit scheidet, mit der es vereint bleiben muß.
Ihr Vater nannte sie seit jenem Sprung aus dem Fenster nie wieder Tochter — nie hörte sie seit jenem Tage ein freundliches Wort von ihm; kaum seine Hand durfte sie küssend berühren, und noch nie hatte sie erfahren, wie es sich in Vaterarmen und an einem Vaterherzen ruhen lasse. Bei Tische nur sah sie den ihr allein Unfreundlichen, der gegen seinen Sohn und die kleine Elise, ihre Schwester, der liebevollste Vater war. Alle ihre Bedürfnisse erhielt sie aus der Hand ihrer Mutter, und wenn der Vater Spielzeug oder Näschereien kaufte, war Natalie nie mit in der Austheilung begriffen. Sie war ausgestoßen aus dem Kreise seiner Kinder, und ihr Herz wurde unter dem Schmerz dieses Gefühls so weich, daß alles sie verletzte. Sie glaubte sich von keinem geliebt; selbst die Zärtlichkeit ihrer Mutter schien ihr nur Mitleid, und der Glaube an Menschenherz, den Kinder so rein und ungetheilt haben, war ihr fremd. Die Furcht, zurückgestoßen zu werden, machte ihr jede Annäherung unmöglich, und ihr schüchternes, oft für Einfalt gehaltenes Wesen, ihr gänzlicher Mangel an Kindlichkeit und an jugendlicher Lebhaftigkeit, zog auch nicht zu ihr hin. Aber wo ihr ein Laut der Liebe, eine Miene milden Wohlwollens entgegen kam, da hing sie sich denn auch, fast immer unerrathen von dem Gegenstande, mit unaussprechlicher, leidenschaftlicher Innigkeit an. Diese fand sie nie erwiedert, und so grub sich das schmerzliche Gefühl des Allein- und Verlassenseyns immer tiefer in das jugendliche, verstimmte Gemüth, das keinen andern Trost hatte, als sich in seiner eignen Tiefe immer heißer zu schmerzlichen Gefühlen aufzureizen.
Aber auch im äußern Leben ward sie nur zu oft unzart angefochten. Ein Beispiel davon werde aus vielen hier angeführt.
Ihr Vater kaufte ein nur wenige Meilen von seinem Wohnorte gelegenes Gut. Es wurde verpachtet, doch mit dem Vorbehalt, daß die Familie jeden Sommer einen Monat dort leben wolle. Natalie liebte, wie fast alle jungen Leute, das Landleben, das sie bis dahin nur aus Dichtern kannte, und der erste in P.... verlebte Monat wurde der glücklichste ihres Lebens. Das Gut hatte eine sehr angenehme Lage am Ufer eines mit Holz bekränzten Sees, und dieser Aufenthalt wurde für Natalien zur Quelle eines ihr ganz neuen Genusses, der ihr Herz mehr befriedigte, sie stiller und in sich heitrer machte, als Alles, was ihr bis dahin geboten war. Weinend schlich sie am Morgen der Abreise im Garten umher und küßte verstohlen die Blätter und Blumen der Gänge und Lauben zum Abschied. Mit jedem Monat wurde in der Stadt das Bild der zu P.... verlebten Zeiten in ihrer Seele heller und mit froher Sehnsucht erwartete sie im folgenden Jahre die Reise dorthin. Der Sommer kam und mit der ersten kindlich frohen Empfindung ihres Lebens hörte sie den Tag zur Abreise bestimmen und sah die Koffer packen. Der Wagen fuhr vor — alle waren schon eingestiegen; nur Natalie stand noch am Schlage, als der Vater ganz unerwartet das harte Wort sprach: sie soll nicht mit! Ins Auge der Mutter stieg eine Thräne. Natalie fühlte sich durch diesen despotischen Befehl ängstlich beklemmt — ohne jene Thräne der Mutter wäre ihr Herz daran versteinert. — Jetzt trat sie mit der unbeweglichen Miene, die ihr den Augen des Vaters gegenüber, die lange Uebung, ihre Gefühle zu verschleiern, gegeben hatte, nur näher, um mit stummer Unterwürfigkeit seine Hand zum Abschied zu küssen. Doch als sie sich nun zur Mutter wandte und in ihrer innigen, wehmüthigen Umarmung fühlte, wie weh dem Mutterherzen war, wurden ihre Augen naß — schnell rollte der Wagen fort und Natalie blieb von der ganzen Familie allein zurück. — O wie schwer legte sich das eiserne Gewicht dieses grausamen Wortes auf ihr Herz! — Ihr Gefühl war zu bitter für Thränen, und das mitleidige Bedauern der Dienstboten verhärtete sie noch mehr, weil sie sich dadurch gedemüthigt fühlte. Als ihre Mutter ihr aber am folgenden Tag durch einen Boten ihre mit eingepackten Kleider und zugleich Geld zu einem Dutzend Comödienbillets sandte, erweichte sie dies Zeichen der Liebe und der Theilnahme, und sie weinte viel. Die gute Mutter that noch mehr; zu klug, um Natalien offne Mißbilligung des väterlichen Betragens zu zeigen, schrieb sie an eine ihrer Freundinnen und bat sie, sich der Kleinen während ihrer Abwesenheit anzunehmen. Diese kam und fand Natalien in dem einsamsten, verstecktesten Winkel des Hauses, still weinend. Vor dem Anblick der fremden Gestalt stockten Nataliens Thränen, — aber der milde, tröstende Ton der fremden Stimme zersprengte die Hülle der tiefen Verschlossenheit, die gewöhnlich das wunde Herz der armen Kleinen deckte, und sie weinte sich an den fremden, theilnehmenden Herzen recht sanft aus. Aber keine Klage, kein Vorwurf kam über ihre Lippen — sie hatte nur Thränen, die aber noch lange noch viele Jahre nachher, schmerzend bei dieser Erinnerung flossen.
Das erste Wiedersehn der Mutter und Tochter, bei der Rückkehr vom Lande, war rührend. Die Ungerechtigkeit des Vaters, und das monatlange Entbehren des geliebten Kindes, machten die Mutter muthiger, ihre Liebe für Natalien zu zeigen, deren dankbares Herz dieser erhöheten Zärtlichkeit einen Werth gab, der ihre eigne Liebe zur heißesten Schwärmerei erhob. Auch ihre Schwester Elise wurde ihr immer theurer. Sie trennte sich wenig von ihr, und ob gleich sie selbst nie mit einer Puppe gespielt hatte, nähte sie doch jetzt häufig und viel für die Puppe der Schwester. Dabei lehrte sie sie lesen und erzählte ihr Geschichten, die sie für das Alter der Schwester artig und faßlich einzukleiden wußte. Auch war ihr die Kleine fast ganz übergeben, und Mutter und Wärterin ruhig, wenn sie sie unter ihrer Aufsicht wußten.
Bis zum eilften Jahr rang Natalie noch mit der von ihrer Krankheit zurückgebliebenen Nervenschwäche; aber da entfaltete sich ihr bis dahin verspäteter Wuchs so schnell, daß sie in Jahresfrist ihre, das Mittlere übersteigende, Größe erhielt. Man glaubte sie nun nicht länger wie ein Kind ansehn und behandeln zu dürfen, und ihre Mutter beschloß, sie confirmiren zu lassen, wodurch sie nach der noch bestehenden Sitte ihrer Vaterstadt, gesellschaftsfähig wurde, da bis zu diesem Zeitpunkt die jungen Mädchen strenge von allen öffentlichen Vergnügungen und großen Gesellschaften ausgeschlossen sind. Natalie ward also dem Prediger vorgestellt, dessen Religionsunterricht sie, gemeinschaftlich mit den andern Catechumenen, einen Winter lang besuchen sollte. Der religiöse Anklang ihres Innern hoffte hier Nahrung zu finden, und fand sie. Was ihr gepredigt ward, war streng orthodoxe Glaubenslehre, deren Mystizismus Natalie aber wie Poesie ergriff. Von dieser Seite war sie noch unangefochten, unschuldig und selig wie ein Kind. Auch lag eine religiös-moralische Tendenz tief in ihrem Gemüthe. Sehr früh fing sie an, sich zu beobachten, zu prüfen und nach dem Einen, was ihr Noth schien, zu streben. Mystik und Glaube waren so durch alle Adern ihres Gemüths gegangen, daß man sie nicht von diesem lösen konnte, ohne es unheilbar zu verwunden, und auch hier trat jetzt ein feindseliges Wesen zu ihr, und führte sie aus den Blumengefilden ihres lebendigen Glaubens in die Wüste einer todten Speculation. Diese Religionsstunden besuchte mit Natalien die Tochter eines sehr angesehenen Kaufmanns, Emma Busch. Die beiden Mädchen kannten sich bis zu diesem Zeitpunkt wenig, kamen sich aber jetzt näher, und Natalie, deren Weg zum Hause des Predigers bei Emmas Wohnung vorbei führte, holte diese gewöhnlich ab. Hier lernte Emmas Vater sie kennen. Dieser, ein Spötter alles Heiligen und Schönen und der Apostel einer Lehre, die alles frech verlacht, was die Farbe eines tieferen und seligeren Lebens trägt, fand Natalien mit ihrem sinn- und geistvollen Blick und ihrem, zu ihrem Alter so wenig passenden, trüben Ernst, so auffallend, daß er sich ihr näherte. Emma theilte ihm einige Aufsätze mit, worin Natalie niedergelegt hatte, was sie von den Lehren des Predigers in ihrem Herzen bewahrte, und er fand in ihnen eine so feste Zuversicht des Unsichtbaren, ein so sehnsuchtvolles Ergreifen des Ueberirdischen, eine so liebevolle Schwärmerei für jedes Gebot der Glaubenspflicht, daß es ihm der Mühe werth erschien, den Geist und das Herz, dem sie entflossen, näher kennen zu lernen. Emma bat jetzt, von ihm geleitet, Natalien häufig zu sich; der Vater gesellte sich oft auf dem einsamen Zimmer der Tochter zu ihnen und fand Mittel, Natalien zum Reden zu bringen. Ihre Religiosität hatte sie ihm in einem fast lächerlichen Lichte gezeigt und nur die Sonderbarkeit der Erscheinung ihn angezogen. Jetzt lernte er ihren Geist und die mannigfaltigen Kenntnisse, die sie so spielend eingesammelt hatte, daß sie selbst sie für höchst unbedeutend hielt, achten, und bedauerte, daß diese nur für den Aberglauben wuchern sollten. Großmüthig beschloß er, sie aufzuklären und sie für sein System und seine Philosophie des Lebensgenusses anzuwerben.
Der Spott, mit dem er jetzt das Heiligste angriff, das gutmüthige Bedauern, daß sie mit ihrem, hellerer, höherer Erkenntniß so fähigen Geiste, auf einer Bahn wandle, wo sie nur den Pöbel der Geisterwelt zu Gefährten habe; die Zuversicht, mit der er behauptete, sie werde sich früher oder später von dieser geistigen Unmündigkeit lossprechen und sich den denkenden Menschen aller Nationen zugesellen, die es ja einstimmig schimpflich fänden, zu glauben, wo die Vernunft zu wissen fordre, erregten bald in Nataliens Gemüth — dessen Selbstständigkeit noch nie der Beifall eines geachteten Menschen weckte — eine Zwietracht, die Busch künstlich nährte und immer giftiger machte. Eine leise warnende Stimme trieb sie von ihm hinweg; aber sein Witz, sein glänzender Geist, und die Anerkennung des ihren, die er zuerst ihr zeigte, zogen sie immer wieder zu ihm, der ihr jene warnende Stimme bald als Stimme des Vorurtheils verdächtig zu machen wußte. Frech zerriß er den Isisschleier, der das Heiligste im Menschen, die Mystik, deckt — wie eine Leiche zergliederte er ihr ihren frommen Wahn und vertröstete sie, bei ihren bangen Zweifeln und Klagen, bei ihrem Ringen nach Wahrheit, immer auf das helle Sonnenlicht, das dieser Nacht, in die er sie hinabstieß, folgen sollte.
Lange und schmerzlich kämpfte sie gegen diese neue Lehre; aber allmählig erkaltete ihr Herz gegen das Wesen, das nur noch in ihrem Begriffe wohnen sollte, und gefühllos seelig blieb, wenn die Kreatur hienieden verging in unnennbarem Schmerz. Sie erlaubte sich jetzt ein System, dem der edle Ernst einer strengen Pflichterfüllung einwohnte; aber mit dem Glauben verlor diese Pflicht ihre Huld, und die Tugend wurde ihr zu einer strengen Disciplin, die keine freie, freudige Uebung des Schönen duldete. Sie hatte dieses — wie es in ihrem Alter auch sein soll — bis jetzt mehr begeistert empfunden, als geistig begriffen, und es war noch nicht durch ihr ganzes Wesen gegangen, um sich unzertrennlich mit ihm zu verbinden. Daher hatte später ihr Gemüth einzelne lichte Punkte, ihr Karakter treffliche Seiten; aber dem Ganzen fehlte Einheit und Harmonie. Von frühster Jugend an verworren und angefochten durch alles, was sie umgab, trat jetzt in einem für ihre innere Bildung entscheidenden Zeitpunkt, Busch zu ihr, und was er ihr als die Lehre einer neuen geistigen Offenbarung gab, trennte die Hauptkräfte ihres Gemüthes; ihre Seele floh verschüchtert zurück, und der Geist eignete sich, der Natur entgegenstrebend, die Natalien bestimmt hatte, schöner in ihrem Herzen als in ihm zu leben, fast ausschließend ihre fernere Bildung zu. Wo in den nächstfolgenden Jahren Kindlichkeit und Wahrheit in ihr aufgingen, war es als wehmüthiger Anklang einer Zeit, die sie nie klar genossen hatte.
Dieser Gang ihrer Bildung zog sich durch viele Jahre verderblich fort, und traf mit den Begebenheiten ihres äußern Lebens zusammen, deren Faden wir hier wieder aufnehmen müssen.
Das Osterfest kam und mit ihm der Tag ihrer Einsegnung. Tief erschüttert legte sie in der Kirche, an der Spitze von achtzig jungen Mädchen, im Namen aller, ihr Glaubensbekenntniß öffentlich ab, und sank fast ohnmächtig zu den Füßen des Predigers, als er ihr das Gelübde abforderte, im Leben und im Tode einer Lehre treu zu bleiben, die Ihr ein Gewebe von Pfaffentrug und Pfaffenwahn zu seyn dünkte, und deren wahrhaft göttlichen Geist sie nicht von den ihn umhüllenden und verdunkelnden Menschensatzungen zu sondern wußte.
Derselbe Abend war bestimmt, sie in die geselligen Zirkel ihres Wohnortes einzuführen. Ihre Mutter fuhr den Nachmittag mit ihr Visiten zu machen und am Abend in eine sehr zahlreiche Assemblee. Hier trat nun die kaum vierzehnjährige Natalie in einen Zirkel von Mädchen, deren fast keins unter sechszehn Jahr war, und von Jugend auf mit dieser Lebensweise vertrauter und bekannter denn sie, sich darin leicht, wie in einem angemessenen Element, bewegten.
Natalie dagegen verstand nichts schlechter, als die Kunst zu figuriren. Die Welt und der sogenannte Weltton waren ihr nicht fremd; sie kannte beide aus ihren Romanen ziemlich richtig; aber die Befangenheit der jugendlichen Schüchternheit lag auf ihr und genirte sie in allem. Ihr Herz zog sie zu keinem von diesen Menschen hin; es waren ihr Gestalten aus einer ihrem Sinn fremdartigen Welt, und keine Glanz- und Gefallsucht reizte sie, sich ihnen gleich stellen zu wollen. So blieb sie, von den Herren unbemerkt, von den jungen Mädchen für einfältig, oft auch für stolz gehalten, allein, und nur bejahrte Männer sah man zuweilen im freundlichen Gespräch mit ihr, so wie auch manche ältere Frau für sie das Lob eines guten, bescheidenen Mädchens hatte.
Die Liebe hatte von jeher eine zu wichtige Rolle in den Träumen ihrer Phantasie gespielt, als daß sie jetzt nicht unwillkührlich unter den jungen Männern nach einer Aehnlichkeit mit ihrem Ideal hätte umherblicken sollen. Aber keiner kam ihm nahe, und sie war zu stolz, einem Manne gefallen zu wollen, den sie nicht ganz vorzüglich achtete. Natürlich fand sie, unter diesen Umständen, das gesellige Leben sehr fade, und zog sich bald, soviel als möglich, in ihre stille, geliebte Einsamkeit zurück, die ihr der gehaltvollern Freuden so viele bot. Nur Konzerte und Schauspiele versäumte sie selten. Wie musterhaft sie aber selbst das Pianoforte und die Harfe spielte, wie kunstmäßig ausgebildet ihre schöne Kontra-Altstimme war, wußte, ihre Lehrer ausgenommen, niemand, da sie vor ihren Eltern, die selbst nicht musikalisch waren, und vor Fremden, höchstens einen leichten Tanz, eine gewöhnliche Arie, spielte und sang. Musik, Lectüre, Malerey, feine weibliche Handarbeiten und der Unterricht ihrer Schwester, deren einzige Lehrerin sie in diesem Zeitpunkt war, füllten ihre Zeit so angenehm aus, daß sie die Stunden verloren achtete, die sie der Gesellschaft opfern mußte. Ihre Rolle darin wurde ihr bald so langweilig, daß sie sich den Spielparthien anschloß, weil ihr diese Art der Langeweile noch die erträglichste zu seyn schien. Ihre Mutter überließ sie in der Wahl ihrer Lebensweise und ihres Umgangs ganz sich selbst, und lernte sie immer mehr lieben und achten. Der Vater blieb kalt und fremd gegen sie, und mancher schmerzliche Auftritt zog noch durch ihr Leben; doch die Hofnung, durch Liebe, Treue und Gehorsam früh oder später noch seine Abneigung zu besiegen, stärkte nicht allein ihren Karakter, sondern erhielt auch ihr Herz weich und liebevoll.
Um diese Zeit starb ihr Bruder Georg, mit dem sie in den letzten Jahren recht freundlich zusammen gelebt hatte. Sie hatte sein Krankenbette nicht verlassen, ob er gleich an einem sehr bösartigen Fleckfieber darniedergelegen und der Arzt dringend ihre Entfernung gefordert. Der Gedanke und das Bild des Todes waren ihr nicht fremd; seit frühster Jugend hatte sie es oft liebend angeschaut — aber diese Zuckungen des entfliehenden Lebens, dieser verzerrende Kampf der Krankheit, eh’ er, der sanfte tröstende Genius, die Bande löset, die die Seele an den Körper fesseln, war für sie neu und schreckensvoll. Doch nur tief empfindend, und durchaus nicht empfindelnd, hielt sie bis zur letzten Minute bei ihm aus und ihre Lippen küßten sein entfliehendes Leben auf.
Der Ernst in ihrem Wesen wurde durch diesen Verlust und durch den Eindruck der bei ihm einsam zugebrachten Sterbestunde, wo die Nachtlampe matter und matter aufloderte, wie sein Röcheln leiser und leiser wurde, dann mit ihm zugleich erlosch und sie ohnmächtig bei dem Todten niedersank, noch finstrer, und sie verlor das Vertrauen zu den Menschen ganz, als sie sich mit ihrer Trauer verspottet fühlte.
Ihre Eltern besaßen nicht fern von dem Kirchhofe, wo Georg ruhte, ein Gartenhaus. Natalie hatte dort schon öfter einige Tage, allein mit Elisen und ihrem Mädchen, zugebracht, und that es auch jetzt, weil sie gerne einmal in früher Morgenstunde das Grab ihres Bruders einsam besuchen wollte — und giebt es auch einen schönern, beruhigendern Anblick, als der Aufgang der Sonne über den Gräbern unsrer Geliebten? — Auch Natalien ward hier eine ernste Stunde, voll erhebender Blicke über das Grab hinaus, voll reiner treuer Vorsätze für ein Leben, das sie nur zu lieben vermochte, wenn sie fühlte, es heilige sie für ein höheres. Tiefes wahres Gefühl zog sie auf ihre Knie nieder; sie betete innig und fühlte sich wieder in der hellen leichten Welt ihres früheren Glaubens einheimisch.
Zu ihrem Unglück hatte sie Zeugen gehabt. Einige junge Wildfänge, die eine Brunnenkur so früh herausgelockt hatte, sahen durch die Thorgitter des Gottesackers ihr weißes Gewand schimmern; neugierig schlichen sie näher und sahen Natalien nun weinen, niederknien und beten. Nach vier und zwanzig Stunden war diese Erzählung zur lächerlichen Burleske verdreht, in Jedermanns Munde. Nataliens gegen den Schein des Lächerlichen krankhaft empfindliche Seele würde dadurch gekränkt worden seyn, hätte sie nicht auch von ihrem Vater die bittre Weisung erhalten, solche Narrheiten künftig zu unterlassen, und ihre Familie nicht, wie sich selbst, durch ihre Romanenstreiche zu prostituiren. —
O wie verschüchtert, wie blöde und geängstet, floh ihre Seele nach solchen Auftritten in ihre Verborgenheit zurück! — wie scheu und sorgsam verhüllte sie ihr Herz, das so tief fühlte, wie einsam und ungeliebt es auf der Erde sey und doch mit der leidenschaftlichsten Schmerzenssehnsucht an dem Ideal eines Wesens hing, in dessen Schutz sie sich zu einem freudigeren Seyn hätte aufrichten können und mögen! —
Der einzige Umgang, für den sie Interesse bewahrte, war das Buschische Haus. Sie verbarg jetzt dem Vater auch ihr Gemüth und ihr innres Leben, da ihr eine geheime Stimme sagte, er werde sie damit nur verhöhnen; aber gern und willig traf sie mit ihm im Umtausch geistiger Ideen zusammen. Die Tochter Emma bildete sich nach und nach zur feineren Kokette, und war auch ohne allen höhern Anklang. Ihr Verhältniß zu Natalien war jenes, das man so häufig unter jungen Mädchen dieses Alters findet, und das oft Freundschaft genannt wird, so wenig es auch auf diese Benennung Anspruch machen kann, da es nichts als flüchtiges, jugendliches, aus dem öftern Zusammenseyn entstandenes Wohlwollen ist, dem in der Regel nicht die geringste Aehnlichkeit des Geistes und des Herzens zum Grunde liegt. Auch galt dies Verhältniß Natalien für nichts mehr, als was es wirklich war, bis sich ihm ein Interesse andrer Art zugesellte. —
Emma war die einzige Tochter ihrer reichen Eltern und seit früher Jugend von ihrem Vater seinem Schwestersohn Rudolph Holm bestimmt, damit das Vermögen hübsch in der Familie bleibe. Rudolph hatte vor acht Jahren seine Vaterstadt als ein sehr fähiger talentvoller Jüngling verlassen, um sich auf Universitäten und Reisen für seine künftige Bestimmung als Arzt auszubilden. Bei seiner Abreise versprach ihm Busch Emmas Hand, wenn er sich durch seine Kenntnisse und seine Aufführung derselben werth machen werde, und nahm es über sich, als künftiger Vater, jetzt schon zu seinen Studien-Kosten beizutragen, da Rudolph nur ein sehr mäßiges Vermögen besaß. Dankbarkeit, Erinnerung an Emmas aufblühende Reize, die er als zehnjähriges Kind bei seiner Abreise verlassen hatte, und die Aussicht auf den Besitz ihres großen Vermögens, machten ihm mit jedem Jahr den Gedanken dieser Verbindung lieber. Nicht so Emma, der sein Bild ganz fremd geworden war und die in ihm nur das Hinderniß einer Verbindung mit ihrem Geliebten, dem Hofrath M... sah. Jetzt, da die Zeit der Zuhausekunft Rudolphs sich nahte, bat er ihren Vater um Erlaubniß, mit seiner reizenden Cousine Briefe wechseln zu dürfen, und Emma erhielt nun einen Brief, der zu ihrem gehaltlosen Wesen und zu ihrem ungebildeten Geiste einen, ihr selbst fühlbaren, Contrast bildete. Sie theilte ihn Natalien mit, und da diese sich durch den Geist, der daraus sprach, eben so angezogen wie Emma abgeschrecket, fühlte, so ließ sie sich nicht lange bitten, dieser bei der Antwort zu helfen. Die Hülle eines fremden Namens schützte sie vor der schüchternen Verlegenheit, mit der sie unter ihrem eignen auftrat, und Rudolph fühlte sich lebhaft von dem geist- und gefühlvollen Wesen angezogen, das sich ihm im Spiegel dieser Briefe zeigte, die Natalie bald ganz allein schrieb und Emma nur kopirte. Die Zartheit des Verhältnisses zwischen Rudolf und dieser, gestattete für alles Künftige nur leise Andeutung, und so berührten seine Briefe nur Gegenstände der Kunst, der Litteratur und der Natur Italiens, wo er sich eben aufhielt und von wo er nach St. zurückkehren sollte. Natalie begleitete ihn in ihren Antworten auf allen seinen Wanderungen durch dies Land der Herrlichkeit, und welcher Anklang auch dort durch Kunst, Natur und Vergangenheit in ihm geweckt wurde, immer wurde er von ihr verstanden und traf auf Sinn und Gefühl für das, worüber er sich entzückt, gerührt, begeistert, gezeigt hatte. Er lernte so ihren gebildeten Geist und ihre Kenntnisse kennen, wie ihm die elegische Stimmung, mit der sie ihn vorzüglich gerne zu den Ruinen versunkner Größe und den Denkmalen einer herrlichern Vorzeit begleitete, ihr tiefes Gefühl verrieth. — Groß — schwärmerisch — begeistert für Liebe, Vaterland und Freiheit, wie er ihr erschien, mußte er Nataliens ganze Seele mit desto unwiderstehlicherer Macht ergreifen, da sie bisher fremd und einsam unter Menschen gelebt hatte, die ihres Herzens heiligste Melodien nur mit dem Schellengeklingel eines seelenlosen Leichtsinns zu begleiten vermochten. Selbst der exzentrische Sinn, den Rudolf zeigte, mußte auf Nataliens romantisches, zum Ueberspannten sich hinneigendes, Gemüth tiefer wirken, als wenn er ihr in der stillen Ruhe eines auf edle Selbstständigkeit gegründeten Karakters erschienen wäre. —
Rudolph war einer jener Menschen, welche die Natur nicht für die Mittelmäßigkeit bestimmte; doch schon in der frühsten Jugend erhielten seine Anlagen eine schiefe Richtung, die ihn den Schein mit dem wirklichen Seyn so verwechseln lehrte, daß er sie später nie wieder klar zu scheiden vermochte. In seinen Universitätsjahren sank er einmal, als Spielwerk eines tief gefallnen Weibes, bis zur niedrigen Gemeinheit. Dies Bewußtseyn raubte ihm jede jugendliche Illusion der Phantasie und des Herzens in Hinsicht auf das wirkliche Leben, das er nur noch in einer Beleuchtung aufzufassen vermochte, die einen tiefen Schatten auf die Menschheit warf, da ihm die Kraft fehlte, den verlornen Glauben und die verlorne Liebe wieder gewinnen zu können. Nach und nach starb auf diesem Wege jedes höhere Bedürfniß der Menschheit in ihm ab, und ward ihm zur Fabel. Seine ganze Cultur war nur verfeinerte, glänzend ausgebildete, Thierheit, und er vermochte mit der Leerheit dieses entgötterten Lebens zu spielen, und war eitel auf die Verruchtheit, mit der er alle seine geistigen Kräfte nur für den Genuß und die Auszierung des äußern Lebens wuchern ließ, in dem es ihm zum Höchsten geworden war, glänzend zu figuriren. Die Menschen betrachtete er nur als Maschinen zu seinen Experimenten und jede Leidenschaft war ihm bloß Aufgabe für seine seltne Kunst der Darstellung. Doch nicht bloß gegen andre war er Schauspieler, er war es auch im geheimsten Zusammenseyn mit sich selbst, und diese Selbsttäuschung gab jeder von ihm gespielten Rolle einen Zusatz von Wahrheit, der auch das unbefangne Urtheil über ihn leicht bestach. Gefühl, Witz, Humor, alles war bei ihm nur eine elektrische Explosion, zu der er sich systematisch und wissentlich vollud. — So mußte er, um nicht unter dem Gefühl eigner Erbärmlichkeit zu Boden zu sinken, die Menschen verachten; er konnte nur zu stehen wähnen, so lange ihm jede moralische Kraft, Spannung der Leidenschaft — die reinste Liebe, gewürzte Sinnlichkeit — die Tugend ein Epikuräismus der Vernunft hieß, der freiwillig entbehrt, um länger, sichrer und gefahrloser zu genießen.
Sein Aeußeres war anziehend. Eine große edle Figur, ein römisch geformter Kopf mit ernsten Zügen — dunkelblaue, sehr sinn- und geistvoll blickende Augen — eine reine, für den höchsten Affekt der Leidenschaft, wie für die Nüancen der leichtesten, witzigsten Unterhaltung, kunstmäßig ausgebildete Stimme, und eine Gabe, sich darzustellen, die der Würde an Wirkung glich, bildeten ein Ganzes, dem man mit Achtung für den Geist, der es beseelte, näher trat. Auch mißlang es ihm nur selten, Menschen für sich einzunehmen, die er gewinnen wollte; oft reizte es ihn aber, vor sich zurückzuschrecken, um später den Triumph des Sieges über diesen ungünstigen Eindruck zu genießen. Natalie ergriff, unter Emmas Namen, seine Phantasie — das einzige Medium, durch das ihm Eindrücke kommen konnten, die er sich selbst als Gefühle anzulügen vermochte — und er gefiel sich in der Ueberzeugung, ein so gehaltvolles Wesen zur gewaltigen Leidenschaft für sich aufreizen zu können, so wohl, daß er lebhaft auf ihren ersten Anblick gespannt war.
Emma fuhr ihm bei seiner Ankunft, mit ihren Eltern und seiner Familie bis zu einem nah bei St. liegenden Dorfe, entgegen. Sie war früher voll Scheu und Widerwillen gegen ihm gewesen; allein Nataliens begeisterter Glaube an Rudolfs Karakter, die siegende Beredsamkeit ihres heißen vollen Herzens, hatten endlich Emma Vertrauen zu ihm eingeflößt. Sey nur wahr gegen ihn, ganz wahr, bat Natalie oft. O Emma, wenn du diesem edlen Menschen, dieser großen, liebevollen Seele Gerechtigkeit wiederfahren ließest: so würdest du dein Schicksal freudig in seine Hände niederlegen, überzeugt, daß er für dich und sich nur das Edelste fühlen kann. Von ihr ermuntert und beredet, beschloß Emma, sich ihm offen zu entdecken, wie sie sich auch verpflichtete, ihm Nataliens Antheil an ihren Briefen ganz und auf immer zu verheimlichen. Natalie forderte und wünschte diese Verschwiegenheit aus Blödigkeit und Demuth; das heitre Vertrauen, mit dem sie in ihren Briefen zu ihm geredet hatte, wurde jetzt, bei dem Gedanken an seine persönliche Bekanntschaft, zur ehrfurchtsvollen Scheu gegen ein, in ihrem Sinn, ihr so weit überlegnes Wesen. Emma schwieg gerne, weil ihrer Eitelkeit die hohe Achtung gefiel, die Rudolfs Briefe aussprachen, und sie sich, von ihren Reizen unterstützt, fähig glaubte, sich, ihm gegenüber, auf der Höhe erhalten zu können, auf die der Freundin Geist sie gestellt hatte.
Rudolf hatte sich auf ihren ersten Anblick sentimental einstudirt und Phantasie hatte an diesem Moment so lange gebildet, daß er jetzt wirklich bewegt zu seyn glaubte, als er in der Ferne seine Mutter, seine Brüder, Busch, und neben diesem, eine weibliche jugendliche Gestalt erblickte. Rasch sprang er aus dem Wagen, und sein erster Blick suchte das Auge voll Seele, die Gestalt voll Adel und Anmuth, mit der seine Phantasie Emma geschmückt hatte, die jetzt, als eine reizende Blondine, mit einem Ausdruck von Koquetterie und Verschmitztheit, den selbst die Verlegenheit dieses Augenblicks nicht zu verhüllen vermochte, vor ihm stand. Die Worte, womit er sie begrüßen wollte, verstummten unwillkührlich, und er stand sichtbar befangen vor ihr. Schnell wurde er indessen seines Aeußern wieder mächtig, wenn gleich in seinem Innern die Wirkung des ersten Anblicks widrig forttönte. Er knüpfte ein Gespräch mit ihr an, und berührte die Saiten, die ihn in ihren Briefen so harmonisch ansprachen; aber die paar Floskeln, mit denen Emma sich für diese Unterhaltung ausgeschmückt hatte, wurden von ihm bald für das, was sie waren, erkannt, und es drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, sie habe den von ihr erhaltenen Briefen nur ihren Namen geliehen, und ein andrer Geist, ein andres Herz habe daraus zu ihm geredet. Das Romantische dieser geheimnißvollen Unsichtbarkeit verstärkte noch bei ihm den früher erhaltenen Eindruck und diese Stimmung wurde Emma sehr günstig, da sie ihm, einige Tage nach seiner Ankunft, ihre Liebe für den Hofrath gestand, und die Entscheidung über ihre Zukunft in seine Hände legte, weil nur die Zurückgabe des von ihrem Vater erhaltenen Versprechens, diesen zur Einwilligung bewegen konnte. Galant und gern gab er sich die Miene, als opfre er ihrem Glück und der Freiheit ihrer Wahl eine sehr geliebte Hofnung, und verwendete sich bei Busch so dringend für die beiden Liebenden, daß er auch seine Einwilligung in ihre Verbindung bewirkte. Geschickt entlockte er aber bei dieser Gelegenheit Emma’n das Geständniß, daß eine ihrer Freundinnen Antheil an ihren Briefen gehabt, sie jedoch durch einen Eid verpflichtet habe, ihm nie ihren Namen zu nennen. Er hoffte indessen, seine unbekannte Freundin bald auszufinden, und die Spannung, die ihm das Sonderbare dieses Verhältnisses gab, contrastirte so angenehm mit der gewöhnlichen Erschlaffung seiner Empfindungen, daß er sich selbst mit dem Erwachen einer ihm längst verloren gegangenen Wahrheit und Innigkeit des Gefühls schmeichelte.
Die ersten Tage lebte er im Familienzirkel, dann erschien er in den größern Gesellschaften, wie auch an öffentlichen Versammlungsörtern, und unterjochte bald Männer und Weiber durch den Ernst seines Wesens, der so viel tiefen Gehalt anzudeuten schien und den alle jene Talente und Annehmlichkeiten verlieblichten, ohne deren Schimmer Tugend und Seelenwerth in der Welt nur wie eine seltne Schaumünze gelten, die man begafft, ohne sie in Handel und Wandel aufzunehmen. Natalie vermied ihn in den ersten Tagen, voll wehmüthiger Ahndung und banger Sehnsucht, die sie selbst nicht verstand. Der allgemeine Beifall, den er fand, und seine Resignation auf Emmas Hand, die sie im Colorit eines schönen, edlen Opfers sah, machten sie noch schüchterner, weil sie sich unbeschreiblich unbedeutend neben ihm fühlte und ängstlich fürchtete, daß er sie, bei persönlicher Bekanntschaft, unwerth finden möge, seine Achtung, seine Freundschaft, seinen Briefwechsel, so lange unter fremdem Namen genossen zu haben. Noch immer von Allen gemißbilligt, getadelt, verkannt, oft sogar verhöhnt, war sie äußerst mißtrauisch gegen ihren eignen Werth, da ihr aus der Liebe eines verehrten Wesens noch nie das Gefühl der Billigung ihrer Individualität aufgegangen war; sie wußte, wie sie dies von gleichgültigen, ungeachteten Menschen geschmerzt hatte, und diese Erinnerung wurde ihr zum Maaßstab des unendlichen Schmerzes, mit dem sie Rudolf, den sie über alles ehrte, sich gleichgültig und achtungslos würde von sich wegwenden sehen. Es schien ihr so kühn, so unglaublich, daß er — der Größte, der Edelste — gerade sie, die Ungeachtete, Uebersehene, seiner Achtung, seiner Freundschaft würdigen solle. — Emma war ihm so gut als verlobt, Emma war so hübsch, so witzig, so klug; unter der Hülle ihres Namens war es so leicht, ihm zu schreiben — aber ihm nun als die reizlose, verlegene, im Leben oft unbeholfne Natalie unter die Augen zu treten — ihr Stolz, ihr Herz, ihr Mißtrauen — Alles sprach dagegen. Nein, sagte sie, von ihm unerkannt, bleibe es mein schönstes Glück, ihm schweigend durch das Leben zu folgen, und nie verrathe ihm ein Blick, ein Wort, das Herz, das ihn so unaussprechlich ehrt, und dem er einst so freundlich gesinnt war. So gestimmt, vergingen ihr einige Wochen, ehe sie den Muth erhielt, ihre Mutter in eine der Assembleen zu begleiten, wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen. Er war bei ihrer Ankunft noch nicht da, und sie nahm, wie gewöhnlich, eine Karte. Aber unwillkührlich erzitterte sie, so oft sich die Thüre hinter ihrem Sitze öffnete, und als sie endlich seinen Namen nennen hörte, der Ton seiner Stimme zu ihr drang, wechselte sie die Farbe, und verlor fast sichtlich ihre Fassung. Er ging unter den Spieltischen umher, sprach hie und da einige Worte, und sie gewann Zeit, sich für den Augenblick zu sammeln, wo er ihr, nach Endigung ihrer Parthie, von der Frau des Hauses vorgestellt wurde. Sie zog seine Aufmerksamkeit nicht auf sich; die stumme Verbeugung, mit der sie seine Anrede beantwortete, empfahl sie ihm auch nicht, und er vergaß bald, daß er sie überhaupt gesehen hatte. Natalie blieb ihrem Vorsatz, sich ihm durch nichts bemerklich machen zu wollen, treu, und änderte auch ihre Lebensweise keinesweges. Selten nur sah er sie in Gesellschaften, noch seltner in dem Kreise junger Mädchen, und wenn er sie denn einmal antraf, war es am Spieltisch, oder bei Tische an der Seite älterer Männer, unter denen es einige gab, die sich lebhaft und achtungsvoll für sie interessirten. Ihre Kenntnisse und Talente waren und blieben allen ein Geheimniß, und nie hörte er ihrer anders, als wie eines ganz gewöhnlichen Mädchens erwähnen, dem der Muthwille in seinen Aeußerungen oft einen Anstrich romanhafter Thorheit lieh.
Natalie hingegen war eine desto aufmerksamere Beobachterin seines Lebens, und der Schein von Ungewöhnlichkeit, den er allem gab, was er sagte und that, wurde dem Bilde, das sie von ihm mit wahrer Andacht in ihrem Herzen trug, zum immer stralenderen Heiligenschein. Sie liebte ihn unaussprechlich, und mit der Stärke, die die ersten erwachenden Gefühle einer so glühend leidenschaftlichen Seele, wie die ihrige, bezeichnen mußte. In diesem schönen Zeitpunkt, wo ihr Herz zum erstenmal das Gefühl des höchsten Lebens inne ward, ließ selbst seine Kälte sie nicht unbefriedigt, weil es ihr genügte den Gegenstand für dies Gefühl gefunden zu haben. An eigentliche Liebe dachte sie auch nicht, und diese Gottheit feierte, wie fast immer in reinen Seelen, ihren ersten Einzug unter einem fremden Namen. Natalie nannte ihr Gefühl, Ehrfurcht, Anerkennung seines Seelenwerthes, Genuß im Anschaun der geistigen und sittlichen Schönheit seines Karakters, und kaum erlaubte sie sich den leisen Wunsch, daß seine Freundschaft einst der Lohn ihres stillen Strebens, derselben werth zu werden, seyn möge. In das Buschische Haus kam sie jetzt selten, da Emma, seit ihrer Verlobung, fast ausschließlich in der, Natalien fremden, Familie ihres künftigen Gatten lebte, und weil sie, im Bewußtseyn, wie gerne sie in Rudolfs Nähe war, voll Jungfräulichkeit jeden Ort mied, wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen.
Desto emsiger suchte Rudolf nach seiner unsichtbaren Geliebten, und trat fast jedem Mädchen von Emmas Bekanntschaft näher, um die Ersehnte zu entdecken. Keine wich ihm aus, jede stand den schönen Mann gerne Rede; aber von jeder wandte er sich bald nachlässig und getäuscht ab, bis er auf Louise Wiese traf, die mit dem Zauber seltner Schönheit den Glanz eines nicht allein brillanten, sondern auch brillantirten Geistes verband. Sie nahm den allgemein gefeierten Mann zuvorkommend auf, und that, als sie den Irrthum erfuhr, der ihn ihr näher führte, nichts, um ihn zu vernichten, sondern manches, das Rudolf darin bestärken mußte. Die Entfernung, in der sie Rudolfen bis jetzt geblieben war, ihr wörtliches Abläugnen jedes Antheils an Emmas Briefen, den sie doch oft in unwillkührlichen Aeußerungen zu verrathen schien, erklärten sich ihm durch ihre Verlobung mit einem Manne, dem sie, wie man allgemein wußte, nur in Rücksicht auf sein Vermögen und den Wunsch ihrer Eltern, ihre Hand versprochen hatte. Louisens Geist vermochte den seinen zu fassen; sein Witz belustigte sie; ihre Eitelkeit gefiel sich in seiner Auszeichnung, und unmerklich gewann sie wahres Interesse an ihm; aber die Empfindung, die Flamme schöner Begeisterung für Alles, was den Menschen erhebt und veredelt, die Natalie ihm gezeigt hatte, galt Louisen nur für eine halb tragische, halb romanhafte Posse, und so ließ sie Rudolfen bald unbefriedigt. Die schönsten, geistvollsten Weiber mehrerer Länder waren ja schon sein gewesen — was er jetzt suchte, und in der Schreiberin jener Briefe zu finden glaubte, war ein weibliches Wesen, das mit hoher Geistesbildung, die Neuheit des Herzens, die Reinheit des Sinnes und das tiefe, leidenschaftliche Gefühl verband, von dem er sich versprach, daß es seine eigne erstorbene Empfindung wieder wecken, und ihm einen Genuß gewähren würde, um dessen Art und Wesen er nicht bestimmt vorher wußte. Das weibliche Geschlecht war ihm in allen seinen Schwächen und Eigenheiten bekannt, und eben darum langweilig geworden. Nur fremde Leidenschaft konnte ihn noch reizen und spannen, und je seltener man mit der Biegsamkeit der meisten weiblichen Karaktere jene Stärke des Karakters, jene Energie der Seele, die alle Kräfte und Empfindungen, unzertheilt, wie Sonnenstrahlen in einen Brennpunkt in dem, mit unermeßlicher Liebe umfaßten Gegenstande sammelt, vereint findet, je mehr dürstete er, sie zu finden. Er fühlte, Louisens Liebe für ihn werde in ihrem Leben nie mehr als eine Episode werden, und so spürte er, ohne doch das mit ihr angeknüpfte Verhältniß aufzugeben, von Neuem wieder, wie ein Raubvogel, nach dem Herzen umher, das er zu seinem Opfer ausersehen hatte. — Das Schicksal trieb jetzt Natalien aus der Unsichtbarkeit, die sie so lange geschützt hatte, hervor — er erblickte sie, und tief und blutig schlug er seine Krallen in das weiche, wehrlose Herz.
Von allen Vergnügungen liebte Natalie nur die Maskeraden. Hier schwand ihr das drückend Einengende des gewöhnlichen Lebens, und frei zeigte sie oft unter der Maske ihren Witz und ihre Laune, die aber fast immer nur verhüllter Unmuth über die Leere des Lebens und über die Schaalheit der Menschen war. Jetzt erneuerte der Winter die Maskenbälle, und es vereinigte sich manches, den ersten dieses Winters glänzend und zahlreich zu machen. Natalie fuhr, als Pilgerin gekleidet, mit ihrer Mutter hin, und trieb sich unter dem Gewühl herum, als plötzlich ein feierlicher, schauerlicher Marsch die Tanzmusik unterbrach. Eine Reihe seltsamer, schauererregender Gestalten trat ein. Die blutgefärbten, entblößten Arme, die finstern, fantastischen Gewänder, die Schlangen ums Haupt und auf der Brust, die Feuerbrände, und der aus Menschengebeinen gethürmte Altar, den sie in der Mitte des Saals aufstellten, kündigte sie als dem Schönen und der Freude abholde Wesen an. Die Feier ihrer Mysterien begann, und plötzlich stand in gigantischer Größe und furchtbarem Ernst der Gebieter unter ihnen. Ein Wink von ihm, und die Flamme des Altars schlug prasselnd in die Höhe; ein zweiter Wink ordnete diese Gruppen zu einem Tanz, den aus der Ferne eine Musik begleitete, in der man den Schrei der Verzweiflung, den Seufzer ewiger Hofnungslosigkeit, zu hören wähnte. — Ein stilles Entsetzen schlich durch den weiten Saal — unwillkührlich erweiterte sich der Kreis, der diese Gestalten, für die man keinen Namen hatte, einschloß. Plötzlich wie er erschienen war, verschwand der Gebieter, und, als rufe ein stummer Befehl sie in ihre Welt zurück, stürzten Tänzer und Tänzerinnen in unordentlicher Eile und Verwirrung zum Saale hinaus, und ein stürmisches Allegro der wieder einfallenden Tanzmusik folgte ihnen auf ihrer Flucht. —
Das Ganze war Rudolfs Erfindung, der sich in solchen düstern Spielen einer furchtbaren Phantasie, und in dem schneidenden Contrast dieser Erscheinung zu dem frohen Treiben der versammelten Menge gefiel. Eine Theaterversenkung entzog ihn schnell den Blicken, und schon nach einigen Minuten trat er, im schwarzen Domino verhüllt, wieder in den Saal. Seine eben gespielte Rolle hatte ihm eine Spannung zurückgelassen, mit der er nicht sogleich in die lustigen Neckereien der übrigen Masken einzustimmen vermochte. Einsam lehnte er sich an einen Pfeiler, und gedachte der Namenlosen, die höchst wahrscheinlich mit dieser bunten Menge unerkannt bei ihm vorüberzog, als der Eintritt der drei Parzen ihn aus seiner Träumerei zog. Still und ernst, wie es den unsterblichen Töchtern des Orkus ziemt, wandelten die drei Schwestern durch den Saal; doch bald fesselte eine derselben seine Blicke ausschließlich. In dunkles Grau gekleidet, umfloß sie ein schwarzer Schleier, aus dem ein Gesicht hervor blickte, dessen hoher Ernst zu dem Göttlichen hinwies, wo es das Menschliche verläugnete. Erhaben und geisterartig schritt sie durch die Versammlung, und deutete dem, der sich ihr näherte, sein Schicksal in geheimnißvollen Worten. Rudolf folgte ihr und hörte eine der sinnvollen Antworten, in denen sie sich als Dienerin der ernsten, heiligen Nothwendigkeit, deren Gewalt sich jedes Erdenschicksal beugen müsse, ankündigte. Bald indessen verlor sich die Menge, der sie überdem auszuweichen suchte, und er konnte sich ihr ungestört nähern.
Wird man Dich, ernste Göttin, fragte er, hier im Saal der Freude willkommen heißen? —
Ein großes dunkles Auge wandte den Blick auf ihn — milde senkte es sich nieder, und nach einer kleinen Pause antwortete sie ihm in leisem gedämpften Tone.
Weh dem Frohen, dessen Freude bei meinem Anblick erbleicht und dessen Herz kein Vertrauen zu mir bewehrt!
Kann die Bewohnerin der Unterwelt dieses von dem im Lichte Gebornen, im Lichte Lebenden, erwarten? Liebe, Vertrauen und Freude wohnen nur auf der Oberwelt — aber was die Erde deckt, was keine Sonne erhellt, ist finster und schauerlich, und mit namenlosem Grauen fassen die Schrecken der Unterwelt auch den Muthigsten. —
Und doch sendet Euch meine Welt Schatten und Träume — doch ist schon auf der Erde das Schönste und Heiligste unsichtbar wie die Musik, und ruht wie ein heiliger Traum in Seelen, die es ahndend erkennen, daß Liebe und Schönheit im Lethe nicht untergehen.
O wenn Du, Ernste, die Liebe kenntest, dann würdest Du auch um den Schmerz der Sehnsucht, um des unendliche Weh in der Brust des armen Menschen wissen, und uns erhören, wenn Liebe und Jugend um Schonung eines unersetzlichen Lebens flehen? —
Ist denn dem Menschen das Geliebte verloren, so lange er es mit Schmerzen beweint? — Das Leben ist grausam — es entreißt mit der Geliebten auch die Liebe; ich dagegen löse sanfter und schonender das Band der Herzen nur, um es in meiner Welt fester zu schlingen und es vor der Entweihung zu schützen, der es im Leben preis gegeben seyn würde. —
Ja Du hast Recht — das Leben ist grausamer als Du: — hält es doch auch mir die Geliebte schmerzlicher verborgen, als Du es zu thun vermochtest!
Natalie hatte ihn beim ersten Blick erkannt. Nur die Maske verbarg ihm das Beben ihrer Stimme und ihr Erröthen bei seiner Annäherung. Diese letzten Worte rührten sie innig — ach vielleicht, vielleicht suchte er sie — sie fühlte, der erste Laut ihrer Stimme müsse sie in diesem Moment verrathen, und stand schweigend neben ihm. —
Ungesehen, fuhr er fort, als gehöre sie der Geisterwelt an, wandelt die Geliebte mit mir im Lichte — gekannt, geliebt, und doch vielleicht nie von mir erblickt, nie gefunden. —
Suche sie in Deinem Herzen, stammelte Natalie leise, dann wirst Du sie auch in Deiner Nähe finden.
O wenn Du die Schmerzenssehnsucht kenntest, mit der ich sie, sie allein seit frühster Jugend gesucht habe — wie ich immer so voll Ahndung war, sie zu finden — sie so oft rief — Antwort zu vernehmen glaubte — der Stimme nacheilte über Land und Meer, und dann fand, sie sey nur der Wiederhall meiner eignen klagenden Sehnsucht gewesen! — Ich ging mit ihrem Bilde durch die ganze Natur, und sah, wie selbst das Leblose nach der schönsten Form ringet und sie findet, die Perle in der Tiefe des Meers, wie der Krystall im Schoos der Erde — und nur der Mensch sollte ausgeschlossen seyn vom allgemeinen Gesetz der Schönheit, zu der alles anstrebt? Nein, sagte mein Herz, was die Form für das Seelenlose ist, das ist die Liebe für den Menschen, und von neuem zog die Hofnung in mein Herz. Vergeblich! Kein lebendes Weib trat zwischen mich und die gesunkene Menschheit! Keine edle weibliche Seele verhüllte mir mit ihrer Schönheit die Mißgestalt der Welt, die mein Wirken empfangen sollte! — da ward ich rauh und hofnungslos und bitter; aber mir blieb doch noch ein Traum von ihr in der Seele — ein Traum — und er ward mir gedeutet — doch auch das nur wieder im Traum, und ich stehe auf der entlaubten Stätte meiner frühern Jugend, wo ich die Geliebte zu finden wähnte, einsamer und hoffnungsloser denn je.
Als Du einsam auf dem Vesuv standest, und Deine Arme der flammenden Morgenröthe entgegen breitetest, da riefst Du ihren Namen durch die feiernde Natur, und hellere Glutwolken sandte der ewig jugendliche Gott des Tages vor sich her. — Jene Minute sey Dir Sinnbild Deines Lebens — unter Dir der gährende Krater einer gesunkenen Welt — über Dir der Himmel eines schönern Landes, und vor Dir die Morgenröthe der Hoffnung. —
Natalie fühlte, daß diese Anspielung auf einen seiner Briefe sie ihm verrathen mußte, und wandte sich daher, bei den letzten Worten, leise ab, um sich im Gewühl zu verlieren. Aber er faßte rasch und feurig ihre Hand — o so trog mich, rief er aus, mein Herz nicht! ich habe gefunden, was ich so lange, so sehnlich suchte. Sie sind es, Sie — o Gott, Sie können mir nun nicht mehr unsichtbar bleiben wollen — Sie — o Gott, wie soll ich Sie nennen? — mein Einziges, mein Alles?
Natalie war tief erschüttert — ein sanftes Weinen unaussprechlicher Seeligkeit machte sie einige Minuten stumm. Mit sehr edler Haltung wandte sie sich dann zu ihm, ich werde Ihnen nicht immer Namenlos bleiben, sagte sie ihm mit den schönen Tönen der Liebe; ich lebe in Ihrer Nähe, und Sie haben mich oft gesehen, wie ich Sie. Aber daß Sie mich nicht auffanden, berechtigt mich, nach meinem Gefühl, Ihnen auch heute, in der schönsten Stunde meines Lebens, meinen Namen zu verschweigen.
Rasch entwich sie und verlor sich in der Menge. Noch durchsuchte Rudolf alle Nebenzimmer, wie sie schon wieder als Pilgerin gekleidet neben ihrer Mutter stand, und sich mit einigen Bekannten unterhielt. Eben so vergeblich waren seine spätern Nachforschungen. Nataliens beide Schwesterparzen waren zwey sehr fern wohnende, in St. ganz unbekannte Mädchen, mit denen sie schriftlich alles verabredet hatte, die erst am Tage der Maskerade eintrafen, im Ballhause abstiegen, wo Natalie sich auf ihrem Zimmer umkleidete, und die am andern Morgen St. zeitig wieder verließen. Man hielt, da man dies erfuhr, die dritte Parze auch für eine Fremde, nur Rudolf traute der erhaltenen Versicherung, daß sie in seiner Nähe lebe, und er sie oft sehe. Von Neuem begann er nun wieder seine Nachforschungen, ob ihm, unter den Mädchen seiner Bekanntschaft, nirgends ein Wiederschein dieses Geistes begeben. — Doch vergebens war alle seine Mühe, da Natalie, still und seelig in sich selbst versunken, ihm mit einer ihr selbst unerklärlichen Schüchternheit sorgfältiger denn je auswich.
Eines Abends fiel in einem ziemlich vertrauten, um eine Bowle Punsch versammelten, Männerzirkel, das Gespräch auf weibliche Geistesbildung. Die mehrsten der Anwesenden wollten sie auf bloße Toiletten- und Gesellschaftskunst beschränken, welches Ferdinand mißbilligte. Man kam endlich von den allgemeinen Sätzen zur Anwendung auf einzelne Frauen und Mädchen, und fing an, Preise auszutheilen. Busch, der an dem Gespräch nur wenig Antheil genommen hatte, sagte leise zu Rudolf: da du es so gut aufnimmst, wenn die Grazien unter Minervens Helm Versteckens spielen, so hätte ich wohl Lust, dich auf ein Mädchen aufmerksam zu machen, das, fast von allen unbemerkt und ungekannt, ihren Geist und ihre Talente eben so sorgfältig verbirgt, wie andre Mädchen ihre Gebrechen.
Und dies Mädchen heißt? fragte Rudolf mit der allergespanntesten Erwartung.
Natalie Alberti.
Wie, diese Natalie, von der ich mich kaum entsinne, drei Worte gehört zu haben, die ich fast nie anders als beim Spiel- und Eßtisch gesehen habe, diese stumme, allenthalben übersehene unbeachtete Natalie? unmöglich! —
Sie hat einen kleinen Anstrich sentimentaler Thorheit, und bei vielem Verstande fehlt ihr durchaus die Gabe, ihn geltend zu machen. Ich selbst schelte sie oft einfältig; allein nie rede ich eine Viertelstunde mit ihr, ohne diesen Mangel an Feinheit und Gewandtheit zu vergessen. Il y a du radotage dans ses sentiments; mais c’est le radotage de l’enthousiasme; a un caractère plein de vigueur, elle joint une sensibilité qui ne goûtera jamais le bonheur que par l’organe d’un amour passioné.
Rudolf ging unruhig nach Hause. An dem, was Busch ihm gesagt hatte, erkannte er seine Unbekannte, und Natalie hatte er bis jetzt so ganz übersehen, daß er sich nun nicht einmal ein Bild ihres Aeußern zu entwerfen vermochte. Nach einigen Tagen erst traf er sie in einer Gesellschaft, und konnte nun nach dem ersten Blick das Auge kaum wieder abwenden von diesem jugendlichen Gesicht, voll Züge sanfter Wehmuth und eines stolzen Ernstes, der mit der einfachen, kindlichen Demuth ihres Wesens sonderbar verschmolzen war. Er sah jetzt den geistvollen Blick ihres großen dunklen Auges, das sich unter der langen Wimper so sinnvoll hob und so zart jungfräulich senkte, und wenn er sich gleich einräumen mußte, man könne dies Gesicht übersehen, so blieb es ihm dafür desto unbegreiflicher, wie ein Auge, das einmal auf dieser Gestalt geweilt habe, nicht immer unwillkührlich zu ihr zurückkehre. Er näherte sich ihr und knüpfte ein Gespräch an; ihr Erröthen, das Beben ihrer Stimme, das Senken ihrer Augen vor seinem Blick, und mehr noch, die tiefe innige Empfindung, die jedes ihrer Worte beseelte, bestätigten ihm, was er sich beim ersten Blick gesagt hatte: Sie ist es!
Am andern Morgen ging er zu ihrer Mutter, sie zu einer Schlittenparthie für den Nachmittag einzuladen, und bat zugleich um die Erlaubniß, Natalien fahren zu dürfen. Sehr gern, erwiederte sie, wenn Sie meine Tochter nur bereden können, mitzufahren. Sie klingelte und ließ Natalien rufen. In ihrem einfachen, weißen Morgenanzug, in der noch ungeregelten Fülle ihrer braunen Locken, in der holden Verlegenheit bei ihrem Eintritt und in dem noch holdern Erröthen, mit dem sie seine Bitte bewilligte, erschien sie ihm sehr reizend. Natalie war jetzt gewiß, von ihm erkannt und geliebt zu seyn, und dies Bewußtseyn hob sie mit Wunderkraft zu einem stillen Selbstgefühl, das ihr die Würde und die Anmuth lieh, die das Mißtrauen gegen sich selbst bis jetzt in ihr unterdrückt hatte.
Er fuhr sie am Nachmittag und fand sie in den sinn- und gemüthvollen Aeußerungen ihres Gesprächs ganz dem Bilde entsprechend, das er sich früher von ihr entworfen hatte. Je mehr er das aber erkannte, je mehr staunte er über sie, da es ihm, der alles für den äußern Schein berechnete, und der die Eitelkeit für das erste Lebensprincip der weiblichen Seele hielt, unbegreiflich war, daß man Tugenden und Talente vorsätzlich verschleiern, und sich an ihrem Besitz genügen lassen könne, ohne Prunk damit treiben zu wollen. Er zeigte ihr eben so fein als gefühlvoll die zarteste innigste Liebe, und sie genoß des unaussprechlich süßen Glückes, ihren Werth und ihre Bildung von dem Manne geehrt zu sehen, dessen Achtung das höchste Ziel ihrer Wünsche war. Er sprach ihr viel von sich, und sie faßte ihn ganz in dem wunderbaren, romantischen Lichte auf, in dessen Beleuchtung er sich ihr zu zeigen für gut fand, und wurde so mehr und mehr ein freudiges williges Opfer eigner Verworrenheit und fremder Verruchtheit.
In Natalien tönte die Unterredung auf der Hinfahrt den ganzen Nachmittag und Abend nach. Sie war bewegt durch die leidenschaftliche Sehnsucht nach einem Herzen voll Liebe, die Rudolf ihr gezeigt hatte, und hielt sich für betrübt, da sie doch eigentlich nur glücklich war. Die Freude unterschied sich in ihr vom Schmerze nur durch die süßere Thräne, und ihr Herz war mit dem Kummer so vertraut, daß sie jetzt auch der schönsten Stunde seinen Trauerkranz gab. Und als sie am Abend wieder mit Rudolf nach Hause fuhr, wurde ihr der gestirnte Himmel, das eilige Hinfliegen über die beschneiete, eingefrorne Erde, das Geläute der andern voraufgeeilten Schlitten, alles, zu bedeutenden Bildern, die ihr Herz noch schwerer machten und beklemmter. Rudolf erweichte sie noch mehr durch den Vergleich ihrer heutigen Fahrt mit dem Leben, wo man auch bei heiterm Sonnenschein ausfahre und die Nacht dann so schnell komme — und wie der Mensch nur durch die innre Wärme sich in der Jugend gegen die äußre Kälte schütze, und dann allmählig, allmählig zur Eisstatue erstarre, weil ja kein zweites Herz das seine decke und erwärme. —
Nataliens Thränen flossen — in ihrer Seele stand der Gedanke: o sage ihm heute, wie er geliebt ist — aber als er, ehe noch das sprachlose Herz Worte finden konnte, sich zu ihr herunter bog und fragte, ob sie, die er seit Jahren so heiß, so treu und einzig liebe, auch noch jetzt ihm unbekannt bleiben wolle? — da —
Seelige Natalie — verhülle nach dem leisen zitternden Laute deiner Antwort nur immer das überfließende Auge tiefer in den herabgesunknen Schleier! — Ach, Du warst ja nur so seelig, weil Du einen Glücklichen gemacht zu haben glaubtest! —
Ja wohl rollt ihr hinweg, ihr schönen, himmlischen Minuten der jungen Liebe und des frischen Lebens — doch wohl dem, der auch heilig genossen hat! Ihm wird das Morgenroth seiner frühern unvergeßlichen und unersetzlichen Hoffnungen und Wünsche dann im öden Lebenswinter zum Abendroth, das sich wie eine höhere Aurora um das kalte, einsame Grab legt. —
Von diesem Abend an lebte Natalie nur für ihn, und auch er fand sich in diesem ungetheilten Besitz ihres Herzens befriedigter denn je. Mit der schwärmendsten Vergötterung hieng sie mit allen ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, mit allen Wünschen, Hoffnungen und Freuden ihres Lebens an ihm. Die Freiheit, deren sie im elterlichen Hause genoß, gab Rudolf Gelegenheit, sie täglich auf ihrem Zimmer zu sehen, und in diesen Stunden stiller Unterhaltung entfaltete ihr Geist seine schönsten Blüthen. Kam die Mutter einmal herauf, so fand sie Natalien am Flügel, wo Rudolf mit seiner Flöte oder Violine ihr Spiel begleitete; oder vor Nataliens Staffeley; oder Rudolf las ihr auch vor, und unterrichtete sie im Englischen, das er sehr schön und fertig sprach. Sie dankte ihm denn herzlich für seine Bemühung, und Rudolf ging, mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit, so ganz in ihre Ansichten ein, daß sie ihre Tochter bald nirgends so gut aufgehoben glaubte, als in seiner Gesellschaft. Auch trug er wirklich nicht wenig zu der hohen, seltenen Geistesbildung bei, die Natalie späterhin unter den Weibern so vereinzelte, aber für ihr eigentliches innres Leben, das bei dem Weibe doch nur im Gemüth schön gelebt wird, trug dieser Umgang nur schädliche Früchte. Die ungetrübte kindliche Unschuld und Demuth des Mädchens, die stille jungfräuliche Würde ihres Benehmens, ihre Begeisterung für Alles, was ihrem Sinn, als schön, edel und groß, entgegen kam, und ihr Herz voll der allerinnigsten, reinsten Liebe, wurden für ihn eine Schule weicher Menschlichkeit, die oft einen Abglanz wahren Gefühls auf ihn warf; aber für Natalien wurde die gewaltsame Spannung seiner geistigen Kräfte, in der sein Innres immer fortbebte, und er oft von der weichsten Sentimentalität zur Lustigkeit, von Begeisterung zur possenhaften Laune überging, und mit allen Affekten nur ein Spiel trieb, sehr gefährlich. Bewundernd, wo sie nicht fassen konnte, eignete sie sich von ihm unvermerkt die Fähigkeit an, Genuß darin zu finden, Andere über sich zu täuschen, und einen angenommenen Karakter wie eine Rolle, mit Kunst und Feinheit, durchzuführen. Der Uebergang von der bisherigen Wahrheit ihres Karakters — ihre Verschlossenheit war nie Verstellung — bis zu diesem Punkt, war so langsam, daß er von ihr fast unbemerkt blieb, und wo denn in ihr ein Resultat dieser Aenderung ans Licht trat, da nannte er es Ausbildung und Entwickelung — und wie sollte sie es nicht auch dafür halten, da es ihr von ihm, den sie als den ersten der Menschen in ihrem Herzen trug gekommen war? —
Doch ein so tief gesunkner Mensch wie Rudolf konnte nicht mehr die Fähigkeit besitzen, durch Tugend, Liebe und Wahrheit beglückt zu werden. Auf Stunden konnte er sich mit seinen erlogenen Gefühlen täuschen; aber das Band zwischen ihm und diesen Gottheiten war zerrissen, und in seiner Seele nichts mehr, woran es sich von neuem hätte knüpfen können: denn in ihm war keine Wahrheit mehr. So wurde es ihm denn bald Bedürfniß, durch Nataliens treue einfache Liebe seiner Eitelkeit zu fröhnen, die leidenschaftliche Innigkeit derselben zur Schau auszustellen und ihre Bildung für sein Werk auszugeben. Von seiner Liebe, von seinem Beifall beseelt, sollte das bis jetzt ganz unbeachtete Mädchen plötzlich alle überstralen, und bald bittend, bald gewaltsam, entriß er Natalien den Schleyer, worin sie ihre Tugenden, ihr Herz, ihre Talente hüllte. Er sprach jetzt laut und bewundernd von ihr, zeigte in Gesellschaften gern und nicht immer zart seinen Einfluß auf sie, verrieth ihre Kenntnisse, ihre Talente, und zwang sie, da andre zu verdunkeln, wo sie bis jetzt freiwillig im Schatten gestanden hatte. Für sie wurde ihre Liebe zur Sonne, die alle bis dahin schlummernden Kräfte ihres Geistes und ihrer Seele zur freudigsten Thätigkeit weckte, und sie wurde durch die plötzliche, von Rudolf herbeigeführte, Aenderung ihres Standpunktes im geselligen Leben durchaus nicht eitel, weil sie sich alle ihr dargebrachte Huldigungen nur als ein von ihm entlehntes Eigenthum aneignete, und nur seine Freude daran, seinen Stolz darauf, genoß. Ihre Demuth wurde Bescheidenheit, aber in ihren Reden und in ihrem Benehmen blieb sie das einfache, freundliche Mädchen, voll Achtung für jedes fremde Talent, das sie neidlos ehrte und noch immer gern dem ihrigen vorgezogen sah. Sie sang jetzt in mehrern Concerten mit dem entschiedensten Beifall — ihre Gemälde und Stickereien prangten in der Kunstausstellung der fernen Residenz — einzelne ihrer Gedichte und Compositionen erschienen in mehreren der gelesensten Journale, und Rudolf sorgte trefflich dafür, daß die Chiffer, mit der sie ihre Arbeiten unterzeichnete, nicht unbekannt blieb. Er erreichte seinen Zweck, die Augen der ganzen Stadt wandten sich auf Natalien, die man als sein Werk, sein Geschöpf, anstaunte. Fremde suchten die Bekanntschaft des geistvollen Mädchens, und wer sich Natalien nur mit Neugierde genaht hatte, verließ sie mit Achtung für die Güte des Herzens und für die Innigkeit des Gefühls, die alle ihre Handlungen beseelte, und Kleinigkeiten oft einen zauberischen Werth lieh, der sie dem Herzen unvergeßlich machte. Sogar ihr Vater hörte jetzt so viel von ihr sprechen, wurde auf seinen häufigen Reisen so oft nach ihr gefragt, daß er die Neugierde nicht unterdrücken konnte, seine Tochter kennen zu lernen. Sein Ton gegen sie verlor das Harte, das Geringschätzende, und ohne zärtlich zu werden, ward er anständig und höflich, da sie ihm, außer ihren Talenten, für die er wenig Sinn hatte, auch in andern ihn mehr interessirenden, Fächern zu genügen, und ihm ihre Unterhaltung angenehm zu machen verstand. Die Landwirthschaft war seit einigen Jahren sein Steckenpferd: Natalie las viel darüber, machte für ihn Auszüge aus neuen, in fremden Sprachen für dies Fach geschriebenen, Werken, und fand bald selbst Interesse daran. Hiedurch gewann sie außerordentlich bei ihm; er fing ordentlich an, sich auf diese Tochter etwas zu Gute zu thun und sie zu achten. Die Mutter hing mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an ihr und hatte unbedingtes Vertrauen zu Nataliens Karakter und zu ihrem Herzen, dessen Weichheit ihr allein bekannt war.
So verrannen einige glückliche Monate. Allgemein glaubte man Natalien mit Rudolf verlobt, und er lebte selbst mit ihren Eltern in der Sicherheit eines solchen Verhältnisses, da er seine Liebe für Natalien gar nicht verhehlte, und seine Hoffnung, ihre Hand zu erhalten, oft und deutlich aussprach. Ihre große Jugend und von seiner Seite die Nothwendigkeit, erst seinen Ruf und seine Praxis zu gründen, ehe er an eine häusliche Einrichtung denken konnte, schienen es zu rechtfertigen, daß er seine förmliche Anwerbung noch verschob. Natalie lebte in dieser Hinsicht in der sorglosesten Ruhe, fest überzeugt, er werde zur rechten Zeit darüber reden, und so lange er schweige, müsse es schöner und besser seyn, darüber zu schweigen. Auch sprach sich in ihrem Verhältniß zu ihm die Zartheit ihrer Empfindungen so schön aus, daß das Wort Liebe nur sehr selten unter ihnen genannt wurde, und daß er, trotz des täglichen ungezwungnen Beisammenseyns kaum einmal ihre Lippen berührt hatte. Er ehrte zuweilen das Sittlichschöne, wenn es ihm ästhetisch schön erschien — darum ließ er Natalien in dieser zarten Reinheit, die auch für die Minute des höchsten Vertrauens und der zärtlichsten Liebe nur seelenvolle Blicke, nur eine gefühlvolle Thräne, aber selten Worte, und nie mehr, hatte.
Rudolf, der fast keinen Unterschied zwischen der Bühne und dem wirklichen Leben kannte, interessirte sich lebhaft für die Errichtung eines Liebhabertheaters. Es kam zu Stande; aber alle seine Versuche, Natalien zur Annahme einer Rolle zu bewegen, blieben fruchtlos, da ihr Vater sich durch einen Machtspruch bestimmt dagegen erklärte, und Rudolf mußte die Hoffnung aufgeben, seine Natalie auch auf der Bühne glänzen zu sehen.
Hier traf er wieder mit Louisen zusammen, die er, bis zu seiner nähern Bekanntschaft mit Natalien, ausgezeichnet hatte, und dann, auf eine für ihren Stolz sehr demüthigende Art, verließ und vernachlässigte. Sie war jetzt die Verlobte des Jägermeisters Rhode, eines guten, schlichten, sehr reichen Mannes, der stolz darauf war, das schönste Weib im ganzen Lande sein zu nennen. Und dies war Louise unwidersprechlich! — ein Meisterstück der schaffenden Natur, werth durch Pinsel und Meißel den schönsten Kunstidealen zugesellt zu werden. Auch der Geist, der diesen Körper belebte, war nicht alltäglich, aber von Jugend auf für Glanz und Gefallsucht erzogen, — kannte sie kein höheres Glück, als von ihrem Geschlechte beneidet und bewundert, von dem männlichen vergöttert, beide die übermüthige Herrschaft ihrer Schönheit empfinden zu lassen. Dies war der Zweck, für den sie alles berechnete, an dessen Erreichung sie ihr ganzes Leben setzte, und auf diesem Wege war ihr Natalie feindlich begegnet! — Wie sie unter den Weibern, ragte Rudolf unter den Männern hervor. Gewohnt, alles, in Bewunderung, sich vor ihr beugen zu sehen, war er, dessen Blick, Benehmen und Miene so deutlich verriethen; ich lasse nie über mich herrschen — eine neue Erscheinung für sie, die ihr einer nähern Beobachtung werth schien. Er näherte sich ihr — sie that alles, um ihn zu fesseln, ließ sich sogar herab, die Täuschung, die ihn ihr zuführte, zu benutzen, ohne die Gefahr zu ahnden, der sie sich Preis gab. Die stolze, gefühllose Louise fühlte, ihm gegenüber, zum erstenmale, daß sie ein Herz hatte. Sie war im Begriff, sich zu verheirathen, und nicht modisch genug erzogen und gesinnt, um sich vor oder nach ihrer Heirath eine ernstliche Intrigue erlauben zu wollen, so wenig sie auch, auf der andern Seite, Willens war, auf den Genuß, sich gehuldigt zu sehen, Verzicht zu leisten. So nahm sie dies Erwachen ihres Herzens für Gefühl befriedigter Eitelkeit, obgleich der leise Wunsch: ach stände Rudolf an Rhodens Stelle! ihr wohl hätte verrathen können, was sie fühlte — aber eine bittre, schmerzliche Empfindung sollte sie erst später mit dem Geheimniß ihres Herzens bekannt machen.
Es war in einem von Rudolf veranstalteten Liebhaber-Konzert, als Natalie zum erstenmale öffentlich auftrat. Louise sang eine recht hübsche Romanze — sie endigte, — und jetzt führte Rudolf aus einer der letzten Reihen Natalien vor. Mit sittsamer Anmuth trat sie zum Orchester, und ihr holdes Erröthen sicherte ihr im Voraus die Nachsicht, mit der die Zuhörer einen jugendlichen schülerhaften Versuch aufnehmen zu müssen glaubten. Welches Erstaunen ging aber durch den Saal, als sie, mit ihrer reinen, vollen, kunstmäßig ausgebildeten Stimme, eine der glänzendsten und schwersten italiänischen Arien mit einer Sicherheit, Präzision und Rundung vortrug, die bei einer Dilettantin Bewunderung erregte und verdiente. Ihr Gesang erweichte und gewann ihr alle Herzen und sie erhielt ungetheilten Beifall. Louise wurde darüber mit ihrer Romanze ganz vergessen. Sie fühlte das, und es kostete sie Mühe, in das allgemeine Lob mit einzustimmen. Aber als Rudolf, dessen Eitelkeit ihren Haß gegen Natalien forderte, zu ihr trat, diese enthusiastisch lobte, und sie mit einer an Unart gränzenden Kälte verließ, weil er nur Auge, nur Ohr für Natalien hatte, fuhr sie mit einer ihr bis dahin fremden Bitterkeit im Herzen zu Hause. Unwillig riß sie beim Auskleiden die Blumen aus dem Haar — ich liebe ihn nicht, rief sie heftig, ich hasse ihn — ja wahrhaftig ich hasse ihn — aber ungestraft soll er mich nicht mit seiner Vorliebe für dies Gänschen verhöhnen. Ich will ihn zu meinen Füßen sehen, und mein spottender, triumphirender Blick soll mich dann rächen!
Sie versuchte jetzt manches, ihn wieder an sich zu ziehen; aber jeder Versuch mißlang, und das Gefühl gekränkter Eitelkeit, gekränkter Liebe, rächte jetzt alle die, mit deren Herzen sie früher oft, im Bewußtseyn ihrer Macht, so grausam gespielt hatte. Sie wollte ihn jetzt vergessen, und beredete Rhode, mit ihr, gleich nach ihrer Verbindung, eine Reise zu machen, von der sie nur, beim Eintritt des Winters zurück kamen. Ihr Stolz hatte ihr nie erlaubt, sich zu gestehen, daß sie Rudolf liebe; nur ihre Eitelkeit wähnte sie durch diesen Abfall von ihr, der Rose, zu der farb- und geruchlosen Feldblume gekränkt, und glaubte, es sich selbst schuldig zu seyn, ihm fühlbar machen zu müssen, wie er sich in unbegreiflicher Blindheit vergriffen habe. Willkommen war ihr daher das Liebhabertheater, das ihn ihr wieder näher führen mußte. Es wurde mit Menschenhaß und Reue eröffnet. Rudolf spielte den Baron Meinau, Louise seine Gattin. Ihr kunstvolles, richtiges Spiel, gehoben durch den Wiederschein eines ihr selbst unbekannten Gefühls, und durch den Zauber ihrer auf dem Theater unwiderstehlichen Schönheit, erwarb ihr den rauschendsten, an Vergötterung gränzenden Beifall, den Rudolf in seiner Rolle mit ihr theilte, und der beiden für die Folge die ersten Rollen sicherte.
Beide waren eitel — beide fanden Genuß in dieser trunkenen Anerkennung ihres Kunsttalents, und das Gefühl, daß sie sich auf der Bühne als Folie gegenseitig nicht entbehren konnten, führte sie bald auch im Leben näher zusammen. Sie wollte ihm gefallen — und er? — o Louise, um deinetwillen ziehe ich einen schonenden Schleier über dies Gewebe weiblicher Schwäche und männlicher Buhlerey. Das erste erwachende, von Dir selbst verkannte, Gefühl Deines Herzens, führte Dich irre und Du wurdest, wo Du Dich geliebt glaubtest, nur das Opfer besonnener Unwürdigkeit! —
Natalie sah ihn anfänglich weniger oft — dann selten und immer seltener; doch sie wußte, daß er, als Directeur des Liebhabertheaters, viel zu thun habe, und daß das Studium seiner Rollen ihn gleichfalls Zeit koste. Seine häufigen Besuche im Rhodischen Hause galten ihr für das, wofür er sie ihr gab, für Privatproben. Auch theilte sie — so sehr gerecht gegen jedes fremde Verdienst, enthusiastisch für Kunst und Talent eingenommen — seine Bewunderung Louisens, und sprach diese oft lauter und wärmer aus, als er es zu thun wagen durfte. Sah sie ihn doch noch zuweilen, und dann zärtlicher als er je gewesen war! Ihr Vertrauen zu ihm blieb ungetrübt vom leisesten Zweifel und sie gegen ihn arglos und leichtgläubig wie ein Kind.
O wäre er nur wahr gegen sie gewesen! — sie wäre mit tiefer Trauer von ihm geschieden; aber sie wäre dann sanft und kindlich geblieben; sie hätte ihn entschuldigt, um ihn, auch getrennt, fortlieben zu können. — Ach, verlorenes Glück der Liebe thut wehe — doch Wollust ist dieser Schmerz gegen das Gefühl betrognen Glaubens und gemißbrauchten Vertrauens, — und kommt der Pfeil aus der Hand des Geliebten, dem wir unser ganzes Herz gaben — ach dann bringt uns keine irdische Zukunft den geraubten Frieden wieder zurück! —
Rhode wurde auf Louisens häufigen Umgang mit Rudolf aufmerksam. Man brauchte einen Deckmantel dafür, und wer taugte dazu mehr, als Natalie? Ihr argloses Vertrauen hatte Louise gegen Rudolf so oft Dummheit gescholten, seinen Feuergeist so oft im lächerlichen Contrast mit Nataliens heiliger Einfalt ihm dargestellt, daß er anfing, sich der Achtung zu schämen, die er bis jetzt für sie gefühlt hatte. Die Idee, seine Verbindung mit Louisen unter Nataliens Schutz fortzuführen, erschien ihm im Lichte einer feinen geistreichen Intrigue, und er führte Louisen bei Natalien ein, welche sie, auf seine Empfehlung, mit zärtlicher Zuvorkommenheit empfing. Zum erstenmal genoß Natalie der Annehmlichkeit, mit einem geistvollen liebenswürdigen Weibe nicht bloß Worte, sondern auch Ideen wechseln zu können, und sie gab sich daher mit voller Herzlichkeit der schönen Frau hin, die sie an Werth und Reiz so hoch über sich stellte, daß sie in ihr ein Vorbild zum Nachstreben sah. Ihre Liebe für Rudolf sprach sich so unverkennter in jedem Blicke, jedem Worte aus, er war so sichtlich die Seele ihres Lebens und ihres ganzen Daseins, daß Rhode in ihrer Verbindung mit Louisen die gründlichste Widerlegung seines Argwohns zu finden glaubte. Nataliens Güte, ihre einfache Anspruchlosigkeit, ihre Bescheidenheit, ihre Achtung fremden Verdienstes, auch dann, wenn es schimmerlos war, machten sie ihm, der sich von seiner Frau oft übersehen, und durch ihren Geist überflügelt fühlte, sehr theuer. Sie war jetzt fast täglich in seinem Hause, und Rudolf fand in diesen verwickelten Verhältnissen eine neue Würze seines Verständnisses mit Louisen, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Faden dieser Intrigue noch feiner und künstlicher auszuspinnen, wobei er auf Rhodens sichtbar werdende Neigung zu Natalien rechnete. Die Unfähigkeit dieser, irgend jemand zu täuschen, die heilige Treue ihres eignen Herzens, erhielt sie noch im Frieden unumschränkten Vertrauens zu dem Geliebten und der Freundin, als Treulosigkeit, Verrath und Arglist sie schon mit unzerreißbaren Fäden umsponnen hatten.
Nataliens Vater entschloß sich, jetzt, mit dem Frühjahr, sein Gut selbst zu beziehen, und sie wurde nun von den Eltern ernstlich über ihr Verhältniß mit Rudolf befragt. Erröthend bat sie die Mutter, ihr jede fremde Einmischung darin zu ersparen, deren sein Herz nicht bedürfe und die das ihrige verwerfe. Schonend und leise deutete diese auf seine seltneren Besuche und seine sichtliche Auszeichnung Louisens, die ja schon der Stoff allgemeinen Stadtgespräches sey. Natalie stritt — aber sie fühlte selbst das Unbefriedigende ihrer Antwort auf die einfache Frage der Mutter, warum er jetzt, bei der Annäherung ihrer bevorstehenden Trennung von ihm, nicht die Einwilligung der Eltern suche? — doch erhielt sie das geforderte Versprechen, ihr allein die Lösung des Knotens zu überlassen.
Diese Unterredung hatte sie schmerzlich angegriffen. Sie fing an, sich zu gestehen, was sie schon lange mit stillem Gram gefühlt hatte, ohne sich Rede darüber stehen zu wollen, daß es zwischen ihm und ihr nicht mehr so sey, wie ehemals, ohne daß sie dem, was sich zwischen ihre Herzen gezogen hatte, einen Namen zu geben wußte. Es war wie ein Nebel — wollte sie es ins Auge fassen, es untersuchen, so war es fort — und dann doch wieder da, so ängstigend, so beklemmend. Sie gestand es sich ungern und nur versteckt und geheimnißvoll, daß er sie vernachlässige — aber warum? — unmöglich, unmöglich konnte sie den Argwohn erregenden Verdacht ihrer Mutter theilen — sie schämte sich seiner — sie hätte sich verachtet, hätte er nur einen Moment in ihr haften können. — Lieber gab sie sich alle Schuld — wähnte, nur in ihr wohne der Argwohn — der Freund sey rein und edel und fest, und sie schon unwürdig, wenn sie dem leisesten Zweifel an ihm, dem Trefflichen, dem ach! so unaussprechlich Geliebten, auch nur ihr Ohr leihe. Dann trat sie ihm zuweilen mit Blicken so voll innigen Vertrauens, so voll treuer, unwandelbarer Liebe, entgegen, daß die Rinde um sein Herz zersprang, und er wieder der Alte seyn wollte. Doch eben diese Erweichung, dies Gefühl des Unrechts gegen sie, machte ihn dann so leidenschaftlich heftig, daß Natalie schüchtern vor seinen stürmischen Ergießungen zurückwich. So kamen sie immer weiter aus einander — nur die todte Form ihrer Verbindung bestand noch; die Seele der Liebe und des Vertrauens war ihr entflohen, und um Natalien wurde es unbeschreiblich trüb und einsam.
In dieser Stimmung war sie, als Rhode eines Morgens mit funkelnden Blicken, mit blassen verstörten Zügen, zu ihr eintrat, und ihr Rudolfs Briefe an seine Frau zuwarf. Ein Kammermädchen dieser hatte sich mit ihr überworfen, und in der ersten Aufwallung ihrer gereizten Bosheit, Rhoden entdeckt, was sie von dem Verständniß seiner Frau mit Rudolf erlauscht, errathen, und gewußt hatte. Er forderte Beweise und erhielt die Briefe, die er jetzt Natalien brachte. Sie entfaltete sie mit der höchsten Seelenangst — aber bei den ersten Zeilen schon überhüllte eine Ohnmacht schonend das gebrochene Herz, und sie sank erbleichend in Rhodens Arme. Das schmerzlichste Mitleiden mit ihr, die ihm viel theurer war, als er selbst wußte, regte seine Wuth noch heftiger auf. Bube! rief er knirschend, den Schmerz dieses Engels sollst Du mir, so wahr Gott lebt, schwer büßen! und, ohne ihr Erwachen abzuwarten, klingelte er ihrem Mädchen und ging.
Natalie schlug die Augen wieder auf, und schauderte, daß es Tag und Sonnenschein um sie war. Stumm und ohne Thränen las sie jetzt langsam die Briefe durch, und erhielt die Ueberzeugung, daß Rudolf nicht nur treulos gegen sie, das Weib eines Mannes, den er Freund nannte, verführt, sondern auch planmäßig darauf gerechnet habe, Rhode durch sie zu beschäftigen, und ihn dadurch gegen sein Verhältniß mit Louisen blind zu machen.
Da stand sie nun an einem Abgrund, in den sie sich, mit der ganzen Gewalt ihrer Empfindungen, hineinstürzte. Gränzenlos, wie ihre Liebe, war auch ihr Schmerz; ohne Thränen, ohne Klage, ohne Vorwurf, wühlte er in seiner eignen Tiefe, und alle freundlichen Gestalten des Lebens schieden von ihr.
Sie blieb den Tag einsam auf ihrem Zimmer, und saß gegen Abend wie vernichtet in der Ecke des Sophas, als sich leise die Thüre öffnete, und Rudolf eintrat. Mit dem Ausdruck des Schreckens stand sie auf, — blaß, von Schaam und Demüthigung entstellt, sah sie ihn zögernd ihr näher treten, die ernst, stolz und kalt vor ihm stand.
Ich fühle, wie unwürdig ich vor Ihnen stehe, fing er mit jener leisen, tiefen Stimme an, deren Gewalt über Nataliens Herz er kannte; daß ich aber, trotz dieses Gefühls, hier erscheine, beweiset, daß ich nie aufgehört habe, Sie für größer als Ihr Geschlecht zu halten.
Ersparen Sie sich jede fernere Unwürdigkeit — mir jedes Wort, und verlassen Sie mich.
Nicht eher, als bis ich die Bitte ausgesprochen habe, die mich herführt, und die mein und Louisens Schicksal in Ihre Hände legt.
In meine Hände? fragte Natalie ernst.
In Ihre, weil ich weiß, daß da, wo die Pflichten der Tugend enden, die der Größe und des moralischen Heroismus beginnen, und welches Herz war je mit diesen vertrauter, als das Ihrige? — wäre Louise Ihnen fremd, Sie würden Ihr reines Auge von ihr abwenden; aber jetzt, wo Sie von ihr beleidigt sind, steht der Mann, der das Herz eines Engels verwundete, mit der Zuversicht der Erfüllung seiner Bitte vor Ihnen.
Die ungewöhnlichste Handlungsweise war für Natalien da, wo es auf Selbstverläugnung, Opfer und Edelmuth ankam, nur die gewöhnlichste, und in diese Seele konnte nie ein Gefühl des Hasses oder der Rache kommen. Rudolf fand sie ganz anders wie er sie sich, da er ihre Liebe für ihn und die Weichheit ihres Herzens kannte, gedacht hatte. Nur die schmerzliche Blässe des Gesichtes deutete auf Kampf und Gram — ihr Ton, ihre Haltung, ihr ganzes Wesen, sprach strengen, ehrfurchterregenden Ernst aus.
Reden Sie, sagte sie, und setzte sich. Nicht so sehr sein Anblick, als die Entwürdigung des früher so hoch verehrten Mannes, erschütterte sie. Hätte er entseelt zu ihren Füßen gelegen, es hätte sie nicht so peinlich ergriffen, als diese moralische Entstellung, in der er jetzt, gedemüthigt, ihr gegenüber stand.
Rhode ist entschlossen, sich so öffentlich als möglich zu rächen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er in Louisen sich selbst mit beschimpft. Morgen schon soll sie sein Haus verlassen, und die Scheidungsklage dann gleich beim Consistorium eingereicht werden. Mir hat er eine Ausforderung zugesandt; es bedarf keiner Versicherung, daß ich es nicht aus Feigheit scheue, sie anzunehmen, obgleich, wenn man sich, so wie er und ich, in diesem Fall gegenübersteht, um Tod und Leben gespielt wird, — aber Nataliens Herzen lege ich die Frage vor, welches Loos des Ueberlebenden und Louisens wartet? — Kann diese, wenn er fällt, die Hand des Mörders annehmen, ohne auf ewig mit der Meinung zu zerfallen? — Kann ich ihr die meine reichen, wenn dieser blutige Schatten sich zwischen uns stellt? — Falle ich, so wird Rhode vielleicht im Gefühl gesättigter Rache einige Zeit Befriedigung finden — aber ist er, der weiche einfache Mensch, geschaffen, dies Bewußtseyn auf die Dauer zu tragen? — soll ich sterbend noch den Fluch auf ihn legen, ihn heimathlos durch die Welt zu jagen? — Sie kennen die Strenge unserer Duellgesetze, und ich weiß auch, wie Ihr heller Geist über Duelle denkt.
Haben Sie mir einen Ausgang aus diesem Labyrinth zu zeigen?
Rhode ist beleidigt; ich will mich nicht rechtfertigen; der leidenschaftliche Irrthum weniger Augenblicke kostet mich das einzig wahre Glück meines Herzens — doch darf hier so wenig von meinen Empfindungen, als von meiner Schuld die Rede seyn, sondern nur von der Verpflichtung, mein Unrecht zu vergüten, so viel ich kann. Nur in Louisen kann ich Rhoden Vergütung anbieten, und ich bin bereit, mir diese, von Schande und Reue geschmiedeten, Fesseln der schimpflichsten Leibeigenschaft anlegen zu lassen — aber, so wahr ich lebe! wenn Rhode seinen Plan, Louisen durch die öffentliche Bekanntmachung ihres Fehltrittes zu beschimpfen, nicht aufgiebt, so bin ich verloren. Entehrt darf meine künftige Gattin vor den Augen der Welt nicht seyn, wenn sie je meinen Namen führen soll — daher hier mein Vorschlag. Rhode kommt unter irgend einem Vorwand beim Kabinette um die Scheidung ein; Louise geht bis zu ausgemachter Sache zu ihren Eltern zurück. Daß sie geschieden werden, kostet Sie bei Ihrem Onkel, dem Präsidenten, nur ein Wort — und ich gebe dann Louisen meine Hand, wenn diese Wahl der Welt Werk der Freiheit und keiner erniedrigenden Nothwendigkeit zu seyn scheint. Glücklich werden wir nicht mit einander seyn — doch werde ich nie die Schonung vergessen, die ich ihr schuldig bin. Schlägt Rhode aber dies Anerbieten aus, so treffe ich morgen mit ihm an der Gränze zusammen, und das Grab deckt dann entweder meine Schuld, oder verschlingt auch ihn mit seiner Rache. In beiden Fällen lege ich Louisens Ruf in Ihre Hände. — Auch Sie, Natalie, werden versöhnt seyn, wenn ich falle, und vielleicht dann den Mann bedauern, dem, wenn er leben sollte, Ihr Bild zur unerbittlichen Nemesis werden würde. — Ja, Natalie, hasse mich, verachte mich; nur fühle wie es mich treibt, mein Leben als Sühnopfer für Dich entströmen zu fühlen. —
Heftig weinend war er vor ihr nieder gesunken — sie trat in stiller ernster Fassung einen Schritt zurück; noch heute, sagte sie, werde ich mit Rhoden reden, und Sie sollen am Abend um den Erfolg dieser Unterredung wissen.
Mit einer ausdrucksvollen Neigung des Kopfes verabschiedete sie ihn mit diesen Worten. Er wollte fortreden — sich entschuldigen — da faßte sie ihn mit einem Blick, vor dem er, wie die feige Schuld vor dem Blick des unbestechlichen Richters, erröthete, und, ihr gehorchend, hinweg floh. —
Die Kraft, mit der sie ihm ihren Schmerz verbarg, der feste, edle Stolz in ihrem, sonst so kindlich weichen, Betragen, und die reine Güte, mit der sie bereit war, wohlzuthun, wo Tausende an ihrer Stelle geflucht hätten, liehen ihr in seinen Augen neue Reize. Er schwor sich, sie in die alten Fesseln zurückzuführen, und zweifelte nicht, sie versöhnen zu können, da sie ihm auch jetzt blieb, was sie ihm immer gewesen war: ein Spiel für seine Eitelkeit, eine reizende und seltene Erscheinung für seine Phantasie, deren poetische Natur und idealisches Wesen ihm ein ästhetisches Wohlgefallen einflößten, das er selbst zuweilen, wie z. B. in dieser Stunde, für Liebe hielt.
Natalie sprach Rhoden noch denselben Abend, und da er seine Frau wirklich geliebt hatte, und zu den Menschen gehörte, die nur in der ersten Aufwallung des Zornes die Energie fester Entschlossenheit haben, wurde es ihr leicht, ihn zur Milde und Schonung zu stimmen. Ihre Fürsprache selbst wurde ihm zum Beispiel, und da er sie unbeschreiblich achtete, zur Regel seines Betragens. Louise, deren Ehrgefühl vor dem Gedanken einer öffentlichen, für sie so schimpflichen, Scheidung zurückbebte, und die, von guten Eltern erzogen, nur leichtsinnig, nur versunken, nicht verloren, ein Opfer ihrer Leidenschaft für Rudolf geworden war, fühlte jetzt die ganze Unwürdigkeit ihres Fehltrittes und den Werth der großmüthigen Schonung ihres Gatten. Sie erfuhr, daß sie diese Natalien verdanke, und schrieb ihr einen Brief voll Reue und tiefer Rührung. „Laß mich Dich,“ bat sie am Schluß desselben, „vor Deiner Abreise noch einmal sehen, damit Dein Anblick mir den Glauben schenke, daß die Tugend sich nicht auf ewig von ihrer gefallnen Tochter zürnend abgewandt habe.“
Natalie antwortete ihr freundlich, schlug es aber, so schonend als möglich, ab, sie zu sehen. „Ich muß,“ schrieb sie ihr, „alle Erweichungen und Spannungen meiden — darum darf ich Dich nicht sehen. Allein die Versicherung kann ich Dir geben, daß ich Deiner ohne Groll und ohne Bitterkeit gedenke. Nicht fallen, Louise, darf und soll vielleicht nicht der Stolz des schwachen Menschenherzens seyn; vom Fall wieder erstehen ist oft schwerer und schöner. Ueber mein Schicksal mache Dir keine Vorwürfe. Glaubst Du mir aber einigen Ersatz schuldig zu seyn, war ich Dir je wirklich theuer: so laß Dich durch diesen Vorfall nicht zum Verzweifeln an Dir selbst hinreißen. Deine Reue bethätige sich durch ein künftig schöneres, fleckenloses Leben. Als gute Gattin, treue Mutter, kannst Du noch einst achtungswerther werden, als Du es je als Louise Rhode warst, und mein inniger Antheil wird Dich durch ein solches Leben begleiten.“
So milde sie aber auch gegen Louisen gestimmt war, so fruchtlos war jedes Bemühen Rudolfs, von ihr ein Zeichen der Theilnahme des heftigen Schmerzes, oder nur des Hasses, zu erzwingen. Nach einigen Wochen schon sollte sie ihre Eltern aufs Land begleiten, und er bot, für diesen kurzen, ihm noch vergönnten, Zeitraum, seine ganze Kunst auf; aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem Ernst und der fremden Höflichkeit, mit der sie ihm nicht einmal auswich, aber jeder Erinnerung an die Vergangenheit abgestorben zu seyn schien. Zu tief, zu schmerzlich war sie verletzt; zu viel alte Wunden hatte er wieder aufgerissen, als daß sie es sich selbst hätte abgewinnen können, um die Tiefe, die zerstörende, bodenlose Tiefe ihres Schmerzes, wissen zu wollen. Nicht seine Untreue; sein Unwerth gab ihr Kraft. Der Stolz ihres Bewußtseyns hob sie zu hoch über ihn, und sie fühlte so oft: dieser Mann ist nicht werth dein Herz zu brechen, dein Karakter darf nicht sein Raub werden, daß es ihr das Vertrauen auf ihre Kraft und jene Herrschaft des Willens gab, die in solchem Kampfe den Sieg zu erringen vermögen. Man sah sie in ihrem äußern Benehmen wenig verändert; der Ernst in ihrem Wesen war noch immer milde, und der etwas sichtbarere Ausdruck desselben konnte füglich auf Rechnung der bevorstehenden Trennung von ihrem bisherigen Wohnort gesetzt werden. Willig barg sie auch die tiefen Wunden ihres blutenden Herzens, im Gewühl der Abschiedsfeste, die die letzten Wochen ihres Aufenthalts ausfüllten, und die ganze Kraft ihrer Seele wucherte für die Ueberzeugung, daß mit ihrer Achtung auch ihre Liebe erstorben wäre. Ihr Gram war kein Wurm, der den Boden umwirft und die Staude umkehrt, sondern ein Insekt, welches in den feinen, verborgenen Röhren der Pflanze nagt, bis die Blume verbleicht, abfällt, und stirbt. —
Rhode war täglich bei ihr, und die große Sorgfalt, mit der er und sie gemeinschaftlich alles unterdrückten, was Louisens Ruf nachtheilig werden konnte, verschaffte dem Gerücht Eingang und Glauben, daß Rhode’s Scheidung Folge einer ganz freundschaftlichen Uebereinkunft zwischen ihm und Rudolf sey, Braut und Frau mit einander zu vertauschen. Natalie fühlte, wie sehr Rhode’s täglich sichtlicher werdende Anhänglichkeit, und ihr häufiger Umgang mit ihm, dies, für sie höchst kränkende, Gerücht, zu bestätigen scheinen mußte, und schlug ihm eine Reise vor. Er errieth ihre Bewegungsgründe, und willigte zart und liebend ein, sie auf zwei Jahre zu verlassen, ohne ihr selbst zu verrathen, wie schwer ihm diese Trennung wurde.
Natalie liebte ihn wie einen Bruder, und sie versank nach seiner Abreise, die sie ganz vereinzelt zurückließ, in einen Zustand finsterer Betäubung und starrer Fühllosigkeit, der ihr selbst das Bewußtseyn des Schmerzes nahm. Sie schien ruhig, und glaubte selbst es zu seyn. Ohne Thräne, mit kalter Fassung, schied sie von dem Schauplatz ihres bisherigen Lebens. Am Morgen ihrer Abreise rief sie vor Sonnenaufgang ihrem Mädchen, sie noch einmal nach dem Kirchhof zu begleiten, wo ihres Bruders Grab war. Dieser Abschied erweichte sie — wehmüthige, hofnungslose Sehnsucht nach seinem tiefen festen Schlaf ergriff sie, und die Ahndung, ihr Herz werde nie wieder ruhig und leicht werden, so lange es in ihrer Brust schlage. — Der Rückweg führte sie vor Rudolfs Hause vorbei. Es war früh vier Uhr; alle Fensterladen der Straße waren noch uneröffnet; alle Thüren verschlossen. Nur auf dem Fenster seines Schlafzimmers lag golden der Wiederschein desselben Morgenrothes, das eben das Grab ihres Bruders erleuchtet hatte. Unter dem Vorwand der Müdigkeit — ach sie war es im andern Sinn ganz! — sank sie auf die hohe, steinerne Thürschwelle nieder, und hier lösete sich plötzlich ihre starre Unempfindlichkeit in gränzenlosen, leidenschaftlichen Schmerz auf. Sie kühlte die brennenden Augen an dem kalten, feuchten Stein, und fühlte es mit zerreißendem, plötzlich sie mit Qual der Verzweiflung durchzuckenden Bewußtseyn, daß er wissentlich ihr Herz, ihr Glück, ihre Liebe, in den Staub getreten hatte, wie morgen unwissentlich diese Thränen, die sie um ihn weinte. —
Und in diesem Gefühl erkannte sie schreckend, daß sie ihn, den Verachteten, noch liebe! — Diese Minute traf ihr innres Leben. —
Zweiter Abschnitt.
Der Jugend Glück entflieht mit Beben
Vor des Gedanken strengem Blick,
Und furchtbar rauscht um unser Leben
Dein Köcher, eisernes Geschick!
Nataliens neuer Wohnort war lieblich und angenehm; aber sie hatte keinen Sinn mehr für seine stille, reizende Ländlichkeit. Der Geist sanfter Gefühle und milder Schwermuth war ihr entwichen, und ihr Gemüth rang gewaltsam mit dieser Umschaffung ihres innersten Wesens. Durch und durch war sie verändert. Stumm, verschlossen und kalt gegen Alles, was sie umgab, schien sie auch alle Liebe zur Kunst und Wissenschaft verloren zu haben, und mit ihrem Denk- und Empfindungsvermögen nur auf wenige herzzerreißende Erinnerungen und Gedanken beschränkt zu seyn. Die einzelnen verlornen Worte und Aeußerungen, die wie Blitze zuweilen ihr verstörtes Gemüth enthüllten, deuteten den finstersten Gram und den bittersten Unmuth gegen das Leben an. Ihr Geist, der im Umgang mit Rudolf unvermerkt von der schönen Wahrheit des Gefühls und der Idee abgewichen war, deren ein Weib bei ungestörtem Frieden so wohlthätig genießt, gab sich nun spitzfündigen Grübeleien hin, die sie mehr und mehr verleiteten, das Leben und seinen Zweck so verächtlich als möglich aufzufassen.
„Weg,“ sagt sie auf einem damals von ihr niedergeschriebenen Blatte, „weg mit jedem Trost, mit jeder Hoffnung, weg mit aller Resignation. Soll ich mir durch diese geistige Medizin noch Farbe und Leben anlügen, wenn ich den Tod im Busen trage? Der Schleier, der mir die Welt und das Leben schonend barg, ist zerrissen — ich habe die Wirklichkeit hinter ihm erblickt, und werde von ihrem Anblick nie wieder gesunden. Leben, deine Vampyrn lauschen unter Rosen versteckt — Deine Freuden wehen uns Kühlung zu, damit der Stachel unbemerkt desto tiefer in das arglose Herz dringe, und uns desto schmerzlicher verwunde. Aber ich habe diese Rosen sich entblättern sehen — und kenne Dich nun Du höhnischer, spottender, lügender Traum, den ich jetzt mit Ekel nur fortträume, weil ich muß, und weil es mich nicht reizt, ihn auf einer andern Erde noch einmal von neuem zu träumen. Die armseligen Zufälligkeiten des Glückes haben meine Blicke, meine Wünsche, nie auf sich gezogen — einem schöneren, höheren Traume vertraute ich den Gehalt meines Daseins an, und die Ideale meines Herzens waren zugleich seine Ideale. Wenn es eine Vorsehung gäbe, wenn Tugend und Liebe ein wirkliches, außer meiner Vorstellung gegründetes, Dasein hätten: so müßten sie erröthen vor meinen Hoffnungen, und vor der Treue, mit der ich sie umfaßt hatte — nur für sie lebte ich; vor den Phantomen meiner eignen Phantasie beugte ich die Knie und betete an, was ich selbst erschaffen hatte! —“
„Schreckliche, schreckliche Stunden, in denen ich begreifen lernte, daß unsre Irrthümer und Verbrechen, wohl mehr als unsre Tugenden, die Absicht des Schicksals seyn mögen — denn warum, warum sonst diese jämmerliche Welt, voll Kummer und Verzweiflung, diese Wüste des Elends ohne Hoffnung? — Was kann mir das Wesen gelten, dessen Wille in ihr das Gute statt des Schlechten hervorbrachte, und Fluch und Verzweiflung austheilte, wo es in seiner Macht stand, Seegen und Liebe zu spenden? — Der Mensch muß nun so leichtsinnig, so blind, so schwach seyn, damit er nur nicht seine Blicke auf das Geheimniß seines Daseins wende, und durch seine eigne Hand die Erde wieder entvölkere. Die Vernunft würde den Selbstmord heiligen, wenn die Thierheit sie nicht unterjochte — doch ach! dem Unglücklichen bietet selbst das Grab keine Zuflucht dar — für ihn ist keine Rettung, keine Hoffnung, so weit Zeit und Ewigkeit reichen: er kann sich nicht vernichten! — Stürze Dich in das Weltmeer, springe in die lodernde Flamme — die tyrannische Macht, die Dich zum willenlosen Spiel ihrer Willkühr schuf, hält Dich an unzerreißbaren Fäden, und erweckt Dich wieder zu demselben jämmerlichen, und doch in seiner Jämmerlichkeit so furchtbar ernsten, Spiel, das man auf Erden Leben nennt! — Ewig dasselbe Einerlei, nur mit den Decorationen einer andern Sonne und vielleicht auch einer andern Organisation — denn, wenn es anders, edler, schöner sein kann, sein soll, warum, warum denn nicht schon hier, da die Allmacht zum Guten in der Hand des schaffenden Wesens lag? —“
„O hätte er dieser Welt nur die Liebe gelassen — was wäre denn alles Weh der Erde? Sie würde uns mit Allem versöhnen und jede Dissonanz des Lebens in himmlischen Frieden auflösen! — Aber Du bist mir untergesunken, holder Stern, und kannst nie wieder heraufleuchten aus Deiner Nacht — Du warst nur ein täuschendes Irrlicht. Vertrauen dürfte der Mensch nur dann Deinem Zauber, wenn er ein Werk der Willkühr, ein Tribut der Tugend wäre, dann hätte er in Dir das Diplom seines Adels, die Bürgschaft für die Wahrheit seines Glaubens an die geistige Welt. — Jetzt aber buhlst Du mit dem Laster und grollst mit der Tugend — ich verwerfe Dich!“
„Ich bin jetzt ruhig. Der Sturm der Leidenschaft ist vorüber, und gefallen sind seinem Wüthen alle Blüthen seeligen Wehes und süßer Schwärmerei, die ehmals mein Leben schmückten. — Ich bin ruhig und still wie das Grab, das auch die Gestalt des ehmals Lebenden empfängt, und Moder und Verwesung ausspeiet, wenn es geöffnet wird. — O wenn ich zuweilen um Mitternacht noch mein Fenster öffne, meine brennenden Augen an der kühlen Nachtluft zu erfrischen, und die weite unendliche Ferne, in der nichts mehr wohnt, das ich an mein Herz ziehen dürfte, in stillem Sternenlichte vor mir liegt: dann überfällt mich eine ungestüme, heftige, hoffnungslos in mir lautaufschreiende, Sehnsucht nach den entblätterten Gefilden meiner Vergangenheit. Ich möchte dann zu seinen Füßen sinken und flehen: gieb mir meinen Glauben zurück; täusche mich noch einmal, aber tödte mich, eh’ die Täuschung sich enthüllt.“
„Ich kann nie wieder werden wie ich war. Noch könnte ich sterben für eine, für eine einzige Minute der Vergangenheit, wie ich Stunden an seiner Hand, seinem Herzen, gelebt habe. Ich möchte all meinen Schmerz, all meine Verzweiflung in ein Wort, einen Schrei zusammenfassen, und damit entseelt zu seinen Füßen niederstürzen. —“
„Was soll mir das Leben? was soll ich der Welt? — Wie ein übergrüntes Schlachtfeld liegen beide vor mir. Tausende wandeln heiter und sorglos auf dem, aus Blut aufgesproßten, Rasen; aber mir deckt er seine Todten auf und den stummen Jammer, der unter ihm begraben liegt, und ich irre schaudernd auf ihm umher. Nur Du, letzter einschlingender Strudel dieses Lebens, Du Erdenge zwischen diesseits und jenseits, dunkles, einsames Grab, bietest mir freilich keine Hoffnung, keinen Trost, aber doch eine Zuflucht, die mich mit einem Bilde der Ruhe und des Schlummers täuscht. — O öffne Dich mir bald — zieh mich hinab — verhülle das gebrochene Herz — schließe das Auge, das keine lindernde Thräne mehr hat, sondern nur stummen Jammer! —“
In dieser finstern Stimmung verrannen ihr Monate. Ihre Eltern glaubten sie krank, und die Todtenblässe ihres Gesichtes, das in lesbaren Zügen die Geschichte ihres gebrochenen Herzens zeigte, bestätigte diesen Wahn. Man zog einen Arzt zu Rathe; sie klagte über nichts, und nur die Thränen ihrer Mutter erhielten es von ihr, daß sie von den verordneten Mitteln Gebrauch machte. Schon seit einigen Monaten hatte sie Elisen ganz von sich entfernet und ihre Eltern dringend gebeten, sie der edlen Rudolphi anzuvertrauen, die das holde Wesen, das so ganz Natur und Liebe war, gern unter ihre Zöglinginnen aufnahm. Natalie sollte jetzt, da der Arzt es zur dringendsten Nothwendigkeit gemacht hatte, für ihre Aufheiterung und Zerstreuung zu sorgen, ihre Mutter auf diese Reise nach Heidelberg begleiten. Die Veränderung des Schauplatzes, und der Anblick der herrlichen Main- und Neckargegenden, durch die ihr Weg sie führte, wurden für Natalien sehr wohlthätig, und die vielen Thränen, mit denen Elise von der geliebten Schwester schied, wirkten noch wohlthätiger auf ihr Herz. Sie konnte, wenn sie das holde Kind, mit dem weichen, liebevollen Herzen, an ihren Busen nahm, nicht verzweifeln an Menschenherz, und was sie in spätern Jahren so unauflöslich an Elisen band, war die dankbare Erinnerung an die vielen trüben Stunden, in denen sie, wie ein Genius, Natalien durch die Gewißheit ihrer Liebe und Treue emporgehalten hatte.
Die zärtliche Sorge der Mutter, die liebevolle Schonung, mit der sie Natalien, zart und milde, wie nur eine Mutter es zu thun vermag, zu erheitern und zu trösten suchte, ohne je durch eine Frage das wunde Herz zu pressen, konnte für diese nicht verloren gehen. Die Ueberzeugung, die sich ihr mit der unwiderstehlichen Kraft der Wahrheit aufdrang, daß ihre Mutter ihrer zu ihrem Glück bedürfte, gab ihrem verblichenen Leben wieder, durch den Beruf, für ein fremdes Glück zu leben, Farbe und Gehalt. Die Mutter glaubte, zweckmäßige Thätigkeit werde sie am ersten heilen, und folgsam gegen ihre Wünsche, trat Natalie nach ihrer Zuhausekunft, in eine, ihr fremde, Laufbahn häuslicher Geschäftigkeit und thätiger Sorge für Andre. Die Ungebundenheit, mit der sie bis jetzt unumschränkt Herr ihrer Zeit gewesen war, verschwand, da ihre Mutter ihr die Besorgung der innern Wirthschaft übergab. Doch zog diese Thätigkeit sie mehr von der Beschauung ihres Innern, der Enthülsung des Lebens, ab, als daß sie sie zu heilen, und zur würdigeren Ansicht beider zurückzuführen vermocht hätte.
Natalie führte den Haushalt, unter der Anleitung ihrer Mutter, mit musterhafter Ordnung, und erwarb sich bald eine ziemlich vollständige Kenntniß desselben. Auch die Feldwirthschaft, von der sie früher manche theoretische Kenntnisse eingesammelt hatte, lernte sie nun practisch kennen, da sie, dem Wunsch ihres Vaters zufolge, sich an das Reisen gewöhnte; ihn täglich auf ihrem flinken Pferdchen zu den Arbeitern begleitete, mit und für ihn, viele, zu diesem Fach gehörende, Werke las, und noch mehr mit ihm und andern erfahrnen Landwirthen darüber sprach. Auch vertraute ihr der Vater bald die Berechnung eines beträchtlichen Theils seiner Einnahme und Ausgabe, mit Bestimmung eines ansehnlichen Gehaltes, an. Ihr Steckenpferd aber wurde die Obstbaumzucht, die sie als Mittel, den armen Unterthanen ihres Vaters wohlzuthun, liebte, so wie sie auch die ganz vernachlässigte Schulanstalt dieser Güter zu heben wünschte, und gemeinschaftlich mit dem Prediger dafür sehr thätig war. Diese mannigfache Beschäftigung, die jede Kraft ihres Geistes in Anspruch nahm, und sie vor aller leeren Träumerei und Grübelei bewahrte, wirkte vortheilhaft auf ihr Innres, und auch ihr Aeußeres gewann durch den Genuß der reinen Landluft, durch die viele Bewegung, und durch die übertünchte Ruhe ihres Herzens. Sie wurde jetzt wirklich ein sehr reizendes Geschöpf, mit einem stolzen, edlen Wuchse, einer seelenvollen Physiognomie und dem schönsten Colorit blühender Jugend. Gewiß hätte sie sich auch auf diesem Wege wohlthätiger Güte und zweckmäßiger Thätigkeit wieder zurecht gefunden im Leben, wenn ihr Genius sie vor der verderblichen Macht eines fremden Einflusses bewahrt hätte, für dessen Gift sie, wie sie es nach ihren bisherigen Schicksal seyn mußte, nur zu empfänglich war.
Dem leidenschaftlichen, verheerenden Sturm in ihrem Innern war jetzt eine Ruhe der Erschlaffung, eine Apathie der Gefühllosigkeit, gefolgt, die sie sich zu prüfen scheuete, weil das Andenken der erduldeten Qual sie von jedem festen Blick auf ihr inneres Leben zurückschreckte. Ihre Eltern sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause, und bildeten sich zwey sehr verschiedene nachbarliche Zirkel, in denen Natalie, auf dringendes Zureden der Mutter, oft erschien.
Der eine bestand aus mehreren Beamten, Pächtern, Predigern und bürgerlichen Gutsbesitzern; der andre aus dem Adel der Gegend und den Officieren eines in einer nahen Stadt stehenden Regiments. In dem ersten Zirkel gefiel sich Natalie sehr gut; sie fand die Frauen anspruchlos, die Mädchen munter und gutmüthig, die Männer mitunter gescheut und kenntnißvoll. Das ungekünstelte Wohlwollen, mit dem sie einfachen Menschen so herzlich und freundlich entgegen kam, gewann ihr bald alle Herzen; und entfernte die Scheu, die ihre höhere, feinere, Bildung im Anfang eingeflößt hatte. Sie sprach mit den Müttern so verständig, war zu Rath und That immer so rein gutmüthig, ohne alle Ansprüche, bereit, wo sie dazu aufgefordert wurde, ließ sich selbst so willig und dankbar belehren, daß sie allen lieb wurde. Den jungen Mädchen flößte sie bald Vertrauen ein; sie zeichnete ihnen Muster zu ihren Stickereien, lehrte sie feine Handarbeit machen, schnitt ihnen die neuesten Kleidermuster zu — kurz, wer sie in diesem Zirkel sah, wo sie oft in einer Stunde mit den Männern von Kleebau und Stallfütterung, auch wohl mit einem der Prediger über Gegenstände der Litteratur und der Kunst, und mit den Frauen und Mädchen von Kohl und Wurzeln, Gänsen und Eiern, Mähen und Erntecollationen mit Interesse und freundlicher Aufmerksamkeit sprach, mußte sie lieb gewinnen. Auch war sie in diesem Zirkel allgemein geliebt, und galt jedem Einzelnen, in seinem Sinn, für ein Muster weiblicher Vollkommenheit.
In dem andern Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs fand sie hingegen Eitelkeit, Sinnlichkeit, Kleinlichkeit und das jämmerliche Wesen des engherzigsten Egoismus, wie es allenthalben, wo man sich zur großen Welt rechnet, angetroffen wird, und auch, wie gewöhnlich in diesem Kreise, mit dem Firniß äußrer Kultur überdeckt, und mit Sinn für Kunst und Talent aufgeputzt. Ihr Geist fand hier oft angenehme Nahrung, und sie lernte jetzt das Laster und das Unrecht in seiner glänzenden, schimmernden Hülle kennen, die es in der Jugend so schwer macht, es als Laster und Unrecht zu erkennen. Der Ruf ihres Geistes und ihrer Talente war ihr voran gegangen, und die beiden glänzensten Meteore dieses Zirkels, Mariane von Polliet und Graf N. kamen ihr mit achtungsvoller Auszeichnung entgegen, damit, bei der Verbindung mit ihr, Nataliens Licht mit ihrem blendenden Schimmer Eins werde und keiner seine eigenthümliche Hülle bemerke.
Mariane verband mit einem kalten Herzen ein heißes Blut; aber mit der feinsten Buhlerei wußte sie beides unter dem Schleier strenger Dezenz und tiefen Gefühls zu verhüllen. Die Geschmeidigkeit ihres Geistes verstand sie als Feinheit, ihre Unbesonnenheit als Offenheit, ihre Maliçe als Witz, geltend zu machen. Sie besaß einen äußerst leisen, geübten Tact für jede fremde Individualität, und paßte derselben ihre Plane künstlich und verschlagen an. Nataliens Ernst im Benehmen gegen Männer, ihre Gleichgültigkeit über den Eindruck den sie machte, reizten oft Marianens Spott, die ihr dann ihr System über Liebe und Lebensgenuß anpries.
Die Liebe, wiederholte sie ihr unermüdet, die Liebe, wie Sie sie sich denken, macht uns Weiber immer unglücklich. Wir stehen unter dem Druck eines harten Naturverhängnisses, welches unser Herz, durch seine größere Reizbarkeit, Fühlbarkeit und Weichheit, von der Herrschsucht der Männer abhängig macht, wenn wir nicht die Kunst verstehen, uns, und dadurch sie, zu beherrschen. Glauben Sie mir, liebe Natalie, je reiner, zarter und treuer wir sind, je weniger passen wir für die heutigen Männer, denen die Liebe zur Fabel geworden ist, und die nur ihre Sinnlichkeit, oft sogar nur ihre Eitelkeit, gereizt fühlen, wo sie uns gerne überreden möchten, daß wir geliebt sind. Im ersten Fall täuschen sie sich oft selbst, und wer darf mit ihnen darüber rechten, da die Natur nun einmal bey ihnen diese nahe Verwandtschaft zwischen Herz und Blut stiftete? — aber im letztern wollen sie nur täuschen. Unter tausend Männern gibt es kaum Einen, dem die Ruhe, das Glück eines Weiberherzens, heilig sind; dagegen fünfhundert vorsätzliche planmäßige Verführer, — und von den übrigen haben nur wenige den Vorsatz, einer Versuchung widerstehen zu wollen, — alle tausend aber die gemeinschaftliche Aehnlichkeit, daß sie auch der schwächsten unterliegen.
So lassen Sie uns denn, sagte Natalie ernst, unser Herz für die willkürlichen, schöneren Regungen der Menschenliebe und der Freundschaft aufbewahren, und uns nicht der Gefahr aussetzen, es zum Spielwerk eines Unwürdigen zu verschleudern.
Im Ernst, Liebe, das wäre eben so häßlich und tragisch, wie ein Frühling ohne Blüthen und Nachtigallen. Lassen Sie uns lieber den Gesichtspunkt für die Liebe aufsuchen, wo wir gefahrlos mit ihr — spielen können, wie die Aegyptischen Damen mit den Schlangen, die sie zur Kühlung im Busen tragen. Es ist ja unsre Schuld, wenn wir vergessen, daß Amor ein Kind ist, und wir also mit ihm spielen sollen und müssen, ohne mit dem muthwilligen Buben altklug thun, oder ihm gar — wie Sie mir Lust zu haben scheinen — eine Alongenperücke aufsetzen, und ihn darin eine Heldenrolle spielen lassen zu wollen. Das rächt sich wie jede Unnatur, und paßt höchstens für eine einfältige Landnymphe, die mit ihrem zärtlichen Schäfer, nach dem verjüngten Maaßstaab von Herkules und Herkuliska, ihren Roman spielt. Ein solches Gänschen mag ihr Herz in Thränenwasser aufweichen, und es ihrem Geliebten, mit Seufzern und Vergißmeinnicht zierlichst empfindsam garnirt, überreichen. — Dem denkenden Weibe aber sey die Liebe nur eine vorübergehende Thorheit, ein, zum angenehmen Lebensgenuß nothwendiger, Zusatz, durch Geist und Grazie verfeinert und pikant gemacht. Unsre Unschuld, unser Ruf, unsre Ehre, sind das Eigenthum des künftigen Gatten, wodurch wir von ihm Rang und Vermögen erkaufen, und Pflicht sey es uns, sie ihm zu bewahren, wenn auch nur aus Dankbarkeit, daß er uns die Judengasse unsrer Mädchenetikette aufschließt. Gefallsucht ist aber als Quintessenz der weiblichen Liebenswürdigkeit erlaubt, und ein ganz nothwendiges Ingredienz reizender Weiblichkeit, die nichts als eine weise geistig-körperliche und körperlich-geistige Kunst ist, den Männern zu gefallen und sie zu beherrschen.
Nein, sagte Natalie hier schmerzlich entrüstet, Sie lästern die Liebe und das reine Gemüth des Weibes; die Männer mögen seyn, wie Sie sie schildern — ich weiß es nicht — aber unter uns giebt es noch Herzen, die lieber brechen, als sich von unheiligen Empfindungen entweiht fühlen möchten. — —
Sie schwieg hier, und ihr, nur auf der Oberfläche erstarrtes, in der Tiefe noch für alles Große und Schöne der Menschheit glühendes, Herz spiegelte sich in der Thräne, die sie Marianen zu verbergen suchte. Diese sah sie mit einem gutmüthig spottenden, höchst reizenden, Lächeln an. Wissen Sie, fragte sie, wie ich mir diese Schwärmerei empfindsamer Seelen erkläre? — sie heißt mir der Fanatismus der Empfindeley, und sie ist auch mit den Erscheinungen jeder andern Art von Fanatismus so übereinstimmend als möglich. Je mehr der Fanatiker für seine Wolkengöttin thut und leidet, je theurer wird sie ihm, und die Gewohnheit sie anzubeten, däucht ihm bald so Wink seiner innersten Natur zu seyn, daß er es für Schande halten würde, zu fühlen und zu denken, wie andre gesund-vernünftige Menschen. Eben so geht es den Schwärmern und den Schwärmerinnen in der Liebe; die reine Geistigkeit, die vorgebliche Ewigkeit ihrer Gefühle, der seynsollende göttliche Ursprung derselben, wird ihnen zum point d’honneur — aber — aber — armes Kind, wenn Sie wüßten, wie irdisch sich der geistig-geschlungene Knoten gemeinhin löset! — Die Natur, die, früher oder später, über diese Unnatur siegt, bewirkt, daß dieser Kothurn doch nur für den Zweck, den sie der Liebe gab, wuchert. Ist dieser erreicht, so wird aus der tragischen Epopoe eine burleske Posse, und es ist daher sehr rathsam, die Stelzen gleich anfangs wegzuwerfen. Es gab vielleicht einst eine Zeit, wo die Liebe sich in dieser Gestalt zeigen mußte, wo das schalkhafte Kind zum Götterjüngling herangereift zu seyn schien — das war aber am Ende ein poetischer Traum — wir sind erwacht, und diese alte Zeit wird nie wieder neu werden. Die höhere Bildung, die gereifte Vernunft unsrer Zeiten, hat aus der einförmigsten, übellaunigsten Leidenschaft eine allerliebste, lustige Thorheit gemacht, und unsre Schuld allein ist es, wenn ihr heitrer Schein uns zum Irrlicht wird. —
Natalie schauderte vor der Frechheit dieser Aeußerungen zurück, und wandte sich dann zu N. den sie schon, vor der persönlichen Bekanntschaft, als sentimentalen, für die uneigennützigste Tugend, für Liebe, Wahrheit und einfachen Lebensgenuß, begeisterten Dichter geliebt und geschätzt hatte. Aber mit unbeschreiblichem Erstaunen lernte sie jetzt in ihn einen praktischen Epikuräer und den gefälligsten Verfechter jeder eignen und fremden Schwäche kennen.
Er traf sie einst bey einem Besuche allein zu Hause; er fand sie lesend, und, als sie den Kopf, bey dem Geräusch seines Eintrittes, wandte, sah er in ihren Augen noch die Thränen der schönen Rührung, mit der sie gerade einen Aufsatz von ihm über die wahre Schönheit gelesen hatte. Erröthend legte sie das Buch weg; doch verstimmter denn je, für den geistreichen, gelehrten Ton seiner Unterhaltung, der ihr heute wehe that, zeigte sie ihm, was sie gelesen hatte, und fragte ihn offen und treulich, wie er diesen Widerspruch seines innern und äußern Lebens in sich dulden könne?
Es wäre schlimm, antwortete er ihr, wenn die Poesie mich dem wirklichem Leben entfremdete, und ich von ihren bunten Schmetterlingsflügeln die Kraft fordern wollte, mich durch die Welt zu tragen.
Also, fragte Natalie bestürzt, gilt Ihnen diese Begeisterung für Schönheit und Wahrheit, dies Suchen und Ergreifen des Umwandelbaren im wandelbaren Leben für nichts mehr als für ein leeres Spiel der Phantasie, ohne alle Realität?
Wahrlich, sagte er nach einigem Schweigen, wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, daß Täuschung über diesen Punkt sich unausbleiblich selbst zerstört, und dann viel schmerzlicher, als es die warnende Stimme des Freundes zu thun vermag; wenn ich es nicht für bedeutenden Gewinn hielte, die Welt und Menschen, so früh als möglich, in ihrer wahren Gestalt kennen zu lernen: so würde ich es mir zum Vorwurf machen, den Zauber zu zerstören, den Ihre holde Phantasie dem Leben leiht. Ach, meine Freundin, fuhr er inniger fort, es ist noch keinem Menschen vergönnt worden, an diese Träume zu glauben, bis das Grab ihn vom Lande der Träume scheidet. Früher oder später tritt die Wirklichkeit in ihrem abschreckenden Ernst vor uns, und zeigt uns die geträumten Ideale als Götzenbilder, bei deren abentheuerlicher Gestalt der reifere Mensch nur weilen kann, wie bei dem Schaukelpferde und der Puppe, die ihn in der früheren Kindheit ergötzten. Auch Ihre Stimmung, Ihre Reinheit, Ihre Schwärmerei werden Ihnen, liebe Natalie, nicht bleiben, wie sie noch keinem geblieben sind, der, mit ihnen ausgerüstet, in die Welt trat. Diese Tugenden sind liebliche Chimären, Erzeugnisse des heißen jugendlichen Herzens, die, wie jede andre Blüthe, mit der Jugend verschwinden würden, wenn auch keine Erfahrung und Einwirkung von außen sie zerstörte. Der ältre Mensch wird kühler, besonnener — seine Pulse klopfen milder, seine Phantasie malt blasser, und ihm bleibt von seiner Jugendschwärmerei nur eine süße — oft aber auch sehr bittre — Erinnerung, und zuweilen der stille Seufzer, daß sie nicht dauern konnte. Weh also dem, der sein ganzes Leben an diese Träume vergaukelt! — Nie können sie daurendes Glück gewähren und das Bedürfniß des Glückes wird mit jedem Jahre stärker und leidenschaftlicher im Menschen. — Bei Ihrer jetzigen Sinnesweise können Sie, liebe Natalie, nicht der Gefahr entgehen, irgend einmal, von allen Ihren Schwärmereien verlassen, dazustehen, ohne alle Mittel, sich wieder mit dem Leben und Ihrer Erkenntniß der Wirklichkeit zu versöhnen. Jetzt scheint es Ihnen leicht und groß, ohne alle Ansprüche auf Lebensgenuß, nur für kalte Pflichten und fremdes Glück zu leben — aber es wird eine Zeit kommen, Natalie, wo Sie Ihre Rechte und Forderungen an Glück und Genuß tief, tief, fühlen werden; wo von dem ganzen System Ihrer jetzigen Gefühle, die Sie zum Theil für Grundsätze halten, nichts in Ihnen zurück bleiben wird, als die schmerzliche Reue, so viele Vorzüge, so viele Geisteskräfte, die Sie zu einem heitern frohen Genuß des Lebens empfingen, für diesen Zweck unbenutzt gelassen zu haben. Sie können in diesem Augenblick so wenig die Denkungsweise eines spätern Jahrzehends verbürgen, als der Träumer seinen Zustand nach dem Erwachen.
Sie glauben also nicht, unterbrach ihn Natalie, daß in der moralischen Natur des Menschen jene Hinweisung auf ein Gebot der Pflicht liegt, die, wie mich dünkt, allein dem kleinen Leben Werth zu geben vermag. Das Paradies meiner Jugendträume, in dessen Besitz Sie mich noch glauben, ist schon hinter mir versunken — aber eben das erscheint mir als das finsterste, hoffnungsloseste, Geschick, was Sie mir als Lebensweisheit preisen. Giebt es in und außer uns nichts Höheres, als die Freudenblumen irdischen Genusses; so haben wir wahrlich für den Gaumen und den Hunger eines Halbgottes nur Thierweide und Thierspeise. —
Giebt es denn eine Geisteskraft, fragte er, deren Zweck nicht durch die Ausbildung und Verschönerung des Genusses dieses Lebens erreicht wird? — Wie hoch standen nicht die Griechen in Lust und Schmerz, deren geistiger Gesichtskreis sich doch auf dies Leben beschränkte, und deren Tugend, deren Freude, von der Erde ausging und zu ihr zurückkehrte, wie jene Bäume, deren Gipfel sich herabsenken, um zu neuen Wurzeln zu werden. Die Sentimentalität der Neueren — ihr Hinüberspielen dieses Lebens in ein Reich der Ideen und der Träume, ist eine Frucht der Entbehrung und der Sehnsucht. — Der glückliche Grieche, der das Leben wirklich genoß und zu genießen verstand, konnte sie daher nicht haben. Die Natur gab uns Geist und Blut; all das Dunkle unsrer Organisation, was wir so gerne in seiner Unergründlichkeit heilig nennen, sind Aufwallungen des letztern, farbige Seifenblasen des erstern, und die schöne moralische Welt, in der man so lange man jung ist, Anlage hat, den Don Quixote zu spielen, verschwindet wie ein Nebelgebild in farb- und gestaltlosen Duft, wenn uns die reifende Vernunft, durch das Glas der Erfahrung, die Dinge zeigt, wie sie sind, und in der Wirklichkeit seyn sollen. Genießen Sie immerhin Ihrer jetzigen Träume als einer Jugendblüthe; nur vergessen Sie nicht Schillers eben so schönes als gehaltvolles Wort:
Was man von der Minute ausgeschlagen
Giebt keine Ewigkeit zurück. —
Natalie bebte, und lange rang sie mit Ernst gegen den Einfluß dieser Menschen auf sich; aber der Schein des Lächerlichen, den man auf ihre Vertheidigung jedes edlern Zweckes unsers Daseyns warf, machte sie stumm, und ach! diese Menschen waren glücklich und ihr Glück schien die Richtigkeit ihrer Ansichten zu verbürgen. Ermattet vom vorhergehendem Kampfe, ließ sie endlich das Gift dieser Sophistereien unbeachtet in sich fortwirken. Sie faßte das Leben und das Treiben der sie umgebenden Menschenmenge schärfer ins Auge, und ihr Blick, der bis jetzt die äußern Erscheinungen wenig beachtet und nur in der Tiefe eigner Selbstbeschauung geweilt hatte, lenkte sich jetzt auf jene hin. Sie sah nun, wie die Feinheit und Sentimentalität die ästhetische Cultur, worauf die, die sie besaßen, so eitel waren, und die sie selbst bis jetzt für die zarteste Blüthe geistiger Bildung geachtet hatte, ohne innern Gehalt nie in das Gemüth drang, sondern nur auf der leichten Oberfläche des Lebens und des Karakters weilte. Ihr ernster Geist bemerkte mit tiefem Unmuth, wie die Wahrheit selbst zum Vorurtheil herabgewürdigt wurde, weil man in ihr nur den Wiederschein eigner kleiner Persönlichkeit liebte und vertheidigte. Sie sah, wie man sich einander häßlicher Gebrechen unter schönen Namen als Tugenden anrechnete — sie sah das allgemeine Streben nach Glanz und Schein — die knechtische Herabwürdigung des Verdienstes vor den Reichen und Mächtigen — das leidenschaftliche Jagen nach Geld, als den Kaufpreis alles Würdigen, und ihr Gefühl dabei war finstrer, bittrer, verachtender Unmuth. Aber tiefer noch, als diese Unwürdigkeit der Schlechten und Mittelmäßigen, verwundete und schmerzte sie die Verkehrtheit der Besseren, die genug zu haben und zu thun wähnten, an einer Spekulation des Gedankens, die nie in das thätige Leben eingriff, und bei diesem leeren Ideenspiel zufrieden waren, wenn sie sich und andern ihre allmächtige Abkühlung gegen das höhere Interesse der Menschheit, für Ruhe und Reife, ihre Kälte für verständige Besonnenheit, und ihren Mangel an Begeisterung für Klarheit anrechnen konnten. —
Sie stürzte sich jetzt ins Gewühl der Welt und der Menschen, um nach einem Anklang zu horchen, der sie Befriedigung für die immer wieder neu erwachende Sehnsucht ihrer Seele hoffen lassen könnte — vergeblich! vergeblich! — Immer mehr verarmend an jeder schöneren Hoffnung, gereizt durch Beispiel, betäubt durch die Sophistereien eines, eben so falschen als blendenden, Raisonnements, hingerissen von dem Schimmer eines schuldlosen, fröhlichen Leichtsinnes, der nichts höheres wollte, als angenehm tändeln, gab sie sich nach und nach einem rauschenden, eitlen Leben hin, im Wahn, es, sobald sie wolle, wieder von sich weisen zu können, wie sie es jetzt sich aneigne. Das gesellige Leben wurde nun ein glänzender Schauplatz für ihre geistigen Kräfte, und sie bildete es zum reizenden Kunstwerk aus. Was Geist, Freiheit, Grazie und Talente, Liebliches und Anmuthiges, im flüchtigen Vorübergleiten des Lebens, darzustellen vermögen, stellte sie in sich dar, und empfand den Schmerz, daß es Allen, die in ihren Kreis traten, für das Höchste galt, was ein Weib ist sich darzustellen vermöge. Ihr selbst konnte es dies aber nie werden, weil sie, da ihr Gemüth eine Tiefe hatte, die dies Leben nicht zu füllen vermochte, das Gefühl höherer Bedürfnisse nicht zu ersticken vermochte.
Natalie, und mit ihr jede edlere weibliche Seele, kann wohl, als Figurantin, in dem bunten Gewühl des eitlen Weltlebens auftreten, und seine flüchtigen Erscheinungen an sich vorübergleiten lassen; aber sich ihm hingeben und eine Rolle darin übernehmen, kann sie nicht, ohne jene schöne Kindlichkeit einzubüßen, die, wie die Unschuld, nur einmal verloren wird. Nur aus dem Herzen des Weibes keimt sein wahres Leben fröhlich und fromm hervor, wie die Pflanze, durch Sonnenschein und Luft, sich aus dem Keime entfaltet — wo es aber aus Eitelkeit und Weltfreude, oder auch aus dem Geist, aus Raisonnement und Wissenschaft, aufgehen soll, wird es ein Produkt aus dem Treibhause der Unnatur.
Auch an Natalien rächte sich der Irrthum, mit ihrer neuen Lebensweise gefahrlos spielen zu können. Sie fühlte selbst, wie viel Gekünsteltes und Falsches sich ihr wie Kletten anheftete, und was von Andern als die feinste Blüthe ihres Geistes und ihrer Liebenswürdigkeit gepriesen wurde, machte sie mit sich selbst immer uneiniger. Sie hatte nicht den fröhlichen Leichtsinn, mit dem manches weibliche Wesen, eben so gedankenlos als heiter, durchs Leben geht, und wo sie ihn erkünstelte, blieb ihr immer das Gefühl, daß sie etwas treibe, wovon ihr Gemüth unmuthig sich abwende. Je lauter es um sie, je größer und glänzender der Kreis ihrer Bewunderer wurde, dem sie Tonangeberin, Freudenspenderin hieß, desto finstrer wurde es in ihr, und desto trüber die geheime Wehmuth, mit der sie dem, was sie einst gewesen zu seyn fühlte, nachblickte.
So verstrichen zwei Jahre.
Rudolf war schon seit achtzehn Monaten Louisens Gatte, und jetzt wurde sein Bruder Verlobter einer nahen Verwandtin Nataliens, und diese, mit ihren Eltern, zu seiner Hochzeit nach der Stadt geladen, die sie, seit ihrem Aufenthalt auf dem Lande, noch nicht wieder besucht hatte. Rudolf hatte sich, nach ihrer Entfernung, oft unedel über sie geäußert, und auch jetzt lag in dem Briefe, worin er sie, als ernannter Marschall bei der brüderlichen Hochzeitsfeier, zu derselben einlud, unter dem Schein der ehrerbietigsten Höflichkeit, ein leiser triumphirender Spott, der es verrieth, wie er sie noch nicht fähig halte, die an seinen Anblick gebundenen Erinnerungen, ohne tiefe, schmerzliche Erschütterung, zu ertragen. Natalie war entschlossen, die Eitelkeit dieses Menschen, der mit ihrem Herzen ein so grausames Spiel getrieben hatte, zu demüthigen. Ihr Haß, ihr Unwille konnten ihm schmeicheln, wie er es unmuthig empfinden mußte, wenn sie ihn übersah, oder ganz unbefangen sich gegen ihn zeigte, und wissentlich und vorsätzlich bot sie alles auf, ihre Erscheinung in S... so reizend und glänzend als möglich zu machen. —
O, Natalie, was war aus der schönen frommen Einfalt, aus der Demuth geworden, mit der Du ehmals Deine Tugenden verhülltest und um Deinen eignen Reiz nicht wußtest! — Ach, Du hattest nicht allein gelitten — Du warst auch gesunken! —
Die ehmals so stille, schimmerlose, veilchenähnliche Natalie, trat jetzt im Zirkel ihrer alten, städtischen Bekannten, als feine gebildete Weltdame, und in der reizenden, fast üppigen Blüthe jugendlicher Frische und Gesundheit, auf. Sie zog durch die Neuheit ihrer Erscheinung und durch die geschmackvolle Pracht ihres Anzuges alle Augen auf sich, und ihr Geist, ihr Witz, ihr, zur höchsten Feinheit ausgebildeter, Conversationston boten ihr, vereint mit der Grazie ihres Benehmens, unerschöpfliche Hülfsquellen dar, zu fesseln, was sie einmal angezogen hatte. Am Tage ihrer Ankunft schon traf sie Rudolf mit seiner Frau in einer Gesellschaft an. Er näherte sich ihr, sie zu bewillkommen; als sie ihm aber so stolz, so leicht und unbefangen, ohne die leiseste Spur von Verlegenheit und Zwang, entgegentrat, fühlte er sich unerwartet gedemüthigt. Bald aber nahm er sich zusammen, und wollte vor ihr durch seinen Witz und Humor glänzen, und sie das alte Uebergewicht wieder fühlen lassen; sie begegnete ihm indeß auch hier so gewandt, wußte den Gang des Gesprächs so ganz in ihrer Gewalt zu behalten, daß sie auch in diesem Wortgefecht und Witz-Spiel als Siegerin erschien. Mit einer, ihrer ganz unwürdigen, Kunst, schien sie ihn dann ferner gar nicht zu beachten, und wußte doch unvermerkt in seiner Nähe, und wo sie sich von ihm bemerkt fühlte, von neuen Seiten zu glänzen. Täglich fühlte er sich durch sie von einem neuen Zauber umstrickt, dessen Macht die Huldigung, die man ihr allgemein darbrachte, verstärkte. Und von ihr, die ehmals nur für ihn lebte, und voll anbetender Ehrfurcht zu ihm aufsah, fühlte er sich jetzt ganz achtlos übersehen, wo er ihr nicht vorsätzlich in den Weg trat, und dann aufgenommen, wie jeder andre gleichgültige Bekannte! — Seine tief verletzte Eitelkeit brachte ihn zu dem Gefühl, welches früher Nataliens gebrochnes Herz, ihre zahllosen Thränen, ihr unermeßlicher Schmerz, ihre unendliche Liebe nicht in ihm zu wecken vermocht hatten: zur Reue über die Vergangenheit. Jeden Morgen sah er sie von neuem mit der Hofnung, in einem von ihr unbewachten Augenblick zu entdecken, ihre Gleichgültigkeit gegen ihn sey nur Maske; aber jeden Abend schied er, betrogen in dieser Erwartung, von ihr. Natalie war nicht so ganz geheilt, als sie früher es zu seyn gewähnt hatte — die Wunde war geschlossen; aber sein Anblick, und das häufige Zusammenseyn mit ihm, dem noch immer so liebenswürdigen und verführerischen Manne, machten ihr aufs Neue die Narbe fühlbar, und ihre einsamen Augenblicke waren nicht so friedlich und heiter, wie sie selbst es in Gesellschaften zu sein schien. Was ihr Kraft gab, ihre Rolle durchzuführen, war Louisens bleiche, verweinte Gestalt. Natalie hatte ihr längst vergeben und Louise war dieser Verzeihung würdiger denn je. In dem Manne, den sie aus Liebe geheirathet hatte, fand sie den Tyrannen seines Hauses. Mutter einer Tochter, der sie Nataliens Namen gegeben hatte, suchte sie ihre früheren, jetzt von ihr so schmerzlich gebüßten, Verirrungen durch die treueste Erfüllung ihrer Mutterpflichten zu vergüten. Es erschütterte Natalien namenlos schmerzlich, als Louise sie, bei einer großen Gesellschaft in ihrem Hause, nach der einsamen Kinderstube führte, und ihr dort die kleine Natalie in die Arme legte. — —
Gewisse Saiten der weiblichen Empfindung sind so fein, daß sie nur in den unsichtbarsten Schwingungen ansprechen — ihre Bebung aber durch kein Wort ausgesprochen werden darf.
Nataliens Augen wurden naß, als sie das kleine holde Geschöpf, das schmeichelnd seine Arme um ihren Nacken schlang, an ihr Herz drückte — schluchzend sank Louise in ihre Arme — und in dieser Umarmung ohne Worte fanden sich zwei Herzen wieder, die beide eines schöneren Looses würdig gewesen wären. Louisens Unglück schärfte Nataliens Verachtung gegen Rudolf aufs bitterste, und sie hätte ihr Herz lieber zerdrückt, als ihn auch nur auf einen Moment errathen lassen, daß das Gewicht der alten Ketten sie noch zuweilen drücke. Wochenlang hatte sie ja auch schon im Voraus auf ihre Rolle gegen ihn studirt, und der ihr bis zu diesem Zeitpunkt fremde Genuß der Kräfte, die sie jetzt nützte, wurde ihr Entschädigung für den Zwang, den sie sich auflegte. Der Hochzeitstag seines Bruders näherte sich. Am Polterabende desselben erschien sie, in einem, dazu von ihr verfertigten Singspiel, reizender denn je. Die theatralische prachtvolle Kleidung, die vortheilhafte Beleuchtung, ihr himmlischer Gesang, und das sinnvolle Spiel ihrer glänzenden Rolle, hüllten sie in einen Nimbus, der alle Augen blendete. Die ganze Versammlung sah nur sie, und Alles, was sie umgab, schien seine Stelle nur einzunehmen, um von ihr überstralt zu werden. Rudolf fühlte mit bitterm Unmuth, was er in ihr von sich gestoßen hatte, und als sie am Schluß allein vortrat und das Stück mit einer Anrede an das Brautpaar schloß, hieng sein dunkler Blick, leidenschaftlicher glühend, als in den schönsten Tagen ihrer Vergangenheit, an ihr. Unwillkührlich fortgerissen, wurde das Lob, das er ihr sagen wollte, zu so leidenschaftlichen Worten, daß es sie berechtigte, ihre tiefe Verachtung seiner und den so lange bezwungenen Unmuth in den Blick zu legen, mit dem sie sich schweigend von ihm wandte. —
Sie sah den Uebermüthigen, wie vernichtet, vor sich stehen — sie hatte sich diesen Triumph gewünscht, darnach gestrebt — aber mit dem Augenblick seines Genusses entfloh ihr der Genius schöner zarter Weiblichkeit und sie hörte auf, besser zu seyn, als ihr Schicksal!
Sie kehrte mit ihren Eltern zurück, aber ihr verletztes Selbstgefühl, das Bewußtseyn, unwürdig gehandelt zu haben, verfolgte sie; sie haschte, um es zu betäuben, immer eifriger nach dem Genuß befriedigter Eitelkeit, und ihr früheres Beruhen auf eignen Werth entfremdete sich ihr ganz. In dem Zirkel von Hof- und Weltleuten, worin sie jetzt fast ausschließlich lebte, konnte ein Geschlecht, das sie in Rudolf verachten gelernt hatte, ihre Achtung nicht wieder gewinnen; sie hielt sich berechtigt, die Männer zum Spiel ihres launenvollen Uebermuthes zu machen, und fühlte nicht, daß sie sich ihnen zum Spiel hingab, weil der Beifall dieses Geschlechts ihr durch den Aufwand von Geist und Kunst, den sie es sich kosten ließ, ihn zu erwerben, zum Höchsten ihres gehaltlosen Lebens geworden war.
Ihre Eltern wünschten, sie verheirathet zu sehen, und mehrere der angesehensten und rechtlichsten Männer warben um ihre Hand, die sie allen versagte, voll des entschiedendsten Widerwillens, sich je ein Verhältniß dieser Art anzueignen. Unter den Schaaren ihrer Anbeter zog mancher sie an; aber bis zum Herzen drang dieser Eindruck nie. Alle beugten sich unterwürfig vor ihrem Geiste, und huldigten der Herrschaft, mit der sie mehr eroberte und unterjochte, als einnahm und gefiel, und diese Unterwürfigkeit, dies Eingehen in ihre Launen, und die Ansichten, die sie zur Schau trug, ohne daß es wahrhaft ihre Ansichten waren, haßte sie. In ihrer Seele lag die Ahndung eines Wesens, von dem ihr Glück, Genesung, Trost, Veredlung kommen könne, dessen Liebe die Verstimmung ihres Innern in Harmonie aufzulösen vermöge. Sehr bestimmt fühlte sie, diesem Wesen noch nicht begegnet zu seyn; aber sie hielt sich auch nicht mehr der Hoffnung werth, es zu finden. Was konnte sie einem solchen Wesen noch seyn und werden? — Zu edel einst, um nicht selbst ihre jetzige Unweiblichkeit zu fühlen, die Genuß darin suchte und fand, nicht Einem, sondern Allen zu gefallen, sagte sie es sich selbst, der Mann, den sie ihrer Liebe würdig fände, könne nur noch mitleidig in ihr auf die Spuren dessen herabblicken, was sie ehmals war.
Von allen ihren männlichen Bekanntschaften wurde auch nur eine zur bleibenden Erscheinung ihres Lebens, und zugleich Beweis, wie zart sie, trotz der eignen Verstimmung, jede Blüthe einer fremden schönen Individualität ehrte. Der Prediger ihres Dorfes hatte einen jüngeren Bruder, August, dem die Natur zu einem heißen schwärmerischen Herzen das Gegengewicht eines tiefdenkenden Geistes, und ein seltnes Gleichgewicht zarter reiner Empfindung und der Anlage zu ernster Karakterfestigkeit, schenkte. In ländlicher Stille und Einsamkeit von seinem Vater erzogen, trat er jetzt, in seinem achtzehnten Jahr, in eine ihm nur aus seinen Büchern bekannte Welt. Er sollte, ehe er die Akademie bezog, noch einige Monate bei seinem Bruder zubringen, um von dessen Einsichten seine gesammelten Kenntnisse ordnen und sich zur Benutzung der neuen Quellen des Wissens, die ihm binnen kurzem geöffnet werden sollten, Anleitung geben zu lassen. Hier lernte er Natalien kennen. Dem mit Dichterideen vertrauten Jüngling, der von ihrem Geschlecht nichts, als einige ungebildete Prediger- und Pächtertöchter kannte, erschien sie wie ein höheres, durchaus idealisches, Wesen. Ihr Stand und der Luxus ihrer Umgebungen vergrößerten noch die Scheidewand zwischen ihnen, und sicherten ihn vor jedem gefährlichen Eindruck. Natalie fand ihn bald in seinen Kenntnissen und seiner rein poetischen Natur auf, und zeichnete ihn durch freundliche Güte aus. Der Prediger, der sie sehr schätzte, bat für August um die Erlaubniß, ihr elterliches Haus oft besuchen zu dürfen, damit er künftig nicht ganz als Neuling in das gesellige Leben eintrete, und August fand nun Gelegenheit, Natalien fast täglich zu sehen, und das nicht bloß im größern Zirkel, wo sie nur blendete und ihm immer fremd geblieben seyn würde, sondern auch im Familienkreise, und mitunter auf ihrem einsamen Zimmer. Sie ließ sich oft von ihm vorlesen, und knüpfte an das Gelesene Gespräche, in denen sie ihm, mit der zartesten Achtung für seine poetische Ansicht des Lebens, die sie an dem frischen, jugendlichen Gemüth liebte und ehrte, den Schatz ihrer Welt- und Menschenkenntniß öffnete, und mit Verhüllung ihrer düstern Ansichten und bittern Erfahrungen, ihn nur darauf hinwies, poetische Menschen, von den Besten, Weichheit, von Zartheit des Gefühls, Spannung der Leidenschaft, von Kraft und Energie unterscheiden zu lernen. Die innere Bestimmung des Menschen, den hohen Werth des Selbsts, die Kleinlichkeit des Ichs, zeigte sie ihm aus den mannigfaltigsten Gesichtspunkten, als das höchste Kleinod aller Spekulation des Gedankens, aller Bildung, und benutzte die rege Empfänglichkeit des Jünglings für die Lehren eines reizenden weiblichen Wesens, um seine Begeisterung für Liebe, Wahrheit und Pflicht zu läutern und zu nähren. Es that ihr unbeschreiblich wohl, Wahrheiten, deren Läugnen sie nur im Begriffe mit sich herumtrug, ohne daß ihr innerstes Gefühl ihnen je untreu wurde, das Wort zu reden, und sie gewann den Jüngling, in dieser Sorge für seine Bildung, schwesterlich lieb, und freute sich der Unbefangenheit, mit der sie ihm das zeigen durfte.
Elise war in der langen Entfernung dem Herzen ihrer Schwester nicht fremd geworden. Natalie besuchte sie jährlich, und hieng mit mütterlicher Sorge und Liebe an dem Wunsch, sie vor den Abwegen zu bewahren, auf denen sie selbst verirrt war, und sie ganz für einfaches häusliches Glück zu bilden. Zufällig erwähnte sie ihrer einigemale mit großer Innigkeit im Gespräch mit August, und dieser, den die zärtliche Ehrfurcht, die Begeisterung, mit der er an Natalien hing, in einen, ihm bisher fremden, Rapport mit dem ganzen Geschlecht gesetzt hatte, faßte Elisens von ihr entworfenes Bild mit einer Wärme auf, die in Natalien zuerst den Gedanken an die Möglichkeit einer künftigen Verbindung beider weckte, mit dem sie, je öfter er sich ihr darstellte, immer vertrauter ward. Vorsätzlich heftete sie jetzt die Phantasie des Jünglings auf Elisens Bild, und führte sie auch seinem Herzen näher, indem sie ihm einige ihrer Briefe lesen ließ, in denen das Herz eines Engels und die Kindlichkeit der süßesten Unschuld sich aussprach. Nataliens Schwester hätte ihn immer interessirt; aber die Schreiberin dieser Briefe würde er geliebt haben, wäre ihm auch ihr Name unbekannt geblieben. Natalie freute sich dieses sichtlichen Eindrucks, und sorgte jetzt, mit der vollen Unbefangenheit und Freimüthigkeit einer Schwester, für ihn. Sie verschaffte ihm, als er zur Universität abging, Empfehlungen an mehrere der angesehensten Häuser, und an einige der geschätztesten Professoren, und man war es zu gewohnt, sie mit Rath und That thätig zu sehen, wo sie nützen konnte, als daß man diese Theilnahme befremdend gefunden und sie mißverstanden hätte. August fand daher durch ihre Vermittelung Zutritt in die gebildetesten Zirkeln seines neuen Aufenthalts, und Nataliens Andenken und Elisens Bild gingen mit ihm als Schutzengel durch Jahre, die nur zu oft des Jünglings Werth und Glück zerstören. Er schrieb Natalien oft, und die Rechenschaft seines Lebens und des Fortgangs seiner Bildung, die er in diesen Briefen niederlegte, erhielt ihm eine Grazie der Sittlichkeit und der Empfindung, die in dieser Reinheit den mehrsten Männern zur Fabel geworden ist.
Rhode kam jetzt nach mehrjähriger Entfernung in sein Vaterland zurück, und kaufte sich in der Nähe von Nataliens Wohnort das schöne, romantisch gelegne Gut, Nepernitz. Nataliens Bild hatte ihn auf seinen Wanderungen begleitet, und führte ihn jetzt in seine Heimath zurück, wo er sie, wie ihn dünkte, reizender und liebenswürdiger, als er sie verlassen hatte, wiederfand. Auch Natalie sah mit Vergnügen den ältesten und treuesten Freund ihrer Jugend wieder; aber trotz der größeren Gewandtheit und Politur, die ihm diese Reise gegeben hatte, ging die stille herzliche Liebe, zu der sich seine Neigung für sie ausbildete, in ihrer einfachen Wahrheit für Natalien verloren, die es zu gewohnt war, das häusliche Leben und die Ehe mit dem häßlichen Zusatz von geistlosen Umgebungen und gänzlichem Mangel an schöner Natur und Poesie, in der langweiligen Einförmigkeit zu sehen, die leider nur zu oft das reinste und schönste aller Erdenverhältnisse entstellen.
Wie tief sie überhaupt verletzt war, wie schmerzlich sie die Disharmonie ihrer Lebensweise und ihres Gemüthes, ihrer Ansichten und ihrer Empfindungen, fühlte, und welche stille, hoffnungslose Sehnsucht an der Blüthe ihres Lebens zehrte, mag uns ein Blatt aus ihrem Tagebuche enthüllen, das sie am Morgen ihres zwanzigsten Geburtstages schrieb.
den 17. December.
So sind denn also schon zwanzig meiner Lebensjahre entflohen! — die erste schöne Jugend, die Blüthe des Lebens ist mit ihnen dahin — ach! hat denn diese Blüthe mir geduftet? fallen ihre Blätter jetzt nur, damit die Frucht sich entwickle und reife? — Nein — ungenossen entflieht sie und nie kehrt sie wieder! —
Ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Sehnsucht, verarmt an Glauben und Liebe, trete ich in dies neue Lebensjahr ein. — Mein Innres liegt in Ruinen, über denen düster der Geist finstrer Lebensbeschauung schwebt.
O wie kann der Mensch so mit Bewußtseyn, so bei vollem physischen Leben, sich selbst geistig so absterben! Woran soll ich in mir das Wesen wieder erkennen, das ich vor sechs bis sieben Jahren war? Ein widriges Gift nagt an meinem Geiste — ich fühle, wie es meinem Herzen, dem Mittelpunkt des Lebens, näher und näher schleicht; aber mir fehlt, mit der Kraft, der Wille, seinen Sitz aufzuspüren, und das Gegenmittel, ihm zu begegnen. —
Nichts gleicht dem Schmerze, mit dem wir in der Natur einsam und gespensterartig umherwandeln, wenn wir den Glauben an die Seele derselben verloren haben, und sie uns nun nichts weiter ist, als ein zweckloses Maschinenwesen, ein Kreislauf, der nur Leben schafft, damit der Tod zu würgen habe. Was ist die Harmonie des Weltalls ohne einen Hörer? — und wenn sie dieses Hörers bedarf, um Seele und Bedeutung zu erhalten — ach, dann sind ja diese wieder nur von ihm entlehnt? — ich habe ihr nichts mehr zu geben, das mir aus ihrem Spiegel zurückzustralen vermöchte, und so ist sie für mich nur ein todtes Farben- und Sinnenspiel, aus dem mich kein heiliger Geist der Liebe mehr anredet. Ich fühle mich von ihr gestoßen, von ihr gerissen, und darf nirgends, nirgends, fragen, warum ich es bin? — wer kann, wer mag mit einer blinden, willenlosen Nothwendigkeit rechten?
Aber wenn neben meinem jetzigen Verstummen die Erinnerung der Zeit vor mich tritt, wo sie mir Hieroglyphe des seeligsten, vertrauungsvollsten Glaubens war, dann möchte ich Flügel nehmen und von Himmel zu Himmel, von Orionen zu Orionen fliegen, und suchen, dem ich klagen könnte, klagen dürfte, — möchte niedersinken und stammeln: Vater, hier bin ich! verstoße mich nicht wieder! —
Aber sie sind zerschnitten, diese Bande, die mich an diesen Glauben knüpften — das verrätherische Spiel der Kräfte ist in mir geweckt, und kein Machtspruch meines Willens vermag es mehr zu enden. —
Daß der Mensch, beim Eintritt in dies Leben, vom Schmerz empfangen wird, daß tausend Leiden ihn umringen, daß der Tod seinem Herzen Wunden schlägt, die unvernarbt bluten, bis er sie schließt, sollte mich nicht an der unsichtbaren Hand irre machen, die das Schicksal leitet. — Aber der Zweifel, vor dem der Glaube erstarrt, die Farbe des Lebens schwindet und die ganze große Natur nur ein Abgrund wird, in dem alles Daseyn zwecklos untergeht, ist der, daß der Mensch elend ist, elend wird, durch sein Sehnen nach Tugend und Liebe — daß beide ihm nie erscheinen — die edelsten Wünsche seiner Seele unbefriedigt, seine edelsten Anlagen unentwickelt bleiben — daß er, um das einzige ihm erreichbare Glück zu erreichen, nichts wie Thier seyn und bleiben muß. —
Wahrheit, Tugend, Liebe — ein heiliger Traum von eurer himmlischen Dreieinigkeit war einst in meinem Herzen — ihr waret das Ziel, dem ich jede Kraft meines Geistes, meiner Seele, weihte — wie Geistersonnen erhelltet ihr mir meinen Pfad: aber da stiegen die Nebel des Lebens vor mir auf, und sie zogen sich schwärzer und schwärzer zwischen euch und mich, bis ihr, verdunkelt und verschwunden, mir zu trügerischen, phantastischen Schöpfungen des eignen Herzens wurdet. —
Wahrheit! — Deine Göttlichkeit schwand mit dem entschleierten Wahn, der mir für Dich gegolten hatte. Was unschuldig und einfältig in meiner Seele ruhte, wurde durch die Weisen und Philosophen unsrer Zeit frech ans Licht gezogen und von allem Wahn gesichtet und geläutert, bis ihm die Seele entfloh, und nur ein todtes Wissen zurückblieb, das keines der Bedürfnisse meines Herzens zu befriedigen vermochte.
Da wollte ich diesen Weg verlassen und zu meinem Gefühle zurückkehren. Wo und wie aber seine Wahrnehmungen von den Täuschungen der Phantasie sondern? — Wahrheit des Gefühls war es, als früher meine Seele die Welt in der schönen Verklärung der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung sah. — Wahrheit des Gefühls war es, als es später wie ein höhnischer, spottender, verächtlicher Traum vor mir lag. — Beide Ansichten gingen aus demselben Herzen, demselben Gemüth hervor — welche Ansicht ist nun die wahrste? — wie kann ich einer Welt trauen, deren Ansicht von dem Widerschein einer ihr ganz ungleichartigen abhängt? — wie kann das Gefühl, von dem beide Ansichten ausgiengen, zwischen ihnen über ihre Richtigkeit und Wahrheit entscheiden? —
Ach! keine Rückkehr ins Paradies des Glaubens ist möglich, wenn der Engel der Erkenntniß mit seinem feurigen Schwerdte den Eingang verbietet. —
Tugend? — auch das Streben nach ihr ist vergeblich, und sie selbst ein Resultat von Umständen, die der Mensch so wenig herbeizuführen vermag, als die Verhältnisse, die ihm sein Eintritt in die Welt anweiset. Die Welt um uns her ist ihr zu feindlich, und das Leben, weit entfernt, sie zu dulden, zerstört sie unausbleiblich. Die Geschichte zeigt uns an einigen Menschen einzelne tugendhafte Fähigkeiten, einzelne große, edle Handlungen — aber nur ein ganzes großes Leben kann Tugend heißen, und dies lebte keiner. Schwäche und Thorheit bemächtigten sich des Menschen bei seinem Eintritt in die Welt, und keiner, keiner, bleibt von ihnen unangefochten und selbstständig, rein und fest. Erst zeigt sich das Unwürdige außer uns in tausend mannigfachen Formen; es folgt uns auf jedem unsrer Tritte, und das oft in so verdachtloser, wohl gar anmuthiger, Gestalt, daß wir ihm das Herz öffnen, worin es denn wohnt, bis es nicht mehr schlägt.
Und Liebe? — ach, von allen Träumen, die mein früheres Leben verschönten, war der himmlischste auch der vergänglichste! — Wo ich ihr außer mir zu begegnen glaubte, wurde mein reines Hingeben, durch den Unwerth des Gegenstandes, zur lächerlichen Posse, mit der jeder mich auslachen konnte, der davon hörte. —
Einst sah ich in täuschender Aehnlichkeit das Ideal meines Herzens außer mir, und da hatte das Leben Götterglanz, mein Herz den süßen Frieden des seeligsten Glücks — aber es war nur der Widerschein der eignen Gestalt, auf der fremden, kalten Wasserfläche, die, als ich sie umfassen wollte, mich zu sich in die betrügerische Tiefe zog. —
Erstarrt kehrte ich ins Leben zurück — mein Daseyn hing an der Hoffnung, daß Liebe mir noch begegnen würde — und sieh! unter ihrem Namen trat mir Eitelkeit, Begierde, Habsucht, Sinnlichkeit entgegen. — Da versteinerte ich mein Herz, damit keine unheilige Empfindung es entweihe! —
Aber nur den Glauben an diese himmlische Dreieinigkeit konnte mir das Leben rauben — nicht die tiefe, flammende Sehnsucht darnach, die mich aufreibt und verzehrt. O könnte ich, wie Tausende um mich her, diese Sehnsucht von mir abstreifen! — könnte ich Güte, Wahrheit, Liebe, ohne diesen schmerzlichen Widerspruch meines Gemüths, leere Trugbilder schelten, und sie von mir weisen, wie die Gespenster, die meine Amme um meine Wiege stellte! — könnte ich mir wohl seyn lassen im nichtigen Spiel des Lebens, mir aneignen den fröhlichen Leichtsinn gehaltloser Unbefangenheit, und mich gedankenlos der Woge des Augenblicks anvertrauen! — Aber ich kann auch das nicht! — jene Träume sind eins geworden mit meinem Bewußtseyn, das sie mir wie einen Spiegel vorhält, so oft ich zur Beschauung meines Innern zurückkehre. —
„Und kein Ausweg, keine Hülfe! — Einsam und unerrathen steh’ ich da, und jede Frage an das Schicksal bleibt ungelöset. Jeder Monat macht mir das Gefühl innrer Verworrenheit heimlicher, und doch führt jeder mich weiter auf dem trostlosen Pfad. —“
„Einst hätte ich noch aus eigner Kraft umkehren können — einst konnte ich wieder einfach, milde, gut und glücklich werden — nun ist es zu spät. — Und so nur vorwärts, ohne Zweck, ohne Ziel, immer vorwärts, wie das Thier, das mit verbundenen Augen, das Spiel einer ihm unbekannten Macht, die fremde Maschine im ewigen Kreise treibt.“
Ach laßt uns milde bleiben gegen dies zerrißne Gemüth, diese in Unfrieden mit sich selbst versunkene Seele! — Wahrlich, es sind nicht die Schlechtesten unter uns, die auf diesem Wege verloren gehen! —
Vielleicht konnte nur ein großer und heiliger Schmerz Natalien von dem betretenen, immer abschüssiger werdenden, Irrpfade zurückführen — und er ward ihr. —
Ihre Mutter ward gefährlich krank, und an diesem Sterbebette fand die geliebteste der Töchter alle ihre Tugenden wieder. Natalie wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager, diesem Schauplatz des rührendsten Schmerzes, und der schönsten, edelsten Liebe. Mit einer über das Grab hinausreichenden Zärtlichkeit schlossen sich Mutter und Tochter inniger und inniger an einander, je näher ihnen die unersetzlichste aller Trennungen trat. Als ein heiliges Vermächtniß legte die Mutter ihre Sorge für Elisen an Nataliens Herz und als diese, mit tausend, tausend Thränen, die treueste Erfüllung der letzten, mütterlichen Erdenwünsche gelobte: da faßte die Sterbende die verlöschende Kraft ihres Lebens in einen Blick der Liebe zusammen und bat: gieb Rhoden deine Hand — er hat dich so lange und so treu geliebt — ist so gut — gieb mir für ihn dein Ja und ich habe keinen Wunsch mehr. —
Natalie sank schluchzend an das treue Herz, dessen Liebe sie erst jetzt ganz zu fühlen und zu schätzen gelernt zu haben glaubte, und gelobte alles zu thun, was die Mutter wolle — und in dieser Umarmung trat der, von seinen Schrecken entkleidete, Tod, als milder Genius, zur Sterbenden, und berührte ihr Herz. — Da war sie gewesen, und nur die kalte Hülle noch umschlossen Nataliens Arme — nur auf ewig verstummten Lippen ruhten die ihrigen. —
Heilige Thränen, die der Mensch um seine gestorbenen Lieben weint, ihr seid befruchtender Himmelsthau für jeden Keim des Guten und des Schönen in unsrer Seele, und euer Schmerz hebt uns über alle Fußangeln und Dornen der Erde empor! Wie eine Gottheit leben die Heimgegangnen in unserm Herzen fort, und das Andenken an sie giebt dem Leben Würde, dem Herzen einen Wiederhall aus Eden, und jeder Freude einen leisen veredelnden Schauer.
Nataliens Schmerz war groß, aber fromm und der Verlorenen würdig. Sie schwur in die Hand der Todten dem Vater — der Schwester — dem Liebenden zu vergelten, was sie ihr schuldig geblieben, und ihre Trauer um sie zu heiligen durch reineren Willen und größere Kraft zur Erfüllung jeder Pflicht.
Der letzte Wunsch ihrer Mutter blieb in ihrem Herzen, und als Rhode nach einiger Zeit, begünstigt von ihrem Vater, um ihre Hand warb, ward ihm Gewährung seiner Bitte. Und als nun der biedre, ihr in der Wahrheit und Rechtlichkeit seines Karakters sehr achtungswerthe Mann, am Verlobungstage so froh beglückt, so unaussprechlich zufrieden, von ihr schied, fühlte sie, daß sie ihm ein schöneres Glück gewähren könne, als sie sich es zugetraut hatte, geben zu können. Sie hatte sich seit dem Tode ihrer Mutter ganz aus ihren glänzenden Zirkeln zurückgezogen, und erneuerte jetzt das Gelübde, Rhoden glücklich zu machen, allen Schimmer überflügelnden Wissens und eitlen Glanzes von sich zu werfen und nur für den Gatten und für stilles einfach-häusliches Glück zu leben. Ihre Verbindung ward auf ein Jahr ausgesetzt, damit sie Elisen, bei ihrer bevorstehenden Rückkehr aus der Pension, in diesem Zeitraum zur Führung des väterlichen Haushalts anweisen könne.
Nataliens Leben hatte nun wieder einen Zweck, und sie ward von Woche zu Woche in ihrem Innern ruhiger, und einfacher in ihrem Aeußern. Ihre Freundschaft für Rhode wurde in ihrem jetzigen Verhältniß zu ihm, eine klare, sanfte Neigung, der sie mit ungetrübter Zuversicht ihr künftiges Leben anvertraute.
Einige Monate nach ihrer Verlobung kam August zum Besuch nach Nataliens Wohnort. Sie fand den Jüngling edel und rein, wie er von ihr geschieden war, wieder, und empfing ihn mit achtendem Vertrauen und schwesterlicher Neigung. Die vortheilhaftesten Zeugnisse seiner Lehrer bürgten für seine Talente und seinen Fleiß, und in sich selbst trug er die Bürgschaft für seinen Karakter und für sein Leben. Mit weiblicher Feinheit forschte Natalie nach seinen weiblichen Bekanntschaften und nach dem Grad des Interesses, den er für sie fühle, und er gestand ihr erröthend: sein Herz bewahre seit lange ein Bild, welches ihn gegen den Eindruck jedes andern weiblichen Reizes schütze, ob er gleich nicht hoffen könne, es je anders als stumm und unerrathen lieben zu dürfen. — Nataliens Auge ruhte voll milden Ernstes auf ihm — die Hoffnung, in ihm den künftigen Gatten ihrer Elise zu sehen, war bei seiner jetzigen Anwesenheit bestimmter Wunsch geworden.
Ich habe Ihnen auch noch etwas Schönes zu zeigen, fing sie, wie ablenkend, an, und trat zu ihrem Schreibtisch: Können Sie rathen, was? fuhr sie lächelnd fort.
Ahndend ergriff er die dargebotene Kapsel, und versank, nach Oeffnung derselben, im Anschaun eines jugendlichen holden Gesichts, mit dem Zauber herzgewinnender Unschuld und Sanftmuth geschmückt.
Und Sie fragen nicht einmal nach dem Namen des Originals? — fragte Natalie, nach dem Schweigen einiger Minuten. —
Glauben Sie, es bedürfe für mich noch eines Namens, um es zu erkennen? unter Tausenden hätte ich sie beim ersten Blick erkannt. —
Ueberrascht von der Wärme seines Tons und dieser Aeußerung schlug er heiß erröthend sein Auge nieder. —
Was diesem Gemälde, fuhr Natalie fort, für mich den größten Werth giebt, ist, daß Elise es selbst gemalt hat.
Sie besitzt also alle Talente wie alle Reize und Tugenden? — doch sie ist ja Ihre Schwester! — aber welchen unschätzbaren Werth muß dann dies Bild für Sie haben!
Und doch denke ich es nicht zu behalten; Elise soll sich künftig noch einmal an der Seite ihres Geliebten malen, wenn ihr Herz gewählt hat, und dann will ich von ihm jenes Gemälde für dieses eintauschen.
Elisens Geliebter! rief August bewegt — o der Glückliche, den sein Loos berechtigt, um diesen Preis zu werben! —
Natalie sah ihn ernst an, der, beklemmt und schmerzlich befangen, vor ihr stand.
August, fing sie nach einer Pause an, ich lese in diesem Augenblick in Ihrem Herzen und that es vielleicht schon früher. Meine Elise soll einst frei von jeder Zufälligkeit des Standes und des Reichthums wählen; aber der Mann, der nach ihrem Besitze strebt, darf kein gewöhnlicher Mensch seyn. Der Beifall der Menge wiegt leicht: schwerer, als ihn zu erwerben, ist es, ein Herz zu verdienen, das sich mit reiner edler Liebe einem Manne hingiebt, in dem es nicht nur die Tugenden liebt, die es an sich billigt, sondern auch alle, die ihm abgehen. Nur eine lange, fortgesetzte Uebung des Karakters, in Allem was gut, was schön, was menschlich ist, kann dieses Preises werth machen. Mit diesem Händedruck verbürge ich Ihnen meine Achtung und den Wunsch, daß der Mann einst die Hoffnungen rechtfertigen möge, zu denen jetzt der Jüngling berechtigt.
Entzückt drückte er ihre Hand an seine Lippen, und schwur, feuriger denn je, der Tugend und der Liebe ewige Treue. August, sagte sie ihm gerührt, diese Versicherung aus meinem Munde berechtigt Sie zu schönen Hoffnungen; mein Herz und das Vermächtniß meiner unvergeßlichen Mutter, geben mir auf das theure, geliebte Wesen Mutterrechte, und der einzige Weg, Elisens Hand zu erhalten, ist der Besitz meiner höchsten Achtung, die ich nur der Herrschaft eines reinen, festen Willens über alle Triebe und Neigungen zolle. Ich fordre daher von Ihnen die strengste Wachsamkeit über sich selbst, daß Ihre Liebe nie Leidenschaft werde, und dann das Leichtere, mir von heut an nie unaufgefordert von Elisen zu reden.
Ach, sagte er langsam, das letztre ist hart, aber das erste unmöglich. Kann ich meiner Empfindung einen Damm aufwerfen und zu ihr sagen: Bis hierher und nicht weiter?
Lieber, junger Mann, was wäre die moralische Würde des Menschen, wenn er das nicht zu thun vermöchte? — ich weiß, wie das heiße jugendliche Herz Genuß darin findet, sich in die geglaubte Unendlichkeit seiner Empfindungen hineinzustürzen, und nur von der gränzenlosesten Leidenschaft der Liebe Befriedigung hofft. Aber noch nie hat Leidenschaft beglückt. Ich ehre die Liebe als das reinmenschlichste Band zwischen der Sinnen- und Geisterwelt — als den schönsten Traum, der vom Paradiese her in der Seele des Menschen zurück blieb. — Wie könnte auch ich, die früher schwer Erkrankte, vergessen, was sie mir geworden ist? — Ihr Zauber verschönert das Alter wie die Jugend; er mildert alle Leiden, erhebt und veredelt alle Freuden, verdeckt uns die Aermlichkeit des Lebens, und erhält uns sanft, milde und menschlich, was man ohne Liebe so leicht zu seyn aufhört. — Doch weh dem weiblichen Wesen, dem auf dem Pfade inniger, beglückender Empfindung Leidenschaft begegnet! — Unersättlichkeit ist ihr Gepräge, und nie kann sie mit der Liebe im friedlichen Genuß einer heitern Gegenwart zusammentreffen. Leidenschaft zeigt nur die Ueberspannung des Gefühls, wie Liebe den Adel desselben an. Fast allgemein, mein Freund, wird von Euch Männern in unsern Tagen die klare Tiefe eines liebenden, weiblichen Gemüths verkannt, und Euch leidenschaftlich geliebt zu sehen, ist Euch zur höchsten Gabe des weiblichen Herzens geworden. Vor diesem verderblichen Irrthum möchte ich Sie gerne bewahren, und meine Elise schützen, daß Sie nicht künftig in ihr, wie der blaue Himmel wolkenloses, Gemüth, den Nebel eines leidenschaftlichen Affekts werfen. Glauben Sie es meiner besonneren, erfahrungsreichen Ansicht, diese gewaltigen, so oft in Romanen, so selten in der Wirklichkeit, spukenden Leidenschaften entspringen nur aus einer ungezügelten Phantasie, und die heißesten Menschen dieser Art haben fast immer sehr kalte Herzen. Aber auch in der tugendhaftesten, gefühlvollsten Seele folgt der Leidenschaft, selbst im günstigsten Falle, doch die bittre Trauer über die Zerstörung einer Täuschung, die die Zeit unausbleiblich vernichtet. Gegen dies Weh ist es mir heilige Pflicht, Elisen zu schützen, und wenn Sie einst durch sie so glücklich werden wollen, als es dem lieben Geschöpf Bedürfniß werden wird, den Mann ihres Herzens zu sehen: so scheiden Sie, von heute an, von dieser Idealen einer heißen, despotisch über Willen und Vernunft herrschenden, Leidenschaft. Gründen Sie die Hoffnungen Ihrer Liebe nur auf die sanften Empfindungen eines reinen, ruhigen Herzens, eines Gemüthes voll ungetrübter Harmonie innern Friedens, und der Mann und der Greis werden mir danken, wo jetzt der Jüngling mich zu kühl und zu strenge findet.
Dies Gespräch gab August nicht nur einen Anklang für sein Leben und wurde zum Grundton seiner Verbindung mit Elisen; sondern es giebt uns auch erklärende Winke über die Art und Weise, wie Natalie, in ihren neuen Verhältnissen, Manches und Vieles in sich auszugleichen strebte, und deutet uns den Weg an, auf dem sie glücklich zu werden hoffte.
August nahm bei seinem diesmaligen Abschied die Gewißheit mit sich, Elisen im künftigen Jahr bei Natalien anzutreffen, und die Hoffnung einer Zukunft, deren Freuden verdienen zu wollen, sein ernster Vorsatz war.
Bald darauf kam Elise nach Hause. Ganz Liebe und Natur, trug ihr Sinn und Wesen das Gepräge ächter Weiblichkeit. Sie konnte in keines Menschen Auge glänzen; aber sie gewann alle Herzen, so hell strahlte Jedem ihre Güte, ihre Anspruchlosigkeit, ihr freundlicher Sinn, und die schöne Wahrheit ihres Karakters, entgegen. Mit dem Frohsinn und der heitern Unbefangenheit ihres Alters verband sie die Kenntniß der Regeln des Anstandes und der äußern Höflichkeit, deren Befolgung ihr durch Gewöhnung daran seit frühster Jugend zur Natur geworden war, ohne darauf einen Werth zu setzen, der sie zum Verdienst erhoben hätte. Mit kindlicher Liebe und schwesterlichem Vertrauen hieng sie an Natalien, die mit unbeschreiblicher Sorgsamkeit und Zartheit alles von ihr zu entfernen strebte, was sie sich selbst untreu zu machen vermocht hätte, und mit einer Verläugnung, deren wenig Weiber in ähnlichen Lagen fähig seyn würden, es sich versagte, in den Gang ihrer Bildung thätig einzugreifen, und ihr irgend eine Aehnlichkeit mit sich geben zu wollen. Sie übertrug ihr gleich einen Theil des Haushalts, und gewöhnte sie zur strengsten Ordnung und Thätigkeit. Es war nicht das Verweilen bei unwichtigen Kleinigkeiten, welches manche Hausfrau, die nie mit ihren Blicken das Ganze einer Haushaltung umfaßt, ausschließlich beschäftigt, sondern die helle, geistvolle Thätigkeit eines, nicht nur auf das sparsame Ausgeben des Erwerbs, sondern auf den Erwerb selbst gerichteten, Geistes.
Wahrlich, wir Weiber tragen selbst die Schuld, wenn wir diese Sphäre häuslicher Wirksamkeit nur mit der Lauheit des prosaischen Pflichtgedankens, oder auch mit dem Mechanismus einer dazu abgerichteten Maschine, zu betreiben wissen, und sie nur im kleinlichen, den Geist einengenden, Lichte sehen. Ein unverschrobener, dem Müssigang — der leider mit einem gewissen aesthetischen Luxus der Zeit und der Thätigkeit nur zu nah verwandt ist — feindlicher Sinn, findet leicht ohne Resignation in der Besorgung des Haushalts den heitern Schauplatz nützlicher Thätigkeit, die sich selbst zum Lohn wird, ohne diesen von dem Gedanken treuer Pflichterfüllung entlehnen zu wollen, der uns nur bei Pflichten andrer Art kräftigen, und nicht an solche natürliche Tugenderzeugnisse weiblicher Natur verschwendet werden muß.
Der Zeitpunkt von Nataliens Verheirathung näherte sich, und sie sah ihm mit heitrer Ruhe und froher Zuversicht entgegen. Die Ueberzeugung, daß Rhode sich, ohne alle Ueberspannung, in ihrem Besitz ganz glücklich fühlte, gewährte ihr einen Genuß, dessen sie würdig seyn mußte, um seinen Werth so innig fühlen zu können.
Jetzt kam der Graf Gimborn, ein Jugendfreund ihres Verlobten, von seinen vieljährigen Reisen, auf seine, in der Nachbarschaft gelegenen, Güter zurück. Rhode führte ihn bei Natalien ein, von der er sich die Vergünstigung erbat, ihn ihr auf einige Tagen entführen und ihn zu einer großen Jagd nach einem seiner entfernteren Güter mit sich nehmen zu dürfen. Scherzend, wie er seine Bitte vortrug, wurde sie ihm gewährt, und Rhode nahm am Abend auf acht Tage Abschied.
Am andern Morgen, als Natalie früh um fünf Uhr mit ihrer Elise im Garten frühstückte, und sich des schönen Reisewetters für den geliebten Freund freuete, trat er unerwartet zu ihr in die Laube.
Vergeben Sie mir, liebe Natalie, bat er sanft, wenn ich Sie so früh überrasche. Eine sonderbare Ahndung ängstigte mich, und da ich erst um sechs Uhr bei dem Grafen eintreffen soll, zog es mich unwiderstehlich noch vorher zu Ihnen hin. Nun werde ich ruhiger seyn, da ich Sie wohl und munter gesehen habe.
Er war wirklich etwas blaß; Natalie wollte daher nicht genauer nach dem Grund seiner Unruhe fragen, und sagte ihm lächelnd: zur Strafe für seinen Aberglauben solle er von ihrem Frühstück nur eine Tasse Kaffee, und zur Belohnung, daß sie ihn so unerwartet vor seiner Abreise noch einmal sehe, einen Kuß bekommen. Dankend empfing er beides; aber vergebens suchte er seiner Beklemmung Herr zu werden, und als er zum Abschied Natalien an sein Herz drückte, sah sie sein Auge naß werden, und er riß sich von ihr los, als solle und müsse er ihr auf immer Lebewohl sagen.
Natalie blieb wehmüthig zurück, und fühlte es lebhaft, wie lieb er ihr sey. Am dritten Tage seiner Abwesenheit kam sein Jäger auf den Hof gesprengt — Roß und Reuter dampften. — Natalien durchzuckte eine furchtbare Ahndung, und mit immer ängstlicher, immer schwerer werdenden Herzensschlägen, harrte sie seines Eintritts. Verwirrt und verstört überreichte er ihrem Vater einen Brief. Sie wagte keine Frage; aber das immer bleicher werdende Gesicht ihres Vaters mehrte noch ihre Angst.
Was ists? frug sie, als er den Brief zusammen faltete und sichtbar beängstet nach Worten suchte — sagen Sie mir gleich Alles; ich bin auf das Schrecklichste gefaßt. Todtenbleich und zitternd setzte sie hinzu: er ist gewiß sehr krank, vielleicht schon —
Nein, mein Kind, er ist auf der Jagd gestürzt, und sein, bei dem Sturz losgegangenes Gewehr hat ihn verwundet. Der Graf schreibt mir dies, um uns auf sein längeres Außenbleiben vorzubereiten.
O seine Ahndung! rief sie schmerzlich — ich beschwöre Sie, Vater, lassen Sie mich hin — gleich — den Augenblick müssen wir fort — mein Herz sagt mir’s — er stirbt, und das vielleicht schon in dieser Minute. —
Es ist auch sein Wunsch, liebes Kind, Dich zu sehen — aber wirst Du für das Mögliche dieser Zusammenkunft Kraft und Fassung haben? —
Fassung? — o Gott, ich fürchte, es wird mir nur zu viel Zeit zu Thränen bleiben! —
Der Vater begleitete sie zu ihm. Sie war auf dem ganzen Wege tief in sich gekehrt und von unnennbarem Gram gefoltert.
Wer es erfahren hat, was es heißt, einen entfernten Geliebten sterbend zu wissen — jede Stunde sekundenweise mit dem Gedanken verrinnen zu fühlen: jetzt vielleicht stirbt er! — der weiß, was Natalie während dieser Reise litt. Wer es nicht erfahren hat, faßt es nicht, daß die sterbliche Natur solche Stunden an der äußersten Gränze ihrer Kraft zu tragen vermag.
Nataliens einziger Wunsch war, ihn noch lebend anzutreffen — aber sie fand bei ihrer Ankunft nur seine Leiche. Ihr Name war sein letzter Erdenlaut gewesen. —
Gewaltsam mußte man sie am andern Tage von der geliebten Leiche fortreißen — zum letztenmal ruhte ihr Auge auf diesen, unter dem Frost des Todes, erstarrten Zügen — sie schnitt eine seiner blonden Locken ab, und wie sie diese an ihrem Herzen verbarg, ergriff sie der Gedanke: so wird dir ewig alles schwinden, was du liebst — auch Er war nur eine fliehende Erscheinung, und weil Deine Hand, Unglückliche! ihn faßte, mußte er vor ihr abfallen ins düstre Grab hinein! — so furchtbar in seinem düstern Grausen, daß sie bewußtlos niedersank.
O wie gerne hätte sie ihr Leben als Todtenopfer mit in seine Gruft gesenkt! — Sie wurde ungerecht gegen ihre bisherige schöne, ruhige Liebe, und glaubte, ihn nicht genug geliebt zu haben. Es erschien ihr daher jetzt als Pflicht, jedes Zureden der Vernunft, jeden Trost der Ergebung, von sich zu weisen, und sie gab sich, nach ihrer Zuhausekunft, ganz und ohne Rückhalt dem stummen, gewaltigen Schmerz hin, mit dem sie in Rhoden nicht allein den Geliebten, sondern auch den Mann verlor, an dessen Leben jeder edlere Plan des ihrigen gebunden war, und fand nur in der Freiheit, ihre Thränen unversiegbar strömen zu lassen, Linderung.
Ach sie wußte noch nicht, daß diese nicht bloß physisch schaden! Der Mensch schätzt die Gabe, Thränen vergießen zu können, nicht eher, bis er diesen Wundbalsam wunder Herzen entbehrt und dann von den früher vergoßnen Thränen, wie von den Thränen seiner Kinderjahre, sagen muß: ich hätte euch für einen tieferen Schmerz, für eine unvergänglichere Trauer, aufsparen sollen! — Es kommt hienieden eine Zeit, deren sparsamere Thränen nicht mehr zu Tropfen aus dem Lethe werden und wo, so wenig im Gemüth als im Gesicht, die Züge des Kummers sich wieder verwischen. Ach, für diese dunkle, finstre Zeit, wo der Mensch mit thränenlosem Auge auf die entblätterten Gefilde seiner jugendlichen Vergangenheit und in die Irrgänge einer hoffnungslosen Zukunft blickt, sollten wir unsre Thränen sparen, und in der Jugend, deren Wunden sich, wie die der Homerischen Götter, leicht und spurlos schließen, lieber einen unterdrückten Schmerz hinnehmen, als eine Thränenquelle erschöpfen! —
Natalie hatte Neigung, Vertrauen, innige, herzliche Achtung für Rhoden empfunden; sie hätte ihn wahrscheinlich glücklich gemacht und wäre glücklich geworden; aber sie täuschte sich jetzt über ihre Gefühle, indem sie die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes für Leidenschaftlichkeit der Empfindung nahm, und sich selbst sagte: sterben mußte er, damit mein verstocktes Herz erfahre, wie es ihn liebte! — Aber wenn dem Lebenden die Fülle meiner Liebe verborgen blieb, so soll sie ihn nun in sein Grab begleiten, und mein ganzes Leben werde ein einziger, langer Trauergedanke an ihn! —
Diese gewaltsame, durch die ganze Macht ihrer Phantasie fast wissentlich verstärkte, Spannung ihres Gemüths konnte nicht dauern; die Natur kämpfte um ihre Rechte, und eine gefährliche Krankheit drohte mehrere Wochen ihrem Leben Gefahr. Die Kunst eines geschickten Arztes, ihre Jugend, und Elisens Pflege retteten sie. Sie genas; aber die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes hatte sich an der körperlichen Ermattung dieser Krankheit gebrochen, und ihr blieb nur ein zärtliches Andenken, eine stille, wehmüthige Erinnerung an den Verlornen zurück, die, ohne jene frühere Spannung, für ihr innres Leben zum Seegen geworden seyn würde. Allein mit jenem ersten gewaltigen Schmerz verglichen, schien ihr ihre jetzige Trauer eine Kälte, die sie sich zum Vorwurf machte, und die wieder einen finstern Schatten auf ihr Leben warf.
Also auch mein Herz, sagte sie sich selbst, ist keiner Liebe fähig, und vergeblich hoffte ich von ihm eine Treue, die dem Menschen nicht gegeben ist. — O wenn je eine Liebe auf Ewigkeit ihrer Empfindungen rechnen durfte, so war es diese, die ein Verklärter, wie eine Blüthe aus jener Welt, scheidend in mein Herz senkte. — Vergessen werde ich ihn nie, werde noch lange Thränen um ihn haben, wie sie die Freundschaft, die Zärtlichkeit weint; aber jene schönere, heißere, die ganze Seele ausfüllende Liebe, mit der ich, vor dieser Krankheit, um ihn trauerte, ist dahin, und ich strecke vergeblich meine Arme nach ihr, als nach dem edelsten, köstlichsten Gefühl meines Lebens, aus! — Wie viel lieber möchte ich, daß ihre Stärke mein Herz bräche, als daß es, wie jetzt, heilt, weil sie sich ihm entfremdete.
Natalie irrte. Nicht diese für das fliehende Leben zu schmerzliche Trauer um den Verstorbenen war es, was sie jetzt vermißte, sondern jener gefährliche und doch so verführerische Genuß, den die Leidenschaft einem kräftigen Gemüth bietet, und der uns, einmal gekostet, jedes friedlichere Glück verleidet. Sie hatte dieses Gift nun noch dazu unter der anziehenden Hülle des geistigen Schmerzes kennen gelernt. Auch trauerte sie jetzt noch um Rhoden, wie sie ihn im Leben geliebt hatte, ohne Schwärmerei, mit stiller, wahrer Empfindung. Aber die Aenderung ihres Sinnes, die Erhebung ihrer Seele, die Rückkehr zu ihren alten Tugenden, die am Sterbebette ihrer Mutter in ihr aufging, war nur begonnen, nicht vollendet, und die Verläugnung aller sanften, einfachen Gefühle, zu der sie sich früher gezwungen hatte, rächte sich nun an ihr, und sie ging — das gewöhnliche Loos des Menschen — von einem Irrthum zu dem entgegengesetzten über, ohne die in der Mitte liegende Wahrheit zu berühren. Ehmals lebte sie nur in ihrem Geiste und im fremden Beifall; jetzt hingegen, wo ihr Herz aus seiner langen Unterjochung mit jugendlicher Neuheit und Kraft der Empfindungen erstand, und seine so despotisch verkannten Rechte geltend machte, wurden ihr diese zum höchsten und einzigen Gut des Lebens.
Doch verdankte sie dem Schmerz, den sie empfunden hatte, den unverrückten Blick auf das Ziel moralischer Erhebung, das sie nie wieder aus den Augen verlor, so oft sie auch noch irre ging. Die zunehmende Kränklichkeit ihres Vaters, und die Trauer, die sie um Rhode trug, berechtigten sie, in ihrer Familie und einem kleinen Kreise geprüfter Freunde, sehr einsam zu leben. Rhode hatte sie in seinem Testament zur Besitzerin von seinem Gute ernannt, und sie fühlte die Verpflichtung, ihm, durch den Wohlstand und die sittliche Cultur ihrer neuen Unterthanen, ein seiner würdiges Monument zu setzen. Da sie jetzt, in ihrem zwey und zwanzigsten Jahr, für mündig erklärt wurde, hatte sie auch mit keinem Hinderniß, bei der Ausführung ihrer wohlthätigen Pläne, zu kämpfen.
August wurde nunmehr, nach geendigten Universitätsjahren, von seinem Bruder erwartet, um mit ihm den Plan zu seinem künftigen Leben zu verabreden. Natalie forderte ihm jetzt, mit festem Hinblick auf ihren für Elisens Glück entworfenen Plan, das Versprechen ab, daß er diese, seine Liebe so wenig errathen als ahnden lassen wolle.
„Elisens Ruhe“ schrieb sie ihm, „ist ein heiliges, mir anvertrautes, Gut, von dem ich meiner seeligen Mutter und meinem eignen Herzen die strengste Rechenschaft schuldig bin. Ich wünsche Sie beide mit einander vereinigt zu sehen: aber Sie, lieber August, sind noch weit von dem Zeitpunkt entfernt, wo Sie ihr Ihre Hand werden bieten können. Ihre Kenntnisse, Ihre Talente sollen Ihnen erst den Weg zu einem Amte bahnen; wir sind berechtigt, das Beste hoffen zu dürfen; aber dem ungewissen Erfolg dieser Hoffnung dürfen Sie und ich die Ruhe meiner Schwester nicht Preis geben. Sie werden sie nach erfolgtem Geständniß verlassen, um in die Schranken zu treten und um den Preis zu ringen. Diese Thätigkeit sichert die Gesundheit Ihres innern Lebens — nicht so bei Elisen, in der Stille ihrer Existenz. Die Empfindung, die für Sie eine Schule der schönen Menschlichkeit seyn würde, deren Blüthe, von der Liebe ungepflegt, so leicht in der Seele des Mannes verdorrt, würde für Elisen zur verzehrenden Flamme werden. Aber auch um Ihrer selbst willen fordre ich dies Opfer. Herrschaft der Vernunft, bei Reichthum des Herzens, Licht mit Wärme gepaart, kann allein meine Achtung für Sie so erhöhen, daß ich mit froher Zuversicht Elisens Schicksal in Ihre Hände lege.“
August kam, und fand sein Ideal von der liebenswürdigsten Wirklichkeit übertroffen. Die Zärtlichkeit, mit der Elise an Natalien hieng, ließ ihn fühlen, welche Rechte einst die Liebe auf dies sanfte, gefühlvolle, Herz haben würde. Strenge hielt er sein Natalien gegebnes Wort: aber ihm unbewußt, und von Elisen nicht verstanden, sprach seine Liebe zu ihr aus seines Lebens leisester Bewegung, Nataliens Freundschaft und die ausgezeichnete, achtungsvolle Traulichkeit, mit der sie den jungen Mann empfing, wurden für Elisen leise Schicksalswinke. Der Mann, dem ihre Natalie so wohlwollte, konnte von ihr nicht unbeachtet bleiben, er erschien ihr bald als der liebenswürdigste ihrer Bekanntschaft, und sein Umgang wurde ihre süßeste Freude. Allein die jungfräuliche Schüchternheit ihrer Empfindungen verhinderte sie, den Eindruck, den er auf sie machte, zu beachten, sich damit zu beschäftigen, und ihn so durch die Gewalt ihrer eignen Phantasie zu verstärken, wie dies gewöhnlich das Geschäft einer romantisirten Einbildungskraft ist.
Natalie war im Stillen für das Glück der beiden Liebenden thätig. Ihr Vermögen erlaubte ihr, für die fernere Ausbildung des jungen Mannes zu sorgen, und seinen seit lange genährten Wunsch, vor dem Eintritt ins bürgerliche Leben, eine Reise durch Deutschland und England machen zu können, zu verwirklichen. Er sollte, nach ihrem Plan, noch zwei Jahre abwesend seyn; nach seiner Rückkehr in einen angemeßnen Wirkungskreis treten, und die Hand der dann achtzehnjährigen Elise erhalten.
Am Morgen seiner Abreise, als er Natalien gerührt den Schmerz dieser Trennung aussprach, gab sie ihm das Gemälde ihrer Schwester und das bestimmte Versprechen, ihre Hand für ihn aufzuheben, und sein Andenken in ihrem Herzen zu pflegen. Er hatte noch überdem den Trost, Elisen bei seinem Abschied tief bewegt zu sehen. Die Innigkeit, mit der Natalie von ihm schied, schien ihrer Schwester Rechtfertigung für die Thräne, die ihr Auge verdunkelte, als er zum Abschied ihre Hand küßte, und sie wünschte ihm so herzlich, so innig, daß er froh und wohl bleiben und bald wiederkommen möge, daß Augusts Festigkeit fast an dieser süßen, verführerischen, Herzlichkeit gescheitert wäre. Natalie beobachtete ihre Schwester, in den Stunden die seiner Abreise folgten, genau; sie fand sie den ganzen Tag träumerisch, und erröthend, wenn man sie aus diesen wehmüthigen Träumen aufrief; aber sie verstand die Kunst, unbemerkt ihre Geschäfte zu verdoppeln und ihre Empfindungen so sanft auf andre Gegenstände hinüber zu leiten, daß Elise mit den Erscheinungen ihres eignen Herzens unbefreundet, und frei von der Unruhe der Liebe blieb. Ihr Andenken an August war heiter und süß; ihre Sehnsucht nach ihm ruhig, und so blieb der schöne Friede ihres Gemüths ungestört.
Natalie ward in dem Zusammenleben mit ihr von Tag zu Tag friedlicher und liebevoller, aber eben diese Stille ihres Wesens machte es ihr fühlbar, wie viel sie noch vom Leben zu fordern habe. Sie versank nicht wieder in Unmuth und Verzweifelung; doch eine geheime, hoffnungslose, und doch so innig sehnsüchtige Wehmuth, vor der die Gesundheit der Seele, der Friede des Herzens, schwanden, ergriff sie; sie bebte, von neuem irre zu gehen, und suchte ernstlich einem Ausweg aus dem Labyrinth ihrer innern Verworrenheit. Sie wollte gerettet seyn, wie sie vor dem Tode ihrer Mutter zu Grunde gerichtet seyn wollte — doch vergeblich forschte sie nach einer Hoffnung, auf die sie liebend und vertrauend das Glück ihres Lebens gründen könne. Die Klippe, an der die Ruhe, der Werth, der edelsten weiblichen Naturen so oft scheitert und sie zum Spielwerk deren macht, die ihnen nie hätten nahen dürfen, ist diese nie erstorbene Sehnsucht nach Liebe, im reinsten, edelsten Sinn des Wortes, die im Busen des Weibes wohnt. Der Mann hat, ohne das Weib, im Leben die feste Haltung voraus — ohne Grazie, ohne Schönheit, doch edel, fest und groß, geht er, der Starke, auch einsam durch das Leben — aber was ist ein Weib ohne Liebe? — ein Räthsel, das nur sie zu entwirren, ein Wesen, das nur sie zu erklären und zu verklären vermag. — Welches Weib bliebe auf der Höhe eines Standpunktes, wo es das ruhige Bespiegeln in der Liebe des Mannes, das Einswerden zweier Naturen in Liebe und durch Liebe, zu entbehren vermöchte, noch Weib? Und ohne diese tiefere mystische Einswerdung zweier Seelen, wird kein weibliches Wesen je erfahren, wozu es gebildet und entfaltet werden kann. Liebe in diesem Sinn, bleibt der höchste Gewinn für das innre geistige Leben des Weibes, den die Erde zu bieten vermag, und dies Höchste, Schönste und Freieste im Leben, lag nur als dunkle Ahndung in Nataliens, vergeblich nach Licht und Harmonie strebender, Seele.
Ihr jetziges Leben war auf Resignation und Entbehrung gegründet, und glich so wenig der geistigen Gesundheit, wie der Zustand eines durch Arzenei erhaltenen Kranken der körperlichen.
Ach, durch die ganze Schöpfung floß ein Quell, aus dem die Natur jedem empfindenden Wesen Tropfen zutheilte; sollte sie allein auf immer von ihm verwiesen seyn? — Sie gieng zu allen andern Quellen zurück, aus denen ihr nach der Ansicht der Menge, Glück fließen konnte — aber ihre ganze Seele sträubte sich jetzt gegen den armseeligen Genuß von Schimmer und Glanz — und wenn eine Welt bewundernd zu ihren Füßen gelegen hätte, so hätte diese Huldigung die Sehnsucht ihres Herzens auch nicht auf eine Minute nur zu betäuben vermocht. Auf der einen Seite sah sie, im Leben, jene Geistigkeit ohne Glauben, ohne Liebe, welche sie einst irre geführt hatte, und auf der andern, die Beschränkung einer unbefangnen Kindlichkeit und einer zufriedenen Einfalt, der sie nun einmal entwachsen war. — Aber aus der Mitte dieser Extreme, deren Bild ihre Vergangenheit ihr bot, strahlte ein heller unvergeßlicher Zeitpunkt ihres Lebens hervor — ach, wenn die Liebe schon als Schmerz um einen Todten die schönste, göttlichste Erscheinung ihres Lebens war, was konnte, was mußte sie ihr dann nicht werden, wann sie lebend der Lebenden begegnete? — Sie erkannte es jetzt, daß sie Rudolf nie geliebt hatte, daß nur innige, zärtliche Freundschaft sie an Rhode band, und fühlte es in der Einsamkeit und Stille ihres jetzigen Lebens tiefer und tiefer, daß nur Liebe ihr Herz zu heiligen, und sie zur Einigkeit mit sich selbst, zum Frieden mit der äußern Welt, zurückzuführen vermöge.
Sie hörte sich von Allen, die sie umgaben, geliebt nennen, allein man nahte sich ihr nur mit Anerkennung ihrer Ueberlegenheit, und raubte dadurch dieser Annäherung den schönsten Reiz für Nataliens Herz, das ja unter der fremden Bewunderung früher schmerzlich erkältet war, bis ihre heißen Thränen es wieder aufthauten. — Sie that Vielen wohl — sie half in der Nähe, wie in der Ferne, und jeder Unglückliche, jeder Bittende konnte bei ihr auf Theilnahme und Gewährung rechnen; die Wohlthätigkeit vermag aber nur das Glück eines befriedigten Herzens zu erhöhen; nie wird sie die Sehnsucht eines unbefriedigten anders als augenblicklich zu beschwichtigen vermögen. Man muß die Menschen, denen man wohlthut, lieben und achten, um sich in der Sorge für sie glücklich fühlen zu können, und das that Natalie nicht. Wer in den Kreis fremder Bedürfnisse tritt, wird den Menschen fast immer klein finden, und wer Vielen Gutes thut, wird selten Achtung vor den Menschen bewahren, weil er jedes höhere Bedürfniß von dem Mangel des niedern so erstickt findet, daß er fast an dem Daseyn desselben zum Zweifler werden muß.
Augusts und Elisens Liebe trat jetzt mit dem Zauber der schönsten Wirklichkeit vor sie hin und schmerzlich ergriff sie das Gefühl, was das Leben ihr hätte gewähren können, wenn sie nicht, um seinen schönsten Gehalt betrogen, denselben zu früh verloren gegeben hätte. — Jetzt hatte sie keine Hoffnung mehr, den seeligsten Göttertraum des Lebens hienieden zu träumen. — Sie konnte noch lieben — aber konnte sie noch geliebt werden? —
Das üble Befinden ihres Vaters und ihre eigne Kränklichkeit vermehrten sich mit dem Frühling, und der Arzt verordnete beiden den Gebrauch des Doberaner Seebades. Natalie trat diese Reise mit einer ihr durchaus räthselhaften, freudigen Bangigkeit an, die ihr oft als Ahndung erschien.
Ihr Vater fand in Doberan zufällig mehrere alte Bekannte, und gleich in den ersten Tagen wurden sie in einen Zirkel von Menschen und Vergnügungen gezogen, der sich täglich erweiterte. Nataliens Reiz, ihr Geist, und der Ruf ihres ansehnlichen Vermögens erwarben ihr vielen Beifall, und sie sah sich bald von einem Männerschwarm umgeben, unter dem sie vergebens nach einem antwortenden Laut auf die Stimme ihrer Seele umher horchte, — so ward sie von Tag zu Tag stiller und wehmüthiger.
Nirgends überrascht den Einsamen das Gefühl seines Einsamseyns so schmerzlich, als wenn er fremd unter eine große Menschenmenge tritt, mit der er nur zufällig eine kurze Zeit fortgleitet, wie der einzelne Tropfen mit der rauschenden, brausenden, Wasserwoge! Es ist für Seelen und Herzen immer schwer, sich in der Ueberhüllung irrdischer Verhältnisse und Körper auszufinden; in der lauten geräuschvollen Menge aber verstummt auch der leiseste Laut der Sympathie, der Liebe und der Sehnsucht.
Natalie sah hier nur das eitle Spiel eines eitlen Lebens noch eitler erneuert, und ihr Widerwille, es ferner mitzumachen, ward noch entschiedner und fester. Auch Elise trat hier zum Erstenmal auf die Scene der täuschenden Operauftritte, die man große Welt nennt. Oft wurden sie ihr langweilig; allein der kindliche Frohsinn, die unbefangene Unschuld ihres Sinnes, wurden ihr zum Schutz gegen alle schädliche Eindrücke. Wie ein Spiel glitt ihr das Getümmel vorüber, und machte ihr die Einkehr in sich selbst und die einsamen Stunden, die sie mit ihrer Natalie lebte, nur noch lieber.
Die schönen Gegenden des freundlichen Doberans, die beide Schwestern eben so eifrig aufsuchten, als sie in der Regel von den Badegästen vernachlässigt werden: der ihnen neue Anblick des Meers, der nie den Geist ermüdet, nie die Phantasie leer läßt, und die, zuweilen geist- wenn auch nicht seelenvollen, kleineren Zirkel, die sich aus dem Größeren gesondert, zusammenfinden, verlieblichten ihren Aufenthalt, und Nataliens Wangen fingen wieder an, sich im Glanz der Gesundheit zu röthen während ihr Herz mehr und mehr einem warmen Boden gleich wurde, angefüllt mit den Keimen der innigsten, seelenvollsten Liebe, die nur auf die Sonnenstralen einer fremden edlen Liebe warteten, um ihre Blüthen zu entwickeln.
Unter den gemachten Bekanntschaften zeichnete Nataliens innigste Hochachtung den edlen Domherrn von R...w aus, der, so unermüdet, ein ganzes, reiches Leben durch, Gutes wollte, Gutes wirkte und für Deutschlands niedre Stände der Schöpfer und Verbreiter einer neuen, besseren Lehrmethode ward. Seine, fast schon vergessenen und vernachlässigten Schriften enthalten einen so großen Reichthum populärer Wissenschaft und Moral, daß man sie eine Encyklopädie beider für den Landmann nennen könnte. Natalie traf mit ihm in dieser Sorge und Liebe für die Bildung desselben wenigstens in ihrem Streben zusammen, ihren Guts-Unterthanen das Glück eines guten Schulunterrichts zu verschaffen. Sie hatte schon im Frühling dieses Jahres ein geräumiges bequemes, Schulhaus erbauen und einen Garten anlegen lassen, und war jetzt nur besorgt, einen geschickten Schullehrer zu finden, der ihre Unterthanen für Wohlstand, und die Freiheit, die sie ihnen zu schenken Willens war, empfänglich bilde. Ihre Unterhaltungen mit dem edlen Greise lenkten sie häufig auf diesen Gegenstand hin, und erhellten ihre Ansichten im Spiegel seiner reifen Erfahrung zu höherer Lebensklugheit. Er erbot sich, einen jungen Mann, der seit einiger Zeit in seinem Hause lebe, und dessen Charakter und Kenntnisse er ihr mit Wärme rühmte, zur Annahme der Schullehrerstelle bei ihr zu bereden, da er sich für dies Fach gebildet habe, und die Anstellung in einer, von seinem bisherigen Aufenthalt entfernten, Gegend wünsche. Auch schrieb er, noch von Doberan aus, an ihn, und konnte Natalien schon vor ihrer Abreise der Einwilligung des jungen Mannes, dem sie ihrer würdige Bedingungen gemacht hatte, versichern.
Das Schicksal hatte dieser aber noch eine Bekanntschaft aufgespart, die ihr zu der höchsten Freude auch den tiefsten Schmerz ihres Lebens bereitete, und die sie bis zur letzten Minute ihres Lebens, als die wohlthätigste Erscheinung ihres Daseyns segnete. —
Schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts in Doberan fiel Natalien, unter der Menge der anwesenden Fremden, ein junger, ausgezeichnet groß und edelgestalteter Mann auf, den sie an der Seite eines reizenden, lieblichen weiblichen Wesens, voll herzgewinnender Anmuth, oft unten am Bade, oder in den einsamern Spaziergängen, aber nie in dem größern Gewühl sah. Nach mancher vergeblichen Frage erfuhr sie, es sey ein Maler Willot aus Dresden, mit seiner Gattin und lebhaft fühlte sie sich zu dem Wunsch, ihre Bekanntschaft zu machen, hingezogen, allein die Gelegenheit dazu wollte sich in den ersten Tagen nicht finden, und der tägliche Wechsel von neuen Gesichtern und hinzukommenden Fremden drängte später das interessante Paar in Nataliens Erinnerung zurück, und ihre gegenseitige Bekanntschaft schränkte sich auf den stillen Antheil ein, mit dem sich ihre Blicke zuweilen begegneten, oder im Vorübergehen durch einen bedeutenderen Gruß sich auszeichneten. Jetzt war die Zeit von Nataliens Aufenthalt bis auf einige Tage verstrichen, von denen sie den schönsten zum Besuch des Gutes D. wählte, dessen Lage und Aussichten man ihr gerühmt hatte.
Sie fuhr allein mit Elisen hin und rechnete auf einen einsamen Tag, da D. fast nie von den Doberaner Badegästen besucht wird, allein der Zufall führte hier heut mehrere Menschen zusammen, die alle einzeln gekommen, und sich bis jetzt in dem großen Gewühl fremd geblieben waren. So einzeln und getrennt durchstrich man auch jetzt die schöne Gegend, bis ein Platzregen alle in dem kleinen Stübchen des nächsten Bauernhauses versammelte, dessen Bewohner ihren Gästen wenig zur Bewirthung anzubieten hatten. Die mehrsten derselben hatten indessen kalte Küche und Getränk bei sich — man trug das zusammen — die Männer schlugen einige Bänke auf, da es an Sitzen fehlte — die Frauen ordneten den Tisch — man kam sich während dieser Beschäftigungen im heitern Scherz näher, wurde bekannt, und nun zusammen sehr froh und munter.
Natalie traf zu ihrer Freude Willot und seine Gattin unter den Anwesenden, und fand sich mit ihm und diesem einfachen, lieblichen Wesen so leicht schnell zusammen, daß man ihnen allen, bei den ersten Worten, die Freude ansah, sich endlich zu begegnen.
Willot war ein sehr gebildeter Mensch; aber es war nicht die flache Geistigkeit der Welt- und Hofbildung, was Natalie fand, sondern die Fülle eines reichen, poetischen Lebens, das auch in seiner Höhe noch zeigte, wie hold befreundet es mit der Erde sey, an die es befestigt war, um sich desto sicherer groß und frei in die Unendlichkeit hinein gestalten zu können. Holder Ernst und schöne Begeisterung bezeichneten seinen Sinn, dessen äußere Darstellung ein reiner Spiegel des Innern war.
Natalie vermochte, diesen Karakter zu fassen und sich innig mit ihm zu befreunden. — Was sie aber mit dem lebendigsten Antheil an ihm auffaßte, war sein Verhältniß zu seiner Gattin, das bisher, ohne Vorbild in der Wirklichkeit nur als schönes Ideal in ihrer Seele heiligster Tiefe geschlummert hatte. Er so kühn, so frei, so fest, so bestimmt — sie so weich, so zart, so kindlich, fast ehrerbietig, gegen ihn, und doch so voll herzlicher, vertrauungsvoller Zärtlichkeit sich dem geehrten Mann anschmiegend, der sich nicht zu ihr hinunterließ, sie nicht zu sich hinaufheben wollte, sondern, so wie sie war, in ihr sein höchstes Glück, seine süßeste Freude, sein Theuerstes auf Erden, liebte.
Natalien wurde in ihrer Mitte, als wenn sie nach langem, langem Umherirren in der Fremde, endlich die geliebte Heimath wieder vor sich dämmern sähe, und sie erschien ihnen gegenüber, unwillkührlich stiller und einfacher, als sie seit Jahren gewesen war. Der schöne Geist ihrer frommen Jugend kehrte ihr segnend zurück, und beglückte durch seine Rückkehr eine reinere, festere Seele, als er einst durch sein Scheiden betrübte. Sie war unbeschreiblich sanft und wohlthätig bewegt, und ihr sonst so stolzer Geist beugte sich voll ehrfurchtsvoller Demuth vor Mariens anspruchlosen Werth, deren Herz sich liebend dem ihren entgegen neigte, und der man so hell die Freude ansah, ihren Karl einem Wesen gegenüber zu sehen, dem er so gerührt und begeistert von seinen theuersten Gefühlen und Ideen sprach. Sie mischte sich mit Elisen unter die übrige Gesellschaft und ließ ihren Gatten und Natalien, im ernsten Gespräch vertieft, am fernsten Fenster zurück. Doch liebend kehrte sie oft, mit ihren hellen, klaren Blicken, zu ihnen zurück, oder trat schweigend einen Augenblick zu ihnen, ihre Hand zu drücken.
Willot war einer der Glücklichen, dem das Schicksal schon in früher Jugend einen großen Menschen für sein Herz, und einen geliebten schönen Zweck für sein Leben geschenkt hatte, und der, von diesen Schutzgeistern geleitet, die Bürgschaft ewiger Jugend in sich trug. Die Begeisterung für seine Kunst, die er Natalien zeigen durfte, weil sie sie mit ihm theilte, entriß, in seinem Gespräch mit ihr, seiner Feuerseele den Schleier, und er zeigte ihr den Himmelstempel und den Altar, den er darin für seinen Freund, Moritz Voluda, errichtet hatte.
O wie wurde sie erschüttert — erweicht — aufgeregt zu Flammen edler Begeisterung, als er ihren alten himmlischen Traum von Freundschaft ihr lebendig verwirklicht vorführte, und sie die Flügel ihrer entflohenen Ideale wieder rauschen, ihre Götterbilder die Hülle von sich werfen, und in ewig frischer Jugend und Schönheit in ihr Herz wieder einziehen fühlte! — So hatte sie noch nie jemand geehrt, als, nach dieser Stunde, den edlen Menschen, den ihr Willot in großen festen Umrissen zeichnete, wie er, in seiner höhern Reinheit, in seinem edlern Ernst, seiner erhabenen Festigkeit und der göttlichen Milde des liebevollsten aller Herzen, mit ihm, als der ewige Bruder seiner Seele, durch ein Leben gehe, das beiden geheiligt ward durch diese Freundschaft.
Voluda hatte das Leben in seiner höchsten Lust, in seinem höchsten Schmerz, kennen gelernt; aber eben aus dem tiefen Leid dieses Wechsels war ihm eine Harmonie beider geworden, die ihm jetzt das Leben frei, den Tod schön machte. Eine höhere Tugend, als gewöhnliche Menschen zu fassen vermögen, gab ihm für alle Erscheinungen der Zeit unerschütterlichen Muth, unerschütterlichen Glauben. Seine Seele voll unendlicher Liebe ordnete alle, durch den Geist getrennte, Theile des Irrdischen, wieder zu einem Ganzen, für das sein Herz die Freudigkeit des Wirkens, Hoffens und Glaubens bewahrte, und nie genoß ein Mann einer schönern Einheit des innern und äußern Lebens, als Er. Jahrelang hatte er mit einer Liebe, wie sie nur ein so großes energisches Gemüth zu empfinden vermag, an einem schönen, holden Mädchen gehangen, dem ein seltnes Schicksal eine seltene Bildung gab, welche sie in einer oft verkannten Originalität von ihrem Geschlecht absonderte und sie auf einen Standpunkte stellte, der sie vielen unfreundlichen Blicken preisgab. Seine Treue, seine Festigkeit, seine Liebe, besiegten alle Hindernisse; sie ward endlich sein Weib, machte glücklich, war glücklich — und jetzt stand er an ihrer Bahre, und neben ihm wimmerte sein Erstgeborner, dem sie mit ihrem Tode Leben erkaufte. —
Und in diesen Stunden des allerheiligsten Schmerzes sah ihn Natalie jetzt, und die Worte, mit denen die Seele des Freundes ihn ihr darin schilderten, gewannen sie Voluda’n auf ewig. Ihrer Rührung, und der nie empfundene Erweichung ihres Herzens, nicht länger mächtig, reichte sie Willot schweigend die Hand, und entwich in den Garten. Hier sank sie, mit Thränen, die die Schuld einer trüben Vergangenheit von dem wunden Herzen, der beklemmten Seele, nahmen, und strömten, als ob sie nie wieder versiegen könnten, nieder, und dankte Gott — inniger hat ihm nie ein sterbliches Wesen gedankt — daß er sie gerettet habe — sie geschützt habe, im reichen Leben zu verschmachten, wie der Schiffer auf der weiten Wasserfläche oft durstend verschmachtet. Was sie empfand, vermochte sie sich selbst nicht zu deuten. Sie fühlte aber in sich das Erblühen eines neuen Lebens, und flehte zu Gott, sie für dasselbe zu heiligen und dann verstummte sie, und nur ihre Thränen waren noch Gebet.
Wiedergeboren, getauft mit seinem Geist, seiner Liebe, kam sie, wie verklärt, zur Gesellschaft zurück. Und wenn sein Name nie wieder vor ihr genannt worden, kein Laut von ihm je zu ihr gedrungen wäre: sie wäre doch sein geblieben auf ewig. —
O, da es eine Liebe giebt, die zu ihrem Daseyn nichts bedarf, als das Bild des Geliebten, die ohne Hoffnung, ohne Wunsch, in seeliger Stille, nichts fordert, als dies Erkennen fremder Trefflichkeit: so laßt uns nicht zweifeln, daß wir, Pilgrimme hinieden, das Bürgerrecht in einer schöneren Welt besitzen. —
Natalie nahm, bei der Rückreise, Willot und Marien mit in ihren Wagen, und sie gewannen sich gegenseitig immer lieber. Willot, der das Gute und Schöne, wo es ihm erschien, enthusiastisch und im Colorit einer dichterischen Phantasie auffaßte, und dem sein edler Freund unvergänglichen Glauben an die Würde der menschlichen Natur gegeben hatte, besaß das himmlische Vermögen, einem Menschen, ungestört vom leisesten Zweifel der Erfahrung oder des Mißtrauns, unbedingt vertrauen zu können. Er gab sich hin, ehe noch Zeit und Prüfung die Ahndung des fremden Werthes zur Einsicht erhoben hatten, und Natalie war dieses Vertrauens, das sie ihm gegenüber wieder fand, werth. Unzertrennlich für die wenigen noch übrigen Tage ihres Aufenthalts, fanden sie sich mehr und mehr in gleichen Ansichten, Ideen und Empfindungen zusammen. Dann schieden sie — wehmüthig, aber ohne Schmerz, da jeder in seinem eignen Herzen die Bürgschaft trug, von dem andern unvergessen zu bleiben.
Ihr Vater, der seine täglich zunehmende Schwäche fühlte, und kaum den Frühling zu erleben hoffen durfte, wünschte seine Vermögensumstände in Ordnung zu bringen. Sein Gut fiel, nach seinem Tode, an einige ihm fast ganz fremde Lehnsvettern, mit denen er mündlich Abrede zu nehmen wünschte, um seine Töchter in der Zukunft gegen die habsüchtige Einmischung der übelberüchtigten Advokaten seines Vaterlandes zu schützen. Er machte daher auf der Rückreise von Doberan einen Umweg über Lübeck, den Wohnort seiner Lehnsvettern, und fand in ihnen ein paar sehr brave, gescheute Männer, die ihn mit zuvorkommender Artigkeit aufnahmen, und alles aufboten, ihm und seinen Töchtern den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Man hatte Sinn genug, dies nicht durch das Zusammenbitten einer großen, steifen Gesellschaft, sondern durch kleine von Traulichkeit und Scherz beseelte, Zirkel erreichen zu wollen. Die schöne Jahreszeit begünstigte die Streifereien in die umliegende Gegend, die Natalie sichtlich jedem andern Vergnügen vorzog, und Musik und Tanz beschlossen gewöhnlich den Abend. Nataliens Gesang trug nicht wenig zur Verschönerung dieser Abende bei, und man bewunderte die Reinheit und den seltnen Umfang ihrer Stimme eben so sehr, als die Fertigkeit und Sicherheit, mit der sie schwere, ihr ganz fremde, Sachen vortrug.
Den Abend vor ihrer Abreise brachten sie in dem Garten des einen Vetters zu, der allen seinen Bekannten zu jeder Tageszeit offen stand. Auch heute waren mehrere, nicht zur geschlossenen Gesellschaft gehörende, Personen darin; diese versammelten sich gegen Abend in dem Gartensaal, wo Julie, die Tochter des Hauses, Natalie, Elise, und mehrere der anwesenden jungen Mädchen sich in Gesang und Spiel der Guitarre und des Pianofortes ablöseten. Ein, aus der Stadt nachkommender, Bedienter, brachte die eben mit der Post angekommenen Briefe, und unter diesen ein Packet schöner neuer Musikalien für Julien mit. Neugierig eröffnete man es gleich, fand aber leider lauter Duetts, die, Natalien ausgenommen, keiner von der Gesellschaft sich getrauen durfte, vom Blatte weg vorzutragen. A...., Juliens Verlobter, der sehr angenehm sang, und dadurch wahrscheinlich die Wahl dieser Singstücke veranlaßt hatte, nahm die Stimme, aber schon nach ersten Blick darauf legte er sie nieder, und erklärte die Unmöglichkeit, sie uneingeübt singen zu können. Natalie hatte während dieser Zeit die ihrigen nachgesehen und das Accompagnement durchgespielt. Es wehte ihr aus diesen Compositionen eine so liebliche Melodie, eine so reiche Harmonie, entgegen, daß sie den Wunsch lebhaft äußerte, es möge sich jemand finden, der die zweite Stimme singen wolle und könne — doch vergeblich! —
Wenn ich nicht irre, sagte Julie endlich mit muthwilligem Ton zu ihrem Freunde, so habe ich vorhin am Bassin Ihren Weiberhasser wandeln gesehen, dessen Gesang Sie mir so oft gerühmt haben — wie wäre es, wenn Sie den Versuch machten, ihn herzuführen, und zu sehen, ob er Muth genug hat, einem halben Dutzend Mädchen unter die Augen zu treten?
Ich will mein Glück versuchen, antwortete der junge Mann lächelnd, und hoffe das Beste; denn wahrlich, Cousinchen, weiberscheu ist er nicht.
Natalie fragte Julien, von wem die Rede sey? — So recht weiß ich es selbst nicht, es ist ein Jugendfreund A...s, der sich seit einigen Tagen hier aufhält, und, nach allem was ich von ihm gehört habe, ein sehr genialischer Mensch, den der empörende Unwerth einer von ihm vergötterten Frau zum entschiedendsten Weiberhasser gemacht hat. Doch wahrlich, da kommt er mit A.... gegangen — nur einen Blick, liebe Natalie, — welch interessantes Gesicht! — wer sollte glauben, daß dieser blühende, jugendliche Mann so bitter mit unserm Geschlecht zerfallen ist! —
Natalie sah auf, und ihr Auge traf auf ein dunkles, leidenschaftlich glühendes Augenpaar, das seinen Blick, wie überrascht, von ihr wegsenkte, und es dann nicht der Mühe werth zu finden schien, die übrige Gesellschaft auch nur mit einem Blick zu überfliegen. A.... stellte ihn seiner Braut vor, die er mit einigen artigen, aber im gleichgültigsten Ton gesetzten, Worten begrüßte. Da es in die Augen fiel, daß man eben musizirt hatte, wandte sich das Gespräch schnell darauf, und alle vereinigten sich zu der Bitte an den Fremden, das eine wunderschöne Duett zu singen, das keiner aus der Gesellschaft sich vorzutragen getraue. Natalie allein saß stumm und von der Gesellschaft abgewandt am Flügel, und ihr feines, geübtes Ohr unterschied in den Antworten und in der Weigerung des Fremden, der nun erst erfuhr, warum er hierher gelockt worden war, seinen beleidigten Stolz, und einen Ton, dessen Modulation den Mangel feiner gesellschaftlicher Bildung verrieth; so wie die Wahl seiner Ausdrücke, dagegen auf Geist und Lektüre deutete. Selbst die Nachlässigkeit seines Benehmens gegen die bittenden Mädchen wäre durch einen geübtern Takt für das gesellige Verhältniß der höhern Stände gemildert und verkleidet worden. Doch eben dieser sonderbare Contrast der Sprache und des Benehmens zog sie an, und sie fühlte unmuthig, daß mehr Gewandtheit, als der Fremde besitze, dazu gehöre, um nach so langem Widerstand mit Anstand nachzugeben, und sie wünschte doch so sehr, ihn singen zu hören. Schnell riß sie alle Züge des Flügels auf — ein rauschendes Allegro störte die Musik, und mit unnachahmlichem Blick und Ton, mit unwiderstehlicher Grazie und der seltsamsten Mischung von Bitte, Befehl und Frage wandte sie sich nach ihm um: — Sie singen!
Sichtbar betroffen trat er ihr mit einer stummen, bejahenden Verbeugung näher. Daß er mit ihr, deren Blick ihn bei seinem Eintritt so milde entgegen strahlte, singen sollte, hatte er ja noch nicht gewußt. Mit dankendem, ausdrucksvollem Blicke gab sie ihm nun seine Stimme — er durchlief sie und senkte sein Auge zweifelnd zu ihr herab — aber sie sah ja so freundlich aufmunternd zu ihm hinauf — sie verständigte sich so hold mit ihm über einige der schwersten Passagen — sonderbar, daß er gar keine Worte finden konnte, mit ihr zu reden — er fürchtete, dies könne ihr als Unart erscheinen — als ob in irgend einer Sprache etwas Ausdrucksvolleres gesagt werden könnte, als für Natalien in diesem, stummen Gehorsam, dieser beklommenen Befangenheit lag! — Oft hatte sie beim ersten Anblick gefallen — und welchem Weibe entgeht dieser Eindruck? — aber die, denen sie gefiel, wußten immer eben so schnell, und oft noch früher als sie, um diesen Eindruck, und suchten dann sehr angelegentlich, sie auch damit bekannt zu machen. Hier aber stand sie, wie sie fühlte, einem Gemüth gegenüber, das sich selbst in dem empfangenen Eindruck nicht verstand, und die Neuheit dieser Erscheinung verdoppelte das Interesse, das die Beiwörter, unglücklich, genialisch, — diese wahren Talismane für Weiber, in ihr geweckt hatten.
Sie sang — mit so seelenvollem, dem innersten Herzen sich entreißendem Ausdruck hatte sie nie gesungen — und sie fühlte in seinem Gesang, wie sie ihn allmählig mit sich fortriß, er alle Umgebungen vergaß, und sich von diesen Tönen zu irgend einem goldnen, geheimnißvollen Feenlande fortziehen ließ. — Jetzt endete sie; sie stand auf, dankte ihm mit einer Verbeugung, und ließ ihn, wie träumend, am Instrumente zurück. Noch immer hörte er sie in Syrenentönen singen:
All’ eccesso del contento
Sento il core in tale istante
Anelante
Palpitar.