4. und 5. Cynopithecus niger (Desm.) und nigrescens (Temm.)

[Tafel II] Fig. 3–4 und [III] Fig. 3–4

Schlegel (Cat. VII, 119 1876) führt beide als Macacus niger. Was die generische Stellung anlangt, so sagt er zwar (p. 118): „Ce singe rappelle les Papions par son ensemble et plus particulièrement par son museau prolongé et pourvu de deux côtes saillantes“, erachtet dies jedoch nicht für wichtig genug, um die Art zu den afrikanischen Pavianen zu stellen. Jentink (Cat. XII, 32 1892) ist ihm hierin gefolgt, fast alle anderen Autoren aber acceptiren für diese isolirte Form die Gattung Cynopithecus. Auch ich finde die Differenzen, speciell des Schädels, zwischen ihr und Macacus viel zu bedeutend, als dass ich, unter Anwendung der sonst üblichen Regeln, das Zusammenstellen zweier so verschiedener Thiere in eine Gattung für gerechtfertigt halten könnte, und andrerseits auch die Unterschiede von Cynocephalus gross genug, um, bei dem räumlichen Abstande, den Celebes Affen von dieser Gattung zu trennen. Es bleibt eben eine der charakteristischesten Celebes-Formen, ein Überbleibsel aus früherer Zeit, das erst palaeontologische Entdeckungen ganz verstehen lehren werden. Die Art ist noch viel isolirter als Macacus maurus, dessen nächsten lebenden Verwandten wir doch in M. arctoides Js. Geoffr. von Hinterindien[1] suchen können, wenn dieser Verwandter auch kein sehr naher ist. Stellt man mit Schlegel und Jentink C. niger in die Gattung Macacus und neben M. maurus, so verliert er allerdings viel des Exceptionellen, und man könnte dann an die Entstehung dieser beiden isolirten Formen aus einander denken, allein hierzu möchte ich mich keineswegs bekennen.

Zwar haben Quoy & Gaimard (Voy. Astrol. 1833 pl. 7) schon zwei Schädel von C. niger abgebildet, einen jüngeren und einen älteren, allein auch der ältere ist nicht adult, denn der obere 3. Molar ist noch nicht ganz heraus, auch spricht die geringe Dimension des ganzen Schädels, wenn natürliche Grösse gemeint ist, dagegen. Ausserdem lässt die Kleinheit der Eckzähne ein Weibchen vermuthen, worüber weder aus dem unklar gehaltenen Text (I, 67 1830), noch aus den Tafelerklärungen im Atlas und Texte Sicherheit zu schöpfen ist. Auch scheint das Exemplar gar nicht von Celebes, sondern von Batjan — „Matchian“ (sic!) — zu sein (p. 69). Ich bilde daher auf [Tafel II] Fig. 3–4 und [III] Fig. 3–4 den Schädel eines adulten Männchens von Main in der Minahassa (B 2735), in der norma facialis, lateralis, verticalis und basalis (¾ nat. Gr.) ab, so dass ein directer Vergleich mit dem Schädel von Macacus maurus auf denselben Tafeln möglich ist. Dieser Vergleich ergiebt leicht die sehr bedeutenden Unterschiede und erlässt mir ihre textliche Hervorhebung, sowie die nähere Begründung dafür, dass ich nicht beide in die Gattung Macacus zusammenstelle. Wenn der abgebildete Schädel von C. niger auch 8 mm kürzer als der von M. maurus ist, so sind sie im Ganzen doch gleich gross zu nennen und jedenfalls ungefähr gleichaltrig, sowie adult. Auch die Körpergrösse der beiden Exemplare kommt ziemlich überein (vom Vertex zum Anus c. 490 mm[2]). Der abgebildete ist nicht der grösste niger-Schädel des Museums; ein männlicher (B 1477) von Batjan übertrifft ihn, dessen Maasse, sowie die eines alten, aber defecten männlichen von Main, in der Minahassa (B 2729), ich daneben setze (es sind dieses die 3 ältesten aus einer Serie von 20 Schädeln), und auch einige Skeletmaasse, soweit möglich, hinzufüge, um die oben von M. maurus gegebenen vergleichen zu können: [[6]]

B 2735 (Cel.) B 2729 (Cel.) B 1477 (Batjan)
Schädellänge 136mm mm 142mm
Jochbogenbreite 83,7mm,, 90,6mm,, 87mm,,
Breite am proc. zygom. os. front. 63mm,, 67,2mm,, 63,6mm,,
Geringste Breite zw. den Augenhöhlen 6,7mm,, 6mm,, 5,6mm,,
Breite an den Alveolen der Caninen 40mm,, 41,3mm,, 43mm,,
Geringste Breite am Pterion 48mm,, 45,3mm,, 44,5mm,,
Grösste Breite am Pterion 55,4mm,, 52,8mm,, 49mm,,
Länge des Femur[3] 194mm,, mm,, 201mm,,
Länge der Tibia 178mm,, mm,, 185mm,,
Länge des Humerus 170mm,, mm,, 175mm,,
Länge des Radius 172mm,, mm,, 182mm,,

Die Zahl der Schwanzwirbel giebt Schlegel (Cat. VII, 119 1876) auf 5 an. Das Museum besitzt 7 Skelette: Vier von Celebes haben 3, 4 und 5 Wirbel, bei dem einen der beiden mit 5 sind sie zu 4 verwachsen, eins von Lembeh hat 4, zu 3, zwei von Batjan haben 5, zu 2, resp. 3 verwachsen. Man kann also nicht in allen Fällen von 5 normalen Caudalwirbeln sprechen. Die Ungleichmässigkeit zeigt, dass der Schwanzrest bereits in absteigender Entwicklung begriffen ist; jedenfalls ist er kürzer als der von Macacus maurus.

In meinem Tagebuche finde ich folgende Aufzeichnungen: Im Februar 1871 sah ich an den Ufern des Flusses Tumumpat unweit Manado Schaaren von 25 und mehr, ich schoss auch einige; man hört sie schreien und sieht sie beim Herannahen des Bootes von Baum zu Baum springen, so dass die Äste unter ihrer Last krachen. Am 9. April schoss ich einige hinter Malalajang unweit Manado. Am 25. April sah ich sie sehr zahlreich auf Manado tua. Die Insel ist unbewohnt, aber von Fischern viel und von weither besucht, die die Affen füttern. Früher wurde jährlich von Manado ein Boot mit Essen hingesandt und am Strande deponirt, später beschränkte man sich darauf, ein Floss mit Essen und brennenden Lichtern Abends in See zu schicken[4], 1871 that man auch dies nicht mehr, erlaubte aber nicht, sie zu schiessen, da man sonst sterben müsse. Die Affen waren dick und fett und so zahm, dass sie sich in nächster Nähe niedersetzten und erst wegliefen, wenn man sie, sozusagen, greifen konnte, doch näherten sich nur Männchen. Sie warteten auf den Bäumen über uns bis wir vom Essen am Boden aufstanden und stürzten sich dann auf die Reste. (Vgl. auch bei Schlegel: Cat. VI, 120 1876.) Wahrscheinlich sind sie vom Menschen nach der kleinen vulkanischen Insel Manado tua übergebracht worden. Im April beobachtete ich einen Trupp bei Tateli, nahe Manado, auf hohen Bäumen, wohinauf die Gewehre nicht reichten, auch versteckten sie sich im Laube. Wir machten unten ein Feuer mit viel Rauch, worauf sie auf eine nahe hohe Kokospalme flüchteten. Diese erkletterte einer meiner Begleiter, währenddem sich ein Affe c. 60 Fuss hoch herabfallen liess und anscheinend unbeschädigt davonlief. Auch sah ich einmal am Waldesrand eine Wache, die das Nahen einer Gefahr meldete, worauf aus dem Innern geantwortet wurde. Auf der Insel Bangka, im Norden von Celebes (5. Mai), fand ich sie nicht; diese Insel ist grösser als Manado tua. Am 10. Mai in der Strasse Lembeh notirte ich, dass viel Affen auf der Insel und auf der Festlandküste seien. Am 23. Juni in Panghu, im Gebirge der Minahassa, viele. Bei einer Besteigung des Klabat (2. Juli) sah ich keine, doch heisst es, dass viele daselbst seien. Am 24. August fand ich welche c. 2000 Fuss hoch auf dem Boliohuto, nordwestlich von Gorontalo, und notirte, dass sie von unten gräulich wären, also alte Exemplare, die stets an der Brust und den Vorderextremitäten [[7]]grau sind. Sonst ist die Art vom Gorontaloschen und von Tomini registrirt (Schlegel Cat. VII, 121 1876) und P. und F. Sarasin beobachteten sie in Bolang Mongondo zwischen der Minahassa und Gorontalo (Z. Erdk. Berl. XXIX, 375 1894). Hickson (Nat. N. Cel. 1889, 82) nennt sie auf der Insel Talisse, an der Nordspitze von Celebes, häufig.

Temminck sagt (Coup-d’oeil III, 112 1849) von C. niger, dass er überall, mit Ausnahme der grauschwarzen Schenkel, intensiv schwarz sei. Dies ist jedoch nicht richtig. C. niger ist nie überall intensiv schwarz, sondern stets auf der Oberseite mehr oder weniger, oft sehr stark, mit Braun versetzt. Das eine oder andere Exemplar unter den 16 des Dresdner Museums von der Minahassa, Manado tua und Lembeh ist tiefer schwarz, aber auf dem Rücken zeigen auch diese stets Braun. Es darf daher, entgegen der Angabe fast aller Autoren, die Hervorhebung dieser Farbe in der Beschreibung nicht fehlen. Ferner sind nur die Oberarme und Umgebung (bei alten Individuen aber auch die Unterarme) gräulich, im Gegensatze zu Macacus maurus, wo vornehmlich die Schenkel so auffallend hellgrau gezeichnet erscheinen.


Zugleich trennte Temminck (p. 112) C. nigrescens ab als braunschwarz, besonders auf den Schultern und dem Rücken, und mit jederseits ungetheilten Gesässchwielen, gegenüber den jederseits zweitheiligen bei niger. Die braunschwarze Färbung kann jedoch keinen Unterschied abgeben, denn alle Exemplare, junge wie alte, männliche wie weibliche, aus der Minahassa, von Manado tua und Lembeh haben, wie bereits bemerkt, mehr oder weniger Braun, letztere besonders ausgesprochen. Erst durch Schlegel (Cat. VII, 121 1876) erfuhr man, dass Temminck zur Fundirung seines nigrescens 5 Exemplare von Gorontalo, Tulabello und Tomini, also nicht aus der Minahassa, dienten, bei denen es allerdings auffällig ist, dass sie jederseits eine ungetheilte Gesässchwiele haben, gegenüber der jederseits zweitheiligen der Minahassa Exemplare. Schlegel (p. 119) hielt dies für individuelle Variation, was ich nicht annehmen möchte. Die 5 genannten Exemplare, in den Jahren 1842 und 1864, also in 22jährigem Zwischenraum, an 3 verschiedenen Localitäten gesammelt, sprechen schon dagegen, und von den 16 Exemplaren des Dresdner Museums von der Minahassa, Manado tua und Lembeh hat nicht Eines eine ungetheilte Gesässchwiele, auch führt Schlegel (p. 120) unter 5 Exemplaren der Minahassa nur eines an, das sie links ungetheilt habe. Von den Gefangenschafts-Exemplaren, deren Herkunft man nicht kennt, sehe ich ab. Man kann daher hier nicht von individueller Variation sprechen, sondern es dürfte sich um einen constanten Charakter, der einer geographischen Provinz angehört, handeln. Auch ich habe in meinem Tagebuch eine Notiz, dass das Gesäss der Gorontaloer Affen dunkler sei, als das der Minahassaer, es muss mir also eine Verschiedenheit aufgefallen sein, ich hatte jedoch keine Gelegenheit, dies näher zu verfolgen. Jedenfalls muss es durch weitere Untersuchungen klar gestellt werden, wie auch, ob andere Differenzen vorhanden sind, vorläufig allerdings lässt sich C. nigrescens als Subspecies—mehr würde die Form nie beanspruchen können—nicht erweisen, sondern man kann nur sagen, dass die Exemplare von Gorontalo bis Tomini an den Gesässchwielen von den Minahassa Exemplaren abzuweichen scheinen.


Der Batjan-Affe ist derselbe wie der der Minahassa, von wo er auch dorthin gebracht[5] worden sein dürfte. Die 2 Exemplare des Museums haben zweitheilige Schwielen und unter den 5 des Leidener Museums (Schlegel l. c. 121) hat nur eines ungetheilte. Das von Quoy & Gaimard (Voy. Astrol. pl. 7 1833) abgebildete Gesäss eines Exemplares von Makjan (rect. Batjan) ist ungetheilt, allein auf diese Abbildung dürfte kaum Etwas zu geben sein. Ich muss auch bemerken, dass die Art des Trocknens der Häute und die Art des Präparirens hier irreführen kann; 2 Exemplare aus der Minahassa schienen ungetheilte Schwielen zu haben, nach dem Aufweichen kam die Theilung jedoch sehr deutlich zum Vorschein. Anderson (An. Zool. Res. I, 83 1878 Anm.) lässt auf Batjan nigrescens zu Hause sein—„Celebes, Moluccas, and the small adjacent Island of Batchian“ (sic!) —, was nun ganz irrig ist.[6]

Die sich durch fast alle Bücher schleppende irrthümliche Angabe, dass sich diese oder eine verwandte [[8]]Art auch auf den Philippinen fände[7], mag daher rühren, dass die seit lange jährlich die Minahassa und die Tominibucht zum Cacao-Einkaufe besuchenden Philippinen-Schiffe lebende Affen mit zurücknahmen, die dann z. B. von Manila aus in ein europäisches Museum kamen oder sonst (z. B. von Sulu durch Gogorza, An. Soc. Espan. XVII, 9 des S. A., 1888) registrirt wurden. Eine solche Verschleppung hat gewiss oft statt gefunden, denn Affen werden jedem einlaufenden Schiff angeboten, so mir sofort, als ich am 25. November 1870 Abends in Kema per Dampfschiff ankam.


[1] Everett (P. Z. S. 1893, 494) führt arctoides auch von Borneo auf, indem er melanotus Ogilb., den Günther (P. Z. S. 1876, 425) von dort nennt, damit identificirt (nach Anderson: An. Zool. Res. I, 45 1878 und Cat. Mamm. I, 74 1881), allein das betreffende junge Exemplar hatte, bei einer Körperlänge von 12 Zoll, einen 3½ Zoll langen Schwanz, es kann also nicht arctoides gewesen sein. (S. auch Hose Mamm. Borneo 1893, 8.) Die neuesten Abbildungen von jungen und alten arctoides findet man bei Anderson (l. c. pl. I u. II 1878). [↑]

[2] Die ähnliche Färbung jüngerer Exemplare scheint z. B. Wallace, der vielleicht keine oder wenig Affen auf Celebes schoss, verleitet zu haben, M. maurus im Süden für C. niger zu halten (Mal. Arch. D. A. I, 331 1869), was schon Weber (Zool. Erg. I, 103 1890) bespricht (vgl. auch Jentink: T. Aardr. Gen. 1889, 246). So irrte Wallace auch, wohl ebenfalls in Folge dieser Verwechselung, wenn er C. niger über „ganz Celebes“ (p. 393) verbreitet sein lässt; wir sahen bereits oben unter M. maurus, dass er wahrscheinlich nur die Nordhalbinsel bewohnt. Auch Teijsmann (Nat. T. Ned. Ind. 38, 77 1879, s. auch 23, 367 1861) nahm M. maurus im Süden (Pangkadjene) für C. niger; er heisst hier dureh. (S. auch oben p. 1 Anm. 2.) [↑]

[3] Die entsprechenden Maasse einiger jüngeren weiblichen Exemplare sind:

B 2737 (Cel.) B 3077 (Lembeh) B 1475 (Batjan)
Länge des Femur 158mm 146mm 176mm
Länge der Tibia 143mm,, 138mm,, 158mm,,
Länge des Humerus 141mm,, 130mm,, 157mm,,
Länge des Radius 147mm,, 136mm,, 159mm,,

[4] Ob Letzteres nicht in anderem Zusammenhange wie mit den Affen geschah, will ich hier nicht untersuchen. Man vergleiche u. a. Hickson: Nat. N. Cel. 1889, 163 und Globus LX, 154 1891, sowie Schurtz Abh. Sächs. Ges. Wiss. Phil. Hist. Cl. XV, II. 68 1895. [↑]

[5] Der v. Rosenbergschen Angabe (Mal. Arch. 1878, 268) möchte ich kein grosses Gewicht beimessen, wenn es sich auch so verhalten haben könnte. [↑]

[6] Die beste Synonymie von C. niger und nigrescens findet man in Andersons ausgezeichnetem Werke. [↑]

[7] Siehe z. B. Wallace (Mal. Arch. D. A. I, 393 1869 und Geogr. Verbr. D. A. I, 495 1876). Schuiling (T. Aardr. Gen. 2. s. v, 536 1888) folgt Wallace blindlings, was schon Jentink (l. c. VI, 244, 1889) gebührend beleuchtet hat, und so bringt ebenfalls er dieses Philippinen-Vorkommen, wenn auch mit einem „vielleicht“. Dass Elera, der unkritischeste aller Compilatoren, noch neuerdings (Cat. sist. fauna fil. I, 4 1895) wieder die Art auch von Negros und Sulu aufführt, kann unter diesen Umständen nicht Wunder nehmen; eine so kaltblütige Abschreiberei, wie sie Elera in seinem mehrbändigen Werke sich hat zu Schulden kommen lassen, dürfte einzig dastehen. [↑]

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