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Hermann Löns

Der Wehrwolf

Eine Bauernchronik
101.-120. Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs
Jena 1920


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen (auch ins Ungarische) vorbehalten.
Copyright 1920 by Eugen Diederichs Verlag in Jena.

Die Haidbauern

Im Anfange war es wüst und leer in der Haide. Der Adler führte über Tage das große Wort, und bei Nacht hatte es der Uhu; Bär und Wolf waren Herren im Lande und hatten Macht über jegliches Getier.

Kein Mensch wehrte es ihnen, denn die paar armseligen Wilden, die dort vom Jagen und Fischen lebten, waren froh, wenn sie das Leben hatten und gingen den Untieren liebendgern aus der Kehr.

Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter und gelbes Haar hatten; mit Pferd und Wagen, Kind und Kegel kamen sie an, und mit Hunden und Federvieh.

Es gefiel ihnen gut in der Haide, denn sie kamen daher, wo das Eis noch bis in den Mai auf den Pümpen stand und im Oktober schon wieder Schnee fiel.

Ein jeder suchte sich einen Platz und baute sich darauf ein breites Haus mit spitzem Dach, das mit [Reet] und [Plaggen] gedeckt war und am Giebel ein paar bunte Pferdeköpfe aus Holz aufwies.

Jeglicher Hof lag für sich. Ganz zu hinderst in der Haide wohnte Reineke; sein Nachbar war Hingst; auf ihn folgte Marten, darauf Hennig, hinterher Hors, und dann Bock und Bolle und Otte und Katz und Duw und Specht und Petz und Ul und wie sie alle hießen, und zuletzt Wulf, ein langer Mann mit lustigen Augen und einer hellen Stimme, der sich da angebaut hatte, wo das Bruch anfing.

Der Wulfshof hatte das beste Weideland von allen Höfen, aber der Bauer hatte auch am meisten mit den Wölfen und Bären zu tun und mit den schwarzbraunen Leuten, die hinten im Bruche lebten. Doch das war ihm gerade recht und seinen Jungens nicht minder; je bunter es herging, um so lieber war es ihnen, und so wurden es Kerle, wie die Bäume, mit Händen, wie Bärenpfoten; aber dennoch konnte sie ein jeder gern leiden, dieweil sie so [grall] in die Welt sahen und allewege lachten.

Das kam ihnen und ihren Kindern und Kindeskindern auch gut zupasse, denn es ging zuzeiten wild genug her in der Haide; fremde Völker zogen durch, und die Haidbauern mußten mächtig aufpassen, daß sie nicht umgerannt wurden. Aber es waren ihrer von Jahrhundert zu Jahrhundert in Ödringen, wie das Dorf hieß, immer mehr geworden; sie hielten stand, schmissen die Feinde zurück oder bargen die Weibsleute, die Kinder und das Vieh in der Wallburg im Bruche und setzten den Fremden durch Überfallen und Ablauern solange zu, bis sie sich wieder dünne machten.

Die Männer vom Wulfshofe waren dabei immer vorneweg. Manch einer von ihnen blieb mit einem Pfeile im Halse oder einem Speere in der Brust dabei liegen, aber es blieb immer noch einer übrig, der den Namen am Leben hielt.

Mittlerweile nahmen sie immer mehr Land unter den Pflug und machten das Bruch zu Wiesenland und Weide; zehn Gebäude zählte der Hof, der wie eine Burg hinter Wall und Graben in seinem Eichbusche lag, und in dem großen Hause war kein Mangel an Waffen und Geräten aller Art.

In dem Flett standen neben dem Herde ein Dutzend schwerer silberner Teller auf dem Bört an der Feuerwand. Als die Bergbauern ihre Boten schickten und die Haidbauern baten, ihnen beizustehen, die Römer aus dem Land zu jagen, war auch ein Sohn vom Wulfshofe mit ausgezogen. Als er schon ein alter Mann war, lachte er noch, wenn er darauf zu sprechen kam, wie Varus mitsamt seinen Leuten vor die Hunde ging.

»Junge,« sagte der alte Mann, »das war ein Spaß! Was haben wir die krummen Hunde [geweift]! So Stücker zwanzig habe ich allein vor den [Brägen] geschlagen, daß es nur so ballerte, denn sie hatten alle Kappen aus Blech auf. Na, und denn habe ich zum Andenken die blanken Kümpe mitgebracht. Machen sie sich da nicht fein?«

Mit den Römern waren die Bauern bald fertig geworden, aber dann kam der Franke, und der war zähe wie Aalleder. Holte er sich heute auch eine Jacke voll Schläge, morgen war er wieder da. Ein Wulf war dabei gewesen, als [Weking] das fränkische Heer am Süntel zu [rohem Mett] hackte, aber zwei von den Wulfsbauern waren auch unter den Männern, die Karl an der [Halsbeeke] bei der [großen Fähre] wie Vieh abschlachten ließ. Als darauf alles, was ein Messer halten konnte, ihm an den Hals sprang, waren auch drei Wulfs dabei; sie waren nicht zurückgekommen.

Schließlich aber sagten die [Haidjer] sich: »Gegen ein Fuder Mist kann einer allein nicht anstinken.« So zahlten sie denn Zins, sagten dem Wode und der Frigge ab, ließen sich taufen und wurden mit der Zeit ganz ordentliche Christen, vorzüglich, als einer von ihnen, der nach der Väter Brauch den alten Göttern einen Schimmel auf dem Hingstberge geschlachtet hatte, dafür unter das Beil mußte.

Ganz zahm wurden sie nach außen hin und sie ließen sich sogar einen fränkischen Ritter vor die Nase setzen. Aber von innen blieben sie die Alten; wenn im heiligen römischen Reiche einmal wieder alles [koppheister] ging, dann kamen sie vor Tau und Tag über die Haide geritten, steckten die Burg an allen vier Ecken an und schlugen alles, was einen Bart hatte, vor den Kopf.

Das half ihnen auf die Dauer aber doch nichts; die fremden Herren nahmen ihnen mit Gewalt und List ein Recht nach dem andern, und schließlich wurden sie alle zinspflichtige Lehnsmänner bis auf den Wulfsbauern; denn der hatte einen Freibrief als [Sattelmeier], weil ein Wulf einmal den Herzog Billung vor seinen Feinden gerettet hatte. Wenn sich nun auch heute das Kloster und morgen der Ritter alle Mühe gab, den Wulfshof [anzumeiern], die Wulfsbauern wußten sich davor zu wahren.

Sie hatten ja auch sonst ihre liebe Not, denn bald war Krieg im Lande, bald rührten sich die Raubritter. Wenn der Bauer pflügte, hatte er währenddem den Speer und die Armbrust bei seiner Jacke liegen, und mehr als einmal fing er mit seinen Leuten ein paar Schnapphähne ab und brachte sie über die Seite. Da das aber einmal so war, so machte er sich weiter keine Gedanken darüber; seine Augen blieben hell und das Lachen verlernte er auch nicht.

Als die Bauern die neue Lehre annahmen und dem Pater aufsagten, mußte der Wulfsbauer zu ihm gehen und ihm das klarmachen, weil der Pater ein guter alter Mann war und die Bauern glaubten, kein anderer könne ihm die Sache so gelinde beibringen, wie Harm Wulf, dessen Hauptredensart es war: »Es ist alles man ein Übergang«, und dabei schlug er den Wolf in der [Kuhle] tot und lachte dazu.

Hinterher kamen ja wohl einmal Zeiten, daß auch der Wulfsbauer eine krause Stirn und dunkle Augen kriegte und nicht mehr so laut lachte. Das war Anno 1519, als Hans Magerkohl, der Bischoff von Hildesheim, sich mit dem Braunschweiger Herzog kämmte und die Bauern dabei Haare lassen mußten. In Burgdorf krähte der rote Hahn lauthals und ein Wulf, der dort in eine Ackerbürgerstelle hineingeheiratet hatte, kam mit dem weißen Stocke wieder nach dem Wulfshofe und starb bald vor Herzeleid, denn die braunschweigischen Kriegsvölker hatten seine junge Frau zuschanden gemacht.

Ein Trupp von dem Gesindel kam auch bis vor den Wulfshof; aber da es nur bei zwanzig waren, fanden sie nicht wieder zurück; der Bauer schlug sie mit seinen Söhnen und Knechten tot, fuhr sie in das Bruch und [rodete sie bei].

Auch sein Sohn verlernte später auf einige Zeit das Lachen, denn als man den neunten Juli des Jahres 1553 schrieb, kam es auf dem Vogelherde bei Sievershausen zu dem großen Treffen zwischen dem Braunschweiger und dem Sachsen auf der einen und dem Kalenberger und dem Brandenburger auf der anderen Seite.

Schrecklich ging es vor und nach der Schlacht in der Haide zu; doch der Wulfsbauer hatte beizeiten Wind gekriegt und die Frauensleute, die Kinder und das Vieh und alles, was Geldeswert hatte, im Bruche geborgen; er selber aber und seine Leute hatten sich mit den anderen Bauern zusammengetan, und wo sie einen Haufen Fußvolk oder Reiter trafen, denen ging es schlecht. Über zweihundert von ihnen schossen und schlugen die Bauern tot. Wenn sie sie eingruben, lachte der Wulfsbauer und sagte: »Man soll alle Arbeit mit Freuden tun, vorzüglich, wenn sie sich lohnt«; damit meinte er dann die Waffen und das bare Geld, das die Kriegsleute bei sich hatten.

Wenn es auch noch so hart herging, ihre [grallen] Augen und ihr helles Lachen verloren die Wulfsbauern so leicht nicht; es mußte schon sehr schlimm kommen, daß es anders mit ihnen wurde.

Das tat es denn auch. Es gingen im Jahre 1623 allerlei Gerüchte von einem Kriege um, den der Kaiser mit den Böhmen wegen der neuen Lehre führte und der immer weiter fraß. Zudem hatte es sehr viele wunderliche Zeichen gegeben. Es waren Rosen gewachsen, aus denen wieder Rosen kamen, das Brot hatte geblutet, auf den [Koppelwegen] lagen [Sternschnuppen], drei Tage hintereinander im Juli kamen Unmassen von [Schillebolden] über die Haide geflogen und hinterher ebensoviele [Buttervögel]; es gab mehr Mißgeburten beim Vieh, denn je zuvor, die Mäuse heckten unmäßig, [Pest- und Sterbevögel] ließen sich sehen, am Himmel zeigten sich feurige Männer und ein Stern, der wie ein Schwert aussah, fiel herunter.

Daraus sagten manche Leute Krieg, Hunger, Brand und Pest an. Es dauerte auch nicht lange, daß ein großes Sterben anging, vorzüglich in den Städten, wo die Menschen eng aufeinandersaßen und allerlei fremdes Volk zusammenkam. Um den Herrgott wieder um gut Wetter zu bitten, zogen ganze Haufen von halbnackten Männern und Weibern mit Ketten um den Hälsen hinter einem Kreuze her, heulten und schrien wie unklug, schlugen sich mit Stricken die Rücken, daß das Blut nur so spritzte, und sangen zum Gotterbarmen.

Als Harm Wulf, der Anerbe vom Wulfshofe, Torf nach der Stadt fuhr, war er einem solchen Zuge begegnet und sehr falsch geworden, denn er hatte junge Pferde vor dem Wagen, und die wollten mit Gewalt vom Wege, als die verrückten Völker angebrüllt kamen.

Hinterher mußte er aber darüber lachen; es hatte zu albern ausgesehen, wie sie alle auf einmal die Arme in die Luft schmissen und lossangen: »Hui halt' auf eure Hände, daß Gott dies Sterben wende, hui streckt aus eure Arme, daß Gott sich eur' erbarme!«

»Was für ein dummerhaftiges Lied!« dachte er und pfiff das [Brummelbeerlied].

Die Mansfelder

Als er am anderen Morgen durch die Haide ging, lachte er auch vor sich hin, aber nicht mehr über die Geißler, denn die hatte er längst vergessen.

Er dachte daran, was sein Vater ihm gesagt hatte, daß es nämlich an der Zeit wäre, daß er freien müsse und den Hof übernehmen solle. Und er dachte an Rose Ul.

Denn das sollte seine Frau werden, das [glatteste] Mädchen weit und breit, und Ulenvaters einziges Kind, mit der er immer am liebsten beim Erntebiere getanzt hatte. Darum lachte er vor sich hin.

Er drehte eine Maiblume, die er an der alten Wallburg im Holze abgerissen hatte, zwischen den Zähnen und sah über die Haide, die ganz grün von dem jungen Birkenlaube war und ganz blank von der Sonne.

Vom Bruche her kam zwischen den hohen [Machangel]büschen ein Mann angegangen. Er blieb stehen, zeigte mit dem Finger auf die Blume, die Harm im Munde hielt, [griente] und sagte: »Friggeblumen, wer die bricht, Junggeselle bleibt er länger nicht.«

Harm lachte und gab ihm die Hand. Immer mußte er sich wundern, wenn er Ulenvater sah; denn der war so ganz anders, als alle Leute, die er kannte. Jedes Wort, das er sprach, hatte einen doppelten Sinn; er hatte den ganzen Kopf voller Dummheiten, aber auch voller Klugheit, und man sagte von ihm, daß er mehr könne als Brot essen.

Aber das war man ein Altweiberschnack; er war drei Jahre auf die hohe Schule in Helmstedt gegangen und hatte da fleißig gelernt, sowohl geistliche Sachen, wie denn auch, was gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh gut war; dann aber war der Hoferbe abgestorben und weil weiter kein Sohn da war, mußte er den Hof annehmen; und nun hieß er zum Spaß der Papenbur.

Er wurde jedoch ein Bauer, wie nur einer, bloß daß er in vielem seinen eigenen Weg ging: so konnte er niemals nach der Kirche hinfinden, denn er sagte: »Wer da weiß, wie man Würste macht, der ißt schon keine.« Dann hatte er die Gabe, alles, was er sagte, in Reime zu bringen, wenn er gerade wollte; es wurde keine Hochzeit abgehalten, bei der Ulenvater nicht seinen Vers sagte, und jedesmal einen anderen. Er hatte Augen, die hatten gar keine Farbe; wie Wasser sahen sie aus. Die wenigsten Menschen hielten ihnen stand, und wenn er einen Hund ansah, und war der auch noch so böse, er machte, daß er fortkam.

Nun stand er da, als wenn er nicht bis drei zählen konnte, [griente] und sagte, indem er auf das Schießgewehr wies, das Harm auf den Rücken hatte: »All wieder nach dem Saufang?« Und dann lachte er lauthals, denn der Saufang war dicht beim Ulenhofe, und wenn Harm am Saufang war, dann dauerte es nicht lange und Rose hatte vor dem Hofe zu tun.

Das war auch jetzt so. Als Wulf dort angekommen war und gesehen hatte, daß der Fang noch aufstand, steckte er drei Finger in den Mund und pfiff wie der Schwarzspecht. Es dauerte eine Weile, da hörte er hinter sich ein Geräusch; als er sich umdrehte, sah er bei einer Eiche etwas Feuerrotes, und das war ein roter Rock, und nun gab es ein Jagen um den Baum und dann ein Quieken.

»Ach, Junge,« pustete das Mädchen und ihre Brust ging auf und ab, »du bringst mich ja rein von Atem! Und schickt sich das wohl?« Aber dann ließ sie sich doch dahinziehen, wo das Moos ganz eben und trocken war, und ließ sich küssen und küßte wieder, und zählte, wie oft der Kuckuck rief, denn so lange sollte sie leben; aber er rief bloß zweimal und da sagte sie: »So ein fauler Hund!« und lachte dabei.

Vom Hofe rief es. Das Mädchen sprang in die Höhe: »Bis heute abend! Mutter ruft schon. Komm aber nicht vor dem Vesper, denn bis dahin habe ich alle Hände voll zu tun.« Sie machte sich los und Harm sah ihr lachend nach, wie sie so flink dahinging, daß der rote Rock wie eine Flamme hin und her wehte, und ihr Haar, das leuchtete wie eitel Gold unter der kleinen Mütze, um die die Bindebänder man so flogen.

Ehe sie über das [Stegel] stieg, sah sie sich noch einmal um; dann war sie fort und Harm war zumute, als wenn die Sonne nicht mehr so schön schien und als ob die Vögel lange nicht mehr so lustig sängen; aber dann pfiff er das [Brummelbeerlied] durch die Zähne und lachte wieder vor sich hin, als er über die Haide ging, und seine Augen waren so blau wie der Himmel über ihm.

Das blieben sie auch bis zur Hochzeit und auf ihr erst recht. Es war eine große Hochzeit und lustig ging es dabei her, obzwar kein einziger Mann betrunken war.

Einige Bauern redeten zwar davon, daß es immer gefährlicher im Reich aussähe, aber was fragte Harm Wulf danach, als er mit seiner jungen Frau unter Lachen und Juchen in die [Dönze] geschoben wurde, und nach den feurigen Männern am Himmel und dem blutenden Brot und den [Pest- und Sterbevögeln]? Er nahm seine Rose in den Arm und sagte: »Eine [Ule] habe ich gefangen, aber was für eine [glatte] Ule auch!« Und dann lachte er über seinen Witz.

Er blieb am Lachen bis auf den Tag, daß seine Rose zu liegen kam, aber dann lachte er noch mehr, bloß nicht so laut und mehr mit den Augen; denn ein Junge lag neben ihr, ein Junge, ein Staat von einem Jungen ein wahrer Bär von einem Jungen, einer von zehn vollwichtigen Pfunden und ein hübscher Junge von vornherein.

»Ja,« sagte er am dritten Tage zu seiner Frau, die schon wieder Farbe auf den Backen hatte, »was ist das nun eigentlich, ein Ulenküken oder ein Wolfslamm?« Und dann lachte er laut über seinen Schnack.

Er lachte, wenn er zur Arbeit ging, er lachte, wenn er von ihr kam. Er hatte früher auch ein schönes Leben gehabt, aber so, wie es jetzt war, mit solcher [glatten] Frau und so einem gesunden Jungen, das war doch ganz etwas anders! Er konnte sich vor Freude gar nicht bergen, so [wählig] war ihm zumute, und wenn ab und zu Reineke oder Marten oder einer von den anderen Ödringern sich so anstellte, wie eine Krähe, wenn der Fuchs ankommt, und erzählte, was er in Celle oder Burgdorf oder Peine gehört hatte: daß nämlich Krieg in der Welt war und es nicht mehr lange dauern werde, bis daß es auch in der Haide an zu stinken anfange, der Wulfsbauer pfiff, wenn er säete oder pflügte, das [Brummelbeerlied], dachte an seine Rose und an seinen lüttjen Hermke und daran, wie gut er es doch getroffen hatte.

Hermke konnte ihm schon an der Hand seiner Mutter entgegentappeln und »Vater!« rufen, wenn Harm vom Felde kam, und es war so weit, daß er bald einen Bruder oder eine Schwester bekommen sollte, da ritt der Bauer eines Morgens nach der Stadt, um seinen Hofzins beim Amte zu bezahlen. Es war ein schöner Morgen; die Birken an den Straßen waren eben aufgebrochen, alle Finken schlugen, die [Dullerchen] sangen und das Bruch war von oben bis unten rot, denn der [Post] war am Blühen. Harm setzte sich in einen schlanken Trab, daß der Sand hinter ihm nur so [mülmte], denn er dachte: »Je eher du in der Stadt bist, desto früher bist du wieder auf dem Hofe.«

Er kam aber erst am späten Abend nach Hause und er kam zu Fuße an. Als er nämlich seine Steuern bezahlt hatte und nach dem Kruge vor der Stadt ging, wo er seinen Falben eingestellt hatte, um das Torgeld zu sparen, da war dort ein wildes Leben. Ein Mansfelder Feldhauptmann mit einem Trupp Kriegsvolk war angekommen und es ging hoch her. Die Kerle hatten alle rote Köpfe von Bier und Schnaps und nun schrien sie und [bölkten] und [kriejöhlten] und machten sich mit den verlaufenen Frauensleuten, die sie bei sich hatten, allerlei Kurzweil, daß es eine Schande war, das anzusehen. Die Töchter des Wirts und die Mägde waren übel dran; sogar die Wirtsfrau, die doch gewiß kein Ansehen mehr hatte, konnte sich vor den Lümmeln nicht bergen.

Als der Wulfsbauer um das Haus nach dem Stalle gehen wollte, kam ihm ein Kerl entgegen, der eine rote Feder auf dem Hute und einen gefährlichen pechschwarzen Schnauzbart unter seiner langen Nase hatte. Als er den Bauern sah, juchte er laut auf, nahm ihn in den Arm, küßte ihn auf beide Backen, daß Harm der Schnapsgeruch um die Ohren schlug, faßte ihn an die Schultern, hielt ihn von sich ab, lachte über sein ganzes gelbes Gesicht, nahm ihn wieder in den Arm und brüllte: »Brudderhärz mainiges! Wie lange habben wirr uns nicht gesähenn? Aberr die Freide, die Freide! Auf das wollen wirr aberr einen trrinkenn!« Er zog den Bauern, der gar nicht wußte, was er davon halten sollte, unter das Fenster und schrie: »Frau Wirrtinn, zwei Birr fürr mainen Freind und mich, wo ich so lange nicht gesähenn habbe.«

Die Großmagd brachte das Bier, aber als der fremde Kerl sie in den Arm kniff, machte sie Wulf mit den Augen Zeichen, denn sie war eine Häuslingstochter aus Ödringen, und als der Reiter das Bier hinnehmen wollte, juchte sie auf und ließ beide Krüge fallen. Der fremde Mensch schimpfte Mord und Brand, aber da rief der Hauptmann und er mußte fort. Als Harm schnell machte, daß er weiter kam, winkte ihn Trine Reineke auf die Diele: »Wulfsbauer,« sagte sie, »um Christi Blut und Wunden, daß du bloß den Ludervölkern nicht Bescheid tust! Wer Bescheid tut, der ist angeworben. Kiek, da ist [Krischan] Bolle, den haben sie schon eingeseift, den [Döllmer]! Mit jedwedem hat er auf Bruderschaft angestoßen und nun hat er den bunten Lappen um den Arm und kann sich morgen für Gott und den Deubel totschießen lassen.«

Ängstlich sah ihn das hübsche Mädchen, das auf dem Wulfshofe als [Lütjemagd] angefangen hatte, in die Augen: »Sieh man bloß zu, daß du weiter kommst! Je eher daß du fortkommst, je besser ist das für dich. Das sind ja keine Menschen nicht, das ist das reine Vieh. O Gotte!« Sie schlug die Schürze vor das Gesicht und weinte los.

»Na, Deern,« beruhigte Harm sie, indem er ihr auf die Schulter schlug, »das ist alles man ein Übergang. Aber recht hast du, wer hier nichts verloren hat, soll sich nicht weiter aufhalten.« Er bezahlte die beiden Krüge Bier, gab dem Mädchen ein Bringgeld und ging nach den Ställen. Da war es noch toller als vor dem Hause. Sieben Roßknechte, einer noch schlimmer aussehend als der andre, hielten einen alten Trödeljuden zum besten, spuckten ihm in die Hände, warfen ihm seine Waren durcheinander und wollten ihn zwingen, Schweinewurst zu essen. Drei andere stachen eine Sau ab, einer machte sich mit einem [Tater]nmädchen das knapp zwölf Jahre alt sein konnte, zu schaffen, ein anderer lag besoffen auf dem Mist und noch einer hatte einen Hahn in den Händen und drehte ihm den Hals ab.

»Gottes Wunder,« dachte der Bauer, »was ist das für eine Zucht und Wirtschaft!« Er drückte sich an den betrunkenen Völkern vorbei und ging in den Pferdestall. Sein Falber war da, hatte aber ein herrschaftliches Geschirr um und zwei Mantelsäcke aufgeschnallt. Er schirrte ihn ab, machte sich ein Halfter aus einem Ende Strick und führte das Pferd aus dem Stalle. Schon war er meist vom Hofe, da kam ihm ein Reiter, der einen roten Bart hatte, der ihm bis über den Kragen hing, entgegen und schnauzte ihn an, wo er mit dem Pferd hinwolle.

»Das ist doch von jeher mein Falber gewesen!« gab ihm der Bauer zurück. »Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher, daher!« schrie der rotbärtige Mensch; »wem ist das Pferd hier, diesem Mann da oder Korporal Tillmann Anspach? Häh? Ruft ihn mal her! Wollen doch mal sehen, wessen Wort mehr gilt, das von einem ehrlichen Kriegsmann, der für die reine Lehre fechten tut, oder von so 'nem Bauern, der zu Fuße kommt und zu Pferde weiter will!«

Harm bekam einen roten Kopf und faßte nach der Hosennaht, wo er das Messer stecken hatte, aber er besann sich, denn er war einer gegen anderthalb Dutzend, und nun kam auch der Korporal an, ein Mensch, so dürr wie ein Bohnenstiefel und mit einer Narbe vom Auge bis zum Kinn, und hinter ihm noch ein Dutzend Reiter, die alle Gesichter hatten wie dem Gottseibeiuns seine Vetternschaft.

Als der Korporal hörte, wovon die Rede war, schüttelte er den Kopf, hob zwei Finger hoch und schwur: »So wahr ich hier auf zwei Beinen stehe,« und dabei hob er den einen Fuß auf, »verdammigt will ich sein, wenn das nicht der Falbe ist, den ich zu Martini von Schlome Schmul zu Kölle am Rhing für dreißig schwere Taler und einen guten Weinkauf erstanden habe. Darauf will ich leben und sterben, so wahr ich ein getreuer Christenmensch und kein papistischer Hundsfott bin!«

Harm Wulf sah sich um: er stand zwischen dreißig oder mehr verwogenen Kerlen, denen es auf eine Handvoll Menschenblut weiter nicht ankam. Betrunken waren sie ja alle, und wenn er erst auf dem Falben saß und er gab ihnen die Eisen in die Zähne! Aber der Gaul war schließlich nicht wert, daß er sich dafür in Not und Gefahr begab, und das Tier hatte eine dumme Gewohnheit: es stand auf den Pfiff! Sollte es also einem von den Kerlen in den Kopf kommen, zu flötjen, dann war er der Dumme und seine Frau konnte auf ihn lauern, bis sie alt und grau war, denn drei, viere von den [Koppelknechten] machten schon ihre Messer locker, und das Frauensmensch da mit dem schwarzen Haare, von dem die Butter nur so herunterlief, stieß den Kerl, der neben ihr stand, den scheeläugigen mit den Blatternarben, in einem fort in die Rippen und machte Augen wie ein Wolf, der Luder wittert.

Harm Wulf lachte mit eins auf. »Kinder und Leute,« juchte er, »das ist ja hier ein Leben, noch doller als beim Martensmarkt auf der Burg! Da wird so ein Haidbauer, als wie ich bin, der man alle halbe Jahre einen fremden Menschen zu sehen kriegt, ganz dösig von im Koppe. Ist ja auch wahr! Ich habe ja meinen Falben in der Burg! Ja, ja, man soll vor dem Mittagbrot den Schnaps aus dem Balge lassen. Na, denn nichts für ungut! Irren ist menschlich, sagte der Hahn, da gab er sich mit der Ente ab. Und nun wollen wir einen nehmen, daß die Haide wackelt!«

»Kiek sieh,« schrie er lauthals, »da ist ja auch mein alter Freund,« und damit nahm er den Mann mit dem schwarzen Schnauzbart, der die rote Feder auf dem Hute stecken hatte, unter den Arm und schrie über den Hof: »Howingvater, Trine, Deern, [hille], hille! Bier her!«

Als die Reiter ihm lachend folgten, warf er einen Reichstaler auf das Fensterbört und sang: »Ich hab' noch einen Taler, der soll versoffen sein,« stieß mit jedwedem an und machte seine Witze, aber dabei wahrte er sich den Rücken, behielt seine Lippen trocken und goß das Bier und den Schnaps über seine Schulter gegen die Wand.

Die hübsche Trina wußte nicht, wo sie so schnell Bier herkriegen sollte, so lustig ging es zu. Aber als sie zum achten Male wiederkam, war der Wulfsbauer nicht mehr da. Er hatte einen Witz von Ulenvaters [quantester] Sorte zum besten gegeben, und als die betrunkene Bande vor Lachen nicht wußte, wo sie bleiben sollte, und einer dem anderen, der sich auf die Landessprache nicht verstand, [verklarte], was der Bauer gesagt hatte, und sich auf die Reithosen schlug und wie ein Ochse brüllte, da gab Wulf der Wirtin etwas in das Ohr, und auf einmal schrie die: »Das Essen ist da! Zum Essen!« Da standen alle auf und Wulf drückte sich hinter die Bäume.

Er kam glücklich davon. Einen [Koppelknecht], der ihm [in die Möte kam], stieß er mit der Faust unter das Herz, daß der Mensch ohne ein Wort in die Jauche schlug. Der Rotbart fragte ihn: »Brudder, libber Brudder, trinken wirr noch eins?« aber er gab ihm einen Buff, daß der Kerl mit dem Kopf in die Hecke schoß, und als das Taternmädchen Hallo schreien wollte, machte er ein paar Augen und hielt ihr das Messer vor das Gesicht, daß sie erst so weiß wie ein Bettuch wurde, ihn dann anlachte und sagte: »Ei a su a starkes Mahn, hiebsches Mahn!« Er aber trat sie von sich weg und sprang in den Busch, und als er erst dort war, da verholte er sich, biß die Zähne durcheinander, machte eine Faust und fluchte: »Ich sollte man bloß, ich sollte man, wenn ich noch ein lediger Kerl wäre! dann solltet ihr mir den Falben bezahlen, was er wert ist, ihr Schweinepack!«

Aber als er dann in der Haide war, beruhigte er sich, und als er meist beim Hofe war und seine Frau ihm entgegenkam, ganz weiß im Gesicht und ordentlich blau unter den Augen, denn noch keinmal war er so lange ausgeblieben, da konnte er schon wieder mit dem Munde lachen und ihr das, was ihm zugestoßen war, so erzählen, als wenn das bloß ein dummer Spaß gewesen wäre.

Doch als er hinterher in der [Butze] lag und überdachte, wie es ihm gegangen war, machte er die Finger an beiden Händen krumm. Wenn er nicht an seine Frau gedacht hätte, die da neben ihm lag und so ruhig schlief, als wenn es auf der Welt nichts und weiter nichts als lauter Engel gab, dann hätte er am liebsten geflucht wie sein Schwiegervater, wenn der ganz falsch war, loslegte: »Das tote Pferd soll dich schlagen!« hätte er geflucht.

Aber so lag er da, ohne sich zu rühren, obzwar ihm stickend heiß war. Den Morgen hatte er noch das [Brummelbeerlied] durch die Zähne geflötet, als er nach der Stadt ritt, und jetzt? Jetzt lag er da und dachte an das Lied, das der rotbärtige dicke Kerl ihm in das Gesicht gebrüllt hatte, derselbe Kerl, dem er nachher den Heckenstößer gezeigt hatte. Wie ein unkluges Stück Vieh hatte er gebrüllt:

Der Mansfeld kommt,
der Mansfeld kommt,
der Mansfeld ist schon da,
truderiderallala,
jetzt ist der Mansfeld da.

Die Braunschweiger

Am folgenden Tage aber, als der kleine Hermke auf seinen Knieen Hopphoppreiter machte, ihm die Ohren lang zog und lustig krähte, bekam er wieder helle Augen, doch als er nachher säete, wollte ihm das, was er im Kruge belebt hatte, nicht aus dem Sinne.

»Das soll doch mit dem Deubel zugehen,« dachte er, »daß ich dem hergelaufenen Kerl das Pferd für nichts und wieder nichts lassen soll und obendrein noch einen ausgeben muß!« Er dachte lange über die Sache nach und weil er doch auf dem Ulenhofe zu tun hatte, besprach er sich mit seinem Schwiegervater.

»Tja,« sagte Ulenvater und spuckte in das Feuer, »tja, das ist eine dummerhaftige Sache. Du kannst den Schaden ja wohl [bören], aber ein Pferd ist doch kein Hühnerei und reichlich gut zum Verschenken. Weißt du was? Ich habe sowieso in Celle zu tun, und da wollten die Völker ja hin, wie du sagst. Ich will mal sehen, was sich machen läßt. Ich komme mit den Herren vom Hofe ganz gut aus, seitdem sich unser Herzog damals hier auf der Jagd über das wilde Schweinelied halb ungesund gelacht hat. Vielleicht ist es gut, daß du mitfährst. Heute kann ich nicht, aber morgen.«

Sie fuhren dann auch am andern Morgen los. Es war wieder ein schöner Tag; die Lerchen sangen über der Haide und im Bruche flötete der [Kolüt]. Die beiden Bauern aber sahen brummig vor sich hin und als sie vor sich drei Reiter zu Gesicht bekamen, faßte Harm die Zügel fester und Ulenvater legte die Pistole, die er mitgenommen hatte, neben sich in das Wagenstroh. Die Reiter aber ritten vorbei, indem sie ihnen nur eben dankten, als sie ihnen die Tageszeit boten.

Es waren drei Kerle mit Gesichtern, wie sie der Teufel nicht besser haben kann; der eine konnte seine Augen gar nicht von dem Gespanne wegkriegen, und als Harm sich umdrehte, sah er, daß sie haltgemacht hatten und miteinander redeten. Aber dann setzten sie sich in Trab und ritten quer in die Haide hinein.

Noch allerlei Volk begegnete ihnen; zuerst zwei Landstreicher, dann drei, dann Tatern, die mit ihrem Planwagen dahergezogen kamen, und in dem es von nackigten Kindern wimmelte. Eins davon, ein Mädchen, das wohl schon an die dreizehn Jahre alt war, aber so bloß war wie ein Fisch, sprang aus dem Wagen und ehe Harm es sich versah, saß es bei ihm auf dem Sattelpferd und bettelte ihn an und drei, vier andere machten sich bei Ulenvater im Wagen zu schaffen.

»Das [Takelzeug] ist noch zäher als wie Hirschläuse,« meinte der Wulfsbauer, als sie die nackte Gesellschaft abgeschüttelt hatten, und er setzte hinzu: »Was für Völker jetzt im Lande herumstromen! Eine Schande ist es, daß da nichts getan wird! Gaudiebe und [Vagelbunden] sind beinahe die Herren jetzt. Wenn das so beibleibt, kann es noch gut werden.«

Indem er sich nach den Zigeunern umsah, wurde er gewahr, daß die drei Reiter umgedreht hatten und hinter ihnen herkamen. Das schien ihm verdächtig und deshalb ließ er die Pferde ordentlich laufen; so kam er früher vor der Stadt an, als die Reiter.

Bei dem Tore sah es bunt aus; eine Menge fremden Kriegsvolkes lag dort, und als die Bauern den Wächter fragten, was das für eine Bewandtnis habe, hörten sie, daß das allerlei Gesindel war, daß der Halberstädter Bistumsverwalter Christian von Braunschweig gegen die Kaiserlichen angeworben hatte. Die Leute hielten sich ziemlich anständig, denn sie lagen unter den Kanonen der Stadt und eine Abteilung herzoglicher Kriegsknechte unter einem Hauptmann paßte auf, daß sie keinen Unfug anstellten. Aber Harm dachte sich, als er sie besah: »Die mehrsten sehen aus, als wenn sie mit einem Strick um den Hals weggelaufen sind.«

In Celle spannten sie in der Wirtschaft zur goldenen Sonne aus, wo sie gut bekannt waren, und frühstückten mit vier Bauern aus dem Gau Flottwede. »Wir werden bald allerlei gewahr werden,« meinte der Wathlinger [Burvogt]; »die Wienhäuser Nönnekens haben sich schon dünne gemacht, denn sonst könnten sie wohl bald ihr Nonnenfleisch losgeworden sein. In Altencelle haben die Halunken von Kriegsleuten den Bauern mit Gewalt die Würste und Schinken genommen und sie obendrein mit Schlägen zugedeckt. Der Vollmeier Pieper in Burg liegt auf den Tod; er wollte es nicht leiden, daß sie sich an seinen Töchtern vergriffen, und da hat ihm ein Kerl mit dem Säbel über den Kopf geschlagen, daß der [Brägen] herauskam.«

Er sah sich um und flüsterte dann: »Der Kerl, der das getan hat, ist aber auch verschwunden; es wird gesagt, die Knechte haben ihn um die Ecke gebracht. In Wathlingen sind auch zwei von den Brüdern fortgekommen. Meinen Segen haben sie!«

»Das ist das eine,« sagte ein Bauer aus Eicklingen, »das ist das eine. Seines Lebens ist man nicht mehr sicher, und dazu kommen noch die Steuern. Der Landtag hat die dreifache Schatzung ausgeschrieben und es heißt, daß das nicht das letztemal sein soll, denn das Land braucht jetzt Geld für Soldaten. Ja, das ist wohl so, und das wäre auch noch auszuhalten, aber dann kommen die fremden Völker und legen uns auch noch allerlei Lasten auf, das heißt, wenn sie nicht überhaupt nehmen, was sie kriegen können. Pohlmanns [Ludjen] haben sie eine milchende Kuh von der Weide genommen, und als er wenigstens Geld wollte, haben sie ihn ausgelacht, und als Hein Reimers vom Felde kam, ist er zwei gute Pferde auf die Art losgeworden. Wenn das so weiter geht, gibt es kein Recht und kein Gesetz mehr!«

Nun erzählten die Ödringer, weswegen sie nach Celle gekommen waren; aber alle meinten, sie sollten den Falben ruhig in den Rauchfang schreiben, denn wenn die Obrigkeit hinter alle solche Sachen hinterfassen sollte, dann hätte sie viel zu tun. Ul aber meinte, versuchen wollte er es doch und ging los.

Nach zwei Stunden kam er wieder und ließ den Kopf hängen, wie ein krankes Huhn. Ganz begossen sah er aus. »Ja, Junge,« sagte er, »ist das ein Betrieb! Angeschnauzt haben sie mich; ich sollte sie mit solchen Dummheiten in Ruhe lassen, denn sie hätten Notwendigeres zu tun, als hinter deinem Pferde herzulaufen. Na, so unrecht haben sie ja nicht, denn wie mir der zweite Koch erzählte, geht es ja jetzt in der Welt her, wie in einem Ameisenhaufen, bei dem der Specht zugange ist. Die Kaiserlichen kommen von der einen, der Braunschweiger und der Durlacher von der anderen Seite, und was unser regierender Herzog ist, der muß zusehen, daß er sich nicht dabei die Finger klemmt. Na, Mertens meinte, Herzog Georg, den sie doch zum Kreisoberst gemacht haben und der an die zwanzigtausend Mann unter sich hat, der wird schon dafür sorgen, daß sie uns nicht lebendig schinden. Aber den Falben bist du darum doch quitt. Tors Pferd soll den Kerl schlagen!«

Er schlug sich Feuer für seine Pfeife, spuckte vor sich hin und sah seinen Eidam an: »Ich weiß nicht, ich glaube, es geht nicht anders: wir müssen daran denken, was dein Großvater immer sagte: Helf dir selber, dann helft dir auch unser Herregott! Denn warum? Die Obrigkeit, die wird alle Hände voll zu tun haben, daß sie im allgemeinen für Ordnung sorgt, soweit das angeht; der einzelne Mann muß sich selber wahren. Ich weiß man nicht, wie wir das anstellen sollen; denn was sollen wir zum Beispiel machen, wenn solche Galgenvögel, wie sie vor dem Tore liegen, hundert Stück und mehr, nach Ödringen verschlagen werden?«

»Komm,« meinte er dann, »wollen weg! Hier haben wir ja doch nichts mehr zu holen.« Er rief den Wirt und bezahlte. »Nanu,« schrie er auf einmal, »Harm, Junge, was ist denn das?« Und schnell lief er aus der Türe. Als Harm ihm in den Hof nachging, sah er, daß einer der drei Reiter, die ihnen am Morgen begegnet waren, das Sattelpferd aus dem Stalle zog.

»Hoho!« rief er und machte das Messer locker, »was soll denn das heißen?« Der fremde Mann sah ihn an und lachte: »Na, ich kann mir ja doch wohl das Pferd mal ansehen! Ich habe dem Knecht das ja gesagt und ihn gefragt, wem es gehörte. Ich bin nämlich Pferdehändler und dein Pferd hat mir gleich in die Augen gestochen, denn es paßt ganz zu einem, auf das ich handele, und das würde ein feines herrschaftliches Gespann geben. Was soll es gelten?«

Der Wulfsbauer schüttelte den Kopf: »Es ist mir nicht feil,« sagte er und führte es vor den Wagen. »Na, denn nicht; was nicht ist, kann noch werden. Vielleicht besinnst du dich.« Damit ging der Händler ab.

Die Ödringer sahen ihm mit schiefen Augen nach, und der Wirt schnippte mit den Fingern. »Tja der,« knurrte er, »der und Pferdehändler! Wer so billig einkauft, kann es zu was bringen in der Welt. Er kehrt öfter bei mir ein und verzehren tut er gut, aber ich sehe ihn lieber gehen als kommen, zum ersten, weil mir seine Augen nicht gefallen können, und dann weil ich ihn mit Völkern von der [Masch] zusammengesehen habe, denen jeder Kerl, der was auf sich hält, aus dem Wege geht. Hanebut heißt er, Jasper Hanebut, und aus Bothfeld bei Hannover soll er sein, und die er meist bei sich hat, Hänschen von Roden und Kaspar Reusche, den Brüdern traue ich auch nicht über den Weg.«

Gerade als sie losfahren wollten, gab es von der Stechbahn her ein großes Geschrei. Ein Bauer kam zwischen zwei Stadtknechten daher und hinter ihm ging seine Tochter, ein blasses Mädchen von siebzehn Jahren, das in ihre Schürze weinte. Der Bauer schimpfte gewaltig: »Verfluchte Zucht!« schrie er; »totschlagen soll man die Hunde! Ich bin wahrhaftig keiner, der nicht einen Spaß verträgt, aber was zu viel ist, das ist zu viel. Ist denn meine Tochter dazu da, daß jeder Lausepelz seinen [Hahnjökel] damit treiben kann? Na, so bald tut der Lümmel das nicht wieder; sein eines Auge paßt ihm in vier Wochen noch nicht wieder in den Kopf, und es tut mir bloß leid, daß es nicht ganz herausgekommen ist. Und ich will doch sehen, ob noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, und ob wir in einem christlichen Staate leben oder unter Türken und Heiden!«

Ein Handwerksmeister, den der Wirt kannte, erzählte, was los war. Der Bauer, der aus Boye war und mit seiner Tochter, die es auf der Brust hatte, zum Doktor wollte, war zwischen das Halberstädter Kriegsvolk geraten, und die hatten das Mädchen hergekriegt und abgedrückt, als wenn es ein Taternfrauenzimmer war. Ihr Vater hatte dann dem einen Kerl eins mit der Faust ins Gesicht gegeben, daß das Auge gleich vor dem Kopfe stand, na, und der Ordnung halber mußte die Sache untersucht werden. »Aber,« setzte der Mann hinzu, »sie werden ihn wohl gleich laufen lassen; vom Schlosse aus ist den Braunschweigern angesagt worden, wenn sie nicht in einer Stunde unterwegs sind, dann würden die Leute des Herzogs sie auf den Trab bringen.« Er sah die Bauern an: »Ich würde an eurer Stelle noch etwas warten, ehe daß ich losfahre; sie ziehen gerade ab und gute Laune haben sie just nicht.«

Das schien den Ödringern ein guter Rat zu sein, und so gingen sie mit dem Manne wieder in die Gaststube. Gerade als die Kastenuhr ausholte, um die zweite Stunde anzumelden, riß Ul die Augen auf, machte ein Gesicht, als ob er etwas Schreckliches sah, und sprang auf: »Komm,« rief er, »jetzt ist es aber Zeit! Wir brauchen ja nicht die Heerstraße zu fahren, wir können den [Dietweg] durch die Haide nehmen. Ich habe eine Unruhe auf dem Leibe, ich weiß nicht, was das mit mir ist. Vielleicht, daß ich mich habe allzuviel ärgern müssen.«

Sie fuhren also los. Vor dem Tore war es still, bloß daß da noch allerlei Zigeunervolk lag. Als sie in die Haide einbiegen wollten, rief es hinter ihnen; drei Bauern aus Engensen kamen angeritten. »Tag!« rief der älteste, »nehmt uns mit! Wie es heutzutage hergeht, reist man zu fünfen besser, als zu dreien und zweien. Vorhin sind hier drei Männer vorbeigeritten, die sahen aus, als wenn sie der Deubel aus dem [Holster] verloren hat. Es ist Zeit, daß Herzog Georg mal mit dem engen Kamm über das Land geht; es hat sich allerlei Ungeziefer angesammelt.« Er drehte sich um und winkte einem jungen Bauern zu, der die Heerstraße entlang ritt: »Hinnerk, komm lieber hier, dennso hast du keine Langeweile unterwegs!« So waren sie selbst sechse, und da jeder eine Pistole und das große Messer bei sich hatte, brauchten sie sich nicht zu sorgen.

»Wulfsbauer,« sagte der Engenser, »wir können jetzt die Ohren steifhalten, wir gemeinen Bauern. Bei uns haben wir das schon abgemacht: Tatern und anderes fremdes Volk, das sich bei uns sehen läßt, das wird ohne weiteres mit der Peitsche begrüßt, denn die Bande zeigt den Räubern, denn was anderes sind doch diese Kriegsknechte nicht, bloß den Weg, wo es was zu holen gibt. In Ehlershausen haben sie vorige Woche zwei von diesen Kerlen, die ein Pferd von der Weide geholt hatten, in aller Heimlichkeit aufgehängt und [beigerodet]. Und das ist ganz recht so: denn erstens sind es keine richtigen Menschen, und außerdem, warum bleiben sie nicht, wo sie hingehören?«

Die anderen Bauern nickten, bloß Ulenvater nicht; denn der saß da, sah mit großen Augen über die Haide, machte einen Mund, wie ein Untier, murmelte ab und zu etwas vor sich hin, und als Harm ebenfalls über die Haide sah, denn er dachte, da wäre etwas, da war ihm, als spränge ein Mann hinter die [Krüppelfuhren]. Er sagte es Drewes, und der Engenser achtete auf den Weg und rief mit einem Male: »Kann schon stimmen: hier sind eins, zwei, drei Reiter hergekommen. Es soll mich wundern, wenn das nicht die verdächtigen Kerle von vorhin sind. Na, laß sie man kommen! Wir sind unsrer sechse und dreschen eine gute Nummer.«

Sie taten nun, als ob die Haide ein Garten Gottes war, [prahlten] und lachten, hatten aber die Hände an den Pistolen und hielten scharf Umschau. Sie sahen aber nichts Verdächtiges, bloß, daß mit einem Male aus den Fuhren drei Hirsche herauspolterten, als wenn die Wölfe dahinter waren, und als sie an der Stelle vorbeikamen, hörten sie im Busche einen Hengst wiehern, denn die Ödringer hatten eine Stute als Handpferd, und die schien rossig werden zu wollen. Sie sahen sich an, [prahlten] dann aber bloß noch lauter los und lachten wie unklug, bis auf den Papenbur, denn der saß ganz still, biß an seinen Lippen herum und sah dahin, wo Ödringen liegen mußte.

Als sie eine Viertelstunde weiter waren, hörten sie den Hengst wieder wiehern, und mit eins winkte Drewes die anderen zurück, jagte in die Haide hinein und es war ihnen, als wenn da etwas lief; ob das nun aber ein Mensch oder ein Tier war, das konnten sie nicht sehen. Mit einem Male hörten sie etwas, wie einen Schrei, und dann kam Drewes wieder angeritten und sagte: »Ich dachte, es wäre ein Wolf.«

Harm, neben dem er ritt, sah ihn sich genau an und da fand er, daß an dem dicken Krückstock, den der Engenser am Sattel hängen hatte, denn er hatte rechts ein kurzes Bein, frisches Blut war. Drewes fing den Blick auf: »Ein Zigeuner, der schon seit einer Stunde neben uns hergestunken ist. Er hat wohl den Spion für die drei Buschklepper machen sollen, aber ich habe ihm ordentlich eins ausgewischt. Einer weniger! Anders geht das nun einmal nicht!«

Wulf gefiel der Engenser nicht mehr so gut. Gewiß, die Tatern waren man ja halbe Menschen, und Christen waren sie erst recht nicht, wenn sie ihre Kinder auch in einem weg taufen ließen der Patengulden halber, aber gleich darauf loszuschlagen, wie auf ein wildes Tier, das wollte Harm denn doch nicht in den Kopf. Aber er mußte Drewes recht geben, als der leise zu ihm sagte: »Wenn in jedem Dorfe ein tüchtiger Kerl ist, und der holt alles zusammen, was sich wehren kann, und ein Dorf hilft dem anderen, dennso würde das schon gehen. Den Donner auch, wir sind doch nicht dazu da, daß Hans Hungerdarm und Jans Schmachtlapp [mit uns Schindluder spielt]! Das sage ich dir, und so sollte es ein jeder halten: ehe daß ich mir und meinen Leuten einen Finger ritzen lasse, lieber will ich bis über die Enkel im Blute gehen! Na, denn adjüs auch!« Er ritt mit den drei andern nach links ab.

Wulf und Ul waren kaum ein Ende allein weitergefahren, da hörten sie wieder den Hengst wiehern, und als sie haltmachten, kamen die drei fremden Reiter langsam hinter ihnen her. »Was die Kerls wohl von uns wollen?« meinte Ulenvater; »wollen so tun, als wenn an den Strängen was [vertoddert] ist, denn wenn sie uns an den Balg wollen, so können wir uns hinter dem Wagen bergen und sie mit einem guten Schusse begrüßen.« Sie stiegen also ab und machten sich an dem Geschirr zu tun, während die Reiter langsam näher kamen.

Als sie meist bei ihnen waren, rief der eine, von dem der Wirt in Celle gesagt hatte, daß er Hanebut hieß: »Na, willst du das Pferd jetzt verkaufen?« und dabei hatte er das Gewehr vor sich auf dem Sattel. Wulf schüttelte den Kopf und sagte: »Es ist mir nicht feil,« und währenddem stellte er sich hinter das Gespann und hatte die Pistole zur Hand, und Ul machte es ebenso. »Ich muß das Pferd aber haben, zum Donner noch einmal!« schrie der Kerl; »also wie ist es damit?« Er machte runde Augen und hielt das Gewehr mehr nach Wulf hin.

In demselben Augenblicke hörte Wulf, daß die Engenser wieder angeritten kamen, denn Drewes Sattel piepte auf ganz absonderliche Weise, und da wollten die Buschklepper fort, aber nun krachte es schon; der eine, der hinter Hanebut hielt, fiel mit dem Kopfe vornüber, hielt sich aber noch und jagte hinter den beiden anderen, die die Hasen machten, in die Haide, stürzte aber bald aus dem Sattel, wurde jedoch von Hanebut aufgegriffen und hinter sich gezogen, während sein Pferd wie wild hin und her lief. Hinter ihnen her jagten die Engenser und schossen noch zweimal.

»Da sind wir ja noch gerade rechtzeitig gekommen, Kinder!« lachte Drewes, als er zurückkam; »ich drehe mich noch einmal um und sehe die Lümmel hinter euch herreiten! Na, der eine soll wohl ein schönes [Brägenschülpen] haben! Ein Schade, daß sich mir gerade so eine vermuckte Fliege auf das Korn setzen mußte, als ich losdrückte; dadurch bin ich ein bißchen zu hoch abgekommen! Aber ein Hauptspaß war es doch, und eine schöne Hose voll Angst wird das Gesindel wohl mitgenommen haben. Und den Braunen sind sie auch los!«

Er klappte mit der Zunge und ritt auf das Pferd los: »Na, Hans, komm doch mal her! So schön!« Er hielt es am Halfter fest und besah es von allen Seiten. »Das dachte ich mir doch gleich,« meinte er dann; »seht mal her: ist das nicht Tidke Rundes Marke?« Damit wies er auf das Zeichen, das der Hengst auf der Schulter hatte. »Na, gekauft ist das bestimmt nicht, denn als ich vorige Woche von ihm einen Vierjährigen haben wollte, sagte er, er hätte selbst keinen über, da ihm einer an der Kolik gefallen ist. Da haben wir uns eine Runde Bier verdient, und die wollen wir gleich in Ehlershausen im voraus trinken. Hasenjagen macht eine trockene Leber.«

Im Kruge gab es einen großen Aufstand, als die sechs Bauern mit dem Hengste ankamen, denn Runde aus Wettmar war schon dagewesen und hatte erzählt, daß ihm in der Nacht der Braune aus dem Grasgarten gestohlen war. Es waren eine ganze Menge Bauern aus dem Orte und aus der Umgegend da, die über die Braunschweiger sprachen. Wo sie hingekommen waren, hatten sie sich unnütz gemacht, aber da sie bloß hundert Mann stark waren und die Bauern keine freundlichen Gesichter machten, war es noch halbwege gut abgegangen, zudem viele davon angetrunken waren und kaum auf den Beinen stehen konnten. Die letzten waren eben erst abgezogen und man konnte, da der Wind nach dem Dorfe stand, noch hören, wie sie brüllten. »Lustige Braunschweiger seind wir«, sangen sie.

Aus der einen Runde sollten zwei werden, aber die Ödringer hatten keine Ruhe. Ul bekam immer gläunigere Augen, und auch Harm war nicht gut zumute; je näher er bei seinem Hofe war, um so unheimlicher wurde es ihm. Als er den Hof meist sehen konnte, kam ihm der Knecht entgegengelaufen. »Na, was ist los?« rief er ihm zu; denn daß nicht alles in der Reihe war, merkte er gleich.

»Ach, Bauer,« stotterte der Knecht, »die Frau, es waren von den Biestern welche auf dem Hofe und die haben die Hühner, die haben sie greifen wollen, und da kam die Frau und wollte ihnen das wehren. Und da hat sie der eine Kerl mit dem Gewehr vor den Leib geschlagen, und da liegt sie nun und ist von sich. Und das Kind, es war ein Mädchen, das ist tot.«

»Junge,« brüllte der Bauer, »und die Bäuerin, wie ist das mit der?« Der Knecht fuhr zurück und stotterte noch mehr: »Das soll wohl nicht auf Leben und Tod gehn, sagt [Mutter Griebsch]; die sagt, das wäre bloß eine Allmacht von dem Schreck!« Er ging neben dem Bauer her. »Bei Uhre zwei, da war das, da kamen die Schinder an. Erst wollten sie Bier und dann Schnaps, und dann ging einer bei die Hühner, und da ist das denn so gekommen.«

Duwenmutter kam den Bauern in der [Halbetüre] entgegen: »Man ruhig! sie schläft jetzt. Vorhin hat sie das Fieber gehabt und immer nach dir gerufen; aber nachher, da ist sie eingeschlafen und hat gut geschwitzt.« Sie weinte los: »So'n nüdliches Mädchen, das Lüttje! daß das sterben mußte, ehe daß es auf der Welt war! Diese Hunde, diese gottverfluchten Hunde! Bei lebendigem Leibe könnte ich sie brennen sehen! Und die Frau hat dem Kerl kaum ein böses Wort gesagt. Sie rief man bloß: Doch nicht die Legehenne! Ich will dir ja gern eine Wurst geben! Und dafür liegt sie jetzt da und das Kind ist tot!« Sie hob ein Laken auf, das über zwei zusammengestellten Stühlen lag. »Kiek! da ist es. Es wäre ein schönes und gesundes Kind geworden.«

Harm sah kaum danach hin. Er hatte die Schuhe ausgezogen und ging nach der [Dönze]. Seine Frau schlief; er hörte, daß sie ruhig atmete. Er holte sich ein Glas Wasser und ein Stück Trockenbrot und setzte sich in den Backenstuhl neben den Ofen. Die Gedanken gingen ihm im Kopfe hin und her, wie die Schwalben über der Wiese. Mit der Zeit wurde er ruhiger, aber an schlafen konnte er nicht denken. »Ja, Drewes hat recht,« dachte er, »jeder ist sich selber der Nächste. Besser fremdes Blut am Messer, als ein fremdes Messer im eigenen Blut!«

Ihm war zu Sinne, als müßte er verrückt werden vor Ingrimm. Seine Frau hatte einer von diesen Kerlen vor den Leib geschlagen, seine Frau, die keiner Fliege ein Leid antun konnte. Am liebsten hätte er sich wieder auf das Pferd gesetzt und wäre hinter dem Kerle dreingeritten. Aber das war ja Unsinn! Es hatte keinen Zweck, daran zu denken, wie schön es wäre, den Menschen so lange zu würgen und zu schlagen, bis kein Leben mehr in ihm war.

So saß er die ganze Nacht mit offenen Augen da und sah nach der [Butze], in der seine Frau schlief. Als die Eule laut an zu [prahlen] fing, rührte die Bäuerin sich und rief leise: »Harm, Mann!« Da ging er schnell vor das Bett und nahm ihre Hand in seine, und so blieb er stehen, bis es Tag wurde. Da setzte er sich wieder in den großen Stuhl und sah vor sich hin, bis ihm die Augen zufielen. Aber er fuhr sofort wieder in die Höhe und sah sich wild um, und dann seufzte er und setzte sich wieder.

Er hatte geträumt, er war hinter den Kerlen hergeritten und hatte den einen, gerade den, den er meinte, angetroffen, wie er daherwankte und das Braunschweiger Lied sang, und da hatte er ihn von hinten gepackt und [gedümpt], bis er blau im Gesicht wurde und keinen Finger mehr rührte.

Leise ging er aus der [Dönze] und wusch sich draußen in einem Eimer. Ihm war, als wollte ihm das Blut aus den Ohren springen, und jedes Haar auf dem Kopfe kribbelte ihm. Solche bösen Augen hatte er, daß [Grieptoo] den Schwanz einzog, als er ihn ansah.

Aber war es nicht auch zum Verrücktwerden? Da lag nun seine Frau und wer weiß, ob sie am Leben blieb, und der Kerl, der Hund, saß vielleicht wieder mit dem Bierkrug in der Hand da und sang:

Herzog Christian hat uns wohl bedacht,
Bier und Branntwein uns mitgebracht,
Musikanten zum Spielen,
schöne Mädchen zum Vergnügen
bei Bier und bei Wein,
lust'ge Braunschweiger woll'n wir sein!

Die Weimaraner

Es war von da ab sehr still auf dem Wulfshofe. Die Bäuerin kam langsam wieder zu Kräften, aber sie wurde lange nicht mehr die lustige Frau von ehedem; sie blieb blaß und in sich gekehrt und [verjagte sich] bei jeder Kleinigkeit.

Der Bauer war auch anders geworden; die Wut und der Ingrimm fraßen ihm das Herz ab. Er hatte es verlernt, bei der Arbeit zu flöten, und wenn er lachte, so war das, als ob die Herbstsonne einen Augenblick durch die Wolken kam.

Es war auch keine Zeit zum Flöten und Lachen. Die Steuern nahmen immer mehr zu, Bettelvolk aller Art zog im Lande umher, Westfalen, Friedländer, Lipper, die bis dahin in Ruhe und Frieden gelebt hatten, aber jetzt mit dem weißen Stocke gehen mußten, weil ihnen die Mansfelder oder die Braunschweiger alles genommen und ihnen noch dazu das Dach über dem Kopfe angesteckt hatten.

Schrecklich war es, was die Leute zu erzählen hatten, mehr als ein Mensch aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Harm traf mitten in der Haide eine Frau an, die sang und betete und lobte Gott für seine Güte. Er hatte das nicht mit ansehen können und sie mit auf den Hof genommen, wo sie halbwege wieder zu sich kam. Sie hatte auf einem guten Hofe gesessen; ihr Mann war zu Tode gequält, ihre drei Töchter und der kleine Junge auch; da war sie übergeschnappt und in die Welt hineingelaufen.

Sie aß wie ein Wolf und erzählte dazwischen; es war gräßlich anzusehen, wie sie dabei trockene Augen behielt, in einem fort lachte und wieder betete und Gott zum Lobe sang. Der Bauer war froh, als sie ging, obzwar sie ihn von Herzen dauerte, aber die Bäuerin war ganz krank von dem geworden, was die fremde Frau erzählte, und dreimal fuhr sie in der Nacht in die Höhe und schrie und beruhigte sich erst wieder, als Harm ihre Hand nahm und ihr zusprach. Am anderen Tage war sie so elend, daß sie nicht aus dem Bette konnte, und jedesmal, wenn eine Tür zuschlug, [verjagte sie] sich.

Seit der Zeit verbot der Bauer es seinen Leuten, von dem zu reden, was in der Welt vorging; soweit es sich machen ließ, blieb er auf dem Hofe und ließ die Feldarbeit den Knechten. So sauer es ihn auch ankam, er zwang sich zum Lachen und Flöten, denn er merkte, daß das der Frau gut tat, und bei kleinem wurde es mit ihr besser. Wenn sie dann abends den Jungen zu Bett brachte und der redete Korn und [Kaff] durcheinander und quiekte und lachte, dann konnte sie auch wieder mitlachen; aber es war doch nicht mehr das Lachen, das sie früher hatte und bei dem es dem Bauern immer ganz heiß unter dem Brusttuche wurde. Ihr Vater, der sich jetzt viel auf dem Wulfshofe blicken ließ, gab sich alle Mühe, sie mit seinen Dummheiten aufzumuntern, aber es war und blieb doch man ein halbes Werk.

Da das Auspressen und Plündern und das Quälen und Martern kein Ende nahm, hatten die Bauern rund um das Bruch miteinander abgemacht, sich gegenseitig bescheid zu geben, damit das Vieh und die Frauensleute geborgen werden konnten. Alle paar Wochen mußte einer der Knechte losjagen, wenn von irgendwo schlimme Post kam, oder die Ödringer trieben Hals über Kopf ihr Vieh in den Burgwall mitten im Bruche und ließen ihre Frauen und Mägde so lange in den Plaggenhütten, bis die Luft wieder sauber war. Seinen besten Knecht hatte der Wulfsbauer dabei eingebüßt. Er war zum nächsten Dorfe geritten, um anzusagen, daß ein Haufen weimarscher Kriegsknechte auf dem Wege war; am anderen Tage war der Schimmel wieder da, aber mit Blut auf dem Rücken und einem Streifschuß am Halse; Katz aber kam nicht wieder.

Bis dahin hatte der Wulfshof unter dem Kriege weniger ausgestanden als die anderen Höfe in Ödringen, weil er zu sehr abseits lag. Auch Landstreicher fanden sich deshalb selten hin. Da kam an einem Herbstmorgen, als es über Nacht zum ersten Male gefroren hatte, ein Zigeunerweib angebettelt, das ein halbnacktes Kind an der Brust hatte. Ulenvater wollte den Hund auf sie loslassen, aber seine Tochter und der Bauer wehrten es ihm. »Vater,« sagte die Bäuerin, »sie hat ein Kind an der Brust und sieht halb verhungert aus!« Der Alte brummte, als sie der Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab, und der [Altvater] Wulf, der nicht mehr viel sagte, seitdem er sich auf die [Leibzucht] begeben hatte, meinte: »Wenn dich das man nicht gereuen wird, Mädchen!«

Am Nachmittage kamen dreißig Weimaraner unter einem Offizier auf den Hof. Mitten über die Haide, wo kaum ein Weg war, kamen sie, und der [Altvater] sagte: »Da haben wir es schon!« Sie verhielten sich ziemlich anständig, weil es ihnen an Wurst und Brot nicht fehlte und der Offizier darauf sah, daß sie nüchtern blieben, weil sie noch einen großen Marsch vorhatten. Aber ob der Bauer sich noch so sehr sträubte, er mußte zwei Gespanne herleihen, und weil der Knecht von einem Pferd geschlagen war und ein steifes Knie hatte, mußte Harm selber mit, so schwer ihn das auch ankam.

Anfangs hieß es, seine Pferde würden bloß bis Burgdorf gebraucht; aber als man auf der hohen Haide war, kam ein Zigeuner angelaufen, sprach mit dem Führer und der Zug schwenkte nach Wettmar ab, wo zwei Wagen mit Hafer standen, die Wulf weiterbringen sollte.

Es war schon meist Abend, als sie in Bissendorf ankamen. Da ging es wild her; alles lag voll von weimarschen Truppen und es war ein Gebrüll und Getue, daß Wulf ganz dumm zumute wurde. Der Wirt und die Wirtin sahen aus, als wenn sie aus dem Grabe geholt waren; der Magd hing das Haar lose um den Kopf, und Brusttuch und Hemd waren ihr kurz und klein gerissen, und die Kinder saßen auf einem Haufen hinter dem Backhause und streichelten den Hund, den einer von den Kerlen totgeschlagen hatte. Bei ihnen saß der Knecht, hielt sich die Seite und spuckte Blut, denn er hatte einen Kolbenstoß in die Rippen bekommen, weil er sich für die Magd aufgeschmissen hatte.

Wulf wartete und wartete, denn der Offizier hatte ihm gesagt: »Seine Pferde kriegt er wieder.« Es war meist Mitternacht, da gab Wulf für einen Soldaten einen Krug Bier aus, damit der Mann den Offizier an sein Wort erinnern sollte. Gerade wollte er seinen Geldbeutel wieder einstecken, da wurde ihm der aus der Hand gerissen und ehe er sich versah, lag er vor der Türe. Er griff nach seinem Messer, nahm sich aber zusammen und wartete, bis der Offizier schlafen gehen wollte, und als ein langer Mann, den die anderen Herr Oberst anredeten, ihm in den Weg kam, nahm er seinen Hut ab und fragte, ob er jetzt nicht seine Pferde bekommen könnte.

»Maul halten!« schnauzte der Offizier; »was gehen mich seine Pferde an, dummes Bauernvieh!« Wulf würgte es im Halse, aber er hielt sich zurück: »Herr Oberst, der Herr Offizier hat es mir fest und heilig versprochen, daß ich meine Gespanne wieder haben soll,« sagte er, und er wunderte sich selbst darüber, daß er das so ruhig sagen konnte. Der Offizier bekam einen roten Kopf: »Ist er verrückt, dreckiger Lümmel?« schrie er ihn an; »ist er verrückt? Stellt sich der Kerl mir in den Weg! Weg da!« Und als der Bauer nicht sofort Platz machte, schlug er ihn mit den langen gelben Stulphandschuhen, die er in der Hand trug, in das Gesicht, daß es knallte, und ging an ihm vorbei.

Wulf blieb wie ein Stock an der Wand stehen. Er hörte es kaum, daß ein Troßknecht ihm sagte: »Krieg ist Krieg und hin ist hin! Tröste dich, wie ich es getan habe; ich hatte auch einmal Haus und Hof und jetzt bin ich froh, wenn ich Brot und Bier habe.«

Er ging in den Grasgarten und setzte sich auf einen schrägen Baum. Es war eine sternklare kalte Nacht, aber der Bauer merkte die Kälte nicht. Er aß sein Brot und seine Wurst so ruhig wie immer, trank seinen Schnaps und überlegte, was zu machen war. So saß er da, bis es an zu [schummern] fing und es im Hause wieder laut wurde. Die Magd, die Wasser aus dem Hofe holte, rief ihn an, weil er eine Schüssel Suppe essen sollte, und das tat er auch.

Der Troßknecht kam auch in das Haus und Harm brachte aus ihm heraus, wo es hingehen sollte, und auch, daß der Mann, der ihn geschlagen hatte, ein leibhaftiger Satan und Menschenschinder war. »Der kann dabeistehen und sich högen, wenn sie ein Mädchen zu Tode quälen,« erzählte der Knecht und gab einige Stücke zum besten, daß es dem anderen kalt und heiß durcheinander über den Rücken lief.

Als er weg war, machte der Wulfsbauer sein dümmstes Gesicht und ging bald hier, bald dahin, gleich als wüßte er nicht, wo er vor Langerweile bleiben sollte. Auf einem Fensterbört lag ein Pulverhorn und ein Kugelbeutel; als niemand hinsah, warf er beides über den Zaun unter den [Hollerbusch]. Dann sah er sich so lange um, bis er eine Büchse fand, und die besorgte er auch beiseite. Zuletzt traf er den jungen Offizier, der bei ihm auf dem Hofe gewesen war; er bat ihn, ihm die Pferde wieder zu verschaffen. Der junge Mensch, der den Abend zuviel getrunken und sein ganzes Geld verspielt hatte, zuckte die Achseln und ging an ihm vorüber, ohne ein Wort zu sagen. Als Harm ihm nachging und ihm sagte: »Ihr habt es mir doch versprochen!« schrie er: »Hast du noch nicht genug? Scher dich zum Teufel!« und dabei hob er die Reitpeitsche.

»Wenn nicht, denn nicht!« sagte der Bauer vor sich hin, ließ sich noch einen Teller Brotsuppe und ein Stück Trockenbrot schenken, denn der Wirt sagte: »Dein Geld haben die Schweine ja doch bei mir versoffen!« Als die Luft rein war, steckte er das Pulverhorn und den Kugelbeutel ein, nahm die Büchse unter seinen Mantel, sah sich um, ob ihn auch niemand gewahr wurde, und dann drückte er sich von einem Baum zum andern, bis er weit genug vom Kruge war und in die Haide kam.

Er war ganz ruhig; er wußte, wie er sich bezahlt machen wollte. Ganz langsam ging er, sich immer in Deckung haltend, im großen Bogen dem Bruche zu und nach der Straße hin, und da suchte er sich eine Stelle, wo lauter Torfstiche waren, so daß kein Reiter dort durchkonnte. Da wartete er, bis es Zeit für ihn wurde.

Hinten in der Haide fiel ein Schuß; im Moore war ein Birkhuhn am Prahlen; ein Fuchs kam quer über die Straße, kriegte Wind von dem Bauern und machte kehrt; Krammetsvögel fielen zu Felde; Mäuse piepten in den [Ellernbüschen]; eine Elster flog über ihn weg.

Dann blies im Dorfe ein Horn, einmal, zweimal und ein drittes Mal. »Jetzt, jetzt!« dachte Harm. Es dauerte nicht lange und er hörte das Gepolter der Wagen, das Klappen der Peitschen, ein Pferd wieherte, eine Stute; ein Hengst antwortete und dann alle anderen. Der Trompeter blies ein lustiges Stück, die Reiter sangen; schön hörte sich das an. Wulf kannte das Lied; er pfiff die Weise vor sich hin, lachte und dachte: »Gleich, gleich!«

Sie kamen; ein, zwei, drei Reiter, dann ein ganzer Haufen, dann wieder einer, der Trompeter, dann der Fähnrich, ein dicker Mann mit lustigem Gesicht, der junge Offizier, neben ihm noch einer; sie erzählten sich etwas, lachten laut und zielten mit der Hand nach einem Raben, der über die Straße flog und sofort abschwenkte. Dann kam ein Frauenzimmer angeritten, an jeder Seite einen Reitknecht. Das war die Person, die der Oberst bei sich hatte, ein ausnehmend schönes Mädchen. Es drehte sich um und rief etwas hinter sich.

Und dann kam der Oberst. Er sah aus, als wenn er wenig getrunken und gut geschlafen hatte; er klopfte mit seiner rechten Hand, die in dem gelben Stulphandschuh steckte, seinem Apfelschimmel den Hals.

Wulf sah in sich genau an, denn er wollte das Gesicht für immer im Gedächtnis behalten. Dann nahm er den Mann auf das Korn, gerade in dem Augenblicke, als der Oberst ihm das volle Gesicht zudrehte. Erst zielte er auf die Brust, aber dann ging er tiefer und so wie es knallte, sah er durch das Feuer, daß der Mann beide Arme über sich warf und nach der Seite klappte, und gleich darauf hörte er ihn schreien: »O Jesus!« und hinterher quietschte das Frauenzimmer auf.

Aber da war der Bauer schon ein Ende weiter. Er hatte es sich vorher genau überlegt, wie er es machen mußte, damit ihn keiner zu sehen bekam. Als das Schreien und Rufen losging und ein Dutzend Schüsse in den [Ellernbusch] gefeuert wurden, in dem er gelauert hatte, da hatte er schon den [Abstich] und ein tiefes [Flatt] hinter sich; von einem Birkenbusche nach dem anderen kriechend kam er zu dem [Anberg], von dem aus er nach der Straße hinsehen konnte.

Er mußte lachen, wie sie da hin und her ritten und durcheinanderjagten, gerade als wenn sie das zum Vergnügen taten! Und jetzt lachte er hellwege auf, denn drei Reiter, nein vier, die in das Moor hineinjagten, waren auf einmal weg und das Wasser spritzte auf.

»Dafür ist es eigentlich heute morgen zu frisch,« sagte er vor sich hin und schüttelte den Kopf, als noch drei Reiter in das Bruch ritten. Zwei sanken gleich ein und kehrten um; der eine aber, der einen Schecken ritt, kam beinahe bis zur Haide, aber da brach das Pferd ein, der Reiter schlug in den Morast, daß es nur so quatschte, und das Pferd trabte ledig weiter.

Wulf sprang auf und kroch gebückt von einem [Machangel]busch zum anderen, bis er weit genug war. Er sah noch, daß mehrere Reiter abstiegen und zu Fuß in das Bruch gingen; dann aber lief er, was er konnte, bis er da war, wo der Schecke stand, hin und her trat und nicht recht wußte, was er machen sollte, um aus dem Morast herauszukommen. Als er den Bauern sah, prustete er freundlich, und in aller Gemächlichkeit konnte Wulf ihn packen und an einem Busche anbinden.

Er blieb so lange hinter einem [Machangel] liegen, bis der Zug sich wieder aufmachte. Ungefähr konnte er zählen, wie viele Pferde es waren. Der Apfelschimmel ging ledig und das Frauenzimmer war auch nicht mehr beritten, denn der verrückte rote Hut, den sie aufhatte, war jetzt auf dem einem Wagen zu sehen.

Der Bauer nickte; er wußte, daß er seine Sache gut gemacht hatte. Er lauerte so lange, bis der Zug im Walde verschwunden war und dann noch eine Viertelstunde. Dann ging er vorsichtig dahin, wo er die Büchse versteckt hatte, lud sie auf das neue und kroch dahin, wo der Reiter so schwer gestürzt war. Er fand ihn gleich. Der Mann hatte den Kopf unter der Brust und rührte sich nicht mehr; er hatte sich das Genick abgestürzt.

Es war kein gemeiner Reiter, sondern ein Wachtmeister. Wulf nahm ihm den Gürtel ab, schnitt die Jacke auf, und dann lachte er vor sich hin: elf Dukaten hatte der Kerl in der Rückenbahn eingenäht und sieben auf der Brust, und in der Tasche hatte er drei Taler und noch mehrere Schillinge. Zudem hatte er ein sehr schönes Dolchmesser außer dem Säbel am Gürtel. Das Messer nahm Harm an sich, den Säbel ließ er liegen, aber die beiden langen Pistolen, die er in der Satteltasche des Pferdes fand, behielt er.

Als er in dem Halfter noch weißes Brot, eine Flasche Schnaps, ein gebratenes Huhn und Salz fand, war er vollends zufrieden. Er setzte sich neben das Pferd, frühstückte in aller Ruhe, gab dem Schecken das Brot, das er aus Bissendorf mitgenommen hatte, schlug sich die Pfeife an, rauchte sie langsam zu Ende und ritt dann in schlankem Trabe nach Hause.

Schon von weitem wurde er gewahr, daß seine Frau nach ihm aussah. Sie lachte und weinte durcheinander, als sie ihn sah: »O Gott, Harm,« rief sie, »kein Auge habe ich zugetan die ganze Nacht! Gott sei Lob und Dank, daß du wieder da bist! Was hab' ich mich gebangt! Aber wo hast du den Schecken her? Und wo sind unsere Pferde?«

Ihr Mann lachte lustig auf: »Ja, Mädchen, die habe ich ihnen lassen müssen; aber ich habe sie gut bezahlt gekriegt. Sieh mal!« Er hielt ihr das Geld hin. »Aber jetzt bin ich hungrig wie ein Wolf; solchen Hunger habe ich lange nicht gehabt. Gestern bin ich vor Ärger nicht zu meinem Rechte gekommen. Was macht denn der Junge? Und hat sich sonst nichts Besonderes begeben? Um so besser.«

Er war so aufgekratzt und hatte so blanke Augen, daß seine Frau sich über ihn wundern mußte, und die Angst, die sie den Tag vorher und die Nacht gehabt hatte, schlug bei ihr in lauter Freude um. So wurde es ein Tag, wie er auf dem Hofe lange nicht mehr gewesen war, so viel Lachen und Flöten gab es. Harm trug seinen Jungen Huckepack, ließ ihn auf den Knien reiten und sang ihm dazu das Lied vor, das der Trompeter den Morgen geblasen hatte.

Ein Reiter kam auf den Hof; es war Drewes. »Hast du das Neueste schon gehört?« fragte er Wulf leise und grieflachte dabei wie ein Scharfrichter. »Heute morgen ist der Weimarsche Oberst, oder was er sonst ist, hinter Bissendorf bei der alten Wolfskuhle aus dem Busche totgeschossen. Das heißt, ganz tot ist er nicht gleich gewesen; sie haben ihn noch bis Hope gefahren und da ist ihm die Puste ausgegangen. Ich habe die Geschichte in Mellendorf gehört. Und ein Wachtmeister und ein Reiter sind noch dazu im Bruche ersoffen, als sie hinter dem Scharfschützen hersuchten. Die [Döllmer]! hätten da wegbleiben sollen!«

Er sah den Wulfsbauern von der Seite an: »Deine Pferde bist du losgeworden, habe ich gehört. Der Knecht sagt, du hast sie gut bezahlt gekriegt. Das ist ja das reine Wunder! Mir haben sie zwei vor dem Pfluge weggenommen und noch nicht einmal ein Gottvergelts dafür gegeben. Schönes Wetter heute! Ich glaube aber, daß es über Nacht umschlägt. Na adjüs auch!«

Er tat so, als ob er gehen wollte, drehte sich aber noch einmal um: »Na, ekelst du dich jetzt noch vor mir, daß ich mir damals den Krückstock blutig gerissen habe? Sei man ruhig, brauchst nichts zu sagen, und ich will auch nichts gesagt haben! Geschäft ist Geschäft. Wir sind keine Leute, die sich etwas schenken lassen, aber umsonst geben wir auch nichts her. Und daß du es weißt: übermorgen wollen wir darüber sprechen, wie es jetzt hier werden soll. Einer für alle und alle für einen muß es heißen, sonst gehen wir allesamt vor die Hunde. In Wettmar haben die Schandkerle zwei Bauerntöchter mit Gewalt verunehrt, in Berghof haben sie einen Häusling so mit Schlägen zugedeckt, daß der Mann daran gestorben ist. Deshalb wollen wir auf dem Hingstberge zusammenkommen, übermorgen um Uhre neune, von jedem Dorfe um das Bruch herum einer oder zwei. Für Ödringen mußt du kommen, denn der Burvogt hat seinen bösen Husten.

»So, was ich noch sagen wollte! Die Schwefelbande, die gestern in Bissendorf lag, kommt hier nicht wieder her. Sie sind froh, wenn sie erst hier weg sind, denn der papistische General, Till oder so ähnlich heißt er, ist ihnen auf der Naht. Wollen hoffen, daß er hier nicht vorbeikommt. [Addern] und [Schnaken] sind zweierlei, aber Gift haben sie alle beide.«

Er sah ihn von der Seite an: »Also brauchst du keine Bange zu haben, daß sie das Geschäft reut, und daß du das Geld wieder hergeben mußt, und den Schecken, den du zugekriegt hast. Aber das Pferd sieht zu dummerhaftig aus; ich würde es ein bißchen auffärben, sonst lachen dich die Leute aus, wenn du damit pflügst, und sagen: der Wulfsbauer pflügt jetzt mit seiner schwarzbunten Kuh! Na, denn also bis übermorgen!«

Damit ging er. Harm tat, wie Drewes ihm geraten hatte, und am Abend war der Schecke ein Rappe. Er war kaum mit der Arbeit fertig, da war der Engenser wieder da. »Mensch,« sagte er, »du mußt mithelfen. Eben kommt von Wiekenberg Botschaft, daß an die dreißig Kerle durch das Bruch ziehen. In Wiekenberg haben sie einen Hof angesteckt und die Leute lahm und krumm geschlagen. So fünfzig bis sechzig Leute kriegen wir zusammen. Auf auf zum fröhlichen Jagen!«

Der Wulfsbauer machte ein verdrießliches Gesicht; er hatte geglaubt, sich so recht ausschlafen zu können, und nun konnte er wieder die Nacht um die Ohren schlagen und wie ein Wolf im Busche liegen. Und dann seine Frau, so lustig war sie seit langer Zeit nicht gewesen. Ihre Augen lachten man so, wenn sie ihn ansah, und Backen hatte sie wie damals, ehe ihr das Unglück zustieß. Außerdem, wer weiß, wohin die Leute, von denen Drewes redete, zogen? Und schließlich: sie hatten ihm ja nichts getan! Das mit dem Obersten, das war etwas anderes; der hatte ihn in das Gesicht geschlagen! Aber aus dem Hinterhalte Leute über den Haufen schießen, mit denen er gar nichts vorgehabt hatte, das war ihm nicht nach der Mütze.

»Weißt du was, Drewes?« sagte er, »ich kann den Kopp nicht halten; ich habe die ganze Nacht draußen aufgesessen und den Tag über in Moor und Haide zugebracht. Und meine Frau, du weißt ja, wie die ist! Zum ersten Male seit damals ist sie wieder wie vordem; heute kann ich nicht von ihr fort. Ich habe genug Sorge um sie gehabt das ganze Jahr. Und ob ich nun mit dabei bin oder nicht, davon wird der Brei auch nicht dicker, zumal ich kein Pferd habe, auf das ich mich verlassen kann. Laß mich dabei lieber weg, heute wenigstens!«

Der Engenser sah ihn von der Seite an. »Ist wahr, du siehst aus, als wenn dir der Kopp nach dem Bette hängt. Na, wir werden auch so mit ihnen fertig werden. Vielleicht, daß du morgen früh nachkommst, denn wir wollen gleich los, damit wir sie vor Tau und Tag in die Mache kriegen. Aber das nächstemal rechnen wir auf dich. Bedenke, wenn du uns nicht hilfst, meinst du, daß ein anderer für dich die Finger rühren wird? Du hast doch schon genug ausgestanden, als daß du noch erst warten willst, bis dir wieder einer was tut, ehe du zuschlägst. Tote Füchse beißen nicht mehr! Aber wie du willst. Und denn adjüs auch!«

Harm wurde ordentlich das Herz leicht, als Drewes fort war, und als er in das Haus ging, pfiff er das Lied vor sich hin, das die Reiter den Morgen gesungen hatten:

Nichts Schönres kann mich erfreuen,
als wenn der Sommer angeht;
da blühen die Rosen im Garten,
ju ja im Garten;
Trompeter, die blasen ins Feld.

Die Marodebrüder

Es war keine schlechte Jagd gewesen, die die Bauern gemacht hatten. Als der Nebel in die Höhe ging, hatten sie die Bande ankommen sehen. Sie warteten, bis sie sie mitten im nassen Bruche hatten, und dann schossen sie sie zusammen wie eingelappte Hirsche; nicht einer kam gesund davon. Zweiundzwanzig waren es, die dalagen, alte Kerle mit Gesichtern wie Leder, und junge Burschen, die wie Milch und Blut aussahen. Einer von ihnen, den Drewes übergeritten hatte, hatte geschrien: »Erbarmen! Meine Mutter!« Aber das hatte ihm nichts geholfen; der Engenser schlug ihn tot und schrie: »Junge Katzen kratzen auch!«

Er lachte, als er dem Wulfsbauern das erzählte, als wäre es bloß ein Spaß gewesen, und seine breiten weißen Zähne blänkerten man so. »Ja, diesmal hat's [geschlumpt][griente] er. »Und für umsonst haben wir die Arbeit nicht getan,« warf er hinterher; »auf meinen Teil sind allein elf harte Taler gekommen. Ein Schade, daß es keine Reiter waren! ein paar billige Pferde, die hätten mir schon gepaßt. Und nun will ich nach Hause, sonst kriege ich es mit meiner Altschen zu tun.« Er schüttelte sich und Harm lachte, denn er wußte, daß Christel Drewes ein Maulwerk hatte, gegen das keiner ankonnte.

Rose rief Harm zum Essen; das Herz lachte ihm im Leibe, als er sie ansah. Das Leben war schön, trotz alledem! Und endlich mußte es doch wieder Frieden werden; die hohen Herren mußten es doch leid werden, das Kriegsspielen, das sie ein Heidengeld kostete und viel Menschen dazu. Was man so bei Wege hörte, war ja auch zu schrecklich: überall Mord und Brand und Pest und Hungersnot. Da war es im Bruche doch noch besser. Krieg ist Krieg und beim Gänserupfen fliegen Federn. Das ist einmal nicht anders!

So dachte der Bauer und freute sich über seine [glatte] Frau und den Jungen, der von Tag zu Tag niedlicher wurde und alle Augenblicke ein paar Wörter mehr konnte. Er dachte: »Wenn erst noch ein Kind da ist und Rose mehr Arbeit damit hat, dann wird sie über alles eher fortkommen.« So wurde es denn auch. Es kam ein kleines Mädchen an, ein kräftiges und gesundes Kind, und nun wurde die Frau wieder, wie sie früher war.

Der Krieg war zwar immer noch nicht zu Ende, aber auf dem Wulfshofe merkte man von ihm beinahe nichts. Ab und zu kamen Truppen durch das Land, bald von dieser, bald von jener Art, und dann ging es da, wo sie herzogen, nicht sauber zu; mehr als einmal war am Tage Rauch und am Abend ein roter Schein über dem Bruche zu sehen.

Hin und wieder ließen sich auch Marodebrüder und Parteigänger blicken, sahen sich aber sehr vor; denn das Bruch war bei allen Landstreichern verrufen. Hin ging mancher, aber her kam so leicht keiner; denn Drewes hatte einen richtigen Kundschafterdienst zugange gebracht, und sobald das Horn rief, liefen die Bauern zusammen und Gnade Gott, wen sie fingen! Das Bruch konnte schlimme Geschichten erzählen, aber es schwieg. Bloß die [Warnzinken], die die Zigeuner an allen Feldsteinhaufen und [Wahrbäumen] angebracht hatten, und manches blanke Goldstück, mancher harte Taler, den die Bauern im Kasten hatten, manches Pferd, das in ihren Ställen stand, und die Pistolen, Spieße, Kugelbüchsen, Säbel und Dolche, die in allen [Dönzen] hingen, sprachen von den Männern, deren Eigentum sie einst waren und über deren Knochen jetzt Moorerde lag und Kraut wuchs.

Einige Jahre trieben die Bauern das so in aller Stille; jeder Mann wußte darum, aber keiner sprach darüber. Drewes führte eine harte Hand und es hieß, daß der Häusling Metjen aus Ehlershausen, der in dem Verdachte stand, es mit den Tillyschen gehalten zu haben, indem er ihnen den Weg durch das Bruch gewiesen hatte, und der drei Tage darauf vor seinem Hause mit einer [Wiede] um den Hals im Apfelbaume hing, von Drewes und zwei anderen Bauern dahingebracht war.

Es war ein prachtvoller Vorherbsttag, als der Wulfsbauer Nachricht bekam, er solle bei vier Uhr am Hingstberge sein; es war die dreifache Schatzung auch für die Knechte und Mägde ausgeschrieben, und darüber sollte verhandelt werden, wurde ihm gemeldet. Es war so warm, daß ihm der blanke Schweiß unter dem Hute herauslief, als er durch das Bruch ritt. Unter dem blauen Himmel flog ein Adler in die Runde; bald war er silbern, bald sah er wie Gold aus. Hier und da war die Haide noch am Blühen und alle Augenblicke flog ein Haufen von kleinen Vögeln über das Bruch und zwitscherte.

Harm holte tief Luft und während er so dahinritt, flötete er sein Leiblied vor sich hin und dachte: »Bei achte, wenn die Kinder schlafen gehen, bist du wieder zurück.« Er freute sich, wenn er daran dachte, wie sie [gnickern] und quietschen würden, wenn er sie kitzelte.

Am Hingstberge waren an die hundert Bauern zusammen. Sie standen in kleinen Haufen um das alte Heidengrab und sprachen vom Wetter und über das Vieh, oder saßen am Boden und vesperten oder rauchten. Drewes hatte es sich auf einem der großen Steine bequem gemacht; er hielt die Pfeife zwischen den Zähnen und schnitt Kerben in seinen Schwarzdornkrückstock. So genau machte er das, als wenn es darauf ankam, daß eine nicht anders als die übrigen war. Als er den Ödringer abspringen sah, nickte er ihm zu und sagte: »Feines Grummetwetter heute! Eigentlich zu schade zum [Verklöhnen]; aber es mußte sein, denn wir haben wichtige Angelegenheiten.«

Nach einer Viertelstunde sagte er dem Knecht, den er bei sich hatte: »Jetzt sind sie wohl alle da; man zu!« Da blies der Junge dreimal in das Horn. Jeder hörte auf zu reden oder zu essen und machte, daß er nach dem alten Heidengrabe kam, auf dem Drewes stand, sich auf seinen Stock stützte und sich so lange umsah, bis alles Reden aufhörte.

»Liebe Freunde,« fing er an, »ich habe euch heute etwas zu sagen, das euch [glatt] heruntergehen wird. Wir haben schwere Jahre hinter uns, und wer weiß, was noch kommt. Es ist so, als ob unser Herrgott für eine Weile die Herrschaft abgegeben hat und nun hat der leibhaftige Satan das Leit in der Hand. Hier am Bruche ist es noch halbwege gegangen. Der eine oder der andere von uns hat ja Haare lassen müssen, manch einer auch ein Stück Fell und womöglich Fleisch und Blut, aber anderswo ist es gräsig hergegangen. Was der Mansfelder schonte oder der Braunschweiger, der ja nun seinen Lohn gekriegt hat, denn im Westfälischen hat ihn der Till oder wie er heißt, [geweift], daß seine mehrsten Leute ihr eigen Blut gesoffen haben, ja, wo war ich doch? ach so: oder ob es die Kaiserlichen sind, die Papisten und Ligisten, sie sind von ein und derselben Boshaftigkeit. Nicht Frauen noch Kinder sind sicher vor den Hunden.«

Er sah Mann um Mann an: »Ein jeder Mensch, und ist er noch so arm, Frau und Kinder sind ihm ans Herz gewachsen, und an Haus und Hof hängt er. Wir wollen dafür sorgen, und so weit es sich hat machen lassen, haben wir es schon getan,« und damit zeigte er auf das Bruch und lachte und die Männer lachten alle leise. »Aber bislang mußten wir uns heimlich unserer Haut wehren, mußten wie die Strauchdiebe uns herumdrücken, wenn wir das Gesindel, das sich hier herumtrieb, los sein wollten, und einer konnte dem anderen nicht mehr gerade in die Augen sehen. Von jetzt ab können wir das frei tun.«

Er hob seinen Stock hoch und zeigte die Kerben daran. »Seht her! ich habe einhundertundsiebzehn Kerben hier eingeschnitten, zweiunddreißig auf der einen und die übrigen auf der anderen Seite. Die fünfundachtzig Kerben bedeuten, daß ich mitgeholfen habe, fünfundachtzig Landstreicher, Gaudiebe, Tatern und Marodebrüder und einen verräterischen Hund dahinzubringen, wo sie von Gottes und Rechtes wegen hingehören, unter die Erde nämlich, daß die Würmer sie fressen, wenn sie sich davor nicht ekeln. Die zweiunddreißig Kerben aber, meine Freunde, die bedeuten, daß ich zweiunddreißig Menschen von dieser Art mit meiner eigenen Hand beiseite gebracht habe.«

Er holte tief Luft, wischte sich mit der Hand über die Stirn und sprach leiser: »Unser Herrgott wird mir das vergeben. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so lehrt uns die Schrift. Wir sind hier keine Räuber und Mörder, aber wenn der Wolf uns über das Weidevieh kommt und der Marder uns an die Hühner geht, dann besinnen wir uns nicht lange. Ich habe bis zu dem Tage, daß das Schinden hier losging, keinem Menschen einen Schlag gegeben, seitdem ich die Jungenshosen aushabe, und lieber wäre es mir, ich hätte reine Finger. Aber was sein muß, muß sein, und ich schlafe so gut als wie vordem, und ich glaube, es ist keiner unter uns, der das von sich nicht auch sagen kann.«

Er sah die Männer der Reihe nach an und plinkte dem einen oder anderen, der ihm blanke Augen machte, besonders zu. »Eins aber, meine lieben Freunde,« ging er weiter in seiner Rede, »das drückte uns doch dabei. Was wir taten, mußten wir tun, aber es war uns nicht nach der Mütze, daß wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs,« er nahm den Hut ab und alle taten es ihm nach, »tun mußten. Von heute ab,« und er sprach heller und lachte dabei, »ist das anders, denn unser lieber Herr Herzog, den Gott erhalten möge, hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, daß wir uns so gut wehren sollen, wie wir irgend können, und alle Hundsfötter, die hier nicht hergehören, totschießen wie tolle Hunde.«

Er lachte, daß man seine großen Zähne sah: »Na, an uns soll es nicht fehlen, daß unser Herr Herzog seinen Willen kriegt! Lieber wäre es uns ja, wir könnten so leben wie früher, unsere Arbeit in Frieden tun und Gott loben. Aber das ist nun einmal nicht anders und darum sage ich euch: was nicht hierher gehört, was im Lande herumzieht und raubt und stiehlt, was Menschen schindet und Häuser ansteckt, das ist Raubzeug und muß auch so behandelt werden. Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut um Blut, daran wollen wir festhalten, auf daß es uns gut geht und wir lange leben auf Erden!«

Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesichte und schloß: »So, nun wißt ihr, wie ihr dran seid. Und ich denke, meine lieben Freunde, es ist nicht mehr als recht, wenn ich euch bitte, es mir nachzutun,« und dabei nahm er seinen Hut ab, hielt ihn hoch und schrie: »Lang lebe unser Herzog Christian, unser allergnädigster Herr!«

Die Krähen, die über das Bruch flogen, schwenkten zur Seite, so schrien die Männer. Alle hatten sie blanke Augen, als sie zu Drewes gingen und ihm sagten: »Drewsbur, das war aber eine Rede! Besser kann es unser Herr Pastor nicht.« Aber dann horchten sie wieder auf, denn die Wiekenberger erzählten, daß es überall von Kriegsvölkern wimmelte, von Dänen und Ligisten und von Mansfeldern und Braunschweigern, die der Tilly und der Waldstein hin und her jagten wie der Hund die Hühner, und die es mit Brennen und Morden schlimmer trieben als vorher.

Was eigentlich los war, wußte so recht keiner. Der eine sagte: »Die Dänen wollen uns das Land nehmen,« die anderen: »Nein, es ist, daß wir wieder papistisch werden sollen,« und etliche meinten, der Kaiser hätte da nichts mit zu tun, der lebe da unten und frage den Teufel danach, was anderswo vor sich gehe. Der Waldstein und der Tilly wollten sich bloß bereichern an Land und Bargeld; darauf laufe alles hinaus.

Der Wulfsbauer hatte wohl gefunden, daß Drewes ganz ausgezeichnet geredet hatte und daß er in allem recht hatte, aber so ganz war er nicht bei der Sache; er dachte an seine Frau und die Kinder und daß es bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten, damit er es nicht verpasse, wenn die Kröten zu Bette gebracht würden. Er mußte lachen, wenn er daran dachte, wie Hermken ihn nach dem Mittag so bei den Ohren gerissen hatte, daß es ordentlich weh tat.

Er ritt mit Klaus Hennecke, dem Sohne des Vorstehers, nach Hause. Die Luft war weich und warm; die Kiebitze riefen im Grunde und in der Höhe meldeten sich die Regenpfeifer.

Klaus fing endlich zu reden an: »Mit unserem Vater wird es immer schlimmer; er liegt jetzt schon die achte Woche. Ich glaube, dieses Mal kommt er nicht wieder durch!« Er sah über das Bruch. »Kiek, was ist denn das da für eine putzwunderliche Wolke über Ödringen? I, das sieht ja meist wie Rauch aus! Aber es ist doch wohl bloß eine Wolke.«

Der Ansicht war Harm auch; aber als sie den Bogen um die Torfkuhlen machten und unter den Wind kamen, prusteten beide Pferde auf einmal los und wurden unruhig, so daß die beiden Bauern meinten, sie witterten einen Wolf. Als sie aber ein Ende weiter waren, hielt Hennecke an, schnüffelte und meinte: »Das riecht gewiß und wahrhaftig nach Rauch! Am Ende haben die Lörke von Hütejungens wieder einen Unsinn angestellt.« Harm mußte ihm recht geben, denn es roch nach Rauch, aber er dachte sich weiter nichts dabei.

Zuletzt rochen sie aber nichts mehr, denn der Wind ging unter dem Holze anders. So wie sie aber in der hohen Haide waren, roch es wieder stärker, und als sie die krausen Fuhren hinter sich hatten und oben auf dem [Anberge] waren, schrien sie wie aus einem Munde: »O Gotte!« Denn da, wo Ödringen lag, war die ganze Luft schwarz.

Sie sahen sich an; einer sah so käsig aus wie der andere. Ohne ein Wort zu sagen, ließen sie die Pferde schneller laufen. Der Brandgeruch wurde immer schlimmer, und was ihnen noch schwerer auf das Herz fiel, das war, daß das Grummet auf den Wiesen noch genau so lag, wie nach dem Mittag, als sie vorbeigeritten waren. Sie jagten, was die Pferde hergeben wollten, und als sie aus dem Walde kamen, hielten sie und zitterten am ganzen Leibe. Vor ihnen auf dem Wege lag der Kuhhirt tot auf dem Rücken und sein Hund schnüffelte an ihm herum.

Sie sprangen ab und sahen sich Tönnes an; er hatte einen Schnitt über den ganzen Hals. Sie zogen ihn beiseite und dann horchten sie nach dem Dorfe hin. Da war es ganz still, nur die [Kahkrähen] lärmten über den Eichen. Sie gingen Schritt für Schritt näher, die eine Hand am Messer und die andere am Zügel. Im Wege lag eine zerbrochene Steingutflasche, wie sie im Dorfe keiner hatte. Weiterhin fanden sie einen blutigen Lappen und daneben ein Stück Wurst. Sie hielten an und horchten: Nichts war zu hören, keine menschliche Stimme war zu vernehmen, kein Stück Vieh brüllte, kein Hahn gackerte, kein Hund bellte.

So kamen sie an den Reinkenhof. Der stand noch, aber die Fenster waren eingeschlagen, die Türen standen offen, Bettfedern lagen überall verstreut und Stroh und Heu und Hafer. Im Hause war alles kurz und klein geschlagen. Im Flett ging die gelbbunte Katze umher und quarrte gottsjämmerlich. Die [Dönze] sah aus als wie ein Schweinestall; voller Unrat war sie. Kein Stuhl war mehr heil, kein Teller mehr ganz. Im Grasgarten lagen der Kopf und die Beine und die Kaldaunen von einem rotbunten Kalbe und daneben das Spinnrad, aber in lauter Stücken.

Klaus und Harm sprachen kein Wort. Sie kamen nach Hingstmanns Hof. Da sah es genau so aus, nur daß quer über der [Deele] der Hütejunge tot dalag; er hatte ein tiefes Loch in der Stirn. Bei Mertens war es nicht anders und auf dem Henkenhofe desgleichen, bloß daß da wenigstens keine Leiche zu finden war. Auch auf den anderen Höfen war geplündert und alles entzweigeschlagen, aber die Bauern schienen rechtzeitig Wind bekommen zu haben, so daß sie sich hatten bergen können.

Mit einem Male sah sich der Wulfsbauer wild um und rief: »Ja, aber wo brennt es denn? Heiliger Gott!« Er saß auf und jagte davon und hinter ihm her jagte Klaus Hennecke. Quer durch die Haide ritten sie, und je weiter sie kamen, um so mehr roch es nach Rauch, und dann hielt Harm Wulf an und sprang ab und machte ein Gesicht, als ob er losweinen wollte und sah dahin, wo sein Hof gestanden hatte, denn da war alles ein Rauch und ein Qualm, bloß daß hier und da eine Flamme zu sehen war.

»Wawawas ist dededenn dadas?« stotterte er. Ihm war, als ob er kein bißchen Kraft mehr in den Beinen hatte, so daß er Klaus an den Arm fassen mußte. Und dann schrie er: »Rose, Rose!« Er lief um die Brandstätte herum, in den Grasgarten hinein, sah in den [Sod], kletterte auf den brennenden Balken hin und her, sah gegen Himmel, schüttelte den Kopf und sagte mit einem Lachen, bei dem es Hennecke kalt überlief: »In der Burg, sie wird in der Burg sein!«

Klaus nickte: »Ja, das glaube ich auch. Da werden sie wohl alle miteinander hin sein und das Vieh auch. Und der Junge von Hingstmanns und Tönnes, die werden allein noch draußen gewesen sein, und da mußte es ihnen so gehen. Wollen nach der Burg gehen, und wenn sie da nicht sind, dann müssen wir, ja, am besten ist es wohl, wir reiten dann zuerst nach Engensen; auf dem Drewshofe kriegen wir am ersten Bescheid.«

Sie saßen auf und ritten über die Haide und durch die Fuhren und von da in das Bruch hinein. Es [schummerte] schon, als sie dort ankamen; der Uhu flog über sie hinweg und als er im Walde war, schrie er hohl. Der Nebel stand dick hinter den Torfstichen, in der Luft klingelten die Enten und in den Wiesen schreckten die Rehe.

Keiner sprach ein Wort; ab und zu hielten sie an und horchten dahin, wo der alte Burgwall lag, und dann sahen sie wieder vor sich auf den Weg, dem man es anmerkte, daß Menschen und Vieh frisch darauf gegangen waren. In der [Wohld] war es so duster, daß sie absteigen mußten. Hin und her ging es, bald nach rechts, dann geradeaus, dann halb links und so in einem fort. Ab und zu polterte eine Taube vor ihnen weg, oder ein Stück Wild brach durch das Holz. Dann blieben sie stehen und horchten. Aber immer und immer hörten sie keine Stimme und kein Kuhgebrüll.

Endlich war es ihnen, als ob sie ein Licht vor sich sahen, und als sie stehen blieben, hörten sie, daß ihnen gegenüber ein Stück Vieh am Brüllen war. Dann knackte ein Büchsenhahn und hinterher noch einer, und eine Stimme, es war die des jungen Bolle, rief ihnen halblaut zu: »Wer da?« Harm flüsterte ihm zu: »Wir sind es, Harm und Klaus. Wo ist meine Frau?«

[Atze] Bolle würgte, als er etwas im Halse hatte, und brummte dann: »Komm man erst nach der Burg! Ich habe hier Wache und weiß nicht, wer alles da ist. Es ging ja Hals über Kopf heute, denn wir mußten machen, daß uns das Gesindel nicht kriegte. Aber Ulenvater, den habe ich vorhin gesehen, ehe daß ich wegging.«

»Na, was ist denn das?« meinte er, als etwas Schwarzes an ihm vorbeisprang. Es war Harms Hund. Er stellte sich wie unklug an, bellte und jaulte durcheinander, sprang an dem Bauern in die Höhe, leckte ihm die Hände, lief vor und bellte, kam wieder zurück und mit einem Male setzte er sich hin und heulte so schrecklich, daß Bolle rief: »Ruhig, [Teebe]

Der erste Mensch, den Wulf sah, als er in den Wall kam, war die Reinkenbäuerin. So wie sie ihn zu Gesichte bekam, schrie sie auf: »O Gotte, Wulfsbur!« und dann fing sie an zu weinen. »Was ist?« schrie Harm, »wo ist Rose?« Aber die Frau weinte, daß es sie stieß, und brachte kein Wort heraus.

Harm sah hin und her, aber wo er einen Menschen ansah, der ging schnell zurück. Endlich fand er seinen Schwiegervater. »Wo ist Rose?« brachte er eben noch heraus, denn er war ganz heiser vor Angst. Der alte Mann hatte ein Gesicht, als wäre er aus dem Grabe genommen. »Ja, Junge,« sagte er und faßte Harm an beide Hände, »ja, Junge,« und dabei fing er bitterlich an zu weinen, »unsere Rose ist bei unserem Herrgott!«

Harm machte eine Bewegung, als wollte er ihm an den Hals springen: »Was sagst du? tot?« Er fing an zu lachen. »Das ist ja, das kann ja, aber so rede doch, kein einer sagt mir, wo Rose ist!« Und dann rief er mit einer Stimme, die sich anhörte, als ob sie zersprungen war, durch den ganzen Wall: »Rose, Rose, wo bist du?«

Neben ihm stand Hingstmann: »Ruhig, Mensch, Renneckenvater liegt im Sterben. Und die Horstmannsche hat vor Aufregung etwas Lüttjes gekriegt und es geht ihr nicht gut.« Er hielt ihm die Flasche hin: »Trink erst mal!« Aber Wulf stieß ihn zurück: »Ich will wissen, was mit meiner Frau los ist, will ich wissen! Und wo sind die Kinder? Mein Hermken und das Lüttje? Kinder und Leute, so tut doch endlich einer das Maul auf!«

Es kamen noch zwei Bauern. »Ja, einmal muß er es doch wissen,« sagte Mertens. Er legte ihm die Hand auf die Schulter: »Ja, Harm, was hilft das alles? Deine liebe Frau ist nicht mehr am Leben; sie ist im Hause geblieben. Und die Kinder auch. Und dein Vater auch und der eine Knecht und ebenso die beiden Mädchen. Weiß der Teufel, wie die beistigen Hunde zu allererst nach dir hingefunden haben, wo dein Hof doch so ablegen ist?«

Harm sah von einem zum anderen; er sah aus wie ein Kind, das sich vor dem Hunde nicht von der Stelle traut. Seine Hände gingen an seinen Hosen auf und ab, seine Lippen [beberten], der kalte Schweiß stand ihm vor der Stirn; jeder konnte hören, wie ihm das Herz im Leibe arbeitete und wie ihm die Luft nicht zum Halse herauswollte. Endlich quälte er heraus: »Ja, sind sie verbrannt, oder was ist?«

Die Männer sahen weg, schließlich sagte Horstmann: »Wir wissen da alle weiter nichts von. Der einzigste Mensch, der am Leben geblieben ist, das ist [Thedel]. Aber der ist ja wohl ganz von Sinnen geworden; der sitzt da hinten beim Feuer und [grient] und sieht in einem fort das Messer an, das er in der Hand hat.«

Harm stürzte mehr, als er ging, dahin, wo er den Knecht sitzen sah. Als er vor ihm stand, lachte der ihm in das Gesicht und wies ihm das Messer; aber mit einem Male ließ er es fallen, schlug beide Hände vor den Kopf und heulte los. Der Bauer schüttelte ihn. »Junge, denn sag' du es mir doch, was sich nun eigentlich begeben hat! Kein einer Mensch will was davon wissen.« Er setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand über den Hals. »Nun los!« befahl er.

Der Knecht sah ihn zuerst an, als ob er ihn noch kein eines Mal gesehen hatte, und dann fing er an: »Sie sind alle tot, alle miteinander. Die Frau ist tot und Hinnerk ist tot und Hermken ist tot und das Lüttje auch und Trina ist tot und der [Altvater] ist tot und meine Schwester Alheid ist auch tot. Alle sind tot, bloß ich nicht. Ich war im Busche Holz machen und vor dem Hauen habe ich nichts gehört, als bis daß es zu spät war, denn sie sind aus dem Bruche gekommen.«

Sehr viel konnte er auch nicht erzählen, denn das meiste war schon vorüber, als er zurückkam. Aber das wenige, was er gesehen hatte, das war so, daß er von dem Bauern abrücken mußte, denn der hatte ein Gesicht und ein paar Augen darin, daß es ihm kalt im Genick wurde. Aber der Bauer sagte: »Weiter, man weiter, ich will alles wissen,« und nur ab und zu stöhnte er oder schnatterte mit dem Munde, daß Thedel seine Zähne klappern hörte.

Als er alles aus ihm heraus hatte, sagte er: »Ja, Thedel, ich und du, das ist nun der ganze Wulfshof. Was willst du jetzt machen? Willst du einen anderen Dienst annehmen oder willst du bei mir bleiben? Denn, versteh mich recht, Bauer will ich jetzt nicht mehr spielen; wo der Teufel geerntet hat, habe ich keine Lusten mehr, zu pflügen und zu säen. Aber,« setzte er nach einer kleinen Weile zu, »wo sind die Mordbrenner denn hin?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Quer über die Haide sind sie und bei der Schirmfuhre haben sie sich geteilt. Was die Tatern sind, die sind auf Berghof zu, und die anderen, die mögen wohl nach Celle hin sein, denn da wollten sie hin, hat mir der Mann gesagt.«

»Welcher Mann?« fuhr ihm der Bauer dazwischen. Der Junge grieflachte abscheulich. »Der sich an deinem Honigbier so scheußlich besoffen hat, daß er nicht aus der Stelle konnte und in der Haide liegen blieb und schlief.«

»Na, und wo ist er jetzt?« fuhr es Wulf heraus. »Der mag da wohl noch liegen,« [griente] der Knecht. »Wieso noch liegen?« fragte der Bauer weiter. Der andere lachte über das ganze Gesicht: »Na, weil ich ihm, als er wie ein Faß dalag, die Hände und die Füße zusammengebunden habe und denn auch, weil er, als er sich vernüchtert hatte und ich aus ihm heraus hatte, was ich wissen wollte, wohl nicht viel Leben in sich behalten hat.«

Der Bauer lachte böse: »Was hast du mit ihm angefangen, Thedel?« Und sein Lachen wurde noch tückischer, als der Knecht ihm das Messer wies und ihm erzählte, was er mit dem Manne gemacht hatte. »Denn,« sagte er, »es war der Schlimmsten einer. Gerade der ist es gewesen, der meine Schwester umgebracht hat, er und das heilige Kreuz und der Säugling. Und die müssen auch noch daran, sage ich, oder ich will keinen seligen Tod haben!«

Der Bauer sah ihn dumm an: »Heiliges Kreuz? Säugling? Was heißt das?« Thedel erzählte: »Als meist alles vorbei war und die mehrsten besoffen waren wie die Schweine, bin ich auf allen vieren hinter dem Hagen hergekrochen und da sah ich einen Kerl, der war so lang, wie ich noch keinen Menschen gesehen habe, und der hatte einen ganz kleinen Kopf wie ein Kind und auch genau solche Stimme, wenn er das Maul auftat, und keinen Bart hatte er auch nicht, und zu dem sagten sie Säugling. Und der andere, der war so kurz und dick wie ein Krautfaß, und er hatte einen fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so dick wie ein Finger und so rot wie ein Hahnenkamm, die eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr bis an das andere, just so, daß es wie ein Kreuz aussah, und deswegen schimpften sie ihn wohl auch Heiliges Kreuz.«

Er sah vor sich hin: »Die beiden haben meine Schwester hingemartert; ich habe es gehört, wie sie darüber ihre Witze machten, die beiden und der andere, der besoffen in der Haide liegen blieb. Na, dem habe ich es besorgt! Ich hatte ihm das Maul zugestoppt, denn ich dachte: wenn er an zu [bölken] fängt und die anderen hören es, dann läufst du am Ende dumm an. Die beiden anderen haben noch eine ganze Weile hinter ihm hergeflötjet, bis es ihnen zu langweilig geworden ist. Ich bin bloß neugierig, ob er morgen früh noch am Leben ist!«

Mitten im Reden schlief er ein. Der Bauer deckte ihm einen Mantel über und dabei sah er, daß der Knecht so ruhig schlief, wie immer. Er mußte noch oft hinsehen; wie ein Kind, das keiner Fliege wehtun konnte, sah er aus. Er war der einzige Mensch im ganzen Dorfe, der es nicht mit ansehen konnte, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, und dabei hatte er den Mordbrenner geschunden, wie der Henkersknecht einen armen Sünder.

»Recht hat er getan!« dachte der Bauer; »Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.« Er sah in das Feuer und sah darin einen langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer dünnen Stimme, und einen anderen, kurz und dick wie ein Faß und mit zwei Narben im Gesicht, die über Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen Händen, alte Lappen in den Mäulern und Angstschweiß auf der Stirn, und er stand davor, trat sie mit Füßen und hielt ihnen sein Messer vor die Augen.

Lange saß er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male wurden ihm die Augen naß. In einer von den Plaggenhütten weinte ein Kind und eine Frau sang:

Eia wiwi,
keen slöppt denn nu bi mi?
Wi willt dat nu ganz anners maaken,
Heini schall in de Eia slaapen,
eia wiwi.

Die Bruchbauern

Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte, wo er war.

Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte. Hingstmann, der gerade vorbeikam, [verjagte sich], als er ihn sah, denn der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.

»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin; »das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge [griente] in einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.

»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?« Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch. Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas Tabak über?«

Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte mir im Wege sein!«

Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen; er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher, denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle hin.«

Der alte Mann nickte. »Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein, solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Unglück ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau kriegst du schließlich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier, wo ich geboren bin.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Wiederkommen tue ich, so wie ich es kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei muß ich bleiben. Und überdies, hier würde ich verrückt werden, wo ich bei jedem Schritt und Tritt daran denken muß, wie es früher war.« Er rief den Knecht heran: »Zeig mal dein Messer her!« Der Junge [griente] und zog es aus der Scheide. »So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen früh wollen wir los!«

Er sah Ul an. »Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr; Thedel hat es ihm besorgt und die Wölfe. Heute morgen haben wir ihn [beigerodet] unter der breiten Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich langer mit weißen Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch einer, so kurz und dick, als wie ein Faß mit einem fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum andern, daß es wie ein Kreuz aussieht und darum heißt der Kerl auch das heilige Kreuz und der andere der Säugling. Wenn die sich hier blicken lassen, die dürft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben, hörst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.«

Es wurde aber völlig Herbst, ehe daß er wiederkam. Bolles Bernd, der an dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens [Gerd], der ihm Gesellschaft leistete: »Wie schön die Birkenbäume bloßig aussehen! als wie das reine Gold!« Dann machte er einen langen Hals, wie ein Birkhahn, stieß Gerd in die Rippen und sagte: »Was ist denn das da im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde ist! Gewiß und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!«

Er barg sich hinter den Büschen und winkte Gerd, und als sie bei den dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut los, so daß ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie albern herausschoß und den [Pattweg] entlang lief. Dreimal blies der Junge in das Horn, und jedesmal auf eine andere Art, und nach einer Weile zum vierten Male und so laut und lang, daß es auf eine halbe Meile in der Runde zu hören war.

»Aufpassen tun sie,« sagte Harm Wulf zu Thedel; »wir müssen uns zu erkennen geben, denn sonst könnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, daß du es auch noch kannst!« Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel hängen hatte, wischte sich über den Mund, [gremsterte] und spuckte und dann blies er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zurück, die Thedel ebenso zurückgab.

»Das hört sich just so an,« meinte Bernd, »als ob das Niehusthedel ist, der da bläst; aber was hat der für Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus wie ein Kriegsmann! Was hältst du davon?« Der andere legte die Hand vor die Augen, als er hinter dem Busche hersah: »Ja, er ist es, das ist sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich hätte ihn beinahe nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so muß ich wieder abblasen.«

Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: »Wart' man erst!« Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran waren. Erst dann trat er vor und rief: »Na, wieder zurück von der Reise, Harm? Und du auch, Thedel? Meist hätten wir euch nicht gekannt, so wie ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!« rief er dem Jungen zu, der etwas abseits stand und über das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben gerettet, als er auf dem [Pumpe] durch das Eis gebrochen war. Er setzte das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.

»Dennso können wir ja frühstücken,« meinte der Wulfsbauer, als er aus dem Sattel war, zu Thedel; »mach die Pferde an und gib die [Holster] her! Ihr könnt mithalten; wir haben reichlich.« Er packte aus: da waren Würste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene Gans, ein großes Stück Käse, zweierlei Brot und eine große Blechflasche. Die anderen machten lange Augen.

»Lebt ihr immer so?« Harm lachte: »Mehrstens! aber nehmt man dreiste an, es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das heißt, von uns nicht, denn die drei Marodebrüder, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in Ödringen aus?«

Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören. Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«

Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:

»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch mit.«

Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und [griente]: »Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig, hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich ganz [glatt] aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das war ein [Beist] und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf gegen den [Dössel] geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu alleroberst an die Eiche!«

Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«

Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf! Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum Gotterbarmen!«

Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.

Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer will hier in Busch und [Braken] herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht, so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei. Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«

Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte, zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam. »Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und [Plaggen] hatten sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit [Reet] und [Risch] bedeckt; auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus [Ellern]holz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so falsch wie die [Buschkater].

Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten, konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein, umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch; mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. [Im großen Freien] haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht. Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz großartig, sag ich euch!«

Gerade wollte er weiter erzählen, da hörten sie es rufen: »[Jeduch], jeduch, jeduch!« Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: »Paßt auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!« So war es auch. Drewes aus Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum Hingstberge kommen. »Kommst du mit?« fragten die anderen Harm. »Na ob!« sagte der und lachte; »der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das könnt ihr glauben. Der Junge kann treffen, sage ich euch!«

Es waren über anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die Marodebrüder über den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle hatten sie Büchsen in der Hand und Spieße über den Rücken, und zum wenigsten eine Pistole im Gürtel und einen Säbel oder einen langen Dolch. Die meisten trugen auch Bärte und sahen überhaupt wenig rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.

Der Ödringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. »Nee,« sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank gewesen war, »nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar dänische Soldaten die Würste und die Schinken vom [Wiem] holten, [machte sie ihnen eine solche Schande], daß der eine sie mit dem Säbel über den Döz schlug und das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir dachten alle, Drewes wird heilsfroh sein, daß er sie los ist, und sich eine Junge und Hübsche suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um zwanzig Jahre älter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch, denn so wie früher legt er sich nicht mehr für das allgemeine Wohl ins Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu geworden.«

Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand, auf den dicken Schlehbuschstock gestützt, sah man, daß er nicht mehr der Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fuß wie vordem, aber es war doch nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.

»Liebe Freunde,« fing er an, »in dieser Zeit hat mancher von uns zum lieben Gott gebetet: unser täglich Brot gib uns heute! Der Herr hat unser Gebet erhört; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, daß dieser Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen: ich sehe unseren Freund aus Ödringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich denke, ihr seid es alle zufrieden, daß er in dieser Sache das Leit in die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.« Die Bauern nickten. »Eins noch,« so schloß der Engenser seine Rede, »gebe ich euch zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, daß die Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein. Und nun Gott befohlen!«

Die Obmänner und Drewes stellten sich um Wulf. »Meine Meinung ist die,« fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, »wir müssen sie zwischen uns kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also muß ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein, damit sie nicht wegkönnen, und die anderen müssen rechts und links vom Wege die Begleitmannschaft bilden, und das müssen alles junge Kerle sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Gebüsche bergen können.« Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: »Seht her, so meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind, fangen wir an zu tuten und zu schießen, und ihr da kommt ihnen von oben und unten über den Hals. Natürlich muß bei jedem Haufen einer sein, der sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den [Bröddel] kommen.«

Die allgemeine Meinung war, daß es so am besten war, und so teilten sich erst die älteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die jüngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da am besten Bescheid wußte. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden hörte auf.

Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus Hennke. Das Wetter war günstig. Die Sonne hatte den Erdboden ausgetrocknet, aber doch nicht so, daß alle [Braken] unter den Füßen knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellhörig. Wenn irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube krispelte, so konnte man das weithin hören.

Harm hatte sich auf einen [Wurfboden] gesetzt und rauchte vor sich hin. In den Fuhren piepten die kleinen Vögel, eine Eichkatze lief von Stamm zu Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so grün, als wäre es Juni. Hennke saß auf einem alten [Stucken]; er sah aus, als ob er eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte die Büchse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her, gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.

Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte halbrechts der [Markwart]. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an, drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht wippte leise mit dem rechten Fuße, Klaus machte die Augen ein bißchen mehr auf, Harm saß da und rauchte, bloß daß er den Kopf schiefer hielt. Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher. Dann polterten Räder.

Harm winkte den Knecht neben sich. »Halt das Horn bereit!« sagte er leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. »Nicht eher, als bis ich es sage!« flüsterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. »Hüh!« ging es vor ihnen und noch einmal »hüh!« Ein Pferd prustete, ein Mann schnäuzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fuß, die Büchsen fertig zum Schuß, in einem fort die Köpfe von rechts nach links drehend. Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut. Harm hörte, was der eine sagte: »Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier man erst raus wären!« Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und dachte: »Ja, wenn!«

Drei Reiter kamen hinterher. »Schöne Pferde!« dachte Wulf. Der zweite Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fuß, dahinter ein Reiter, ein langer, dünner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr, jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, daß er blasen sollte, da hörte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig. Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen weißen Spitzenkragen umhatte, der ihm bis über die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase und ein doppeltes Kinn und sah verdrießlich aus.

»Das dicke Ende kommt allemal hinterher,« dachte der Bauer und schoß. Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. »Jetzt kannst du blasen, Thedel,« flüsterte Wulf, »aber Deckung nehmen!« Der Knecht stellte sich hinter den [Wurfboden] und legte los: »Tirrä tuut, tirrä tuut, tirrä tuut!« ging es. Dann aber nahm Thedel seine Büchse, lief schnell nach vorne, zielte lange und so wie er drückte, sah er zurück und lachte, lud aber gleich wieder.

»Tirrä tut!« kam es von unten her und überall knallte es. Ab und zu hörte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes Lachen, und oben fiel ein Schuß und nun wieder unten einer. Dann kam ein Mann angeritten, kreideweiß im Gesicht; er blieb, sowie Thedel geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel, und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und schoß ihn nieder.

Die Schüsse fielen spärlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgehört. »Ich glaube, wir sind damit durch,« rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte. »Wollen noch eine Weile warten!« meinte der Bauer. Thedel lud die Büchsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und anbrannte. »Nun kannst du loslegen,« rief er ihm zu. »All' uut, all' uut?« blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: »Is all ut!«

Der Bauer nahm seine Büchse und ging auf den Knüppeldamm. Überall kamen Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: »Das ging, wie geschmiert!« Er nickte: »Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere läuft uns nicht weg!« sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter, als er befahl: »Und jetzt müssen wir sie erst [beiroden] und die Wagen in den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser Zeit, der kommt an erster Stelle. Für mich laßt eine gute Büchse übrig, bar Geld will ich nicht haben.«

Er sah alle an, die da herumstanden: »Seid ihr auch alle heil geblieben?« Einer rief: »Ja, bloß Viekenludolf ist ein bißchen zur Ader gelassen. Na, der hat ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle brauchen kann!« Alle lachten lauthals los.

Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: »Kinder, wer gibt auf das Geschäft einen aus?« Alle lachten und Harm rief: »Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?« Der tat so, als ob er lachen wollte. »Ist auch wahr,« rief der Wulfsbauer, »immer kann man nicht arbeiten. Heute Abend ist es zu spät und wir haben auch noch allerhand vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich die Junggesellen, soweit sie abkommen können, im Engenser Kruge treffen und ihre Mädchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim nächsten Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben müssen. Und nun [hille]!« trieb er; »man darf morgen hier nicht sehen, was sich begeben hat. Die Wagen müssen in den Busch, und was sonst daliegt, muß unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!« Wieder lachte alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen.

Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und tanzte, daß die [Deele] donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte dafür, daß nicht zu viel getrunken wurde und daß rund um den Krug und nach allen Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der großen Türe und sah zu, rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.

Ein Mädchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein, hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, dünnen Bauernsohn, der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll Mäuse. Ein jedesmal, wenn sie an Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die Füße legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, hörte er, von der man sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen Süßen von ihr haben wollte.

Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie bloß einmal rund und als sie bei dem Ödringer war, machte sie sich von ihrem Tänzer los und sagte: »Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich für'n Durst!« Harm hielt ihr den Krug hin. Sie wurde über und über rot, lachte ihn an und sagte: »Sollst auch bedankt sein!« Er sah an ihr herunter und zeigte mit dem Kopfe nach ihrem Tänzer: »Ist das dein Bräutigam?« Sie schüttelte den Kopf: »Nee, ich hab' noch keinen,« und dabei sah sie ihn wieder so an, wie vorher.

Aber da schrie der Wirt »Feierabend!« und mitten im Singen hörte das junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: »Sollst dich mal bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!«

Harm steckte noch das Bier im Geblüt, als er sich auf den Heuboden hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:

Kumm üm de Middenacht,
kumm um Klock een!
Vadder slöpt, Mudder slöpt,
ick slap alleen.

Die Wehrwölfe

Harm blieb für das erste im Bruche. Er hatte allen möglichen landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen, damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen sollten, wo er das Heilige Kreuz und den Säugling antreffen konnte, denn er hatte gesagt, er hätte ein Geschäft mit ihnen vor.

Er besprach sich nun mit Ulenvater über das Leben, das die Ödringer auf dem Peerhobsberge führten. »Das schlimmste ist,« sagte er, »sie lauern darauf, daß der Krieg aufhören soll und solange behelfen sie sich mit Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir müssen so tun, als ob wir ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.«

Der Alte nickte: »Da hast du völlig recht; das habe ich mir auch schon gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, sündhaft ist es darum doch, die Hände in den Schoß legen und unserem Herrgott den Tag abstehlen. Und diese Örtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und wenn später ein Durchstich nach der [Wietze] gemacht wird, und der Busch wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles wächst!«

Es gab einen großen Aufstand auf dem Berge, als es hieß: »Der Wulfsbauer und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!« Es waren aber kaum die [Ständer] eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun, und es war schön anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die Männer gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu denken, als an ihr Unglück.

Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er Zimmerleute und Tischler aus den Nachbardörfern heran, und als das Haus fertig war, und weder die Pferdeköpfe an den Windbrettern noch der Spruch über der großen Türe fehlte, da sagten alle: »Es ist wirklich ein schönes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so groß ist und nicht so bunt, wie das alte Haus.«

Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen, hieß: »Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.« Das gefiel manch einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine [Hausrichte] gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche wohnte und noch allerlei [Freundschaft] aus der Haide. Wulf hatte reichlich für Essen und Trinken gesorgt und auch für Musik, aber er hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus von roten Kleidern und weißen und blauen Röcken, und alle Gesichter waren voller Freude.

Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her sind, wo aber die Sonne die meisten Trümpfe vorweisen kann. Ein frischer Wind ging, daß das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und Tannen nur so brummten, und die Kränze aus [Hülsen] und die langen Ketten aus Tannhecke hin und her flogen; die weißen Bänder daran wehten und die bunten Eierschalen klingelten und klapperten, daß die Kinder vor Vergnügen nicht wußten, wo sie sich bergen sollten.

Als alle da waren, kam Ulenvater aus der großen Türe und hinter ihm der Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerknöpfen. Die großen Kinder stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und hell klang das Lied: »Großer Gott, dich loben wir.« Alle Männer nahmen die Hüte ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer, dem das Wasser nicht in die Augen kam.

Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: »Alle, die wir hier versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind, Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also schwer uns das Unglück schlug, daß wir allhier im wilden Bruch wie die Wölfe uns müssen verstecken, daß uns die Mordbrenner nicht entdecken. Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten, ach wären wir besser tot, als so zu leben in Ängsten und Not. Haben uns aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es glücklich emporgebracht, weil uns schützte des Herren Macht.«

Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fröhlich und doch so absonderlich aussahen, groß an, und die Kinder standen mit offenen Mäulern da und wußten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten. Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft, machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: »Und weil das Haus nun fertig steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem Brauch den Tag beschließen in Freuden auch, essen, was uns der Herr bescheert, und mit Verstand, wie es sich gehört, hinternach auch lustig sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde, tretet ein!«

War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte herausmüssen, [gnickerte] in einem fort vor sich hin und brummte: »Nee, dieser Ulenvater aber auch, was der für [Kneepe] im Koppe hat!« und Klaus Hennke, der größte [Drögmichel] von allen, lachte hellwege weg. Eine so lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische gewesen wäre, es wäre doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen waren alle mächtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht, und wilder und höher waren die roten Röcke noch keinmal geflogen und das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.

Aber er hatte auch an alles gedacht. Dünnbier war da und Met, und zwei Fässer [Mumm] und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidgänger vor einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zwölf Fässer spanischen Wein dazu, der so süß wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten Männer und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzstärkung. »Ich bin nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,« sagte der Hausmann vom Bollenhofe, »aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben nicht gegangen,« und dabei nickte er ganz glücklich seinen Urenkeln zu, die alle Backen voll von dem süßen Rosinenbrote hatten, das für die liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere mit sich herumschleppten.

Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen seinen beiden Töchtern, dem großen breiten Lieschen, die mit ihrem Manne den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von dem Wulfsbauern ließ und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und wenn sie lachte, so war das, als wenn die Märzendrossel an zu schlagen fangen will. »Nee, Wulfsbur,« sagte sie, als der sie fragte, warum sie nicht auch tanzte, »nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die Ödringer sind nach alledem, was sie ausgestanden haben! Hör' bloß, was sie singen! Damit hast du dir einen Gotteslohn verdient.«

Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab hörte man die Männer wieder flöten und die Mädchen sangen bei der Arbeit, und wenn es auch Arbeit für Mannsleute war, die sie tun mußten. Denn Wulf hatte es den Leuten klar gemacht, daß es nun erstens nötig wäre, die Burg zu befestigen, daß dreihundert Mann sie nicht erstürmen konnten, und daß das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mußte. So wurde der Burggraben tiefer und der Wall höher gemacht und sowohl die Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen Pfählen besetzt, daß kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornbüschen gemacht, so hoch und so dicht, daß selbst der Teufel und seine Großmutter nicht darüberweg konnten. Rund um die Burg waren an allen Zuwegen [Wolfsangeln] in die Bäume geschnitten und das bedeutete: »Wahr' dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinfällst, bist du des Todes!« Dazu kam noch, daß die beiden Fahrwege jeder viermal mit Schlagbäumen versperrt werden konnten.

Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und sich eine Lehre daraus genommen, und zur größeren Sicherheit hatte er an vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche [Auskieke] in den Kronen der [Wahrbäume] machen lassen, in denen den Tag über Jungens als Wachtposten saßen, die Hörner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein wurde.