Fünfte Scene.
Famussoff. Scalosúb. Tschatzki (im Hintergrunde).
Famussoff.
Herr Oberster hierher, zu uns, hierher!
Hier ist es wärmer, bitte sehr!
Friert Sie? — Die Wärme kann man gleich vermehren,
Ich öffne schnell die Ofenröhren.
Scalosúb (im Bass).
Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu!
Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben.
Famussoff.
Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu’!
Mein theurer Freund, Sie können glauben
Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm.
Nun — machen Sie’s sich recht bequem,
Den Hut hierher, fort mit dem Degen!
Wir wollen ihn bei Seite legen;
Hier ist ein Sopha, federweich.
Scalosúb.
Wo Sie befehlen — mir ist’s gleich.
(Sie setzen sich.)
Ach, bester Freund, hier ist es grad’ am Ort!
Von unseren Verwandten erst ein Wort,
Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht —
Ihr guter Vetter gab mir unlängst drüber Licht —
In welchem Grade ist verwandt
Natalja Nikolajewna mit Ihnen?
Scalosúb.
Damit kann ich nicht dienen,
Das ist mir nicht bekannt,
Wir dienten nicht bei einem Regimente.
Famussoff.
Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte!
Nein, wer mit mir verwandt,
Den such ich auf und wär’s
Im Grund des Meers!
Da hab’ zum Beispiel jetzt
Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt
Ich nehme selten Leute, die mir fremd —
Sie wissen ja, die Haut ist näher, als das Hemd! —
Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt,
Ich nahm ihn wegen seiner schönen Hand. —
Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen,
Da giebt es Kreuzchen hier zu Land,
Und kleine Aemtchen — allerhand —
Wie sollte man Verwandte nicht belohnen!
Doch wollen wir zurück auf Ihren Vetter kommen
Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt.
Ja, Anno dreizehn war’s, wir thaten uns hervor,
Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps.
Famussoff.
Beglückt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden,
Mich dünkt, im Knopfloch trug er einen Orden?
Scalosúb.
Ja, für den dritten Mai, Sie haben recht gesehn,
Wir saßen fest in den Transcheen;
Da galt’s! —
Er kriegt’s im Knopfloch — ich am Hals!
Famussoff.
Ein lieber Mann,
Man sieht ihm gleich den Helden an —
Ein prächt’ger Mensch ist Ihr Herr Vetter!
Scalosúb.
Er hat sich leider jetzt
Gott weiß was in den Kopf gesetzt!
Er wäre eben avancirt,
Da hatt er grad’ den Dienst quittirt,
Und ließ im Stiche Rang und Orden.
Drauf ging er auf sein Landgut hin
Und ist ein Bücherwurm geworden.
Famussoff.
Ja, ja, das Lesen — o der jungen Thoren!
Was geht dadurch nicht später oft verloren!
Für Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange;
Längst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange.
Ich hatt’ mit meinen Cameraden sehr viel Glück:
Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick,
Da wurden ältre aus dem Dienst geschlossen,
Und andre — plötzlich — todtgeschossen.
Famussoff.
Ja, ja, nur der besteht,
Den Gott erwählet und erhöht!
Scalosúb.
Doch mancher hat noch größres Pferde-Glück!
Wir gehn nicht weit zurück —
Da nehmen Sie doch nur einmal
Hier in der funfzehnten Division
Zum Beispiel den Brigadegeneral!
Famussoff.
Mein Gott, Sie müssen es doch selber sagen:
Sie können sich wahrhaftig nicht beklagen!
Scalosúb.
Ich thu’s auch nicht, allein dennoch — Sie wissen —
Ich habe nach dem Regiment
Zwei lange Jahre laufen müssen.
Famussoff.
Zwei Jahre laufen — Element!
Dafür in andern Dingen
Die Sie erreicht
Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht.
Scalosúb.
Ja, freilich wird im Corps man ältre finden.
Ich trat erst ein
Im Jahre achtzehnhundert neun.
Allein um rasch befördert sich zu sehn,
Kann man verschiedne Wege gehn,
Und hierin bin ich Philosoph,
Ein jeder Weg ist mir egal
Wenn er nur führt zum General.
Famussoff.
Sie haben so vollkommen Recht zu denken.
Gott mög’ Gesundheit Ihnen schenken,
Und dann den General,
Und haben Sie den Rang einmal —
Dann müssen Sie — was soll das Zaudern sein?
Nach einer Generalin frei’n.
Scalosúb.
Ich sag’ durchaus nicht nein!
Famussoff.
Und das ist doch so leicht, mein Bester!
Da hat der eine Schwester,
Der eine Tochter hier am Ort.
Die Bräute bringt man nicht aus Moskau fort,
Sie mehren sich mit jedem Jahr.
Ach lieber Freund, Sie müssen selbst gesteh’n
Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn!
Scalosúb.
Ja, ungeheure Plätze giebt’s zum Exerciren.
Famussoff.
Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren,
Die Sitten, die von Alters her noch rühren.
Zum Beispiel nur — man ehrt den Sohn
Hier um des Vaters willen schon.
Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen,
Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen —
Der Bräutigam ist fertig —
Und wär’ er noch so widerwärtig.
Ein andrer, sei er auch gescheut
Voll Klugheit und Belesenheit
Und vollgepfropft mit hohen Dingen,
Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen;
Denn darin sind wir ohne Tadel
Wir halten noch allein auf alten ächten Adel.
Und das ist’s nicht allein! — was Gastfreiheit betrifft!
Wer hat vollkommner sie gefunden,
Und hätt’ er auch die ganze Welt umschifft —!
Die Thür ist auf — zu allen Stunden;
Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge,
Den Wirth erfreut besonders das Gedränge,
Ausländer, die natürlich ganz voran —
Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann,
Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle
Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle.
Ja — wie man uns betrachten möge,
Vom Hacken bis zum Nacken —
Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge.
Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend
Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein;
O, die sind fein!
Zwar predigen wir streng Moral und Tugend,
Und doch kann oft mit funfzehn Jahren
Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren.
Dann unsere alten Herren, welche Geister!
Im Disputiren sind sie Meister.
Wenn es so losgeht über Staat und Krone,
So sprechen sie wie lauter Salomone.
Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus,
Was andre denken, was macht er sich draus!
Und die Regierung, wie mit der sie fahren!
Wenn’s jemand hörte, lass’ uns Gott bewahren! —
Nicht daß sie grad’ was neues wollten — nein
Behüte Gott; allein sie schrei’n
Und streiten über dies und das
Und wissen selber oft nicht — was.
So geht es fast bei jedem Schmaus,
Man lärmt und tobt und — fährt nach Haus.
Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten!
(Leiser.)
Und im Vertraun — noch unreif ist die Zeit —
Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. —
Die Damen gar, das sind die höchsten Richter,
Doch richt’ sie einer nur, da machen sie Gesichter,
Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben
Da giebt es oft Tumult,
Daß wirklich alle Fenster beben.
Mit Frauen schenk’ uns Gott Geduld,
Ich weiß es leider ganz genau
Ich selber hatt’ ja eine Frau!
Wir haben Frau’n, wahrhaftig desperat!
Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat,
Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da
Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna,
Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna!
Dann unsere Töchter! Ist’s nicht wahr?
Die königliche Majestät im vor’gen Jahr
Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch,
Konnt’ sich verwundern nicht genug.
Sie fand sie grad’ nicht klassisch schön,
Doch klassisch wohlerzogen.
Und wahrlich, unsere Töchter sind’s auch — ungelogen —
Wie sie verstehen sich zu kleiden,
In Mousselin und Sammt und Seiden!
Sie können selbst — es ist ein Ohrenschmaus
Französische Romanzen singen,
Und von den Noten zwingen
Die allerhöchsten sie heraus. —
Besonders hängen sie am Militair,
Das — kommt vom Patriotismus her.
Ja, ja, man suche nach in allen Reichen,
Man forsche nach von Land zu Land,
Nichts ist mit Moskau zu vergleichen.
Scalosúb.
Ja wohl, und seit dem großen Brand
Ist unser Moskau ganz charmant.
Famussoff.
O nichts davon! Da haben uns geklungen
Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen
Seitdem sieht doch ein jedes Haus,
Trottoirs und Straßen anders aus.
Tschatzki (in den Vordergrund tretend).
Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! —
Sie brauchen sich nicht zu betrüben.
Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg!
Den Vorurtheilen blieb der Sieg.
Famussoff (leise).
Mach’ Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß.
Zu schweigen bat ich Dich so sehr,
Wird Dir denn das so schrecklich schwer?
(Zu Scalosúb.)
Herr Oberst — hier — wenn Sie erlauben —
Des seel’gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn,
Er dient nicht — sollten Sie es glauben!
Ein Eigensinn!
Das heißt — er sieht im Dienste nicht Gewinn.
Doch wenn er wollte, könnt’ er vieles leisten.
Er schreibt vortrefflich, übersetzt —
Schad, schade das, — das muß man sagen!
Tschatzki.
Recht schade — daß Sie nicht wen anders so beklagen,
Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. —
Famussoff.
So richt’ ich nicht allein, ich höre es von Allen.
Tschatzki.
Und wer sind diese Richter? Wie?
Sind es nicht etwa die,
Die ihrer Glatze wegen schon allein
Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih’n?
Sie schlagen in Journälen nach
Und möchten alles Alte gleich vergöttern.
Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern,
Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach
Und der Eroberung der Krimm. —
Woher der ew’ge Haß und Grimm?
Das neue lassen sie nicht gelten
Und singen stets das alte Lied,
Stets fertig sind sie nur zu schelten
Und sie bekritteln, was geschieht,
Und merken’s an sich selber nimmer
Das: um so älter um so schlimmer!
Wer nicht so denkt wie sie — den nennen sie Verräther!
Wo sind sie denn, des Landes Väter,
Von denen man als Muster spricht!
Ich seh’ sie nicht! —
Ist’s etwa der?
Ein Millionär
Durch Dieberei geworden?
Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden
Dem Schwerdt der Themis trat entgegen?
Natürlich sank der guten Göttin Degen
Herab, so viel Verdienst zu lieb,
Und sehen Sie — nun baut der Dieb
Sich einen prächtigen Pallast
Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst,
Die Gäste strömen hin zu Hauf;
Doch stände wohl ein Gast
Als Kläger seines Wirthes auf?
Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen
So weit zu gehn
Von irgend jemand schlecht zu sprechen,
Der Bälle giebt und Assembleen? —
Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken
In meiner Kindheit mußte bücken?
Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! —
Der Nestor — alt und grau in Sünden,
Der seine Diener oft verwettet
Wenn er im Zorne und berauscht:
Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet
Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? —
Ist’s jener, der zu ganzleibeigenem Ballet
Die Kinder von den Aeltern reißt
Und sie nach Moskau kommen heißt?
Sie werden auch in großen Schaaren
Und fuderweis hierher gefahren
Wo er, der nur vom Zephyr träumt
Und Amoretten-Reigen
Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen.
Doch leider steckt er sehr in Schulden,
Die Gläub’ger woll’n sich nicht gedulden
Und all die Seelen da, von ihm getauft
Zu Amoretten und Zephyren
Sie werden nun nach Rechtsgebühren
Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! — — — —
Da haben Sie’s! Und das sind unsre Richter!
Das sind die Sterne und die Lichter!
Das sind die Alten und die Weisen
Die Sie mir stets als Muster preisen.
Und was geschieht? Versuch’s ein junger Mann,
Der nicht das Kriechen leiden kann —
Und lege sich mit ganzer Kraft
Allein nur auf die Wissenschaft:
Er will nicht Stellen, will nicht Rang,
Er fühlt nun einmal einen andern Drang —
Der Himmel goß vielleicht in seine Brust
Des künstlerischen Schaffens Lust,
Sogleich erhebt man ein Geschrei
Mordjo! Verrätherei!
Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund
Und munkelt von geheimem Bund. —
Die Uniform — nur sie, ja! ja! — In frührer Zeit
Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt.
Wie viel Verächtlichkeit
Wird unter ihrem Glanz versteckt!
Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn?
Es ist nicht auszustehn!
Und eben die Manie kann man ja schau’n
Bei unsern Mädchen, unsern Frau’n!
Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei,
Doch jetzo lach’ ich über solche Narrethei.
Doch anders ging es damals her,
Wer war nicht ganz vernarrt in’s Militär?
Einst bei’m Besuch von Gardeoffizieren
Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren:
Sie schrien Hurrah! Kaum ist’s zu glauben,
Und warfen in die Luft die Hauben.
Famussoff (bei Seite).
Es wird ihm noch gelingen
In’s Unglück mich zu bringen! —
(Laut zu Scalosúb.)
Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort,
Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort.
(Geht ab.)