Erste Scene.
Lisette
(ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht, steht auf und sieht sich erstaunt um).
Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen!
Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend — Nein!
Es hieß — Die Augen auf und schlafe ja nicht ein!
„Der Freund kommt her,“ erhalt dich munter,
Und fielst du auch vom Stuhl herunter!
Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; —
Ich muß es ihnen gleich nur sagen,
Die merken es sonst nie!
(Sie klopft an die Seitenthür.)
Nun meine Gnädigsten?! — Fräulein Sophie!
Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage;
Ums Himmelswill’n, so hören Sie doch was ich sage!
Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub?
(Sie geht von der Thür weg.)
Die haben jede Furcht vergessen!
Nun wartet nur, ich glaube fast
Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast.
Das ist ein Dienst bei Fräulein — bei verliebten!![1]
(Sie geht wieder zur Thür.)
So trennen Sie sich doch! — Es ist ja Morgens früh!
Wie?
Sophie (hinter der Scene).
Wie viel Uhr ist’s?
Lisette.
Das ganze Haus erwacht.
Sophie (wie oben).
Wie viel Uhr ist’s?
Lisette.
Sechs, sieben, acht!
Sophie (wie oben).
Das ist nicht wahr!
Lisette.
O Amor, du verwünschter Wicht!
Es ist doch klar,
Sie hören mich und können
Noch immer sich nicht trennen!
Und warum öffnen sie die Laden nicht?
(Sie wendet sich zur Uhr.)
Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß,
Allein ich muß!
Ich lasse alle Glocken spielen,
Denn wer nicht hören will — muß fühlen!
(Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen anfängt.)
Zweite Scene.
Lisette und Famussoff (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter).
Lisette.
O je, der Herr!
Famussoff.
Der Herr, nun ja!
Du Naseweis — was machst Du da?
(Er hält das Glockenspiel an.)
Ich konnte den Spektakel nicht begreifen;
Das war ein Klingeln und ein Pfeifen!
Sophie — die konnt’s so früh nicht sein;
Bald klang’s wie ein Klavier und bald wie eine Flöte.
Das fiel mir wirklich gar nicht ein,
Daß Du es seist, Du kleine Kröte.
Lisette.
Ich weiß nicht recht, wie es geschehn —
Ich kam daran ganz aus Versehn.
Famussoff.
Ganz aus Versehn? — Vor euch nehm’ man sich nur in Acht.
Du that’st es sicher mit Bedacht.
(Er schäkert mit ihr.)
Du kleiner netter Schelm!
Lisette.
Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht!
Steht Ihnen das wohl zu Gesicht?
Famussoff.
O Tugendheldin, sei kein Kind!
Du hast im Kopf doch nichts als Wind.
Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran,
Daß Sie ein alter Mann.
Famussoff.
Nun, ja,
Beinah’!
Lisette.
Und dann
Kommt wer, was fängt man an?
Famussoff.
Wer denn? Sophie schläft.
Lisette.
Erst eben schlief sie ein.
Famussoff.
Erst eben? Und die Nacht?
Lisette.
Das Fräulein las, und hat gewacht.
Famussoff.
Nun sieh’ mal was das für Manieren!
Lisette.
Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren.
Famussoff.
Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren.
Vom Lesen, muß ich frei gestehn,
Kann ich nicht großen Nutzen sehn:
Ihr raubt den Schlummer die französische Lectüre
Und mich — mich schläfert’s fürchterlich,
Sobald ich nur ein russisch Buch berühre.
Wenn sie erwacht, sag’ ich’s Fräulein Sophie,
Doch jetzo, bitt’ ich, gehen Sie!
Famussoff.
Warum?
Lisette.
Sie wecken sie.
Famussoff.
Wodurch sollt’ ich sie wecken?
Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken
Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh’
Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie!
Lisette (sehr laut).
Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie!
Famussoff (hält ihr den Mund zu).
Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen?
Lisette.
Ich fürcht’, wenn Sie noch länger bleiben, daß —
Famussoff.
Und was?
Lisette.
Ach Herr, Sie wissen’s doch, Sie sind kein Kind —
Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind,
Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort,
Gleich ist der süße Morgenschlummer fort.
Und Alles hören sie.
Famussoff.
Ach, Alles dummes Zeug!
Lisette!
Lisette.
Gleich, mein Fräulein, gleich.
Famussoff.
St! (schleicht auf den Zehen fort.)
Lisette (allein).
Ach Gott, von unsern Herrn
Halt’ man am besten sich recht fern!
In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig,
Daß gleich ein neues Unglück fertig;
O wenn man doch von diesen beiden
Den größten Leiden
Verschont nur bliebe:
Von Herrenzorn und Herrenliebe!