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Die Mumie von Rotterdam.
Novelle
in zwei Theilen
von
Georg Döring.
Zweiter Theil.
Frankfurt am Main.
Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer.
1829.
1.
Die zwei hoffnungsvollen Schüler des Leydener Professors Eobanus Hazenbrook hatten, als sie ihn am heutigen Morgen verließen, ihre Schritte zum Haven von Rotterdam gelenkt. Es dünkte ihnen wahrscheinlich, daß Clelia van Vlieten mit ihrem Herzallerliebsten zu Wasser entflohen sey, indem sie hier nicht so leicht eine Entdeckung und Verfolgung zu fürchten hatten, als auf einem Landwege.
»Sandis!« sagte Le Vaillant, als sie an der vorüberströmenden Maas standen und zahllose Schiffe ab- und zufahren sahen, »wir sind ein Paar irrende Ritter geworden aus den Zeiten der Tafelrunde und ziehen auf Abentheuer, wie die Helden Lancelot und Parcival. Aber wo ist unsere Dame vom See, wo ist das heilige Graal? — Da fahren Schiffe nach Ost- und Westindien, nach Constantinopel und Copenhagen, sie alle wissen das Ziel ihrer Reise, den Weg, den sie zu nehmen haben, aber wir stehen schon hier, wie vor einem bezauberten Schlosse, das uns hundert Pforten zeigt, aber keine vor uns aufthut, weil wir den Talisman nicht kennen, der sie eröffnet.«
»Es wird sich Alles finden!« erwiederte der ruhige La Paix. »Nur nichts übereilt, nur nicht Sturm gelaufen am unrechten Orte. Festina lente! sagen die Alten und der Professor, und ein Sprüchlein, das sich seit tausend Jahren bewährt hat, kann uns wohl auch zum Frommen gereichen. Haben wir doch jetzt Ferienzeit, Geld im Sacke und sind der Aufsicht des lästigen Professors entledigt. Mag er seine egyptische Gelehrsamkeit auskramen, wo er will, uns soll das freie Leben behagen und wenn wir in dieser Zeit den Musen opfern, so müssen es holländische seyn im Spitzenhäubchen und Silbermieder!«
»Cadédis!« rief sein Freund. »Das heißt weise gesprochen. Wir wollen deine Lebensphilosophie so lange in’s Praktische übersetzen, wie es unsere Gelder aushalten. Aber die Hauptsache ist, daß wir erst wissen, wo der Wind die Amasia hingeweht hat, die wir aufsuchen sollen. Ist es zu Lande, so führen wir in unsern Börsen Alles, was wir bedürfen; ist es aber zu Wasser, so müssen wir reichlich für die nothwendigsten Lebensmittel sorgen: als da sind geräucherte Würste, Wildpret, Austern, Mandeln, Rosinen und Zucker; dann jene Getränke, deren wir durchaus bedürfen, um Jugend und Leben zu conserviren: den belebenden Genever, den kräftigen Rhum, den beruhigenden Burgunder und das treffliche Bier aus Löwen, dem man mit Recht den königlichen Namen des Pharao gegeben hat.«
»Nimm dich in Acht!« ermahnte La Paix und zeigte mit der erhobenen Hand nach einem Manne in der Kleidung eines gemeinen Schiffers, der schlafend so hart am Rande des Havenbassins lag, daß er bei der geringsten Bewegung hinabfallen konnte. »Nimm dir ein Beispiel an dem Burschen! Der scheint auch dem hold belebenden Genever so lange zugesprochen zu haben, bis er den Gang am Havenbassin für seine Hangematte angesehen und sich unbekümmert hingelegt hat zum Schlafe, aus dem ihn ein unruhiger Traum in den ewigen befördern kann. Komm her, Le Vaillant! Wir wollen ein gutes Werk thun! Nimm du den Schläfer bei den Schultern, ich nehme ihn an den Füßen. Da legen wir ihn zur Seite, mit dem Kopfe auf die Wollsäcke dort, und wir können so uns einbilden, ein Menschenleben gerettet zu haben.«
Le Vaillant griff sogleich zu. Aber er that dieses so derb, daß der Seemann, während sie ihn nach dem von La Paix bezeichneten Platze trugen, halb erwachte und, ihr Benehmen mißverstehend, heftig mit den Fäusten um sich schlug.
»Seyd Ihr es, Myn Heer Cornelius van Daalen?« rief er, ohne die Augen zu öffnen, mit lallender Zunge und noch von der Macht des betäubenden Wachholderrausches befangen. »Soll ich Euch noch einmal an Bord der Syrene führen, wie ich in dieser Nacht gethan, mit der schönen Jungfer, die sich so gar innig an Euch schmiegte! Kommt nur her! Die Brücke liegt. Gleich sind wir drüben, wo Capitän Jansen Euch erwartet.«
»Bei allen Reichthümern der Gascogne!« rief Le Vaillant, indem er den verstummenden Trunkenbold ziemlich unsanft auf die Wollsäcke hinwarf. »Jetzt wirst du dich doch überzeugen, daß der Wachholder gar kein zu verachtendes Getränk ist, denn er lös’t die Zungen und öffnet die Herzen. Er ist uns der Compaß geworden, nach dem wir unsere Fahrt regeln können. Aber der Bursch muß noch mehr reden! Ich will ihn mit meiner Degenspitze kitzeln, bis er munter genug geworden ist, um die ganze Entführungsgeschichte ausführlich zu erzählen.«
»Bist du rasend?« sagte La Paix und hielt den Unbesonnenen zurück, der schon den Degen halb entblößt hatte. »Siehst du dort die stämmigen Bursche herumschlendern, seine Freunde und Cameraden, die jetzt gerade ein müßiges Stündchen hätten, um es bei der geringsten Gewaltthätigkeit gegen ihn, mit einer gymnastischen Uebung auszufüllen, die uns übel bekommen dürfte? Sieh, wie sie schon argwöhnisch ihre Blicke auf uns richten! Wir müssen die Sache anders anfangen. Wir wissen nun schon genug, um in wenigen Augenblicken ganz im Reinen seyn zu können. Laß mich nur machen! Jene selbst sollen uns das Uebrige sagen, aber dazu müssen wir ihr Vertrauen gewinnen.«
Er beugte sich nun zu dem Schlafenden herab. Er faßte ihn so sanft und zart an, wie er nur vermochte, legte ihn möglichst bequem auf die Wollsäcke und steckte ihm, so daß es die näher tretenden und neugierig gaffenden Seeleute deutlich bemerken konnten, ein Stück Geld in die halbgeöffnete Hand.
»Richtig!« sagte jetzt einer von diesen, der ganz nahe herangekommen war. »Es ist Peter Trip von der Barke Syrene, Capitän Jansen. Er kann das Trinken nicht lassen, bis ihn der Verstand verläßt und, ich wette zehn holländische Dreidecker gegen eine spanische Galliotte, daß er sich an derselben Stelle benebelt hat, wo Ihr ihn fandet. Aber woher mag er das Geld bekommen haben? Niemand borgt ihm mehr und sein Capitän hebt ihm schon seit lang den Sold auf, damit er in seinen alten Tagen etwas hat.«
Indem die Schiffleute sich über diesen wichtigen Gegenstand in die scharfsinnigsten Vermuthungen verloren, zeigte sich La Paix noch immer thätig, dem Schlafenden eine recht bequeme Lage zu verschaffen. Er zupfte bald an den Wollsäcken, auf welchen er hingestreckt lag, bald suchte er ihn mit den in Unordnung gerathenen Kleidern gegen die kühle Luft zu verwahren, bald rückte er ihm den schweren sinkenden Kopf zurecht.
»Bemühet Euch nicht so sehr um ihn!« hob jetzt wieder der Mann an, der vorher gesprochen hatte. »Er schläft jetzt sein Stück weg, bis der Wachholder all verdampft ist, der ihm den Kopf einnimmt. Er fühlt auch nicht, ob er weich oder hart liegt, denn seine Knochen sind die Steine mehr gewohnt, als ein Bett oder die Hangematte. Sein Herr ist heute Morgen in aller Frühe nach Antwerpen unter Segel gegangen. Der Peter thut nicht mehr gut auf dem Schiffe. Er ist zu steif und zu faul. Deshalb läßt ihn der Capitän immer daheim, damit er im Gewölbe die Kisten und Ballen verwahre, die für die nächste Fahrt eingebracht werden.«
»Nach Antwerpen? Morgué! dahin müssen wir auch,« fuhr Le Vaillant unbesonnen heraus, »und noch in dieser Stunde.«
Der französische Schwur, der übereilt seinen Lippen entflohen, machte sogleich die Matrosen stutzig. Sie sahen ihn finster an. Sie flüsterten einander ihre Vermuthungen zu und einige ballten schon drohend die kräftigen Fäuste, um sie im nächsten Augenblicke vielleicht den Feind des Vaterlandes empfinden zu lassen. Da trat der besonnene La Paix dem leichtsinnigen Freunde ebenso heftig, wie bedeutsam, auf den Fuß und sagte zu den Umstehenden mit seiner sanften, fast mädchenhaften Stimme:
»Wir sind Wallonen, liebe Leute. Wir kommen von Leyden und wollen in die Heimath, um unsere Eltern zu besuchen. Aber wir haben Eile. Wir wären heute Morgen schon gern mit der Syrene abgefahren, doch sind wir zu spät gekommen und wir sahen die Barke schon in weiter Ferne, als wir am Haven anlangten. Da, Freunde, trinkt einmal auf unsere Gesundheit! Sagt mir aber auch, ob wir nicht gleich Gelegenheit finden können, auf irgend einem schnellen Fahrzeuge der Syrene nachzusegeln und sie noch während ihrer Fahrt zu erreichen?«
»Nichts leichter, als das!« erwiederte sehr freundlich der Seemann, der sich selbst zum Sprecher aufgeworfen und das Geld genommen hatte. »Seht Ihr dort den Kutter, der eben anfängt sich zu bewegen und hin und her zu schaukeln auf den Wellen? Die Leute drauf sind im Begriff, die Anker zu lichten und in Zeit von fünf Minuten sind alle Segel aufgespannt und er tritt seine Fahrt durch den Biesbosch und das Hollands-Diep nach Middelburg an, um die Binnengewässer von den kreuzenden Dons rein zu fegen und zu kehren. Der holt die Syrene noch vor Abends ein. Kommt in meinen Nachen! In zwei Minuten bring’ ich Euch an Bord. Der Capitän ist ein Seehund, der ein Dutzend Spagnols zum Frühstück aufzehrt. Aber er liebt auch das Geld und wenn Ihr nicht karg seyd, so nimmt er Euch gern mit. Es giebt dann auch wohl Gelegenheit, Euere Bratspieße auf die Dons zu versuchen, denn, wie es heißt, so treiben sie die Frechheit so weit, ihre Flagge im Biesbosch und im Diep blicken zu lassen.«
»Das könnte mir gefallen!« sagte mit einem behaglichen Lächeln Le Vaillant zu La Paix in lateinischer Sprache, während beide dem Schiffer zu seinem Kahne folgten. »Wenn ich meinen Degen einmal an einem andern wetzen kann, so gilt mir’s gleichviel, ob’s an einem englischen oder an einem spanischen geschieht. Ich kann so die Hidalgo’s nicht leiden wegen ihres Hochmuths und das Bündniß, das sie mit unserm allergnädigsten Ludwig geschlossen, ist ganz und gar nicht nach meinem Sinne.«
Mit der Schnelligkeit eines Pfeiles durchschnitt das kleine Fahrzeug, in dem sie sich befanden, die Wellen. Es wurde von acht kräftigen und geübten Armen fortbewegt. Sie erreichten den Kutter gerade in dem Augenblicke, als der letzte Anker gehoben werden sollte. Ihrer Aufnahme stellte sich keine Schwierigkeit entgegen und, von günstigen Winden fortgetrieben, hatten sie bald die gute Stadt Rotterdam aus den Augen verloren.
La Paix grollte mit seinem Freunde, der unbesonnen und voreilig wie er einmal war, die unmäßige Forderung des Capitäns sogleich bewilligt hatte, ohne weiter zu handeln. Er ging auf der einen Seite des Verdeckes mit untergeschlagenen Armen auf und nieder, während jener, trotzig den Groll erwiedernd, auf der anderen Seite, nur mit schnelleren und unruhigeren Schritten dasselbe that. La Paix war im Grunde ebenso reizbar wie Le Vaillant, nur hatte er sich gewöhnt eine Sanftmuth und Ruhe zu affectiren, die viele für eine wirkliche Eigenthümlichkeit seines Characters hielten. Aber manche seiner Mitstudenten in Leyden mußten sich schon überzeugen, daß er ebenso leicht zu beleidigen und ebenso bereit sey, jede Beleidigung zu rächen, wie sein Landsmann aus der Gascogne. Dabei war sein Groll tiefer und dauernder. Was Le Vaillant in einer Viertelstunde längst wieder vergessen hatte, das nagte noch lange an der Seele seines Freundes und konnte durch den geringsten Anstoß zu einem Ausbruche des Unwillens angeregt werden, der sich nur schlecht unter der Maske eines kalten und ruhigen Spottes verbarg.
In den Anblick der vorübereilenden Ufer verloren, die der lebhaften Empfänglichkeit Le Vaillant’s manchen Anziehungspunkt boten, dachte dieser bald nicht mehr an den unbedeutenden Zwiespalt und dessen Gegenstand. Erst, als er dem Freunde am Vordertheile des Schiffes begegnete und die spöttische Miene bemerkte, mit der ihn dieser betrachtete, kam ihm die Sache wieder in’s Gedächtniß. Von jeher war ihm nichts so verhaßt gewesen, als der kalte Hohn, in den La Paix bei solchen Gelegenheiten sich wappnete. Auch in ihm wurde die Galle jetzt wieder rege und er sagte, indem er, die Hand an das Gefäß seines langen Raufdegens legend, vor dem Cameraden stehen blieb:
»Corbleu, Sire La Paix, Ihr macht ein Gesicht, als suchtet Ihr Händel! Uebrigens ist Euch bekannt, daß der Mann, der einem Waffengang nie aus dem Wege geht, nicht fern ist und ich muß Euch ersuchen, Euere spöttischen Blicke nicht auf ihn, sondern nach einer andern Seite zu richten, wohin es Euch sonst belieben mag.«
»Ich sehe hin, wohin ich will und ob ich spöttisch oder zärtlich blicken mag, das liegt ebensowohl ganz in meinem Willen;« erwiederte mit erkünstelter Kälte La Paix. »Im Uebrigen beruhige dich, guter Le Vaillant!« fuhr er in einem Tone des Hohns fort, der seinem Freunde über Alles verhaßt und unerträglich war. »Wir wollen uns nicht entzweien! Ich habe mir im Gegentheile vorgenommen, für dich die Wohlthätigkeit fremder Leute anzusprechen, wenn du unser sämmtliches Reisegeld großmüthig verschleudert haben wirst, damit es dir wenigstens nicht an einem Diner de Gascogne, an einer Zwiebel und einem Stück Brod fehlt!«
»Cadédis!« fuhr Le Vaillant auf: »ich glaube gar, du willst meines Vaterlandes spotten? Laß dir das vergehen oder es ist aus mit unserer Freundschaft! Freilich speist man gern Zwiebeln an den Ufern der Garonne, aber wenn das geschieht, so kommt es daher, weil eine gascognische Zwiebel delikater ist, als Alles, was das Raffinement Euerer Pariser Küche ersinnen kann. Sandis! du solltest Zwiebeln mit mir gefrühstückt haben im Garten meines Vaters, als ich manchmal, da ich noch ein Knabe war, gegen sein Verbot hinein schlich und naschte und nicht aufhören konnte zu naschen. Ich habe köstliche Dinge später kennen gelernt in Frankreich und im Auslande, aber aller Wohlgeschmack der Südfrüchte, der Seefische und der Austern ist nur ein Schatten gegen die Delicatesse einer Zwiebel in meiner Heimath.«
Le Vaillant war bei dem Lobe seines Vaterlandes wieder in seinen gutmüthigen Ton gerathen und es wäre Alles freundlich zwischen den beiden jungen Leuten abgethan worden, wenn der Andere ebenso schnell seinen Groll vergessen und seine Neckereien hätte lassen können. La Paix aber begann aufs Neue in jenem kalten spöttischen Tone:
»So lange du deine Gasconaden nur auf die Zwiebeln beschränkst, kann ich sie mir wohl gefallen lassen. Willst du sie aber auf meinen Beutel erstrecken, so muß ich sie mir verbitten. Schon zu oft haben deine Sottisen ihn in einen Zustand der Schwindsucht versetzt und mein Vater dürfte endlich müde werden, an einem unheilbaren Kranken immerfort zu curiren.«
»Sottisen?« entgegnete ernst und gesetzt Le Vaillant, indem er mit dem Anstande eines Mannes, der wohl weiß, daß bei einer Ehrensache kein Punkt ritterlicher Courtoisie aus den Augen gesetzt werden darf, einen Schritt zurückthat. »Das ist eine Beleidigung, wie Ihr wißt, die nur mit dem Degen in der Hand wieder gut gemacht werden kann, Sire La Paix. So es Euch beliebt, wollen wir gleich einen Gang mit einander machen und ich hoffe, da ich bis jetzt noch keinen Mangel an Muth bei Euch wahrgenommen, Euch dazu bereit zu finden.«
»Gewiß, Sire Le Vaillant!« versetzte der Aufgeforderte, dessen natürlichem Muthe jetzt die erkünstelte Ruhe wich. »Noch nie habe ich eine Einladung dieser Art ausgeschlagen, besonders wenn sie von den Ufern der Garonne kam, wo der Muth mehr auf der Zunge, als an der Degenspitze sitzt.«
»Zieh!« rief durch diesen neuen Spott zum Uebermaße gereizt, der Gegner mit ausbrechender Wuth. »Deinesgleichen habe ich schon ein Dutzend vor meiner Degenspitze hergetrieben. Sandis! Ich will deine Klinge zerbrechen und hinwegschleudern, daß du sie in den Fluthen der Nordsee wieder suchen sollst!«
Bei allem Ernste der Sache mußte La Paix laut auflachen über diese ungeheuere Gasconade. Le Vaillant wurde nun noch wüthender. In einem Augenblicke waren beide mit den gewaltigen, den ganzen Vorderarm bedeckenden Stulpenhandschuhen bekleidet, die sie im Gürtel bei sich führten.
»En garde!« schrie der junge Gascogner, mit dem Degen in der Hand zum Ausfalle gerüstet.
La Paix stand ihm ruhig gegenüber. Auch er hatte den Degen gezogen und schien den Angriff des Freundes, den er, wie er jetzt wohl einsah, muthwillig selbst zu seinem Gegner gemacht hatte, zu erwarten. Sein sanftes Angesicht, seine schlanke Gestalt, die sich in der zierlichen Fechterstellung auf das Vortheilhafteste zeigte, gaben ihm das Ansehen einer Amazone, deren Muth dem Vertrauen auf ihre Kunstfertigkeit gleich ist.
Aber es sollte kein Blut vergossen werden zwischen den beiden Freunden! Le Vaillant hatte zweimal den drohenden Appell, wie ihn die französische Fechtersitte vorschreibt, durch Stampfen mit dem Fuße gegeben, er war eben im Begriffe, beim drittenmale auf die Brust des Freundes auszufallen; als plötzlich hart an seiner Seite eine tiefe Baßstimme laut ward und zugleich ein schwirrender Ton über ihren Häuptern erklang.
»Halt da!« gebot die Baßstimme mit dem Ausdrucke einer Bestimmtheit, der die Arme der Kampflustigen lähmte. »Wer es wagt und den Degen zückt auf den andern, dem zerschmettere ich im Augenblick das Gehirn. Rauferei, Meuterei auf meinem Schiffe? Seh doch einer die Gelbschnäbel! Habe ich Euch den Platz auf dem Kutter vermiethet, daß Ihr hier Lärm anfangt und mir das Verdeck mit Euerem Blute besudelt? Hier bin ich Herr: Capitän Jonas! Hinein mit den Klingen in die Scheiden oder Ihr sollt lernen, was es heißt, gekielholt werden!«
Die beiden unbesonnenen jungen Leute sahen sich umringt. Mehrere Matrosen hatten einen Kreis um sie geschlossen. Der Capitän und seine Leute schwangen mit drohenden Gebehrden schwere Ruder über ihren Häuptern und ein Wort, ein Wink des Capitäns, so fielen diese nieder zu zermalmenden Schlägen. Die Blicke, mit denen Le Vaillant und La Paix diese rasch und in aller Stille getroffenen Anstalten musterten, sprachen deutlich ihre Betroffenheit und die Erkenntniß aus, daß eben hier kein anderes Heil, als in unbedingter Unterwerfung zu finden sey.
Unter dem hoch gehobenen rechten Arme des Capitäns blickte das lächelnde Antlitz eines schönen, etwa zwanzigjährigen Mädchens hervor. Sie schien sich an der Verlegenheit der zwei Jünglinge zu weiden. Das halb verbissene Lachen gab ihren Zügen etwas sehr Schalkhaftes und Reizendes. La Paix bemerkte sie zuerst und sein leicht entzündbares Herz fing sogleich Feuer an den lebhaften Augen des schönen Mädchens. Wie sein Freund übereilt und vorschnell in allen Dingen war, so war es La Paix allein in der Liebe, aber hier auch in einem solchen Uebermaße, daß er, wenn er verliebt war, leicht zu allen übrigen Fehlern verleitet werden konnte, von denen er sonst mit allem Aufwande von Beredsamkeit seinen Cameraden abzuhalten suchte. Glücklicherweise war seine Liebe ebenso flüchtig, wie stark. Der Anblick des reizenden Wesens gab ihm seine Fassung zurück. Mit einem lauten Gelächter und indem er den Degen rasch in die Scheide schob, ging er auf Le Vaillant zu, bot diesem freundlich die Hand und sagte in französischer Sprache, von der er voraussetzte, daß sie keiner der Anwesenden verstünde:
»Soyons amis, Cinna! Wir waren nahe daran, einen dummen Streich zu machen und ich war daran Schuld. Gieb mir die Hand, Le Vaillant! Ich habe dich gekränkt, mein Freund, aber du hast nun einige Grobheiten voraus, die du mir bei Gelegenheit mit Interessen wiedergeben darfst!«
Der leidenschaftliche, aber dabei gutmüthige Gascogner schlug ein.
»Sandis!« sagte er. »Du mußt es auch nicht gar zu grob machen. Wo soll ich sonst die Interessen herausbringen, ohne wieder den Degen zur Hand zu nehmen?«
Jetzt trat La Paix zu dem Capitän. Dieser blickte ihn aus dem einen Auge, das ihm bei einem mißlungenen Versuche, ein englisches Linienschiff durch einen Brander in die Luft zu sprengen, übrig geblieben war, finster und argwöhnisch an. Seine Leute hatten zwar die Ruder sinken lassen, aber in ihren Gebehrden lag noch so viel Drohendes, daß der Jüngling wohl einsah, er müsse alle seine Gewandtheit aufbieten, um das bisherige gute Vernehmen wieder herzustellen. Besonders fürchtete er, daß man sie als Franzosen erkennen möchte und dann war’s vorbei mit allen schönen Plänen, mit allen zu erwartenden Abentheuern.
Capitän Jonas, eine kurze stämmige Gestalt, war schon ein Fünfziger. Sein Kopf zeigte einen nackten Scheitel, von einem schwarzen Sammetkäppchen leicht bedeckt. Auf der Stelle, wo sein rechtes Auge gesessen, lag ein Pflaster, das linke schien die beiden Jünglinge zu durchbohren. Er stand da, wie ein Richter, der das Bekenntniß eines Schuldigen erwartet. Neben ihm war seine Tochter hervorgetreten, die reizende Juliane, in deren anmuthigen Gesichtszügen ein Ausdruck von Leichtsinn, der dem Menschenkenner unangenehm auffallen mußte, überwiegend hervortrat. Sie hatte seit früher Kindheit alle Kreuz- und Querzüge des Vaters auf Flüssen und Meeren mitgemacht, hatte immer unter Männern gelebt und war von dem Alten, der Alles, außer dem Dienste und der Schiffsordnung, gleichgültig ansah, ganz ihren Neigungen überlassen worden.
Indem der zierliche La Paix sich beiden näherte, wendete sich seine Verbeugung mehr nach der Tochter, wie nach dem Vater hin.
»Verzeiht, wohlmögender Heer,« sagte er in gutem Holländisch und mit einem feinen Lächeln auf den Lippen, zu diesem, »wenn ich Euch bemerken muß, daß Ihr von einem Irrthume befangen, mich und meinen Freund in einem ernstlichen Handgemenge wähntet. Wie kämen wir dazu: Stuben- und Schlafgenossen seit langer Zeit? Wir wollten uns die Zeit vertreiben mit einem leichten Fechterspiele, mit einer Uebung, wie wir sie Morgens gewöhnlich unternehmen. Freilich hatten wir Unrecht, Euch nicht zuvor davon in Kenntniß zu setzen und ich würde untröstlich seyn, wenn unsere Unbesonnenheit vielleicht diese zarte Jungfrau erschreckt hätte!«
»Nein, nein!« entgegnete lachend Juliane. »Ich bin nicht so schreckhaft, wie Ihr Euch einbildet, und habe schon ganz andere Dinge gesehen, als ein Paar junge Leute, die mit ihren Degen ein zweckloses Spiel trieben. Auch erkannte ich gleich,« setzte sie mit einem listigen Blicke hinzu, »daß das Ganze nur auf einen Scherz abgesehen war. Deshalb wird’s auch der Vater nicht so genau nehmen, denn ein Scherz ist kein unerlaubtes Ding an Bord des lustigen Freiers von Rotterdam.«
Der Capitän schien zwar mit dieser Erklärung nicht ganz zufrieden, aber sey es, daß er dem Rathe seiner Tochter zu folgen gewohnt war, oder daß er die reich scheinenden jungen Leute nicht weiter bedrängen mochte: genug! er gab den Matrosen einen Wink, sich wieder an ihre angewiesene Plätze zu begeben und zog sich selbst brummend in die Gegend des Steuerruders zurück.
Der lustige Freier von Rotterdam segelte so schnell, daß sie bald den Haven und die weißen, glänzenden Häuser von Dortrecht zur Seite hatten. La Paix stand neben Julianen und schien bereits in ein sehr vertrauliches Gespräch mit dem Mädchen verflochten, das ihm offenbar eine große Freundlichkeit und Gefälligkeit zeigte. Sein nicht so glücklicher Freund lag auf eine Bank hingestreckt und bemühete sich, seine Aufmerksamkeit dem vierten Buche der Aeneide zu widmen, die er zu seiner Unterhaltung auf die Reise mitgenommen hatte. Aber weder Aeneas noch Dido wollten ihn heute ansprechen. Statt mit beiden in die verhängnißvolle Höhle zu wandern und sie dort zu belauschen, flogen seine Blicke oft neidisch nach dem kosenden Paare hin und als sich dieses endlich gar von dem Verdecke in das Innere des Schiffes zurückzog, warf er das Buch unwillig zur Seite und trat an das Hinterdeck, um hier seine heiße Brust durch die anströmende scharfe Herbstluft kühlen zu lassen.
»Kommt mit in meine Cajüte!« sagte Juliane, indem sie den entzückten La Paix die dunkele Treppe hinabzog. »Die hat der Vater für mich besonders einrichten lassen und wir sind da ungestörter und traulicher, als in dem großen Zimmer, wo bald den Bootsmann, bald den Vater, bald einen anderen irgend ein Geschäft hinführt. Ihr sollt sehen, wie hübsch und glänzend Alles bei mir aufgeputzt ist. Das ist so recht ein Staatszimmerchen für einen jungen Mann von nobler Herkunft, wie Ihr zu seyn scheint, Myn Heer!«
In der That schimmerten und blinkten auch die Mahagoniwände des artigen Kabinets, wie venetianische Spiegel. Allenthalben sah dem Jünglinge, neben dem seinigen, das anmuthige, schalkhafte Gesicht seiner freundlichen Begleiterin entgegen. Er hatte noch nie ein weibliches Wesen gefunden, das, nach einer so kurzen Bekanntschaft, sich ihm so zuvorkommend genähert hätte, und gewiß war unter diesen Umständen der Gedanke, daß er, wie Cäsar gekommen sey, um zu sehen und zu siegen, bei einem jungen, leicht anregbaren Franzosen sehr verzeihlich.
Eine Laute lag auf dem Seidenpolster, das längs der einen Seitenwand hinlief. Juliane schob das Instrument bei Seite und, nachdem sie schäkernd den jungen Mann zum Sitzen genöthigt, öffnete sie ein Schränkchen und holte ein versiegeltes Fläschchen und einen Teller mit köstlich duftenden Zimmetschnitten hervor.
»Wir wollen frühstücken!« sagte sie, indem sie Beides auf das Tischchen vor dem Polster stellte und sich neben La Paix niederließ. »Hier ist köstlicher Rosoli, den mir mein Oheim aus Schidam verehrt, und diese Zimmetschnitten habe ich selbst gebacken. Laßt Euch Beides munden! Wir haben noch einige Stunden, bis wir die Syrene erreichen, und die müssen wir so gut, als möglich auszufüllen suchen.«
La Paix war überselig. Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Sie aber entwand sie ihm lachend, um von einem nahe befindlichen Gestelle ein Paar zierliche silberne Becher herbeizureichen, die sie mit dem süßen geistigen Getränk bis zum Rande füllte.
»Auf gut Glück in unserm Vorhaben!« sagte sie und stieß mit einem Feuerblicke, der dem Leydener Studenten tief in die Seele drang, an den Becher, den dieser ergriffen hatte. Er wurde doch ein wenig betroffen, als er Julianen den nicht gar kleinen Pokal auf einen Zug leeren sah; folgte aber, um nicht zurück zu bleiben, ihrem Beispiele und verstieß so, von seiner Verliebtheit irre geführt, schon zum erstenmale gegen seine Gewohnheit, von gebrannten Wassern nur zu nippen. Das Getränk war sehr stark. Dem zarten La Paix drängte es Thränen in die Augen, während Juliane nicht anders that, als habe sie ein Glas Wasser getrunken. Sie lachte ihn aus und schenkte von Neuem ein.
»Ihr seyd ein Student und könnt nicht trinken?« spottete sie. »Ihr sollt es von mir lernen, daß Ihr Euch nicht wieder vor einem holländischen Mädchen zu schämen braucht! Freilich sind sie nicht alle, wie ich, auf den Schiffen groß gewachsen, wo die Seeluft eine kräftige Nahrung und ein starkes Getränk erheischt; aber eine Stadtjungfer aus Amsterdam oder dem Haag verschmäht doch auch ein Gläschen Rosoli nicht, denn es reinigt die Haut und belebt das Blut. Trinkt noch einmal! Ihr sollt eine gute Lehrmeisterin an mir finden. Stoßt an! Auf das Wohl derer, die Ihr liebt!«
La Paix sah voraus, daß der Uebergenuß des ungewohnten Getränks ihm einen Rausch zuziehen würde; aber er konnte diese Gesundheit nicht ausschlagen.
»Auf Euer Wohl!« entgegnete er und zwang sich noch einmal den Becher zu leeren.
Während Juliane rasch den Inhalt des ihrigen hinabstürzte, warf sie einen forschenden Blick auf ihren Gesellschafter. Sie sah ein, daß sie ihm, zu Erreichung ihrer Absicht, nicht weiter mit Trinken zusetzen dürfe. Sie schob lachend die Gläser bei Seite, drang ihm einige Schnitte des Zimmetgebäckes auf und sagte:
»Ich wette, Euer Freund Cadédis ist mehr vertraut mit der Rosoliflasche, als Ihr! An den Ufern der Garonne gebraucht man nicht blos den Zwiebelsaft zur Stärkung der Kräfte, man kennt auch recht gut die hülfreichen Geisterchen, die in einer solchen Phiole verstöpselt und verborgen stecken.«
Diese Anspielung auf sein früheres Gespräch mit Le Vaillant, verrieth dem Studenten, daß Juliane sie belauscht hatte, daß sie ihre Sprache verstehe und, was noch schlimmer war, ohne Zweifel sie auch als Franzosen erkenne. Dennoch besaß er noch Herrschaft genug über sich, um sich nicht weiter zu verrathen. Wie hätte er auch in einem solchen Augenblicke mehr an andere Dinge denken können, als an das reizende Wesen an seiner Seite? Sie hatte ihm jetzt ihre Hand überlassen, er durfte diese an seine Lippen drücken. Sein ganzes Innere war erregt, sein Herz klopfte ungestüm, er sah mit schmachtenden Blicken die holde Juliane an, ohne den spöttischen Zug, der bei aller Freundlichkeit in ihrer Miene lag, zu bemerken.
»Himmlische Juliane!« rief er im Tone der Begeisterung. »Ihr macht mich zum Glücklichsten aller Sterblichen, indem Ihr mir erlaubt, diese schönste Stunde meines Lebens an Euerer Seite hinzubringen. O, wer immer so fort schiffen könnte, immer fort — bis an der Welt Ende!«
»Das würde sehr langweilig seyn!« lachte das Mädchen hell auf. »Hört lieber zu! Ich will Euch ein französisches Liedchen singen. Ihr liebt ja die französische Sprache!« setzte sie scharf betonend hinzu, »und vielleicht behagt Euch mein Lied besser, als mein Rosoli, und meine Zimmetschnitten.«
Sie ergriff die Laute und stimmte ein leichtsinniges Lied an. Ihre liebliche Stimme steigerte das Entzücken des schwärmerischen Jünglings zu einem hohen Grade; seine Augen hafteten an den zierlichen Fingern, die leicht und gewandt über die Saiten flogen. Aus ihren Blicken sprüheten Blitze auf ihn, die Worte des Liedes sagten noch mehr: um keine Schätze der Welt hätte La Paix diese Augenblicke hingegeben!
Das Lied war erst zur Hälfte, als Juliane plötzlich die Laute auf’s Polster warf, ihr hübsches Gesichtchen in verdrießliche Falten legte und mit dem Ausdrucke der Ungeduld ausrief:
»Mein Himmel, auch der Gesang langweilt mich! Wir müssen etwas Anderes vornehmen. Wir sind noch nicht im Biesbosch,« fuhr sie fort, indem sie durch’s Fenster sah, »wir müssen Alles aufbieten, die langweilige Fahrt erträglich zu machen. Da habt Ihr ein Andenken an diese Stunde, lieber Junker! Es ist ein Riechfläschlein mit köstlichem Balsam, das mir wiederum der gute Oheim in Schidam verehrt. Denkt dabei manchmal an die fröhliche Juliane, die es so gar gut mit Euch gemeint!«
Bei diesen Worten zog sie ein Schublädchen aus dem Tischchen und nahm, während La Paix mit wonnetrunkener Miene das süße Aroma des Büchschens in sich sog, Würfel und Karten hervor. Der Student achtete nicht darauf. Er war, nachdem er das Geschenk in der Nähe des Herzens wohl verwahrt hatte, beschäftigt, ein goldenes Kettchen von seinem Halse loszumachen, an dem sich eine werthvolle Schaumünze von demselben Metall befand. Beides hatte er in der Abschiedsstunde von seiner Mutter erhalten, und er achtete es über Alles hoch. Aber der Sinnentaumel riß ihn fort. Was er in einem Zustande ruhiger Besonnenheit um keinen Preis hingegeben haben würde, fiel jetzt der listigen Juliane als eine willkommene Beute zu.
Sie hielt die glänzende Gabe ans Licht, betrachtete sie mit lüsternen Blicken und fragte endlich im Tone des Zweifels:
»Ist’s gut Gold, lieber Junker? Man muß doch wissen, was man trägt von so werther Hand.«
»Gewiß!« betheuerte La Paix. »Aecht Peruanisches! Mein Großvater hat es selbst aus Amerika mitgebracht. O, glaubt mir, himmlische Juliane, so lauter und stark, wie dieses Metall, ist die Liebe, die ich zu Euch im Herzen trage!«
»Charmant!« versetzte die himmlische Juliane, indem sie die schöne Kette mit dem Schaustück behaglich in ihr Mieder schob. »Aber laßt uns Eins würfeln, Herzensjunker! Blos zum Scherz, einen Gulden den Einsatz und wer zuletzt gewonnen hat, der lacht den andern aus! Ich würfle für mein Leben gern. Die Stunden verfliegen, wie Minuten, und das Spiel versetzt in eine so angenehme Spannung, die ich mit Nichts in der Welt vergleichen kann. Kommt her! Da ist mein Satz. Die Sache wird bald abgethan seyn, denn viel darf ich nicht wagen, weil mich der Vater sehr knapp hält im Gelde.«
Sie schüttete ihr kleines Börs’chen auf dem Tische aus. Was hätte La Paix in dem Zustande der Liebe und halber Trunkenheit, in dem er sich befand, dem verführerischen Mädchen abschlagen können? Er setzte und verlor rasch hintereinander. Sie neckte ihn mit seinem Verluste und meinte, er sey nicht stärker im Spielen, wie im Trinken. Diese Neckerei reizte den jungen Mann, der ganz aus seinem gewöhnlichen Geleis gekommen war, immer mehr. Die Sätze wurden verdoppelt, das Glück blieb Julianen getreu. Während des Spiels unterhielt sie ihn mit kurzweiligen Reden, nannte ihn bald ihren Herzensjunker, bald ihr liebstes Studentchen, und ihre freundlichen Blicke verwirrten ihn noch überdem so sehr, daß er gar nicht bemerkte, wie ihr kleiner Finger oft auf den Tisch huschte, einen ihr ungünstigen Wurf in einen günstigen verwandelnd, und wie sie zuletzt sogar ganz andere Würfel unter dem Tischchen hervorbrachte und mit diesen gegen ihn und die schon vorhandenen spielte. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als der letzte Gulden aus des Studenten Börse zu ihr hinüberflog und dieser den leeren Beutel verlegen vor sich hinhielt.
Aber das laute Gelächter, das Juliane, indem sie aufstand, erschallen ließ, brachte ihn einigermaßen zur Besinnung. Der dumme Streich, den er gemacht hatte, wurde ihm klar; allein noch ließ ihn die Liebe nicht aus ihren Schlingen.
»Herrliches Mädchen!« rief er aus und schritt ihr mit geöffneten Armen nach: »Alles was ich besitze gehört Euch, aber nehmt auch mein Herz an und laßt unsere Lippen diesen süßen Bund besiegeln!«
Da veränderte sich mit einemmale Julianens ganzes Wesen. Ihre Blicke wurden finster, ihre Züge streng und ernst, sie sah den Jüngling von oben bis unten mit einer geringschätzigen Miene an und sagte wegwerfend:
»Was fällt Euch ein, Junker? Ihr müßt wohl wenig mit ehrsamen Jungfrauen umgegangen seyn, daß Ihr eine Freundlichkeit, wie sie das gesellige Leben mit sich bringt, für eine Aufmunterung zu unanständiger Aufdringlichkeit nehmt. Ich habe Euch Höflichkeit erwiesen und dafür gebt Ihr mir Schimpf zurück. Ich dürfte das meinem Vater entdecken und er würde diese Beleidigung auf eine Weise bestrafen, die Euer unerlaubtes Liebesfeuer wohl abkühlen sollte! Doch ich will großmüthig seyn. Ich verzeihe Euch, Euere große Jugend mag Euch entschuldigen! Wenn Ihr einmal aus den Knabenjahren heraus seyd, dann wird ein tugendhaftes Mädchen wohl eher, ohne Gefahr für ihre Ehre, bei Euch verweilen können.«
Die himmlische Juliane warf noch einen durchbohrenden Blick auf den betretenen La Paix. Dann rauschte sie schnellen Schrittes aus dem Closett, die Treppe hinauf nach dem Verdeck hin. Der Student sah ihr dumm nach. Endlich erst begriff er — zu spät — die ganze Größe seiner Albernheit. Er sah ein, daß er in das Netz einer listigen Betrügerin gefallen sey, daß er, der sonst so weise und besonnene La Paix — einen Gimpelstreich begangen habe, vor dem sich selbst der so oft getadelte Le Vaillant zu hüten gewußt haben würde. Er hatte Alles verspielt bis auf den letzten Heller, das immer so treu bewahrte Angedenken seiner Mutter war auch dahin und — was hatte er dafür? Ein hölzernes Büchschen, das stark nach Moschus und Wachholder roch. Ingrimmig riß er es hervor, schleuderte es zu Boden und zertrat es.
»Mußte ich darum Latein und Griechisch lernen, Philologie und Physiologie studiren, Anatomie und Medecin treiben, um mich auf eine so bejammernswürdige Weise anführen zu lassen?« rief er gegen sich selbst erbittert aus. »Wenn Le Vaillant die Sache merkt, wie wird er triumphiren! Doch Ruhe, La Paix, Fassung, Frieden! Es ist nicht das erstemal, daß dir die Moneten ausgingen. Ein braver Bursch verzagt nicht!«
Der Rausch von Liebe und Rosoli war verflogen. Er ging gefaßt auf das Verdeck. Sein Antlitz zeigte Ruhe und Heiterkeit. Er warf nur einen Seitenblick auf Juliane, die jetzt neben Le Vaillant am Vordertheile des Schiffes stand und diesen ebenso freundlich anlockend beäugelte und besprach, wie sie es früher ihm selbst gemacht hatte. Le Vaillant aber blickte noch immer verdrießlich und gab ihr kurze Antworten.
»Den will sie auch kirren!« sagte La Paix zu sich selbst. »Ich werde ihr aber den Spaß verderben. Französisch versteht die Schlange, aber jetzt soll mir mein Latein helfen, wenn es mir auch gegen ihre Künste nichts genützt hat.«
Der lustige Freier von Rotterdam befand sich jetzt zwischen den Inseln des Biesbosches und Capitän Jonas hatte mit dem Auswerfen des Senkbleies, mit mancherlei Wendungen des Schiffes, um den Untiefen zu entgehen, so Viel zu thun, daß er nicht auf das Töchterlein achten konnte, wenn er es überhaupt auch für Noth gehalten hätte.
Mit freiem Anstande und ungetrübter Stirn trat La Paix zu seinem Freunde, der eben anfing durch Julianens fortgesetzte Freundlichkeit erwärmt zu werden und seine auf dem Geländer ruhende Hand dicht neben die ihrige gerückt hatte. Die listige Gaunerin schien betroffen über seine Gegenwart und sein unbefangenes Wesen. Nach einem Augenblicke aber lächelte sie zu ihm hin, als wenn nichts vorgefallen wäre. Die goldene Kette prangte an ihrem Halse und La Paix mußte einen Seufzer über seine Thorheit, dieses Kleinod an eine Unwürdige verschleudert zu haben, unterdrücken. Mit wenigen Worten hatte er dem staunenden Le Vaillant seine Abentheuer berichtet. Dieser verschluckte ein Cadédis, das ihm auf der Zunge schwebte. Dann besann er sich einen Moment, sah bedeutungsvoll nach seinem Cameraden und wandte sich nun mit einer sehr höflichen Gebehrde zu Julianen, die vergebens bemüht gewesen, etwas von der französisch klingenden Mittheilung zu verstehen.
»Prangende Schönheit, deren Reize des Aeußern noch weit übertroffen werden von denen des Innern,« begann er in einem ernsten und ehrerbietigen Tone, hinter dem sich aber der Spott schlecht versteckte: »wie ich so eben vernehme, so liebt Ihr ein kurzweiliges Spiel und seyd auch nebenbei dem Rosoli nicht abhold! Sandis! Das sind auch eben meine Passionen und ich habe bis jetzt vergebens versucht, sie auch meinem Freunde da werth und theuer zu machen. Der Rosoli bringt ihn herunter, aber er nicht jenen. Das Spiel kann ihn nur ergötzen, wenn er verliert, weil er so gar mildthätig ist und lieber gibt, denn nimmt. Ihr seht, wie ihm die Freude über seinen Verlust die Wange geröthet hat, wie er noch einmal so heiter in die Welt blickt, als früher, da er noch nicht verloren hatte! Ihr habt ihn glücklich gemacht, aber mich unglücklich! Nach jenem Kettlein mit der Schaumünze, die nur eine schlechte Zierde Euerer vortrefflichen Person ist, stand schon lange mein Gelüst. Cadédis! Ich habe ihm Geld, ich habe Alles geboten für dieses Kleinod. Jetzt besitzt Ihr es. Aber hört noch, Dame sonder Gleichen! Seht diesen Diamant an meinem Finger! Ich setze ihn gegen die Kette mit dem Schaustück, wir spielen d’rum und wem Fortuna wohl will, dem wird Beides!«
Die Blicke der Dame sonder Gleichen ruheten mit großer Begehrlichkeit auf dem köstlichen Ringe. Die Strahlen des Diamants drangen bis in ihr Herz: er hatte gewiß den vierfachen Werth der Kette und des Schaustücks. Wie herrlich mußte er sich nicht an Julianens zarter Hand ausnehmen? Ein solches Kleinod besaß sie noch gar nicht. Sie konnte dem lockenden Vorschlag nicht widerstehen.
»Gern, edler Junker!« erwiederte sie. »Harret nur einen Augenblick, bis ich die Würfel heraufhole!«
»Was Würfel!« entgegnete Le Vaillant, sie zurückhaltend. »Wir thun es kürzer ab. Hier ist mein Ring, Ihr legt das Kettlein daneben. Diesen Reichsthaler werf ich in die Höhe: rex oder Schrift! Auf was haltet Ihr?«
Die Begierde, den schönen Ring zu besitzen, überwog bei der edeln Juliane jede Bedenklichkeit.
»Rex!« rief sie, die diese Spielweise recht wohl verstand, mit zitternder Stimme und glühenden Blicken. Der Thaler flog in die Höhe und wieder zur Erde. Schon glaubte sie gewonnen zu haben, schon streckte sie die Hand nach beiden Kleinoden aus. —
»Schrift!« sagte da stark und kaltblütig Le Vaillant, indem er auf das liegende Silberstück wies. Die Kette war sein, er gab sie mit einem triumphirenden Lächeln seinem Freunde zurück.
»Ihr müßt weiter mit mir spielen!« eiferte die treffliche Jungfrau. Ihre Wangen färbten sich dunkelroth, ihre Augen blitzten. »Ihr müßt mir Revange geben,« fuhr sie fort, »Ihr müßt mir einen Satz halten im Würfelspiele, das auch weit unterhaltender ist, als Euer erbärmlicher Rex, mit dem ich nichts zu thun haben mag!«
»Ein andresmal, hochedle Jungfrau!« versetzte mit einer tiefen Verbeugung der Gascogner: »wenn wir uns einmal wieder treffen in der Welt!«
Bei diesen Worten nahm er La Paix unter den Arm und zog ihn nach einem anderen Theile des Schiffes.
»Das vergesse ich dir nicht, Le Vaillant!« sagte dieser, indem er dem Freunde herzlich die Hand drückte. »Du hast nun viel zu gut bei mir: einige Grobheiten und einen unbezahlbaren Freundschaftsdienst.«
Juliane aber sah den zwei jungen Männern mit boshaften Blicken nach. Sie bedachte sich ein Wenig. Dann wurde ihre Miene wieder heiter und lachend und singend hüpfte sie nach dem Vater zum Steuerruder hin. Sie sprach mit diesem eifrig und bedeutungsvoll, das eine Auge des Alten richtete sich oft nach den Studenten, er lächelte hämisch und gab der Tochter eine kurze Antwort, die diese jedoch ganz zufrieden zu stellen schien.
Noch immer schwebte der Kutter in den Gewässern des Biesbosches. Bald aber mußten sie ins Offene kommen und die Syrene, die unmöglich einen großen Vorsprung haben konnte, mußte sich ihnen zeigen. Da rollte es mit einemmale, wie Kanonendonner über die Wellen heran, die durch einen Wind, der sich erhoben hatte, bewegt wurden, da folgten dem ersten Schuße in geringer Entfernung mehrere andere, ein dunkler Rauch stieg hinter einer Insel, dem Kutter zur Rechten, auf, der Himmel hatte sich verdunkelt und eine schwarze Wolke hing drohend herab.
»Alle Segel auf!« befahl des Capitäns Stimme. »Das ist ein Tanz zwischen Geusen und Spaniern oder Franzosen. Wir müssen auch dabei seyn. Frisch, ihr Jungen! Das kann gute Beute geben, wenn wir noch bei Zeiten anlangen!«
Schreiend flog Juliane, die nur Muth hinter’m Würfelbecher besaß, in die Cajüte hinab. In wenigen Minuten hatte sich eine stolze Wucht von Segeln über dem Kutter entfaltet. Er schoß wie ein Pfeil über die Wogen hin. Schuß folgte jetzt auf Schuß, das Gefecht konnte keine halbe Meile entfernt seyn.
»Morgué.« sagte Le Vaillant zu La Paix, indem er seinen Degen in der Scheide lüpfte. »Es wird etwas Warmes setzen! Sind es Spanier, so mache ich gemeinschaftliche Sache mit dem lustigen Freier von Rotterdam; sind es aber Landsleute, so falle ich ihm in den Rücken.«
Man kam dem Orte des Gefechtes immer näher. Jetzt schwieg das Feuer des groben Geschützes, aber deutlich wurden die Schüße der Hakenbüchsen, das Geschrei der Kämpfenden vernommen.
»Leewärts!« commandirte Jonas nach dem Steuermanne hin. Die Bewegung wurde vollzogen, das Fahrzeug schoß nur noch einige Schiffslängen weit vor sich hin, die Spitze der Insel war erreicht, der überraschten Mannschaft des Kutters zeigte sich die spanische Schebecke in Flammen und Jansen’s wohlbekannte Barke, die in einer Stellung, welche sie als Siegerin verkündete, dem brennenden Fahrzeug gegenüber hielt.
»Victoria!« jubelten Alle und die zwei lebhaften Jünglinge von Leyden konnten sich nicht enthalten miteinzustimmen.
Da erblickte Le Vaillant, der ein sehr scharfes Auge besaß und mit großer Aufmerksamkeit das ihm neue Schauspiel betrachtete, durch den heranziehenden Rauch hindurch einen kleinen Nachen, der gerade auf den Kutter zuruderte. Er kam näher. Er schwankte hin und her auf den Wellen, er schien beschädigt und dem Untersinken nahe. Der Gascogner unterschied fünf Menschen in dem kleinen Fahrzeuge, von denen zwei emsig die Ruder bearbeiteten, die andern drei ebenso eifrig den Nachen von dem Wasser zu entleeren suchten, das durch alle Fugen eindrang.
»Sandis!« rief er dem Capitän zu, indem er ihn auf die Gefahr der Menschen im Nachen aufmerksam machte. »Die gehen unter, wenn ihnen nicht bald geholfen wird.«
Der Kutter war dem Nachen jetzt so nahe, daß man die herbeirudernden Leute erkennen konnte. Einer von ihnen schwang ein weißes Tuch nach dem lustigen Freier von Rotterdam hin.
»Ich will mit dem Spagnol in die Luft fahren,« brach Jonas in wilder Heftigkeit aus, »wenn das nicht Herrmanneke von Jansens Barke ist und neben ihm — wahrhaftig — das ist mein alter Freund, Heer Cornelius van Daalen, des dicksten Mannes Sohn in Rotterdam! Wie kommt der Landläufer in das Seehundsgebiet, was hat er zu fischen im Biesbosch?«
Die Jölle lag am Kutter, aber sie war auch im Begriff unterzugehen. Taue und Leitern flogen nach den befreundeten Männern herab. Sie kletterten an Bord, während ihr Fahrzeug versank. Die Gesichter von Pulverdampf geschwärzt, die Kleider halb verbrannt, von Wasser triefend, standen sie, munter um sich blickend, vor dem staunenden Capitän des Kutters. Auch Le Vaillant und La Paix hatten sich herbeigedrängt. Mit Blicken der Neugierde sahen sie auf Cornelius, der sich durch seinen Anstand und seine Kleidung vor den übrigen auszeichnete. Sie erblickten ihren Feind in ihm, den Gegner, dem sie eine kostbare Beute abnehmen wollten; aber sie konnten zugleich nicht umhin, seine kriegerische Haltung, den Muth, den er eben bei einem wahrscheinlich sehr gefährlichen Unternehmen bewiesen, zu bewundern.
Herrmanneke war der erste an Bord Gekommene, welcher die Stille unterbrach.
»Gebt mir ein Glas Brandwein!« sagte er. »Wir haben es wohl verdient. Aber dem Heern Cornelius gebt zwei, denn er hat mehr gethan, als wir andern alle.«
Er erhielt was er verlangte. Zu Cornelius war schon Capitän Jonas getreten. Er wollte eben sprechen, da flog die Schebecke in die Luft, und in starrem Verstummen stand Alles auf dem Kutter. Das Wasser wogte ungestüm. Aus der verdunkelten Luft flogen einzelne Trümmer der zerschmetterten Schebecke herab. Den zwei Studenten von Leyden, die dergleichen noch nie gesehen, trat das Blut zum Herzen.
»Das haben wir gethan!« hob mit stolzem Selbstbewußtseyn der Bootsmann der Syrene an. »Oder,« setzte er verdrießlich hinzu, »Junker Cornelius hat eigentlich dem Don den rothen Hahn aufgesteckt und wir haben nur die Jölle unter seinem Spiegel gehalten, damit der verwegenste Streich, der je in diesen Gewässern erlebt worden, ausgeführt werden konnte!«
»Ihr, Myn Heer van Daalen?« sagte im Tone zweifelhaften Erstaunens Capitän Jonas. »Ihr habt Euch auf das Element gewagt, das keine Balken hat? Ihr habt dem Spagnol ein Autodafé angezündet auf seinem eigenen Schiffe, so daß er als ein geläuterter Christ gen Himmel gefahren? Auf Seemannsehre, dann muß nächstens der Landheld Marlborough die Flotte kommandiren und Prinz Eugenius ihm als Vice-Admiral beigegeben werden!«
»Nassau und Oranien!« erwiederte lachend Cornelius, indem er sich von einem Matrosen seinen Uniformrock säubern ließ. »Ihr macht viel Aufhebens um nichts! Die spanischen Butterschläuche waren alle am Vorsteven mit Entern beschäftigt, da kletterte ich ungesehen im Pulverdampfe auf ihr Schiff, schlich in die Nähe der Pulverkammer und machte das glimmende Brandwerk fest — das ist Alles! Dergleichen Dinge kommen uns Landsoldaten zu hunderten vor, aber wir halten sie für nichts Besonderes und reden nicht viel davon.«
Jonas schwieg verblüfft, aber durch die Reihen seiner Leute lief ein Gemurmel des Beifalls. Le Vaillant drückte dem La Paix die Hand. Beide verstanden sich. Sie theilten das Gefühl der Achtung vor dem jungen Helden, aber sie dachten auch daran, daß es ihnen um so größere Ehre bringen würde, dem kühnen Cornelius die entführte Clelia wieder abzunehmen.
»Sandis!« flüsterte der Gascogner seinem Freunde zu. »Das ist ein wackerer Bursche, allein eben darum müssen wir unserm Plane getreu bleiben und ohne Furcht auf das Ziel los gehen.«
»Gewiß!« entgegnete La Paix. »Wir haben unser Wort gegeben.«
In diesem Augenblicke kehrte der erste Gedanke an die Geliebte in Cornelius Seele zurück. Es gewährte ihm eine süße Empfindung, auch ihr, durch den kühnen Streich, der ihm gelungen, Freiheit, Ehre und wahrscheinlich das Leben selbst gerettet zu haben. Aber in welcher Sorge, in welcher entsetzlichen Beängstigung um ihn konnte sie schweben, während er ruhig und sicher hier verweilte und die Zeit mit unnützen Dingen hinbrachte!
»Schafft mich schnell zurück auf die Barke!« sagte er hastig zu dem Kutter-Capitän. »Verliert keinen Augenblick! Jeder kann dem theuersten Leben Gefahr bringen!«
Jonas sah ihn erstaunt an, aber auf seinen Wink ward sogleich ein Boot in’s Wasser gelassen. »Und wohin führt Euch Euer Weg weiter von Antwerpen?« rief er dem Forteilenden nach.
»Nach Mastricht, Capitän!« erwiederte Cornelius hinabspringend. Die vier Matrosen von der Syrene und einige Leute des Kutters folgten ihm.
»Jetzt ist es Zeit!« sagte La Paix zu seinem Freunde und Beide drängten sich vor, um auch das nach der Barke abgehende Boot zu besteigen.
»Halt da!« donnerte die Stimme des Kutter-Capitäns sie an, indem er ihnen in den Weg trat. »Ihr bleibt zurück! Ihr seyd Franzosen, ihr seyd meine Gefangene!«
Wüthend griffen die zwei Studenten nach den Degen, um sich mit Gewalt freie Bahn zu machen; aber im nämlichen Augenblicke schon sahen sie sich ihrer Waffen beraubt. Einige Matrosen hatten sie von hinten ergriffen, kein Widerstand war möglich.
Das Boot stieß ab. Mit einem schallenden Gelächter ließ Jonas die entwaffneten Jünglinge stehen. Der laute Spott der Matrosen verwundete sie bis in das tief Innerste.
»Das ist Julianens Werk!« knirschte Le Vaillant im verbissenen Ingrimm. »Corbleu! Ich werde mich an ihr rächen.«
»Nur ruhig!« ermahnte La Paix. »Mit Gewalt ist hier nichts zu thun.«
Der Kutter zog stolz an der Barke vorüber. Die Capitäne begrüßten sich. Auf der Bank am Steuerborde lag bleich und, wie es schien, in tiefer Ohnmacht eine weiß gekleidete Frauengestalt. Man war so nahe, daß man ihre schönen, regelmäßigen Züge erkennen konnte. Le Vaillant und La Paix mußten sehen, wie Cornelius hastig an Bord der Syrene stieg, wie er sich in unruhiger Bewegung der Ohnmächtigen näherte und sie mit dem Feuer, mit der Besorgniß eines Liebenden an seine Brust schloß.
»Das ist Clelia van Vlieten!« sprach mit einiger Erbitterung La Paix. »Sie sind glücklich vereint und wir —«
»Sandis!« unterbrach ihn der Gascogner mit dem Fuße aufstampfend. »Ich gönne ihm das Mädchen, aber unsere Ehre gebietet uns, sie ihm zu entreißen.«
»Wenn wir uns erst selbst dem Capitän Jonas und seiner verschmitzten Juliane entrissen haben werden!« setzte La Paix kaltblütig hinzu. »Mastricht heißt die Losung: dort finden wir sie wieder!«
Von günstigen Winden getragen, schwebte der lustige Freier von Rotterdam dem Hollands-Diep zu. Bald sah man die Barke nur noch wie einen kleinen schwarzen Punkt, in weiter Entfernung hinter sich. Noch einige Minuten lang konnten die scharfsichtigen Blicke der Leydener Studenten sie erreichen. Dann war sie ganz verschwunden.
2.
In Cornelius Armen erwachte Jungfrau Clelia van Vlieten aus tiefer Bewußtlosigkeit. Noch war sein Gesicht von Pulverdampf geschwärzt, versengte Haare hingen auf die Stirn herab. Als sie ihn erkannte, fuhr sie erschrocken zurück. Die Erinnerung des Geschehenen erwachte in ihrer Seele. Welchen schrecklichen Gefahren hatte sich nicht der Geliebte blos gestellt, wie leicht konnte er nicht von den ergrimmten Feinden bemerkt, von ihnen auf das Grausamste behandelt, wie leicht konnte er nicht selbst in das Verderben mit hineingerissen worden seyn, das er jenen durch seine verwegene That bereitet! Aber war diese denn nicht auch um ihretwillen unternommen worden? Ach, aus der Tiefe ihres Herzens erklang eine Stimme, die ihr die Versicherung gab, daß nur die Liebe zu ihr den jungen Mann zu einem so kühnen Werke habe begeistern können! Sie sah Jansen in ihrer Nähe, sie sah sich und den Geliebten von Seeleuten umgeben, die neugierig auf Beide blickten. Ihre ganze Lage wurde ihr jetzt deutlich. Schüchtern schlug sie die Blicke nieder.
»Führt mich in die Cajüte!« sagte sie leise zu Cornelius, aber in einem so zärtlichen Tone, wie sie noch nie zu ihm gesprochen hatte. Entzücken ergriff seine Seele. Er sah ein, daß jetzt erst Clelia’s Liebe zu ihm ihre ganze Stärke gewonnen habe, daß sie in ihrer ganzen Macht ihr selbst klar geworden sey. Bisher war das Mädchen noch mehr Kind als Jungfrau gewesen, sie hatte mit den Gefühlen ein leichtes, ihr wohlgefälliges Spiel getrieben, sie hatte den beschränkten Blick nicht über den Kreis ihres Hauses erstreckt. Der heutige Tag mit seinen vielfachen, wunderlich verschlungenen Begebenheiten hatte sie gereift. Sie erkannte die Kraft der Liebe, sie fühlte sich ihr unterthan, sie wußte nun, daß die Empfindungen, die ihr früher ein Spiel gewesen, ihre Beherrscher geworden waren.
»Nehmt mir das Schwesterlein wohl in acht!« rief Frau Beckje, die eben vom Cajütendache herab, nach ihrem Manne hinsprang, ihm zu. »Ihr habt doch kein Feuerwerk mehr bei Euch, womit Ihr dem Kinde Schaden thun könntet, etwa unter’m Kleide in der Gegend des Herzens?«
Cornelius befand sich nicht in der Stimmung, diese Neckerei zu beantworten. Hätte er aber auch gewollt, so würde seine Rede nur vergebens gewesen seyn, denn Beckje war rasch wie der Wind an ihm vorübergeflogen, um ihrem lieben Jansen ihre Freude über den Sieg und sein Wohlergehen an den Tag zu legen.
In der Cajüte fand Junker van Daalen und seine schöne Begleiterin die beängstigte Philippintje auf den Knieen liegend und sinnlose Gebete vor sich hin plappernd. Sie hatte nicht den Muth sich umzuwenden, um die Eintretenden zu betrachten und ihre guten Freunde in ihnen zu erkennen.
»Sie kommen, sie kommen!« zeterte sie im Tone des Entsetzens. »Sie sind da die spanischen Belialssöhne und wollen mich und mein himmlisches Theil. Warum habe ich doch immer auf den Schiwa geschimpft und ihm nicht Ehre erwiesen, wie der hochmögende Heer van Vlieten gethan aus guten Gründen und in weiser Absicht! Jetzt könnte mir der Heidengott beistehen gegen die satanischen Spagnols, die kein Erbarmen haben und alle Ketzer brennen, wie wir daheim in Rotterdam die liebliche Caffeebohne —«
»Ruhig, ruhig, Jungfrau Philippintje!« unterbrach sie Cornelius. »Wir sind es ja: Clelia und ich!«
Die Knieende starrte betäubt zu ihnen auf. Sie schien jetzt zu wissen, wer vor ihr stand, aber ihre Angst wollte nicht weichen, ebensowenig wie der Irrthum, der sich ihrer bemächtigt hatte. Sie betastete mit zitternder Hand Cornelius verbrannte Kleider. Dann sagte sie gepreßt:
»Er hat uns, das ist gewiß! Den edeln Junker hat er schon angefangen zu braten und dann mit Wasser wieder das Feuer gelöscht, damit die Qual desto länger dauere, da sind die deutlichsten Spuren: die verbrannte Krause, die geschwärzte Stickerei am Rocke, die Wasserflecken am ganzen Leibe. Die Männer werden gebraten, die Frauen in’s Kloster gesteckt. Ach, Clötje, mein Kind, du siehst schon aus, wie eine unglückliche Nonne, bleich und abgezehrt, schmachtend und verschmachtend! Wir werden nimmermehr den würdigen Domine schauen, nie mehr den süßen Ton seiner Rede hören: ein Mönch, ein entsetzlicher Mönch mit Kutte und Strick angethan, wird an unserer unsterblichen Seele zerren, bis er sie hinabgezerrt hat in den höllischen Schwefelpfuhl —«
»Holland und England!« fiel jetzt der ungeduldig werdende Junker mit rauhem, lautem Tone ein! »So nehmt doch nur Vernunft an! Der Spagnol kann uns nichts mehr thun, er wird uns weder braten noch sieden, im Gegentheile ist er halbgebraten auf gen Himmel und wieder hinab in die Wogen gefahren. Wir haben ihn in die Luft gesprengt.«
»In die Luft,« — sagte die staunende Philippintje, indem einige Röthe auf die gefurchten Wangen zurückkehrte und sie sich halb vom Boden erhob. »Ihr habt ihn gesprengt,« fuhr sie zweifelnd fort, »ganz auseinander gesprengt, den Spagnol, so daß nichts mehr von ihm da ist, auch nicht ein Stückchen, ein Arm oder ein Bein, mit dem er uns ein Uebles thun könnte?«
»Weder Arm, noch Bein, noch Fuß und Hand!« versetzte lachend der junge Kriegsmann. »Die Winde haben sich in ihn getheilt, und jeder hat seinen Antheil mit sich geführt.«
»Das vergelte Euch Gott!« stöhnte, wie sich von einer schweren Last erleichtert fühlend, aus tiefer Brust die Hausjungfer und stand ganz auf. »Ihr habt ein gutes Werk gethan, indem Ihr einen Spagnol gesprengt. O, ich hätte wohl sehen mögen, wie der gottlose Dieb, der uns das Bischen Caffee und Zucker nicht gönnt und in seiner Bosheit den edeln Thee vertheuert, auseinander gefahren ist! Ich habe wohl Thüren und Schlösser sprengen sehen, aber einen Spanier noch nicht. Clötje, wie sah er denn aus? Hat er Hörner und Bocksfüße gehabt, wie der Leibhaftige? Sind ihm Flammen aus dem Rachen hervorgegangen, blauer Dunst und übelriechender Rauch?«
»Besinne dich doch, Philippintje!« ermahnte Clelia und ließ sich bei diesen Worten erschöpft nieder. »Wir haben ein Seegefecht bestanden und das ist siegreich zu Ende gebracht worden durch den Muth des Junker van Daalen, der das feindliche Schiff in Brand gesteckt.«
»Richtig, Clötje, richtig!« erwiederte zu sich kommend das Mädchen. »Ich besinne mich darauf. Also angesteckt hat er den Spagnol, wie ein Schwefelhölzchen? Das war ein gescheidter Streich. Ja, ja, sie brennen gut die Spagnols, denn sie sind fett von vielem Oeltrinken und Butteressen! Aber hatte ich nun Unrecht, als ich dir den hochedlen Junker anrühmte als einen, dem man wohl sein Schicksal vertrauen dürfe? Wer kann in diesen wilden, kriegerischen Zeiten ein schwaches Frauenbild besser beschirmen, als er, der zu Lande Admiral und auf der See General seyn könnte? Ja, lacht nur, aber Philippintje hat doch recht! Es ist keine Kleinigkeit, einem Spagnol so nahe zu kommen, daß man ihm den brennenden Zunder an den fetten Leib halten kann, besonders wenn er sich widersetzt, wie das so in seiner Art liegt. Meine Großmutter selig hat mir erzählt, daß so ein Don von der ganzen Stadt Leyden belagert und beschossen worden ist, daß er sich durch Zauberspruch und Amulett feuerfest gemacht habe und zuletzt unter Wasser gesetzt werden mußte, vor dem die Hexenkünste nicht bestehen können. Das war die berühmte Belagerung von Leyden. Und mein Balthasar — was ist nicht meinem Balthasar Alles begegnet mit ihnen —«
»Erzählt uns das ein andermal, gute Philippintje!« fiel ihr Cornelius in die Rede. »Geht lieber hinauf zu Frau Beckje und laßt Euch eine Stärkung geben. Ihr scheint derer zu bedürfen.«
»Ihr habt Recht!« antwortete Philippintje, indem sie der Thüre zuwankte. »Es ist mir schwach um’s Herz und auf der Brust. Der Bootsmann besitzt ein treffliches, stärkendes Elixir. Den will ich um einige Tröpflein ansprechen. Halte dich wacker, mein Clötje! Denk’ an den gesprengten Spagnol und an die treue Liebe des hochedlen Junkers!«
Sie schlich seufzend und stöhnend die Treppe nach dem Verdecke hinauf. Cornelius setzte sich an Clelia’s Seite, nahm ihre Hand und sagte mit zärtlichen Blicken:
»Habt Ihr Euch erholt von Euerem Schrecken, von der mir so theuern Besorgniß um mich? O Clelia, könnt Ihr mir verzeihen, daß ich aus Euerm stillen freundlichen Leben Euch herausgerissen habe in dieses unruhige gefährliche Welttreiben? Wenn Ihr meine Liebe billigt, so könnt Ihr mir nicht zürnen, denn sie hat mich zu Thorheit und Unbesonnenheit fortgerissen, und — ich muß es voll Scham gestehen — zu Lüge und Betrug. Ich will mich nicht entschuldigen. Ihr mögt mich richten, wie Ihr wollt. Gebietet mir, Euch zurückzuführen, Euch nie wieder zu sehen, Euch auf ewig zu entsagen — ich werde diese Strafe nicht ertragen, aber ich werde mich ihr unterwerfen ohne Murren.«
»Ihr kennt meinen Entschluß, Junker Cornelius!« antwortete mit einem sanften Lächeln Clelia und er glaubte einen leisen Druck ihrer Hand wahrzunehmen. »Ihr kennt auch meine Gesinnungen. Ich weiß nicht, ob mein Vater unter den eingetretenen Umständen je das Bündniß zwischen uns billigen wird, aber das weiß ich, daß ich nie einem anderen Manne, als Euch, meine Hand reichen werde. Ja, lieber Cornelius, ich gelobe Euch das! Ihr habt freilich auf eine unbesonnene Weise mich thörigtes Mädchen verleitet, allein Ihr habt auch wiederum Euer Leben gewagt um meinetwillen und eine Heldenthat vollbracht, von der man erzählen wird im Vaterlande. Noch gestern war ich ein blödes Kind von geringer Einsicht, fremd in Welt- und Kriegshändeln, glaubend einem jeden Worte und fügsam in Alles, was man mir vorschlug. Ich bin eine andere geworden seitdem. Ich überlege, ich handle selbst. Ich habe nicht allein meinen Vater, ich habe auch meine Ehre zu bedenken. Wir gehen nach Mastricht zur Muhme. Wie wir es schon verabredet, suchen wir von dort aus um des Vaters Einwilligung nach. Ach, Cornelius, das werden lange Tage der Erwartung seyn, bis wir seine Antwort erhalten! So stark ich mich auch zu machen suche, so bin ich doch nur ein schwaches Mädchen, das in ängstlichen Zweifeln fürchten und schwanken wird. Welches Glück, wenn ich als Euere Braut, von unsern Vätern willkommen geheißen, nach Rotterdam zurückkehren dürfte! Nur so oder nimmer sieht mich die Vaterstadt wieder. Wird mir des Vaters Verzeihung nicht, versagt er seine Erlaubniß zu unserm Glücke, in seinem leider gerechten Zorne, dann bleibe ich ganz bei der Muhme und bringe meine Tage einsam und verlassen hin, von jeder Weltfreude geschieden, zur Buße meines kindischen Leichtsinns.«
»Clelia, ich verdiene Euch nicht;« sagte erbittert auf sich selbst der Junker, stand auf und ging bewegt im Zimmer auf und nieder. »Ihr seyd wahrhaftig zu gut für einen tollen Jungen, der sich arg an Euch versündigt. Nicht genug, daß Ihr mir verzeiht, daß Ihr mir Euere Liebe schenkt — Ihr wollt auch duldsam und ergeben büßen für meine Thorheiten, für Sünden, die ich, die aber nicht Ihr begangen habt. O, ich erkenne Eueren ganzen Werth und meinen eigenen Unwerth! Aber ich will auch ein anderer werden, als ich bisher war. Ihr sollt sehen, daß ich den Leichtsinn hinter mir lasse und wenigstens strebe Euerer würdig zu werden.«
Der Entschluß, den er in diesem Augenblicke faßte, war in der That der erste Schritt zu seiner Besserung. Er wollte nicht nur Clelia während der Reise für seine Schwester gelten lassen, er wollte sie auch als eine solche halten, doch ohne die Vertraulichkeit eines Bruders gegen sie zu üben, immer in den Schranken der Ehrerbietung, die ihre Gesinnung ihm einflöste. Mit diesem Vorsatze reifte auch der Gedanke in seiner Seele, daß es unrecht von ihm gehandelt sey, Clelien noch länger auf dem trügerischen Elemente den Gefahren auszusetzen, welche dieses selbst und der lebhaft auf ihm geführte Krieg bot. Zu Land schien ihm die Reise weit sicherer. Waren auch an manchen Stellen feindliche Haufen vorgedrungen, so konnte man ja das voraus erfahren und seine Maßregeln darnach treffen. Cornelius kannte aus seinen früheren Feldzügen alle Wege und Stege. Er war mit allen Kriegslisten vertraut, er konnte darauf rechnen, an den meisten Orten, die der Landweg berührte, Bekannte zu finden. Aber auf dem Schiffe? Hier war ringsum eine Schranke gezogen, die niemand überschreiten konnte. Wer einmal in diesen Kreis gebannt war, der mußte jedem Geschicke stehen, das sich in seine Bahn warf. War es der entsetzliche Sturm, der verwüstend heranstürzt und Alles vernichtet, was sich ihm entgegenstellt, war es die furchtbare Wasserhose, die in ihren Wirbel Segel, Masten und Schiffe wüthend hineinreißt, war es ein übermächtiger Feind, der das unbedeutende Fahrzeug unter der Last seines Gewichtes verächtlich in die Nacht der Wogen hinabdrücken konnte! Freilich hätte der verwegene Muth des jungen Kriegsmannes allen diesen Dingen Hohn gesprochen, aber Clelia — Nein! Nein! Ihr Leben, ihre Ehre durfte nicht länger diesen Gefahren ausgesetzt bleiben.
Die Abenddämmerung fing schon an, das kleine Gemach in Schatten zu hüllen. Sie befanden sich nicht weit von der Festung Willemstadt. Wie Jansen schon früher geäußert hatte, sollte die Barke bei einigen einsam stehenden Häusern in der Nähe dieses Ortes anlegen und es stand dann einem jeden frei, die Nacht am Lande, oder an Bord des Fahrzeuges zuzubringen.
Cornelius eröffnete Clelien seine Absicht. Er that dieses auf eine zarte und ehrerbietige Weise, die von ihr sehr wohl aufgenommen wurde und welche ihn selbst in einem vortheilhaften Lichte erscheinen ließ.
»Wie Ihr es für gut findet, lieber Junker!« entgegnete traulich und ungezwungen das Mädchen. »Ich habe immer nur still in meinem väterlichen Hause gelebt und bin unbekannt mit den Regeln der Vorsicht, die man auf Reisen beobachten muß. Ich verlasse mich ganz auf Euch in dieser Angelegenheit und ich glaube, ich kann es auch jetzt.«
Ein freundlicher und liebevoller Blick begleitete diese Worte.
»Bei dem Degen des großen Marlborough!« rief feuerig der junge Mann: »ich wäre nicht werth, unter König Wilhelm gefochten zu haben, wenn ich jemals Euer Vertrauen wieder zu täuschen vermöchte. Ihr habt ganz über mich zu gebieten, wie über einen Diener, der Euch den vollkommensten Gehorsam schuldig ist. Ja, Clelia, ich will Euch durch meine Ehrfurcht, durch Gehorsam und Treue dahin bringen, daß Ihr vergessen sollt, wie ich einmal diese Gefühle außer Augen gesetzt und Euch tief gekränkt habe durch schmählichen Betrug! Ihr sollt in Cornelius van Daalen einen neuen Menschen kennen lernen, der von dem alten nichts übrig behalten hat, als eben das wenige Gute, was an ihm war. Ich glaubte glücklich zu werden durch jenen unbesonnenen Streich, aber wie sehr habe ich mich geirrt! Es gibt kein entsetzlicheres Gefühl, als das des eigenen Unwerths, das fort und fort am Herzen nagt.«
»Ihr müßt nicht so Viel denken!« tröstete gutmüthig lächelnd Clelia. »Sonst war ja das Denken Euch zuwider, wie unserer Philippintje der Schiwa; warum wollt Ihr Euch jetzt in quälende Gedanken versenken, die doch nichts bessern können?«
»Mich können und sollen sie bessern;« entgegnete Cornelius mit einem Ernst, der ihm seltsam anstand. »Ich habe ihnen nur zu oft und zu lange meine Seele verschlossen, ich habe die köstlichsten Gaben des Menschen von mir verbannt, um ganz den Thorheiten zu leben, die ich aus dem wilden Kriegstreiben mitheimgebracht.«
»Nein, nein!« bat Clelia. »Ihr dürft Euere heitere Laune nicht verbannen, sie muß uns die Beschwerden der Reise erleichtern, sie wird uns unvermerkt und freundlich an den Ort unserer Bestimmung führen. Und weil Ihr mich doch einmal zu Euerer Gebieterin erkoren habt,« setzte sie schalkhaft und bedeutungsvoll hinzu, »so befehle ich Euch hiermit, jeden düsteren, unangenehmen Gedanken von Euch fern zu halten und fortan als ein freundlicher Gesellschafter mir zur Seiten zu bleiben!«
Sie stand auf und näherte sich der Thüre. Cornelius betrachtete sie mit Blicken voll Entzücken. Das war dieselbe Clelia nicht mehr, die mit kindischer Blödigkeit durch die Straßen von Rotterdam zur Kirche geschritten, die, wie einem Bibelspruche, den Worten Glauben geschenkt, welche der Leichtsinn ihr vorgeplaudert, die nichts kannte als den engen Raum des Hauses, als den Weg zur Kirche und wieder zurück, die mit großer Wichtigkeit jede Kleinigkeit behandelt, ohne der Dinge eigentliche Bedeutung zu erkennen. Wie verständig, wie schonend, wie zart und liebevoll zugleich begegnete sie nicht ihm, der doch so schwer gegen sie gefehlt! Welche Selbstbeherrschung wußte sie über sich zu üben, mit welcher Güte suchte sie ihn zu trösten und zu erheben und wie schön, wie unvergleichlich und reizend stand ihr nicht Alles an, was sie sagte und that!
»Sie ist ein Engel!« rief er aus, als sie durch die Thüre verschwunden war. »Und ich — ich — o! ich will den Himmel zu erringen suchen, den sie nur allein bereiten kann!«
Er eilte ihr nach und erreichte sie noch, ehe sie das Verdeck betrat. Auf diesem hatte indessen Alles eine andere Gestalt gewonnen. Die kriegerischen Rüstungen waren verschwunden, das Bord war von Waffentrümmern und Blut gesäubert worden, die Verwundeten befanden sich unter sorgsamer Pflege im Raume: Alles hatte ein friedliches Ansehen, nur der drohende Besen prangte noch an der Spitze des Mastes.
Auf dem Vorder- und Hinterverdecke erblickte man Gruppen fröhlicher Seeleute. Jansen war ein strenger, aber dabei auch ein gutmüthiger und jovialer Befehlshaber. Seine Leute hatten sich gut gehalten, sie hatten ihm einen großen Dienst geleistet, indem die reiche, von ihm verbürgte Ladung vor dem Spanier gerettet worden war. Er wollte ihnen nun auch vergelten, er wollte ihnen einen lustigen Abend machen. Ein Fäßchen Genever ward ihnen preißgegeben, die Mundrationen an Käse und Häring wurden verdoppelt und Tabak erhielt ein jeder soviel, daß er auf mehrere Wochen hin genug hatte. Was konnte das Herz eines holländischen Matrosen mehr begehren? Die Seeleute überließen sich auch einer Freude, die sie ganz aus der Ruhe und Stille, welche auf holländischen Schiffen gewöhnlich herrscht, herausriß. Sie scherzten und lachten, sie sangen allerlei Spottlieder auf die spanischen Dons, Volksgesänge, die damals im Gebrauche und in den Niederlanden allgemein verbreitet waren.
Als Cornelius auf dem Verdeck erschien, ward ihm von den Matrosen, die in einem Kreise am Vordertheile versammelt waren, ein lautes Vivat gebracht. Alle stürmten auf ihn zu. Er mußte mit jedem trinken, aber er nippte von dem Inhalte der dargebotenen Gläser nur zum Scheine und um keinen der fröhlichen Seeleute durch eine Weigerung zu kränken.
»Ein wackerer Junge!« rief der eine. »Er hat die Syrene gerettet. Ohne ihn hingen wir dem Spagnol im Schlepptau!«
»Schade, daß er kein Seehund ist!« schrie ein anderer. »Er würde das Meer rein halten von spanischen Don’s und französischen Mosje’s!«
»Er ist so tapfer, wie seine Schwester schön ist;« jubelte ein dritter, der dem Genever etwas mehr zugesprochen hatte, als seine Cameraden. »Auch seine Schwester soll leben!«
»Hoch!« stimmten die Uebrigen ein. Clelia wandte sich erröthend ab und ging mit dem Junker nach dem Platz am Steuerruder, wohin Jansens mächtige Stimme sie rief.
»Backbord und Bramsegel! Da ist unser unzertrennliches Geschwisterpaar;« empfing er sie in spöttischem Tone. »Der Held des Tages erscheint und die Heldin, denn ich wette zehn holländische Linienschiffe gegen ein Treekschujt, ohne die Schwester hätten wir uns noch mit dem Hidalgo herumbalgen können, bis mit Gotteshülfe der Kutter herbeigekommen wäre, um uns Beistand zu bringen! Kommt! Setzt Euch zu uns! Beckje hat einen warmen Würzwein gebraut, der sich wohl trinken läßt auf solche Arbeit und an Neuigkeiten zur Unterhaltung wird’s auch nicht fehlen.«
Clelia war in einem so hohen Grade betroffen über den Anblick, den die hier befindliche Gesellschaft gewährte, daß sie von Jansens Rede wenig vernahm. Beckje saß recht behaglich auf der Bank neben ihrem Manne und — rauchte ihr Pfeifchen mit dem Anstande einer Raucherin, die längst die ersten Beschwerden dieses Vergnügens überwunden und das Lehrgeld der edeln Kunst abgetragen hat, nun aber sie in ihrem ganzen Umfange, in allen ihren Feinheiten zu würdigen und zu genießen versteht. Sie dampfte mit Jansen und dem Bootsmanne Herrmanneke, der auf der anderen Seite neben ihr saß, um die Wette. So wenig Jungfrau van Vlieten diesen Genuß dem zarten Geschlechte angemessen hielt, so war ihr doch recht wohl bekannt, daß viele Frauen in Holland, die durch ihren Beruf meistens im Freien beschäftigt sind, sich so an ihr Pfeifchen gewöhnen, daß es ihnen oft werther ist, als selbst der sonst so sehr beliebte Thee. Deshalb mochte sie auch der Frau des Capitäns nicht grollen über die Uebung einer Neigung, die ihr auch gut anstand und die sie mit vieler Zierlichkeit zu treiben wußte. Aber Clelia traute kaum ihren Augen, als sie auch Philippintje in einer recht traulichen und hingebenden Stellung neben dem Bootsmanne erblickte, ein großes Glas mit dampfendem Würzwein vor sich und zwischen den ängstlich zusammengekniffenen Lippen — ein dampfendes Stummelchen. Sie hatte das Gesicht widerwärtig verzogen, als kämpfe sie zwischen ihrem Willen und dem Uebelgeschmack der ungewohnten Sache. Sie wollte diesen aber mit Gewalt verbergen und der Zwang, den sie sich anthat, eine Behaglichkeit zu zeigen, die in diesen Augenblicken ihr ganz fremd war, gab ihr ein höchst lächerliches Ansehen. Sie schien übrigens gar nicht bestürzt, von ihrer jungen Gebieterin in dieser Beschäftigung betroffen zu werden. Sie sah sie so keck und sicher an, daß Clelia wohl ahnete, es müsse hinter dieser Gemüthsruhe noch etwas anderes stecken, als der bloße Weinmuth.
»Holland und England!« rief mit einem lauten Gelächter Junker Cornelius, indem er zu Philippintje trat. »Ihr raucht ja wie die spanische Schebecke, ehe sie gen Himmel fuhr! Nehmt Euch in acht! Wer das Kräutlein noch nicht kennt, soll nicht mit ihm scherzen. Die erste Bekanntschaft führt immer ihr Unangenehmes mit sich.«
»Stört mir das liebe Kind nicht!« legte sich Beckje eifrig dazwischen. »Sie weiß wohl, was sie thut und warum sie es thut. Auch hat sie schon treffliche Anlagen gezeigt und bis morgen — dafür ist mir gar nicht bange — hält sie mit Herrmanneke gleichen Schritt, der den ganzen Tag über an seinem Stummel kauet und den Schlaf nur deshalb nicht leiden kann, weil er sich mit dem Rauchen nicht verträgt.«
»Man muß sich an Alles gewöhnen!« sagte mit erzwungener Ruhe Philippintje, während eine leichte Blässe über ihre gefurchten Wangen flog. »Man weiß nicht, wo man es nöthig hat und wenn man es einmal kann, so braucht man wenigstens nicht zurückzustehen in einer guten Gesellschaft, wie die hier gegenwärtige.«
Mit einem tüchtigen Schlucke des dampfenden Getränkes suchte sie alle häßlichen Empfindungen, die sich ihr vorübergehend aufdrängten, hinabzuspülen. Der Bootsmann nickte ihr vertraulich und ermunternd zu. Es schien sich zwischen beiden ein Verständniß entsponnen zu haben, das Clelien neu war und das sie sich noch nicht erklären konnte.
»Du wirst dich krank machen, Philippintje;« sagte in gutmüthig ermahnendem Tone die Jungfrau. »Leg’ die Pfeife weg! Für dich ist das Rauchen eine überflüßige Sache und im Hause meines Vaters würde dir es auf keine Weise gestattet werden.«
»Versuche es nur selbst einmal, Clötje!« erwiederte Philippintje und bot der abwehrenden Herrin die Pfeife dar. »Es ist etwas Köstliches. Es prickelt und pizgelt so angenehm auf der Zunge, daß ich es mit nichts vergleichen kann. Nur einen Zug, Clötje, und du wirst ganz anders sprechen.«
Clelia wandte sich mit Widerwillen zur Seite.
»Du magst nicht?« fuhr Philippintje fort. »Auch gut! Ich will dich nicht zwingen. Wenn du aber meinst, daß ich das Rauchen nicht nöthig hätte, so lebst du in einem großen Irrthume. Auch ist es ein löblicher und christlicher Gebrauch, denn unser Domine in Rotterdam raucht auch und noch dazu aus einer Pfeife, so groß wie eine Theekanne. Freilich würde in deines Vaters Hause der Tabaksrauch die Vorhänge schwärzen, die schöne weiße Wäsche verderben und dem hochmögenden Heern selbst wohl zur Last fallen; aber mein Haus wird in Zukunft ein anderes seyn. In freier Luft, zwischen Himmel und Wasser werde ich leben, das Steuerbord wird meine Küche, das Backbord mein Kämmerlein seyn. Ich werde keinen Caffee mehr brennen, keinen Zucker mehr stoßen, keine Rosinen mehr belesen. Alle diese Kleinigkeiten bleiben mir fern; nur die herrlichen Meereswogen werden mich umrauschen, der Sturm wird über mein Haupt hintoben — aber das ist mir Alles nur Spaß, das gilt mir jetzt nicht mehr, wie das Gebroddel im Theekessel, wenn das Wasser kocht. Vivat das Seeleben!«
Clelia stand erstarrt. Die Begeisterung, zu der Philippintje erhoben war, konnte nichts anderes, als eine Folge des reichlichen Genusses von Beckje’s geistigem Getränk seyn. Sie entwickelte Ansichten und eine Lebendigkeit, die bisher bei ihr geschlummert hatten. Jansens und seiner Frau heimliches und bedeutungsvolles Lachen ließen Cornelius vermuthen, daß irgend ein seltsames Geheimniß hinter der ganzen Sache verborgen sey. Nur Herrmanneke bewahrte seinen Gleichmuth, sah ernsthaft vor sich hin und ließ im Uebrigen seinem Glase Gerechtigkeit widerfahren.
»Rauchen muß sie, wenn ich sie heirathen soll!« begann jetzt der Bootsmann mit fester und ruhiger Stimme. »Was hilft mir aller Caffee, aller Zucker, aller Thee und selbst die Fäßlein Genever, die sie, wie sie sagt, ihrem Heern verschlampt hat, wenn sie nicht mit mir eine Pfeife rauchen kann und wenn ich sie nicht vom Dampfe verschönert sehe, der wie ein Schleier um ihr Antlitz schwebt und die Runzeln unkenntlich macht. Ja, sie muß rauchen! Hundert Dukaten jährlichen Einkommens fallen ihr einmal heim, wie sie versichert, aber an dem Gelde ist mir nichts gelegen, denn ich lebe und sterbe am Borde der Syrene mit dem Stummel im Munde. Mann und Weib sind ein Leib; deshalb muß sie rauchen. Ich habe ihr die Ehe versprochen und ihr einen halben Ruyter auf die Hand gegeben gegen einen silbernen Reif, den sie mir verehrt; aber Alles unter der Bedingung, daß sie Tabak raucht und gleich im Augenblicke anfängt zur Probe. Sie hat es rechtschaffen gethan und Blixen! es soll ihr gut gehen, als eines Bootsmanns Frau, wenn sie gut raucht.«
»So ist es, mein Clötje!« bestätigte die liebenswürdige Braut Herrmanneke’s, indem sie von Neuem die Pfeife zu den bleichen, zuckenden Lippen führte, die sie einige Augenblicke lang hatte ruhen lassen. »Ich bin noch früher in den lieben Brautstand gekommen, als du, Kind, und das ist nicht mehr als recht und billig, da ich einige Jahre älter bin. Aber sey nicht traurig deshalb, Clötje! Auch dich wird die Reihe treffen und wir Beide werden dann glücklich seyn, du zu Land und ich zu Wasser. Habe ich ihm denn widerstehen können, dem Schalk von Bootsmann, wie Ihr ihn da seht? O, er besitzt Ueberredungskünste, mit denen er nur zu leicht ein unerfahrenes Mädchenherz bezwingt! Und dann — ach, Clötje! Gott hat ihn gezeichnet, aber nicht zum Bösen sondern zum Guten. Er hat ihn gezeichnet mit der Gestalt, mit den Gebehrden und den Gesichtszügen meines seligen Balthasar! Es war mir als kehre dieser aus dem Grabe zurück und begehre die Liebe, die ich ihm gelobt. Und das Rauchen! Hat denn nicht der liebe Balthasar auch seine Pfeife geliebt und den amerikanischen Canaster, den ich ihm aus des Heern Gewölbe oft zugesteckt, wie sein Leben? Wer kann für sein Herz, Seelen-Clötje? Es ist ein schwaches und wankelmüthiges Ding, wie schon die Schrift sagt und die Schrift Lügen strafen, wäre sündlich! Habe ich nun die ersten Tage meiner Jugend als Jungfrau Philippintje in Ehren verlebt, so will ich nun die schönste Zeit meines Lebens als Frau Bootsmann auf der Syrene genießen.«
»Aber Philippintje,« flüsterte Clelia, die hinter sie getreten war, ihr in’s Ohr, »denkst du denn gar nicht mehr an mich, an meine Lage, an mein Verhältniß mit Junker Cornelius, an dein Versprechen uns zu begleiten zu der Muhme und dort das Weitere zu erwarten?«
»Ja, ja! Ich erinnere mich wohl!« entgegnete die glückliche Braut und blies eine dicke Dampfwolke vor sich hin. »Umstände verändern die Sache. Ich hatte Unrecht, so etwas zu versprechen, denn der Mensch steht in Gottes Hand und soll nicht eigenmächtig über sich verfügen; ich würde noch größeres Unrecht haben, wenn ich ein so sündiges Versprechen halten wollte. Führe mich nicht in Versuchung, Clötje! Du warst sonst immer ein frommes Kind und wirst deiner Herzensfreundin nichts Schlechtes zumuthen wollen. Weißt du was, Kind? Heirathe du deinen Bruder, den Junker Cornelius: dann ist uns allen geholfen!«
Erglühend trat Clelia zurück und wandte ihr Gesicht ab, indem sie auf das Ufer mit den gastlichen Wohnungen blickte, dem sich die Barke näherte. Beckje und Jansen hatten sich bei Philippintje’s unbedachtsamer Aeußerung bedeutungsvolle Blicke zugeworfen, als sähen sie nun bestätigt, was sie bereits geahnt.
»Philippintje,« sagte jetzt Cornelius, der Clelias Stelle hinter dem Sitze der schmauchenden Hausjungfer eingenommen hatte, mit erbittertem und verbissenem Tone: »Ihr kennt unsern Vertrag. Hundert Dukaten jährlich auf Lebenslang, wenn Ihr bei uns bleibt, bis alles geschlichtet ist, zwischen uns und Heern Tobias; keinen Deut, wenn Ihr früher uns verlaßt!«
»Was frag’ ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin!« erwiederte das Mädchen und trank einmal dazu. »Behaltet Euere Dukaten und ich behalte meinen Bootsmann. Herrmanneke macht sich nichts aus dem Gelde, wie Ihr selbst gehört habt, und mir geht jetzt seine Liebe über Alles. Ja, das eigentliche Leben soll nun erst recht anfangen! In der Küche und in der Rauchkammer ist meines Bleibens nicht mehr, ich muß hinaus in die frohe, weite Welt. Niemand soll mich davon abhalten und gegen Gewalt wird mich mein Bootsmann schützen.«
»Das wird er!« versicherte Herrmanneke, indem er die geballte Rechte drohend vor sich hinstreckte und mit der Linken an das Messer in seinem Gürtel griff. »Wenn sie raucht und mich haben will, so sollen sie tausend Teufel nicht von mir losreißen. Galgen und Rad schneide ich dem ins Gesicht, der sich dagegen auflehnt und trüge er einen Bratspieß an der Seite, so lang wie die große Raa eines Dreideckers, und wäre er noch dazu der beste Freund meines Capitäns! Abspenstig lasse ich mir meine Braut nicht machen, notabene: wenn sie raucht.«
In diesem Augenblicke stieß die Barke an’s Land. Es war völlig dämmerig geworden. Aus den Häusern am Ufer schimmerten freundliche Lichter herüber. Auch schien es ziemlich lustig dort herzugehen. In einer der Wohnungen, die am Hellsten erleuchtet war, ertönte Musik: eine Sackpfeife und eine Geige, die sich in den schreiendsten Mißlauten zu überbieten suchten. Am Strande war Niemand zu sehen. Irgend ein Ereigniß im Innern ihrer Häuser mochte den Bewohnern in diesem Augenblicke wichtiger erscheinen, als die Ankunft eines Fahrzeuges, das sie schon oft bei sich gesehen hatten und dessen Mannschaft ihnen genau bekannt war.
Jenes Haus, aus welchem die Musik herüberschallte, wurde dem fragenden Cornelius von Jansen als das bezeichnet, wo er Bewirthung und Nachtlager finden könne.
»Beckje, ich und meine Leute, wir bleiben an Bord,« setzte der Capitän hinzu. »Wir sind das so gewohnt und überdem müssen wir jetzt noch besonders auf unserer Hut seyn. Morgen früh um sechs Uhr werden die Anker gelichtet, die Böller geben das Zeichen und wer dann nicht an Bord ist, der bleibt am Lande: so will es die Schiffsregel. Gute Nacht, Cornelius.«
Dieser war schon Clelien nachgeeilt. Das Mädchen empfand eine besondere Sehnsucht, den festen Boden zu betreten und in der gewohnten Umgebung häuslicher Gegenstände sich von den Abentheuern des Tages zu sammeln und zu erholen. Sie stand dicht am Rande des Schiffes, der das Ufer berührte. Cornelius hatte sie erreicht und ergriff ihren Arm, um ihr an’s Land zu helfen.
»Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!« rief da Philippintje’s Jammerstimme. »Ist das recht und fromm von dir gehandelt, Clötje, daß du Diejenige, die Mutterstelle bei dir vertreten hat, zurücklassen willst, wenn du zu Musik und Freude gehest? Warte nur, Kind! Ich komme schon, ich komme.«
Sie warf dem überraschten Bootsmann die Pfeife hin und stand eilig auf. Aber das Schiff, Himmel, Wasser und Land dreheten sich um sie in wirbelnden Kreisen. Vor ihren Augen flammten Blitze auf, sie durchzuckten schmerzhaft ihr Haupt, sie verwirrten sie, so daß sie kaum wußte, wohin sie ihre Schritte richten sollte. Wie das Hohngelächter höllischer Geister tönte ihr dazwischen der Spott Jansens und Beckje’s in die Ohren, die ihren Zustand erkannten und eine Lust daran fanden, die bei Leuten ihres Gewerbes wohl zu entschuldigen war. Dem entsetzlichen Schiwa gleich starrte Herrmanneke’s Angesicht aus einer dicken Rauchwolke ihr entgegen. Taumelnd entfloh sie. Sie griff sich an dem Schiffsgeländer fort bis zu dem Junker van Daalen hin. Diesem, der eben Clelien an’s Land gehoben hatte, sank sie in die Arme.
»Die nehme ich nicht!« sprach ganz ruhig der Bootsmann hinter ihr her. »Sie lernt das Rauchen nimmermehr. Der Tabak verträgt sich nicht mit ihrer Natur und eine so bejahrte Natur läßt sich nicht zwingen.«
Indessen hatte sich Philippintje, von tödtlicher Beängstigung ergriffen, fest an Cornelius geklammert. Ihr Antlitz brannte in Fiebergluth, sie zitterte an allen Gliedern.
»O nehmt mich mit, Herzensjunker!« flehete sie. »Ich bin elend, ich bin krank, der Tod sitzt mir schon auf der Zunge und ich fühle es, ich überlebe die Nacht nicht! Ihr habt mich fortgelockt aus dem Hause, wo alle Herrlichkeiten der Welt, Caffee, Zucker, Thee und Rosinen mir im Ueberflusse zu Gebote standen, Ihr müßt nun auch für mich sorgen und mir ein ruhiges Sterbestündlein bereiten, mit dem Siechentröster, und ein ehrliches Begräbniß mit dem schwarzbeflorten Ansprecher[ *)] und dem stattlichen Leichenkonducte. Auf einmal ist mir’s an’s Herz geschossen eiskalt und in den Kopf siedend heiß und ich weiß nun, daß es aus ist und ich bald Rechenschaft geben muß von jedem Stückchen Canel, von jedem Loth Zucker, von allen Dingen, die ich dem hochmögenden Heern Tobias van Vlieten ungetreu vertragen. Und wie wird’s mir gehen, wenn die Rede kommt auf den gottlosen Schiwa, daß ich ihn alle Sonnabende gewaschen und gebürstet habe? Aber, nein! Das fällt mir nicht zur Last, das war im Herrendienste und der geht vor Gottesdienst.«
[*) ]Aanspreeker. Dieser ladet die Gäste zum Leichenbegängnisse ein und führt den feierlichen Zug an.
Cornelius sah ein, daß Philippintje auf dem Wege war, in einer freilich schmerzhaften und quälenden Weise, von ihrer Verirrung geheilt zu werden. Es mußte ihm viel daran gelegen seyn, sie als Cleliens Gesellschafterin beizubehalten. Er war überzeugt, daß sie, wenn sie wieder völlig Herrin ihrer Besinnung geworden, ihren Vortheil zu sehr in Anschlag bringen werde, um noch weiter an die tolle Heirath mit Herrmanneke zu denken. Rasch schwang er die Jammernde auf seinen Arm und schritt, von der unbedeutenden Last wenig gehemmt, Clelien nach, die indessen sich den hell erleuchteten Häusern genähert hatte.
»Sie ist krank,« sagte er in gedämpftem Tone zu der erschreckenden Geliebten: »aber es wird vorübergehen und keine schlimmen, sondern für uns die besten Folgen haben.«
»Ja, Clötje, mein Kind, ich bin elend zum Sterben;« wimmerte Philippintje von Cornelius Schulter herab. »Die Strafe folgt der Sünde auf dem Fuße und ich muß nun sterben an der Pfeife Tabak, die ich dem verführerischen Bootsmann zu Gefallen geraucht. Aber verlaß mich nicht in meiner letzten Stunde! Denke daran zurück, wie ich deiner gepflegt, als du im Scharlachfieber und in den Blattern lagst, wie ich Tag und Nacht bei dir hingebracht und jeder Bissen, den du genossest, jeder Trunk, der dir Kühlung brachte, durch meine Hand gegangen ist. Gehe auch mit zu meiner Leiche, Kind! Lege mir einen Kranz von weißen Blumen auf das Grab, wie er mir gebührt, als einer heimgegangenen Jungfrau.«
Clelia, in deren Seele sich mitleidige Theilnahme in einem hohen Grade regte, wollte die Bedrängte trösten, aber diese hörte nicht darauf. Ihre Klage verlor sich in ein unartikulirtes Weinen, das nur durch einzelne Ausrufungen ohne besondere Bedeutung gestört wurde. Sie rührte sich nicht, sie schien aller Herrschaft über ihre Glieder beraubt.
Als die Reisenden das Haus betraten, nach dem sie Jansen hingewiesen hatte, fanden sie den Hausflur festlich geschmückt. Es glänzte Alles von Reinlichkeit, der rothe Backsteinboden war mit farbigem Sand in allerlei zierlichen Figuren bestreut, an den Wänden hingen Kränze von künstlichen Blumen aus buntem Papier geschnitten, zwischen diesen Schildereien von unterschiedenem Werthe.
Die Musik tönte aus der Küche, die in vielen Häusern auf dem Lande auch zugleich das Prunkgemach ist, in dem man die Gäste empfängt. Cornelius und Clelia waren zu vertraut mit den Gewohnheiten ihres Vaterlandes, um nicht sogleich den Zweck der nahe an der Hausthüre aufgestellten großen Filzschuhe zu erkennen und sie über die ihrigen zu ziehen, damit der saubere Hausgang und der Porzellanboden der Küche, in der sie nun die Hausfrau aufsuchen mußten, nicht befleckt würden.
Es ging sehr lustig her in der Küche, nämlich in so weit es die holländischen Anstandsregeln erlaubten. Vor dem blankstrahlenden Heerdte thronte auf einem erhabenem Sitze die Wirthin des Hauses, eine Frau von mittlerem Alter, die mit unerschütterlicher Gemüthsruhe in die Tasse Thee blickte, die eben die eine Hand zum Munde führte, während die andere eine Butterschnitte mit geräuchertem Stockfisch hielt. Ihre Stirn wurde von einer ungeheueren Spitzenhaube beschattet, bis zum Halse steckte sie in der reichbeblumten Calamankjacke, deren mächtige Schöße weit über die Kniee hinabreichten. In ähnlicher Beschäftigung und Haltung saßen in einem Halbkreise ihre Freundinnen und Nachbarinnen ihr zur Seite. Alle sahen starr in die dampfenden Theetassen und auf den duftenden Stockfisch des Butterbrotes. Nur zeichneten sich die Gäste von der Hausfrau dadurch aus, daß sie sämmtlich die großen schwarzen Regentücher, deren Zipfel den Boden berührten, um den Kopf geschlungen hatten, welche die Holländerinnen auf dem Lande, sobald sie nur die Schwelle ihrer Wohnungen übertreten, bei Sonnenschein und Schneegestöber, bei Windstille und Sturm, nicht verlassen. Im Uebrigen schien sich die ganze Gesellschaft sehr behaglich zu fühlen. Keiner der Theetrinkenden fehlte das beliebte, sanft von unten erwärmende Feuerstövchen und jede hatte zu gelegentlicher Dienstleistung das zierliche Quispeldöschen neben sich. Es war eine Gesellschaft von Freundinnen im höchsten Grade der geselligen Freude: keine sprach ein Wort, aber alle Bedürfnisse holländischer Bequemlichkeit waren befriedigt und das blank gescheuerte, funkelnde und strahlende Messing- und Kupfergeschirr, der glänzende Reichthum des englischen Zinns, des japanischen Porzellans in den gebohnten Glasschränken erquickte noch überdem die Augen der versammelten Frauen, wenn sie diese einmal von der Theetasse und vom Stockfische aufschlugen. Je weniger aber die Gesellschaft sich laut machte, desto mehr glaubten die zwei Musikanten für eine lärmende Unterhaltung sorgen zu müssen. Der Dudelsackbläser, eine hagere bleiche Figur, schien die letzten Odemzüge aufwenden zu wollen, um durch seine melodischen Töne über die schwer zu erschütternden Herzen seiner Zuhörerinnen zu siegen. Der Geiger, noch kleiner und hagerer, rang mit ihm um den Preis des Sieges. Beide saßen in einem Winkel der Küche auf einer umgestürzten Tonne und hatten einen ungeheueren Bierkrug zwischen sich.
Wenn der Zweck, der diese muntere Gesellschaft hier vereinigt hatte, nicht durch sie selbst und ihre Aeusserungen klar wurde, so befand sich doch ein Gegenstand in der Küche, der jedem Eingebornen sogleich einen vollständigen Aufschluß gab. Es war nämlich Kuh-Visite bei der gastfreien Wirthin und die geschlachtete, ausgeweidete, zierlich mit Bändern und goldpapiernen Blumen geschmückte Dulderin, die den Bedürfnissen des nahenden Winters zum Opfer gefallen war, hing an einem eigenen Gestelle von hell polirtem Nußbaumholz der Hausfrau gerade gegenüber, so daß sie von allen Anwesenden fortwährend angeschaut und bewundert werden konnte. Sie hatte das treue Haupt nach ihrer ehemaligen Herrin hingewendet und sah diese aus den lichtlosen Augenhöhlen ebenso geistreich an, wie sie wiederum von ihr in einzelnen Augenblicken der Trennung von Thee und Stockfisch, angeblickt wurde. Es lag wirklich etwas Rührendes in dem Umtausche dieser Blicke. Beide waren gewiß Herzensfreundinnen gewesen, aber das unerbittliche Schicksal hatte geboten und die eine mußte fallen, wenn auch nicht unter der Hand der Freundin, doch unter ihren Augen und auf ihr Geheiß.
Kaum hatte Cornelius einen Blick in die hell erleuchtete Küche geworfen, so sah er auch gleich die Bedeutung des Festes ein und daß er dieses nicht durch einen Aufruf der Wirthin stören dürfe.
»Janneke!« rief er zurücktretend, und sogleich haspelte sich hinter der Tonne, auf welcher die Musikanten ihr entsetzliches Gelärm trieben, der Hausknecht hervor, der gewöhnlich in Holland bei diesem Namen gerufen wird. Dem kleinen kugelrunden Burschen fiel es schwer, sich zwischen den trinkenden Frauen hindurch zu winden, ohne eine von diesen, was ein unverzeihliches Verbrechen gewesen wäre, durch Berührung zu stören. Er begann auf verschiedenen Seiten seine Versuche, aber hier traten ihm die ungeheueren Schöße einer Calamankjacke, dort die langen Zipfel eines Regentuches in den Weg. Gerade gehend hindurchzukommen, war eine reine Unmöglichkeit, denn die Ellnbogen der Damen hielten so eng zusammen, daß bei dem taktmäßigen Theetrinken, zu dem die Hausfrau immer das Zeichen gab, eine allgemeine geräuschvolle Reibung entstand. Endlich faßte Janneke einen raschen Entschluß zu einer kühnen That. Er warf sich nahe an der Küchenwand glatt auf den Leib nieder und kroch nun zwischen dieser und dem eher zu berührenden Feuerstövchen, das die Füße der hier sitzenden trug, hervor, um das Verlangen des angekommenen Gastes zu vernehmen.
Er stand odemlos vor dem Reisenden und sah mit Blicken dummen Erstaunens auf Philippintje, die noch immer seufzend und stöhnend auf Cornelius Schultern ruhete und seinen Hals so ängstlich umklammert hielt, als wolle sie ihn nicht lassen ihr Lebelang. Des Junkers Gebot trieb den Hausknecht, sie in das Gastzimmer des obern Stocks zu führen, wo der Kriegsmann sich sogleich seiner süßen Last entledigte und sie auf ein Ruhebett niederließ.
»Das ist mein letztes Lager!« sagte mit sehr schwacher Stimme Philippintje, die nur Leiden, aber nicht Freuden des Brautstandes kennen lernen sollte. »Ich war des ledigen Standes müde und wollte nun selbander das Glück der Jugend genießen, denn: ›es ist nicht gut, daß du allein seyst,‹ und: ›Er schuf ein Männlein und ein Fräulein;‹ sagt die Schrift. Aber es soll nicht seyn! Das Beißen und Prickeln auf der Zunge und in den Augen hätte ich wohl ertragen dem Bootsmanne zu Liebe, aber der Qualm ist mir in’s Herz gedrungen und will nun heraus und wird es zersprengen zur Strafe meiner Sünden. Ach, wer nur ein reines Gewissen hätte in dieser Stunde!« fuhr sie jammernd fort. »Aber was liegt nicht Alles darauf und drückt es schwer hinab, so daß es sich nicht erheben kann von der Erde? Clötje, wenn du je wieder heim kommest in die fromme Stadt Rotterdam, so sprich deinen Vater an um Verzeihung für die arme Sünderin, die dann nicht mehr lebt und gestraft worden ist durch das, woran sie gesündigt. Entdecke ihm, daß der kostbare Canaster, den er so oft im Gewölbe vermißt, durch mich dem Domine zugetragen worden, daß ich glaubte mir mit dem Tabak ein Stühlchen im Himmel zu erbauen, das aber, wie ich nun wohl einsehe, ein rauchender, quälender Sitz in der Hölle geworden ist. Ich kann nicht mehr, lebe wohl, Clötje! Haltet sie gut, Junker Cornelius!«
Sie schwieg und kehrte sich tief aufseufzend nach der Wandseite. So große Unbequemlichkeit dieser Zustand ihr auch erregen mußte, so hatte er doch nichts, was ernstliche Besorgnisse hätte verursachen können. Bis zum Morgen war gewiß Alles vorüber und Philippintje war um eine gute Lehre und eine nützliche Erfahrung reicher!
»Laßt mich allein mit ihr, Junker Cornelius!« bat Clelia. »Sie wird sich eher beruhigen und alle Pflege, deren sie bedarf, kann sie von mir erhalten. Sendet mir nur Thee. Der wird die beste Arznei für sie seyn.«
Cornelius schob den Hausknecht, der noch immer das ihm unbegreifliche Schauspiel anglotzte, vor sich her zur Thüre hinaus. Er sorgte dafür, daß der verlangte Trank in das Krankenzimmer gebracht wurde und überließ sich dem Nachdenken über seine tollen Streiche und die Begebenheiten des heutigen Tages, indem er, bei dem Klange der schreienden Instrumente, vor dem Hause auf und nieder ging. Es war ein sternenheller Abend. Für einen der letzten Tage des Oktobers wehete die Luft ziemlich lau. In den leicht bewegten Wellen schwankte das Spiegelbild des Mondes lieblich hin und her. Von der Barke schwammen einzelne laute Worte, munteres Gelächter und der Gesang Beckje’s herüber. Cornelius empfand einen Augenblick Lust, seinem Freunde Jansen noch einen späten Besuch zu machen; allein diese Anwandlung verlor sich bald in ernste Betrachtungen über seine Lage, über die Zukunft, der er Clelien ausgesetzt. Eine finstere Stimmung, wie er sie früher nie gekannt, bemächtigte sich seiner. Es war Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem Schicksale, das ihn, wie er meinte, dahin getrieben, dumme Streiche zu machen.
Er war wohl über eine Stunde in solche Gedanken versunken am Strande hin und her gewandelt, als die Musik im Innern des Hauses verstummte. Schweigend und geisterartig schlichen die schwarz verhüllten Frauen von der Kuhvisite nach Hause. Sie waren selig in ihrem Innern. Sie hatten ja Thee getrunken und Butterbrod mit Stockfisch gespeist! Welcher Wunsch, welche Sehnsucht wäre noch in ihren Herzen zurückgeblieben?
Auf die Ermahnung Janneke’s, der die Hausthüre verschließen wollte, begab sich Cornelius in die gastliche Wohnung zurück und suchte sein Zimmer. Er gedachte einige Stunden zu ruhen, aber die Schwermuth, die über ihn gekommen war, verscheuchte den Schlaf von seinen Augen. Er fühlte, daß er in einem Wendepunkte seines Lebens stehe. Die tausendfarbigen Bilder, die der Leichtsinn erschaffen, die seine Phantasie genährt hatte, waren in dunkele Nacht untergegangen. Die Zukunft starrte ihm mit einem finstern, drohenden Antlitze entgegen; aber er beschloß gegen alles Ueble, das sie bringen könne, zu kämpfen, wie ein Mann, Clelien als unerschütterlicher Beschützer redlich zur Seite zu stehen und sich das geliebte Mädchen, das seine Unbesonnenheit aus dem ruhigen Geleise ihres häuslichen Lebens gerissen, durch ein edles Benehmen zu gewinnen. —
Wir müßten den Pinsel und den Sinn eines niederländischen Malers für solche Dinge besitzen, wollten wir — wenn es auch der Leser vergönnte — alle Qualen und Uebel, die Philippintje im Laufe dieser Nacht überstand, zu schildern versuchen. Es war schon nahe gegen Morgen, als Junker van Daalen durch den Hausknecht in das Krankenzimmer beschieden wurde, wo man seiner begehre. In einem Augenblicke war er drüben.
Die Gepeinigte saß halbaufrecht und reichte ihm sehnsuchtsvoll beide Arme entgegen. Clelia stand an einem Tische und bereitete frischen Thee, während sie ihn aus dem bleichen, überwachten Angesichte freundlich anlächelte.
»Ach, es ist gut, daß Ihr kommt, hochedler Junker!« sagte Philippintje mit gepreßter, aber doch erkräftigter Stimme. »Ich kann nicht leben und nicht sterben. Das Goldstück, das mir Herrmanneke für das Verlöbniß auf die Hand gegeben, brennt mir auf dem Herzen und läßt mich nicht von dannen fahren. Erzeigt mir noch einen Dienst auf der Welt, den letzten Liebesdienst. Nehmt das Goldstück, gebt es ihm zurück und bringt mir den Ring wieder, den ich treuer hätte bewahren sollen, da er noch von Balthasar selig stammt. Ich habe furchtbare Dinge gesehen in dieser Nacht. Auf der einen Seite stand Balthasar, auf der anderen, mit dem Stummel im Munde, Herrmanneke, und beide rissen sich um mich, wie die höllischen Geister um eine arme Seele. Das Gezerre wollte kein Ende nehmen. Da trat aus dem schrecklichen Tabaksqualm, den der Bootsmann verbreitete, Heern Tobias van Vlieten’s lange hagere Gestalt hervor und schrie mit Donnerstimme: Hebt Euch weg von ihr, denn sie ist mein, weil sie mir ihre Seele dahingegeben hat für Caffee und Zucker, so sie mir gestohlen! Balthasar und Herrmanneke verschwanden und ich glaubte nun nicht anders, als der hochmögende Heer werde mir den Hals umdrehen, so daß ich mit dem schwarzangelaufenen Gesichte hinter mich sehen müßte, allem Gebrauche und aller Schicklichkeit zuwider. Aber Clötje’s liebe Stimme, die tröstlich dazwischen klang, verscheuchte die entsetzlichen Bilder und der Zuckerthee, den sie mir einflöste, trieb den kalten Schauer fort, der mir durch alle Glieder rann. Geht, hochedler Junker, geht: ich beschwöre Euch! Die Seele will sich vom Leibe lösen, aber sie vermag es nicht, denn das Goldstück und der Ring hält sie am Irdischen fest. Da ist der halbe Ruyter des Bootsmannes. Holt mir meinen Ring und bringt mir gleich auch den Siechentröster und den Ansprecher mit!«
Aus Philippintje’s überströmender Redseligkeit erkannte der Junker, daß ihr Uebel bereits im Abnehmen sey und nur die erregte Einbildungskraft ihr noch immer den Tod als eine nahe, unvermeidliche Sache vorspiegle. Ein Wink Clelia’s bestimmte ihn, das Goldstück aus Philippintje’s bebender Hand anzunehmen.
»Nun eilt, eilt, hochmögender Heer Cornelius!« flehete sie von Neuem. »Laßt die arme Seele nicht zu lange kämpfen und nach Erlösung schmachten! Sagt dem Bootsmann, daß wir geschieden seyen für die irdische Zeitlichkeit und die himmlische Ewigkeit! Er hat mich ums Leben gebracht mit seiner Pfeife, aber ich verzeihe es ihm auf dem Sterbebett, als eine gute Christin, die keinen Groll mit hinübernimmt ins Himmelreich. Eilt, lieber Junker! Erlöset die arme Seele!«
Sie sank in die Kissen zurück. Ehe noch Cornelius die Thüre erreichte, verriethen schon laute unmelodische Töne, die ihren Lippen entschwebten, daß sie in einen tiefen, ihr wahrscheinlich höchst wohlthätigen Schlaf gefallen sey.
Es war ein kühler, feuchter Morgen. Dicke Nebel lagen auf dem Hollands-Diep und dem flachen Küstenlande. Wie durch einen grauen Flor schimmerte die Leuchte von der Barke herüber. Noch fand Cornelius niemand ermuntert, als den Bootsmann, den er suchte und der am Steuer Wacht hielt. Die glimmende Pfeife in Herrmanneke’s Munde zeigte dem Junker den Weg. Es hielt nicht schwer, jenen zu bewegen den leichten silbernen Ring, den er von Philippintje als Liebeszeichen empfangen hatte, gegen das werthvollere Goldstück herauszugeben.
»Ich möchte sie nicht, und wenn sie in Zucker und Caffee eingepökelt wäre!« sagte der unfeine Seemann. »Was thäte ich mit einer Frau, der eine halbe Pfeife Tabak den Kopf verdreht und die den Wachholder wohl gern haben mag, aber keine Natur, ihn zu vertragen? Es ist auch besser, ich bleibe ledig. Capitän Jansen zahlt mir doch nicht mehr, wenn ich auch eine Frau nehme und da meine Frau durchaus Tabak rauchen muß, so gäbe das eine doppelte Ausgabe, die ich am Ende nicht bestreiten könnte. Sie hatte mich beschwatzt, die Jungfrau! Sie sprach mir so viel vor von meiner Aehnlichkeit mit ihrem lieben seligen Balthasar, von ihrem Reichthum an Zucker, Caffee und selbst Canaster, daß es mir am Ende in den Sinn kam: Blixen! das wäre eine Frau für dich. Ich platzte heraus mit dem Antrag und sie hielt mich fest an meinen Worten, wie die Harpune den Wallfisch. Und als sie sich gar eine Pfeife stopfte und anfing zu dampfen, wie ein Alter, da ging mir das Herz auf, als wäre ich erst zwanzig Jahre alt und sie wäre ein Mädchen von siebzehn. Ich sah sie nicht hinter der Rauchwolke und machte mir weiß, sie wäre entsetzlich schön. Doch genug von dem Schatze! Es ist vorbei und ich will sie mir aus dem Sinn schlagen.«
Er stieg auf und machte einen Gang nach dem Vorderkastelle hin. Cornelius suchte indessen Clelia’s Gepäck zusammen und rief den Schiffsjungen, der in der Küche schlummerte, herbei, damit er es an’s Land trage. Jansen war nirgends zu sehen. Der Junker ließ ihn und Beckje durch Herrmanneke grüßen und von der Veränderung seines Reiseplans benachrichtigen.
Als Cornelius wieder leise in das Frauengemach trat, um den Erfolg seiner Sendung zu melden, lag Philippintje noch in tiefem Schlafe. Auch Clelia war auf ihrem Sitze in einen leichten Schlummer gefallen. Er näherte sich ihr vorsichtig. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, die reizende Geliebte, deren Wangen mit lieblichen Rosen prangten, einige Augenblicke zu betrachten. Ihre Odemzüge waren sanft; leicht hob sich die Brust, in der alles Glück seiner Zukunft ruhete. Die geschlossenen Wimpern zuckten, um die Purpurlippen begann ein freundliches Lächeln zu spielen.
»Cornelius!« bebte es von dem halbgeöffneten Munde.
Sein Entzücken war vollkommen. Er mußte sich bezwingen, nicht laut den Namen der Geliebten zu rufen, nicht den süßen Traum zu stören, dessen glücklicher Gegenstand er war. Kaum konnten sich seine Blicke von ihr trennen. Wie schön war sie doch! Der Engel seines Lebens, von dem er nicht allein ein glückliches, auch ein edleres Daseyn erwarten konnte, lag da in sanfter Ruhe, den Himmel im schönen Antlitze, der im Herzen heimisch war. Von einem Gefühle der Ehrfurcht ergriffen, trat er zurück. Es that ihm leid, schon so lange verweilt zu haben, es war ihm, als habe er einen Verrath an dem herrlichen Mädchen begangen.
Auch er genoß jetzt einiger Stunden ruhigen Schlummers. Als er erwachte und durch’s Fenster sah auf den Spiegel des Hollands-Diep, war es hell geworden, die Sonne stand schon ziemlich hoch, von der Syrene war nichts mehr zu erblicken. Die Heiterkeit, die auf Land und Wasser ruhete, fand er auch in seinem Gemüthe wieder. Der Anblick der ruhig schlummernden Clelia hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht, und sich so fest in seine Seele geprägt, daß er das liebliche Bild fortwährend vor sich zu sehen wähnte. Seine guten Vorsätze gaben ihm die Zufriedenheit mit sich selbst zurück. Er nannte den frohen Sinn, der ihn immer belebt hatte, wieder sein Eigenthum, aber er war nun auch überzeugt, Festigkeit und Willen zu besitzen, ihn zu zügeln, daß er nicht wieder seine Dämme durchbreche und in unbesonnenen, tollen Streichen ausströme.
Erst gegen Mittag fand er Einlaß bei Clelien. Philippintje war, wie er vorausgesehen hatte, frisch und gesund, fuhr geschäftig im Zimmer umher und suchte seine Blicke zu vermeiden. Als er ihr den silbernen Ring zurückgab, trat eine Thräne in ihr Auge.
»Hat es ihm nicht sehr wehe gethan, dem Herrmanneke?« fragte sie. »Um Gotteswillen! Er hat sich doch nicht etwa ein Leid zugefügt?«
»Das ich nicht wüßte!« versetzte kaltblütig Junker Cornelius. »Er schien im Gegentheile ganz zufrieden mit dieser Wendung der Sache. Eine Frau, die das Rauchen nicht ertragen könne, wäre ein für allemal nichts für ihn, meinte er.«
»Der Bösewicht!« grollte Philippintje. »Er hätte es doch noch einmal probiren können! Aber ich verliere nichts an ihm. Frau Bootsmann kann ich immer noch werden.«
Alles war zur Fortsetzung der Reise auf dem Landwege bereit. Sie hatten einen weiten, ziemlich unbebaueten Landstrich zu durchziehen. Mancherlei Beschwerlichkeiten stellten sich ihnen in den Weg, aber sie durften auch hoffen, hier nicht so leicht auf feindliche Streifpartheien zu stoßen, die sich mehr in jenen Gegenden hielten, wo sie erwarten konnten, ihre Raub- und Plünderungssucht befriedigt zu sehen.
Cornelius hatte, vermittelst guter Bezahlung — er war gewohnt, immer eine ansehnliche Summe in Gold bei sich zu führen — von der Wirthin des Hauses einen Wagen, mit vier starken ostfriesischen Pferden, für die nächsten Tage gemiethet. Janneke, der Hausknecht, sollte den Kutscher machen und für die richtige Rückkehr des Fuhrwerks sorgen. Freilich war dieses weit entfernt, die Bequemlichkeiten zu bieten, welche in unseren Zeiten von einem wohleingerichteten Reisewagen gefordert werden. Es war ein einfacher Leiterwagen, mit einem Dache von Wachstuch versehen, das man öffnen und verschließen konnte, wie es der Wechsel der Witterung gebot. Aber das Innere hatte Cornelius mit aller Sorgfalt eines Liebenden so behaglich eingerichtet, wie es die Umstände zuließen. Die Seiten waren mit warmhaltendem Tuche beschlagen, der Boden mit Kissen belegt und zu dem Sitze für Clelia hatte er den prächtigen und höchst bequemen Lehnstuhl der Wirthin theuer erkauft und schaukelnd in starke Riemen eingehängt. Nach damaligen Begriffen war dieses schon ein sehr stattliches Fuhrwerk, das die Tochter des dicksten Mannes in Rotterdam sich nicht schämen durfte zu besteigen.
Bald war man freundlich eingerichtet in der kleinen beweglichen Wohnung. Auch für Proviant, für Leckerbissen, so gut sie das Gasthaus geboten, hatte der Junker gesorgt. Rasch trabten die vier muthigen Rosse landeinwärts von dannen. Clelia saß voll stillen Seelenfriedens dem glücklichen Cornelius gegenüber. Philippintje schien sehr in sich gekehrt. Von einer kleinen Anhöhe warf sie noch einmal einen Blick hinab auf das silberglänzende Hollands-Diep, dessen Wellen sie gestern noch als eine hoffnungsvolle Braut geschaukelt hatten.
»Der Treulose! Der Tabakstyrann!« murmelte sie in sich hinein, dann verschloß sie die Augen und stellte sich, um allen beschämenden Fragen auszuweichen, als ob sie schliefe.
3.
Der Kutter, den Capitän Jonas befehligte, hatte indessen, durch seine leichte Bauart und den besten Wind begünstigt, mit der Eile eines die Lüfte durchschneidenden Vogels, seine Fahrt durch das Hollands-Diep nach dem Kramer fortgesetzt. So sehr auch die zwei jungen Leute, die dem Professor Hazenbrook durch die Zurückführung der schönen Clelia die Aussicht auf den Besitz des Mumienkörpers von Heer Tobias van Vlieten sichern wollten, sich früher der Flüchtigkeit des lustigen Freiers von Rotterdam erfreut hatten, so lästig fiel sie ihnen jetzt, da eben sie es war, die sie immer weiter von dem Gegenstande ihres Forschens und ihres Verlangens entfernte. Sie sahen auch wenig Hoffnung vor sich, bald von ihrer unerwarteten Haft befreit zu werden. Capitän Jonas ging finster und schweigend auf dem Verdecke auf und nieder, würdigte sie keines Blickes und die Mannschaft folgte seinem Beispiele. Die schöne Juliane war auch, nachdem sie vernommen, daß die spanische Schebecke in die Luft geflogen und nach dieser Himmelfahrt, keine weitere Gefahr vorhanden sey, wieder erschienen und tanzte und sang leichtfertig am Bord umher. Dann und wann sah sie wohl nach den Gefangenen hin, aber in ihren Augen zeigte sich so viel Hohn und Schadenfreude, daß selbst La Paix, der bisher nur sich selbst Vorwürfe über seine vorschnelle Verliebtheit und die in dieser begangenen Thorheiten gemacht hatte, sich gestand, es müsse ein süßes Gefühl seyn, an dieser Sünderin Rache zu nehmen. Sie schien mit allen Personen der Mannschaft genau befreundet. Sie plauderte so vertraut mit dem Schiffsjungen und mit den Matrosen, wie mit dem Steuermann und dem Bootsführer. Alle nannten sie du und manche Freiheiten, welche sich die jungen Männer nahmen, wurden von ihr mehr muthwillig und auffordernd, als ernst und zurückweisend, abgelehnt.
»La Paix!« sagte Le Vaillant, indem er mit dem Freunde zur Seite trat und einen verächtlichen Blick auf das Mädchen warf. »Die hätte mich zu keinem dummen Streiche verleiten können! Cadédis! In dem Lande, wo die herrliche Garonne strömt, hätte sie, nach altem Gebrauche, einen gelben Kittel tragen müssen, um ein Abzeichen zu haben vor andern ehrbaren Frauen. Ich will ihr nur rathen, mir nicht zu nahe zu kommen, sie möchte sonst Dinge hören, die ihr nicht lieb wären und ich wollte ihr einen Spiegel vorhalten mit ihrem ganzen vortrefflichen Wesen und Wandel, vor dem sie zurückprallen sollte, als hätte sie einen Drachen erblickt.«
»Sey ruhig und verstelle dich!« ermahnte La Paix. »Ich habe wohl größere Ursache, sie zu hassen, als du, aber ich sehe ein, daß wir doch nur durch sie allein unsere Freiheit erlangen können. Wir dürfen es nicht noch mehr mit ihr verderben, als es schon geschehen ist. Sie ist listig und boshaft, aber sie ist auch habgierig. Gieb Acht! Sie kommt von selbst, um als eine gute Seelenverkäuferin mit uns zu handeln über unser Lösegeld. Sie sieht uns für Citronen an, die man so lange auspressen muß, als nur noch der Gewinn eines Tropfens zu erwarten ist.«
»Sandis!« fuhr der junge Gascogner fort, ohne seines Gefährten Rede zu beachten. »Der werthe Professor hat uns da in eine schöne Patsche gebracht, aus der wir uns nun selbst herausarbeiten können. Was hat der Mann auch für tolle Gedanken! Welcher Mensch, außer ihm, käme in der weiten Welt auf die wunderbare Idee, aus einem Rotterdammer Theekaufmann eine egyptische Mumie, einen Pharao und Sesostris zu machen? Morgué! Wenn ich die Geschichte einmal in meinen alten Tagen meinen Kindern und Kindeskindern erzähle, so werden sie behaupten, ich binde ihnen etwas auf oder der Professor sey wahnwitzig gewesen.«
»Ist er es denn etwa nicht?« entgegnete kaltblütig der andere. »Er ist sonst ein gescheidter und gelehrter Mann, von dem wir Mancherlei lernen können, aber er hat einen Tick und dieser Tick besteht eben in seinem unsinnigen Gelüst nach einem viertausendjährigen Bewohner der Nilufer, mit dem er sein Schooßkind, das Naturalienkabinet, putzen will. Hat es denn nicht Leute gegeben, mit denen man die anmuthigste Unterhaltung von der Welt führen konnte, die man als Wunder von Verstand anstaunte, bis zufällig die Rede auf Macedonien oder Jerusalem kam, und dann der eine ganz ernsthaft versicherte, er sey Alexander der Große und habe den Darius besiegt, oder der andere in aller Ruhe hinwarf, er, als der weise Salomo, müsse am Besten wissen, wie es beim Tempelbaue von Jerusalem hergegangen sey? Gerade ein solcher Thor ist unser Professor. Er ist belehrend, vernünftig, geistreich, bis ihm etwas aufstößt, das seine egyptische Narrheit aufrührt. Dann sind aber auch von ihr mit einemmale alle Dämme, die sein Verstand ihr entgegenstellen kann, überschwemmt, er wird fortgerissen zu den köstlichsten Tollheiten und wir — nun wir haben dann einen Gegenstand zum Lachen, wir sind seiner lästigen Aufsicht entledigt und können dann unserer Freiheit genießen — wie wir es zum Beispiel jetzt thun.«
»Eine schöne Freiheit, das!« brummte Le Vaillant. »Eingeschränkt auf das Verdeck eines kleinen Schiffes, ohne Waffen, bewacht von fünfzig Augen —«
»Du irrst!« wandte mit stoischer Ruhe La Paix ein. »Es sind neunundvierzig oder einundfünfzig, denn unser edler Capitän zählt nur eins. Ach, Le Vaillant, was mich weit mehr betrübt,« fuhr er in schwermüthigem Tone fort, »ist, daß auch wir zwei, jeder in seiner besonderen Weise, einen solchen wahnwitzigen Tick haben!«
»Corbleu!« fuhr sein Freund auf. »Ich ersuche dich, in solchen Ausdrücken von dir allein zu sprechen. Ich, Gottlob! habe mir meinen gesunden Verstand bewahrt und hoffe, daß ich dermaleinst in dem Schlosse meiner edeln Eltern, an dem die herrliche Garonne vorüberfließt, weder als Alexander der Große, noch als weiser Salomo auftreten werde.«
»In welchem schmählichen Irrthume lebst du doch, bester Freund!« sprach sehr sanft La Paix weiter. »Ist denn das nicht schon ein Tick, daß du dich für so ganz erstaunlich gescheidt hältst, und wie weit ist denn der Sprung von diesem Wahne der Gescheidtheit bis zum Wahne der Weisheit, der dich im nächsten Augenblicke in deinen eigenen Begriffen zum weisen Salomo erhebt? Und daß du mit deinen Gedanken nur immer in der Gascogne, deren Vorzüge ich übrigens nicht bestreiten will, lebst, daß du die Zwiebel von der Garonne höher schätzest, als die köstliche Ananas von Amboina, daß du gar nicht herauskommen kannst aus den Kraftwörtern, die in deiner Heimath beliebt sind, ist denn das nicht ein arger Tick? Und ich? Ach, theuerer Le Vaillant, mit mir steht es noch weit schlimmer! Ich sehe jedes hübsche Mädchen mit Blicken an, wie Hazenbrook die egyptischen Mumien. Habe ich nicht ein schauderhaftes Beispiel meines Wahnwitzes im Laufe des heutigen Tages gegeben? Hätte mir ein geringfügiges Mädchen, wie die Juliane, mein sämmtliches Geld, nebst der sonst so werthgehaltenen goldenen Kette, dem theueren Angedenken meiner Mutter, abnehmen können, wenn ich nicht von einem entsetzlichen Tick befallen wäre? Und noch einmal von dir zu sprechen, Liebster! Womit willst du deine Rauflust bei jeder unbedeutenden Gelegenheit, die Wuth, dein Blut oder das eines andern zu vergießen, dein Leben um einer Lumperei willen auf’s Spiel zu setzen, anders entschuldigen, als mit dem Wahnwitze, der heimlich in deinem Innern wohnt, den aber die geringste Kleinigkeit ins Daseyn ruft? Glaube mir, Bester! Wir sind sehr zu beklagen.«
»Du magst wohl recht haben!« versetzte im Tone einer bei ihm seltenen Niedergeschlagenheit Le Vaillant, auf den die schwermüthige Stimmung, in die sich sein Freund hineingeredet, ansteckend gewirkt hatte. »Wir sind übel dran! Wir treiben wahnwitziges Zeug, ergo: sind wir wahnwitzig.«
Sie gingen schweigend und in sich gekehrt auf dem Verdecke hin und her. Ihre Blicke waren zur Erde gerichtet, in ihren Zügen lag der Ausdruck eines Kummers, der schwer auf ihrem Herzen zu lasten schien. Aller Muth war, ihrem Aeußern nach, von ihnen gewichen. Was würden ihre Mitschüler in Leyden gesagt haben, wenn sie die zwei sonst so lebensfrohen Franzosen, den kecken Le Vaillant, der mit den verwegenen Blicken die Welt erobern zu wollen schien, den milden La Paix, dessen immerwährende Freundlichkeit sprüchwörtlich geworden war, in diesem Zustande erblickt hätten?
Juliane, die sie heimlich, aber sehr aufmerksam beobachtete, holte ihre Laute hervor, ließ ein Paar Griffe durch die Saiten rauschen und sang ein munteres französisches Liedchen, das zu Freude und Frohsinn aufforderte. Die Studenten hatten das Ansehen, es nicht zu hören. Die Falten von ihrer Stirn wichen nicht, der Ausdruck tiefen Grams beharrte in ihren Mienen. Da legte Juliane das Instrument weg und näherte sich ihnen mit theilnehmender Gebehrde. Sie glaubte den Augenblick günstig, wieder eine Art von Vertraulichkeit mit ihnen anzuknüpfen, die ihr zur Ausführung ihrer still entworfenen Plane behülflich seyn sollte. Der Schwermüthige ist nicht grob, dachte sie, er giebt im schlimmsten Falle keine Antwort und darauf hin kann ich’s wagen.
»Verbannt Euern Kummer, Messieurs!« sagte sie, indem sie den Studenten in den Weg trat. »Heute mir, morgen dir! sagt das Sprüchwort, und alle Dinge in der Welt sind veränderlich, wie Ihr wißt. Was habt Ihr auch groß zu klagen? Ihr seyd hier in so guter Gesellschaft, als sich nur auf irgend einem holländischen Schiffe findet, Ihr werdet anständig behandelt, als Kriegsgefangene, und Ihr dürft nur wollen, so werde ich selbst gern mich bemühen, Euch die Zeit auf eine angenehme Weise zu verkürzen. Habt Ihr noch sonst ein Begehren? Entdeckt Euch mir. Juliane ist gewiß Euere Freundin und wird Alles thun, Euere Wünsche zu befriedigen. Sprecht! Fehlt Euch etwas?«
»Eine Kleinigkeit, Mademoiselle,« versetzte, nachdem er einen langen starren Blick auf sie gerichtet hatte, in dumpfem Tone La Paix. »Wir sind wahnwitzig: weiter nichts!«
Juliane bebte zurück. Die beiden jungen Leute hatten in der That Etwas in ihrem Wesen, das den Worten desjenigen, der zu ihr gesprochen hatte, Bestätigung zu verleihen schien. Sie sah sich furchtsam um, ob auch Leute in der Nähe seyen, die ihr im Falle der Noth Beistand leisten könnten. Zu ihrem Troste stand ihr Vater nicht weit und einige Matrosen, die ihr Ruf sogleich erreichen konnte, waren in der Nähe beschäftigt.
Ihre Bestürzung wurde sogleich von La Paix bemerkt. Er trat rasch auf sie zu, ergriff stark die Hand der sich Sträubenden und hielt sie, trotz aller Versuche von ihrer Seite, sie ihm zu entziehen, fest in der seinigen.
»Ja, Mademoiselle, wir sind wahnwitzig und ich sage dieses, nicht etwa um Euch zu täuschen, sondern im vollen Ernste,« fuhr La Paix in einem noch hohleren Tone, als er vorher angenommen hatte, fort. »Es ist ein Familienfehler bei meinem Freunde und mir. Wenn unser Uebel zum Ausbruche kommt, kann uns niemand widerstehen. Menschenhände sind nicht fähig uns zu greifen, Menschenkraft vermag nicht uns zu bewältigen. Wir zertrümmern Alles, wir vernichten Alles, was sich in unserer Nähe befindet. Nichts was nied- und nagelfest, ist vor uns sicher und — ich muß das Aergste gestehen! — wir sehen in unserer Verblendung Alle, die dem weiblichen Geschlechte angehören, für Raubthiere an, die wir von der Erde vertilgen müssen und kostete es unser eigenes Leben. So ist es, unvergleichliche Juliane! Einem solchen Ausbruche geht dann immer ein Zustand der Schwermuth, der Beängstigung, einer kaum zu ertragenden Niedergeschlagenheit voran, wie ungefähr Derjenige, in dem wir uns jetzt befinden. Wir sehen dann allerlei Phantome, ganz gewöhnliche Dinge und Menschen erscheinen uns wunderbar und seltsam, ganz anders, wie sie in der Wirklichkeit sich verhalten. So kommt Ihr zum Beispiel, treffliche Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaßen wie die heidnische Zauberin Circe vor. Es ist mir, als hättet Ihr wie jene gewaltige Dame des Alterthums die Passion, Menschen in Thiere zu verwandeln, und es fehlte Euch nichts dazu, als die Macht. Aber meine Einbildungskraft stürmt dann, ohne daß ich sie zu zügeln vermag, immer weiter. Ihr verwandelt Euch vor meinen sichtlichen Augen. Jetzt, Mademoiselle, sehe ich Euch mit einemmale ganz anders, als vorher. Bei allen Stürmen des Hollands-Diep und des Biesbosches, Ihr seyd der Drache, der das goldene Vließ bewacht, und ich bin Jason, der Held der Argo, der gekommen ist, Euch zu ermorden! Medea, die Hexe, steht mir bei, ich vergifte Euch, ich verbrenne Euch in feueriger Lohe — Beruhigt Euch, holdselige Juliane!« sprach er weiter und verwandelte den wilden schreienden Ton, durch den er sie entsetzt und fast zu dem Entschlusse, nach Hülfe zu rufen, gebracht hatte, in den Laut sanfter Schwermuth. »Seyd ohne Furcht, Allerliebenswürdigste! Dergleichen Anwandlungen sind nur vorübergehend, wie Wetterleuchten vor dem Ausbruche des Gewitters. Für heute habt Ihr nichts zu besorgen. Le Vaillant und ich, wir halten uns noch bis morgen. Es können noch einzelne Zufälle sich zeigen, aber die sind unschädlich. Ihr werdet uns in eine immer tiefer werdende Schwermuth versinken, vielleicht Ströme von Thränen vergießen sehen, eine seltsame Einbildung wird die andere jagen — das darf Euch nicht kümmern, das ist nur noch der leichte unschuldige Zeitvertreib des Wahnwitzes. Aber morgen, morgen —« setzte er, mit einem tiefen Seufzer, bedeutungsvoll hinzu, »morgen erscheint der Tag des Kampfes, der Vernichtung, des blutigen Verderbens. Dann stehe ich für nichts. Dann vermögen keine Stricke, keine Banden, keine Ketten uns zu halten!«
»Ihr wollt nur scherzen!« sagte Juliane mit einem erzwungenen Lächeln, indem sie sich fort und fort bemühete, ihre Hand aus des jungen Mannes pressender Rechten loszuwinden. »Ihr und Euer Freund habt zwar ein betrübtes Ansehen, aber keineswegs das von tollen Leuten. Der Rosoli meines Oheims spukt Euch wohl noch im Kopfe und wenn der verflogen ist, werden auch wohl die Wahnbilder aus Eurem Gehirne entweichen.«
»O daß es so wäre!« erwiederte La Paix mit gedämpfter Stimme und zum Himmel gerichteten Blicken. »Aber ich kenne uns: den schrecklichen Le Vaillant, wenn sein Unstern über ihn aufgeht, und mich, der sich selbst in den Augenblicken der Wuth verschlingen möchte. In Leyden, der herrlichen Universitätsstadt, nennt man uns nur den Löwen und den Tiger; denn man hat uns gesehen in dem furchtbaren Zustande, der die Welt zu vernichten droht, man verschloß alle Thore, man ließ Regimenter gegen uns marschiren — Alles vergebens! Die Wuth mußte sich in sich selbst verzehren. Dann waren wir wieder die besten Bursche von der Welt und tranken Brüderschaft mit den Soldaten und den Commilitonen, die wir vorher angefallen hatten wie reißende Thiere. Ihr wißt nun Alles. Ihr seyd gewarnt. Laßt jetzt ab von mir, denn ich fühle, daß meine Einbildungskraft wieder anfängt sich zu regen! Es könnten sich Gestalten zeigen, ich könnte Dinge sprechen — Ja, ja, trefflichste Juliane! Es ist besser, wir brechen jetzt ab. Erwägt Alles wohl, was ich Euch entdeckt habe. Morgen, morgen wird Blut fließen in Strömen, vielleicht das Euerige, das noch heute Euere Wangen röthet, das noch heute Euer edles Herz hebt zu gefühlvollen Schlägen für die halbe Menschheit!«
Juliane wußte noch immer nicht, ob das was sie hörte, Scherz oder Ernst sey. Dennoch ließ ihre natürliche Furchtsamkeit, die sie auch jetzt, nach ihrer sonstigen Gewohnheit, unter muthig klingenden Worten zu verstecken strebte, sie das Schlimmste erwarten.
»O ich habe ganz andere Dinge gesehen!« versetzte sie, aber nicht in jenem muthwilligen Tone, wie sie dieselbe Redensart bei dem übereilten Zweikampfe zwischen den beiden Studenten vorgebracht hatte. »Ich fürchte mich nicht. Mein Vater ist da, der Bootsmann ist ein starker Mann und von den übrigen Leuten steht einer immer für zwei.«
La Paix antwortete nichts. Mit einem großen, bedauernden Blicke betrachtete er das Mädchen von oben bis unten, schüttelte traurig den Kopf und preßte aus tiefer Brust einen so klagenden Seufzer, daß er Julianen durch Mark und Bein ging.
»Schade um das reizende Wesen!« sprach er dann, sie mit gläsernen Augen anstarrend, dumpf in sich hinein. »Heute noch so schön und morgen — Tod — Blut — Asche!«
Er wandte sich mit seinem Freunde ab und ging nach einer andern Seite. Juliane sah ihnen zitternd nach. Ein Frösteln zog durch ihre Glieder. Sie versuchte zu lächeln; sie mußte mit den Zähnen klappern und Thränen traten ihr in die Augen. Es war bereits dämmerig geworden. Die Düsterheit, die auf den Wellen und auf dem Schiffe lag, erhöhete das unheimliche Gefühl, von dem sie sich ergriffen fand, um Vieles.
»Es ist Alles Lüge, es ist Alles lächerlich!« sagte sie sich selbst. »Wie können denn zwei Menschen den vereinten Anstrengungen so vieler andern widerstehen, wenn diese sich ihnen entgegenwerfen im Ausbruche ihrer Tollheit, um sie zu bändigen und zu knebeln? Pah! ich glaube nichts von dem ganzen Geschwätz. Das ist Prahlerei, blauer Dunst!« Aber in ihrem Innern sprach eine Stimme, die den gewaltsam aufgebotenen Muth zu Schanden machte. Sie war in früheren Jahren einmal bei einer Verwandten in Friesland zu Besuch gewesen. Dort brachte es die Sitte mit sich, daß Frauen und Jungfrauen sich öfters zu Abendversammlungen zusammenfanden, in denen alte seltsame Geschichten erzählt wurden, deren Inhalt gewöhnlich die Herzen mit Schauder erfüllte, und die Gemüther zu Bangigkeit und Zagen stimmte. Dort war auch von den ehemaligen friesischen Königen erzählt worden, von gewaltigen Seehelden, die weit vom Norden herabgekommen waren und Wunder der Kraft und der Tapferkeit verrichteten. Wenn diese nun in Zorn geriethen, so waren sie in eine Wuth verfallen, deren Aeußerungen keine Gewalt, keine Uebermacht zu hemmen vermocht. Es war über sie gekommen, wie eine Krankheit. Nicht alle waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses Uebel die Berserkerwuth genannt. Juliane dachte in ihrer Aufregung nicht daran, daß die zwei jungen Leute nichts weniger, als Nordlands-Reken seyen. Die Stimme aus ihrem Innern rief ihr nur immer zu: »Juliane, Juliane, dein letztes Stündlein ist nahe! Du hast dich des Lebens erfreuet, aber du wirst nun bald starr, blutig und kalt daliegen.« Sie konnte mit allem Aufgebote ihrer Besonnenheit diese Stimme nicht zum Schweigen bringen. In diesem Kampfe widriger Zweifel zog sie sich an das Steuerruder neben ihren Vater zurück und verfiel hier in ein tiefes Nachdenken. Von Zeit zu Zeit warf sie aber doch einen und den andern verstohlenen Blick auf die beiden Studenten, deren dunkele Gestalten sich in der Dämmerung schattenartig am Vordertheile des Fahrzeuges hin und her bewegten.
»Cadédis!« sagte Le Vaillant, als er sich mit seinem Freunde allein und unbelauscht sah, zu diesem. »Du treibst es zu weit. Einen kleinen Tick ließ ich mir schon gefallen, aber du machst uns ganz und gar zu Narren und ich will es loben, wenn man nicht hinterrücks über uns herfällt, um uns gebunden an einen sicheren Ort zu bringen.«
»Der Spaß war köstlich!« versetzte leise der Angeredete. »Er hat mich aus meiner trübseligen Stimmung herausgerissen, er hat mir meine Ruhe wiedergegeben. Wie die schöne Sünderin zitterte um das Bischen Leben, das sie so übel anwendet, wie sie ihre Hand so gern losgerungen hätte, aus der des Wahnwitzigen, wie ihre Seele gepeinigt und geprickelt wurde zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Grauen und dem lächerlichsten Wahne! Le Vaillant, du thust mir leid, denn bei deiner Denkart, bei deinen Gefühlen, die nur rasch und heftig, aber nicht tief und ergreifend sind, konntest du unmöglich den Genuß haben, den mir die Folterqual der listigen Gaunerin gewährte. Deine Besorgniß ist thöricht. Sie wagt nichts gegen uns, sie fürchtet den Alles vernichtenden Ausbruch unserer Wuth zu beschleunigen. Ich ahne, daß noch ganz andere Dinge sich aus meinem glücklichen Einfalle entspinnen werden. Halte dich nur immer hübsch ruhig an meiner Seite. Schlage die Arme unter, wie ich, hefte die Blicke auf den Boden, nimm einen langsamen abgemessenen Schritt an, bleibe stehen, wenn ich stehen bleibe, stöhne kläglich, wenn ich es thue, genug, folge in Allem meinem Beispiele und du wirst sehen — es ist unser Schade nicht!«
Trotz der einbrechenden Nacht schwebte der Kutter noch immer mit ausgespannten Segeln über die Wellenfläche hin. Laternen waren ausgehängt worden, die Strahlen des Mondes zitterten auf dem bewegten Wasser und ließen nach der linken Seite hin einen dunkeln Streif sehen, der das Uferland bezeichnete. Bei der milden Luft, welche Abends der frischen Kühle des Tages gefolgt war, blieben die meisten der Leute auf dem Verdecke, wo sie sich mit Segelflicken, Netzausbessern und dergleichen beschäftigten. Nur Capitän Jonas, der den Abend gern ruhig in seiner Cajüte bei der Madeiraflasche zubrachte und diejenigen der Matrosen, denen die heutige Nachtwache zufiel, hatten sich zurückgezogen. Juliane saß noch immer in Sinnen verloren an einer Stelle, wo sie durch die arbeitenden Matrosen von den Gefahr drohenden Gefangenen geschieden war. Diese beharrten in ihrer Theilnahmlosigkeit, in ihrem düstern Hinbrüten. Mit untergeschlagenen Armen wandelten sie auf und nieder, kein Wort ging über ihre Lippen, nur tiefe, lauthallende Seufzer, die selbst bis zu der fernen Juliane herüberdrangen, entquollen von Zeit zu Zeit ihrer Brust.
Es mochte gegen die zehente Abendstunde seyn, als auf des Steuermanns Geheiß, der im Auftrage seines Capitäns befehligte, nicht weit vom Lande die Anker ausgeworfen wurden. Einige Matrosen lagen schon schlafend auf den Bänken des Verdeckes, andere rüsteten sich, ebenfalls zur Ruhe zu gehen. Niemand schien sich um die Kriegsgefangenen zu kümmern.
»Kannst du schwimmen, La Paix?« raunte diesem sein Freund zu. »Was mich betrifft, so getraue ich mich wohl, diese Handvoll Wasser zu durchschneiden, wie ein Delphin, und in zehn Minuten spätestens am Lande zu seyn. Morgué! ich habe dir ganz andere Kunststücke gemacht in dieser Gattung. Die Garonne ist Zeuge meiner Thaten gewesen und man gab mir wegen meiner Schwimmfertigkeit den Namen des Fisches, wie jenem Sizilianer, der einen goldenen Becher aus dem Schlunde der Charybdis holte.«
»Ich kann nicht schwimmen!« gab La Paix trocken zur Antwort. »Es ist auch gar nicht nöthig, daß du deine Fischnatur zu besonderen Anstrengungen in diesen Gewässern aufbietest, die vielleicht nicht so freundlich seyn dürften, wie deine heimathliche Garonne. Gedulde dich nur eine ganz kurze Zeit und ich verspreche dir, man wird uns auf die höflichste Weise einladen, ein Boot zu besteigen, das uns frei und ledig an’s Land bringt, die vortreffliche Juliane selbst wird sich alle Mühe geben, uns — vielleicht noch mit einiger Berücksichtigung ihres zeitlichen Vortheils — von dem lustigen Freier von Rotterdam wegzuschaffen und dann — nun dann können wir ja, wenn es uns beliebt, die Barke des Sire Jansen erwarten und unsern Plan auf die schöne Clelia verfolgen.«
Früher, als La Paix selbst erwartet hatte, ging seine Prophezeiung in Erfüllung. Das letzte Wort war kaum seinen Lippen entschwebt, so fühlte er sich an seinem Kleide gezupft. Um nicht aus seiner Rolle zu fallen, wandte er sich mit einem schweren Seufzer um. Einer der Schiffsjungen stand vor ihm, aber mit so gerader und argloser Miene, daß der Student wohl einsah, diesem ahne nichts von den entsetzlichen Dingen, welche Juliane befürchtete.
»Die Schiffsjungfer läßt Euch grüßen!« sagte vertraulich und leise der Knabe, so daß es nur die beiden Jünglinge hören konnten. »Sie hat Mitleid mit Euch und sähe es nicht gern, wenn Ihr in’s Unglück geriethet. Sie will suchen, einige Matrosen zu gewinnen, die Euch heimlich, während der Capitän bei’m Weine sitzt, an’s Ufer bugsiren. Aber dazu braucht sie Geld oder Geldeswerth. Sie meint, der Ring, den der Junker am Finger trägt, wäre wie dazu gemacht, die Leute zu verblenden. Er soll ihr ein Zeichen seyn, daß Ihr den Vorschlag annehmt. Gebt ihn! Im Augenblicke hat ihn die Schiffsjungfer, in einer Viertelstunde seyd Ihr am Lande!«
»Sandis! Wenn es nur daran liegt!« fuhr Le Vaillant heraus und gab ihm den Ring. »Jetzt geh, schaffe die Leute und das Boot. Ich wußte doch, daß die listige Hexe mich noch um den Ring bringen würde! Aber es geht nichts über die Freiheit und lieber frei bei einem Stücke Haferbrot und einem Glase Wasser, als gefangen bei Rehbraten und Champagnerwein.«
»Unbesonnener!« zürnte La Paix halblaut zu ihm hin. »Wir wären auch ohne dieses Opfer zum Ziele gekommen! Geh, mein Sohn,« wandte er sich dann in einem hohlen dumpfen Tone, der den Knaben wirklich stutzen machte, zu diesem: »sage deiner Jungfer, wir sendeten ihr den Ring, weil in unserem Zustande nichts Irdisches mehr einen Werth für uns hätte. Im Uebrigen möge sie thun was sie wolle, sie möge uns an Bord behalten oder ans Land bringen lassen: morgen breche der Tag der Schrecken an, die sie kenne, die keine Gewalt der Erde abzuwenden vermöge!«
Verblüfft schlich sich der Junge fort. Während Le Vaillant seinen Gefährten noch mit Vorwürfen bestürmte, daß er Julianen eine Antwort ertheilt, die sie leicht in ihren günstigen Gesinnungen schwankend machen könne, hörten sie plötzlich zu ihrer Seite ein Plätschern im Wasser. Ein Blick über den Schiffsrand belehrte sie, daß ein Boot schon losgemacht sey, daß mehrere Matrosen im Begriffe waren, leise hinabzusteigen, daß Juliane auf diese Weise ihr Wort lösen und, wie La Paix einsah, sich von den Gegenständen ihrer Furcht befreien wollte.
»Kommt mit mir!« flüsterte ihnen der Junge zu, der vom Steuerborde zurückgekehrt war. In wenigen Augenblicken saßen sie in dem Boote, die Ruderer rührten emsig die Arme, weder über ihre Lippen, noch über die der jungen Leute ging eine Silbe. Der dunkle Streif, der vor ihren Blicken lag, kam ihnen immer näher, die höher gehenden Wellen, die sich an den Faschinendämmen des Ufers brachen, erhielten das kleine Fahrzeug in heftiger schaukelnder Bewegung. Fern herüber leuchteten die Laternen des Kutters. In ängstlicher Spannung sahen die Studenten auf diesen. Bald schien es ihnen, als erblickten sie viele dunkle Gestalten, die sich in unruhigem Treiben vor den Lichtern hin und her bewegten, es war ihnen, als vernähmen sie verworrene Stimmen vom Schiffe herüber, sie glaubten ihre Flucht entdeckt, vielleicht von der treulosen Juliane selbst verrathen; dann dünkte sie es gar, der Kutter rücke von seiner Stelle, ihnen nach und seine Gestalt vergrößerte an dem Dämmerglanze des Horizonts sich zu einem furchtbaren, gigantischen Schiffsungeheuer. Aber sie erkannten leicht die Bilder des Wahns, welche die erregte Phantasie ihnen vorführte. Keine Verfolgung bedrohete sie mit neuer Gefangenschaft, kein Hinderniß trat ihnen in den Weg. Die kundigen Matrosen fanden einen Platz, welcher zum Landen geeignet war. La Paix und Le Vaillant sprangen, ohne eine Einladung hiezu abzuwarten, an’s Ufer. Sie vernahmen, daß man ihnen etwas nachwarf. Es waren ihre Degen, die sie freudig aufrafften, um sich sogleich damit zu umgürten. Das Boot stieß ab. Sie standen allein an einer flachen öden Küste, in einem unbekannten Lande, ohne Freund, ohne Führer. Nirgends war ein Strauch oder ein Baum zu erblicken, kein gastliches Obdach zeigte sich, wohin sie die Augen auch richteten.
»Was nun?« sagte La Paix, indem er sich vergebens nach einem betretenen Pfade umsah. »In diesem verwünschten Sumpflande, zwischen den labyrinthisch verschlungenen Canälen ist es gefährlich, Nachts umherzuirren. Hier am Ufer in der Nähe des Kutters den Tag abzuwarten, möchte ich ebensowenig rathen —«
»Alberne Bedenklichkeiten!« rief sein Freund. »Vorwärts, immer vorwärts, das ist der Wahlspruch meines Hauses, seitdem einer meiner Ahnherrn die eisernen Reihen der Schweizer in der Schlacht bei Marignano durchbrach! Cadédis! Wir wollen dieses Land im Sturm erobern, du und ich, und wenn es von unzählichen Morästen und Canälen geschützt wäre. Vorwärts, La Paix! Unser gutes Glück wird uns führen.«
»Meinetwegen!« antwortete sein Gefährte. Ihre Leitung dem Zufalle überlassend, schritten sie rasch am Ufer hin in die von Mond- und Sternenlicht sanft erhellte Nacht.
4.
Der Professor Eobanus Hazenbrook, den wir vielleicht schon zu lange aus den Augen verloren, hatte, nachdem er die kleine Schenke, dem van Vlietenschen Hause gegenüber bezogen, den ganzen Tag über, wie ein Fuchs vor dem verschlossenen Taubenschlage, hinter dem Schiebfensterchen seines Zimmers sehnsuchtsvoll geharrt, ob nicht wenigstens ein Theil von dem Gegenstande seiner wissenschaftlichen Liebe, das hoch gehaltene Antlitz des Herrn Tobias, sich zeigen werde. Vergebliche Hoffnung! Alle Vorhänge hinter den Fenstern waren niedergelassen, die Hausthüre öffnete sich selten und dann war es immer nur eine untergeordnete Person, eine Magd, oder ein Knecht, die schnell heraushuschte und bei der Rückkehr ebenso rasch wieder durch den Eingang verschwand. Eobanus befand sich in einer Unruhe, wie er sie noch nie empfunden hatte. Dem lange nachgerungenen Ziele seiner Wünsche, das ihn so oft getäuscht, stand er jetzt so nahe und dennoch — so fern. Konnte der reiche Handelsherr, wenn er malitiös war, sich nicht in der Verzweiflung all zu stark aufs Trinken legen, vielleicht gar auf den Genuß nährenden Bieres, das dann gedeihlich auf seine Fettzellen wirkte, indem es alle schöne Hoffnungen Hazenbrooks untergrub? Konnte er nicht — quälte sich der Professor weiter — überdrüßig der gegenwärtigen Einsamkeit seines Hauses, sich in Zerstreuungen stürzen, die sonst der Holländer nur vor dem dreißigsten Jahre sich gestattet, und, wie der Beispiele ja so viele vorkamen, eben durch diese Zerstreuungen, indem sie nur unbedeutend an seinen gewaltigen Geldsäcken zehrten, jugendlich wieder aufblühen und — was bei allen Vermuthungen, denen sich Eobanus überließ, ihm als das Aergste erschien — wiederum Fett ansetzen?
»O Fett, Fett!« rief der Professor, indem er wie verzweifelt durch sein kleines, von einer Lampe nur düster beleuchtetes Gemach hinstürmte. »Du nagst an meinem Leben, du nagst an der Blüthe der Wissenschaft, die sich eben entfalten will und gedeihen zur köstlichen reifen Frucht. Deine feindselige Gegenwart droht der hieroglyphischen Vorwelt, ihrer Wiedergeburt in reizender Mumiengestalt, schmähliches Verderben. Wie oft hast du, ob ich dich gleich immer in Ehren gehalten und nicht ein elendes halbes Pfund deines Eigenthums dir für meinen Leib entwandt, nicht schon meine trefflichsten Plane, meine herrlichsten Werke, Meisterstücke, die für eine tausendjährige Dauer bestimmt waren, boshaft zerstört in einer warmen Frühlingsnacht? Ja, Schändliches, das hast du gethan und gerade in der schönen jugendlichen Zeit des Jahres, wo in dem Wurme, wie im Nilpferde, in der Kröte, wie im Crocodille, in der Rose, wie in der Camillenblume, sich frische Lebenskräfte regen, in dieser von der Natur geheiligten Zeit hast du heimtückisch gemordet, was ich mit unsäglicher Mühe und einer Kunst, die nirgends ihres Gleichen hat, in’s wissenschaftliche Leben gerufen! Ich sehe sie noch vor mir, alle die Geliebten, die ich mir selbst bereitet und die ich großmüthig als Eigenthum der erlauchten Lugduner Akademie überlassen wollte. Glaubst du, ich hätte dich vergessen, schalkhafte Artemisia, mit dem Grübchen in der goldbelegten Wange, mit der sanftgewölbten Brust, im Glanze deiner dunkelbraunen Schönheit? Und du, majestätischer Memnon, einst ein stattlicher Grenadier im Leibregimente König Wilhelms, du, dessen Mumienhülle sieben Fuß maß und dessen Adlernase sich erhaben aufdrängte unter der sinnvollsten Hieroglyphenschrift, mußtest auch du zu einem jammervollen Nichts werden im flüchtigen Laufe eines warmen Lenzmorgens? Vanitas Vanitatum, omnia Vanitas! Alles ist vergänglich auf dieser Erde!«
Hazenbrook war nahe daran Thränen zu vergießen. Er warf sich trostlos in einen Sessel, die schmerzlichen Erinnerungen, welche er wieder aufgefrischt hatte, nagten an seinem Herzen. Unten in der Schenke ertönte Musik. Sie schien ihm ein schreiender Mißlaut in seinen Kummer. Er hörte das Geräusch der Tanzenden, er vernahm einzelne jubelnde Stimmen. »Das ist dämonischer Hohn,« dachte er, »der dich neckt und deiner spottet in deiner Verzweiflung.« Um Mitternacht war es still geworden im Hause; auf den Straßen aber wisperte und regte es sich seltsam. Dieses Geräusch und Geraschel beachtete der Professor nicht, nur der nahe Lärm hatte ihn in seinen schwermüthigen Betrachtungen gestört. Er war nicht zu Bette gegangen. Noch unberührt stand sein Abendbrot auf dem Tische. Das Blut kochte in seinen Adern, sein Herz klopfte ungestüm, sein Kopf brannte fieberhaft. Er sprang auf und trat an’s Fenster. Gegenüber in van Vlietens Hause dämmerte ein mattes Licht, wie dem Erlöschen nahe, hinter einem der Vorhänge. Er öffnete das Fenster. Seine sehnsüchtigen Blicke hingen an dem flackernden Lichte. Das wunderliche Gewisper und Rauschen in den Straßen drang vernehmlicher herauf, aber wie hätte Eobanus jetzt für etwas Anderes Sinn gehabt, als für seinen Tobias, der ohne Zweifel hinter dem matt glänzenden Vorhange weilte?
»O wer jetzt ein Rabe wäre oder ein Engelein!« seufzte Eobanus. »Wer sich nur so hoch zu schwingen vermöchte, wie der fabelhafte Icarus! Die Strahlen der Sonne könnten mir nicht schaden in dieser Stunde und Luna ist ja Verliebten günstig. Nur einen Blick möchte ich werfen durch die Spalte des Vorhangs, nur ein Weniges sehen von den lieblichen Knochenspitzen seines Antlitzes, von den langgereckten Gliedern seiner holdseligen Hände. Grausames Schicksal, das mich ihm nicht näher gestellt, das mich nicht zu seiner Tochter oder seiner Schwester gemacht hat! Wie wollte ich mich stets seines Anblicks erfreuen, wie ihn schützen und bewahren vor Allem, was in das Zellgewebe häßliche fette Massen werfen könnte? Und wenn ein plötzlicher, schneller Tod — das glücklichste was nach einem Ausspruche des delphischen Gottes dem Menschen begegnen kann — ihn träfe, wenn ein schmerzloser Schlagfluß dem kummervollen sublunaren Leben ein Ende machte, wenn ich dann in dem reizenden Cadaver den Erben des pharaonischen Königsthrones vor meinen leiblichen Augen sähe, wie wollte ich dann erst ihn lieben, wie alle Mittel der Kunst aufbieten auch die irdische Gestalt zu erhalten mir zur Erquickung und in usum der Musen! Er erkennt meine Liebe nicht, er versteht nicht sie zu würdigen, er duldet sie blos gegen schnöde Vergeltung. Aber Ihr, meine wackern famuli, La Paix und Le Vaillant, Ihr werdet die geraubte Helena zurückbringen, mir verschreibt sich der Liebliche im Testamente als Legat und dann, Tobias, dann wird auch die glückliche Zeit nicht fern seyn, in der du mir als Eigenthum heimfällst.«