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Nikolaus Leskow
Die Klerisei
Roman
Kurt Wolff Verlag
Deutsche Übertragung von Arthur Luther.
Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig.
Erstes Buch.
Erstes Kapitel.
Die Leute, deren Leben und Treiben diese Erzählung schildern soll, sind die Bewohner der Dompfarrei von Stargorod: der Propst Sawelij Tuberozow, der Pfarrer Zacharia Benefaktow und der Diakon Achilla Desnitzyn. Ihre Jugendjahre, sowie auch ihre Kindheit lassen wir unberührt. Will der Leser sie vor sich sehn, wie unsere Geschichte sie faßt, so muß er sich das Haupt der Stargoroder Geistlichkeit, den Propst Sawelij Tuberozow, als Mann vorstellen, der die Sechzig bereits überschritten hat. Vater Tuberozow ist hochgewachsen und von stattlicher Leibesfülle, aber noch sehr rüstig und beweglich. Dasselbe gilt von seinen Geisteskräften: auf den ersten Blick erkennt man, daß er sich alle Glut des Herzens und alle Energie der Jugend bewahrt hat. Seinen auffallend schönen Kopf ist man versucht, als Urbild männlicher Schönheit zu betrachten. Tuberozows Haar ist dicht, wie die Mähne eines gewaltigen Löwen, und weiß, wie die Locken des Zeus von Phidias. Es türmt sich malerisch als mächtiger Schopf über der hohen Stirn und fällt in drei großen Wellen nach rückwärts, ohne die Schultern zu erreichen. In dem langen zweigeteilten Bart des Propstes und in dem kleinen Schnurrbart, der bei den Mundwinkeln mit dem Bart in eins zusammenfließt, blitzen hie und da noch ein paar schwarze Haare auf, welche dem Bart das Aussehen von schwarz emailliertem Silber geben. Die Brauen dagegen sind ganz schwarz. In zwei steilgebogenen S-Linien vereinigen sie sich über dem Rücken seiner ziemlich großen und fleischigen Nase. Die Augen sind braun, groß, kühn und klar. Sie haben es ein ganzes Menschenleben lang verstanden, der Spiegel eines regen und starken Geistes zu sein. Wer dem Propste nahestand, sah sie von freudiger Begeisterung durchstrahlt, von Schmerz umnebelt, in Tränen der Rührung gebadet. Mitunter flammte in ihnen das Feuer der Entrüstung und sie sprühten Funken des Zorns, keines eiteln, rechthaberischen Zornes, sondern des Zornes eines bedeutenden Mannes. Aus diesen Augen leuchtete die gerade und ehrliche Seele des Propstes Sawelij, die er in seiner christlichen Zuversicht unsterblich glaubte.
Zacharia Benefaktow, der zweite Pfarrer am Stargoroder Dom, ist ein Wesen ganz anderer Art. Seine Person ist die verkörperte Sanftmut und Milde. Wie sein bescheidener Geist sich in keiner Weise hervorzutun begehrt, so nimmt auch sein winziger Leib nur ganz wenig Platz weg, als wäre es ihm peinlich, die Erde allzusehr zu beschweren. Er ist klein, mager, schmächtig und kahlköpfig. Zwei kleine Löckchen graugelber Haare flattern nur noch über seinen Ohren. An Stelle eines Bartes scheint dem Vater Zacharia am Kinn ein Stückchen Schwamm zu kleben. Er hat winzige Kinderhände, die er immer in den Taschen seines Leibrocks verbirgt. Seine Beinchen sind dünn und schwach, wie Strohhalme, überhaupt erscheint der ganze Mann wie aus Stroh geflochten. Seine herzensguten, grauen Äuglein sind äußerst beweglich, aber sie werden nur selten voll aufgeschlagen, immer suchen sie sich gleich ein Plätzchen, wo sie sich vor unbescheidenen Blicken verbergen könnten. An Jahren ist Vater Zacharia etwas älter als Vater Tuberozow und viel schwächlicher als dieser, aber auch er ist gleich dem Propst gewohnt, sich stramm zu halten, und trotz aller Übel und Gebresten, von denen er heimgesucht wird, hat er sich einen lebhaften Geist und eine große körperliche Beweglichkeit bewahrt.
Der dritte und letzte Vertreter der Stargoroder Domgeistlichkeit, der Diakon Achilla, wird durch mehrere Attribute gekennzeichnet, die wir alle hier mitzuteilen für gut befinden, damit der Leser ein möglichst klares Bild von dem gewaltigen Achilla gewinne.
Der Inspektor der Kirchenschule, der den Achilla Desnitzyn aus der Syntax-Klasse »wegen Überreife und mangelhafter Fortschritte« ausgeschlossen hatte, pflegte zu ihm zu sagen:
»Ach, du langgereckter Holzknüppel, du!«
Der Rektor, der auf ein besonderes Bittgesuch hin den Achilla wieder in die Rhetorik-Klasse aufgenommen hatte, staunte jedesmal, wenn er den werdenden Recken zu Gesichte bekam, und pflegte, verblüfft über diese Riesengröße, Riesenkraft und Rieseneinfalt, zu äußern:
»Es dünkt mich zu wenig, dich bloß einen Knüppel zu nennen, sintemalen du in meinen Augen zum mindesten eine volle Ladung Holz repräsentierest.«
Der Dirigent des bischöflichen Sängerchores endlich, in den Achilla eingereiht wurde, nachdem er aus der Rhetorik entfernt und dem Klerus zugezählt worden war, nannte ihn »unermeßlich«.
»Dein Baß ist gut,« sagte der Dirigent, »er donnert wie eine Kanone; aber unermeßlich bist du bis zum äußersten, so daß ich angesichts dieser Unermeßlichkeit gar nicht weiß, wie ich dich würdig behandeln soll.«
Die vierte und gewichtigste Charakteristik des Diakons Achilla stammte von dem Bischof selbst, und zwar ward dessen Urteil an einem für den Achilla sehr denkwürdigen Tage ausgesprochen, dem Tage nämlich, wo er, Achilla, aus dem bischöflichen Chor ausgeschlossen und als Diakon nach Stargorod geschickt wurde. Sie lautete: »der Gepeinigte«. Es dürfte aber wohl angebracht sein, zu erzählen, auf welche Weise der brave Achilla zu diesem Namen kam.
Der Diakon Achilla war von Jugend auf ein sehr impulsiver Mensch, der sich nicht nur in seinen Jünglingsjahren immer wieder hinreißen ließ, sondern auch in den Jahren des nahenden Alters.
Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, – seine übergroße Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag, den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen. Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung, die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war, und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand. Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo. Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand mit der Stimmgabel … Achilla hat die ganze Welt und sich selbst vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt: »Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t, gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet. Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel: »Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn – er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken seiner Genossen verschwinden zu lassen, – er singt: »gepeinigt«. Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er: »g-e-p-e-i-n-i-g-t!«
»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme.
»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von draußen ernüchtert.
Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut. Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu haben scheint.
Zweites Kapitel.
Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen, Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze. Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig gemusterten Fußboden legte.
Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung, denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für ihn und seine Lebensgefährtin.
Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie, die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen, drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern und um die Kinder.
Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa, welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war.
Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige, zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes: »Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde.
So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen.
»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt worden,« erzählte der Diakon Achilla.
»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die Leute, denen er sein Leid klagte.
»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig gleichstellen? … Ich frage, darf man das? … Vater Sawelij … ihr wißt es ja selbst … Vater Sawelij … ist ein Weiser, ein Philosoph, ein Justizminister … und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.«
»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?«
»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen! Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen – ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf. Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör's von ihm nicht zum erstenmal und von ihm kränkt's mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe … Und ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« – rief der Diakon, – »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine eigene Politik verfolgt.«
Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia:
»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich will ihn mit in die Stadt nehmen.«
Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem Abreisenden das Geleite zu geben.
Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater Benefaktow ins Ohr:
»Nun? Sagt' ich's Euch nicht? Da haben wir die Politik!«
»Weshalb wollt Ihr denn meinen Stab in die Stadt mitnehmen, Vater Propst?« fragte Vater Zacharia, und zwinkerte demütig mit den Augen, wobei er zugleich den Diakon beiseite schob.
»Wozu? Nun, vielleicht will ich den Leuten dort zeigen, wie man uns hier achtet und unser gedenkt,« antwortete Tuberozow.
»Alioscha, lauf hin und hol den Stock,« befahl Zacharia seinem kleinen Sohne.
»Vielleicht nehmt Ihr dann auch meinen Stab mit, Vater Propst, um ihn dort zu zeigen?« fragte Achilla in dem sanftmütigsten Tone, dessen er fähig war.
»Nein, den deinen magst du bei dir behalten,« erwiderte Sawelij.
»Warum denn, Vater Propst? Ich bin doch ebenso … ich bin doch auch von dem Herrn Adelsmarschall ausgezeichnet worden,« antwortete der Diakon ein wenig gekränkt.
Aber der Propst würdigte seinen Einspruch keiner Antwort, legte den ihm eben gebrachten Stab des Vater Zacharia neben sich hin und hieß den Kutscher zufahren.
So fuhr er dahin und die beiden zweifelerregenden Stäbe fuhren mit, der Diakon Achilla aber saß zu Hause und mühte sich vergeblich, das Rätsel zu lösen, zu welchem Zweck Tuberozow den Stab des Zacharia mitgenommen hatte.
»Was geht's dich an? Was hast du dabei? Was?« beschwichtigte Zacharia den von Neugier gemarterten Diakon.
»Vater Zacharia, ich sag's Euch, das ist Politik.«
»Nun und wenn's Politik ist, – was geht's dich an? Mag er doch politisieren.«
»Aber ich vergehe vor Neugier, was das für eine Politik sein könnte. Euren Stab zu beschneiden wollte er mir nicht gestatten; das wäre eine Dummheit, sagte er; ich schlug ihm vor, Zeichen anzubringen, aber er wies es zurück. Das einzige, was ich vermute …«
»Ei nun, was kannst du Schwätzer vermuten?«
»Das einzige wäre, daß er … Er setzt bestimmt einen Edelstein hinein.«
»Ja! Nun … nun ja … Aber wo soll er den Stein denn einsetzen?«
»In den Griff.«
»In den seinen oder in den meinen?«
»In den seinen, natürlich in den seinen. Ein Edelstein ist doch ein Wertstück.«
»Sehr schön. Wozu hat hat er dann aber meinen Stab mitgenommen? In den seinen will er den Stein einsetzen lassen, und den meinen nimmt er mit?!«
Der Diakon schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief:
»Da wär' ich wieder mal der Narr.«
»Hoffentlich bist du der Narr, hoffentlich,« bestätigte Vater Zacharia und fügte mit leisem Vorwurf hinzu: »und dabei hast du doch Logik gelernt, mein Lieber. Schäme dich.«
»Warum soll ich mich schämen, wenn ich sie gelernt, aber nicht kapiert habe! Das kann jedem so gehen,« antwortete der Diakon.
Er sprach fortan keinerlei Vermutungen mehr aus, nur im stillen verzehrte ihn nach wie vor die Neugier: was wird nun eigentlich geschehen?
So verging eine Woche, bis der Propst zurückkam. Der Diakon Achilla, welcher gerade einen von ihm neu eingetauschten Steppengaul einritt, war der erste, der die schwarze Pfarrkutsche sich der Stadt nähern sah. Er raste durch die Straßen, machte Halt vor allen Häusern, in denen gute Bekannte wohnten, und schrie in die offenen Fenster hinein: »Er kommt! Der Propst Sawelij! Die edle große Seele!«
Ein neuer Gedanke war dem Achilla plötzlich gekommen.
»Jetzt weiß ich, was es ist,« sagte er zu den Umstehenden, während er vor dem Tore des Pfarrhofes vom Pferde stieg. »Alle meine bisherigen Vermutungen waren nichts als eitel Torheit. Jetzt aber kann ich euch für gewiß sagen, der Vater Propst hat nichts anderes getan, als griechische Lettern – oder auch lateinische – in die Knöpfe einätzen lassen. So ist es, jawohl, so und nicht anders ist es; ganz bestimmt hat er Lettern einätzen lassen, und wenn ich es jetzt nicht erraten habe, so könnt ihr mich hundertmal einen Esel nennen.«
»Warte nur, warte, das tun wir noch; das kommt schon noch,« sagte Vater Zacharia und ging dem eben vorfahrenden Wagen entgegen.
Ernst und würdevoll entstieg der Propst dem Wagen, trat in das Haus ein, betete, begrüßte seine Gattin, indem er sie dreimal auf den Mund küßte, bewillkommnete danach auch den Vater Zacharia, wobei sie sich gegenseitig auf die Schultern küßten, und zu guter Letzt den Diakon Achilla, der dem Propst die Hand küßte, während dieser mit den Lippen seinen Scheitel berührte. Nach dieser Begrüßung ging man ans Teetrinken, Schwatzen, Erzählen, und langsam wich der Abend der Nacht, ohne daß der Propst auch nur ein Wort über die alle so interessierenden Stäbe geäußert hätte. Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, mit keiner Silbe erwähnte Vater Tuberozow die Angelegenheit. Es schien, als habe er die Stäbe in die Hauptstadt gebracht und sie dort in den Fluß versenkt, damit alles Gerede von ihnen schweige.
Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was er ersinnen sollte, um das Gespräch auf die Stäbe zu bringen. Aber die Sache kam bald von selbst zur Erledigung. Am fünften oder sechsten Tage nach seiner Heimkehr bat der Vater Sawelij nach dem Hauptgottesdienst den Stadthauptmann, den Schulinspektor, den Arzt und den Vater Zacharia nebst dem Diakon Achilla zu sich zum Tee und fing wiederum zu erzählen an, was er alles in der Gouvernementsstadt gehört und gesehen habe. Er berichtete ihnen von vielerlei schönen Sachen, welche er in den Kaufläden gesehen hatte. »Es ist erstaunlich,« meinte er, »was die dortige Kunstfertigkeit zu leisten vermag.«
Mit diesen Worten ging der Propst ins Nebenzimmer und kam, in jeder Hand einen der wohlbekannten Stäbe haltend, wieder zurück.
»Sehen Sie mal hier,« sagte er, indem er den Gästen die Oberfläche der beiden goldenen Knöpfe vor die Augen hielt.
Der Diakon Achilla riß die Augen auf, um zu erspähen, was der Politikus zustande gebracht hatte, um die gleichwertigen Stäbe unterscheiden zu können. Aber ach! Es war kein wesentlicher Unterschied zu erkennen. Im Gegenteil, ihre Gleichwertigkeit schien nun erst vollkommen, denn in der Mitte eines jeden Knopfes war in ganz gleicher Weise, von einem Strahlenkranze umgeben, ein Gottesauge eingraviert, um welches sich eine kurze Kursivinschrift schlang.
»Und Lettern sind keine da, Vater Propst?« bemerkte Achilla, dem die Geduld ausging.
»Was willst du noch für Lettern?« erwiderte Tuberozow, ohne ihn anzusehen.
»Um sie in ihrer Gleichwertigkeit zu unterscheiden.«
»Immer kommst du mit deinem dummen Zeug,« wandte sich der Propst zum Diakon, und dann stützte er den einen Stab gegen seine Brust und sprach:
»Das soll meiner sein.«
Der Diakon Achilla warf einen schnellen Blick auf den Knopf und las über dem Gottesauge: »Und er fand den Stecken Aarons blühen.«
»Und den nimmst du, Vater Zacharia,« schloß der Propst und gab ihm den andern Stab.
Auf dem Knopfe desselben war um das völlig gleiche Gottesauge in ganz derselben altslawischen Kursivschrift eingraviert:
»Und er gab den Stab in seine Hand.«
Kaum hatte Achilla diese zweite Inschrift gelesen, so knickte er hinter dem Rücken des Vaters Zacharia zusammen, und, den Kopf gegen den Bauch des Arztes stemmend, zuckte und strampelte er in einem unbändigen Lachanfall.
»Na, Quälgeist, was gibt's wieder? Was gibt's?« wandte sich der Vater Zacharia ihm zu, während die übrigen Gäste noch die kunstvolle Arbeit des Juweliers an den Priesterstäben bewunderten.
»Lettern? He? Lettern, du krauser Schafbock du? Wo sind hier die Lettern?«
Der Diakon aber prustete und lachte nur immer toller.
»Was lachst du? Was ficht dich an?«
»Wer ist jetzt der Schafbock, he?« fragte der Diakon, die Worte mühsam hervorstoßend.
»Du natürlich, wer denn sonst?«
Achilla brach in ein neues Gelächter aus, packte den Vater Zacharia an den Schultern und flüsterte theatralisch:
»Na und Ihr, Vater Zacharia, wo Ihr so viel Logik studiert habt, lest doch noch einmal. ›Und er gab den Stab in seine Hand.‹ Was sagt Eure Logik dazu? Wo soll eine solche Inschrift hinaus?«
»Wo hinaus? Nun, so sag du es doch, wo sie hinaus soll!«
»Wo hinaus? Dahinaus,« sagte der Diakon langsam und gedehnt, »daß man ihm mit dem Lineal eins auf die Pfoten gegeben hat.«
»Du lügst!«
»Ich lüge?! Und warum ist denn sein Stecken erblüht? Und kein Wort davon, daß er ihm in die Hand gegeben ist? Warum? Weil das zum Zweck der Erhöhung geschrieben ist, Euch aber ist's zur Erniedrigung geschrieben, daß Euch der Knüppel in die Tatze gelegt ist.«
Vater Zacharia wollte etwas erwidern, aber der Diakon hatte ihn wirklich irre gemacht. Achilla triumphierte, daß es ihm gelungen war, den sanften Benefaktow aus der Fassung zu bringen, doch sein Triumph war nur von kurzer Dauer.
Kaum hatte er sich umgewandt, so sah er auch schon, daß der Propst ihn scharf ins Auge gefaßt hatte, und sobald er bemerkte, daß der Diakon unter der Wirkung dieses strengen Blickes verlegen zu werden begann, wandte er sich an die Gäste und sagte mit ganz ruhiger Stimme:
»Die Inschriften, die Sie hier sehen, habe ich nicht selbst ausgedacht. Der Konsistorialsekretär Afanasij Iwanowitsch hat sie mir empfohlen. Auf einem Abendspaziergang kamen wir beim Goldschmied vorbei, und da meinte Afanasij Iwanowitsch: Wißt Ihr, Vater Propst, was für ein Gedanke mir gekommen ist? Ihr solltet Inschriften auf die Stäbe setzen. Für Euch ›der Stecken Aarons‹ und für den Vater Zacharia – eben jene, die jetzt dasteht.«
»Und du, Vater Diakon,« fuhr der Propst fort, »ich wollte auch etwas von deinem Stabe sagen, wie du mich gebeten hattest, aber ich bin der Meinung, es wäre am besten, du trügest den Stab überhaupt nicht, denn er kommt deinem Amte nicht zu.«
Und damit schritt der Propst in aller Seelenruhe nach der Stubenecke, in welcher der berühmte Stab des Achilla stand, nahm ihn und schloß ihn in den Kleiderschrank ein.
Dieses war der größte Zwist, der sich je in der Stargoroder Pfarrei abgespielt hatte.
Wie es heißt, daß durch ein Dreierlicht einst ganz Moskau in Flammen aufgegangen ist, so entstand auch daraus bald eine ganze Geschichte, welche die verschiedensten Charakterschwächen und Vorzüge Sawelijs und Achillas an den Tag brachte.
Der Diakon kannte diese Geschichte am besten, erzählte sie aber nur in Augenblicken äußerster Erregung.
Drittes Kapitel.
»Was,« sagte Achilla, »hätte ich von Rechts wegen damals tun sollen? Ich hätte dem Vater Propst zu Füßen fallen und ihm sagen sollen: so und so stehen die Dinge, nicht aus Bosheit, nicht aus Gehässigkeit hab' ich das gesagt, sondern einzig, um dem Vater Zacharia zu zeigen, daß ich zwar nichts von Logik verstehe, aber darum doch nicht dümmer bin als er. Aber der Stolz übermannte mich und hielt mich zurück. Ich ärgerte mich, daß er meinen Stab in den Schrank geschlossen hatte, und daß dann noch der Lehrer Warnawka Prepotenskij dazwischenkam. … Ach, ich sag' euch, so bös ich auch auf mich selbst bin, es ist nichts gegen die Wut, welche ich auf den Lehrer Warnawka habe! Ich will nicht ich sein, wenn ich sterbe, ohne zuvor mit diesem Sohn der Hostienbäckerin abgerechnet zu haben!«
»Das darfst du auch wieder nicht,« unterbrach Vater Zacharia den Achilla.
»Warum denn nicht? Gottlosigkeit duld' ich nicht! Da frage ich nicht nach der Person! Und die Sache macht sich ganz von selbst: ich fahr' ihm mit der Faust in den Schopf, schüttel' ihn tüchtig durch und laß ihn dann laufen. Jetzt geh und beschwer' dich, daß du von einer geistlichen Person wegen Gottlosigkeit durchgewalkt worden bist! … Der wird sich hüten! … Ach, du mein Gott! Was war nur in mich gefahren, daß ich auf diesen Taugenichts hören konnte, und wie ist's möglich, daß ich ihn bis heute mir noch nicht richtig vorgenommen habe! Den Küster Sergej hab' ich damals für sein Geschwätz über den Donner sofort verwichst; den Kommissar, den Kleinbürger Danilka, der sich in den letzten großen Fasten unterstand, auf offener Straße ein Ei zu essen, hab' ich unverzüglich vor versammeltem Volke nach Gebühr an den Ohren gezaust, – und diesen Lümmel laß ich immer noch frei herumlaufen, obgleich er mir das Ärgste angetan hat! Wäre er nicht gewesen, so würde es gar nicht zu diesem Zwist gekommen sein. Der Vater Propst hätte mir wegen meiner Äußerung über den Vater Zacharia gezürnt, aber nicht lange. Muß da dieser Warnawka kommen, und erbittert und gepeinigt, wie ich bin, laß ich mich von ihm aufhetzen! Er schwatzt mir vor: ›Diese Tuberozowsche Inschrift ist zu allem andern auch noch dumm!‹ Ich in meiner Pein, müßt ihr wissen, lechzte förmlich danach, auch dem Vater Sawelij was anzuhängen, und so fragte ich, was denn Dummes daran sei. Warnawka sagte: ›Dumm ist sie, weil die Tatsache, von der in ihr die Rede ist, gar nicht feststeht. Und nicht nur das, – sie ist überhaupt unglaubwürdig. Wer, sagt er, kann es denn bezeugen, daß der Stecken Aarons erblühte? Kann ein trockenes Stück Holz Blüten treiben?‹ Ich fiel ihm hier in die Rede und meinte: ›Bitte sehr, Warnawa Wasiljitsch, solche Reden darfst du nicht führen. Der allmächtige Willen Gottes ist stärker als die Ordnung der Natur.‹ … Aber weil diese unsere Unterhaltung bei der Akziseeinnehmersfrau, der Biziukina, stattfand, welche allerlei Flüssiges aufgetischt hatte, lauter gute Weine, – nichts als ho–ho–ho: Haut-Sauterne und Haut-Margaux, – so war ich, hol mich dieser und jener, schon ein bißchen benebelt, und der Warnawka redete sein gelehrtes Zeug in mich hinein. ›So war's ja auch – sagte er – dazumal mit dem Menetekel beim Gastmahl des Belsazar. Heut haben wir's als reinsten Schwindel erkannt. Wollt ihr, so mach ich's euch gleich mit einem Phosphorstreichhölzchen vor.‹ Ich war starr vor Entsetzen, er aber quasselte immer weiter: ›Und überhaupt, sagte er, es wimmelt da nur so von Widersprüchen.‹ Dann legte er los, wißt ihr, und redete und redete und widerlegte alles, und ich saß dabei und hörte zu. Und nun noch dieser Haut-Margaux! Ich war so schon gepeinigt genug, und fing am Ende selber an in freigeistigem Stil zu reden. Ja, sagte ich, wenn ich nicht sähe, was der Vater Sawelij für ein aufrechter Mann ist, denn ich weiß, er steht vor dem Altar und der Rauch seines Opfers steigt kerzengerade empor, wie beim Opfer Abels, ich möchte nur kein Kain sein, sonst könnte ich ihn schon … Versteht ihr wohl, so redete ich vom Vater Sawelij! Und diese Person, die Biziukina, meinte: ›Ja, versteht Ihr denn selber, was Ihr da schwatzt? Wißt Ihr überhaupt, was der Kain wert war? Was war denn – sagte sie – Euer Abel? Nichts weiter als ein kleines Schaf, ein Kriecher und Streber, eine Sklavennatur; Kain aber war ein stolzer Mann der Tat. So – sagte sie – hat ihn der englische Schriftsteller Biehron geschildert …‹ Und nun legte sie los … Na, von all dem Haut-Margaux schon so spiritualisiert, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als müßte ich zum Kain werden und damit Punktum. Als ich auf dem Heimweg bis zum Hause des Vater Propst gelangt war, blieb ich vor seinen Fenstern stehen, stemmte, wie ein Offizier, die Arme in die Seiten und brüllte los: ›Ich Zar, ich Knecht, ich Wurm, ich Gott!‹ Grundgütiger Gott, wie entsetzlich ist mir jetzt die bloße Erinnerung an meine Schamlosigkeit! Als der Vater Propst mein Gemecker vernommen, sprang er aus dem Bette, trat im Hemde ans Fenster, stieß es auf und rief mit zorniger Stimme: ›Geh zu Bett, du wütiger Kain!‹ Ihr könnt mir's glauben, ich erbebte bei diesem Wort. Denn er hatte mich schon Kain genannt, da ich es doch erst werden wollte. Er hatte es vorausgesehen! Ach Gott, ach Gott! Ich konnte mich kaum nach Hause schleppen; meine ganze Widerspenstigkeit war hin, und bis auf den heutigen Tag kann ich seitdem nur trauern und stöhnen.«
War er in seiner Erzählung so weit gekommen, versank der Diakon gewöhnlich in Gedanken, seufzte, und fuhr nach einer Minute in melancholischem Tone fort:
»Und nun fliehen und fließen die Tage dahin, aber der Zorn des Vater Sawelij ist bis auf heute nicht von ihm gewichen. Ich ging zu ihm und klagte mich selber an; ich klagte mich an und tat Buße. Ich sprach: ›Vergebt mir, wie der Herr den Sündern vergibt‹ – aber ich erhielt nichts zur Antwort, als ›Geh.‹ Wohin? Wohin soll ich gehen, frage ich. Mit den Leuten da werde ich wirklich noch zum Kain … Ich weiß es, ich weiß es genau, nur er allein, nur der Vater Sawelij vermag mich in Subordination zu halten – und er … und er …«
Bei diesen Worten kamen dem Diakon die Tränen in die Augen und leise aufschluchzend schloß er seinen Bericht:
»Und er spielt ein so böses Spiel mit mir – er schweigt! Was ich auch sage, er schweigt! … Warum schweigst du?« schrie der Diakon plötzlich laut auf und fing nun wirklich an zu schluchzen. Dabei streckte er beide Arme in der Richtung aus, wo sich nach seiner Voraussetzung das Haus des Propstes befinden mußte. – »Meinst du, das wäre recht gehandelt? Ist es recht, wenn ich in meinem Amte als Diakon zu ihm trete und sage: ›Vater, segne mich‹ – und ich küsse dann seine Hand und fühle, daß sogar sie für mich eiskalt ist! Ist das recht? Am Pfingsttage, vor dem großen Gebet, kam ich, in Tränen zerfließend, zu ihm und bat ihn: segne mich … Aber er zeigte keine Rührung. ›Sei gesegnet,‹ sagte er. Was soll mir dieser Formenkram, wenn alles ohne Freundlichkeit geschieht!«
Der Diakon rechnete auf Trost und Unterstützung.
»Verdien' dir seine Freundlichkeit,« sagte ihm der Vater Zacharia, »verdiene sie dir ordentlich, und er wird dir verzeihen und wieder gut zu dir sein.«
»Wie soll ich sie mir denn verdienen, Vater Zacharia?«
»Durch musterhaftes Betragen.«
»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert, immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich meinetwegen. … Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat …«
Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen die linke Handfläche und brummte:
»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!«
Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll.
Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka, nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt, die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm zu hören bekommen.
Viertes Kapitel.
Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille, flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer. Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen »Onkel Kotin« genannt wird.
»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber.
Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt. Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich heran.
»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie.
»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.«
»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen, Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.«
Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist, schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße, ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit, mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit, mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt. Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster, um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt den Batawin-Berg herab und singt:
Es ruht die Welt im Frieden
Der lauen Frühlingsnacht,
Längst haben alle Müden
Die Augen zugemacht.
Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter:
Da klopft mit seinem Stecken
Cupido an mein Tor,
Und ich in jähem Schrecken
Fahr' aus dem Traum empor.
Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit schauerlichem Pathos:
Wer – frag ich – ist der Kühne,
Der da zu klopfen wagt?
Die aus ihren Träumen aufgeschreckte Pröpstin schreit leise auf und eilt in das Innere des Zimmers zurück.
Als der Diakon ihren Schreckensruf hört, unterbricht er sofort seinen Gesang.
»Ihr schlaft noch nicht, Natalia Nikolajewna?« fragt er, packt dabei mit beiden Händen das Fensterbrett und schwingt sich auf das Gesimse.
»Wir haben Frieden!« ruft er.
»Was?« fragt die Pröpstin.
»Friede,« antwortet der Diakon, »Friede.«
Achilla fährt mit der Hand durch die Luft und fügt hinzu:
»Der Vater Propst … hat ein Ende gemacht.«
»Was redest du da. Was für ein Ende?« fragt die Pröpstin erregt.
»Schluß! … Der Streit mit mir hat ein Ende! … Von nun an herrscht Frieden und Wohlgefallen. Den wievielten haben wir heute? Den vierten Juni. Notiert's Euch: ›am vierten Juni Frieden und Wohlgefallen‹. Denn Friede soll mit allen sein. Der Lehrer Warnawka kriegt's jetzt aber zu spüren.«
»Was hast du? Nach Branntwein riechst du nicht und schwindelst doch.«
»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, – notiert Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.«
Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert, sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend:
»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?«
»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn getan?«
»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.«
»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin.
»Nein, er hat ihn gekocht!«
»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht Platz.«
»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort, »und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«
»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«
»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin, aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges – coppe vachée heißt's auf französisch – gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will – sagt er – Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das notieren …«
Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen, denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur vom Vater Propst kommen konnte.
»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims auf die Erde und geht seines Weges.
Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt. Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander stoßen oder aneinander hängen bleiben.
Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.
Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des »Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.
»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.
»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe –«
»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.
»Ja, ich bitte dich, schlafe.« … Und mit diesen Worten setzte der Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu denen er hin und wieder gern zurückkehrte.
Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht dringt.
Fünftes Kapitel.
Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.
Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten. Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, – und ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, – und ging nicht. Ich bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen, denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«
»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«
»1833 am 8. Februar fuhr ich mit meiner Gattin aus dem Dorfe Blagoduchowo nach Stargorod und gelangte am 12. zur Frühmesse daselbst an. Unterwegs wären wir fast von Wölfen gefressen worden. In der Gemeinde fand ich viel Unordnung vor. Die Altgläubigen sind im Besitz großer Macht. Nachdem ich mich etwas umgeschaut hatte, sah ich, daß der Kampf gegen das Schisma nach den konsistorialen Vorschriften wenig Wert hat. Ich schrieb das ans Konsistorium und erhielt einen Verweis.«
Der Propst überschlug ein paar Eintragungen und blieb dann wieder bei der folgenden stehen: »Nachdem ich einen Verweis für Untätigkeit erhalten, die man daraus zu ersehen meint, daß ich nicht mit reichlichen Denunziationen aufwarte, suchte ich mich zu rechtfertigen, indem ich darauf hinwies, daß die Schismatiker nichts anderes täten, als was man schon längst von ihnen wisse, und fügte diesem Bericht noch hinzu, daß vor allem der orthodoxe Klerus in äußerster Armut lebe, und infolgedessen, in Anbetracht der Schwäche der menschlichen Natur, gegen Bestechung nicht unempfindlich sei und sogar selber der Ketzerei Vorschub leiste, gleich anderen Verteidigern der Orthodoxie, indem er Spenden von den Ketzern annehme. Ich schloß damit, daß man mit der Befreiung der Geistlichkeit aus ihrer schweren Abhängigkeit beginnen müsse, wenn man die Schäden der Kirche heilen wolle. Für selbigen Versuch erhielt ich abermals einen Verweis und wurde zu einer persönlichen Aussprache zitiert, bei der ich ein »unehrerbietiger Ham« genannt wurde, der »die Blöße seines Vaters aufdeckt«.«
Etwas weiter, nach einigen anderen Notizen, stand zu lesen: »Ich war in Geschäften in der Gouvernementsstadt, und als ich mich dem Bischof vorstellte, berichtete ich ihm persönlich von der Armut des Klerus. Seine Eminenz zeigten sich sehr gerührt, aber sie bemerkten, daß auch unser Herr selber nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte, und doch nicht müde ward zu lehren. Er riet mir, ich solle den Klerikern das Buch ›Von der Nachfolge Christi‹ zur Lektüre empfehlen. Darauf erwiderte ich Seiner Eminenz nichts, und es wäre auch unnütz gewesen, denn bei unserer Armut können wir dieses Buch gar nicht beschaffen.
Höchst politisch brachte ich bei der Abendtafel beim Vater Schließer von der Domkirche das Gespräch nochmals auf diesen Gegenstand. An der Tafel nahmen noch der Vater Propst und der Konsistorialsekretär teil. Aber sie zogen meine Worte ins Scherzhafte. Der Sekretär sagte spöttisch, daß der Arme leichter ins Himmelreich komme, – was wir auch ohne Seine Wohlgeboren schon wußten, der Vater Schließer aber erzählte bei dieser Gelegenheit eine nicht üble Anekdote von einem Studenten der Akademie, der später ein berühmter Gottesmann und Prediger wurde. Dieser hätte nämlich noch als Laie auf die Frage des Bischofs, ob er irgend Vermögen besitze, geantwortet:
»Freilich besitze ich welches, Eminenz.«
»Bewegliches oder unbewegliches?« fragte dieser, worauf jener erwiderte:
»Sowohl bewegliches, wie unbewegliches.«
»Was besitzest du denn an beweglichem Gut?« fragte abermals der Bischof, indem er des Jünglings ärmliches Gewand betrachtete.
»An beweglichem Gut besitze ich ein Haus im Dorf,« antwortete der Befragte.
»Wie kann denn ein Haus als bewegliches Gut gelten? Bedenke, wie dumm deine Antwort ist.«
Jener aber, nicht im geringsten verlegen, entgegnete, seine Antwort wäre ganz richtig, denn sein Haus sei solcher Art, daß, sobald der Wind es anblase, es in heftige Bewegung gerate.
Dem Bischof erschien diese Antwort so eigenartig, daß er den Studiosus nicht mehr für einen Dummkopf zu halten vermochte, sondern höchst interessiert weiterfragte:
»Was nennst du denn dein unbewegliches Gut?«
»Mein unbewegliches Gut,« sprach der Student, »ist meine Mutter, die Küstersfrau, und unsere braune Kuh, die beide ihre Füße nicht bewegen konnten, als ich die Heimat verließ, die Mutter vor Altersschwäche, die Kuh wegen Futtermangels.«
Alle lachten sehr darüber, obgleich ich an der Geschichte mehr Trauriges und Tragisches fand als Komisches. Ich beginne, bei allen eine große Lachlust und einen Leichtsinn zu bemerken, wovon ich wenig Gutes erwarte.
Mein Leben geht in Schlafen und Essen dahin. Das Schisma kann ich auf keine Weise bekämpfen, denn ich bin in allem gebunden, sowohl durch meinen halbverhungerten Klerus, als durch den allzu satten Polizeichef. Es empört mich, daß ich gleichsam zum Spott als Missionar hierher gesandt bin. Ich soll predigen – und keiner will mich hören; ich soll lehren – und keiner will lernen. Der Polizeichef predigt viel besser als ich, denn er hat so ein gewisses Missionsinstrument mit zwei Enden, – von mir aber verlangt man Denunziationen. Eminenz! Was sollen diese Denunziationen, was soll in sie eingewickelt werden? Mir verbietet, soweit ich die Sache verstehe, mein Amt, dergleichen zu schreiben. Lieber will ich, wenn es nötig ist, reines Papier hergeben …«
»Heute morgen, am 18. März 1836, deutete meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna an, daß sie sich gesegneten Leibes fühle. O Herr, schenke uns diese Freude! Zu erwarten Ende November.«
»Am 9. Mai, dem Tage des heiligen Nikolaus, wurde auf obrigkeitlichen Befehl die altgläubige Kapelle in Dejewo zerstört. Es war ein schauerliches, unwürdiges und wahrhaft empörendes Schauspiel. Zu allem andern riß noch das Eisenkreuz von der Kuppel ab und blieb an den Ketten hängen. Als die Zerstörer mit ihren Feuerhaken es voller Erbitterung ganz herabzuzerren sich bemühten, stürzte es plötzlich herunter und zerschmetterte einem Feuerwehrsoldaten den Schädel, daß er tot liegen blieb. Er war ein Jude. O wie weh tat es mir, das alles mit ansehen zu müssen! Herr, mein Gott! Sie sollten doch wenigstens keine Juden beauftragen, das Kreuz herabzureißen! Abends versammelte sich das Volk auf der Trümmerstätte und ihre und unsere Geistlichkeit kam auch hin, und alle haben wir geweint und zuletzt fielen wir uns in die Arme.«
»10. Mai. Die Obrigkeit hat einen großen Fehler begangen. Kurz vor Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, das Volk habe eine heilige Lampe auf die Steine gestellt und halte eine Gebetsversammlung beim zerstörten Gotteshaus ab. Wir gingen alle hinaus und fanden die Leute wirklich beim Gebet. Ein alter Mann hielt die Lampe in der Hand und sie erlosch nicht. Der Stadthauptmann gab leise Befehl, die Feuerspritzen heranzufahren und die Menge mit Wasser zu begießen. Das war höchst unbedacht, ich kann sogar sagen: dumm – denn das Volk zündete Kerzen an und ging heim. Dabei sang es vom »grausamen Pharao« und rief: »Der Herr hilft dem verfolgten Glauben und der Wind verlöscht die Lichter nicht!« Ich machte den Stadthauptmann darauf aufmerksam, wie unvorsichtig seine Verordnung gewesen, die Kapelle zu zerstören, das Kreuz herabzureißen und das Marienbild fortzuschaffen. Aber was kümmert er sich drum?«
»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel angesehen werden.«
»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.«
»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen, wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen Angelegenheit abgebe … War das eine Erklärung! … Wehe mir armen Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten, meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung, die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen gefertigt ist.«
»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte, vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.«
»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit! Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste, woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte, der alles so gefügt hat, wie es ist.«
»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan; allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls. Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende, der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel, die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude, klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden. Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang laut Halleluja! … Halleluja, Herr mein Gott! – sang auch ich still für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen, Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. … Mir ist ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!«
»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht: sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns Gott doch noch – –« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, – – und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird, noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen. Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war, denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns, liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte mich tief, – – »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als ein übertünchter Sarg. Amen.«
Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz ex promptu gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war. Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen.
Gewissermaßen als Belohnung für mein aufrichtiges Wort über das Glück, nicht bloß für die eigenen, sondern auch für fremde Kinder sorgen zu können, hat der Allgegenwärtige und Allwaltende auch meine Unwürdigkeit in seine Vaterhand genommen. Er hat mir heute den ganzen wahren Wert des Schatzes offenbar gemacht, den ich dank seiner unermeßlichen Milde besitze. Eben komme ich mit fünf nach der Messe geweihten Äpfeln heim, da erwartet mich an der Schwelle eine alte gute Bekannte: meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna. Sie war während des Schlußgesanges leise hinausgeschlichen und hatte mir daheim nach Gewohnheit den Tee nebst einem leichten Frühstück bereitet. Nun steht sie kerzengerade auf der Schwelle, nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Strauß von Wasserlilien und Gartenlevkojen. »Nun, bist du nicht ein hinterlistiges Weib, Natalia Nikolajewna!« sage ich, der ihr sonst nie Hinterlist vorgeworfen. Aber sie begriff, daß es im Scherz gesagt war, umhalste mich und begann leise zu weinen. Woher diese Tränen? – Das ist ihr Geheimnis, allein für mich ist dieses dein Geheimnis nicht geheimnisvoll, liebes Weib, daß du nicht weißt, wie es seinen Gatten trösten soll, und das ihm den Trost Israels, den kleinen Benjamin, nicht schenken darf. Ja, nur mit Wasserlilien und Gartenlevkojen begrüßte mich an diesem Tage ihr in Liebe und Wohlwollen weit aufgetanes Herz! In stiller Bekümmernis setzten wir zwei Kinderlosen uns an den Teetisch, doch nicht der Tee, sondern unsere Tränen wurden uns zum Trank; und Hand in Hand sanken wir nieder vor dem Bilde des Heilandes und lange und heiß beteten wir zu ihm um den Trost Israels. Natascha entdeckte mir später, daß sie gleichsam eine Engelstimme vernommen habe, und ob ich gleich verstand, daß dieses nur eine Frucht ihrer Phantasie gewesen, so wurden wir doch beide froh wie die Kindlein. Ich muß aber bemerken, daß auch in dieser Stimmung Natalia Nikolajewna mich, den rohen Mann, an Findigkeit des Geistes und an Würde der erhabenen Gefühle weit übertraf.
»Sage mir, Vater Sawelij,« fragte sie lieblich kosend, »sage mir, Lieber, hast du nicht irgendeinmal, ehe du mich gefunden, gegen das Gebot der Keuschheit gesündigt?«
Eine solche Frage, muß ich gestehen, machte mich äußerst verlegen, denn ich begriff plötzlich, warum meine unartige Gattin etwas ihr so wenig Geziemendes erfahren wollte.
Aber mit ihrer ganzen ausgezeichneten Bescheidenheit und all jener weiblichen Koketterie, die sie auch als Pfarrersfrau von der Natur geerbt hat, begann sie mich mit Erinnerungen aus meiner verflossenen Jugendzeit zu locken, und wies darauf hin, daß das, was sie angedeutet, sehr leicht hätte geschehen können, denn ich sei damals so schmuck gewesen, daß alle Mädchen, nicht nur aus geistlichen, sondern auch aus weltlichen Häusern, mir nachgeseufzt hätten, als ich in die Stadt Fatesh gekommen sei, um bei ihrem Vater um sie anzuhalten. So erheiternd das auch war, so suchte ich doch alle ihre Zweifel über meine Jugend zu zerstreuen, was mir auch nicht schwer fiel, denn ich brauchte nur die reine Wahrheit zu sagen. Allein je eifriger ich sie beruhigte, desto betrübter ward sie, und ich konnte nicht fassen, warum meine Rechtfertigung sie gar nicht erfreute, sondern nur immer trauriger machte, bis sie endlich sagte:
»Denke nach, Vater Sawelij, vielleicht, wenn du doch leichtsinnig gewesen … gibt es irgendwo noch ein Waisenkind …«
Nun erst verstand ich, was sie klar auszusprechen sich geschämt hatte: sie will mein illegitimes Kind ausfindig machen, das gar nicht vorhanden ist! Welche Herzensgüte! Wie ein Stier, den die Bremse gestochen hat, riß ich mich von meinem Platze, stürzte nach dem Fenster und richtete meine Blicke in die himmlische Ferne hinaus, daß nur der Himmel mich sehe, mich, den sein Weib so durch seine Güte und Sorglichkeit beschämt hatte. Sie aber, meine Lilien- und Levkojenfreundin, meine weiße, keusche, süß duftende Rose, mit leichten Schritten schlich sie mir nach und legte ihre kleinen Pfötchen mir auf die Schultern und sprach:
»Denke nach, Liebster: vielleicht ist irgendwo ein Vöglein vorhanden, und ist es so, dann lasse uns gehen und es holen!«
Nicht nur aufsuchen will sie das Kind, – sie hat es schon lieb, sie bemitleidet es wie ein noch unbefiedertes Vöglein! Das ward mir zu viel, ich biß mich in den Bart, fiel vor ihr in die Knie, neigte mich tief zur Erde und brach in jenes Schluchzen aus, das keiner auf Erden zu schildern vermag. Und in Wahrheit, saget mir, alle Zeiten und Völker, – wo außer in unserem heiligen Rußland, werden Frauen geboren, wie diese Tugend? Wer hat sie das alles gelehrt? Wenn nicht Du, allgütiger Gott, der Du sie deinem unwürdigen Knecht gegeben hast, daß er Deine Größe und Deine Güte näher fühlen solle!«
Hier war im Tagebuch des Vaters Sawelij fast eine ganze Seite mit Tinte begossen und unter dem Fleck standen die Zeilen:
»Weder will ich diesen Fleck entfernen noch eine gewisse Ungeschicklichkeit und Monotonie des Ausdrucks, die ich in den letzten Zeilen finde, verbessern; mag alles so bleiben, denn alles, was dieser Augenblick mir geschenkt hat, ist mir in seiner gegenwärtigen Gestalt teuer. Meine Pfarrerin konnte heut von ihren Schelmereien nicht lassen, obgleich es schon auf Mitternacht geht und sie gewöhnlich um diese Zeit schon zu schlafen pflegt. Ich aber ziehe es vor, mich in der Stille der Nacht noch an einem passenden Buch zu erquicken, oder auch meine Memorabilien aufzuzeichnen, und oft, wenn ich etwas geschrieben habe, trete ich an ihr Lager und küsse die Schlafende, und wenn mich etwas betrübt hat, so schöpfe ich aus diesem Kusse neuen Mut und neue Kraft, und schlummere dann friedlich ein. Heut aber ist es anders gegangen. Nach diesem Tage, der mir eine solche Menge verschiedenartigster Empfindungen gebracht hat, war ich so in die Schilderung alles dessen, was auf den vorhergehenden Blättern geschrieben steht, vertieft, daß ich mein arges Weiblein gleichsam in meiner Seele selbst fühlte, und da meine Seele sie küßte, dachte ich nicht daran, an ihr Bett zu treten und sie zu küssen. Sie aber, die Feine und Arglistige, hatte diese meine Unterlassung wohl bemerkt und machte sie in unglaublich eigener Weise gut: vor einer Stunde kam sie zu mir, legte mir ein reines Schnupftuch auf den Tisch, gab mir einen Kuß und ging dann, scheinbar ganz ernst, zur Ruhe. Aber welch unfaßbare weibliche Schlauheit muß ich an ihr entdecken! Wie ich so ganz ernst dasitze und schreibe, sehe ich, daß mein Tuch sich scheinbar bewegt und auf den Boden fällt. Ich bückte mich, legte es wieder auf den Tisch und schrieb weiter; aber das Tuch fiel wieder auf den Boden. Ich nahm den Flüchtling und fesselte ihn, indem ich das Tintenfaß auf ihn stellte, aber er entwich von neuem und riß sogar das Tintenfaß mit, welches umfiel und meinen Kalender mit diesem mächtigen Fleck zierte. Was sollte nun diese Leinwandflucht bedeuten? Sie bedeutet, daß meine Pfarrerin eine ausgemachte Kokette ist, und zwar eine von ganz seltener Art, denn sie kokettiert nicht mit andern guten Leuten, sondern mit dem eigenen Ehgemahl. Sie hatte an das Tuch, das sie mir gebracht, heimlich einen recht langen Faden befestigt, durch die Türritze bis zu ihrem Bette gezogen, und während sie ganz still daliegt, zupft sie scherzend an dem Faden, so daß mir das Tuch aus der Hand gleitet. Und ich dickfelliger Kerl entdeckte dies nur, weil bei dem letzten Fallen des Tuches hinter der Tür ein leises fröhliches Lachen ertönte, und ich ihre nackten Füßchen stampfen hörte!«
»7. August. Die ganze vorige Nacht habe ich vor Glück nicht schlafen können, und ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß auch Natascha an dieser Nachtwache nicht unbeteiligt war. Wie die Verliebten vor St. Peter auf die Sonne warten, so saßen wir im sechsten Jahr unserer Ehe im Fenster und harrten des Sonnenaufgangs. Meine Liebste gestand mir, daß sie oft nicht schlafe, wenn ich schreibe, und sich nur schlafend stelle. Auch manches andere gestand sie mir noch; so, daß sie gestern in der Kirche, als sie meiner Predigt zuhörte, die ihr ganz besonders gefallen habe, das Gelübde abgelegt habe, zu Fuß nach Kiew zu pilgern, sobald sie sich gesegneten Leibes fühle. Ich billigte das nicht, denn eine solche Wanderung ist den Kräften einer Schwangeren gar nicht angemessen; ich erlaubte ihr aber doch, das Gelübde zu erfüllen, denn bei einer so großen Freude würde ich selbstverständlich auch mitgehen und wenn sie ermüdet, würde ich sie tragen. Wir machten gleich einen Versuch. Ich trug sie lange auf meinen Armen durch den Garten und träumte, sie wäre schon guter Hoffnung und ich behütete sie, daß ihr auf der Wanderung kein Unheil zustoße. Und so sehr gewann dieser Sehnsuchtstraum Gewalt über mich, daß ich, als Natascha sich scherzend auf die Schaukel setzte, welche das kleine Mädchen der Köchin sich an einem Apfelbaum befestigt hatte, diese Schaukel herunternahm und sie ganz hoch in den Baum warf, damit in Zukunft nichts dergleichen geschehe, worüber Natascha sehr lachte. Allein, obgleich auch mein Leben nicht reich ist an Dingen, die sorgfältig geheimgehalten werden müßten, so ist es dennoch gut, daß der Wirt unseres Hauses seinen Garten mit einem festen Zaun umgeben hat, und Gott längs diesem Zaun die Himbeersträucher recht dicht hat wachsen lassen, denn sonst hätte am Ende dieser oder jener gesagt, daß es keine Sünde wäre, den Popen Sawelij einmal auch einen Hansnarr zu nennen.«
»9. August. Ich notiere eine höchst erheiternde Begebenheit, wie meine Gattin heut mit dem Sohne des Diakon, einem Seminaristen der Rhetorikklasse, in richtigen Streit geriet. Das war ein Kasus und eine Komödie zugleich. Sie stritten darüber, wer der klügste Mann auf Erden gewesen. Der Rhetor sagte: Salomo, meine Pfarrerin aber behauptet, ich sei's, und ich muß zugeben, daß diesesmal der üppige König von Zion einen weit weniger standhaften Advokaten fand, als ich. O, wie hab' ich gelacht! Was nicht alles in dieser Welt passieren kann! Ich hörte das alles aus dem Schlafzimmer, wo ich meine Nachmittagsruhe hielt; als ich erwacht war, wagte ich die Disputation nicht mehr zu unterbrechen, und die zwei redeten mächtig aufeinander ein. Der Rhetor, der für die Weisheit Salomonis eintrat, berief sich auf die Worte der Schrift, daß »Salomo weiser war, denn alle Menschen«, meine Eheliebste aber schlug ihn mit folgendem Argument: »Was reibt Ihr mir Euer ›also‹ und ›denn‹ und ›sintemal‹ unter die Nase? All diese ›denn‹ und ›also‹ haben gar keine Bedeutung, weil das alles geschrieben wurde, bevor der Vater Sawelij geboren war.« Jetzt mengte sich in diesen Diskurs noch der Pfarrer von St. Nikita, Vater Zacharia Benefaktow, hinein, der dem ganzen Streite zugehört hatte, und ihn zum Schluß brachte, indem er meiner Gattin recht gab. Es sei richtig, sagte er, – will heißen, richtig in dem Sinne, daß ich damals noch nicht auf der Welt war. So behielt ein jeder von diesen drei Kritikern recht. Ich allein, dem alle ihre kritischen Meinungen zur Antikritik vorgelegt wurden, blieb im Unrecht: vorerst betrübte ich meine Natascha, indem ich ihre Meinung, ich sei der klügste von allen, verwarf, und auf ihre Frage, wer denn klüger sei als ich, antwortete, sie selber sei es. Dem ward verzweifelter Widerstand entgegengesetzt, wie er sich nur gegen die Wahrheit richten kann: »Die Klugen,« – sagte sie, – »können über alle Dinge urteilen, ich aber kann das gar nicht und diskutiere niemals. Woher kommt das?« Da faßte ich sie leise an ihrem kleinen Näschen und erwiderte: »Du mischst dich darum nicht gerne in die Diskussion, weil du statt einer widerspenstigen Nase nur dieses kleine sanftmütige Knöpfchen hast.« Sie verstand wohl, was ich mit diesem Scherz sagen wollte, – nämlich ihre Herzensmilde ins rechte Licht rücken – und sie suchte nun es zu widerlegen, indem sie daran erinnerte, wie sie einmal mit der Postmeistersfrau handgemein geworden sei, um ihr ein Dienstmädchen zu entreißen, das jene unmenschlich hart strafen wollte.«
»15. August, Mariä Himmelfahrt. Während ich mich so meiner Gattin freute, hatte ich gar nicht bemerkt, daß meine Predigt am Verklärungstage, von der Natascha so erbaut gewesen, auf andere Leute anders gewirkt hatte, und daß ich eine mir höchst unerwünschte Mißstimmung unter einigen Leuten in der Stadt hervorgerufen hatte. Meine andächtigen Zuhörer, natürlich nicht alle, aber einige, und unter diesen in erster Linie die Postmeisterin Timonowa, fühlen sich gekränkt, daß ich sie durch meine Anspielung auf Pizonskij herabgesetzt habe. Indessen, das sind alles nur Torheiten müßiger und unkluger Geister. Nach und nach wird das an dem Selbstgefühl der hohen Herrschaften wieder abtrocknen, wie die Wunden am Fell des Hundes.«
»3. September. Ich war in einem großen Irrtum befangen. Die Angelegenheit ist keineswegs erledigt. Aus dem Konsistorium kam eine Anfrage, ob ich wirklich eine Predigt mit Hinweis auf eine lebende Person improvisiert hätte? Ach Gott, was für eine Angst hat man bei uns vor allem Lebendigen! Nun, ich habe denn auch geantwortet, ich hätte dieses und das gesagt. Ich meine, man wird mich dafür nicht hängen und mir den Kopf nicht abhauen, – und doch ist mir gegen meinen Willen unbehaglich zumute, und meine Ruhe ist hin.«
»20. Oktober. Gewiß können sie einem den Kopf nicht abschlagen, aber den Mund können sie einem stopfen, und das haben sie denn auch nicht ermangelt zu tun. Am 15. September wurde ich zur Rechenschaft gezogen. Schon diese Hast ließ wenig Gutes vermuten, denn mit dem Guten haben's die Leute bei uns nicht eilig, am allerwenigsten die Machthaber. – Trotzdem machte ich mich voller Mut auf den Weg. Dieser wurde zuerst dadurch abgekühlt, daß ich 36 Tage ohne Bescheid blieb, und dann der Befehl kam, hinfort alles, was ich zu sagen gedenke, vorerst dem Zensor Troadij vorzulegen. Das wird niemals geschehen, lieber will ich stumm sein wie ein Fisch. Vergib mir meinen Hochmut, Allwalter, aber ich kann das Amt des Predigers nicht mit kalter Leidenschaftslosigkeit ausüben. Ich fühle mitunter, wie etwas über mich kommt, wenn meine geliebte Gabe wirken will. Dann erfaßt mich eine, ich kann wohl sagen heilige Unruhe; meine Seele bebt und glüht und die Worte fallen wie feurige Kohlen von meinen Lippen. Nein, dann trägt meine Seele ihr eigenes Zensurgesetz in sich! … Und sie verlangen, ich soll an Stelle der lebendigen Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, rhetorische Übungen hervorbringen!
Nein! lieber mögt ihr euch schließen, ihr Lippen, die ihr nicht zu schmeicheln wißt, lieber sollst du schweigen, mein schlichtes Wort! Gezwungen predigen mag ich nicht.«
»23. November. Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, daß mein Leben aller Abwechslung entbehrt. Im Gegenteil, es geht alles bunt durcheinander, so daß die Spannung keinen Augenblick nachläßt. Achtzehn Werst von unserer Stadt, in dem großen Kirchdorf Plodomasowo, lebt die Besitzerin dieses Dorfes, die Bojarin Marfa Andrejewna Plodomasowa. Dieser Knüppel ist von so altem Holz, daß man schon längst keinerlei Lebenszeichen an ihm bemerkt hat; man weiß nur aus alten Erinnerungen, daß sie eine Frau von nicht geringem Geiste war. An die zwanzig Jahre schon kann kein Fernerstehender sich rühmen, die Bojarin Plodomasowa gesehen zu haben.
Vorgestern, kurz vor zwölf Uhr mittags, war ich unsagbar erstaunt, als ich eine große herrschaftliche Droschke, mit drei Füchsen bespannt, vor meinem Hause vorfahren sah. Im Wagen saß ein absonderlich kleines Männlein, in einer haarigen Filzmütze mit langem Schirm und in einem braunen Mantel, den eine Menge übereinanderliegender Kapuzen und Pelerinen zierten.
Was, dachte ich, kann das für eine seltsame Person sein, und kommt sie auch wirklich zu mir oder hat sie nur irrtümlicherweise den Weg zu mir genommen? Diese meine Zweifel wurden aber sehr bald durch jene geheimnisvolle Person selbst gelöst, die in mein Wohnzimmer trat, mit jenem überaus feinen Anstand, welcher mir stets so wohlgefiel. Vorerst bat der Gast um meinen Segen, dann machte er mit seinem ausnehmend kleinen Füßchen einen Kratzfuß, trat mit einer Verbeugung zwei Schritte zurück und sprach:
»Meine Herrin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, haben mir einen Gruß an Euch aufgetragen, Vater Sawelij, und bitten Euch, alsbald mit mir zu ihr zu kommen.«
»Darf ich nun meinerseits,« sprach ich, »erfahren, mein Herr, aus wessen Munde ich das alles höre?«
»Ich bin,« erwiderte der Kleine, »ein Leibeigener Ihrer Exzellenz, der gnädigen Frau Marfa Andrejewna, und nenne mich Nikolai Afanasjew.«
Nachdem dieses winzige Persönchen sich mir so vorgestellt hatte, erinnerte es mich nochmals daran, daß seine Herrin mich erwarte.
Während ich mich im Nebenzimmer ankleidete, knüpfte dieser interessante Zwerg eine Unterhaltung mit Natalia Nikolajewna an und brachte sie durch seine Reden in helles Entzücken. Und wahrlich, es liegt in den Worten und in der ganzen Redeweise dieses winzigen Greises etwas unaussprechlich Liebliches. Dazu kommt noch sein feiner Anstand und eine große Freundlichkeit. Dem Dienstmädchen, das ihm ein Glas Wasser brachte, legte er einen Zwanziger auf das Tablett, und als sie zögerte, das Geld zu nehmen, wurde er selbst verlegen und sagte: »Nein, meine Beste, tun Sie das mir nicht an, es ist das nun mal so meine Gewohnheit.« Und als meine Pfarrerin zu mir hinausgegangen war, um mir die Haare zu salben, nahm er das schmutzige Mädelchen der Köchin, das der Mutter nachgelaufen war, bei der Hand und sagte: »Hör mal, wie die Entchen da unten am Flusse schwatzen. Die Ente, die feine Dame, sagt zum Enterich, dem Kavalier: Kauf mir 'ne Kappe, kauf mir 'ne Kappe! – und der Enterich antwortet: Hab schon, hab schon, hab schon!« Das Kind lachte laut, und auch ich konnte mich bei dieser Auslegung des Entengeschnatters eines Lächelns nicht erwehren. Dessen hätte sich auch der Herr Lafontaine oder unser Iwan Krylow nicht zu schämen brauchen.
Die Fahrt verlief mir im Gespräch mit diesem wunderbaren Zwerge so schnell, daß ich kaum etwas vom Wege sah. So viel Verstand, Reinheit und Gesundheit fand ich in allen seinen Reden.
Nun aber kommt die Hauptsache: die Stunde der Begegnung mit der einsamen Bojarin nahte.
Es wundert mich nicht wenig, daß ich in der Erwartung, obschon ich von Natur keineswegs schüchtern bin, doch so etwas wie eine kleine Verzagtheit verspürte. Nikolai Afanasjewitsch führte mich durch eine Reihe Gemächer, deren Prunk und äußerste Sauberkeit mich staunen machten, und blieb endlich in einem runden Zimmer mit zwei Reihen Fenstern stehen, deren Wölbungen mit bunten Scheiben geziert waren. Hier fanden wir eine alte Frau, die nur um ein Geringes größer war als Nikolai. Als wir eintraten, stand sie da und drehte den Griff einer großen Orgel. Fast hätte ich sie für die Herrin selbst gehalten und ihr eine Verbeugung gemacht. Aber als sie uns erblickte, – dank der weichen Teppiche, die in allen Gemächern den Fußboden bedeckten, waren wir unhörbar eingetreten – verstummte sofort ihre Musik, und mit einer etwas tierischen Hast eilte sie in den Nebenraum, dessen Eingang ein großer Vorhang aus weißem Atlasstoff schloß, der mit allerlei chinesischen Figürlein in farbiger Seide bestickt war.
Diese Frauensperson, welche mit solcher Hast hinter dem Vorhang verschwand, war, wie ich später erfuhr, die leibliche Schwester des Nikolai und ebenfalls eine Zwergin. Es fehlte ihr aber die Liebenswürdigkeit, die aus der ganzen äußern Erscheinung ihres sanften Bruders sprach.
Nikolai folgte seiner Schwester hinter den Vorhang, nachdem er mich gebeten hatte, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Während der halben Stunde, welche ich warten mußte, empfand ich eine gewisse Bitterkeit im Munde, die mir noch aus meiner Kindheit, von den Schulprüfungen her, so gut im Gedächtnis geblieben war. Aber auch das nahm ein Ende. Hinter dem Vorhang vernahm ich die Worte: »Nun zeig mir mal den klugen Popen, der, wie ich höre, gewohnt ist, die Wahrheit zu reden.«
Wie auf den Wink eines Zauberers, an unsichtbaren Schnüren gezogen, teilte sich der Vorhang plötzlich, und die Bojarin Plodomasowa stand vor mir. Ihre Stimme, die ich zuvor gehört hatte, widerlegte schon meine Meinung von ihrer Hinfälligkeit, und ihre Erscheinung tat es noch mehr. In einer Fülle der Kraft, die, schien es, nie versiegen konnte, stand die Bojarin vor mir. Von Wuchs nicht groß und auch nicht besonders üppig, scheint sie gleichsam über allem zu herrschen. Auf ihrem Antlitz liegt der Ausdruck einer großen Strenge und Wahrhaftigkeit, und, nach den Zügen zu schließen, muß es einstmals sehr schön gewesen sein. Ihr Gewand ist seltsam und zu der heutigen Zeit wenig passend, ein Halbrock aus hellem Tuch, darunter ein Sammetrock, grell orangegelb, und gelbe Stiefelchen auf hohen silbernen Absätzen. Um den Kopf windet sich mehrfach, wie bei einer Türkin, ein großer brauner Schal. In der Hand hält sie einen Stock mit einem Amethyst-Knopf. Zu ihrer Rechten stand Nikolai Afanasjewitsch, zur Linken Maria Afanasjewna, hinter ihr der Pfarrer der Dorfkirche, Vater Alexei, ein entlassener Leibeigener, der auf ihre Anordnung zum Priester geweiht worden war.
»Guten Tag,« sagte sie, ohne den Kopf auch nur im geringsten zu senken. »Es freut mich, daß ich dich zu sehen bekomme.«
Ich erwiderte ihren Gruß mit einer Verbeugung, welche recht ungeschickt war, glaube ich.
»Komm her und segne mich,« sagte sie.
Ich trat zu ihr und segnete sie. Sie ergriff meine Hand, um sie zu küssen, was ich auf jede Weise zu verhindern suchte.
»Zieh deine Hand nicht weg,« sagte sie, als sie es bemerkte. »Ich huldige nicht dir, sondern deinem Amte. Setze dich jetzt, und wir wollen ein wenig miteinander bekannt werden.«
Wir setzten uns, – das heißt sie, ich und der Vater Alexei. Die Zwerge stellten sich zu beiden Seiten der Herrin auf.
»Vater Alexei hat mir gesagt, dir sei die Gabe der Rede und ein klarer Verstand verliehen. Er selber versteht nichts davon, er hat's aber wohl von den Leuten gehört. Ich habe lange schon keine klugen Leute gesehen, und da wollt' ich dich einmal zu meiner Zerstreuung anschauen. Sei mir alten Frau deswegen nicht böse.«
»Man hat dich hergeschickt,« fuhr sie fort, »die Altgläubigen zu bekehren?«
»Ja,« erwiderte ich, »mit meiner Ernennung hierher war auch diese Absicht verbunden.«
»Ich meine,« sagte sie, »es ist ein nutzloses Unterfangen. Den Dummen belehren und den Toten kurieren zu wollen ist eins des andern wert.«
Ich weiß nicht mehr, in was für Worte ich meine Antwort, daß ich nicht alle Altgläubigen für dumm halte, kleidete.
»Nun, wenn du sie für so klug hältst, – wie viele hast du schon auf den rechten Weg geleitet?«
»Noch kann ich mich keiner Erfolge rühmen,« entgegnete ich, »aber das hat seine Gründe.«
Sie: »Was für Gründe meinst du?«
Ich: »Man behandelt sie nicht in der entsprechenden Weise, und das Übel wächst infolge des Wankelmuts, den sie in der orthodoxen Gemeinde und auch bei der Geistlichkeit selbst beobachten.«
Sie: »Du sagst ›Übel‹. Was ist denn an ihnen so Übels? Harmlose Narren vor dem Herrn sind sie, deren ganze Sünde darin besteht, daß sie zuviel Bücher gelesen haben.«
Ich: »Allein, der rechtgläubige Altar leidet unter solcher Spaltung.«
Sie: »Ihr solltet diesem Altar treuer dienen und ihn nicht zum Kramladen machen, dann würde keiner von euch abfallen. Ihr handelt ja aber alle mit dem Heil, wie andere Leute mit Tuch.«
Ich schwieg.
Sie: »Bist du verheiratet oder Witwer?«
Ich: »Verheiratet.«
Sie: »Nun, wenn Gott dich mit Kindern segnet, dann nimm mich zur Taufpatin. Ich tu's gerne. Selber komm ich nicht zur Taufe, ich schicke meine Zwergin. Aber wenn du das Kind hierherbringst, will ich's selber halten.«
Ich dankte und fragte sie:
»Eure Exzellenz haben Kinder wohl gerne?«
»Welcher gescheite Mensch hat sie denn nicht lieb? Ihrer ist das Reich Gottes.«
»Exzellenz leben schon lange allein?«
Sie: »Ganz allein, sehr, sehr lange schon.« Und sie seufzte.
Ich: »Die Einsamkeit ist oft sehr schwer zu tragen.«
Sie: »Bist du denn nicht einsam?«
Ich: »Wie kann ich einsam sein, wenn ich eine Frau habe?«
Sie: »Ja, versteht denn deine Frau alles, was dich, als Mann von Verstand, quälen und betrüben kann?«
Ich: »Meine Frau macht mich glücklich und ich liebe sie.«
Sie: »Du liebst sie? Ja, aber du liebst sie mit dem Herzen, und mit den Gedanken deiner Seele bist du doch einsam. Bedaure mich nicht, daß ich so einsam bin: jeder, der in seinem Hause über die Nase seines Bruders hinaussieht, ist einsam mitten unter den Seinigen. Ich habe auch einen Sohn, aber es sind bald drei Jahre, daß ich ihn nicht mehr gesehen habe. Es ist ihm wohl zu langweilig in meiner Gesellschaft.«
Ich: »Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?«
Sie: »In Polen. Er ist Regimentskommandeur.«
Ich: »Es ist ein ruhmvolles Werk, die Feinde des Vaterlandes zu bezwingen.«
Sie: »Ich weiß nicht, wieviel Ruhm uns das bringt, daß wir uns mit diesen Polacken immer noch herumschlagen. Meiner Ansicht nach zeugt das nur von unserer Schlamperei.«
Ich: »Wir werden schon fertig, die Zeit kommt noch.«
Sie: »Die kommt nie, weil sie schon vorüber ist. Wir haben immer so dagestanden wie die Schnepfe im Sumpf: der Schnabel ist zu lang, und der Schwanz ist zu lang. Ziehn wir den Schnabel raus, bleibt der Schwanz stecken; ziehn wir den Schwanz raus, steckt der Schnabel drin. Wir schaukeln hin und her, daß alle Narren ihre Freude dran haben: einmal kommen wir den Polen mit der Knute, und das andere Mal küssen wir ihren schlauen Polinnen die Händchen. Es ist eine Sünde und Schande, die Leute so zu verderben.«
»Und doch,« sagte ich, »hält unsere Armee die Polen im Zaum, daß sie uns keinen Schaden zufügen können.«
»Niemanden hält sie im Zaum,« antwortete sie, »und diese Polen wären uns gar nicht gefährlich, wenn wir uns gegenseitig nicht fressen wollten.«
»Dieses Urteil Eurer Exzellenz,« meinte ich, »scheint mir doch etwas zu schroff.«
Sie: »Die Wahrheit ist nie zu schroff.«
»Sie erinnern sich doch gewiß noch des Jahres 1812,« bemerkte ich, »was für eine Einmütigkeit zeigte Rußland damals!«
Sie: »Jawohl, ich erinnere mich sehr gut: ich selbst habe aus diesem Fenster zugesehen, wie unsere Kosaken meine Bauern prügelten und meine Speicher plünderten.«
»Nun,« sagte ich, »so etwas kann ja vorgekommen sein, ich will die Kosaken keineswegs verteidigen, aber wir haben uns trotz allem heldenmütig behauptet gegen den Mann, vor dem ganz Europa im Staube lag.«
Sie: »Ganz recht, weil der liebe Gott und der Frost uns zu Hilfe kamen, haben wir uns behauptet.«