Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1881 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.

Namen werden im Originaltext meist gesperrt dargestellt, allerdings nicht durchgehend; Adelstitel werden nur teilweise in die Sperrung mit einbezogen. Es wurde diesbezüglich keinerlei Harmonisierung vorgenommen. Die Fußnotenanker [166] sowie [178] fehlen im Original; diese wurden vom Bearbeiter an der augenscheinlich am besten geeigneten Stelle eingefügt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Buches verschoben.

Die Buchversion wurde in Frakturtext gedruckt; Passagen in Antiquaschrift werden in der vorliegenden Fassung kursiv hervorgehoben. Ausnahmsweise werden auch die Legenden der großen Karten in Normalschrift wiedergegeben, obwohl diese im Original in Antiqua gesetzt sind. Kursive Stellen sind in diesem Fall auch in der gedruckten Fassung so dargestellt.

Einige Karten sind im Original als ausklappbare Tafeln im Format mehrerer Buchseiten ausgeführt, welche in der elektronischen Version der besseren Lesbarkeit halber teilweise in kleinere Abschnitte aufgeteilt. Die Seitenzahlen im Abbildungsverzeichnis wurden gegebenenfalls angepasst.

Die ‚Karte von Afrika in eine Portulano (Seekarte) von 1351‘ wurde in der gedruckten Fassung um 180° gedreht wiedergegeben, wohl um, entsprechend der heutigen Gewohnheit, Norden oben und Süden unten darzustellen. In der Zeit der Erstellung der Seekarte war aber die umgekehrte Darstellung üblich, so dass die eingetragenen Namen und Bezeichnungen in der Buchversion auf dem Kopf stehen. In der vorliegenden Fassung wurde die ursprüngliche Orientierung wiederhergestellt.

Die Weltkarte (‚Mapamondi‘) zwischen den Seiten 78 und 79 besteht in der Buchfassung aus einer großen Ausklapptafel, zusammen mit einem ebenso großen ‚Schutzblatt‘, von denen die erstere die katalanische Originalkarte, das letztere die deutsche Übersetzung der Legenden darstellt. Die deutschen Texte konnten derart über die Weltkarte gelegt werden, dass diese über den entsprechenden katalanischen Passagen zu liegen kommen. In der vorliegenden elektronischen Fassung wurden die entsprechenden deutschsprachigen Legenden mit den zugehörigen Kartenausschnitten am Ende der Weltkarte angefügt.

Links zu größeren Bildansichten sind möglicherweise nicht in allen Lesegeräten aktiv; einige Karten wurden daher zusätzlich in Ausschnitten vergrößert wiedergegeben. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Allgemeine Geschichte

in

Einzeldarstellungen.

Unter Mitwirkung von

Felix Bamberg, Alex. Brückner, Felix Dahn, Joh. Dümichen, Bernh. Erdmannsdörffer, Theod. Flathe, Ludw. Geiger, Richard Gosche, Gust. Hertzberg, Ferd. Justi, Friedrich Kapp, B. Kugler, S. Lefmann, Wilhelm Oncken, M. Philippson, S. Ruge, Eberh. Schrader, Bernh. Stade, Alfr. Stern, Otto Waltz, Ed. Winkelmann, Adam Wolf

herausgegeben

von

Wilhelm Oncken.


Zweite Hauptabteilung.

Neunter Theil.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen.

Von Sophus Ruge.


Berlin,

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.
1881.

Geschichte
des
Zeitalters der Entdeckungen.

Von

Dr. Sophus Ruge,
Professor am Königl. Polytechnicum zu Dresden.


Mit Illustrationen und Karten.


Berlin,

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.
1881.

Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Druck von B. G. Teubner in Leipzig.

Beginn des Satzes am 10. Juni 1881.


Inhalts-Verzeichniß.

Erstes Buch.
Die Anfänge der Forschung.
Seite
Erstes Capitel. Die Morgenseite der alten Welt [3]
Zweites Capitel. Die Abendseite der alten Welt [12]
Zweites Buch.
Die Vorhalle der großen Zeit.
Erstes Capitel. Die Morgenseite der alten Welt [35]
1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft [35]
2. Der Presbyter Johannes [37]
3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient [40]
4. Die Handelsreisen der Poli [51]
5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge [71]
Zweites Capitel. Die Abendseite der alten Welt [81]
Prinz Heinrich der Seefahrer [81]
Drittes Buch.
Die Seewege nach Indien.
Erstes Capitel. Die Bahn der Portugiesen nach Südosten [103]
1. Diogo Cão und seine Vorläufer [103]
2. Bartolomeu Dias [107]
3. Vasco da Gama’s erste Fahrt [109]
4. Cabral und João da Nova [128]
5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt [135]
6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien [147]
7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien [160]
8. Die Nachfolger Albuquerque’s [185]
9. Die Portugiesen auf den Molukken [199]
10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln [207]
11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan [213]
Zweites Capitel. Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt [217]
1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik, und das frühere Leben des Christoph Columbus [217]
2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt [221]
3. Das Project Toscanelli’s [225]
4. Columbus in Spanien [232]
5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean [241]
6. Wo liegt Guanahani? [248]
7. Die Fahrt durch das westindische Meer [253]
8. Die Demarcationslinie [267]
9. Die zweite Reise des Columbus [271]
10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerika’s [281]
11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus [292]
12. Die letzte Reise des Columbus [297]
13. Die letzten Lebensjahre des Columbus [311]
14. Zur Charakteristik des Columbus [314]
15. Die kleinen Entdecker [322]
16. Die Portugiesen in Südamerika [330]
17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika und die Entdeckung der Südsee [340]
18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko [355]
19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko [359]
20. Cortes in Mexiko [373]
21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez [377]
22. Der Kampf um Mexiko [379]
23. Cortes als Statthalter von Neuspanien [387]
24. Cortes’ Feldzug nach Honduras [394]
25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod [402]
26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küste von Nordamerika [407]
27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira [415]
28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur [424]
29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen [434]
30. Die Eroberung Peru’s [439]
31. Almagro’s Zug nach Chile und sein Tod [447]
32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen Parteikämpfe [451]
33. Orellana entdeckt den Amazonenstrom 1541 [455]
Drittes Capitel. Die südwestliche Bahn nach Indien. Magalhães und die erste Erdumsegelung [458]
1. Die Vorläufer Magalhães’ [458]
2. Fernão Magalhães [462]
3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung [478]
4. Der Streit um die Molukken [483]
5. Die spanischen Entdeckungsfahrten im großen Ocean [489]
Viertes Capitel. Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach Indien zu finden [499]
1. Giovanni und Sebastiano Cabotto [499]
2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege [504]
3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden [510]
Fünftes Capitel. Die Nordostpassage [520]
1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische Compagnie [520]
2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um Spitzbergen [525]

Verzeichniß der Illustrationen und Karten.

Abbildungen im Text.
[Seite][15:] Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfreds d. Gr. von Ohthere’s Reise; 9. Jahrh. In der Cottonian Bibliothek des British Museum zu London. (Bosworth, Joseph, A Description of Europe, and the Voyages of Ohthere and Wulfstan, written in Anglo-Saxon by King Alfred the Great.)
[49:] Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp d. Schönen; 1289. Im Archive von Paris. (The Book of Marco Polo the Venetian, concerning the Kingdoms and Marvels of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.)
[53:] Marco Polo. Nach einem Gemälde in der Gallerie Badia in Rom. (Ebd.)
[65:] Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
[74:] Hand eines reichen Annamiten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
[83:] Prinz Heinrich der Seefahrer. Miniature in der 1448–1453 entstandenen Handschrift „Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.“ In der Nationalbibliothek zu Paris. (Major, H., The Life of Prince Henry of Portugal.)
[97:] Die Land- und Wasserkugel der Erde.
[99:] Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und seiner Anwendung. (Cosmographia, siue Descriptio vniuersi Orbis, Petri Apiani et Gemmae Frisii, Mathematicorum insignium, iam demùm integritati suae restituta. Antuerpiae, 1584.)
[105:] Martin Behaim. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin Behaim.)
[106:] Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468. (Ebd.)
[111:] Vasco da Gama. Nach einem Gemälde im Besitze des Grafen von Lavradio. (Stanley, Henry, The three voyages of Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.Hakluyt. Soc.)
[135:] Vasco da Gama. Aus dem Manuscript von Pedro Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum, London. (The Commentaries of the great Afonso Dalboquerque, second Viceroy of India. Translated from the Portuguese edition of 1774, with notes and an introduction, by Walter de Gray Birch.Hakluyt. Soc.)
[142:] Alfons von Albuquerque. Nach dem Manuscript des Pedro Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum, London. (Ebd.)
[154:] Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrhunderts mit Rohrsegeln und am Stern aufgehängtem hölzernem Anker. (Linschoten, Itinerarium ofte Schipvaert naer Oost ofte Portugaels Indiën. Amsterdam 1614.)
[155:] Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta. (Ebd.)
[188:] Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. — Im Archiv von Lissabon. (Stanley, Henry, The three voyages of Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.)
[189:] Wappen von Vasco da Gama. (Ebd.)
[191:] Pero Mascarenhas in Ketten. (Lendas da India por Gaspar Correa publicadas de ordem da classe de sciencias moraes, politicas e bellas lettras da academia real das sciencias de Lisboa. Livro terceiro que conta dos feitos de Pero Mascarenhas, e Lopo Vaz de Sampayo, e Nuna da Cunha.)
[197:] Portrait von Nuno da Cunha. (Ebd.)
[234:] Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid, Marine-Ministerium. (Photographische Originalaufnahme.)
[235:] Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid, National-Bibliothek. (Boletín de la Sociedad geográfica de Madrid. T. VI.)
[240:] Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes vom Ende des 15. Jahrh. (Bernhardus de Breydenbach, Peregrinationes in montem Syon ad venerandum Christi sepulcrum in Jerusalem. Mainz, 1486.)
[241:] Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde segelnd. (Ebd.)
[245:] Christoph Columbus’ Rüstung; Madrid, Waffen-Museum im königl. Palais. (Photographische Originalaufnahme.)
[247:] Titelholzschnitt einer zu Florenz im Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die Landung des Columbus. (Getreue Nachbildung des Originals im British Museum zu London.)
[262:] Facsimile der ersten Flugschrift, welche die Kunde von der Entdeckung Amerika’s brachte. (Getreue Nachbildung des Originals im British Museum zu London.)
[„][263]/[4:] Titel, Anfangsseite und Schluß des ersten deutschen Flugblattes, welches die Entdeckung Amerika’s meldete. (Getreue Nachbildung des Originals in der Staatsbibliothek zu München.)
[312:] Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
[317:] Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502. (Tre Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci, riprodotte in Fotolitografia.)
[333:] Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes, welchen Amerigo Vespucci über seine dritte Reise an Pier Francesco de Medici schrieb. (Getreue Nachbildung des Originals in der königl. Bibliothek zu Dresden.)
[334:] Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes. (Ebd.)
[337:] Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508. (Tre Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci riprodotte in Fotolitografia.)
[339:] Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name „Amerika“ vorgeschlagen wird. (Cosmographiae Introductio des Hylacomylus von 1507.)
[357:] Tempelruine zu Uxmal. (Gailhabaud, Jules, Monuments anciens et modernes. IV.)
[360:] Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße. (Nach dem Original im königl. Münz-Cabinet zu Berlin.)
[405:] Rüstung von Ferdinand Cortes; im Waffenmuseum zu Madrid. (Photographische Originalaufnahme.)
[427:] Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen Thorbauten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
[429:] Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
[430:] Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische Originalaufnahme.)
[431:] Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische Originalaufnahme.)
[433:] Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
[443:] Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka von Pizarro gefangen gehalten wurde. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
[462:] Facsimile des Namenszuges von Magalhães. Von einem Briefe, datirt 24. October 1518, im indischen Archiv zu Sevilla. (The first voyage round the world by Magellan. Translated from the accounts of Pigafetta and other contemporary writers by Lord Stanley of Alderley.)
[463:] Fernão de Magalhães. Verkleinertes Facsimile des Kupferstiches, 1788, von Ferd. Selma. (Coleccion de los viages y descubrimientos que hicieron por mar los Españoles desde fines del Siglo XV., coordinada é illustrada por Martin Fernandez de Navarrete. Tomo IV.)
[467:] Rumpf eines großen Seeschiffes um 1500; im Wappen des Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule. (Kunsthalle zu Hamburg.)
Vollbilder.
[Seite][70:] Chinesisches Papiergeld aus der Ming-Dynastie (1368–1645). Original in Paris. Getreue Nachbildung in ¼ der natürlichen Größe. (The Book of Marco Polo the Venetian, concerning the kingdoms and Marvels of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.)
[356:] Eine Seite aus der Mayahandschrift der königl. Bibliothek zu Dresden. Originalgröße. (Die Mayahandschrift der kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 74 Tafeln in Chromolichtdruck.)
[420:] Ansicht des großen Colorado-Cañons. (Powell, J. W., Exploration of the Colorado River of the West 1869–1872.)
[425:] Das Inkathor bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
[426:] Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
[434:] Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
[440:] Krieger aus der Inkazeit: altperuanische Malerei auf dem unter Nr. 23 auf dem Doppelvollbilde „altperuanische Geräthschaften“ abgebildeten Kruge. (Ebd.)
[446:] Sacsahuaman: ein Theil der Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
Doppelvollbilder.
[Seite][359:] Sculpturen von Copán, Trachten der alten Mittel-Amerikaner darstellend. (Meye und Schmidt, die Steinbildwerke von Copán und Quirigua.)
[432:] Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
Karten im Text.
[Seite][25:] Karte von Afrika in einem Portulano von 1351. In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz. (Major, H., The Life of Prince Henry of Portugal.)
[27:] Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno, 1558. (Nach H. Kiepert.)
[249:] Die Entdeckungen des Columbus auf seiner ersten Reise. Ein Theil von Westindien; nach der englischen Admiralitätskarte Nr. 761 gezeichnet von C. Riemer.
[318:] Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von 1529.
[347:] Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee. (Nach dem Entwurfe von Professor Dr. Sophus Ruge.)
[363:] Karte zu Cortes’ Eroberung von Mexiko. (Ebs.)
[390:] Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des Cortes nach Honduras. (Ebs.)
[417:] Karte zu Coronado’s Expedition nach Cibola und Quivira. (Ebs.)
[437:] Karte zur Entdeckung von Peru durch Pizarro. (Ebs.)
[461:] Südamerika mit einer südlichen Meerenge auf dem von Joh. Schöner 1515 entworfenen Globus. (Ebs.)
Karten-Beilagen.
[Seite][12:] Weltkarte in der 1513 zu Straßburg gedruckten Ausgabe des Ptolemäus. Verkleinertes Facsimile.
[37:] Kartenskizze der Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert. Gezeichnet von Dr. Henry Lange.
[78:] Catalanische Erdkarte; für König Karl V. von Frankreich 1375 in Mallorca gezeichnet. Paris, Nationalbibliothek. Facsimile in ⅓ der Originalgröße. (Jomard, Monumens de la Géographie.)
[80:] Fra Mauro’s Weltkarte von 1459; Venedig. 1⁄10 der Originalgröße. (Nach H. Kiepert.)
[118:] Die Westküste von Vorder-Indien und die von den Portugiesen berührten Handelsstädte. (Nach dem Entwurfe von Professor Dr. Sophus Ruge.)
[230:] Die Oceanische Seite des Behaim’schen Globus vom Jahre 1492. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin Behaim.)
[324:] Aelteste Karte von Amerika; westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte. Facsimile in ⅓ der Höhe des Originals im Marine-Museum zu Madrid. (Jomard, Monumens de la Géographie.)
[438:] Seekarte von Diego Ribero, 1529. (Nach dem Original in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar.)
[534:] Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen vom Jahre 1568. Originalgröße. (Dresden, königliche Bibliothek.)

Erstes Buch.
Die Anfänge der Forschung.

Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.

In der Geschichte der geographischen Entdeckungen zeichnen sich gewisse Epochen ab, in denen die Betheiligung an den Arbeiten, die Erdenräume dem Blicke der Forschung zu enthüllen oder wenigstens mit fernen weniger bekannten Ländern in lebhafteren Verkehr zu treten, eine außergewöhnlich starke ist, in denen, durch energischen Vorgang einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten, nicht blos einzelne Stände und Berufsklassen mit hineingezogen werden in das Interesse für Reisen und Entdeckungsfahrten, sondern wo die Antheilnahme bis in die Masse des Volkes hinabdringt und ein Volk das andere benachbarte allmählich mit hineinzieht in eine allgemeine großartige Bewegung. Die Erweiterung des räumlichen Horizonts zieht unabweisbar auch die Erweiterung des geistigen Gesichtsfeldes nach sich und drückt dem Volk, welches ihn errungen hat, den Stempel geistiger Reife auf. Die Machtsphäre gewinnt ein größeres Gebiet und damit wächst auch die politische Bedeutung. Kein Wunder, daß darum zu Zeiten mehrere Völker neben einander auf dem Ringplatze erscheinen und in regem Wettbewerb nach gleichen Zielen einander die Palme streitig machen.

Aber auf die hochgehenden Fluten folgen Zeiten der Ebbe, der Erschlaffung, Zeiten des Stillstandes, in denen, oft Jahrhunderte andauernd, die Erregung der Gemüther nachläßt, das Feuer der Begeisterung erlischt und die nach außen treibende Kraft sich von den Grenzen zurückzieht. Der Horizont verdunkelt sich wieder, die Schleier rücken eng und enger um die Mitte zusammen. Solche Zeiten der Stagnationen machen sich auch in der allgemeinen Geschichte fühlbar. Es sei dabei an die den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderte erinnert. Auf die sich über beinahe 1000 Jahre ausdehnende Erschlaffung und Apathie folgt aber etwa vom 13. bis 17. Jahrhundert die Epoche der höchsten Anstrengung auf diesem Felde, folgt eine durch alle Völker Europas gehende tiefe Bewegung, welche nur der noch weiter, tiefer gehenden religiösen Erregung und Erhebung allmählich wich. Diese Zeit ist es aber, welche, als das Zeitalter der großen Entdeckungen bezeichnet, auch in der Darstellung allgemeiner Geschichte Beachtung fordert.

Um die Ziele der Unternehmungen jenes großen Zeitraums verstehen zu lernen, müssen wir, zur Einleitung, weiter in die Vergangenheit zurückgreifen.

Man sollte meinen, daß, wenn es sich um die Erweiterung der Kenntnisse von der Erdoberfläche handelt, man von dem Mittelpunkte, dem Schauplatz der Kulturvölker Europas, nach allen Richtungen der Windrose radial über die bisherige Grenze der bekannten Welt hinaus ins Unbekannte, Unerforschte schreiten werde oder schreiten könne. Doch dem ist nicht so.

Die Gliederung und Gestaltung der wichtigsten Ländergebiete der alten Welt haben dabei einen bestimmenden Einfluß geübt, namentlich die Erstreckung des Mittelmeeres und des zusammenhängenden Hochlandes von Asien, deren Längsaxen sich beide in ost-westlicher Richtung hinziehen. An den Rändern und in den Ländern am Mittelmeer, wie auf dem westlichen Hochlande und an den südlichen Abhängen des östlichen Hochlandes von Asien in der weitgedehnten Zone von den Säulen des Herkules bis zu den Gestaden Chinas hatten sich einzelne Völker zu frühzeitiger Kultur erhoben. Die westliche Hälfte, nennen wir sie die europäische, hatte auf dem geräumigen Marktplatze des Mittelmeeres einen gemeinsamen Sammelpunkt gefunden, während die östliche, die asiatische Hälfte, vorwiegend auf den offenen indischen Ocean hingewiesen, eines solchen günstigen Vereinigungsplatzes entbehrte und im Streben nach gegenseitigem Verkehr größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Eine Annäherung beider Gebiete boten der persische, und noch mehr der arabische Golf oder das rothe Meer. Südlich des ganzen Gürtels lagen im Westen die starken Schranken der großen afrikanischen Wüste, deren menschenfeindliche Oede den Satz verkündigte, daß die heiße Zone überhaupt unbewohnbar sei, während im Osten das unbezwungene indische Weltmeer, dem das Gegengestade fehlte, von wagehalsigem Vordringen abhielt.

In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.

Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes açu (Asien) ereb (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend, das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen: Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.

Wir stellen die Morgenseite voran. Daß diese Seite gegen Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt, von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt wurden, und unter denen immer der Name Indien vorklang. Wir dürfen nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben, sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.

Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen. (III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (p. 685): Indien ist das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der bewohnten Erde. (Strabo, p. 689).

Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen, so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. Alcuin die ganze Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.

Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als India tercera vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei Ormuz in India, quae est infra terram, und wird Südchina (Manzi) Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die Chinesen als „innere Indier“.

Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene [Weltbild aus dem Straßburger Ptolemäus], 1513). Kein Wunder, daß auch der beste Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also auch hier noch mit der Monströsität von drei indischen Halbinseln beschenkt werden.

Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen Handelsfahrten Salomos und Hirams nach Ophir, welches wir jedenfalls auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere. Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben, den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete, war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.

Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel, die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für Seide ist sz’ oder sse mit dem in r verkürzten Suffix örr, also sser der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der Serer unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war zu Lande durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay (China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd an.[2]

Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.

Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot, welcher zuerst die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen. Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon). Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte, blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert. Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.

Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und 2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.

Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi (Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.

Ceylon bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten. Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband. Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590 n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des 8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze. Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt werden.

Es blieb sonach nur der schwierige Landweg übrig. Die Handelsrouten vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle, indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt Chinas, die Seide, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren. Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen Hochlandskernes.

Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen, daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan, entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.

Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken. Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der einzelnen Stationen zu große Ziffern an — so kann man aus alledem wohl erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide zu fixiren.

Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von Baktra auf und nennen als Endpunkt Sera metropolis, die Hauptstadt des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten. Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.

In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius Antoninus (An-tun bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz, denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel. Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7. Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter dem Namen Taugas.

Eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse führten nach der Gründung des Islam die Araber herbei. Wie sie sich bisher an dem asiatischen Landhandel nur im beschränkten Maße betheiligt hatten, so waren sie im 7. Jahrhundert auch zur See über Indien noch nicht hinausgekommen und lernten die Sundainseln mit ihren Produkten erst später kennen. In raschem Siegeszuge fiel ihnen ganz Westasien zu, und so schob sich ihr Weltreich seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts zwischen China und das Abendland ein. Seitdem der Herrschersitz der Chalifen an den Tigris verlegt war, wurden die Pilgerkarawanen auch die Träger des Landhandels. Basra erhob sich als neuer Stapelplatz, in den die Waaren des Ostens einströmten. Mokadassi bezeichnet sehr charakteristisch den persischen Meerbusen als das chinesische Meer. Ueber die Handelsplätze auf der Halbinsel Malaka gelangten arabische Seefahrer schon im 8. Jahrhundert nach China. Während sie sonst mit ihren aus Kokosplanken ohne Eisennägel zusammengefügten Schiffen sich nicht von den Küsten zu entfernen gewagt hatten, entlehnten sie von den Chinesen manche nautische Verbesserung, bauten festere Schiffe und steuerten, auf den Compaß vertrauend, über das hohe Meer in geradem Cours auf ihr Ziel hin. Von den Vorhäfen Bagdads aus, zuerst von Siraf, sodann von der Insel Kisch und in den letzten Jahrhunderten von Ormuz aus, machten sie den Chinesen im Handel so bedeutende Concurrenz, daß diese immer mehr zurückwichen. Aus dem Berichte des Kaufmanns Soleiman in der Mitte des 9. Jahrhunderts lernen wir den Seeweg bis Chanfu (Hang-tschou-fu) in China kennen. Die gewöhnliche Route nahm von dem Hafen Siraf in Farsistan (etwa unter 70° ö. v. Ferro) ihren Anfang, berührte jenseits der Ormuzstraße Maskat, erreichte in grader Fahrt nach der Malabarküste den Hafenplatz Kollam (Quilon), etwa 9° N., und steuerte von hier um Ceylon herum direct nach Malaka und weiter nach China. Wenig Jahre später gab Abul Kasim Ibn Kordadbeh, der Postmeister des Chalifen Motamid, dieselbe Handelslinie bereits nach Stationen und Entfernungen an, ein Zeichen, daß dieser Weg stark frequentirt wurde. Jenseit Chinas hört die Kenntniß auf, nur die Berge von Korea (Sila) steigen noch in unsicheren Umrissen empor.

Aber wie die Chinesen aus dem Westen, wurden die Araber noch im 9. Jahrhundert aus dem Osten, aus China wieder verdrängt und zogen sich nach der Halbinsel Malaka zurück, wo sich als Hauptstapelplatz für die Gewürze, Kampfer, feine Hölzer und Zinn von den Sundainseln der Ort Kalah erhob. Von hier aus drangen die arabischen Schiffe bis Java und weiter sogar bis zur Heimat der Gewürze, bis zu den Molukken vor. Die Beziehungen zu China blieben aber nicht für die Dauer unterbrochen; im 10. Jahrhundert besuchte einer der bedeutendsten arabischen Reisenden, Masudi von Ceylon aus wieder die chinesischen Häfen. China schildert er als ein entzückendes Land mit üppiger Vegetation und von unzähligen Canälen durchschnitten. Aber Palmen trifft man dort nicht. Die Einwohner dieses Reiches übertreffen alle andern Geschöpfe Gottes an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. — Daß der Seeverkehr fortdauerte, läßt sich auch daraus schließen, daß um 1137 ein reicher Kaufmann aus dem persischen Hafen Siraf das Heiligthum in Mekka mit prächtigen Seidenstoffen schmücken ließ,[5] und daß noch im 13. Jahrhundert Ibn Batuta, der größte arabische Reisende, nach China gelangte.

Der innerasiatische Handel wurde nicht gestört, weil die Araber bei ihren Siegeszügen mit den Chinesen nicht in Kriege verwickelt wurden. Als etwa ums Jahr Tausend n. Chr. die ersten Türkenstämme sich zum Islam bekehrten und selbständige Sultanate gründeten, welche erobernd auch in Indien eindrangen, schoben sie sich zwischen die arabische und chinesische Macht als Mittelglied ein.

Alle diese Verhältnisse wickelten sich aber im Oriente ab, ohne directen Einfluß fürs Abendland zu gewinnen, ohne dem Westen unmittelbaren Vortheil zu gewähren. Die lange Zeit erlahmt gewesenen Beziehungen nahmen aber durch die Kreuzzüge einen unerwarteten Aufschwung. Indem die Christen die syrischen Küsten besetzten und die italienischen Handelsstädte aus den Erfolgen der Kreuzheere möglichsten Gewinn zogen, wurde der Waarenzug nach den Ostländern ungemein belebt, wenn auch ein persönliches Eindringen der Kaufleute in das Innere der islamitischen Länder nicht statt hatte. Um dies zu ermöglichen, bedurfte es eines ganz neuen, nicht durch religiösen Fanatismus aufgeregten Factors, der vom Hochlandskerne Asiens her dem Westen zu friedlichem Verkehre willig die Hand reichte. Das waren die Mongolen, deren Einfluß aber am Anfange einer neuen Epoche steht und zu eng mit der folgenden Zeit verbunden ist, so daß wir sie erst im zweiten Buche eingehender behandeln können.

Von dem arabischen Wissen bezüglich der Erdkunde kam dem Abendlande wenig oder gar nichts zu gute; die Kenntnisse von der östlichen Welt blieben unsicher, bis neue christliche Berichterstatter als Augenzeugen wieder von jenen Gebieten erzählen konnten.

Ebenso wenig erfuhr man in Europa von den Fortschritten, welche die Araber an der Ostküste Afrikas, südlich vom „dritten Indien“ machten. Während Ptolemäus in alter Zeit, sicher durch arabische Vermittelung, seine Kunde von den Nilseen und den sogenannten Mondbergen erhalten hatte, verlor man, seit Alexandrien in die Hand des Islam gefallen war, die Beziehungen zum Ostrande des Afrika-Continents, wo arabische Händler bis zum Goldlande Sofala gelangten, aber die Südspitze Afrikas nicht erreichten, weil das produktenarme Land die Gewinnlust nicht reizen konnte. Kostbare Erzeugnisse lockten allein in so entlegene Regionen und trugen allein zu ihrem Bekanntwerden bei.

Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.

Aus der Ausgabe des Ptolemaeus, Strassburg 1513.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Zweites Capitel.
Die Abendseite der alten Welt.

Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger, beschwerlicher Reisen.

Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu danken.

Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen. Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen Süden zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete. Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte, doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt, woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. Insulae fortunatae wurde, so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden. Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den tyrischen Färbern besonders werth.[6]

Wichtiger und häufiger besucht wurde die Nordseite des oceanischen Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius erwähnten Expedition des Himilco identisch, überliefert, die in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n. Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln (III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h. Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Erkenntniß führt die Reise des Pytheas[8] von Massilia herbei, welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.

Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage vielfach vorkommenden ultima Thule. Die Ursachen der Ebbe und Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte, den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen. Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere, und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (= Insel Skåne) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia, die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen. Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten der Normannen aufgeklärt.

Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des British Museum zu London)[9]

Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein normannischer Edelmann Ohthere[10], der an der norwegischen Küste, vielleicht noch jenseit des Polarkreises ansässig war. Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn, dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten, ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd, im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren, während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses, vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma (Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt, ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel, auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt, das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land, das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist, welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.

Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich gleichfalls in dem genannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der Bewohner gehemmt würde.

Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.

Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean, über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11] daß vor hundert Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht, aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer, aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8. Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte, war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht, ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren, um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland. Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island. Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs, der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam von Bremen berichtet,[12] daß von der Weser aus friesische Männer eine Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.

Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder, wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif, dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichteten sehr bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten. Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann, vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr, von 1368 bis 1378.[13] Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe, deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien hinaus in den Ocean hineinreicht.[14] Noch phantastischer ist im venetianischen Ptolemäus von 1562 auf der Carta marina nuova tabula das nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht, so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer mitgenommenen Ziege nährte.

Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an, um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu gewinnen.

Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als insulae fortunatae. Im Mittelalter bildeten sich aber immer lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst durch Mißverständniß gebildeten Namen der insulae fortunatae (s. [S. 13]) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries, belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9. Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von den Schifffahrten des heiligen Brandan oder Brandon, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie umgebenden Luft sei wunderbar. — Der heilige Brandan kam nun, wie die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367, dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.

Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge, welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte die Insel der sieben Städte (sette cidades) genannt wurde. Aber auf den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.

Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem man die polare Richtkraft des Magneten entdeckt hatte. Ohne alle Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten, daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft, ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden, welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt, so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung, welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine Abhandlung: de Utensilibus und sein Werk: de Naturis rerum im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots, la Bible, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt. Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258 erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern. Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden, weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht sein.

Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich. Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13. Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem 13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281 machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das 1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.

Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“ sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber von einem regen Verkehr war nicht die Rede.

Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste, der sein Volk auf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14. Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden Verkehr im Ocean schließen.

Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria, Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen gefolgt waren.

Dahin gehören Parme (J. de li Parme), Palma, die Insel der Palmen, Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird, wegen seines hohen Vulkans.

Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach Madeira verschlagen wurde.

Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan von 1351.[16] Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h. Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer, die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe derselben trägt die Bezeichnung insula de Cabrera (Ziegeninsel).

Karte von Afrika in einem Portulano (Seekarte) von 1351. (In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz.)

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.

Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der venetianischen Gebrüder Nicolo und Antonio Zeno zu untersuchen, welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben. Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das Verständniß verdient gemacht.[17] Daß dabei nicht von einer fingirten Reise und einer Fälschung die Rede sein kann — denn auch diese Ansicht ist laut geworden — beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht zuerst veröffentlicht wurde.

Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend, aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen. Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts, Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte, halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem Titel: Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda, Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il Cavaliere et M. Antonio.

Gailland, Berlin, phototyp.

Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno. (Copie in ca. ¼ der Größe des Originals von 1558.)

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen und Seefahrten im Norden (S. 217–250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I, 337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (Journal Royal geogr. Soc. London. Vol. 5) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.

H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.

Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt. So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der schottische Häuptling Henry Sinclair of Roslyn steckt, welcher von Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für rl ist d gesetzt).

Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also nach dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda, welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.

Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder gross-island, woraus sich die Form Grisland bildete.

Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm, verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der Originaltext von „le Islande“, also von mehreren Inseln spricht; in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (= Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle), Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).

Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet, bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen Shetland 1391.[18]

Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt, welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen, wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen. Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen. Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen „Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür die Karte Zenos Af promontorium setzt.

Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland. In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt, klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten, so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.

Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien, welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent, freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht. Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen, welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das Land war reich an Gold und Silber.

Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen, wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind, lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.

Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt: Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland, kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.

Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16. Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und geographische Wahrheiten.


Zweites Buch.
Die Vorhalle der großen Zeit.


Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.

1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft.

Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr 1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit. Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb. Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der Naturwissenschaften zu.

Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs. Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling Temudschin zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen eines Großfürsten, „Tschingischan“, annahm. Der Name Khan bedeutet einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt, mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. Ḳaán oder Châḳán (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227) kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des Großfürsten gelangte Okkodai zur obersten Nachfolge. Nach Westen drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor, Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung des Chagan Kublai eine Beute der Mongolen.

Genealogie des Hauses Temudschin.

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Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten begründet.

Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.

Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen Boden weit hinweg gespült worden waren; — trafen doch die Sendboten des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal, Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in China ein Deutscher; — nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China; als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser Kublai und sein Bruder Hulaku stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt. Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als gar zu sanguinisch bezeichnen?


artist. Inst., Leipzig-Reudnitz.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.

Kartenskizze der

Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert.

zu
Sophus Ruge’s Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen.

Von
Henry Lange.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:


2. Der Presbyter Johannes.

Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein unter dem Namen des Priesterkönigs oder Presbyter Johannes bekannt war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte. Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten hätten.

Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.

Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124 die Stadt Ani in Armenien abgewann. — Das Geschlecht der Orbeliane besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier; allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen, daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen suchten.

Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben, daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.

Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141. Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter den Brüdern Mohammed und Sandschar. Das sind die Samiardischen (richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits 1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von Freising von Saniardischen Brüdern spricht.

Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe herbei.

Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160–1233). Derselbe erzählt, Atsis habe, aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt, welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und 4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]

Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.

Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten empfindlichen Schlag versetzte.

Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus chinesischen Quellen.

Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm in der Mandschurei, den die Chinesen Chitanen benannten, hatte sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen unter dem Namen Khitai, Khathay bekannt und bestand bis zum Jahre 1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt. Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen, Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten, Yeliuyliui († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September 1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, bis man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte, und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.

Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter, wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den bedrängten Christen Hilfe bringen könne.

3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient.

Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem Morgenlande abzuordnen. — Werfen wir zur Orientirung zunächst einen Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.

Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen, einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] Ostasien umfaßte das Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan, jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in Kambalu verändert.

Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich Dschagataï oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag das persisch-medische Reich der Ilchane. Dasselbe umfaßte Persien, Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten Westen nahm das Reich der goldnen Horde (Kiptschak) ein, welches sich über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt. So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und Morgenland.

Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten, über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.

In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen Wegen ins Morgenland zu entsenden.

Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren (richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata; ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.

Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.

Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.

Beide Missionen zielten nach der Hauptstadt der Großchane, nach Karakorum, in der Nähe des Baikal. Die Dominikaner-Gesandtschaft bestand aus Ascelin, Simon von St. Quentin, Alexander und Albert, mit denen sich auf der Reise noch Andreas von Lonjumel und Guichard von Cremona verbanden. Ascelin ging mit seinen Gefährten über See nach Syrien und drang durch Mesopotamien und Persien bis an die Grenze von Chowaresmien vor. Dort traf er mit dem Mongolengeneral Batschu zusammen und wandte sich dann zur Rückkehr, so daß die ganze Reise nur 59 Tage währte. Alles was wir über diesen Zug wissen, beschränkt sich auf die Mittheilungen, welche der berühmte Vincentius von Beauvais, nach den Aussagen des Simon von St. Quentin, in sein Speculum historiale aufgenommen hat. Für die Erdkunde ist wenig Gewinn daraus geflossen.

Nur das Eine wissen wir, daß Andreas von Lonjumel seine Wanderung weiter fortsetzte und um 1248 oder 1249 wirklich nach Karakorum gelangt ist.

Die Franziskaner-Gesandtschaft bestand aus Laurentius von Portugal, Benedict von Polen und Giovanni Piano di Carpine (in französischer Form: Plan Carpin). Von letzterem rührt der ausführliche Reisebericht. Sie erhielten den Auftrag, durch Mitteleuropa zum Batuchan, dem Fürsten von Kiptschak zu gehen und auf ihrem Weiterzuge möglichst viel Erkundigung über die asiatischen Völker, namentlich über die Tataren einzuziehen. Ihr Creditiv war am 5. März 1245 in Lyon ausgestellt. Am Ostersonntage verließen sie diese Stadt und reisten in einem weiten nördlichen Bogen über Troyes, Lüttich, Cöln, Dresden nach Prag, besuchten den König Wenzel von Böhmen, der sich bei dem Herrannahen der Mongolen 1241 so außerordentlich thätig und umsichtig bewiesen und alle Nachbarfürsten rechtzeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Er konnte gewiß schon mancherlei Auskunft ertheilen. Von Prag wandten sie sich nach Breslau, wo Benedict sich mit ihnen vereinigte und gingen über Krakau nach Kijew.

Von hier zogen sie sich den Dnjepr hinab nach Canove (Kaniew) und erreichten daselbst die Grenze des Tatarenreiches, durch welches sie zum Hauptquartier Batuchans nach der Wolga weiter zogen. Hierbei lernen wir von ihnen die modernen Namen jener großen Ströme Nepere (Dnjepr), Don, Wolga und Jaik (Ural) kennen.

Batu versah sie mit sicherem Geleite nach der Hauptstadt Karakorum. Diese Reise nahm 3½ Monate in Anspruch und dauerte bis zum 22. Juli. Dabei machten sie die Bekanntschaft der Kangiten oder Kanglen (Petschenegen) östlich vom Uralflusse, ritten durch die Kirgisensteppen, berührten Omyl, eine von den Karachitanen gegründete Stadt, welche östlich vom Balchaschsee am Steppenflusse Emyl oder Jemil lag, der sich in den Alakul ergießt. Von hier wandten sie sich zum Kysylbasch oder Ulungursee, an dem zu jener Zeit die Naimanhorde ihre Weideplätze besaß, und erreichten Ende Juli die Residenz des Chagan, welcher damals ½ Tagereise von Karakorum weilte. Sie trafen zu einer sehr bewegten Zeit dort ein, Kuyuk, der Sohn Okkodais, war zum Großfürsten ausgerufen und aus ganz Asien trafen die Abgeordneten der dem Weltreich einverleibten Völker und Stämme, sowie der benachbarten Fürsten ein. Es waren an 4000 Gesandte zugegen, welche dem neuen Herrn ihre Huldigungen darbrachten und Tribut zahlten. Es war also für Piano di Carpine und seine Gefährten eine sehr günstige Gelegenheit, von allen Seiten Erkundigungen einzuziehen, aber Irrthum und Wahrheit mischen sich in seiner Darstellung ineinander; verwechselte er doch selbst das schwarze und kaspische Meer. Hier lernten die Missionare auch zuerst Chinesen kennen, welche ihnen ein mongolenähnliches Gesicht zeigten, wenn dasselbe auch nicht so breit war wie bei den Mongolen. Piano gedenkt in rühmlicher Erwähnung der guten Sitten der Chinesen und der Geschicklichkeit ihrer Handwerker.

Im Frühling des nächsten Jahres kehrten sie ziemlich auf demselben Wege zurück, trafen im Mai wieder bei Batuchan ein und vollendeten über Kijew ihre Reise nach Lyon. Piano di Carpine erstattete ausführlichen Bericht über die Sitten und Lebensweise der Tataren, über ihren Cultus und Staatsorganismus. Seine Mittheilungen werden ergänzt und vervollständigt durch die Angaben, welche nach den Erzählungen seines Genossen Benedict von Polen niedergeschrieben wurden. Die ganze Reise hatte etwa zwei Jahre gedauert.

Um dieselbe Zeit machten auch mehrere Mitglieder des königlichen Hauses von Armenien bedeutende Reisen nach dem innern Hochlande von Asien. Das damals noch selbständige Königreich von Klein-Armenien war, von den Seldschucken in Kleinasien und den ägyptischen Ehubiden eingeengt, auf den östlichen Theil der Südküste Kleinasiens beschränkt. Der König Hayton oder Hethum I. beschloß, um sich mit der immer näher drohenden mongolischen Macht friedlich abzufinden, seinen Bruder Sempad oder Sinibald abzusenden, um den Großchan Kuyuk bei seiner Thronbesteigung ebenfalls zu begrüßen. Prinz Sempad war vier Jahre unterwegs. Ein Brief von ihm, wahrscheinlich von Samarkand aus an den König von Cypern gerichtet, ist uns erhalten. Darin wird erzählt, daß die mongolische Macht sich schon über fast ganz Asien ausgedehnt habe, und daß verschiedene Chane in Indien und China (Chata), in Kaschgar und Tauchat (Tangut) herrschen. Dieses letztere Land hielt Sempad für dasjenige, aus dem die drei Könige des Morgenlandes nach Bethlehem gekommen seien, um das Christkind anzubeten.

Acht Jahre später, 1254, machte sich König Hayton selbst auf den Weg, und brachte dem Nachfolger Kuyuks, Mangkukaan zu seiner Thronbesteigung seine Glückwünsche dar, um sich auch ferner ein gutes Einvernehmen mit den Mongolen zu sichern. Hayton schlug den Weg durch Kleinasien und Armenien ein, besuchte erst den mongolischen Heerführer Batschu (Batschu Noian) in Kars, wandte sich dann zum kaspischen Meere, umging den Kaukasus durch den Paß von Derbend und traf mit Batu und seinem Sohne Sartasch an der Wolga zusammen. Von hier nahm der König einen etwas nördlicheren Weg als Piano di Carpine und der Sendling Ludwig des Heiligen, Rubruck, der mit ihm in demselben Jahre die weite Steppenreise nach Karakorum vollendete. In der mongolischen Residenz, wohin er am 13. September gelangte, ward ihm eine ehrenvolle Aufnahme zu Theil; nach einem Aufenthalte von 6 Wochen nahm er am 1. Nov. Abschied und kehrte auf dem südlichen Wege durch die Dsungarei, über Otrar, Samarkand und Bochara und weiter durch Nordpersien und Armenien in seine Heimat zurück. Hayton weiß manches Interessante über die Völker Ostasiens zu berichten, natürlich stehen die Chinesen (Chataier) in erster Reihe. Von ihrem Cultus weiß er, daß sie ein Götzenbild, namens Schakemonia (Sakya-Muni), d. h. also Buddha anbeten.

Endlich haben wir hier noch eines dritten Mitgliedes der königlichen Familie zu gedenken, des Prinzen Hayton von Gorigos, der auch durch politische und kriegerische Verhältnisse weit nach Osten geführt wurde, später nach einem bewegten Leben sich in ein Kloster auf Cypern zurückzog und von hier aus als Mönch dem Pabste Clemens V. in Avignon einen Besuch abstattete. Der Pabst verlieh ihm die Prämonstratenser Abtei in Poitiers. Dort dictirte er dem Nicolaus Salconi eine Geographie von Asien und eine Geschichte der Mongolenfürsten in französischer Sprache, worauf Salconi dieselbe 1307 ins Lateinische übersetzte. Es ist die erste systematische Geographie von Asien, die wir aus dem Mittelalter besitzen; und da dieselbe im Abendlande niedergeschrieben war, fand sie bald weitere Verbreitung, namentlich in den Klöstern, wo man sich für die Thaten der Ordensbrüder lebhaft interessirte. Der prinzliche Mönch beginnt mit China. Dieses erste Capitel darf als das wichtigste bezeichnet werden, wenn auch die Züge der Darstellung allgemein gehalten sind. Cathai ist danach das größte Reich der Welt, voll Volks und voll Reichthums und liegt am Gestade des Oceans, welcher mit unzähligen Inseln besäet ist. Die Chinesen sind überaus geschickt und verachten alle andern Nationen, welche an Kunstfertigkeit ihnen nachstehen. Darum behaupten sie auch, sie allein hätten zwei Augen, die Lateiner, das heißt die Völker des Abendlandes, besäßen nur ein Auge und alle andern Nationen seien blind. Ihre Geschicklichkeit ist ganz erstaunlich und die Erzeugnisse ihres Gewerbfleißes sind bewunderungswürdig. Die Cathaier haben kleine Augen und von Natur keinen Bart. Ihre Schrift hat Hayton nicht verstanden, denn er meint, die chinesischen Buchstaben kämen an Schönheit der lateinischen Schrift gleich. Besser ist sein Urtheil über das religiöse Leben; treffend bemerkt er, die Chinesen hätten kein Verständniß für geistliche Dinge. Auch ihre Tapferkeit kann er nicht rühmen. Merkwürdig ist das Papiergeld, das mit dem rothen kaiserlichen Stempel versehen, überall im Lande cursirt und wenn es abgenutzt ist, in der Staatsbank gegen neues Papier eingewechselt wird.

Westlich von China liegt das Reich Tarse. Da dasselbe als von Uiguren bewohnt bezeichnet wird, so läßt sich die Localität mit ziemlicher Gewißheit angeben, wenn der Name auch noch nicht befriedigend erklärt ist. Tarse liegt zwischen China und Turkestan, demnach im Gebiet des Tarim. Hayton kennt die eigenthümliche uigurische Schrift, welche bei den Chinesen bereits seit dem 6. Jahrhundert Erwähnung gefunden, bewundert die großen Tempel im Lande und rühmt die Städte und die Fülle des Getreides. Weiter westwärts folgt das Hirtenland Turkestan und die von Wüsten umgebene Oase Chorasmien (Chiwa); sodann wird das kaspische Meer für den größten Landsee der Welt erklärt und ausdrücklich hervorgehoben, daß dasselbe keine Verbindung mit dem Ocean habe. Das Hauptland im südlichen Asien ist Indien; die dazu gehörigen Inseln sind reich an Edelgestein, Gold, Perlen und Specereien, besonders reich ist die Insel Selan (Ceylon).

Die Halbinselgestalt des Landes wird richtig angedeutet, auch ist dem Armenier bekannt, daß im südlichen Indien schwarze Menschen (Dravida) leben. Combaech (Cambaya) gilt als bedeutender Handelsplatz.

Auf die westlichen Länder Asiens richten wir den Blick nicht weiter; es genügt, zu zeigen, daß sich der Osten der alten Welt wenigstens in allgemeinen Zügen wieder zu entschleiern begann.

Bedeutender als alle bisher geschilderten Missionen war die Entsendung des Franziskaners Wilhelm Rubruck nach Karakorum. Zwar wurden die bereits betretenen Gebiete wiederum durchstreift und somit räumlich keine namhafte Erweiterung der Erdkunde erzielt; allein der Werth liegt hier in dem vortrefflichen Reiseberichte, der an Schärfe der Beobachtung, Sicherheit des Urtheils und Treue der Darstellung, unbeirrt durch falsche Vorstellungen oder Vorurtheile, als die vollendetste Leistung mittelalterlicher Reiseberichte zu bezeichnen ist.

Die Veranlassung zu dieser erneuten Botschaft an den Hof der Mongolenfürsten gab der Kreuzzug Ludwig des Heiligen 1248–1254. Nach dem verhängnißvollen Feldzuge gegen Aegypten hatte sich der französische König nach Palästina gewendet. Hier beschloß er zwei Gesandtschaften zum Großchan abzuordnen, die auf verschiedenen Wegen durch Armenien, Persien und Turan einerseits und durch Südrußland und die Kirgisensteppe andererseits demselben Ziele zusteuerten. Die erste Sendung führte der Ordensbruder Andreas, von dessen Reise sich leider kein Bericht erhalten hat, die zweite ging unter Rubruck und Bartholomäus von Cremona ab.

Wilhelm von Rubruck (Ruysbruck, Rubruquis), gebürtig aus dem Dorfe Rubruck im Departement du Nord in Nordfrankreich, erhielt die Leitung und empfing die königlichen Briefe zu St. Jean d’Acre. Zunächst sollte er den tatarischen Fürsten Sartasch, der mit seiner Horde diesseits der Wolga lagerte, aufsuchen. In Palästina ging damals die Rede, Sartasch sei Christ. Ludwig der Heilige sprach in seinem Briefe den Wunsch aus, die Lehre Christi weiter in Asien verbreitet zu sehen. Rubruck schiffte sich im Frühling 1253 in St. Jean d’Acre ein nach Konstantinopel, segelte über das schwarze Meer und landete im Hafen Soldaia (jetzt Sudak) an der Südküste der Krim, südwestlich von Kaffa. Das war der gewöhnliche Ausgangspunkt abendländischer Kaufleute, welche mit den unter mongolischer Herrschaft stehenden Ländern verkehrten. Hier bot sich darum die beste Gelegenheit, die geeigneten Vorbereitungen zu einer längeren Steppenreise zu treffen. Auf Anrathen der Kaufleute kaufte sich Rubruck hier vier von Ochsen gezogene, gedeckte Reisewagen für sein Gepäck, für Vorräthe und Geschenke. Auf diese Weise, hieß es, sei er der Mühe überhoben, die Lastthiere alle Morgen beladen und alle Abend entlasten zu müssen. Allerdings erforderte auf diese Art die Reise die doppelte Zeit, um nach Sartasch zu kommen, nämlich zwei Monate statt eines.

Am 1. Juni brach die Karawane auf, die Reisenden selbst mit ihren Dienern zu Pferde, unter den letzteren ein Turkomane als Dolmetscher.

Eine Wahrnehmung, welche Rubruck noch an der Südküste der Krim machte, hat ethnologisches Interesse. Damals lebten an jenem malerischen Strande noch Gothen, welche auch ihre Sprache noch beibehalten hatten. Rubruck selbst, von der Grenze germanischer Zunge stammend, hat sicher ganz recht gehört, wenn er die Sprache jener Gothen teutonisch nennt. Der germanische Laut scheint erst im 18. Jahrhundert dort gänzlich verstummt zu sein. Ueber das wald- und wasserreiche Gebirge und eine weite Steppe kamen die Sendboten des heiligen Ludwig in 5 Tagen zur Landenge von Perekop. In der Steppe erschienen die ersten Tataren. Ihre Lebensweise, die Einrichtung der Zelte, die Theilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen werden genau beschrieben. Wir lernen als Lieblingsgetränk der Nomaden den Reisbranntwein und Cosmos (Kumis) kennen. Trachten, Sitten und Gebräuche werden eingehend geschildert und geben ein gelungenes ethnologisches Gemälde. Die Fahrt ging weiter ums asowsche Meer herum über ein tafelgleiches Land, ohne Wald, ohne Berg, aber dicht begrünt. Der Don gilt unserm Gewährsmann noch als die Grenze zwischen Asien und Europa. Der Strom war an der Fähre etwa so breit, wie die Seine bei Paris. Von hier bis zur Wolga rechnete man 10 starke Tagereisen. Am letzten Juli langten sie in der Residenz des Sartasch an. Weiter nach Norden war das Land waldreich und von Flüssen durchzogen. Dort wohnte in Holzhäusern das Volk der Moxel oder Maxel und noch weiter nordwärts die Merdas (Mordwinen).

Das Lager des Sartasch lag damals nach drei Tagereisen diesseit der Wolga. Hier hörte Rubruck schon die Sage vom Priesterkönig Johannes, den er in der Gestalt des Bruders des Unkchan der Naimanhorde zu erkennen glaubt. Von Sartasch zogen sie weiter zur Wolga; dieselbe erschien 4mal so breit als die Seine bei Paris. Rubruck erfuhr, daß der Strom sich nicht in den Ocean, sondern in das Meer von Sirsan (Dschorschan) d. i. das kaspische Meer ergieße. Unter letzterem Namen, fügt Rubruck hinzu, kennt es Isidor von Sevilla. Isidor galt also im 13. Jahrhundert noch als geographische Autorität.

Es ist für die Geschichte der Erdkunde von Bedeutung, daß Rubruck mit großer Sicherheit einen Irrthum Isidors berichtet, wonach das kaspische Meer ein Meerbusen des nördlichen Eismeers sein solle, ein Irrthum, dem bekanntlich im Alterthum alle Geographen zwischen Aristoteles und Ptolemäus, also auch Strabo, verfallen waren. „Bruder Andreas hat zwei Seiten dieses Meeres umzogen, im Osten und Süden, und ich habe die beiden andern Ufer umwandert,“ setzt Rubruck hinzu, um seine Ansicht zu erhärten. Auch gibt er getreu die umwohnenden Völker an, erwähnt, daß man im O., S. und W. Gebirge finde, nur im Norden nicht; und trotzdem konnte der alte Wahn von der Meerbusengestalt dieses Sees sich noch bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts wieder beleben.

Der Hof und das Lager Batuchans machte auf die Reisenden den Eindruck einer großen Stadt, da sich die Zelte der Tataren einige Meilen weit hinzogen. Bei der Audienz, die ihnen Batu gewährte, verlangten die Hofleute, die Mönche sollten, wie es alle Gesandten zu thun pflegten, die Knie beugen. Trotzdem traten sie aufrechten Ganges ein und sangen das Miserere. Als man ihnen aber alles Ernstes bedeutete, sie hätten niederzuknien, folgten sie zwar dem Gebote, um weiter keine Schwierigkeiten zu bereiten, brauchten aber die List, statt mit einer Anrede an Batu mit einem Gebete zu beginnen, so daß sie sich einreden durften, sie hätten sich vor Gott, aber nicht vor Menschen gebeugt. Danach hieß der Mongole sie aufstehen, fragte nach dem Zwecke ihrer Reise und ließ ihnen zum Zeichen seiner besonderen Gunst Milch zu trinken reichen. Dann erhielten sie die Erlaubniß mitzuziehen, denn Batu brach sein Lager bald ab und zog nomadisirend 5 Wochen an der Wolga hin. Erst am 16. September erfolgte ihr neuer Aufbruch nach Osten. Ihre Priesterornate ließen sie zurück und kleideten sich für die winterliche Reise in die landesübliche Pelztracht. Auch die Wagen blieben zurück und die Weiterreise wurde zu Pferde gemacht. Nach zwölf Tagen kamen sie von der Wolga an den Fluß Jagat (Jaik, i. e. Ural), welcher im Norden, im Lande der Pascatir (Baschkiren) entspringt. Dieses Volk redete die nämliche Sprache wie die Ungarn. Diese und andere Mittheilungen erhielt Rubruck von Predigermönchen, die bis zu diesem Hirtenvolke vorgedrungen waren. Täglich wurde nun eine Strecke zurückgelegt, wie zwischen Paris und Orleans, zuweilen auch noch mehr; denn sie erhielten gute Pferde und wechselten dieselben wohl auch, wenn sie ein Lager trafen, zwei bis drei Mal. Dafür mußte der officielle Begleiter sorgen, den ihnen Batu mitgegeben hatte; für Rubruck suchte man stets das stärkste Reitthier aus, weil er sehr schwer und wohlbeleibt war. „Was wir da an Hunger und Durst, Kälte und Erschöpfung gelitten haben,“ ruft er aus, „läßt sich nicht beschreiben. Nur des Abends gab es eine ordentliche Mahlzeit, am Morgen dagegen nur Hirse und Milch.“ Und trotz alledem fasteten die beiden Geistlichen noch alle Freitage bis zur Nacht.

Die Natur des Landes blieb sich lange Zeit gleich, immer derselbe Steppenboden, nur hie und da an den Flußrändern von kleinen Gehölzen unterbrochen.

Am Tage vor Allerheiligen schlug man eine südliche Richtung und ritt 8 Tage durch hohe Gebirge. Der Winter hatte schon seit Michaelis seinen Einzug gehalten, und sie reisten immer nur über Eis.

Aus den allgemein gehaltenen Angaben der Reiseroute dürfen wir schließen, daß der Weg durch die Kirghisensteppe nach Südosten führte und daß man vom östlichen Ufer des Sir Darja, den man nicht zu Gesicht bekam, den Karatau überstieg und in das Thal des Talas gelangte. Hier lag in der gut bewässerten und gartenähnlich angebauten Ebene damals der mohammedanische Ort Kenschak, wo sie nach Landessitte von dem Haupte der Stadt als Abgesandte Batus empfangen wurden. Nach der Stadt Talas selbst kamen sie nicht, dieselbe lag weiter südlich und sollte, nach eingezogenen Erkundigungen, noch aus Deutschland fortgeschleppte Gefangene bergen.

Jenseits Talas begann das Reich Mangkukaans. Nachdem noch ein Gebirge überstiegen war, kamen sie wieder in eine große Thalebene; über den Tschu mußten sie in Böten übersetzen und betraten darauf die von persisch redenden Mohammedanern (also von Tädschick) bewohnte Stadt Equius, welche dem heutigen Tokmak gegenüber gelegen haben wird. Dann wurden die Ausläufer der südlichen Hochgebirge, die Mainakkette, traversirt und es folgte das dritte Thalbecken, das des Ili-Flusses. Die von vielen Bächen durchzogene Ebene war im Norden von einem großen See (dem Balchaschsee) begrenzt. Hier in dieser fruchtbaren Ebene erhoben sich einst zahlreiche Ortschaften, aber sie waren durch die Mongolen größtentheils zerstört, welche die Triften nur als Weidegrund benutzten. In Cailac (Kayalik der mongolischen Schriftsteller, wahrscheinlich nahe bei Kopal, am Fuße des Dsungarischen Alatau) war den Reisenden endlich eine Rast von 12 Tagen gegönnt. Am St. Andreastage, 30. Nov., brachen sie wieder auf, wurden am Alakul von einem jener furchtbaren Winterstürme, welche über die Steppen fegen, überfallen, zogen wahrscheinlich über das Tarbagataigebirge weiter ins Thal des obern Irtysch und von da am Dsabgan aufwärts. Der Weg wurde öder, mühsamer, die Gegend steril, das Futter für die Thiere seltener. Die einzige Bevölkerung der mongolischen Hochebene bestand hier aus den an der großen Weglinie stationirten Leuten, welche für die Weiterbeförderung der Gesandten und fürstlichen Boten zu sorgen hatten. Am 26. December trafen sie in einer meergleichen Ebene auf das Lager Mangkukaans, am 4. Januar 1255 hatten sie die erste Audienz beim Großfürsten. Auch hier wieder begegneten sie noch einzelnen Europäern, die von der großen mongolischen Flut bis in diese entfernten Lande verschlagen waren: so einer aus Metz gebürtigen Frau, die aus Ungarn geraubt, sich hier mit einem russischen Handwerker verheiratet hatte, und einen geschickten Goldschmied, Wilhelm Buchier aus Paris.

Am Sonntag vor Himmelfahrt kamen sie mit der Wanderhorde zur Residenz Karakorum. Dieselbe machte, mit Ausnahme des Palastes, nur einen unbedeutenden Eindruck; Ort und Kloster St. Denis bei Paris erschien im Vergleich mit Karakorum, weitaus bedeutender. Doch gab es 12 Götzentempel, 2 Moscheen und eine Kirche, ein Zeichen der religiösen Indifferenz der Mongolen. Tataren, Sarazenen und Chinesen waren in der von einem Erdwall umgebenen Stadt ansässig.

Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp den Schönen; 1289. (Im Archive von Paris.)

(Die schraffirten Zeichen des chinesischen Siegels sind im Original von rother Farbe.)

Mangku übergab den Priestern ein Antwortschreiben an den König von Frankreich. Er bezeichnete sich darin als den Herrn der Erde an Gottes Statt und forderte die Franzosen auf, ihm zu huldigen, wenn sie vor ihm in Frieden leben wollten.

Bartholomäus von Cremona mußte dort bleiben, es gab ja auch in Karakorum eine kleine christliche Gemeinde und die Franziskaner hatten Gelegenheit gehabt, sechs Seelen zu taufen, darunter befanden sich drei Kinder eines armen Deutschen.

Im Sommer 1255 kehrte Rubruck mit dem Dolmetscher allein zurück. Sie schlugen diesmal einen etwas nördlicheren Weg ein, so daß der Balchaschsee ihnen zur rechten Hand blieb, berührten nicht eine einzige Stadt und vollendeten die Reise bis zu Batuchan in zwei Monaten und sechs Tagen. Einen ganzen Monat zogen sie dann mit der Wanderhorde Batus umher, ehe sie einen Führer erhielten, und konnten erst 14 Tage vor Allerheiligen, also in der Mitte des October nach Sarai aufbrechen. Zu Schiffe setzten sie dort über die Wolga und wandten sich dann nach Süden um das westliche Ufer des kaspischen Sees herum nach dem Gebirge der Alanen, d. h. nach dem Kaukasus. Durch das eiserne Thor von Derbend, das Hochgebirge zur Rechten lassend, kam Rubruck über Schemacha in die Mogansteppe, überschritt den Kur am Einflusse des Aras und zog an diesem Strome aufwärts nach Naxua (Nachitschewan) und am Ararat vorbei nach Etschmiadzin. Der durch die Sündflutsage ehrwürdige Berg mit seinem Doppelgipfel hat von jeher auf die christlichen Reisenden einen gewaltigen Eindruck gemacht. Auch Rubruck weiß den Legendenkranz um ein Blatt zu vermehren. Viele Reisende haben den Berg zu ersteigen gesucht, aber stets vergebens. Nun hatte auch ein Mönch in dem nahen Kloster ein heftiges Verlangen, den Gipfel zu erreichen, um womöglich die Arche Noah zu entdecken, welche nach dem allgemeinen Glauben noch auf der Höhe des Gebirges liegen sollte. Da aber ein menschlicher Fuß diese weihevolle Stätte nicht betreten durfte, so habe ein Engel dem frommen Mönche ein Stück von dem Holze der Arche herabgebracht. Dieses Holz sah Rubruck als besonders werthvolle Reliquie im Kloster aufbewahrt. Bekanntlich wird dasselbe gegenwärtig noch gezeigt.

Von Etschmiadzin ging die Wanderung weiter über Ani, die alte, 1319 durch ein Erdbeben zerstörte armenische Königsstadt am Arpatschai, einem Nebenflusse des Aras, und über Ersirum am Euphratthale hinab nach Ersingan und Kamach, einer von der Natur gebildeten Felsenburg, nach Sebaste (Siwas), Cäsarea (Kaisarie) und Iconium. Hier traf Rubruck einen genuesischen Kaufmann, in dessen Begleitung er nach Süden zur Küste wanderte und im kleinen Hafenorte Kurch, dem westlichsten Orte des Königreichs Armenien, das mittelländische Meer erreichte. Ueber Cypern, Antiochia und Tripolis vollendete Rubruck seine mühevolle mehrjährige Reise nach dem Kloster in Akkon, wo er um Pfingsten 1256 anlangte.

Vergleicht man die Reiselinie Rubrucks mit derjenigen Piano’s, so scheint der Gewinn für die Erdkunde nicht sehr wesentlich; allein wir müssen die Erkundigungen und Beobachtungen mit berücksichtigen, wenn wir dem Verdienst Rubrucks vollständig gerecht werden wollen. Zunächst die Erscheinungen der physischen Geographie. Von dem Augenblicke an, wo er den Uralfluß überschritten hatte, traf er auf keinen Fluß mehr, welcher, wie Don, Wolga, Ural die südliche Richtung einschlug. Seitdem der Karatau überstiegen war, folgten die Flußläufe in ununterbrochener Folge der Richtung nach Nordwest: Talas, Tschu, Ili, Irtysch u. s. w. bis nach Karakorum. Der Weg führte über eine Reihe von Gebirgsketten und dann wieder eine Zeitlang an den Flüssen aufwärts: aus alledem schloß Rubruck mit Recht, daß Asien nach Osten, oder genauer nach Südosten, sich zu einem mächtigen Hochlande erhebe. Es ist dies im Mittelalter die erste Andeutung der Erkenntniß des innerasiatischen Plateaus. Im Gegensatz zu den furchtbaren Schneestürmen in der niedrigen turanischen Steppe, verlief auf dem Hochlande von Karakorum der Winter ohne Stürme, aber der Frost, mit wenig Schnee, dauerte bis in den Mai.

Durch sorgfältige Erkundigungen war Rubruck ferner in den Stand gesetzt, die Länder- und Völkergruppirungen in einem großen Theile Asiens in allgemeinen Zügen anzugeben. Nordwärts drang sein forschender Blick im europäischen Tieflande bis zu den Wohnsitzen der Russen, Wolgabulgaren und Baschkiren und weiter östlich in Sibirien bis zu den Kirghisen, die damals zwischen der oberen Tunguska und dem Jenisseï saßen. Er weiß von den polaren Völkern, daß sie mit Hundeschlitten und Schneeschuhen fahren, daß wegen der Kälte die mächtigen Schneemassen nicht mehr schmelzen; aber das Ende des Polarlandes im Norden, die Begrenzung Nordasiens durch ein Eismeer kennt er nicht. Dagegen gibt er mit Bestimmtheit an, daß Cathai gegen Osten an das Weltmeer reicht. Die Wohnsitze der Caule (Kaoli, Korea) und Manse (Mantschu) hält er aber noch für Inseln. Er spricht die Vermuthung aus, daß die Serer des Alterthums identisch seien mit den Cathaiern und charakterisirt ihre mit einem Pinsel gemalte Schrift unter allen Reisenden jener Zeit am treffendsten, wenn er sagt, ein einziges Schriftzeichen begreife mehrere Buchstaben in sich und drücke ein ganzes Wort aus, bei der Aussprache habe das Chinesische einen näselnden Ton. Auch die Schreibweise der Tibetaner, Tanguten, Uiguren faßt er in ihrem Unterschiede von der abendländischen Schrift richtig auf. Ueber den Glauben, die Sitten und Gebräuche dieser Völker fließen seine Beobachtungen mit ein, wie er auch der Zucht der Yakochsen ausführlich gedenkt; unverkennbar tritt das Bestreben hervor, die Fülle neuer Eindrücke ruhig zu prüfen und mit den Nachrichten der alten Schriftsteller zu vergleichen, beziehentlich dieselben zu verbessern.

4. Die Handelsreisen der Poli.

Einen noch größeren Erfolg als die Glaubensboten erzielten die Kaufleute in der Aufschließung des fernsten Orients. Daß hierbei vorherrschend Italiener thätig waren, erklärt sich aus der Entwickelung des Handels am Mittelmeer. Als nach dem Falle des weströmischen Reiches der Seeverkehr eine Zeit lang ganz darniedergelegen, traten die ersten Regungen in Beziehungen mit Byzanz unter dem Gothen Theodorich wieder hervor, der in der Hauptstadt des oströmischen Reiches erzogen war und die byzantinische Pracht und Kunst liebte. So entstanden von seiner Hauptstadt Ravenna aus die ersten Handelsverbindungen mit dem Osten, die aber in den Gothenkriegen unter den Nachfolgern Theodorichs wieder erstarben. Neue Keime bildeten sich bei dem völligen Zerfall einer einheitlichen Macht in Italien erst seit dem neunten Jahrhundert in einigen freien Städten und zwar zunächst in Amalfi am Golf von Salerno. Die Amalfitaner verfügten über eine ziemlich beträchtliche Flotte, besuchten Aegypten und Palästina, ja sie besaßen sogar ihre eignen Quartiere in Konstantinopel. Ihre Seegesetze (Tabula Amalphitana) erwarben sich allgemeine Geltung bei allen Schiffahrt treibenden Städten am Mittelmeer. Aber die Blüte Amalfis währte nur kurze Zeit; unfähig, auf den steilen Felsstufen sich auszudehnen und zu erstarken in Volkszahl, erlag die Stadt der mächtigen Rivalin Pisa. Pisa, Genua, Venedig rangen um die Wette, gewannen durch die Kreuzzüge einen ungeahnten Aufschwung und konnten sich so zuerst in den Ländern der Levante festsetzen. Im 12. Jahrhundert legten die Venetianer in den Häfen Syriens Factoreien an. Aber die Verbindung mit Indien, die bisher ihren natürlichen Weg übers rothe Meer und Aegypten gefunden hatte, erlitt seit der Eroberung des Nillandes durch Saladin um 1171 einen plötzlichen Abbruch. Die abendländischen Kaufleute suchten in Folge dessen einen andern Weg ins Morgenland, sie steuerten über das schwarze Meer zum Don, wo der Hafenplatz Tana aufblühte und reisten von hier zu Land nach Astrachan und durch die Steppen nach Inner-Asien. Auch der Hafenplatz Sudak in der Krim (Soldaja, Saldachia, Sugdaia, Sodaja) blühte auf mit seiner fast ausschließlich christlichen Bevölkerung. Ibn Baluta bezeichnete diesen Hafen als einen der schönsten der Welt. Griechische und italienische Handelsfamilien waren hier ansässig.

Ein anderer Weg nach dem Orient nahm seinen Anfang an der nordsyrischen Küste, in der Nachbarschaft des christlichen Königreiches von Kleinarmenien, welches den Abendländern sich stets gastfreundlich erwies. Vom Mittelmeer her landeten die Reisenden in Lajazzo (Layas), einem vortrefflichen Hafen, der neben den Trümmern des alten Aegae sich erhob und auf der Seeseite durch zwei Citadellen gedeckt war.

Als durch den lateinischen Kreuzzug 1204 Byzanz in die Gewalt der Venetianer fiel, wußten diese den Handelsweg über das schwarze Meer zu monopolisiren und schlossen die Nebenbuhlerin Genua vom Markte aus. Aber diese Handelspolitik rächte sich, als 1261 die Genuesen dem Paläologen Michael III. wieder den Thron in Byzanz verschafften und zum Dank dafür die Vorstädte Pera und Galata erhielten, welche sich zu genuesischen Städten umgestalteten. Nun besaßen sie den Schlüssel zum schwarzen Meere und verdrängten die Venetianer, welche wieder auf den südlichen Weg über Lajazzo angewiesen waren.

Dieser Herrschaftswechsel spricht sich auch in den verschiedenen Handelswegen aus, welche die venetianischen Kaufleute, die Gebrüder Poli einschlugen, um nach dem Innern Asiens zu gelangen. Die Poli gehörten zu den Patriziern, denn in Venedig nahm auch die Aristokratie an den Handelsunternehmungen Theil.

Stammbaum der Familie:

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Marco der ältere scheint eine Zeit lang in Konstantinopel etablirt gewesen zu sein und ein Haus in Soldaia besessen zu haben. Seine Brüder Nicolo und Maffeo unternahmen ihre erste Reise nach Konstantinopel im Jahre 1260, kauften hier byzantinisches Geschmeide ein, welches unter den Mongolen sehr geschätzt war und tauschten außerdem ihre venetianischen Waaren gegen Edelsteine um. Ihre Absicht war, zunächst den Fürsten von Kiptschack zu besuchen.

Damals regierte von 1257–1265 Barka (Berke, Berekeh), ein Enkel des Tschingiskaan, welcher theils in Sarai, theils in Bolgar residirte. Die nördliche Residenz lag bei dem jetzigen Dorfe Bolgari, südlich von Kasan an der Wolga; die südliche, Sarai, war von Batu, dem Bruder Barkas, an einem Arme der unteren Wolga, östlich von Zaritzyn gegründet, und wurde schon 1395 von Timur wieder zerstört.

Marco Polo.

Nach einem Gemälde in der Galerie Badia zu Rom mit der Unterschrift: MARCUS POLUS VENETUS TOTIUS ORBIS ET INDIE PEREGRATOR PRIMUS.

Als sie Bolgar verlassen wollten, brach ein Krieg zwischen Barka und seinem Vetter Hulagu (Hulaku, Alau) von Persien aus. Dadurch wurde ihnen der Rückweg abgeschnitten, sie kamen an der Wolga abwärts nur bis Ucaca, südlich von Saratov, gingen hier über den Strom und nach Südosten durch die Steppen, setzten über den Uralfluß (bei Polo Tigris genannt) und gelangten wahrscheinlich über Urgendsch (Chiva) nach Bochara. Hier hielten sie sich des Handels wegen drei Jahre auf, machten sich mit den Sitten der Tataren bekannt, erlernten deren Sprache und beschlossen dann, mit einer tatarischen Gesandtschaft, welche von Persien nach China ging und sie zur Begleitung einlud, zum Mongolen-Kaan Kublai zu reisen. Der Großfürst nahm sie freundlich auf und gab ihnen dann bei der Heimkehr einen Gesandten an den Pabst mit, um sich für den Orient wissenschaftliche Lehrer der sieben freien Künste zu erbitten. Aber der kaiserliche Gesandte blieb auf der Reise krank zurück und die Gebrüder Poli kehrten 1269 allein in die Heimat und das Gestade des Mittelmeeres zurück, das sie bei Lajazzo erreichten. In Ptolemais (Acre) erfuhren sie, daß der Pabst Clemens IV. gestorben sei. Sie richteten ihren Auftrag daher zunächst an den päbstlichen Legaten Theobald (Tebaldo) von Piacenza aus.

Die Vacanz in Rom dauerte über zwei Jahre; inzwischen gingen die Poli nach Venedig und rüsteten sich dann zur zweiten Reise nach Asien, auf welcher sie der Sohn Nicolos, Marco Polo, welcher 1254 geboren war, begleiten sollte. Da die Pabstwahl sich immer noch verzögerte, so schien es, als sollten sie ohne päbstliches Antwortschreiben ihre Wanderung antreten. Weil seit 1261 die Handelslinie über das schwarze Meer, welche sie auf der ersten Reise eingeschlagen, gesperrt war, kehrten sie zunächst nach Palästina zurück, und nahmen für den Kaan Oel aus der heiligen Lampe am heiligen Grabe in Jerusalem mit und fuhren von da nach Lajazzo. Hier erfuhren sie, daß der Legat Theobald am 1. September 1271 als Gregor X. zum Pabste erwählt worden sei. Derselbe rief sie nach Acre zurück, übergab ihnen Briefe an den mongolischen Großfürsten und entsendete zwei Dominikaner, Nicolaus von Vicenza und Wilhelm von Tripolis (in Syrien) nach dem Wunsche Kublais. Da aber in Folge eines Krieges, welcher zwischen dem Könige von Armenien und dem Sultan von Babylon ausbrach, der Weg unsicher gemacht war, so blieben die beiden Predigermönche bereits in Armenien zurück. So zogen die Poli wiederum allein. Ihren Ausgang nahmen sie von Lajazzo, von wo sie im November 1271 ins Innere aufbrachen. Den Bericht über diese zweite große Reise, welche 24 Jahre währte, verdanken wir dem jüngeren, Marco Polo, welcher sich dadurch um die Erweiterung der geographischen Erkenntnisse des Orients unsterbliches Verdienst erworben und den Ruf des berühmtesten abendländischen Landreisenden im Mittelalter gewann.

Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben, theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen Arbeiten Pauthier’s[23] und Yule’s[24] über Marco Polo und die durch von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu können.

Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas, Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas (Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.

Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich den Abstieg vom Hochlande des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einen Aufstieg erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind. Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen Uebersetzungen entlehne.[25]

Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.

„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn. Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26] „Jnn disem land seind vil wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein, gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambt andern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder, daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“

„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her, doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“

„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄ an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen, vnd machen bittere klagen do.“

Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen Gebirgen wandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die Ostgrenze des persischen Reichs.

Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde. Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i. Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch, im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d. i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan. Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben, sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio. Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht. In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht und ausführlich geschildert (Journal R. Ggr. Soc. Vol. XLVIII, 1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine Seehöhe von 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen, welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000 Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan („Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein. Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin, der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“

Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen Uebertragung eingereiht werden.

„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt, der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen feyßt dauon wirt.“

„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (Ovis Poli) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen wonung mer, auch kein grün gras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich kein futter tragen kan.“[27]

„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig, als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des lands.[28] Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen lang.[29] Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den heutten von den thieren.“

Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen, menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche, fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet, zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten oder Iltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“ geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht, wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.

Die Bevölkerung der Oase[30] Lop (Polo bezeichnet diese als eine große Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch, mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel, Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber, abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können, wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt Bunge, „die finstere Nacht — die Gewitterwolken waren herangezogen, aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen herabfiel — war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf dem Kamel ängstigte — nicht mich allein — eine eigenthümliche Sinnestäuschung, als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann, Mitthl. 1860. 223.) Auch Dr. O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880, die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten Quarzkörner.

Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern 10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu (Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute, die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog, heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc (jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule (Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach zwei Volkstämmen Ung[32] und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der großen Mauer betraut waren.

Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueber die kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor (Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten, wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa 6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof, obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen Gemälden geziert waren. Dr. S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht. Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit 108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.

Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh, „Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“ (Nord-Residenz) weichen mußte.

Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab. Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht, das auf die Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu) der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß, kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter, von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat, vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu), der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt, jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals „vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen. Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales, werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.

Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang (bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d. h. schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi, jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34] Auf den südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“ beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches 1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i. Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im südlichen Yün-nan,[35] Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu vollenden.

Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“ zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.

Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China, ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen; denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur Abreise bot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien, wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte. Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus 600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas, namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.

Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.

(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und breit.)

Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu (Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282 und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber, auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben; aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte 100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere; 12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt lag unfern des Meeres, an welchem Ganfu[37] einen ausgezeichneten Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang. Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324–27 in China weilte, von Marignolli (1342–47), welcher sie Campsay nennt, von Wassaf, Ibn Batuta u. a.

Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum) war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle, geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (lib. III, cap. 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi, d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien. Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr mit den Gewürz-Inseln.

Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens, „wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen. Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide, prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.

Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt, (nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel. Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht. Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39] Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans. Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis. Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar; da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt, so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.

Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte, dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.

Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war inzwischen (am 10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan (Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit, so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200 bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre Vaterstadt Venedig.

Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise zusammen,[40] so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger Ocean sich ausdehnt.

Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber, daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt. Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen erscheinen vielfach übertrieben.

Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand, obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet; daher auch die Verstümmelung der Ortsnamen und seltsame Schreibweise derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen, den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau. Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war, wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder Rustichello seinen Bericht dictirte. — Trotzdem gehört Marco Polo zu den geographischen Classikern des Mittelalters.

Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische, Italienische übersetzt und überarbeitet.

Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua, gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.

Lith. Kunst-Anst. v. Aug. Kürth, Leipzig

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin

CHINESISCHES PAPIERGELD AUS DER MING-DYNASTIE (1368–1645).

Facsimile Reproduction in ¼ der natürl. Größe (Original in Paris).

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Die erste deutsche Uebersetzung erschien 1477 unter dem Titel: „Das ist der edel Ritter Marcho Polo von Venedig der große Landfahrer, der uns beschreibt die großen Wunder der Welt, die er selbr gesehenn hat. Von dem auffgang pis zu dem undergang der sunnen, dergleychen vor nicht meer gehort seyn. Diß hat gedruckt Friczs Creüßner zu Nurmberg nach cristi gepurdt 1477.“ Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Polo’s Bericht von den Kartographen in ausgiebiger Weise gebraucht und auch misbraucht, indem man oft in unkritischer Methode seine Länder und Städte über die Erdräume vertheilte. Trotzdem bildete es das wichtigste Fundament für die Kenntniß des östlichen und südlichen Asien, bis seine unbestimmten Angaben durch bessere, auf mühsamen Landreisen gewonnene Resultate ersetzt werden konnten. Das schönste von allen Resultaten, meint Libri,[41] welches dem Einfluß Polo’s zu danken, sei dieses, daß Columbus durch seine Schilderungen zur Entdeckung der neuen Welt angeregt worden, und daß er, eifersüchtig auf Polo’s Ruhm, es für seine Lebensaufgabe gehalten, Zipangu zu erreichen, von dem der Italiener solche Wunderdinge berichtet habe.

Allein H. Yule (a. a. O. I, 103) bemerkt mit Recht dagegen, daß Columbus die Berichte Polo’s nur aus zweiter Hand kenne und zwar aus einem Briefe Toscanelli’s. Polo’s Namen nennt der Entdecker der neuen Welt nicht. Seine feste Ueberzeugung von der Schmalheit des westlichen Oceans leitet sich nicht aus der Berechnung der Entfernungen asiatischer Länderräume nach Polo’s Angaben her, wonach Ostasien bis weit in den großen Ocean hinein sich erstrecken müßte, sondern stammt von seinem beliebten Gewährsmann, dem Cardinal d’Ailly, welcher seinerseits sich wieder auf Roger Bacon berief.

Ob sich Karten, von Polo’s Hand entworfen, noch länger erhalten, bleibt zweifelhaft. Doch wird erzählt, daß der Prinz Pedro von Portugal 1426 von der venetianischen Signoria eine Karte erhielt, welche entweder ein Original oder eine Copie von einer durch Polo selbst gefertigten Karte gewesen sein soll.

5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge.

Polo hatte in Asien eine Reihe von Nachfolgern, namentlich glaubenseifrige Mönche, welche zwar nicht so umfassende Reisen wie der venetianische Kaufmann machten, aber doch manche Ergänzungen seines Berichtes brachten und namentlich dazu beitrugen, daß noch längere Zeit das Interesse für die östliche Welt lebhaft erregt blieb.

Der erste unter diesen Missionaren war der Franziskaner Johann von Montecorvino in Süditalien, geb. 1247, gest. um 1328. Derselbe befand sich zu gleicher Zeit mit den Poli in Asien. Im Jahre 1289 vom Pabste entsendet, ging er in Begleitung des Kaufmanns Petrus de Lucalongo nach Persien und weiter nach Indien, hielt sich dort bei den Thomaschristen längere Zeit auf und konnte über Land und Leute manches neue erzählen. Seine Erlebnisse und Beobachtungen sind in einem Briefe niedergelegt, welchen er von Maabar in Ober-Indien 1292 oder 1293 nach dem Abendlande sendete. Indien heißt bei ihm Maebar. Die Bewohner der dekhanischen Halbinsel sind eigentlich nicht schwarz, sondern olivenfarben und von schöner Gestalt. Ihre tägliche Nahrung besteht in Reis und Milch; Brot und Wein kennen sie nicht. Unter den Produkten werden Pfeffer, Ingwer und Bersi (Brasilholz) besonders erwähnt. Montecorvino ist der erste abendländische Reisende, welcher Zimmt als ein wichtiges Erzeugniß Ceylons nennt. Auch kennt er die eigenthümliche Schrift auf Palmblätter. Die jahreszeitlichen Winde (die Monsune) regeln die Schifffahrt, auch die Regen sind an bestimmte Zeiten gebunden. Südlich vom indischen Meere gibt es kein Festland mehr, sondern nur Inseln, und zwar mehr als 12000,[42] von denen aber ein Theil unbewohnt ist.

Von Indien wandte sich Montecorvino nach China an den Hof Kublais; diesen Fürsten, den Gönner Polo’s, fand er aber nicht mehr unter den Lebenden. Kublai starb 1294.

Von Cambalu aus, wo 1305 eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet wurde und wo der Franziskaner das Oberhaupt der christlichen Gemeinde, im Range eines Erzbischofs[43] wurde, schrieb er noch zwei Briefe in die Heimat, im Januar 1305 und im Februar 1306. Ein dritter Brief, oder eigentlich der Schluß des zweiten Briefes, ist später von Menentillus von Spoleto mitgetheilt, woraus man früher die irrthümliche Folgerung zog, daß Menentillus selbst in China geweilt habe. Montecorvino scheint der erste und auch der letzte Erzbischof von Cambalu gewesen zu sein.[44]

Zwischen 1316 und 1318 folgte seinen Spuren ein anderer Ordensbruder Odorich von Pordenone in Friaul. Er nahm seinen Weg über Konstantinopel, Trapezunt und Armenien nach Tebris, wo zwischen 1284 und 1291 bereits ein Pisaner Kaufmann, Jolus oder Ozolus ansässig gewesen war. Ueber Sultanieh und Kaschan ging er nach Jesd. Auf Kreuz- und Querzügen, abseits von dem gewöhnlichen Karawanenwege, scheint er an den persischen Golf gekommen zu sein. Er schildert die beweglichen Sandmassen der Wüsten im Innern Persiens, rühmt die ausgezeichneten Feigen und grünen Trauben von Jesd, besuchte die öden Palasttrümmer von Comerum (wahrscheinlich Persepolis) und ging über Schiras ins Tigristhal hinab nach Bagdad. Am babylonischen Thurme vorbei gelangte er ans persische Meer und nach Ormuz, stieg hier zu Schiff und fuhr auf einem gebrechlichen Fahrzeuge, dessen Planken ohne Eisennägel nur durch Kokosfäden zusammengenäht waren, ähnlich wie es Polo und Montecorvino bereits beschrieben hatten, in 28 Tagen nach Tana auf Salsette nördlich von Bombay und von da nach Malabar (Minibar), wo der beste Pfeffer gedeiht. Dort blühten damals die Plätze Flandrina (Pandarani), eine jetzt verschwundene Stadt, nördlich von Kalikut, und Cyngilin, d. i. Kranganor, südlich von Kalikut, damals der Sitz einer der ältesten Dynastien in Malabar.[45] Um die Südspitze Vorder-Indiens herum ging die Fahrt weiter nach Mobar (Koromandel), wo nach der Ansicht Odorichs der Leib des heiligen Thomas begraben liegt. Auch Ceylon wurde besucht, wo es Vögel mit 2 Köpfen (Tukan) gibt, und von hier auch Mailapur (Madras) erreicht. Eine Seereise von 50 Tagen brachte unsern Glaubensboten an den Nicobaren (Nicoveran) vorbei nach Lamori, einem Reiche von Sumatra.[46] Wegen der Hitze gehen die Einwohner nackt, es herrscht bei ihnen Weibergemeinschaft, wie auch auf der Insel Pagi oder Pagai westlich von Sumatra, und Landcommunismus, auch sind sie dem Canibalismus ergeben. Das Gebiet bringt Gold, Kampfer, Aloeholz, Reis und Weizen hervor. Weiter gegen Süden liegt das Reich Sumoltra. Hier begegnen wir zum ersten Male unverkennbar dem heutigen Namen der Insel, welcher von dem Königreiche auf das ganze Eiland übertragen ist. Nachdem Odorich noch verschiedene Häfen besucht hatte, wandte er sich nach der reichen Insel Java, welche nach seiner Vorstellung, eine arge Uebertreibung — gut 3000 Meilen Umfang hat. An Produkten lieferte diese zweitschönste von allen Inseln Kampfer, Kubeben, Kardamom- und sogar Muskatnüsse. Mit Gold und Silber geschmückte Tempel verkündeten die Macht und den Reichthum der Fürsten. Von hier kehrte Odorich nach dem Norden zurück, berührte die Südküste Borneos, wie sich aus den von ihm erwähnten Produkten Sagomehl, Palmwein, Bambus u. s. w. ergibt, besuchte das Königreich Zampa (Tschampa), wo der König viele gezähmte Elephanten besitzt, und endete in Kanton, im Lande Manzi (Südchina), welches auch Ober-Indien genannt wurde, seine Seereise. Er bezeichnet diesen berühmten Seehafen mit dem Namen Censcalan.[47] Die Stadt liegt eine Tagereise vom Meere entfernt an einem großen Flusse und treibt den ausgedehntesten Seehandel. „Ganz Italien besitzt nicht so viele Schiffe als diese eine Stadt.“ Die betriebsame, dichte Bevölkerung Chinas und seine zahlreichen Städte machten einen gewaltigen Eindruck. Odorich greift wohl etwas zu hoch, wenn er meint, es gäbe in Manzi 2000 Städte, welche größer als Vicenza oder Traviso seien. Allein eine annähernde Zahl von Städten besteht nach der Zusammenstellung Yules (Cathay I, 104) noch jetzt. Von Kanton wandte sich Odorich nach Zayton und von da nach dem Hafen Fuzo (Futscheu). Die weitere Landreise führte sodann durch manche Städte und über ein hohes Gebirge, in welchem zwei verschiedene Menschenrassen hausen, nordwärts zu einem großen Fluß, in welchem er zuerst die Kormoranfischerei kennen lernte, und dann nach Cansay, dem Quinsay Polo’s. In Bezug auf die Größe dieser Weltstadt übertreibt er noch mehr als sein Vorgänger. Die Stadt liegt in den Lagunen wie Venedig, hat 100 Meilen im Umfange und von den 12 Hauptthoren aus erstrecken sich die Vorstädte noch meilenweit ins Land hinein.

Von hier gelangte der Franziskaner nach Chilenfu (Nanking), wo zuerst die Könige von Manzi residirten. Damals hatten die Umfassungsmauern eine Länge von 40 Meilen,[48] jetzt nur die Hälfte. Auf dem großen Strome Talay (Ta kjang oder Yang tse kjang) ging die Fahrt an manchen Städten vorbei zum Schifffahrtscanal, und über den Hwangho endlich nach Cambalech (Peking), wo Odorich 3 Jahre verweilte und einer der von Montecorvino gegründeten Kirchen vorstand.

Als neue Beobachtungen des chinesischen Lebens, welche Polo unerwähnt gelassen, erzählt Odorich, es sei ein Zeichen der Vornehmen, sich lange Nägel wachsen zu lassen, bei einigen werde der Daumennagel so lang, daß er rund um die Hand gehe. Bei Frauen gelte es als Schönheit, sehr kleine Füße zu haben. Daher pflegten die Mütter den neugeborenen Mädchen die Füße fest zu umwickeln, daß dieselben nicht wachsen könnten. Auch beschreibt er zuerst die weißen Hühner mit wollhaarigem Gefieder, welche nur in China heimisch sind.[49]

Ueber den Weg, welchen Odorich auf seiner Heimreise einschlug, wissen wir nur soviel, daß er sich von Peking westwärts ins Binnenland, in das Land Tenduc, welches er für das Reich des Priesters Johann hielt, begab, vielleicht auch Singanfu besuchte und über die Hochgebirge nach Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa vordrang. Hier verlieren sich alle Spuren; möglicherweise führte die Route durch Persien über Tebris wieder zurück. Um 1330 gelangte er wieder nach Venedig und starb im Januar 1331 in Udine. Auf einem Theile seiner Wanderung hatte er einen irischen Mönch Jakob zum Begleiter. Er war der erste Europäer, welcher Tibet sah.

Hand eines reichen Annamiten.

Auch auf dem nördlichen Handelswege nach Centralasien fanden sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eifrige Glaubensprediger ein, denn der Pabst hatte allen, welche im Dienste der Kirche sich den Mühen und Gefahren unterzogen, unter den Tataren das Christenthum zu verbreiten, denselben Ablaß „a poena et a culpa“ verheißen, wie denen, welche nach Jerusalem pilgerten. So zog 1338 auch der spanische Franziskaner Pascal von Vittoria von Venedig aus, fuhr übers schwarze Meer nach der Krim (Gazaria) und Asow (Tana) und begab sich dann in Gesellschaft einiger griechischer Händler zu Wagen nach Sarai (Sarray), wo er, wahrscheinlich im Ordenskloster der Stadt, über ein Jahr lang verweilte, dann die Wolga (Tygris) hinab ins Meer von Baku (Vatuk), d. i. das kaspische Meer gelangte und nach 12 Tagen Saraitschik (d. h. kleiner Palast) am Uralflusse erreichte. Der Ort liegt gegenwärtig in Ruinen. Pascal war im Stande, mit den Tataren in ihrer Sprache zu verkehren, denn er hatte in Sarai die kumanische (chamanische) Sprache und die uigurische Schrift, welche bis nach China verstanden wurde, sich angeeignet. Vom Uralflusse verfolgte er, nachdem sein bisheriger Begleiter Fra Gonsalvo Transtorna umgekehrt war, seinen Weg allein, ritt zu Kamel durch die turanische Steppe nach Chiwa (Urganth) und predigte dort in der Landessprache. Von da aus drang er ins Reich Tschagatai (Imperium Medium der Abendländer), wurde durch Kriegsunruhen zwar mehrfach aufgehalten, kam aber doch endlich nach Almalik (Armalec) der Hauptstadt von Tschagatai, in der Nähe des heutigen Kuldscha, und verkündigte trotz aller Verfolgung glaubensmuthig die christliche Lehre. Von hier aus sandte er einen Brief, den einzigen, nach Europa, in welchem er über seine Reisen berichtete. Leider ist er, wahrscheinlich schon im nächsten Jahre, 1339 als Märtyrer gefallen.[50] In demselben Jahre erreichte auch ein Kaufmann, Wilhelm von Modena, die Stadt Almalik.

Die letzte große Wanderung quer durch Asien führte der Franziskaner Johann von Marignolli, ein geborener Florentiner (geb. 1290) aus. Auf einen Brief des Großchans, vom Juli 1336, welcher 1338 nach Avignon gelangte, schickte der Pabst Benedikt XIII. eine Gesandtschaft, aus 32 Personen bestehend, im December desselben Jahres von Avignon ab. Unter den Sendlingen befand sich auch Marignolli. Man kam auf dem bekannten Wege über Konstantinopel und Kaffa im Herbst 1339 nach Sarai, wo man überwinterte, und schlug dann die Handelsroute über Urgendsch nach Almalik (Armalec) ein. Hier blieb Marignolli bis 1341 und zog dann über Komul (Kamil) nach Peking, wo die Gesandtschaft bei dem Kaan eine Audienz hatte unter Vortragen des Kreuzes und unter dem Gesange: „Credo in unum deum.“ In Cambalu verweilten sie 3 bis 4 Jahre als Gesandte des Pabstes am kaiserlichen Hofe, dann ging die Wanderung weiter nach dem Hafen Zayton. Die Schilderung, welche Marignolli von China entwirft, ist etwas verworren. So hält er den Hwang ho und den Yang tse kjang für ein und denselben Strom. Von dem Lande Manzi, d. i. Südchina, welches früher unter dem Namen India maxima bekannt war, sagt er, es habe 30,000 große Städte, unter denen Campsay (Quinsay) die schönste, größte, reichste und wunderbarste sei mit zahlreichen Prachtgebäuden und Götzentempeln, in denen bisweilen 1000 bis 2000 Mönche wohnten. Zu Ende des Jahres 1347 segelte Marignolli nach Indien. Unterwegs stattete er auch der Königin von Saba[51] einen Besuch ab und landete dann an der Küste Malabar in Indien in der Stadt Columbum (Quilon oder Kollam). Denn hier verkehrten auch chinesische Handelsschiffe. In Kollam existirte eine Gemeinde von Thomaschristen. Die Vorsteher derselben bewahrten in Folge eines alten Privilegiums das Normalgewicht (statera), mit welchem Pfeffer und andere Spezereien gewogen wurden. Daher nennt Marignolli sie auch „die Herren des Pfeffers“.[52] Bei dieser Stadt errichtete er auch eine Marmorsäule mit Kreuz und salbte es mit Oel. An der Säule befanden sich die Wappen des Pabstes und Marignolli’s mit indischer und lateinischer Schrift. „Ich weihete es,“ erzählt der Bote des Pabstes, „und segnete das Denkmal in Gegenwart einer unendlichen Menschenmenge und wurde auf den Schultern von Häuptlingen in einem Palankin getragen.“ Von da begab sich Marignolli nach Ceylon; aber das Paradies, welches nach Mittheilungen der Eingebornen im Innern liegen sollte, hat er selbst nicht gesehen. Nach der Ansicht des Johannes Scotus ist das Paradies auf dem höchsten Punkte der Erde gelegen und reicht bis in die Mondsphäre hinein. Daher muß das Wasser, welches aus dem Garten Eden entspringt und die Bäume tränkt, mit starkem Falle herabstürzen. Die Singhalesen fanden daher auch bei Marignolli Glauben, wenn sie ihm erzählten, man könne das Rauschen der Paradiesquelle 40 Meilen weit hören. Auf der höchsten Spitze des Berges ist noch der Fußstapfen Adams und das Haus zu sehen, das er selbst gebaut hat.

Auf der Rückkehr von Ceylon nach der Koromandelküste fiel Marignolli mohammedanischen Seepiraten in die Hände und wurde aller Werthgegenstände, die er aus dem Osten mitgebracht, beraubt; aber man schonte seines Lebens und so konnte er über Ormuz, Bagdad, in dessen Nähe er die Ruinen des Thurmes zu Babel (d. h. den Mudschelibe) besuchte, über Mossul, wo er die Ruinen von Ninive gesehen, Haleb und Damaskus nach dem Abendlande heimkehren und 1353 dem Pabste in Avignon das Antwortschreiben des Großkaan überreichen.[53]

Die oft wiederholten Handels- und Missionsreisen zu den Residenzen der tatarischen Großfürsten machen es erklärlich, daß, lediglich um den praktischen Bedürfnissen der Kaufleute zu genügen, Beschreibungen des Weges mit Angabe der Entfernung und Kosten entworfen wurden. Ein solcher Reiseführer ist unter dem Titel „Libro di divisamenti di Paesi“ von dem Italiener Pegolotti zusammengestellt, welcher im Dienste der Handelsgesellschaft Bardi in Florenz zwischen 1315 und 1317 als Factor in Antwerpen und von 1324–27 in Cypern lebte. Daß Pegolotti die Reise nach China selbst gemacht habe, ist nicht erwiesen und auch nicht wahrscheinlich. Der damals übliche Weg ging über das schwarze Meer und durch Südrußland. Unter den allgemeinen Verhaltungsregeln ward als rathsam empfohlen, daß man sich zunächst einen langen Bart stehen lasse. Dann nehme man sich in Tana einen Dragoman und ein paar tüchtige Diener, welche kumanisch verstehen; auch empfiehlt es sich eine Frau mitzunehmen, welche womöglich gleichfalls kumanisch spricht. Dann versorge man sich mit Mehl und Salzfisch, denn Fleisch findet man allenthalben genug. Bewaffneten Schutz braucht man nicht, da die ganze Straße bis China, Dank der Fürsorge der tatarischen Herren, sicher ist. Hat man etwa (nach unserem Geld berechnet) für 240,000 Mark an Waaren, so wird die ganze Reise etwa 3000 bis 4000 Mark kosten. Ein vierräderiger Ochsenkarren mit Filzdach trägt eine Last von 10 Centnern, ein Kamelwagen, zu dem drei Zugthiere gehören, gegen 30 Centner, ein Pferd zieht etwa 6½ Centner.

Was nun die Entfernung und Stationen betrifft, so rechnet man auf den Weg von Tana bis Astrachan (Gintarchan) mit Ochsenkarren 25 Tage, von da bis Sarai 1 Tag, von da bis Saraitschik (Saracanco) am Ural 8 Tage. Von hier kann man zu Land oder zu Wasser weiter reisen. Auf dem Landwege braucht man bis Organci (Chiva) mit Kamelkarren 20 Tage, weiter bis Otrar (Oltrare) an einem Nebenflusse des Syr-Darja südlich der Stadt Turkestan, unter 43° n. B., wieder 35–40 Tage. Von Saracanco direct nach Otrar kürzt sich der Weg auf 50 Tage ab. In Otrar nimmt man Packesel und reiset 45 Tage bis Armalec (bei Kuldscha) und 70 Tage bis Kan-tschou (Camexu). Dann reitet man zu Pferde 45 Tage, bis man an einen chinesischen Fluß[54] gelangt, auf welchem man nach Cassai (Quinsay) kommt und von hier in 30 Tagen die ganze Reise bis Gamalec (Cambalec, Peking) vollendet.

Leider war dieser aufblühende Verkehr mit dem Oriente nicht mehr von langer Dauer; denn als 1368 in China die mongolische Dynastie gestürzt worden war und eine einheimische Fürstenfamilie an die Spitze trat, wurde das Land gesperrt und der Handel völlig abgebrochen. Nur Indien blieb offen. Und hierher kam im 15. Jahrhundert noch ein venetianischer Kaufmann Nicolo de’ Conti, dessen Erzählung nur durch den seltenen Zufall sich erhalten hat, daß Conti auf der Heimreise nach Europa auf dem rothen Meere in die Hände von Piraten gefallen und aus Todesfurcht den Islam annahm, dann freigelassen, sich in seiner Gewissensangst um Ablaß an den Pabst Eugen IV. wandte, welcher von 1439–42 sich in Florenz aufhielt, und dessen Secretär Poggio (Poggius) die Erlebnisse des Reisenden niederschrieb.[55] Der ganze Bericht macht den Eindruck der Treue und Zuverlässigkeit, doch mag wohl Poggio manches auf eigne Hand hinzugefügt haben, so über die Insel Taprobane. Conti hatte sich in seiner Jugend in Aegypten aufgehalten, um Handel zu treiben, war dann flüchtig geworden, weil er das ihm von seinem Vater anvertraute Capital vergeudet hatte, und war mit einer großen Karawane von 600 Köpfen durch das steinige Arabien und über Chaldäa an den Euphrat gereist. Während des Zuges durch die syrische Wüste hatten sie, ähnlich wie Polo, seltsame Erscheinungen, welche nach Angabe von erfahrenen Männern, die dergleichen schon früher erlebt hatten, für Dämonenspuk ausgegeben wurden. Es war, als ob Reiterschwärme vorübersausten. Man wird bei der Schilderung unwillkürlich an das bekannte Gedicht von Freiligrath: Das Gesicht des Reisenden erinnert. Dann kam er nach der Stadt Babilonia am Euphrat, „welche die heutigen Bewohner Baldachia (Bagdad) nennen“.[56] Dann ging es den Fluß hinunter nach Basra (Balsera) und übers Meer nach Ormuz (Ormesia), damals bereits auf der Insel gelegen. Unterwegs berührte er den Hafen Colchum (bei Diego Ribero 1529 Conga, jetzt Kongun, südlich von Schiras).

In einem persischen Hafen, den er Calacatia[57] nennt, hielt er sich längere Zeit auf, um persisch zu lernen. Seine weitere Reise unternahm er dann in der Tracht eines Persers und fuhr in Gesellschaft seiner adoptirten Landsleute zu Schiff nach Cambaya (Cambahita), welches sie nach einer Fahrt von einem Monat erreichten. Cambaya war damals einer der bedeutendsten Hafenplätze Indiens. „Wenn die abendländische Welt zum Genuß hinterindischer und chinesischer Produkte gelangte, so verdankte sie dies zumeist den unternehmenden Kaufleuten und tüchtigen Seecapitänen von Cambaya und Kalikut.“[58] Eine Küstenfahrt führte Conti nach Süden in die Region, welche ausgezeichneten Ingwer liefert.


MAPAMONDI VOL DIR AYTANT CON YMAGE DEL MONDE DE LES REGIONS QVE SON SVS LA TERRA E DE DIVERSAS MANERAS DE GENS QVE EN ELA HABITAN

(Westlicher Teil)

[❏
GRÖSSERE BILDANSICHT]

(Östlicher Teil)