Anmerkungen zur Transkription

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Des
Waldbauern Friedel

Von

Marg. Lenk

*

Vierte Auflage – Mit Bildern

Zwickau (Sachsen)


Verlag und Druck von Johannes Herrmann

Alle Rechte vorbehalten.


Copyright 1912 by Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen).

Inhaltsverzeichnis.

1. Vertrieben. [3]
2. In der Talmühle. [17]
3. Wie die Kinder aufwuchsen. [37]
4. Wie’s dem Talmüller ergangen war. [55]
5. Der Tod kehrt ein. [73]
6. In die weite, weite Welt. [92]
7. Ein guter Kamerad. [113]
8. Die alte Heimat. [129]
9. Ins Land der Freiheit. [148]

1. Vertrieben.

Es war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der gewaltigen Berge. Nicht allzuweit von einem kleinen gewerbfleißigen Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt. Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen, strahlenden Augen und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, so daß die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein wirtschafteten.

Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und dumpfig von der Sonnenglut des Tages.

Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich sein stattlicher Hirsch mit majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen. Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen, die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen.

„Schade, daß du deinen Stutzen (kurze Flinte) nicht hier hattest“, sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“

„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“

„Das ist nicht recht! Es frißt unser Gras und bricht oft genug in unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen hättest! Er sitzt ja weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“

„Schäm’ dich, so zu reden! Du weißt recht gut, daß es Gott gesehen hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere Seelen!“

Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich:

„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“

Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann:

„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in der engen Gasse?“

„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und Silber.“

„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke Pater Ignatius führt die Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst ihn doch, nicht wahr?“

„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer an ihn glaubt, wird selig.“

„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen. Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen, die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu verfolgen.“

„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als ich!“

„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland litt, als man ihn beschimpfte?“

„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich –“

„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen, wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“

Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst. Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise:

„Sag’ mir doch alles; ich will ja brav sein. O Großvater, ich will auch ’mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater, den ich kaum gekannt!“

„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in allerlei Kunst und Handwerk, so daß sie viel Gewinn ins Land bringen. Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will durchaus, daß wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des Papstes Kirche kommen sollen.“

„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör’ allweil’ von ihm und möcht’s wissen.“

„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“

„Glaub’ ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was braucht’s einen Papst?“

„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des Verderbens. Dabei bleib’ nur fest, mein Kind. Denk’ nur, man will uns unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht mehr singen!“

„Nun sing’ ich gerade recht, zum Trutz!“

„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben, sind unsere Ältesten (d. h. Vorsteher) aus dem ganzen Lande zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo die Schwarzach schäumend durchbraust –“

„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg gestiegen waren?“

Der Großvater nickte.

„Hu, ’s war schauerlich da unten.“

„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“

„War mein Pate Rudi auch dabei?“

„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. – Du bist ein junges Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was auch kommen möge?“

„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“

„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes Schutz ruhen.“ –

In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte, war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.

Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst wohl geschehen war. –

Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang, begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.

In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der großen Wanduhr trat beim Stundenschlag ein possierliches Männlein hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja, sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß. „Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war unerschöpflich.

Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach: „Laß ihn gewähren! Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl, daß das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott läßt ja auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“

Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines Sonntagmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte, sprach der Alte mit beklommener Stimme:

„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang heute.“

„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch nicht kalt.“

„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“

„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“

„Der wird’s nimmer aufschließen“, rief Andreas, plötzlich in Tränen ausbrechend „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut.

Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien.

Traurig schüttelte der Großvater den Kopf. „Du sprichst wie ein dummes Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung ist gekommen; Gott gebe nur, daß wir alle treu bleiben!“ –

Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden.

So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe. Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof den Befehl, daß alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung antreten möchten.

Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein mag, ist nicht auszudenken!

Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.

Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen das junge Herz weh beim Gedanken an den Abschied von der geliebten Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.

Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser angstvollen Zeit stets verschlossen hält.

„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.

„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“

„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“ Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.

„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.

Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biß. Bald aber sah er, daß es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen.

Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glückes beraubt, das er noch besessen. „O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine Last sein.“

Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen? Ach, es war ja kaum möglich, daß es treu bleiben konnte! Es war noch allzu jung, leichtherzig und unwissend.

Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer mochte es sein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder! Draußen tönte eine traute Kinderstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein Friedel. O, laß mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse.

„Hast du nicht gleich gedacht, daß ich wiederkommen würde?“ fragte er. „Ganz zufrieden hab’ ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht, und ich konnt’ mir die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein Bettgenoß fest schlief, und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig schnarchte, hab’ ich leise das Fensterlein geöffnet. ’s war eben weit genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht. Ja, ja, sie wußten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh, Gott hat mir geholfen!“

„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiß es nie, im ganzen Leben nicht, mein Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege dich nieder, daß ich dich in die Wolldecke hülle.“

„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, gleich, noch in der Nacht. Sie kommen gewiß, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer finden, und wir müssen weit weg sein.“

„Du hast recht, Bübli; ruh’ nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir sonst noch wert ist.“

In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten. Andreas betete:

„In Gottes Namen fahren wir;

Sein heil’ger Engel geh’ uns für,

Wie dem Volk aus Ägyptenland,

Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis!

HErr Christ, du bist der rechte Weg

Zum Himmel und der ein’ge Steg.

Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland,

Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!“

Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend, erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte ziemlich geschützt waren.

„Wo gehen wir hin, Großvater?“ fragte der Knabe leise.

„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, wenn uns beim Holzfällen ein Wetter überraschte. Dort mußt du schlafen bis zum Morgen. Dann geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten im Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren nicht finden.“

„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“ fragte Friedel weiter.

„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“

„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“

„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann und uns wohlgesinnt ist.“

„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“

„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“

2. In der Talmühle.

Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg, herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben. Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher, und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich; auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt in die rauhe, kalte Welt.

„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“

„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl den Andreas.“

Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt, aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen Pilgerliedes:

„In Gottes Namen scheiden wir;

Sein göttlich Wort bekennen wir

Und seiner Gnad’ begehren wir,

Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis!

Freund’ von Freunden geschieden sind;

O HErr, bewahr’ die armen Kind’

Und all’, die hier vorhanden sind,

Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis!

Geleit uns Gott in Ewigkeit

Durch seine groß’ Barmherzigkeit.

Der geb’ uns heut ein gut Geleit,

Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“

Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“ befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des Tyrannen. –

Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken; mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres Dorf zu erreichen.

Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der Morgendämmerung hatten sie die schützende Höhle verlassen; Friedel ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht, das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte. Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend gänzlich in die Irre geriet.

„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich möcht’ auch was essen!“

„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon den Weg zeigen.“

Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf.

Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden, sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater, als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.

„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme. „Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt –‘?“

„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:

„Unverzagt und ohne Grauen

Soll ein Christ, wo er ist,

Stets sich lassen schauen. –

Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm, Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch ein Mensch!“

Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen, steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward. Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.

„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell und hol’ gute Leute, die uns helfen.“

„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“

Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein warmes Lager.

Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den Weg, riß ihm die Hände blutig und manches Loch in sein Röcklein. Oft war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel. Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen, der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut, mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern. Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein Mühlrad.

Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut. O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben! Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes. Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu schildern verstand!

Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ, faltete er die Hände und sprach laut:

„Unverzagt und ohne Grauen

Soll ein Christ, wo er ist,

Stets sich lassen schauen.“

„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen Zauberkreis zu dringen?“

„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel. „Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“

„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“

„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat uns in die Welt hinausgejagt.“

„Warum?“

„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir den Papst nicht mögen.“

„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan, auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“

Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt. Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten, denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg.

„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn herholen.“

Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen.

Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn, um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen, richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja tot!“

Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht.

Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank gleich wieder in Betäubung zurück.

Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite.

„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken.

„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme.

Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich, wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold.

„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“

„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel! Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers Ännchen.“

Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber ärmlichen Gemach.

„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“

„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er wiederkommt am Jüngsten Tage.“

„Wer sagte dir’s!“

„Die Mutter.“

Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste, ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt. Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem Schmerze Luft.

„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’ mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei über seine Wangen.

Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand auf die Stirn des Gastes und sprach leise:

„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du aufgewacht bist.“

Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort „essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen. Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht; es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war, hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht davor stand ein schmuckes Spinnrad.

„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten, lesen und spinnen.“

„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend, das über der Tür befestigt war.

Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man nicht.“

„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“

„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“

„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.

„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. – Wo mag nur Mutterle bleiben? Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in der Kammer.“

In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.

„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“

„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’ ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte Großvater.“

„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau. „Du bist viel zu klein und schwach dazu.“

„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich streckend.

Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen Holz im Walde.“

„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei Großvaters Sachen.“

Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten, was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters Sonntagsrock und schlief wieder ein.

Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte irgendein Gerät aus Holz.

„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem armen Alten die Ruhe! Die Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier essen, ißt auch der fünfte.“

„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.

„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er erschrak und schwieg.

Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie, sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen, wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“

Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern, geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen und Kranken gar beweglich.

Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward unheimlich dabei zumute.

Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu Bett gehen.“

Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?

Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels Bündel lag daneben.

„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist er als Freund, schrecklich als Feind!“

Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach einer Weile fragte er leise:

„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“

„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Waldlichtung links ab von der Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ –

Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel komm ich wieder zu dir!“

Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher. Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See. Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.

Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.

„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“

Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl, daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur Mühle zurückführen.

Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine Flucht. Nach dem Essen sprach Tobias: „Ich will heut noch das letzte Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier. Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann! Ich denke, es gibt bald Schnee.“

Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud, ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet seine Gedanken.

„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.

„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“

Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.

3. Wie die Kinder aufwuchsen.

Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater! Wieviel dachte der Knabe an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen! Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.

Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte, hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst; wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine Bücher herbei; denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte, heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag. Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte, und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch, da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.

„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“

Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte nur immer von JEsu, dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.

Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt, was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein Geheimnis.

Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen, dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht, dazu auch bunte Lichtchen.

Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die Flinte von der Wand und sprach:

„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“

„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“

„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.

„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“

Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen. „Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd. Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf, noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.

„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“

„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.

Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das Kind von sich und rief:

„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum Herzbrechen.

Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der Mann so feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“

Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert. Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.

„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“

Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:

„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht einmal vorlesen?“

„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“

Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.

„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten umleuchtete, als der Engel kam.“

Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten, traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei. Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie einen Sohn.

Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!

Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte der Talmüller:

„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch, das Gott selbst den Menschen gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’ täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein, wie uns gelehrt ward.“

„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s getan.“

Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las; manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen, ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend, den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.

Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“

Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend abwandte.

Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten, hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber barmherziger Gott, auch dem Firmian!“

Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus, kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.

So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden. Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war. Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen, und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach: „Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen Abend.“

Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend, zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß, rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und am Rande unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens. Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der Kirche, vom Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch. Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd. Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon lange her und die Erinnerung sehr unklar.

Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt, herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja so lieb.

Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit! Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte, meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.

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Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht mehr recht passen.

Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.

Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte; da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.

„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.

Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“

„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.

„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war, ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen, das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in der Welt!“

„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu ziehen?“

„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als solle mein Herz zerspringen!“

Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu niemand sprechen von dem, was du hier erlebt? Willst du besonders den Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“

Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist, verbirgt dasselbige.‘“

„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder auszieht, ziehst du mit.“

O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!

4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.

Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte nähen helfen.

„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel. „O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg führen?“

Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von der guten Suppe und steckte das Brot in die Tasche. Nun waren sie bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.

„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein, ’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer, nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir genug!“

Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.

Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“

Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das Eselein am Zaum und führte es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig, als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei, durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen. Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte. Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger Kinder tanzte singend im Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein geheimnisvoller Schleier hing.

Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des fremden Knaben scheu zurück.

„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus, aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat.

So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen; es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach:

„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt, darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis zur Mittagsmahlzeit!“

Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge, nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“

Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal gelang!

„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das man schießen darf?“ fragte Wilhelm.

Traurig schüttelte Friedel den Kopf.

„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald. Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“

„O ja, so gern!“

„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“

In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab; ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde; dort trieben zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner, altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.

Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas Alltägliches.

„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“, sagte Friedel endlich.

„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu bestellen.“

„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“

„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“

„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“

„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug. „Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch, die Mittagsglocken! Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“

Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte. Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer, Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder. Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl: