JAPANISCHER FRÜHLING
NACHDICHTUNGEN JAPANISCHER LYRIK
HANS BETHGE
DIE SEELE JAPANS
WOMIT VERGLEICH ICH JAPANS SEELE WOHL AM TREFFENDSTEN? MIT DEM GEHEIMEN DUFT DER KIRSCHENBLÜTE. WENN DIE GOLDNE SONNE DES MORGENS SIEGHAFT AUS DER DÄMMRUNG STEIGT
MOTOORI NORINAGA
DIE SCHÖNE NUNA-KAWA-HIME SPRICHT ZUM GOTT DER ACHTMALTAUSEND SPEERE
AUS ARCHAISCHER ZEIT
Wenn erst die Sonne hinterm Berg verschwand,
In rabenschwarzer Nacht komm ich heraus,
Und du wirst nahen wie die Morgenröte,
Mit Lächeln und mit strahlendem Gesicht.
Und deine Arme, die so schimmernd weiss
Wie Taku-Rinde glänzen, wirst du zärtlich
Auf meinen Busen legen, der dem Schnee
An Zartheit gleicht. Und eng verschlungen werden
Wir liegen und uns kosen und die Arme
Als Kissen unters Haupt uns betten, während
Die Schenkel nahe beieinander ruhn.
Sprich mir von Liebessehnsucht nicht zu sehr,
Du grosser Gott der achtmaltausend Speere!
Wenn erst die Sonne hinterm Berg verschwand,
Komm ich heraus.
DIE WARTENDE
KAISERIN IWA NO HIME
Bis dass der weisse Reif des Alters sich
Auf meine rabenschwarzen Haare legt.
Will ich mein ganzes langes Leben durch
Nichts weiter tun als warten, warten, warten
Auf dich, den meine ganze Seele liebt.
LIEBESWERBUNG
KAISER YURYAKU
Du schönes, schlankes Mädchen mit dem Korbe,
Du schönes, schlankes Mädchen mit dem Spaten,
Das dort am Hügel emsig Kräuter pflückt!
Sag mir, wo ragt dein Haus, ich bitte dich,
Und nenne deinen Namen mir! Im ganzen,
Vom Himmel treu geliebten Lande Japan.
Bin ich der Herrscher! Und mein Herz wünschtinnig.
Dich als Gemahlin heimzuführen, Holde!
Ich bitte dich, wer bist du,—sag es mir!
DER GLÜCKLICHE
MUNETO
Ihr sagt, dass ich ein Wilder sei. Nun gut.
Ich bin den Vögeln im Gebüsch befreundet
Und kenne alle Bäume. Und die Blumen.
Auf bunter Bergflur blühen nur für mich,
Und das Geraun des Waldes kündet mir
Geheimnisvoll die Wunder der Natur.
Ja, ich bin reich! Dich neid ich nimmermehr,
Geschmeidiger Hofmann in dem seidnen Kleide,
Denn du hast nichts, was meinem Glücke gleicht.
IN ERWARTUNG
PRINZESSIN NUKADA
Ich wartete auf dich, von Sehnsucht fast
Verzehrt,—da, ein Geräusch: du nahst! du nahst!
Zu früh gejubelt, sehnsuchtsbanges Herz!
Es war der trügerische Wind des Herbstes,
Der raschelnd durch den Bambusvorhang fuhr.
DAS ELEND DER WELT
OKURA
Die Welt ist elend, jammervoll
Und nimmer wert, dass wir sie lieben.
O weh, dass ich kein Vogel bin!
Ich wünschte, dass ich Flügel hätte,
Um ihr für immer zu entfliehn.
EINSAM
HITOMARO
Trostlos, allein zu schlafen diese Nacht,
Die endlos lang ist, wie der lange Schweif
Des Goldfasanen, dessen helle Stimme
Ich von dem Berg herüberklingen höre.
DIE GELIEBTE IM SEGELBOOT
HITOMARO
Rings um die Küste braut der Morgennebel
Und hüllt in graue Dämmerung Land und Meer.
Mit neidischem Sinn verbirgt er meinen Augen
Das Segelboot, nach dem mein Herz sich sehnt.
Voll unruhvollen Klopfens: denn ich weiss,
Dass meine Liebste darin kommen wird.
KRIEGSZUG
HITOMARO
Da tat der Held das Schwert um seinen Leib
Und nahm den Bogen in die feste Hand
Und schritt dem Heer des Kaisers stolz voran.
Und alle Trommeln fingen an zu dröhnen
Wie Donnergroll, und die Drommeten klangen,
Dass man erschrak wie vor des Tigers Schrei.
Und hoch wie Feuerzungen flatterten
Die Fahnen,—ja, wie Feuer auf dem Felde
In Frühlingsnächten, von dem Wind entfacht,
So lohten flammend sie zum Himmel auf.
Und in der Hand der Krieger schwirrten jetzt
So fürchterlich die Bogen, dass man glaubte,
Ein grimmer Sturmwind jage mit Gebrüll
Durch den verschneiten winterlichen Wald;
Und so wie wilder Schneefall in der Luft
Sich ineinander schüttet,—also schwirrten
Die Pfeile durcheinander, dicht an dicht.
TRÜBES LIED
OZI
Die Blüten rieseln nieder. Dichter Nebel
Verbirgt den See. Die wilden Gänse rufen
Erschreckt am heiligen Teich von Iware.
Düstere Träume schatten um mein Haupt.
Mein Herz ist schwer. Wenn übers Jahr die Gänse
Von neuem rufen, hör ich sie nicht mehr.
AN DEN SCHNEE
KAISER MOMMU
Die Wolken sind von Flocken ganz erfüllt,
Der Wald scheint voll von weissen Weidenkätzchen,
Das ganze Firmament ist schimmernd hell,
Vom Wind getrieben weht der Schnee am Flusse,—
Wenn ich die weissbedeckten Pflaumenbäume
In meinem Garten sehe, möcht ich glauben,
Sie blühten schon vom Frühling ganz und gar.
DER FUJI-YAMA
AKAHITO
Zum Himmel schauend, sehe ich den Gipfel
Des Fuji-Yama gross und feierlich
Ins Ewige schimmern; also ragt er schon
Seit jenen Zeiten, da die Erde sich
Vom Himmel schied; blick ich zu ihm empor,
So ist mir, dass der Glanz der Sonne sich
Verdunkelt, und der milde Schein des Mondes
Verschwindet ganz; die weissen Wolken aber
Tragen Bedenken, über seinen Gipfel
Dahinzuschweben, und es sinkt der Schnee
Mit stiller Ehrfurcht sanft auf ihn hinab.
O Fuji-Yama, deine Herrlichkeit
Wird man noch preisen in den fernsten Tagen;
Bis zu der Dichter spätesten Geschlechtern
Wird deines Ruhmes Glanz nicht untergehn.
BETRACHTUNG
AKAHITO
Wenn stets der Kirschenbaum so wundervoll
Wie jetzt auf allen Höhen blühen würde,
Wir liebten seine schneeige Schönheit dann
Nicht so wie jetzt, da nur den Lenz sie ziert.
DIE TRAUERWEIDE
MUSHIMARO
Die Trauerweide auf dem Grab des Mädchens
Lässt ihre Zweige nur nach einer Seite
Hinüberhangen. Eines Jünglings Hügel
Erhebt sich dort. Wer möchte nun noch zweifeln,
Wem jenes toten Mädchens Liebe galt?
DER MOND
EDELDAME ISHIKAWA
Seht, wie er sieghaft durch die Wolken bricht!
Sein wunderbarer Glanz flicht Silbernetze,
Die über Land und Meer sich schimmernd breiten,
Auch über meinen Strand, wo nun die Steinchen
Des Sandes klar wie Diamanten schimmern.
FRÜHLINGS ENDE
KIBINO
Der Wind trieb alle Blütenblätter von
Den Zweigen weg. Der Frühling, der schon lange
Kränklich und blass war, ist geschwunden. Nur
Der süsse Duft der Pflaumenblüte blieb
Am Ärmel meines seidenen Gewandes
Gleich einem schönen, müden Traum zurück.
FRÜHLINGS ENDE
OKISHIMA
Im Bambushaine meines Gartens hör ich
Die Nachtigall mit müder Stimme klagen,—
Sie trauert, weil die weissen Pflaumenblüten
In Scharen von den Bäumen niederfallen,
Weil nun der Lenz mit seinen Wundern flieht.
IN DER FREMDE
YAKAMOCHI
Verbannt von meinem Kaiser, leb ich nun
Fünf Jahre schon in fremdem, wildem Lande,
Entbehrend deinen Anblick, süsses Weib.
Nie darf ich mehr zur Nacht mein müdes Haupt
Auf deinem lieben, weichen Arme betten;
Hör, was ich tat in meiner Einsamkeit:
Ich säte Nelken aus in meinem Garten;
Wenn sie in Blüte stehn, so denk ich immer
An dich, die meine schönste Nelke war.
Dies ist der einzige Trost, geliebtes Weib,
In meiner öden Fremde. Ohne ihn
Würf ich mein Leben unbedenklich ab.
HEIMWEH
YAKAMOCHI
Wenn sich der Abend niedersenkt und Nebel
Eintönig wallen übers graue Meer,
Und wenn die Kraniche mit müder Stimme
Ins Dunkel rufen, traurig anzuhören,—
Dann denk ich meiner Heimat, schmerzdurchweht.
DER BLÜTENZWEIG
FUJIWARA NO HIROTSUGU
Nimm diesen Blütenzweig! In jedem Blatte
Der zarten Blüten schlummert hundertfach
Ein Liebeswort aus unruhvoller Brust.
O weise meine Liebe nicht zurück!
DER FREUND DES WEINES
TABITO
Wenn ich nicht wäre, was ich bin: ein Mensch,—
Ich möchte eine Reisweinflasche sein,
Um recht nach Herzenslust in meinen Hals
Den edeln Saft zu saugen, den ich liebe.
AM UFER
UNBEKANNTER DICHTER
Von jenem Ufer winkt mir die Geliebte,
Hier stehe ich, mit ruhelosem Sinn,
Das Herz erfüllt von ungestümer Sehnsucht,
Und seufze, seufze endlos. Hätt ich doch
Ein rotlackiertes Schifflein jetzt zur Hand
Und auch ein Ruder, voller Kunst besetzt
Mit Edelsteinen,—hurtig wie der Wind
Lenkt ich hinüber, um mit ihr zu plaudern,
Und schmiegte glücklich mich an ihre Brust!
BITTE AN DEN HUND
UNBEKANNTE DICHTERIN
Wenn mein Geliebter in der Nacht
Den Binsenzaun durchbricht und leise
Zu mir hereinsteigt,—Hund, ich rate
Dir ernstlich: hülle dich in Schweigen,
Verrate ihn den Leuten nicht,—
Es soll dir gut gehn, lieber Hund!
DER TEICH
UNBEKANNTER DICHTER
Dir, Teich von Miminaschi, gilt mein Hass,
Denn meine Liebste hat verzweifelnd sich
In dich gestürzt und ist in dir ertrunken.
Warum bist du nicht schnell vertrocknet, als
Die Holde kam, in dir den Tod zu finden?
Ich hasse dich, erbarmungsloser Teich!
TRENNUNG
UNBEKANNTER DICHTER
Trotz aller Hindernisse,
Die dem eilenden Flusse
Entgegentreten:
Alle Wasser, die sich trennen,
Um Bänke und Riffe herum,
Strömen doch endlich.
Endlich wieder
Jubelnd zusammen!
VERTRAUEN
UNBEKANNTE DICHTERIN
Die Mutter hat aufs strengste mir verboten,
An deiner Brust zu schlafen, mein Geliebter,
Obwohl mir das Orakel klar verhiess,
Dass ich dereinst die Deine werden soll.
So lauter wie das nie getrübte Wasser
Des Teiches von Kiyosmi ist mein Herz
Und ist so tief auch wie der Grund des Teiches,
Und immer wird es deiner treu gedenken
Und wird vertrauend harren in Geduld,
Bis dass ich ganz mit dir vereinigt bin.
ÜBER DIE HEIDE
UNBEKANNTER DICHTER
Was für ein Mensch ist das, um dessentwillen
Du, schöne Frau, mit Mühe und voll Sehnsucht
Die Heide von Miyake überquerst?
Beschwerlich ists, durch das Gestrüpp zu wandern.
Qualvoll ist dieser Gang für Frauenlenden,
Weh, wenn dich deine Eltern sähen, Kind!
So zart wie weisses Linnen glänzt dein Antlitz,
Dein langes Haar ist dunkel wie das Innre
Der Mina-Muscheln, die das Meer ausspeit.
Ein Kamm aus Buchsbaum steckt in deinen Haaren.
Wem eilst du zu? Wer bist du, holdes Wesen?
O Götterlust, mein Weib eilt zu mir her.
Da sie die Sehnsucht nicht ertragen kann!
BANGNIS
UNBEKANNTE DICHTERIN
Ich lehne mich an deine Brust, Geliebter,
Und das Vertrauen, das ich in dich setze,
Ist so, als ob ich einem grossen Schiff
Mich anvertraute. Lang und immer länger
Denk ich an dich, so wie die Efeuranken
Hinkriechen an der Mauer, lang und länger.
O wären wir vor Unheil stets bewahrt!
Ich schlinge meinen Ärmel um die Schultern
Und stelle fromme Weihgefässe auf
Und flehe zu den Göttern, die im Himmel
Und auf der Erde walten, dass sie dir
Und mir und unsrer Liebe gnädig seien!
DIE SCHÖNE KURTISANE
UNBEKANNTER DICHTER
O liebliche Tamana, lächelnde
Verführerin, die Schlankheit deiner Lenden
Ist dem geschmeidigen Leib der Biene gleich.
Dein Busen ist von edler Form, du stehst
Wie eine Blume da, du hast ein Lächeln,
Dass alle Leute, die vorübergehn,
Die Schritte hemmen. Ungerufen naht sich
Die Schar der Männer, steht vor deinem Tore,
Von dir berauscht und voll Begehr nach dir.
Im Hause, das dem deinen nahe liegt,
Macht sich der Gatte von der Gattin frei
Und steckt dir zu den Schlüssel seiner Türe.
Vernarrt in dich ist alles. Du verstehst es,
Die Herzen zu gewinnen durch ein Lächeln,
Und Üppigkeit und Wollust sind dein Teil.
QUALVOLLE EIFERSUCHT
UNBEKANNTE DICHTERIN
Ich habe heut den ganzen langen Tag,
Seitdem die Sonne überm Horizont
Heraufkam, und die ganze lange Nacht,
In der ich schlaflos in das Dunkel starrte,
Getobt vor Jammer und geweint vor Wut!
Denn du, ich weiss es, hast in einer Hütte
(Ich möchte sie den Flammen übergeben!)
Auf alten, schlechten, strohgeflochtnen Matten
(Die wert sind auf dem Kehricht zu vermodern!)
Die plumpen Wangen einer Bauerndirne
Gestreichelt und geküsst, und hast in Liebe
Bei ihr geweilt die ganze lange Nacht!
VERGEBENES BEMÜHEN
UNBEKANNTER DICHTER
Dass wir uns lieben, hab ich abgestritten,
Mit heftigen Worten hab ich es geleugnet,
Ich habe mich so angestrengt mit Leugnen,
Wie man sich anstrengt, wenn man einen Lastkahn
Am Kap des leuchtenden Naniwa-Hafens
Mit einem Seile mühevoll dahinzieht,—
Und dennoch bin ich, nichts hat mir genützt,
In das Gerede aller Welt gekommen!
WUNSCH
UNBEKANNTER DICHTER
Nicht wertvoll scheint das Leben mir; jedoch
Da ich so sehr dich liebe, wünsch ich wohl,
Dass ich noch lange, lange leben möge,
Um lang noch meine Liebe zu geniessen.
DIE TRÄUME
FRAU KOMACHI
Seit ich im Traum den Mann seh, den ich liebe,—
Seit jener Zeit erst liebe ich der Träume
Buntfarbene Falter als das köstlichste
Geschenk der Nacht, das ich nicht missen möchte.
EINSAM
FRAU KOMACHI
Der Blüten holde Schönheit ist entwichen,
Der rauhe Regen hat sie ganz zerstört,
Indessen ich, zwecklos in diesem Dasein,
Einsam den Blick ins Leere schweifen liess.
DAS LOTUSBLATT
HENJO
Ganz ohne Makel, weiss und leuchtend, blüht
Das Lotusblatt. Es scheint ganz ohne Trug—
Und dennoch lügt es: denn das eitle will
Uns glauben machen, dass im edeln Schmucke
Von Diamanten es erstrahle,—und
Es sind doch Tropfen Taus nur, die es zieren!
FAMILIENSTOLZ
HENJO
Die Meinen sind so stolz, dass sie verlangen:
Der Name, den wir tragen, solle immer
So völlig unverfälscht sein wie die dunkle,
Von künstlichen Essenzen nicht berührte
Nachtfarbe meines ungekämmten Haars.
SCHWERMUT
PRINZ NARIHIRA
Wenn nie die Blüten auf den Kirschenbäumen
Erstünden, brauchte unser Herz auch nie
Zu klagen, wenn die holden Blüten sterben.
Dir gilt mein Hass, o Mond. Denn viele Monde,
Die sich allmählich aneinanderfügen,
Berauben mich der Wonnen meiner Jugend.
Ich weine meine Ärmel feucht bei Nacht,
Sie werden feuchter als vom Tau des Herbstes,
Denn du bist fern, der meine Sehnsucht gilt.
TAGELIED EINES MÄDCHENS
PRINZ NARIHIRA
Nimm dich in acht, o Hahn, der krähend von
Der Liebe Bett uns aufscheucht! Wenn der Tag
Erschienen ist, so schleudr ich in den Rachen
Des Fuchses dich, damit er dich vertilgt.
Der du den Liebsten mir so schnell, so schnell
Entführst durch dein abscheuliches Geschrei!
LIEBESKUMMER
PRINZ NARIHIRA
Da ich am Morgen durch die Büsche ging
Des taubenetzten, herbstlichen Gefildes,
Nässt ich den Ärmel mir. Doch ganz durchfeuchtet
Ward er erst nachts von meinen vielen Tränen,
Da jene mich allein liess, die ich liebe.
SEHNSUCHT NACH DER NACHTIGALL
TOMONORI
Ich will den Frühlingswind, o Nachtigall,
Mit weichen Blumendüften zu dir senden,
Damit sie dir den Weg herüberweisen
In unsre Flur,—wir warten schon so lang!
DAUER IM WECHSEL
TOMONORI
Der Kirschbaum stand in Blüten. Schwarz und jung
Fiel mir das Haar vom Haupt, indes ich tanzte.
Der Kirschbaum stand in Blüten. Frisch und jung
Erglänzten sie,—mein Haar war grau geworden.
Heut wieder blüht der Kirschbaum. Himmlisch jung
Wie immer lächeln seine Blüten nieder,—
Mein Haar ward weiss, ich stehe sinnend da.
GLEICHE SEHNSUCHT
TOMONORI
Der Abend kommt herab. Nun wandr ich an
Den Sao-Fluss, im Windhauch seines Ufers
Die Freundin zu erwarten. Was erklingt
Im Dunkel so voll Sehnsucht? Horch, das ist
Der einsam-schwermutvolle Ruf der Möwe,
Die sich nach der Gefährtin sehnt, wie ich.
DIE WILDGANS
OCHI
Vorüber ist die böse Winternacht.
Der Lenz zog ein. Dort durch die Silberwolken
Breitet die Wildgans kreischend ihre Flügel.
Sie strebt nach Norden, wo seit Monden schon
Das Mädchen weilt, nach dem mein Herz sich sehnt.
O Wildgans, nimm mich mit auf deinen Flügeln!
FRÜHLINGSREGEN
OTOMO KURONUSHI
Sie weinen alle, da die Kirschenblüten
Zur Erde rieseln. Dieses fällt mir ein:
Ob wohl der Regen, der im Frühling fällt,
Die Tränenflut der trauernden Menschen ist?
BETRACHTUNG
FRAU ISE
Am Ufer von Naniwas Seebucht seh ich Rohr
Mit kleinen Spannen schwanken in dem feinen Windhauch.
Gelehnt an deine liebe Schulter, muss ich denken,
Ob ich wohl leben könnte, wenn mich das Geschick.
Die allerkleinste Spanne Zeit von dir entfernt
Zu weilen zwänge, mein zu sehr Geliebter!
TRÜBSINN
MITSUNE
Du flohest in die Berge, voller Hass
Gegen die Welt. Wenn in den Bergen nun
Dich auch der dunkle Trübsinn überfällt,—
Wohin dann willst du weiter fliehn, o Freund?
HEUTE!
MITSUNE
Bald wird der Sturmwind durch die Fluren heulen
Und Laub und Früchte von den Bäumen schütteln
Und Blüten knicken, wo er immer weht.
Drum, willst du Blüten pflücken,—tu es heute!
Vielleicht, vielleicht ists morgen schon zu spät.
AN EINEN FREUND
MITSUNE
Du kommst nur, um die Blumen blühn zu sehen
Bei meinem Hause. Sind sie erst verwelkt,
So weiss ich wohl, dass ich mich Tag für Tag
Umsonst nach deinem Kommen sehnen werde.
ERINNERUNG
TADAMINE
Da ich von ihr auf ewig schied, stand fühllos
Und blass der Mond am Morgenhimmel da.
Nichts quält mich schrecklicher seit jenem Morgen,
Als wenn ich in der Frühe, müd erwacht,
Den Mond in fahler Dämmerung hängen seh.
FROMMER WUNSCH
TADAMINE
Ich wünschte wohl, dass ich in Mondschein mich
Verwandeln könnte. Endlich würde dann
Das Mädchen, das ich so voll Inbrunst liebe.
Mit schmachtendem Gefühle mich betrachten,
Während es jetzt nur grausam zu mir ist.
HALTLOS
TADAMINE
So wie die Wasserlinsen auf dem Fluss
Ganz wurzellos und ohne jeden Halt
Hierhin und dahin ziehn: so treib auch ich
Haltlos umher im Strome meiner Liebe.
DAS KLAGENDE HERZ
FUKAYOBU
Vergleichbar einer Wildgans ist mein Herz,
Das krank von Sehnsucht dir entgegenschlägt.
Es irrt umher und klagt voll banger Unruh,
So wie die Wildgans in dem Meer der Luft.
DIE ALLERERSTEN BLÜTEN
MASAZUMI
Froh sprudeln durch die Ritzen nun des Eises,
Das vor dem Lenz zergeht, die weissen Wellen
Des Giessbachs auf: die ersten weissen Blüten
Des lieben Frühlings möchten sie uns sein.
DAUERNDE ERINNERUNG
KI NO ARITOMO
Ich wünsche ein Gewand mir von der Farbe
Der Kirschenblüten. Wenn die Blüten dann
Schon lang verwelkt sind, werd ich immer doch
Durch mein Gewand an ihre Lust gemahnt.
JUBEL
TSURAYUKI
Was seh ich Helles dort? Aus allen Gründen
Zwischen den Bergen quellen weisse Wolken
Verlockend auf,—die Kirschen sind erblüht!
Der Frühling ist gekommen, wunderbar!
BLÜTEN UND HERZEN
TSURAYUKI
Ihr meint, zu balde weht die Kirschenblüte
Im Wind dahin? Ach, flüchtiger ist manches.
Verändert sich das Herz des Menschen nicht
Oft schneller, als ein Windhauch sich erhebt?
SCHNEE IM FRÜHLING
TSURAYUKI
Der Frühling naht mit seinem Dunst. Die Bäume
Setzen schon Knospen an. Doch von dem Himmel
Fällt Schnee auf Schnee, als wollt er nimmer enden.
Wie sonderbar,—nun sinken Blüten nieder,
Obwohl der Lenz noch keine Blüten schuf.
BLÜTENSCHNEE
TSURAYUKI
Leis senkt sich Schnee auf uns herab, und dennoch
Weht lauer Windhauch zart an unsre Stirnen.
Geschah ein Wunder denn? O welch ein Schnee,
Des Heimat nie der Himmel war! Es ist ja
Der holde, duftgeborene Frühlingsschnee
Der Kirschenblüten!
SEITDEM ICH DICH LIEBE
ATSUTADA
Seitdem ich dich liebe,
Vergleiche ich meine Gefühle
Und meine kühnen Gedanken
Mit jenen, die ich früher hegte.
Und ich erkenne,
Dass ich früher
Ganz gedankenlos
Und, ach, ganz fühllos war.
GESTEIGERTE SEHNSUCHT
ATSUTADA
Sehr gross war meine Sehnsucht, eh ich zur
Geliebten kam. Doch jetzt, da ich bei ihr
Glückselige Zeit verbringen durfte, bin ich
Wohl ganz beschwichtigt und gestillt? O nein!
Viel mächtiger ist meine Sehnsucht nun,
Viel ungebändigter als je zuvor!
ANKUNFT DES FRÜHLINGS
UNBEKANNTER DICHTER
Noch glänzt der Schnee hernieder von den Bergen,
Doch regt sich schon der Frühling in dem Tal.
Die Tränen, die die Nachtigall geweint hat.
Und die zu Eis gefroren waren, tauen
Allmählich auf. Im holden Duft der Tage
Erklingt nun bald das Lied der Frühlingsbraut.
Der Nebel, der noch um die Büsche schleift.
Ist nur ein leichtes, schmächtiges Gewebe,—
Ein Windhauch durch die Flur—und er zerstiebt.
Wie herrlich glänzt die Weide schon am Bach!
Auf ihrem dünnen, wallenden Gezweige
Reiht sich der Tau zu silbernen Perlen auf.
Und gar der Pflaumenbaum! Er steht schon prunkend
Im Kleide seiner weissen Blüten da,
Verklärend jedes Auge, das ihn schaut.
Welch holdes Wesen war es, das ihn leise
Gestreift hat mit dem seidnen Saum des Ärmels,
Da es versonnen ihm vorüberging?
LIEBE
UNBEKANNTER DICHTER
Die Liebe rast durch meine Brust,
So wie durch weite, dunkle Wälder
Ein Berggewässer unterm Laub
Der ungeheuren Bäume rast.
Die Fichte trotzt auf Felsenhöhen
Fast ohne Nahrung Wind und Wetter.
Die Liebe braucht noch weniger Reichtum,
Um froh zu trotzen aller Welt!
DAS ALTER
UNBEKANNTER DICHTER
Wenn ich erführe, dass das Alter mich
Besuchen wollte,—flugs schlöss' ich die Tür,
Und "Ich bin nicht zu Hause!" würd ich rufen,
Und nimmermehr liess ichs zu mir herein.
LIEBEN UND STERBEN
UNBEKANNTER DICHTER
Wer hat der Liebe denn den Namen "Liebe"
Dereinst gegeben? Viel bezeichnender
Hätt er den Namen "Sterben" ihr verliehn,
Denn Lieben, das ist Sterben,—wahrlich, wahrlich!
DAS MÄDCHEN AUF DER BRÜCKE
UNBEKANNTER DICHTER
Das rauschende Gewässer Katashiwas
Ist überwölbt von einer schönen Brücke,
Der purpurroter Lack zum Schmuck gereicht.
Ein zartes Mädchen wandelt unbegleitet
Mit kleinen Füssen trippelnd drüber hin;
Ein blaues Kleid mit rotem Rande schmiegt sich
An ihre feinen Hüften wohlig an.
O wüsste ich, ob ihre Hand noch frei ist,
Ob nicht ein andrer schon dies Herz gewann!
Schnell sagt mir, wo sie wohnt! Ich wills versuchen,
Ob ich sie noch für mich gewinnen kann!
LIEBESQUALEN
UNBEKANNTER DICHTER
Die Ärmel meines Kleides sind durchfeuchtet
Von vielen Tränen. Allen, die mich fragen,
Sag ich, dass es vom Frühlingsregen sei.
Ich meinte immer, dass das Kraut Vergessen
Auf Beeten wachse. Nun hab ich erfahren,
Dass es in liebelosen Herzen blüht.
Unsinnig ist es, Worte hinzuschreiben
In fliessendes Gewässer. Doch der Gipfel
Des Wahnsinns ist es: seine Liebesträume.
Zu widmen einer Frau, die fühllos ist.
HERBST
UNBEKANNTER DICHTER
Die Gräser und die Bäume und die Blumen
Veränderten die Farben ganz und gar,—
Nur an des grossen Meeres Wellenblumen,
Den immer gleichen, kannst du nicht erkennen,
Dass nun der bunte Herbst gekommen ist.
SCHATTEN
UNBEKANNTER DICHTER
Ich bin vor lauter Sehnsucht abgemagert
Gleich einem Schatten. Könnt ich wenigstens
Ersetzen nun den Schatten der Geliebten,
Dass ich zu ihren Füssen weilen dürfte!
Jedoch auch dieser Dienst bleibt mir versagt.
SCHNEE
UNBEKANNTER DICHTER
Wenn so wie dort der Schnee gewaltig anwächst,
Sich auch die öden Nächte mehren würden,
Da du mir fern bist,—o ich wünschte wohl,
Dass mich das Dasein länger nicht bedrücke,
Dass ich so bald hinschwände wie der Schnee.
IMMER WIEDER
UNBEKANNTER DICHTER
Ich weiss es: alle Mühe ist umsonst,
Dir zu begegnen. Dennoch, immer wieder.
Geh ich hinaus und hoffe dich zu finden,—
Wie könnt ich ruhn, da ich voll Sehnsucht bin!
SCHLAFLOS
UNBEKANNTER DICHTER
In schlafgemiedner Nacht hör ich die Rufe
Des Kuckucks aus den Bergen klingen. Ach,
Bist du von Liebesschmerzen auch geplagt,
Dass du nicht schlafen kannst, o ferner Vogel?
UNERWIDERTE LIEBE
UNBEKANNTER DICHTER
Ich wünschte, dass es möglich sei, die Herzen
Der Menschen zu vertauschen. Dann, o Freund,
Nachdem mein armes Herz du eingetauscht.
Würdest auch du einmal begreifen lernen,
Wie Liebe quält, die nicht erwidert wird.
SEHNSÜCHTIGER GEDANKE
UNBEKANNTER DICHTER
Wenn du zur Blüte sprächest: Welke nicht,
Bleib an dem Zweige haften, den du zierst,—
Und es geschähe wirklich, was du wünschest,—
Gäb es wohl Holderes in dieser Welt?
DER DUFTENDE ÄRMEL
UNBEKANNTER DICHTER
Mein Ärmel duftet köstlich, da ich Blüten
Vom Pflaumenbaume pflückte. Dicht bei mir
Hebt plötzlich eine Nachtigall melodisch
Zu singen an, vom Duft herbeigelockt:
Die Holde meint, hier sei ein Baum erblüht.
DAS KOPFKISSEN
KANEMORI
O Fürst, Ihr bietet Euren Arm mir an
Als Kissen für die Nacht? Ich wag es nicht,—
Denn sicher: Eure Liebe wär verrauscht,
Bevor die Nacht noch in den Tag verrinnt;
Ich aber, recht entflammt erst, würde nimmer
Vor Liebesschmerz und Sehnsucht meine Ruhe
Zurückgewinnen,—darum quält mich nicht.
HEIMLICHE LIEBE
KANEMORI
Obgleich ich mir die grösste Mühe gebe,
Mein leidenschaftlich Fühlen zu verbergen,
Ist doch mein Angesicht so sehr verwandelt,
Dass jeder, den ich treffe, mich mit Schrecken
Befragt, welch eine Krankheit in mir wühle,
Da ich so ganz und gar verändert sei.
BEI BETRACHTUNG DES MONDES
UNBEKANNTE KURTISANE
Sehr weit von dir entfernt, betracht ich mit
Verliebtem Auge den gestirnten Himmel.
O! wenn der Mond sich jetzt in einen Spiegel
Verwandeln würde, mir dein Bild zu zeigen!
Doch er bleibt Mond und lacht nur meiner Qual.
UNMÖGLICHKEIT
OKI KASSI
Wie könnt ich deine wundervolle Schönheit,
Die allzu spröde, die ich ohne Hoffnung
Anbete, aus dem wirren Sinn mir reissen,
Da sie mir jede Nacht im Traum erscheint,
Um mir zu sagen, dass ich hoffen solle!
SCHWERMUT
TERANGE
Ich armer Tropf! Ein anderer besitzt
Das Herz des schönen Mädchens, das ich liebe.
Mir kommt die Trauerweide in den Sinn
Am Rande meines Gartens. Mir gehört.
Die Weide zwar, doch ihre Zweige schmücken
Des Nachbars Garten und den meinen nicht.
VERZWEIFLUNG
SIGEYUKI
So wie die Woge
Im Sturmwind
Am felsigen Ufer zerbricht,—
So zerschellt meine Liebe
An deines Hochmuts
Trotzigen Felsen,
Kalte Geliebte.
DIE VERLASSENE
UNBEKANNTE DICHTERIN
Freund, ahnst du nicht,
Wie unendlich traurig und lang
Die Nacht ist, vom Abend her
Bis zur schimmernden Morgenröte,
Wenn ich einsam, einsam, einsam
Seufzend daliege
Auf meiner tränenbefeuchteten
Binsenmatte?
Ahnst du das nicht?