INA SEIDEL
DAS LABYRINTH
EIN LEBENSLAUF AUS DEM
18. JAHRHUNDERT
1922
VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
JENA
Einband, Titel und Vignetten zeichnete Alphons Wölfle
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Copyright 1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
Meiner Mutter
und dem Andenken meines Vaters
gewidmet
Erster Teil. König Minos
Hinterher dachte George freilich, es wäre besser gewesen, den Mund zu halten und die neu erworbene Kunstfertigkeit entweder schnell zu vergessen oder sie nur auszuüben, wenn „Er“ ferne war, — etwa wie das Schaukeln auf dem Wiesengatter, das George liebte und das „Er“ des Quietschens wegen streng verboten hatte. Aber wie hätte er, der kleine George, hier an üble Folgen denken sollen? Unbefangen führte er sein neues Können der Mutter vor, und Frau Justine mußte sich doch zu jemand aussprechen, der das Ereignis besser in seiner ganzen Erstaunlichkeit zu würdigen wußte, als der Wunderknabe selbst; dieser war nämlich in der Stunde der Offenbarung seiner selbsterworbenen Fähigkeit genau so rundäugig, gelassen und freundlich, wie vorher. Er hatte nun den Sinn der sonderbaren Bilder auf den breiten Rücken der dicken Schweinslederschwarten in Vaters Kabinett ergründet, — Bilder, die eigentlich keine Bilder waren, indem sie einzig nur sich selber glichen. Er kannte sie, seit er begonnen hatte, auf dem Fußboden herumzurutschen, er war ihren eigensinnigen Gestalten mit dem Fingerchen gefolgt und hatte Gemeinschaft mit ihnen gehabt, denn sie gefielen ihm und er war angenehm davon berührt, ihnen stets von neuem zu begegnen, wie sie sich gesellig zusammen anfanden, immer die gleichen, aber nach geheimen Gesetzen der Anziehung jedesmal anders gemischt. Etliche waren wie Tiere mit festgestemmten Beinen und steilgereckten Schwänzen; andere dickköpfig und menschlich; viele waren nur wie eine freundliche, erstaunte oder einladende Gebärde, eins war wie eine brennende Kerze und zwei von liebenswürdiger Brezelgestalt. Gewissen Lieblingen hatte er bald eigene zärtliche Namen verliehen, so gab es ein „Pilzchen“ und ein „Tönnchen“, ein „Kugelrund“ und einen „Butterkringel“ unter ihnen. In manchen Fällen bildeten sie Familien mit einem Vater oder einer Mutter an der Spitze und einer Schar angereihter kleiner Kinder im Gefolge, die dann alle einzeln benannt werden mußten. Einen liebte er gar nicht, einen bösen Zickzack, der ihn anzuzischen und ihm ins Gesicht zu springen schien, der hieß „Zetermordio“, — wie konnte er anders heißen? Dies war das Wort voll Angst. Allen aber wohnte eine seltsame Gewalt inne, der das weiche Gehirn des Knaben willig erlag, der Wucht nicht widerstrebend, mit der sie sich ihm einstampften. Dann kam er dahinter, daß auch die großen Leute Beziehungen zu diesen Gestalten hatten, die da in Schwarz oder Gold so regungslos verharrten und doch bedeutungsvoller schienen als die blanken Nägelköpfe an Vaters Lehnstuhl, oder die Tressen an seinem eigenen Sonntagsröckchen, oder die Mundtasse der Mutter, — denn auch diese Dinge, wie alles in der Welt, hatten ihr eigenes Gesicht. Ja, der Vater wußte ebenfalls Namen für Pilzchen und Tönnchen, er redete Pilzchen mit T an, und Tönnchen mit U, zu Kugelrund sagte er O, und B zu Butterkringel. So ging es fort und war des Aufmerkens wert, wie alles, was die große Stimme dieses Vaters über den kleinen Kopf des Sohnes hindröhnte, — wenn George sich auch seine eigenen Bezeichnungen vorbehielt, ohne viel Geschrei darum zu machen. Immerhin lehrte ihn der Vater nach seinem Verfahren ein neues erheiterndes Spiel, indem er ihm an einem Winterabend einen ganzen Aufmarsch der stummen Freunde auf ein Blatt Papier malte, einen nach dem anderen deutlich benennend und diese Namen, an und für sich nichts auf der Welt bedeutend als sich selbst, mit seiner Stimme verbindend und zusammenziehend, daß sie plötzlich nicht mehr da waren, untergegangen in einem Neuen, einem Wort, einem ganz bekannten Wort, — einem Menschennamen: George! Der nächste Aufmarsch in dieser besonderen Weise aufgerufen ergab Forster und in der Folgezeit saß der kleine George Forster manchmal grübelnd über dem Blatt, das er in seine Schatzecke geschleppt hatte, wo er alles aufbewahrte, was ihm irgend belangvoll erschien, neben Kastanien und Schneckenhäusern auch mancherlei Abfälle vom Schreibtisch seines großen Vaters, abgenutzte Gänsekiele, winzige Stückchen Siegelwachs und leider auch einen Schlüssel, von dem er wohl wissen konnte, daß sein Erzeuger mindestens ebensoviel Wert auf seinen Besitz legte, als er selber, denn er hatte der Suche nach diesem Gegenstand, die in ein verzweifeltes Familienspiel ausgeartet war, mit nachdenklich in den Mund versenkten Daumen beigewohnt. Durch fortwährend wiederholte Vertiefung in die aufgemalte Zauberformel, — durch unwillkürliches Vergleichen mit anderen Buchstabenreihen, — auf dem Wege unermüdlichen blinden Herumtastens des führerlosen zarten Geistes, — unerklärlich im letzten Grunde, — war es auf einmal reif gewesen, das Wunder, und George, noch nicht fünf Jahre alt und in seinem roten Kittelchen auf dem Schemel zu Frau Justinens Füßen sitzend, las seiner Mutter aus einem zu Boden gefallenen Buch einen Satz vor, eine Zeile, die sich in seiner ungeschickten Betonung für immer in das Gedächtnis der Frau einprägte:
„Doch mir sinket die Hand, die Geschichte der Wehmut zu enden …“
Als sie sich dann fast bebend zu ihm niederbückte und andere Seiten aufblätterte, gab er bereitwillig neue Proben seines Könnens, ja, er las sogar ohne Stocken nur mit einem gewissen behutsamen Beschleichen dieser schrecklich fremden Wörter das Titelblatt ab:
„D—e—r M—e—ss—ias, ja, der Messias, — ein Heldengedicht!“
In diesem Augenblick war „Er“, der Vater, dazugekommen, die Mutter hatte gelacht und geweint, nun, und da war es eben herausgekommen, dies, aus dem er allerdings nicht lange ein Geheimnis hätte machen können, was er auch gar nicht beabsichtigt hatte; denn wußte er denn, was es für Folgen haben würde?
Die nächste Folge war die, daß sich der kleine George mit diesem Augenblick, dem Frauengemach, — das hieß hier: der Küche, dem Stall und dem Garten, — hieß: der ständigen Gesellschaft der leisen, lächelnden Mutter und der wuseligen kleinen Schwestern, — entrückt sah und sich einbezogen fand in den Kreis der männlichen Kraft des Hauses, das hieß: nicht nur geduldet in dem Kabinett des Vaters, sondern dringend genötigt, die schönsten Stunden des Tages daselbst zuzubringen, gewürdigt der steten Gegenwart seines Erzeugers, der Atmosphäre von Lavendelduft und Tabaksqualm, wie er bläulich aus den langen holländischen Tonpfeifen quoll, deren Reinhold Forster, der Pfarrer von Nassenhuben, sich das Jahr über unterschiedliche Dutzende aus Danzig verschrieb; denn seine ungeduldigen Hände schlugen mit dem gebrechlichen Rohr ebensooft den Takt zu seinen Gedanken, wie einen sanften Trommelwirbel auf den Schultern des Söhnleins, das dann immer geduckt in gelinder Spannung abwartete, ob es wohl wieder neue Rohrstücke zum Seifenblasenmachen geben würde. Viel Zeit zum Seifenblasenmachen und ähnlichen Belustigungen in der blauen Sommerluft hatte er nun allerdings nicht mehr. Seine rundliche Grübchenhand ward mit einem Gänsekiel bewaffnet, und mit der Zeit sah er unter seinen Fingern schnörkelhafte Gebilde entstehen, deren Gelingen ihn solange innig erfreute, als sie nur zum Selbstzweck da waren, zu ihrer eigenen Vervollkommnung immer wieder aus dem schwarzen Nichts der Tinte und dem weißen des Papiers entstehen mußten und höchstens dazu dienten, sich schön zu einem Spruch zusammenzureihen oder zu einem Geburtstagscarmen für die Mutter, die beim Empfang einer solchen Leistung immer ein wenig zu weinen pflegte, — aus Ratlosigkeit, aus Mitleid mit dem Knirps, Gott mochte wissen, warum, — was alsdann die „Männer“ veranlaßte, einen Blick schweigenden Einverständnisses zu wechseln. Es hob den kleinen George mit einem Gefühl unerhörter Wichtigkeit, daß seit jenem Tage, da er lesen konnte, der überwältigende Vater ihn als Kameraden behandelte, so etwa wie einen Gleichstrebenden, den man um seiner verschiedenen Unzulänglichkeiten willen, als da sind körperliche Winzigkeit und geistige Unbeholfenheit, ein wenig verachtet, den man aber nichtsdestoweniger anerkennt und den man unterstützt, da man selbst es in jeder Beziehung übrig hat. Oh, welch ein Mann! Fegte sein Toupet nicht beinah die geschwärzte Decke, wenn er in der niederen kleinen Studierstube auf und ab schritt, einen Satz, den er dem Knaben diktiert hatte, zu seinem eigenen Vergnügen in siebzehn Sprachen wiederholend, mit der gewaltigen Stimme singend, rollend, zischend, je nachdem? Dann stand er am Pult, den mächtigen Rücken widerwillig gekrümmt, und schrieb mit quietschender Feder und weitausholenden Schnörkelbewegungen, schrieb tausendmal schneller als George es konnte, der seine kurzen Beine um die hölzernen des Sessels schlang, eines hohen, steifen Sessels, für ihn noch um einen aufgelegten dicken Folianten erhöht, zumeist um Geßners „Naturgeschichte der Vögel“, in der unter allen gefiederten Wesen zwischen Adler und Zaunkönig auch die brave Fledermaus, als des Fliegens mächtig und darum hierhergehörig, angeführt war. Geriet der Vater hitziger ins Arbeiten, so sank der Unterricht in Vergessenheit, dafür wurde nach dem oder jenem Buche geschrien, und eilfertig glitt der Knabe von seinem Sitz und schleppte emsig herbei, was er vermochte, stand mit vorgestrecktem Bäuchlein da, die Wucht staubiger Bände im Gleichgewicht haltend, und harrte geduldig, daß sie ihm abgenommen würden, ließ sich anschnauzen und eilte zurück wie ein stummer dienstbarer Kobold, klomm das schmale Leiterchen zu den obersten Bücherreihen empor, glitt aus, stolperte und fiel unter einem Hagel kleiner Elzevirbände, an deren Aufstellung er unvorsichtig gerührt, — ward wiederum angefaucht, verbiß sich das Weinen, räumte, tief gedrückt, auf, — — — hatte alsbald in riesigen Mappen nach einer bestimmten getrockneten Pflanze zu suchen, einem Heilkraut mit einem verzwickten lateinischen Namen, der von bitterer Zuträglichkeit nur so triefte, aber entsetzlich schwer zu behalten war, besonders da er nur einmal und eilig hervorgestoßen genannt wurde … Saß, die kleine warme Stirne gefurcht und mit bebenden Lippen diesen Namen immer vor sich hin lispelnd, am Boden über den ungefügen Blättern der Herbarien und hatte das Glück, das richtige Stück zu entdecken; bot es zaghaft und demütig dar und erhielt ein zerstreutes Lob, das ihn ein wenig glücklich lächeln ließ, aber gleich darauf stand er wieder ernsthaft und stramm, denn dies verstand sich ja von selbst. Nun beobachtete er, während er im Hintergrunde lautlos lateinische Vokabeln zu seinem Cornelius Nepos auswendig lernte, daß die Arbeitswut des Vaters nachließ, — die Feder ruhte bisweilen und der Vater starrte nach dem vergitterten Fenster, vor dem das rankende Geißblatt im Winde schwankte —, er murrte vor sich hin, schrieb weiter und stöhnte dabei. George erkannte mit Befriedigung: jetzt war der Vater hungrig geworden und gleich würde etwas geschehen, — richtig, da trat er ja schon an die Wand und langte mit der Miene eines Schlafwandelnden den Hirschfänger herunter, der dort neben Büchse und Pulverhorn hing, — es würde etwas geschehen, wobei auch er, George, gut wegkommen würde. Zugleich fühlte er eine leise durchdringende Beschämung, als jetzt die Tür des Kabinetts knarrte, des Vaters schwere Schritte über den Flur hallten und er sich vorstellte, wie nun die Mutter in der Küche erschrak, „du liebes Gottchen!“ sagte und einen Blick in die Runde schweifen ließ über alles, was an Eßbarem dalag. Hatte er nicht zu oft erlebt, daß sie weinte, wenn der Vater so gekommen war, seine großen blauen, etwas vortretenden Augen zerstreut und hungrig zum Beispiel auf den Rauchfang richtend, während sein rotbraunes Gesicht unter der weißbestäubten Perücke schwer besorgt aussah? „Ja, meine Liebe,“ sagte er dann etwa, „die wird wohl dran glauben müssen!“ und reckte sich in seiner ganzen Länge auf, um mit dem Hirschfänger das letzte magere Schlackwürstchen herunterzusäbeln, das dort oben baumelte. Dann suchte er nach dem Brot, von dem er einen gewaltigen Kanten abschnitt, und mit dem ersten stattlichen Bissen zwischen den Zähnen verließ er die Küche, der Mutter kummervoll zunickend. „Geistige Arbeit,“ sagte er vielleicht noch mit erhobenem Zeigefinger, „geistige Arbeit zehrt, meine Liebe!“ und sah es durchaus nicht, daß die hilflosen Lippen seiner Frau zuckten und blanke Tränen in den Brotteig sprangen, den sie knetete. Er aber, George, er hatte es immer gesehen und sah es auch jetzt vor sich, in gesammeltem Ernst auf dem Holzschemel neben Vaters Ofen sitzend, die Fäustchen auf den Knien und die Augen nicht erhebend, ein unschuldiger Heuchler, scheinbar ganz in seine Aufgabe vertieft, als der Vater nun mit Elefantenschritten zurückkehrte. Er blickte durchaus nicht auf, obgleich er angespannt und erwartungsvoll lauschte, wie der Wurst jetzt knisternd die Haut abgezogen und sie samt dem Brot in mundgerechte Brocken zerlegt wurde, denn mit dem Hirschfänger als Messer und der eichenen Tischplatte als Unterlage ging das nicht geräuschlos vor sich. Dazwischen kaute und schnaufte der Vater. „George, — da, — iß!“ sagte er, „geistige Arbeit zehrt, — wir sind geistige Arbeiter. Du auch. Das weiß Gott.“ George hatte schnell und neugierig den Kopf gehoben und die eine kleine Hand vor den Mund gelegt, wie er immer tat, wenn er überrascht oder entzückt war. Gleichzeitig bekam er einen furchtbaren Schreck — die ganze Wurst! — und was sollte es nun am Sonntag in die Erbsensuppe geben —, was nun? Wo noch lange nicht wieder geschlachtet werden konnte, denn die Zeit war doch noch nicht da und das Schwein noch behende wie ein Reh, — so sagte Malchus, der Knecht —, also was sollte die Mutter tun, nicht wahr? Trotz seines tiefen Mitleids mit ihr kam er aber herbei wie ein wedelndes Hündchen, nahm seinen Anteil in Empfang und verzehrte ihn in seiner Ecke mit unruhiger Glückseligkeit und unter schwerem Nachdenken. Da sah man’s wieder, wie recht Malchus, der Knecht, hatte, wenn er beim Stallausmisten oder beim Graben im Garten, — Arbeiten, denen George in achtungsvoller Untätigkeit beiwohnte, — Erfahrungstatsachen aussprach, wie: „Dein Vater ist der Herr. Denn warum? Ihm gehört’s! Und darum: er ißt so viel er mag!“ Freilich, so war es! Zu Martini aß der Vater die halbe Gans, und Frau, Kinder und Gesinde den Rest, er tat es nicht unter siebzehn Klößen oder vierzehn Pfannkuchen, und rein zum Fürchten war es, wenn Kartoffeln auf den Tisch kamen, heiß, dampfend, mit geborstenen, erdbraunen Schalen, aus denen es weißmehlig hervorquoll. Da aß er an die dreißig, tat sich Salz, zerlassenen Speck oder frische Butter darauf, wischte sich den Mund und lachte nach einem tiefen Zug aus dem Bierkrug dröhnend über seine bedrückte Tafelrunde, die hinter ihrem Hirsebrei saß, denn Frau Justine hielt die unterirdische Knollenfrucht nun einmal für giftig, rührte sie nicht an und litt es nicht, daß die Kinder sie bekamen, — selbst nicht dem König von Preußen zuliebe, der ihren Anbau doch allenthalben poussierte. Ja, der Vater! Dem machte es nichts aus, früh morgens um sechs auf nüchternen Magen einen ganzen Stachelbeerbusch leer zu essen, der setzte dicke Milch auf ein halbes Schock Zwetschgen, wenn es ihn so gelüstete, und lachte wiederum über George, der von allen diesen Dingen mit jener Vorsicht nahm, die ihn üble Erfahrungen frühzeitig gelehrt hatten. „Du hast einen kleinen kalten Magen, mein Sohn!“ sagte er mitleidig, und George ward betrübt und tat sein Bestes, um des Vaters Ansprüchen auch in dieser Hinsicht zu genügen. So durchs Haus gehen wie ein hungriger Wolf und die Eier austrinken, die Mutter für die Glucke gesammelt hatte, oder am Freitag den Kuchen anschneiden, der für den Sonntag bestimmt war —, würde er das je tun können? Nein —, aber durfte er denn abweisen, was ihm der Vater gab? Er hätte es nicht gedurft, auch wenn es schlecht geschmeckt hätte, das war klar! So aß er, von leise nagender Reue geplagt und gleichzeitig von dumpfer Bewunderung für den Vater erfüllt, dem alles gehörte, das Haus, der Garten und das Feld, die Kirche draußen im Dorf, wo er des Sonntags von der fichtenen Kanzel herabwetterte und seinen Halbpolacken das Evangelium handgreiflich genug auslegte, — die Kuh, die Ziegen und das Schwein, und nicht zuletzt er selbst, samt der Mutter und den Schwestern, Friederike und Sophie, und endlich Mareiken, der Magd, und Malchus, dem Knecht. —
„Sieh nicht so hervor wie die Maus aus dem Loch!“ sagte der Vater schließlich unwirsch, wenn der beharrlich auf ihm ruhende Blick seines Sprößlings ihm lästig wurde. Dann ging es weiter, — Vokabeln, — Zahlen, — der Inseln, der Gebirge, — der Gesteine, der Pflanzen und der Tiere Namen, — draußen dufteten die Linden, die Hühner kakelten schläfrig, ab und zu hörte man die Stimmen der kleinen Schwestern, die spielen durften, immer nur spielen, — und George lernte, lernte und lächelte manchmal gehorsam, wenn der große Vater Grund fand, einen Witz zu machen anläßlich eines Versehens des Schülers …
Auf Kreta aber, einer Insel, — an sich schon furchtbar dadurch, daß sie um und um so weit man sehen konnte, von Wasser umgeben war und gewiß gestaltet wie die Gräte eines Schellfisches, vielleicht auch ähnlich riechend —, auf Kreta stand derweilen das Labyrinth mit den tausend verschlungenen, ineinandergeschobenen Gängen, in denen die armen Ausgesetzten umherirrten. Hungernd, — denn das letzte Stückchen Brot aus Athen in Attika war längst verzehrt, — und ganz im Dunkeln und ohne ein warmes kleines Bett, in dem man sich die Decke über den Kopf ziehen konnte zum Schutz vor dieser Dunkelheit. Und im Dunkeln immerfort das tobende Geheul des Minotauros, der so unvorstellbar schrecklich gestaltet war, der auf sie wartete, irgendwo auf sie wartete im Kerne dieser Nacht …
Es gab so viele andere Geschichten von den Alten, die der Vater ihm erzählte und mit ihm las, und der kleine George wußte sie auch in wohlgesetzten Worten zu wiederholen und bewahrte in seinem erstaunlichen Schädelchen ein vortrefflich geordnetes Lager von Göttern und Helden, Städten und Tempeln, Königen und Völkern, Schlachten und Siegen. Indessen ruhte das alles in ihm wie in einem gutgehaltenen Herbarium ohne Saft und Farbe, Blut und Kraft, und das lag nicht an dem Lehrer, der, wenngleich ohne gestaltende Phantasie, so doch mit persönlichem Feuer vortrug, Partei ergriff und keinen Anstand nahm, die großen Griechen gelegentlich für eine Gesellschaft charakterloser Schöngeister zu erklären. Georges Vorstellungsvermögen versagte, sobald seine Empfindung, sein Gemüt nicht berührt wurden, und die erbebten wie Sinnpflanzen nur vor der Vorstellung des Zärtlichen, Idyllischen, — oder aber, und dann nachdrücklichst betroffen und mit der Fähigkeit, den Eindruck immer von neuem erzitternd in sich wachzurufen: vor dem Grausamen, dem Gräßlichen! Da waren Skylla und Charybdis mit ihrer atembeklemmenden Angst, da war die Blendung Polyphems, der er, allem innern Schaudern zum Trotz, immer wieder und in allen Einzelheiten nachhing, ein krankhaftes Mitleid mit dem ungeschlachten Riesen empfindend und den zugespitzten, in der Glut gehärteten Pfahl im eigenen Auge fühlend, wie er aufzischend in Blut und Tränen wühlte. Oder mußte er sich das vorstellen, gerade um diesen schmerzlichen Schauder zu fühlen? Tat es ihm irgendwie wunderlich wohl, obgleich er sein kleines Gesicht oft verzweifelt ins Kissen drückte, wenn ihn vor dem Einschlafen die Ermordung der Freier heimsuchte? Entsetzlich, wie dem Antinous der Pfeil in die Kehle fuhr, — George hörte hier immer das trompetende Angstgeschrei einer Schlachtgans, — wie der arglose Agamemnon im Bade starb! Mit bebenden Händen tastete er das Irrsal der Ödipussage nach, und es war, als könnte er es nicht lassen, sich in diese Bilder zu vertiefen und sie mit peinlicher Gewissenhaftigkeit bis ins kleinste auszumalen, er, der im Leben ein kleiner Feigling war, und den der Anblick von Blut hinfällig machte. Warum aber war nichts furchtbarer als das Labyrinth jenes Königs Minos auf Kreta, von dessen letzten Schrecken nie etwas gesagt war, über das man nur Vermutungen und Ahnungen haben konnte? Wie, — wie sah er aus, der Minotauros? Ein Mann mit einem Stierkopf, — gut! — aber wie mochte das aussehen, wie gräßlich dies: ein Mann mit einem Stierkopf! Diese Vermutungen waren es, die Vorstellung einer ungeheueren Angst vor dem Unbekannten, die den Knaben überkamen, wenn er, — immer in jener gefürchteten und doch heimlich ersehnten Stunde vor dem Einschlafen, — in seiner Einbildung mit trippelnden Schritten den finsteren Schlund des Einganges betrat. (Und drinnen brüllte der Minotauros!) Es folgten ihm gewöhnlich eine Anzahl von Kindern aus dem Dorf, bestimmt, sein Schicksal zu teilen, die kleinen Schwestern waren darunter, die sich an sein Jäckchen anklammerten, und Janusch, des Schweinehirten Sohn, der katholisch war und sich vor nichts fürchtete, nun aber klein und demütig sich aller polnischen Schimpfworte enthielt und George aufs Wort folgte, denn er war ja fremd hier. (Und drinnen brüllte der Minotauros!) Es gab nun die verschiedensten Abwandlungen dieses Traumspiels, und manche waren ausgesprochen gemütlich, man verfügte zum Beispiel über Mundvorrat, Brezeln, Pfefferkuchen und Gänseklein, man hatte Decken und Federkissen mit und vor allem hatte man sich der gewaltigen Stallaterne des Malchus bemächtigt und bei ihrem anheimelnden Schein schlug man in einer Ecke des Labyrinths ein Lager auf, wo man aß, trank und sich vortrefflich behagte, denn drinnen brüllte der Minotauros, aber nichts war sicherer, als daß er nicht herauskommen würde, nein, die Gefahr war einzig die, daß man zu ihm hineinlief. Diesmal hatte man den Faden der Ariadne, (vorgestellt in der Gestalt von Mareiken, der Magd, in Holzpantoffeln und ihres grauwollenen Strickknäuels), und draußen wartete geduldig das Schiff zur Heimfahrt, man würde nicht vergessen, das weiße Segel anstatt des schwarzen aufzuziehen, damit sich jener alte Vater nicht aufregte und übereilt ins Meer stürzte. George legte keinen Wert auf den Ruhm des Theseus, den Minotauros erlegt zu haben, er überließ das anstandslos dem Janusch, der mit einem Prügel und Erdklößen bewaffnet war, wie meist. George hatte keinen Zug zum Heroischen. Aber es kam vor, daß er jene Gänge allein und ausgestoßen betreten mußte, daß er ohne Nahrung und Licht war und außerdem barfuß und im bloßen Hemde (auf spitzen, kleinen Steinen und bei eisigem Zugwind), daß er so hineinirrte in die saugende Finsternis, sich an kalten, feuchten Mauern weiter tastete, immer in der Angst, auf Kröten zu treten, (und immer hörend, wie es brüllte, — brüllte!) — daß dann, plötzlich, im Dunklen und an nichts anderem erkennbar als an dem Duft von Küche und Kinderstube, einem sommerlichen Duft, mit dem sie über einem zusammenschlug wie ein reifes Kornfeld, die Mutter bei ihm war, — oh, Wonne und Aufschluchzen, die Mutter! — die ihn auf den Armen hinaustrug, und dann war draußen nicht das Land der Schellfischgräte, sondern der Garten mit seinem Lindenbaum und seinen friedlichen Kohlköpfen. Mitunter war es auch die Starostschenka Hermanowska aus dem Gutshause, die ihn so rettete, sie hatte das geblümte Seidenkleid mit dem mächtigen Reifrock an und glich auf ihren hohen Stöckelschuhen einer riesigen wandelnden Blüte, sie hob ihn mit Schwung über diesen Wall hinüber an ihren tiefausgeschnittenen, überpuderten Busen, an den sie seinen Kopf drückte, wie einstmals, als sie seine Mutter besucht hatte. Auch sie duftete, aber anders, durchdringender, köstlicher und widerlicher als alle Dinge der Welt bisher geduftet hatten. Und dies war ein Erlebnis, in dessen Bestürzung George sich ewig von neuem fallen lassen mußte, wie in ein bodenloses Blumenmeer, um ohne Befriedigung, nur seltsam beklommenen Herzens, daraus aufzutauchen.
Was bedeuteten jedoch solche Spielereien gegen die wahre Furchtbarkeit und den nackten Ernst dieser Vorstellung, wenn sie ihn nächtlich überfiel, während der Schlummer ihn lähmte und er ihr nichts entgegenzusetzen hatte? Sie nahm wuchernd Besitz von den ausgestorbenen Windungen seines Hirns, durch die der Schlaf kühl und feierlich wehte, sie breitete sich böse und lautlos aus, bis sie das Zentrum des Bewußtseins erreicht hatte und ihn — ja, wen? Nun jedenfalls doch sein eigentliches, innerstes Selbst, — aufstörte und zu jagen begann. Dann geriet er in einen Wirbel der Angst, in eine rasende Hoffnungslosigkeit, — er wußte nichts mehr vom König Minos, von der Insel Kreta, von Theseus und dem Minotauros, es war nur noch die Idee des Labyrinths, die ihn beherrschte, eine Idee, gleichbedeutend mit kreiselnder, nutzloser Flucht, gehetzt in immer engeren Schlingen um einen heulenden Mittelpunkt, dem er sich näherte, anstatt ihm zu entgehen, — es war Beben, Fiebern, Keuchen und — das Schreien, das grauenhafte Schreien, das er dann hörte, indem er sich unter der furchtbaren Last dieses Traumes emporarbeitete, immer von neuem verschüttet wie von einem Erdrutsch, — dies gräßliche Schreien, von dem es dann immer hieß, er selbst habe es ausgestoßen, er selbst …
Übrigens stellte er sich den König Minos wie seinen Vater vor und es half nichts, daß er selbst diese Vorstellung als einen Verstoß gegen das vierte Gebot erkannte und unbehaglich dagegen ankämpfte. Leider war es ihm auch schon früher so gegangen, als er noch klein war, — (so dachte der Siebenjährige) — als er noch nicht lesen konnte, — (und immer nur spielte), — als ihm die Mutter die Geschichte vom kleinen Däumling erzählt hatte. Damals hatte der Menschenfresser so ausgesehen wie der Vater, es war nichts dagegen zu machen, auch nicht mit der verzweifelten Gegenfrage, ob denn der Vater aussähe wie ein Menschenfresser? Nein, denn er war immer sauber und stattlich anzusehen, von dem schimmernden Toupet abwärts bis zu den blitzenden Schnallenschuhen, und selbst wenn er im Hause mit dem langen Schlafrock angetan herumwandelte, der die Wirkung seiner ohnehin großen Gestalt ins Gespenstische steigerte, mit dem Troddelstrick um den Leib und der Zipfelmütze auf dem Haupte, — ja, selbst wenn er von der Jagd heimkam, in den langen Stiefeln, die ihm fast bis zur Hüfte gingen und über und über naß und mit Schlamm bespritzt, — wenn er dann eine blutige Beute auf den Fußboden warf und mit Gedröhn das ganze Haus zu seiner Bedienung in Bewegung setzte, — auf einen Küchenstuhl geworfen saß er da, Mareiken hielt ihn von hinten an den Schultern fest, wobei sie die Backen aufblies und die Augen aufriß, Malchus kniete vor ihm und zerrte ihm die Stiefel ab, verfehlte auch nicht, mit jedem auf den Rücken zu kollern, (er war kurz und dick wie Sancho Pansa), George schleifte den Schlafrock, Rieken und Fieken die Pantoffeln herbei, die Mutter stand am Herde und rührte ein Eierbier, — nein, selbst dann wirkte er nicht wie der Menschenfresser, und wenn er auch zum Schluß Rieken und Fieken packte und sie je in einen Stiefel steckte, so daß sie nur mit Schopf und Augen hervorsahen und kläglich mauzten wie junge Katzen, — (ihn freute so was unbändig), — so fraß er doch keine Menschen, sondern aß nur, was die Mutter kochte, und das meiste pflanzte er sich selbst im Garten, friedfertig und ernsthaft in der Erde wühlend, — pflanzte Rüben, Bohnen, Erbsen, Gurken nebst fettem, glänzendem Kohl und füllte das ganze dreieckige Stück Land hinter dem Pfarrhause bis ans äußerste seiner Möglichkeit mit nahrhaftem Gemüse, auf daß er, Reinhold Forster, und dann natürlich auch sein Weib Justine, seine kleinen Kinder und sein Gesinde, — aber doch besonders und um Gotteswillen er selbst, dieser große, starke Reinhold Forster, daß der viel, sehr viel und gut zu essen habe! Und wenn er das lange Messer wetzte, so tat er’s doch nur, um ein Huhn oder eine Gans zu zerlegen, aber nie, um einem kleinen Jungen die Beine abzuschneiden, (nebenbei gedacht: was war der Däumling unverschämt zu dem Menschenfresser, wann hätte George es je gewagt, dem Vater so zu begegnen?!) Aber nochmals: der Vater glich weder einem König Minos noch einem Menschenfresser, (nur diese beiden, sie glichen nun eben einmal dem Vater, vertrackt!) der Vater fraß keine Menschen und duftete außerdem nach Lavendel, seine Hemden und Bäffchen, seine Leintücher im Bett, selbst die Polster seines Ohrenstuhles und des alten knarrigen Kanapees, alles mußte jahraus, jahrein süß und eindringlich Rede stehen: blau, blau, blau ist die Sommerszeit! Dies war das einzige Blumenbeet im Garten, das der Vater selbst anlegte, und es lag unter der Sonne da wie ein azurfarbenes Kissen, vom Winde gewellt. Tazetten und Goldlack, Tulpen, Narzissen und Päonien, Fliegende Herzen, Stockrosen und Braut in Haaren, all die bunten, üppigen Blumen, die die Mutter so liebte und heimlich aussäete, sie fanden nur in ausgesparten Winkeln und an den Rändern der Rabatten Platz, wo sie dann freilich üppig wucherten und den Kindern die Schultern, den Erwachsenen die Knie streiften. Eine Ecke des Gartens durfte niemand betreten, als der Vater allein und George, wenn er mitgenommen wurde. Hier roch es streng und seltsam, wenn die Sonne auf den kleinen, sorgfältig gehaltenen Beeten lag, die zum Teil mit verstellbaren Glasplatten bedeckt waren. Fremdartige Kräuter mit krausem Blattwerk erstanden dort aus den kostbaren Samen, die der Vater wie Goldstaub hütete, wenn sie auf seine Bestellung endlich aus London oder Antwerpen eingetroffen waren. Kam es dann zur Aussaat, so war er meist in der besten Laune, wie stets beim Arbeiten in diesem Gartenwinkel, den er je nach Stimmung einen „botanischen Garten von Qualität“ oder „ein Apothekergärtlein, ein miserables“ nannte. Dann grunzte und pfiff er, während er am Boden hockte und die Pflänzchen mit seinen starken Fingern merkwürdig zart verpflanzte und umsetzte, er erbaute eine Miniaturgebirgslandschaft, er legte einen winzigen Sumpf an, kurz, er „schuf Bedingungen“ und gelangte zu allerlei aufregenden Ergebnissen seiner Mühe, deren Wichtigkeit er George eindringlich mitteilte, ehe er in gründlichen Aufsätzen und Briefen der gelehrten Welt davon Kenntnis gab. George hielt ihm sein rosiges Apfelgesicht mit ernsthaften, runden Augen zugewandt und lauschte offensichtlich gespannt. Wußte ein Mensch, daß er eigentlich dachte: wenn nur Fieken meinen kleinen Spatzen nicht findet und ihm was tut, — und etwa: heute gibt es Kaldaunen, ich wollt’, ich war verreist!? Dies und Ähnliches ließ er sich angelegentlich durch den Kopf gehen, während sein Gehör und Gedächtnis dem Vater zugewandt waren wie willenlose Schreibtafeln, so daß er später imstande war, die schwierigsten Vorträge fast wörtlich zu wiederholen, — und dann, bei dieser Wiederholung, beteiligte er sich auch an dem Inhalt dessen, was er sagte, und lernte wirklich dabei. Hinterher zeigte es sich freilich, daß Fieken den kleinen Spatzen, der sich so weich und zärtlich anfaßte und dessen zitterndes, kleines Herz man fühlen konnte, wenn man ihn in die hohle Hand nahm, daß Fieken diesen selben geliebten, kleinen Spatzen wohl gefunden und ihn unbedenklich der Hauskatze zum Spielen angeboten hatte. George weinte nicht, er nahm auch keinerlei Rache, aber eine ungeheure Bitterkeit erfüllte sein Herz gegen diese da, die immer spielen durfte, — nun ja, und so weiter! Er sah sie groß und strafend an, empfand, daß sie sich gar nichts daraus machte, sondern ungerührt fortfuhr, den toten Balg ihrer holzköpfigen Puppe um und um zu drehen und anzuputzen, ihm Speise anzubieten, — kleine Steine, die sie dann hinter sich auf den Boden warf, — eine alberne Gaukelei! — (der kleine Spatz hatte schon angefangen, eingeweichtes Brot von einer Federpose zu sich zu nehmen, sicherlich, er hätte ihn großgezogen!) — und ging dann hinaus, die Hände auf dem Rücken, das Gesicht etwas verzogen und innerlich starr vor Schmerz. Eine lähmende Fremdheit stand zwischen ihm und den Kindern, er gehörte nicht zu ihnen, er wußte es, obgleich Fieken nur ein Jahr jünger war als er, und die übrigen, — es waren sechs hinter ihm, als er elf Jahre alt war, — bildeten mit ihr eine verbündete Macht. Wenn sie ganz klein waren, hatte er immer irgendwie die Hoffnung, sie könnten ihm gehören, dann stand er manchmal heimlich an der Wiege, streichelte sie behutsam mit seinen tintenbeklecksten Fingern und war unsäglich gerührt von ihrer verwunderten Hilflosigkeit. Aber sobald sie herumwackeln konnten, war es aus, dann hatten sie Ansprüche, denen er ratlos gegenüberstand, und Fieken zog wie selbstverständlich mit ihnen ab. Ganz schlimm wurde es, als der Vater ihn dazu anstellte, unter seiner Aufsicht die Schwestern zu unterrichten und ihnen die Künste beizubringen, die er selbst wie im Schlaf gelernt hatte. Gewiß, er machte seine Sache nicht übel und die beklemmende Feierlichkeit der Studierstube und besonders der ständige Anblick des über das Pult gebeugten väterlichen Rückens hielt seine Schülerinnen in Respekt, so daß sie höchstens in Augenblicken unerträglicher Langweile die Feder oder das Schnupftuch fallen ließen, um unter den Tisch kriechen zu können und ihn ins Bein zu kneifen, sicher, daß er nicht schreien würde. Aber nun sammelten sich Rachegelüste in ihnen an für die Sonderstellung, die er sich anmaßte, für jeden geschnauften Tadel, den der Vater ausstieß, für jede Kopfnuß, mit der dieser eine gesudelte Aufgabe verurteilte, und überhaupt dafür, daß sie nicht mehr so viel spielen konnten, immer nur spielen, leichtfertiges, auf Pläsier erpichtes Gesindel, das sie nun einmal waren. So nannten sie ihn von vorn und hinten den Herrn Magister und ahmten den etwas steifen Gang mit den auf den Rücken gelegten Händen nach, den er sich angewöhnt hatte. Wenn er mitspielen wollte und im Anfang alles gut ging, wenn er sich dann glücklich einmal vergaß, schrie und tollte wie die anderen und unbeholfene Sprünge machte, dann fühlte er ganz plötzlich, wie die Bosheit über sie kam, ohne einen sonderlichen Grund, als den, daß er sich anders benahm wie sonst und sich offensichtlich einbildete, zu ihnen zu gehören. Alsbald fiel es ihm wie Reif aufs Herz, er ward unsicher, forschte in ihren verschlossenen kleinen Fratzen, in denen die Lippen verkniffen waren oder breit und höhnisch verzogen, er fühlte sich umlauert, ward bebend empfindlich und gereizt, und dann war auf einmal Streit da und er immer der Schuldige. Wie furchtbar war das! Wußte es die Mutter denn, wie unglücklich er war? Sie rief ihn herein, wenn er an seinen Tränen würgend beiseite schlich, sie schalt ihn mit keinem Wort, wenn die anderen ihn verklagten, — sie strich ihm kummervoll über den Kopf und gab ihm etwas zu tun, ließ ihn Gemüse putzen und hatte unendliche Geduld mit seinen ungeschickten Händen. Allmählich kamen sie dabei ins Plaudern und unterhielten sich gedämpft und eifrig, gerieten von Bohnen und Kürbissen zu Apfelbäumen und Weihnachten, erheiterten sich an Erinnerungen aus seiner frühesten Kindheit, als er noch sehr klein und dumm und alles so wunderschön gewesen war. „Denn damals,“ sagte Frau Justine und blickte müde auf ihre arbeitenden Finger, „damals war auch der Vater noch zufriedener, Georgie, er hatte … horch, kommt er da nicht? — nein, es ist der Malchus! — er hatte noch nicht so viel Ideen von Ruhm und Ehre und der weiten Welt. Aber er hat recht, — er hat recht, — er verkümmert hier, seine Gaben liegen brach, er ist noch jung …“ so wiederholte sie traurig eine Reihe oft gehörter Beweisgründe ihres Gatten und George nickte ernsthaft dazu. Das sagte der Vater, sagte es in den letzten Jahren mehrmals des Tages in den verschiedensten Tonarten, und allmählich war die Atmosphäre im Hause geladen mit Unzufriedenheit und harrte bebend des zündenden Funkens. Anders, anders sollte alles werden, — aber wie? und: — mein Gott, konnte man hier nicht glücklich sein?
George entsann sich in späteren Jahren immer wieder eines Abends, der mit seinem klaren, starken Bronzegold durch die schwarzen zitternden Kronen der Pappeln vor dem Hause geschienen hatte. Das Küchenfenster stand offen und der Oktoberduft von Rauch und modernden Blättern drang mit der herben Luft herein. Draußen in der frühen Dämmerung hantierte Malchus und ging mit seinen schweren Schuhen über den Hof; eine Kette klirrte, — die Stalltür knarrte und dann brüllte die Kuh. Irgendwo, vielleicht hinten im Garten beim Nußbaum oder auf der Dorfstraße, wo der Ziehbrunnen quietschte, kreischten die Schwestern mit Mareiken. Hier drinnen war es dämmrig, still und warm. Auf dem Herde flackerte ein Holzfeuer unter dem summenden Kessel, warf zuckende Lichter hinauf in die Finsternis des Rauchfanges und ließ die kupfernen Geräte rötlich auffunkeln, die an der Wand gereiht hingen. Es roch nach reifen Äpfeln, — nach Dill, der in großen Büscheln unter der Decke trocknete, und in dem großen Holzschaff plätscherte es zuweilen, darin schwammen die Karpfen, die der Starost vorher „mit einem ehrerbietigen Kompliment“ an die Frau Predigerin geschickt hatte und die es morgen Mittag geben sollte. Der Vater war fern, es war heute nichts mehr zu lernen, zu denken, sein Geist war ganz entspannt und gleichsam selig nicht vorhanden. Nach dem Zank mit den Schwestern vorhin war sein Herz nun gelöst in Dankbarkeit und Rührung. Er hätte gern noch ein wenig geweint, eng an die Schulter der Mutter gedrückt, aber er ließ es bleiben und gab sich einem träumerischen Fluten der Gedanken hin. Und auf einmal war es, als ginge ihre Furcht davor, daß es jemals anders werden könnte, auf ihn über, auf einmal empfand er wie noch nie die Welt da draußen jenseits der heimatlichen Feldmark wie ein tosendes Meer, all die Städte, die hohen Schulen, die Namen großer und gelehrter Herren, die der Vater dauernd im Munde führte, kreisten mit bedrohlicher Wirklichkeit um sein Haupt, und ein Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen, überkam ihn so stark, daß er sich an den Arm der Mutter klammerte und flüsterte: „Wir bleiben doch, — Mutter, — wir bleiben doch hier …“
„Ach, Georgie,“ murmelte sie schwach und schob ihn sanft bei Seite, denn jetzt waren es wirklich Reinholds Schritte, die draußen erklangen, — und, — liebes Gottchen, — seine Kartoffeln waren gewiß noch nicht gar! — „ach, — mein Georgie …“
Er war wie kein anderer in die Gemütszustände seines Vaters eingeweiht, die dieser täglich in langen Selbstgesprächen vor ihm aufrollte. Ganz abgesehen davon, ob einer den Predigerberuf in sich fühle oder nicht, — und es gäbe Männer, die bei aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit einzig dem täglichen Brot zuliebe nach diesem Amt hätten greifen müssen, also weder berufen noch auserwählt, George! — ganz abgesehen davon: war es etwa eines Predigers würdig, fast einzig von seiner Hände Arbeit zu leben und sich von dem zu nähren, was er dem Boden abrang, — diesem Sumpf- und Sandboden obendrein, der freiwillig nur Kiefern und Wacholder hervorbrachte, — wer die fressen wollte, müßte wohl einen Jesuitenmagen haben, — hoho! Nein, aber er habe es satt, wie ein Bauer zu leben und im Winter bis zum Dach einzuschneien und gegen die Wölfe in Fehde zu liegen! Er sei nun denn doch aus den Jahren heraus … (Verstummen, Aus-dem-Fenster-Starren, den Ellbogen auf das Stehpult gestemmt und mit dem Rauch der Pfeife ungeheure Verachtung ausstoßend!) Ob er, Georgie, wohl glaube, daß es gerecht sei, einen Mann, der siebzehn Sprachen verstünde und über die gesamte Bildung seines Zeitalters verfügte, — dessen brieflichen Umgang die feinsten Geister suchten und nach dessen Gutachten so mancher Große schon verlangt hätte, — ob es gerecht sei, den in die finstere Polackei zu begraben und ihn dort vermodern zu lassen? Aber — (auf und nieder in der engen Stube wie ein Tiger im Käfig und Dräuen in die Ferne mit der Faust) — sie hatten nicht mit Reinhold Forster gerechnet, sie kannten den Mann eben nicht und würden ihn erst erkennen, wenn sie das Nachsehen hätten, denn außer Landes würde er gehen, außer Landes … (Neuerliches Verstummen, gegen den Kachelofen gelehnt und offensichtlich durch die Wärme von hinten etwas besänftigt.) Sodann, gemäßigt, im Plauderton: Da hatte man nun seine Dienste dem König von Preußen angeboten, dem ersten deutschen Fürsten, einem Mann von zweifellos (Achselzucken!) den größten Meriten nicht nur um die Eroberung von Schlesien und die Einführung der Kartoffel. Und hatte man nicht den Bescheid erhalten, daß man als Prediger bei seinem Leisten zu bleiben und nicht in die Wissenschaften zu pfuschen habe?! (Verächtliches Schnauben durch die Nase.) Hier sollte man also bei den Jesuiten weiter Speichel lecken und Gott danken, wenn man nicht vom Volk gesteinigt, wenn einem die Kirche nicht demoliert und das Dach über dem Kopf angezündet wurde? Hätte Georgie Lust das zu erleben, — he? Wenn nun der Roskowski einmal hierher käme mit seinen zweierlei Stiefeln, schwarz und rot, die Feuer und Tod bedeuteten, und der umherritt und die evangelischen Prediger brandschatzte? Wollte Georgie zusehen, wenn er dem Vater Hände und Füße abhackte und die Zunge ausrisse, hoho, — na, also, nicht wahr?! (Träumerische Benutzung des lavendelduftenden Schnupftuches) Nein, nein — (gewichtiges Kopfschütteln) nein, zum Märtyrer fühlte er sich nicht geboren und ganz unbeschadet seiner religiösen Überzeugung würde er eher in jesuitische Dienste treten, als hier noch weiter einen verlorenen Posten verteidigen, er würde so zu einem Märtyrer seiner Wissenschaft werden, man bemerke dies wohl! (Im Vertrauen gesagt, George, denn die Weiber haben keinen Verstand davon:) Unterhandlungen seien da im Wege, Unterhandlungen von weittragender Bedeutung, — man konnte jetzt noch gar nichts sagen, aber … Jedenfalls auch für Georges Zukunft von höchster Wichtigkeit, — na, kurz und gut: abwarten! (Gedankenvolles Saugen am Rohr, Vertiefung ins Rauchgewölk: Ja, ja!) „Am liebsten ginge ich nach England.“ Das wäre das Land der Zukunft, da fände sich wahrer Weltbürgersinn und lebte sich aus in gewaltigen erdumspannenden Plänen, ins Werk gesetzt von einer unerschöpflichen Tatkraft. England, England! (Triumphmarsch durch die Stube mit geschwungenem Pfeifenrohr und wehendem Schlafrock) „Georgie, England unser Vaterland, vergiß es nicht! Vor hundert Jahren noch saßen wir Forsters in der fetten Yorkshire-Landschaft an den Fleischtöpfen Ägyptens, auf eigenem Boden, ehe wir auswanderten und ausgerechnet nach diesem gottverlassenen Erdenzipfel!“ — „Sehr löblich, unsere Beweggründe, sehr löblich, allerdings …“ setzte er pädagogisch hinzu, denn sein Urgroßvater hatte England aus Treue gegen den enthaupteten Karl I. verlassen, — „Indessen,“ — abschließendes Gebrumm, — „gab’s nicht auch andere Länder, um dahin zu flüchten? War Preußen näher als die Niederlande etwa?“ —
Projekte! Das war es! Projekte hinter den nachdenklichen Runzeln des Vaters, Projekte hinter seinem zerstreuten Lächeln, Projekte hinter jedem jähzornigen Aufbrausen. Man stand auf, man schlief ein mit Projekten, man träumte Projekte, Projekte waren täglich Brot auch für den Knaben. Freilich, es kamen Stimmungen über ihn wie an jenem Oktoberabend, als er sich an die Mutter geklammert hatte, — aber wenn sie ihn jetzt zum Helfen zu sich rief und halblaut und zärtlich mit ihm plauderte, als fürchtete sie immer, belauscht zu werden, — „Unser liebes Haus, nicht wahr, Georgie, unser schöner Garten …!“ dann fühlte er sich unbehaglich und kam sich wie ein Verräter vor, wenn er nickte und wohl auch einmal seufzte, um nicht ganz stumm zu bleiben. Ein schöner Garten, ein liebes Haus, — ja gewiß, — aber wie mochte es denn sein, wenn nun einmal ein Projekt in Erfüllung ging und die enge Welt der Heimat aufsprang wie eine Eierschale, aus der er auskriechen würde wie der hoffnungsvollste Gickelhahn?! So machte er sein einfältigstes kleines Heuchelgesicht der Mutter zuliebe, deren Kummer er ganz deutlich spürte und der ihm das Herz wund rieb, — dachte aber trotzdem unaufhörlich mit unruhiger Neugier an die letzten dunklen Reden des Vaters, der wieder einmal in Danzig war, — wohlgemerkt, mit einem neuen mausfarbenen Rock aus feinstem Tuch und mit einem halben Dutzend seiner krausesten Jabots versehen, von der Staatsperücke ganz zu schweigen! Was tat er denn immer wieder in Danzig, wo sich zur Zeit auch Herr von Rehbinder aufhielt, der russische Gesandte in Polen, ein ergebenster Diener der großen Zarin, ein Werkzeug ihres Willens und ein charmanter Mann obendrein?! Was mochte es zu bedeuten haben, daß er neuerdings beständig vom „heiligen Rußland“ fabulierte, von Europens Morgenland, von der Edelsteinmauer des Ural und der wandernden Breite der Wolga, an deren Ufern sich Deutsche niederlassen sollten wie in Paradieses Schoß, — couragierte Männer, deren Familien, hm, hm — ein majestätischer Blick zu Frau Justine hinüber — es ihnen auf Knien danken würden, daß ihr Mut Frau und Kinder von den mageren Weiden der Heimat in dies zweite Kanaan versetzen würde, dem dringlichen Ruf Katharinas folgend, die in werbenden Manifesten den Heimatlosen von ganz Europa Freistätten, billiges Brot und unerhörte Vorteile in den noch unbewohnten Gefilden ihres riesigen Reiches bot? Warum mußte er, George, auf einmal anfangen, Russisch zu lernen, seine Zunge üben, das R zu schnurren wie ein spinnender Kater und das kurz vorher leidenschaftlich begonnene Holländisch liegen lassen? Warum lächelte der Vater oft so gedankenverloren vor sich hin, wenn er arbeitete, warum tat er so, als ginge ihn die Frühjahrsbestellung des Gartens nichts mehr an? So von Neugier und Ungeduld zerfressen, und um den wehklagenden Augen der Mutter zu entgehen, verging sich der Knabe gegen seine eigene Natur und wilderte ein paar Wochen mit Janusch und ähnlichen Kumpanen umher, stahl Äpfel, zündete Heuschober an und quälte Hunde und Katzen, alles Dinge, deren Versuchungen bis dahin an ihm abgeglitten waren. Er benahm sich ungeschickt genug dabei, wurde von den anderen regelmäßig vorgeschickt, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und hinterher ausgelacht, und war eben bereit, gedemütigt und angeekelt in das alte Leben der Stubenhockerei zurückzukehren, als die Pocken, die im Dorf umgingen, über ihn herfielen und seinen dürftigen Körper eine geraume Zeit zwischen Tod und Leben hin und her zerrten. Dann kamen hübsche Tage, in denen er das fürchterliche Labyrinth der Fiebernächte wieder ganz vergaß, Tage des Himbeersaftes und des Griesbreis und oh, der lieben Gellert’schen Fabeln, — Tage des Nichtmehrkrankseins und doch noch Gehätscheltwerdens, Tage voll des Sonnenscheins mütterlicher Liebe und eigener Verantwortungslosigkeit, — nichts lernen, nichts schreiben, immer nur deutsch sprechen, ach — und immer nur spielen, — Tage, so selige, und die letzten seiner Kindheit. Denn als er aufstand, narbenbedeckt, ein kleiner alter Mann, noch müde und elend und an nichts weniger denkend als an Projekte, — da war es so weit, da barst die Eierschale und er mußte hinaus, ob er wollte oder nicht. Im Auftrag der russischen Regierung, wie er sagte, wie er zweifellos auch annahm und, — jedenfalls durch Vermittlung des scharmanten Rehbinder, — auf Kosten der Krone, ging Reinhold Forster an die Wolga, um dort die Bedingungen der ersten deutschen Ansiedelungen zu studieren, und er hatte es sich ausbedungen, seinen ältesten Sohn, — „einen hoffnungsvollen, strebsamen, jungen Gelehrten“ — mitzunehmen. Ja, er nahm ihn mit sich, als Hündchen, als Famulus, vielleicht auch nur, weil ihm der Knabe zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden war und in einem ersten plötzlichen Zurückschauern vor den einsamen Wegen der Fremde. —
In der ersten Nacht auf See, nachdem der Leuchtturm von Zoppot im Nebel hinter ihnen versunken war, und die Ostseewellen sich das rundbauchige Schiff gegenseitig zuwarfen, machte George, in seinem schmalen Wandbett unsanft hin und her geschleudert, wehleidige Zugeständnisse und rief außer dem einen großen „Vater unser“ noch alle Nebengötter vergangener Jahre an, die er längst endgültig abgetan zu haben meinte: Maria nämlich und Joseph, dazu Jakob, Abraham und Isaak, sowie Moses und Elias und andere weißbärtige, wunderkräftige Gestalten des Religionsunterrichtes, denen er als kleiner Knabe in endlosen geflüsterten Gebeten gemeint hatte huldigen zu müssen, mit krankhafter Gewissenhaftigkeit bedacht, nur ja keinen zu vergessen, der dann im Himmel traurig auf seinem besonderen Thrönchen hätte sitzen müssen, vielleicht mürrisch, am Ende gar zornig des gewohnten Weihrauchs harrend. Er versicherte nicht nur sich ihres Beistandes, sondern vor allem sie seiner Ergebenheit, — „denn ich habe euch ja alle so lieb“ wisperte er nach ausführlicher Namensnennung und fügte zur größeren Sicherheit abschließend hinzu: „und alle Engel!“, denn schließlich, Engel war (seines Erachtens) ein jeder von ihnen und so war es ganz gewiß, daß keiner vernachlässigt worden war. Er hatte sich auf diese Weise früher oft in den Schlaf gebetet und nur Fieken, die immer durchaus wissen wollte, was er denn so für sich zu flüstern habe, hatte ihm die Gewohnheit verleidet. In dieser Nacht aber kehrte er reuig zu ihr zurück, demütigte sich ausgiebig und gelobte Dienstbarkeit für alle Zeiten, wenn man ihn nur lebendig aus diesem fürchterlichen Schiff entkommen und ihn jemals wieder einen vergnügten kleinen Magen haben lassen wollte. In einer Atempause des Sturmes, als das Ächzen, Knarren, Klatschen und Heulen für einen Augenblick aussetzte, vernahm er neben dem unbehaglichen Stöhnen und Würgen der beiden anderen Fahrtgenossen, — des Herrnhuter Bruders David Krüzner und des Jenaer Studenten Gotthold Betzel, — ein wohlbekanntes gründliches Knurschen und Schmatzen und stellte bei sich fest, — wobei sich sein Gedärme schmerzlich zusammenzog und süßliche Flauheit sein Denken lähmte, — daß der Vater da in der Finsternis Äpfel aß, er meinte nun plötzlich auch den frischen heimatlichen Duft wie einen schönen Fremdling durch die verdorbene Luft der niedrigen Kajüte schweben zu spüren und krümmte sich gleicherweise vor Heimweh wie vor Seekrankheit. Der Vater wurde nicht seekrank, mochte Gott wissen, wie er das anfing, der stand am Morgen mit den possierlichsten Bocksprüngen auf und verließ pfeifend den Raum, nicht ohne seinem Sohn und dessen Leidensgenossen mit gerunzelter Stirn und teilnahmsvoll rollenden Augen „eine kleine Collation“ angeboten zu haben, da doch ein gefüllter Magen den ganzen Menschen aufrecht zu halten imstande sei, wie er an sich selbst erfahren zu haben meinte. George schüttelte angstvoll abwehrend den Kopf, der Herrnhuter, der so im Bett mit der weißen Zipfelmütze über den Ohren ein knittriges Altmütterchengesicht hatte, sah nur zum Himmel und bewegte beschwörend die Hände, Gotthold Betzel aber verlangte murrend nach einem Spiritus liquor, den Herr Forster alsbald in Gestalt eines Nösels Rum feierlich herbeitrug und den leidenden Bruder tränkte, wie eine Mutter den Säugling. Er versäumte nicht, die Flasche auch George und dem ehrwürdigen Krüzner mit aufmunterndem Blick hinzuhalten, zuckte bedauernd die Achseln und nahm selbst einen kräftigen Schluck, der ihn sichtlich bis zu den Schnallen seiner Schuhe wohlig durchschüttelte. Sodann verschwand er und schickte den Janusch, um für die Sauberkeit des Fußbodens zu sorgen, und Janusch wankte herein, selbst grün und gelb aussehend, — jawohl, der Janusch war mitgenommen worden, denn was war ein Reisender ohne Kammerdiener? Er war ein Baum ohne Schatten! — und Janusch tat sein Bestes, aber dann rollte er sich am Fußende von Georges Bett zusammen und George nahm mit Ergriffenheit wahr, daß der ehemals so gefährliche Feind gebrochen war wie er selber. Hatte er schon seit dem Tage seines Dienstantrittes ein gewissermaßen abgeklärtes Wesen zur Schau getragen, daß sich George gegenüber einstweilen in völliger Nichtbeachtung, gegen den Vater jedoch in rasender Dienstfertigkeit ausprägte, so ward es jetzt offenbar, daß er mit dem zerfetzten Wams auch die feindliche Gesinnung bis aufs letzte abgestreift und mit den heilen Strümpfen, den ledernen Beinkleidern und dem sauberen moosgrünen Kamisol, das Forster ihm zu Danzig in aller Eile hatte anmessen lassen, eine begeisterte Unterwürfigkeit angezogen hatte, auch für George, den er „Panje“ nannte und ihm den Ärmel küßte, jetzt, ehe er so zusammensank und den Kopf an die hölzerne Wandverschalung lehnte. Er sagte nichts weiter, aber aus dem blassen schmutzigen Gesicht sahen seine Augen grell wie die eines wilden Waldtiers, das aus seiner warmen sichern Höhle gerissen war, und George ehrte diesen Zustand, als den eines Leidensgenossen, und lag erschöpft still, keines Gedankens fähig, als des einen, wie paradiesisch es sein müßte, jetzt zuhause in einem stillstehenden Bett zu liegen, — und meinetwegen die Pocken zu haben, nur zuhause und, — ja, — bei der Mutter!
Unterdessen erholte sich der Herrnhuter so weit, daß er, allerdings im Liegen und die Hände vorsichtig über den Magen gefaltet, imstande war einen Psalm anzustimmen. Er wählte den zweiundvierzigsten und stärkte sein Herz im Sprechgesang:
„Deine Fluten rauschen daher,“ klagte er, „daß hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich …“
Als er fertig war, blickte er die Knaben freundlich an und richtete sich behutsam ein wenig auf. „Ist es nicht köstlich, meine Kinder,“ fragte er, „sich so völlig in der Hand des Herrn zu wissen und sich ihm ganz überlassen zu müssen? Ach, daß wir uns doch nur im Unglücke so richtig sein eigen fühlen, — aber das Fleisch ist schwach.“ Er hätte gewiß noch mehr gesagt, aber Gotthold Betzel schüchterte ihn mit ärgerlichem Grunzen hinlänglich ein und es verging noch manche Stunde, ehe eine ergiebige Unterhaltung in Gang kommen konnte, wenn schon Reinhold Forster mehrmals des Tags erschien wie das leibhaftige gute Wetter, um jene kleinen Kollationen zu sich zu nehmen, deren er, wie gesagt, zu seiner Aufrechterhaltung bedurfte. —
„Ihr werdet Hunger haben, immer,“ hatte die Mutter kurz vor dem Abschied mit weinenden Augen lächelnd gemeint, und: „Pah, Hunger!“ hatte der Vater geantwortet, der gerade ein Schinkenbein vorhatte und mit beiden Backen kaute, — „und wenn schon, meine Liebe! Die Wissenschaft ist Opfer wert.“ Nichtsdestoweniger widmete er sich jetzt hingebungsvoll dem umfangreichen Vorratskorb, den Frau Justine mit so viel Sorgfalt gepackt hatte, es schien die Zeit des Opferbringens noch nicht gekommen zu sein, und auf einem Schemel auf dem Fußboden der Kajüte hockend, besagten Korb zwischen den Knien, hielt er inmitten der Reisekumpane die vergnüglichsten Kolloquien ab. „Du staunst, mein Sohn,“ sprach er etwa dabei und George lächelte zuvorkommend, wenn schon etwas matt, — „ja, du staunst und wie sollte ich es dir verdenken! Siehst du doch deinen griesgrämigen Herrn Vater, der sich ganz darauf vorbereitete, hinter dem Ofen zu vertrocknen als ein dürres Reis, mit einem Male gleichwie versetzt an strömende Wasserbäche. Das Amt in Ehren, mein Herr Bruder in Christo,“ wandte er sich an den milden Krüzner, „in Ehren das Amt! Aber wenn einem Manne für sein Dorf in der Polackei die Welt angeboten wird, ja, wenn ihm die Größte aller Kaiserinnen eigenhändig — vergleichsweise, nun, meine Herren, vergleichsweise! — wenn sie ihm also das Tor auftut zu ihrem gewaltigen Reich: Ich bitte um die Ehre, Monsieur Forster! Ein Narr, nicht wahr, wer da nicht zugriffe, ein Narr! Und außerdem, ich besitze gewisse Gaben, die über das Amt hinausgehen, Herr Bruder, den Rahmen des Amtes sprengen, — jawohl, — wenn ich so sagen darf … Herr Bruder!“ Er brummte noch verschiedene Male „Hm, hm!“ hinterher, wobei er mit zwei Fingern vorsichtig an seiner Nase zupfte und verliebt vor sich hinblickte. „Jetzt kommen gleich die Verdienste um die Erforschung der Wasserfauna und der Insekten, die Bekanntschaft mit Herrn von Rehbinder, dem Geschäftsträger Ihrer Kaiserlichen Majestät, die Korrespondenz mit Herrn von Haller in Zürich und die Fertigkeit, sich in siebzehn Sprachen auszudrücken, — endlich aber sein Vermögen, den großen Zeh in den Mund stecken und mit dem Kopf zwischen den Beinen hindurchgucken zu können, welch letzteres Kunststück er gewiß ad oculum demonstrieren wird,“ — dachte George ergeben, der neben der Bewunderung für seinen Vater zum erstenmal in seinem Leben eine leise Befangenheit empfand, wenn dieser sich allenthalben so wohlig entfaltete, wie eine Blume im Sonnenlicht. Doch hub jetzt David Krüzner an, während er bescheiden aus einem leinenen Reisesacke zehrte und sparsam nur mit den Vorderzähnen zu knabbern schien, — er hatte eine lange geduldige Oberlippe und große feuchte Kaninchenaugen, — „Es geht nichts über ein Wirken in der Stille, lieber Bruder, und der Herr weiß es ja, wie ich ihn hätte preisen wollen, wenn er mir Armen ein solches Amt verliehen hätte, wo ich meinen Mitbrüdern unangefochten hätte dienen können. Indes, da es sein heilsamer Wille ist, mich hinauszusenden unter Morduanen, Baschkiren und Kalmücken, — ei, so geht David Krüzner, denn es ziemt ihm nicht, wider den Stachel löcken.“
„Recht habt Ihr, Herr Bruder,“ sagte Forster mit einer gewissen Öligkeit in der Stimme, die George von der Kirche her an ihm kannte, — dann wußte er, jetzt dachte der Vater an ganz andere Dinge, was aber die Leute durchaus nichts anging — „das Schäflein bleibt in seines Hirten Händen, — auch unter den Heiden! Indessen suum cuique, Herr Bruder, suum cuique, — meint Er nicht auch, Herr Studiosus?“ Und während David Krüzner murmelnd bekannte, ein demütiger Bruder zu sein und kein Latein zu verstehen, hub Gotthold Betzel an: „Der Teufel hole Morduanen und Baschkiren so gut wie jedes Amt in Deutschland, wo einen die Ratzen bei lebendigem Leibe auffressen, da die lieben Tierlein selbsten nichts zu nagen haben. Ich aber gehe nach St. Petersburg, dort kann man Kaiser sein, ehe man sich’s versieht, was mir übrigens ein viel zu heißer Boden wäre. Ich werde aber der Kaiserin mein Projekt zur Beleuchtung nächtlicher Paläste und Hütten mittelst eines aus Hammeltalg destillierten Öles vorlegen, wobei der Mensch sich zugleich erwärmen kann, und alsdann werde ich mit großen gewonnenen Schätzen in die Türkei verreisen, — allwo man weiter sehen wird.“
„Ergo bibamus! Trink Er, Herr Bruder, ich hab mir auch einmal den Rücken im Kollegio krumm gesessen“, sagte Forster teilnahmsvoll und reichte ihm die Flasche, ohne weiter auf die Projekte des pp. Betzel einzugehen. Gegen Ende der Reise, die in neun Tagen glatt und sicher verlief, saß er übrigens mehr in der Kajüte des Kapitäns, dem er gewaltigen Eindruck durch seine Kenntnis der fernsten Küsten und Völker machte, und der ihn nichtsdestoweniger fabelhaft anlog, um ihn zu übertrumpfen, was ihm aber nicht gelang, denn Forster hatte immer noch etwas daraufzusetzen: auf das Meerweib die fliegenden Fische, auf den Magnetberg die feuerspeienden Berge und auf das Nagelmeer die kochenden Springquellen Islands, wobei sie sich gegenseitig vortrefflich unterhielten und der Schipper Mandeweit, der alljährlich einmal um das Kattegatt herum nach London segelte, im übrigen aber nie in seinem Leben über die große Punschbowle der Nordsee hinausgekommen war, den gelehrten Herrn für „’nen verdammten Slusuhr“ erklärte, was einen hohen Grad von Anerkennung bei ihm bedeutete. Er nahm Forsters Mitteilungen restlos in seinen Lügenschatz auf und zwar als Glanzstücke, und wurde so zu einem unfreiwilligen Verbreiter der Wahrheit. Auch Gotthold Betzel erholte sich alsbald so weit, um von der Gesellschaft zu sein. Verschiedne Spiele Karten bildeten einen Teil seines Reisegepäcks, und er weihte Herrn Forster und den Schiffer in die Geheimnisse des Rabougierens ein, nicht ohne gründlichen Gebrauch von seiner Überlegenheit zu machen, die sich Mandeweit fluchend, Forster mit Gelassenheit gefallen ließ: er tat wohl mit, gewiß, er war kein Spielverderber, aber im Grunde war dies denn doch ein Amusement für seichte Köpfe und wenn man nicht unterwegs gewesen wäre … Zudem langweilten ihn die Karten von jeher gräßlich und er verlor schon allein aus Gleichgültigkeit fortwährend und versetzte dadurch Gotthold Betzel in unbändig gute Laune; dieser erinnerte sich seiner musikalischen Gabe und sang nunmehr viel mit rauher Stimme, sang Lieder, deren Inhalt den Bruder Krüzner wehmütig, George und Janusch aber außerordentlich heiter stimmte. Diese beiden trollten auf Deck umher und erschienen so wenig als Herr und Diener wie nur je in den vergangenen Tagen zu Hause.
„Georgie, Panje, ist sich viel zu viel Wasser, ist sich fürchterlich!“ hatte Janusch am ersten Tage schaudernd erklärt, und George, obgleich innerlichst geneigt, ihm zuzustimmen, hatte die Hände auf den Rücken gelegt und mit vorgeschobener Unterlippe sein Magistergesicht aufgesetzt. Mein Gott, wenn das noch alles Wasser wäre, was es auf Erden gäbe, — aber bewahre, — dies war ja nicht mehr als daß ein kräftiger Walfisch es auf einen Zug austrinken könnte! Und „Täubchen schöne“ waren das da oben auch nicht, sondern Wasservögel, Möwen, vermutlich, — ja, so etwas konnte man wissen, ohne einen von den groben Matrosen zu fragen, die gleich mit der Gegenfrage bei der Hand waren, ob man wohl belieben würde, mal unterzutauchen, mal Salzwasser zu schlucken, mal sein Fell auswringen zu können? Die gelbbraunen Eulenaugen des Janusch wurden vor Staunen immer runder und das nahm George wie eine Aufforderung an seine Ehre, selbst unter keinen Umständen Verwunderung an den Tag zu legen. Am achten Tage sah man einen Zug wilder Schwäne, der von Süden kommend den Meerbusen kreuzte und sich untereinander ermutigend geheimnisvolle Töne zurief, — Namen vielleicht der unendlichen Seen Finnlands. Am Morgen darauf tauchte Kronstadt aus dem Nebel, wie das phantastische Bollwerk des Seekönigs und am Abend desselben Tages schaukelten die Reisenden auf ihren festlandungewohnten Sohlen die Newski-Perspektive hinab. Nun versagte die Haltung des nicht zu Rührenden dennoch und es war erfreulich, einen Vater zu haben, dessen Hand man ergreifen konnte, — merkwürdigerweise schien diese große Hand selbst einen gewissen Anhalt an der kleinen des Sohnes zu finden. Stumm gingen sie diese ungeheuerste aller Straßen hinunter und sahen sich immer wieder nach dem Janusch um, der unter der Last des Reisesackes gebeugt hinter ihnen drein keuchte, unterstützt von einem freundlichen schlitzäugigen Kerl, der sich mit dem übrigen Gepäck beladen hatte und jedesmal aufmunternd grinste, wenn er angesehen wurde. Übrigens gewann Herr Forster mit jedem Schritt an Sicherheit, und schon im Gasthaus Peter Bierbergs trat er auf wie der siebenfach gebrühte Weltreisende, der sich beileibe nichts vormachen läßt und alles an Erfahrung überragt. Was Peter Bierberg demütig zu stimmen schien, ihn aber nicht hinderte, die neuen Gäste unter Achselzucken und mancherlei Entschuldigungen in einem Raum mit einer vielköpfigen polnischen Familie einzuquartieren, wo Vater und Sohn zusammen ein Bett beziehen mußten und mancherlei an Schamhaftigkeit auszustehen hatten, d. h. sie schämten sich fast zu Tode, aber die dicke polnische Mama schien nur an feuriger Lebendigkeit zu gewinnen. Indes verging dieser erste Aufenthalt in St. Petersburg traumhaft schnell, und George hatte kaum Zeit sich darüber klar zu werden, daß er nun zwar wieder auf festem Lande, aber doch unendlich weit von daheim und der Mutter entfernt war, — hatte seinen kleinen Kopf kaum den Eindrücken dieser wilden großen Stadt angepaßt, ihren Palästen und stattlichen Steinhäusern, die grün oder café au lait getüncht mit ihren bunten flachen Dächern und den anspruchsvollen Säulenverzierungen ihrer Vorderseiten bereits anfingen, die alte hölzerne Stadt Peters zu verdrängen, ihren Bazaren und Kuppelkirchen, den Kanälen und vor allem der wimmelnden Newa mit ihren unheimlich schwankenden Schiffbrücken, die doch Droschken, Roß und Reiter und die ganze bunte treibende Masse des Volkes vom ersten Admiralitätsteil hinüber nach Wassilii Ostrow trugen, — mit diesem Volke endlich selbst, so vielfältig an Erscheinungen, wie es sogar der Danziger Hafen, an dessen Jahrmarktstrubel er bisher alles Wunderbare bemaß, nicht war und nie sein konnte, — er hatte also kaum begriffen, daß sein kleines Ich nun diese ungeheure, schreiende, heulende, bewegliche, geheimnisreiche Erweiterung erfahren hatte, — denn jeder Ort stürzt sich unaufhörlich nach Einheit gierig in die Gemüter, die ihn auffangen und widerstrahlen, und jedes Ich hat seine Grenzen erst da, wo sein Bewußtsein aufhört, das Bewußtsein eines Kindes aber verschwimmt mit dem Umriß seines Wohnortes, — kaum hatte er solchermaßen Nassenhuben abgestreift, mit der vertrauten Enge von Haus und Garten und dem leeren Umkreis von Kiefernheide und Ebene, — kaum Danzig verwunden, das ihm hundert Gesichter gehabt zu haben schien und ihn schmerzhaft ergriffen hatte mit seiner angehäuften Kultur, seinem katholischen Prunk und seiner Bevölkerung von lauter Pastoren und Starosten, ja, lauter Herren, wie es daheim nur zwei gegeben hatte! — kaum lag die See hinter ihm mit ihren heftigen Anforderungen an Körper und Gemüt, von denen das nil admirari dem Janusch gegenüber vielleicht die schwerste gewesen war, — denn es ist unerhört hart, mit elf Jahren beständig die Würde zu wahren, — so kam St. Petersburg wie ein kurzer Fiebertraum und schon ging es weiter. Ging weiter mit Vorspannpaß im eigenen Wagen, zweihundertfünfzig Werst in vierundzwanzig Stunden, die wachsenden Tage und die immer heller bleibenden Nächte hindurch, kaum daß es einmal ein Nachtquartier in einem schmutzigen Gasthaus gab, wo der Wirt wohl in Ehrfurcht vor dem Herrn, der in Geschäften der Krone reiste und darum nur halbes Postgeld bezahlte, erstarb und Herrn Forsters Laune dadurch prächtig anfachte, wo man aber dafür des Nachts von Ungeziefer halb gemordet wurde. Doch war der Vater unterwegs außerordentlich frisch und lebendig und benutzte die Zeit zu den eingehendsten Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens, er botanisierte mit George neben dem Wagen her, wenn dieser mit trostloser Langsamkeit durch die Sandwege unendlicher Wälder schaukelte, und erging sich in verzückten Rhapsodien über die Ergiebigkeit und Unberührtheit dieses Landes, sobald man mit frischem Vorspann wieder feurig dahinrollte, fleißige kleine Pferde vor sich, die ihre zottigen Köpfe begeistert warfen und schüttelten, wenn der Iswotschik sie weniger mit der langen Peitsche als mit dem zärtlich singenden Ton seiner Stimme aufmunterte. George gewöhnte sich an den Anblick von Januschs Rücken mit dem hin und her tanzenden kurzen steifen Zopf vor sich auf dem Bock und wartete oft sehnsüchtig darauf, daß der runde Kopf herumwanderte und ein von Hochachtung und Mitleid gleicherweise sprechender Blick aus Januschs Eulenaugen langsam über ihn hinwegging, — worauf er sich wieder etwas gestärkt fühlte, denn ein Leiden ohne Zeugen hätte auch den heiligen Märtyrern nicht halb so viel Spaß gemacht, dessen sei man nur gewiß! Zuhause hatte die Mutter doch manchmal bewundert, was alles er zu leisten hatte, hatte ihm an besonders harten Tagen einen Apfel zugesteckt oder gar einen Eierkuchen gebacken, — sehr heimlich freilich, und dann hatten sie ihn zusammen am Herde verspeist, weder Rieken noch Fieken durften das wissen, auch nicht Malchus, der Knecht oder Mareiken, die Magd. Hier aber mußte man die Lippen zusammenpressen, tief durch die Nüstern schnaufen, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen, und dann seine Antwort hervorschnurren, ganz ausgeliefert diesen undurchdringlichen blauen Porzellanaugen und im Banne der starken Hand, die ungeduldig am Wagenschlag trommelte und so leicht von dort abglitt und Georges Kopf traf, der sich dann geduldig duckte, — nein, hierbei sollte Janusch keinen Anlaß haben sich umzudrehen, und es ging, es ließ sich wahrhaftig aushalten, diese Kopfnüsse lautlos hinzunehmen! Zu größeren Exekutionen, wie der Vater sie sonst als Unterbrechung der Arbeitsstunden liebte, war ja in der Kibitka Gottseidank kein Platz; der Vater sah ganz davon ab, nachdem er sich in den ersten Tagen hart am Ellbogen gestoßen hatte, — ein Zeichen, daß auch er sich beherrschen konnte, wenn es sein mußte. George wußte schon von zuhause her, daß man am besten dabei fuhr, wenn man dem Gewaltigen diente, als sei dies ganz selbstverständlich; nun aber bildete er die Kunst, dem Riesen alles an den Augen abzusehen und seinen Wünschen lautlos zuvorzukommen, vollends aus. Der Riese war zuweilen äußerst schlechter Laune, — schön war das Reisen, ja, und wissenschaftlich war das Land ergiebig wie ein Pudelpelz an Flöhen, aber es war doch auch geradezu widerwärtig groß und es nahm gar kein Ende mit lichten wehenden, wehenden Birkenwäldern, mit den bunten hölzernen Dörfern, mit der unendlichen mattgrünen Ebene, hinter der der Horizont sich immer weiter hinausschob, wiewohl man an jedem Abend glaubte, man würde morgen im ewigen Osten landen und hätte die Wolga längst im Schlaf überschritten. Zudem widerstand ihm einstweilen die landesübliche Kost, er verachtete Schtschi und Kascha, vor Kwas aber ekelte er sich geradezu und behauptete lärmend, es sei unsittlich, diesen gegorenen Unrat zu trinken, man könne nicht wissen, welche Ingredenzien dazu verwendet würden. Einzig die Malinowka fand einige Gnade vor ihm, er pflegte sie allenthalben ernsthaft zu fordern und legte starke Verstimmung an den Tag, wenn dieses aus Kirschsaft, Zucker und Wein gebraute Getränk nicht zu bekommen war. Endlich kam er dahinter, daß die Russen Meister in der Kunst der Pastetenzubereitung waren; nun war freilich alles gut, und sobald er so weit war, zu wissen, daß sich die verschiedensten Piroggen, seien sie mit Pilzen, Fischen, Fleisch oder Speck und Rosinen gefüllt, auch als Reisevorrat mitnehmen ließen, gewann er einen bedeutenden Überschuß an Spannkraft. Er sorgte für den Vorratskorb und allenfalls für die Kiste, die die Bücher und seine wissenschaftlichen Notizen enthielt, welche George an den spärlichen Rasttagen nach seinem Diktat sorgfältig ins Reine schreiben mußte. Die Sorge für das übrige Gepäck überließ er dem Janusch und erklärte ihn für einen exemplarisch vortrefflichen Bedienten, ohne zu bemerken, daß sein kleiner Sohn den besten Teil der notwendigen Arbeit verrichtete, denn der Janusch war den mannigfachen Besitztümern gegenüber, die die Zivilisation seiner Herrschaft erforderte, ziemlich ratlos und hatte nicht Zeit, über diese Ratlosigkeit hinauszuwachsen, wie man bald erfahren wird. So begnügte er sich mit der Pflege des Schuhzeuges und dem Zuschnallen und Schleppen der Koffer, während George stillschweigend für Sauberkeit und geglättete Lage der Kleider sorgte. Als Herr Forster ihn einmal bei diesem Geschäft zu bemerken geruhte, stellte er nachdenklich fest: „Wie sehr du deiner Mutter gleichst, mein Sohn!“ legte weiter keinerlei Ergriffenheit an den Tag, machte aber in Zukunft George für jeden Flecken auf den Kleidern verantwortlich. Endlich erreichten sie Nishni-Nowgorod. Hier klaffte ein Riß in der farblosen Haut der Ebene und die Seele Rußlands lag bloß, starrend bunt, asiatisch üppig, wie das Innere der märchenhaften Kirchen: Edelsteinhöhlen, von Rubinlicht durchblutet, — wie die Völker, die hier zusammenströmten mit dem Geruch unübersehbarer Pferdeherden und des Leders, mit unerhörter Farbenfreude in den Gewändern und dem leisen Geklirr von silbernen Kettchen und Klapperwerk an den hohen bunt aufgenähten Mützen ihrer Weiber. Zudem strotzte alles von Fettigkeit und Schmutz, aber den Reisenden, von Staub, Wind und blendender Sonne gedörrt wie sie waren, tat die feuchtigkeitsgesättigte Luft der Stromniederung wohl und unter den Segenswünschen des Iswotschik, — ja, er würde warten, bei Gott, nicht rühren würde er sich aus seiner Herberge! am Ufer würde er stehen und sich blind schauen, bis das hochverehrte Väterchen wieder flußaufwärts gefahren käme! möchte es nur gefahren kommen, möchte es nur! — bestiegen sie eine Schaluppe und der Strom nahm sie auf. Wasser! hieß wiederum die Losung, aber anders war ihr Klang als zuvor auf der See, anders, zielbewußter und beseelter schien diese rastlos vorwärts sich wälzende Flutmasse in der ungeheuren Schwermut ihres Willens, der nichts wußte von der tobenden Regellosigkeit des Meeres. Nicht daß George es sich klar gemacht hätte, aber er verstand, — er verstand! Er kauerte hinter einer Rolle von Tauen am Bug des Schiffes und blickte grade aus, es war alles so sanft und ernst, wie die Wasser sich um die flachen Inseln teilten, wie die Schilfwälder meilenweit wogten und raschelten, wie große Stelzvögel majestätische Kreise darüber zogen. Er blickte nach Osten, wo die Wasserfläche in die unendliche Ebene überging und mit dem Horizont verschmolz; im Westen aber stand abends der Himmel tiefgolden hinter der schwarzen ruhigen Festigkeit der Berge. Dann begannen die Burlaki zu singen, während sie Anker warfen, und auch das verstand er, ohne vielleicht ein einziges Wort zu erfassen, er hockte nur da, ein sehr kleiner Junge trotz Schoßrocks und Haarbeutels, hatte den Kopf auf die Knie gelegt und weinte. Es war ihm aber gar nicht schmerzlich zumute, nur so, als müsse nun endlich alles leichter werden, und das war doch so gut, — so gut. Irgend etwas streichelte ihn, nahm ihn und wiegte ihn ein, die übermäßige Spannung, die ihn seit Beginn der Reise bis an die Grenze seiner Fähigkeit gestrafft hatte, löste sich, der „Herr Magister“ zog sich völlig ins Wesenlose zurück, ein Knabe blieb, kindlich, zutraulich oder unartig, kurz, er fiel an seine eigene Natur zurück und das nach sieben Jahren zum erstenmal, denn im Grunde hatte er sich von ihr entfernt, damals, als er so plötzlich lesen konnte, — ach ja, wie war es nur gekommen? — als es mit dem Spielen vorbei gewesen war. Dazu kam, daß es dem Vater ähnlich erging wie ihm selber, Herr Forster verbrachte ganze Tage in träumerischem Vorsichhinstarren und ließ sich die Sonne auf den breiten Rücken brennen, wobei er manchmal blinzelte und mauzend gähnte wie ein träger Kater. Zwischendurch erhob er sich allerdings, reckte sich, daß die Gelenke krachten, rieb sich gewaltig die Hände und begann dann eine hastige Teilnahme für die vorübergleitenden Ufer an den Tag zu legen, fragte den Steuermann, der unbewegten Gesichtes Auskunft gab, leidenschaftlich aus und stand gebückt, auf dem linken hochgestellten Knie ein Schreibtäfelchen, in das er eifrig Notizen eintrug. Es war aber nicht die Rede davon, sie auszuarbeiten, wie George immer heimlich fürchtete, wenn er den Vater bei dieser Beschäftigung sah, sondern Herr Forster blieb sanft und faul und ward nur ein wenig munterer, wenn angelegt wurde und man an Land ging, was alle zwei bis drei Tage einmal geschah. Alsdann suchte man sich Reittiere zu verschaffen oder ging zu Fuß landeinwärts in die wilden Wälder oder die öden Steppen hinein, sammelte Pflanzen und stellte Tieren nach, bei welcher Gelegenheit Janusch wie wild hinter der armen Tschokuschka, dem allerliebsten Zwerghasen her war, dessen wachtelschreiähnlichen Lockruf er nachzuahmen verstand und dessen unterirdische Laufgräben und Höhlen er mit dachshundgleicher Spürnase aufzufinden wußte. Er gab sich dieser Unterhaltung mit einer Art weinerlicher Leidenschaft hin und George fühlte es wohl, Janusch hatte keine andere Freude mehr, Janusch war bitter enttäuscht und suchte hier eine Entschädigung für seinen Tatendurst und seinen Ehrgeiz, denen ein Leben auf dem Kutscherbock und auf der Ruderbank zu eng war. Dies war klar, obgleich Janusch sich nie darüber äußerte, aber sein mürrisches Schweigen, diese finstere Majestät seiner Verdrießlichkeit lasteten schwer auf George, gerade weil er selbst so vergnügt war und sich mit ängstlicher Seele bemühte, auch seine Umgebung heiter zu wissen, als läge in deren Unzufriedenheit eine Gefährdung dieses harmonischen Zustandes. Um die Wahrheit zu sagen, der Janusch haßte das Wasser, und nun hatte er die Ostsee gerade überstanden und war schon wieder in so einen hölzernen Trog gebannt, der auf dem widerwärtigen Element schwamm und schwankte, daß einem vom bloßen Zusehen übel werden konnte. Ja, wohl hatte er daheim die Pferde in die Schwemme geritten, aber das war auch bei Gott etwas ganz anderes gewesen, da war er der Herr von Pferd und Wasser, diesem Tümpel, dessen Blutegel und schlammgrüne gelbbauchige Salamanderchen er alle persönlich kannte. Nun, und dann, so halbnackt und naß wie irgend ein Wasserteufel ins Dorf zurückgaloppieren, schreiend, peitschenknallend und fratzenschneidend, daß alle Kinder und Mädels Reißaus nahmen, — das war doch etwas anderes als so tagaus tagein, so wiegala wogala in diesem verdammten Kasten sitzen zu müssen. Der Janusch grollte. Der Janusch starrte den Treidelpferden nach, die so geduldig am Ufer gingen und die schwer beladenen Barken zogen, und beneidete die Bauern, die sie trieben. Tausendmal mehr noch aber beneidete er andere Leute, die man zum erstenmal Anfang August auf dem westlichen Ufer antraf, wo man eines Abends schon von weit her eine Wolke schweben sah, eine Wolke von Rauch und Staub, die als sie näher hinzukamen, von der sinkenden Sonne ganz golden durchglüht war, und darin tummelte sich ein Gewimmel von Menschen und Tieren, entstanden, wie Pilze aufschießend, dunkele, runde und zugespitzte Zelte und war ein Geschrei, Gebrüll und Gewieher, von Peitschenknallen und Flintenschüssen zerrissen, daß George und Janusch sogleich an Jahrmarkt dachten und George wahrnahm, wie der Janusch ganz glühende Augen bekam und ungebeten des Vaters große Stulpenstiefel bereit stellte, dann aber von einem Fuß auf den andern tanzte und sich durchaus geberdete wie ein Hund, der die Anstalten eines Aufbruches wittert und noch nicht genau weiß, ob er mitgenommen werden wird. Herr Forster enttäuschte ihn denn auch nicht, und obgleich der Steuermann murrte, man würde sich dies ganze Gesindel auf den Hals laden, ließ er angesichts des Kalmückenlagers anlegen und ging mit den beiden Knaben hinüber, unbewaffnet und seelenruhig wie auf seiner Dorfstraße zuhause. Tief befriedigt kehrte er zurück, hatte aber nichts dagegen, daß sogleich der Anker gelichtet und alsdann noch die halbe Nacht stromabwärts gefahren wurde. Selbst auf dieser Strecke folgte ihnen auf dem linken Ufer ein Haufe halbwüchsiger Knaben und Kinder zu Fuß und zu Pferde, von großen weißen Windhunden geisterhaft begleitet und umschwärmt, während die Schaluppe auf dem Wasser dahinglitt und Strom und Steppe in dem grenzenlosen, vom silberbläulichen Mondlicht erfüllten Rund der Himmelskugel lagen. Janusch war ganz aufgeregt, er hockte neben George und flüsterte mit heiserer Stimme von allem, was sie gesehen hatten, wobei er immer wieder ins Polnische verfiel und zu den am Ufer Dahinreisenden hinüberstarrte, mit bebenden Nüstern die Luft einziehend, als hoffte er den ihm so köstlichen Geruch des Lagers noch einmal zu spüren, nach Pferden, nach Leder, nach Schafmist, nach Milch, säuerlich und gegoren. Und dann war auch hier alles so himmlisch fettig gewesen, sogar in dem Tee, der ihnen feierlich in der Kibitka des Chans dargeboten worden war und der aus einer kunstvollen kupferbeschlagenen Lederkanne herauskam, war zerlassene Butter gewesen und außerdem Milch und Salz; man trank ihn aus Bechern, die gleichfalls von hornhartem Rindsleder waren. Alle diese gelbbraunen glänzenden Gesichter mit den schwarzen strähnigen Haaren, den blanken Äuglein und den breiten Mäulern waren dem Janusch ansprechend und zutrauenerweckend erschienen, die langen dünnen Schnurrbärte der Männer ehrfurchteinflößend und die Rüstung des Chans und seiner Umgebung mit Ringpanzer und rundem Helm, Bogen, Pfeilen und kurzem Feuergewehr gewaltig und königlich. Er hatte das weiße Kamel aus Buchara angestaunt, das ihn hochmütig übersah, denn es war ja das weiße Kamel und es durfte allein den kleinen zweiräderigen Wagen schleppen, der die Heiligtümer enthielt, den fetten kleinen Buddha aus vergoldetem Holz, die Räucherfässer und die Schriftrollen, unter denen der Schamane jetzt zornig hantierte; denn ihm gefiel der Besuch eines friedlichen fremden Mannes nicht, er hielt ihn für einen andern Zauberer. Aber auch die gewöhnlichen Kamele waren sehenswert, wie sie geduldig niederknieten und sich mit vorgebogenem Halse die unerhörten Lasten abnehmen ließen, — ganze Häuser trugen sie an den Seiten ihrer wunderlichen Höcker, überhaupt, was waren das für Tiere? Die Pferde waren zottiger und wilder, die Rinder kleiner und hochbeiniger als zuhause, die Ziegen hatten keine Hörner und die Schafe so fette Schwänze, — kurz, es war alles, alles anders und doch berauschend, schwindelerregend schön, es war kaum ein Unterschied zwischen Mensch und Vieh, alles umdrängte, beschnüffelte und betastete einen, man kam sich gegenseitig nahe, man roch und schmeckte sich und das war es, was Janusch seit Monaten entbehrte, ja, das war es, und so war er jetzt wie betrunken. Er aß Schafkäse und Dörrfleisch und trank gegorene Stutenmilch, er kroch in jedes Zelt hinein, wo auf den Dreifüßen frischer Tschipan in flachen eisernen Schalen gebraut wurde, und die blanken Knöpfe an seinem grünen Kamisol verhalfen ihm zu einem billigen Vorrang vor dem mausegrauen George, der hinter ihm herging, sich unbehaglich fühlte und den Vater herbeisehnte, der endlos mit dem Chan um Waffen und Ledergefäße handelte, ja, dem es sogar gelang, gegen ein Bernsteinkettchen, nach dem es einer schiefäugigen kleinen Dame gelüstete, einer Lieblingstochter des kahlköpfigen Oberhauptes offenbar, eine Gebetsmühle einzutauschen, sehr zum Ärger des Schamanen, der dem Chan die Verfolgung aller bösen Geister prophezeite und hinter den Gästen dreinräucherte, am liebsten entschieden das ganze Lager abgebrochen und an einem andern unentweihten Ort wieder aufgeführt hätte. — Nein, George hatte eine verschwiegene, aber sehr starke Abneigung gegen alle diese bunten Zaubervölker, von denen immer neue auftauchten, so daß nach ein paar Tagereisen die Städte und Dörfer ihr Gesicht wechselten; er liebte es gar nicht, mit dem Vater in die Hütten zu gehen und Gemeinschaft zu haben mit Morduanen, Tschuwaschen und Baschkiren oder wie sie sonst hießen, er hielt sie in der Tiefe seines Herzens allesamt für Räuber, von denen ihm Akim, ein alter Schiffer, mit dem er sich notdürftig verständigen konnte, mehr durch aufgerissene Augen, emporgehobene Hände, dumpfe Kehltöne und eine Gebärde, die das Halsabschneiden anschaulich wiedergab, erzählt hatte. Er kam sich merkwürdigerweise am sichersten vor, wenn weit und breit kaum eine menschliche Ansiedlung zu erblicken war, wenn die Strombreite sich bis zum Horizont ausdehnte, rastlos vorwärts ziehend, das erhabene Antlitz voll der Farbe des Himmels, — wenn ringsum nichts war, als das Rucken der Ruder oder das Knarren des Segelgestänges, das leise hinstreichende Rauschen und Glucksen am Kiel, der Schrei eines Wasservogels und die schläfrige Unterhaltung der Matrosen. Vielleicht auch ihr Gesang am späten Nachmittag oder an einem Morgen, wenn der Himmel mit seinen Wolkenmassen allzu niedrig über der Ebene hing, daß alles so erdrückend traurig ward und die Seele sich aufzulösen suchte, — dann ward in diesem Gesang alles eins, Himmel und Erde, Strom und Mensch, und die sanft bewegte dunkele Linie der Berge war wie eine schwermütige Begleitung, wenn die Töne verschwommen von dort zurückkehrten. Da waren die graugrünen Weiden auf den langen niedrigen Sandinseln, sie spiegelten sich im stillen Wasser und ließen ihre langen Zweige von der Strömung mitschleifen; da waren Fischer, die im Wasser wateten, die ihre Netze stellten und ihre Hütten am Ufer hatten, kaum als Menschen empfunden, sondern als eine Äußerung der Landschaft, — da waren die Mündungen einströmender kleiner Flüsse, von Schilfwäldern verborgen, schamhaft, wie ein Verschmelzen der Liebe. Da war der Geruch nach Teer und Werg und bittrem Holzrauch, von der feuchten Reinheit des Gewässers durchatmet, und zuweilen auch der nach Fischen und faulenden Pflanzen. Das alles war gut, zärtlich und gelinde, George lächelte viel ohne eigentlichen Grund, er saß und besah seine Hände, sehr kleine Hände, wie er fand, sie erinnerten ihn irgendwie an Fieken, die Schwester, die doch noch ein Kind war. Und siehe, da fiel es ihm ein, mitten auf der Wolga fiel es ihm ein, daß er ja selbst nur ein Jahr älter als Fieken sei! Er wunderte sich einen Augenblick, vergaß es aber wieder. Dort handelte der Vater mit einem Bord an Bord mit ihnen fahrenden Fischer um Wälshaut zum Schließen seiner Weingeistflaschen, in denen er gefangenes Gewürm aufhob. George mußte dabei sein, stand daneben, lauschte dem Handel und einem Streit über den Goldfisch, die Beschanaja Ryba, — „Verzehre ihn nicht, Väterchen, er macht toll und Gott gnade deiner hohen Familie!“ Ein Fressen für die Heiden sei er, die Morduanen und Tschuwaschen, — Väterchen lachte und ließ ihn zum Abend bereiten, fand ihn aber langweilig im Geschmack und zog auf die Dauer Sterlett vor, — George lächelte träumerisch und ging zum Bug zurück, wo auch Akim hockte und Körbe aus Weiden flocht, — da saß er und wartete, daß die Seele wiederkehrte, der scheue Vogel, der ihn jetzt dauernd umschwärmte und Wohnung machen wollte, da Formeln und Vokabeln nicht mehr den Platz ausfüllten.
Übrigens staunte er manchmal, wenn er späterhin den Vater von dieser Reise erzählen hörte; Herr Forster wurde dann ganz dithyrambisch und gab Schilderungen von der Wucht der Gewässer, von dem Einfluten der Oka und der Kama, — die Rivalinnen der Wolga nannte er diese beiden, — und der übrigen gewaltigen Nebenströme, von dem Gewander der Barken und Flöße, dem Gesumm der wachsenden Städte, dem Überfluß an Holz in den krachenden Urwäldern und dem geheimnisvollen, unheimlichen und unerschöpflichen Leben der wilden Tiere und Menschen, von denen beide Ufer überquollen. Gewissenhaft suchte er dann in seiner Erinnerung und bemerkte, daß er von alledem nichts wußte. Er erinnerte sich an Akim und an die Fischer und daß er gerne Störrogen gegessen hatte, obgleich er sich ein wenig davor ekelte. Er erinnerte sich an die Frau des reichen Tataren, den sie in Kasan besucht hatten, wie sie auf dem Divan gesessen hatte, von Goldstickerei, von Ketten und Ringen starrend und durch den Dampf ihrer muschelzarten chinesischen Tasse mit den geschwärzten Zähnen zu ihm hinüberlächelnd. Der Vater hatte ihn aus irgendeinem Grunde hier zurückgelassen und war fortgegangen, er hockte klein und bescheiden auf einem Polster neben dem Ofen, in dem ein Feuer brannte, obgleich draußen warmer Spätsommer war. Auch er bekam eine bläuliche Eierschale voll Tee und ein Häufchen klebriger Süßigkeiten auf einem schönen Tischchen vor sich hingestellt, das mit Perlmutter ausgelegt war, aber er schämte sich zu essen unter dem Lächeln dieser Frau, die ihre edelsteinbeladenen feisten Hände nur bewegte, um die Tasse zum Munde zu führen und sie dann leer der Dienerin zu reichen, die ebenfalls beständig lächelte, aber doch mehr wie ein wirklicher Mensch. Er wollte vermeiden sie anzusehen, und ließ seine Augen verzweifelt umherwandern, — da war ein wunderlicher bunter Holzkoffer, mit blankem Zierat beschlagen, kupferne Waschbecken, ein Spiegel, ganz wie zu Hause, und auch Nelken und Geranium am Fenster. Dann aber wieder ein Lackschränkchen mit goldenen Blumen und Vögeln und der Samowar summend und fauchend. Er fühlte, wie ihm warm wurde, übermäßig warm, seine Hände wurden ganz feucht und er hätte sich gern einmal das Gesicht abgewischt, wenn nur die Tatarin … Nun hatte er doch hinübergesehen und war tödlich erschrocken: das Gesicht seiner Wirtin löste sich auf, es rieselte ihr von der Stirn, zog Bahnen durch ihre kohlschwarzen Brauen und rosigen Wangen, ja selbst ihr lackroter Mund ward wie verschmiert, wie eine klaffende blutige Wunde. Mein Gott, was war nur geschehen? Sie schwitzte, die Gute, sie schwitzte; sie hatte diesen wohltuenden Ausbruch, der der Zweck ihres Teetrinkens war, aber in diesem Augenblick saß sie völlig hilflos da, bis die Dienerin mit dem Tuche zur Hand war, einem Tuche, das schon mehrere Wochen zu diesem Zweck gedient zu haben schien. Alsbald war der Samowar zur Seite geschoben, die Tatarin schnaufte zufrieden und genoß ihren Zustand, immer aufs neue von der lächelnden Zofe abgetupft, bis die Ergiebigkeit ihrer Poren erschöpft war. Sodann trat ein Kästchen aus Zinkblech in Erscheinung, das in seinen Fächern vielfarbig leuchtete. Die Tatarin hielt ihr Mondgesicht mit breit verzogenem Munde hin, und nun ward gemalt, gestrichelt und gewischt, immer von dem flinken, behutsamen Mädchen, während das entstehende Kunstwerk regungslos saß und nur manchmal aus schmalen Augenschlitzen zu George hinüberblinzelte. Nun vollendet, verharrte es unbeweglich, die rotgefärbten Fingerspitzen über dem stattlichen Leibe aneinander gelegt und ins Leere lächelnd in dem Bewußtsein übergroßer Schönheit. George geriet so unter den Bann des Eindrucks, dort drüben befinde sich ein Edelsteinschrein, ein Schnitzwerk vielleicht, ein Bild, nur eben kein Mensch, daß er es wagte, die Beine zu bewegen und sich an der Nase zu kratzen, — da sah er, wie die Tatarin die Augen herumwälzte, und gleich saß er wieder versteinert. Nun sagte sie auch etwas zu ihm, sagte dreimal den nämlichen Satz, wobei er sie verzweifelt anstarrte, denn er verstand sie doch nicht, bis sie endlich unzufrieden mit dem Kopf wackelte und verstummte. Dann sagte sie plötzlich mit ganz heller Stimme auf Russisch: „Tschaj? Tee?“ und nickte mit schief geneigtem Haupte. Da er diesmal begriff, bejahte er begeistert, um sie zu erfreuen und jedenfalls nicht zu erzürnen, und sogleich richtete sie einen Strom hastiger Rede gegen die Dienerin, die hinausglitt und mit einem frischen brausenden Samowar wiederkehrte, der alsbald Wasser hervorsprudelte und Dampf spie, während ein frühlingszarter Duft sich im Augenblick des Aufbrühens aus der Kanne erhob, den das Götzenbild befriedigt schnuppernd einsog. Und indem das Mädchen mit leisem Klingeln seiner Armreife und Ohrringe hin und her eilte, um die Tassen zu füllen, — sie trug ein lichtblaues Jäckchen mit Silberstickerei und unter dem engen roten Obergewand weite Pluderhosen, die über den Knöcheln zusammengebunden waren, — indem die Tatarin der heißen Tasse die Zähne zeigte, indem George verzweifelt pustete und die Augen nicht von seinem Gegenüber ließ, kam es mit der Gleichmäßigkeit eines bösen, stets sich wiederholenden Traumes zu demselben Auftritt wie vorhin, einmal, und noch einmal: Teetrinken, Schwitzen und Schminken und dann erst kam endlich der Vater mit dem Tataren zurück, — ja, der Vater hatte gut lachen! —
Überhaupt hatte er sich auf dieser Reise oft gefürchtet, daran erinnerte er sich später besonders gut und daß er sich gewöhnt hatte, mit der kleinen Pfote über den Augen einzuschlafen, wenn er nicht den Kopf ganz im gebogenen Arm vergrub, das stammte von diesen Nächten im Schilf her, in denen immer ein Mann mit geladenem Gewehr wachen mußte, denn die Räuber entstammten nicht nur Akims Phantasie, sondern die Berge waren voll von ihnen, und die Matrosen bekreuzten sich dankbar, wenn wieder ein Wolok, — eine jener angeschwemmten mit Weidengebüsch bestandenen Landzungen vor den Einmündungen der Flüsse, — umschifft war, ohne daß dort Geheul und Flintenknattern aus dem Hinterhalt aufgebrochen war. Auch an die deutschen Ansiedlungen, deren Besuch der eigentliche Zweck des ganzen Unternehmens war, erinnerte er sich nur in verschwimmenden Umrissen, und eigentlich nur an jene Frau, die ihm die Füße gewaschen und ihn zu Bett gebracht hatte wie einen müden kleinen Jungen, gar nicht wie einen „hoffnungsvollen jungen Gelehrten“. Auch daran, daß er da, nach Monaten zum erstenmal wieder in einem richtigen weißen Bett ruhend, trotz aller Erschöpfung noch lange wachgelegen hatte, von einem jähen nagenden Heimweh befallen. Alle diese Erinnerungen aber verblaßten vor jenem letzten schrecklichen Erlebnis mit dem Janusch.
Sie hatten in der Nähe des Kaspi einen Ausflug landeinwärts gemacht, die Sonne prallte blendend von der grauweißen Salzrinde der Wüste ab, die Luft war flimmernd heiß und schwer zu atmen wie von Salzlösung gesättigt, der Janusch war mürrisch und George tieftraurig. Beide stapften sie in finsterem Schweigen hinter dem Vater her, der im Sande grub und Versteinerungen suchte. Akim hatte sie begleitet und nahm die Beute in einen seiner Weidenkörbe auf, die beiden Erwachsenen der Unternehmung waren somit beschäftigt und in bester tätiger Laune, besonders Herr Forster, der fortwährend vor sich hinpfiff und Akim durch neckische Fragen zum Kichern brachte. Ein langgestreckter Hügelrücken erhob sich unter der Menge der Flugsanddünen wie ein ruhender Löwe in einer Herde geduckter Schäfchen, er hatte felsige Flanken und ein von interessanten Tonschichtungen rotstreifiges Fell, also ging Herr Forster auf ihn los wie ein witternder Jäger und sah sich in keiner Weise nach George um, der hinter einem Flugsandhügel zurückblieb, und zwar weil Janusch sich mit einem Laut verzweifelten Unmutes zu Boden geworfen hatte. „Hunger hat er sich, Durst hat er sich, will er sich nachhause, Janusch, armes Hund!“ schluchzte er schnaubend und krallte seine mageren Finger in die spröde bröckelnde Salzkruste. „Is sich furchtbares Land, Wasser, viel zu viel, kein Stall, kein Schwein, kein Garnichts!“ „Wir geben dir doch immer zu essen, Janusch“, sagte George ratlos und nestelte gebückt an dem Frühstückskorb, den der Heulende auf dem Rücken trug, — man mußte ihn stärken, — o Gott! — dies war gewiß ein Kollaps der Kräfte, — Herr Forster befürchtete für sich selbst dauernd Kollapse der Kräfte und erörterte eingehend diese Möglichkeit, — eine Kollation, nicht wahr, über dem Spazieren ward man müde, mußte anbeißen: „Janusch!“
Aber der Janusch hatte sich hingesetzt und wehrte angeekelt ab, — „nicht so!“ Sein Gesicht war rot gescheuert von salzigem Sand, sein krauses schwarzes Haar bestäubt, wie das einst so stolze grüne Kamisol, er zog die Knie an, umschlang sie mit den Händen und starrte aus seinen grellen Augen trostlos gradeaus in die leere Wüste. „Hat sich Hunger schweinernes von Mutter, hu hu!“ fügte er dann hinzu, steckte den Kopf zwischen die Knie und gab sich weiter haltlos seinen Gefühlen hin, die ihm in diesem Augenblick des Zusammenbruches die polnische Sumpfheide mit Mutters Hütte als Paradies erscheinen ließen. Da waren sie alle zerlumpt und zottelig und um den rauchenden Herd war kein Fleckchen ohne irgendwelchen lieben persönlichen Dreck, der sich jahrelang hielt und wärmte. Da roch es scharf und beißend nach ranzigem Speck und Fusel, die so gut schmeckten, hintereinander genossen, versteht sich! Ach, für eine Weile mochte es gut sein, gekleidet zu gehn wie ein Starost, mit Georgie-Panje Gemeinschaft zu haben, sich allen Schimpfens und aller Stallgewohnheiten zu enthalten und dem großen Pan Forster demütig zu dienen wie einem lieben Gott in Stulpenstiefel. Aber seinesgleichen waren sie nicht, diese Menschen, die nach gar nichts rochen außer etwa so zahm und süß wie der Pan Forster nach Lavendel oder etwas anderem, was nicht zu essen war, — und übrigens roch er nicht einmal selbst so, sondern nur seine Hemden und Röcke. Ach, Hemd und Rock, das hatte mit dem Menschen verwachsen zu sein wie sein eigenes Fell und mußte ganz durchtränkt von der Persönlichkeit werden! All diese Gedanken fanden sich nicht etwa in kristallisierter Klarheit in den Hirngängen des Janusch vor, aber sie quollen doch wie Lava rebellisch in seinem ganzen Körper auf und nieder und drängten zum Ausbruch, — denn der Janusch dachte, fühlte und litt mit seinem Bäuchlein und mit seiner Zunge ebensogut als mit dem Herzen und dem Kopf, es ging bei ihm alles einheitlich und verschmolzen vor sich und manchmal hatte er abends geweint, weil er nicht mehr so viel Läuse hatte wie früher und das Kratzen vor dem Einschlafen doch so angenehm gewesen war. Nicht, daß er sich dessen bewußt geworden wäre, aber eben: ihm fehlte etwas!
George war aufs tiefste peinlich berührt und empfand es auf einmal deutlich, daß er den Janusch nicht liebte, ja mehr noch, daß der Janusch trotz des sauberen Kamisols nicht aufgehört hatte, ihm widerlich zu sein, wie daheim, seit seinen ersten Lebensjahren. Aber gerade deshalb fühlte er einen dumpfen Zwang, dem anderen dienen zu müssen, und mit schmerzlicher Überwindung beugte er sich nieder, um die zuckenden Schultern des Janusch zu berühren, — mein Gott, was sollte er nur sagen, und geschah dem Janusch nicht eigentlich ganz recht? Wer hatte immer mit Pferdeäpfeln geschmissen und nicht nur geschmissen, sondern auch getroffen! und das war es doch eigentlich. Und gab es das wohl überhaupt, Heimweh nach einem Stall, in dem Hühner, Katzen, Schweine und Menschen zusammen hausten? Gleichviel, der Janusch heulte, er sprudelte Flüssigkeit von sich in wütendem Schluchzen, er ließ sich gehen, war menschlich, war arm … Was tat man mit ihm? Wenn nur der Vater …
In diesem Augenblick erzitterte von fernher die Erde, sie wußten beide zunächst nicht, woher die glühende Lautlosigkeit der Wüste diesen dumpfen Trommelwirbel nahm, der Luft und Boden erschütterte. Janusch war aufgefahren und starrte George an, der seinerseits mit beiden Händen in die Höhe gezuckt war und mit offenem Munde dastand. Er hatte aber keine Zeit weder aufzuschreien noch davonzulaufen, er machte einen mühseligen Versuch, die nächste Düne zu erklettern, blieb jedoch auf halber Höhe liegen, Ärmel und Schuhe voll Sand. Und da lag er denn und sah. Auf zottigen kleinen Pferden kam ein Reitertrupp herangebraust, von Waffen starrend, die Ringelpanzer in der Sonne glänzend, Haarschöpfe hoch auf dem runden Schädel scharf abgebunden, im Winde flatternd. Unmöglich, einen einzelnen ins Auge zu fassen, wie die hundertmal wiederholte Erscheinung eines höllischen Grinsens rasten sie vorüber auf die Pferdeköpfe geduckt und schnatternde Schreie ausstoßend wie ein Zug wilder Gänse. Flimmernder Staub umwölkte sie, Sand spritzte unter den Hufen. Der letzte ritt in einigem Abstand und um einen Bruchteil langsamer, er war der einzige, der die Knaben bemerkt zu haben schien, denn mit wahnsinniger Geschicklichkeit drehte er sich ohne anzuhalten auf dem Pferderücken herum, — er ritt ohne Sattel und Bügel —, indem er die eine Hand rückwärts aufstemmte und die lederumwickelten Beine durch die Luft schwang. Er war unbewaffnet, — war er der Hanswurst oder der Koch des kriegerischen Zuges? —, er vollführte ein paar greuliche Faxen mit aufgerissenem Rachen und wildfuchtelnden Armen, um die Knaben zu erschrecken, zu unterhalten … George war wie betäubt, wie geblendet, er sah ohne zu sehen, aber der Janusch, um Himmels willen, was kam dem Janusch bei? Mit ausgebreiteten Armen machte er ein paar Schritte, lief er, ja wahrhaftig, da lief er dem Kerl nach und der, mit derselben teuflischen Geschwindigkeit sich wieder im Sitz herumschwingend, machte kehrt und kam zurückgeflogen, wie das schlagende Wetter. Ein Niederbeugen im Fluge, ein gellender Raubvogelschrei, und da saß der Janusch vor dem Kalmücken, die Arme um den Pferdehals geworfen und noch einen Blick zu George sendend, in dem Gott weiß was lag, Angst jedenfalls, aber auch Triumph ohne Grenzen, und George fragte sich später immer wieder, ob es wohl möglich sei, daß der Janusch in jenem Augenblick, als sein Schicksalsfaden wie rasend abrollte, imstande gewesen war, ihm die Zunge herauszustrecken, — oder ob das eine Augentäuschung seinerseits war, hervorgerufen durch die Gewöhnung an gewisse Eindrücke, ausgehend vom Mienenspiel des lieben Janusch?
Hierzu ist nur zu bemerken, daß es nicht gelang, dieses Bedienten ohnegleichen wieder habhaft zu werden, und daß, wie schon gesagt, dieses Erlebnis das letzte deutlich umrissene in Georges Erinnerung an die Wolgareise blieb. —
Der andere Knabe war in die Uniform irgendeiner militärischen Erziehungsanstalt gekleidet, einen knapp sitzenden blauen Frack mit spärlichen Silberknöpfen; er hatte den schwarzen Dreispitz unter dem rechten Arm und die linke Hand am Knauf des Degens, der fast wagrecht von seiner Hüfte abstand. Er trug zwischen den mit Eiweißkleister haltbar gemachten und dick überpuderten Haarrollen an den Schläfen ein ungeheuer gelangweiltes Gesicht zur Schau, veränderte es aber aufs liebenswürdigste, sobald der Blick einer Dame ihn traf, etwa gar das hurtig wandernde Auge seiner gnädigen Tante, der Fürstin Daschkow, der geistvollen jungen Staatsdame Katharinas, die ihn, den bedauernswerten Michail Grigorjewitsch, zu dieser nichts weniger als glänzenden Soiree bei Hofe mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, Hofgesellschaft anzutreffen, — nun, etwa den „engeren Kreis“, — und Stoff zur Unterhaltung der Kameraden zu sammeln wie eine Honigbiene. Und nun war hier, in den Sälen der Eremitage, fast die gesamte Akademie versammelt, lauter greise Männerchen mit gebückten Schultern und die Hände auf dem Rücken, wie er entrüstet in Bausch und Bogen feststellen zu müssen glaubte, obgleich eigentlich nur der D. Pallas, der dort drüben mit dem riesigen Deutschen plauderte, diese Haltung innehielt, und — freilich, dies war lächerlich, — neben ihm das Wunderkind, der Sohn des Deutschen, in einem Ableger von seines Vaters mausegrauen Rock gekleidet und mit Strümpfen, die über den Knöcheln Falten schlugen, das stand auch so da und guckte von unten schief zu dem großen Pallas hinauf, der es körperlich übrigens kaum überragte. Die Kaiserin war nicht mehr anwesend. Sie hatte der Versammlung ihre Gegenwart nicht viel länger als eine Viertelstunde gegönnt, und hatte den Eindruck hinterlassen, daß man sie gelangweilt habe, weshalb eine Art von Schuldbewußtsein die Stimmung der Gesellschaft drückte. —
George sah indessen nicht so sehr auf die farblosen Lippen des Kollegienrates, als daß er mit einem Ausdruck verlegener Sehnsucht zu dem anderen Knaben hinüberschielte, dessen Blick er spürte, den er aber um nichts in der Welt anzureden gewagt hätte. Er hatte ihn entdeckt, sobald er den Saal betreten hatte, und war sofort von der Hoffnung befallen worden, der Vater möchte sich mit ihm still und bescheiden an die Wand stellen, — eben neben jenen Knaben, — denn die Gesellschaft dünkte ihn glänzend, großartig und furchteinflößend, so sehr verwechselte er den Eindruck des durch hunderte von Kerzen erleuchteten sechseckigen Spiegelsaales mit dem der sich darin bewegenden Menschen. Einzig Simon Kotelnikow, der Oberbibliothekar, trug einen ponceauroten Schoßrock und eine reichgelockte Staatsperücke und nahm sich zwischen seinen Kollegen aus gleich einem Paradiesvogel unter einem Krähenvolk, wie er so umherwippte und überall gastfrei den Deckel seiner goldenen Dose aufspringen ließ, der Katharinas Bildnis en miniature zeigte. Böse Zungen behaupteten, er sei einzig deshalb so freigebig, um das Gespräch auf diese Dose, ein Geschenk der Kaiserin, zu bringen. In Wirklichkeit war Kotelnikow dem Schnupftabak dermaßen ergeben, daß er in der Stunde nicht weniger als sechs Prisen brauchte, — „um den Olymp zu entwölken“ meinte er, auf seine gewölbte, von feinen Falten liniierte Stirn weisend, — deswegen hielt er in Gesellschaft seine Dose für jedermann offen und bediente sich selbst wie aus Zerstreutheit zu gleicher Zeit. Er besaß außer dem Ehrgeiz, Voltaire zu ähneln, keine Eitelkeit, und sein häßlich-slavisches braunes Gesicht mit der eingedrückten Nase und den funkelnden braunen Äuglein gab ihm ein gewisses Anrecht darauf. Aber eine ganz hoffnungslose Güte, die unausrottbar in seinem Herzen wurzelte, zerstörte immer von neuem seine Versuche, dem großen Vorbild an spielender Bosheit ähnlich zu werden, so sehr er auch dagegen anwütete und sich selbst den Bösen vormimte.
„Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, sagte er eben mit dem verzweifelten Versuch zu einer Blasphemie, die ihm selbst so widerstrebte, daß sich sein ledernes Gesicht völlig verzerrte und es ihm in der Hand zuckte, sich zu bekreuzen, welche Regung er, maßlos über sich selbst erschrocken, noch rechtzeitig unterdrückte, indem er dem jungen Forster die Hand auf die Schulter legte.
„Welcher Stolz mag das Herz eines Vaters im Besitz eines solchen Sohnes schwellen!“ fuhr er fort und hielt die geöffnete Dose ins Leere. „In der Tat, Monsieur Forster,“ sagte er mit fieberhafter Eindringlichkeit zu Georges Vater aufblickend wie eine alte verliebte Frau, „Ihr Sohn hat uns mit seinem Bericht über das Biberdorf in der Woloschka bei Fedorowka alle beschämt, uns Veteranen der Wissenschaft, ist es nicht so — he, Pallas?“ fragte er, mit der Dose den Kollegen bedrohend, der gelangweilt eine halbe Schwenkung von ihm weg machte und sein Gespräch mit Forster über die Völker längs der Wolga fortsetzte. „Sie werden mich besuchen, Väterchen!“ brach es nun unbezwinglich aus Kotelnikow hervor und er umarmte George fast, „ich bin nur ein alter Mann, aber ich besitze doch einiges, was Ihr Herz erheitern möchte. Wie, sollten Sie nicht meinen Sekretär mit Musik zu sehen wünschen oder meinen zahmen Papagoyen? Er stammt aus Surinam und ist ein Geschenk von Madame Merian, meiner gelehrten und berühmten Freundin. Sie studiert speziell die Insekten und malt und zeichnet sie samt den Blättern und Pflanzen, die sie zum Aufenthalt bevorzugen, Sie werden diese kleinen Meisterwerke im Museum der Akademie vorfinden. — Ich, mein Freund,“ setzte er hinzu, faßte George vertraulich unter den Arm und zog ihn mit sich fort, „ich finde unter uns gesagt mehr Geschmack an den schönen Künsten als an der unverarbeiteten Natur. Aber lassen Sie das hier nicht laut werden, alles, was Sie hier an Kapazitäten vereinigt sehen, huldigt den Naturwissenschaften und der Mathematik, wie ich ja selbst zur Mathematikklasse gehöre, — aber passons çi-devant! Sehen Sie, dort drüben, der Wohlbeleibte im blauen Frack ist mein Kollege Äpinus, — er hat den Annenorden, Pallas und Euler sind Ritter des Wlodomirordens. À propos, hören Sie ein Epigramm von mir, es ist allerliebst, ich muß es sagen (es ist deutsch, des großen Lessing würdig):
Zerbrach auch längst die Marmorsäule,
Drauf Pallas stand mit ihrer Eule:
Hier ist sie wieder aufgebaut,
Wo Pallas seinem Euler traut.“
Er kicherte hastig, geriet ins Hüsteln und klopfte dem verlegenen George auf den Handrücken. „Die beiden können sich nämlich gegenseitig nicht ausstehen!“ röchelte er ihm noch ins Ohr und verließ ihn, plötzlich auf den Spieltisch zutänzelnd, an dem die Fürstin Daschkow mit dem Astronomen Rumowski und dem Franzosen St. Pierre Platz genommen hatte. George sah sich auf einmal völlig allein dem Glanz der Spiegel, der kristallbehängten Kronleuchter und des eisblanken Parketts ausgesetzt, etwas wie Platzangst lähmte ihn und er wagte keinen Schritt zu tun. Außerdem kam er sich durch Kotelnikows Vertraulichkeiten ebenso wie durch dessen plötzliches Vonihmablassen vor dem anderen Knaben bloßgestellt vor und blickte unglücklich hinüber, ob dieser ihn wohl beachtet habe. Er sah ihn noch immer in der gleichen Stellung vor dem überlebensgroßen Bilde eines Generals mit der Allongeperücke, der auf einem hochgebäumten Pferde saß, stehen, als sei er dort zur Ehrenwache bestellt, die Linke am Degenknauf, die Nase keck und gelangweilt zugleich in die Luft gestreckt. Aber obgleich er George nicht zu beachten schien, ging mit einem Mal ein Ruck durch seine Glieder, er kam mit etwas steifen abgemessenen Schritten auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.
„Mein Herr,“ sagte er auf Französisch, „Sie kommen aus Deutschland: haben Sie den König von Preußen gesehen?“
George fühlte all sein Blut zum Herzen schießen und seine Knie wankten.
„Nein, mein Herr!“ stammelte er und hatte hierauf noch eine Sekunde das Glück, die blaßblauen Augen Michail Grigorjewitschs aus nächster Nähe mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung auf sich gerichtet zu sehen. Hierauf wandte sich dieser junge Mann schweigend ab und schritt zu seinem Standort zurück, während von der anderen Seite glücklicherweise der Vater nahte, um George nach einigen Abschiedszeremonien mit sich fortzunehmen.
In den Tagen nach dieser Soiree in der Eremitage war der Vater auffallend schlechter Laune, was sich, wie immer, darin äußerte, daß er nicht mehr als das Notwendigste sprach und sehr majestätisch und vorwurfsvoll aussah. Ohne weitere Erklärungen abzugeben, entließ er den Lohnlakaien und fand den Mietskutscher ab, welche beiden er sich seit der Rückkehr nach St. Petersburg als unentbehrlich für die Gewohnheiten eleganter Reisender gehalten hatte, ebenso wechselte er den teuren Friseur vom Newski-Prospekt mit einem Biedermann, der in Gostinnoi dwor, dem großen Bazar, eine Badestube für jedermann hielt. Schließlich, was das Einschneidendste war, er befahl George die Koffer zu packen, und im Umsehen vollzog sich eine Übersiedlung aus dem Demuth’schen Gasthof in der Nähe des Winterpalastes zu der Witwe Olga Nikolajewna Demidow, die im Wiborgschen Stadtteil ein hölzernes Häuschen besaß und den ganzen Tag über billige Tränen darüber vergoß, daß Fremde in den Federbetten des seligen Fedor Wassiliewitsch lagen, — aber was tat sie nicht dem Kollegienrat Stephan Rumowski zuliebe, ihrem Freunde, der sie überredet hatte, diese Deutschen ins Haus zu nehmen?
Indessen war ein fabelhafter Winter hereingebrochen und lag über der Stadt, den wollig weißen Bauch auf den Boden gepreßt wie ein ungeheures Polartier. Er war eisblau und rauchig, er hatte sich in die Erde gefressen, hielt störrisch stand, er wich und wankte nicht. Ganze Wälder gingen in Flammen auf, um ihn aus den Häusern zu vertreiben, und die russischen Öfen waren die einzigen wahren Freunde in der kalten fremden Stadt. George wärmte seine Hände an den Kacheln, ehe er sich morgens an sein mühseliges Tagewerk setzte, denn er übertrug ein deutsches Werk über Pflanzenkunde ins Französische und saß gebückt über Papier und Wörterbüchern, nur zuweilen aufstehend, um den Samowar zu bedienen, den anderen Freund, der unerschöpflich belebenden Tee spendete. Der Vater hatte sich angewöhnt, ihn nach russischer Art kochend heiß zu trinken, Tee und Tabak, die waren es, die ihn aufrecht hielten, während er George gegenüber ächzend an seinem Gesetzentwurf für die deutschen Wolgakolonien arbeitete. Dieses Werk hatte die Regierung von ihm gefordert, nachdem er zwei Monate lang in den Vorzimmern aller Großen herumgesessen hatte, um seines, wie er meinte, mehr als wohlverdienten Lohnes für die in einer Denkschrift niedergelegten Reisebeobachtungen teilhaftig zu werden.
„Als ob ich mich ihnen an den Hals geworfen hätte!“ schnaubte er zwischendurch seinem Sohne zornig zu, und vergaß völlig, wie angelegentlich er seinerzeit in Danzig Herrn von Rehbinder hofiert hatte, vergaß auch, daß nach den leider nicht vertragsmäßig festgelegten Abmachungen ein Teil seiner Belohnung in den Reisekosten bestanden hatte, — oder vielmehr, er vergaß dies nicht, redete sich aber nachdrücklichst ein, daß natürlich der größere Teil des ihm Zukommenden noch ausstehe. Ha, wenn es ihm nur gelingen wollte, bis zu Ihrer Kaiserlichen Majestät durchzudringen, aber da war ja ein Ring, eine Kette war um sie hergezogen und niemals erfuhr sie vielleicht, daß der unschätzbare Forster, den sie doch selbst herangezogen hatte, — nun, hatte sie etwa nicht? — „George, sage es selbst!“ — daß dieser Mann in ihrer Nähe darbte, — „ja, nächstens darben wir, George!“ — weil ihm „das ihm Zukommende“ vorenthalten wurde.
Tatsache war, daß Graf Grigori Orloff, von Gardener unaufhörlich überlaufen, eines Tages naserümpfend, da er alle wissenschaftlichen Unternehmungen Katharinas gründlich verachtete, zur Fürstin Daschkow gesagt hatte: „Dieser Deutsche redet so viel von seinen Verdiensten um die Krone, — worin bestehen sie eigentlich?“ Worauf die gelehrte Dame, ebenfalls naserümpfend, denn sie ihrerseits verachtete wiederum gründlich die Liebhaberei der Kaiserin für so schöne dumme Tiere, wie der Graf eins war, erwidert hatte: „Jedenfalls nicht in Bestrebungen, dieser Krone Erben zu sichern!“ Und mit dieser so spitzen und beinahe schnippischen Antwort war die Angelegenheit Forsters zwischen dem damaligen Günstling Katharinas und der zukünftigen Präsidentin der russischen Akademie abgetan worden, so daß freilich keine Hoffnung mehr bestand, die Kaiserin könnte gerade über diesen ihren wertvollen deutschen Diener unterrichtet werden. Denn da die Aussendung Herrn Forsters ins Wolgagebiet ganz mit Umgehung der Akademie vor sich gegangen war, hatte auch diese vortreffliche Anstalt eine Neigung, seine Leistungen so einzuschätzen wie eben die Liebhaberarbeiten eines Privatmannes, und das war’s, was Herrn Forster an jenem Abend klar geworden war.
Er war ungeheuer empört und George trug dies in Demut, ohne ganz zu begreifen, er nahm die Stimmung des Vaters, die sich immer wieder prasselnd entlud, hin wie ein Schicksal und gedachte der Tage auf der Wolga wie eines himmlischen Zufalls. Ja, schon in diesen Jahren legte er den Grund zu der Anschauung, daß das Unglück der natürliche Zustand des Menschen sei, Glück aber beinahe gleichbedeutend mit Unrecht. Mit dieser Auffassung befand er sich im ausgesprochensten Gegensatz zu seinem Erzeuger, der von Anbeginn an mit dem Leben schmollte, wenn es ihm sein Behagen, seine Speckseiten, mit einem Wort: „das ihm Zukommende“ vorenthielt, — hatte er es aber, so bediente er sich seiner mit der kindlichsten Selbstverständlichkeit, denn jetzt tat der liebe Gott ja nicht mehr, als er schuldig war.
War nun in mühseliger Arbeit das kärgliche Tageslicht erschöpft, gegen drei Uhr nachmittags also, so begann der Vater auf seinem Sessel unruhig zu werden und langsamer zu schreiben, er blickte aus dem Fenster zum Himmel, der sich über dem stumpfblauen Weiß der Dächer golden und rosig zu färben begann, und plötzlich stand er auf und begann sehr eilfertig seine äußere Erscheinung zu verschönern, wozu George schon am frühen Morgen das Notwendige bereit gelegt hatte, vor allem die apfelgrüne Schoßweste aus Seidensamt mit den Knöpfen aus Bergkristall, die der Vater neulich in dem großen englischen Bazar der Brüder Hawksford erstanden hatte, nachdem er wohl eine Stunde lang die zwölf Säle dieses Wunderhauses durchkreist hatte und immer wieder vor der Weste gelandet war, bis er endlich entschlossen sagte: „George, dein Urgroßvater war Engländer!“ Und hiermit waren die letzten Bedenken, sich für acht Rubel zum Besitzer dieses köstlichen Kleidungsstückes zu machen, überwunden gewesen. —
So weißgepudert und rosig von Angesicht leuchtete er über schneeweißem Jabot und grüner Weste, wie der leibhaftige Frühling von Yorkshire, und glich in nichts einem preußischen Prediger, was auch sein Ehrgeiz nicht war. Übrigens hatte man sich selbstverständlich auch mit Pelzwerk und den riesigen russischen Überschuhen versehen müssen, und so ausgerüstet betrat man alsbald die Straße, der Vater neugierig, vergnügungssüchtig und hungrig wie eine große stürmische Dogge, die vor lauter Lebensüberschuß tobt und bellt, George hinterdrein wie ein verfrorenes Pinscherchen, das nur ausgeht, weil es muß. Obgleich er den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen hatte, als des Morgens zum Tee einen Kalatsch, eine dieser zähen russischen Semmeln, war er sich seines Hungers doch nicht bewußt, sondern nur einer allgemeinen grausamen Erschöpfung, einer Sehnsucht nach dem warmen Bett und eines flauen Geschmackes im Munde. Die Kälte machte ihm den Atem stocken und legte sich mit Klammern um seine Brust; Hände und Füße erstarrten, die Augen tränten ihm und halbblind stolperte er hinter dem Vater drein, der gewaltig ausschritt, vom weißen Gewölk seines Atems prächtig umwallt, im Siebenkragenpelz wie ein wandelnder Berg. Saßen sie dann glücklich in der sauren Wärme einer Garküche dem Ofen möglichst nahe und die Hände um das dampfende Teeglas gelegt, das sofort vor jeden Gast hingestellt wurde, so wurde es ja etwas besser, langsam, ganz langsam kam dann auch ein wenig Appetit über ihn, er leckte wie ein Kätzchen seine Schale mit Kascha aus und knusperte seine Pirogge, mit leiser Spannung auf ihren Inhalt bedacht und enttäuscht, wenn das Fisch war. Der Vater war sich wohl bewußt, daß es eigentlich unter seinem Stande war, zu einem Trakteur zu gehen, aber sein Hunger war größer als sein Standesgefühl, und ehe er in einen Gasthof ging, wo es für schweres Geld doch nicht satt zu essen gab, zog er mit dem Knaben lieber von einem fliegenden Händler zum andern, um an jeder Straßenecke etwas zu sich zu nehmen und dabei der Unterhaltung mit dem Volk zu pflegen, was er liebte, George aber fürchtete, denn er argwöhnte nicht ohne Grund, daß das Volk sich über das deutsche Väterchen belustigte und ihm mehr Geld abnahm, als sich mit der Rechtlichkeit vertrug. „Ein solches Leben, mein Sohn, läßt sich nur nach den strengsten Grundsätzen der Ökonomie führen“, sagte Forster jedoch nach derartigen Mahlzeiten befriedigt zu seinem Sohn und schlug den Weg zur Newa ein, um dem letzten Tagesschein noch eine Wenigkeit Amüsement abzugewinnen. Hier spielte das dicke Wintertier Fangball mit seinen Russen und der ganze breite ebene Raum der erstarrten Flußfläche zwischen Wassili Ostrow und dem Wiborgschen Stadtteil war eine einzige große Kinderstube voller Geschrei und Getümmel. Da gab es Eisberge mit Rutschbahnen, die auf flachen kleinen Schlitten hinunterzusausen Herrn Forsters Wonne, aber Georges Schrecken war, da veranstalteten die Schafpelze, die Bauernkutscher, die lustigen schmierigen Iwanuschki, die den Winter über in „Piter“ ihr prächtiges Auskommen fanden, Wettrennen auf der spiegelebenen, schneestäubenden Bahn, andere spielten Fußball, rangen und boxten und aus den Bretterbuden der Kabacken stieg unaufhörlich der schöne bläuliche Holzrauch, jedem Erschöpften Wärme, Tee und ein Schälchen verheißend. Dazwischen, auf den mit Tannenzweigen abgesteckten Verkehrswegen wälzte sich das Leben der wimmelnden Stadt schellenklirrend und geschäftig herüber und hinüber, während hinter der Kuppel der Isaakskirche der Tag verlohte und hier unten die Pechpfannen und Fackeln aufglühten, sich im Nebel mit zitternden Kreisen wechselnden Lichtes umgebend. Es war allenthalben eine Herzlichkeit sondergleichen, man war zärtlich für einander besorgt und rieb sich die Nasen mit Schnee, auch wenn es noch gar nicht nötig war, die Kälte zauberte Kräfte hervor, die Kälte machte betrunken und selig, weil man selbst so von innerer Wärme strotzte, die Kälte, kurz, war die eigentliche Mutter der Petersburger, sie säugte sie mit Tee und Schnaps und machte sie wieder zu Kindern. Hier war Reinhold Forster in seinem Element, sein großes Lachen dröhnte hinter den Iwanuschki her, die ihre Pferdchen peitschten und anschrieen, und mit ihm lachte behaglich das Volk, daß ihm die Bärte wackelten. Es mußte wohl alles so sein, dachte George, der von einem Fuß auf den andern trat, weinerlich vor Kälte und mühselig schnüffelnd. Aber, mein Gott, wie sehr zog er es vor, den Abend in der Studierstube eines Freundes zu verbringen, etwa bei dem gelehrten und gütigen Pallas, wo der Vater disputierend doch auch glücklich war, und wo man ihn, der hinter dem Ofen auf einem Schemel hockte, vergaß, so daß er im Halbschlummer sonderbare Traumreisen in die sommerlichen Wolgagefilde oder in den Lichtkreis von Mutters Kerze antrat, die jetzt doch auch brannte, fern, irgendwo, wo er vor hundert Jahren einmal im Paradiese gewesen war.
Im Frühjahr, hieß es immer, — und: wenn das Eis bricht, — und schließlich: wenn die Geschäfte abgewickelt sind … dann, ja dann würde die Heimreise angetreten werden. Was freilich dann begonnen werden sollte, darüber grübelte der Knabe manchmal vergeblich nach, denn es beunruhigten ihn unklare Ahnungen von der Gefährdung ihrer Existenz und ein instinktiver Zweifel an seinem so prächtigen Vater, den er jedesmal, wenn er sich bemerkbar machte, erschrocken wieder ins Unterbewußtsein hinabstieß, von seiner Sündigkeit überzeugt. In einem der spärlichen Briefe, die von der Mutter kamen, hatte gestanden, daß sie schon im Herbst genötigt worden war, die Pfarre einem neuen Prediger zu räumen, da von obrigkeitlicher Seite auf den im Auslande säumenden Herrn Forster verzichtet wurde. Der Vater hatte sofort gerufen, daß er dies nicht anders erwartet habe, daß es aber trotzdem eine Infamie sei und daß er mit den Herren schon abrechnen werde, — schon abrechnen … Jedoch ließ sich einstweilen nichts daran ändern, daß die Mutter mit den fünf Kindern bei Verwandten in Danzig Wohnung nehmen mußte und daß diese Tatsache zusammen mit der unsicheren Zukunft Herrn Forster gelegentlich beunruhigte, wie ein kranker Zahn, der doch einmal weh tun könnte. In solchen Tagen ließ er sein unterirdisch arbeitendes Pflichtgefühl, — eine lästige, — eine höchst lästige Krankheitserscheinung, — an George aus, es hagelte Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens und der Himmel ward zum Zeugen angerufen, daß es nicht seine, des unglücklichen Vaters, Schuld sei, wenn die Bildung des Knaben lückenhaft bleibe. War es nicht der Himmel, so war es Herr Dilthey, der deutsche reformierte Prediger, den man Forster als Beirat bei seiner Arbeit zugeteilt hatte, — auch so eine Kabale, zweifelte man an seinen Fähigkeiten?! — und Herr Dilthey, ein pünktlicher Herr im schwarzen Habit und kein Freund von Extravaganzen, der in diesem vagabondierenden Amtsbruder einen Hohn auf die Würde des Standes sah, bemerkte gelangweilt:
„Wir haben hier Schulen, Verehrtester, bedienen Sie sich derselben!“ worauf Forster ihn mit einem schiefen Blick ansah und in mürrisches Schweigen versank, denn er hatte nun einmal den Ehrgeiz, den Quell von Georges Bildung aus der Brunnenstube des eigenen Wissens zu speisen, — zudem kosteten Schulen Geld. Indes, um vor den Augen dieses Dilthey zu bestehen, entschloß er sich in den nächsten Tagen zu entscheidenden Schritten, und seiner Beredsamkeit an gewissen Stellen gelang es diesmal wirklich, im Gymnasium der Akademie wenigstens einen halben Freiplatz zu erlangen. So geschah es, daß George, zwölfjährig, in den drei ersten Monaten des Jahres 1767, zum erstenmal in seinem Leben eine Schule besuchte. Dort verhöhnte man ihn um seiner Aussprache des Russischen willen, man versteckte seine Bücher und verdarb seine Federn, man malte mit Kreide abscheuliche Dinge auf den Rücken seines mausegrauen Rockes und nannte ihn „Krähenfresser“, weil er unvorsichtigerweise einmal erzählt hatte, daheim habe der Vater manchmal Krähen geschossen und dieselben schmeckten gebraten nicht übel. Trotz alledem war er in dieser Zeit oft sehr glücklich, denn er hatte eine heimliche zitternde Neigung zu einem viel älteren Knaben, einem großen, faulen Schlingel, der sich von ihm den Horaz übersetzen und ihm dafür gelegentlich einen lässigen Schutz angedeihen ließ. Dieser Immanuel Oberhof, eines deutschen Kaufmanns Sohn, erinnerte ihn so stark an den Kadetten, den er bei der Fürstin Daschkow gesehen hatte, daß er der unausgesprochenen Überzeugung war, es tatsächlich mit diesem zu tun zu haben, und das Gespräch immer wieder auf den König von Preußen brachte, in der Hoffnung, sich hierdurch interessant zu erweisen. —
Die Butterwoche des Karnevals vor den Fasten war noch ein Höhepunkt in Reinhold Forsters Petersburger Aufenthalt. Er hatte seine Arbeit beendet, sie war in den Händen des Grafen Orloff und somit seiner Ansicht nach auf dem besten Wege zur Kaiserin selber, der er in der nächsten Zeit vorgestellt zu werden hoffte. Er dankte nunmehr Herrn Dilthey ab, der nachgerade anfing, ihm überlästig zu werden, das heißt, er verabschiedete sich mit einer feierlichen Vormittagsvisite von diesem zugeknöpften Herrn, der dies mit gehaltener Verwunderung entgegennahm und behutsam anfragte, ob Monsieur Forster denn glaube, seine Angelegenheit würde sich nun mit Geschwindigkeit abwickeln? Warum sie das nicht solle? fragte Herr Forster streitbar zurück. Er hatte zu der apfelgrünen Weste einen neuen pfirsichfarbenen Rock an, angeschafft für sein Erscheinen vor Ihrer Majestät, jetzt aber einzig mit der Absicht angelegt, Herrn Dilthey zu ärgern. „Warum also nicht?“ wiederholte er angelegentlichst und richtete seine Augen mit der unschuldigen Selbstzufriedenheit eines gesättigten Säuglings auf sein verkniffenes Gegenüber, wobei er die gesunden roten Backen unmerklich ein wenig aufblies. Herr Dilthey ließ einen mitleidigen Blick von ihm zu George gleiten und begnügte sich damit „Mon Dieu!“ zu sagen. Der Ton aber, in dem dies geschah, war geeignet, den Gast zu verstimmen. Er brach denn auch bald auf und war, kaum war die Haustür hinter ihnen zugefallen, im Begriff, sich seiner Meinung über diesen knöchernen Gesellen George gegenüber gründlich zu entäußern, als er fast zusammenstieß mit einem — nun mit einem Subjekt, — einem Subjekt in einem abgeschabten Schafpelz, das sich demütig beiseite drückte, als Herr Forster auf deutsch fluchte, dann aber standhielt, als der Fluch überging in die verwunderte Begrüßung: „Der Kuckuck, — Betzel! — Er ist das?!“
In der Tat war es der ehemalige Reisegefährte, der da vor ihnen stand wie der Schatten seines einstigen Selbst, und Forster wiegte mitfühlend sein Haupt, indem er leise mit der Zunge schnalzte, als er diese Erscheinung musterte, die im Vergleich mit ihrer früheren Gedunsenheit jetzt wie ein Gummiball aussah, der ein Loch bekommen hat. Betzel lachte ein wenig krampfhaft und gab an, zu dem Ehrwürdigen Dilthey zu wollen, in der Hoffnung, durch dessen Vermittlung eine Stelle zu finden, denn seine Projekte seien fehlgeschlagen, jawohl, es sei nichts mit jenem aus Hammelfett destillierten Öle, und er sähe ja selbst ein … Er führte nicht des näheren aus, was er einsähe, aber er stand so ungemein bescheiden und kummervoll vor dem prächtigen Forster, daß George vor peinlicher Beschämung nicht aufzusehen wagte. Indessen lachte der Vater überlaut und drehte Gotthold Betzel um, ihn unter dem Arm ergreifend und mit sich fortziehend. Jetzt werde man erst einmal miteinander frühstücken, dann sei es immer noch Zeit, Schritte zu tun, wenn denn Schritte nötig waren. Der Tag verlief hierauf auf das fettste und lustigste, und nachdem Gotthold Betzel etliche Schälchen zu sich genommen hatte, war er ganz der Alte, und Forster belustigte sich damit, seine Bierbankprahlereien immer höher zu schrauben und neue Projekte aus ihm hervorzulocken, kurz, er spielte ganz den großen Herrn, dem sein gutes Geld es gestattet, einen Hanswurst zu halten, und George saß daneben, bald ihn, bald Betzel anstarrend wie ein böses teuflisches Schauspiel. Ihm war weinerlich zumute, er hätte nicht sagen können warum, doch spürte er wohl mit unendlich viel zarteren Nerven als der Vater, daß der Strudel sie schon erfaßt hatte, daß der Wirbel sie mitriß und der Abgrund an ihnen saugte. — — —
Herr Forster begann nicht zu trinken, obgleich er es hundertmal die Woche verschwor, er schlug George auch nicht mehr als sonst, — das Erlebnis wachsender Hoffnungslosigkeit und steigender Verzweiflung war zu neu für ihn, als daß er sogleich die Stellung herausgefunden hätte, die er dem gegenüber einzunehmen hatte. Aber es fiel so allmählich alles von ihm ab, sein ganzes gehaltvolles Auftreten sank in sich selbst zusammen, es war, als drehte ihm eine unsichtbare Hand die Rückenwirbel einzeln heraus. Ende Februar hatte er noch die Kraft, in seinen vier Wänden gewaltig zu toben, und dann, gleichsam mit Entrüstung vollgepumpt, stürzte er zum Grafen Orloff, um in dessen Vorzimmer die schöne angesammelte Spannkraft in stundenlangem Warten langsam entweichen zu fühlen. Würde man ihn etwa wieder nicht vorlassen?
George hatte es sich angewöhnt, mit zur Schau getragenem fieberhaften Eifer zu arbeiten, wenn der Vater von diesen Gängen heimkehrte, manchmal lag er auch schon im Bett und schien zu schlafen, denn nichts fürchtete er so, wie des Vaters leeren Blick, in dem eine Ratlosigkeit sondergleichen stand. Ebenso schrecklich empfand er das veränderte Wesen des Gestrengen, das auf einmal gleichweit entfernt von aller lärmenden Anmaßung wie von jener pausbackigen Lustigkeit war, die etwas Kindliches an sich hatte und seinen Ansprüchen den Schein von Selbstverständlichkeit gab. George fühlte, daß er einen sanften Vater, der um seine Stiefel bat und für kleine Dienste dankte, weniger ertragen konnte als den alten König Minos. Da der Vater nun gänzlich aufgehört hatte, zu arbeiten, aber dennoch eine geheimnisvolle Geschäftigkeit mit Briefschreiben und Ausgängen, auf denen George nicht mitgenommen wurde, an den Tag legte, schloß er mit Recht auf den bevorstehenden Aufbruch und lauschte den empörten Klagen des Vaters über den Grafen Orloff zwar mit demütig entrüstetem Gesicht und indem er bisweilen ein zorniges dumpfes: „O!“ hervorstieß, war aber tief innerlichst überzeugt, daß, je ärger es dieser Graf treibe, ihre Abreise desto näher bevorstände, — hatte ihm nicht der Vater schon ein letztes Wort, — „ein unwiderruflich letztes, George!“ sagen lassen, nämlich er wünsche noch vor Ablauf des April in seine Heimat zurückzukehren, und nicht nur das, er hatte das Spiel so weit getrieben, die Anzeige seiner bevorstehenden Ausreise in die Petersburger Blätter einrücken zu lassen, wie es jeder Fremde gehalten war, dreimal zu tun, ehe er der Residenz den Rücken drehte, damit die Herren Gläubiger nicht um ihr Recht kämen. Ja, er spielte va banque und haute dabei auf den Tisch: tausendundeinen Rubel forderte er als sein Douceur, wohlgemerkt, einen mehr als tausend! hatte er dem Grafen ganz ohne eine diesbezügliche Anfrage mitteilen lassen, denn tausend seien nun einmal zu wenig für seine Dienste! Haha! welche Ironie, nicht wahr, welch feingeschliffener Spott, — vielleicht gar zu fein für die Lederhaut des hohen Herrn? Wollen sehen!
Erstaunlich, daß der Vater dermaßen mit einem Grafen umsprang, erstaunlich, aber zugleich ein wenig beängstigend, fand George; Gotthold Betzel aber, der gerade anwesend war und dem zu Ehren diese ganze Geschichte vielleicht zum besten gegeben ward, klatschte sich die Schenkel und lachte unmäßig. Er fand diese Art des Vorgehens außerordentlich spaßhaft. Der wackre Gotthold befand sich in besseren Umständen und war wieder ganz obenauf: er war als Hauslehrer, — als Pädagog, als Utschitschel, — in der Familie eines reichen Kaufmanns angekommen, wo er nicht allein eine Reihe von Sprößlingen in Zucht und Ordnung hielt, sondern auch eine Art von Haushofmeister darstellte, die Rechnungen zu führen hatte und vor allem Madame vorlesen mußte, — ein vielseitiges Amt also, das nicht viel Zeit zu Projekten übrigließ, bei dem man aber kleine Vorteile herausschlagen konnte, — kleine Vorteile, über die Gotthold Betzel sich nicht näher ausließ, aber bei deren Erwähnung er liebenswürdig zwinkerte. Über dem klopfte es stark an der Haustür, und der ans Fenster eilende George sah gerade noch die Rückseite eines prächtig goldbetreßten Läufers davontänzeln, während die alte Köchin Katinka mit allen Anzeichen erschütterter Demut ein Briefchen hereintrug, das Reinhold Forster ein wenig zu hastig für seine sonst zur Schau getragene Gelassenheit aufriß. „Die Sache macht sich!“ bemerkte er alsdann, richtete sich auf und rückte ein wenig mit den Schultern. Also kam man doch zum Ziel. Er war für den nächsten Morgen auf sechs Uhr zum Grafen Orloff bestellt. —
Wie sich diese Audienz abgespielt oder vielmehr nicht abgespielt hatte, das erfuhr George bruchstückweise am Nachmittag des folgenden Tages, während er mit ungeschickter Hast die Koffer packte. — Ja, mein Gott, sie würden reisen, — Dank dir, lieber, guter Gott! — und heute noch, heute abend noch! Daß das alles traurig genug war, was der Vater da erlebt hatte, nun ja, gewiß, — aber reisen! Heimreisen! Wieder zur Mutter zu kommen! Seine kleinen Hände wurden heute kaum mit den widerspenstigen Sachen, den dicken groben Stoffen von Vaters gewaltigen Kleidern, den poltrigen Stiefeln und Büchern, den zarten Jabots und Spitzenmanschetten fertig und er ließ den Inhalt einer Puderdose über Manuskripte und Reithosen niederschneien, die die große lederne Vache schon zur Hälfte füllten, während er mit offenem Munde einem Zornesausbruch des Vaters lauschte und dabei doch nichts dachte, als: „In acht Tagen vielleicht, — aber ganz sicher in vierzehn Tagen sind wir in Danzig!“
Die Sache war die gewesen, ganz einfach die, daß, als Reinhold Forster, — im pfirsichfarbenen Frack und in der apfelgrünen Weste, wie es sich von selbst versteht, — bei grauendem Morgenlicht im Palais des Grafen angelangt war, — daß er daselbst erfahren hatte: nein, — der Herr Graf seien nicht zuhause, seien zur Jagd, — seien auf den Schnepfenstrich gefahren, — hätten gewiß wieder vergessen, das Väterchen, wie schon so oft, daß sie den deutschen Herrn bestellt hatten … Möchten der deutsche Herr vielleicht morgen …
Aber da hatte Forster dem gemütlichen Dwornik mit einem Fluch den Rücken gedreht und war durch den spritzenden Schneeschlamm davongerannt. Es war aus, er fühlte es nun endlich mit unentrinnbarer Gewißheit. Nachdem er zwei Stunden lang mit vorgeschobenem Kopf und geballten Fäusten in der unbekümmerten Stadt umhergeirrt war, gleich einem wildgewordenen Stier, sammelte er sich in einer Garküche bei einem Glas Tee und einigen Piroggen so weit, daß sein Blut wieder sanfter kreiste und er sich, schwermütig kauend, zugeben konnte, daß hier, in der Tat, ein Projekt von großer Schönheit gescheitert wäre, — freilich ohne seine Schuld —, daß aber, wie schon oft im Leben bewiesen, Reinhold Forster nicht zu entwurzeln sei. Es war ein Mißerfolg, gewiß —, indessen war es ein Mißerfolg auf breiter Grundlage und dies war es, was ihn vorteilhaft von allen bisherigen verunglückten Unternehmungen unterschied. Ein Mißerfolg auf breiter Grundlage, hierunter verstand dieser schalkhafte Logiker die Berührung mit Hofkreisen und die Wolgareise an und für sich, was beides er nun einmal genossen hatte, — er hatte es sozusagen weg, und kein noch so mißgünstiger Teufel würde es ihm streitig machen können. Ein solcher Mißerfolg war schon beinah ein Erfolg zu nennen, und diesen negativen Erfolg mußte man nun eben auszunutzen suchen.
„Aufwärter! Noch ein Schälchen!“
Neue Projekte von ebenfalls und zweifellos gleich großer Schönheit hatte es ja von jeher so zahlreich wie Kohlweißlingsraupen in einem bösen Jahr in Reinhold Forsters Haupt gegeben, sie hatten sich seinerzeit verpuppt und krochen jetzt zu Dutzenden aus, um ihn mit zärtlichem Flügelbewegen tröstlich zu umgaukeln. Es galt, den nun Passenden auszuwählen und dann aber sofort und ohne Zögern und rücksichtslos zu handeln und die Schlappe auszugleichen. Und bei unterschiedlichen Schälchen faßte Reinhold Forster sein neues Ziel ins Auge, wurde warm und lebendig dabei, vergaß völlig die große Enttäuschung. Geld brauchte er, — hm, hm, — er brauchte Empfehlungen, hm! Da waren Euler, Wolf, — auch Rumowski war gut. Und dann auf die Reede, ein Schiff ausfindig zu machen!
Und also traf Reinhold Forster Maßnahmen.
Die „Mütterchen Elisabeth“, ein schwerfälliger russischer Kutter, der Holz geladen hatte und außer den Forsters keine Passagiere führte, stampfte schon zwei Tage lang westwärts, als George endlich aus der ersten Reisebetäubung aufwachte. Übrigens war er diesmal kaum seekrank geworden, es hatte sich nur nach der Aufregung des Reiseentschlusses und der Anstrengung des Packens eine Erschöpfung bei ihm eingestellt, der er sich selig hingab, fast schon in dem Gefühl, von der Mutter zu Bett gebracht worden zu sein. Nun, am dritten Tage, stand er vergnügten Herzens an der Reeling neben Wanja, dem Koch, und sah zu, wie die Möwen auf die Abfälle herabstießen, die Wanja ihnen mit einem schrillen Schrei zuschleuderte, worauf er dann eine grünliche Reihe spitziger Fischzähne entblößte und seine tranblanken Augen hinter schrägen Fettwülsten fast verschwinden ließ, während er George triumphierend zugrinste und seine Finger, — waren nicht Schwimmhäute dazwischen? — unbedenklich an seiner Bluse abwischte: Konnte er nicht großartig schmeißen, vortrefflich?! Und erst die Möwchen, verteufelt, nicht wahr! Ja, ja, der Wanja! — Es rauschte, es knatterte und brauste, Tropfenschauer sprühten aus dem schäumenden Gewoge da unten, das an die Schiffswände klatschte, der Himmel war weit und blau, von langem, treibendem Gewölk durchschifft. Wind, Fahrt und die unerklärlich prickelnde Erregung, die von der bewegten See ausgeht, überkamen den Knaben rauschmäßig; seine Kappe mit beiden Händen festhaltend, begann er von einem Fuß auf den andern zu springen und Schreie auszustoßen, mit einer Art von Tanz und Lobgeheul den Göttern der Ostsee zu huldigen, nicht wenig gestärkt durch Wanjas Beifall, der sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug, anfeuernde Rufe ausstieß und nicht übel gewillt schien, auch seinerseits in einen Tanz auszubrechen, denn er stemmte die Arme in die Seiten und begann mit eingeknickten Knien in verwunderlicher Weise vor- und zurückzuspringen. In diesem Augenblick hielt George inne, — war er von einer Ahnung überkommen, daß es sich immer strafte, wenn er sich selber vergaß? — sah um sich, bemerkte den Vater in einiger Entfernung, nahm Haltung an, bemerkte aber, immer noch, von innerem Jubel geschüttelt und übermütig genug: „Ha, — wenn er anhält, der Wind, sind wir übermorgen in Danzig? He, Wanja, so ist es?“ Wanja hierauf, ein paar blutige Fleischstücke auflesend, die aufs Deck gefallen waren, und sich wieder in Schleuderhaltung aufstellend, antwortete: „Wai, Väterchen, Danzig?“ Warf sodann ein Stück Rinderherz in prächtigem Bogen einer grauen Möwe entgegen, die herumschwenkend silberweiß aufglänzte, — wandte sich George ganz zu und sagte unbefangen: „Legen wir doch gar nicht in Danzig an, Väterchen, — halten wir nicht, eh’ in London am Themsekai, Towerstairs …“ und bemerkte es gar nicht, daß George einen Schritt von ihm zurückwich und mit beiden Händen nach seinem Herzen griff, — ja, es ist wahr, er nahm diese romantische Pose ein, woraus zu ersehen ist, daß es keineswegs ein abgenutzter Theatertrick ist, sich nach dem Herzen zu greifen, wenn es vor Schreck stillzustehen droht, denn hier war es die unmittelbarste Bewegung von der Welt. Ganz matt, mit blutlosen Lippen, drehte er sich zu Herrn Forster um, der soeben herantrat, dem Anschein nach harmlosen Frohsinnes voll, und legte die zitternde Hand auf seinen Ärmel. „Aber Vater!“ sagte er jammervoll, — wie würde er diesen Schlag tragen, der Vater? — „hören Sie doch nur, was dieser Mann da behauptet! Er sagt, daß wir in Danzig gar nicht anlegen, sondern erst — in London …“ Es war zunächst nichts als Angst vor dem Eindruck, den diese Mitteilung auf den Gewaltigen ausüben würde, die die arme kleine Stimme beben ließ, ja fast ein Schuldbewußtsein, — der Vater machte ihn für so viele Dinge verantwortlich —, hätte er nur aufgepaßt, hätte er vielleicht vorgestern auf der Reede in Petersburg gefragt: „Geht es auch nach Danzig, dies Schiff, die ‚Mütterchen Elisabeth‘, mein Herr Kapitän?“ In der Tat, dann hätte es abgewendet werden können, dies Unheil! Nun, er wußte ja, was es zu bedeuten hatte: Zeitverlust, — man denke: die vergebliche Reise nach England und von dort wieder zurück nach Danzig, und dann: unendliche Kosten, Geld, Geld, das nicht vorhanden war, das man aufnehmen mußte, Schulden also, und — demnächst würden sie darben müssen, wie Herr Forster immer beteuerte, am liebsten, wenn er so recht behaglich beim Essen saß. O, nun dauerte es noch so viel länger, bis man die Mutter wiedersah und es gut bei ihr hatte, — aber dieser Gedanke trat ganz zurück hinter der unmittelbaren Furcht, welche Formen die Enttäuschung des Vaters annehmen würde. Herrgott, wenn er nur nicht ins Wasser spränge im ersten Schrecken, — man konnte nicht wissen —, wenn er dem Kapitän nur nichts antäte oder Wanja am Kragen nähme! Sie konnten nichts dafür, freilich, — aber wenn dem Vater etwas schief ging, hatte immer der Nächstbeste schuld, und so, — George trat tapfer wieder einen Schritt vor —, so war es vielleicht besser, der Schlag traf ihn, und er zog die Schultern etwas an, des Ausbruchs gewärtig, dessen Notwendigkeit er sich während kaum mehr als einer Minute dramatisch vorgestellt hatte. Indessen geschah ihm wie einem, der, mit schrecklicher Angst vor dem Knall, ein Gewehr abzufeuern sich entschließt, das dann versagt, kurzum, auf des Vaters Gesicht malte sich durchaus keine entsetzte Überraschung, kein Schreck, keine Entgeisterung, Herrn Forsters Augen drückten nichts aus als unruhvolle Verlegenheit, er wandte sich halb ab, er griff nach dem Taschentuch, er schneuzte sich ausgiebig und starrte dabei in die Ferne. Räusperte sich sodann, ließ ein betretenes: „Du weißt es also noch nicht, mein Sohn!“ vernehmen und blickte jetzt einigermaßen hilflos auf den Knaben nieder, der mit hängenden Armen und so verzweifelt begreifend zu ihm aufsah, daß selbst diesem niemals um eine Begründung seiner eigenen Taten verlegenen Herrn das Wort versagte und er zunächst nur murmelte: „Allerdings, — ich hätte dich einweihen sollen!“
Hatte ihn nun die Angst vor der unerfreulichen Begleitung eines enttäuschten und heimwehkranken Kindes davon abgehalten, George rechtzeitig von seinem Plane, nach England zu gehen, in Kenntnis zu setzen, so hatte er dem Augenblick, in dem George sich über die Veränderung des Reisezieles klar werden würde, doch beständig mit peinlichen Befürchtungen entgegengesehen und konnte nicht umhin, sich nun angenehm überrascht zu sehen. Er gab angesichts der tanzenden Ostsee einige hastige, wortreiche Erklärungen ab, verglich die Aspekte, die die Heimat bot, mit denen, die einem Gelehrten von seinen Fähigkeiten in England leuchteten, erwähnte Empfehlungen an die Londoner Freimaurerloge, die er in der Tasche trug, eröffnete Ausblicke, — nun eben, Ausblicke! und fand den Knaben an seiner Seite blaß, aber aufmerksam lauschend. Die Mutter, natürlich, die Mutter würden sie nachkommen lassen, sobald sie in London festen Fuß gefaßt haben würden, dies verstand sich doch von selber, setzte er am Schluß in plötzlichem Besinnen hinzu und sah erleichtert ein mattes Lächeln über das kleine Gesicht gleiten, während ein leises: „Merci bien, très cher papa!“ ihn auf einmal davon überzeugte, daß er im Grunde doch außerordentlich dankenswert gehandelt habe. George benahm sich raisonable, aber, beim Jupiter, wie sollte er auch nicht, dies war eigentlich nicht mehr als seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Soweit war der Fall für ihn erledigt und abgeschlossen, er war für den Rest des Tages besonders gutgelaunt und blieb es die ganze Reise über, obgleich er am Kattegatt zum erstenmal seekrank wurde, und zwar gleich so ausgiebig, daß er sich verschwor, den Eltern des Janusch bei erster Gelegenheit den rückständigen Lohn ihres Sohnes zukommen zu lassen, — und hierin offenbarte sich, vom Dämon eines erschütterten Verdauungsgewindes ans Licht getrieben, die Erkenntnis, daß einer der Gründe, die ihn der Heimkehr aus dem Wege gehen ließen, dieser war, daß er den Janusch nicht wieder mitbrachte. Er hatte sich zwar längst eingeredet, der Janusch habe am Hofe eines Mongolenkhans eine Stellung eingenommen, die seinen Meriten besser entspräche als der Dienst bei einem schlichten Pilger der Gelehrsamkeit, — aber, immerhin, — ganz ließ sich sein Gewissen nicht betäuben und ein Verantwortungsgefühl lebte zuweilen auf und mußte durch Opfer und Versprechungen beruhigt werden wie ein unzufriedener Götze, bis es nicht mehr störte.
„Merci bien, très cher papa!“ — ja, was hätte er im Augenblick, als statt des erwarteten Zornesausbruchs so sanfte schnelle Erklärungen kamen, anders empfinden und denken können, vielleicht grade wegen der ungeheuren Enttäuschung, die mit einem Schlage sein ganzes Auffassungsvermögen lähmte und totes Grau auf die Welt herniederriß, die eben noch so farbig und verheißungsvoll geleuchtet hatte. Es ist die Erwartung der Liebe allein, die einem Herzen von der Demut, ja fast Unterwürfigkeit des kleinen George Schwung und Feuer zu leihen vermag; und seine Liebe hatte sich seit Wochen mit immer zunehmender Sehnsucht auf die Mutter gerichtet und damit unbewußt auf ein Leben der Geborgenheit in friedlicher, reinlicher Häuslichkeit. Er hatte die vielen Wunder so zum Sterben satt gehabt, ohne es einem Menschen, am allerwenigsten sich selber, eingestehen zu können. Satt hatte er die ausgestopften Märchentiere im Museum der Akademie, den Elefanten und den weißen Meerbären, die mongolische Kuh mit dem Pferdeschweif und das wilde Schaf mit den Riesenhörnern, — ganz zu schweigen von den vielen Mißgeburten in Spiritus und der Hornkröte, der Pipa, von der ewig die Rede war und die ihre Eier auf dem Rücken ausbrütete. Er war gelangweilt von dem Gottorpschen Globus mit seinem Planetarium, und es war ihm ganz gleichgültig, daß dies das achte Weltwunder vorstellen sollte, — ebenso wie ihm die botanischen Gärten auf der Apothekerinsel, das hölzerne Häuschen Peter des Großen und die Mammutsknochen gleichgültig waren, die Pallas mit ebensoviel Scharfsinn als Gelehrsamkeit als aus einer allgemeinen Überschwemmung herrührend erklärte. Was war ihm die surinamische Goldschnepfe, was gingen ihn die tangutischen Manuskripte an, die Peter der Große schon 1720 nach Paris gesandt hatte, um zu erfahren, was eigentlich darin stünde. (Ein Abbé Bignon hatte sie sogleich ins Lateinische übertragen und den großen Zaren durch eine gewisse klassizistische Geistesfärbung dieser Mongolenweisheit höchlichst überrascht, und wiederum war es dem ebenso gelehrten als scharfsinnigen Pallas vorbehalten geblieben, festzustellen — mit empörter Genugtuung festzustellen! — daß auch nicht ein Wort des Originals in dieser Übersetzung stand!) Mit einem Wort: was ging einen kleinen Knaben, der müde, blaß und elend war, die ganze bunte aufdringliche Welt an, wenn er noch irgendwo bei einer Mutter ein wohlgeschütteltes Bett, sein sorglich bereitetes Essen und die ganze Heimatluft einer vollen Kinderstube haben konnte, — konnte, — konnte, denn besessen hatte er diesen Segen ja in Wirklichkeit nie, und darum quälte ihn wohl diese beständige dunkle Sehnsucht danach, ließ ihn seine Pflichten verrichten, wie eine stöckrige Maschine und mit müdem, kleinem Muffgesicht an den Kuriositäten vorüberschleichen. Im Anfange hatte er sich eingebildet, die Kaiserin Katharina sehen zu müssen, hatte ihrem Amtssiegel, einem Bienenkorb mit der russischen Umschrift „Nützlich“ auf einem Schreiben an den Vater Ehrfurcht erwiesen wie einem Fetisch und mit starker Neugier auf die Geschichten gehorcht, die man sich an allen Straßenecken von dem Leben am Hofe erzählte. Auch dies hatte völlig an Interesse verloren, je länger der Petersburger Aufenthalt dauerte, je tiefer das Wunder der Wolgareise hinter ihm versank und je mehr im Verhältnis dazu seine Gesundheit abnahm. Schließlich hatte er nur noch an die Mutter denken können, wie ein Verdurstender in der Wüste auch nur eines Gedankens fähig ist, und dann, dann hatte er sich eben unvorsichtig, ohne den geringsten Zweifel, ohne eine innere Mahnung an vergangene Enttäuschung zu erhalten, übermäßig beglückt, berauscht, tölpelhaft selig hatte er sich der Gewißheit des nahen Wiedersehens hingegeben. Ja, und nun …
Und nun weinte er weder noch ballte er tückische kleine Fäuste oder stampfte den Boden, als der Vater den Rücken gewandt hatte. Er legte sich einfach für den Rest der Reise in seine Koje, dies war es, was er sich leistete, dort lag er stundenlang mit offenen Augen und dachte immer wieder dasselbe, das anfing: Also nicht nach Danzig … aber ebenso schlief er auch stundenlang mit bleichem Gesicht und geöffnetem Munde. Wenn der Vater zu ihm kam, empfing er ihn freundlich und aß gehorsam, was ihm gebracht wurde, aber der Verkehr mit ihm war nicht viel ergiebiger als mit einer sprechenden Gliederpuppe, und so blieb er viel allein, was ihm auch recht war, denn: hätte es nicht doch plötzlich eintreten können, daß er dem Vater in sein zufriedenes, rotes Gesicht hinein hätte weinen müssen, weinen, weinen … Es kam ja nie dazu, aber es war sehr wunderbar, denn er träumte doch so oft, daß er weinte, — nur im Wachen gelang es ihm nicht, da war alles so fern, wie hinter Glas.
Jedenfalls war ein anderer George Forster am Newski-Prospekt auf die „Mütterchen Elisabeth“ gegangen als der, der nach drei Wochen die Tower-Stairs in London emporstieg. Wohl erschließen sich auch solche Blüten noch, um Frucht zu bringen, die in der Knospe vom Frost getroffen wurden. Aber, guter Gott, wie sehen sie aus und wer will sie noch Blüten nennen? —
Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Pelikan auf dem Hühnerhofe übles Aufsehen erregen würde und der Gockel hingegen nicht in das Dschungel paßte. Es ist wahr, daß jeder von ihnen in der ihm angemessenen Umgebung seinen Platz ausfüllt und gleichsam darin aufgeht, so daß man kaum noch weiß, ist der tropische Sumpf für den Pelikan oder der Pelikan für den tropischen Sumpf geschaffen. Herr Forster in polnisch Preußen auf dem Lande, berufen, einer verlotterten Bevölkerung das kristallkantige Ideal friederizianischer Selbstzucht vorzuleben und Kultur auszustrahlen, das war gewesen, als wollte man Wasser mit Öl mischen, um eine gelindere Flüssigkeit zu erzielen: es nutzte gar nichts, das Öl blieb oben, ein großes, einsames Fettauge, und bald schwamm es von dannen. Herr Forster in Petersburg, inmitten einer aus allen Völkern gemischten Gesellschaft von Aristokraten, Gelehrten, Projektenmachern und Schwindlern, nahm sich, zwar selbst ein Projektenmacher ersten Ranges, aber geschäftlich und diplomatisch, ja, selbst gesellschaftlich unerfahren und nahezu roh, — er nahm sich aus wie ein leidenschaftlich spielendes Kind, dem sich die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen und das, da es nun eben einmal ein Mann und kein Kind mehr ist, lächerlich, ja, anstößig wirkt. Herr Forster endlich, in England, hatte kaum den geheiligten Boden seiner Vorfahren betreten, kaum den ersten Mundvoll der ihm so geläufigen Sprache freigiebig an Lastträger, Hafenbummler und den Hausknecht von Warwicks Boardinghouse verschwendet und dafür echten slang eingetauscht, nicht recht verständlich zwar, aber kostbar und herzansprechend, — Herr Forster endlich in England also, ging im Teig auf wie die Pflaume im Plumpudding, mit anderen Worten, war nicht der Plumpudding selber, auch nicht der Weingeist, aber immerhin ein Bestandteil, eins seiner häufigsten, eins von hundert Bestandteilen, unauffällig, selbstverständlich, kein Fremdkörper, kein Kuckucksei, und war selber erstaunt und beseligt darüber.
Es war bereits etwas vom Rhythmus der Gewohnheit in der Art und Weise, in der Forster und Sohn fremde Städte betraten, Schiffsplanken hinter sich stoßend, Reisetaschen sieghaft schwenkend, zudringliche Lastträger übersehend, Blicke auf Wesentliches richtend! Forster senior, dem der Kaviar und die Piroggen, bei denen er gedarbt, mit der Zeit zu einem Bäuchlein verholfen hatten, trug seinen Nabel stattlich vor sich her, als wüßte er den Unsichtbaren vergoldet, verborgene Berlockes klirrten bisweilen musikalisch unter seinem Mantel und gaben die Begleitung zu dem ebenfalls nur ihm selber hörbaren Einzugschor seiner Gedanken, der etwa also lautete: Er kommt, er kommt, der große Forster kommt! — was indessen nicht etwa mit diesen Worten sein Bewußtsein füllte, sondern nur den allgemeinen Inhalt seiner Stimmung ausmachte. Zugleich, es ist nicht zu leugnen, war er in guter und ehrlicher Weise freudetrunken vom Anblick von St. Pauls Kuppel und der drohenden Towermauern, wie schon die ferne Vision der wimmelnden Londonbridge ihn in Begeisterung versetzt hatte, und dann: dieser Hafen! O Gott, die Newa war breit und Petersburg war gewaltig, aber was wollte das gegen diesen majestätischen Ausgangsort und Ruheport der gewaltigsten Handelsflotte der Welt, was gegen diese Werften, diese Docks, dieses planvolle Gewühl der kleinen Boote und Yachten, dieses gelassene Ein- und Ausstreichen der hochgebugten Riesenschiffe mit der tausendbusig geschwellten Takelage und den unzähligen starrenden Kanonenrohren sagen? — „Ostindien!“ hatte Forster ergriffen geflüstert und Georges Hand gepreßt, diese kleine Hand, die solcher Gebräuche ungewohnt, sich ihm schlaff und verwundert überließ, — „Ostindien, George! Van Diemensland! Amerika und China! Bambus, Zuckerrohr und Cocosnuß! Weihrauch, Gold und Myrrhen! Ingwer, Zimt und Nägelein! Papagoyen und Koffee! Das Beuteltier!“ Er wäre in seiner traumhaften Aufzählung fremdländischer Wunder gewiß fortgefahren, wenn nicht in diesem Augenblick die „Mütterchen Elisabeth“ Anker geworfen hätte und er nunmehr in der Lage war, den undankbaren russischen Boden endgültig verlassen zu können. Zwei Tage weidlichen Herumtreibens im Weichbild der City folgten und zählten gewiß zu den glücklichsten in Reinhold Forsters Leben, während auch George ein gewisses unwilliges Behagen empfand und sich in die dumpfe Wehmut der Enttäuschung nicht zurückfinden konnte.
Waren sie so tagsüber mit langen Schritten und mit beständig im neugierigen Drehn und Wenden der Köpfe hin- und herpendelnden Zöpfen durch die Straßen gezogen, hatten nicht nur die modischen Spaziergänge wie Newbordstreet, Pallmall und Hydepark, sondern auch St. Giles besucht und dort gar in einer unterirdischen Garküche gespeist, wo die Bestecke mit Ketten am Tisch befestigt gewesen waren, — hatten sie besichtigt, was nur zu besichtigen war, — und George tat das auf einmal mit kritischer Teilnahme, als sei plötzlich eine Kapsel von seiner Seele gesprungen, er puffte auch Vorübergehende, die ihm nicht aus dem Wege gingen, — kurz, er brach sich Bahn, körperlich und seelisch, — da es denn doch nichts half! — (dies war vorübergehend eine Zeit, in der er sich selbst fast brutal behandelte, er tat es, ohne es zu wissen oder zu wollen, weil er sonst zugrunde gegangen wäre,) — hatte man sich solchergestalt müde und hungrig gelaufen, so folgten erquickliche Abende im Gastzimmer des Logierhauses, gegen dessen Kamingitter der Vater sachgemäß die Fußsohlen stemmte, während er aus seiner Tonpfeife rauchte, Porter trank und George ein wenig Ingwerbier genoß. Gleichviel, daß andere Gäste anwesend waren und den redseligen Herrn offenbar als willkommenes Schauspiel betrachteten, gleichviel, daß hinter ihm laut erörtert wurde, ob nicht auch andere Leute ein Recht auf den Platz am Feuer hätten? — wobei George unbehaglich hin- und herrückte, Herr Forster jedoch nur geistesabwesend über die Schulter zurückblickte und einen Mund voll Rauch nach den unzufriedenen Mitmenschen blies, womit sich jene alsbald beruhigten, — Herr Forster schien den Landesbrauch gefühlsmäßig zu treffen. — „Es ist ein Wunderbares, ein Fabelhaftes, ein Göttliches um den Zusammenhang der irdischen Länder, mein Sohn, wie sie aus dem Nichts des Gedankens hervortauchen und sich aneinanderreihen,“ sagte er an einem solchen Abend und sah diesmal ohne Zweifel gläubig und erschüttert aus, soweit es im Bereich seines fleischigen Gesichtes lag, diesen Ausdruck anzunehmen. „An Rußland habe ich immer noch eher glauben können, weil es sich von Westpreußen aus auch zu Fuß hätte ergehen lassen, — freilich in mühseliger Arbeit, aber doch immerhin, — das ist wie aus einem Stück Tuch und keine Naht dazwischen. Die Inseln hingegen! Mein Sohn! Im Vertrauen will ich dir sagen, ich habe England nicht für möglich gehalten! Nun aber, da es unter meinen Füßen standhält, bin ich geneigt, auch an Vandiemensland zu glauben, ohne daß meine Augen es gesehen haben.“ Er lächelte fast kindlich. „Wunderbar! Wunderbar ist die Gestalt der Erde!“ sagte er andächtig und nahm die Pfeife aus dem Mund, um die Ellbogen auf die breit auseinandergestellten Knie zu setzen und, die linke Faust unters Kinn geschoben, verzückt ins Feuer zu starren. „Manchmal halte ich sie im Traum in meinen Händen und rolle sie behutsam von West nach Ost meinen Augen entgegen, als sei ich die Sonne, in deren Glanz sie sich wälzt, oder ich sehe sie schweben, im goldenen Dunst, den göttlichen Ball, mit der sphärisch erklingenden Seele. — Dann gedenke ich ihrer Hülle, George,“ sagte er träumerisch, — „Gras und allerlei Kräuter, und wie das Wasser überall durch sie sickert und kreist und aus ihr atmet, und ich fühle die Wucht der Gebirge und das Keimen der Kristalle und die sonderliche Kraft der Formen, wie sie blind sich auswirkt in tausend Gestalten. Du wirst hier Gott eingefügt haben wollen, George,“ — und er wandte sich dem Knaben mit einem geistreichen Lächeln und einer verbindlichen Handbewegung zu, „gut und wohl, — indessen reden wir hier nicht als Pastoren und somit können wir uns zugestehen, daß es kein Gottesleugnen ist, wenn ich ihn in die Schöpfung hinein projiziere, anstatt ihn mir außerhalb selbiger zu denken, — du verstehst mich?“ Und, ohne eine Antwort abzuwarten, sein glattes Kinn streichend und mit der Pfeife in steilaufgereckter Hand gestikulierend, fuhr er fort: „Ich denke mir die Erde nackt und bloß, ihre gewaltigen Glieder so wie sie der Sintflut entstiegen, ohne die Grenzmarken des Menschen, ohne die Larven der Nationen über ihrer göttlichen Unschuld. Schrankenlos hingerollt die Ebene, sich aufbäumend im Gebirge, niedergleitend unter die wallende Fläche des Ozeans, jungfräulich wieder aufsteigend unter einem andern Himmel und sich neu offenbarend. Ich denke mir …“ die surinamische Goldschnepfe strich durch den Raum, Kondorgeflügel erbrauste, Büffelherden nahten und stoben vorüber wie schmetternde Wolken. Indessen auch die Ameislein und die Bienen und sonstigen Insekten, die surinamischen Schmetterlinge und die Vögleins Colibri, die Honigvögleins, die sich durch die Luft schwingen wie fliegende Funken und mit langen nadelspitzen Schnäblein aus Blüten trinken, — Blüten à propos … Es blieb nichts ungesagt in dieser Stunde, und Herr Forster phantasierte sublim über den Inhalt der Erde, er tat es mit Wildheit, Schwung und Feuer und vergaß nicht die Tiere und Gemüslein, die er gerne aß, und endlich das wunderbarste Getier, die Menschheit selbst, wie sie gleichzeitig an allen Orten der Erde hauste und sich so emsig betätigte, — er legte den Finger an die Nase und gedachte des indischen Brahmanen, der über seine Schriftrolle gebückt säße in eben diesem Augenblick, da der wilde Sohn der nordamerikanischen Prärien sich im Kriegstanz um sein Lagerfeuer schleudere, oder der emsige Bewohner von O’Tahiti seine Rindenmatte walke, während der deutsche Bürger — „oder sagen wir: der große Haller zu Zürich“ — sich soeben die Zipfelkappe für die Nacht über die Ohren ziehe, „und wir, mein Sohn, an diesem Kaminfeuer sitzen, auf britischem Boden sitzen, vom Ozean umspült wie auf dem Gipfel eines Berges Arrarat und das Selbstbewußtsein der ganzen Erde gegenwärtig in unsern Hirnen kulminiert, — wunderbar, höchst wunderbar …“
Herr Forster blickte plötzlich um sich und nahm wahr, daß es leer in der Gaststube geworden war, daß hinter der Tonbank Mr. Freeling, — von Mrs. Freeling stets als „my little old man“ bezeichnet, — mit knackenden Kiefern gähnte, — daß George die Augen mit einem Ausdruck glasiger Starrheit auf ihn gerichtet hielt, und er verstummte. Er machte ein paar krampfhafte Bewegungen mit Stirn- und Gesichtsmuskulatur, wobei er die Augen wie ein Geblendeter zukniff und aufklappte, sog ein paar Mal hastig an dem erkalteten Rohr und fuhr dann, von sich selbst ernüchtert, mit der Hand über die Augen. „Du hast keine Imagination, mein Sohn,“ bemerkte er verdrießlich und klopfte die Pfeife am Kamingitter aus, worauf er sich erhob und federnd davonschritt, sich selbst nicht recht klar darüber, was ihn soeben überkommen und aus ihm geredet hatte. George folgte ihm gedemütigt, überholte ihn und riß die Türe vor ihm auf, — wohl, es mochte ihm an Imagination mangeln oder an etwas dergleichen, kurz, er konnte sich nicht so verwundern und dieser Verwunderung so prächtige Worte verleihen wie der Vater, es schien ihm alles so selbstverständlich, — dies, daß man nach England kam, wenn man nach England reiste, und fraglos, daß man ein Land namens Surinam erreichen würde, falls man ein dorthin segelndes Schiff bestiege, — aber er empfand diesen Mangel in dieser Stunde irgendwie als beunruhigend und beschämend. Als er in seinem riesigen, von Vorhängen umwallten Bette lag und zitternd darauf wartete, daß die feuchten Laken sich erwärmen möchten, als er die Hände vor die Augen preßte, um nicht in die fremde englische Finsternis starren zu müssen, — der Vater blies längst in gesund atmendem Schlummer melodisch vor sich hin, — da dachte er sich aus, wie gut es sein müßte, eine Mutter zu sein und niemals reisen zu müssen, eine Mutter mit guten kleinen Kindern in einer warmen duftenden Küche, in der es lauter behagliche Arbeit gab, wie Rübchenschaben, Suppenkochen, Kuchenrühren und Topfauslecken, und als er darüber endlich einschlief, war es nicht mehr die Mutter, die es so gut hatte, sondern das kleinste Kind in der hölzernen Wiege im Eckchen beim Herd, das von nichts wußte als von Schlummer, Milch und Liebe, und dies kleinste Kind war er. —
Dalrymple zu besuchen, Dalrymple, den unbekümmerten Pfadfinder im indischen Meer, den Autor gründlicher geographischer Werke, den unübertroffenen Zeichner der berühmtesten Landkarten, — Dalrymple also aufzusuchen, sich ihm vorzustellen und seine russischen Empfehlungsbriefe bei ihm abzugeben, war nach den ersten Londoner Schlendertagen Herrn Forsters vornehmstes Ziel. „Forster und Sohn“, sagte er, hinter einem bräunlichen, turbangekrönten Diener einen hellen länglichen Raum betretend, dem drei Schiebefenster Licht gaben und wo ein Herr in kaffeebraunem Frack von einem langen Arbeitstisch sich erhob und ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen einigermaßen erwartungsvoll entgegenblickte, — „Forster und Sohn, von St. Petersburg eingetroffen, aus den Diensten Ihrer Kaiserlichen Majestät nach der beispiellosen Wolga-Expedition rühmlichst entlassen, — Forster und Sohn, mein Herr, die sich bei ihrem ersten Betreten britischen Bodens beeilen, Ihnen ihre Huldigung darzubringen, nachdem sie Ihre Verdienste jahrelang aus der Ferne staunend empfunden haben!“
Forster und Sohn, die sich, schräg hinter einander aufgestellt, bei jeder Nennung ihrer Namen mit dem Hut in der Rechten und mit der Linken auf dem Herzen emphatisch verneigt hatten, überreichten nunmehr, — das heißt, Reinhold Forster überreichte, zwei oder drei Briefe, deren Siegel Mr. Dalrymple hastig erbrach, die er mit kurzen Ausrufen, — Ausdrücken seliger Überraschung und unerwarteten Glückes ohne Zweifel, — überflog, um sodann … Aber während er las, hatten die Forsters Zeit gehabt, sich umzusehen. „Verehrtester! Welch ein Arbeitsraum!“ rief Reinhold aus, als Dalrymple ihn nun auf einen der hochlehnigen Sessel vor dem Kamin nötigte und George auf dem Rande eines Taburetts Platz genommen hatte. „Welch ein Raum, welch ein Geist, welch ein Ausblick! Nicht genug, daß die ganze Erde von den Wänden sieht,“ — und er wies auf die äußerst sauber ausgeführten Landkarten, die mit der Hand koloriert in heiterem Blau und anderen kräftigen Farben ringsum hingen, — „Boten aus aller Welt blicken Ihnen in die Fenster hinein und versichern den wirkenden Geist dauernd einer schöneren Ferne!“ Er sah entzückt nach den Fenstern, vor denen wimpelgeschmückte Mastspitzen und ein Gewimmel von Rahen im straffen Taugeflecht in der blaugoldenen Luft des Apriltages schwankten und tanzten. Mitunter schob ein ausfahrender großer Segler seine Schwanenbrust leuchtend hindurch, und unzählige Möwen belebten das Bild mit dem Rhythmus ihres Hin- und Wiederschwebens: Dalrymple’s Haus lag am Strand und draußen flutete die Themse. Nun lächelte er und schlug ein Bein über das andere. „Es läßt die Reiselust nicht einschlafen, dies Bild, es erhält den Geist auf der Wanderschaft, ich bedarf seiner als eines Surrogates für das Leben an Bord, mein Wertester,“ sagte er freundlich und ließ seinen blaugrauen Seemannsblick über Vater und Sohn hingehen, wie über ein Gewölk am Horizont, — „aber kommen wir zur Sache!“ „Das Leben an Bord!“ fiel Forster begeistert ein, die Rechte gegen Dalrymple ausreckend, als wollte er ihn umhalsen, „wie gut ich Sie verstehe, Verehrter! Die Grenzen der Kontinente sprengen und sich dem schrankenlosen Ozean überlassen, — welch ein berauschender Gedanke!“
Herr Dalrymple neigte höflich zustimmend sein Haupt: „Sehr wohl,“ bemerkte er, „indessen, — kommen wir zur Sache!“
„Ein Mann und sein Pflugsterz, ein Mann und sein Schwert, — Ein Mann und sein Segel, — ein Mann und sein Pferd!“ schwärmte Forster weiter, „verzeihen Sie die deutschen Verse, mein Herr, aber sie sind es, die die Essenz meines Geistes enthalten! Ich bin ein Gelehrter, Herr, aber kein Bücherwurm, was Sie meiner ganzen Konstitution unschwer anmerken werden, auch ohne Lavater gelesen zu haben. Ich bedarf der Motion, um mich frei entfalten zu können, — ist’s nicht an dem, George …“
„Ich bezweifle das nicht,“ gab Dalrymple zu und seine hellen Augen bekamen etwas Starres, „aber sagen Sie mir nun gefälligst …“
„Ich bin vom feurigsten Enthusiasmus für England beseelt!“ rief Forster nun, „England ist ohne Vergleich an Unternehmungslust und Macht, England läßt sich die Erde schmecken und sie bekommt ihm wohl, das ist’s, was mich begeistert! Engländer zu heißen, mein Herr, würde für mich einer Erhebung in den Adelsstand gleichkommen, und mit wehmütigem Stolz gedenke ich meiner Vorväter, die treue Diener der Stuarts waren und mir doch kein Anrecht auf diese Heimat hinterließen, als meinen Namen und einige unverfälschte Tropfen englischen Blutes. Machen Sie mich zum Engländer, Herr, indem Sie mich für England arbeiten lassen, und Sie werden sehen …“
„Well!“ Mr. Dalrymple fühlte Boden unter den Füßen und war offenbar erleichtert. „Meine russischen Freunde sind des Lobes voll über Ihre wissenschaftlichen Leistungen, mein Herr, — gestatten Sie, daß ich die Kupfer zu meinem neuen Werk, die soeben eingetroffen sind, Ihrem Urteil unterbreite.“
Die beiden Männer vertieften sich alsbald an der Hand dieser Abbildungen in ein Gespräch, bei dem George ein wenig das unheimliche Gefühl hatte, daß seinem Vater auf den Zahn gefühlt werde, was dieser indessen nicht zu bemerken schien und seine Kenntnisse mit bereitwilliger Fröhlichkeit entfaltete. Nach einer Weile schlug Mr. Dalrymple mit zufriedenem Gesicht die Mappe zu, und nach einem kurzen Blick auf das blaue Emailzifferblatt seiner kugelförmigen goldenen Uhr sagte er, daß er nun in eine Sitzung müsse, ob Mr. Forster etwa bereit sei, ihn zu begleiten? Er würde einen Kreis von Männern antreffen, die nichts anderes als willens seien, das Gute und Vortreffliche zu unterstützen, wo immer sie es anträfen, — kurz, es handelte sich um einen Besuch in der Loge „Zur goldenen Gans“, eine der kostbarsten Tochterlogen der Großloge von England, von der Forster zweifellos schon gehört hatte, — hatte er etwa nicht? — und zu deren Aufsehern Dalrymple zu gehören sich schmeicheln durfte. Ob Forster davon gehört hatte?! Aber hier stand er ja mit einem Schritt am Ziel seiner Wünsche, am Ziel der Wünsche aller Pläneschmiede und Projektenmacher seiner Zeit, und mochte man immer in Deutschland noch vielfach die „Freymäurer“ für Deisten und Libertiner, für Independenten schlimmster Art halten, darüber war er denn doch hinaus, vor allem, da er hier nicht als preußischer Prediger stand, — und überhaupt, gleichviel! Wenn er nur Hilfe und Unterstützung fand, — und waren die hier nicht jedem Strebenden gewiß? Ob man den Knaben mitnehmen konnte? Aber nein, dies ging nicht an, und so wurde George angewiesen, zu warten, ja Mr. Dalrymple legte ihm, unter der Tür noch einmal umkehrend, ein Buch in die Hände, das George gleich an dem rauhhaarigen Mann auf dem Titelblatt, der, strumpf- und schuhlos, aber mit zwei Flinten und einem riesigen umgeschnallten Säbel bewehrt, auf einem unverkennbaren Eiland fußend dastand, als eine englische Ausgabe des ihm wohlbekannten „Robinson“ erkannte. Da er von jeher keine große Vorliebe für die ungemütlichen Schicksale dieses Helden gehabt hatte, legte er das Buch auf den Tisch, sobald Schritte und Stimmen der Männer verhallt waren, und nun blickte er sich im Zimmer um, und eine ganze Weile tat er nichts anders als dies, daß er um sich blickte und, — von Entzücken überwältigt, — lächelte.
Wie war das alles so über die Maßen schön und wunderbar!
Er hockte auf seinem Taburettchen an dem einen Ende des langen Tisches, der in seiner Mitte, dort wo der hochlehnige Sessel mit der Stirnseite zum Fenster gewandt davorstand, als Schreibtisch diente und auf wohlumgrenztem Raum mit Schriftwerk aller Art, einem außerordentlich schönen Schreibzeug aus Bergkristall und Gänsekielen in reicher Auswahl bedeckt war, am entgegengesetzten Ende aber den Zweck eines Zeichentisches erfüllte, auf dem Reißbretter, Zirkel und Winkelmaß nebst den verschiedensten Farbennäpfchen und Fläschchen chinesischer Tusche mit Pinseln, Papieren und Pergamenten sich breit machten, — während auf der ihm zugewandten Seite ein kunstvoller Himmelsglobus stand, von den fremdartigsten Instrumenten umgeben, wie er sie wohl in der Kajüte und in den Händen der Schiffer gesehen, aber nie in solcher Nähe vor sich gehabt hatte. Dies war ein Kompaß und jenes da ein Sextant, er wußte es, aber ihr Gebrauch war ihm doch mehr oder weniger rätselhaft. Und welche Auswahl jener wundersamen Rohre, in deren Rund die Ferne sich einfangen ließ, lag hier auf Purpursamt gebettet und funkelte sanft! Dicht vor ihm stand ein solches Rohr aufgestellt, aber senkrecht gerichtet und ein Glasplättchen unter sich, auf dem ein perlmuttern gefleckter Schmetterlingsflügel lag, — ein Mikroskop —, er kannte auch dies, und das zweibeinige Ungeheuer am Fenster, das breitstelzig dastand und seine Mündung auf die Wolken richtete wie ein Geschütz, mochte ein Himmelsfernrohr sein, mit dem Dalrymple in den seltenen klaren Nächten nach Mond und Sternen sah. An dem letzten Fenster ruhte eine gewaltige Erdkugel von verschossenem Grün in einem tischhohen Gestell, vor dem Kamin hing ein kunstvolles Schiffsmodell mit einer Menge winziger drohender Kanonenrohre von der Decke herab, und dort, wo die Wände nicht von Karten bedeckt waren, standen Regale mit Büchern gefüllt und von den merkwürdigsten Gegenständen gekrönt, einer blendend weißen, wunderbar verästelten Koralle etwa oder einem ausgestopften metallisch erglänzenden Vogel von sonderbar jüdischem Aussehen, einer Blaurake, wie er später vernahm. Auch gab es einen Glasschrank, der Erzstufen und Kristalldrusen, aufgespannte lasurfarbene Schmetterlinge, rosige ostindische Muscheln und dergleichen zu bergen schien, jedoch erhob sich George durchaus nicht, um diese Merkwürdigkeiten näher in Augenschein zu nehmen, sondern es genügte ihm vollkommen, hier zu sitzen, ganz an das unerklärliche Behagen hingegeben, das dieser Raum auf ihn ausströmte. Wohl, er kannte alle Gegenstände im einzelnen, kannte sie bis zum Überdruß aus dem Petersburger Museum und hatte dieses und jenes Instrument in den Studierzimmern der gelehrten Freunde seines Vaters wahrgenommen, Arbeitsräumen, die gemeinhin verräucherte Höhlen waren, in denen mehr oder weniger in ihrer äußeren Erscheinung vernachlässigte Männlein lichtabgewandt hausten, wie syrische Anachoreten. Das Kabinett des Vaters daheim mit den fichtenen Büchergestellen und dem wackligen Stehpult fiel ihm ein, er sah den Schatten des Gaisblatts auf den blankgescheuerten Dielen tanzen, sah ein kleines Geschwister dort kriechen und danach haschen und sich sodann irgendwie unwürdig benehmen, auch das Petersburger Quartier sah er vor sich, in dem ungemachte Betten, Kleider, Bücher, Stiefel, Manuskripte und Tabakspfeifen ein hoffnungsloses Durcheinander gebildet hatten, — dies alles zog zum Vergleich herausfordernd an ihm vorüber, und nur mit dem Erfolg, daß er sich auch weiterhin nicht rührte, um sich blickte und lächelte. So mußte es sein, ach ja, ganz so, und nicht anders, und hier mußte man am Tisch sitzen gleich dem ruhmreichen Dalrymple, sauber und korrekt vom Scheitel bis zur Sohle, ohne die geringste Vernachlässigung im Anzug, einem Offizier mehr gleichend als einem Bücherschreiber, von elastischer Straffheit in jeder zielbewußten Bewegung, eine Klarheit von Stirne, Augen und dem Lächeln des Mundes ausstrahlend, die den wundervoll geordneten und durchgebildeten Aufbau der inneren Welt verriet, wo alles durchsichtig und gesetzmäßig lebte und arbeitete. Hier entstand kein Gedanke, der sich nicht dem Ziel untergeordnet hätte, auf das Dalrymples Arbeit just gerichtet war, und nichts war sicherer, als daß das Rad der Tätigkeit in diesem gleichmäßig wachen Haupt nie stille stand, mochte es auch zuweilen sanfter gehen, etwa nur von den Eindrücken eines Morgenrittes im taufeuchten Hydepark, eines Abendganges am Flußufer, den heimkehrenden Herden entgegen, oder auch allein von den lichtvollen Traumbildern einer Nacht bewegt. In seines Geistes Fülle versenkt, doch mit dieser Arbeit, dem Element seines Lebens, unmittelbar der Wohlfahrt seiner Mitbürger dienend, ihren Handel und Wandel, wie er sich vor seinen Fenstern tausendfältig und ameisenhaft entfaltete und abspielte, fördernd, unsichtbar eingreifend, Richtlinien gebend und Ziele verleihend, Englands Sohn mit Leib und Seele auch darin, daß er seefahrtskundig sein Schiff mit eigener Hand durch die Meere zu steuern verstand, — doch auch dies nur zweckerfüllt und niemals aus dumpfer Schwärmerei oder Abenteuerlust unternehmend —, siehe, da war das Ideal des kleinen George Forster, wie es, ihm selber unbekannt und annoch in sieben Schleier gehüllt in seiner Seele schlummerte, plötzlich Fleisch und Blut geworden, trat vor ihn hin und lockte sein Spiegelbild hervor, daß es dem Knaben vor Augen trat, freilich unklar wie aus beschlagenem Glas. Es deuchte ihn eine fast unausdenkbare Seligkeit und doch das einzig begehrenswerte Ziel, in einem Gemach gleich diesem hausen zu dürfen, Besitzer zu sein solcher geordneter schimmernder Bücherreihen, mit solchen blanken ernsthaften Geräten, in denen der erhabene Geist der Mathematik sich in klaren einfältigen Formen offenbarte, rasch und sicher hantieren, mit raschelnder Feder perlenschnurgleiche Buchstabenreihen über reines körniges Papier ziehen und so ganz und gar bis in die kleinste Einzelheit von Ordnung und Zweckmäßigkeit umgeben sein zu können. Diesem Kinde hatte Arbeit das Spiel zu früh ersetzen müssen; was Wunder, wenn seiner Art zu arbeiten lebenslänglich etwas von der Methode des Spielens anhaftete, daß sie einer gewissen Verklärung durch die Phantasie bedurfte, um fruchtbar zu sein, eines Anreizes in der Gestalt ihrer äußeren Hilfsmittel, daß ihre Spannkraft im höchsten Grade von Abwechselung abhängig war, — ja, daß sie sich selbst zuweilen mit ihrem Schatten, mit einer Absicht, einem Plan, einem Projekt verwechselte? Gleichviel! Als George etwa eine Stunde allein in diesem Heiligtum der Wissenschaft gesessen hatte, war er von dem schweigsamen Geiste der Tätigkeit, der hier herrschte, so durchdrungen, daß er von sich selbst gerührt war und ein so reinliches Gewissen in sich fühlte, als habe er angestrengt gearbeitet, zugleich aber empfand er eine inbrünstige sehnsüchtige Kümmernis, die sich uneingestanden aus hoffnungsloser Verzweifelung, aus einem armen kleinen Neid zusammensetzte.
Ein Kompaß lag vor ihm auf dem Tisch, die Magnetnadel unter einer schwach gewölbten Scheibe von Bergkristall eingelassen in eine handtellergroße sechseckige Bronzeplatte mit eingeritzten Ziffern, auf die ein niederzuklappender Weiser mit seinem Schatten deuten mußte, — eine winzige Sonnenuhr also, ein äußerst sauberes, zierliches, handliches Gerät, das man in seinem Futteral von rotem Maroquin überall bei sich tragen konnte, — er widerstand der Versuchung nicht, es in die Hand zu nehmen, und betrachtete es andächtig. Bion à Paris stand im Halbkreis um den Kompaß herum zu lesen, — ach ja, solche Gegenstände galt es zu besitzen und sich ihrer unter freiem Himmel zu bedienen, — er seufzte ein wenig und legte das Instrumentchen zärtlich auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und ehe er es sich versah, stand ein Kind in der Mitte des Zimmers, ein kleines Mädchen in zierlich gerafftem lichtblauen Kleid, stockte bei seinem Anblick und sagte in den ausdrucksvollsten Tönen: „What are you doing here? In my fathers room and in our house? How did you come in?“ Dabei blitzte sie ihn mit empörten grünbraunen Augen an und hob eine große weiße Angorakatze, die mit ihr gekommen war und ihre Knie umschmeichelte, mit beiden Händen auf, es war nicht zu erraten, ob als Waffe und um sie gegen ihn zu schleudern, oder um sich an dieses befreundete Wesen anzuklammern, denn sie selbst machte eine ganz kleine Wendung zur Tür, bereit, sich bei der geringsten verdächtigen Bewegung des Eindringlings zurückzuziehen. George indessen, dem sein Englisch auf einmal wegschwamm, war aufgesprungen, ließ die Arme hilflos hängen und stammelte erschrocken eine deutsche Erklärung für seinen unbegreiflichen Aufenthalt in diesem Heiligtum, die er gleich darauf, etwas gefaßter, auf Englisch wiederholte, als er den ratlosen Ausdruck der jungen Dame wahrnahm. Während dieser Erklärung, in der „my father and Mr. Dalrymple“ den festen Kern eines Knäuels verwirbelter Perioden bildeten und die Wendung „You know“ zur Ausfüllung von Verlegenheitspausen oftmals wiederkehrte, begann das Kind zu lächeln, die rosige Wange in das Fell des Tieres schmiegend, und sodann, auf ihn zutretend und mit spitzen Fingerchen auf ihn deutend, sagte sie in hohen zwitschernden Tönen: „Du bist kein Engländer, du, — das bist du nicht!? Aber du kommst nicht aus Indien wie Arya.“ Hierauf, mit demselben Fingerchen sein Gesicht berührend, die kleine Nase ein ganz klein wenig angeekelt kraus ziehend, nachdenklich: „Was ist das? Was hast du da? Haben alle Leute in deinem Lande so kleine Löcher in ihrer Haut?“ Worauf George, mit der eigenen Hand über seine pockennarbige Wange streichend, beschämt eingestand, daß dieser beleidigende Anblick von einer Krankheit herrühre, wobei er sich trostlos verhedderte, da ihm die nötigen Ausdrücke fehlten und schließlich: „Bad cough, you know!“ sagte, weil dies im Grunde die einzige Krankheitsbezeichnung war, die er auf Englisch wußte, da Mrs. Freeling an einem bad cough litt und ihre Gäste einzig davon zu unterhalten pflegte. Er war äußerst peinlich berührt und von einer nach Tränen verlangenden Erregung durchzittert, darüber, daß dies fremde Mädchen ihn so ohne weiteres auf seine körperlichen Mißstände anredete, zumal da es ihn nach seiner Erklärung durchaus nicht mitleidig, sondern weiter mit kühler Neugier betrachtete, wie ein ausländisches Tier. Jedoch ging nun plötzlich wieder jenes Lächeln über ihr Gesicht, das tanzende Sternchen in die Augen zu zaubern schien, und aus dem goldbraunen Geringel der Locken gleicherweise wie aus den vereinzelten lustigen Sommersprossen in der zarten Haut, den blaßroten Lippen und den weißen Zähnchen leuchtete; sie sagte nachsichtig: „You look like a little old man!“ drehte sich einmal auf dem Absatz um, mit einer Handbewegung, die das ganze Zimmer vorstellend umfaßte: „Mr. Dalrymple is my father,“ und, wieder Aug’ in Auge mit ihm, schloß sie: „And that’s Pussy,“ wobei sie ihm die Katze mit beiden Armen hinreichte und die Krallen des Tieres mit einem ausdrucksvollen „Don’t, Pussy!“ aus dem Musseline ihres Kleidchens löste. „Halte sie einen Augenblick! Ich werde dir etwas Komisches zeigen.“ Eilig lief sie zu dem großen Globus in der Ecke des Zimmers, umspannte die Kugel mit beiden rundlichen Armen und versuchte sie aus dem Gestell zu heben. „Nein, ich kann es nicht allein,“ rief sie zornig, „schnell, komm her und hilf mir. Aber so halte doch die Katze!“ Und da George nun ratlos dastand, denn er hatte die Katze losgelassen, um die Hände frei zu bekommen, und Pussy zog sich eilig in die Nähe des Kamins zurück, trommelte sie mit beiden Fäustchen auf den Globus, rief lachend und aufgebracht: „How funny a boy you are!“ und brachte es dann unter Stöhnen und Prusten mit seiner Hilfe zustande, daß die große hohle Kugel, auf der die Weltteile und Ozeane von Abbildungen der seltsamsten Fabelwesen, wie von Einhörnern, Meerweibern und Seeschlangen bevölkert waren, in die Mitte des Zimmers gerollt wurde. Nun hieß es: „Try to catch Pussy!“ denn Pussy hatte sich, entschieden ahnungsvoll, auf die hohe Lehne eines der Kaminsessel zurückgezogen und beobachtete die Vorbereitungen mit Mißtrauen, — entwich bei der Annäherung der Kinder von dort und schritt mit vorgetäuschter Würde und affektierter Zierlichkeit über alle Geräte, Papiere und Bücher des Arbeitstisches hinweg, raste sodann in einem Ausbruch von Verzweiflung in dem ganzen Raum herum, wobei ihre Besitzerin vor Lachen umfiel, George aber seinen ganzen Ehrgeiz entfaltete und sie griff, indem er ihr den Weg versperrte. „I have her, Miss!“ schrie er triumphierend, erntete ein vor Lachen atemloses: „Oh, how awfully funny! Don’t call me Miss! I am Evelyn!“ und nun ward das sich scheinbar in sein Schicksal ergebende Tier, — ein Kater übrigens, — mit allen Vieren auf die Kugel gestellt. Sofort begann es unbehaglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, um hinunterzugelangen, hierdurch geriet die Kugel in Bewegung, Pussys Unbehaglichkeit steigerte sich zum kläglichen Miauen, er reckte den Schwanz steil auf und, unentwegt weiter trippelnd rollte er auf der Kugel durch den ganzen Raum, von Evelyn jauchzend umtanzt und von George unter Staunen begleitet. Als nun wiederum jemand eintrat, und zwar diesmal eine hagere ältliche Dame, die von seinem Anblick ebenso überrascht schien wie Evelyn vorhin, hatte er doch bereits genug Unbefangenheit gewonnen, um auf des Kindes vergnügte Einführung seiner Person: „Only listen, Miss Jones!“ und zu ihm gewandt: „Now tell her that of Mr. Dalrymple and my father!“ eine leidlich wohlgesetzte Erklärung seiner Anwesenheit fertigbringen zu können, die zwar Evelyn enttäuschte („You told it otherwise and much more funny last time!“), jene würdige Dame aber hinreichend befriedigte. Er wurde nun mit ins Wohnzimmer genommen, er bekam Tee mit geröstetem Brot, Butter und Marmelade, er mußte der Miß von Deutschland und St. Petersburg berichten, wozu sie abwechselnd „Awfully!“ oder „How strange!“ sagte und gelegentlich seine Sätze verbesserte. Evelyn jedoch setzte ihm drei Puppen auf den Schoß und erklärte ihn zu deren Großvater, — denn der Vater sei nun einmal Pussy, von jeher, und könnte doch nicht abgesetzt werden! —
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß das Leben eines jeden Menschen in seinem Verlauf Strecken aufweist, die, obschon durch Jahre getrennt, einander doch seltsam ähneln, weniger ihrem Inhalt als ihrem äußeren Rhythmus nach. Als der Vater mit ihm in Warrington nahe bei Manchester angelangt war, wo er am Predigerseminar die Stelle eines Lehrers für Naturgeschichte und Sprachen angenommen hatte, — als sie dort ein kleines Haus inmitten eines Gärtchens voller Stockrosen und Stachelbeeren bezogen hatten, — als schließlich die Mutter mit den Geschwistern angelangt war, und sie sich nun alle mitsammen, da der Winter ins Land zog, eng aneinanderschlossen, der Kälte und der Fremde Trotz boten und sich gegenseitig zur Heimat wurden —, da schien es George anfangs, als steige verjüngt und verklärt die erste Zeit seines Lebens wieder herauf. Dem Himmel sei Dank, man war nicht nach Amerika gesegelt, um dort ein gewisses gottverlassenes Gebiet näher zu untersuchen, wozu Lord Baltimore die nötigen Mittel herzugeben bereit war, denn dieser Würdenträger schien besonders neugierig auf die Verhältnisse in jenem Landesteil. Man hatte auch auf die Pfarre verzichtet, die Lord Shelburne in Persacole, einem äußerst idyllischen Ort, zu vergeben hatte, jawohl, man tat sich nicht wenig auf seine Grundsätze zugute, ließ sich nicht ein auf ein nicht ganz fest gesichertes Unternehmen, — („war nicht die Schachfigur irgend so eines Großen, verstehst du, mein Sohn!“) und machte sich nicht noch einmal im Leben zum Schuhputzer eines Patrons, indem man den Büttel im Predigerrock darstellte („jawohl, denn darauf kam es doch schließlich heraus!“). War es auch etwas Entzückendes um das Entgegenkommen all dieser Brüder im Geiste der Loge, man hatte doch seine persönliche Freiheit zu wahren, (dies war der neueste Standpunkt), und letzten Grundes wollte man sich nicht festlegen, weil Mr. Dalrymple da einige Andeutungen gemacht hatte, — einige ganz unverbindliche Andeutungen … Kurz und gut, Reinhold Forster schied von London, nachdem er Mitglied einer Loge geworden war und auf die „Vereinigung aller Guten zum Guten“ schwur. Jedoch, so ausgiebig er die Grundsätze der Verbindung in seiner Unterhaltung anbrachte, die Gleichheit aller Menschen vor dem höchsten Gesetz war ihm keineswegs in Fleisch und Blut übergegangen und er, für sein Teil, bewahrte seit den Petersburger Erfahrungen ein dumpfes Mißtrauen gegen die, die er „die Großen“ nannte, war auf seiner Hut und würde sich nicht noch einmal übertölpeln lassen. Leider drang ihm dies Bewußtsein seiner Überlegenheit dermaßen aus allen Poren, daß er allerlei Anstoß damit erregte, worüber er sich wiederum nicht wenig wunderte, da er sich für außerordentlich diplomatisch hielt. Auf George hatte die Schilderung der freimaurerischen Gebräuche und Feierlichkeiten einen tiefen und beseligenden Eindruck gemacht, und es erhöhte den Zauberschein, der Mr. Dalrymple in seiner Vorstellung umgab, noch bedeutend, daß dieser in seiner Loge ein Ehrenamt bekleidete und somit von priesterlicher Würde umflossen war. Im stillen hatte er es sich fest vorgenommen, seinerzeit die kleine Evelyn zu heiraten und als demütiger Famulus um Dalrymple herum zu leben, betraut mit der Instandhaltung der Instrumente und dem Kolorieren von Landkarten, auch mit Schreibarbeiten, die er besonders künstlich und schön auszuführen gedachte, wenn er dabei nur in jenem unvergeßlichen Raum leben durfte, — aus dem er übrigens Pussy verbannt wissen wollte. Dies Ziel vor Augen begann er seinen Weg mit einer ersten Ahnung von Bewußtheit zu gehen. Es war ein Jammer, daß der Vater Mr. Dalrymple so wenig glich, daß er so gar keinen Wert auf Akkuratesse und Pünktlichkeit legte und trotz seiner Vorliebe für ein elegantes Auftreten, oder vielmehr einer Neigung für das Bunte und Prächtige, sein Äußeres vernachlässigte, wenn man nicht auf ihn achtete. Er, George, begann jetzt, seinen eigenen Sinn für peinliche Ordnung wie ein Steckenpferd zu pflegen und erzielte unter seinen Gebrauchsgegenständen, seinen Büchern, Papieren und Schreibgeräten eine ihn selbst entzückende Nettigkeit, die sich auch auf seine Kleider und Schuhe erstreckte und so weit ging, daß er aufgebracht wurde, wenn die Mutter sich dieser Dinge wieder annehmen wollte oder gar Fieken, die während der Trennung etwas, wie ihm schien, aufdringlich Hausmütterliches angenommen hatte. Die Mutter, immer noch in der ersten bitteren Ergriffenheit von seinem Anblick, da sie ihn so gewachsen, abgemagert und mit einem Schatten von stillem, grauen Ernst auf dem schmal gewordenen Gesicht wieder gefunden hatte, ließ ihn gewähren und meinte in diesem ihrem ersten Kinde ihr eigenes Herz zu erkennen, wie es sich in den vierzehn Jahren ihrer Ehe aus kindlichem Lebensvertrauen in die stumme Ergebenheit des Dienenmüssens geschickt hatte. In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft geschah es einmal, daß sie in der Dämmerung des Oktoberabends mit ihm allein war, oder doch wenigstens ohne den Vater und die größeren Geschwister. Sie saß am Fenster, mit dem Jüngsten auf dem Schoß, und blickte tödlich erschöpft in den erlöschenden Herbsttag, ohne einen anderen Gedanken als den der Dankbarkeit, daß sie nun festen Boden unter sich fühlte und nicht mehr den schwankenden des Schiffes oder der Postkutsche. Daß sie das nun hinter sich hatte, Sturm und Wellen, Kattegatt und Skagerrak, sie allein mit den fünf Kindern! Mein Gott, sie schauderte immer wieder unter einem Rückkehren der körperlichen Angst dieser letzten Wochen und lächelte matt und erlöst zu George auf, der schon eine Weile an ihre Schulter gelehnt neben ihr stand, ohne sich zu rühren. Jetzt glitt er nieder und kniete vor ihr, Augen und Hände scheinbar mit dem Kleinen beschäftigt, dessen Fingerchen er festhielt. Dann aber begann er über das Kleid der Mutter hinzutasten, zögernd und ungeschickt, als begrüßte er die bunten Streublümchen in dem braunen Perkal alle einzeln, und nun faßte er nach dem Medaillon aus dünnem Golde, das ihr an einem Sammetband um den Hals hing, und das, er wußte es, ein Löckchen von ihm selbst aus seinen ersten Lebensjahren barg. „Ach, — auch das …“ murmelte er und schlug plötzlich die Augen voll zu ihr auf, die im nächsten Augenblick von Tränen überflossen, während er das Gesicht an ihre Knie drückte, ihren Schoß mit beiden Armen umspannte und so krampfhaft schluchzte, daß sein ganzer Körper bebte. Sie, erschrocken, und doch nicht unvorbereitet auf diesen Ausbruch, legte die Linke auf seinen Kopf, — die Rechte umfaßte und hielt den kleinen Christian —, und so, ihn ab und zu sanft streichelnd, sagte sie nichts weiter als: „Georgie, — mein Georgie …“ in einem Ton hoffnungsloser Ermüdung, in dem aber mehr Zärtlichkeit und Verständnis lagen, als mit vielen Worten sich hätte ausdrücken lassen. Endlich, als das Weinen verebbte und seine Arme sich ein wenig lösten, wandte sie den Blick vom Fenster zu ihm und sich über ihn neigend, selbst aufschluchzend in einer Wallung von Gram und Zorn, fragte sie mit rauher Stimme: „Hat er dich geschlagen, oft geschlagen, mein Kind?“ — und fuhr dann fort, ihn stumm zu liebkosen, indem sie den Oberkörper hin und her wiegte und mit einem Ausdruck unsäglicher Bitterkeit über ihn weg ins Leere blickte. —
Während harter, trockener Arbeit, die ihn an sein Tischchen in der Fensternische des großen Wohnzimmers spannte wie einen Ackergaul vor den Karren, — hier saß er gebückt und übersetzte, er, der zwölfjährig sechs Sprachen beherrschte, — da war es doch gut, war tröstlich, draußen die Mutter hantieren zu hören und den gleichmäßigen Verlauf häuslichen Lebens um sich zu spüren! Wie hätte er wohl sonst dies ausgehalten, dies Nachbauen großer systematischer Werke mit einem anders gefärbten Material, aber so, daß Stein um Stein sich deckte, daß ein Gebäude entstand, dem Vorbilde aufs Haar gleichend, in jedem Türmchen und Eckchen, in jedem Geräte der Einrichtung, — oh, dies beständige Hin- und Herblicken von Buch zu Buch, dies Vergleichen, dies Abwägen der Worte, — und was dann endlich vor ihm lag, war nichts Neues, war ewig wieder dasselbe, was schon einmal dastand. Indessen wußte er jetzt, daß es ein Hilfsmittel gab, solche Arbeit erträglich zu machen, es war eine rastlose geduldige Hingabe an die Genauigkeit und Buchstabentreue, an der er sich erbauen konnte, wie an der rechtwinkligen Aufstellung seiner Bücher und Geräte oder an dem tadellosen Anblick einer fertigen Manuskriptseite. Hier war er seiner selbst sicher, keinen Anfechtungen und Zufällen ausgesetzt wie beim Unterrichten der Geschwister oder der englischen Knaben in jener Schule, die er dreimal wöchentlich mit größter Überwindung betrat und mit dem Gefühl bitterster Demütigung wieder verließ, halb ohnmächtig von der Anstrengung, die ihn das Aufrechthalten seiner Würde, das Übersehen und Überhören des Spottes seiner Schüler und die reinliche Erfüllung seiner Pflicht kostete. Gleichzeitig war er von Hunger geschwächt, der ihn in diesen Jahren zu überfallen pflegte, wie ein reißender Wolf, denn sein Körper streckte sich nun und befand sich in fortwährendem Aufruhr gegen die Lebensweise, der er unterworfen wurde. Dann führte ihn sein Heimweg an jener Bäckerbude vorüber, — ach nein, — er führte gar nicht daran vorüber, aber man konnte doch durch jene Straße gehen, wo sie sich befand, magisch anziehend mit dem stillen Glanz ihres Schaufensters, hinter dem die leckersten Apfel- und Fleischpastetchen lagen, während ein köstlicher warmer Duft nach frischem buttrigen Gebäck das ganze Gebäude umwitterte. Er würde vorbeigehen, dies war ihm meist zwei Schritte von der verhängnisvollen Türe entfernt noch ganz klar, gewiß, er würde nicht erliegen, — nicht einmal die Augen wollte er der Versuchung zuwenden, — ach, warum war er überhaupt durch diese Straße gegangen? Und welche Gewalt war es, die ihn dann hinriß, eine scharfe Biegung auf die Türe zu zu machen und sie aufzustoßen? Manchmal gelang es ihm, vorüberzukommen, aber nach zehn Schritten kehrte er dann um und lief beinah zurück, mit wässerndem Munde und die Faust in der Tasche um ein armes kleines Geldstück geballt, manchmal auch ging er rasch, aufrecht, mit trotzig vorgeschobener Unterlippe auf den Laden zu, und das meist, wenn er gar kein Geld hatte und darauf rechnete, daß die Bäckersfrau ihm auf den Namen und Stand seines Vaters hin Kredit geben würde. Hierauf konnte er es kaum erwarten, den stillen Heckenweg zu erreichen, wo er die Tüte öffnen und hastig und gierig über die Kuchen herfallen konnte, die er verschlang, ohne recht zu kauen, atemlos, während ihm Tränen aus den Augen liefen und er nur den letzten mit zögernder Andacht verzehrte. Da nun der Hunger gestillt war, überkam ihn die schrecklichste Reue, wie er dermaßen habe schwelgen können, ohne der Mutter und den Geschwistern, — nicht allen, aber Friederiken etwa, der zweiten Schwester, die er liebte, — etwas abzugeben; er schämte sich fast zu Tode und mußte sich doch von Zeit zu Zeit noch den Mund lecken, indem er langsam nach Hause ging. Diese Sündenfälle wiederholten sich zu seiner Verzweiflung immer wieder und sein Schuldkonto wuchs. Eines Tages ereignete es sich, daß die dicke Bäckersfrau, nachdem sie eine Weile mit mürrischem Gesicht und angelecktem Daumen in ihrem Rechnungsbuch geblättert und mit der Stricknadel Zahlen zusammengezählt hatte, sich unter ihrer Haube kraute und erklärte: „You must pay me first, Master!“ und wenn nicht anders, müsse sie sich an den Herrn Vater halten. Worauf sie das Buch zuklappte und hinter George drein die Nadeln klirren ließ. Er schlich mit hängenden Armen aus dem Dufte der Pastetchen, von so viel Härte wie von einem Schlag ins Gesicht getroffen, — einer Härte, die er im Grunde als berechtigt anerkennen mußte; es hatte so kommen müssen, er hatte es ja genau gewußt und hatte doch wie ein Blinder darauf los gesteuert. Der Schweiß brach ihm aus, während er mit äußerer Fassung dahinging; er rang nach Atem und fühlte sich von körperlicher Angst durchrieselt, — hier ging er, ein Verworfener, ein Verschwender, — „verbrachte sein Gut mit Prassen!“ fiel ihm ein, — und nun, in dem stillen Heckenweg, dem Zeugen so vieler Sünden, angelangt, rang er buchstäblich die Hände. Die Folgen seines Tuns waren ihm schrecklich klar, Zornesausbrüche und Schläge seitens des Vaters, stille Tränen der Mutter, — dies alles aber war nicht so quälend wie die innere Überzeugung, es nicht besser verdient, die Erkenntnis, sich miserabel benommen zu haben, so, wie er es nie und nimmer von sich erwartet hatte, und daß andere nun Zeugen dieses Zusammenbruchs werden sollten! Er hatte nicht mehr gebetet, seit jenem Tag auf der „Mütterchen Elisabeth“, seit jenem betretenen „Du weißt es also noch nicht, mein Sohn“ des Vaters, — nicht etwa aus Prometheustrotz, sondern die Gewohnheit war von selber eingeschlafen, er hatte sich ihrer begeben aus einer Erschöpfung der Hoffnungskraft heraus, die einer schweren Erkrankung, einer seelischen Lähmung gleichkam, — jetzt in diesem Augenblick war zum erstenmal ein gespanntes Gefühl stark genug, das angestaute Eis zu durchbrechen, die innere Vergletscherung aufzutauen: er betete, er schrie und flehte stumm, aber heiß und stürmisch mit aufgehobenen Händen um Errettung, weniger vor der Strafe als vor der Demütigung, gelobte, zu einem jungen, blühenden Kirschbaum als einem Vertreter Gottes aufblickend, Selbstzucht, Reinheit, Enthaltsamkeit, geriet ins Schluchzen, umklammerte mit den Händen die eigene schmale, tobende Brust und lehnte an einem Zaun, um sich auszuweinen, jetzt schon erhört sich wähnend, einfach durch die Linderung, die er nach diesem Ausbruch im Herzen verspürte. Langsam nach Hause wandelnd, geriet er in eine sanfte, traumhafte Stimmung, empfand Vogelruf und Baumesblüte, lichtblauen, wolkendurchschimmerten Himmel und fächelnden Wind mit erstauntem Glück wie unerwartete Zärtlichkeit, fand, sich noch einmal ungern an den Grund seines Kummers erinnernd, daß er längst beschlossen habe, der Mutter alles zu beichten, und gab sich dann ganz einer neuen schwärmenden Seligkeit hin, die sein aufgepflügtes Herz hervorgehen ließ wie kindliche Saat. Er war schon in die Straße eingebogen, an deren Ende sein Ziel war, aber immer noch heiter und sorglos schreitend, von unbekanntem Leichtsinn getragen, versuchte er eine Pfütze zu überhüpfen, die er sonst wohl umwandelt hätte, und natürlich trat er hinein und blickte ein wenig bestürzt und ernüchtert nieder auf das schwerfällige linke Bein, dessen stramm sitzender grauer Strumpf mit Schmutzspritzern bedeckt war, während der stumpfe Schnallenschuh einen betrüblichen Gegensatz zu seinem blanken gepflegten Bruder darbot. Nachdenkend, ob es wohl gegeben sei, das Schnupftuch hier anzuwenden, durchzuckte es ihn plötzlich von den Augen zum Herzen, daß ihm das Blut einen Augenblick stockte, und aus dem Schlamm einer Wagenspur hob er mit bebenden Fingern auf, was golden dort blinkte, hielt es, lächelte verwirrt, zog nun wirklich das Schnupftuch, rieb und putzte, ging dabei weiter wie ein Schlafwandelnder, stand wieder still und starrte auf das kleine blanke Ding in seiner Hand, das nicht verschwand, sondern dalag und glänzte, sich erwärmte und sich ihm zum Eigentum gab: „O mein Gott,“ dachte er mit versagenden Worten, „wahr und wahrhaftig!“ Es war eine Guinee. —
Da war er nun erhört, auf eine recht greifbare Art erhört, dermaßen erhört, daß ihm der Segen den Schädel fast einschlug, und er sich zunächst gar nicht zu sammeln vermochte. Er dachte seltsamerweise zunächst an einen silbernen Fingerhut, den die Schwester Friederike sich wünschte, und daß er ihn nun kaufen und ihr mitbringen könne, dachte an ein kleines ausgezeichnetes Federmesser für sich selbst, dessen er entschieden bedurfte, und dazwischen natürlich immer wieder an die Bezahlung jener Schulden, aber gar nicht so, als habe der Himmel ihm dies Goldstück nur eigens zur Errettung aus dieser Not und in Beantwortung seines Hilfegeschreis in den Schoß geworfen. Er empfand dunkel ein Mißverhältnis zwischen dem Rausch gelösten Gefühls von vorhin und dieser glatten Erledigung aller Schwierigkeiten, ja, er war beinahe geneigt, diesen Fund für einen glücklichen Zufall und nichts anderes zu halten, denn er hatte seine Erhörung dahin, sie hatte einzig in der wundervollen Erleichterung seines Herzens nach dem Gebet gelegen. Wenn er nun betroffen innerlich Dank stammelte, so geschah es keineswegs mit dem Jubel des von Gott mit Gnade Überschütteten, sondern pflichtschuldigst. Ein leiser Widerschein der ersten Seligkeit kehrte zurück, als er Friederiken sein Geschenk überreichte und das Aufleuchten ihrer Augen sah; übrigens geschah dies heimlich vor den anderen und selbst vor der Mutter. Er vertraute der Schwester sein ganzes Erlebnis an, sah auf ihrem beglückten kleinen Gesicht alle Schattierungen des Mitleids und des Staunens wechseln, wurde von ihr gestreichelt und sogar ganz schüchtern geküßt und empfand männliche Rührung, teils über sich selbst, teils über den Eindruck, den er hervorrief. Mit diesem Tage war in seiner Brust etwas gelockert, er gab sich von nun an gern solchen Rührungen hin und suchte sie sogar auf, er betete, rein um des Betens willen, und war oft recht untröstlich unglücklich, ohne zu wissen warum. Viel Zeit zu solchen Ergriffenheiten hatte er nicht, so vertrieb er sich des Abends im Bett die Zeit mit ihnen, wie einst mit den grausigen Spielereien, die das Labyrinth betrafen, an die er jetzt gewissermaßen anknüpfte, indem er sich Gott in den Mittelpunkt der Irrgänge gebannt vorstellte und seine Stimme dort hörte, nicht schaurig rollend, wie die des Minotauros, sondern stark, schwingend und summend, in einer Harmonie, deren Süße ihm den Brustkasten vibrieren ließ. Sich zu ihm hinzubeten, das war’s, was es jetzt galt, und er betete zielvoll, inbrünstig, bis zum körperlichen Taumel, bis zur Betäubung. Friederike ward mit in diese Ekstasen hineingerissen, nur, daß es ihr oft schwer fiel, zu warten, bis das gesunde laute Atmen von Sophie und dem Bruder Karl verriet, daß diese beiden, einer Teilnahme an dem Geheimnis nicht Gewürdigten, eingeschlafen waren: sie ward müde, die kleine Friederike, und gab keine Antwort mehr, wenn er endlich flüstern konnte: „Wachst du, Riekchen?“ —
Beim Vater fand er keinerlei Nahrung für solche Übungen, Herr Forster hatte sich nun vollends gehäutet und wies nirgends mehr ein Kennzeichen des preußischen Predigers auf, wenn er sich schon stets nach dem Grundsatz richtete, daß ein Weltmann allezeit die Gefühle seiner Umgebung schonen müsse. Indessen ging ihm denn doch die Freiheit des Denkens über alles (und nebenbei war der Zwang der regelmäßigen Lehrstunden im College wahrhaftig recht lästig!), und so hatte er sich bald mit dem Rektor Sullenham und dem Reverend Holliday, seinen unmittelbaren Vorgesetzten, gründlich überworfen, — Fragen des naturwissenschaftlichen Unterrichts gaben den Anlaß, welche die Herren in den wolligen Perücken auf biblischer Grundlage, Herr Forster indes im Sinne der Aufklärung behandelt haben wollte. Er zog sich aus dem College zurück, blieb jedoch trotzig in Warrington und begann eine freie Lehrtätigkeit, deren Aufblühen ihn hauptsächlich im Hinblick auf die Bekniffenheit des ehrwürdigen Holliday zu freuen schien, dessen Privatstunden nicht eben überlaufen waren. Daneben entfaltete er einen in der Tat unermüdlichen Eifer im Übersetzen von Reisebeschreibungen, und nacheinander schleppte er George mit sich nach Indien, an den Mississippi und nach Cumana in Südamerika, wobei der Knabe, hineingerissen in das rastlos arbeitende Räderwerk dieser brutalen geistigen Maschinerie, die keine Erschlaffung kannte und auch bei andern nicht anerkannte, Handlangerdienste zu leisten hatte und diesem unerschrockenen Reisenden auf den Spuren von Kalm, Osbeck, Bossi und Löffling atemlos im Urwald der Vokabeln Bahn hieb. Es war wahr, der Vater war wieder von der stürmischen Tatkraft vergangener Jahre beseelt, und die Zeit der Gebrochenheit schien George ein peinlicher Traum zu sein, so völlig stand er von neuem unter dem Eindruck der Berechtigung der ungleichmäßigen, aber immer heftigen Lebensäußerungen seines Erzeugers, und war eins in dem Eifer stummer Botmäßigkeit mit der Mutter und den Geschwistern. Hingen sie nicht von ihm ab, säugte er sie nicht an seinem Busen wie der Riese im Märchen? Saßen sie nicht auf der Straße ohne ihn? „Nun — nicht wahr?“ — majestätisches Augenrollen um den Tisch herum. Hinzufügung: „Auf der Straße hier im wildfremden Lande!“ Also! Und somit gerechtfertigte Besitzergreifung der beiden letzten Hammelrippchen auf der Schüssel — „Du warst doch satt?“ — zur Mutter gewandt. Aber wie sollte sie anders! Übrigens gab es zwei Persönlichkeiten im Hause, die bei solchen Gelegenheiten mürrisch wurden und ihre Verstimmung unverhohlen zur Schau trugen, die Schwester Sophie nämlich und den Bruder Karl, — ja, es war erstaunlich und unerhört, aber diese beiden widerstanden ihm mit Worten und Werken, und sonderbarerweise ernteten sie nicht nur weniger Kopfnüsse als die andern Kinder, sondern wurden gewissermaßen als ernst zu nehmende Gegner angesehen, über die er sich zuweilen heimlich bei Frau Justine beklagte. Fieken, ja, das war ein ganz gefährliches Kind, egoistisch und obstinat nannte er sie, und der kleine Karl war gefräßig und futterneidisch, war so etwas wohl erhört!? Hier habe die Edukation einzugreifen, sagte er vorwurfsvoll, und zog sich zurück, nachdem seine Frau demütig und erschrocken alles versprochen hatte. Nun hatte sie wieder ein paar Tage damit zu tun, daß sie die Kinder innerlich vor ihm verteidigte, mit der Frage: Woher hatten sie’s denn, dies Wesen, — etwa von ihr? Und welches andere von den Kindern war ihm so ähnlich wie Fieken, — sah er das nicht selbst, und konnte er sich in dem kleinen Karl nicht spiegeln? Doch hielt sie solche Gedanken für schwere Anfechtungen und fast schon für Übertretungen des sechsten Gebotes. Zu ihm aufsehend vergaß sie Heimweh, Unzufriedenheit und Ermüdung; er war der Herr und sie sehr schwach und unwürdig. Bitterkeit war Sünde, — mein Gott, daß sie auch immer wieder da hinein verfiel! Und sie beugte sich über ihre Arbeit, sie schaffte von früh bis tief in die Nacht, die Kleinsten wärmten ihr Herz, Fieken unterstützte sie auf rauhe aber tatkräftige Weise, mit George aber und Riekchen lächelte sie manchmal mitten unter Tags, als tauschten sie ein heimliches Zeichen. —
Sie fanden alle, daß es so hätte weiter gehen können, — wer das nicht fand, war Herr Forster. „Aber, meine Teure,“ sagte er, „hattest du wirklich angenommen? Du bist überrascht? Nun, in der Tat …“ Er blickte wieder in den Brief, den ihm die Post gebracht hatte, lächelte abwesend und streichelte sein Kinn. Endlich nun, nach zwei Jahren, hielt Dalrymple Wort, er machte ihm den Vorschlag, ihn nach Ostindien zu begleiten, — „Ostindien, George!“ — auf eine Insel, ein Inselchen im heißen blauen Meer, Balangbangan hieß es, wo die Ostindische Companie, dies unvergleichliche Institut, unter seiner, Dalrymples Leitung eine Niederlassung gründen wollte. Ohne erst Zeit mit dem Einziehen von Erkundigungen zu verlieren, brach Herr Forster seine Zelte ab, das heißt, er selbst eilte seiner Familie voran nach London und überließ es seiner Frau, den Umzug zu leiten, eine unendlich mühselige Unternehmung. George war von neuem von dem seltsamen Fieber ergriffen, das ihn damals in des Vaters erster Projektenzeit beherrscht hatte, zerrissen zwischen der Teilnahme für die Mutter und einer prickelnden Neugier auf das Kommende, der Spannung, Dalrymple wiederzusehen, und dem erlösenden Gefühl, daß eine Veränderung der Arbeits- und Lebensweise bevorstehe, wie er sie, halb unbewußt, ersehnt hatte. Als es sich nun herausstellte, daß dieses hastige Abbrechen gesicherter Beziehungen und der Familienaufbruch nach London ergebnislos gewesen waren wie ein Schlag ins Wasser, als es klar zu Tage trat, daß Herr Forster wieder einmal Anfragen für Versprechungen genommen hatte, daß er gewissen Ansprüchen nicht zu genügen schien, — hier war Intrigue am Werk gewesen, man hatte ihn verleumdet, ihm einen windigen Charlatan vorgezogen! — als die Familie gerade in der Stunde mit der hochbepackten Mail-coach durch das New Gate einfuhr, als Mr. Dalrymple in See stach und Herr Forster sozusagen ohnmächtig auf dem Themsekai tobte, — da machte sich die Wucht wiederholter Erfahrung doch im Gemüte des Knaben geltend. Dunkel empfand er Glücksjägertum und den Mangel an Würde, den es voraussetzte; eine dumpfe Beschämung belastete ihn im Hinblick auf Dalrymple, von dem er sich ganz persönlich verachtet und verworfen vorkam. Der Vater mietete nun eine kleine Mansardenwohnung in Warwick Lane und eine Zeit verzweifelter Bemühung um das tägliche Leben begann, um so bitterer empfunden, als da hinten in der lichten Frühsommerlandschaft Warrington mit seinem Häuschen und dem geliebten kleinen Stachelbeergarten lag, wie ein Paradies, dessen Pforten man mit frevelhaftem Leichtsinn hinter sich zugeschlagen hatte. Daß die Mutter und die älteren Schwestern für Geld Stickereien anfertigten, war quälend genug mitanzusehen, nun aber geriet der Vater auf den Gedanken, daß er, George, für seine Jahre mehr leisten könne, als er es am Schreibtisch zu tun vermöchte, daß, — er sagte es sonderbar unumwunden, — seine Kraft besser ausgemünzt werden müsse, er kam auf den furchtbaren Gedanken und führte ihn ohne Zögern aus, George bei einem Kaufmann in die Lehre zu geben, einem Mann, namens Hitch, der mit Tuchen handelte und sein äußerst respektables Geschäft in der innersten City nicht weit vom Temple hatte. Daß dies hieß, einem Zahnlosen Nüsse zu knacken zu geben, oder von einem Fisch zu verlangen, auf dem Trockenen zu leben, kam Herrn Forster nicht in den Sinn, als er eines Morgens den blassen Jungen mit der ihm eigenen Wichtigkeit seinem Chef vorstellte. Er hatte sich nicht darin verrechnet, daß George sein Bestes tun würde, — oh, gewiß, er tat seine Pflicht, und, das grüne Tuch über dem Arm, lief er stundenlang kreuz und quer durch die tosende Stadt, eine arme kleine Ameise unter Millionen anderen, immer in der Gefahr, zerdrückt oder zertreten zu werden, sich in dem ungeheuren Gewirr der sich teuflisch gleichenden Gäßchen verirrend, sich abängstigend und der blutlosen Strenge seines graugekleideten Herrn gewärtig, wenn er zu spät kam, — einen beständigen Jammer dabei in der Brust, eine Sehnsucht nach einem stillen Eckchen, nach seinem Tischchen in Warrington mit den Büchern und dem allerliebst geordneten Schreibgerät, — Erinnerungen nachhängend, soweit sein erschöpftes Gehirn sie hervorbringen wollte, von der Wolga träumend und eingedenk des Janusch, — später über Rechnungsabschlüssen, die er ausführen sollte, völlig versagend und mit puritanischer Ironie von Mr. Hitch Esqu. vernichtet, — so brachte George die Tage dieses unglücklichen halben Jahres hin, während der Bruder Karl daheim an seiner Stelle Wörterbücher wälzte und den Vater unterstützte, wobei es allerdings weniger still und feierlich zuging, als früher, denn Karl quittierte recht hörbar mit Brummen und Schreien über Tadel und Züchtigung, und zudem war in der Bücherei und unter den Manuskripten bald eine Unordnung eingerissen, die George ins Herz schnitt, wenn er abends müde und stumpf nach Hause kam. Um Weihnachten herum, nachdem er sich in dem fürchterlichen gelben Nebel draußen, den man fast kauen konnte und der seinen Lungen widerstand, als sollten sie Wasser einatmen, nachdem er sich also einen Husten geholt hatte, in Wahrheit einen bad cough, den Mr. Hitch schon allein des unmusikalischen Geräusches wegen mißbilligte, nahm ihn der Vater mit einem stoßweisen Entschluß aus dem Geschäft heraus, aus Gesundheitsrücksichten angeblich, im Grunde jedoch, weil er die Plage mit Karl satt hatte, der nun seinerseits in ein Kontor wanderte, wo er sich trotz seiner Jugend als bedeutend brauchbarer erwies als am Schreibtisch und als viel anstelliger als George. Dieser, an sein Tischchen zurückgekehrt, erschien dem König Minos zunächst als gänzlich verwahrlost, als völlig verblödet, so viel schien er verlernt zu haben; er wurde angeschrien und das Pfeifenrohr fuchtelte ihm um den Kopf, ohne daß es mehr bewirkte, als daß er sich duckte und auch dies für Gewinn hielt. Endlich ward unter Gemurr die Erlaubnis erteilt, daß Frau Justine ihn für einige Tage pflegte, sie bettete ihn in ein Bett allein, — sonst teilte er das Lager mit Karl, — und erreichte es, daß er nach einer Woche Essens und Schlafens wieder lächelte und sprach, denn dies beides schien ihm verlorengegangen zu sein, und eine Gewohnheit tief und stöhnend aufzuseufzen, blieb ihm aus dieser Zeit körperlicher Frone zurück. Endlich wieder imstande, der alten Beschäftigung nachzugehen, erfüllte er seine Aufgabe zwar artig, sanft, liebenswürdig und außerordentlich akkurat und korrekt bis ins kleinste, aber doch etwa so, wie ein blindes Göpelpferd im Kreise geht. Zuweilen dachte er an seine erste Kindheit und verglich: es war alles wie einst, nur daß sie enger und ärmlicher wohnten, daß draußen die gewaltige Stadt toste und daß er die Mutter nun fast überragte, wenn er neben ihr stand. Als der bad cough und die Heiserkeit im Frühjahr endlich überstanden waren, hatte er eine tiefe Stimme bekommen, er war nun in der Tat kein Kind mehr und hätte nicht mehr spielen mögen, selbst wenn er die Zeit dazu gehabt hätte; auch an jene Gebetsekstasen dachte er unbehaglich zurück, wie an etwas Unwürdiges. Er studierte, er las, — er schrieb nach Diktat, er machte Auszüge, er übersetzte, sein Blick bekam etwas Gedecktes, als sehe er beständig gegen eine Wand, — die Zeit ging hin, er war siebzehn Jahre alt, und: „Georgie,“ sagte die Mutter eines Abends, als er sie am Arme durch Pall Mall führte und sie lächelnd von den Eigenschaften der Schlupfwespe unterhielt, ohne dem vorübergaukelnden bunten und eleganten Leben, ohne schönen Pferden oder strahlenden Frauen einen Blick zu schenken, — „mein Georgie, — wann wirst du jung werden?“
„Man lobt dich in der Stille, du mächtiger Herr Zebaoth“, brummte Herr Forster mit pfiffigem Gesicht vor sich hin, indem er die Treppe emporstieg, sich haltlos einer Erinnerung an seinen Predigerberuf überlassend und durchaus nichts weiter ausdrücken wollend, als dies, daß es gut sei, Projekte für sich zu behalten, bis sie reif wären, unterirdisch zu wühlen, wie der Maulwurf. Er übersah dabei, daß der Maulwurf, ohne es zu beabsichtigen, seine heimliche Tätigkeit doch nicht verbergen kann und daß eine Schwangerschaft, ob sie schon wesentlich im Dunklen sich vollzieht, sich dem Auge aufdrängt. Somit war es für George und seine Mutter längst nur noch die Frage, was sich wohl vorbereite, wes Geschlechtes und Aussehens das Kind sein würde, dessen Geburt um so zweifelloser bevorstand, als Herr Forster immer schwangerer wurde, was sich in einer peinlichen Zerstreutheit und Unruhe, erhöhter Reizbarkeit und täglichen Ausgängen zeigte, von denen er äußerst nachdenklich zurückzukehren pflegte.
„Na, da staunt ihr?“ sagte er herablassend, sah aber zugleich etwas verstimmt von einem zum anderen: denn die Familie zeigte sich viel weniger aus den Wolken gefallen als er es zur Belohnung für seine lange Enthaltsamkeit erwartet hatte. Frau Justine nickte ergeben, als habe sie derartiges befürchtet, — aber, mein Gott, nun gleich die Südsee, — wo lag sie doch nur? Und ihr Blick schweifte hilflos zu dem Globus hinüber, der auf dem Bücherbord stand. Herr Forster hielt seine Augen mit einem sonderbar strahlenden Ausdruck auf George gerichtet, der ihn freundlich und aufmerksam anblickte und sich nun auch erhob, um den Tisch herumkam, dem Vater die Hand küßte und herzlich sagte: „Welche Freude, teurer Papa!“ aber mehr so, als freue er sich des Glückes eines anderen und nicht seines eigenen, — dieses unglaublichen, dieses einzigartigen Glückes, daß er, in seinem siebzehnten Jahr und ohne weiteres Verdienst als jenes, das der Besitz eines außergewöhnlichen Vaters verlieh, mit eben diesem Vater den großen Kapitän Cook auf seiner zweiten Weltreise begleiten sollte. Dies, kein Projekt mehr, sondern handgreifliche Gewißheit, ein Ding, das sich von heut auf morgen aus der Puppe bloßer Pläne und Verträge in glanzvolle Wirklichkeit entfalten sollte, war’s, was Herrn Forster berauschte und auf Flügeln trug, so daß er um zehn Jahre verjüngt einherschritt und sich den Geschäften der Vorbereitung aufs liebenswürdigste widmete, indem er anordnete, widerrief, Bücher, Instrumente, Arzneimittel und die überraschendsten Gegenstände, die er zur Reise für nötig hielt, aufhäufte, so daß es kaum noch menschenmöglich war, ein System der Ordnung hineinzubringen, — George aber machte es möglich, — und indem er vor allen Dingen in Begleitung von Karl in die Bazare ging und von dem Geld, das ihm bereits zur Verfügung gestellt war, in unbedenklicher Großartigkeit Einkäufe machte an Wäsche, warmen Kleidern, — dabei hatte man noch das russische Pelzwerk, fast neu und von Frau Justine sorgfältig vor Motten geschützt; sie seufzte ein über das andere Mal —, an Glashäfen und Herbarien und an Tabak, besonders an Tabak! Daß man sich in der Umgebung des Südpols aufhalten würde, wo es, — erstaunlich, aber nicht zu bezweifeln, — ebenso kalt war wie am Nordpol, wenn nicht gar kälter, — daß man in der Südsee, — diese aber war heiß, fast kochend! — von Insel zu Insel schlendern würde, der Menschenfresser gewärtig und ähnlicher Zufälle, — dies bildete den Gesprächsstoff der nächsten Mahlzeiten, wozu Frau Justine ratlos und bange aussah, während George ihr aufmunternd zulächelte. Zudem ward immer wieder betont, daß es sich um jahrelange Abwesenheit handeln würde, — jahrelang! — und mit den Schicksalen aller möglichen Seefahrer der letzten Jahrzehnte ward die Wahrscheinlichkeit, daß man überhaupt nicht wiederkehren würde, ausführlich in Betracht gezogen, ja Herr Forster schwelgte förmlich in der Ausmalung aller Möglichkeiten eines martervollen Todes, etwa durch Verdursten in einem kleinen Boot inmitten einer unabsehbaren Wasserfläche, — besonders qualvoll das, meine Liebe, man fühlt sich an Tantalus erinnert! Selbst ziemlich unberührt durch all diese Erwägungen, die er mit großen Augen und gerunzelter Stirn von sich gab, da sie ihm nicht mehr als eine gesunde Emotion der Phantasie bedeuteten, gelang es ihm doch, ohne es zu beabsichtigen, in George und seiner Mutter eine Stimmung von Abschied fürs Leben zu erzeugen, der sie sich am letzten Abend mit vielen Tränen überließen. Die Vorstellung, in diesem fremden Lande mit Karl als einziger männlicher Stütze zurückbleiben zu sollen, löste ähnliche Gefühle in Frau Justine aus wie die eines an morschem Seil über einem Abgrund Schwebenden, obgleich, — papperlapapp! — für sie und die Kinder gesorgt war, vollauf gesorgt durch einen Teil der Reiseentschädigung, die die Regierung ihr in Gestalt einer Pension auszuzahlen angewiesen war, — also nochmals papperlapapp! Daß er nun einen Wechsel auf die Zukunft in der Tasche hatte, denn, — gesetzt den Fall, man kehrte glücklich heim! — er würde durch die Beschreibung der Reise, die ihm übertragen, die seine ganz besondere Aufgabe war, Ruhmes, Reichtums und der Anwartschaft auf die größten europäischen Lehrstühle gewiß sein, — das natürlich wurde wieder einmal nicht ins Auge gefaßt. Freilich, — denn was das Motiv von Justinens traurigen Gedankengängen bildete, was immer wiederkehrte, wenn sie stumm und ergeben zu ihm aufsah, der so prächtig, gesund und von Leben strotzend war und den sie doch liebte, — wenn ihr Blick auf George ruhte, der so bleich und kränklich schien, — dies Motiv, — o, wer wollte es ihr verdenken und wer verstand es nicht, daß es hieß: … und gesetzt den Fall, sie kehrten nicht zurück …?
Das Schiff war ein Erdteil für sich. War ein Weltkörper, im Raume schwebend und blindlings Gesetzen folgend, die seinen Lauf von dem der Gestirne abhängig machten. War, — gleichzeitig, — zusammengesetzt aus allen Stoffen der Erde bis zu ihrem feinsten, dem Menschenhirn, — ein selbständiges Wesen, denkend und zielbewußt und von harter Entschlossenheit, seinem Namen gemäß: The Resolution. War, — ein Schiff! — weiblich, mit ausladendem Schoß und zärtlichem Schwung der Linien, von männlichem Geiste gelenkt und ihm dienstbar, — Heimat diesem Geiste, wie die Insel dem Zugvogel im grenzenlosen All des Ozeans, wo Himmel und Wasser ineinander übergehen und oben nicht mehr von unten zu scheiden ist. War Zuflucht, Obdach, Mutterschoß und nährender Boden den Männern, die auf ihm zusammengedrängt ins Unbekannte fortgerissen wurden, ausgeliefert an Wind und Wogen, freiwillig ausgeliefert, hingegeben allen Gefahren und sie nutzend und meisternd, bis ans Äußerste ihrer Spannkraft geladen mit der Lust des Siegers, dauernd auf der Hut und des Todes gewärtig. Diese Männer — hundertundzwölf an der Zahl, — und das Schiff waren in einem Verhältnis wie Mann und Weib von Anfang her. Es war ihnen Mutter und Geliebte, sie beteten es an und traten es mit Füßen, seine Schönheit war ihnen köstlich, sie schmeichelten ihm und sorgten für seinen Schmuck; aber sie machten kein Heiligtum aus ihm, nichts weniger als das, kein segelndes Kloster. Denn dafür haßten sie es ja, daß es ihnen diese Enthaltsamkeit auferlegte und sie an sich band wie mit Ketten, und dafür rächten sie sich in ihrer Art, daß bald kein Fleck auf ihm war, den der giftige Brodem ihrer unterdrückten Triebe nicht verpestete. Indes, das Schiff blieb, was es war, wundervoll sich wiegend und die Wellen im Spiele nehmend, lächelnd im Glanze der geschwellten, leuchtenden Takelage, sich unterwerfend scheinbar und dennoch herrschend, voll Unberechenbarkeit und dauernder Aufsicht bedürftig, — aber auch gut, warm, schützend wie nichts auf der Welt. Es war so vorzüglich ausgerüstet wie nie zuvor ein Schiff gewesen war, es führte Proviant für Jahre, es hatte unendliche Fässer voll Sauerkohl, voll Maische und Orangenmarmelade, um seine Kinder vor Skorbut zu bewahren, es hatte Steinkohlen, um der Polarkälte, Sonnensegel, um dem stählernen Glanz des Tropenhimmels zu widerstehen, es hatte Ballen von wärmenden Kleidern, — und es hatte, — wer durfte es bezweifeln, — die großartigste Mannschaft, die untadeligsten Offiziere, den scharfsinnigsten Astronomen, den bewundernswertesten Maler, den vorzüglichsten Wundarzt, — es hatte, — und dies war am wenigsten zu bezweifeln, — den besten Kapitän seiner Zeit und schließlich: es hatte Reinhold Forster, hatte Forster und Sohn an Bord! War es ein Wunder, daß dieses Schiff den Ozean unter sich trat wie der heilige George jenen Lindwurm?
Es war natürlich kein Zweifel, daß jeder dieser hundertundzwölf Männer, aufwärts vom kleinsten Schiffsjungen bis zum Haupte des Ganzen, Kapitän Cook, — oder war es Herr Forster? — das Schiff als sein Schiff betrachtete, als die Planke, die ausgerechnet ihn vom Tode trennte, als den Vorrat, der ihn vor dem Verhungern bewahrte, und nicht zuletzt galt jedem einzelnen die ganze übrige Besatzung als zwar einzig um seinetwillen vorhanden, aber auch als der unberechenbarste, am gefährlichsten zu behandelnde Teil seiner Reiseausrüstung, dessen man sich mit äußerster Vorsicht zu bedienen hatte. Wohl, man war aufeinander angewiesen, der Kapitän war nichts ohne die Mannschaft und die Mannschaft eine Enthauptete ohne ihn, der einzelne Mann brauchte die Kameraden wie die Finger einer Hand einander brauchen, und wären die Herren Gelehrten nicht an Bord gewesen, welchen Zweck hätte alsdann der ganze Aufwand von harter Arbeit und den Bergen von Guineen gehabt, die Billy, der Koch, sich und den übrigen Burschen als das Ergebnis mühsamer Berechnungen auszumalen liebte? Jedoch war nicht zugleich einer des andern bitterster Feind, — oh, nicht ausgesprochen, aber lag nicht solche Feindschaft in ihnen allen schon in der Knospe, bereit, geil auszuschlagen, sobald die Verhältnisse ihr günstig sein würden? Konnte man einander lieben, wenn man nicht Wochen, nicht Monate, nein, Jahre denselben engen Raum miteinander bewohnen sollte, ohne eine Möglichkeit, sich aus dem Wege zu gehen? So etwas in Betracht ziehen hätte geheißen den Teufel an die Wand zu malen, und Kapitän Cook hätte die Möglichkeit solcher Menschlichkeiten auf einem seiner Schiffe nie zugegeben, schon weil er selbst innerlich so durchsichtig und reinlich arbeitete und so sachlich war wie nur einer von Mr. Wales’, des Astronomen, vortrefflichen Chronometern; weil er außerdem vollständig davon überzeugt war, — und mit einigem Recht überzeugt, — die wichtigste und unantastbarste Person der Unternehmung zu sein und seine Macht mit einer Selbstverständlichkeit handhabte, die die Atmosphäre gesund erhielt und wohltuend wirkte, — es sei denn auf Individuen, die die Ausdehnung dieser Machtbefugnis anzweifelten. Das fiel nun keinem ernstlich ein, außer Herrn Forster, dem leider eine Verwechslung Kapitän Cooks mit jenen wackeren Männern und Seebären unterlief, mit denen er bisher seine Erfahrungen gemacht hatte, dem Schipper Mandeweit ergötzlichen Andenkens und dem eskimopelzigen Väterchen mit den blanken Tranaugen, das sie sicher an Kattegatt und Skagerrak vorbei geleitet hatte. Herr Forster hatte, — bedauerlicherweise! — von jeher Kapitän Cooks Erfolge, auf die ganz England stolz war, nicht ernst genommen und war mit der bewußten Absicht an Bord gegangen, „dem Burschen“ für diesmal seine Anmaßung zu legen und es nicht zuzulassen, daß er ehrwürdige Gelehrte wieder um ihren verdienten Ruhm brächte. Er war also mit dem ihm nötig erscheinenden Nachdruck aufgetreten, und noch ehe man das Kap erreichte, hatte er es fertiggebracht, daß die Beobachtung des Verhältnisses zwischen ihm und dem Kapitän den anderen Herren ein Anlaß heiterer Spannung bildete, während George qualvoll darunter litt.
Bis zum Kap war die Reise einigermaßen abwechslungsreich gewesen, — man hatte Madeira und die Kapverdischen Inseln angelaufen und erfreute sich überhaupt mit noch frischer Empfänglichkeit aller Eindrücke und des köstlichen Müßiggangs dieser beiden ersten träumerischen Monate, als man unter günstigem Wind an Afrika entlang segelte und nichts zu tun hatte, als die Seele der Verwunderung über die Grenzenlosigkeit der Erde zu überlassen, ähnlich wie damals, als man in der Kibitka durch das heilige Rußland schaukelte, das auch kein Ende nehmen wollte. Im Tagebuch wurde allerlei Ergötzliches vermerkt, Delphine und fliegende Fische, Wale, die auf der scharfen Linie des abendlichen Horizontes ihre Fontänen gegen den goldenen Himmel springen ließen, die großen Glocken der Quallen, durchsichtig wallend und in den zartesten Farben wechselnd, wie sie das Schiff tagsüber umgaben, und nachts die Wandlung des Meeres in eine geheimnisvoll bewegte bläuliche Glut, von langen weißen Blitzen durchwandert und funkensprühend, welches Phänomen Herr Forster aufgeregt prüfte und über seine Ursache mit Mr. Wales in einen Streit geriet. Als jedoch das Kap hinter ihnen lag und mit ihm für Jahre die letzte Berührung mit Europäertum, als von all den gefühlvollen Abschiedsfeiern und aufregenden Exkursionen ins Innere des Landes nichts geblieben war als eine greifbare Erinnerung in Gestalt des Doktor Sparrmann, eines dicken kleinen Schweden, der mit einer Hornbrille, einem Schmetterlingsnetz und einer Botanisiertrommel im letzten Augenblick an Bord gekommen war, — „um einen kleinen Luftwechsel zu haben“, wie er sagte, — als es südwärts ging und immer noch südwärts, und dennoch mit jedem Abend der Wind eisiger blies und die Wellen verlassener brüllten, — da begann das Gefühl des Abenteuers, des Losgelöstseins von aller Verantwortlichkeit, — da begann die Gefahr. Nicht die Gefahr allein, die hinter den Eisbergen lauerte, die ihnen nun Tag und Nacht begegneten, gespenstisch aus dem Dunst hervorwachsend und mit bösen kaltem Drohen vorübergleitend, nicht die Gefahr jener wölfischen Krankheit, gegen deren Überfall Kapitän Cook nicht genug Vorkehrungen treffen zu können meinte, zum Verdruß Herrn Forsters, denn diese Maßnahmen bestanden zum Teil in einem immer wiederholten Lüften der Schiffsräume und im täglichen Säubern des Fußbodens mit Strömen von Wasser, somit gab es fortwährend Zug und Glatteis, — nein, nicht solche Gefahren allein. Es gab nun auf einmal kein England mehr, keine Heimat, keinen König, kein Gesetz. Hier regierten Winter und Meer, Gewalten, denen nicht zu gehorchen war, sondern denen man sich mit zusammengebissenen Zähnen entgegenwarf, sie waren unerträglich, äußerst widermenschlich. Hier herrschte also der Kampf, der Krieg, die beständige Schlacht: fortwährende Todesgewißheit und darum das Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen um jeden Preis. Daneben sank jedes Gefühl, das bisher in Fleisch und Blut übergegangen schien, in nichts zusammen, erwies sich als gedankenhaft blaß, ja als ein schlechter Scherz, wenn man es dem Hunger entgegenstellte. Oder war dies die große Prüfung, in der jeder zu beweisen hatte, inwieweit er gefeit war, war dies eine Zumutung des Schicksals, war dies etwa eine Gelegenheit, sich zum Geist zu bekennen? — — —
„Petersburg!“ dachte George, wenn ihm des Morgens die Kälte ins Antlitz fletschte, und er lächelte innerlich verächtlich. Er kannte sie jetzt, diese Anläufe des Satans, und er war ihnen gewachsen. Ob sie ihm unangenehm war, die Kälte, ob sie ihn in Nase und Ohren biß, seinen Hauch gefrieren machte, noch ehe er die Brust verlassen hatte, ob sie ihm Finger und Zehen fast zerbrach? Allerdings war sie ihm unangenehm, allerdings, allerdings! Aber wer merkte es ihm an? War denn den Matrosen etwas anzumerken, fror ihnen nicht die Haut ihrer Hände an den eisigen Trossen und Tauen fest und lachten sie nicht trotzdem bei ihrer Arbeit? War den Offizieren etwas anzumerken, dem kleinen Leutnant Bligh etwa, der seinen Dienst bei Tag und Nacht versah und nichts danach fragte, ob Eisnadeln in der Luft waren oder ob das Schiff durch die Finsternis sauste wie in einen gähnenden heulenden Schlund gezogen? Und endlich, — der Kapitän! Sich vor dem Kapitän schwach zu zeigen, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Cook widerstand dem Winter mit seinen eigenen Waffen, der ganze Mann schien eisig und kristallen, seine Art und Weise hatte etwas an sich, das durch Mark und Bein drang wie der Frost und darum sehr einprägsam, ganz unwiderstehlich war. Er war gleichmäßig, er war unerschütterlich, er hatte den Tag in der Gewalt, und es geschah nichts, was er nicht bis ins Kleinste vorausbestimmt hatte. Die Luftströmungen strichen durch ihn hindurch und seine Nerven bewegten sich noch ehe sie davon erreicht waren: er ahnte Temperaturstürze voraus, er ließ Pelzwerk austeilen und bestellte schon am Morgen den steifen Grog, den es am Abend zu geben hatte, so daß die Mannschaft mehr den Eindruck einer Extraration als einer Vorbeugungsmaßregel hatte. Well, Jimmy was a smart fellow, jedoch blieb er unter allen Umständen ganz ausgesprochen und unantastbar der Herr, eisblaue Augen unter den blonden Brauen in dem rötlichen festen Gesicht und den Mund zu einer schönen schmalen Linie geschlossen. Er gab sehr knappe Befehle zum Besten der Besatzung und des Schiffes aus, indessen war das ganze Schiff so sauber und behaglich, war die Küche so abwechslungsreich und vorzüglich, als leite eine Mutter diese Angelegenheiten. Er selbst jedoch schlief in einer Hängematte wie der letzte Mann, und seine Kabine ward kaum je durchwärmt, er brüllte nicht nach Federbetten und Kohlenbecken wie gewisse andere Leute, o nein, aber er hatte auch keine große Achtung vor jenen andern Leuten, das war klar. Schon darum war es ausgeschlossen, zu jenen andern Leuten zu gehören, und daß er in einem so nahen verwandtschaftlichen und abhängigen Verhältnis zu ihnen stand, das war George oft außerordentlich schmerzlich und beschämend. Indessen konnte er es sich erleichtert eingestehen, daß niemand ihn für das paschahafte Auftreten seines Erzeugers verantwortlich machte, und wenn sie ihn „Lady George“ nannten, so entbehrte das völlig eines höhnischen Beiklanges, und er wußte im Stillen ganz gut, wußte es mit einem heimlichen verschmitzten Lächeln, daß er sich gern so nennen hörte, um der Schonung und leisen Zärtlichkeit willen, die in dieser Bezeichnung lagen. Die ersten Reisemonate hatten ihm merkwürdig wohlgetan, die paradiesische Zeit der Wolgareise schien morgenrötlich verjüngt zurückgekehrt zu sein, und nach den staubigen Jahren der Sklaverei und des Krummsitzens dehnte und breitete sein Körper sich nun unter dem weiten Himmel und dem beständigen Durchströmen der reinen feuchten Luft wie eine verkümmerte Pflanze, die endlich in bekömmliches Erdreich gesetzt ist. Die gute Ernährung und das Aufhören jeglichen Zwanges zur Tätigkeit taten das ihre dazu und das Wunder begab sich: George ward jung. Ja, der Äquator lag schon hinter ihnen, es war etwa auf der Höhe von St. Helena, als ihnen auf einmal die Augen darüber aufgingen, daß sie einen Knaben an Bord hatten, einen schlanken, hübschen Jungen voller Diensteifer und einer gewissen feurigen Bescheidenheit, besonders dem Kapitän gegenüber, — mit einem Ausdruck schalkhaften Glücks in den guten, grauen Augen, wie ihn Gesundheit und heiter spielende Laune verleihen, und diese Entdeckung war um so überraschender für sie, als die meisten von ihnen sich nur an ein grises und mageres Männchen erinnerten, das in Plymouth mit Sr. Majestät Herrn Forster an Bord gekommen war, einen stubenfarbigen Jüngling von gedrücktem Aussehen und greisenhaftem Benehmen, mit dem der junge Forster jetzt nur die Blatternarben gemeinsam hatte, die ihm freilich geblieben waren. Möglich, daß der Kapitän die Veränderung beobachtet hatte, denn er hatte George von Anfang an bei Tisch neben sich gehabt und in einer sehr wortkargen aber zwingenden Manier für die Auffütterung des jungen Menschen Sorge getragen. Nun, da die anderen hinter den Erfolg dieser Bemühungen gekommen waren, als George vergnügt, plauderhaft und ausgelassen wurde, kurz, eine vom Himmel gefallene Unterhaltung für die ganze Messe, da schmunzelte dieser Kapitän und bekannte sein Wohlwollen ganz unumwunden. „Where is my lady?“ pflegte er zu fragen, wenn er die Kajüte betrat, wo man sich zum Essen versammelte, und dann bot er George den Arm und führte ihn an seinen Platz, welches scherzhafte Auftreten ihm ein wenig fremdartig zu Gesicht stand, — ungewohnt, — aber immerhin, es stand ihm zu Gesicht.
Alles in allem, die Sache war die: George war auf einmal jung, weil hier niemand ihm etwas anderes zutraute als was seine Jahre, — sechzehn, siebzehn Jahre, in der Tat! — voraussetzten: holde Eselei, Traumverlorenheit, ein Kaulquappenschwänzchen, das heiter stimmen mochte, wenn es unversehens zum Vorschein kam, Verantwortungslosigkeit also, Jugend, Jugend, die alle diese hart arbeitenden oder gealterten Männer wie einen Luxusgegenstand empfanden, den sie selbst sich nicht leisten konnten, auf den sie aber um alles in der Welt nicht verzichten wollten, und den sie darum hier, wo er so einsam unter ihnen glänzte, mit einer gewissen Rührseligkeit betrachteten und ihn seiner Kostbarkeit gemäß behandelten. George war ein wenig in Verlegenheit gesetzt, fühlte sich dieser allgemeinen Nachsicht nicht recht gewachsen: wußten sie denn alle nicht, daß er, dem sie begegneten, als habe er bisher nur in Rosengärten gespielt, ein armes, gedrücktes Arbeitstier war, ein Sklave, ohne Anrecht auf Heiterkeit? Er ließ gelegentlich etwas von seinen Kenntnissen durchblicken, — nun, konnte man das alles wissen, ohne von Kindheit an im Joche der Gelehrsamkeit gegangen zu sein? Und wußten sie, was das zu bedeuten hatte? O, er wollte nicht täuschen und enttäuschen, den ganzen dunklen, ungeheuren Ernst, der sich in den letzten Jahren von seinem Herzen aus über sein ganzes Wesen ausgebreitet hatte, bot er auf, um sie von seiner wahren Natur zu überzeugen, aber er erreichte nichts, als daß sie ihn scherzend bewunderten und sein Wissen und Können nur als eine Folie zu betrachten schienen, von der seine übrige anmutige Unbeholfenheit sich um so reizvoller abhob, — kurz, er konnte es sich nicht vorenthalten, daß irgendeine Wirkung von ihm ausging, für die bisher niemand empfänglich gewesen war, deren Ursache ihm selbst unbekannt und die vielleicht bisher überhaupt gebunden gewesen war. So gab er denn nach und ließ sich gehen, und siehe da, es war leicht, es war angenehm, sich gehen zu lassen; es atmete sich freier, dünkte ihn, und so vielem Wohlwollen gegenüber kam die Tyrannis des Vaters nicht mehr zu ihrem alten Recht. Herr Forster war verstimmt und wußte selbst nicht warum; es war nichts auszusetzen an dem Knaben, er war, wenn möglich, aufmerksamer auf seine Wünsche als je. Indessen, indessen, — nun, wer wollte sich das ganz klar machen, — da war vielleicht auf einmal etwas wie freier Wille in dieser dienstbereiten Hingabe zu spüren, und damit eine Art von Überlegenheit, kaum wahrzunehmen allerdings, und nur für die gereizten Nervenstränge Herrn Forsters bemerkbar. Herr Forster, auf dem ungeheueren Ozean in einer Gesellschaft von Männern, die offensichtlich sich nicht im entferntesten des Glückes bewußt waren, ihn in ihrer Mitte zu haben, Herr Forster wurde etwas mürrisch und gelegentlich sogar sentimental, ohne damit den gewünschten Eindruck auf George zu erzielen. Er begab sich in Gefahr, jawohl, — an einem windstillen, aber deshalb nicht weniger kalten Tage, als der Nebel, der das Schiff seit Wochen einschloß, in der Mittagsstunde zum erstenmal zurückgetreten war und die falsch und eisgrau glitzernde See in einem Umkreis von einer Meile etwa freigab, erzwang er es sich mit finsterer Erhabenheit, daß ein Boot für ihn herabgelassen wurde, um Jagd auf einige Pinguine zu machen, die auf einer unfern dahingleitenden Eisscholle ihr Wesen trieben. Cook zuckte die Achseln und George war tief bekümmert, Herr Forster aber, ohne einen Menschen anzusehen, den Blick schwermütig ins Leere gerichtet, deutete mit sparsam sich öffnenden Lippen an, Pflicht sei Pflicht, und: die Wissenschaft sei Opfer wert! stieg mit verkniffenem Gesicht die Strickleiter herab und wurde von zwei verdrießlich dreinschauenden Matrosen mit kräftigen Ruderschlägen auf die unbefangen erwartungsvollen Pinguine zugerudert, worauf eine unhörbare Stimme „Vorhang fällt!“ zu diktieren schien und der Nebel sich eilig und lautlos wieder zusammenschloß, die Pinguine und das Boot mit dem tollkühnen Herrn Forster auslöschend. Man hörte es gleich darauf sehr schreien, konnte aber, obgleich man noch regungslos mit den Gesichtern in der Richtung des verschwundenen Bootes dastand, nicht feststellen, von welcher Seite der angstvolle Laut kam, ebensowenig wie das Flintengeböller, das sodann anhob. Kapitän Cook murmelte etwas, aus dem man mit Leichtigkeit: „Damned old fool!“ hätte verstehen können, nach einem Blick in Georges erblaßtes Gesicht jedoch beeilte er sich, Maßnahmen zu treffen, die die Fahrt des Schiffes auf die geringste Geschwindigkeit herabsetzten, und ließ auch seinerseits alle zwei Minuten Schüsse abfeuern, während er durch das Sprachrohr die ungeheuerlichsten Beleidigungen in den Nebel hinausschrie, — natürlich an die beiden Matrosen gerichtet. Nach einer halben Stunde, die den machtlos Wartenden qualvoll lang geworden war, — George lehnte mit dem Rücken am Hauptmast, keines Gedankens fähig als des einen: „Lieber Gott, errette ihn!“ zugleich aber von einem bohrenden Zwang zur Selbstprüfung gepeinigt, — wie, ja, wie wäre ihm eigentlich, wenn er nicht wiederkäme, der Vater?! —, nach dieser halben Stunde, endlich, endlich, schrammte das Boot an der Schiffswand entlang und Herr Forster entstieg dem Nebel wie ein preislicher Vollmond. O, hatte man sich exaltiert? Er seinerseits hatte keinen Augenblick an der Einsicht des Himmels gezweifelt und — nun, man sah es ja, hier war er, frisch und gesund. Es hatte niemand die Stirn, des Geschreis im Nebel zu gedenken, und man feierte den wiedergewonnen Herrn Forster mit einem Extragrog, auf den er ja wohl freilich Anspruch hatte, seiner gefährdeten Gesundheit wegen. Kapitän Cook war viel zu froh, ohne Menschenverlust davongekommen zu sein, als daß er seinem Unmut weiter Luft gemacht hätte. Er begegnete Herrn Forster mit einem gewissen starren, grimmigen Lächeln, das dieser für eitel Wohlwollen nahm, und unter dem Einfluß des Spiritus liquor erschloß er sein Herz, legte dem Kapitän die Hand auf den Ärmel und war außerordentlich liebenswürdig zutraulich, so daß es schwer war, ihm zu widerstehen, und für diesen Abend wenigstens der Anschein eines herzlichen Einvernehmens hervorgerufen wurde. Die fürchterlich-großartige Eintönigkeit der Polarreise war indessen nicht geeignet, einen Zustand inneren Einklanges aufrechtzuerhalten, — zu gewaltig waren die Anforderungen, die diese erbarmungslos starrende Kälte an den Körper stellte, allzu fremdartig und übermenschlich die beständige Zumutung dieser Natur an den Geist. Es schien nicht zuträglich für das menschliche Gemüt, tagaus, tagein nur Eis zu sehen, Eisberge, Eisinseln, Eisfelder bis zum dunstigen Horizont, wo der Himmel weiß war vom Widerschein der kristallenen Massen, — Massen in den Formen unwirklicher Traumgelände, Inseln voller Türme, zackiger Säulen und blauschimmernder Grotten, an denen die schäumenden Wellen sich brachen, belebt von dem sonderbaren, verzauberten Volke der Albatrosse und Mallemucken, und von blasenden Walfischen umschifft. Es schien nicht zuträglich, in dieser ungeheueren Welt zu hausen, ohne für sie geboren zu sein, sich mit einem empfindlichen, aber begrenzten Naturgefühl den Eindrücken dieser fabelhaften Sonnenuntergänge ausgesetzt zu sehen, die Saphir und Beryll ringsum mit einemmal golden und purpurn durchglühten und ein stummes Fest eisiger Glut begingen. Mit der Zeit schien sich nur einer als der Sache gewachsen zu erweisen, und das war der Kapitän, der einzig Wache unter einem Volke widerwillig Schlaftrunkener, der sich ihrer bediente, wie sich der Geist des Körpers bedient, und diese ganze mürrische, scheeläugige Menge mit seinem Willen im Genick hielt und bis in die äußersten Glieder mit schütternden Kraftströmen durchbebte. Sie hatten es alle satt und fragten sich, welcher Teufel sie geritten hatte, auf diesem verdammten Schiff bis ans Ende der Erde mitzugehen? Es gab keine wissenschaftliche Ausbeute, es gab keine malerischen Punkte, es gab tagaus, tagein die gleichen langweiligen Messungen und Aufzeichnungen mit erstarrten Fingern, und es gab für die Mannschaft verflucht harte Arbeit, ohne daß je eine Küste aus dem ewigen Milchnebel des Horizontes auftauchen wollte. Alle Hirne waren gelähmt von der Kälte und die Gedanken kreisten einzig um die einfachsten Bedürfnisse: Essen, — Schlaf, — Wärme! Auch George erlag, unwillig und verzweifelt, aber er erlag seinem Körper, er nahm wahr, daß der Papa eine bemerkenswerte Gabe, sich vor der Unbill der Witterung zu schützen, an den Tag legte, und er ahmte ihm nach, er ging eingewickelt bis zur Nasenspitze umher, er machte Gebrauch von den Wolljacken, Pelzwesten und Decken, die der Alte sich listig aus den Mannschaftsräumen zu verschaffen wußte, und baute sich, ebenfalls nach väterlichem Vorbild, in seiner Koje eine gepolsterte Höhle aus Federkissen und Decken, in die er sich verkroch, wenn keine Mahlzeit mit den daran anschließenden Spaziergängen auf Deck sein Erscheinen an der Öffentlichkeit erforderte. Sinnreiche Vorrichtungen zwangen Bücher und Schreibgeräte, auch bei bewegtem Seegang neben diesen Höhlen auszuhalten, und ebenso war eine Flasche bei der Hand, — zur inneren Erwärmung, der auch das heiße Pfeifenrohr diente, das beständig aus dem Bettengebirge des Vaters herausqualmte und das zugleich mit den Grunz- und Räusperlauten der von Rum und Tabak mitgenommenen Kehle, mit gesättigtem Gestöhn zur Verdauungszeit oder ärgerlichem Gemurr bei schlecht arbeitendem Stoffwechsel und anderen Tönen tierischer Natur, — entspringend dem Corpus materiale, dem elementarischen Leibe des Paracelsus! — Zeugnis ablegte von dem auch unter unbehaglichen Umständen ungebrochenen Fortbestehen seines kostbaren Aufbaus. Kein Zweifel, daß der Vater es verstand, sich auch unter diesen Verhältnissen sehr wohl zu fühlen, ja, daß die zigeunerhafte Ungebundenheit des Reisezustandes einem Zug seines Wesens entsprach, jenem Zug eben, für den George so empfindlich geworden war, seit er den Unterschied im Klang einer straff gespannten Saite, wie sie Mr. Dalrymple und Kapitän Cook für ihn darstellten, mit dem einer schlaffen vergleichen konnte und die inbrünstige Begierde kannte, selbst seine Pfeile von schwirrender Sehne mit reinem, starkem Ton zu versenden. Jedoch, — wie hart, wie bitter schwer war dies, wie unmöglich schien es durchzuführen ohne die Gunst eines gemäßigten Himmels über sich, ohne eine Schreibtischecke mit gut geordnetem Arbeitsgerät und dem unmerklichen wohltätigen Einfluß, den ein regelmäßig geleiteter Haushalt, weiterhin eine rastlos arbeitende Stadt und ein gelassen tätiges Staatswesen mit seinen großen, ruhigen Pulsschlägen auf den geistig Strebenden ausüben? Wie tief mußte einem das alles ins Geblüt gedrungen sein, ehe es als Halt zu entbehren war, ehe der Rhythmus des metallenen Pendelschlages der Pflicht im Leben des einzelnen selbsttätig und alleinherrschend geworden war, wie etwa in Kapitän Cook! Dieser Mann war stark genug, um hier, abertausend Meilen von Europa entfernt, inmitten einer ungeheueren Welt übermenschlicher, meerwälzender Gesetze, zwischen denen die hirnentstammte Moral hohnvoll zermalmt und vernichtet zu werden schien, neben denen es, — nun ja, — lächerlich, unnütz erschien, sich aufstraffen, als mehr bestehen zu wollen, denn als Wassertropfen im Wüstenstaube, — dieser Mann, Kapitän Cook, der Erforscher von Neufundland und der Besieger der Franzosen am Amazonenstrom, er war es imstande, hier England darzustellen und aufzutrumpfen, nicht mit der Faust auf dem Tisch, nein, gelassen, stahlnervig, mit einem verächtlichen Zug zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln, der Kälte mit etwas begegnend, das mehr als Kälte war, mit schneidender Sachlichkeit, mit einem Körper, der es längst gewohnt war, in seinen natürlichen Äußerungen nicht bemerkt zu werden, der sich ganz und gar auf seine Pflicht zu beschränken hatte, dem Geist ein geschmeidiges Werkzeug zu sein, einem Geist übrigens, der sich seiner selbst kaum bewußt und mit diesem seinem soldatisch straffen und spannkräftigen Körper zu einer kostbaren Einheit verschmolzen war, eins wertlos ohne das andere, wie Roß und Reiter. Wer unmittelbar unter seiner Befehlsgewalt stand, war nur ein Glied von ihm, konnte sich seinem Willen nicht entziehen, arbeitete, vielleicht mit meuterndem Unterbewußtsein, aber arbeitete, rastlos, pünktlich, mit verbissener Genauigkeit, ob auch die Haut der Handflächen am Tauwerk hängen blieb oder das Gesicht nur noch eine starre, gefühllose Maske schien. Wer nicht von ihm abhing, wie Patton, der Wundarzt, Wales, der Astronom, oder Sparrmann, der Schwede, nun, der fühlte wenigstens etwas wie einen unwiderstehlichen Zwang zur Selbstzucht von ihm ausgehen und wahrte den Anschein männlichen Gleichmuts, blieb gesellig, heiter, in irgendeiner Weise tätig, sei es auch nur beim schweigsamen Pikettspiel oder in endlosen Diskussionen über die Artung des Sonnenballs etwa, ein Thema, das Sparrmann durch die abenteuerlichsten Hypothesen schmackhaft für die Streitsucht des Pedanten Wales zu erhalten wußte. Selbst Hodges, der Maler, der den ganzen Tag zitterte wie ein geschorenes Lamm, er hielt sich aufrecht und zeichnete mit klammen Fingern Skizzen, wobei er Antarktis zu einem zweiten Arkadien umschuf, in dem freundlich hüpfende Pinguine eine Schäferrolle spielten. Einzig Herr Forster, — George erlebte es täglich neu mit einem nagenden Gefühl der Beschämung, — einzig der Vater entzog sich diesem Einfluß, ja, er schien ihn nicht einmal zu empfinden, so daß von einem bewußten Entziehen nicht die Rede sein konnte. Unbefangen sprach er die Erwartung aus, man werde ihm die Mahlzeiten in seiner Kajüte anrichten, falls „die Witterung einmal das Aufstehn unmöglich mache“, und da Cook hierfür nur ein eisiges „No, Sir!“ gehabt hatte und durchaus keine Aufmerksamkeit für Forsters schmollende Unterlippe oder die über den Tisch erfolgende vernehmliche Befragung Mr. Pattons nach den Anzeichen des Skorbuts, — denn er, Forster, war drauf und dran, den Skorbut zu bekommen bei dieser Lebensweise, hatte ihn schon im Blut vermutlich, war doch selbst Mediziner genug, um zu sehen … Bedurfte also der Schonung, der besonderen Ernährung, he, nicht wahr? „Sehen Sie nur, Doktor!“ und vorgebeugt entblößte er, bedenklich abwärts gerollten Auges, sein tadelloses bläulich-rotes Zahnfleisch, mit dem Zeigefinger vorsichtig einen stattlichen Eckzahn berührend, der augenscheinlich ein wenig wackelte, — worauf Kapitän Cook unbeweglichen Gesichtes die Tafel aufhob, — da also in keiner Weise Rücksicht auf seine Wünsche genommen wurde, so erschien Forster von da an, solange das Schiff zwischen Eisschollen abenteuerte, zwar regelmäßig, aber wie die Verkörperung verletzter Würde bei Tisch, von höflicher Milde zwar, aber — ein Dulder, ein Dulder! George kam und verschwand in seinem Gefolge wie ein trauriger Schatten, einer Hörigkeit jetzt wieder ganz und gar schmerzlich bewußt, die es ihm verbot, blank, straff, dem Kapitän ebenbürtig zu sein, und dabei nicht minder von der noch tiefer beschämenden, nur halb eingestandenen Erkenntnis durchdrungen, daß sein Körper, — ach, es war doch immer noch ein armseliger, widerstandsunfähiger Körper, die Frische der ersten Reisemonate war erstaunlich schnell aufgebraucht worden, — daß sein Körper dankbar war, sich nicht stramm halten zu müssen, und daß er es nicht unbehaglich empfand, die Tage wie ein Höhlentier, hindämmernd, lesend oder schlafend zu verbringen, solange der Himmel so erbarmungslos war. Zudem nagte an ihm wirklich der Skorbut, wie an einem Teil der Mannschaft, — seine Beine waren angeschwollen, er war beständig von einer niederziehenden Schläfrigkeit befangen und sah aus trüben, dunkel umrandeten Augen um sich. „Lady George?“ Nein, es wurde nicht mehr gesagt, — es wurde nicht mehr mit ihm gescherzt, er war jetzt einer unter ihnen wie sie alle, kaum, daß der Kapitän je einen besonderen Gruß für ihn hatte. Nichts war natürlicher bei der allgemeinen geistigen Erschöpfung. Ihm jedoch schien es, als sei er wohlverdienter Nichtbeachtung anheimgefallen, — jawohl, sie hatten nun eingesehen, daß er nicht der heitere Sonnenknabe war, für den sie ihn gehalten, daß er, — nun eben, langweilig und staubig und ein wenig nichtswürdig sei. Nichtswürdig, gewiß, — aber auch traurig, sehr traurig! —
Als sie sich alle mehr oder weniger mit diesem trostlosen Zustand abgefunden hatten, als sie gerade im Begriff waren, sich einem Dasein schneeblinder Gedankenlosigkeit anzupassen, als ihnen, wie Patton behauptete, eine undurchlässige Fettschicht gewachsen war und sie Tran abzusondern begannen, — als sie gleichgültig gegen die Kälte wurden und den Schmutz nicht mehr empfanden, — gut, — als sie anfingen sich wohl zu fühlen, nichts mehr dagegen hatten, mochten sie denn am Skorbut verrecken, warum auch nicht, — und in der Tat, unten im Mannschaftslogis lagen bereits zwei arme Kerle und verfaulten bei lebendigem Leibe, — da plötzlich, — in diesem Augenblick dumpfer Ergebung erlebten sie es, daß Gott gnädig war, — ja, Gott war gnädig, oder war es eigentlich Kapitän Cook? Er rief sie zusammen, und nach einer stundenlangen angespannten Beratung, in der jedes Für und Wider der Möglichkeit, Land zu entdecken, peinlich erörtert wurde, — Erörterungen, bei denen Cook sich allerdings von einer ganz überheblichen Versessenheit auf die Richtigkeit seiner Privatmutmaßungen erwies, — beschloß man mit freudiger Einhelligkeit, für dieses Mal von der Sache abzulassen und den Kurs nordöstlich zu nehmen! Und das Meer öffnete sich, die Eisinseln blieben dahinten und die Pinguine verschwanden böse kroaxend im Nebel … wozu aber von den einzelnen Graden der Entzückung reden? Genüge es doch: man war entzückt, man lebte auf, man schmolz dahin. Am 17. März hörte George einen jungen, irischen Matrosen bei der Arbeit singen, — er verstand kein Wort, aber er fühlte etwas seine Kehle beengen und ließ zwei Tränen über Bord fallen, von denen er meinte, sie müßten heiß genug gewesen sein, um die letzten schmutzigen Schollen zum Vergehen zu bringen. Ward auch die Hoffnung auf eine Landung in Vandiemensland durch widrige Winde zunichte gemacht, — an einem Morgen brach der Horizont doch auseinander und „Land! Land!“ hieß es, — ja, „Land! Land!“ wie in alten Seefahrergeschichten, und es fiel nicht auf, daß Herr Forster Mr. Hodges in die Arme schloß, denn sie waren alle sehr glücklich.
Die Männer, die da am 26. März 1773 vor Neuseeland Anker warfen, sie kamen aus Europa, — dem gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts, — verstehen wir es ganz, — aus einem gemäßigten Klima, nicht nur im geographischen Sinn. Sie waren über das erste dumpfe, jubelnde Erstaunen des entdeckenden Menschen hinaus, hatten gelernt, Eindrücke zu beherrschen, einzuordnen, waren kaltblütig, gelassen, Diener einer jungfräulichen Wissenschaft, die imstande schien, mit lichtem Speer alle Nebel blöder Ignoranz und schnöden Aberglaubens zu zerteilen, einer Göttin überdies, in deren Umgang man vor Rückfällen ins Barbarentum gefeit war. Trockene, durchsichtige Helle, Kühle und Klarheit des vollendeten Frühlings, ein frostiger, nordischer Maitag von kristallener Bläue und unsagbarer, schneeiger Keuschheit des Blühens, — dies war die Atmosphäre ihrer Geister, der ein gewisses, ungewolltes Nil admirari entsprach. Nein, sie waren nicht gewärtig erstaunlicher Dinge, was immer sich ihren Augen auch bieten sollte. Sie würden diese neue Welt und ihr ganzes strotzendes, verwirrendes Leben mit ungetrübten Blicken aufnehmen und einordnen, in Systeme einfügen oder für Unvorhergesehenes neue Systeme schaffen. Gerüstet, alles mit dem Verstande, diesem blanken, geschmeidigen Instrument, zu bewältigen, gab es im Grunde nichts Unvorhergesehenes für sie. Dennoch wurden sie überwältigt, — dennoch, — ja, wer hätte es vermutet?
Cook jedenfalls war nicht ahnungslos von dem, was der Besucher harrte, die zum erstenmal in die Südsee einfuhren, als die Felsenufer von Neuseeland hinter ihnen versanken und sie Anfang Juli durch einen furchtbar festlichen Tanz turmhoher, wandernder Wasserhosen den Kurs weiter nordöstlich nahmen. George, mit einer feinen Witterung für die Stimmungen des Gewaltigen begabt, merkte ihm etwas an, — es war kaum der Rede wert, ein verschmitzter Zug um den Mund herum, das Zukneifen eines Auges, nur so ein Zucken im unteren Lid, aber genügend, um auf diesem gesammelten Gesicht wie ein Lächeln zu wirken, — dies alles beim Zusammensein während des Essens oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn der eine oder der andere Äußerungen eines rätselhaften Behagens tat, das ihn urplötzlich überkommen hatte, — o, durchaus nicht einzig als Folge des erholsamen Aufenthaltes auf dem Eiland der Winde und Wasserfälle, in dessen feuchten Urwäldern voller Schlinggewächse und Farnkräuter man sich nach Herzenslust die Beine vertreten hatte, umrauscht von dem stehenden Gesang der Sturzbäche und unzähliger Drosseln, — nicht allein neu belebt durch die veränderte Nahrung aus wildem, grünem Gemüse und frischen Fischen und Wasservögeln, von denen die Buchten gewimmelt hatten, — durch die Abwechslung köstlich erregender Jagdausflüge und ergiebiger Forscherfahrten. Nein, es war noch ein anderes, etwas, das erwachte, unter dem beständigen zärtlichen Fächeln des Südostpassats, vielleicht auch nur eine gewisse Einschläferung unter demselben warmen, holden Blasen, das mit süßem Harfensang im Takelwerk sauste. Hodges redete viel vom Mittelmeer, vom Golf von Neapel, und verlor sich in Träumereien über das ewige Rom, denen niemand recht zuhörte, denn jeder war in seiner Art geschwätzig geworden und der Mannschaft hatte sich eine geschäftige Aufregung bemächtigt, die sie ganz ohne Branntwein in bester Stimmung erhielt, — waren doch einige unter ihnen, die schon Cooks erste Expedition mitgemacht hatten und die wußten, was sich von O’Tahiti erwarten ließ, — nun, und die nicht darüber geschwiegen hatten. Der irische Leichtmatrose, — er hieß Larry, — sang und pfiff den ganzen Tag und immer diese „Rakes of Mallow“; George, bei dem sonst keine Melodie haften bleiben wollte, ertappte sich, wie er eines Tages etwas Ähnliches vor sich hinbrummte und Larry, der in seiner Nähe Loggleinen aufrollte, grinste ihn wohlwollend an, indem er seine blanken breiten Zähne zeigte. Die Sache war die, daß zwischen George und Larry ein unbeschworenes Bündnis bestand, eine Art Anlächelverhältnis auf Gegenseitigkeit, ein stummes Einverständnis, begründet von Larrys Seite auf grenzenloser Bewunderung von Georges gelehrten Beschäftigungen des Schreibens und Lesens und seitens Georges auf der Erfahrung von Larrys eisernen Muskeln, die er auf einem Ausflug auf Neuseeland kennengelernt hatte, als er sich den Fuß verstaucht und der brave Bursche außer allerhand Gerät, Proviant und der gesamten Jagdbeute ihn selbst stundenlang nahezu geschleppt hatte. Seitdem fühlte er hier ein körperliches Vertrauen, eine uneingestandene heiße Dankbarkeit, — ja, Larry hatte für ihn gesorgt, hatte Geduld mit ihm gehabt, als die anderen alle vorausgingen und niemand sich um ihn kümmerte („Nimm dich ein wenig zusammen!“ hatte der Vater gesagt), als es in dem fremden Wald so entsetzlich naß, dampfig und unheimlich gewesen war. Nun und weiter, — Larry am Lagerfeuer, das er mit erstaunlicher Geschicklichkeit an den feuchtesten Tagen anzufachen verstand, unermüdlich in die Glut blasend und mit geröteten, rauchgebeizten Augen vergnügt blinzelnd, — Larry, eine vorzügliche Löffelgans schmunzelnd am selbstgeschnitzten Spieß drehend, — Larry, des Nachts unter dem notdürftig schützenden Zeltdach geruhig schlummernd wie in der Mutter Schoß, während George, unmäßig erregt durch diese lebendige, bewegte Finsternis, kühl durchschauert vom Nachtwind, namenlos bedrückt durch das unaufhörliche Rauschen der Gewässer, keinen Schlaf fand, ehe er sich nicht nah an den anderen gedrängt und den Kopf an Larrys Schulter gebettet hatte, oder auf Larrys Bein, gleichviel, dieser merkte ja nichts und atmete so stark und tröstlich, war so beruhigend durchwärmt wie ein großer, zottiger Hund …
So war Larry. Er hatte keine Auffassung für empfindsame Sonnenuntergänge, vermutlich. Aber als an jenem Abend Hodges an der Schulter von Mr. Forster schluchzte und stammelnd mit der Rechten nach Westen wies, während Mr. Forster gewaltig dastand, breitbeinig und die Arme verschränkt, die Glut des Himmels in unbeweglichen blanken Augäpfeln spiegelnd, — als George verwirrt lächelnd unwillkürlich die Hand auf seine Brust legte, in der das Herz zu steigen begann wie im Rhythmus großer Gesänge, — mein Gott, wie ward ihm nur diesem aufgerissenen Himmel gegenüber, aus dem Purpur und Safran quoll und in den das Meer feierlich einströmte, das Schiff erklingend mit sich ziehend, — und da löste sich von der Topmastspitze ein schimmernder Vogel und strich ihnen mit hartem Sehnsuchtsschrei vorauf, die glatte, spiegelnde Dünung fast streifend, langschwänzig, edelsteinglühend, — well, da pfiff auch Larry anerkennend durch die Zähne. —
Am nächsten Morgen lag O’Tahiti vor ihnen, ein waldiger Inselberg, gekrönt von schaumigem Rosengewölk, einen sanften Strand voll winkender Palmen ins Meer sendend. Das Abenteuer der Inseln nahm seinen Anfang. —
Immerhin, man lieferte sich ihm nicht aus, — immerhin, man bewahrte Haltung. Man blieb dessen eingedenk, blieb es ganz unwillkürlich, daß man einen Leibrock trug, eine Schoßweste und tuchene Hosen, lange Strümpfe und Schnallenschuhe, und zu allerunterst ein Hemde, kurzum, daß man bekleidet war, daß man das Haar in strammer Tracht gebändigt hielt, daß man es gewohnt war, auf Stühlen zu sitzen, sich beim Essen der Teller und der Bestecke zu bedienen, — daß man eine christliche Moral und eine menschliche Gesittung hatte, die einen instand setzten, diese Wilden zu bemitleiden und zu belächeln, — daß — kurzum, kurzum, — man sein Europäertum besaß, diesen Schatz und Schutz, und es nicht nötig hatte, hier mehr zu sehen als etwa menschenähnliche Tiere von bemerkenswerter Geschicklichkeit. Aber da war eine Versuchung in ihnen allen, in der Knospe mitgebracht aus eben diesem wundervollen Europa und unterwegs erblüht und gereift, eine Versuchung, dies alles übellaunig zu verachten, zu verachten, weiß Gott, dies, daß man auf Stühlen saß und mit Gabeln aß, ein Jabot trug und es vermied, laut aufzustoßen. Sie hatten irgendwelche Bücher gelesen, — Cook nicht, der natürlich nicht, aber doch Hodges, der Maler, Wales, der ein Schöngeist war, soweit die Betrachtung des Universums ihm Zeit dazu ließ, Forster, selbstverständlich, und sogar George, — Bücher eines Franzosen, jenes Jean Jacques Rousseau, aus denen ein Niederschlag von Schwermut in ihren Adern lag, der nicht wohl fortzuschwemmen war, einer Schwermut, die ihnen den Blick geklärt hatte für die Windigkeit dieser ganzen sogenannten Zivilisation, und aus der sie ein Recht schöpften, sympathisch über die einfachen Zustände dieser Völker zu philosophieren, — ja, sie zu beneiden. Dies zugestanden: trotzdem bewahrte man selbstverständlich Haltung und hatte vielleicht eine Hemmung mehr, sich jener sanften Gehirne und verlockenden Körper allzu unbedenklich zu bedienen, hatte eine gewisse wehmütige Achtung vor ihnen, empfand einen Abstand, als von Brüdern, die am Sündenfall nicht teilgehabt hatten …
Wie sie da an Bord gekommen waren, täppisch-zutraulich, gleich arglosen jungen Tieren, nackt bis auf das Lendentuch, mit dem bezaubernden Spiel der geschmeidigen Muskeln unter der mahagonibraunen mattglänzenden Haut, Augen und Nüstern in ständiger witternder Bewegung! „Tayo!“ sagten sie lieblich und grinsten ganz unwiderstehlich, „Willkommen!“ und sie bewegten einen Pisangschoß als grünen Friedenswimpel. Es war nahezu empörend, daß der Kapitän angesichts von so viel harmlosem Vertrauen kalten Blutes den Befehl ausgab, Gewehre mit scharfer Ladung bereit zu halten! Indessen erlebte es sich, daß, während Herr Forster zum Beispiel eben mit einem treuherzigen Burschen um ein paar Kokosnüsse handelte und ihm eine Schnur bunter Glasperlen verlockend vor der Nase tanzen ließ, daß ein anderer, ein ebenso treuherziger Bursche, gleichzeitig daran ging, ihm von hinten die blanken Knöpfe über den Rockschößen behutsam abzusägen, vermittelst eines ganz kleinen, ganz scharfen Messerchens aus Feuerstein! O gewiß, er hatte dem königlichen Fremden nicht weh tun wollen, der königliche Fremde hatte es ja gar nicht merken sollen, gleich ihnen selbst unbewußt gereiften köstlichen kleinen Früchten hatten sie geerntet werden sollen, diese vortrefflichen blanken Korallchen von dem Rücken des Fremden … Jedoch nun gab es ein zorniges Gebrüll und Herumfahren und etwas wie die Gebärde einer Ohrfeige ins Leere hinein, wobei die Glasperlen herumgeschleudert wurden und sonderbar schnell verschwanden, und der Ertrag dieses Erlebnisses bestand für Herrn Forster in dem Entschluß, nicht mehr ohne sein Meerrohr in der Hand mit diesem Volk zu verkehren, das, nun freilich, ganze Bootslasten voll köstlicher Früchte an Bord gebracht hatte, darunter eine safttriefende Apfelart von ananasähnlichem Geschmack, — das aber der Ansicht schien, alles bewegliche Gut stünde zu allgemeinster Besitzergreifung frei, und daß das meiste auch wert sei, mitgenommen zu werden. Als der Kapitän nach Sonnenuntergang einige blinde Schüsse abfeuern ließ und damit das Verdeck in kürzester Frist von den anhänglichen Gästen gesäubert hatte, da hatten auch die gefühlvollsten Herzen nichts mehr gegen diese Maßregel einzuwenden. George sah ihnen nach, wie sie in den schnellen flachen Booten zwischen den Riffen hindurchkreuzten, lärmend und glückselig ihrem Eiland zufahrend, das geheimnisvoll dunkelnd unter dem türkisblauen, grün und golden getönten Himmel lag. Düfte wehten von dort herüber, und eine wunderliche Sehnsucht, an Land zu gehen, durchströmte ihn magnetisch, so daß er die Arme auseinanderwarf und sich reckte und schüttelte, nur um diesen bezaubernden körperlichen Drang zugleich zu genießen und sich seiner zu entledigen. Indessen war ein gewaltiges Treiben an Bord, um die Spuren des Besuches zu vertilgen, ganze Haufen von goldenen Äpfeln und Bananen wurden zusammengefegt, und den bloßbeinigen Kerlen lief der Saft vom Munde, während doch allgemeine zornige Erregung darüber herrschte, daß die Bande kein Fleisch, kein Schweinefleisch mitgebracht hatte. Denn nach frischem Fleisch waren sie lüstern wie die Raubtiere geworden, ihre Zähne juckten danach, und was hatte ihnen Billy, der Koch, so viel von den Tahitianer Schweinchen erzählen müssen, die so zarten rosigen Speck hätten und deren Schinken auf der Zunge zerschmölzen wie junge Grasbutter und schmeckten, — nun, etwa nach Haselnuß. Es erübrigt sich, der Vergleiche zu gedenken, die Billy von hier aus zu der weiblichen Jugend von Tahiti gezogen hatte, — kurz und gut, Jan Maat war alles andre als beseligt von dem bloßen Anblick der Insel, als zufrieden mit frischem Obst, von dem man Koliken bekam, — was denn sonst? Er stierte gefährlich landeinwärts, er murrte, — die ganze Nacht über war das Volkslogis unruhig wie ein Bienenstock vor dem Schwärmen und Cook, der die zweite Wache selbst übernommen hatte, kniff die Lippen schmäler zusammen als je. Jedoch geschah es, daß George, als er mitten in der Nacht von seiner seltsam seligen Unruhe geweckt, wach lag, ihn flöten hörte, — es hätte vielleicht niemand außer ihm vermutet, daß dies Captain Cooks Odem sei, der da unter den dunstig verschleierten Sternen der Südsee so süß und glasklar sang, wie daheim eine Grasmücke im Gesträuch, — aber er kannte es, er hatte es zuweilen, — abgerissen, — gehört, als eine Lebensäußerung des Gestrengen, die niemand zu beachten pflegte, — und jetzt lag er, hingegeben an die großen stillen Bewegungen des Schiffes, das sanft am Anker zerrte, lag und spürte etwas Fremdes, Beglückendes in der Luft, meinte ein Rauschen zu vernehmen, nicht von Wogen, sondern von vollen Baumwipfeln im Morgenwind, durchrieselt von diesem in sich selbst gekehrten Getön, — lag und lächelte ins Dunkel und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen erlangte man auch Schweinchen, soviel das Herz nur begehren konnte, erlangte sie von König Aheatua, der die Fremden, im Kreise seiner fetten Vasallen sitzend, mit furchtsamen Blicken empfing. Er trug einen blendend weißen Schurz, sonst war er nackt und rührend in irgendetwas, durch eine sanfte Schönheit, vielleicht dadurch, daß seine Haut heller war, als die seiner Untertanen, daß sein langes Haar nicht gekräuselt, sondern schlicht und lichtbraun war, an den Spitzen bernsteinfarben, — ja, er rührte ungemein, und wahrscheinlich, weil er sich so offensichtlich fürchtete, nicht nur vor den Europäern mit ihren schwarzen Lederfüßen und dicken Tuchröcken, mit ihren rötlichen Gesichtern und harten hellen Augen, — nein, er fürchtete sich entschieden auch vor den nackten fetten braunen Männern seiner Umgebung, die doch so demütig waren, und die Schultern in seiner Gegenwart entblößten … König Aheatua war sehr jung, fast ein Knabe noch. Es gelang Cook, ihn zu veranlassen, von seinem Throne zu steigen und die Fremden an einen Ort zu begleiten, von wo aus er die „Resolution“ liegen sehen konnte. Dies versetzte ihn augenblicks in eine ausgesprochen sprühende Laune, die sich durch eine unnachahmliche Albernheit kundgab. Sie wurde durch das Geschenk einer kleinen Axt ins Groteske gesteigert und Seine Majestät gaben sich nun mit dem Ausdruck eines zufriedenen Kaninchens der Beschäftigung hin, Gestrüpp in kleine Stücke zu zerhacken, wobei ihm seine Umgebung ernsthaft, neugierig und ersichtlich nicht ganz neidlos zur Seite stand. Dann begann ein schottischer Matrose auf Cooks Befehl den Dudelsack zu spielen; König Aheatua horchte entzückt auf, sicherte die Axt, indem er sich darauf setzte, sehr zum Mißvergnügen seines ersten Ministers Tuahau, der vergeblich versuchte, den begehrten Gegenstand unter der königlichen Basis hervorzuzupfen (— er wurde angefaucht und bekam einen Tatzenhieb über die Finger —), und lauschte hingerissen, die Augen schließend und den Oberkörper hin- und herwiegend. Der Dr. Sparrmann fühlte sich bewogen, einen nachdenklichen Vergleich zwischen diesem Monarchen und dem unter so düsteren Umständen verstorbenen Gemahl der großen Katharina, dem Großfürsten Peter, zu ziehen, — hatte jener nicht ähnliche Liebhabereien gehabt und einem Knaben mehr geglichen als einem Mann? Dies gab den Anlaß zu einem äußerst angeregten Disput darüber, was einem Barbarenfürsten noch erlaubt sei und einem europäischen Herrscher nicht mehr, — und somit war die ganze Gesellschaft von dem Ergebnis dieses Audienzmorgens sehr befriedigt, Cook von seinem diplomatischen Erfolg, denn er hatte nun für sich und die Besatzung die Erlaubnis freier Bewegung auf der ganzen Insel, — die Herren Gelehrten von ihren höchst geistreich zugespitzten Beobachtungen und die Matrosen, — nun, ohne Zweifel von der Aussicht auf Schweinebraten. Zudem war man hinter das Geheimnis gekommen, weshalb ihnen gestern die Schweine verweigert worden waren und wer jener rätselhafte Peppe sei, von dem die Eingeborenen gefabelt hatten: ja, Peppe hatte es dem Könige verboten, Schweine zu verschenken, und Peppe war sehr mächtig, hatte ein ebenso großes, ein ebenso wildes Schiff wie Captain Cook, — nur, er hatte es eben einmal fortgeschickt, dies Schiff, und … Nun, es stellte sich heute heraus: Peppe war ein zottiges, tierisches Geschöpf, das demütig herbeikroch, als es die Fremden so wohl empfangen sah, Peppe war im Kerne seines Schmutzes ein ehemaliger spanischer Matrose, von irgendeiner Expedition auf der Insel zurückgelassen, vielleicht von der Mannschaft des Gros Ventre, der vor Jahresfrist in diesen Gewässern sein Wesen gehabt hatte. Er selbst schien nicht imstande, Auskunft über sich zu erteilen, war aber außerordentlich bereit, den Fremdenführer für die Matrosen zu machen, und etliche vertrauten sich ihm an, seine Erfahrung witternd. Georges Blick folgte ihnen nachdenklich: da ging auch Larry hin, nachdem er eine Weile gezaudert hatte, — hin ging er mit zur Schau getragener Gleichgültigkeit im Schlenderschritt, die Hände in den Gurt geschoben, auf den Lippen die ewigen „Rakes of Mallow“, und sandte noch einen schiefen Blick zurück zu George, indem er das rechte Auge zukniff. Hierauf warf er plötzlich den Kopf auf, legte die Ellbogen an und setzte sich in einen wilden Trab, um die Kameraden einzuholen, seine starken nackten Beine flogen auf und nieder, und jetzt machte er einen Luftsprung und schlug den langen Ben auf die Schulter. Da ging er also hin, — und George brauchte sich keinen Grübeleien darüber hinzugeben, wohin, er war ganz unterrichtet, denn diese Dinge waren oft genug berührt worden: sie gingen zu Mädchen, Tänzerinnen etwa, um sich zu belustigen. Dies, — so hatte George aus den Gesprächen der Herren entnommen, — war nicht mehr als ihr gutes Recht und also gar nicht verwunderlich. Die Frage war nur, ob es auch ihn, George, belustigen könnte, Larry zu begleiten, und in der Unlösbarkeit dieser Frage lag eine leise Beunruhigung, etwas wie ein Grund zur Traurigkeit. Schließlich, — er gehörte nicht zu Larry, sondern zum Vater und den übrigen Herren, — und diese, — dachten sie auch wohl im entferntesten daran, zu gehen, um sich zu belustigen? Besprachen sie nicht wissenschaftliche Fragen, waren so angeregt wie nur je, übertrumpften sich mit Schlagworten, waren witzig, lärmend, ausgelassen, strotzend von Geist? Und George ging langsam hinterher, den Blick von Wundern überfüllt, geblendet von Blatt- und Blumenformen, wie sie leidenschaftlich üppig ausgeprägt, aufgetan und von Frucht und Samen überquellend waren, von den Farben der Blüten, des Himmels, des Meeres und der Wälder, dem innersten Blute der Erde unter dünner bebender Decke scheinend. Er ging dahin, diese ganze Welt stand um ihn in der nackten ruhigen Majestät ihrer unablässigen Fruchtbarkeit und zog ihr heißes Licht zusammen in der Gestalt eines jungen Weibes, das im Schatten eines ungeheueren Brotfruchtbaumes vor ihrer Hütte saß und an einer Matte flocht, die schlanken Beine gekreuzt, die feuchten Tieraugen zwischen den feuerroten Blumen an ihren Schläfen lächelnd zu den Fremden aufgeschlagen, — er ging hindurch, mit bebenden Knieen, beklommen glücklich, aber verwirrt und in sich selbst vergeblich nach einem Maßstab suchend, nach einer Möglichkeit, sich diesem allen anzupassen … Anders Herr Forster. Er war lärmend glücklich. Alle paar Schritte blieb er stehen, breitete die Arme aus und sang die Landschaft an in haltlosen Deklamationen, die sein Busen nicht länger bemeistern konnte. Dies hier, dies war die Luft, in der es sich atmen ließ! Hier Mensch zu sein, wie unbeschreiblich selig! Und er machte ergriffen halt vor einer Gruppe, die ebenfalls vor einer stattlichen Hütte am Boden saß, und als Mittelpunkt einen großen Mann hatte, der wie eine sanfte Hügellandschaft gediegener Fleischmassen voller Fetthöcker, Wülste und Grübchen auf einer Matte lagerte, das schwerwuchtende Haupt sinnreich gestützt und schläfrig in das Blätterdach der Pisangs blinzelnd, während eine größtenteils weibliche Dienerschaft emsig damit beschäftigt war, ihm mit Palmwedeln die tanzenden Insekten abzuwehren und ihm Kühlung zuzufächeln, ihm die Fußsohlen zu kratzen und ihm Nahrung in sein breites Maul zu schieben, an der er lange und träge kaute, bisweilen auch in dieser Beschäftigung minutenlang innehaltend. Die Fremden beachtete er mit keinem Blick, jedoch wurden ihm auf einen Wink seines Zeigefingers alsbald einige frische Blumen in sein filziges Haar geschoben und er bettete seine schwammigen Hände, an denen ungemein lange gebogene Nägel glänzten, wie ein Adelsschild recht sichtbar auf seinen Magen. Lange Nägel, bemerkte Cook im Weitergehen, gälten hier als ein Ausweis der Vornehmheit und des Reichtums, die Hand, die sich mit langen Nägeln schmückt, besitzt Hände, die für sie arbeiten … Ein neuer Anlaß, die bedeutendsten Vergleiche zwischen heimischen und hiesigen Verhältnissen zu ziehen, ein Gespräch, an dem Herr Forster sich lebhaftest beteiligte, das Meerrohr auf dem Rücken haltend und Europens Vergeistigung preisend. Indessen, plötzlich brach es aus ihm hervor, er legte die Hand auf seine Mitte, sah begeistert um sich und rief nicht ohne Treuherzigkeit aus: „Meine Freunde, — etwas, — etwas hat es doch für sich!“ Setzte aber gleich darauf abschwächend mit leichter Beschämung hinzu: „Gewinnt der Geist nicht, wenn einem die Nahrung so gleichsam ins Maul wächst?“ Eine Frage, die nur der sanftmütige Hodges mit schwimmenden Augen rückhaltlos bejahte. —
„Sieh, mein Sohn, dies ist’s, was mir lebenslänglich gefehlt hat!“ bekannte Herr Forster George einen Abend später, als sie in der Matavi-Bucht Groß-Tahiti gegenüber vor Anker lagen, von einem unüberwindlichen Drang nach Mitteilung übermocht. Die Nacht war unfaßbar schön, bläulich vom Mondlicht, in dem der starke Silberschein der Sterne matt ward. Eine Perlenschnur kleiner roter Feuer glimmte im Halbkreis am Strande um die Bucht herum und von dort her kam Freudengetön, fremdartig, schrill und eintönig, und wiederum heimatlich vertraut, vom Dudelsack begleitet. Sogar ein deutsches Lied kam herüber, — George lauschte bestürzt und Mareiken, die Magd, stand plötzlich vor seiner Seele, am Herde sitzend und das Spinnrad tretend, dazu — langgezogen, klagend — „Anke von Tharau ist’s, dir mir gefällt …“
Freilich, dies war der Matrose Friesleben, ein Deutscher. Also nichts Wunderbares, — nur, daß er für gewöhnlich nicht sang …
„Was mir lebenslänglich gefehlt hat,“ fuhr der Vater fort, und es war ein Schwanken in seiner Stimme, daß George aufhorchte und versuchte, in dem ungewissen Licht den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, — er nahm aber nicht mehr wahr, als eine empfindsame Seitenneigung des umfangreichen Hauptes, denn Herrn Forsters Antlitz war beschattet, — „dies, teurer George, war der natürliche Überfluß der Erde. Denn siehst du, ich bin eine armselige Kreatur, laß es mich nur aussprechen, denn ich bin mir dessen wohl bewußt, — eine armselige, eine Kreatur, die viel für ihres Leibes Notdurft braucht.“ Herr Forster schnaufte ein wenig und griff nach einer Banane, — eine Riesentraube lag neben ihnen auf Deck wie ein mattgolden leuchtendes Schuppentier.
„Es ist mir,“ fuhr er bekümmert fort, während er der Frucht behend ihren weichen duftenden Pelz abstreifte, „es ist mir immer unmöglich gewesen, geistig zu arbeiten, wenn ich nicht sehr satt war. Daß ich mich aber immer so plagen mußte, um satt zu werden, siehst du, George, — das hat mir so viel Zeit genommen und hat mich aufgerieben, George, — aufgerieben, aufgerieben, — wenn man es mir auch nicht anmerkt. Und nun hier, mein Sohn, — ach ja!“ Er legte eine schwere heiße Hand auf Georges Schulter und nickte nachdrücklich. „Hier sollten deine Mutter und deine Geschwister bei uns sein, wir sollten eine geräumige Hütte bewohnen, uns von Früchten, Fischfang und Jagd ernähren und ihr solltet sehen, was ihr für einen Vater hättet, wenn selbiger sich nicht mehr um das tägliche Brot die Hände schwielig zu schaffen brauchte! Jawohl, — schwielig!“ fügte er befriedigt hinzu, hierauf in Schweigen versinkend und auch George seinen Betrachtungen überlassend, Betrachtungen, die darin mündeten, daß er sich nach Europa, nach einer volkreichen, wimmelnden, arbeitenden, winterkalten Stadt sehnte, — nach Büchern, Gemälden, ja, selbst nach Kuriositätensammlungen und Kaufläden, fast sogar nach dem finstern Kontor des Mr. Hitch mit seinem muffig-süßlichen Geruch der Tuchballen, — dies alles trotz oder gerade wegen der Aussicht auf einen sorglosen Cherub von Vater, der ihm auf einmal weniger unter dem Bilde eines Menschenfressers und Königs Minos erschien, — welche Vorstellung sich ohnehin längst abgenützt hatte, — als unter dem jenes überfütterten Insulaners im Bananenschatten. Obgleich er auch heute wie einst eine derartige Gedankenvorspiegelung als schief erkannte, sie bekämpfte und verwarf, — denn, wer konnte und wollte es leugnen: arbeitete der Vater nicht als ein trefflicher, scharfblickender Gelehrter, liebte er ihn im Grunde nicht mit bewundernder Hingabe und war es nicht ein seltsam schmerzliches Glück, ihm zu dienen?
Und am Ende, — aber dies fragte sich der kleine George nicht buchstäblich und in Worten, obschon er sich jetzt zuweilen philosophischen Meditationen hingab, — dies fühlte er nur dunkel, wie man ein Gesetz seines Lebens ahnt: wie war es anders möglich zu leben, als im Dienen? — — —
Die Europasehnsucht, dies während einer verzauberten Südseenacht befremdende Heimweh nach einem mißvergnügten Himmel, war am andern Morgen verschwunden, und die nächsten Wochen, ja Monate ließen es nicht wieder aufkommen. Denn da man nicht zum Genuß, sondern zur Arbeit hierher geschickt war, dieses Zweckes nunmehr mit Ernst eingedenk, — Stirnrunzeln und Zeigefingerheben in goldener Morgenfrühe, — so ging man jetzt geradeaus auf sein Ziel los. Forster und Sohn arbeiteten. Die Schiffsgesellschaft erlaubte sich zunächst anzügliche Gesichter und Bemerkungen, höhnisch verzogene Lippen, zum Himmel gerollte Augen, mißvergnügt wackelnde Häupter, bezeichnend gezuckte Achseln, — war nicht bisher alles mit Muße vor sich gegangen? — jedoch umsonst. Forster und Sohn arbeiteten. Die Ausflüge an Land nahmen den Charakter von bis ins kleinste vorbereiteten Unternehmungen an, von wahren Feldzügen gegen die selige Unbewußtheit der Inseln, mit so viel Werkzeug und Genauigkeit wurde ihren Geheimnissen zu Leibe gegangen, mit Untersuchungen, Messungen, Zählungen, ihre Berge wurden erklettert, auf ihren schroffen steilen Graten zwischen den fast senkrecht abfallenden vulkanischen Klüften krochen Forster und Sohn umher, ebenso wißbegierig wie in ihren feuchten, von Wachstum strotzenden Schluchten, keine Erdfalte blieb undurchspäht, kein Kräutlein, das sich fernerhin heiter der Einordnung in das System des großen Linné entzogen, keine Fliege, die in Zukunft unbenannt im Sonnenschein getanzt, kein Vogel, der sich weiter leichtsinnig eines steckbrieflosen Daseins gefreut hätte, — sie alle waren nun gebucht, fanden sich eingehend und genau beschrieben, in Listen niedergelegt, bestimmt, aus ihrem selbstgenügsamen Unerkanntsein in das schattenlose Licht europäischer Magistergehirne hinüberzugehen und dort fortan über ihrem harmlosen Dasein im Inselmeer noch ein zweites, ein zweifellos höheres im Reich des Geistes, das Dasein einer verwickelten Vorstellung, dargestellt durch einen, wenn irgend möglich doppelten, lateinischen Namen, zu führen. Indessen blühte, duftete, tanzte, blitzte und summte, tirilierte und brütete das Leben unter tahitianischer Sonne fort, unbekümmert wie seit seinem Schöpfungstag, unmerklich und lächelnd entwand sich hier wie überall die Natur den Händen ihrer neugierigen Liebhaber, ihr letztes Geheimnis wahrend und nach wie vor, allem zerlegenden Verstande zum Trotz, blieb sie eins, blieb gelassen wunderbar, spielend und spottend.
Herr Forster hatte Augenblicke, in denen er das fühlte. „Die Namen, George,“ sagte er einmal schwerfällig, den Blick in eine frisch gepflückte Blume versenkt, „die Namen betrügen uns um die Dinge. Ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, Namen zu verleihen, anstatt jedes Geschöpf demütig um seinen Namen zu befragen?“ Und da George ihn nicht ganz verstehend ansah, sagte er ungeduldig: „Nun ja, nun ja … Ich zum Beispiel wollte manchmal, ich hätte keinen Namen. Ich bin nun einmal der Herr Forster, und muß der Herr Forster sein, wie ihn die Leute sich denken. Hat man mich je gefragt, wer ich eigentlich bin? Im Grunde heiße ich vielleicht ganz anders, — nur, daß ich selbst es auch vergessen habe …“
Das letzte wurde ganz undeutlich gemurmelt und in der Folge sah der Vater mürrisch aus, da er es selbst nicht liebte, sich mit solchen Erwägungen zu beunruhigen, deren er sich doch zuweilen sonderbarerweise nicht erwehren konnte. George aber war etwas unglücklich, da er nicht begriff, und, leidenschaftlicher Liebhaber des Begreifens, der zu sein er bestimmt war, an diesem Brocken ungeläuterter Erkenntnis stundenlang mühsam herumarbeiten mußte, bis er schließlich hoffnungslos davon abließ. Wo blieb das königliche Vorrecht des Menschen vor aller andern Kreatur, wenn es nicht dieses war, sie zu benennen? —
Er hatte durch die Arbeit sein Gleichgewicht völlig wiedergewonnen, er fühlte sich gesund und heiter und die verwirrenden Eindrücke der ersten Tage glätteten und verteilten sich. Die Neigung, alles wissenschaftlich zu betrachten, gewann die Oberhand und sein Tagebuch füllte sich mit exakten Schilderungen von Erlebnissen, sei es nun von Wanderungen, malerischen Punkten, — auf deren Romantik der wackere Hodges nimmermüde hinwies, — oder Volksfesten, gleich dem, als Tedua-Taurai, die Schwester König O-Tu’s von Groß-Tahiti, aus Anlaß des Besuches der hohen Fremden zur Nasenflöte tanzte. Diese Tedua-Taurai war ein überaus ansehnliches Stück Weiblichkeit von hoher Gestalt und muskulöser Schlankheit, während die meisten Frauenzimmer klein und fett waren. Ebenso hob sich ihr einsamer Tanz vorteilhaft von den Massenvorführungen ab, die man bisher genossen hatte, er war feierlich wie eine gottesdienstliche Handlung, wenn es auch durchaus deutlich blieb, daß es der Gott der Fruchtbarkeit war, dem er huldigte. Jedoch wirkte Tedua-Taurai in ihrem Gewand aus gebleichten Aoto-Bast, das knapp unter der Brust ansetzte, mit den weißen Lilienblüten des Huddu-Baumes in den Ohrläppchen und dem starren Brennen ihres unbewegten Blicks, — die Arme hielt sie während des Tanzes regungslos hinter ihrem Haupte verschränkt und die tätowierten Linien um Brüste und Schultern bewegten sich schlängelnd im unmerklichen Spiel der Muskeln, — sonderbar aufregend auf die Männer aus Europa. Auch George war außerordentlich beklommen. Er war nach dem Tanz einmal nahe an Tedua-Taurai vorbeigestreift und hatte etwas wie einen wilden Raubtierdunst geatmet. Er notierte sich, daß die Prinzessin wahrhaft königliche Würde besitze, fühlte aber selbst, daß dies nicht der Ausdruck seines Eindrucks sei. In der Nacht darauf träumte er von der Starostschenka Hermanowska, an die er seit seiner Kinderzeit nicht wieder gedacht hatte, so daß er sich beim Erwachen besinnen mußte, wem eigentlich diese Traumgestalt im geblümten Seidenkleid mit dem bloßen Busen geglichen habe. Es blieb ihm aber in der Tat nicht viel Zeit zum Aufstellen von Betrachtungen und zur Hingabe an jene sanft drängende Schwermut, die ihn immer wieder befallen wollte. Da war das Ordnen der Sammlungen, der Herbarien und Spirituspräparate, da war die Arbeit mit dem buckligen Ausstopfer Jacopo, einem Italiener, mit dem Hodges gelegentlich schwärmte und der jetzt ganz prall und glau vor Behagen wurde, nachdem er im Eismeer fast gestorben war, und während George so an Bord beschäftigt war, nicht unzufrieden und harmlos wie ein junger Sperling, nahm Herr Forster genug Anlaß, sich an Land rudern zu lassen und dort stundenlang zu verweilen, — ebenso wie die anderen Herren übrigens, Cook ausgenommen, der viel in seiner Kajüte arbeitete. So geschah es vor Tahiti, so geschah es vor Ea-Uhwe, Tonga und Tabu und vor den Gesellschaftsinseln war es nicht anders gegangen. George schöpfte keinen Argwohn, der Vater trieb Handel, der Vater vertiefte sich in das Volksleben, der Vater war recht in seinem Elemente; kam er nicht immer wie ein Sendling der Götter heim, mit Ausbeute beladen, beseligt von Einblicken, die er getan, meist sehr gesättigt und fast ein wenig betrunken vor Wohlwollen und Menschenliebe? Es war nicht recht zu verstehen, warum der Kapitän dem Vater gegenüber immer noch sein steifes Wesen beibehielt, diesem Vater, der nicht nur groß und schön und stark und prächtig war, sondern jetzt auch so arbeitswütig wie ein Bauer in der Erntezeit, so fruchtbar wie der schaffende Sommer selber und außerdem tagaus tagein in der entzückendsten guten Laune, die Gesellschaft mit Späßen, Schnurren und der ganzen ungewollten Entfaltung seines ihm selbst wohlgefälligen Wesens unterhaltend. George war ein wenig bekümmert über diesen ständigen Gegensatz, wie konnte man dem Vater widerstehen, wenn er so war wie jetzt? Er selbst hing bei Tisch mit strahlenden Augen an ihm und ließ den Blick beseligt zu Cook hinüberwandern: Bitte, so ist mein Vater, ja, dies ist er eigentlich! Indessen blieb Cook schweigsam, scharfkantig und abweisend, und es war unzweifelhaft, daß der gutgelaunte und arbeitsame Herr Forster ihn ebenso, wenn nicht mehr reizte, als der faule und weinerliche. Bei Tisch behielt er zwar George an seiner Seite, hatte ein halbes Lächeln, einen trockenen Scherz für ihn; er besuchte ihn wohl auch einmal bei seiner Arbeit, wenn sie allein an Bord waren, blieb neben ihm stehen, rauchte schweigsam seine kurze Tonpfeife und sah ihm auf die Finger, — ja, er rief ihn gelegentlich in seine Kajüte und ließ sich von ihm bei seinen Berechnungen helfen. Je länger die Reise aber dauerte, desto betonter ward seine Zurückhaltung, nicht nur Herrn Forster, sondern der gesamten Gelehrtenschaft gegenüber, er schob seine Offiziere und Patton, den Wundarzt, zwischen sie und sich. Schließlich hatte er es nicht nötig, sich mit jedem Satz belehren zu lassen, auch wenn er sich nicht auf hohen Schulen die Augen blind studiert hatte, und man würde es ja sehen, wessen Beobachtungsergebnisse die wertvollsten sein würden …
Jeder Tag war ein Lächeln von Morgen bis Sonnenuntergang. War er nicht Arbeit, — eine Arbeit, so aus der Fülle von Kraft und Anschauungsvorrat heraus wie nie zuvor und darum unendlich beglückend, kaum ermüdend, — so war er Schlendern in Palmenhainen, Plätschern in lasurblauer Bucht, Schwelgen im Duft unerhörter Blumen, üppig in Form und Farbe und unablässig sich erneuernd, während unter ihnen safttriefende Früchte aus dem dunklen Laub quollen, — Anbetung waren diese Tage in jedem Atemzug und wiederum Angebetetwerden, ein Leben im Weihrauch der Bewunderung schöner menschlicher Wesen, die so viel unschuldiger, reiner und kindlicher schienen als man selbst sich in seinen Kleidern aus englischem Tuch vorkam, — ob sie schon stahlen wie die Raben, eingestandenermaßen, und ihre eigenen seltsamen Gebräuche hatten, allerdings! Aber dann ließ sich doch immer darüber philosophieren, ob da Sünde war, wo es kein Gesetz gab, und Herr Forster rief gar den Apostel Paulus in die Südsee, um für die Sündlosigkeit der Heiden einzutreten, — was kann ein toter Apostel dagegen machen? — verzieh man doch auch den Tieren ihre Streiche, und hier auf Huahaine, säugten die Weiber, weiß Gott, Hündchen und Ferkelchen, wenn es ihrer eigenen Brut nicht gelang, sie vom Andrang des süßen Überflusses zu befreien. So freute man sich seines Ansehens als guter, mächtiger Götter und Besitzer fabelhafter Reichtümer in Gestalt unzähliger Glasperlen, Nägel, kleiner Äxte und Messer, um derentwillen einem demütig gehuldigt und geopfert wurde. England dahinten jenseits des Erdbauches erschien einem zuweilen selbst verlockend und fabelhaft, wenn die braunen Freunde herzbeweglich bettelten, mit in das Wunderland genommen zu werden. Nun, ab und zu ließ man sich scheinbar erweichen und solange man zwischen den Inseln kreuzte, nahm man den einen oder den andern mit, etwa den Knaben Porea aus Eimeo, der darob ganz überheblich wurde und bei der Landung auf Huahaine bereits wünschte von den Eingeborenen für einen Engländer gehalten zu werden, was indessen zu seiner Enttäuschung nicht eintrat. Zäher als alle anderen erwies sich O-Heddi, genannt Mahaine, der sich ihnen auf Bora-Bora anschloß, und es durch sein schlechthin bestrickendes Wesen und außerordentlich gutes Benehmen wahrhaftig erreichte, daß er an Bord bleiben durfte, selbst als die „Resolution“ am 7. Oktober den Kurs südöstlich auf Neuseeland zu nahm. Der Sommer brach an. Ja, erstaunlich, diese lachenden Tage voller Blüte und Frucht waren Winter gewesen, jetzt erst kam der Sommer der südlichen Halbkugel, jetzt lockerte sich wieder das Eis um den Pol und es galt, die günstige Zeit zu neuen Forschungen dort unten auszunutzen. Abschied zu nehmen galt es, Abschied von dieser großen Seligkeit, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, denn wer konnte wissen, was dem wackern Schiff drohte, das wiederum so kühn und verächtlich dem Grauen entgegenstürmte? George hätte sich wohl ganz einer wehmütigen Verdrießlichkeit überlassen, wie sein Papa es hemmungslos tat, wenn nicht dies lebendige Stück Inselglück dagewesen wäre, das ihm von Cook ganz besonders ans Herz gelegt worden war, — Mahaine also. Mahaine war außerordentlich schön, lichtbraun, mäßig und sinnreich tätowiert, so daß die eingebrannten Linien nur das Ebenmaß seiner Glieder hervorhoben, er trug einen Ausdruck kindlicher Würde, er war ohne Schüchternheit zurückhaltend, er war ernsthaft, sanft und höflich. Er wurde nicht müde, das Schiff von oben bis unten zu durchforschen, auf seinen nackten Sohlen tauchte er überall auf und man vergaß es, bei seinem lautlosen Erscheinen zu erschrecken, man gewöhnte sich an ihn, wie an ein zahmes Tier und selbst Wales, der Astronom, ereiferte sich nicht mehr, wenn Mahaine hinter seinem Rücken stehend verharrte und ihm großäugig auf die schreibende Hand sah. Mr. Wales hatte nämlich ganz im Anfang einmal ein Erlebnis mit Mahaine gehabt, das ihn sehr peinlich berührt hatte, er war in seiner Hängematte von lindem Schlummer erwacht und hatte Mahaine über sich gebeugt gefunden, wie dieser ihn mit wildem Forscherblick betrachtete und den ausgestreckten Zeigefinger zurückzog, mit dem er ihn soeben offenbar im Gesicht hatte antippen wollen. Es war Mahaine dann bedeutet worden, daß der Schlaf der weißen Männer ungeheuer heilig sei. — Er stand stundenlang neben dem Steuerruder und blickte abwechselnd auf die Hände des Mannes, wie sie mit nie fehlender Sicherheit ins Rad griffen, blickte auf in das unbeweglich in die Ferne gerichtete Antlitz und dann geradeaus auf die rastlos wandernde, schäumende Fläche. Er hielt Andacht vor dem Kompaßhäuschen, dessen zuckende Nadel er für einen mächtigen Gott der weißen Männer ansah, — und hatte er nicht Recht? — er erstarrte in Ehrfurcht, wenn Cook in der Mittagsstunde mit dem Sextanten auf Deck erschien und die Sonnenhöhe aufnahm, — eine feierliche Handlung, mit Zauberei verbunden, von der der Ausfall der Mahlzeiten abhängen mochte! Mahaine liebte es nicht, alles zu essen, was die weißen Männer aßen. Er verzehrte seinen Anteil einsam, am Boden hockend, und allen den Rücken drehend, er war sauber wie eine Katze und hinterließ keinerlei Spuren oder Überreste, nichts, womit ein böser Mensch ihn hätte verzaubern können. Ja, Mahaine war einsam, schutzlos in einer fremden Welt, allen möglichen unbekannten Teufeleien preisgegeben, aber er begegnete den Gefahren mit gelassener Standhaftigkeit, — wichtig, wichtig über alle Maßen war es, daß er, O-Heddi, genannt Mahaine, Einblick gewann in die unerhörten Wunder der weißen Männer, daß er endlich einmal die fremden Inseln sah, die er zuweilen am Horizont hatte dämmern sehen, wenn eine kühne Fahrt sein Kanoe aus den heimatlichen Fischgründen geführt hatte. Und lohnte es sich nicht? Hatte er nicht schon das Eiland der roten Papageienfedern entdeckt, die auf seiner Insel und auch auf Tahiti, Huahaine und den benachbarten so unerhört selten und kostbar waren!? Auf Tonga-Tabu war es ihm gelungen unermeßliche Reichtümer in Gestalt von Kopfputz und Schürzen aus diesen wundervollen heißbegehrten Federn einzuhandeln, indem er hingab, was er an Tauschwert besaß, alle Perlen, Korallchen und Nägel und schließlich sogar ein kleines Messer, bisher sein größter Schatz, für das er sich eben erst sein schönstes Gewand vom Leibe gezogen hatte. Alles gab er hin, schweigsam, glühend und zitternd, dies könnte wieder rückgängig gemacht werden, könnte sich auflösen, verschwinden, die Federn samt den Korallchen, — und was dann, Mahaine, nackt und bloß? O, er spielte ein hohes Spiel, ein banges Spiel, aber dann, als das Schiff vor Tonga-Tabu den Anker gelichtet hatte, da grinste er auch tagelang ganz unmäßig vor sich hin und wurde vor lauter Seligkeit nicht wieder seekrank wie bisher. Er hockte in einem Winkel auf Deck und befreite seine Edelsteine aus ihrer Fassung, das heißt er löste jene Schürzen- und Kopfzierate in ihre Bestandteile auf und ordnete die Federn nach ihrer Größe in anmutige Sträußchen, die er mit Kokosfaser zusammenband, — was verstanden diese im Überfluß wühlenden Tonga-Tabuaner von wahrer Schönheit? — und wenn jemand zu ihm trat, hob er den Kopf und zeigte in überströmender Wonne alle zweiunddreißig Zähne. Durch seinen leidenschaftlichen Eifer aufmerksam gemacht, hatte übrigens auch der Kapitän große Vorräte dieser roten Federn einhandeln lassen und erlebte gleich auf Neuseeland den Erfolg seiner klugen Handlung, der Tauschverkehr war außerordentlich belebt, Muschelhörner, hölzerne Trompeten, Rohrflöten, Schmuck aus Jadestein, Boghi-Boghi-Mäntel, — alles ward auf den Markt geworfen, nur um dieser Federchen habhaft zu werden, dieser vertrackten, entzückenden. Daneben galten Matten und Gewänder, Waffen und Geräte aus der Südsee auf diesem rauhen und rohen Eiland als begehrteste Tauschstücke, hatten weit höheren Wert als Europens Blendwerk aus farbigem Glas und Messing, und wenn die Engländer hier bestaunt und gefürchtet wurden wie fremde Geschöpfe, eine unerklärliche Zwischenstufe zwischen Göttern und Tieren, so begegneten die Neuseeländer Mahaine wie einem reisenden Fürsten mit gehaltener Ehrfurcht. Kurz, es war aus allem ersichtlich, daß in der Südsee ihr Land der höheren Kultur lag, wie ihre armen Schilf- und Schorfköpfe sie zu fassen und zu ersehnen vermochten.
So war man denn wieder auf Neuseeland, diesem letzten Ruhehafen vor den uferlosen Schrecken des Polarmeers, und es muß gesagt werden, sie zögerten, das wilde, nasse Wald- und Felseneiland zu verlassen, sie umschwärmten es von allen Seiten, sahen an den nackten Felsen die Hütten der Eingeborenen wie Adlernester kleben und landeten immer wieder, zur Jagd, zum Fischfang in den Buchten, zum Handel, — um das Schiff auszubessern, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden, — weiß Gott, es gab der Vorwände genug. In einer Art von blindwütiger Verzweiflung glaubten die Matrosen sich im voraus für die kommenden Entbehrungen schadlos halten zu müssen und ihre Zusammenkünfte mit den eingeborenen Weibern entbehrten durchaus jeder Verborgenheit, — Cook schien nichts zu sehen und zu hören. George war aufs tiefste angeekelt, weniger von dem, was sich vor seinen Augen abspielte, als davon, daß diese Weiber so zottig, schmutzbedeckt und übelriechend waren. Ebensowenig liebte er die derben Scherze seines Vaters und der übrigen Herren, die jetzt in Blüte standen, er gewöhnte sich daran, seine Ausflüge in Begleitung von Larry und Mahaine zu unternehmen, und gefiel sich in dem Gefühl genußreichen Trotzes gegen die ganze Gesellschaft. Sie benahmen sich ein wenig wie die jungen Jagdhunde, trieben allerlei zwecklose Körperübungen, verschwendeten überschüssige Kraft in gewagten Unternehmungen und kletterten zum Beispiel an den Steilufern umher, um die in ihren unterirdischen Nestern kakelnden und quakenden Sturmvögel zu entdecken. Auch gaben sie Mahaine ein Gewehr in die Hand und hießen ihn, auf einen Strandläufer anlegen. Mahaine packte die Waffe wild, mit Inbrunst, fletschte die Zähne, zielte, drückte ab, — der Vogel hob die Flügel, tat einen possierlichen Satz und fiel, ganz in sich zusammenklappend. Mahaine jedoch, im Augenblick, da der Schuß dröhnte, warf das Gewehr von sich, hielt die Hände an die Ohren und rannte von dannen, den Mund kreisrund geöffnet, aber ohne einen Laut auszustoßen. Von dem Vogel wandte er sich ab, als sie ihn ihm später brachten. Wer konnte wissen, ob er nicht den Göttern dieser Insel heilig gewesen war? Mahaine fürchtete diese Götter, und seine neuseeländischen Brüder, die unter einem so unfreundlichen Himmel ihr karges Dasein fristeten, dauerten ihn. Als man ihm entdeckte, daß diese Brüder einander gelegentlich auffräßen, verfiel er in eine ernsthafte Schwermut, die erst von ihm wich, als Neuseeland im Nebel hinter der „Resolution“ versank.
Übrigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenöter, Toghiri gefunden hatte und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nämlich, obgleich er sich seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war merkwürdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Gründen, die George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern infolge einer außerordentlichen Schüchternheit dem andern Geschlecht gegenüber, die er hinter einem lärmenden Auftreten immer so lange zu verbergen wußte, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer gemeinsamen Unternehmung geräuschlos zurückzuziehen. Nun aber hatte er Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie am Strande Möweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Hütte eingedrungen, wo Toghiris Vater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was er an Angelhaken, Knöpfen und ähnlichen Wertgegenständen bei sich trug, worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem übelriechenden Öl salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis aufgenommen, fühlte Larry den Feuerstrom seines Gefühls in geordnete Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als Eheweib überlassen, er bezog mit ihr eine Hütte neben der ihrer würdigen Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Schoß seiner neuen Familie. Allen Hänseleien der Kameraden setzte er ungerührten Gleichmut entgegen. „She is my wife, hold your tongue!“ sagte er und versorgte sich ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes Faß zur Verfügung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne aßen. Für Toghiri indessen, — nun, es fand sich schon dieser oder jener Bissen, um so ein Vögelchen zu füttern! — Aber sie an Bord zu bringen, wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, — nein, das ging doch nicht! „Sir, sie ist ein wenig verlaust!“ bekannte er, übrigens ohne zu erröten, nur mit einem verschämten Grinsen, daß keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß wenigstens er nicht Anstoß nahm …
Alles Hinzögern, Aufschieben, Verweilen aber mußte einmal ein Ende nehmen. Bösesten Wetterzeichen zum Trotz ließ Cook am 24. November die Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen scheußlich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden hatte, und warf ihn dem Kapitän vor die Füße, Jacopo folgte ihm und rang die langen dünnen Finger, — konnte es gewagt werden, unter einem so schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem Fußtritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der Sturm los, die Matrosen fluchten und brüllten und nur Cook bewahrte angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes Erinnerungsbild, — verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, — wollte ihm dann immer den Vater zeigen, wie er den schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um selbst in die Nähe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: „Ach was, jeder ist sich selbst der Nächste!“). Am anderen Morgen jedoch war nichts als ein melancholisches Sausen zurückgeblieben und auf langen glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnen entgegen und an ihnen vorüber. Dies war Erschöpfung, — Ergebung. Schweigsam wurde an der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, — schweigsam und verdrossen hingenommen, was da kommen mußte, der erste Schnee, die ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseeländischen Boghi-Boghi-Mantel hüllte. Er führte ein sonderbares Tagebuch aus Stäbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem Boden anordnete. „Whemuatua-tua“, das weiße Land! so stand das erste Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hieß „der weiße Regen“, und in einem Schneegestöber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen Händen nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten. George holte ihn hinunter in die große Kajüte, die von Pfeifenqualm und Dunst erfüllt war. Mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem Winkel der Kajüte sitzend, der Gesellschaft den Rücken drehend, Mahaine vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm aufsah, erhielt er seine tägliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er mitten im Eis der Polnähe, während draußen die bleiche Aurea australis gespenstisch über den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dünkte ihn besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von früh bis spät tagte. Er war sehr unglücklich, war es mit allen Kräften des jungen, eben erst zum vollen Bewußtsein seiner selbst gelangten Menschen. Alles, was er an körperlichem Unbehagen, an Gram über den Vater, an Unbefriedigung über seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwärmerischen und tränenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefühle überwältigt. O Gott, o Gott, es kümmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da war eine Hölle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Körper, gekleidet in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Träume verfolgten ihn diese schmierigen Neuseeländerinnen, die er doch haßte. Übrigens fühlte er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige übelriechende faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem Überfluß von Speichel und konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Füßen herumschleppen. Er sah zum Erbarmen aus, aber nicht, daß sich jemand besonders seiner erbarmt hätte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder ähnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trüb unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb verfault, ihr böses, spukhaftes Spiel in diesem fürchterlichen Teil des Weltalls trieb, — nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strömungen und Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wänden die Gedanken hin und her jagten und sich die Köpfe stießen wie gefangene Vögel, angewiesen einer auf den zum Überdruß, ja, bis zum Widerwillen wohlbekannten anderen, der gewiß, o, es war wahrhaftig wahr, noch schmutziger, noch kränker aussah als man selber, waren sie alle von einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies war’s, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr in dem Gedanken, daß in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung erkämpfte, die Wissenschaft, sie war keine Göttin in Monaten, wo die Überzeugung, daß England auf ewig für sie versunken sei, an ihrem Herzen fraß. Und dabei fortwährend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses Mannes zu spüren, der sich in der Kajüte nicht anders mehr zeigte als eine vorübergehende Erscheinung, bösen und kalten Blickes und lippenlos zusammengekniffenen Mundes, verächtlich durch die Nüstern schnaubend, wenn er über den mit Gläsern, verschüttetem Grog und Tabaksasche bedeckten Tisch hinsah, — der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner eigenen Kajüte anrichten ließ, — aus Gesundheitsrücksichten, wie er einmal verlauten ließ, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis ins Weiß der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, — aber nicht dies war der Grund, George fühlte es wohl. Cook, von seinem Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, ließ George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder ließ ihn seine eigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajüte der Forsters. Dann saß der Jüngling über seine Aufzeichnungen gebückt, von dumpfer Dankbarkeit erfüllt, daß er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles Bezug auf den großen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm gegenüber, das sich doch oft düster und verzweifelt genug über die Karten und Berechnungen neigte. „Ein Narr!“ schalt der Vater, wenn sie abends in den Kojen lagen, — ein vernagelter Narr, der hier nach Land suchte in dieser starrenden Eiswüste! Von Wasser war der Pol umflossen, umkreist von Strömungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des Menschenkörpers. Ein sonderbares, jawohl, ein höchst sonderbares Tier, die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen äußersten Enden lagen, den beiden Polen im Norden und Süden! Denn daß hier das Leben gesammelt zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich begründet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajüte beeinflußt, an dem sich so prächtig über sie debattieren ließ, ähnlich wie über den Stein der Weisen, dessen Möglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch hätte es umgangen werden müssen, daß Mr. Forster sich eines Nachmittags, — es war am 25. Dezember, am Weihnachtstage, und die „Resolution“ lag fast fest, wehrte sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm unabsehbaren Treibeises, von dessen Stößen der Schiffskörper dröhnte und schütterte, — man hätte es verhindern sollen, daß der ältere Forster an diesem Nachmittag urplötzlich seinen Stuhl zurückschob, mitten in einer angeregten Diskussion mit Wales, daß er mit erhobenen Fingern schnalzte und wie unter dem Zwange blitzähnlicher Eingebung ausrief: „Das muß ich doch gleich einmal …“ worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt, sehr eilig zur Kapitänskajüte hinüberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und George einigermaßen erschrocken entgegensah, während Mahaine, neben der Kohlenpfanne hockend, gleichmütig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen. Der ganze Auftritt bildete späterhin eine der furchtbarsten Seiten in Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit selbstgefälligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: „Mein lieber Kapitän, ich muß Ihnen doch einmal meine Ansicht über den Aspekt unserer Fortschritte in puncto der Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten darlegen.“ Er hatte alsdann mit nichts zurückgehalten, was seine Zweifel an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils überhaupt ausmachten, hatte die Theorie von den Strömungen anmutig hindurchgeflochten und der Aurea australis gedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer Kräfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll verweilte, hatte des öfteren „mein lieber Kapitän“ gesagt, und zwar in einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schließlich zusammenfassend seinen Rat für den weiteren Verlauf der Unternehmung gegeben, der auf eine schleunige Rückkehr in die lieblichen Gewässer der Südsee hinauslief, — und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt, was George mit wachsendem Bangen sah, daß nämlich Cooks Augen eine gefährlich kaltblaue Färbung angenommen hatten und aus dem gelben Gesichte schienen wie nur irgendein Stück Polareis, daß es um sein hartes Kinn zuckte und daß seine Hand eine Kartenrolle knackend zusammenpreßte. Was dann kam, hatte unter vergifteter Höflichkeit begonnen, — gedämpfte Satzanfänge wie: „Mein Herr, ich bin zwar von dem Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend überzeugt …“ hafteten George später ebenso im Gedächtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem „aber, — aber, aber!“ „Muß Sie aber ganz ausdrücklich bitten …“ „Nun was denn etwa?“ — „Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, — gefälligst in Ihren Grenzen zu bleiben …“ Dabei war Cook nicht sitzengeblieben, sondern er stand am Tisch und krampfte die Hände um die Kante, daß die Knöchel weiß anliefen. — „Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht wieder!“ bekannte Herr Forster späterhin unbefangen dem schaudernd lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas vornübergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zähne, eine Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und sie durch eine krallende Gebärde der vorgestreckten Hände verstärkte. In solchen Fällen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die äußerste Ruhe zu bewahren, — laut äußerte er aber unglücklicherweise: „George, weißt du, was Mr. Cook meint?“ wozu er etwas unbehaglich lachte und auf seinem Stuhl herumrückte, — sich dann allerdings zurücklehnte und die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die Blöße gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da besagt, daß man gefährlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer Unsicherheit zeigen dürfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefühl ihrer Überlegenheit. Diese Überlegenheit von seiten des Kapitäns stürzte denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, — bediente sich Redewendungen … nun, Mr. Forster blies sich auf, dunkelrot, wie er allmählich wurde, ließ seine runden Augen vorquellen und — suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stieß ein „Unerhört!“ um das andere hervor, und: „George, verlasse das Zimmer!“ — worauf George, der in tödlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich bleich erhob, denn: — „Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein braver, unglücklicher Jüngling, dessen Fleiß und dessen Gründlichkeit von Ihnen schamlos ausgebeutet werden …“ hatte Cook vorher geschrien, — „Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Würde der Wissenschaft!“ „Mein Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Würde der Wissenschaft!“
„Mein Herr, Sie, — ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaßender Poltron!“
„Mein Herr, Sie sind ein geschwätziger Charlatan!“ — dies etwa waren die Sätze, die ihm noch in die Ohren gellten, während er aus der Kajüte glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens, wagte nicht zu denken, sich des fürchterlichen Erlebnisses klar bewußt zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag aufs Haupt betäubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch suchte Herr Forster sein Lager merkwürdig lautlos auf und nahm keinen Anlaß, sich durch eine Aussprache weiter über seine Niederlage zu erleichtern. Nachdem er seinen massigen Körper krachend hingeworfen und mit umständlichem Wälzen einigermaßen erträglich geordnet hatte, hörte George ihn wohl noch ein paarmal: „Unerhört!“ murmeln, alsdann aber zu seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemäßigt und anmutig wie nur je schnarchen, — kein Zweifel, der große Mann schlief, schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen unerschütterlichen Selbstgerechtigkeitsgefühl! Die geisterhaft helle Polarnacht stand draußen vor den runden vereisten Fenstern und füllte den Raum mit einem trüben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem dampfen und zog Kleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen. Ununterbrochen krachte und dröhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen Flanken, sie zwangen seinen Bug, über sie hinwegzusteigen oder ihre Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drängten ihn mit einem fürchterlich klirrenden Getöse der Übermacht gegen den Wind rückwärts … Es schien George ausgemacht, daß dies seine letzten Stunden seien, daß das Schiff nicht standhalten könnte, es ächzte, es schrie, es mußte in jedem nächsten Augenblick dem Druck erliegen, sich in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trümmerhaften Holzgebeins mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rührte sich nicht, er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos geöffnet, mit heißen zersprungenen Lippen sinnlos flüsternd, Bruchstücke von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, — dennoch ohne Furcht, nur mit steinerner Todesgewißheit, mit einem bittern, rasenden Schmerz über die Verächtlichkeit des Lebens im Herzen, — dieses Lebens, das jetzt eben noch in den Schiffsgängen und -räumen polternd torkelte, viehisch brüllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum, soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem Hohn, die heulten ihre unflätigen Lieder und der Vater hatte sich mit dem Kapitän auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen, mit Messern? Nein, der Kapitän hatte den Vater mit der neunschwänzigen Katze gezüchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er, George allein, trug die Schande. Oh, ein Glück, — ein Glück, daß sie untergingen! Der Kapitän hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott, kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren Gewürm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich, sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mühsal und Plackerei und Demütigung. „Ja, ja, und du bist schuld!“ flüsterte er, in aller Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch unter dem Eindruck der Worte Cooks, „den Sie schamlos ausbeuten …“ — er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu gebieten schien, und doch, sie flüsterten von allen Seiten in seine Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fühlte er sich auf dem schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine Seifenblase, abhängig von dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge. Dazu orgelte der Matrose Friesleben draußen „Vom Himmel hoch, da komm ich her …“, ward von trunkenem Gelächter und dem Geheul englischer Stimmen überschrien, die Mutter schien in der Kajüte auf- und niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein bluttropfendes Herz in der andern Hand … Betäubender Urweltslärm brach wie eine Sturzsee über ihm zusammen. — — —
Auch eine solche Nacht, — auch Fiebertage gingen vorüber. —
Cook berannte den Pol wie ein Stier. — Aber Land wurde nicht gefunden. —
Dies auszuhalten, diesen verbissenen Kampf des Willens gegen eine gleichgültig und machtvoll widerstehende Natur, und nicht nur gegen die Natur, mehr noch, stumm und zäh, gegen die hohnvoll sich überlegen dünkende, unausgesprochene Überzeugung des Gelehrtentisches, gegen den dumpfen, erbitterten Widerstand der Mannschaft, die nicht gewillt war, oh, keineswegs gewillt, sich hier unten im Dienst einer Idee an den Skorbut oder den Tod im Eise zu verkaufen, — diesen Kampf mit anzusehen, wäre für einen, der dem Kapitän so bedingungslos ergeben war, wie George, und der sich doch nicht befähigt fühlte, ihn zu unterstützen, unerträglich gewesen. Der Himmel half ihm mit einer Lähmung seiner Empfindung, mit der Hülle ergebener Schwermut wie einst, als die „Mütterchen Elisabeth“ ihn und den Vater von Petersburg nach London trug, — als es nicht nachhause zur Mutter gegangen war, wie er unzweifelhaft angenommen hatte, sondern nach London, — nun ja, das waren Erinnerungen. Er beherrschte überhaupt ein ungeheueres Aufgebot von Erinnerungen, so stellte er in dieser Zeit fest, er hatte Muße genug sie heraufzubeschwören, und fand eine Art von bitterem Behagen darin, sie auf ihre Einheitlichkeit hin zu prüfen, immer unter dem Leitwort: „… den Sie schamlos ausbeuten …“ — ausbeuten, jawohl! Er kam zu dem Ergebnis, daß des Kapitäns Beobachtung richtig sei, er stellte es sich als mathematische Aufgabe, den Satz zu beweisen, und, mit sonderbar abgetötetem Gefühl, übersah er seine Lage scharf und klar und — fand sich damit ab.
Dies, George Forster, waren entscheidende, nur allzu entscheidende Wochen in deinem Leben. Dir war Erkenntnis aufgegangen, Erkenntnis, George, die erste Bedingung, um handeln zu können! Indessen, — du begnügtest dich. Du handeltest nicht. Wozu auch? Mit welchen Waffen vorgehen gegen diesen Chronos? Nun, nun, wußtest du nichts von leidendem Widerstand, nichts von stillem Eigensinn, von unterirdisch wühlenden Plänen zur Entthronung des Tyrannen? Nichts? Wandtest dich nur ab von ihm, gefaßt und blaß, die Unterlippe ein wenig eingezogen, ja, wandtest dich auch seelisch von ihm ab, daß er von nun an nie wieder dein volles, aufrichtiges Sohnesantlitz zu sehen bekam? So tatest du und — gingest weiter im Joch, — George, George, du bist in der Tat sanftmütig und freundlich, bist liebenswürdig, — oh, jawohl, in der Tat, nur allzu liebenswürdig, kleiner George! — — —
Ende Januar setzte Cook eine Sitzung an, zu der Offiziere und Gelehrte am frühen Morgen zu erscheinen hatten, noch ungefrühstückt, was Herr Forster ungeheuer übel nahm, so daß er am Abend zuvor, nachdem Bligh den Befehl mitgeteilt hatte, polternd verkündete: Fiele ihm gar nicht ein …! Dächte auch gar nicht daran …!! Er lag auch noch in der Koje, als George bereits schattenhaft lautlos aufgestanden und entschwunden war, dann erschien er aber doch in der Kajüte, genau eine halbe Minute, nachdem Cook seinen Platz an der Spitze der Tafel eingenommen hatte, sagte: „Na, guten Morgen!“ stellte gekränkt fest, daß auf seinem Stuhl Wales säße, und verankerte sich sodann umständlich auf dem einzig freigebliebenen Sitz, Cook gerade gegenüber, von wo aus er sich aufmunternden Blickes umsah und fragend äußerte: „Nun, und …“ Cook, der ihn völlig übersah und überhörte, — freilich sah er niemand an, — gab in gedämpftem Ton einen kurzen Bericht über die bisherigen Ergebnisse der zweiten Polarfahrt, ließ diesen Bericht von Bligh, — nicht etwa, wie das vorige Mal von einem der gelehrten Herren, nun, war das nicht kennzeichnend?! — um einige Zahlenangaben ergänzen, räusperte sich sodann trocken und sagte, ohne seinem versteinerten gelben Gesicht irgendeinen Ausdruck zu geben: „Da unser Bemühen, in diesen Breiten Land zu entdecken, bis dato keinen Erfolg gezeitigt hat, geben wir dies Bemühen nunmehr auf, uns unsrer Verantwortung gegen Leben und Gesundheit von Untertanen Seiner Majestät voll bewußt.“ Und, nachdem er noch eine knappe wissenschaftliche Begründung seiner Handlungsweise gegeben hatte, — nichts von Erdblutströmungen, nichts von magnetischen Strahlungen kam darin vor, — fügte er beiläufig hinzu, daß die „Resolution“ den Kurs seit einer Stunde nordöstlich genommen habe. Hierauf hieß es: „Ich habe die Ehre, meine Herren!“ und wahrhaftig und ohne auch nur von ferne abzuwarten, ob nicht einer seiner ihm von der Regierung beigegebenen Berater etwas zu äußern habe, verließ er steif, doch eilfertig hinkend den Raum, — er litt seit Wochen böse an einem rheumatischen Anfall, — gefolgt von seinen Offizieren, von denen Blandey, der zweite Leutnant, alsbald zurückkehrte, und, in der Tafelrunde frühstückend, in achtungsvoller Haltung taub gegen den erregten Meinungsaustausch seiner Umgebung blieb.
George, — er blieb nicht taub, — George, er litt tief, ahnungsvoll erfaßt habend, was diese Stunde Cook gekostet haben mochte. Ein „Hat er’s endlich eingesehen, der Dickkopf?“ seines behaglich kauenden Papas haftete wie die Nachempfindung eines Schlages an ihm in fast körperhafter Erinnerung. —
So trieben sie nordwärts, — nordwärts ohne den beschleunigten Rhythmus freudiger Erwartung im Blut zu spüren wie damals, als sie das erstemal an den Rätseln des Poles abgeglitten waren, nordwärts, nur mit dumpfer Befriedigung, mit der mürrischen Hoffnung auf wärmere Luft, auf eine Nahrung, die nicht stank und von Würmern wimmelte. Cook lag seit Wochen in seiner Kabine, nicht imstande, ein Glied zu rühren, niemand außer dem Doktor und Bligh bekamen ihn zu sehen und mit innerem Grauen nahm George wahr, wie in diesen Wochen die Ausstrahlung des Geistes, die von der Kapitäns-Kajüte ausging, schwächer und schwächer ward, gleichsam als würde diese Kraft von dem, der sie aussandte, wieder eingesogen, weil er selbst ihrer bedurfte. Anfang März, ja, da starrte das Schiff von Schmutz, Abfälle und gefrorener Unrat lagen überall in den Gängen, man glitt darüber aus und die Luft war verpestet. Kein Mensch beklagte sich darüber, — waren sie denn nicht selber …
„Now, Lady George“, sagte Patton eines Morgens, als er mit gewohnter Todesverachtung zum ersten Frühstück seinen Haufen Sauerkohl hinunterschlang, ohne ihn viel zu besehen. Dies war nun einmal seine Pflicht, als ärztliche Leuchte an Bord mit gutem Beispiel voranzugehen, und sah man nicht den Erfolg? Er stopfte die langen Fäden des heilsamen Gemüses mit Gabel und Messer nach in den Mund und blickte dabei mit gerunzelter Stirn über seine Hornbrille zu George hinüber, — wer war der Gesundeste an Bord geblieben? „Also, Master George, da ist ein Bursche im Logis, er wird’s nicht lange mehr machen, — er wünscht Sie zu sehen. Habe den Herrn Vater vorgeschlagen, als geistlichen Beistand …“ er warf Forster einen schiefen Blick zu, — „indes, der Junge ist nun einmal darauf versessen, gerade Sie … Poor fellow! Der Rotkopf ist’s, mit dem breiten Maul, war immer fidel, — jawohl, der Irländer!“
Larry! George tastete sich an den Wänden zum Mannschaftsraum hinüber, die Knie versagten ihm und eine würgende Übelkeit stieg ihm im Halse hoch, als die beißende Raubtierhöhlenluft aus der Tiefe ihm entgegenquoll. Da schaukelte ein qualmendes Öllämpchen irgendwo in der Finsternis, er folgte dem Schein, der über ein paar Hängematten hin und her zuckte, in denen regungslose Gestalten lagen. Nun, wo war Larry? George starrte schauernd in die gedunsenen Gesichter, deren Augen ihm blicklos zugewandt waren, von einer trüben Haut beschlagen wie tote Fischaugen, — o Gott, er kannte keine von diesen — diesen Leichen! Aber da ging eine schwache Bewegung über das eine Gesicht, die geborstenen schwärzlichen Lippen, von zahnlosen blauroten geschwollenen Kiefern gesprengt, schienen sich noch ein wenig weiter zurückziehen zu wollen, es war die verzerrte Spiegelung eines Lächelns, kein Zweifel, dieser da, mit der Absicht des Lächelns, das war Larry und — er hatte Larrys Haare! „Larry, — ich — ich hatte dich nicht vergessen!“ stammelte George erschüttert und neigte sich über den Kranken. Dabei fiel ihm quälend ein, — was — was war nur einmal so ähnlich gewesen, so als hätte er dies schon einmal geträumt? Und auf einmal sah er sich in einer hügeligen Sandwüste, schmeckte heiße salzige Luft, beugte sich — nun ja, über den Janusch, der da heulte, der sich gehen ließ wie ein Tier, — ach, das war es, dies Gefühl, sich nun — auf alle Fälle — um des anderen willen selbst überwinden, sich niederbeugen, ihn anrühren zu müssen, obgleich dieser da — sehr übel roch. „Mensch, Bruder, — Larry!“ dachte George in Verzweiflung und legte seine Hand auf den schrecklichen Fleischklumpen, der aus dem Hemdsärmel hervorquoll. „Larry, was kann ich für dich tun?“ fragte er leise und bekümmert. Larrys Linke lag auf seiner Brust und schlug die grobe Decke mühsam zurück, ohne daß er in der erbarmungslosen Kälte erschauert wäre, — er fühlte wohl nicht viel Unterschied mehr zwischen dem Grad seiner Blutwärme und dem dieser fürchterlichen Grabesluft, — und dann zerrte er an einer Schnur, die ihm um den Hals hing, — wo die Schlüsselbeine spitz hervortraten. Er öffnete die Hand ein wenig und zwei Amulette wurden sichtbar, — und nun wieder dieses Lächeln, dieses entsetzliche, und zugleich ein heiserer, rauher Ton, — nein, das war nicht die Stimme der Rakes of Mallow, jene vergnügte Metallstimme von den Inseln her. „Toghiri!“ röchelte es da mühsam und noch einmal zupfte die Hand an der Schnur.
George glaubte zu verstehen. Mit bebenden Fingern berührte er die kalte, schweißige Haut, knüpfte die Schnur los. „Toghiri bringen?“ fragte er kopfnickend und hielt nun beide Heiligtümer dem Sterbenden vor die Augen, — ein Schutzstein aus grünem Jade war’s und eine Münze mit der Mutter Gottes auf der einen und St. Patrick auf der anderen Seite. In Larrys Augen trat ein Ausdruck beseligter Dankbarkeit und dann schloß er sie, — nicht um zu sterben, nein, nur zufrieden, verstanden zu sein, — ja, das war nun erledigt, er brauchte sich nicht weiter abzumühen an dem Bewußtsein, daß noch etwas geschehen müsse, etwas, das ihm immer wieder entglitt, — was, — was war es nur? Nun durfte er vergessen. Noch einmal hob er die Augendeckel schwer, die Lippen zuckten, — George verstand, dies war der Abschied. „Fare well, Larry!“ sagte er stockend und suchte seinen Weg hinaus, in der Dunkelheit stolpernd und ganz stumpf vor Kummer.
Übrigens lebte Larry noch tagelang und sie waren längst hinaus aus dem Bereich der Treibschollen und Pinguine, ja, graue Meerschwalben, die um die Masten strichen, schienen Land zu verkünden, als sie eines Morgens eine steife Puppe, in Segeltuch gehüllt und mit einer Kanonenkugel beschwert, vom Achterdeck aus versenkten. Bligh sprach ein eintöniges Vaterunser hinter der Leiche drein und George stand dabei und sah Mahaine hinter einer Taurolle mit großen entsetzten Augen hervorlauschen. Und nachher lehnte er an der Reeling, starrte stundenlang in das Gewander der Wogen und pfiff die Rakes of Mallow, — falsch, er wußte es, — aber dennoch, — immer wieder. —
Die Osterinseln waren das erste Stück Land, das ihnen der freie Ozean stumm darbot, wie er sie vor Jahrzehnten dem Jakob Roggewein hingehalten hatte. Mahaine bemerkte in seinen rätselhaften Aufzeichnungen: das Volk ist gut, aber die Insel sehr elend, während George sich unter anderen Bemerkungen aufschrieb, daß die großen Hüte aus Flechtwerk, die in zwei breiten Krempen auf die Schultern fielen, den Frauen ein „leichtfertiges, buhlerisches Aussehen“ gäben. Dies schrieb er gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen nieder, irgendwelche verzweifelten Absichten im Herzen, daß, wenn sie nur erst wieder auf Tahiti wären … Jawohl, er war entschlossen, — wenn anders sich sein Zustand von bedingungsloser Verzweiflung und vorbehaltloser Gleichgültigkeit gegen alles, was eine lange Kindheit über ungestört in ihm geblüht hatte, — wenn man dies als Entschlossenheit bezeichnen kann. Er trug einen wütenden Ekel in sich herum, gegen das verschmutzte Schiff, in dessen Planken man gezwungen war auszuharren, gegen dies ewige, ewige Wasser, gegen das Essen, das er aß, das Bett, in dem er schlief. Er haßte alle Fahrtgenossen und wußte, daß sie sich untereinander haßten, daß sie sich nicht mehr sehen konnten, sich verachteten, im Geiste anspien, — er hörte das alles aus ihren fortwährenden widerwärtigen Zänkereien, ja, diesen „wissenschaftlichen Disputen!“ — er haßte den eigenen ungepflegten, verkommenden Körper mit all den abscheulichen Merkmalen des Skorbuts, er haßte, — oh, nicht zuletzt und am wenigsten, — den Vater, der infolge mangelnder Bewegung fett geworden war und so unantastbar gesund blieb (was er auf das Pfeifenrauchen schob, er pries tagaus, tagein seine Weisheit, sich so wohl mit Tabak versehen zu haben. Wie haßte aber George auch diesen süßlichen Qualm, in dem er Tag und Nacht geräuchert wurde!). In dieser Stimmung also faßte George Entschlüsse, — ja, Entschlüsse, die im Grunde nichts anderes waren als ein der Versuchung weinerlich Nachgeben und darauf ein tage- und nächtelanges Umhertaumeln zwischen fieberhaften Vorstellungen. Jedoch genügte es, daß Cook wieder auftauchte, ausgemergelt wie ein Gespenst seiner selbst, aber in der alten Straffheit und einen kalten Willensglanz in den eingesunkenen Augen, einen Blick, unter dem die Sauberkeit des Schiffes und die äußere Regelmäßigkeit des Dienstes sich hoben, ohne daß es irgendwelcher Anschreierei bedurft hätte, — oh, man wußte wohl, was man Jimmy schuldig war, und erfüllte es ohne weiteres, eigene Wege an Land vorbehalten, — es genügte für George, diesen Blick auf sich ruhen zu fühlen, um an schlechtem Gewissen fast zu sterben, innerlich doch aufschluchzend vor Befriedigung in dem Gefühl, daß dieser Mann ihm rückhaltlos vertraute, ihn für seinesgleichen hielt, wahrhaftig, daß er, George, außer den Offizieren der einzige war, mit dem er unbefangen sprach, und der einzige an Bord überhaupt, mit dem er scherzte. Cook war seine Rettung, jawohl. Und seine Aufmerksamkeit für den Kapitän bekam etwas Unruhiges, Fieberndes, er warf sein Inneres auf ihn wie auf einen Felsen, um es aus dem anstürmenden Meer der Versuchungen zu retten, — ach, der Versuchungen zum Haß, zum Aufruhr der Seele und des Körpers, die ihn so maßlos unglücklich machten, weil ihre Anforderungen, er fühlte es wohl, eben über seine Kraft gingen. Als sie in der bösen See, in der Gegend der flachen Inseln, kreuzten, wo Roggewein die afrikanische Galley eingebüßt hatte, bemerkte Bligh bei Tisch, daß diese Gewässer voller Untiefen „das Labyrinth“ genannt würden, und schreckhaft sprang bei diesem Wort eine Erinnerung in George auf, der er noch nachhing, während die anderen über die Berechtigung dieser Bezeichnung stritten. „Auf Kreta aber, einer Insel mitten im Ägäischen Meer, hauste der Minotauros, eingeschlossen in die Schneckengänge des Labyrinthes,“ und, — o nein, — er hatte sie nicht vergessen, die Wanderungen vor dem Einschlafen, süß und schaurig, denn drinnen heulte der Minotauros, er selbst aber war sehr klein. Jetzt aber, — er horchte auf, Hodges bestritt, daß etwas ein Labyrinth genannt werden könne, dem eben dieser Minotauros fehle, und Dr. Sparrmann spießte fein wie einen seltenen Schmetterling die Bemerkung auf die Nadel, daß man ja nie wissen könne, ob denn nicht doch ein Minotauros vorhanden sei, da ja ein solcher Minotauros bis zuletzt eine unbekannte Größe zu bleiben pflege. „Allerdings, allerdings,“ übertrumpfte ihn Wales, sein Kinn hastig reibend, „es ist wie mit dem Tode, teuerster Doktor, der in jedem Leben hockt …“ „Ihr werdet euch wundern,“ sagte hier Mr. Forster und sagte außerdem „hö, hö!“ was sein ihm eigenes, nicht jedem durchaus angenehmes, etwas fettes Lachen war, „ihr werdet euch wundern,“ wiederholte er, indem er breitbeinig aufstand, „wenn ihr euer Labyrinth durchwandert habt! Was sitzt darin? Was ist der Minotauros? Eine Überraschung, ein Osterei, — hö, hö — du selbst, mein teurer Freund, du selbsten sitzest drin, bereit dich zu zerreißen, hast dich vor dir selbst gefürchtet dein Leben lang …“ und nachdem Mr. Forster diese merkwürdige Erkenntnis mit einem sonderbar vergnügt ins Leere gerichteten Blick und ruckweise vorstoßendem dicken Zeigefinger stehend von sich gegeben hatte, verließ er die Kajüte, nicht ohne nochmals „hö, hö“ gemacht zu haben, — sehr zum Ärger von Mr. Wales, der Nase und Mund vornehm-verächtlich hängen ließ.
George aber war betroffen, — war erschüttert. — —
Er wollte an Bord bleiben, als sie endlich wieder vor Tahiti lagen, er schützte Arbeit vor, die während der Fahrt zu lange geruht habe, er schützte Schmerzen in seinem immer noch geschwollenen Fuß vor, er hätte sich am liebsten wie ein Tier verkrochen, — indes sah Cook ihn mit durchdringenden Augen an, die auch hier unter dem flammend blauen Himmel nichts von ihrem Polarglanz verloren, und sagte: „Sie gehen mit mir, George!“ in einem Ton, der an Selbstverständlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Und so ging er mit an Land und duldete, was ihn elend machte, den Anblick dieses heißen nackten Lebens, an dem er nicht teilhaben zu dürfen glaubte, denn hier war Cook, der durch das alles mit verächtlich geschürzten Lippen hindurchging und der ihn schweigend verworfen haben würde, wenn er sich hätte gehen lassen, — und dies wäre unerträglich gewesen, denn er bewunderte, er liebte Cook. Liebte er ihn? Oder — haßte er zuweilen auch diesen, haßte ihn um seiner unerschütterlichen hochmütigen Tugend willen, wegen jenes Auftrittes in der Kajüte, als Cook den Vater züchtigte und anspie, und damit ihn selbst? Denn tief, tief fühlte sich George doch mit dem Vater verbunden und wußte es, ohne es sich einzugestehen, daß er geringer war als dieser, in irgendeinem Betracht geringer, und deshalb mit Recht abhängig von ihm, und sei er zehnmal moralisch vorzüglicher. Ja, — haßte er manchmal auch Cook? Oh, er wußte es nicht, wußte nichts mehr, als daß er grenzenlos unglücklich war. Er hatte keine Spielgefährten mehr, um mit ihnen den körperlichen Überschuß auszutoben, Larry war tot und Mahaine, — Mahaine hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt als hinzugehen und zu heiraten, natürlich, denn dieser Herr, weitgereist und im Besitze so vieler roter Federn, war den stammverwandten Tahitianern unbeschreiblich merkwürdig und begehrenswert. Gleich in einer der ersten Nächte ward er zur Königin Porea „zur Aufwartung“ befohlen, und als er sich von dieser Strapaze erholt hatte, warf er sein Auge auf eine unschöne kleine Insulanerin, die indessen die Tochter eines Eri war und ihm eine erhebliche Mitgift an Land und Ansehen einbrachte, — allein den Tau-Tau, den Leibeigenen, der ihm von nun an folgen und ihn bedienen mußte! Mahaine also ward mit einem Schlage ansässig und bürgerlich, verzichtete auf alle weiteren Reisegelüste und dachte nicht mehr daran, mit nach England zu gehen. Er legte es George nahe, — „Teori“ nannte er ihn und „Teori“ sagte lockend das braune kindliche Mädchen, das er mitbrachte, und lachte den Fremden mit breiten weißen Zähnen an, — seine Schwägerin Tehamai zu heiraten und sich ebenfalls auf Tahiti niederzulassen, — ja, im Eifer nahm er Georges Hand und führte sie über Tehamais feste warme Glieder, sprachlos verwundert, als der Freund sich losriß und ihn samt seiner vorzüglichen Ware ohne ein Wort stehen ließ. Schließlich, schließlich ging ja alles vorüber, vorüber gingen auch die Tage auf den Sozietätsinseln, wo das Schiffsvolk sich noch einmal in allen Freuden der Südsee wälzte, vorüber gingen wie Fieberträume die Erlebnisse der Tänze und Vorstellungen, die den Taumel immer noch steigerten, vorüber die Wochen, in denen jenes Mädchen aus Eimeo an Bord war, dem sie Offizierskleider angezogen hatten und das auf Huahaine von den Eingeborenen in einer wüsten Pantomime verspottet wurde, — alles ging vorüber und ließ sich ertragen, wenn anders man es nur sachlich betrachtete und sich Anmerkungen darüber machte. Gesegnet die Schreibtafel, die einen begleitete wie einen Talisman, gesegnet jedes Blatt Papier, das sich zwischen ihn und die aufdringliche Wirklichkeit der Dinge schieben ließ! So überwand er die Südsee, nahm Abschied von den lachenden Inseln, ohne die Spur eines Brennens im Herzen, fuhr vorüber an den Pfingstinseln, an den Hebriden und an Neu-Caledonien, so wie er einst in St. Petersburg durch die Museen gestolpert war, grenzenlos ermüdet und abgewandten Herzens, nur maschinenmäßig Eindrücke aufnehmend und verarbeitend, — so betrat er noch einmal Neuseeland, fühlte eine schwache Wehmut, Larrys eingedenk, und versuchte es, Toghiri aufzufinden, um sich seiner Botschaft zu entledigen, — gab es indessen auf, da Toghiri von ihrer alten Wohnstätte verschwunden war und sich auch sonst nicht blicken ließ, — armer Larry in der eisigen See, so schnell vergessen! — und schlenderte tagelang einsam am Strande umher, nach Osten spähend und im Winde etwas wie ein gemäßigtes Klima ahnend. Ach, Europa! nun gab es nichts anderes mehr als dieses Ziel der Gedanken! Als ein Knabe war er hinausgefahren, hundertfach abhängig, erwartungsvoll auf die Menschen blickend, und, wie oft auch schon getäuscht, doch ungebrochen im Vertrauen. Jetzt lag ein Zug entsagungsvoller Erkenntnis in seinen Augen und um seinen Mund, der seine zwanzig Jahre Lügen strafte, und hinter seinem unverändert liebenswürdigen Auftreten, hinter der jungen Lady George, wohnte einer, den sie alle nicht kannten, ein Einsamer, von zartem, schmerzlichen Stolz, von einer entschlossenen Selbstgenügsamkeit — einstweilen! Denn irgendwie hatten jene Eismeerwochen der Einsicht und Erkenntnis doch Früchte gezeitigt, irgendwoher keimte eine trotzige Gleichgültigkeit in ihm, irgendwann war es ihm aufgegangen, daß er ja nicht für alle Zukunft, nicht sein Leben lang mit dem Vater zu rechnen habe … Er und das Schiff! das Schiff, das seinem Willen zur Heimkehr diente! — und alles andere war gleichgültig, war Beiwerk, war Nebensache, Geschwätz im Tauwerk und belangloses Geflügel. Er stand am Bug und starrte voraus auf die unabsehbare graue, unheimlich von innen sich wölbende und atmende, tobende und drohende graue Halbkreisfläche, — ach, Tag für Tag, Woche um Woche derselbe leere gähnende Osten! — er packte, er ordnete wieder und wieder, als müsse er bereit sein, morgen von Bord zu gehen, — Kap Horn lag noch vor ihnen, — er war zur Stelle, wenn der Vater, wenn Cook ihn wünschten, — alles in einer ungegenwärtigen Art und Weise und innerlich mit nichts beschäftigt, als sich sprungbereit für die nächsten Möglichkeiten in London zu halten und, — wie sollte er anders, — Projekte zu entwerfen, Projekte, in denen der Vater ganz und gar keine Rolle mehr spielte. Er überwand, — körperlich überwand er die Erde, trat Feuerland hinter sich, entsetzliche Weihnachtstage auf Feuerland in Schnee und Regen, unter tierähnlichen Geschöpfen, die „Pesseräh!“ sagten und weiter nichts, in allen Tonarten „Pesseräh“, und hier verlor man Zeit, so viel Zeit! Er jauchzte innerlich, als nach Staten-Island und Georgia nun bis zum Kap keine verfluchte Insel mehr zu erwarten war, — er schluchzte auf, — übrigens nicht als der einzige an Bord, — als das erste europäische Schiff, ein holländischer Segler, ihnen in einer kalten Mondnacht in Rufweite gegenüberlag und ihnen wie aus Geistermund die Botschaft wurde, daß ganz Europa Frieden habe!
Das war im Februar 1775. Acht Tage später ankerten sie in der Tafelbai, inmitten einer Flotte holländischer Ostindienfahrer und französischer, deutscher und dänischer Handelsschiffe, portugiesischer Kriegsschiffe und spanischer Fregatten, ganz Europas Flaggen grüßten sie und sie gingen an Land wie die Träumenden, europäische Herren, den Dreispitz unterm Arm, das Meerrohr in der Hand, anderen europäischen Herren ebenfalls mit dem Dreispitz unterm Arm begegnend, europäischen Herren, die gar nicht verwundert schienen, daß sie einherspazierten und sogar Damen mit sich führten, Damen in Kleidern aus Paris, zweifellos, — mein Gott, das gab es noch, Europa stand noch, war es denn so möglich?! Überdies gab es Speisen in unsagbar köstlicher, ganz vergessener Zubereitung, an denen man sich notwendig überessen mußte, — Herr Forster tat es, — es gab Zeitungen, gab — nach beinah drei Jahren, — wieder Briefe von zu Hause! Ach, nicht nur hatte ganz Europa Frieden, auch die Mutter, auch die Geschwister, sie lebten, sie tauchten wieder auf aus dem Nebel der Unerreichbarkeit … George lächelte, seit jener Nacht im Polareis, als die Mutter ihr blutendes Herz an ihm vorübergetragen hatte, hatte er sie tot geglaubt. Nun sah er so deutlich ihr blasses Leidensgesicht, die durchsichtige, ein wenig vorspringende Stirn über den müden breiten Lidern vor sich, — sah ihren Blick, unendlicher Liebe und Müdigkeit voll. George preßte die Hand aufs Herz: nun kam er wieder, ein Mann, nun hatte ihr Leiden ein Ende. Er schwur es sich, unbewußt des bitteren Reuegiftes, das solche Schwüre in sich tragen.
Sie kosteten hier schon einen Vorschmack des Ruhmes, der ihrer in der Heimat wartete, kosteten ihn auf den Festmahlen, die fremde Kapitäne und Offiziere ihnen gaben, waren aber nur halb bei der Sache, ungeduldig auf die Weiterreise bedacht. Der kleine Dr. Sparrmann drückte sie umschichtig an sein abschiedstrauriges Herz und stand mit dem Schmetterlingsnetz winkend am Hafen, als das Boot sie überholte. Und nun kam noch einmal das Schiff, Wochen um Wochen: das Schiff! Das Schiff, ein Erdteil für sich, im Raume, in der Wasserwüste jagend, stampfend, schlingernd, — drohend, jetzt noch, ja jetzt noch, und mit Willen nicht früher, mit ihnen allen in die Tiefe zu fahren, ihnen seine Macht weisend in bösen Äquinoktialstürmen, — das unbändige, das mütterliche, das verhaßte und geliebte Schiff, das am 29. Juli mitternachts den Leuchtturm von Eddystone tanzend grüßte und Tags darauf im Hafen von Spithead schaukelte, vornehm und rätselhaft, sie alle entlassend, die selig auseinanderstrebten, ganz ohne geheuchelte Schmerzlichkeit, denn jetzt konnten sie einander entbehren, o ja, jetzt konnten sie wohl. — — —
Zwischenspiel
Ein Weg von vier Jahren und kein Weg durch die Rosenfelder der Jugend, wie endlich anzunehmen wohl Berechtigung vorhanden gewesen wäre, — ein Weg, wenn nicht mehr unterm Joche des väterlichen Willens, so doch unter dem Zwange des eigenen unentrinnbaren Gewissens vor den Karren des Familienunglücks geschirrt, — genug, ein Kalvarienweg mit unzähligen Leidensstationen, das war der Weg vom Themsekai nach Cassel gewesen. George Forster, in einiger Hast durch den dünnen Neuschnee auf dem holprigen Pflaster der engen Gassen dem Hause des Ministers General von Schlieffen am Königsplatz zustrebend, noch ganz erfüllt von all der aufgewühlten Bitterkeit der letzten vierzehn Tage, von dem Wiedersehen mit den Seinen in Halle, wo der Vater nun endlich als Professor der Naturgeschichte installiert war, wie er selbst schon seit einem Jahre hier am Carolinum zu Cassel, — George, so ganz gegen seine Gewohnheit dahinstürmend, die eine Hand an dem niedrigen englischen Hut, die andere zwischen die Knöpfe des Redingotes geschoben, er dachte voll Schicksalstrotzes, jetzt, jetzt erst nach diesem ersten Jahre der Niederlassung in Deutschland sei er endgültig angelangt in Cassel, als in einem Ruheport und Friedenshafen. Jetzt erst, so dachte er voll erzwungenen Freiheitsgefühls, das weiche Gesicht gegen den peitschenden Schnee erhebend und angestrengt nach dem Turm der Martinskirche spähend, von dem herab es eben fünf Uhr über die Dächer sang, jetzt erst hatte es sich vollendet, was damals in der eiskrachenden Christnacht am Pol in seinem Herzen aufgesprungen war, um gegen den Stachel zu löcken. Oh, in der Tat, jetzt war er los und ledig und es galt, dies Sömmerring zu erzählen, es galt sich auszusprechen, das übervolle Herz in den Busen des Freundes hinein zu entlasten, zu manifestieren die Einsetzung des eigenen freien Willens als Daseinsfaktor. Indessen, es würde kaum Zeit sein, Sömmerring noch vor der Sitzung allein zu sprechen, dachte George; er hatte sich wieder einmal verspätet, hatte sich in Jakobis „Woldemar“ verlesen, sich dann über der Toilette versäumt. Mit langen Schritten nahm er die letzte Gasse. Jene Leidensstationen, jawohl, sie lagen nun abgegrenzt in einem Bezirk der Erinnerung, das nicht in die Gegenwart hineinreichte; dies schrieb er streng sich vor. Dahinten lagen die demütigenden Verhandlungen mit dem Londoner Admiralitätskollegium über die Veröffentlichung der Reisebeschreibung Forsters, des Älteren. Oh, diese Verhandlungen, über denen die ausgelaugte Maske Lord Sandwich’es hing wie der kalte Mond einer Scheingerechtigkeit, in deren verwirrendem Licht alle Begriffe zu schwanken begannen! Hier wurde blank ausgefochten, was auf dem Schiff dumpf in Haß gebrütet hatte, — und, nun ja, — wer fragte jetzt nach Lady George? Die Klingen kreuzten sich über das weiche Herz hinweg, und die stählerne siegte über die gläserne! Forster, der Ältere, oder der Ruhm von England, Kapitän Cook? War das eine Frage? George wünschte sich nicht zu erinnern. Vorüber, dachte er mit fieberndem Hirn, vorüber, vorüber. Vorüber das Hungerleben in London, das Schachern mit Naturalien und Kuriositäten, an denen das Herz doch irgendwie hing, — George entsann sich im Fluge der geschnitzten Frauenhand von der Osterinsel, — hatte er sie nicht geliebt? Sie hatte drei Guineen eingebracht, gewiß! Vorüber der Ansturm von Gläubigern mit Bulldoggengesichtern, von Gerichtsverhandlungen vor ungeheuern Perücken, vorüber das Gespenst des Schuldturms zu Kingsbench, dessen Quadern das Herz der Mutter zermalmten, oh, unerträgliche Qual! Hier saß Reinhold Forster zwei Jahre lang und, Gott verzeihe mir, dachte George, aber ich will das alles noch einmal erleiden, wenn ihm nicht wohl war im Gefühl des übergroßen Unrechtes, das ihm geschah. Ja, wahrhaftig, Gott verzeihe mir, dachte George verzweifelnd, wie immer, wenn die Säure unterdrückter Aufsässigkeit durch seine Gedanken fraß. Und er brauchte nicht mehr betteln zu gehen, — vorüber die Bittstellergänge an die Logen in Paris, in Holland, — an die deutschen Fürstenhöfe, wo er antichambriert hatte, den Hut in der Hand, seine Reisebeschreibung gegens Herz gedrückt, ein berühmter Weltumschiffer, blutjung und bettelarm!
Vorüber, triumphierte er in gewolltem, inneren Jubel und flog über den breiten, geschweiften Absatz der schön sich windenden hölzernen Treppe des Schlieffenschen Palais hinauf, drei, vier der niederen Stufen auf einmal nehmend. Aus der Reihe von Überkleidern, die im Vorzimmer hingen, entnahm er mit einigem Schrecken den Grad seiner Verspätung, erfuhr von dem diensttuenden Lakaien, daß Ihre Gnaden, die Frau Marquise von Mombert noch nicht anwesend seien, atmete ein wenig auf und tupfte vor dem Spiegel das schneefeuchte Gesicht mit dem Tuche ab. Er sah wohl aus, stellte er in Eile befriedigt fest, die Wangen gerötet, die Augen klar, nichts von seiner gewöhnlichen Stubenblässe.
„Der Professor Müller gekommen?“ hörte er sich fragen, wie ihn dünkte, ganz ohne seinen Willen, und ehe er die Antwort hörte, trat er schon an dem Respektvollen vorüber in die warme Kerzenhelle des Salons und schritt in eiliger Verlegenheit auf den General zu, der dort vor dem Marmorkamin in gedämpfter, phlegmatischer Unterhaltung mit einem großen Herrn in Hofuniform stand, einem Herrn, der sein gepudertes Haupt und den Oberkörper zurückwarf, als er Georges Namen hörte, und ihm beide Hände entgegenstreckte. Der Freiherr von Knigge? Nun ja, dies war ein Herr mit blauen Emailleaugen. George, die Hand am Degengriff, machte die Runde durch den Halbkreis der Gäste, flüsterte ein-, zweimal seinen Namen vor unbekannten Erscheinungen, erfuhr, daß es sich um die Herren Richers und Greve handele, beide von den Hannoveranern in Hanau, Leutnant Greve und Hauptmann Richers, zu dienen, — schüttelte Hände, sah liebenswürdig entzückt in andre liebenswürdig entzückte Augen und erholte sich endlich, neben Sömmerring verharrend, mit einem kleinen Hüsteln von dieser Übung gesellschaftlicher Befähigung, die ihn stets ein wenig Kraft kostete. Jetzt erst stellte er mit einem scheinbar ziellos umherwandernden Blick fest: ja, Müller war anwesend. Er hatte ihn begrüßt, ohne ihn zu erkennen. Jene kleine Unruhe am Herzen, die eben nachließ und ausschwang, war die vielleicht entstanden, als er Müllers Hand berührt hatte? Er lächelte ein wenig bestürzt und wandte sich Sömmerring zu, — was ging denn jener kühle, glatte Mensch mit den rätselhaft unzufriedenen Augen ihn an? Ach, sein Sömmerring, der bebte vor Wonne, ihn wiederzusehen nach der halbmonatlichen Trennung, klares Wasser stand in seinen Augen, die sich voll Bewegung auf George richteten. Nein, schön war Sömmerring nicht, aber er wurde schön in seinem Gefühl, und war nicht dies die Seele, die ihm den kalten, fremden Ort zur Heimat gemacht hatte?
„Unendliches habe ich zu erzählen, Freund!“ flüsterte George, die Hand auf des anderen Arm, wandte sich aber im selben Augenblick der Flügeltür zu, wie alle Anwesenden. Die acht Männer verneigten sich, als bräche eine sonderbare Gewalt ihre Nacken. Und die Frau, die in dem apfelgrünen Seidenkleide dort vor dem weißgoldenen Hintergrund der Türe stand, starrend in der Hoftracht einer schon halbverschollenen Mode von Paris, mit den unbeweglich über dem Schoß zusammengelegten Händen die goldene Dose, das Geschenk des Landgrafen haltend, dem sie, wie es hieß, eine rührende Zusammenkunft mit dem Geist seiner verklärten Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, verschafft hatte, — diese Frau rührte kaum die halbgesenkten Lider, als sie nun dem schwerfällig auf sie zueilenden General die Fingerspitzen reichte und mit schmerzlicher Hast halblaut sagte: „Beginnen wir, schnell! Sie haben alles vorbereitet?“
George verspürte ein Rieseln zwischen den Schulterblättern — wie gut kannte er das, diese Schauer des Labyrinthes! — als er jetzt das überpuderte Antlitz mit den zarten, emporgezogenen Brauen, den leicht verzerrten Lippen und bebenden Nasenflügeln der sonderbar berühmten Marquise von Mombert an sich vorübergleiten sah. Der General geleitete die Dame mit befangenem Tänzelschritt, als ginge es zum Menuett, durch den Saal zur Türe des Kabinetts. Ein buckliges Geschöpf in goldgesticktem Schoßrock mit einer übergroßen Lockenperücke trippelte hinter den beiden drein und brachte durch devoteste Bücklinge und schadenfrohe Blicke jetzt erst seine Anwesenheit zum allgemeinen Bewußtsein. Aha, dachte George, dies war der Reisemarschall der Marquise, war der Monsieur Touchet, der die empfindsamen Dramen schrieb und überdies die Gabe besaß, durch Handauflegen zu heilen, wie er von sich zu verbreiten verstanden hatte. Sollte etwas Wahres daran sein? Was würde man heute erleben? Und nun wurde es ihm plötzlich wieder ganz bewußt: heute galt es mehr als einen geselligen Zeitvertreib, heute galt es eine Probe anstellen auf Tod und Leben, einen Beweis erlangen, — endlich vielleicht. Die Spannung, die den Tag über in seinen Gliedern gelegen hatte wie unterdrückte Krankheit, schoß auf einmal zusammen und straffte Geist und Körper zu unerhörter Aufmerksamkeit. Auf der Schwelle ewiger Geheimnisse stehen, welcher Augenblick! fuhr es ihm durch den Sinn. Freilich, ein Skeptiker, ein Müller … dachte er sogleich geärgert weiter, wahrnehmend, wie dieser, einer Bitte des Generals folgend, mit undurchdringlichem Lächeln die Kerzen in den Armleuchtern löschte.
„Die Marquise wünscht es so“, hörte er den General im Ton gedämpfter Erregung halblaut sagen. „Indessen ist sie für heute nicht disponiert, uns, wie wir wünschten, einen Blick in die Geisterwelt tun zu lassen. Sie wird uns jedoch“, übertönte er die flüsternde Enttäuschung der Gäste, „Zukunft und Vergangenheit auslegen, durch Betrachtung der Linien unserer Hände und durch Anwendung ihres übernatürlichen Ahnungsvermögens. Ich, meine Herren,“ fügte er hinzu und bewegte abwehrend die Hand, indem er sich mit halb verhaltenem Ächzen in einen breiten, tiefen Armsessel niederließ, „ich lege keinen Wert darauf, die Grenzen meiner etwaigen Zukunft zu erfahren oder gar die Stunde meines Todes. Dies Amüsement scheint mir völlig eine Affaire junger Leute.“ Und mit dem seltsam mißtrauischen, rührenden Forschen alter Menschen nach den Mienen seiner Gäste spähend, — aus der offenstehenden Tür des Kabinetts fiel eine breite Straße Lichtes in den Saal und verbreitete eine schwache Helle, — fragte er: „Nun, wer ist encouragiert genug, den Anfang zu machen?“ Und gleich darauf in gerafftem Ton: „Meine Herren, lassen wir die Dame doch nicht warten!“
„Stellen wir es doch auf die Probe, dies ausgezeichnete Ahnungsvermögen!“ ließ sich aus einer beschatteten Ecke Müllers Stimme vernehmen und George ballte heimlich die Hand. „Weiß die Dame, wer hier anwesend ist? Nicht? Kennt sie einen von uns schon von Angesicht? Nein? Unmöglich, da sie erst seit drei Tagen hier ist? Nun, — so wollen wir an ihr vorbeidefilieren und sie soll zunächst einmal den — nun, vielleicht den am weitesten Gereisten — und den zugleich Berühmtesten unter uns feststellen!“ Hatte ein heimliches Lachen in dieser ruhigen Stimme gelegen? George war weit entfernt davon, in das Urteil „Eine süperbe Idee!“ einzustimmen, das Schlieffen ausstieß; dieser Mensch legte es darauf an, ihn zu demütigen, — nun gleichviel. Welche Komödie! Da ging man im Gänsemarsch hinüber, Müller an der Spitze. „Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch sitzet da, wo die Spötter sitzen …“ ging es George bitter durch den Sinn. Aber, was lag daran? Spielte dieser Mensch etwa auf Eitelkeiten an, die er bei ihm, George, vermutete? Konnte er so mißkannt werden? Oder kannte er sich selbst so schlecht? Wie, ward er etwa unruhig bei dem Gedanken, die Marquise könnte, — könnte vielleicht den Schotten Richers bezeichnen, der in Amerika gegen die Franzosen gekämpft hatte, — er entsann sich plötzlich, von diesem Fremden gehört zu haben. Aber würde er nicht trotzdem Forster bleiben, Forster, der Jüngere, mit einem Wort, der junge Forster? Ah, welche Gedanken auf einem Weg von einer halben Minute! Keine Gedanken, würdig der Ewigkeit, die sich hier offenbaren sollte! Galt es nicht, die Verbindung mit dem Herrn zu suchen in dieser Stunde? Jetzt schritt Knigge, jetzt wandelte Prizier an der Seherin vorüber, sie rührte sich nicht, ihre Hände lagen regungslos auf dem Buchsbaumtischchen, hinter dem sie saß; sie schien mit zurückgelehntem Haupte und halbgeschlossenen Augen den Duft der Räucherkerzchen einzuatmen, die Touchet dort über der züngelnden Flamme des Leuchters verbrannte. Jetzt Greve, — jetzt — Richers, — zuckte etwas in den Zügen der Frau? Vorüber! Und George, ein paar Schritte hinter dem Hauptmann, fühlte sich törichterweise erleichtert, zauderte, ging, von Sömmerring leise geschoben, vorwärts und … Es war die Stimme Touchets, die da plötzlich sagte: „Restez ici, Monsieur, Madame a fait son choix!“
Madame hatte gewählt, in der Tat. Es war geschehen durch eine kaum merkliche Bewegung des Hauptes, der linken Hand. George fühlte sich auf einmal allein, hörte ein Gemurmel hinter sich ersterben, atmete den süßlichen Kirchengeruch der Luft und sah verwirrt in diese blicklosen Augen, Augen, die wie beschlagene Spiegel wirkten: die Iris war nach oben gedreht, die Pupille nur halb sichtbar und das Überwiegen des trüb geäderten Augapfels gab dem farblosen Antlitz mit den scharfumrissenen, hellroten Lippen einen blinden, einen übermäßig leidenden Ausdruck.
„Man weiß im Geisterreich von seinen Verdiensten“, sagte jemand im Nebenraum, Gelächter und Gemurmel quoll noch einmal auf, ein Stuhl ward behutsam gerückt. Dann stand im Raum die atmende Stille der Erwartung.
„Was wünscht Monsieur zu wissen?“ hörte George jetzt die Stimme Touchets mit einer scharfen Süßlichkeit in Ton und Ausdruck. „Die Vergangenheit oder die Zukunft? Ah, — die Zukunft, — nicht wahr!?“
„Die Vergangenheit!“
George stieß es heftig hervor. Es galt eine Probe. Es war nicht ruchlose Neugier, daß er hier stand! Dies im Auge behalten, sich den Zweck nicht trüben lassen!
Die Vergangenheit! Erfahren, ob es möglich war, daß Gott den Menschen würdigte … Und mit einer ungeduldig heischenden Bewegung stieß er der Somnambule seine geöffnete Linke hin und fühlte sie von schlaffen, kühlen Fingern umfaßt, — Fingern, von denen doch eine beängstigend saugende Kraft ausging. George dehnte den Brustkasten in einem seltsamen Gefühl der Schwäche. Wie, — stürzte all sein Blut in seine Hände?
Und während er in diesem fremdartigen Taumel die Augen schloß, fühlend, daß der stumpfe Blick der Frau an ihm emportastete, — war nicht damals am Kap die große Fledermaus so an seiner Brust hinaufgeklettert, die sich in seinem Jabot verkrallt hatte … da hörte er etwas wie einen tönenden Seufzer, — zwei, drei Worte …
Nun, dies war wirklich zum Lachen!
Und er raffte sich zusammen und sah mit halbem Lächeln auf die Sitzende nieder.
„Nun, Madame, beliebt es? Die Vergangenheit, wenn ich bitten darf!“
Eine Schleuse schien geöffnet. Die Worte kamen unaufhaltsam.
„Da ist eine Reise, wenige Tage zurück, — oh, keine große Reise für Monsieur, — hundert Meilen über Land zu fahren, was will das heißen für Monsieur, der die ganze Erde kennt? Eine Reise zu Verwandten, Monsieur? Die Verwandten sind lange in einem Land fern der Heimat gewesen. Ich sehe — Armut. Das ist vorbei. Monsieur hat gearbeitet für seine alten Eltern. Sind es die Eltern, Monsieur? Gut! Aber die Eltern sind nie zufrieden mit Monsieurs Erfolgen. Ist es Madame Mère? Nein. Aber der alte Mann … Ich sehe einen Berg. Ich sehe eine bittere Galle. Ich fühle — Neid. — Ah, assez! Monsieur wünscht das nicht zu hören. Es hat wenig Freude gegeben beim Wiedersehn. Streit, — Kummer. Assez! Monsieur ist jetzt sehr allein. Da ist eine Frau, — braune Augen. Prenez garde, monsieur! Monsieur hat Freunde, ah, sehr gute Freunde, — da sind hohe Herren. Die letzten Jahre? Viel Arbeit, viel Reisen, — immer für den alten Mann. Aber — ist es nicht so? — Monsieur haßt den alten Mann …“
George, der seine Hand an sich reißen wollte, fühlte eine Lähmung, fühlte Schwindel, fühlte sich wie unlöslich an diese saugenden Finger geschlossen.
„Oh, wie der alte Mann wächst, je weiter es zurückgeht! Er macht den Himmel dunkel. Viel Wasser, — viel. Oh, welche Länder …“
Hier legte Touchet seine Hand um das Gelenk der Frau und willenlos öffnete sich ihr Griff um Georges Linke.
„Genügt Ihnen dies, — Monsieur?“ flüsterte der Franzose von unten herauf mit einem Entblößen seiner Zähne, einem Hochziehen der Oberlippe, das seinem zugespitzten Gesicht einen Ausdruck von Bosheit verlieh.
George nickte stumm. Er wandte sich, schwankte in den Saal zurück und suchte seinen Stuhl. Und nun er endlich saß und seine Stirn mit dem Taschentuch betupfte, seine linke Hand heimlich abrieb, um die Erinnerung an jene schlangenhafte Berührung los zu werden, kam er allmählich wieder zu sich, empfand die beruhigende Wärme, die von seinem Nachbar Sömmerring ausging, der fast Schulter an Schulter mit ihm saß, seufzte auf und wußte wieder: hier, dies war der Salon im Hause des Ministers, dort auf dem Kamin blinkte in einem Lichtstrahl die glasierte chinesische Vase, leise und geschwätzig pendelte von der Kommode her der Gang der Boule-Uhr durch die Stille. Dies neben ihm, atmend und Leben verratend, war Sömmerring, ach, der Freund, und an seiner Rechten, Müller, o, trotz allem, auch eine heimatliche Seele. Indessen, mein Gott, gab es hier nicht einen kleinen Anhalt dafür, daß er — er selbst war, — oh, wollte niemand ihn anreden und diesem Kreiseln seines Gehirns Einhalt tun? Da stand von Knigge nun vor dem Tisch im Kabinett, das starke, rosige Gesicht unter dem gepuderten Toupet vom Kerzenlicht angestrahlt und mit selbstgefälligem Lächeln dem lauschend, was Madame ihm zu sagen hatte. In der fahlen Maske ihres Gesichts bewegte sich der krankhaft rote Mund unaufhaltsam und quoll über von jenem rauhen, tiefen Geflüster mit der röchelnden Betonung gewisser Worte, diesem Geflüster, das hier nicht zu verstehen war. Da war, durch einige Stühle von ihm getrennt, der General, man hörte deutlich sein kurzes, mühsames Atmen und das Klingeln seiner Berloques, mit denen er wie gewöhnlich spielte. Da war Prizier, er wippte mit dem Stuhl und trug Langeweile zur Schau; freilich, dies hatte mit Alchemie wenig zu tun. Und da waren, ein wenig nach Stall und Leder riechend, die beiden Herren Greve und Richers, jawohl, von den Hannoveranern in Hanau, er hatte von ihnen gehört, sie waren zu Pferde herübergekommen, um die Seherin zu hören, — Angehörige übrigens der Loge „Friedrich von der Freundschaft“, also nicht strikter Observanz, noch nicht, — diese waren ganz Andacht, saßen vorgebeugt da, hielten die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet zwischen den Knien, beobachteten starr den Eindruck, den die Worte der Seherin auf den Zügen von Knigges hervorriefen, warfen sich zurück, schüttelten ratlos die Köpfe, griffen sich grübelnd ans Kinn … Gute, junge Leute das, der Hauptmann und der Leutnant, dachte George, einer unbehaglichen Rührung voll, der eigenen sechsundzwanzig Jahre nicht eingedenk, — und doch, — was erinnerte ihn plötzlich daran? Jene ersten Worte der Seherin, jener gehauchte Ausruf bei seinem Anblick, — nein, — lächerlich! Dennoch, was hatte sie gemeint! — Gegenwärtiges? Zukünftiges? Stand ihm etwas bevor, das jenen Seufzer rechtfertigte? War es also noch nicht genug gewesen, — das alles, was hinter ihm lag? Aber er wollte sie nicht um die Zukunft befragen, nein, er hatte genug von der Erfahrung, daß zwischen ihm und jener Fremden dort am Tisch kein Schleier waltete, daß kein noch so dünnes Häutchen seine Erinnerung von ihrer Seele schied, — daß hier, — ja, daß hier also in der Tat ein seltsames Ineinanderwogen der unsichtbaren Wesenheiten verschiedener Personen statthatte. Ein Ineinanderwogen, ein Verschmelzen nicht nur der Seelen, — auch die Zeitbegriffe waren aufgehoben, — Vergangenheit, Zukunft, das stand aufgerissen da in einer weiten, raumhaften Gegenwart, in der alles nebeneinander ragte, was bestimmt war, ein Leben fließend zu füllen. Welch ungeheurer Frieden, dachte George bestürzt, müßte dort wohnen hinter der niederen Stirn von Madame! Ja, dieses Wesen in dem mitgenommenen Kleid aus verschlissener, grüner Seide, in der Robe einer halbverschollenen Mode von Paris, es war im Besitz der All-Einheit, es mußte strahlen von gesammeltem Lichte, — es war — — seltsam, seltsam! — nichts als ein greifbarer Ausdruck göttlicher Allwissenheit. Ach, aber es wohnte da kein Frieden; da war Qual. Qual sprach aus den gereckten Zügen dieser Frau, aus ihrem blinden Tasten nach den Händen der Fremden, aus ihrem Zusammenzucken, wenn die Stimme Touchets in ihr Hirn drang. Das war keine Herrscherin im Unsichtbaren, — nur ein armes Werkzeug, ein geknechteter Schalltrichter für übermenschliche Stimmen. Aber ich, dachte George weiter, gepeinigt, das Erlebnis bis ins Letzte auszuschöpfen, wenn es mir gelänge, das Trennende auszulöschen, durchzustoßen das Häutchen, zu zerreißen den Schleier, — wenn ich mich nur hingebe, mich strömen lasse, — es gelingt, — es gelingt! Und wieder empfand er das Kreiseln des Gehirns, das Aufgehobensein des Selbstbewußtseins, jene Ahnung des Schwebens, wie er sie erfahren hatte in den Gebetsrasereien der vergangenen Monate. Gleich, — gleich, — dachte er krampfhaft, — oh, schon hatte er aufgehört, George Forster zu sein, was war dieser Name, wen hatte er einmal bezeichnet? Einen gefeierten, jungen Gelehrten? Einen Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel? Einen Schützling von Fürsten? Einen Freund guter Freunde? Ein Schwall von Erinnerungen stürzte zwischen ihn und sein Bemühen, auszulöschen. Irgendeine Stimme, empfunden wie ein bohrender Punkt glühenden Lichts, der die Dunkelheit nicht aufkommen ließ, wiederholte eigensinnig: „Cassel! Carolinum! Collegium! Gold, Gold und wiederum Gold! Landgraf und Konsorten! George, George, Forster, Freund! Bruder Amadeus!“ und widerwillig gab er nach, ließ ihn wachsen, den Punkt, anschwellen das Licht, erkannte sich, jawohl, George Forster, Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel, der Gelehrtenschule des Landgrafen von Hessen, George Forster, Mitglied des geheimen Rosenkreuzerzirkels, mit dem Bundesnamen Amadeus, der hier saß, als hätte er Zeit übrig für — müßige Charlatanerien, — nicht wahr, so würde der Vater das nennen, — als müßte er nicht über seiner Arbeit brüten, um Geld zu verdienen, Geld! Viel Geld, denn was tat man ohne Geld, ohne Bücher, Instrumente, gute Kleider, wie sie seine Lebensstellung nun einmal nötig machte, also Geld für sich und dann, — aber, o mein Gott, immer noch und endlos, für den Alten, der jetzt dort in Halle saß, und sich mit Lust der Erkenntnis hingab, daß die Postverbindung zwischen ihm und dem Sohne nun außerordentlich viel besser war, als zwischen London und Hessen-Cassel!
George rückte sich ein wenig zurecht und kam durchaus zu sich. Er schauderte zusammen, es war kühl im Saal, das Feuer im Kamin war niedergesunken. Eben kehrte Sömmerring von der Seherin zurück, das Lächeln verlegener Ratlosigkeit um den Mund, das er für unerklärliche Fälle vorrätig hatte. „Rätselhaft!“ raunte er George zu, indem er sich niederließ, „sie hat mir mein ganzes Leben gesagt. Dinge, die niemand wissen konnte. Ich bat um die Vergangenheit, — wie du!“ Dieses „wie du“ stand als Motto über Samuel Sömmerrings Tagen, seit er George kannte. Indessen ging eine Bewegung durch den Kreis und es ward festgestellt, daß niemand mehr da war, der Madame befragen wollte.
„Nun, meine Herren, in der Tat? Sie sind befriedigt?“
Der General spähte nach den Mienen seiner Gäste und verweilte prüfend auf den ihm zunächst Sitzenden, Richers und Greve, die immer noch in den Anblick der Pythia versunken waren. Zuweilen murmelte Greve etwas wie: „Unübertrefflich!“ worauf Richers, der ein Schotte war, regelmäßig aus tiefster Seele „Rather!“ antwortete. Dann, mit leisem Ächzen seine schwerfälligen Massen in Bewegung setzend und sich auf der Lichtstraße nach dem Kabinett zu schiebend, nachdem er durch eine Glocke den Diener hereingerufen hatte, gab er das Zeichen, sich zu erheben. George stand ernüchtert im Schein der wieder aufflammenden Kerzen. Er meinte, dort im Kabinett einen Papierumschlag auf den Tisch flattern gesehen zu haben, die Marquise, hochmütig und erschöpft ins Leere blickend, beachtete ihn nicht, aber Touchet griff gierig danach. Hier ward ein Handel abgeschlossen, jene Frau dort lebte vom Verkauf ihrer Ewigkeitsnähe; freilich, weder sie noch ihr Begleiter wirkten wie fleischgewordene Gottesgrüße und es war ohne Zweifel eine ganz alltägliche Person, die dort ein wenig mürrisch den Komplimenten des Generals lauschte. Würde sie der Gesellschaft noch einmal die Gunst ihrer Offenbarungen erweisen, ihnen das Geisterreich auftun? — oh, sie konnte ja sehen, daß die Herren erschüttert waren wie Moses auf dem Sinai, hier befanden sich weder Zweifler noch Spötter! Die letzten Worte, die Schlieffen halb in den Salon hinein gewandt sprach, lösten unterdrücktes dankbares Gemurmel, durch das die Marquise mit abwesendem Ausdruck hindurchschritt, während Touchet eilig und widerlich freundlich Verbeugungen erwiderte, die ihm nicht gegolten hatten. Nun, gehörte jene Frau etwa diesem krummen Zwerg? War sie in seine Gewalt geraten und trieb er Raubbau mit ihren Fähigkeiten? George erlag dieser Vorstellung einen Augenblick, indem er nach der Tür starrte, hinter der die Fremde verschwunden war. Dann begegnete er Müllers Blicken, in jenem unbegreiflichen Lächeln auf sich gerichtet, das dieser Mann immer für ihn hatte. Er raffte sich zusammen. „Ein wunderliches Schicksal,“ sprach der andere ihn an, „dies ist eine Frau von Welt, ihr sogenannter Reisemarschall aber wirkt wie ein Jude. Wie dem auch sei, — eine interessante Demonstration!“
„Eine Empfindung ist zehntausend Demonstrationen wert!“ gab George kalt zurück. Wo war Sömmerring? Man brach auf. Und ein Blick in den Saal zurück zeigte ihm Schlieffen, den Arm auf das Kaminsims gestützt, tief nachdenklich vor sich niedersehend. Ein alter, schwerer und müder Mann. Die Seelen werden ihrer Masken müde, wenn das Leben sich neigt, ging es George schwermütig durch den Sinn.
Schweigsam schritt er hinter den anderen die Treppe hinunter, hob aufatmend den Blick, als er ins Freie trat. „Orion!“ dachte er wie ein Gebet. Und nun, — es schlug erst sieben vom Turm, es war noch Zeit zu einem Spaziergang, ehe man sich zum Kammerherrn von Canitz begab, wohin die Gesellschaft auf den Abend gebeten war, gewisser Besprechungen halber. Er ergriff Sömmerring beim Arm.
„Ich versichere Ihnen, meine Herren, daß sie dies alles nicht wissen konnte, sie hatte nicht den geringsten Anhalt“, hörte er hinter sich die Stimme von Knigges, der zwischen Richers und Greve einherschritt. „Es ist ein Phänomen, ein unerhörtes Naturspiel …“
„Was sagst du, George?“ murmelte Sömmerring. „Ich komme nicht darüber hinweg, daß die Huren Allwissenheit haben sollen und die Augen reiner Jungfrauen gebunden sind …“
„Oh, mein Wertester!“ sagte Müller und wandte sein rätselvolles Gesicht über die Schulter zurück, George mit seinem traurigen Lächeln streifend, „sind Sie noch in dem Traum von der Vestalinnen Reinheit befangen?“
Prizier lachte zischend. „Schäker!“ meckerte er, „ein Schäker, das, der Professor!“
„Ich weiß es nicht“, sagte George, aus seinen Gedanken auftauchend und sich Sömmerring zuwendend. „Vielleicht haben wir erleben sollen, daß das Gefäß gar nicht dürftig und demütig genug sein kann, um das heilige Leuchtöl aufzunehmen. Diese Frau ist am Leben zerbrochen. Das Gefäß ist nichts, der Inhalt alles. Selig, die am Geist Armen, ists nicht so? Sind wir nicht einfach genug, Freunde?
„Wir treiben viele Künste
Und kommen weiter ab vom Ziel …““
Er sprach es träumerisch und wie für sich allein. Müller hatte sich Prizier zugewandt. Ihre Schritte klangen dumpf auf der schneebedeckten Straße. Der Fluß dampfte zu ihrer Rechten, lichte Fenster säumten das jenseitige Ufer wie Reihen riesiger Glühwürmer, im Nebel hob sich gespenstisch geballt der Turm der Martinskirche.
„Ja, ich habe meinen Beweis!“ raunte George und preßte den Arm des Freundes an sich, „was mir noch fehlte zum vollen Glauben, es ist gewonnen. Oh, freilich wohl: selig der Glauben, ohne gesehen zu haben. Aber, — selig auch, der gewürdigt wird, zu sehen!“
Sie hatten ihre Schritte verlangsamt und blieben hinter den andern zurück.
„Es geht mir ähnlich, wie dir“, murmelte Sömmerring erschüttert.
„Es ist unmöglich, daß sie meine letzten Jahre kannte,“ fuhr George leidenschaftlich fort, „die Plackerei und Mühsal für den Vater seit der Heimkehr aus der Südsee, — all die Reisen für ihn, — und nun sein malcontentes Benehmen, seit er glücklich in Halle installiert ist. Nun, aber du weißt, ich frage nicht nach Dank!“
Dies letzte gehörte nicht zur Sache. Er stieß es hitzig heraus und schüttelte Sömmerrings Arm.
„Ich weiß, Teuerster, ich weiß …“
„Oh, nichts weißt du! Sprachen wir uns denn seit meiner Rückkehr aus Halle? Den Abgrund hat dies Wiedersehn zwischen mir und ihm aufgerissen! Aber wer ahnte das schon? Welche Seele hätte ich auch nur ganz von ferne einen Blick in meine tun lassen? Nun, diese Frau sagte es mir: Ihr haßt den alten Mann … Sömmerring, Sömmerring, wie wurde mir da!“
Er stieß einen Ton aus, lachend, keuchend. „Guter Gott!“ Sömmerring suchte vergeblich Worte. George beruhigte sich.
„Du siehst mich exaltiert“, sagte er, die Augen zum Firmament erhebend. „Oh, Freund, ich bin so über die Maßen glücklich, wieder hier zu sein! Ich war in der Wüste. Ich fand nicht die mindeste Rezeptivität für die Begriffe, die unsere Glückseligkeit ausmachen. Vielleicht noch für die physikalische Seite der Sache. Gold machen können, — o ja! Nicht übel! Aber — aber — Nun, du verstehst mich. Ich hatte dort keinen Augenblick der Sammlung, die Zeit, die ich unserm Herrn zu weihen pflegte, mußte ich mich in einfältiger Gesellschaft ennuyieren und über ihre Späße und Zoten lachen. Tagsüber sortierte ich die Herbarien, wie als Junge. Der Geist verhalf mir zu Demut, Geduld und Liebe. Meine Schwestern …“
„Halt!“ flüsterte Sömmerring in diesem Augenblick und umkrampfte seine Hand. „Halt! Schweige!“
Sie waren stehengeblieben. Georges Herzschlag setzte einmal aus. Eine vermummte Gestalt, übermäßig groß, wie es schien, aber geduckt und den Kopf zwischen hochgezogenen Schultern bergend, tat schleichende Schritte an ihnen vorüber, die vom steigenden Monde fahl beleuchtete Häuserwand entlang, ihren grotesk verkürzten Schatten mit sich führend wie einen widerwillig gebändigten üblen Geist. Sie überholte die Freunde, um lautlos in die Schwärze eines Seitengäßchens zu tauchen.
„Manegogus!“ flüsterte George mit versagender Stimme. Sie schritten weiter, die Arme voneinander gelöst, die Köpfe gesenkt, wie ertappte Sünder. Einmal blickte Sömmerring scheu zurück. „Wie lange mag er hinter uns gegangen sein?“ murmelte er, „man hört kaum einen Schritt in dem frischen Schnee.“
„Du vergißt, daß es schwer zu verstehen ist, was vor einem Hergehende sprechen!“ redete George hastig. „Außerdem sprachen wir nicht laut. Wir sprachen auch nicht von Ordensdingen. Oder, ich bitte dich! sprachen wir von Angelegenheiten des Zirkels?“
„Nein, nein!“ stieß Sömmerring beteuernd hervor und wandte wieder den Kopf zurück.
„Du siehst es, du siehst es!“ George faßte mit der Hand an den Kopf. „Überall. Auf Schritt und Tritt! Wußte er von dieser Séance? Natürlich, er wußte es! Mein Gott, aber dies ist mehr als natürlich.“
Er blickte hinüber nach dem Museum Fridericianum, dessen Fassade drüben neben der schwer gegliederten Masse des Schlosses in ihren edlen Verhältnissen unwirklich dastand wie ein vom Monde geborener Traum. Irgendein Sehnen nach jenen Kammern und Sälen voller Realitäten, nach reinlich geordneten Sammlungen, nach fest umrissenen Arbeitsstunden rührte ihn in der Tiefe des Unbewußten an, — ein junger Baum, der Zucht des Gärtners gewohnt, was weiß er viel, wenn der Stab ihm plötzlich fehlt und er in jedem Winde schwankt? George Forster seufzte auf.
Sie stampften den Schnee von ihren Stiefeln und betraten das Haus des Kammerherrn, dessen ächzende Torflügel ein Bursche vor ihnen aufgerissen hielt. —
„Ah, auf ein paar Worte, meine Herren, — mein teurer Freund …“ der Kammerherr war eilig und ein wenig erhitzt in das Vorzimmer herausgekommen, wo George und Sömmerring ablegten. Der Diener schien beauftragt gewesen zu sein, ihr Eintreffen zu melden, jetzt zog er sich zurück.
„Ich bin untröstlich!“ fuhr Canitz aufgeregt und gleichwohl zerstreut fort, indem er seine Erscheinung im Spiegel musterte und unzufrieden an seinem Jabot nestelte, „ich muß auch Sie bitten, heute abend alle Angelegenheiten des Bundes, speziell unsres Zirkels, falls denn die Rede daraufkommen sollte, nur in ganz allgemeiner Weise zu berühren. Wir müssen davon absehen, die Herren Richers und Greve gerade heute zu gewinnen. Mit einem Wort, — wir sind nicht unter uns!“
Er rannte mit kurzen Schrittchen zu einer Flügeltür, öffnete halb und rief in das zarte Klappern und Klirren von Porzellan und Silber hinein: „Mon dieu, Emil. Er hat doch das Couvert für den Herrn Grafen so aufgelegt, daß S. Gnaden zu meiner Rechten und zur Linken des Herrn Professors Forster zu sitzen kommen? Ah, sehr gut so!“ Schloß die Tür wieder und erklärte mit unbeteiligtem Schmunzeln:
„Jawohl, lieben Freunde, — ein junger Graf Puschkin aus St. Petersburg, an mich rekommandiert durch die Fürstin Gallizin, ja, durch die Charitin Amalia! …“ Er lächelte gerührt und fügte hinzu: „Ein junger Herr! Mit seinem Gouverneur auf Reisen. Er brennt darauf, von der Südsee zu hören, Allergelehrtester!“
Indem er nun, als vergäße er sie vollkommen, die Freunde wieder verließ und hinter der Türe verschwand, aus der er gekommen war, tauschten George und Sömmerring einen Blick, wobei einer von ihnen „Damned!“ murmelte. „George,“ sagte Sömmerring in diesem Augenblick einer plötzlichen Erinnerung nachgebend, — „die Marquise — was sagte sie als erstes Wort zu dir? Du fuhrst zusammen, ich sah es.“
George lachte kurz auf. „Nonsense!“ rief er aus, tat mit seinen Handschuhen einen Schlag durch die Luft und ging dem andern voran in das Empfangszimmer. —
„Er hat Weihrauch auf den Lippen und Säure im Gemüt“, dachte er kurz darauf etwas ergrimmt, als er über die Schulter des jungen Russen blickend und mitten in einem wohlgebauten Satz über den Hofstaat des Königs O-Tu den Augen Müllers begegnete, der dort hinter dem Rücken des Gastes lautlose Schritte auf und nieder machte, Wandleuchter, Bilder und Spiegel gelangweilt musternd, die Hand in den Westenausschnitt geschoben und mitunter einen der Anwesenden mit seinen schweifenden Augen gleichgültig freundlich anblickend. George empfand Kritik in jedem Auftreten dieses Mannes, jener nahm nichts ernst und hing an die heiligsten Sentenzen sein skeptisches Fragezeichen. War es die Beschäftigung mit der Historie, die die Unbefangenheit zersetzte? Woher nahm er das Recht, alles anzuzweifeln? Hielt er es für ein Recht des Philosophen? Indessen war er etwa allein Philosoph? Hier stand er, George Forster, der die halbe Erde gesehen hatte, — gesehen, meine Herren, der nicht nur ein blasses Bücherwissen hatte wie Sie alle! — hier stand er im blauen englischen Frack und unterrichtete einen halbasiatischen Würdenträger über die Eigenschaften der Südseeinsulaner, entledigte sich dieser Aufgabe in dem weltmännischen Plauderton, den ihm die Gewohnheit des Umgangs mit hohen Herren verliehen hatte. War dies ein Anlaß, ein Auge zuzukneifen und die Mundwinkel hängen zu lassen, oh, nur für eine Sekunde, und dann sah man wieder aus wie ein harmloser Zuschauer des Lebens; aber George hatte es wohl bemerkt. Er fühlte entrüstet, daß ihm der Faden der Rede entgleiten wollte, einfach über dem Gedanken, daß er diesen pflaumenfarbenen Rock noch nie an Müller bemerkt habe und daß dies im Grunde eine sehr hübsche Farbe sei, nahm erschrocken wahr, daß die lichten Brauen des Knaben vor ihm sich leise hoben, seine blassen Augen sich etwas weiteten, daß Herr von Hippel, der Gouverneur, wunderlich lächelte, — wußte, daß er sich wiederholt habe, stockte verwirrt, blickte vor sich nieder und vernahm in diesem Augenblick dankbar die Aufforderung zu Tisch zu gehen.
„Priziers Vortrag fällt also ins Wasser?“ fragte ihn Müller, zu seiner Rechten sitzend, halblaut in das erste Aufrauschen der Unterhaltung hinein, nachdem man sich um die runde Tafel herum niedergelassen hatte und der Graf Puschkin für Minuten völlig von Canitz in Anspruch genommen wurde, der selig irgendwelche Erinnerungen an allerhöchste Verwandte Höchstdesselben auspackte.
„Mon dieu, was für ein verlorener Abend!“
„Ich halte es nicht für Raub an meiner Arbeit, Stunden im Umgang mit Menschen zuzubringen“, gab George steif zurück, sich nicht bewußt, daß seine Augen es verrieten, wie er selbst sich getroffen fühlte. Er sah auch nicht, daß der andere lächelte, denn er vermied es, ihn anzublicken. „Mag sein, daß ich meine Arbeit nicht so hoch einschätze“, fügte er kampfbereit hinzu.
„Wann werden Sie einmal einen Abend bei mir zubringen, Forster?“ fragte Müller herzlich, den Ton der Antwort völlig überhörend. „Ich denke doch, wir würden manches auszutauschen haben. Ich würde sagen, bringen Sie Sömmerring mit, indessen es plaudert sich nun einmal zu zweien ungleich leichter als zu dreien.“
„Haben Sie Neuigkeiten von Jakobi?“ fragte er nach einer Weile, als George nichts erwiderte und ihn nur mit einem unsichern Blick gestreift hatte.
„Ich danke Ihnen, ja,“ sagte der Gefragte nun hastig. „Er ist mit den Seinen wohlauf. Ach, Pempelfort, — ein Paradies der Freundschaft!“
Er bediente sich mit Fisch, griff nach seinem Glase und lächelte Müller nun freimütig an. „Der Freundschaft Angedenken!“ sagte er und hob den grünlichen Römer mit einer schwärmerischen Gebärde, zugleich Sömmerrings Blick suchend, auf den er alsbald traf, denn Sömmerring, dort drüben zwischen Richers und Greve, schien mit diesem Blick längst in Bereitschaft gelegen zu haben. Müller, der bedächtig getrunken hatte und sich nun seinem Fisch in ausgesucht zierlicher und besonnener Weise widmete, sagte langsam: „Ich schätze den Menschen Jakobi ungemein. In bezug auf seine Schriften aber bin ich ein wenig Goethes Meinung.“
George fuhr auf.
„Goethe“, sagte er schnell, „ist ein großes Genie und ein kaltes Herz, ohne Hingabe und ohne Treue, unfähig, eine Seele wie Fritz Jakobi zu umfassen. Goethes Geist gleicht der Pracht antarktischer Breiten, mein Herr, und der „Woldemar“ entsprang einem wärmeren Himmelsstrich.“
Er sah Müller hochmütig an, seine Lippen bebten. Müller war ein wenig erschrocken. Er machte „Oh!“ und wandte sich Herrn von Hippel zu, gerade als der Graf, von dem der Kammerherr endlich erschöpft abließ, um mit dem Ausdruck eines rosigen apoplektischen Mopses vor sich hinzustarren, seine Hand behutsam auf Georges Ärmelaufschlag legte.
„Bitte, Herr Professor,“ sagte er leise und zutraulich, wie ein schmeichelndes Kind, „unterrichten Sie mich ein wenig über das Wesen der Maçonnerie und …“ er ließ einen geschwinden Blick zu seinem Gouverneur wandern und senkte die Stimme noch mehr, — „und — verwandte Dinge. Sie sind Maurer, — welcher Mann von Welt wäre es nicht?“
„Sie befehlen, Graf“ — George gedachte der Warnung des Kammerherrn und war einen Augenblick verwirrt. Dann faßte er sich. In der Tat, — Maurer, — wer war es heutzutage nicht?
„Allerdings gehöre ich einer Loge an,“ antwortete er zurückhaltend soweit es die Artigkeit zuließ, „diese Dinge aber sind so allgemein, daß ich Sie nicht damit ennuyieren darf. Denn ohne Zweifel gehören Sie selber der Verbindung aller Guten zum Guten an?“
Der junge Mann, knabenhaft noch, blaß über seinem dunkelgrünen goldbordierten Leibrock und unter dem Puder der Haartracht, senkte die gewölbten Lider und schob die volle Unterlippe unzufrieden vor. Irgendeine Erinnerung sang in George auf, — ach, — wo doch nur? Richtig, — jener vornehme Knabe in der Petersburger Eremitage, — ihm sah der Graf ähnlich. Mein Gott, — dies lag bald zwanzig Jahre zurück. Er machte eine fast zärtliche Bewegung gegen seinen jungen Nachbarn: „Belieben Sie nur zu fragen, Graf,“ sagte er, „meine Erfahrung steht völlig zu Ihren Diensten!“
Der Graf, ohne aufzusehen, die Hände ungeduldig bewegend, sprach nun schnell und leise: „Ich bin Mitglied der Loge zu den drei Weltkugeln in Berlin. Ich bin aber nur ein einziges Mal mit Hippel dort gewesen, eben, als man mich aufnahm. Immerhin, ich bin im Bilde, was die Maurerei angeht. Jedoch, mein Herr Professor,“ — jetzt blickte er George fest an und sprach lauter, als er wahrscheinlich beabsichtigte, — „was ist es mit der strikten Observanz? Was ist es mit der Rosenkreuzerei? Wozu dient die Alchemie? — Dies alles wünsche ich zu erfahren,“ endete er in scharfem Flüsterton und behielt dabei Hippel im Auge, der jetzt von Knigge verfallen war und seinem Zögling keinerlei Aufsicht schenken konnte. Müller, von seinen beiden Nachbaren im Stich gelassen, saß mit seinem gewöhnlichen Lächeln unbeteiligt da, George versuchte, mit seiner Person die Worte des Grafen aufzufangen, war aber überzeugt, daß Müller zuhörte und alles verstand. „Sie setzen mich in Verlegenheit,“ brachte er hervor, „ich wüßte nicht, von welchem Belang diese Dinge für Sie sein könnten.“ Er überlegte, durchaus im unklaren darüber, welche Art von Aufklärung hier erlaubt und zulässig sein möchte.
„Da unser Freund in Verlegenheit zu sein scheint,“ hörte er da zu seinem Schrecken Müllers Stimme reden, machte eine Gebärde, als wollte er Schweigen gebieten, ließ mit einem hilflos empörten Blick zu Canitz hinüber aber die erhobene Hand wieder sinken, — „so gestatten Sie mir, Graf, Sie ein wenig zu unterrichten.“
Müller lächelte fast schalkhaft, er saß zurückgelehnt, nur den Kopf ein wenig vorgebeugt und seitlich gewandt, seine schönen Hände, die mit den Flächen nach oben auf dem Tischtuch lagen, bewegten sich zuweilen leicht.
„Die Alchemie, Graf, nach der Sie fragten, wenn mein Ohr mich nicht täuschte, ist eine Wissenschaft, deren Beherrschung jeder von uns sich angelegen sein lassen müßte, denn sie geht darauf aus, uns armen Sterblichen alles zu verschaffen, wonach unsere innersten Wünsche stehen, Gold nämlich im Überfluß und langes Leben durch die Erfindung des Aurum potabile, das einstweilen nachweislich nur Moses, Elias und Esra besessen haben. Ist’s nicht so, meine Herren?“
Er sah sich unbefangen-behaglich im Kreise um und schien sich dessen gar nicht bewußt zu werden, daß ein verdrießliches Schweigen seinen Worten folgte, während nun die Diener Teller wechselten und den neuen Gang herumboten. Erst als sich die Türen hinter den Aufwartenden geschlossen hatten, denn es gehörte zu den Gesetzen des engeren Zirkels im Hause des Kammerherrn, daß die Speisenden während der Tafel sich selbst bedienten, brach Canitz in die Worte aus:
„Ich bin auf das peinlichste überrascht, Sie, mein Wertester, dem ich mit Fug eine gerechte Mäßigung in allen Fragen der Wissenschaft meinte zutrauen zu dürfen, von einer so wichtigen Materie leichthin und nahezu mit Frivolität handeln zu hören!“
„Mit Spötterei!“ fiel der ehrliche Sömmerring über den Tisch hinüber ein.
„Tja, tja …“ keuchte der Kammerherr unter ruckweisem Vorstoßen des Kopfes und blickte Müller mit vorwurfsvoller Erwartung an.
„Oh!“ machte Müller liebenswürdig erstaunt, richtete sich gerade auf und wandte sich dem alten Herrn mit vollendeter Verbindlichkeit zu. „Verehrtester, ich bitte aufrichtig um Vergebung. Indessen, da weder Moses, noch Elias, noch auch jener Esra, dessen Verdienste mir eben nicht gegenwärtig sind, noch nachweislich unter uns weilen, glaubte ich mich berechtigt, ihren Besitz der Tinktur anzuzweifeln und mithin überhaupt das Vorhandensein jenes Lebenselixiers.“
„Niemand“, fügte er unschuldig lächelnd hinzu, „möchte das Geschenk einer solchen Wunderessenz lebhafter begrüßen als ich. Denn, — meine Freunde, — ich liebe das Leben!“ Er hob sein Glas und trank dem Freiherrn von Knigge zu, der ihm mit einem kaum merklichen Lächeln Bescheid tat, einem Lächeln, das er nun mit der breiten weißen Hand gleichsam von seinen Zügen wegwischte, als er das Glas absetzte und mit seiner etwas fetten Stimme bedächtig sprach:
„Moses, Elias und Esra mögen zuversichtlich in der richtigen geistigen Verfassung gewesen sein, die den wahren Adepten ausmacht, indessen waren sie allem Anschein nach nicht darauf bedacht, den flüchtigen Geist zu materialisieren, und auch nicht im Besitz der Chimie, als eines Mittels, Lapis philosophorum zu kristallisieren und somit seine Bedingungen auf den Körper anwendbar zu machen. Denn, meine Herren,“ und er wälzte bedeutungsvolle Blicke von dem Hauptmann Richers zu dem Leutnant Greve, zwischen denen er seinen Platz hatte und die mit dem sprungbereiten Ausdruck begieriger Lehrlinge dasaßen, „’s ist der Geist, — der flüchtige Geist, der in der wahren Chimie eingefangen wird. Der Geist ist’s, der lebendig macht …“ er aß nachdenklich und hingebungsvoll einen Bissen, — „ja, ja, und das Fleisch ist schwach.“
„Rather!“ bemerkte Richers zustimmend. Der kleine Graf richtete seine schräg geschnittenen, etwas schwimmenden Augen wieder auf George, zu dem er das meiste Vertrauen zu haben schien. „Die Herren,“ sagte er in seinem harten rollenden Französisch, „scheinen der Ansicht zu sein, daß die Alchemie eine schwierige Wissenschaft sei, bitte, Monsieur le Professeur. Ist es Ihnen bereits gelungen, Gold herzustellen?“
George hantierte hastig mit seinem Besteck. „Graf,“ sagte er mit unverhältnismäßiger Inbrunst, „die Goldmacherei ist eine Nebenfrage für den wahrhaft Strebenden.“
„Oh! und ich denke es mir so hübsch. Haben Sie von dem Grafen Cagliostro gehört? Er soll in St. Petersburg gewesen sein …“
„Der sogenannte Graf Cagliostro ist ein Nekromant und huldigt der schwarzen Magie, — ohne Zweifel …“ rief Sömmerring mit etwas atemloser Stimme über den Tisch hinüber, sah errötend um sich und blieb mit einem hilfesuchenden Blick an George hängen. „Ich meine nämlich …“
George aber, in Erregung, dem Grafen zugewandt, aber Müller ins Auge fassend, sprach hastig wie von einer sonderbaren Eingebung überfließend: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, — so wird euch solches alles zufallen. Den Seinen gibt es der Herr schlafend. Alles ist euer, — ihr aber seid Christi!“
Auf diese Worte, die eine ungeduldige junge Prophetenstimme in den Kreis geschleudert zu haben schien und die für eine Minute körperlos strahlend von der Gewalt ihres Geistes im Raum hingen, war es still geworden, bis Herr von Hippel von seinem Teller aufsah und mit einem gutmütigen Lächeln sagte: „Der Herr Professor ist bibelfester als man das heutzutage bei den Herren von der reinen Wissenschaft anzutreffen pflegt.“ Und, über den Tisch gelegt, begann er, Sömmerring, der ihm, seiner westpreußischen Mundart wegen, als ein halber Landsmann erscheinen mochte, eine breite Geschichte von einem kurländischen Pastoren und einem littauischen Bauern zu erzählen, die auf einen derben Scherz hinauslief.
„Rosenkreuzerei,“ sagte er sodann zu von Knigge, indes die Bedienten wieder um den Tisch gingen, — „wart’, wart’, Freund, — was hab’ ich doch davon gehört? Nichts Gutes, wie mir scheint!“
„Sie sind ohne Zweifel unterrichtet“, gab Knigge gleichmütig liebenswürdig zurück.
„Bitte, mein Herr“, sagte der kleine Graf, durch das Klappern der Teller gedeckt, jetzt leise zu Müller, ihn aufmerksam mit glänzenden Augen ansehend: „Ich habe gehört, daß es in den Kreisen der Rosenkreuzer Zauberei und Teufelsanbetung gebe …“
„Ach, mein Graf, —“ Müller schlug einen Ton herzlicher Ergebenheit an, — „was hört man nicht alles in dieser bösen Welt! Zauberei und Teufelsanbetung! Ich wollte, ich hätte einen Rosenkreuzer bei der Hand, um Ihnen ganz seine Ungefährlichkeit darzutun! Schauen Sie sich unsern Forster an, werfen Sie einen Blick auf unsern liebenswürdigen Wirt! So und nicht anders würde ein Rosenkreuzer auch aussehen, — oder etwa wie der wackere Doktor Sömmerring dort drüben, wenn schon im Opus mago-cabbalisticum zu lesen steht, daß der „doctor-Titul gleichfalls ein Mahl-Zeichen des Tieres oder des Weibes Jesabel sei“.“
„Ich verstehe nicht ganz“, warf der Graf mit verklärtem Lächeln ein.
„Ist auch nicht nötig, ist ganz und gar nicht nötig, Verehrter, denn das Mago-cabbalisticum kann kein Sterblicher verstehen, so wenig wie die Aurea catena Homeri. Dies interessiert Sie aber gar nicht, Graf, Sie wünschen über die Rosenkreuzer in praxis zu hören, und da sage ich Ihnen, wenn sich schon die heutigen Rosenkreuzer für die Brüder der alten Pythagoräer und Gnostiker zu halten belieben, so tun sie das ohne Recht, denn es fehlt ihnen der Mut, Mysterien zu feiern, und wenn die Templer Schafskleider umnahmen, wenn sie in die Welt gingen, so sind die Rosenkreuzer von heute höchstens Schafe in Wolfskleidern, — sie beißen nicht, Graf! Und da Ihnen dies alles wahrscheinlich orphische Worte sind, so will ich mich zum Schluß ganz kurz und klar fassen: es ist zu viel Wasser in diesen Wein geschüttet, die Rosenkreuzerei von heute ist ein öffentliches Geheimnis und eine Angelegenheit braver Bürger.“
„Ich weiß nicht, warum Sie einen Gegensatz zwischen der Rosenkreuzerei und den Qualitäten des Bürgertums zu wünschen scheinen, mein Werter“, sagte Prizier verschnupft, als fühlte er sich persönlich getroffen.
Herr von Hippel trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch und bemerkte von oben herab: „Sie haben da recht beruhigende Observationen gemacht, mein Herr. Mir sind böse Dinge zu Ohren gekommen, die in den Rosenkreuzerlogen ihr Wesen haben sollen.“ Er hob die Hand vor den Mund und raunte dem Freiherrn von Knigge über den Tisch hinüber ein Wort zu, das mit Achselzucken aufgenommen ward. Müller wandte sich kalt ab.
„Magie im höhern Sinne, Chimie und ein verborgener Staat, der die Begebenheiten der Welt sehr dirigieret, sind mit der Hauptzweck dieser segensreichen Verbindung, Graf. Lassen Sie sich nicht irre machen!“ Der Kammerherr sprach böse und kurzatmig und sah mit geröteten Augen scheel nach Müller hin, um dann unruhige Blicke über seine Gäste wandern zu lassen.
„Ich weiß nicht, warum wir uns alle so exaltieren,“ sagte jetzt Müller, irgendwie gelöst durch die Wellen ausgesprochenen und verschwiegenen Widerspruchs, die ihn trafen. Er gab seine lässige Haltung auf und faßte Sömmerring lächelnd ins Auge, der ihn finster betrachtete, soweit seine Gesichtsbildung diesen Ausdruck zuließ. „Wir sind auf dem Wege, über einer harmlosen Frage unseres wißbegierigen Gastes einen Wortkrieg zu entfesseln, als seien wir verschiedener Meinung über das Wesen einer Gesellschaft, während wir es tatsächlich doch nur über ihre Erscheinungsformen sind.“
„Belieben Sie sich ein wenig deutlicher auszudrücken, Herr Professor,“ sagte Herr von Hippel einigermaßen mürrisch. „Die Institution der Maçonnerie ist eine ehrwürdige, sanktioniert durch den Beitritt allerhöchster Herren und Souveräne. Was darüber ist, das — soll vom Übel sein …“
„Die Institution der Maçonnerie,“ sagte Müller und blickte angestrengt auf die Kerzen des Armleuchters vor sich, kleine goldene Funken standen in seinen braunen Augen, „die Institution der katholischen Kirche, die Institution des Luthertums, — und — wie mich deucht, — auch die der Rosenkreuzerei sind Ordensbildungen, sind Kristallisationen innerhalb des wogenden Ozeans von Geist, der sich nach Christi Tod aus seinen Schranken befreit in die Welt ergossen hat. Der erste Orden, meine Freunde, —“ er sah sich mit einem seltsamen, nahezu schüchternen Lächeln im Kreise um und sprach sehr sanft, — „der erste Orden war der Orden der Brüder vom reinen Willen. Er war — und er ist. Er hat keine Gebräuche und Statuten, es gibt keine Grade in ihm, weder blaue noch rote. Dies ist die unsichtbare Bruderschaft. Wir werden in sie hineingeboren, oder wir finden sie nie. Wer ihr angehört, erkennt den Bruder am Klang der Stimme oder am Lächeln des Herzens, — ich weiß nicht, — aber verbunden über alle Grenzen und Weiten sind die Brüder vom reinen Willen …“
„Schwärmerei eines Freigeistes!“ murrte Prizier.
„Sie unterschätzen geflissentlich den Wert der festen Konventikel, mein poetischer Freund!“ warf von Knigge mit einem rätselhaft hohnvollen Ausdruck über den Tisch, „moralische Übungen sind für die Seele erfunden wie der preußische Drill für den Körper. Gesetzt den Fall, — nun, aber ich will ganz allgemein bleiben. Sagen Sie uns: ist jener — reine Wille ein Präservativ gegen die Versuchungen des Fleisches?“
„Wollen Sie mit jenen wie Nicolai und Lessing keine Christen mehr haben, sondern nur Menschen, — Menschen ohne Vorurteile, weder in Moral, Religion noch Politik? Meinen Sie nicht, daß Sie sich damit auf der Suche nach der Wahrheit die Mittel abschneiden, sie zu finden?“ Sömmerring fragte es leidenschaftlich, seine Neigung zum Stottern vergessend und überwindend. Und indem nicht Müller, sondern der Kammerherr die Frage auffing und nachdrücklich über den Wert der Demut, der Notwendigkeit der Verachtung alles dessen, was die schnöde Welt hochachtet, zu dozieren begann, wandte sich Müller an George, der ihn stumm anblickte, und sagte mit unterdrückter Stimme:
„Die unsichtbare Bruderschaft,
Zu der ich auch gehöre,
Hebt Nacht für Nacht zu neuer Kraft
Mein Herz durch ihre Chöre …
Ist dieser Vers Ihnen irgendwo auf Ihren Fahrten begegnet, mein weit gereister Freund. Weiß Gott, woher er stammt …“
„Beachten Sie dies, Graf, — und —“ zu Richers und Greve gewendet, — „auch Sie, meine Herren, wenn anders Sie ein Interesse an diesen Fragen haben, — bei der Rosenkreuzerei kommt es meines Wissens — nun, meines Wissens! ich habe —“ Canitz ließ seine Augen wandern, „nehmen Sie an, ich hätte einmal jemand gekannt, der mich ein wenig eingeweiht hätte, — also, es kommt darauf an, Gott nahe zu kommen und in ihm konzentriert alles zu übersehen, was in anscheinend unbegreiflicher Unordnung da vor uns liegt.“
Redend erhob er sich, die Linke auf den Tisch gestützt und sich gegen seine Gäste verneigend. Man folgte seinem Beispiel.
„Innige Vereinigung im Geiste mit diesem höheren Wesen,“ sprach der Kammerherr weiter, die eine Hand auf der Schulter des jungen Russen, mit der andern das eigene Kinn umspannend und angestrengt vor sich hinblickend, „das ist’s, was der Jünger anzustreben hätte. Und der Weg dazu? Eine grenzenlose, eine seraphische Liebe zu Ihm, wie auch zu den Brüdern, beständige asketische Gemeinschaft im Geist und in der Wahrheit und — hm, hm, —“ er starrte nachdenklich ins Leere, — „endlich kontemplative sowohl als auch praktisch experimentierende Erforschung der Natur!“ schloß er triumphierend und sah sich nach Forster um, — „Nun, ist’s nicht so, mein Freund?“
In der Tat, George erkannte mit einigem Staunen eigene Wortreihen wieder, einem Vortrag entstammend, den er vor nicht allzulanger Zeit im vertrauten Kreise gehalten hatte.
„Die Herren scheinen mir sonderbar unterrichtet,“ sagte Herr von Hippel, der ein wenig hastig neben seinen Zögling getreten war. Der Kammerherr meckerte vergnügt.
„Eine kleine Tabagie, meine Herren,“ rief er aus, „wie wär’s mit einer kleinen Tabagie und einem Spielchen? Und begeben wir uns der großen Fragen!“
Bierkrüge und Tonpfeifen, ein Kartentisch warteten im Nebenzimmer, einem kahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite, zog Richers und Greve heran und brachte das Gespräch auf Pferde. Canitz saß mit Knigge und Prizier beim L’Hombre und fluchte gelegentlich unwirsch. George und Sömmerring bildeten stumme Zuschauer. Müller lehnte an der Wand unter einem Bilde des preußischen Königs und sah melancholisch und angewidert aus. Wieder mußte George an den Petersburger Knaben denken, — warum nur? War’s die Vorstellung des Königs, von dem jener Knabe damals zu ihm gesprochen hatte, — ja, und dies, daß er damals so sehr gewünscht hatte, der Knabe möchte zu ihm sprechen? Währenddessen war von Hippel, wohl in der Überzeugung, seinen Zögling endgültig und wirksam in die zulässigen Bahnen zurückgeleitet zu haben, an den Kartentisch herangetreten, hatte sich einen Stuhl neben den des Kammerherrn gezogen, rittlings darauf Platz genommen und begleitete das Spiel mit seinen Bemerkungen. Wohl, dachte George, es mag nicht immer selig sein, einen Erben zu hüten. Und, indem er sich selbst, von Sömmerring gefolgt, der Ecke näherte, in der die jungen Leute saßen, war er bemüht, sich in der Überzeugung zu bestärken, daß er seinen Platz aus Interesse für den Russen wechselte, — und nicht etwa, weil Müller jetzt dort an dem holländischen Kachelofen lehnte, einer Erzählung Greves zuhörend. Und, — oh, es war durchaus nicht immer noch die Beschreibung der Reitschule in Hannover, der der Knabe mit glühenden Ohren lauschte! Nein, hier in dieser Ecke unter dem tröpfelnden Wandleuchter, wo es nach Tabak, Leder und ein ganz klein wenig nach Stall roch, — denn wie schon erwähnt, der Hauptmann und der Leutnant, sie waren zu Pferde von Hanau herübergekommen und saßen nun einmal da, wie sie gekommen waren, in Reithosen und hohen Stiefeln, — hier war im gedämpften Ton der Begeisterung die Rede von der Marquise, hier klang der Name Cagliostros auf, hier ward die wunderbare Geschichte von dem Polen Sendivogius erzählt, der, ein Rosenkreuzer ohne Furcht und Tadel, im Besitz des Steins der Weisen gewesen war.
Graf Puschkin, wieder mit Augen von dem Glanz derer eines Kindes, das nie für wahrscheinlich gehaltene Märchen von Blutzeugen erhärtet hört, wandte sich an Müller: „Und Sie, monsieur,“ sagte er dringlich, — „ein Mann der Wissenschaft, — Sie halten es auch für möglich, Gold zu machen?“
„Mein Gebiet, Graf, ist das der Weltgeschichte. Ich habe zu hören und — aufzuzeichnen. Indessen, — hier stehen zwei Männer vom Fach, — zwei Naturforscher. Nehmen wir ihr Urteil an!“
Ja, Müller lächelte. Und gequält wiederholte George oft gesprochene Worte, deren Inhalt auf einmal einen seltsam schmalen Geschmack hatte —: „Die Wissenschaft in der Hand jenes Glaubens, der Berge versetzen kann, — was vermöchte sie nicht, meine Herren?“
Eine halbe Stunde später unter den kalt funkelnden Januarsternen zwischen Sömmerring und Müller eilig durch die Gassen schreitend, sagte George mit einem etwas gewaltsamem Atemholen: „Die Brüder vom reinen Willen, — ich habe nicht ganz verstanden, — ist es eine Institution?“
„Mon dieu, — nein, Freund, — Sie haben nicht verstanden.“ Müller lachte kurz auf.
„Also, —“ George tastete, — „eine Idee, — ein Einfall — ein Wunsch?“
„Es gibt Ideen mit dem Charakter von Tatsachen,“ sagte Müller, wieder mit jenem ungeduldigen Auflachen, indem er den Kragen seines Mantels hochschlug. „Aber wenn Sie es denn gesagt haben wollen: die Brüder vom reinen Willen sind die Menschen, denen das Gesetz ihres Lebens in Harmonie mit dem Gesetz des Universums eingeboren ist, — und wenn es Grade unter ihnen gibt, so mögen die unter ihnen die größten sein, die dieses Gesetz in sich am reinsten vernehmen. Aber ich weiß nicht, ob wir uns verstehen …“
George und Sömmerring schwiegen. Müller mochte Mißtrauen fühlen und seufzte ungeduldig auf. Diese drei Männer, alle noch diesseits der Grenze der Dreißiger, schritten miteinander durch die Nacht, von den durch sie kreisenden Strömen verwandter Ideen und Leidenschaften mit aller Heftigkeit der Jugend angezogen und abgestoßen.
„Sie wissen nichts vom Bunde und ahnen nicht, wie sehr Sie im Herzen der Unsre sind!“ Georges Stimme schwankte ein wenig und klang werbender, als er selbst es vielleicht wünschte.
Müller zögerte.
„Ich empfinde die Schönheit des Bundes,“ sagte er vorsichtig, „und glaube, daß ihm anzugehören die moralische Glückseligkeit stärkt. Lassen wir die Chimie beiseite, — auf sie kommt es nicht an …“
„Oh, ein wahres Wort!“ rief Sömmerring begeistert.
„Freund!“ George legte eine bebende Hand auf Müllers Arm. „Sie werden der Unsre! Ich ahnte es! Jetzt! In dieser Stunde! Kommen Sie mit uns!“
Er nahm Schweigen für Zustimmung. Er ging weiter im seltsamen Taumel, die andern durch seinen Schritt zur Eile mitreißend. Sie erreichten das Haus, in dem er wohnte. Er schloß auf und ohne weitere Verabredung folgten ihm die beiden andern die dunkle steile Treppe hinauf, an der Wand entlang tastend. In Georges Zimmer angelangt, wo die aufflammende Kerze ihm die blasse gespannte Miene Sömmerrings, die verschlossene Müllers zeigte, entledigten sie sich ihrer Mäntel. George räumte mit fliegenden Händen einen Tisch ab, holte zwei Bronzeleuchter und entzündete feierlich die Wachskerzen, legte eine Bibel zwischen sie und entnahm dem Schrank endlich einen eingewickelten Gegenstand, ein Kruzifix aus Elfenbein, das er enthüllte und aufstellte. Mit fremder Stimme sprach er: „Meine Freunde! Christus sagt: wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen …“ Und zwischen den beiden andern niederkniend, die gefalteten Hände auf die Kante des Tisches gestützt, begann er zu beten.
Vom Flüstern anschwellend zum gedämpften Schrei riß seine Stimme sein Herz auf. Entsetzen quoll hervor, Angst, Not, Einsamkeit. Er beichtete. Er enthielt sich keines Geständnisses. Und sei es aus Scham, sei es aus Hingerissenheit, — flüsternd fiel Sömmerring, stammelnd fiel Müller ein, die drei Stimmen, verborgenste Gedanken in Worte sammelnd und ausstoßend, stiegen nebeneinander auf und vereinigten sich in eine steile Rauchsäule des Opfers. Diese Drei, die Häupter zurückgeworfen, die Augen verzückt aufgeschlagen, die Lippen verkrampft, wie sie dort knieten, sich haltlos in den Hüften wiegend im Sturm der Anbetung — sie wurden eins im Rausch. Ihre gefalteten Hände lösten sich, tasteten nacheinander. Sie umschlangen einer des andern Schultern, aneinandergelehnt, Schläfe an Schläfe fühlten sie eine unfaßbare Vermischung ihrer Wesenheit. Und wie der Sturz der Worte nachließ, wie er mählich in Seufzern verebbte, verharrten sie dennoch kniend, blieben sie umschlungen, bis ihre Arme in Ermattung niedersanken und Forster sich als erster wieder erhob, bebend und in den Knien wankend, die Augen getrübt.
Und da, in diesem Augenblick, als er die beiden andern unsicher ansah, war es ihm klar, daß dies nicht der Weg gewesen war, Müller zu gewinnen, Müller, der dort abgewandt stand und die Schnallen seiner Beinkleider anzog, die sich beim Knien gelockert hatten. Verzweifelte Ernüchterung überkam ihn. Er verbarg sie hinter einem gleichmütig gesellschaftlichen Auftreten, das seltsam von dem eben erlebten Taumel abstach.
Sie sprachen nicht mehr viel. Fröstelnd, die Kerze in der Hand, begleitete George die beiden die Treppe hinunter. Die Wände glitzerten von Eiskristallen, der Atem rauchte.
„Noch eines war’s, was ich fragen wollte, Freund,“ sagte Müller auf den letzten Stufen stehen bleibend und zu George aufblickend. „Die Seherin, — sie hatte ganz im Anfang ein Wort für Sie, das Sie zusammenfahren ließ, — was war es, — darf ich es wissen?“
„Ach, Teuerster!“ George schritt an ihm vorbei und vollends hinunter, vor sich hinlächelnd, während er an dem Schlosse der Haustür hantierte. „Was sie da sagte, war nicht gerade vom Geist eingegeben und im Grunde ridikül.“
„Und was war es, — wenn ich doch fragen darf?“
George hielt die Tür auf und erschauerte in dem eisigen Luftzug, sein schmales Gesicht leuchtete geisterhaft blaß.
„Sie sagte, — nun, damit Sie etwas zum Lachen haben, — sah mich an und sagte — zu mir: Mon pauvre ami, — Au revoir à Paris!“
Wann war er nur je erwacht, ohne diesen Druck zu spüren, diesen dumpfen, fürchterlichen Druck auf seinem Herzen? Mochte es in seiner frühesten Kindheit gewesen sein, vielleicht auch auf der Wolga, — vielleicht in den ersten Wochen der Südseereise, — jene Morgen jedenfalls, die er sorgenlos begrüßt, jung, froh und erwartungsvoll, ihr Licht ward aufgetrunken von der grauen Winterschwermut, die nun einmal das Übliche zu sein schien.
Was für Gestirne, dachte George an diesem Märzmorgen verzweifelnd, während er sich überstürzt ankleidete, was für Gestirne mag ich über mir haben? Lag denn sein Leben ganz im bleiernen Schatten des Saturn? Was aber das Schlimmste war, er empfand es heute wieder mit fürchterlicher Klarheit, das war dieses: sein Unglück kam nicht mehr von außen her! Früher war es, — nun ja, er stöhnte auf und riß an seinen Schnallenschuhen, — früher war es eben der Vater gewesen, der diesen Druck ausübte, der Vater und seine Unrast, der Vater und seine Arbeitswut, die wie mit der Hetzpeitsche hinter ihm gestanden hatte. Schließlich, in diesen letzten Jahren, der Vater — und seine Schulden; vielleicht auch — der Vater und seine unverhüllte Eifersucht auf die Erfolge des Sohnes, obgleich es ein seltsamer geheimer Triumph war, diesem nackten Neid immer wieder zu begegnen, — eben noch, bei seiner Anwesenheit in Halle, wie hatte der Alte es ihn immer wieder merken lassen, daß er, George, mit seiner Bearbeitung und Veröffentlichung der Südseereise im Grunde schmarotzt habe — schmarotzt! „Ich habe die Südseereise beschrieben,“ murmelte George vor sich hin, knöpfte an seiner Weste und lief erregt in dem engen Alkoven auf und nieder, — wohl, er wußte ganz gut, daß er sich scheute, sein Arbeitskabinett zu betreten, weil eine Unordnung darin starrte, deren er kaum noch Herr zu werden vermochte, „ich habe sie beschrieben auf seinen eigenen, hundertmal als Befehl ausgesprochenen Wunsch, weil die verfluchten Engländer, — Cook nehme ich aus, — Herrgott, verzeihe mir den Fluch …!“ (Er zog ein Notiztäfelchen und bemerkte sich unter vielen Aufzeichnungen ähnlicher Art: den 28. März frühe, geflucht.) „Weil also die Engländer ihm seine eigene Arbeit zu veröffentlichen verboten. Ich habe sie geschrieben, um ihn aus dem Schuldturm zu retten und uns alle vor dem Verhungern. Ich habe ihm durch meinen Fleiß und meine Konnexionen Unabhängigkeit und die gesicherte Position in Halle verschafft. Macht alles nichts: ich habe schmarotzt, schmarotzt, schmarotzt! So! Und wer hat denn auf der Reise das Material sammeln dürfen, wer hat Tagebuch geführt?“ Er lächelte böse und sah sich in dem Spiegel.
„Sie werden weiterhin für Ihren Herrn Papa arbeiten dürfen, Mr. Forster,“ sagte er schneidend zu der graugekleideten, schlanken und ebenmäßigen Figur da im Glase, die ihn so tödlich ernst aus kummervollen grauen Augen anstarrte. Gestern war ein Brief aus Halle gekommen: der Vater bat, o nein, der Vater ersuchte um 150 Gulden. Es war nicht der erste Brief dieser Art. Woher das Geld nehmen, schrie es in George, woher?
Und nach einem Augenblick des Händeballens, nach einem krampfhaften Schütteln, das seinen ganzen Körper durchlief, zog er wiederum das Notiztäfelchen und machte unter demselben Datum eine weitere Eintragung: Gehaßt!
Indessen, — was ging der Vater ihn noch an? Hatte er kein Geld, so würde er eben keins hinschicken. Empfand er solche Briefe denn im Grunde tiefer als Mückenstiche? Nein, nein, — das Schlimmere war es eben, daß sein Leid nicht mehr durch äußere Verhältnisse kam, daß er stumpf geworden war gegen das beständige Rütteln des Schicksals, — das Schlimmere war, — daß er sich selbst zum Leid geworden war und — das. Er überschritt entschlossen die Schwelle zum Nebenzimmer und sah mit trostlosem Blick auf das Durcheinander von Büchern, Schriften und wissenschaftlichen Geräten, das Tische, Stühle, ja, den Fußboden bedeckten. Keine innere Sammlung, kein Entschluß, keine zusammengeraffte Arbeit war noch möglich in dieser Umgebung, und diese Umgebung war ein Abbild seines Kopfes. So dünkte es ihn. Er blieb an der Tür stehen, lehnte die Stirn an den Rahmen und überließ sich der Ratlosigkeit.
Die Sache war diese: George Forster, — Forster der jüngere, der Forster, den älteren, an europäischer Berühmtheit zweifellos überragte, — dieser Verfasser einer Reisebeschreibung, die ebensowohl in den Büchereien ernsthafter Gelehrter, als in den Händen von Fürsten, Weltleuten und Damen zu finden war, — dieser liebenswürdige Mann, dessen Jugend den Reiz seiner interessanten Persönlichkeit noch erhöhte, den man allenthalben, — ach, in Paris, in Antwerpen, in Berlin, an diesen und jenen kleinen Höfen, — verwöhnt und umworben hatte, diese Freundesseele, die man mit Betrübnis scheiden sah, wo immer sie je ihr sanftes Licht gespendet hatte, — George, kurzum, dem Joche entronnen und freier Herr seines Lebens, George sah sich nach drei, vier Jahren dieser Freiheit auf einmal einer sonderbaren, einer erschreckenden Erkenntnis gegenüber. Wo war der Mann, für den er sich gehalten hatte? Wo war der Dalrymple Ebenbürtige, der geistige Sohn Cooks, straff, klar, von jener biegsamen und stählernen Schaffenskraft, von jener durchsichtig arbeitenden Gehirntätigkeit, — dieser, der in einer Atmosphäre strahlender Geistigkeit seine Bestimmung erfüllte, jede Viertelstunde ausnutzend für den großen Zweck der eigenen segenverbreitenden Vervollkommnung? Mein Gott, dieses dumpfe Geschöpf hier unter dem Türrahmen, das bleich aussah und trübe, umschattete Augen mit geröteten Lidern hatte, wie der Spiegel es ihm soeben höhnisch gezeigt, sich in diesem Augenblick kaum anderer Zustände bewußt, als einer bedrückten, von ziehenden Schmerzen gepeinigten Körperlichkeit und einer quälenden Schuldenlast, die ihm der Anblick der halb ausgepackten Bücherkiste dort am Boden eindringlich ins Gedächtnis rief, — dies also, — dies war der George Forster, von dem er sich einst unbedenklich das Höchste versprochen hatte! Er war pünktlich auf die Minute, er war reinlich, sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter dem Vater arbeitete, der das Gegenteil von alle diesem gewesen war. Und nun? Er begann herumzuhinken und mit verzweifeltem Herzen Ordnung zu machen; nun, hier sah es aus, wie bei einem Säufer, schlimmer als in der Petersburger Wohnung des Vaters, wo er auch nie Herr über die Gegenstände geworden war und den Vater dafür so verachtet hatte, — aber trank er denn, — spielte er, — hatte er irgend ein Laster? Hier lagen unbezahlte Rechnungen, — Rechnungen über Landkarten, kolorierte Stiche, Bücher, über den blauen englischen Frack, der so hübsch war, über einen Degen zum Galakleid, — zwischen den Manuskriptseiten angefangener Arbeiten. Hier lag ein Spitzenjabot, — er hatte es längst vermißt! — in einen Folianten eingeklemmt und auf der Schreibkommode stand ein einzelner Schuh. Stöhnend sortierte er, schuf reinliche Anhäufungen gleichartiger Papiere, stellte Bücher auf und stäubte sie ab; vergrub zwischendurch den Kopf in den Händen und tat das, was er „sich Rechenschaft ablegen“ nannte. Er hatte keine Laster, bei Gott! Er hatte zu keiner Zeit seines Lebens so bewußt gegen schlimme Anlagen gekämpft, so meinte er, sich der selbstzerfleischenden Beichten im Kreise der Logenbrüder erinnernd und der unbarmherzigen Kritik, die sie aneinander übten. Durfte er sich’s nicht eingestehen, daß Menschen ihn liebten, war die Freundschaft, deren er genoß, ihm nicht Bürgschaft für seine moralischen Qualitäten? Was war’s denn mit dieser Unordnung, die er in seine Lebensführung einreißen sah, mit dieser Dämmerung, die nun schon seit Monaten unbeweglich über seiner Seele lagerte? Und standhaft sich abwendend von der Einsicht in die eigentlichen Gründe seines Zustandes (gekleidet in ein von grausam unbefangenem Gelächter begleitetes Wort des Vaters aus den letzten Weihnachtstagen in Halle: „Die Rosenkreuzerei mitsamt der Alchemie ist eine Sünde wider den heiligen Geist, mein Sohn!“) jene Klarheit von vorhin erfolgreich verdunkelnd, machte er eine saubere Aufstellung. Schuld an seinem Unglück war einfach der Geldmangel, die schlecht dotierte Stelle, die er innehatte, er, der seinem Ruf und Rang doch ein einigermaßen elegantes Auftreten schuldete und der kostbare Arbeitsmittel nötig hatte. Ganz zu schweigen von den Ansprüchen, die der Vater immer noch an ihn stellte, und die er, er wußte es gut genug, trotz aller harten Vorsätze immer wieder berücksichtigen würde, denn — konnte er die Mutter leiden lassen? Er brauchte also Geld, mehr, als er je durch seine Arbeit verdienen konnte, nun — und Gott hatte ihm ja den Weg gezeigt, dachte er eigensinnig und blätterte, ohne es zu wissen in der Aurea catena Homeri, die vor ihm auf dem Tisch lag. Gott, der die Seinen erhörte über Bitten und Verstehen und vor dem die wissenschaftliche Erfahrung nichts galt, sondern das Wunder.
Hier rührte ihn irgendeine Erinnerung an, kaum spürbar, wie der Schatten eines vorüberhuschenden Vogels. Er wurde unruhig, faßte sich an die Stirne, blickte um sich. Was war es nur? Wo hatte er doch etwas erlebt, das sich zu seinem jetzigen Erleben verhielt wie der Keim zur Frucht, ach, etwas Ungreifbares, — da — wo war es doch? Und plötzlich fiel Licht auf einen Heckenweg der Vergangenheit wie aufflammender Blitz, und da sah er sich stehen, einen blühenden Kirschbaum umschlingend, geschüttelt von einem Ausbruch des Gebetes, eines Gebetes um Gold, — und da war ihm Gold aus dem Schmutz der Straße geworden!
Die Wirkung dieser Erinnerung war überwältigend. Er griff mit beiden Händen an die Schläfen, öffnete den Mund zu lautlosem Gelächter, stammelte, schluchzte auf wie erlöst. Ein Zeichen, ein Gleichnis, eine Verheißung; ein Pfand für Gottes Güte hatte er besessen, ach, aus so frühen Tagen schon. Der Herr, der mich aus Ägypten geführt hat, dachte er erschöpft und beseligt. Ja, er war auf dem rechten Wege. Er senkte das Haupt, er faltete die Hände. Er dankte stumm.
Oh, aber daß dieser Teufel nicht von ihm weichen wollte, auch jetzt nicht, da er leichten Herzens an die Tagesarbeit gehen wollte. Daß es wiederum begann ihn anzugrinsen und ihn höhnte mit der fahrigen Hast der eigenen Bewegungen, mit der unbestimmbaren Angst, die ihm am Herzen hämmerte und ihn hetzte in der Erkenntnis, daß er ausgeliefert sei an eine dunkle Macht, ein Verirrter, ein Narr, ein — woher kam ihm nur dies Wort? — ein herrenloser Hund! — — —