Reise in Südamerika

von

Dr. Frhr. Ernst v. Bibra.


Erster Band.


Mannheim.
Verlag von Bassermann & Mathy.
1854.

Inhalt.

Seite
I.Vom Hause bis zur See[1]
II.Fahrt nach Rio Janeiro[13]
III.Rio de Janeiro[105]
IV.Die Fahrt um Kap Horn nach Chile[143]
V.Valparaiso (Chile)[167]
VI.Reise nach Santjago (Chile)[231]
VII.Santjago (Chile)[249]

I.
Vom Hause bis zur See.

Im April 1849 verließ ich Nürnberg. Schwer und hart war der Abschied von den Meinen. Hatte doch mein ältester Junge lange Zeit vor meiner Abreise halbe Nächte durchweint im Gedanken an meine Fahrt, und bei Tage sich heiter geberdet um mich nicht zu betrüben. Das war der Typus meines Abschieds überhaupt.

So ging ich aus dem Hause, hinaus in einen kalten und unheimlichen Morgen und vom alten, ehemals weltberühmten Fembo'schen Landkartenhause an, um die halbe Welt bis wieder zurück nach Hamburg, hat mich die Idee nicht verlassen, daß ich die Kinder nicht mehr lebend anträfe. Glücklicher Weise waren meine Ahnungen falsch. Diese wenigstens.

Wir kamen spät des Abends in Leipzig an und fuhren des andern Tages nach Bremen. Man reis't schnell heut zu Tage, doch glaube ich noch schneller diese Reise von Nürnberg nach Bremen beschrieben zu haben. Nur muß ich noch beifügen, daß mich zwei Landsleute begleiteten, W. aus Nürnberg und M. aus Erlangen.

In Bremen stiegen wir im Victoria-Hotel ab. Ich werde auch von jenem Aufenthalte nur Weniges berichten. Die fast fieberhafte Aufregung, die sich meiner bemächtigt hatte, ließ mich nur flüchtig beobachten. Doch sah ich mit Belehrung das Museum und den Dom, und nahm so allegorischen Abschied von deutscher Wissenschaft und Kunst. Eine Notiz über Pyrosoma atlantica und über Fulgurit waren die letzten dahin bezüglichen Bemerkungen in meinem Tagebuch, Taufstein und Schloßverzierungen im Dom die ersten Skizzen in meiner Zeichenmappe. Im Rathhause sind einige gute Holzschnitzereien. Classischer aber ist, was unter dem Rathhause. Hauf hat einen romantischen Schleier über jene Räume gezogen, welche des Guten viel enthalten und in welchen man leicht des Guten zu viel thut. Aber unter den Geistern des Weins fehlten nicht selten die Schauer des Todes. Ein Freund meiner Jugend hatte ein unglückliches Ende genommen vor nicht langer Zeit, an der Stelle, wo ich zechend saß, und solches erfuhr ich eben dort und durch Zufall. Ich hatte Jahre lang nichts von ihm gehört und ihn mir in glücklicher Stellung gedacht.

Es wurden in Bremen die noch nöthigen Einkäufe gemacht und zugleich der Rheder besucht. Es wird sich Letzterer wohl schwerlich mehr meiner erinnern, denn Waarenballen, Menschen d. h. Passagiere, und solche werden doch theilweise immer auch ein wenig als Menschen betrachtet, Fässer, Taue, Zwiebackkisten und Aehnliches wurden dort mit gleicher Hast expedirt. Auf mich aber machte jenes ganze Thun und Treiben einen widerlichen Eindruck.

Endlich erhielten wir die Nachricht, das Schiff liege fertig bei Brake und könne in einigen Tagen in See gehen. Es wurde Abschied genommen von Bremen und auf dem Fluß-Dampfer nach jenem Neste gefahren. Unser Kapitain machte die Fahrt mit uns. Wir hatten ihn indessen schon früher kennen gelernt im Rathskeller, aber dort so wie hier war noch keine Gelegenheit einen Kapitain im eigentlichen Sinne des Worts kennen zu lernen. Erst am Bord seines Schiffes traten die unerläßlichen Untugenden seines Standes hervor. Am Lande ist das Verhältniß Brautstand-artig. Ehestandlich am Bord, sehr stark ehestandlich, flitterwochenlos. Ich komme später auf Kapitain H.....dorf zurück, und auf das gegenseitige Verhältniß zwischen Kapitain und Passagieren überhaupt.

Die Gegend um Brake hatte auf mich einen niederdrückenden Eindruck gemacht. Einen noch langweiligeren aber die Bevölkerung des Fleckens. Freilich kamen wir nur mit den Wirthen des Orts und einigen Krämern in Berührung, deren Unart und Dünkel theilweise dadurch entschuldigt werden mag, daß sie fast einzig mit Auswanderern in Berührung kommen. Mir scheint als trete da eine schlimme Seite der Menschennatur so recht in's wahre Licht. Die fast sichere Aussicht liegt vor, daß sich Wirth und Gäste nie mehr sehen, und so geht man rücksichtslos zu Werke. Alle Prellereien, anderwärts mit obligater Artigkeit ausgeführt, werden hier grob und ohne Maske vorgenommen. Man hat es doch nur mit Gesindel zu thun, und ob erst drüben oder schon hier im alten deutschen Vaterlande diese Parias beraubt werden, – was liegt daran? Auf der andern Seite paßt leider die Benennung Gesindel nicht selten auf jene auswandernden Massen.

Wir, die zukünftigen Passagiere der Brigg Reform, fanden uns allmälig in Brake zusammen, und schon der Augenschein gab, daß die neue Genossenschaft aus besseren Elementen bestand, als gewöhnlich. Die achtzehn Passagiere der Kajüte gehörten alle den gebildeten Ständen an, und solches war auch theilweise, fast in überwiegender Mehrzahl, bei jenen des Zwischendeckes der Fall. Bei allen aber schien durchzuleuchten, daß man sich nicht in Rohheit gefallen wolle.

Jugendlicher Uebermuth freilich fehlte nicht, und abenteuerlich genug waren wohl Tracht und Waffen der Mehrzahl.

Mancherlei kurze Schwerter hingen da an den Hüften; Büchsen und Doppelflinten waren in jeder Hand; während Dolch und Pistolen (oft von bedrohlicher Construction) halb versteckt, Gefährliches ahnen ließen. Den grauen, jetzt (1854) stark anrüchigen Hut schmückte die rothe Feder. Ach, es hat sich mancher gemausert auf jener Reise!

Gemeinsamer Genuß von faulem Wasser und perpetuirlichem Salzfleisch vereinigen auf merkwürdige Weise politische Meinungen, und wirken nicht günstig auf den erwähnten Federschmuck.

Ich habe dort die Stimmungen studirt, die sich bei den Auswanderern kund gaben und nicht selten die Mühe, die man anwendete, sie zu verbergen. Unter der Maske der Heiterkeit mag doch wohl manches Herz krampfhaft geschlagen haben, denn Keiner, im weitesten Sinne des Worts, Keiner kann sein Vaterland gleichgültig, leichten Herzens für immer verlassen. Freilich ist der Begriff des Wortes Vaterland individuell. Ich habe einen jungen Mann gekannt, und er machte die Reise mit uns, welcher den wöchentlichen Küchenzettel seines väterlichen Hauses als sein Vaterland betrachtete. Das heißt, der Begriff Heimath war bei jenem identisch mit heimischer Speise und Trank. Familie und Freunde sind einem andern, Gesetz und Sitte einem dritten das, woran er hängt, was er schwer verläßt, wonach er sich sehnt in der Ferne, was er unbewußt Vaterland nennt.

Der ganze Geist des Volkes, dem man angehört, sein errungenes Wissen, die Schöpfungen seines Kunstsinnes, die Fortschritte seiner Technik, ist wieder einem andern das Vaterland. Die altera natura, die Gewohnheit, die langjährige, die von der Wiege an unsere Begleiterin war, gießt ihren Zauber aus über all das Genannte, vom Pflaumenmuße an, welches alle Sonnabende im heimlichen Familienkreise genossen wird, bis zu den höchsten Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst und Gesittung. –

Aber daß man alles das was lieb und theuer durch Gemüthes-, Verstands- und Gewohnheits-Bande, ungern verläßt, wollte dort in Brake mancher nicht Wort haben, und das perfide »ubi bene ibi patria« wurde nicht selten gehört, wenn wohl bisweilen mit krankem Herzen gesungen.

Auch ich verließ viel des Lieben und Theuern, aber ich wußte, daß ich zurückkehren würde, so hatte ich gut beobachten.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Brake wurden uns endlich die Pforten des Paradieses geöffnet. Wir durften an Bord, von unseren Kojen Besitz nehmen, uns einrichten. In einigen Tagen sollte die Reise beginnen. Mancher fand sich ohne Zweifel da bitter enttäuscht. Man hatte sich Kajüten gedacht mit spiegelhellen Fenstern und erhebender Aussicht auf die »dunkelblauen Wogen.«

Diese Kajüte hatte ohne Zweifel blank gebohnte Wände irgend eines fremdländischen Holzes, diese Wände waren vielleicht eingefaßt mit polirtem Messing, dem Golde ähnlich. Eine Hängematte wiegte sich in dem behaglichen Raume, den eine Cigarre aus der Havanna durchwürzte. –

Als wir mit einiger Beschwerlichkeit an Bord geklettert waren und uns durch ein Chaos von Kisten, Koffern, Ballen, Tonnen und Aehnlichem gewunden hatten, fanden wir etwa folgende Einrichtung: Ein schmaler Gang führte vom Deck aus gegen das Steuer zu, zur Kajüte des Kapitains, und links von diesem Gange eine Oeffnung zu einer leiterartigen, vom Zimmermann zugehauenen Treppe, auf welcher man in die Passagier-Kajüte hinabstieg, nach Umständen auch fiel.

Nun befand man sich in einem Raume der kaum fünf Schritte breit war. Die Wände dieses Raums, der Kajüte, waren aus Brettern zusammengenagelt, mit einer sicher beispiellos billigen Tapete beklebt und mit acht weiteren Oeffnungen versehen, durch welche man in die Kojen gelangte. Das Licht in der Kajüte wurde eingelassen durch ein Loch in der Decke, das sogenannte Skylight, von etwa 4 Fuß Durchmesser.

Die Kojen, die hölzernen an den Wänden des Schiffes unmittelbar befestigten Schlafstellen, hatten einen kleinen Vorraum, in welchem ein mäßiger Koffer Raum fand, und ein Mann sich aus- und ankleiden konnte, und dieser Raum war durch einen Kattun-Vorhang von der gemeinsamen Kajüte getrennt. In sechs dieser kleinen Räume waren je zwei Schlafstellen, eine oberhalb der andern angebracht. In zwei weiteren, davon eine ich bezog, vier Schlafstellen, auf jeder Seite zwei. In Mitte der gemeinschaftlichen Kajüte war ein, fast die ganze Länge derselben ausfüllender Tisch von rauhem Holze befestigt, anfänglich von Feldstühlen umstellt, von etwas zerbrechlicher Construktion, später von zwei festgenagelten langen Bänken. Die dem Vordertheile des Schiffes zugewendete Seite enthielt eine Art Wandschrank, in welchem anfänglich die Gläser aufbewahrt wurden, deren Zahl aber bald bis auf zwei oder drei geschmolzen war. Das vis à vis dieses Schrankes bildete ein Sopha auf welchem vier Personen Platz hatten, und welches gewöhnlich von sechsen besetzt war. Solches war die Kajüten-Herrlichkeit der Reform. Das Zwischendeck war von unserer Kajüte nur durch eine Bretterwand geschieden. Von einer eigentlichen Kajüte war hienach keine Rede. Die Reform war ursprünglich nicht zum Passagier-Schiff bestimmt, sondern zum Waaren-Transport; da sie jetzt Menschen nach Kalifornien bringen sollte, wurde das Zwischendeck durch eine Wand getrennt und die Abtheilung für die, welche etwas mehr bezahlt hatten, mit Papier beklebt. Im Uebrigen war der Raum sowohl uns als den Passagieren des sogenannten Zwischendeckes im Verhältniß der Menschen-Anzahl gleich zugemessen, denn jene, etwa fünfzig an der Zahl, konnten sich ebenfalls kaum rühren.

Wenn man zu diesen Entdeckungen, die vorläufig keine sehr behagliche Fahrt versprachen, das Drängen und Treiben, die Unruhe und Hast des Augenblicks nahm, so war der erste Eindruck, den die Reform hervorbrachte, kein angenehmer zu nennen.

Ich habe dort eine Reminiscenz aus meiner Jugendzeit empfunden, und das zwar an den ersten Tag, welchen ich im Erziehungsinstitute zu Neuberg an der Donau zubrachte. Auch in gastronomischer Beziehung fand ich später mancherlei Aehnlichkeit.

Nach zwei Tagen der Unruhen und Plackereien aller Art, als wir endlich auf dem Punkte waren, so ziemlich eingerichtet zu sein, kam eine Art Supercargo, geschickt vom Rheder, um eine Revision unseres Gepäckes abzuhalten. Neue Scheererei. Ich war dort auf dem Punkte meinen ganzen Vorrath von Rothwein und englischem Biere, welchen ich für die Reise gekauft hatte, in die Weser werfen zu lassen. Der Rheder hatte mir zugesagt, ich hätte für mitzunehmende Victualien und Gepäck Nichts zu zahlen. Mußten doch W. und ich ohnehin schon jeder fünfzig Thaler mehr Passage zahlen, als die andern Passagiere der Kajüte! Der Supercargo forderte jetzt für die freilich ziemlich voluminös verpackten Flaschen dreißig und etliche Thaler Fracht. Ich berief mich auf das mir gegebene Wort. Man verlangte Schriftliches. Als die Sache anfing unangenehm zu werden, bat mich W., ihm das Ordnen der Angelegenheit zu überlassen. Ich willigte ein und kam mit zehn Thalern davon.

Auch der Supercargo hatte endlich die Reform verlassen. Unsere Einrichtungen waren ziemlich beendet, das heißt, es hatte jeder so viel seines Gepäckes als möglich in den ohnehin engen Raum der Kajüte gestaut, man hatte sich in den Kojen ausgetheilt und jeder hatte sich gekleidet wie er es eben passend und wohlanständig hielt. Schon jetzt aber begann die eigenthümliche, indessen großentheils nothwendige Geheimnißkrämerei in Betreff der Unternehmungen des Kapitains, welche wohl auf jedem Passagierschiff herrscht. Niemand wußte etwas Sicheres über die Abfahrt. Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich unter den Passagieren, man werde noch am Abend einige Stunden abwärts treiben. Indessen nichts Gewisses. Endlich – gegen Abend – wurden die Anker gelichtet und wir fingen an langsam abwärts auf der Weser zu treiben.

II.
Fahrt nach Rio Janeiro.

Der großartige erste Eindruck des Anblicks der See geht unbedingt verloren bei der Abfahrt von Bremen. Man treibt abwärts auf der Weser, man sieht stets die beiden Ufer des Flusses, der, wenn gleich ziemlich breit, doch immer noch Fluß ist. Aber allmälig ziehen sich die Ufer zurück, man sieht Bremerhaven, und ist dann auf einmal in die See gekommen, ohne zu wissen, wie.

Ueberhaupt kommt bei der Abfahrt von Bremen oder Hamburg noch hinzu, daß man den Kanal zu durchschiffen hat. Auch der Abschied vom alten Europa wirkt nicht plötzlich ein. Allenthalben noch ein Fleckchen Land, bald Frankreich, bald England.

Ein anderes ist es, wenn der Reisende das Festland von einem Hafen aus verläßt, der sogleich in die See führt. Dort fällt das Große, das Unendliche der Erscheinung plötzlich und massenhaft in's Auge, und Land so wie See erscheint, gegenseitig sich zur Folie dienend, gleich großartig. Solches war bei allen Häfen von Südamerika der Fall, welche ich besuchte. Hat man aber auch die See schon befahren und ist an das Imposante des Anblicks gewöhnt, so macht das unerwartete Hervortreten desselben stets einen überraschenden und in der That unvergeßlichen Eindruck.

So kletterte ich eines Nachmittags durch einige waldige Schluchten unweit Valparaiso, bestieg endlich einige steile Gehäge und glaubte, vermöge meiner jenes Mal noch mangelnden Ortskenntniß, jenseits des erstiegenen Berges in ein ausgedehntes waldiges Thal zu kommen, in welchem ich Colibri wußte, die ich jagen wollte. Aber ich war irre gegangen, und stand nach Ersteigung des Berges an einem steilen Abhange, der den ganzen unbeschränkten Anblick der See gestattete. Dort wußte ich einige Augenblicke lang nicht wie mir geschah, denn wo ich mir grünes, bebuschtes Thal gedacht, lag plötzlich eine endlose Fläche des feurigsten Ultramarin vor mir, klar, hell, glänzend in südlicher Sonne, nebelfrei und spiegelglatt, mit kaum zu bezeichnender Gränze gegen den Himmel, der, wolkenlos, mit der See an Farbenpracht wetteiferte. –

Auf hoher See selbst, ohne Blick auf irgend eine Küste, verliert nach meiner individuellen Ansicht wenigstens die Größe des Eindrucks bedeutend.

Ich habe nicht selten Augenblicke gehabt, in welchem mir die Entfernung von Bord aus bis an die sichtbare Gränze der See gegen den Horizont wirklich lächerlich nahe erschien, eine Flintenschuß-Weite etwa. Man glaubt auf einer Scheibe zu stehen, deren Mittelpunkt das Schiff ist. Nicht ich allein erhielt diesen Eindruck, es theilten ihn viele der anderen Passagiere. Aber schon ein schwimmender Vogel zerstört jene unangenehme Täuschung großentheils und ein Segel, welches am Horizonte auftaucht, oder eine ferne Küste stellt den Begriff mächtiger Fernsicht wieder her. –

Nach diesen Abschweifungen über den ersten Anblick der See, kehre ich auf die nicht sehr klaren Wogen der Weser zurück und beeile mich, die welche den Muth haben (figürlich gesprochen, ich meine den Muth die Langeweile zu bekämpfen) mir auf meiner Reise zu folgen, – ich beeile mich, sage ich, sie von der Weser auf den Kanal, und auch von dort wo möglich baldigst auf hohe See zu bringen.

Ich folge hier einfach den Eindrücken, wie ich sie empfunden, denn Merkwürdiges oder Neues wenigstens ist nicht zu berichten von einer durchschifften Strecke, die schon vielfach beschrieben worden. –

Uns aber, den Passagieren der Reform, war mancherlei fremd, ungesehen wenigstens, wenn gleich schon öfters gehört, gelesen. Unsere erste Fahrt auf der Weser dauerte einige Stunden, dann wurden bei einbrechender Nacht die Anker geworfen. Des anderen Tages schlechter Wind, das heißt, gar keiner, und langsames Treiben auf dem Flusse einem Holzfloße ähnlich. Enten und Möven schwärmten um das Schiff, ich schoß einige derselben, aber wir konnten ihrer nicht habhaft werden.

Endlich wieder bessern Wind; wir sahen Bremerhaven und kamen am 28. April in die Nordsee. Wangerooge wurde uns gezeigt, und auf eine Zeit lang entschwand Europa unseren Blicken.

Auf der Nordsee sah ich die ersten Quallen. Manche derselben wurden gefangen und von mir gezeichnet. Zu wenig aber bewandert in diesem Zweige der Zoologie, darf ich nicht hoffen, Neues den Männern vom Fach bieten zu können, und so mögen jene auf der Reise gesammelten, ziemlich zahlreichen Skizzen in meiner Mappe bleiben, einfach zur Erinnerung für mich allein.

Indessen werde ich später Gelegenheit haben auf diese eigenthümlichen Geschöpfe zurückzukommen und einige Notizen über sie meinen Lesern vorzuführen. Ich war zu jener Zeit nach einigen Tagen des Zusammenlebens schon als »der Naturforscher an Bord« von den Genossen anerkannt worden, und freundlich wurde mir Alles dahin Bezügliche eingehändigt, dessen man habhaft werden konnte.

Hier kann ich nicht umhin einige Worte zur näheren Bezeichnung meiner Reisegefährten einfließen zu lassen, und es gereicht mir, der ich stets lieber gelobt als getadelt habe, zu großer Befriedigung, der Wahrheit getreu, hier nur Freundliches berichten zu dürfen.

Die Passagiere der Kajüte waren meist junge Kaufleute, welche in Kalifornien ihr Glück zu machen hofften. Einige gehörten auch, wie ich glaube, keinem besonderen Stande an, und durften einfach als die Söhne ihrer Väter betrachtet werden. Ein älterer Herr, ebenfalls Kajüten-Passagier, hatte früher in preußischen Diensten gestanden und wurde Lieutenant genannt. Ich habe während des viermonatlichen Zusammenlebens mit diesen Leuten fast nie einen Zank oder Streit gehört und kleine Mißhelligkeiten, unvermeidlich auf dem engen uns zugemessenen Raume, blieben stets in den Gränzen des Anstandes. Ein Fall von momentaner Tobsucht, hervorgerufen durch ungewohnten Genuß von Spirituosen kann nicht wohl als Ausnahme betrachtet werden. Ich erwähne dessen vielleicht später. Daß indessen kleine Neckereien mit unterliefen, läßt sich denken, und fast wollte es in der ersten Zeit der Fahrt scheinen, als solle ein oder das andere Individuum zur ständigen Zielscheibe erwählt werden. Ich glaube einigen Theil zu haben, daß dieß nicht wirklich geschah.

Was das Benehmen der Genossen gegen mich betraf, so muß ich wiederholen, daß solches das freundlichste gewesen, und mit dankbarer Anerkennung darf ich aussprechen, daß meine naturwissenschaftlichen Bestrebungen den lebhaftesten Anklang, und wo immer möglich, Hülfe und Beistand erfuhren. Was auch zu fischen und zu haschen war auf der See, brachte man mir, leistete hülfreiche Hand beim Präpariren und Zeichnen, und überließ mir willig den halben Raum der Kajüte zum Lesen und Schreiben. Aber auch in anderen Beziehungen war man gefällig, freundlich und zuvorkommend gegen mich, ich habe nie mit irgend einem der Genossen einen Aerger gehabt, ja ich erinnere mich keines Zwistes.

Das Benehmen der Zwischendeck-Passagiere gegen mich war dasselbe wie das der Kajüten-Passagiere, und ich muß einfach das dort Gesagte wiederholen. Indessen kamen im Zwischendecke wohl einigemal Streitigkeiten vor, doch selten und bald geschlichtet. Da Leute von ziemlich verschiedener Bildung, wohl auch Ansicht und Leidenschaft, dort zusammen leben mußten, und bei noch beengterem Raume als in der Kajüte, waren dort Zwiste wohl unvermeidlich. Indessen waren mehrere recht liebenswürdige Leute im Zwischendecke und ich erwähne als einer auffallenden und angenehmen Erscheinung eines Franzosen, der früher in Algier gefochten hatte und nun im Goldlande sein Glück verfolgen wollte. Ein feiner und gebildeter Mann, der ernst in's Leben schaute, aber dabei, so viel es nur immer thunlich, die Sorgfalt seiner Toilette nicht versäumte. Ich glaube, er war der einzige Passagier der Reform, der sich wöchentlich mehrmal rasirte. Er war offenbar aus guter Familie. Was hatte ihn nach Algier, was nach Kalifornien getrieben? Man wußte es nicht, denn solche Fragen werden nie an Bord gestellt und noch weniger in überseeischen Ländern selbst gethan. Häkchen oder Haken hat es da wohl nicht selten und so mag dort der alte Mantel christlicher Liebe in die gefällige Form moderner Weltanschauung gebracht, gegenseitig ersprießliche Dienste leisten. –

Auch musikalische Talente fehlten nicht im Zwischendecke, und wurden mit mehr oder minderem Erfolge anerkannt. Noch muß ich eines Pudels errwähnen, intelligent wie alle seiner Race und vielfach erfahren in hündischen Künsten. Er unterhielt nicht selten die ganze Genossenschaft, hätte aber später fast zu einer Tragödie Anlaß gegeben.

Zu den 18 Passagieren der Kajüte und den etlichen vierzig im Zwischendecke kommen noch zwei weitere Passagiere, die in der oberen Kajüte des Kapitains Platz gefunden hatten. Der Schiffsarzt und seine Frau hatten eine kleine Koje ohnweit der Kapitains-Kajüte inne.

Ich kann nicht wohl dem freundlichen Leser meine Reise und Begebnisse erzählen, ohne daß ich ihnen eben die erhaltenen Eindrücke vorführe, wie sie sich mir einprägten. Werde ich auch häufig den Ort anzugeben genöthigt sein, so mag doch die Tagbuchform nur im Nothfalle zu Hülfe genommen werden. So melde ich denn jetzt, daß wir am 28. April gegen Mittag in den Kanal einfuhren. Wir hatten abwechselnd gutes und schlechtes Wetter, das heißt frischen Wind oder flauen, wie nämlich die Seeleute das Wetter betrachten, nach unseren Begriffen wurde ein kalter Regen, der häufig fiel, auch zum schlechten Wetter gerechnet.

Am 2. Mai hatten wir den Kanal passirt. Die Fahrt durch den Kanal ist mannichfach geschildert worden, und ich will die Freunde und mich nicht damit ermüden, Dinge zu wiederholen, die wohl besser beschrieben worden sind, als ich es vermöchte, nach den flüchtigen Skizzen in Zeichenmappe und Tagebuch. Daß der Kanal belebt ist, was man in diesem Sinne belebt nennt, nämlich mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt, weiß jedermann und auch wir sahen Schiffe jeder Art in Nähe und Ferne. Ohnweit Dover, welches ich der Nähe halber erträglich zeichnen konnte, kamen Fischer an Bord, weniger in der Absicht Fische an uns zu verkaufen, als Briefe nach Europa von uns, gegen eine Vergütung, zu befördern. Ich weiß nicht, ob sie Geschäfte machten, und kann mich nur erinnern, daß ich in einem Anfalle von Sparsamkeits-Laune ihre Forderung zu hoch fand, und keinen Brief nach Hause sendete, was ich später bereute.

Quallen und allerlei anderes Seegethier wurde auch während der Fahrt durch den Kanal häufig aufgefischt und mir überbracht. Aber auch Landbewohner kamen an Bord; Sperlinge nämlich und ein finkenähnlicher Vogel. Sie verließen uns wieder, nachdem sie im Tauwerk sich hinlänglich ausgeruht.

An der Stelle des Kanals, von welcher man die französische und englische Küste zugleich in Sicht hat, hing sich endlich das Gespinnst von Tetragnatha extensa an Taue und Segel. Da ich bescheidene Zweifel hege, daß alle meine freundlichen Leser genau wissen, wer oder was Tetragnatha extensa ist, so nehme ich mir die Freiheit zu bemerken, daß es die Spinne ist, deren fliegendes Gewebe man Sommerfäden, oder alten Weibersommer nennt. Da wir Seitenwind von der englischen Küste her hatten und mithin die Fäden ohne Zweifel in England gesponnen worden waren, so nahm ich Gelegenheit den Reisegefährten zu erzählen, daß ein Engländer Chaucer im 14. Jahrhundert zuerst der Sommerfäden Erwähnung thut, und sie in einem Gedichte besang.

Man bewunderte meine Gelehrsamkeit und einige Stunden darauf eben so die Virtuosität, welche ich in der Konsumtion von Portwein an den Tag legte. Zu jener anfänglichen Zeit der Reise bestand zwischen dem Kapitain und den Reisenden noch ein freundliches Vernehmen, und ersterer hatte mehrere von uns eingeladen mit ihm ein Glas Wein in seiner Kajüte zu trinken. Es blieb nicht bei einem Glase, und mancher wurde todtenähnlich vom Schlachtfelde gebracht. Dort habe ich Süddeutschland glänzend vertreten.

Aber während ich mannichfacher Besuche erwähnte, die wir von See und Land aus erhielten, habe ich noch mit keiner Sylbe von jenem schlimmsten Gaste gesprochen, der dem beginnenden Seefahrer schon am Lande Angst und Schrecken einjagt, auf der See aber directe Verzweiflung bringt. Jedermann weiß, daß ich die Seekrankheit meine. – Schon auf der Weser wurde einigen der Passagiere übel zu Muthe. Als wir in die Nordsee eingelaufen waren, war der größte Theil derselben seekrank. Aber während bei einigen das Unwohlsein kaum einige Tage dauerte, und dann selbst beim stärksten Sturme[1] später nicht wiederkehrte, hatten andere während der ganzen Reise zu kämpfen, und waren nur bei vollständiger Windstille verschont. So z. B. W. aus Nürnberg, welcher nur selten seine Koje verlassen konnte und dessen Ausdauer ich stets bewundert habe.

Aber es giebt noch eine dritte Modifikation der Seekrankheit, jene welche jedesmal bei schlimmem Wetter, bei hoher See wiederkehrt, und mit mehr oder weniger Heftigkeit sich Jahre lang, Jahrzehente und selbst länger wiederholt.

Ich habe einen alten sehr tüchtigen Seemann, einen ächten »Seebären«, gekannt, der dreißig Jahre lang alle Meere der Erde befahren und wahrlich nicht aus weichlichem Stoffe geformt war. Aber bei hoher See wurde ihm unheimlich zu Muthe. Ich habe später eine längere Fahrt mit ihm bestanden, und als wir jene unangenehmen Stellen besuchten, wo fast fortwährend 20 bis 25 Fuß hohe Wellen ihre Tücke übten, habe ich nicht selten mit Bedauern das leidige »mich ist flau« aus seinem Munde vernommen.

Das eigentliche Erbrechen, – nennen wir es beim rechten Namen, ohne die bei dieser Gelegenheit üblichen Umschreibungen zu gebrauchen, – ist aber nicht allein der Ausdruck der Seekrankheit. Ich habe Passagiere gesehen, welche lange Zeit bleich und still umherschlichen, so bald ein wenig Wind die See bewegte, ohne sich zu erbrechen, und diese behaupteten nicht seekrank zu sein. Aber ich glaube nicht, daß sie um Vieles besser daran waren, als die übrigen.

Unter den Reisenden auf der Reform befanden sich, wie ich glaube, kaum mehr als vier oder fünf Personen, welche verschont blieben, und ich hatte das Glück zu diesen Bevorzugten zu gehören.

Allerdings hatte ich in den ersten Tagen der Fahrt einigemal das Gefühl leichten Schwindels, nie aber irgendwie ein weiteres Unwohlsein, mit dem bekannten unangenehmen Anhängsel. Durch ein Glas irgend eines geistigen Getränks waren jene unbedeutenden Anfälle indessen leicht gehoben.

Einigermaßen mag durch ein keckes Entgegentreten und festen Willen immerhin der Seekrankheit zu begegnen sein. Ich meine nämlich die leichteren Modifikationen derselben, deren erste Motive gewiß im Nervensystem zu suchen sind. Aber es ist schwierig, hierauf näher einzugehen.

Uebrigens gestehe ich, daß ich überzeugt war seekrank zu werden, und mich nicht eben besonders auf die neuen Erfahrungen freute, welche ich zu machen fürchtete. Aber als bereits schon ein Theil der Reisenden in verdächtigen Situationen zu sehen waren, während ich mich vollkommen gesund befand, schöpfte ich frischen Muth.

Unsere Fahrt durch den atlantischen Ocean bot keine eigentlichen Abenteuer dar. Wir hatten keine Gefechte mit Piraten, wir litten nicht Schiffbruch und hatten keinen Schiffsbrand. Aber doch sahen wir Allerlei, was dem Binnenländer neu, seltsam, und nach Umständen erheiternd oder bedrohlich erscheinen mochte.

Allein auf sich beschränkt und eingeschlossen von jener unendlichen Wasserwüste, wird den Passagieren sowohl wie der Mannschaft die kleinste Neuigkeit zum Ereignisse. Ein Fisch, der dem Schiffe folgt, Seevögel, ein fernes Segel, oder irgend eine Erscheinung am Himmel, alles weckt das gemeinschaftliche Interesse. So war das erste Schiff, welches wir am 8. Mai außerhalb des Kanales trafen, für uns ein Gegenstand, der großes Interesse erweckte. Es wurde mit jenem Schiffe geflaggt, d. h. der seemännische Gruß gegeben, durch mehrmaliges Aufziehen und Herablassen der Flagge. Der Spanier, denn das Schiff war ein spanisches, erwiederte den Gruß mit Artigkeit und so zogen wir an einander vorüber wie zwei höfliche Männer, die sich mehrfach mit dem Hute grüßen, wohl auch noch mit der Hand bewinken, ehe sie gänzlich scheiden. Alle Nationen ziehen die Flagge gegenseitig auf und geben so ein Zeichen der Höflichkeit von sich, mit Ausnahme des Nordamerikaners, welcher, aus Artigkeit wenigstens, vor einem Schiffe gleichen Ranges keine Flagge aufzieht. Bei amerikanischen Kauffahrern ist dies immer der Fall und so oft wir später einem Yankee begegneten, habe ich unwillkürlich an einen Gentleman gedacht, der die Hände in den Taschen, den Hut auf dem Kopfe und die beiden Füße auf dem Tische liegen hat.

Den ersten Zug von Delphinen sahen wir Tags darauf, den 9. Mai, unter 14° 14' westlicher Länge und 35° 58' nördlicher Breite. Tümmler (Delphinus phocaena) hatten wir in der Nordsee und am Eingange des Kanals mehrere gesehen. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß die Thiere, welche der Seefahrer überhaupt Delphin, oder eigentlich Schweinfisch nennt, sehr verschiedenen Arten angehören, von welchen viele den Zoologen nicht genau bekannt sind; denn diejenigen Arten, welche nur auf hoher See, oder an unbewohnten Küsten sich aufhalten, kommen nur durch Zufall in kundige Hände, wird gleichwohl hie und da auf der See einer gefangen. Die Fabeln, welche sich die Alten von den Delphinen erzählten, werden theilweise gerechtfertigt durch die Lebhaftigkeit und Intelligenz, welche diese Thiere beweisen. Jener erste Zug, welcher uns entgegenkam, wohl etwa dreißig bis vierzig Individuen, begleitete das Schiff längere Zeit, spielend um das Bugspriet, bald vorauseilend, bald zurückbleibend und wieder dann in verdoppelter Eile nachkommend. Es scheint dieses Begleiten der Schiffe, welches die Delphine fast immer thun, keineswegs zu geschehen, um irgend eine Nahrung zu erhaschen, sondern es hat den Anschein als geschehe es allein aus Heiterkeit oder um einen Weltlauf zu veranstalten.

Der Kapitain warf mit einer Harpune nach einem der Thiere und traf es auch wirklich; als man es aber herausholen wollte, riß die Harpune aus, und das Thier gieng, schwer verwundet, verloren. Dies geschah übrigens fast immer, da die Widerhaken der Harpunen zu klein sind, um das Gewicht des Thieres, sobald es aus dem Wasser ist, tragen zu können.

Wir haben auf der ganzen Fahrt bis nach Valparaiso nicht einen einzigen Delphin bekommen, während wir sicher acht bis zehn Stücke schwer verwundeten. Erst auf der Rückreise wurden wir einiger habhaft, und ich schmeichle mir, dort etwas dazu beigetragen zu haben; indessen davon später.

Unter jenen Breitegraden trafen wir überhaupt häufig Delphine und schon Tags darauf kam wieder ein Zug in die Nähe der Reform. Es schienen die Thiere diesesmal eine Art Vorposten ausgeschickt zu haben, denn der Hauptzug, etwa 50 Thiere, folgte langsam und dicht geschlossen, während fünf oder sechs derselben voraus und auf das Schiff zueilten. Als sie hierauf an der Steuerbord-Seite angelangt, sich wie gewöhnlich anschickten, das Schiff zu begleiten, harpunirte der Kapitain einen derselben, welcher, schwer getroffen, aber noch im Wasser, so heftige Bewegungen machte, daß er losriß und verloren gieng, während das Eisen der Harpune durch die Anstrengungen des Thieres fast im rechten Winkel gebogen an Bord gezogen wurde. Ich stand neben dem Kapitain, und half ihm die Leine fixieren, da die Mannschaft noch an einigen Stellen ebenfalls auf der Lauer stand. Das auffallende und wirklich Intelligenz verrathende Benehmen der Kameraden des Verwundeten setzte mich dort höchlich in Erstaunen. Sobald das Thier getroffen war und sich, die See mit Blut färbend, wieder losgerissen hatte, waren die nächsten an Bord mit der Schnelligkeit des Blitzes verschwunden. Bei jenem großen, in beiläufiger Entfernung von zwei oder drei Schiffslängen nachkommenden Zuge konnte man aber die deutlichen Zeichen der Mißbilligung und Entrüstung beobachten. Die Thiere sprangen knurrend und eigenthümliche Töne von sich gebend über das Wasser empor, schlugen augenblicklich eine der unseren entgegengesetzte Richtung ein, und in dem vorher wohlgeordneten Haufen war ersichtlich Verwirrung und Schrecken eingetreten. Mir schien, als wollten uns jene Delphine ihren Zorn und ihre Kränkung zu erkennen geben, daß wir sie mörderisch empfangen, sie, die gekommen, uns als Fremdlinge zu begrüßen, und uns eine Strecke weit freundlich zu begleiten.

Die Matrosen hatten eine andere Lesart. Sie sagten, wenn ein Schweinfisch geschossen ist und geht, d. h. wenn der Harpunirte schwer verwundet sich losreißt, so freuen sich die anderen, schwimmen ihm nach, beißen ihn vollends todt und fressen ihn auf. – Man sieht, daß die Seeleute die Sache von menschlichem Standpunkte aus auffaßten. Aber ich hatte mir meine Poesie nicht nehmen lassen. Einige Tage später, am 12. Mai, 16° Länge und 30° 51' Breite, ließ sich die Nähe des Landes spüren, ohne daß wir solches in Sicht bekamen. Wir segelten nämlich mit gutem Ostwind zwischen der afrikanischen Küste und den kanarischen Inseln durch. Schwalben schwirrten auf See und Bienen kamen an Bord, auch wurde mir ein kleiner Käfer gebracht. Bald zeigte sich auch ein Falke, der auf die Schwalben Jagd machte.

Aber alle schienen Flüchtlinge und Verschlagene zu sein, des Ostwinds halber wohl afrikanische. Die Schwalben kamen an Bord, und eine fiel bald todt auf das Verdeck. Es war unsere kleine blaue Hausschwalbe (Hirundo urbica), wenigstens sah sie ihr täuschend ähnlich.

Ich frage bei dieser Gelegenheit: wo ist der Instinkt dieser Thiere geblieben, welche im Frühjahr und Herbst so weite Reisen machen, und hier, einige Stunden vom Lande entfernt, ihre Küste nicht mehr finden konnten? Ich kann mir hierüber keine Rechenschaft geben, und auch darüber nicht, daß ihnen so bald die Kräfte ausgegangen waren. Unsere Entfernung von der Küste konnte kaum mehr als vier oder fünf Stunden betragen. Auch der Falke kam an Bord, gieng wieder und wurde endlich von den Passagieren des Zwischendeckes gefangen, als er zum zweitenmale, vollständig entkräftet auf Deck sich niederließ. Man suchte ihn in einer Art improvisirtem Bauer lebend zu erhalten und ich habe nicht erfahren, was aus ihm geworden ist, denn er war in einigen Tagen verschwunden.

In jenen Breitegraden fing die Nähe der Tropen bereits an, sich kund zu geben. Das Wasser, dessen Temperatur ich, so wie jene der Luft, täglich nahm, hatte + 18° R., die Luft frühe 9 Uhr ebenfalls + 18° R. Ach, mit welcher Behaglichkeit habe ich diese + 18° R. verglichen mit der Temperatur des Kanales. In Betreff der Wärme befand ich mich dort auf das Vortrefflichste.

Am 16. Mai sahen wir den ersten fliegenden Fisch. Von frühster Ingend an hat fast Jedermann von diesem Wunder des Meeres erzählen gehört, oder gelesen, und so läßt sich wohl denken, daß das erste Erscheinen dieser scheinbaren Abnormität allgemeines Interesse erregte. Ich gehörte zu den Glücklichen, welche, zufällig auf Deck anwesend, den ersten sahen. Des Nachts kamen mehrere auf das Verdeck, welche mir am andern Morgen eingehändigt wurden. Diese Thiere scheinen fast ausschließlich die Gegend unter den Wendekreisen zu bewohnen, denn von da an (wir befanden uns am 16. Mai unter 21° 19' Länge und 21° 10' Breite), sahen wir fast täglich Züge dieser Thiere sich über die See erheben. Ich glaube, daß es mit ihnen sich wie mit den Delphinen verhalten mag und daß manche Arten derselben wenig oder gar nicht bekannt sind. Ich habe geglaubt, fünf Arten unterschieden zu haben, blos von solchen, welche auf Deck fallend in unsere Hände kamen. Aber beweisen kann ich nichts, da ich leider nur ein Exemplar mit nach Hause gebracht habe. Dieses Thier ist 11 Zoll lang und die Brustflossen, mit welchen es die flugähnliche Bewegung ausführt, messen etwas über 6 Zoll; ich glaube, daß es die bekannteste Art (Exocoetus evolans) ist, und will es nicht weiter beschreiben, da es wohl in den meisten zoologischen Museen zu sehen ist. Was ich über das sogenannte Fliegen dieser Thiere zu berichten weiß, ist etwa Folgendes. Sie vermögen beiläufig eine Strecke von 1000 bis 1500 Schritten sich über der Oberfläche des Wassers schwebend zu erhalten. Es ist übrigens nicht so leicht, dies mit einiger Sicherheit festzustellen, denn einmal täuschen die Entfernungen auf See bedeutend, und auf der anderen Seite sieht man sicher zehn Haufen dieser Fische schweben und in das Meer einfallen, bis man einen sich erheben sieht, wahrscheinlich, weil die Nähe des Schiffes sie stört. Es ist aber klar, daß, um die Länge des Fluges bemessen zu können, man Aufstehen und Einfallen beobachtet haben muß. Sie beschreiben in ihrem Fluge eine schwach gekrümmte, bogenförmige Linie, machen aber meist beim Einfallen in die See einen kurzen, schwachen Haken. Man behauptet, daß sie blos so lange sich in der Luft zu halten vermöchten, als die langen Brustflossen feucht seien, und dies ist wahrscheinlich, eben so, daß sie sich oft erheben, um den Verfolgungen größerer Fische und der Delphine zu entgehen; indessen glaube ich, daß sie nicht selten auch einfach zu ihrem Vergnügen eine Flugpartie anstellen; ich habe wenigstens nie ein größeres Thier, einen Hai oder ähnlichen Fisch an der Stelle oder in der Nähe des Ortes, von welchem sich fliegende Fische erheben, bemerken können. Die Höhe, in welcher sie sich über das Wasser erheben, mag 4 bis 5 Fuß betragen, bei Tag sah ich sie wenigstens niemals diese Höhe überschreiten. Dies scheint aber doch des Nachts der Fall zu sein, indem sie dann ziemlich häufig auf Deck fallen, vielleicht von dem Lichte beim Kompaß verleitet, so glauben wenigstens die Seeleute. – Der fliegende Fisch gehört, wie bekannt, zu der Gattung der Häringe, aber seine Züge sind nicht so zahlreich wie die des gemeinen Härings (Clupea harengus) und ich glaube nicht, daß die Zahl eines Haufens 100 bis 200 Individuen überschreitet. Sein Fleisch bietet eine wohlschmeckende und angenehme Speise, und stets willkommen an Bord ist der unglückliche Verirrte, der des Morgens todt oder in den letzten Zügen liegend auf Deck gefunden wird. – So lange wir die Wendekreise durchschifften, vergingen selten mehr als drei oder vier Tage, ohne daß wir mehreren Zügen dieser Thiere begegneten, ich werde aber, nun ich über sie berichtet, nicht weiter von ihnen sprechen; doch muß ich noch einer Eigenthümlichkeit erwähnen.

Obgleich alle fliegende Fische, und wie ich schon anführte, jedenfalls verschiedene Species, welche gefangen wurden, fett und wohlgenährt waren, fand ich doch im Magen von keinem derselben irgend eine verschluckte Speise. Der Schiffskoch versicherte mich, dies sei bei jedem fliegenden Fisch der Fall. Ich habe 18 bis 20 Individuen geöffnet und bei allen das gleiche Resultat gefunden. Nach unseren Begriffen von fett sein und fett werden kann Letzteres leider nicht stattfinden, wenn sich niemals etwas im Magen befindet, und so ist jene Thatsache immerhin ein Räthsel. Ja, wenn der Kopf leer gewesen wäre!

Wir befanden uns jetzt bereits seit einigen Tagen unter den Tropen, und ich bewahre von jener Zeit die dankbarsten und freudigsten Erinnerungen. Ich kann nicht sagen, daß ich durch irgend etwas bedeutend überrascht worden wäre, nicht das nächtliche tiefe dunkle Blau des Himmels, nicht das der See im glänzenden Lichte der Sonne, nicht die prachtvolle Thierwelt des Meeres, die Quallen und ihre Stammverwandte, welche Edelsteinen gleich in prunkenden Farben an uns vorüber zogen, kam mir unerwartet, obgleich Alles neu, wenigstens ungesehen war. Denn von Allem dem hat wohl jeder Kunde, auch der die See nie gesehen, und ich hatte mir diese Erscheinungen, wenn auch nicht figürlich getreu, doch in gleicher Pracht, in gleichem Glanze vorgestellt. Aber genossen habe ich diese Pracht, und ein freundliches Andenken jener schönen Zeit mir aufbewahrt, für die schlimmen Tage die etwa kommen würden.

Sie sind gekommen jene Tage, sie sind gegangen, sie werden wieder kommen und wieder gehen, aber das Bild jenes tropischen Glanzes wird keine Perfidie trüben, keine Gemeinheit verlöschen können.

Zu den prachtvollsten Erscheinungen, die dem Seefahrer entgegen treten, und welche sich hauptsächlich eben unter den Wendekreisen am glänzendsten gestalten, gehört ohne Zweifel:

Das Leuchten der See,

dem ich jetzt einige Seiten widmen will. Ich habe dieses Phänomen verfolgt und beobachtet wo ich nur konnte, und obgleich ich nicht zweifle, daß die Erscheinung an sich sowohl, als auch die allgemeine Ursache desselben ziemlich bekannt ist, kann ich doch nicht umhin einige über dieselbe gesammelte Erfahrungen mitzutheilen.

Es liegt in dem Blitzen und Funkeln des Meeres ein so eigenthümlicher Zauber, ein solcher mystischer, geheimnißvoller Reiz, daß auch der, welcher sich nicht um Ursache und Entstehung kümmert, stundenlang und täglich jenem leuchtenden Spiele der Wellen zusehen kann.

Schon auf der Nordsee sahen wir zum erstenmale die See leuchten. Ich wurde dort aus der Kajüte auf's Deck gerufen, um die Erscheinung zu beobachten. Es war nicht jenes prachtvolle glänzende Farbenspiel wie es unter den Tropen getroffen wird, sondern es zeigte sich im Kielwasser des Schiffes ein weißlicher Schimmer, dicht am Steuer und kaum zwölf bis fünfzehn Fuß weit in die See reichend. Ich habe jenesmal, noch nicht hinlänglich vertraut mit Bau und Einrichtung des Schiffes, jenen Schein für ein von einer Luke ausstrahlendes und sich im Wasser spiegelndes Licht gehalten, und habe mich erst nach einiger Zeit überzeugt, daß das Licht kein reflektirtes war. Wie alle neue Eindrücke, ist auch jener unverwischt geblieben, und ich sehe noch heute das dunkle Steuer der Reform, umgeben von den fast milchweiß leuchtenden Wellen vor mir.

So lange das Meer von Menschen befahren wird, ist das Leuchten desselben beobachtet worden; Homer und Plutarch haben es geschildert, zwar nach dem wissenschaftlichen Standpunkte ihrer Zeit, aber auch mit der blühenden Sprache derselben und ihrem scharfen Beobachtungsgeiste. In neuerer Zeit sind verschiedene Theorieen über jene Erscheinung aufgestellt, mehrfache, ja viele Abhandlungen darüber geschrieben worden. Ich will den gegenwärtigen Notizen nicht auch einen gelehrten Anstrich dadurch geben, daß ich jene Literatur citire, obgleich mir Manches darüber zur Hand wäre. Man hat zuerst in der Fäulniß gestorbener Seethiere, dann in der Elektricität den Grund zu finden geglaubt, und erst später, obgleich schon vor längerer Zeit, kam man darauf, die Ursache in gewissen Thieren zu finden, welche das Vermögen besitzen einen leuchtenden Schein von sich zu geben.

Ich kann nicht behaupten, daß nicht noch andere Gründe vorhanden sind, aber nie, so oft ich auch beobachtet habe, ist mir ein anderer Grund aufgestoßen, als eben lebende Individuen, welche berührt, oder gereizt, die Ursache des Leuchtens waren.

Zerstreut in meinem Tagebuche finden sich eine Unzahl von Notizen über diesen Gegenstand und ich werde hier nur einige derselben folgen lassen.

Das Leuchten der See findet statt, leuchtender, intensiver, je mehr man sich dem Aequator nähert, mithin je wärmer das Wasser ist. Ich habe dasselbe indessen auf der nördlichen Halbkugel weiter entfernt vom Aequator getroffen, als auf der südlichen. So z. B. wie ich schon erwähnte, auch an der Nordsee, während ich auf der Rückreise vom Kap Horn kommend, erst unter 41° südlicher Breite wieder das erste Leuchten, und das nur durch einzelne schwach schimmernde Punkte ausgesprochen fand.

Unbedingt wird indessen die Erscheinung häufiger, und zugleich prachtvoller auf dem atlantischen Ocean als auf dem stillen Meere getroffen.

Tausende von Thieren, welche den verschiedensten Gattungen angehören, haben das Vermögen zu leuchten. Obenan mögen die Akalephen und Salpen stehen, bei denen, wegen der Größe vieler Arten, das Phänomen am augenfälligsten hervortritt. Die Entomostraca (Insektenkrebse) scheinen fast alle zu leuchten.

Man hat angegeben, und Versuche scheinen die Wahrheit der Angabe bewiesen zu haben, daß der Schleim, welchen die Quallen absondern, und ferner in Fäulniß übergegangene Thiere dieser Gattungen ebenfalls leuchtend seien. Ich widerstreite dies keineswegs, aber während der acht Monate, welche ich auf der See zubrachte, habe ich stets nur lebende Thiere leuchten sehen, d. h. die Thiere leuchteten, so lange sie noch im Stande waren, sich zu bewegen, und contraktive oder oscillirende Bewegungen zu machen. Ich habe nie ein Thier irgend einer Art leuchten gesehen, ohne daß ein fremder Reiz, d. h. vorzugsweise Erschütterung auf dasselbe eingewirkt hätte. Ruhiges Seewasser leuchtet nicht.

Ich habe nie das Leuchten der See als von Infusorien bedingt, getroffen. – Indem ich wiederhole, daß ich hier blos meine Erfahrungen über den fraglichen Gegenstand mittheilen, nicht aber widerstreiten will, was etwa Andere gesehen haben mögen, will ich die beiden eben ausgesprochenen Sätze mit einigen Worten besprechen.

Ich habe nie die See weiter hin als im Umkreise des segelnden Schiffes oder eines andern sich rasch bewegenden Körpers leuchten gesehen, außer in zwei Fällen, welche ich gleich unten anführen werde. Die Thiere, welche das Leuchten bedingen, oder besser gesagt, welche leuchten, sind vollkommen lichtlos, bis sie berührt werden. In den Gegenden um den Aequator, wo überhaupt das Leuchten am meisten stattfindet, tritt die Erscheinung doppelt prachtvoll auf, wenn des Tags über kein zu starker Wind geherrscht, die Oberfläche nicht zu sehr bewegt gewesen.

Aber auch schon bei Tage sieht man bei solchem Wetter die Oberfläche des Wassers mit den meisten Thieren belebt. Bei stürmischem Wetter gehen ohne Zweifel diese Bewohner des Oceans in Tiefen, welche außerhalb der bewegenden Kraft des Windes liegen. Bei ruhiger See genießen sie, so denke ich, des Lichts und der Wärme. Der Anstoß des Schiffes direkt entweder an dieselben, oder der des heftig bewegten durchschnittenen Wassers, bewirkt das Leuchten derselben; denn jede Art von Reiz macht diese Wirkung auf sie.

Nicht selten treten innerhalb der Wendekreise Windstillen ein. Aergerlich für den Seemann, sind solche Stillen, bis auf einen gewissen Punkt hin, für den Naturforscher ein angenehmes Intermezzo. Vielerlei Gethier kann dann aufgefischt, und manche Beute gewonnen werden, die bei raschem Gange des Schiffes unserer spottend vorüberzieht. Aber war auch während solcher Stillen des Tages das Schiff still liegend oder nur kaum merklich dahin treibend, umgeben mit der reichlichsten Fauna, es zeigte sich des Nachts keine Spur von Meeresleuchten. Es wurden die Thiere nicht durch die Bewegung des Schiffes angeregt, gereizt. Wirft man aber in solchen Nächten irgend einen Körper in die See, ja gießt man nur ein Glas Wasser in dieselbe, so entsteht augenblicklich lebhaftes Leuchten. Schöpft man Wasser, so leuchtet die Stelle an welcher das Gefäß die Oberfläche des Meeres berührt, lebhaft, und das geschöpfte und an Bord gebrachte Wasser leuchtet, wird es mit einem Stabe geschlagen oder in einem Glase geschüttelt. Dann leuchten aber eigentlich blos einzelne größere oder kleinere Punkte, welche dem sie umgebenden Wasser die Helle mittheilen. Diese Punkte sind mit einiger Vorsicht und Uebung zu isoliren und erweisen sich als ein oder der andere lebende Organismus. Gießt man Schwefelsäure oder eine andere stärkere Säure in die See, so entsteht momentan ein starkes Aufleuchten, welches länger anhält und intensiver ist, als wenn Wasser ausgegossen wird, da in diesem Falle nicht blos die mechanische Erschütterung, sondern auch die chemische Einwirkung der Säuren gegen die Thiere auftritt.

Ganz besonders prachtvoll ist in solchen Nächten das Schauspiel, wenn sich plötzlich ein leichter Wind erhebt und das Schiff die mit Thieren reichlich bedeckte Oberfläche der See durchschneidet. Das Bugspriet eines Schiffes, das uns entgegenkömmt, scheint zu brennen, und tausend glühende Tropfen spritzen wild um dasselbe empor, während das Kielwasser unseres eigenen Fahrzeugs eine weithin glänzende Furche zieht. Eine nicht minder schöne Erscheinung sind Delphine, die dem Schiffe folgen, oder wie gewöhnlich das Bugspriet spielend umschwimmen.

Es scheinen die Thiere gänzlich zu glühen und hinterlassen kometenartig einen leuchtenden, blitzenden Schweif, indem sie, feurigen Schlangen gleich, die Wellen durchschneiden.

Das Leuchten des in's Meer geworfenen Gegenstandes, des dahin segelnden Schiffes und jenes des schwimmenden Delphins, sie haben ein und dieselbe Ursache. Die durch den raschen Anstoß gereizten Thiere leuchten, und die in's Meer gegossene Schwefelsäure wirkt auf ähnliche Art durch chemische Reaktion.

Alle die Individuen, welche auf solche Weise durch irgend einen Reiz veranlaßt leuchten, thun dies in höherem Grade bei der ersten Veranlassung, ähnlich wie beim elektrischen Aal die ersten Schläge die heftigsten sind, und viele derselben scheinen nach öfter wiederholter Berührung jenes Vermögen fast gänzlich verloren zu haben. Ich werde durch direkte Beispiele dies später zeigen. Aber die beiden Fälle, wo die See auf größeren Strecken, und nicht bewegt durch einen sie durchschneidenden Körper, leuchtete, deren ich eben erwähnte, beweisen, wie empfindlich jene Organismen, wenn sie sich vorher im Zustande der Ruhe befunden haben, auch auf die leiseste Berührung reagiren. Nicht weit vom Aequator entfernt, nach einem vollkommen sonnenhellen Tage, und ebenso fast gänzlich heiterer Nacht, welche den Sternenhimmel in vollständiger Klarheit erblicken ließ, trübte sich plötzlich der Himmel, und bei beinahe vollkommener Windstille fiel ein ziemlich starker lauwarmer Regen. Dort habe ich zum erstenmal das Meer in weiter Ausdehnung und bei vollkommener Ruhe leuchten gesehen. Tausende jener mit Leuchtkraft begabten Thiere, welche gelockt durch den warmen hellen Tag und die entsprechende ruhige Nacht, sich dicht an die Oberfläche des Wassers begeben hatten, wurden von den fallenden Wassertropfen getroffen, und verbreiteten alsbald auf einige Augenblicke ihr Licht, mehr oder minder glänzend je nach der Größe des Individuums. Es schien die See den verschwundenen Sternenhimmel ersetzen zu wollen, und die Erscheinung war in der That eine prachtvolle zu nennen. Sie trat natürlich am deutlichsten hervor in nächster Nähe des fast stille liegenden Schiffes, wo man das Aufblitzen und langsame Verschwinden des Lichts mit Muße betrachten konnte. Ich habe mich einige Tage später durch den direkten Versuch überzeugt, daß Quallen leuchten, wenn sie an der Oberfläche des Wassers schwimmend mit einiger Heftigkeit durch einen Tropfen Wasser getroffen werden, indem ich auf Deck in einem Bottiche mit eingefangenen Thieren den Versuch wiederholte. Aber schon jeder in die See geworfene Körper, oder wie ich schon erwähnte, ausgegossenes Wasser, bringt die ähnliche Erscheinung hervor. Daß sie sich im Großen nicht häufiger wiederholt (ich konnte sie blos einmal beobachten), rührt ohne Zweifel davon her, daß die nöthigen Bedingnisse nicht stets zusammentreffen.

Erhebt sich rasch der Wind, und die See fängt an stärkere Wellen zu werfen, so entsteht hie und da ebenfalls bisweilen ein Aufblitzen des Wassers, ohne Zweifel dadurch hervorgerufen, daß die Spitzen der sich überstürzenden Welle, die in einzelnen Tropfen herabfallen, irgend ein Individuum treffen.

Zum zweitenmale sah ich die See in einer größeren Ausdehnung im Hafen von Lima, in Callao, leuchten. Es war ebenfalls Windstille und die See buchstäblich spiegelglatt. Ich befand mich zufällig am Bord und des Abends auf Deck, als der Signalschuß vom Fort aus gegeben wurde. In demselben Augenblicke entstand vom Lande aus, sich rasch gegen die Einfahrt des Hafens hin fortpflanzend, ein Ausleuchten der See, am stärksten im ersten Momente, dann schwächer werdend, und nach einigen Sekunden fast gänzlich verschwunden. Dauer und Ausdehnung der Erscheinung mußten sogleich jeden Gedanken an einen Widerschein des Signalschusses aufheben. Aber die, wenn auch leise Erschütterung, welche dieser Schuß auf der Oberfläche der See hervorbrachte, reichte hin, die an der Oberfläche befindlichen Seethiere zu erregen und auf einige Augenblicke leuchtend zu machen.

Von dem Obersteuermanne jenes Schiffes, einem intelligenten Seemanne, und Mit-Augenzeuge jenes Phänomens erfuhr ich, daß er Aehnliches ebenfalls schon in andern Häfen beobachtet, und er gab dieselbe Ursache an, welche ich so eben entwickelte.

Ich habe durch diese beiden Fälle gezeigt, daß die See, oder vielmehr die Bewohner derselben, stets einer, wenn auch einer unbedeutenden Berührung oder eines äußerlichen Reizes bedürfen, um zu leuchten und ferner, welch eine leise Berührung genügt, um die vorher nicht gereizten Thiere zu erregen und leuchtend zu machen; ich habe zugleich die einzigen Beispiele angeführt, wo ich die See in einer weitern Ausdehnung leuchten sah.

Ich habe ferner oben ausgesprochen, daß ich das Leuchten der See niemals von Infusorien ausgehend, angetroffen habe.

Es ist mir wohl bekannt, daß man an verschiedenen Orten dieses beobachtet haben will oder hat. Ich selbst habe an verschiedenen Stellen und unter sehr verschiedenen Breitegraden allerdings ebenfalls das Meer im Umkreise des segelnden Schiffes mit einem Scheine leuchten gesehen, welcher matt, bläulich oder milchweiß und zugleich so gleichartig war, so durch die ganze Masse des Wassers verbreitet, daß man unwillkürlich an ganz unendlich kleine Individuen denken mußte, welche, vertheilt in großer Anzahl durch jene Stellen des Meeres, das Leuchten bedingten. Meist finden sich dort keine größeren Thiere, wie Salpen und ähnliche, welche eine intensivere, besonders hervortretende Helle verbreiten, und es mag der Schein ein phosphorähnlicher genannt werden. Solche Stellen fand ich z. B. in der Nordsee, im Kanale, noch weiter südlich, und selbst unweit der Wendekreise in manchen Nächten. Auch jenseits der Linie auf der südlichen Halbkugel und in entsprechenden Breitegraden, findet solches Leuchten statt.

Man glaubt, wenn man vom Borde aus in die See blickt, das Wasser so gleichförmig von dem leuchtenden Stoffe durchdrungen, daß man überzeugt ist, eine herausgespritzte kleinere Menge müsse ebenfalls und mit dem gleichen Lichte leuchten. Macht man aber den Versuch und schöpft in einem kleinern Gefäße, etwa in einem Glase, welches ein Litre faßt, so ist das geschöpfte und an Bord gezogene Wasser fast immer dunkel, und hat keine Spur irgend einer Lichterscheinung. Nur in einzelnen Fällen sieht man einen oder mehrere kleine feurige Punkte durch die Flüssigkeit sich hin und her bewegen, aber diese erhellen dann auf einige Momente die ganze im Glase befindliche Wassermenge. Schüttelt man das Glas heftig, oder schlägt man das Wasser mit einem passenden Stabe, so kommen häufig auch in anfänglich dunklem Wasser jene einzeln leuchtenden Punkte, welche sogleich das ganze Gefäß erhellen, zum Vorschein.

Die geringe Menge einiger solcher Individuen ist also hinreichend eine im Verhältniß ihrer Masse bedeutende Quantität Wasser auf kurze Zeit leuchtend zu machen, und derselbe Fall, wie hier im Glase, findet außen in der See statt.

Mit einiger Uebung gelingt es fast immer der leuchtenden Individuen habhaft zu werden, sie zu isoliren und das Wasser bleibt dann dunkel, es mag geschüttelt oder geschlagen werden. Sie waren mithin die Ursache des Leuchtens.

Diese Individuen aber sind, wenn auch meist sehr klein, doch stets noch mit freiem Auge zu erkennen und gehörten sehr oft dem Geschlechte der Entomostraca oder Insekten-Krebse, bisweilen aber auch anderen Formen an, welche ich indessen nicht näher zu bezeichnen oder zu bestimmen vermag, obgleich ich eine ziemliche Anzahl derselben unter dem Mikroskope zu zeichnen versuchte.

Auf solche Weise also habe ich das einförmige und schwache phosphorähnliche Licht der See niemals durch Infusorien, sondern stets durch Individuen bedingt gesehen, welche noch mit freiem Auge zu erkennen waren.

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, wie verschiedenartig das Leuchten auftritt, wenn auch die Grundursache ein- und dieselbe ist. Namentlich scheint in der Nähe des Aequators, wie ich schon öfter erwähnte, die prachtvolle Lichtentwicklung stattzufinden, indem dort vorzüglich die größeren Quallen und Salpen leuchtend gefunden werden. Meist stehen diese Thiere in einiger Tiefe unter dem Wasser, aber in welcher kann nicht wohl genau angegeben werden, da optische Täuschungen mit unterlaufen. Berührt durch das segelnde Schiff, gereizt und leuchtend werdend, scheinen sie glühenden Glaskugeln ähnlich vorüberzuziehen, und das zwar scheinbar kaum einen Fuß tief unter dem Wasser, während die demselben mitgetheilte glänzende Helle einige Fuß in der Breite beträgt. Ich habe bei Tag einigemal Quallen gefangen, Scheibenquallen, langarmige und kegelförmige Medusen, welche, auf Deck in großen Gefäßen mit frischem Seewasser verwahrt, nach eingebrochener Dunkelheit, wenn sie gereizt wurden, lebhaft leuchteten, aber es gelang mir sehr selten, des Nachts mit dem Netze ein solches größeres Thier zu erhaschen. Aber, wie auch schon andere Beobachter angegeben haben, fand auch ich, daß das intensivste Licht von einer Salpe (der Pyrosoma) hervorgebracht wird. Ich konnte nur in einer Nacht, am 22. Mai, unter 22° 37' Länge und 8° 30' Breite, einiger Exemplare habhaft werden, da sie dort fast an der Oberfläche umherschwammen. Bekanntlich besteht die Pyrosoma aus einer Verwachsung einer großen Menge kleiner Individuen, bei welchen der Mund nach außen, der After nach innen und einer zentralen Höhle zu liegt. Die ganze Menge dieser zusammenhängenden Thiere bildet so einen Cylinder, der an dem einen Ende geöffnet ist. Durch gemeinschaftliche Zusammenziehung aller Thiere wird die centrale Oeffnung erweitert oder verengt und so wahrscheinlich die Bewegung bedingt. Wir fingen in jener Nacht etwa sechs bis acht Exemplare und lasen beim Lichte derselben in sonst vollständig dunkler Koje mit Bequemlichkeit. Ich habe jenesmal meinem Freunde W., der unwohl im Bette lag, aus einem kleinen zoologischen Vademecum eine kurze Betreibung dieser Thiere bei ihrem eigenen Lichte vorgelesen.

Wir hatten dieselben in eine Blechschüssel, mit Seewasser gefüllt, gelegt, und obgleich sie ungereizt vollständig dunkel waren, so reichte doch die leiseste Berührung hin, sie augenblicklich leuchten zu machen. Wurde die Schüssel von außen nur mit dem Fingernagel berührt, so leuchteten sogleich sämmtliche, in derselben befindliche Individuen mit dem schönsten Lichte. Wurde vorsichtig eines derselben (stets nämlich die Vereinigung der einzelnen Subjecte zum Ganzen, zur eigentlichen Salpe, als Thier gedacht) mit einem Stäbchen berührt, so leuchtete zuerst das gereizte Individuum, aber auch die anderen, direct nicht berührten fingen alsbald, wenn auch stets mit schwächerem Lichte, zu leuchten an.

Das Licht der Pyrosoma atlant. ist bläulich grün, von einer sehr schönen Modifikation des Farbentones, und das Thier scheint, sobald es leuchtet, transparent zu sein. Am glänzendsten und am längsten dauernd ist die feurige Furche, die das segelnde Schiff hinterläßt an jenen Stellen des Oceans, wo jene Thiere häufig sind.

Eine zierliche Erscheinung, geht ihr gleichwohl das Großartige der flammenden See um ein großes segelndes Schiff ab, sind die Tausende von Funken, die ein rasch gerudertes Boot begleiten, die durch jeden Ruderschlag funkelnd in die Höhe geworfen werden und die Ruder, so wie selbst die in See getauchte Hand feurig glänzend erscheinen lassen.

Flüchtig will ich über die Organe hinweggehen, welche bei der ganzen Reihe der leuchtenden Seethiere dasselbe bedingen. Wissenschaftliche Abhandlungen sind ausführlicher hierauf eingegangen und man hat gefunden, daß während einzelne Arten gänzlich zu leuchten und von dem phosphorescirenden Lichte überzogen oder durchdrungen scheinen, andere blos an einigen Stellen des Körpers erleuchtete Stellen besitzen. Ich habe eine ziemlich bedeutende Anzahl von leuchtenden Thieren aller Art, und unter sehr verschiedenen Breitegraden untersucht und habe dasselbe gefunden.

Im Allgemeinen gänzlich leuchtend sind die stets mehr oder weniger durchscheinenden Quallen und Salpen; mehr auf bestimmten Stellen, meist am untern Theile des Körpers, beschränkt, die Krebs-ähnlichen kleinen Thiere. Möglich, daß die Transparenz der Medusen und Salpen eine Täuschung vermittelt. Bei der überwiegenden Mehrzahl der kleinen von mir untersuchten und häufig auch unter dem Mikroskope gezeichneten Entomostraka habe ich mit Bestimmtheit gefunden, daß die bei Nacht leuchtenden Flecke bei Tage und selbst bei Lampenlicht röthlich gefärbt waren.

Ich zweifle nicht, daß mit Schärfe und Genauigkeit und in kurzer Zeit sich Wahrheiten über das Leuchtevermögen aller dieser Thiere herausstellen ließen, wenn man sie im friedlichen Studierzimmer stets frisch zur Hand haben und gute Instrumente, vielleicht auch chemische Agentien anwenden würde. Meist aber fehlen auf See, bei dem reichlichsten Material, die meisten Hülfsmittel zur genauen Untersuchung, der mangelnden Literatur nicht zu gedenken. Ich hatte ein kleines Mikroskop von Plössel bei mir, aber ich konnte kaum eine stärkere Vergrößerung als eine dreißigfache lineare anwenden, und öfters selbst diese nicht. Es ist nicht leicht ein Thier, was häufig nicht die halbe Größe eines Nadelkopfes erreicht, aus einem Eimer Wasser herauszufangen, entweder beim Lampenlichte, welches selten sehr brillant ist, oder in der Dunkelheit, blos durch des Thierchens eignes Leuchten geleitet, zudem da nach einigemal wiederholtem Reize dieselben bald sterben oder wenigstens nicht mehr leuchten.

Die besprochenen Erscheinungen haben für den, der die See befahren hat, ein solches Interesse und erwecken so vielgestaltige an sie geknüpfte Erinnerungen, daß man es mir vielleicht verzeihen wird, so lange bei denselben verweilt zu haben. Ich werde hinfür nur selten und flüchtig des Gegenstandes mehr erwähnen. Doch muß ich, ehe ich ihn verlasse, noch eine eigenthümliche Erfahrung anführen, welche ich gemacht habe. Es gelang mir nämlich nie, ein des Nachts leuchtendes Seethier, im absolut finsteren Raume, auch bei Tagszeit leuchtend zu machen. Ich fing öfters während des Tages sowohl kleine, als auch größere Individuen, von denen ich wußte, daß sie des Nachts leuchteten, brachte sie in meine Koje, und reizte dieselben, um sogleich nachher bei Tageslicht und unter dem Mikroskope das leuchtende Organ näher prüfen zu können. Aber ich habe nie, auch nie eine Spur eines Lichtscheins gefunden. Ich habe diese Versuche auf der Rückreise von Peru nach Europa angestellt, wo auf dem Schiffe durch die Gefälligkeit des Kapitains alle möglichen Hülfsmittel zu meiner Verfügung standen. Das kleine Prisma, welches von oben die Koje erhellt, wurde auf das sorgfältigste verschlossen. Die Thür, in Fugen laufend, und zum Schieben eingerichtet, wurde zugeschoben und von außen so dicht mit Tüchern verhängt, daß absolut alles Licht ausgeschlossen war; ich blieb dann etwa 30 Minuten in dem verdunkelten Raum, um eine Spur etwa eindringenden Lichts zu entdecken, und um mein Auge empfindlicher für den geringsten Lichtreiz zu stimmen, aber ich habe nie ein anderes Resultat als das oben angegebene erhalten können. Manche der Thiere, meist größere Medusen, welche nicht zu heftig gereizt worden waren, und welche überhaupt länger leben, leuchteten nach eingebrochener Nacht und dann selbst auf Deck, wo bei Sternenhelle deutlich die nächsten Gegenstände zu erkennen waren.

Ist das Leuchtorgan jener Thiere an eine gewisse Zeit gebunden, hängt diese Zeit zusammen mit dem Zwecke, den die Natur überhaupt damit verbunden hat, oder war mein Auge in der verhängten Koje immerhin noch nicht genug an die Dunkelheit gewöhnt, um die Lichterscheinung wahrnehmen zu können? Ich weiß es nicht, aber ich habe die Erfahrung wiedergegeben, wie sie sich mir geboten.

So viel vom Leuchten der See.

Die Temperatur war in jenen Breitegraden in der That eine wahrhaft köstliche zu nennen, wenigstens nach meiner Ansicht. Wir hatten meist günstigen Wind, und die Stillen, welche hier und da eintreten, wie solches dort öfters zu geschehen pflegt, dauerten nicht lange, und waren, für mich den Medusenjäger, so wie für die Seekranken gleich erwünscht. Regenschauer und einzelne Gewitter liefen wohl mit unter, aber vorübergehend, indessen war dann die Schwüle in unserer sogenannten Kajüte einigermaßen drückend, da auf das Skylight eine luftdicht schließende, mit Glas versehene, Decke gesetzt wurde. Einige jüngere Passagiere, welchen die tropische Hitze keine so angenehme Zugabe wie mir war, dem nicht leicht (physisch nämlich) irgendwo zu warm geworden ist, wurden unwohl und dies meist solche, welche längst die Seekrankheit überwunden hatten.

Ich gab den Patienten Brechweinstein und später Citronensäure, und sah auf diese Weise das Uebel leicht verschwinden.

Indessen brachte ich es auch beim Kapitain dahin, daß mittelst einiger Querhölzer jene Skylight-Decke hohl gestellt wurde, so daß zwar dem Regen gewehrt, nicht aber der Luft aller Zutritt abgeschlossen wurde. Eine weitere Verbesserung unserer Umstände brachte ich dadurch zuwege, daß ich den Genossen der Kajüte vorschlug, unser Kostüm zu vereinfachen. Leichte leinene Beinkleider und Hemden, Pantoffel dazu – und der Anzug für den Tag und für die Promenade auf Deck war beendet. Ich gestehe es mit Erröthen und Schamhaftigkeit. Wir hatten dort gewiß ein höchst ungebildetes Aussehen. Keine Strümpfe! nicht einmal jener Repräsentant der Cultur und Bildung, die Kravatte, wodurch sich, mit Ausnahme der behalsbandeten Kettenhunde, der Mensch vorzugsweise vom Thiere unterscheidet. –

Noch ein anderes Schutzmittel gegen die allzugroße Hitze in der Kajüte wurde am Skylight angebracht, ein Segel von etwa 12 bis 15 Fuß Höhe, gegen unten in einen Schlauch endend, welcher in die Kajüte führte. Die gegen das Segel strömende frische Luft wurde auf solche Weise stets in die Kajüte geführt und bewirkte auf diese Art eine in der That sehr angenehme Frische und perpetuelle Reinigung der untern Luft.

Ich muß gestehen, daß ich durch allerlei Kunstgriffe das Ende jenes Schlauches sehr häufig in unsere Koje zu leiten wußte, was den drei Mitbesitzern sehr wohl zu statten kam. Ich selbst schlief fast während der ganzen Zeit, in welcher wir uns unter den Wendekreisen befanden, unter freiem Himmel auf Deck.

Da mich die Matrosen gerne hatten, so weckten sie mich, ehe sie des Morgens das Schiff zu scheuern begannen, und ich entging so der Taufe, welcher nicht selten Passagiere ausgesetzt sind.

Anfänglich schleppte ich allabendlich mit Hülfe einiger freundlichen Genossen meine Matrazze nebst einigen wollenen Decken auf die Stelle, wo ich zu übernachten gedachte. Da aber einigemale Regen einfiel, und alle diese Requisiten schnell und ohne Beihülfe wieder hinabgeschafft werden mußten, beschränkte ich mich auf die wollenen Decken allein. Zuletzt ließ ich auch diese unten, und schlief à la Diogenes einfach in meinem Mantel auf den Brettern des Gangs. Ich lag etwas härter, aber ich hatte die große Bequemlichkeit, nicht mehr den Regen fürchten zu müssen. Bei größeren Schauern war ich rasch unter Deck, des Gepäckes ledig, kleinere aber wurden oben bestanden, öfters schlafend, im süßen Bewußtsein, daß die Sonne des morgigen Tages den einfachen Mantel leicht trocknen würde.

Ich komme bei dieser Gelegenheit auf einen eigenthümlichen Gegenstand, welchen ich mit einigen Worten behandeln will. Ich meine den schädlichen Einfluß, den das Mondlicht, und namentlich jenes des Vollmonds, unter den Wendekreisen äußern soll. Bei allen Seeleuten ist der Glaube verbreitet, daß der Mondschein giftig, wie sie sagen, einwirke. Im Mondscheine wird, selbst außerhalb der Tropen, nie ein Seemann mit unbedecktem Haupte auf Deck erscheinen.

Aber selten wird irgend ein ähnlicher Glaube allgemein unter einem ganzen Stande verbreitet sein, ohne daß irgend wie eine Wahrheit, ein Thatsächliches zu Grunde liegt. Die Folge des Schlafens oder überhaupt nur das Liegen mit unverhülltem Antlitze im Mondscheine soll Geschwulst im Gesichte, Lähmung, Blindheit, in manchen Fällen Wahnsinn und mit dem Tode endende Raserei herbeiführen. In Europa, irre ich nicht im südlichen Frankreich, sind ähnliche Erfahrungen gemacht worden.

Soldaten, welche des Nachts auf den Wällen einer Festung Schildwacht standen, wurden »mondblind.« Dies ist so viel ich weiß der wissenschaftliche Ausdruck für das Leiden, Mondblindheit, Nyctalopia und die vorzüglichste Erscheinung mit welcher es, nach der Aussage eines deutschen Arztes in Valparaiso, auftritt, ist eine mehr oder weniger verbreitete Geschwulst in der Augengegend, und die Eigenthümlichkeit, daß des Nachts vollständige Blindheit eintritt, sei nun Mondlicht oder Feuerbeleuchtung. Jener mir befreundete Arzt hatte als Oberarzt eine Abtheilung chilenischer Truppen über die Cordilleren begleitet und es fanden dort natürlich längere Zeit hindurch nächtliche Bivouaks im Mondscheine statt. Die Hälfte jener Soldaten wurden mit Mondblindheit befallen, und es dauerte einige Monate bis die Erkrankten vollständig geheilt waren.

Ich weiß nicht, ob der keusche unschuldige Mond wirklich die Schuld an dem Uebel trägt, ob es nicht vielleicht die rasche Abkühlung nach einem anstrengenden und erhitzenden Tagmarsche hervorgebracht hat, oder ob nicht andere klimatische, vielleicht nicht beachtete Einflüsse dasselbe hervorgerufen haben. So viel steht indessen fest, daß man dem Liegen im Mondschein alle Schuld aufbürdet, und daß eine leichte Verhüllung des Gesichtes dagegen schützen soll.

Es verdient noch bemerkt zu werden, daß unter den Seeleuten der Glaube herrscht, daß Fleisch geschlachteter Thiere, besonders aber das von Fischen, dem Scheine des Vollmondes ausgesetzt, leichter in Fäulniß übergehe als anderes, ja daß solches Fleisch beim Genusse selbst schädliche Eigenschaften habe. Es liegt eine eigene Mystik in diesem Glauben, der zusammenzuhängen scheint mit mancherlei Erfahrungen über die Einflüsse des Mondes, welche man von andern Seiten her gewonnen haben will. Indessen bedecken die Seeleute sorgfältig frisches Fleisch, was des Nachts über auf Deck bleiben soll und ich muß gestehen, daß ich eines Nachts sehr überrascht war, ein vollständig angekleidetes Schwein an der Schanzverkleidung stehen zu sehen, welches mit einem leichten Anstriche von Melancholie den Hauptmast zu betrachten schien. Die Sache klärte sich einfach dadurch auf, daß man das bei Tage geschlachtete Thier auf Deck gehängt, aber des Mondscheins halber mit alten Kleidern behangen und mit einem Hute bedeckt hatte. – Dem sei aber nun wie ihm wolle, sei die Sache ganz eine Fabel, oder sei sie halbe oder ganze Wahrheit, – so viel steht fest, daß ich nicht die geringste Anwandlung irgend eines Unwohlseins erfuhr, obgleich ich, während wir die Wendekreise durchschifften mit wenig Ausnahmen fast immer unter freiem Himmel und den Mondesstrahlen ausgesetzt schlief. Nicht selten brachten auch noch einige andere Passagiere die Nacht auf Deck zu, aber auch bei diesen zeigte sich Nichts dem Uebel ähnliches.

Aber ich habe an jene Nächte eine freudige dankbare Erinnerung bewahrt, die mich nicht verlassen hat in manchem Sturme der See und des Landes.

Wie oft habe ich dort jener lieben Herzen in der Heimath gedacht, von welchen ich sicher wußte, daß sie für mich schlugen, und deren Zahl ich nicht nennen will, weil Beispiel, Namen und Zahlen gehässig sind. Doch die feierliche Ruhe jener Nächte beschwichtigte den Kummer und die Sehnsucht. Die See, scharf abgegränzt bei Tage und scheinbar nur in mäßigen Dimensionen dem Auge erreichbar, erhält dort das Gepräge von Unermeßlichkeit durch jene fabelhaften Wolkengebilde, die vom Monde beleuchtet, die Gränze zwischen Himmel und Wasser verhüllen. Aber diese irdische Unendlichkeit, sie verschwindet, wenn sich der Blick zu den Gestirnen wendet, und weicht dem Gedanken an eine Ewigkeit, an eine Schöpfung ohne Anfang, ohne Ende, eine unumstößliche Wahrheit, eine unbegreifliche, und deshalb fast eine grauenhafte.

Oft habe ich in solchen Nächten jener ersten Blicke gedacht, wo ich als Knabe den Sternenhimmel betrachtet und wo ich nicht mehr recht die Erzählung meiner Wärterin glaubte, daß die Sternlein lauter Löchlein seien, durch welche der liebe Gott erlaube einen Theil seiner Herrlichkeit im Himmel zu erblicken, wohl auch herabblicke auf artige Kinder und sich freue über sie.

Später erfährt man freilich, daß der liebe Gott eine Constitution bekommen hat, daß alles nach Gesetz und Maaß gehen muß, und jene Bücher-Lehren oder wenigstens der Glaube daran nicht mehr zulässig und statthaft sei.

Ich mag den Freunden nicht bergen, daß ich dort zuweilen ein rechtes großes Kind gewesen und wohl bisweilen gewünscht, zu glauben wie ein kleines.

Während aber so in der Stille jener Nächte der Blick bald über das Wasser schweift und den Streiflichtern des Mondes folgt oder in den fernen Wolken mannichfache Gebilde zu erkennen glaubt, bald in der Tiefe des Himmels sich verliert und sich Spekulationen so verschiedener Art hingiebt, beginnen wir allmählig auf das Murmeln der neben uns vorüberziehenden Wellen unwillkürlich zu lauschen. Sie flüstern uns bisweilen seltsame Dinge zu diese Wellen, Dinge, die man nicht wieder erzählen kann und will, aber sie flüstern uns in den Schlummer.

Es ist Zeit, daß ich wieder einmal eines Datums erwähne, irgend etwas Wichtiges erzähle, was vorgefallen am Bord, ein Ereigniß melde. So will ich denn mittheilen, daß am 25. Mai (unter 22° 22' westlicher Länge und 4° 58' nördl. Breite) während einer Windstille ein Hai gefangen wurde. Dieses kann aber der vollkommensten Wahrheit gemäß an Bord, und besonders an Bord eines Passagier-Schiffes ein Ereigniß genannt werden. Ich hatte die Nacht auf Deck geschlafen, war aber gegen Morgen vom Regen vertrieben in meine Koje gegangen, als plötzlich gegen 5 Uhr ein furchtbarer Lärm auf Deck entstand. Der Ruf: ein Hai! der Alles übertönte, ließ auch mich so schnell als möglich auf Deck eilen, woselbst man eben beschäftigt war, jene »Hyäne des Meeres« an Bord zu ziehen. Man hatte schon seit einigen Tagen eine Angel ausgeworfen, welche unweit des Steuers befestigt, nachschleifte, aber obgleich schon mehrere jener Gäste den Köder, ein Stück Speck, umspielt, hatte doch erst am erwähnten Morgen einer derselben ernstlich angebissen. Das gefangene Thier war 7 Fuß lang und von beträchtlicher Stärke. Es ist übrigens keine ganz gefahrlose Sache, jene Ungethüme, welche natürlich an der Angel sich rasend geberden, an Bord zu bringen, und man muß sich wohl hüten in den Bereich des Rachens oder des Schweifes zu kommen. In letzterem entwickeln sie eine furchtbare Stärke und man versichert, daß unvorsichtig sich Nahenden öfters Arme und Beine zerschlagen worden seien. Der starke, 9 Zoll bis 1 Fuß große Angelhaken hängt an einer etliche Fuß langen Kette und diese an einem Taue. Sobald nun der Fisch auf Deck gezogen ist, wird durch einige Männer das Tau rasch um einen irgendwo befindlichen festen Gegenstand, etwa einen Kabelnagel geschlungen, so daß die Angel mit dem Kopfe des Thieres fixirt ist. Einer der Matrosen nähert sich dann behende dem wüthend um sich schlagenden Hai, und schlägt ihm mittelst eines breiten Beiles rasch den Schweif ab. Gewöhnlich wird hierauf auch der Kopf mit der Axt abgeschlagen, würde man aber dies zuerst thun, so würde der nicht mehr festgehaltene Körper arge Verwüstungen auf dem Decke anzurichten im Stande sein, da er, auch kopflos, noch lange Kraft und Bewegung besitzt.

Vom Körper des Hai nimmt man gewöhnlich die beiden Kiefer und das Rückgrat, welches die Matrosen trocknen und als »Rarität« zu Hause verkaufen. Alles übrige wird in See geworfen. Ich erinnerte mich in Chamisso's Reise um die Welt gelesen zu haben, daß der Hai von den russischen Seeleuten ohne Anstand gegessen wird. Auf mein Zureden gingen einige Passagiere mit mir zum Kapitain um ihn um den Hai zu bitten, d. h. um die Erlaubniß, daß der Koch ihn für uns bereiten dürfe. Wir erhielten zur Antwort, das sei gewiß unser Ernst nicht und überhaupt auf keinem Schiffe gebräuchlich. Ein Thier, was unsere Kameraden frißt, essen wir nicht, sagte mit einer gewissen Würde der Obersteuermann.

Vergebens wendete ich ernsthaft ein, es gebe keine bessere Revanche, als Jemanden, der die Gewohnheit habe, unsere Freunde zu speisen, wieder zu essen. Mit genauer Noth erhielt ich soviel, daß gestattet wurde, den mit einem Stücke des Halses abgehauenen Kopf vom Koche sieden zu lassen. Sollte uns die eklige Speise munden, so sei uns das übrige vergönnt. Die Speise mundete uns aber ganz ausgezeichnet und nur wer längere Zeit fast einzig auf Salzfleisch angewiesen war, weiß den Genuß frischen Fleisches gehörig zu schätzen. Als wir aber uns auf Deck nach dem Uebrigen des Fisches umsahen, war Alles längst von den Matrosen über Bord gebündelt worden.

Ich habe den Kopf jenes Haies skeletisirt und mit zurück nach Europa gebracht. Er befindet sich gegenwärtig im Besitze eines geehrten Freundes, welchem ich durch diese Zeilen freundlichsten Gruß zu bringen mir erlaube, wenn anders sein streng wissenschaftlicher Sinn es über sich gewinnen kann, diese nicht sehr wissenschaftlichen Fragmente zu durchblättern.

Schon am 21. Mai, unter 8° Breite, beobachtete ich das erste Zodiakallicht. Merkwürdig ist, daß diese Erscheinung, welche auffallend genug ist, um von jedem Unbefangenen bemerkt zu werden, erst spät, Mitte des 17. Jahrhunderts beobachtet worden ist. Auch unsere Schiffsmannschaft beachtete das Zodiakallicht nur wenig, oder ignorirte dasselbe; aus welchem Grunde kann ich mir indeß nicht erklären. Diese Leute besitzen ein scharfes Auge, dem der geringste Punkt auf der Fläche der See nicht entgeht, und von welchem eine kleine von uns kaum beachtete Wolke entdeckt und mit Interesse behandelt wird: und sie sollten jenes Phänomen nicht bemerken, welches so augenfällig ist?

Indem ich aber hier der chronologischen Ordnung vorgreife und des in Chile beobachteten Zodiakallichtes erwähne, muß ich bemerken, daß ich bei den chilenischen Dienern, welche mich auf die Cordillera begleiteten, dieselbe Unempfindlichkeit gefunden habe. Dort, und besonders auf der Cordillera, tritt die Erscheinung glänzender auf, als ich sie irgendwo gesehen habe, klar, leuchtend, so daß nur die Sterne erster Größe durch sie hindurch zu bemerken sind. Als ich aber jene Chilenen fragte, was denn jener Lichtschimmer eigentlich sei, was sie davon hielten, bekam ich zur Antwort: el es nada, und die deutschen Seeleute sagten mir, »das ist Nichts, das ist ein Schein, sonst Nichts.«

Die Chilenen aber besitzen im Uebrigen einen lebhaften Sinn für die Schönheiten der Natur, welchem sicher eine poetische Anschauung nicht fehlt. Das Resultat dieser Untersuchungen ist aber, daß gewisse Leute auf das Zodiakallicht nicht reagiren.

Das Zodiakallicht ist eine leuchtende Pyramide, welche etwa eine Stunde nach Untergang der Sonne bei eingebrochener Dunkelheit an der Stelle, wo die Sonne verschwunden, sichtbar wird. Die Basis, scheinbar etwa 30 Grade betragend, wird von den beiden andern Seiten an Länge übertroffen. Indessen muß ich das soeben Ausgesprochene dahin abändern, daß nicht direkt an der Stelle, wo die Sonne verschwunden, sondern einige Grade nach Norden hin die Erscheinung sichtbar wird. Sie folgt also dem Stande der unter den Horizont gesunkenen Sonne, sie scheint von der letztern bedingt zu werden. Das Zodiakallicht hat den Ausdruck einer kosmischen Erscheinung, es hat deren geheimnißvolle Ruhe.

Oft und lange des Nachts im Freien, habe ich in Süddeutschland nie ein Zodiakallicht beobachten können, und alle Wahrnehmungen, welche man hier und da auf dasselbe bezogen, erwiesen sich als einer andern Ursache angehörig; es dürfte mithin als eine, für unsere Breitegrade höchst seltene Erscheinung betrachtet werden.

Ich habe wohl später Gelegenheit auf diesen Gegenstand zurückzukommen.

Am 26. Mai wurden wir ein Segel gewahr, welches bald als ein Bremer erkannt wurde. Man signalisirte, der Landsmann näherte sich uns und da eben ruhige See war, wurde Back gelegt und der Kapitain des befreundeten Schiffes kam zu Boot an unser Bord. Er hatte die Westküste Amerikas besucht, war in Kalifornien gewesen und wußte viel zu berichten von dort und den Fahrnissen bei Cap Horn. Alles Dinge, die wir bald bestehen sollten. Er hatte Passagiere nach Kalifornien gebracht, welche sich fast sämmtlich bei Kap Horn die Finger erfroren hatten. Angenehme Zukunft das, welche uns in Aussicht gestellt wurde, und nicht ermangelte manche trübe Miene zu bewirken! Bei Kap Horn hatte er einen Matrosen verloren. Der Unglückliche war in die See gestürzt und konnte nicht mehr aufgefischt werden, ob er gleich, ein guter Schwimmer, dem Schiffe eine Stunde lang folgte. Es ist schon schwierig einen in See Gefallenen wieder zu bekommen, selbst wenn die See nicht eben sehr hoch geht; bei den stets stürmischen Wogen unweit Kap Horn und in jener Gegend überhaupt, erscheint es geradezu als Unmöglichkeit. Während der Anwesenheit jenes Kapitains an Bord wurden Briefe geschrieben in die Heimath und demselben mitgegeben. Ich schrieb nicht, indem ich von Rio Janeiro als eine größere, bereits begonnene Epistel zu senden beabsichtigte. Nachdem wir dem Kapitain einige Victualien gegeben, welche wir bald in Rio zu erneuern hoffen durften, kehrte er auf sein Schiff zurück, und kam bald außer Sicht.

Ich kann nicht umhin bei dieser Gelegenheit auf eine eigenthümliche psychologische Erscheinung aufmerksam zu machen, welche sich bei vielen der Reisegefährten, bei allen, welche ich befragte und auch bei mir selbst zeigte.

Es war dies ein unangenehmes Gefühl, welches mehr oder weniger bei Allen auftrat, die theure Erinnerungen an die Heimath bewahrten und welches sich unklar auf die Heimath und jene Lieben bezog. Es war nicht das peinliche Gefühl der Unentschlossenheit, ob man etwa umkehren und mit jenem Schiffe wieder nach Hause wolle, was endlich hätte geschehen können. Es war nicht einfache Erinnerung an das Vaterland, welche wohl der Bremer Flagge nicht bedurfte, um erweckt, aufrecht gehalten zu werden. Es war ein unklares Gefühl, welches eben deshalb schwer zu beschreiben, kaum zu analysiren ist.

Die Trauer um einen geliebten Todten wird milder, ruhiger, wenn er der Erde übergeben ist, und das zwar in der Stunde, wo solches geschehen; ein bekanntes Gefühl, ein deshalb aber dennoch sicher nicht hinlänglich erklärtes. Es ist nicht gleich mit dem erwähnten, aber hat Aehnlichkeit mit demselben.

Mag man aber nicht glauben, daß solche wehmüthige Regungen lange gedauert, denn bald hatte das leichtsinnige Völkchen der Reform vergessen, was es bewegt hatte und trotz der Einförmigkeit, welche an Bord herrschte, suchte man sich zu erheitern, wo es halbweg anging. Hier unter den Tropen war es möglich auf Deck zu sein, und so wurden denn häufig die Matrazzen hinaufgeschafft und man ruhte eine Stunde lang auf der rechten Seite liegend aus von den Beschwerden, welche man eine Stunde vorher erduldet hatte. Dort war man auf der linken gelegen. Die Passagiere des Zwischendeckes hatten in diesem Betrachte gemüthlichere Winkel zur Disposition als wir. Das große Boot, mitten auf Deck, in dem ihnen zuständigen Bereiche aufgehängt, erlaubte mancherlei Lager und Plätzchen sich einzurichten, welche vielfach benützt wurden. So hatte der oben erwähnte Franzose sich ein artiges Zelt improvisirt, in welchem er, gehüllt in den Burnus eines von ihm getödteten Beduinen, selbst beduinenähnlich, die Abende und Nächte zubrachte. Hier und da wurde Schafskopf gespielt, oder das edle Sechs und sechszig. Auch ich habe dieses Spiel erlernt und lange Zeit des Abends sowohl auf der Reform, als wie auch später auf dem Dockenhuden gespielt, und das genau eben so schlecht wie ich mein ganzes Leben lang alle andern Kartenspiele gespielt habe.

Auch dem, der am Lande sich wenig aus den Freuden der Tafel macht, wird auf See die Essenszeit bedeutungsvoll. Wer gesund, das heißt nicht seekrank ist, pflegt an Bord meist Hunger zu haben. Aber sehr oft pflegt dieser Hunger ihm auch nach Tische ein unwillkommener Begleiter zu bleiben, wenn er sich der Seemannskost nicht bald befreundet. Ich spreche hier von der Reform und von den meisten Passagier-Schiffen. Auf dem Dockenhuden, mit welchem ich die Rückreise machte, war zwar auch Seemannskost, aber gut, und das Möglichste gethan für die Umstände. Auf Kriegsschiffen ist die Tafel des Kapitains meist eine ausgewählte zu nennen.

Wir auf der Reform bekamen des Morgens etwa um 7 Uhr Kaffee, ohne Milch; dies war natürlich, denn für die 70 Passagiere hätte man einer halben Schweizerei an Bord bedurft; aber auch ohne Brod, ohne Butter und was das Uebelste war, ohne Saft und Kraft, eine wahre Parodie auf den ächten, edlen, braunen Trank der Levante. Hinfällig und dünn, so schwach, daß der Unglückliche eben noch im Stande war, den unförmlichen Blechtopf zu verlassen, in welchem er uns vorgesetzt wurde. Da die meisten der jungen Leute in der Kajüte gewohnt waren ein etwas consistentes Frühstück zu sich zu nehmen, waren sie natürlich nicht sehr erbaut von jener dünnlichen Flüssigkeit. Ich habe oben gesagt, daß die Essenszeit bedeutungsvoll sei auf dem Meere, jene Kaffeestunde aber war leider ziemlich bedeutungslos.

Ich für meine Person habe indessen das erwähnte Getränke verschluckt, ohne zu murren, einestheils, weil ich wußte, daß Murren nicht half, und ferner, weil ich seit langer Zeit gewohnt war, des Morgens nichts zu genießen als schwarzen Kaffee, ohne alle Zuthat, wenn gleich etwas besser als der reformische. Zur Entschuldigung des See-Kaffees aber, der überhaupt auf den meisten Schiffen nicht von besonderer Stärke ist, muß bemerkt werden, daß man, was an Qualität abgeht, durch die Quantität zu ersetzen sucht. Es ist mit dem Thee der des Abends gereicht wird, derselbe Fall, und eine alte Gewohnheit auf Schiffen. Leider ist das Wasser meist verdorben und übelriechend, so daß der Seemann nur selten solches für sich unvermischt genießt, aber die für den Organismus nöthige Menge Wasser im verdünnten Kaffee und Thee einnimmt. Der schlechte Geschmack des Wassers wird durch jene Beimengungen einigermaßen verdeckt.

Dem Mittagsmahle will ich eine verhältnißmäßig kürzere Zeit widmen, als dem Morgenbrode, und in der That ist die Speisekarte auch rasch entworfen. Abwechselnd Linsen- oder Erbsensuppe, einmal in der Woche Fruchtsuppe, nicht süß nicht sauer, eine schauderhafte Erfindung, bestehend aus Wasser, mit welchem man einige getrocknete Kirschen oder Preiselbeeren abgebrüht hatte. Es hatte sich an Bord ein unbestimmtes Gerücht verbreitet, als seien hier und da einige Rosinen in jenem Wasser gefunden worden, aber dieses Gerücht wurde durch wirkliche Augenzeugen nie zur Thatsache erhoben. Der Suppe folgte entweder Salzfleisch und Kartoffel, an einem Tage der Woche gesalzener Speck mit Sauerkohl. Dies letztere Gericht war das genießbarste.

Des Nachmittags wurde Kaffee gereicht, analog dem Morgentranke. Des Abends: Thee, oder ein Schnittchen Käse, oder endlich eine »Lapscaos« genannte Speise, – ich weiß nicht wie das Wort geschrieben wird. – Es ist der Abhub des Mittagstisches, der, gemengt und unter einander gequetscht, des Abends aufgetragen wird. Gesalzene Butter und wirklich guter Senf waren indessen reichlich vorhanden.

Der wahrhaft lucullischen Tafel, welche uns des Sonntags servirt wurde, muß ich indessen noch erwähnen. Hühnersuppe: so lange nämlich die Hühner reichten, für die 18 Passagiere der Kajüte zwei Hühner. Ergo jedes Huhn in neun Theile getheilt. Obgleich diese Thiere entweder durch Heimweh oder andere Verhältnisse, vielleicht auch durch die Schiffskost selbst ziemlich heruntergekommen und schlank geworden waren, behagte doch das Stückchen frisches Fleisch, welches auch mit unbewaffnetem Auge deutlich wahrnehmbar und für jeden von uns der entsprechende Antheil war, ganz ausnehmend. Dann Salzfleisch, jene sauere Unvermeidlichkeit, endlich aber Pudding, und letzterer derb zwar aber doch schmackhaft und reichlich. Ich vergaß zu bemerken, daß wir des Sonnabends gekochten Reis bekamen, ebenfalls ziemlich genießbar.

Zum Genuß des Salzfleisches muß man übrigens, wie ich glaube, nothwendig von früher Jugend an gewöhnt worden sein; mir widerstand dasselbe instinktartig in den ersten Tagen, und ich glaube nicht, daß ich während der ganzen Ueberfahrt mehr als etwa 5 Pfunde jener unangenehmen Speise genossen habe.

So gut wie möglich suchte man nun sich bei Tische zu belustigen, und es fehlte nicht an scherzhaften, hie und da wohl auch ärgerlichen Auftritten. Man suchte zu vergessen, daß nach vierwöchentlicher Fahrt für sämmtliche Passagiere nur noch einige Gläser vorhanden waren, denn daran war man theils selbst, theils war die See schuld. Man suchte zu übersehen, daß im Schiffs-Lexikon das Wort Serviette ausgestrichen schien, daß Messer und Gabeln in ihren Heften bedrohlich wankten, und blos hier und da kamen Ausbrüche des Tadels zum Vorschein, welche, als sie häufiger wurden, eine unangenehme Stimmung zwischen dem Kapitain und den Passagieren zuwege brachten. Des Abends bildeten sich je nach Geschmack und Neigung verschiedene Gruppen, theils wenn es nicht regnete, einem Erzähler zuhörend, theils in der Kajüte trinkend, rauchend, spielend. Die meisten von uns hatten sich von Bremen aus mit einem Vorrathe von geistigen Getränken versehen, und wo es fehlte wurde wohl nicht selten getauscht oder freundlich nachgeholfen. So vergingen die Abende heiter. Was mich anbelangt, so hatte ich des Tages über hinlängliche Beschäftigung. Ich nahm täglich einmal zu einer bestimmten Zeit die Temperatur der See, viermal jene der Luft und stellte des Tages über von früh 7 bis Abend 10 stündliche Barometer-Beobachtungen an. Das Zeichnen gefangener Seethiere, die nöthigen Notizen in das, wenn gleich nur skizzenhaft geführte Tagebuch, füllte ebenfalls viele Zeit aus.

Was meine Abende betraf, so ging ich wohl häufig auf Deck um mich umzusehen nach irgend etwas Absonderlichem oder Neuem, obgleich ich augenblicklich gerufen wurde, sobald sich irgend eine Erscheinung zeigte in Luft oder Wasser; aber da ich schon gestanden, daß ich dazwischen dem Laster des Spiels mich ergeben, und dem Sechs und sechszig gefröhnt, so will ich noch beifügen, daß ich allabendlich eine Flasche Ale getrunken, und nicht selten dabei an die Fleischtöpfe Aegyptens gedacht habe, das ist an ächtes, aufrichtiges bayerisches braunes Bier.

Solches war der Tageslauf auf der Reform unter dem lieblichen Klima der Tropen, mit ähnlichem Typus, doch hier und da mit unangenehmen Modificationen, auch unter anderen Breitegraden.

Am 1. Juni (24° 5' Länge, 0° 38' nördl. Breite) sahen wir einen Zug von etwa 80 bis 90 Schwertwalen, von den Seeleuten Butzköpfe genannt (Delphinus gladiator). Die Thiere zogen nicht weit von unserem Schiffe vorüber und schwammen ganz nach Art der Wallfische, indem sie nämlich von oben nach unten, im Vorwärtsschwimmen tauchen, mit dem Kopfe wieder hervorkommen und wieder tauchen, so daß sie eigentlich eine Reihe bogenförmiger Bewegungen machen. Diese Art sich von Ort und Stelle zu bewegen, verleiht dem ganzen Zuge den Anschein lebhafter Beweglichkeit.

Der Kopf dieser Thiere, welche gewiß 25 Fuß lang waren, ist stumpf-mopsartig, daher wohl der Name Butzkopf. Sie haben eine starke spitzige Rückenflosse und sind gefürchtet, indem sie, wie die Seeleute sagen, Boote anfallen und überhaupt grimmig und blutgierig sind. Sie verfolgen in Haufen die Wallfische, welche sie bisweilen tödten sollen. Auch Landenden sind sie gefährlich.

Es ist die Größe dieser Thiere an verschiedenen Stellen sehr abweichend angegeben, auch die Breitegrade, in welchen sie getroffen werden. Ohne Zweifel sind hier verschiedene Arten beschrieben worden. Ich habe später in Valparaiso einen Unterkiefer der Art, welcher wir begegneten, erworben; er hat auf jeder Seite elf kegelförmige, spitze, schwach einwärts gebogene Zähne, welche eng gedrängt an dem vordern Theile des Kiefers stehen. –

Wir passirten am 2. Juni, eigentlich in der Nacht vom 2. auf den 3. die Linie unter 26° 30' Länge. Es fanden keine jener Festlichkeiten statt, welche bei diesen Gelegenheiten aufgeführt zu werden pflegen, weil der Kapitain unangenehme Reibungen zwischen den Passagieren und der Mannschaft fürchtete, und dies vielleicht nicht mit Unrecht. Es läßt sich wohl denken, daß die Scherze, welche bei der tropischen Taufe vom Stapel laufen, nichst eben der zartesten Natur sind.

Gewöhnlich erscheint Neptun an Bord, mit seinem Obersteuermann und nicht selten mit seinem Hunde. Neptun trägt einen alten Frack oder irgend ein anderes altes verwittertes Kleidungsstück, unvermeidlich aber eine mächtige Perrücke von Werg oder Ziegenfell, wenn solches irgendwo aufzutreiben. Der Obersteuermann Neptuns führt Parodien der auf Schiffen nöthigen Meß-Instrumente in colossalen Dimensionen mit sich. Der Hund Neptuns endlich, ein in Fell genähter oder mit Werg decorirter Kajütenjunge bemüht sich nach Kräften possierlich zu sein und den Angenehmen nach seiner Art zu spielen. Auf Schiffen, in welchen sich keine Passagiere befinden, kömmt Neptun zum Kapitain, der an diesem Tage einen Theil seiner Würde ablegt, und auf den Scherz eingeht und sagt: er habe nicht umhin gekonnt, dem Herrn Kapitain seine Aufwartung zu machen. Letzterer erklärt, wie ihm solches sehr angenehm sei und fragt, ob Neptun und sein Gefolge etwa ein Glas Wein zu sich nehmen wolle. Neptun meint, dies sei nicht so übel. Man bringt nun vier Gläser und ein paar Flaschen Wein. Einer der Scherze ist nun, daß Neptun bittet, das vierte Glas wegzunehmen, da sein Hund nicht aus einem Glase, sondern blos von einem Teller zu saufen gewohnt sei. Es wird ein solcher gebracht und der Junge muß nun, so gut es geht, mit der Zunge nach Hundeart den Wein aus einem flachen Teller trinken oder eigentlich schlürfen. Nach einer Reihe ähnlicher Scherze beschließt des Abends ein Tanz der Matrosen, wobei einige Spaßvögel in improvisirter weiblicher Tracht erscheinen, und ein kleines, vom Kapitain gegebenes Zechgelage die Festlichkeit.

Auf Passagierschiffen übt sich der Witz an den Reisenden. Man soll getauft, vorher aber mit Theer eingeseift und rasirt werden. Dieß soll auf dem Rahmen eines auf Deck trichterförmig aufgespannten Segels geschehen, welches durch eingegossenes Seewasser wasserdicht gemacht und dann mit Wasser angefüllt worden ist. Natürlich wird der mit Theer Bestrichene alsbald kopfüber in das Segel geworfen. Man kauft sich durch eine Kleinigkeit los, und es scheint überhaupt, als ob zu jener Rasirgeschichte blos Subjecte ausgewählt würden, welche ohnedieß sich nur zweifelhafter Achtung an Bord erfreuten. Doch kömmt man nicht leicht ungewässert durch, und fast jeder bekommt, wenn auch scheinbar aus Versehen, plötzlich einen Eimer übergegossen. Daß unter der Linie dieß wenig schadet leuchtet ein.

Wie schon erwähnt, hatten wir nichts dergleichen an Bord, doch gaben die meisten der Kajüten-Passagiere eine Kleinigkeit oder Wein, was gut auf- und angenommen wurde.

Am 4. Juni (26° 50' Länge, 2° 41' südl. Breite) sahen wir auf unserer Backbord-Seite ein großes Schiff, einen Dreimaster, welcher etwa zwei englische Meilen von uns entfernt, gleichen Cours mit uns segelte.

Das Schiff schien übel zugerichtet. Es hatte den Fockmast verloren und schien auch sonst Havarie erlitten zu haben. Es wurde bald von uns überholt und kam außer Sicht. Es mußte jenes Schiff ohne Zweifel von einer plötzlichen Boe überrascht worden sein, wie denn überhaupt unter dem Aequator nicht selten auf geringe Entfernung das Wetter sehr wechselnd auftritt. Wir auf der Reform hatten wohl auch in jenen Tagen bisweilen schlimmes Wetter gehabt, welches man, auf der Seereise über den Kanal von Deutschland nach England land als »fürchterlichen Sturm« bezeichnen würde, aber so arg war es uns doch nicht geworden, daß Havarie in Aussicht gestanden wäre.

Ich finde unter dem 5. Juni in meinem Tagebuche einer Erscheinung erwähnt, welche ich schon einige Tage vorher beobachtet hatte, welche ich aber am erwähnten Tage ausführlicher beschrieben habe und hier mittheilen will, da ich nirgends eine Anleitung über dieselbe gefunden. Bei klarem Himmel, wenn der Mond nahezu voll ist, wie bei Vollmond, und bei ziemlich ruhiger See, findet sich der Widerschein des Mondes auf dem Wasser besonders klar und leuchtend ausgesprochen. Die solchergestalt beleuchtete Fläche des Meeres bildet, wie natürlich, eine Pyramide, deren Basis vom Horizonte begränzt ist, während die Spitze derselben auf den Punkt zugewendet ist (hier die Stelle an Bord), den der Beschauer einnimmt. Betrachtet man bei dieser Lage der Dinge den Mond und die ihn umgebende Stelle des Himmels allein, ohne besondere Rücksicht auf dessen Reflex auf der See zu nehmen, so zeigt sich nichts was auffallend wäre. Blickt man aber aufmerksam auf den Widerschein im Wasser und zugleich auf den Mond und die Stelle des Himmels, welche zwischen letzterem und der See ist, so bemerkt man schon nach kurzer Zeit, etwa 20 bis 30 Sekunden eine zweite Pyramide, welche aber dunkel ist, deren Basis mit jener der leuchtenden zusammentrifft, und deren Spitze den Mond nahe bei zu Berühren scheint. Bemüht man sich, beide Pyramiden, die helle und die dunkle, gleichzeitig längere Zeit zu fixiren, so nimmt das Phänomen bis auf einen gewissen Punkt hin an Intensität zu. Es ist klar, daß die Erscheinung eine subjective ist und in die Reihe der complementären gehört, denn verdeckt man die leuchtende Stelle der See mit irgend einem Gegenstande, einem Buche z. B. oder einem kleinen Brettchen, so daß blos die obere, dunklere Pyramide gesehen werden kann, verschwindet diese schon nach einigen Augenblicken.

Die Erscheinung wurde von Allen auf dem Schiffe gesehen, nachdem ich darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich glaube, daß sie auf größeren Landseen und bei heiterem Himmel ebenfalls stattfindet, aber ich habe nie Gelegenheit gehabt, sie dort zu beobachten, und wie schon oben gesagt, ihrer auch nirgends erwähnt gefunden. Ich habe deshalb mitgetheilt, was ich gesehen habe, auf die Gefahr hin, vielleicht etwas bereits Bekanntes zu erzählen.

Am 8. Juni (29° 25' Länge, 10° 50' südl. Breite) sahen wir 3 Seeschlangen. Ueber diese Thiere, namentlich über jene Arten, welche die hohe See bewohnen, ist sicher noch wenig bekannt. Man weiß, daß die meisten Wasserschlangen giftig sind, und feststehende Giftzähne haben. Aber gewiß findet sich auf hoher See wenig Gelegenheit und vielleicht noch weniger Lust diese Thiere einzufangen. Die, welche uns zu Gesicht kamen, konnten eigentlich nur einige Augenblicke beobachtet werden, da das Schiff einen ziemlich raschen Gang hatte. Sie mochten 5 Fuß Länge haben, waren ziemlich dick, hatten einen flachen zusammengedrückten Kopf und breiten, fischartigen Schwanz. Sie schwammen mit schlangenförmiger Bewegung, doch nicht sehr rasch vorwärts und hielten sich dicht neben einander. Ihre Farbe schien glänzend blaugrün, da sie aber einige Fuß tief unter Wasser schwammen, so mag dieß wohl eine Täuschung und ihre Färbung grau oder weißlich gewesen sein, denn bei klarem Himmel und Sonnenschein erscheinen bei einiger Tiefe auf See alle helle Gegenstände mit grüner oder blauer Farbe.

Kurz nach den Schlangen, nachdem sich der Wind etwas gelegt und das Schiff einen langsamern Gang angenommen hatte, kam ein großer Fisch an die Seite des Schiffes, auf welchen sogleich Jagd gemacht wurde. Es war Coryphaena hippurus welche Species von den Seeleuten allgemein Delphin genannt wird. Warum, wissen die Götter. Der Delphin, hieß es, liebe ausnehmend silberne Geräthschaften, und man hängte deshalb sogleich einen Zinn- oder Blechlöffel an einer Schnur über Bord, damit er herbeigelockt werden sollte und, mit demselben spielend, dann harpunirt werden könnte. Der angebliche Delphin näherte sich auch wirklich dem Löffel, indessen blos in bescheidener Entfernung, ohne Zweifel entrüstet, daß man ihn mit Zinn anstatt mit Silber ködern wollte. Er folgte noch einige Zeit dem langsam weiter segelnden Schiffe und empfahl sich dann. Wie kurz vorher die Schlangen, hatte auch dieser Fisch eine prachtvolle grünlich blaue Farbe, aber auch unser Pseudo Silberlöffel glänzte in ähnlicher Pracht. Indessen zeigt das Thier auch außerhalb des Wassers eine wunderschöne Färbung. Ich hatte später Gelegenheit mehrere derselben genau betrachten zu können und erfuhr auch dort, es war nämlich auf der Rückreise von Peru nach Europa, vom Kapitain des Dockenhuden, warum eigentlich jener Löffel als Lockvogel in die See gehängt wurde. Diese Thiere stellen nämlich den fliegenden Fischen begierig nach, und sollen sich durch den Glanz des Metalles verführen lassen, dasselbe für einen solchen Fisch zu halten. Mit Ausnahme des Glanzes hat freilich ein fliegender Fisch wenig Aehnlichkeit mit einem Zinnlöffel, aber abgesehen von der Erfahrung, ist die Sache vollkommen glaubwürdig, wenn man sich an die englischen Angelkästen und die in denselben befindlichen Köder erinnert. Die meisten der letzteren, welche für den Forellenfang bestimmt sind, sind zwar sehr zierlich und solid verfertigt, aber es gibt kein Insekt auf der Erde, welches ihnen ähnlich sieht. Es sind Phantasie-Fliegen. Dennoch aber gehen die Forellen begierig nach diesen falschen Ködern und werden viel leichter durch sie gefangen, als durch wirkliche Insekten, die man als Lockspeise verwendet.

Vielleicht gehen die Forellen und andere Fische auf den Totaleffect, auf den »Eindruck«, den das Ganze hervorbringt, ähnlich wie es Kunstliebhaber und andere Leute bisweilen zu machen pflegen.

Unser anfänglich besprochener Fisch, Coryphaena hippurus, der Stutzkopf oder Delphin der deutschen Seeleute, ist an 4 Fuß lang, hat einen kurzen, von der Stirne rasch abfallenden Kopf und verhältnißmäßig kleinen Mund. Die Rückenflosse ist sehr hoch und läuft vom Kopfe bis zum Schwanze über den ganzen Leib. Die Brustflossen sind klein, die Bauchflosse fängt in der Mitte des Leibes an. Die Kiefer sind mit einer großen Menge kleiner, aber sehr spitzer, feststehender und nach innen zu hakenförmig gebogener Zähne besetzt. Die größten, welche außen stehen, sind kaum eine Linie lang. Ich habe im Ober- und Unterkiefer des Fisches 120 der größeren Zähne gezählt, kleinere sind gewiß in doppelter Menge vorhanden. Die Färbung des Thiers ist prächtig. Oben bläulich, dann an den Seiten grün, unten orange. Größere und kleinere, gelbe und blaue Flecken laufen längs den Seiten hin. Die Rückenflosse ist blau und die Strahlen sind gelb. Alle diese Farben haben Goldglanz und wechseln während des Todeskampfes. Es gewährte, obgleich mich die Thiere dauerten, dennoch einen prachtvollen Anblick, die auf Deck in der Sonne liegenden Thiere rasch im Wechselspiele alle Farbentöne von Grün, Blau und Gelb annehmen zu sehen. Man könnte die Erscheinung noch am passendsten mit dem Anlaufen gewisser Metalle im Feuer vergleichen, wo die Oxydschicht ebenfalls rasch wechselnd mannichfache Farbennüancen durchläuft. Diese Fische gewähren eine herrliche und auf See stets willkommene Speise, namentlich wenn man Monate lang blos auf Salzfleisch angewiesen war.

Ich gedenke mit dankbarer Erinnerung des 9. Juni und der freundlichen Feier, mit welcher an Bord vom Kapitain sowohl als von den Passagieren mein Wiegenfest gefeiert worden. Längere Zeit vorher hatte ich zufällig einmal des Tags meiner Geburt erwähnt, und war nicht wenig überrascht, jene Angabe so gut im Gedächtnisse festgehalten zu sehen. Ich hatte die Nacht auf Deck zugebracht und war gegen Morgen dem Scheuern der Matrosen weichend, zur Koje gegangen. Als ich zum Kaffee in die gemeinschaftliche Kajüte kam, fiel mir allerdings auf, daß alle Genossen bereits versammelt waren, und eine gewisse geheimnißvolle Stille herrschte. Im Begriffe zu fragen, wurde ich durch die freundliche Ansprache eines der Passagiere aufgeklärt. Glückwünschend, in herzlichen und ehrenden Worten, in seinem und der Genossen Namen, wurde mir von demselben zugleich ein kleines Gedicht gebracht, und mit einem Lebehoch geschlossen auf mich und die entfernten Meinen. Dort habe ich mit scherzhaftem Spruche zu antworten gesucht, aber ich war gerührt im Herzen und habe jene Augenblicke festgehalten bis auf die heutige Stunde.

Als das Hoch der Genossen erklungen, erschien der Kapitain auf der Treppe der Kajüte, ebenfalls Spruch-sprechend, glückwünschend und ein Hoch bringend. Als ich aber mit herzlichen Worten antwortete, bat er mich auf Deck zu kommen. Dort stand mir eine neue Ueberraschung bevor. Der Kapitain hatte sämmtliche Flaggen aufhißen lassen, so daß das Schiff im festlichen Schmucke segelte, und so eine besondere Feier am Bord angedeutet war. Die Passagiere des Zwischendeckes beglückwünschten mich nicht minder freundlich, und vier der Matrosen beschlossen endlich mit seemännischem Spruch und treuherziger Rede die Reihe der mich Begrüßenden.

So wurde mein Wiegenfest auf der Reform festlich begangen, und der Tag harmlos und fröhlich beendet.

Schon im Eingange habe ich jenes Pudels gedacht, der im Zwischendecke die Ueberfahrt mitmachte. Anfänglich hatte derselbe durch allerlei Kunststücke das Seine beigetragen zur Unterhaltung müssiger Passagiere auf Deck. Wohl erfahren in der edlen Kunst des Apportirens, ja Meister in derselben, setzte er durch mächtige Sprünge die Mannschaft in Erstaunen und wußte die kleinsten Gegenstände, welche ihm vorher gezeigt und hierauf versteckt worden waren, allenthalben aufzufinden. Aber aller Orten werden Kabalen erdacht, Intriguen geschmiedet, so auch hier gegen Leo, den Pudel. Das Quarterdeck war mit einem starken Wachstuche, dicht mit Oelfarbe angestrichen, bespannt, und auf dieser zu beiden Seiten etwas abschüssigen Fläche, war es in müssigen Stunden des Abends oder Morgens höchst angenehm zu liegen und je nach Umständen, die Sonne oder die Frische der Luft zu genießen. Fiel aber Regen ein, so hatte jene Fläche eine andere Bestimmung. Es waren am äußern Rande derselben nach Art der Dachrinnen kleine Blechröhren angebracht, durch welche das abfließende Regenwasser unten aufgesammelt und zu beliebigem Zwecke verwendet werden konnte. Nur wer lange Zeit schlechtes und übelriechendes Wasser genossen hat, weiß auf See einen Regen zu schätzen, und ich habe mit Wollust jenes Wasser getrunken mit einer Temperatur von + 24° R. und mit allerlei gemengtem Nebengeschmacke.

Leo hatte sich manchmal auch auf dem Quarterdecke eingefunden und freundlich geruht unter den andern Passagieren. Aber nach einem jener wohlthätigen Regen, während welchem man das Regenwasser aufgefangen und zum Trinken benützte, hatten sich üble Gerüchte verbreitet von bedenklichen Dingen, die sich im Wasser gefunden, Dinge, die nicht vom Himmel gefallen sein konnten, wie das Manna der Wüste zur Erquickung der Kinder Israels, Dinge, die vom Organismus als untauglich für den Stoffwechsel ausgestoßen worden waren, kurz Gegenstände, welche man in guter Gesellschaft nie bei Namen nennt, die nothwendig von einem Pudel herrühren, und in zum Trinken bestimmtem Wasser unter allen Verhältnissen als höchst überflüssig bezeichnet werden müssen.

In Folge dieser Thatsachen, oder auch böswilligen Verleumdungen, wurde Leo vom Quarterdeck verbannt, und selbst das Apportiren auf Deck wurde mißliebig angesehen. Nun saß er halbe Tage trübsinnig und unbeschäftigt am Fallreff in die See starrend und wie es schien in der Hoffnung, irgend etwas aus dem Wasser holen zu dürfen, was zu Hause eine erlaubte Ergötzlichkeit, aber hier zur Unmöglichkeit geworden war. Wenigstens mußte er öfters mit Gewalt zurückgehalten werden, nicht einem zufällig über Bord geworfenen, nutzlosen Gegenstande nachzuspringen.

Müssiggang ist bekanntlich aller Laster Anfang, und so mochte es kommen, daß der Hund sich plötzlich in die See stürzte, ohne Zweifel verführt durch irgend einen sich emporschnellenden Fisch.

Es war fast Windstille, so daß die Bewegung des Schiffes kaum zu bemerken war, aber doch war in kurzer Zeit der Hund weiter als Schiffslänge von uns entfernt, denn ein Schiff auf hoher See, welches vollkommen stille und an demselben Ort zu liegen scheint, bewegt sich doch stets von der Stelle; theils wirkt selbst der leiseste Hauch des Windes auf dasselbe ein, wohl aber am meisten die Dinung und hier und da auch eine Strömung.

Man kann sich denken, daß das arme Thier allgemein bedauert wurde. Der Kapitain ließ Back legen, aber eben weil kaum eine Spur von Wind vorhanden, so folgte das Schiff nur langsam den gegebenen Befehlen, wir drehten uns so, daß wir den wacker schwimmenden Pudel bald Backbord bald Steuerbord in Sicht hatten, aber er entfernte sich immer mehr von Bord, statt näher zu kommen, das heißt, wir trieben weiter, und der Hund blieb zurück. Das kleine Boot war erst Tags vorher frisch angestrichen, und für die Ankunft in Rio Janeiro vorbereitet worden, man setzte es also nur ungern aus; doch versprach der Kapitain das Möglichste zu thun, um des Hundes wieder habhaft zu werden. Da entschloß sich einer der Passagiere des Zwischendeckes, den Hund schwimmend zu holen. Dieser Entschluß verrieth mehr Muth als Besonneneit, und wurde allgemein beanstandet. Dessen ungeachtet aber begann G. sich zu entkleiden, und schickte sich, trotz der ernstlichen Einreden des Kapitains, an, über Bord zu gehen. Ohne Zweifel hätte letzterer mit Bestimmtheit das tollkühne Unternehmen verbieten können, allein, da in der letzten Zeit zwischen ihm und verschiedenen der Passagiere bereits Mißhelligkeiten entstanden waren, wollte er wahrscheinlich kein Machtwort sprechen, und alle friedliche Zusprache nützte nicht.

Während mir der bereits zum Sprunge Bereitete noch seine Schlüssel und andere kleine Gegenstände zum Aufheben gab, sprach ihm der Schiffsarzt zu, sich wenigstens an der Bogleine befestigen zu lassen. Dieß wurde angenommen, aber fehlerhafterweise die Leine zu kurz für die Höhe des Sprungs genommen, so daß dieselbe riß, ehe noch der sich in die See Stürzende das Wasser erreicht hatte. Doch schwamm er rüstig weiter und hatte bald den Pudel erreicht, da sich beide, Hund und Mann, entgegen kamen. Recht sichtbar aber wurde erst hier das Thörichte des ganzen Unternehmens, und es nahm dieses eben so schnell eine bedenkliche Gestalt an.

Als G. den Hund erreicht hatte, kletterte der letztere, bereits ermüdet, sogleich auf den Rücken des Schwimmenden, so daß derselbe nach mehrmaligen Versuchen den Hund abzuschütteln, untertauchen und sich hierauf auf den Rücken werfen mußte, um sich des Thieres erwehren zu können. Der Hund schwamm bald allein für sich weiter, und jetzt konnte man bemerken, daß während es schon ihm nicht möglich war das Schiff einzuholen, der Mann weiter hinter ihm zurückblieb. Ein leichter Wind erhob sich jetzt zur ungünstigen Zeit das Bedrohliche des Augenblicks erhöhend, und uns allen an Bord wurde gleichzeitig die Gefahr klar, in welcher der Schwimmende schwebte.

Es ist eine eigenthümliche Sache darum, einen Menschen, noch dazu einen Mann, mit dem man längere Zeit freundlich verkehrt, so plötzlich in drohende Todesgefahr versetzt zu sehen, und so läßt sich leicht die Aufregung begreifen, die am Bord der Reform sich kund gab. Wir halten uns rasch eingetheilt um den Matrosen hülfreiche Hand zu leisten, wo es nöthig und möglich war, ohne mehr zu stören als zu nützen, aber bereits begannen höhere Wellen den Schwimmenden anfänglich auf kurze, bald auf immer längere Zeitdauer zu verbergen, und der mit den Wogen Kämpfende war sich sicher seiner Gefahr bewußt, ja hatte vielleicht bereits die Hoffnung aufgegeben, gerettet zu werden. Man hatte mittlerweile das Boot losgemacht, um es in See zu bringen, aber da dasselbe nur zum Trocknen auf Deck und ziemlich hoch anfgehängt war, dauerte dies längere Zeit. Endlich war es flott, mit vier der tüchtigsten Matrosen bemannt, und ruderte rasch nach der Richtung des Schwimmenden, den wir nur selten und in bedeuteter Entfernung sehen konnten. Auch das Boot verschwand jetzt in Zwischenräumen hinter den immer höher werdenden Wellen. Es vergingen Minuten des Zweifels und der Angst, bis endlich vom Mast aus der Ruf erscholl: »Sie haben ihn!« Wohl selten wurde ein lebhafteres und freudigeres Hurrah gerufen, als in jenem Augenblicke von den Reisenden auf der Reform. Nach einigen Minuten wurde das Boot sichtbar und kam rasch näher. Unser Freund saß in denselben, sehr hinfällig und bescheiden, wie es schien, aber glänzend in allen Farben, einem Chamäleon gleich. Wir konnten uns die Ursache dieser optischen Erscheinung erst erklären, als wir bemerkten, daß die frischen Oelfarben des Bootes sich abgedrückt hatten auf seinen Körper, als man ihn in dasselbe gezogen hatte.

An den Hund, den unschuldigen Anstifter alles dieses Unheils, hatte Niemand mehr gedacht, so lange man den Menschen in Gefahr wußte; als dieser aber geborgen im Boote sich dem Schiffe näherte, lugte man auch nach Leo. Er schien verschwunden, und nur einzelne der Passagiere wollten ihn bald da bald dort in weiter Entfernung gesehen haben. Das erste lebende Wesen aber, was an Bord gehißt wurde aus dem zurückgekehrten Boote, war der Pudel, der sich, dem Genius seiner Race getreu, erst hier rechtschaffen schüttelte, und dann auf unbefangene Weise im Getümmel verschwand.

Der Gerettete brach, kaum auf Deck angelangt, vollständig entkräftet in sich zusammen, und war erst nach mehreren Stunden Ruhe im Stande, seine Koje zu verlassen.

So endete das Abenteuer mit Leo dem Pudel. Mögen die freundlichen Leser entschuldigen, daß ich so lange sie aufgehalten mit demselben. –

Ich habe vorhin von Mißhelligkeiten gesprochen, welche zwischen Kapitain und Passagieren entstanden, und muß hierauf zurückkommen. Ich habe erzählt, wie man ißt und trinkt, wie man schläft und sich langweilt an Bord, ich habe die Unterbrechungen der Langweile durch Haie, fliegende Fische, Delphine und Quallen angegeben. Aber wir haben noch 8 Tage, bis wir Rio de Janeiro erreichen, und ich glaube sie zweckmäßig auszufüllen, wenn ich jenes Unfriedens, und überhaupt des Verhältnisses zwischen beiden Parteien gedenke.

Es steht irgendwo geschrieben, das Weib solle dem Manne unterthänig sein und ihm folgen in allen vernünftigen Dingen. Alle Welt weiß, daß dies geschieht, und daß das Weib wirklich bisweilen folgt, so lange es ein Ding vernünftig findet.

Hier und da aber sind die Meinungen getheilt über das, was vernünftig und unvernünftig ist, und dann entstehen Mißhelligkeiten, bisweilen sogar »Familienverhältnisse.«

Aehnliches findet an Bord statt, – auf einem Kauffahrteischiffe nämlich[2]. Ernstlich gesprochen, glaube ich, daß wirklich von beiden Seiten viel Takt dazu gehört, um ein fortwährend gutes Vernehmen aufrecht zu erhalten. Es trifft sich oft, daß der Kapitain irgend etwas an Bord zu verbieten genöthigt ist, es mag auch sein, daß bisweilen Verbote mit unterlaufen, welche eben so gut oder noch besser vielleicht, ganz unterblieben wären, aber in beiden Fällen hat er nicht die hinreichende Macht, seine Befehle zu unterstützen.

Dieß ist gleichgefährlich zu Wasser und zu Land.

Wollte der Kapitain irgend einen Passagier durch die Matrosen zwingen lassen, Folge zu leisten, so wäre auf einem Passagierschiffe, so z. B. auf der Reform mit 70 und etlichen Reisenden, ein Zusammenstehn der meisten, und mithin offenbare Meuterei sehr zu befürchten gewesen. Aber auch wenn nicht dergleichen in Aussicht steht, so hat der Kapitain doch immerhin den Ruf des Rheders zu bewahren, den Ruf der sogenannten Humanität und des freundlichen Benehmens gegen die Reisenden.

Es gehen viele Leute über die See, aber in Hamburg und Bremen gibt es auch viele Rheder.

Es bleibt mithin das Verhältniß des Kapitains stets ein sehr eigenthümliches. Dazu kommt, daß die überwiegende Anzahl der Passagiere, so wie der Kapitaine und Seeleute überhaupt, ganz gewiß die verschiedensten Lebensansichten haben.

Die meisten der ersteren haben nie die See gesehen, von den wenigsten der letzteren kennt einer das eigentliche Leben auf dem festen Lande, mit Ausnahme der amphibienartigen See- und Hafenstädte. Meist unweit der Küste geboren und selbst Kind eines Seemanns, Lootsen und dergleichen, kommt der Knabe mit 13-14 Jahren an Bord als Kajütenjunge, wird später Matrose oder Leichtmatrose, macht, wenn befähigt, einige Monate in der väterlichen Hafenstadt die Studien der Steuermannskunst, wird hierauf Unter- später Obersteuermann und im günstigen Falle Kapitain, wenn er nämlich Glück und Geschick hat und nicht etwa zufällig – verloren geht. (Landratten-Sprache: bei einem Schiffbruche ertrinkt.)

Die Seeleute, die deutschen wenigstens und eben so die von andern Nationen, die ich kennen lernte, sind fast alle wackere, muthige und brave Männer, sie sind barmherzig gegen Mensch und Thier; sie sind bescheiden und ihrem Worte treu!

In näherer Berührung mit ihnen auf der Rückreise während längerer Zeit, bin ich öfters sogar auf den Gedanken gekommen, als sei der Mensch von Natur aus doch nicht so sehr filou (es macht sich Das französisch besser), als es gewöhnlich scheinen will.

Aber dieser Seemensch hat vom Landmenschen, speciell aber von der Species Passagier, einen verzweifelt schlechten Begriff.

Seiner Ansicht nach ist der Passagier ein Gegenstand, dessen Gegenwart an Bord den Zweck hat, die nicht vorhandene Fracht des Schiffes nach X oder Y zu decken, d. h. die Kosten des Rheders für die Fahrt, um von dort andere Waare, Tabak, Ochsenhäute, Pfeffer, Farbholz oder andere Sachen einzunehmen.

Der Passagier ist in den ersten Tagen ein jämmerliches Ding, welches seekrank ist, das Deck verunreinigt und allenthalben im Wege steht. Dann wird es neugierig, räsonnirt über Salzfleisch und Wasser und läßt vor Allem unaufhörlich merken, daß seine einzige Sehnsucht nach dem Lande steht.

Ob die Klagen, welche die Passagiere der Reform führten, gegründet waren oder nicht, will ich nicht entscheiden. Einige mögen wohl gerecht, andere unbillig gewesen sein. Aber wohl war an den meisten jener Beschwerden der Kapitain unschuldig. Sie betrafen vorzüglich die Kost und das Wasser. Erstere höchst einfach, und das Wasser übelriechend. Aber Alles dieses war die Schuld des Rheders, welcher das Schiff nicht zum Besten ausgerüstet hatte.

Die ständige Antwort des Kapitains auf alle, endlich täglich, ja stündlich wiederholte Klagen war, daß er nicht mehr geben könne als er habe, und daß es auf andern Schiffen auch so sei. Aber mehr und mehr fand sich eine gegenseitig gespannte, gereizte Stimmung ein, welche einen unheimlichen Eindruck hervorbrachte, ja bedenklich wurde.

Kapitain und Passagiere grüßten sich nicht mehr bei der Begegnung auf Deck; ein, ich muß es leider sagen, öfters rücksichtsloses Benehmen fand bisweilen von beiden Seiten statt, und als wir uns der brasilianischen Küste näherten, wurde eine Schrift entworfen, welche von allen Passagieren unterzeichnet und dem Konsul in Rio de Janeiro übergeben werden sollte.

Diese Schrift enthielt alle Klagen und Beschwerden, welche man gegen den Kapitain zu führen sich berechtigt glaubte und war ein Mittelding zwischen Mißtrauensvotum und Anklage-Adresse, ein Nachklang des Jahres 1848. Ich glaube, daß alle Passagiere, außer ich und die beiden in der obern Kajüte wohnenden Reisenden, jene Schrift unterzeichnet haben.

Die Stellung, welche ich in Hinsicht auf diese Mißhelligkeiten an Bord beobachtet, war die, welche ich seit langer Zeit unter ähnlichen Verhältnissen allenthalben eingenommen habe.

Einzeln den Parteien gegenüber, gab ich jeder Unrecht, suchte aber deren Recht zu vertheidigen nach Kräften bei der andern.

Ich habe die Genossen erinnert, daß sie sich nicht in einem Hotel befänden, und daß man für 300 Thaler von Bremen bis nach Kalifornien keine lucullische Tafel verlangen könne. Ich habe ihnen gesagt, daß man wohl auf andern Schiffen zäheres Fleisch, fauleres Wasser, schmalere Bissen anträfe.

Dem Kapitain aber versicherte ich unter vier Augen, daß man doch mehr thun könne für die gegebene Summe, daß das Fleisch sehr zäh, das Wasser sehr übelriechend und die Bissen sehr schmal wären.

Da man durch die dicksten mittelalterlichen Mauern einer alten freien Reichsstadt, über ganze Straßen und Stadtviertel hin, genau hört, was gesprochen wird in den Häusern unserer Freunde und Nichtfreunde, was Wunder, wenn solches geschah auf einem Schiffe, wo einige dünne Bretter die dickste Scheidewand?

Auf der Reform aber hatte jene akustische Bauart nicht die üblen Folgen, die auf dem Lande nicht selten durch sie erzielt werden, und eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen mag bisweilen durch sie bewirkt worden sein.

Ich ward betraut mit der Stelle eines Mittelsmannes zwischen Kapitain und Passagieren; habe Hader verhütet und große Errungenschaften erworben. Man traute mir, da ich jedem meine Meinung sagte, unverholen und mit so viel Derbheit, Artigkeit oder Laune, als ich eben zur Hand hatte. Es muß die Seeluft ein besseres Medium sein für unverholene Meinungen und Scherze, als die auf dem Lande, und es ist hieran vielleicht ein größerer Jodgehalt der ersteren schuld[3].

Um aber wieder auf meine Errungenschaften zu kommen, so muß ich berichten, daß ich unter Andern wöchentlich einen Pudding erwirkt, für die Zwischendeck-Passagiere, und eine Thranlampe mehr, zur abendlichen Beleuchtung. Für die Kajüten-Passagiere aber habe ich zwei Lichter erhandelt durch gute Worte beim Kapitain, ein Schälchen eingemachter Früchte zum Sonntagstisch, und Käse für einen Abend in der Woche um die Frugalität des Souper zu vermindern.

Ich habe die schwebende Zuckerfrage zu einem glücklichen Ende gebracht, und trügt mich mein treuloses Gedächtniß nicht, so wurden durch meine diplomatischen Verhandlungen selbst auf einige Zeit die Speckportionen um ein Unmerkliches größer.

Aber auch dem Kapitain leistete ich wichtige Dienste. Eröffnete ich nicht statt seiner den Passagieren, daß leider die Sauerkohlportionen kleiner werden und bald ganz aufhören würden? Beschwichtigte ich nicht jenen tobenden Sturm, als unter Absingung der Marseillaise und anderer aufrührischer Lieder, ein Stück Salzfleisch, welches zufällig grün statt roth war, über Bord geworfen wurde?

Ernsthaft aber gesprochen, so drehen sich, trägt nicht specielle üble Laune und widerwärtiges Benehmen eines Individuums die Schuld, die Uneinigkeiten an Bord zwischen Kapitain und Reisenden meist um das Essen, und es mag mir wohl bisweilen gelungen sein, ärgerliche Auftritte zu verhüten. Ganz aber war die Spannung nicht zu heben. Sie brach unangenehmer als vorher aus, als wir Brasilien wieder verlassen hatten und machte mir manche trübe Stunde. Ich weiß nicht mehr, ob jene Klagschrift in Rio de Janeiro übergeben worden ist. Unweit Valparaiso wurde aber eine zweite entworfen, unterzeichnet und dort wirklich dem Konsul eingehändigt.

Doch genug von diesen ärgerlichen Händeln. – Ich will einer lieblichen Erscheinung gedenken, welche ich unter diesen Breitegraden, 38° Länge, 22° S. B. in meinem Tagebuch verzeichnet finde. Ich glaube, daß wir dieselbe dort zufällig das erstemal beobachteten, obgleich sie bei günstigen Verhältnissen unter allen Breitegraden vorkommen muß, und später auch noch verschiedenemale gesehen wurde. Ich meine den Regenbogen, welcher bisweilen an der Leeseite des Bugspriets gesehen wird.

Die Erscheinung zeigt sich, wenn bei vollkommen klarem Himmel und nicht zu hohem Stande der Sonne ein schwacher Wind sich plötzlich erhoben hat, so daß das Schiff rasch durch eine noch nicht zu stark bewegte See geht. Die Sonne muß auf der Luverseite des segelnden Schiffes, nämlich auf der stehen, wo der Wind herkömmt. Da der Wind die am Bugspriet empor geschleuderten kleinen Wassertropfen nach der Leeseite treibt, so ist die dort entstandene regenbogenartige Erscheinung sichtbar, wenn man sich so stellt, daß man die Sonne im Rücken hat.

Aehnliche Phänomene kommen häufig bei Wasserfällen und selbst bei größeren Fontainen vor, und müssen auch an den Rädern der Dampfboote gesehen werden; der am Bugspriet der Segelschiffe sich zeigende farbige Bogen aber hat die Eigenthümlichkeit, daß er sich durch Reflex tief in den Grund der See fortzusetzen scheint, was, verbunden mit dem öfteren plötzlichen Verschwinden und dem raschen Wiedererscheinen desselben, einen wunderhübschen Anblick gewährt.

Noch muß ich des südlichen Himmels erwähnen, den wir später bei Kap Horn freilich »noch südlicher«, aber nicht in der Klarheit wie hier unter den Wendekreisen zu sehen bekommen. Jeder hatte vom südlichen Himmel gehört, gelesen, von seiner Pracht und Herrlichkeit sich je nach Begriff und Phantasie ein glänzendes Bild entworfen. So kam es, daß das edle Nil admirari auf der Reform gänzlich vernachlässigt wurde, und alle Welt schwärmte für den Glanz der südlichen Sternenwelt. Insbesondere war es das Kreuz, was zur Bewunderung hinriß. Leider aber zeigte es sich, daß die Ansichten über das Kreuz differirten, nämlich, daß sehr verschiedene Stellen am Himmel angegeben wurden, wo sich das Kreuz befinden sollte, und erst später hat der Kapitain mir das wirkliche Kreuz gezeigt. Die süße Henriette (es hatte aus mir unbekannten Gründen einer der Passagiere diesen Namen an Bord erhalten) äußerte bei dieser Gelegenheit, es gäbe nicht blos ein südliches, sondern auch ein nördliches, östliches und westliches Kreuz, und jeder sähe das seinige an einer andern Stelle des Himmels oder der Erde. –

Daß das südliche Kreuz keine so außerordentlich glanzvolle Erscheinung darbietet, wie man im Norden nicht selten glaubt, geht vielleicht aus dem Gesagten hervor, denn es mögen die Urtheile Unkundiger, die noch dazu den besten Willen hatten, Herrliches zu erblicken, und sich doch nicht einigen konnten, wohl hiefür einen Beweis liefern. Ein schönes Sternbild aber ist immerhin das Kreuz. Auffallender aber, und für mich, den Nichtastronomen, interessanter waren die zwei maghellanischen Wolken und die schwarzen Flecke, oder die Kohlensäcke der Seeleute.

Die maghellanischen Wolken, besonders die größere, haben das Licht der Milchstraße, machen aber wegen ihres Vereinzeltstehens einen eigenthümlichen Eindruck. Man glaubt ein abgerissenes Stück derselben zu sehen. Es hat die größere dieser beiden leuchtenden Flecken des Sternenhimmels eine Größe von 42 Quadratgraden, während die kleinere nur 10 Quadratgrade hat. Sie bestehen aus Nebelflecken, Sternschwärmen, Sternhaufen und vielen einzelnen zerstreuten Sternen.

Die immensen Fortschritte, welche die Naturwissenschaften, besonders die »populären«, im gebildeten Publikum gemacht haben, überheben mich der Mühe anzudeuten, was Nebelflecken, Sternschwärme etc. eigentlich sind, und ich darf sogleich zu den »schwarzen Flecken« übergehn, welche am besten geschildert sind durch ihre Benennung selbst. Es sind in der That dunkle Stellen am Himmel, gerade das Gegentheil jener leuchtenden Wolken und von den Astronomen dadurch erklärt, daß an jenen Stellen sich im Raume eine geringere Anzahl von Himmelskörpern befinden, und daß ihre Dunkelheit noch hervorgehoben wird durch die Dichtheit der sie umgebenden Sternschichten.

Auffallend und fremdartiger noch werden ohne Zweifel dem Bewohner der nördlichen Halbkugel diese schwarzen Flecken erscheinen, als die maghellanischen Wolken, da auf unserer Erdhälfte Nichts Analoges sich am Sternenhimmel dem unbewaffneten Auge darbietet, während die Milchstraße uns schon an die ihr ähnliche Erscheinung der maghellanischen Wolken gewöhnt hat.

Wenigstens war dies der Eindruck, welchen jene beiden Eigenthümlichkeiten des südlichen Himmels auf mich hervorbrachten, der Totaleindruck aber war gegen jenen unserer Halbkugel kein günstiger zu nennen. Nur glänzendere Fixsterne erster Größe vermögen einigermaßen die Sternenleerheit des südlichen Himmels, namentlich in der Nähe des Pols, zu decken.

Daß der nächtliche Himmel unter den Wendekreisen überhaupt schöner und lieblicher, als näher den Polen, bedarf keiner Erwähnung. Die Helle und Klarheit dieser Nächte bei mondfreiem Himmel kommt nicht selten einer Nacht unter unseren Breitegraden gleich, die von halbvollem Monde erhellt wird, und das tiefe prachtvolle Blau entspricht allerdings den Schilderungen, die hievon entworfen worden sind.

Wir sahen am 17. Juni zum erstenmal die Küste von Brasilien. Scheinbar steile Abhänge, hier und da von fast kegelförmigen Formen unterbrochen. Aber die Abstufung dieser Kegel verscheuchte den Gedanken an basaltische oder doleritische Gebilde, und ließen granitische Massen vermuthen. Ich habe, wo es thunlich war, Profile der Küsten gezeichnet, und was mir dort während der Arbeit bisweilen als eine nutzlose Beschäftigung erschien, giebt mir jetzt, wenn ich mein Skizzenbuch durchblättere, eine klare Erinnerung an das Gesehene, ein, wenn auch schwaches, geognostisches Bild, und ruft mir jene Stunden der Erwartung deutlicher in's Gedächtniß zurück, als die Notizen meines Tagebuchs.

Kurz nachdem wir die Küste in Sicht gehabt hatten, fiel Regen und bald darauf verhüllte ein ziemlich dichter Nebel alle Aussicht, bis endlich plötzlich des Nachmittags die Nebel fielen, und wir in prachtvoller Sonnenbeleuchtung und nicht allzugroßer Ferne die brasilianische Küste vor uns hatten.

Die Geschäftigkeit der Seeleute hielt der Schwärmerei der Passagiere die Wage. – Brasilien! Eine Menge fast unbewußter Begriffe verbinden sich mit diesem Namen, welcher mir wenigstens in früher Jugendzeit stets der Repräsentant aller tropischen Pracht, aller überseeischen Herrlichkeit gewesen. Kann ich aber leugnen, daß bei näherer Ansicht der Küste, bei der Hoffnung, wohl morgen schon das Land zu betreten, all das, was ich gelesen über dasselbe in den Werken gelehrter Reisenden, zurückgedrängt wurde von der Erinnerung an jene Phantasien des Knaben? Alle jene Bilder, welche seit mehr als 30 Jahren vergessen in irgend einem Gedächtnißwinkel gelegen, tauchten dort mit wunderbarer Frische wieder auf. Dort habe ich Bertuch's großes Bilderbuch wieder vor mir gesehen mit den riesigen Faltern und glänzenden bunten Vögeln, welche Zeugniß geben von der prachtvollen Fauna jenes Landes. Ich habe die ermahnende Stimme jener gütigen verehrten Frau, die Mutterstelle an mir vertreten, wieder gehört, warnend, nicht so in Affect zu gerathen und den Theetisch nicht umzuwerfen. Als aber dort die Küste plötzlich uns entgegentrat, vergoldet von der abendlichen Sonne und umdonnert von der Brandung des durchschifften Oceans, habe ich mich gefreut, daß ich alles das jetzt sehen würde, jene Falter und Vögel, die Palmen und die Neger und die mächtigen Stämme des Urwaldes mit ihren Schlinggewächsen. Ich habe mich fast verwundert, daß das jetzt doch geschehen, was ich als Knabe für so ganz unmöglich gehalten, trotzdem, daß so vieles geschehen, mir geschehen, was ich als Knabe, als Jüngling und als Mann für noch viel unmöglicher gehalten.

Ich habe vorhin von der Geschäftigkeit der Seeleute beim Anblicke der Küste gesprochen und ich komme darauf zurück. Theils rüstete man sich zur baldigen Landung und traf Vorkehrung, um die Anker werfen zu können, anderntheils aber schien es mir, als wisse man nicht ganz genau, wo man sei und sei bemüht, sich zu orientiren. Gegen Abend wurde etwas von der Küste abgehalten und es dauerte bei der in jenen Gegenden so rasch eintretenden Finsterniß nicht lange, als wir Feuer am Lande und zugleich einen Leuchtthurm mit Drehfeuer erblickten. Aber es war an diesem Drehfeuer nicht zu erkennen, ob wir Kap Frio oder Rio vor uns hatten. Ich kann mich nicht mehr der Unterschiede erinnern, durch welche beide Leuchtthürme erkannt werden. Im Allgemeinen sind die Drehfeuer so eingerichtet, daß einige Sekunden das Licht erscheint, dann eine bestimmte Anzahl von Sekunden verschwindet und hierauf wieder, und bisweilen mit verändertem Farbentone, sichtbar wird. Während wir aber nun sicher waren, eines der beiden Leuchtfeuer vor uns zu haben, traf keins der in den Handbüchern angegebenen Signale mit dem von uns an der Küste gesehenen zusammen. Ich habe mich hievon überzeugt, indem ich abwechselnd mit dem Kapitain die Zeitdauer des Lichts beobachtete. Da besonders für Schiffer, die das erstemal die Küste von Brasilien besuchen, und eben so bei nebligem Wetter die beiden Leuchtthürme, oder vielmehr die Orte, wo sie stehen, leicht zu verwechseln sind, so dächte ich, daß es ganz einfach und sicher unterscheidender wäre, dem einen der Thürme weißes, dem andern rothes Drehfeuer zu geben. Ein in gewissen Intervallen verschwindendes Feuer ist übrigens nothwendig, da in größerer Entfernung und bei Nebel das Signal leicht mit irgend einem andern, zufällig an der Küste brennenden Feuer verwechselt werden könnte, und umgekehrt.

Unser Kapitain, jung zwar, er machte die erste Reise als Kapitain, aber vorsichtig und gewissenhaft, entfernte sich wieder von der Küste, und da es bei Anbruch des folgenden Tages neblig war, kreuzten wir des Morgens, ohne uns zu nähern. Windstille folgte, und bald auf dieselbe gegen Abend eine ziemlich starke Boe. Es wurden die Segel gerefft, und alles angewendet, um uns von der Küste zu entfernen.

Jeder, der einige Zeit lang Salzfleisch gegessen, weiß, daß auf hoher See nur weniges zu befürchten, daß aber eine gewisse Gefahr immerhin an der Küste in Aussicht steht. So war auch bei den Reisenden hie und da ein Anhauch von Aengstlichkeit nicht zu verkennen, und bedenkliche Mienen zeigten sich, als die Feuer an der Küste nicht verschwinden wollten, der Wind stärker und das Schwanken des Schiffes immer heftiger wurde. Doch ging die Nacht ohne Unfall vorüber.

Wir kreuzten des andern Vormittags fortwährend an der Küste, näherten uns aber endlich derselben so weit, daß wir den Eingang zum Hafen in Sicht hatten. Bereits wurde die See belebter. Vögel, Möven in großer Anzahl schwärmten umher, Quallen von ein bis anderthalb Fuß Durchmesser und scheibenförmig gestaltet, zogen ganz langsam am Bord vorüber und Züge von Delphinen wurden nahe und ferne gesehen. Da nur ein sehr schwacher Seewind wehte, so hatten wir Gelegenheit Alles mit Muße beobachten zu können. So war nicht weit von uns ein eigenthümliches Schauspiel zu bemerken. Ein Zug Delphine schwamm in gleichem Curse mit der Reform, und eben so langsam wie sie dem Hafen zu, und wurde von den allenthalben umherschwimmenden Möven bemerkt. Alsbald versammelten sich diese Vögel über den schwimmenden Delphinen, anfänglich einzelne, bald mehrere Hunderte, und begannen ein eigenthümliches Treiben. Sie stürzten sich aus der Luft mit Blitzesschnelle auf die Delphine, verweilten dort entweder einige Sekunden, oder schwangen sich eben so schnell wieder in die Luft. Entweder nehmen diese Vögel irgend eine Art Parasiten von der Haut der schwimmenden Thiere ab oder benützten sie die Gelegenheit um kleine Fische zu fangen, welche nicht selten die Züge größerer warmblütiger Seethiere begleiten. Ich habe deutlich beobachtet, daß sich einzelne Möven an Delphine anklammerten und unter Wasser gingen, wenn diese tauchten, und erst beim Wiedererscheinen derselben sich in die Luft schwangen. Die Delphine selbst schienen sich nicht im Mindesten um die Vögel zu kümmern, sie setzten mit größter Unbefangenheit ihren Weg fort, und die letzteren gaben ihre Beschäftigung erst auf, als der Zug der Delphine sich uns auf Schiffsweite genähert hatte.

Kurz hierauf kamen wir an einige Stellen, woselbst die See ganz roth gefärbt war. Die Ursache war eine Unzahl kleiner rother Krebse, von welchen ich einige aufgefischt, sie aber leider später in Chile verloren habe.

Bereits sahen wir schon den Leuchtthurm des Hafens. Er scheint von ferne gesehen hart am Ufer zu stehen, befindet sich aber in Wirklichkeit weit ab von demselben, auf einem isolirt in See stehenden Felsen, – erinnere ich mich recht, vielleicht zwei englische Meilen vom Eingange des Hafens entfernt.

Wir ließen den Leuchtthurm Backbord liegen und hatten uns kurz vor Untergang der Sonne dem Eingange des Hafens bis auf eine kurze Strecke genähert.

In nächster Nähe hatten wir einige vereinzelt liegende ziemlich steile Felseninseln vor uns, und auf ihnen sahen wir die ersten Palmen. Weiter entfernt gegen rechts bewaldete Höhen, auf welchen die scheidende Sonne eben noch erlaubte, die wunderbaren Formen der tropischen Vegetation zu begrüßen. Noch weiter gegen das Land zu, gegen rechts, liegt am Eingange des Hafens das Fort Santa Cruz, welchem gegenüber der Zuckerhut, ein steiler, etwa 1300 Fuß hoher Felsen, den anderen Theil des Hafeneinganges bildet. Ihm schließen sich Berge und Felsen an, prangend im tiefsten prachtvollen Grün des Pflanzenwuchses.

Es wurde das Loth geworfen, um Tiefe und Beschaffenheit des Ankergrundes zu erforschen und der Kapitain bat die Passagiere um Ruhe und Stille auf einige Zeit, um ungestört jene Arbeit vornehmen zu können.

Denken läßt es sich, daß Alles auf Deck war, was sich rühren konnte an Bord; aber mit Ausnahme der beschäftigten Seeleute, welche hie und da einen Befehl empfingen und Antwort gaben, sprach dort Niemand eine Sylbe und es wurde dem Willen des Kapitains die möglichste Folge geleistet. War es die Achtung vor dem Worte desselben, war es die stille Lust am neuen nie gesehenen Anblicke, hatte sich Aller eine stille beschauliche Stimmung bemächtigt? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß wenig Momente im Leben (angenehmen Andenkens nämlich) mir so unvergeßlich sein werden, als jene nächtlichen Stunden.

Wir hatten die Anker geworfen und ein leichter Landwind brachte uns eine Fülle von Wohlgerüchen an Bord, während große Nachtschmetterlinge um das Kompaß-Licht flatterten und dann wieder verschwanden.

Der Mond, welcher nur kurze Zeit geleuchtet, hatte den Sternen gestattet, uns das prachtvolle Blau jenes glücklichen Himmels in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Dabei Klänge vom Land, Musik in der Entfernung, in größerer Nähe menschliche Stimmen in fremder unverständlicher Sprache und bewegliche Feuer. Im Hintergrunde und durch das Thor des Hafens ersichtlich die Stadt, beleuchtet von Tausenden von Lichtern längs dem dunklen Saume der Küste.

Alles das ist nichts besonderes. Aber es macht einen eigenen Eindruck wenn man es erfährt nach einer fast zweimonatlichen Seereise an der Küste eines Landes wie Brasilien und mit der Hoffnung, morgen jenes Land betreten zu können!

III.
Rio de Janeiro.

Der freundliche Leser, welcher in Geduld mich bis hieher begleitet hat, hat ohne Zweifel eine beträchtliche Dosis Langweile ausgestanden. So mag man mir denn nicht widerstreiten, daß ich recht treffend geschildert, und es dahin zu bringen gewußt, die Gefühle des Autors überzutragen auf den Leser. Denn trotz des Zaubers der Tropennächte, der Poesie des südlichen Himmels und des Reizes der »dunkelblauen« Wogen, ist ein achtwöchentlicher Aufenthalt in der Atmosphäre von Salzfleisch und Zwieback immerhin höchst langweilig.

Leider vermag ich nicht glänzende Genugtuung zu geben, und jetzt durch Schilderung des Aufenthaltes in Rio de Janeiro den Leser in die Heiterkeit meiner Stimmung zu versetzen.

Wir fuhren am 22. Juni gegen Mittag in den Hafen von Rio ein. Vielfach ist seine Einfahrt und die wirklich prachtvolle Lage des Hafens beschrieben worden. Ich will deshalb so rasch als möglich über die dennoch unvermeidliche Schilderung jener ersten Eindrücke hinweggehen.

Die Einfahrt in den Hafen ist etwa 3000 Schritte breit und ist links gebildet durch den sogenannten Zuckerhut, einen steilen, etwa 1300 Fuß hohen Felsen, rechts durch das Fort Santa Cruz. Von dieser Einfahrt bis zur Stadt sind aber wenigstens noch ein und eine halbe englische Meile zu durchschiffen bis man das Land erreicht. Weiter aber noch in der Breite dehnt sich der Hafen aus, um ihn liegt die Stadt, im Hintergrunde das Orgel- und Sterngebirge.

Abgesehen von verschiedenen Forts, welche neben dem genannten, sowohl die Einfahrt als auch in Nähe der Stadt diese letztere selbst decken, sind im Hafen selbst zwei Inseln mit Forts, von welchen namentlich das auf der Ilha das Cobras, die Schlangeninsel, die Stadt gut zu schützen vermag.

Ich muß offen gestehen, daß sowohl zur Zeit wo ich in den Hafen einfuhr, als auch gegenwärtig, die strategische Wichtigkeit dieser sämmtlichen Fortificationen mir nicht besonders am Herzen lag, aber ihre wirklich malerische Vertheilung an und im Hafen selbst, hat mich entzückt und gewährt in der That einen reizenden Anblick.

Allenthalben hebt das glänzende Grün jener tropischen Vegetation die Weiße der Mauern, und unfern der Kanonen steigen schlanke Palmen empor, oder das riesige Blatt der Banane beschattet dieselben.

Es läßt sich kaum die Belebtheit des Hafens schildern. Hunderte von Booten von allen Größen durchkreuzen nach jeder Richtung hin denselben. Die meisten sind mit Negern bemannt, halbnackten, kräftigen Gestalten. So ist das in der Sonne blitzende Grün des Wassers mit der buntesten Staffage decorirt. Obgleich ich dort noch nicht die Bekanntschaft des edlen Onkel Tom gemacht, stiegen doch allerlei philantropische Gefühle in mir auf, als ich die ersten dieser Boote erblickte.

Eins derselben näherte sich unserem langsam vorwärts treibenden Schiffe, und obgleich am Steuer ein Weißer, mit einem etwas verfänglich aussehenden Bambusstabe stand, schien dennoch im schwarzen Volke der Geist ungestörter Heiterkeit zu herrschen. Schnell vorübergleitend an unserm Borde streckten uns sämmtliche Neger die Zunge entgegen, und solches war der erste Gruß, den wir von unsern schwarzen Brüdern und überhaupt von menschlichen Wesen im neuen Lande erhielten.

Bald folgte ein zweiter. Unweit eines jener Forts angelangt, rief man uns von demselben aus in englischer Sprache zu: Anker geworfen! Mag es nun sein, daß von uns der Befehl nicht gehörig verstanden oder nicht rasch genug befolgt wurde, gleich darauf donnerte ein Kanonenschuß über uns hinweg und unmittelbar nach demselben der zweite Ruf: »Anker geworfen, oder ich schieße scharf!«

Etwas verwirrte hastige Thätigkeit an der Ankerspille und obligate, vielleicht auch hier und da etwas ängstliche Verwunderung der auf Deck befindlichen Passagiere war die Folge der freundlichen Mahnung. Der Grund derselben aber, daß kein fremdes Schiff jene Linie überschreiten durfte, ohne vorher von Douane und Sanitätscommission besucht worden zu sein.

Als der Anker geworfen, kamen bald Boote in unsere Nähe, welche uns in Augenschein nahmen, theils Leute, welche Geschäfte zu machen suchten, theils müßige Gaffer. Die Neger schnitten uns wieder Fratzen und riefen uns, wie ihre Geberden zeigten, Schimpfworte zu, von welchen uns indessen blos das Wort »Californi« verbindlich, wenn gleich nicht erklärlich war. Wir erfuhren erst später dessen Bedeutung und Ursprung.

Douane und Sanitätscommission kamen kurz nach einander an Bord. Es wurde geprüft, gezahlt, was allenthalben auf der Welt die Hauptsache zu sein scheint, und hierauf die Erlaubniß gegeben an's Land zu kommen.

Jetzt legten fast zu gleicher Zeit zwei Boote bei uns an, und es kamen die Agenten zweier Kaufleute an Bord in der Absicht, Kapitain und Passagieren ihre Dienste anzubieten. Die Sache hatte auf den ersten Blick etwas seelenverkäuferisches an sich und erinnerte an die lieben Landsleute, welche in Nordamerika landende unerfahrene Reisende um den Rest ihrer Habe bringen. Aber es zeigte sich das Gegentheil. Diese Leute suchten nur jene Vorräthe und Bedürfnisse an uns zu verkaufen, von welchen sie wissen, daß sie Reisenden nöthig, und dafür helfen sie uns über eine Menge Schwierigkeiten hinweg, die sich dem Ankömmlinge im fremden Lande entgegenstellen. Ich schloß mich mit einem großen Theil der Passagiere dem Agenten eines Schweden, Holm, an, von welchem wir später alle unsere Bedürfnisse kauften und gut bedient worden sind. Nur wenige Gegenstände, welche überhaupt in Rio zu haben sind, fehlten im Verkaufsgewölbe dieses Mannes, und verlangte, nicht vorhandene wurden sogleich aus andern Läden herbeigeschafft. Holm besorgte alle Briefe der Passagiere, ließ dieselben in Häuser führen, welche sie nicht zu finden wußten, und wohin man etwa Empfehlungen hatte, und wurde nicht müde eine Unzahl müssiger und unnützer Fragen zu beantworten, welche unaufhörlich an ihn gethan wurden.

Vorläufig fuhr ich mit seinem Boote vom Bord aus an's Land. Hier erst im raschen Durchgleiten des Hafens konnte ich seine ganze Schönheit bewundern und fand die ganze Bestätigung dessen, was ich schon in Europa gehört, daß nämlich der Hafen von Rio zu den schönsten Punkten der Erde gehört.

Rio de Janeiro ist vielfach beschrieben worden, und die naturhistorischen Schätze Brasiliens wurden ausgebeutet und geschildert mit Gelehrsamkeit und Phantasie von Reisenden, welche das Glück hatten, Jahre lang jenes Land durchziehen zu können. Wir hielten uns etwa nur vierzehn Tage in Rio auf und selbst während dieser Zeit konnten wir nur kleine Ausflüge in die Umgegend machen, da der Kapitain die Dauer des Aufenthaltes niemand mittheilte, und uns anbefahl, jeden Tag der Abreise gewärtig zu sein.

Naturhistorische Forschungen waren mithin kaum anzustellen, wenigstens wäre wohl nur meist schon Bekanntes zu erzielen gewesen. So war ich darauf hingewiesen, dort nur das Leben und Treiben zu beobachten und – selbst zu leben, weshalb nur kurze Schilderungen zu erwarten aus jener glänzenden Tropenstadt.

Ein Theil der Passagiere, zu denen auch ich gehörte, wurden von Holm in einen ziemlich guten Gasthof, Nationalhotel von August Sprengel, gewiesen, und ich brachte den ersten Abend und den größten Theil des folgenden Tags damit zu, in der Stadt umher zu streifen, um einen Totaleindruck zu erwerben. Ich kann ihn nicht wiedergeben, denn viele Bogen würden nur ein unvollständiges Bild hervorrufen. – Mit Ausnahme einzelner größerer, und meist öffentlicher Bauten sind die meisten Häuser zweistöckig und haben die Bauart des südlichen Europa, unbedingt aber modificirt durch den Einfluß der Tropen. Daß die farbige Bevölkerung für ein ungewöhntes Auge anfänglich wohl den meisten Reiz hat, läßt sich denken. Kann ich aber hier Neues berichten? Wohl schwerlich, denn je nach der Auffassungsgabe einzelner Individuen sind alle diese Dinge uns schon unzählige Male erzählt worden.

Als recht charakterisirend und bezeichnend aber für den reichlichsten üppigsten Ueberfluß, welchen jener glückliche Himmelsstrich erzeugt, muß ich des Victualien-Marktes erwähnen. Ich habe selten vorher ein reizenderes, lieblicheres und zugleich belehrenderes lebendes Bild gesehen. In einer großen, im Viereck gebauten Halle liegen alle jene Früchte aufgehäuft in massenhafter Menge und um einige Pfennige zu kaufen, welche bei uns theils mit so viel Thalern bezahlt werden müßten, theils gar nicht zu haben, ja kaum dem Namen nach bekannt sind.

In Mitte mächtiger Hügel von Ananassen, Orangen von allen Arten und von unglaublicher Größe, von eßbaren süßen Citronen, Bananen, Cocosfrüchten, Feigen, Yams, süßen Zwiebeln, Artischoken und einer Unzahl anderer Dinge mit barbarischen Namen aber höchst kultivirtem Geschmacke, sitzen frische, reizende Negerinnen, lustig und guter Dinge ihre Waare anpreisend, singend und trällernd, wohl auch kokettirend, und um sie und zwischen den Früchten glänzen die glühenden Blüthen des Landes zum Verkauf oder zur Zierde dorthin gestellt. Andere jener schwarzen, plaudernden Dirnen sind fast gänzlich versteckt hinter Bergen von riesenhaften Gemüsen. Dort habe ich mich kaum getraut, den biedern deutschen Kohlkopf als Landsmann zu begrüßen, so mächtig war sein Haupt, so tropisch seine Haltung.

Fabelhaftes Seegethier, lebend und todt, wird in andern Regionen zu Kauf und Schau geboten. Fische in allen denkbaren Formen und Farben, Krebse, Hummer, Krabben, Austern und Muscheln aller Art, und dort könnte der Zoologe reiche und ganz gewiß noch unbekannte Schätze erwerben, welche vielleicht hundert Jahre lang verkauft und gespeist worden sind, ohne die Ehre gehabt zu haben, wissenschaftlich beachtet zu werden.

So habe ich selbst später in Valparaiso, dessen Fauna gegen jene von Rio eine ärmliche zu nennen, einen neuen Schmarozerkrebs gefunden, der ohne Zweifel, so lange jene Stadt besteht, in einem Seeigel zu Markte gebracht und täglich dort gegessen wird.

Das bunteste und lebendigste Gemälde aber bietet auf jenem Markte in Rio der Geflügel-Verkauf, oder besser der Wildpretmarkt, der einen weitern Theil der Halle einnimmt. Wildhühner und Enten, alle Variationen des Haushuhns, Perlhühner und Truthähne, wechseln mit lebenden glänzenden Aras und bunten Papageien. Dazwischen sind in Käfigen jene großen schwarzen Schweine ohne Rückenborsten zu sehen, deren Fleisch ganz dem Schwarzwild ähnlich, oder ein Stachelschwein, oder ein kleines unzenartiges Thier, was sich anständig und zahm geberdet, dann Affen von allen Arten und anderes fremdländisches Gethier.

Fremde von allen europäischen Nationen, die sich jenes Treiben besichtigen, Schwarze aus allen Stämmen Afrikas, verkaufend und einkaufend, arbeitend und müßig einherschlendernd, beleben das Ganze und vermehren dessen Reiz. Die ersten Tage in Rio benützte ich um einige Empfehlungsbriefe abzugeben, die ich dahin hatte. Die Mehrzahl derselben habe ich später bei Kap Horn in die See geworfen, und sie sind ohne Zweifel von den Albatrossen verschluckt worden, die dem Schiffe folgten. Binden nicht spezielle Bande den Schreiber und Empfänger solcher Briefe, oder walten nicht besondere günstige Verhältnisse ob, so bringen sie meistens wenig Nutzen.

Halb Nabob halb Englishman steht der Empfänger des Briefes vor euch, die Daumen in den Armlöchern der Weste, mit den Augen halb den Schützling musternd, halb zur Thüre hin bekomplimentirend, und aus allen diesen Halbheiten wird euch bald ganz klar, daß ihr am besten sogleich wieder geht. Ich habe es redlich gethan, freundlich, lachend, und mit höflich ausgesprochenem Troste, daß ich nicht wieder kommen werde. Zu Schutz und Entschuldigung aller jener Empfänger braucht aber kaum bemerkt zu werden, daß, wenn jeder derselben nur einen halben Tag einer solchen Empfehlung opfern wollte, der Leichtsinn, mit welchem sie häufig gegeben werden, ihm wohl wenig freie Zeit übrig lassen würde.

Als ich am ersten Tage des Abends in das Gasthaus zurückkehrte, fand ich einen ziemlichen Theil der Schiffsgenossen krank und in jämmerlichem Zustande. Der unmäßige Genuß von Früchten trug ohne Zweifel die Schuld. Ich empfahl Mäßigkeit für die Folge und ließ heißen starken Thee ohne irgend eine andere Zuthat nehmen. Durchfall und Erbrechen hoben sich überraschend schnell und die gefürchteten Fieber blieben aus. Ich für meine Person habe während meines dortigen Aufenthaltes ganz nach Belieben meine Lieblingsfrucht, die Orange, und eben so Ananas gegessen, dazwischen selbst mit Einschluß des Wassers, jedes Getränke genommen, ohne je irgend ein Uebelbefinden zu spüren. Auch die gefürchteten Muskitos ließen sich erträglich an, und ich habe in Franken in manchen Jahren während einer Nacht mehr von den dort sogenannten Schnaken (Culex pipiens) ausgestanden als während meines ganzen Aufenthalts in Brasilien von den Muskitos. Im Innern des Landes und in der Nähe von Sümpfen leugne ich natürlich nicht das Beschwerliche dieser Gäste. Diejenige Art derselben, welche uns heimsuchte, war klein, etwa zwei Linien lang und mit gefiederten Fühlfäden. Sie summt und pfeift nach Art unserer deutschen Schnaken und ihr Stich hinterläßt einen kleinen Hugel, der mehrere Tage bleibt und in der Mitte einen schwarzen Punkt hat. Wir hatten auf dem Schiffe, nachdem wir Rio verlassen hatten, einige Tage lang fast mehr von ihnen zu leiden, als am Lande selbst.

Einen der lohnendsten Ausflüge in der Umgegend von Rio de Janeiro machte ich nach einigen Tagen meines dortigen Aufenthaltes nach dem Corcovado, dem höchsten Berge in der Nähe der Stadt. Man geht eine große Strecke längs einer Wasserleitung, welche allenthalben berühmt ist und sicher diesen Ruf verdient. Ueber zwei Stunden weit wird vom Corcovado aus das Wasser einer Quelle des Rio Catetes in die Stadt geführt. Der Bau besteht aus achtzig Doppelbogen, und ist an manchen Stellen über hundert und sechzig Fuß hoch. Das Wasser läuft in demselben gedeckt und verschlossen, aber an vielen Stellen kann der Vorübergehende seinen Durst löschen, indem Oeffnungen mit eisernen Gittern das Schöpfen erlauben.

Die nächste Umgebung der Stadt, der Weg nach dem Berge selbst, der durch den bereits unweit der Stadt liegenden Urwald führt, die kostbaren Fernsichten, welche sich allenthalben, wo der Wald eine Lücke bildet, eröffnen, so wie die phantastischen Formen jener Vegetation, bieten einen unbeschreiblichen Zauber dar. Man wandert zwischen prachtvollen Stämmen riesiger Geoffracen, Rhexien, Cisalpinen und anderer gigantischer Bäume, die durch fast armsdicke Schlinggewächse decorirt und verbunden sind, und zwischen ihnen hindurch leuchten in brennenden Farben Bignonien, Lantanen, Pasifloren und hunderte jener Blumen, die bei uns mit Mühe gezogen werden.

Der Vordergrund jener herrlichen landschaftlichen Gemälde, die häufig durch Lichtungen des Waldes erblickt werden, wird bald durch vereinzelte Negerhütten in Mitte mit Früchten überschütteter Orangenbäume, bald durch pittoreske Felsparthieen, bald wieder durch gefallene und mit Parasiten bedeckte Stämme gebildet. Wohl blickt man auch, frei ab von der Höhe, über eine waldige Thalschlucht hinaus in die glänzende Ferne, auf den Hafen und einen Theil der Stadt und des Orgel- und Sterngebirges.

In geognostischer Beziehung habe ich dort manches Interessante gefunden, konnte aber leider nur wenige bezeichnende Stufen schlagen, da ich den Fehler beging, neue, noch ungeprobte Eisen mit mir zu nehmen, welche sämmtlich nach den ersten Schlägen zersprangen.

Schwarzer Glimmer scheint bedeutend vorzuherrschen in dem dortigen Granite, aber Form und Gepräge dieser Gesteine wechseln bedeutend. Schönen edlen Granat habe ich unter anderen Mineralien in einem frisch geöffneten Bruche dicht an der Straße gefunden. Die interessanteste Erscheinung aber, welche man dort aller Orten beobachten kann, ist die Verwitterung des Granits und die Zersetzung dieses Gesteins in einer Intensität, von welcher man sich bei uns kaum einen Begriff zu machen im Stande ist. An manchen Stellen finden sich Thonlager von 40 und mehreren Fußen Mächtigkeit, welche theils wohl von verwittertem ausgewaschenem Gesteine herrühren, theils aber auch blos umgewandelter Granit sind, welcher dort anstand und sich gänzlich gesetzt hat, bis auf unveränderte Quergänge und hier und da noch sichtbar auftretende Glimmerparthieen. Bisweilen aber glaubt man noch unverändertes, vielleicht nur höchstens an der Oberfläche verwittertes granitisches Gestein vor sich zu haben, so deutlich ist die Form der Bestandtheile derselben noch erhalten; aber man kann mit leichter Mühe einen Stock seiner ganzen Länge nach bis an die Faust in den scheinbaren Felsen stoßen, und ich habe mit einer sieben Fuß langen, am Wege liegenden Stange denselben Versuch mit gleichem Erfolge gemacht.

Ich habe dort mitten im unzersetzten frischen Granite flache, kaum einen Zoll mächtige plattenförmige Gebilde anstehen gefunden, welche ich auf einen Fuß Tiefe in das granitische Gestein verfolgen konnte. Diese Platten sehen so außerordentlich täuschend gewissen Formen des oberen Keupersandsteins ähnlich, daß ich an Ort und Stelle fast an die geognostische Unmöglichkeit geglaubt hätte, Nester von Keupersandstein mitten im Granite zu finden. Mitgebrachte Handstücke, welche ich noch heute besitze, belegen die Richtigkeit des Ausgesprochenen und sind von Sachverständigen stets als Keupersandstein angesprochen worden, obgleich sie blos zersetzter Granit sind.

Die warmen Regen, die dort zu gewissen Zeiten ziemlich häufig fallen, im Verein mit der bald wieder erscheinenden glühenden Sonne jenes Himmels, bewirken ohne Zweifel jene rasche und energische Zersetzung, welche für unsere Breitegrade ohne Beispiel ist. – Ich will nicht nochmals von der Aussicht sprechen, die von dem Gipfel des Corcovado sich darbietet und eben so wenig der baumartigen Farren weiter erwähnen, welche dort sich in aller Pracht entfalten, da gelehrte Botaniker den letzten Gegenstand wenn nicht erschöpft, doch hinlänglich berührt haben.

Dagegen will ich eines Negertanzes erwähnen, den wir, heimkehrend, zu beobachten Gelegenheit hatten. Im Hofe eines jener Landhäuser, die schon unweit der Stadt beginnen, und dann stets isolirter und vereinzelter bis in weite Entfernung von derselben angetroffen werden, hatten sich die Schwarzen beiderlei Geschlechts versammelt und führten einen ihrer National-Tänze auf. Die Wahrheit zu gestehen, war bei diesem Tanze wenig zu bemerken von kindlicher Unschuld eines Naturvolkes oder ungekünstelter Grazie. Die Tanzenden waren je nach dem Geschlechte in zwei Reihen gestellt. Einer der Männer sprang vor und näherte sich mit hüpfenden Schritten, welche allerdings einige entfernte Aehnlichkeit mit regelrechten Pas hatten, der weiblichen Reihe. Die gewählte Dame, vor welcher er stehen blieb, trat vor, und nun begann der Tänzer eine Reihenfolge von Bewegungen, welche nichts weniger als zweideutig genannt werden dürfen, sondern vielmehr höchst unzweideutig und nicht näher bezeichenbar waren. Hatten sämmtliche schwarze Herren ihre Tour beendet, begannen die Damen dieselben Manöver. Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß was, gelinde bezeichnet, bei den Männern als burlesk betrachtet werden konnte, von Frauen ausgeführt höchst widerlich erschien. Das Ganze löste sich in eine wilde, verworrene, jauchzende und tobende Gruppe, worauf wieder das vorher geschilderte Spiel begann.

Als begleitendes musikalisches Instrument diente ein rohes an der Sonne getrocknetes Kalbfell auf eine Tonne gelegt, nicht gespannt, und mit einem harten Holzstücke geschlagen und fast ununterbrochen von den Tanzenden mit einem eintönigen Gesange begleitet. Wir glaubten die ewig wiederholten Worte Aira, Aira, re! verstanden zu haben.

Man hat mich von glaubwürdiger Seite versichert, daß jener Tanz ein Nationaltanz der Neger sei und nicht die Parodie oder Nachäffung des Menuett, wie ich theilweise zu glauben geneigt war.

Das Interessanteste, was ich auf jener Excursion in zoologischer Hinsicht getroffen, war ein negatives Resultat. Ich habe nämlich keinen einzigen Käfer getroffen, obgleich mir die Fundorte dieser Thiere wohl bekannt sind, und ich kein ungeübtes Auge besitze. Ich glaube nicht, daß die Jahreszeit hieran die Schuld trug, denn Dipteren, Hymenopteren, Hemipteren und prachtvolle Lepidopteren waren zahlreich zu treffen. Am häufigsten unter den größeren Schmetterlingen war der schöne Bombyx Atlas, der dem chinesischen und japanischen kaum etwas an Größe nachgab. Auch Aeronauta phorbanta oder eine ihm wenigstens sehr ähnliche Species saß häufig an den glatten Stämmen jener mächtigen Bäume, mit den großen blau gefärbten Flügeln schlagend und ausschwitzende Säfte saugend. Für mich, der ehemals leidenschaftlich gesammelt hatte, war es ein eigenthümliches bittersüßes Gefühl, diese prachtvollen Thiere, die Idole meiner Knabenzeit, lebend und in solcher Menge zu sehen, ohne sie fangen zu dürfen. Aber ich hatte mir zum Grundsatz gemacht, hier in Brasilien wenigstens keine Schmetterlinge mitzunehmen, da Transport ohne Beschädigung auf der weiteren Reise kaum möglich gewesen wäre. Die leicht transportirbaren Käfer aber sollen, wie man mir sagte, in der Umgebung von einigen Stunden überhaupt sehr selten sein, da eine Menge von Speculanten ihre Neger ausschicken, um sie einzufangen und an europäische Naturalienhändler zu versenden. Auch in ornithologischer Beziehung sahen wir nur einige kleine finkenähnliche Vögel, hingegen drei Gesellschaften von Brasilianern, welche mit Vogelflinten bewaffnet jagten, indessen auch noch ohne sonderliche Beute waren.

Außer einem mächtigen Regenwurme, vielleicht eine neue Lumbricus-Art, welchen ich aber nicht mitnehmen konnte, war ebenfalls kein kriechendes Thier zu sehen.

Ich bedaure, meinen Lesern nicht von einem Kampfe mit einer Klapperschlange erzählen zu können oder vor ihren Augen eine Boa constrictor erlegen zu dürfen, aber ich vertröste sie auf Chile! Dort werde ich sie über die Gipfel eines Urwalds hinwegführen, sie werden auch ein höchst merkwürdiges Abenteuer mit einem Löwen bestehen sehen, und überhaupt die interessantesten Dinge vernehmen. Zwar nichts Neues, Alles schon dagewesen! Aber wer vermag lauter Nova zu liefern, wenn er wahr sein und nicht ungebührlich »decoriren« will!

Das lebhafte rege Leben, was in tropischen Städten erst mit dem Abende beginnt und bis in die späte Nacht fortdauert, ist so bekannt, daß eine Schilderung desselben vollständig überflüssig.

In Rio de Janeiro aber sind die Abende schon vor Sonnenuntergang prachtvoll, weil der Seewind, der dort herrscht, kostbar erfrischt. Ich brachte bisweilen, war ich gerade nicht auf einer größern Excursion, solche Abende in einer jener Restaurationen nahe am Hafen zu, welche einem Franzosen gehörte, und woselbst ich später kurz vor der Abreise auch einige Tage wohnte. In diesen Anstalten herrscht eine merkwürdige Mengung von französischer Eleganz, brasilianischem Ueberflusse und zugleich, wie soll ich mich ausdrücken, – einer gewissen Einfachheit der Sitten.

Die großen bogenförmigen Thüren sind in den zu ebener Erde und gegen die See liegenden Speisezimmern stets geöffnet, so daß die frische Luft ungehindert Zutritt hat, an den Wänden schöne Kupferstiche, die kleinen Speisetische mit Silber und Kristallglas geziert und in der Mitte des geräumigen Gemaches eine Art Buffet zierlich, ja malerisch geschmückt mit allen jenen eßbaren Produkten des Landes aus Thier- und Pflanzenreich, die bei uns mit Gold gewogen, dort um einige Kreuzer zu haben sind, eine Miniatur-Ausgabe des besprochenen Victualienmarktes. Hinter einem andern in der Tiefe des Zimmers befindlichen Buffet beaufsichtigt eine zierliche Französin die Spirituosen. Aber der Kellner geht in Hemdärmeln, in abgetretenen Pantoffeln, nicht selten ohne Strümpfe und die Bedienung ist, wenn gerade nicht langsam, doch eigenthümlich. Ich war Augenzeuge, wie ein Fremder ein Glas Cognac verlangte. Der am Buffet lehnende Garçon hatte zufällig die linke Hand in der Tasche seiner Beinkleider stecken. Es war ihm lästig, sie zu entfernen, und so ergriff er die in der Nähe stehende Cognac-Flasche mit der Rechten, beseitigte den Stöpsel mit den Zähnen, füllte ein Gläschen und verkorkte die Flasche wieder auf dieselbe Weise, ohne die Linke zu rühren. Hier wußte die Linke nicht, was die Rechte that und umgekehrt, wie es häufig in unsern Kammern der Fall ist.

In jener Restauration versammelte sich ein großer Theil der Reisenden, deren Schiffe im Hafen lagen, und das babylonische Gewirre aller Sprachen, welches meist dort herrschte, ist schwer zu beschreiben. So war ein nordamerikanisches Schiff, welches, wie wir, nach Kalifornien bestimmt war, bei Kap Horn wegen Havarie gezwungen gewesen, umzukehren, und dessen Passagiere gaben uns jeden Abend Gelegenheit, Yankee-Sitte vor Augen zu haben. Eine Cigarre oder Kautabak im Munde, und war es halbweg möglich beide Füße auf dem Tische, spuckten diese Gentlemen mit bewundernswürdiger Virtuosität weit ab von sich an Wände und Geräthschaften. Aber ich hatte auch Gelegenheit, den durchweg praktischen Sinn jener Leute zu beobachten. Sie hatten an einem Abend auf der Straße vor dem Gasthause Händel mit den Brasilianern angefangen, man hatte die Messer gezogen, und einige der Nordamerikaner waren, ich weiß nicht auf welche Art, durch tiefe Querschnitte über den Rücken verwundet worden. Es war nöthig, vor der Uebermacht auf der Straße sich durch das Haus auf die andere Seite in's Freie zurückzuziehen, und sie bewirkten diesen Rückzug, indem sie gänsemarschartig sich mit außerordentlicher Geschmeidigkeit durch alle Gäste schoben, den Einzelnen wegstoßend, größeren Gruppen ausweichend und die Verwundeten so mit sich schleppend, daß diese mit beiden Händen sich an den Schultern des Vordermanns festhielten, während ihr Hintermann sie selbst am Kragen gefaßt hielt.


Nicht leicht habe ich den Ausdruck heiterer und harmloser Freude über eine ganze Bevölkerung ausgebreitet gesehen als in Rio de Janeiro am Vorabende des Johannis-Festes.

Sicher ist es eine der glücklichsten Segnungen der meisten warmen Länder, daß ihre Bewohner eine gewisse kindliche Gemüthlichkeit, einen eigenthümlichen gütlichen Leichtsinn bewahren, die sich bei jeder Gelegenheit äußern. Am Johannis-Feste freut sich alles, eben weil man sich freut. Auf den Straßen eine heitere, wogende, jubelnde Menge, in den Häusern geladene Gäste, freundliche Hausherren und geschäftige Diener, Scherz und Lust in jedem Winkel des Hauses, in jeder Laube des duftenden Gartens. Sobald es zu dunkeln beginnt, erheben sich tausende von farbigen Ballons in die Luft, die entweder in der Höhe verschwinden oder durch ein angebrachtes Feuerwerk in Flammen gerathen und Leuchtkugeln oder Raketen auswerfen. Aber auch auf der Erde entzünden sich allenthalben plötzlich farbige Leuchtsätze und nicht selten wird irgend eine zärtliche Gruppe unfreiwillig beleuchtet, Raketen steigen in die Höhe, Schwärmer und sogenannte Frösche blitzen und knallen aller Orten. Das eigentliche Johannisfeuer aber, von welchem sich auch in Deutschland an mehreren Orten noch Spuren erhalten haben, brennt vielfach in jeder Straße und auf größeren Plätzen in mächtigen Flammen. Alte Kisten und Tannen, unbrauchbares Hausgeräthe und hundert andere brennbare Dinge werden aufgespart auf diesen Tag, und Jedermann sucht sein Scherflein beizutragen für diese allgemeinen Freudenfeuer.

Mich hat dort verwundert, wie geduldig die Pferde über jene Feuer hinwegliefen, denn da die letzteren in ganz engen Straßen brannten, wo an kein Ausweichen zu denken war, mußten alle Wagen, welche zu hunderten die Stadt durchzogen, durch die Flammen fahren, so daß brennende Holzstücke oft zwanzig Schritte weit von den Rädern hinweggeführt wurden.

Die Heiterkeit des Abends wurde wieder durch eine Anzahl Nordamerikaner gestört, welche Unfug verübten und durch die Polizei zur Ruhe gebracht werden mußten. Wir erfuhren bei dieser Gelegenheit die Bedeutung des Wortes »Californi!« welches man uns bei der Einfahrt in den Hafen zugerufen hatte. Es hatten schon vor unserer Ankunft die Passagiere mehrer gleichzeitig im Hafen von Rio verweilender nordamerikanischer Schiffe manchfache Tollheiten und Unarten verübt, in Schenken z. B. statt die Zeche zu zahlen, Geräthe zerschlagen, Raufereien begonnen, Dirnen mißhandelt u. s. w. Da jene Schiffe nach Kalifornien bestimmt waren, so kam unter dem Volke als Schimpfwort jener Name in Umlauf, mit welchem man ohne Unterschied alle nach Kalifornien Reisenden belegte. –

Man wird von mir keine statistische Notizen über Rio verlangen, die allenthalben eben so gut oder schlecht als ich sie geben könnte, nachzuschlagen sind. Daß die 100,000 Einwohner, welche mit Einschluß der Neger die Bevölkerung ausmachen, sich durch das, einige Monate nach meiner Anwesenheit ausbrechende gelbe Fieber bedeutend vermindert haben, ist bekannt; aber solche Verluste ersetzen sich schnell in der neuen Welt, theils durch fremde Ankömmlinge, theils wie hier in Rio, durch Schwarze.

Das Militair hat keinen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht. Es besteht, mit Ausnahme von Fremden, welche in brasilianische Dienste getreten sind, aus Negern, und es ist in der That kein Scherz, wenn ich sage, daß der erste Anblick dieser Krieger mich an eine Affen-Komödie erinnert hat. Sich selbst überlassen, stehn die Schwarzen meist mit gebogenen Knieen, wodurch die ohnedies langen Arme noch länger erscheinen und dies, vereint mit den schwarzen, bisweilen wirklich fratzenhaften Physiognomien bringt jenen pavianartigen Typus zuwege. Doch stehen sie wacker und ernsthaft Schildwacht und wissen, ganz auf europäische Weise, Zudringliche von verbotenen Stellen zu entfernen.