HERMYNIA ZUR MÜHLEN

DER TEMPEL

ROMAN

V  ·  I  ·  V  ·  A

VEREINIGUNG INTERNATIONALER VERLAGSANSTALTEN G. m. b. H.
BERLIN SW. 61 – LEIPZIG
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Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Prolog.

Schwarze Baumstämme ragen trostlos aus dem schmutziggrauen Schnee auf. Von den belebten Straßen klingeln gedämpft die Schlittenschellen herüber. Das Herdfeuer in der Küche der alten Frau Bernstein wirft blasse Lichtarabesken auf die schmierigen Wände, spielt auf dem Glas einer verblaßten Photographie, die einen Mann in Arrestantentracht darstellt, und läßt den Samowar aufblitzen wie Gold. Die großen Scheite knistern geheimnisvoll, der Samowar summt und treibt feine bläuliche Dampfwolken in die Höhe.

Die alte Jüdin sitzt vor dem Herd, neben ihr hockt auf dem Boden ein vierjähriges Knäblein, der kleine Moische. Die knochigen, abgearbeiteten Hände der Großmutter fahren liebkosend über das dichte schwarze Haar, und die müde alte Stimme erzählt, wohl zum hundertsten Mal, des kleinen Jungen Lieblingsgeschichte.

»Da die Fremden, Gott möge sie strafen, unseren herrlichen Tempel zerstört hatten, gab es unter den Frommen großes Weinen und Wehklagen, besonders ein gottliebender Jüngling namens Simon vermochte keinen Trost zu finden. Tag und Nacht strich er um die Stätte, wo der Tempel des Herrn gestanden, und weinte wie eine Mutter, die den einzigen Sohn verloren hat. Der Schmerz riß Furchen in seine Wangen und ließ sein Gebein verdorren, so daß er dahinschritt wie ein Greis, obgleich er noch jung an Jahren war. Seine Stimme ward heiser vom vielen Weinen, und er sprach mit niemand ein Wort, nicht mit Vater, noch Mutter, nicht mit Bruder, noch Schwester. Nur zum Ewigen schrie er auf aus der Nacht seiner Trauer und küßte den heiligen Boden, wo der Tempel gestanden hatte.

Nicht Trank, noch Speise wollte er genießen, und als drei Monde vergangen waren, war er so schwach geworden, daß er nicht mehr heimzugehen vermochte. Und er lag auf dem Hügel und rief nach dem Tod.

Da erbarmte sich seiner der Herr und sandte ihm des Nachts ein Gesicht. Auf die Stelle, wo der Tempel gestanden hatte, fiel aus den Himmeln helles Licht, und Simon sah eine ungeheure Schar, die nahte und trug Steine in den Händen, Steine und Mauerkellen und Äxte und Hämmer. Und siehe, sie legten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten, und andere trugen Gold herbei und Edelsteine und machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon, daß der heilige Tempel wieder aufgebaut würde, und sein Herz jauchzte und sprang vor Freude. Doch verwunderte ihn eines gar sehr; nicht alle, die an dem heiligen Tempel bauten, waren Juden; es gab auch Fremde unter ihnen, deren Sprache er nicht verstand.

Lange sah Simon den Bauleuten zu; bisweilen aber kam einer und zog einen Stein aus dem Bau, gerade dort, wo er am nötigsten war, und dann hatten die anderen viel Arbeit, das Unheil wieder gut zu machen. Manche stürzten erschöpft zu Boden, etliche wurden von Balken tödlich getroffen, oder gerieten in Kampf mit jenen, die heimtückisch den Bau zu hindern trachteten, und erlagen unter deren Schlägen. Doch kamen immer neue hinzu, und der Tempel wuchs auf, herrlich gebaut, schimmernd und gleißend im überirdischen Licht, bis daß er endlich in vollendeter Herrlichkeit in den Himmel ragte. Und aus den Wolken schlug eine Stimme an Simons Ohr: »Trauere nicht mehr, und laß den Quell deiner Tränen versiegen. Siehe, mein Tempel wird aufragen von neuem am Tage des Heils und der Erlösung; jeder, der vom Weibe geboren, ist bestimmt, an ihm zu bauen, und jede befreiende Handlung, jede Tat der Liebe ist ein Stein, aus dem das Haus meiner Herrlichkeit erbaut wird. Und alle, die sich einfinden, am Tempel zu bauen, werden Brüder sein, und es wird nicht mehr geben Fremdlinge unter ihnen, denn sie werden sein ein Volk. Der vollendete Tempel aber wird aufragen wie ein Licht am Himmel, und seine Strahlen werden die ganze Welt erleuchten.«

Und Simon sah, wie sich das Licht, das vom Tempel ausging, gleich Wellen verbreitete, über die Hügel und die zerstörte Stadt floß und seinen Lauf gegen das Meer nahm.

Als das Gesicht ihm entschwand, war sein Herz leicht geworden wie eine Feder, und all seine Kraft war wiedergekehrt.

Er verließ den Hügel und berichtete daheim sein Gesicht, und ehe er starb, erzählte er es seinem Sohne, und dieser erzählte es auf dem Totenbett wieder seinem Sohne, und so ward die Prophezeiung bewahrt bis an den heutigen Tag.«

Die alte Stimme verstummt, träge und schläfrig knistern die verkohlenden Scheite, die Nacht steht vor dem Fenster wie eine schwarze Mauer; in der Ferne winselt leise ein Hund.

Erstes Kapitel.

Blaßblauer Himmel spiegelt sich in den Pfützen. Auf dem großen Fluß treiben Eisstücke gleich funkelnden Glasscherben dahin. Birken werfen violette Schatten auf den rasch schmelzenden Schnee. Schwerer Duft der fruchtbaren Erde steigt sonnengewärmt empor. Stille Verheißung, Friede, hoffnungsfreudige Liebe überfluten mild die wintergefolterte Erde.

In den engen, dunklen Gassen des Judenviertels merkte man wenig von der Vorfrühlingspracht. Der schmelzende Schnee bedeutete Kot und Gestank; begrabener Schmutz wurde frei, dampfte im Sonnenschein, warf übelriechende Dunstwolken gegen die baufälligen Häuser. Auf den Gesichtern lag schwer die Sorge, erschreckte Augen blickten scheu die Straßen entlang, eine unbestimmte Angst schien hastende Füße in die Häuser zu treiben, ängstliche Mütter hielten die Kinder daheim und seufzten erleichtert auf, wenn der Mann abends heil die Stube betrat. Unausgesprochen, heimlich von bebenden Herzen geflüstert, lastete ein Wort auf der Stadt, rot wie Flammen und Blut, schwärzer als Winternacht. Unausgesprochen durchbrüllte es in greller Angst die Straßen, winselte in allen Ecken: Pogrom!

Wer hat es ausgesprochen? Welcher zitternden Lippe hat es sich entrungen, welch grimmer Zorn, welche boshafte Schadenfreude hat damit gedroht? Keiner weiß es; wie ein Ungeheuer hat es sich plötzlich erhoben, wächst an, streckt tausend Arme aus, wartet zusammengekauert auf den Augenblick des Sprungs.

»Wenn doch Ostern vorbei wäre,« flüsterten blasse Frauen und zählten furchtsam die Tage. Mittwoch, Donnerstag waren vorbei, noch zwei gefährliche Tage, Karfreitag, Karsamstag kamen heran. Wenn die Rechtgläubigen nicht mehr fasten mußten, wenn Eier und Schinken ihre Bäuche füllten, entspannten sich die Nerven; der Satte wurde sanft und träge. Noch ein Tag war zu fürchten.

Und dann, am Karsamstag-Abend brach der Sturm los. Erst war es ein böser Bubenstreich; Knaben kamen aus einem anderen Stadtviertel gezogen, warfen bei einem Krämer die Fenster ein: »Verfluchter Jud! Gottesmörder!« – Dies war nur erst das Signal. Schwarze Massen strömten jählings in die engen Gassen, mit Knüppeln und Revolvern bewaffnet, brüllend, tobend, alles überrennend. Sie drangen in die Häuser ein, Klagerufe, wilde Schreie stiegen auf. Stockhiebe sausten durch die Luft; weinende Kinder rannten wie toll durch die Gassen. Rohe Hände griffen nach schwarzen Frauenhaaren, Weiberkörper fielen, johlende Männer stürzten sich über sie. Der erste Tote, ein alter Mann, schien den Zorn der Angreifer bis zur Raserei zu steigern. »Erschlagt sie, die Hunde! Die grindigen Juden!« Tausend Stimmen vereinigten sich zu einem einzigen Schrei, tausend Hände zu einer mordgierigen Hand, tausend Seelen zu einem einzigen Haß. Die schwarze Flut stieg an, es gab kein Entrinnen. Wer sich zur Wehr setzte – mit der bloßen Hand, die Opfer besaßen keine Waffen –, wurde niedergeschlagen, wer um Gnade flehte, erlitt dasselbe Los. Verbissener Grimm, berechtigter Haß waren von kundiger Hand gegen Unschuldige gelenkt worden, um Schuldige zu schützen. Jahrhunderte alte Knechtung nahm Rache am Unterdrückten statt am Unterdrücker. Dunkel verwirrte Geister waren Werkzeug in unmenschlichen Händen.

Die Kosaken kamen wie immer zu spät. Ihre Pferde jagten über Leichen dahin, die Nagaika fiel auf Sterbende nieder. Die schwarze Flut wich zurück, verschwand; sie hatte ihre Arbeit getan. Tote mit zerschmettertem Schädel lagen zwischen den Trümmern ihres Heims, Verwundete stöhnten in Straßenecken; durch offene Türhöhlen gähnten schwarz verwüstete Stuben; halb wahnsinnige Menschen suchten in Schutt und Scherben nach den Ihren. Es begann zu dämmern. Aus schwarzer Angststille rang sich Weinen los, ungeheueres, verzweifeltes Weinen, und plötzlich begannen alle Glocken der Stadt zu läuten; Ostern; Christ ist erstanden!

Neugierige kamen, mitleidig die einen, voll böser Freude die anderen, alle nervengepeitscht, das Grauen genießend. Auch Nadja kam, in ihrem schönsten Sonntagsstaat, mit geschminkten Wangen, geschwärzten Augen. Sie schritt behutsam dahin, hob den Rock, trippelte mit ihren neuen Schuhen über Blut und Kot. Die Kosakenoffiziere kannten sie, nickten ihr lachend zu, wenn sie sich durch die Reihen drängte. Sie lächelte ein starres, etwas verächtliches Lächeln, schauderte bisweilen beim Anblick einer Leiche und strebte dennoch von unheiliger Neugier getrieben weiter.

Auf einer Türschwelle lag eine alte Frau mit eingeschlagenem Schädel, neben ihr hockte brüllend ein kleiner Knabe. Nadja blieb stehen. Das Kind erblickte sie und lief auf sie zu, packte sie beim Rock, barg den Kopf an ihren Knien. Unwillkürlich neigte sich Nadja zu ihm, streichelte den kleinen, schwarzen Kopf. »Warum weinst Du, mein Täubchen?«

Abgehackt, von Schluchzen zerrissen, kam die Antwort:

»Sie haben ... die Großmutter ... erschlagen.«

»Wo ist Dein Vater?«

»Weit fort, im kalten Land, hinter Mauern.«

»Und Deine Mutter?«

»Tot.«

»Du hast niemanden auf der Welt?«

»Nur die Großmutter.«

Nadja warf einen scheuen Blick auf die tote Frau, dann betrachtete sie das Kind. Ganz allein auf der Welt war es, ein armes, kleines Geschöpf, diesen blutgierigen Bestien ausgeliefert. Ihre Neugierde und ihr Ekel verwandelten sich allmählich in dumpfen Zorn, sie wußte nicht recht gegen wen. Das Kind hielt noch immer ihren Rock in den kleinen Händen fest. »Nimm mich mit«, bat es, »ich habe Angst, und Du bist gut.«

Nadja starrte abermals auf die tote Frau, und plötzlich stiegen ihr Tränen in die Augen. »Was soll ich mit Dir anfangen, Herzchen, Täubchen? Ich kann keinen kleinen Jungen brauchen.«

»Nimm mich mit, ich habe Angst.«

Ein Kosakenoffizier trat auf die beiden zu.

»Jagen Sie doch den Judenbengel fort, Nadja Fedorowna.«

Etwas im Ton der harten, spöttischen Stimme reizte die Frau.

»Weshalb?«

»Was hat unsere schöne Nadja mit schmutzigen Judenkindern zu schaffen?«

»Nimm mich mit,« bettelte leise, erschreckt die Kinderstimme.

»Kann ich das Kind zu mir nehmen, Gregor Stepanowitsch?« Nadja wußte selbst kaum, was sie zu dieser Frage trieb; war es der kalte Spott in des Mannes Gesicht, war es die bebende Angst, die ihre Knie umklammerte?

»Selbstverständlich, aber ... Ich verstehe nicht ...«

»Sie verstehen gar vieles nicht.« Weshalb fühlte sie, die rechtgläubige Russin, sich plötzlich eins mit diesem Kind eines verachteten Volkes? Weshalb sah sie in dem Manne vor sich den Feind, den hochmütigen, frechen Unterdrücker? Längst vergessene Bilder wirbelten in tollem Tanz durch ihr Gehirn; ein enger, übelriechender Kellerraum, ein kleines Mädchen mit langem, verrauftem Haar, ein blonder Knabe, der ihm Äpfel schenkte, eine kalte Winternacht, der blonde Knabe in Studentenuniform gefesselt zwischen Kosaken.

»Leb' wohl, kleine Nadja!« Die Kosaken reißen ihn fort, die Kosaken ...

»Sie verstehen gar vieles nicht,« wiederholte sie schroff und griff nach der Hand des Kindes. »Komm, mein Täubchen, ich will Dich mitnehmen.«

Das Kind an der Hand, bahnt sie sich ihren Weg; hochmütig, herausfordernd. Der kleine Knabe hat zu weinen aufgehört, er hält ihre Hand fest, starrt scheu und dennoch vertrauensvoll zu ihr auf. An einer Straßenecke wartet Nadjas Droschke; des Kindes Augen leuchten, es ist noch nie in einer Droschke gefahren. Unbeholfen klettert es auf den Schoß der Frau und schlingt die Arme um ihren Hals.

»Wie heißt Du eigentlich?« fragt Nadja.

»Moische.«

Sie schüttelt sich. »Das geht nicht, alle würden mich auslachen. Von nun ab heißt Du Ivan, verstehst Du?«

Das Kind nickt erschrocken.

Die Nacht sinkt auf die Stadt nieder. Im Judenviertel schleichen verängstigte Gestalten aus Schlupfwinkeln und tragen ihre Toten fort. Halblautes unterdrücktes Jammern murmelt durch die Straßen. In der Ferne läuten die Osterglocken.

Zweites Kapitel.

»Christ ist erstanden!« Der dicke Kaufmann aus Nischni Nowgorod küßt Nadja auf die Stirn, und sie entgegnet gläubig: »Er ist wahrhaft erstanden« und fügt hinzu: »Was haben Sie mir mitgebracht, Michail Michailowitsch?«

Er lacht und zieht ungelenk den schweren Pelz aus. »Herrliche Dinge, mein Täubchen, einen Ring mit einer schwarzen Perle und eine alte Uhr. Der Händler sagt, sie habe dem ersten Kaiser der Franzosen gehört.« Er wirft sich in einen bequemen Lehnstuhl, keucht und betrachtet Nadja mit vergnügtem Grinsen.

Nadja dehnt sich auf der Chaiselongue, bläst blaue Rauchwolken in die Luft, spielt mit einer Perlenkette, die ihren Hals schmückt. Sie lächelt ein wenig verlegen. »Michail ...«

»Ja, Teuerste?«

»Es hat bei uns ein Pogrom gegeben.«

»So ...«

»Ich glaube, es sind an die dreihundert Juden erschlagen worden.«

»Schadet nichts, es gibt ihrer immer noch zu viel.«

Nadja wirft einen hastigen Blick nach dem schweren seidenen Fenstervorhang, hinter dem sich etwas regt.

»Kleine Kinder haben dabei alle ihre Angehörigen verloren.«

»Man muß sich in Gottes Willen fügen.«

Nadjas schlanke Finger trommeln ungeduldig auf der Tischplatte.

»Ganz kleine Kinder, Michail Michailowitsch.«

Der dicke Kaufmann rückt unruhig auf seinem Sessel hin und her. Nadja betrachtet ihn von der Seite.

»Dauern Sie die kleinen Kinder nicht?«

Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über des dicken Kaufmanns Gesicht, eine Art erschrockener Grimm, doch entgegnet er gleichmütig: »Alle Menschen verlieren früher oder später ihre Eltern.«

Nadja setzt sich mit einem plötzlichen Ruck auf.

»Wissen Sie, Michail Michailowitsch, was Gregor Stepanowitsch neulich über Sie gesagt hat?«

»Was denn?«

»Sie seien gar kein Russe, seien ein getaufter Jude!«

Des dicken Kaufmanns Gesicht erglüht plötzlich dunkelrot, er schnauft vor Wut, wendet die Augen von Nadja ab: »Der verfluchte Hund! So zu lügen! Ich, ein Jude! Es ist ...«

Nadja lacht laut auf, ein listiger Zug legt sich um ihren kleinen Mund. »Komm heraus, Ivan!« ruft sie unvermittelt.

Der Vorhang wird zurückgeschlagen, das Kind tritt ins Zimmer, nicht mehr der kleine Moische, schmutzig, ungepflegt, mit zerrissenen Kleidern, nein, Ivan, in schwarzem Sammetanzug mit großem Spitzenkragen, gekämmtem Haar, sauberem Gesicht. Die großen schwarzen Augen blicken zwar noch immer schreckhaft, doch eilt das Kind voll Vertrauen zu Nadja hin.

»Was ist das?« Michail Michailowitsch starrt verblüfft auf den kleinen Eindringling.

»Das ist ein Judenkind.« Nadja betont jedes Wort, »dem sie die einzig lebende Anverwandte erschlagen haben. Ich habe es zu mir genommen. Sind Sie mir böse, Michail?«

Fragend, bereit beim geringsten Widerspruch in Zorn auszubrechen, blickt sie den dicken Kaufmann an. Der aber scheint seine ganze Umgebung vergessen zu haben. Starr hängen seine Augen an dem blassen Kindergesicht, bohren sich in die zarten Züge, die trotz ihrer Unreife bereits die Rasse verraten. Seine fetten, mit Diamantringen geschmückten Hände zittern, er schluckt hörbar.

»Nun?« Nadjas Stimme klingt ungeduldig.

Der dicke Kaufmann zieht sein Taschentuch hervor und schneuzt sich heftig. Dann murmelt er halb zu sich: »Ein Judenkind! Eine Waise!« Und plötzlich mit verbissenem Zorn: »Möge Gott sie strafen!«

Nadja lächelt befriedigt. »Sie sind also nicht böse, Michail?«

Echtes Gefühl verleiht dem gedunsenen, roten Gesicht plötzliche Würde. »Gott wird es Ihnen lohnen, mein Täubchen. Und ... falls Sie einen Wunsch haben ...«


So blieb denn der kleine Ivan bei Nadja, schlief in einem weichen Bett, aß sich täglich satt, erhielt von Nadjas Freunden die herrlichsten Spielzeuge und wurde allmählich ein verwöhnter kleiner Herr.

Die ersten Wochen lastete das Erlebte noch schwer auf ihm. Er schrak zusammen, wenn er laute Stimmen hörte, wollte nicht auf die Straße gehen, fuhr des Nachts schreiend aus dem Schlaf. Auch um die Großmutter weinte er, um die treue, nimmermüde Liebe, die seine Kindheit schützend umhüllt hatte. Nadja war zu ihm gut und zärtlich, doch fand sie nie Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Das Kind verbrachte seine Tage einsam in dem schönen, hellen Zimmer, das die Frau für den Knaben eingerichtet hatte.

Nach einigen Monaten war das Vergessen wie ein schwarzer Schleier auf Ivans Denken gefallen. Er kannte kein anderes Leben, als die behagliche Üppigkeit in dem schönen Hause; wußte nicht mehr, daß er gehungert und gefroren hatte, daß ihm auf der Straße große böse Buben »grindiger Judenbengel« nachgeschrien und ihn mit Steinen beworfen hatten.

In Nadjas duftendem, prunkendem Schlafzimmer hing in der einen Ecke ein Muttergottesbild, vor dem Tag und Nacht ein rotes Lämplein brannte. Nadja lehrte das Kind, sich vor dem Bild verneigen und ein Kreuz schlagen.

»Wer ist die Frau mit dem Kind?« fragte Ivan.

»Die Muttergottes.«

»Und wer ist die Muttergottes?«

Nadja lächelte verlegen: »Die Mutter des Heilands. Wenn Du brav und fromm bist, wird sie Dich immer beschützen.«

»Beschützt sie Dich?«

»Sie wird sich meiner erbarmen.«

»Bist Du brav und fromm?«

Das schöne Gesicht drückte sich gegen den lockigen Kinderkopf und ward dunkelrot. »Nein, mein kleiner Ivan; deshalb mußt Du, wenn Du vor der Muttergottes das Kreuz schlägst, immer sagen: »Heilige Jungfrau, bete für Nadja, die arme Sünderin.«


Zwei Jahre waren verflossen, Ivan zählte nun bereits sechs Jahre. Er war zu einem schmächtigen Knaben mit blassem Gesicht und leuchtenden schwarzen Augen herangewachsen. Die Zeit war ihm vergangen wie ein Traum. Zwei herrliche Sommer in Peterhof, wo er am Meer spielen und baden durfte, zwei Winter in der Stadt. Nun kam der dritte Frühling, den er mit Nadja verlebte. Doch schien, er wußte nicht warum, nun plötzlich alles anders zu werden. Die vielen Besuche, die lachend in den Salons saßen und Champagner tranken, blieben aus; Nadja selbst, die sonst nie daheim war, wenn es keine Gesellschaft gab, saß tagelang allein in ihrem Schlafzimmer, lag müde und verdrossen auf dem Bett, starrte in den Spiegel und weinte bisweilen, was Ivan stets sehr erschreckte. Sie hustete, war mager geworden und wurde oft von jäher Ungeduld erfaßt, die auch den Knaben nicht verschonte.

Einmal fand er sie vor dem Spiegel sitzend und ihre Wangen mit einer roten Puderquaste betupfend. Die eine Wange war weiß, während die andere rosig schimmerte. Dies deuchte dem Kinde äußerst drollig und es lachte. Da warf Nadja die Puderquaste auf den Boden, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. »Du siehst es auch schon, Du! ... Wie eine alte Hexe sehe ich aus, Nikolai Tichonowitsch sagte gestern zu mir: »Sie müssen sich erholen, Nadja.« Ich weiß, was das heißt. Keiner will mich mehr. Und früher, auf den Knien haben sie vor mir gelegen, die Hunde! Und Du lachst, herzloses Kind. Du wirst nicht lachen, wenn wir verhungern, in einer Dachkammer verrecken.« Sie sprang auf, trat vor den Spiegel und riß mit zitternden Händen den Schlafrock herunter. »Da, schau das an, diese Knochen, diese eingefallenen Brüste. Aus ist es mit mir, aus. Wir können betteln gehen. Und Du lachst!«

Das erschrockene Kind begann zu weinen; Nadja kniete sich neben es hin. »Weine nicht, mein Täubchen, mein Seelchen. Ich werde Dich nicht verlassen. Die Muttergottes wird mich gesund machen, und ich werde an Michail Michailowitsch nach Nischni Nowgorod schreiben, der soll uns nach dem Süden schicken. Und wenn ich dann zurückkomme, gesund und schön, dann werde ich es den Hunden schon zeigen. Weine nicht, mein kleiner Ivan.«

Der Brief ging ab, doch kam nicht die Antwort von Michail Michailowitschs klobiger Hand geschrieben, eine feine spitze Frauenschrift teilte »Fräulein Nadja Sklowski« mit, sie habe den ihr unverständlichen Brief erhalten und glaube, es müsse sich um ein Mißverständnis handeln, ihr verstorbener Gatte habe sich nie im Leben, bestimmt aber nicht seit seiner Verehelichung, mit leichtfertigen Personen abgegeben.

Der Sommer kam, drückende, luftlose Hitze lag über der Stadt, die Sonne brannte auf das Pflaster nieder, die Straßen wurden öder und menschenleerer, Nadja weinte immer öfter, häufig kamen Männer, die lange Bogen Papier vorlegten und etwas zu verlangen schienen, und dann widerhallten die schönen Räume von groben Worten und Beschimpfungen. Ivan flüchtete erschrocken in eine Ecke und kam erst wieder zum Vorschein, wenn die Männer abgezogen waren.

Eines Tages begann Nadja zu packen. Ivan freute sich, als er inmitten des Schlafzimmers den großen Koffer erblickte. »Gehen wir ans Meer?« fragte er freudig.

Nadja lachte böse auf. »Ans Meer! Ja, ich habe einen Palast am Meer gemietet; wir sind ja so vornehme Herrschaften. Weißt Du, wo wir hingehen? Dorthin, woher wir beide kommen, in den Schmutz, in den Rinnstein.«

Und dann weinte sie wieder und hustete und warf Kleider und Wäsche und Schuhe kunterbunt in den Koffer.

Ein schäbiger Einspänner brachte Nadja und den Knaben in ihr neues Heim. Keiner der Diener, keines der Mädchen begleitete sie. In einer engen, übelriechenden dunklen Gasse machte der Wagen Halt. Der Kutscher trug den Koffer unzählige schmutzige Treppen hinauf und schob ihn in eine kleine Stube, die er fast ausfüllte. Dann brummte er über das geringe Trinkgeld und stampfte schwerfällig die Stufen hinab; der Klang seiner Schritte hallte dumpf gegen die schwarzen Mauern.

Ivan sah sich im Zimmer um, ein Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle und ein kleiner wackeliger Tisch. An den schmierigen Wänden hatte die Feuchtigkeit seltsame Muster gezeichnet, die Decke war rauchgeschwärzt. Die schwere Luft roch nach Kohl und Spülwasser. Eine beklemmende Angst erfaßte den Knaben, all dies hatte er schon einmal gesehen, doch gehörte zu diesem Bilde noch etwas anderes. Warum glaubte er, gleich würde die Tür aufgehen, böse Menschen würden eintreten, brüllen, fluchen, Drohungen ausstoßen? Jählings fühlte er sich ganz klein, ganz verlassen. Er schmiegte sich an die Frau, wollte bei ihr Schutz suchen. Nadja jedoch stand reglos in der Mitte der Stube, die verkrampften Hände hingen schlaff herab. Ihre Augen starrten vor sich hin, ein leises Keuchen drang aus ihrer Kehle. Wie unheimlich war diese Stille, wenn sie doch sprechen wollte, nur ein einziges Wort!

»Mütterchen,« er zupfte sie am Rock.

Sie schien es nicht zu bemerken, starrte mit geweiteten, verzweifelten Augen die Wand an.

»Mütterchen, wo werde ich schlafen?«

Sie lachte heiser. »Ja, mein Prinzlein, wo wirst Du schlafen? Auf dem Stuhl, auf dem Tisch, auf dem Boden vor meinem Bett?« Sie hustete heftig, dann sich jäh einer anderen Stimmung hingebend. »Sei nicht traurig, Ivan, es wird schon wieder besser werden. Und dann kaufen wir uns ein großes Haus und leben schöner als zuvor.«

Sie trat an den Koffer, warf Kleider und Wäsche achtlos auf den schmutzigen Boden und wühlte unter den Gegenständen etwas hervor. Es war das Muttergottesbild. Sie fand einen Haken an der Wand, befestigte das Bildnis und lachte plötzlich vergnügt wie ein Kind. »Es wird uns Glück bringen, Ivan, ich fühle mich schon besser. Mach aber das Fenster auf, hier ist es zum Ersticken.«

Sie schwankte, tastete sich an den Möbeln bis zum Bett und fiel bewußtlos auf die rauhe, schmierige Decke.

Drittes Kapitel.

Der kleine Ivan ist ein geschicktes Kind, schier vermag er Nadja die Zofe zu ersetzen. Er findet das richtige Kleid im Koffer – einen Schrank gibt es nicht im Zimmer –, versteht gar bald, die Haken zu schließen, die feinen Haare zu bürsten und zu kämmen, wenn Nadja dazu allzu müde ist. Auch hat er gelernt, Tee zu kochen, zum Bäcker zu laufen und allerlei kleine Einkäufe zu besorgen.

Er hat das schöne Haus und sein geräumiges Zimmer ebenso rasch vergessen, wie er damals das erste Heim seiner Kindheit vergessen hat, ist schier glücklicher denn zuvor. Nadja ist den ganzen Tag daheim, liegt meist auf dem Bett, plaudert mit ihm, erzählt ihm Geschichten aus der fernen Zeit, als »ich noch ein kleines Mädchen war«. Wenn nur die Nächte nicht wären, diese unheimlichen, einsamen Nächte. Am Abend kleidet sich Nadja an, legt ihn zu Bett, und geht fort. Kaum ist der Knabe allein, so foltern ihn unbegreifliche Ängste, Gespenster, die seinem Gedächtnis entsteigen. Kracht nicht die Treppe? Tönen nicht dumpfe Schritte? Wer schleicht vor der Tür umher? Gleich wird sie aufgehen, etwas Entsetzliches wird geschehen. Leise wimmernd kriecht er unter die Decke und schließt krampfhaft die Augen, bis endlich der Schlaf sich seiner erbarmt.

Spät nachts oder früh morgens wecken ihn dann Nadjas schleppende Schritte auf den Treppenstufen. Sie schwankt herein, erschöpft, zitternd vor Müdigkeit, mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen. Er schlüpft aus dem Bett, hilft ihr beim Entkleiden, deckt sie fürsorglich zu und legt sich, in eine Decke gewickelt, zu ihren Füßen nieder. Bisweilen murmelt sie schon halb im Schlaf: »Ein guter Abend, Ivan, morgen können wir uns satt essen«, und schläft noch im Reden ein.

Manchmal jedoch kommt sie nach zwei Stunden wieder heim, und Ivan hat gelernt, diese Abende zu fürchten, das verzweifelte Weinen, das: »Wir werden beide verhungern!« Er sitzt auf dem Bett, streichelt die schluchzende Frau, küßt ihre heißen Hände und weiß sich keinen Rat.

Die Tage werden immer kürzer, kalter, schneidender Wind heult durch die Straßen. Nadja kommt halb erstarrt und frostbebend heim. Eines Abends ist sie nicht allein, ein häßlicher, roh aussehender Mann tritt nach ihr in die Stube. »Ein Kind hast Du auch?« ruft er lachend, als er Ivans ansichtig wird. Nadja lacht ebenfalls, Ivan wundert sich über ihre Lustigkeit.

»Soll denn der Fratz hier bleiben?« fragt der Mann etwas verdrießlich.

»Nein, um Gotteswillen!« Nadja scheint ganz erschrocken zu sein. »Ivan, Herzchen, geh ein wenig vor die Tür, ich ... ich habe mit dem Herrn zu sprechen.«

»Sprechen!« Der Mann lacht brüllend vor Vergnügen.

»Und komm erst wieder, wenn ich Dich rufe.«

Ivan gehorcht. Er sitzt auf der Türschwelle im dunklen Korridor und horcht ängstlich auf jedes Geräusch. Wird der Mann dem Mütterchen nichts zuleide tun? Warum lachen die beiden so viel? Der Knabe zittert vor Kälte und Angst, schließlich fängt er zu weinen an. Wie lange die beiden sprechen! Aber er hört ja ihre Stimmen gar nicht mehr, sicherlich tut ihr der Mann etwas zuleide. Plötzlicher Zorn übermannt ihn, warum muß er hier draußen sitzen, ganz allein, und der fremde Mann darf in der warmen Stube sein? Seinen müden Kopf deucht unklar, daß er immer draußen gesessen hat, allein, frierend, in der Dunkelheit, nicht nur heute abend, nein, viele, viele Abende, jahrelang, immer. Und es wird auch immer so sein. Andere werden behaglich in hellen, warmen Stuben sitzen und lachen. Er aber hockt im Dunkeln und weint. Wer war es nur, der immer weinte? Eine ferne Erinnerung steigt in ihm auf: Ein Mann, der um einen zerstörten Tempel weinte ... nein, es war eine Frau, die um ihren Sohn weinte, den ihr böse Menschen getötet hatten, die Frau auf dem Bilde, das in der Ecke hängt ... Oder war es noch anders? Einmal hatte er bei Nadja einen jungen Mann gesehen, mit blassem Gesicht und wilden Augen, der hatte laut geschrien, wie im Zorn: »Ihr trinkt und feiert Feste, und draußen vor euren Türen stöhnt und weint das Volk!«

Die müden Augen fielen ihm zu, unklar jagten Worte durch seinen Kopf: »der Mann, der um den Tempel trauert ... die Mutter, der sie den Sohn getötet haben ... das Volk ... sie weinen alle, alle ...«

Viertes Kapitel.

Der Frühling kommt; selbst in die enge übelriechende Gasse dringt die Sonne; ihre Strahlen klettern die Mauern entlang, fallen durch die blinden Scheiben in Nadjas Zimmer. Sie hat das Bett ganz nahe ans Fenster gerückt, hält die durchsichtig gewordenen Hände der Wärme entgegen und freut sich des blauen Himmels, von dem sie zwischen Dächern und Schloten ein kleines Stück zu sehen vermag.

Seit sechs Wochen hat sie das Bett nicht mehr verlassen. »Ich bin nicht krank,« versichert sie Ivan wieder und wieder, »bin nur so entsetzlich müde. Wenn der Mai kommt, werde ich aufstehen und gesund sein.«

Den ganzen Tag liegt sie reglos da, stöhnt bisweilen leise, antwortet kaum auf des Kindes ängstliche Fragen. Am Abend jedoch färben sich die blassen Wangen dunkelrot, sie spricht, spricht unentwegt mit heiserer, keuchender Stimme. Oft sind ihre Worte Ivan unverständlich. Bisweilen scheint sie zu vergessen, wo sie sich befindet, ruft nach ihrer Zofe, verlangt »das neue Kleid aus Paris«. Dann wieder lacht sie in tollem Übermut, verspottet Leute, die sie vor sich zu sehen glaubt, verlangt nach Champagner, plaudert von großen Städten, fremden Ländern.

Sie ist ganz zufrieden, nur manchmal, wenn das Fieber ihren Geist nicht völlig trübt, wird sie unruhig, murmelt zaghaft vor sich hin: »Das Kind, was soll aus dem Kind werden?«

Die Nachbarn sind sehr gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau bringt ihnen täglich von ihrer Suppe, und die dicke Anastasia mit den geschminkten Wangen aus dem vierten Stock drückt Ivan häufig einen Rubel in die Hand, damit er für Nadja etwas kaufe. Sie kommt zu der Kranken, bettet sie um, sitzt plaudernd an ihrem Lager. Sie ist es auch, die Ivan ein paar Griffe auf der Balalaika lehrt und einige Liebeslieder, ihn auf die Straße singen schickt, damit er etwas Geld verdiene.

Ivan zieht durch die engen Gassen, singt mit der schwachen Kinderstimme auf Höfen und Plätzen, und die Armen geben von ihrer Armut: Kopeken, Piroggen, bisweilen sogar ein Stückchen Fleisch.

Die Dämmerung liegt weich über der engen Stube, das letzte Licht hat sich im kleinen Spiegel gefangen, der hell aufleuchtet. Anastasia sitzt an Nadjas Bett. Sie hat sich schon für ihre Arbeit bereitgemacht, ist geschminkt und gepudert, eng geschnürt. Mit besorgten Augen schaut sie auf die Kranke, deren Atem schwer pfeifend die schmerzende Brust hebt. Anastasia hat getrunken, ihr Mund strömt Wodtkageruch aus, und schwere Traurigkeit lastet auf ihr.

»Ein Hundeleben!« seufzt sie. »Und wenn man das Ende bedenkt.«

Nadja schweigt.

»Und in der Kirche will keine neben mir knien«, fährt Anastasia fort. »Bin ich denn schlechter als sie? Ich stehle doch nicht, tue keinem Menschen etwas zuleide, bin eine Rechtgläubige.«

Der letzte Lichtstrahl erlischt, der silberglänzende Spiegel wird zur toten, grauen Fläche.

»Nadja, Du solltest doch einmal den Popen kommen lassen.«

»Weshalb?«

»Man weiß doch nicht. Gott wird Dir Deine Sünden vergeben, Täubchen, aber so, ohne Popen, ohne Gottes Verzeihung darfst Du nicht sterben. Man ist doch kein Vieh.«

»Sterben?« Nadjas schwache Stimme gellt auf. »Wer spricht vom Sterben?«

»Mein Seelchen,« die rauhe, rote Hand streichelt beruhigend über die Decke, »Du weißt doch selbst, daß Du nicht mehr lange leben wirst. Der Tod steht Dir schon auf dem Gesicht. Wozu willst Du auch leben? Das Leben ist gar nicht so schön für unsereins.«

Nadjas abgezehrte Hand greift nach Anastasias Arm, verkrallt sich in das weiche Fleisch. »Ich will nicht sterben, Stasia, will nicht. Das Leben ist so gut und schön. Und ich bin noch so jung. Stasia, halte mich fest; ich fürchte mich!«

Etwas erschreckt über die Wirkung ihrer Worte drückt Anastasia die Kranke an sich. »Still, still, mein Täubchen, es braucht ja nicht so zu kommen. Ich meine nur, weil Du genau so aussiehst, wie Natascha, die vor einem Monat starb.«

»Und Ivan,« Nadja beginnt zu weinen, »was soll aus ihm werden, wenn ich sterbe? Er ist noch so klein.«

»Wir werden für ihn sorgen,« beruhigt sie die andere. »Und dann gibt es ja auch Waisenhäuser.«

Nadja scheint ihre Worte nicht zu hören. Mit starren Augen blickt sie vor sich hin, ein Zittern erfaßt ihren Körper, ihre Zähne schlagen gegeneinander: »Sterben! Sterben!«

Ivan bringt eine ganze Tasche voll Geld heim. Hat der herrliche Frühlingstag die Herzen erweicht, fächelt der laue Wind den Menschen leichtsinnige Großmut zu? Jeder hat ihm heute etwas gegeben, und nicht nur Kopeken, auch Silbermünzen, ja sogar einen ganzen Rubel schüttet er auf Nadjas Bett aus.

»Morgen bekommst Du gut zu essen, Mütterchen!« ruft er freudig und schlingt die Arme um ihren Hals. »Milch und Piroggen, und Stasia soll uns eine gute Kohlsuppe kochen. Bist Du froh, Mütterchen?«

»Ja, mein kleiner Ivan.«

»Und dann wirst Du nicht mehr müde sein, wirst aufstehen und mit mir in die Sonne gehen. Nicht wahr, Mütterchen?«

»Ja, mein Täubchen!«

Ivan klettert aufs Bett. »Mütterchen, heute, wie ich ganz weit draußen war, sah ich Jungen, die liefen einem kleinen Knaben nach und warfen mit Steinen nach ihm und schrien: »grindiger Jud!« Sie wollten, ich solle auch mit Steinen werfen, aber mir tat das Herz weh, weil der kleine Knabe so weinte. Warum verfolgten sie ihn, Mütterchen, was hat er Böses getan?«

Nadja schlingt den Arm um das Kind, ihre Lippen beginnen zu beben, wie in schwarze Nebel gehüllt steigt ein schauriges Bild vor ihr auf: zerschmetterte Schädel ... blutige Leiber ... ein kleines, schwarzäugiges Kind hockt weinend neben einer toten Frau. ...

»Warum weinst Du, Mütterchen?«

»Ivan, versprich mir, daß Du nie mit den bösen Buben gehst und Steine nach einem anderen wirfst. Du darfst auch nie jemand: »grindiger Jud« nachschreien. Versprich mir das, Ivan.«

Unklar durchzuckt ihren müden Kopf der Gedanke: »Nun wird mir die alte Frau verzeihen, daß der kleine Moische zur Muttergottes betet.«

»Ja, Mütterchen.«

»Du darfst auch niemals gegen Schwache böse sein, Ivan. Mußt ihnen immer helfen. Du mußt alle Menschen lieben, Ivan.«

»Auch die bösen Menschen, Mütterchen?«

Da blitzen die großen Augen wild aus dem hageren Gesicht, schrilles Beben kommt in die müde Stimme, fieberglühende Hände pressen sich schmerzhaft um die kleine Kinderhand.

»Nein, Ivan, die mußt Du hassen; die bösen Menschen, die uns zu Tieren machen und dann verachten, die uns verhungern lassen, den kleinen Kindern ihre Eltern erschlagen; die bösen Menschen, die unsere Herren sind, die reich und glücklich leben, die unsere Freunde nach Sibirien schicken. Die mußt Du hassen. Dein ganzes Leben lang, Ivan, mußt gegen sie kämpfen, sie vernichten!«

Die Stimme versagt ihr, kraftlos fällt sie auf die Kissen zurück. Der Knabe hat ihre Worte nicht verstanden, doch begreift er, sie fordere eine Antwort; er nickt ernst: »Ja, Mütterchen.«

»Und jetzt schlafe, mein Seelchen, ich bin müde.«

»Gute Nacht, liebes Mütterchen, morgen wird ein herrlicher Tag sein.«


Es ist noch dunkel in der kleinen Stube, da fühlt Ivan, wie er an den Schultern gepackt und gerüttelt wird. Schlaftrunken öffnet er die Augen: »Ist es schon spät, Mütterchen? Ich stehe schon auf.«

Eine fremde Stimme röchelt auf: »Ivan, ich ersticke! Mache Licht!«

Zitternd entzündet er die Kerze.

Nadja sitzt aufgerichtet im Bett, ringt nach Atem, stöhnt, schluchzend hebt sich ihre Brust, Tränen rinnen aus den starren, entsetzten Augen.

Ratlos steht das Kind vor dem Bett.

»Was fehlt Dir, Mütterchen, was soll ich tun?«

»Ich sterbe, Ivan, ich sterbe,« weint die Kranke auf.

Das Kind beginnt zu schluchzen: »Ich werde Stasia rufen.«

»Schnell, schnell!«

Ivan hastet die Treppe hinauf, rüttelt an des dicken Mädchens Tür; sie ist verschlossen. »Stasia! Stasia!«

»Was ist's?«

»Komm schnell, Mütterchen ... Sie stirbt ...«

Eine Männerstimme brüllt auf: »Verfluchte Bande! Nicht einmal jetzt hat man Ruh. Laß sie sterben!«

Anastasias erschrockene Stimme klingt heraus: »Gleich, Ivan, gleich!« und fährt zornig fort: »Du Bestie!«

Ivan läuft in die Stube zurück. Nadja liegt röchelnd da, aus ihren Mundwinkeln rinnt Blut. Sie packt das Kind an der Hand: »Ivan ... Angst ... Ich ersticke ... Bete ...« Und da das zu Tode erschrockene Kind stumm verharrt, flüstert sie abermals wimmernd: »Bete!«

In Ivans kleinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander; beten? Er findet keine Worte ... eine große Leere ist in seinem Gehirn. Sternchen tanzen vor seinen Augen, kalter Schweiß perlt ihm auf der Stirne.

Und wieder tönt das verzweifelte Wimmern vom Bett: »Bete für mich!«

Da endlich löst sich die Starre in seinem Gehirn, Worte kommen, irgendwoher, aus schwarzer Ferne, fremde und doch vertraute Worte. Er fällt vor dem Muttergottesbild auf die Knie, schlägt ein Kreuz und betet:

»Boruch ato adonai ...«


Der Tag, auf den Ivan sich so gefreut, ist gekommen. Aber Mütterchen will keine Milch und keine Piroggen; Mütterchen liegt ganz still und weiß im Sonnenschein, und Anastasia hat ihr die Hände auf die Brust gefaltet und zwei brennende Kerzen neben das Bett gestellt.

Anastasia ist trotz der frühen Morgenstunde vollständig betrunken. Sie kniet weinend neben dem Bett, murmelt eintönige Worte, schwankt und trinkt von Zeit zu Zeit ein Gläschen Wodtka.

Ivan kauert erschreckt in einer Ecke.

Die bucklige Schustersfrau bringt Blumen und legt sie auf Nadjas Brust. »Sie soll doch noch den Frühling merken, die Arme.«

Das Zimmer füllt sich mit Sonne. Vor dem Bett betet die betrunkene Dirne; die Worte verwirren sich ihr im Munde, mit schwerer Stimme lallt sie: »Heilige Muttergottes, bitte für sie. Bitte, heilige Muttergottes. Bitte, Muttergottes, für die Heilige!«

Fünftes Kapitel.

Der Newski dehnt sich endlos im kalten Licht einer weißen Julinacht. Grimmigen Schatten gleich ragen die hohen Häuser zum bleiernen Himmel auf, in der Ferne ballt sich drohend die dunkle Masse des Admiralitätsturmes. Droschken jagen dahin, Autos gellen wild auf, Menschen kommen und gehen. Es ist weder Tag noch Nacht. Die Stunden, die schier ohne Übergang vom Abend zum Morgen gleiten, haben etwas Unheimliches, Feindseliges. Die Stadt gleicht trotz allem Treiben einem Gespensterort, wo Schatten die Straßen bevölkern, vom Grab befreite Tote lärmend ihre kurze Auferstehung feiern. Die erste Röte im Osten deucht Erlösung vom Banne der bösen Stunden, das Zwischenreich versinkt, eine lebendige Stadt der Lebendigen breitet sich der Sonne entgegen.

Leute strömen aus dem Theater, kommen von den Inseln gefahren. Hier und dort schreitet ein Polizist seine Runde ab, und dunkle Gestalten huschen tiefer in die Schatten der Häuser.

An einer Ecke steht ein kleiner Knabe mit einer Balalaika; verstimmt und falsch wimmern die Saiten, und eine dünne Kinderstimme singt:

»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«

Seltsam klingt das schwermütig leidenschaftliche Lied aus Kindermund. Die kleinen Finger sind müde und greifen falsch. Schrille Mißtöne zittern durch die Nacht; immer heiserer wird die schwache Stimme.

Achtlos gehen die meisten vorüber; es ist spät, es drängt die Leute heim ins behagliche Bett; was geht sie das fremde Kind an?

Ein betrunkener Matrose torkelt heran: »Sing' einmal etwas anderes, Brüderchen, seit einer halben Stunde plärrst Du das gleiche Lied.«

»Ich weiß kein anderes.«

»Wart', ich pfeif Dir eines vor.« Der Matrose lehnt sich gegen eine Mauer, und die verbotenen Töne eines revolutionären Liedes klingen herausfordernd auf. »So, und jetzt sing dazu:

»Des Volkes Blut verströmt in Bächen
Und bitt're Tränen rinnen drein.
Doch kommt der Tag, da wir uns rächen,
Dann werden wir die Richter sein!««

Eine Frauengestalt huscht heran: »Grischa, Du bist verrückt! Komm fort!« Sie packt den Matrosen am Arm, versucht ihn weiterzuziehen.

»Wart' doch, mein Täubchen, ich muß dem Brüderchen eine Kopeke geben. Da hast Du, mein Söhnchen, und lerne andere Lieder.«

Ein Polizist nähert sich rasch; der Matrose und die Frau verschwinden in einer Nebengasse.

»Hast Du gepfiffen?« schreit der Polizist Ivan an.

»Nein, Euer Wohlgeboren; bei Gott, ich kann gar nicht pfeifen!«

»So, na hüte Dich, wenn ich nicht ein guter Mensch wäre ...« Auch der Polizist steht nicht mehr ganz fest auf den Beinen; Rührung überkommt ihn beim Gedanken an die eigene Güte. »Ein seelensguter Mensch, ja, frag' nur alle, die mich kennen, ob Sergei Stepanowitsch nicht ein seelensguter Mensch ist.« Er zieht ein Taschentuch hervor und schneuzt sich laut. »Ja, gut, seelensgut, und muß diese Hundearbeit verrichten. Da nimm, das Herz tut mir weh, wenn ich Dich so stehen sehe; Du solltest schlafen.« Zwanzig Kopeken gleiten in Ivans Hand. Schwerfällig trottet der Polizist weiter.

Ivan zählt das Geld, zehn Kopeken, zwanzig Kopeken, eine Kopeke, ein halber Rubel – noch nicht genug. »Bring' fünf Rubel mit«, hat Stasia am Abend gesagt. »Morgen muß ich die Miete bezahlen. Dann darfst Du Dich auch wieder ausschlafen.«

Nein, er kann noch nicht heimgehen, Stasia würde zornig sein. Nicht, daß sie böse zu ihm wäre, oder ihn schlüge, aber sie schreit so furchtbar, wenn sie zornig ist; davor hat Ivan Angst. Und wenn er nicht genug Geld heimbringt, droht sie ihm mit dem Waisenhaus, »wo man Schläge bekommt und den ganzen Tag beten muß«. Vielleicht ist sie auch noch gar nicht daheim, und er müßte im dunklen Gang warten, bis sie kommt.

Er gähnt, reißt die schlaftrunkenen Augen auf,

»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«

Eine Saite reißt mit kläglichem Schrillen; das ist die zweite heute nacht; nun muß er mehr als fünf Rubel verdienen, denn die Saiten kosten viel Geld.

Kleine steife Finger greifen in die noch unversehrten Saiten, noch jammervoller denn zuvor klingt die Begleitung, schluchzt schrill und hoffnungslos:

»Unsel'ge Stunde Du,
da ich Dich sah!«

Sechstes Kapitel.

Der Tisch war fertig gedeckt; das große, stämmige »Mädchen für alles« wischte noch rasch mit einem zweifelhaft sauberen Tuch ein Glas aus, seufzte, rieb den erfrorenen juckenden Fuß gegen ein Stuhlbein und verfügte sich ins Wohnzimmer, um die Familie zu rufen. Sie saßen um die Lampe, in der kleinen ostpreußischen Stadt gab es noch kein elektrisches Licht. Frau Selder stopfte Strümpfe, die drei älteren Kinder, Friedrich, Gustav, Ilse waren mit Schularbeiten beschäftigt, die kleine Lene spielte mit ihrer Puppe, der Gymnasialprofessor saß vor einem Stoß Schulhefte und las stirnrunzelnd in einem Brief.

Schwere Luft lastete über dem Raum, der Geruch staubiger Plüschmöbel vermischte sich mit dem langgetragener Wollkleider, und über allem schwebte, von der Küche eindringend, fettiger Speisenduft. Die Gesichter waren verdrossen, die drei älteren Kinder arbeiteten unmutig, gelangweilt, die Mutter sah müde und sorgenvoll drein, auch Herrn Selders Züge verrieten Gereiztheit; bloß auf Lenes etwas blassem Kindergesicht lag zufriedene Heiterkeit.

Bei Tisch herrschte zuerst allgemeine Stille; wenn der Vater so dreinschaute, war es klüger, sich ruhig zu verhalten; endlich brach er das Schweigen. Er hatte den Brief zum zweitenmal gelesen und bemerkte nun verdrießlich mit harter, knarrender Stimme: »Margarete kommt demnächst zu Besuch!«

»Mein Gott, jetzt im Winter! Und der Ofen im Gastzimmer heizt nicht!« Frau Selders Gesicht wurde noch sorgenvoller.

»Ja, und sie bringt auch noch ein Kind mit!«

»Ein Kind?«

»Sie scheint ganz verrückt geworden zu sein, meine liebe Schwester. Das kommt davon, wenn eine Frau anstatt zu heiraten in der Welt umherstrolcht und Konzerte gibt. Dabei muß sie ja jedes Gefühl für das Schickliche verlieren. Sitz gerade, Gustav, ein deutscher Junge muß stramm sein. Ich will euch den Brief vorlesen. Kinder, klappert nicht so mit dem Besteck, das stört mich.«

Vier Paar neugierige Kinderaugen wandten sich dem Vater zu, als er zu lesen begann. Seine Worte kamen in mißbilligendem Ton heraus, etwa so, wie er in der Schule einen besonders schlechten Aufsatz vorlas, um den Schüler vor der Klasse zu beschämen:

»Liebe Geschwister!

Plötzliche Sehnsucht nach dem kleinen alten Nest hat mich gepackt, und ich werde demnächst bei Euch erscheinen. Hoffentlich komme ich Euch nicht ungelegen. Ich möchte gerne vor meiner Tournee in Amerika ein wenig ausrasten und auch die Kinder wieder einmal sehen. Diesmal komme ich nicht allein, ich bringe ein Pflegesöhnchen mit, für das ich um freundliche Aufnahme bitte. Es ist ein kleiner Russe, den ich, buchstäblich, auf der Straße aufgelesen habe; er sang zu einer Balalaika, und ich glaube, man könnte ihn in der Musik ausbilden. Da das arme Geschöpf keine Anverwandte hatte, war es mir ein leichtes, es zu adoptieren; übrigens geht mit Hilfe des Rubels in Rußland alles leicht. Ivan ist nun schon vier Monate bei mir und versteht bereits Deutsch; er ist ein äußerst kluges Kind, und es ist eine angenehme Abwechslung, einmal etwas Menschliches um sich zu haben, das einen weder betrügen noch ausnützen will.

Ich werde voraussichtlich in den ersten Tagen des Dezember bei Euch eintreffen.

Mit herzlichem Gruß an Euch und die Kinder

Euere Schwester Margarete.«

»Ein Russenkind!« rief die kleine Lene vergnügt, »wie lustig! Wie es wohl aussieht?«

Frau Selder seufzte: »Deine Schwester ist wirklich wunderlich; genügen ihr unsere Kinder nicht? Gott weiß, woher dieses Kind stammt.«

Der Gymnasialprofessor häufte sich den Teller voll Kartoffeln und begann hastig zu essen. Nach einer Weile bemerkte er: »Wenn es wenigstens ein Mädchen wäre, das könnte Margarete zu einem Dienstmädchen heranbilden; russische Dienstboten pflegen ganz besonders treu zu sein – aber ein Junge! Freilich, Margarete war immer so, maßlos in allem, genau wie mit ihrer Leidenschaft für die Musik. Maßhalten, kein Überschwang, immer schön nüchtern, das ist die Hauptsache im Leben.«

Die Kinder blinzelten einander zu; sie kannten diese Lehre des Vaters, hörten sie fast täglich. Herr Selder sprach im Kreise der Familie stets in Lehrsätzen; er fühlte, dies schulde er seinem väterlichen Pflichtgefühl, jenem Teil seiner selbst, das er »den Vater« nannte. Herrn Selders »Ich« war sorgsam in verschiedene Teile geschieden. Zuerst kam der »Untertan«, der ehrfürchtige Bewunderer Seiner Majestät des Kaisers. Dieses Gefühl lag in bedingungslose, gedankenlose Ergebenheit wie in Watte gebettet; dann kam »der Deutsche«, dies war mehr ein Fluidum, das den ganzen Menschen durchdrang, stählte, festigte mit der Überzeugung, der einzig wertvollen Nation anzugehören, dem zur Herrschaft berufenen, ethisch höchststehenden Volke, den Menschen aus Stahl und Eisen; hierher gehörte auch noch »der evangelische Christ«, der an »unseren« Gott glaubte, an einen Privatgötzen des deutschen Volkes, der auf dieses und sein Herrscherhaus mit ewig gnädigem Lächeln herabblickte, eine Art verklärter Barbarossa, dessen Unglück es gewesen war, einen weichlich-sentimentalen Sohn zu haben, einen unfähigen Kronprinzen, der mit der Masse liebäugelte. Auch der »Gymnasialprofessor« machte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Selderschen Seele aus; jedenfalls einen der angenehmsten, ein köstliches Gegenstück zum »Untertan«, denn hier war Macht, Gewalt, Autorität, ein Stückchen Kaiser, ein Stückchen Gott. Außerdem gab es noch »den Vater« und einen letzten, kleinsten Teil »den Gatten«. Herr Selder sagte, wenn er eine Ansicht bekräftigen wollte, niemals: »Ich«, sondern stets: »Ich, als getreuer Untertan Seiner Majestät« oder: »Ich, als Gymnasialprofessor« oder: »Ich, als guter Deutscher«.

Mit all diesen Eigenschaften hielt er strenge Zucht im Hause; seine Frau, erschöpft und verbittert von den ewigen Geldsorgen, voller Bewunderung für das Wissen des Mannes, das ihrer eigenen, schlechten Bildung ungeheuer erschien, hatte sich vom ersten Tag ihrer Ehe an seinem Willen gefügt, und auch die drei ältesten Kinder wagten keinen Widerspruch. Nur die jüngste, die kleine Helene, machte ihm Sorgen. Er vermißte an ihr das »echt deutsche« Wesen. Schon die mutwilligen braunen Augen, die krausen schwarzen Locken paßten schlecht in dieses blonde, glatthaarige Heim. Außerdem hatte dieses achtjährige Kind die schlechte – in Augenblicken des Zornes sagte der Vater sogar die »verruchte« – Gewohnheit, nichts auf Treu und Glauben nehmen; bei jeder Belehrung, jedem apodiktischen Satz fand der trotzige kleine Mund ein »Aber«, und die Fragen des Kindes brachten Herrn Selder oft zur Verzweiflung. Auch jetzt störte sie die schöne Familienharmonie, die sich in einer fast feindseligen Stimmung gegen Margarete Selder und das fremde Kind äußerte. Die Mutter meinte bekümmert: »Es ist mir gar nicht recht, daß die Kinder mit diesem zugelaufenen Jungen verkehren sollen; Gott weiß, woher er stammt, welche Unarten er mitbringt, welch schlechten Einfluß er auf sie haben kann. Ein Kind von der Straße!«

Die kleine Lene rief dazwischen: »Einmal etwas Neues! Die Geschwister kenne ich so gut, die sind mir langweilig. Ich freue mich auf das Russenkind. Ich werde es sehr lieb haben!«

»Helene!« Der »Vater«, der »Gymnasialprofessor«, der »Deutsche« lagen im strengen Ton der Stimme, »ein artiges Kind liebt vor allem Eltern und Geschwister, dann liebt es seine Volksgenossen, Fremden gegenüber ist dies Gefühl nicht am Platze.«

»Warum?«

Dieses entsetzliche Kinder-Warum! Hier mußte schon die Religion herhalten. »Weil Gott will, daß wir unsere Nächsten lieben, jene, die er uns gegeben hat, die uns nahestehen.«

Eine weiße Kinderstirn runzelte sich, kluge junge Augen hefteten sich auf den Vater, ein Kinderverstand dachte angestrengt nach.

»Man darf also nur seine Familie lieben?« war das Ergebnis dieses Nachdenkens.

»Ja, hauptsächlich.«

»Und Gott tut nur was recht ist?« kam die unvermittelte Frage zurück.

Verblüfft sah der Gymnasialprofessor auf das kleine Mädchen: »Ja, selbstverständlich.«

»Aber ich habe doch heute in der Bibel gelernt: »Also hat Gott die Welt geliebt,« die Welt ist doch nicht Gottes Familie?«

»Das ist etwas anderes, überhaupt sollst Du nicht so viel sprechen, Lene,« und zu seiner Frau gewandt, fuhr Herr Selder ungeduldig fort: »Du solltest die Bibelstellen wirklich besser auswählen, Annie.«

»Aber ...«

»Schweig', Helene!«

Eine winzige rote Zunge streckte sich vor, ganz wenig und zum Glück unbemerkt, und eine rebellische Stimme murmelte halblaut: »Wenn Du etwas nicht weißt, muß ich immer schweigen.«

Nach dem Abendbrot kletterte Lene auf der Mutter Schoß. »Mutti, was ist maßlos?«

Verständnislos blickte Frau Selder ihre Jüngste an: »Was meinst Du, Lenchen?«

»Vater sagte bei Tisch, Tante Margarete ist maßlos; das muß etwas Schönes sein, denn Tante Margarete ist lieb und gut; wenn ich groß bin, werde ich auch maßlos sein.«

Frau Selder seufzte hilflos; sie wagte nicht, ihren Mann zu Hilfe zu rufen; er malte mit grimmigem Gesicht rote Striche in die Schülerhefte.

»Es ist Zeit, Schlafen zu gehen, Lenchen.«

Sie brachte die Kleine ins Bett.

Als sie bereits das Licht verlöscht hatte und an der Tür stand, durchschnitt Lenes Stimme die Dunkelheit: »Mutter, warum ...«

Frau Selder floh ins Wohnzimmer.

Siebentes Kapitel.

Tante Margarete war gekommen; sie brachte einen Hauch frischer Luft mit, ein Stückchen Welt, das den geordneten Haushalt beunruhigte, die Erwachsenen verdroß und die Kinder mit Staunen erfüllte. Ihre Ansichten, ihre ganze Art verstimmten den Bruder, der sich stets von neuem fragte, wie es denn möglich sei, daß dieses »verrückte Frauenzimmer« seine Schwester sei. Immer wieder lag ein gereiztes Wort auf seinen Lippen, eine zornige Entgegnung, doch fiel ihm stets rechtzeitig die Bitte seiner Frau ein: »Wilhelm, vertrage Dich mit Margarete, Du weißt, wie großmütig sie ist, und nun, da Friedrich nächstes Jahr dienen wird ... Ihre Konzerte tragen viel ein ...« Und seufzend schluckte der Gymnasialprofessor seinen gerechten Zorn hinunter und lächelte säuerlich.

Eine unklare Aufregung hatte auch die Kinder erfaßt. Ilse, die Fünfzehnjährige, betrachtete mit geheimem Neid die eleganten Kleider, fühlte sich abgestoßen von dem ungewohnten Luxus der Tante, schlich aber doch im Verborgenen in ihr Zimmer, betupfte sich vor dem Spiegel die Wangen mit Rosapuder, fuhr mit dem Schwarzstift über die blonden Augenbrauen, stahl ein wenig Parfüm für ihr Taschentuch. Friedrich, der sich mit seinen achtzehn Jahren äußerst erwachsen vorkam, versuchte Margarete gegenüber den Welterfahrenen zu spielen, wurde gutmütig von ihr ausgelacht und empfand von da ab eine ausgesprochene Abneigung gegen sie. Die beiden Jüngsten jedoch gingen bedingungslos zum Feind über; Gustav, der stets Eßbereite, erlag den Bonbons, die Margarete freigebig verteilte, streckte begeistert den schulmüden Körper auf dem Sofa, dem zahllose seidene Kissen die puritanische Härte geraubt hatten, und prahlte in der Schule mit der »berühmten« Verwandten. Lene war überhaupt nicht von der Tante fortzubringen; alles an Margarete deuchte sie ein zur Wirklichkeit gewordenes Märchen, selig klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der anscheinend für jedes »Warum« eine Antwort hatte und so herrlich von der großen Welt zu erzählen wußte.

Ivan fühlte sich äußerst unbehaglich; er verstand zwar die Worte, die gegen sein Ohr schlugen, die ganze Umgebung jedoch deuchte ihn fremd und bedrückend. Der große blonde Mann mit der knurrenden Stimme flößte ihm Furcht ein, die Frau, die ihn so eifrig nach seinen »lieben Eltern« ausforschte, brachte ihn in Verlegenheit. »Was war Dein Vater?« »Ich weiß nicht. Er war hinter den schwarzen Mauern.« Verständnislos blickte Frau Selder den Knaben an. »Hinter den schwarzen Mauern?« »Ja, böse Menschen haben ihn gefangen gehalten.« Dunkle Röte stieg in Frau Selders blasses Gesicht. »Gefangen?« Und bei sich dachte sie: »Ein Verbrecher, ein Zuchthäusler! – in unserem ehrbaren Heim das Kind eines Verbrechers!« Auf das Schlimmste gefaßt, fuhr sie fort: »Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?« »Mütterchen, ich weiß es nicht; zuerst lebten wir in einem schönen Haus, dann ...« Margarete Selder kam ihm zu Hilfe. »Laß doch das arme Kind in Ruhe, Annie. Hab' ich Dich je nach Deinen Eltern ausgefragt?«

»Margarete!« Empörung schrillte durch Frau Selders Stimme. »Das ist doch etwas ganz anderes. Du weißt doch, daß mein seliger Vater Pastor war und mein Großvater Konsistorialrat und ...«

»Und Dein Urgroßvater wieder Pastor und so weiter bis zu Adam hinauf, ich weiß schon.« Margarete trommelte mit dem Finger ungeduldig auf den Tisch, das Licht fing sich in dem Diamantring, der diesen Finger schmückte, und dieser Anblick verlieh Frau Selder die Kraft, eine ärgerliche Antwort zu unterdrücken und sich mit einem ergebenen Seufzer zu begnügen.

Gleich am ersten Abend erregte Ivan in aller Unschuld großes Ärgernis. Herr Selder hielt täglich eine Abendandacht ab; am Morgen fand er hierzu keine Zeit, vielleicht glaubte er auch am hellichten Tag ohne den Schutz »unseres Gottes« auskommen zu können; in der Nacht jedoch, im unheimlichen Dunkel, war es gut, einen allmächtigen Bundesgenossen zu haben.

Die ganze Familie umstand den Eßtisch und Herr Selder las eintönig, salbungsvoll einen Psalm vor, dann sagte er: »Laßt uns beten.« Ivan, der bloß die letzten Worte verstanden hatte, schlug artig ein Kreuz. Strenge Blicke trafen ihn. Gustav und Lene begannen zu kichern. Nach der Andacht bemerkte Herr Selder in strengem Ton: »Ivan, Du bist hier in einem christlichen Haus, derlei Hokuspokus mußt Du Dir abgewöhnen; das sind törichte Aberglauben; verstehst Du?«

Ivan verstand nicht, ängstlich schmiegte er sich an Margarete. »Was habe ich Böses getan?«

Sie streichelte die dunklen Locken. »Du darfst kein Kreuz schlagen, Ivan, das beleidigt den Gott meines Bruders.« Und halblaut, zu Herrn Selder gewandt, meinte sie spöttisch: »Ihr habt komische Götzen, meine lieben Leute.«

»Margarete!«


Auch am folgenden Tag kränkte Ivan ohne böse Absicht die heiligsten Gefühle der Familie. Er stand im Wohnzimmer und betrachtete zwei große farbige Bilder, die über dem Sofa hingen: einen Mann mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und eine perlenbehangene Frau. Dann fragte er Lene, zu der er das größte Zutrauen hatte: »Wer sind diese häßlichen Leute? Der Mann sieht aus, wie der Polizist auf unserer Straße.«

Einen Augenblick herrschte eisige Stille; dann lachte Margarete hell auf, und Friedrich rief wütend: »Verdammter Russenbengel!« Herr Selder aber sprach mit zornbebender Stimme: »Ivan, das darfst Du nie wieder sagen. Diese Bilder stellen unser erhabenes Herrscherpaar dar, von dem Du mit Ehrfurcht sprechen mußt.« Und milder, gleichsam die Unwissenheit dieses fremden Kindes bedauernd, fügte er erklärend hinzu: »Diese Bilder sind uns Deutschen ebenso lieb und verehrungswürdig, wie euch Russen die Bilder des Zaren und der Zarin.«

Lene zog Ivan fort ins Kinderzimmer. »Erzähl' mir von Rußland.« Ivan wußte nichts zu erzählen.

»Gefällt es Dir bei uns?« fragte das kleine Mädchen.

»Nein!«

»Mir auch nicht; wenn ich groß bin, gehe ich fort und komme nie wieder. Warum gefällt es Dir nicht?«

Ivan rang mit Gefühlen, die keinen Ausdruck fanden, schließlich meinte er: »Dein Vater sagt immer: »Du darfst nicht«. Was darf man denn bei euch tun?«

»Gar nichts, bloß still sein und folgen. Waren Deine Eltern auch so?«

»Mütterchen nicht, die war lieb und gut.« Und jählings überfiel den kleinen Knaben ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit; Tränen stiegen ihm in die Augen, er begann bitterlich zu weinen.

Lene schlang die Arme um ihn. »Weine nicht, Ivan, ich werde zu Dir halten, und wenn wir größer sind, laufen wir fort nach Rußland, wo nicht immer alles verboten wird und die Menschen gut sind.«

»Wird Deine Schwester noch lange bei uns bleiben?«, fragte Frau Selder ihren Gatten beim Schlafengehen. Sie flocht eben das Haar zu einem festen Zopf; in einen braunen Barchentschlafrock gehüllt, die Füße in Filzpantoffeln, saß sie am Rand des Bettes. »Seit sie hier ist, ist mit Gustav und Lene nichts mehr anzufangen. Und dann kleidet sie sich so auffallend, heute noch hat mich die Frau Doktor gefragt, wer diese »gar so elegante Dame« sei, die bei uns wohnt. Außerdem – wenn sie übt –, sie singt immer diese schamlos leidenschaftlichen Liebeslieder. Was soll sich Ilse denken, wenn sie solche Worte hört? Ich bat Margarete, doch gerade diese Lieder nicht zu singen, wenn die Kinder daheim sind. Weißt Du, was sie sagte: ›Mein Gott, habt Ihr eine verdorbene Phantasie!‹«

Herr Selder putzte sich eben die Nägel mit seinem Taschenmesser und war zu sehr beschäftigt, um zu antworten. Seine Frau fuhr fort: »Hat sie denn von ihrer Abreise noch gar nicht gesprochen?«

»Nein. Dafür hat sie aber angedeutet, daß sie geneigt wäre, uns finanziell zu helfen, damit Friedrich in einem guten Regiment dienen könne. Sie scheint in den letzten Jahren viel verdient zu haben.«

»Merkwürdig, daß die Menschen so viel zahlen, um jemanden singen zu hören. Mir machen die Choräle in der Kirche weit mehr Freude als Margaretes Lieder. Freilich, wenn sie uns helfen will ... Wir müssen gut gegen sie sein, Wilhelm, schließlich ist sie doch Deine Schwester ... Und vielleicht wird sie der Aufenthalt in einem deutschen christlichen Heim günstig beeinflussen.«

Herr Selder stieg ins Bett. »Sprich Du einmal mit ihr über Friedrich, so ganz nebenbei.«

»Ja,« Frau Selders blaue Augen glänzten auf, »wenn ich bedenke, Wilhelm, unser lieber Junge in des Kaisers Rock! Er ist so stramm, so tüchtig, er könnte es beim Militär weit bringen.«

»Jetzt nicht, freilich, wenn es wieder einmal Krieg gäbe; dann ...«

Die Frau nickte.

Herr Selder verlöschte die Kerze.

»Heute hat Graf Stramwitz mit mir gesprochen, Annie; ein äußerst liebenswürdiger Herr. Sein Sohn kommt nach den Weihnachtsferien in meine Klasse; er ist in Gustavs Alter. Es wäre gut, wenn die beiden Knaben sich anfreunden würden. Der Graf war sehr freundlich, ein vornehmer, ritterlicher Mann, äußerst schneidig; ja, unsere Aristokraten können sich sehen lassen.«

»Auch ich war im Pensionat mit einer Gräfin befreundet, Wilhelm; ich habe ihr immer die Rechenaufgaben gemacht; wir sagten sogar »Du« zueinander. Du weißt doch, Wilhelm, ich habe ihr Bild noch und ...«

Aber Wilhelm hatte diese Geschichte wohl bereits an die hundertmal gehört. Er drehte wortlos sein Gesicht der Wand zu und schlief ein.


Die Kinder waren schlafen gegangen, Herr und Frau Selder saßen mit Margarete im Wohnzimmer.

»Also abgemacht, mein kleiner Ivan bleibt bei Euch, Ihr werdet ihn behandeln wie euere eigenen Kinder – natürlich ersetze ich Euch alle Unkosten – und dafür lasse ich Friedrich bei einem guten Regiment dienen.«

Auf Frau Selders blassen Wangen glühten hochrote Flecke. Sie war gar nicht damit einverstanden, das »Russenkind« zu behalten, andererseits aber konnte man doch das Friedrich betreffende Angebot nicht ausschlagen.

»Ich hoffe, liebe Schwester, Du siehst ein, welch großes Opfer unsere geschwisterliche Liebe Dir bringt, indem wir das fremde Kind in unser Heim aufnehmen.«

»Opfer?« Margaretes Stimme klang nicht gerade liebenswürdig. »Schließlich tut Ihr es ja nicht umsonst.«

Herr Selder überhörte geflissentlich den taktlosen Einwand. »Du kannst überzeugt sein, daß Ivan alle Vorteile der Erziehung genießen wird, die unseren Kindern zuteil werden. Ich will mein Möglichstes tun, um einen echt deutschen Mann aus dem Kinde zu machen.«