V. Regeln für jede Gedächtnisarbeit.

Aufmerksamkeit.

Wir würdigten schon die hervorragende Bedeutung der Aufmerksamkeit bei den Bewußtseinsvorgängen. Sie ist eine grundlegende Bedingung alles Denkens und bewußter Verknüpfung. Wir ahnen schon ihre Bedeutung für das Gedächtnis und wollen deshalb den Vorgang der Aufmerksamkeit noch besonders beobachten. Bei Schnell-Leseversuchen in Bruchteilen einer Sekunde zeigten sich persönliche Unterschiede in den Leistungen. So wurde nach mehrmaligem kurzen Zeigen (am Schnellseher, [s. Fußnote S. 12]) gelesen: Vom

I. stetigen II. unsteten III. mischenden Typus
statt: bedauernsw. Weihnachtsausstellungen Papierschneidemaschine
 1. b . . . . . . . .  1. Buchausstrebungen  1. Polizei . . . . . . . . .
 2. . . . er . . . . .  2. Weihnachtsabgaben  2. . . . . maschine
 3. bedauer . . . .  3. Weihnachtsbaum  3. Papierschneidemaschine
 4. . . . . . werter  4. Weihnachtsausstellungen
 5. be . au . . . r
 6. be . au . . . r
 7. bedauernsw. .
 8. bedauernswerter

Der erste Leser setzt sich langsam, aber sicher und ohne Fehler, das Wort zusammen. Er verschließt sich der umbildenden Angleichung ([S. 18–20]) und macht auf sachliche Treue Anspruch. Der zweite glaubt gleich alles gesehen zu haben, er springt förmlich mit den Augen über das Wort hin, hat aber kaum einen Buchstaben richtig gesehen. Die äußeren Reize veranlassen ein reges Auftauchen von Erinnerungen. Kennzeichnend für ihn sind Einbildungszutaten, bis er mit der vierten Lesung das Wort richtig erfaßt hat. Der dritte mischt beide Arten. Bei der ersten Lesung ist sein Blick über das Wort hingehuscht, ein Einfall hat das richtig gesehene P unrichtig zu Polizei ergänzt. Bei der zweiten Lesung hat er durch genaues Sehen den hinteren Teil des Wortes richtig erfaßt und bei der dritten das ganze Wort.

Infolge der ganz kurzen Lesezeit enthüllen sich uns hier die drei Grundformen der Aufmerksamkeit:

1. die festhaltende (fixierende), stetige,

2. die hin und her schwankende (fluktuierende), unstete,

3. die mischende Art.

Diese drei Grundformen des Aufmerkens führen uns zu scharf unterscheidbaren Arten des Arbeitens überhaupt:

1. Der Stetige vermag sich nur langsam einer Aufgabe anzupassen. Es vergeht erst einige Zeit, ehe er seine volle Anpassung an den zu lernenden Stoff erreicht. Aber allmählich sammelt sich sein Geist immer mehr, beharrt nun zäh und treu bei der Arbeit und läßt sich nicht ablenken. Das Gedächtnis dieser Grundform des Aufmerkens nimmt langsam auf, aber behält sehr treu. Der Geist beharrt in der einmal eingeschlagenen Richtung wie ein Fernrohr, das, auf eine bestimmte Entfernung eingestellt, die nähere oder fernere Umgebung unscharf oder gar nicht abbildet. Der Forscher bezeichnet diese Erscheinung als „Einstellung“. Kommt dazu noch eine überragende Begabung, dann ist der Gelehrte fertig.

2. Das Gegenteil in allen Punkten ist die unstete, die hin und her schwankende Aufmerksamkeitsform. Überraschend schnell paßt sich ihr Vertreter einer umfangreichen Aufgabe an. Seine Aufmerksamkeit ist schnell auf den zu lernenden Stoff gerichtet, hat sehr bald den persönlichen Höhepunkt der Zuspitzung und Verdichtung erreicht. Aber die innere Sammlung ist nicht so tiefgehend wie bei der ersten Art, darum läßt sich seine Aufmerksamkeit leicht ablenken und einem neuen Gebiet zuwenden. Irrtümer sind bei ihm an der Tagesordnung. Seine Einstellung ist nicht so bestimmt gerichtet wie bei der ersten Form, er gleicht einem Fernrohr mit fortwährendem Linsenwechsel. Seine Leistungen sind nicht tiefgründig. Sein Gedächtnis nimmt überraschend schnell auf, verliert aber auch rasch wieder das Gelernte, was ohne Zweifel Nachteile sind.

Jedoch befähigt gerade diese Form des Aufmerkens zu ganz bestimmten Berufen, ist sogar die grundlegende Eigenschaft mancher Begabung. Die umfangreiche, sich schnell hingebende, aber auch schnell wieder neuen Gebieten zuwendende Aufmerksamkeit zeichnet den geborenen Zeitungsmann, Künstler, Staatsmann und jeden Geschäftsmenschen aus, begünstigt das Aus-den-Ärmeln-Schütteln und die Schlagfertigkeit der Rede.

3. Die dritte Art ist meiner Meinung nach die vollkommenste. Wer ihr angehört, vermag seine Aufmerksamkeit zu verteilen, vielen Dingen gleichzeitig, allerdings mehr oberflächlich zuzuwenden, aber sie auch kräftig und tiefgehend auf die einzelnen Reize zu richten. Diese Aufmerksamkeit ist ein Vorzug des geborenen Offiziers. Einen Nützlichkeitserfolg dieser Form sehen wir an obigen Leseversuchen. Das Wort wird schon beim dritten Versuch getroffen.

Deshalb habe ich die beiden ersten Grundformen der Aufmerksamkeit ausführlicher dargestellt, damit der Leser prüfen kann, welcher Form er angehört. Die Art seines Aufmerkens erklärt sicherlich etwaige ungünstige Gedächtniserfolge.

Dann gilt es bei der ersten Art, fleißig zu üben, um die Langsamkeit zu überwinden und eine schnellere Anpassung der Aufmerksamkeit zu erreichen. Nach den Feststellungen Meumanns vermag zähe, jahrelang fortgesetzte Übung beinahe alle angeborenen Unterschiede im Gedächtnisbereiche auszugleichen. Er weist das an einem langsam Lernenden nach, der das erstemal zu 12 Silben 56 Wiederholungen brauchte. Nach mehrmonatiger Übung waren nur noch 19 nötig.

Die zweite Form des Aufmerkens muß sich bemühen, gründlicher zu sein, Einbildungszutaten unter allen Umständen zu unterdrücken. Dadurch wird ja die Treue des Gedächtnisses außerordentlich beeinflußt. Für solche Personen ist das genaue Zeichnen eine gute Schulung des Geistes, und es gilt für sie besonders das, was über die Ausbildung der Sinne gesagt ist (vgl. [S. 50–57]).

Die zähe Übung ist also der Zauberstab, der grundlegende Schwächen des Gedächtnisses beseitigt. Und ein zäher Wille erreicht stets mehr, als die glänzendste Begabung eines haltlosen Menschen, bei dem nicht Not, Ehrgeiz oder Begeisterung den starken Willen zur Arbeit entwickeln halfen.

Man glaube ja nicht, dem Schöpfergeiste falle alles in den Schoß. Auch der Gipfelmensch muß rastlos arbeiten, üben, wenn er die Vollendung sehen will. Da hat z. B. ein Dichter eine „Leichenphantasie“ auf den frühen Tod eines Jünglings gedichtet, und darin wird vom Vater des Verstorbenen gesagt:

Zitternd an der Krücke,

Wer mit düsterm, rückgesunknem Blicke,

Ausgegossen in ein heulend Ach,

Schwer geneckt vom eisernen Geschicke,

Schwankt dem stummgetragnen Sarge nach?

Floß es „Vater“ von des Jünglings Lippe? (des Gestorbenen!)

Nasse Schauer schauern fürchterlich

Durch sein gramgeschmolzenes Gerippe,

Seine Silberhaare bäumen sich. —

Vollständig verrückt! Nicht? Nun, der das dichtete, war der junge Schiller. Daraus kann man die Größe der Arbeit und Übung ahnen, die ihn zu unserem Dichterfürsten gemacht hat. Und von Fritz von Uhde wird erzählt, daß sein Lehrer ihm den guten Rat gab, Pinsel und Palette wegzulegen: „Aus Ihnen wird doch nichts!“ Aber der Grundsatz: „Nulla dies sine linea“, kein Tag ohne Linie oder Pinselstrich, hat ihn auf die Höhen seiner Kunst geführt.

Von einer andern Seite her wollen wir die Aufmerksamkeitserziehung als eine Erziehung grundlegender Geisteseigenschaften betrachten. Unsre Ärzte heilen manche Nervenkranke neuerdings dadurch, daß sie diese ernsthaft arbeiten lassen. Im ärztlichen Schrifttum wird geradezu einstimmig auf die ganz erstaunliche Bedeutung der Arbeit für die Persönlichkeitsbildung, für den Willen, ja, für die geistige Gesundung des Menschen hingewiesen. Aber, diese wohltätige Wirkung findet sich nur bei streng geordneter, stetiger, pflichtgemäßer Arbeit, nie bei spielerischer Scheinarbeit.

„Manche schwere Neurasthenien des späteren Lebens, die sich in sog. Platzangst, nervösen Lähmungen usw. äußern, sind nur vergrößerte Formen jener mangelnden Unterordnung des Körpers und des Nervensystems unter den Willen, die sich im Schulleben in fortgesetzter Nachlässigkeit, Flüchtigkeit und Zerfahrenheit in der Arbeitsleistung zeigt. Starke Übung in der geistigen Bezwingung nervöser Unstetigkeit im Arbeiten kann sehr wohl eine starke vorbeugende und heilende Wirkung auf dem Gebiet der Nervenleiden haben.“ (Förster, Schule und Charakter, S. 239.)

Unser Buch soll keine bloße Belehrung sein, es soll zur Tat anregen. Der rechte Mann verlangt Beweise und forscht selbst nach. So wäre eine reizvolle Aufgabe, die eigene Aufmerksamkeitsform festzustellen und mit dieser kleinen Aufgabe den segensreichen Grundsatz: „Erkenne dich selbst“ zu üben. Ein beliebiger Lesestoff, ganz kurze Zeit von einer zweiten Person gezeigt, genügt dazu schon. Wir hätten aufzuschreiben, was wir gesehen haben, und zu vergleichen. Haben wir einzelne Wörter oder Buchstaben richtig erfaßt, so gehören wir zur ersten, müssen wir uns viel Flüchtigkeitsfehler, Einbildungszutaten bei der Nachprüfung eingestehen, zur zweiten Art.

Jene mögen sich im schnellen Erfassen der Buchstaben und Wörter, bei Spaziergängen im schnellen Erfassen der Fensterzahl, einer Häuserreihe mit einem Blick, der einzelnen Latten an einem Zaun usw. üben.

Die andern möchten ihrem Blick bestimmte Richtung geben, ihn nicht oberflächlich dahinschweifen lassen: Andauernd mehr ins einzelne schauen, mehr nach Unterschieden beim Betrachten des Lattenzaunes oder der Fenster einer Häuserreihe suchen usw.

Diese Übungen sind bei den verschiedensten Gelegenheiten noch zu erweitern, bis sich die gemischte Aufmerksamkeitsform entwickelt, die alle Vorzüge der beiden andern in sich vereinigt. Über die vieldienliche Anwendung des hier Erkannten in Lehre und Leben ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich habe in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 12–23 mehr darüber mitgeteilt.

Die Taktgliederung.

Die Versuchs-Seelenforschung entdeckte, daß die Aufmerksamkeit rhythmisch ist. Wir können uns davon überzeugen, indem wir unsere Taschenuhr so weit von uns entfernt niederlegen, daß wir ihr Ticken gerade noch hören. Da merken wir zu unserem Erstaunen, daß wir ein paar Augenblicke das Ticken vernehmen, dann eine kurze Zeit nicht mehr, es dann abermals hören, darauf wieder nicht usw. An der Uhr liegt es nicht, die tickt in bestimmtem Takt weiter, unsere Aufmerksamkeit aber wechselt, indem sie sich anspannt, dann nachläßt, um wieder angespannt abermals nachzulassen.

Jetzt wird uns auch die Ursache der merkwürdigen Tatsache klar, daß unser Bewußtsein, wie wir bereits auf [S. 11–14] ausführten, nur sechs gesonderte Taktschläge, aber 40 Töne, in 5 Takten zu 5 Einheiten zusammengefaßt, umspannen kann: Aufmerksamkeit und Bewußtsein sind rhythmisch veranlagt. Das liegt offenbar an unserer gesamten leiblich-geistigen Einrichtung. Da das Herz in bestimmtem Takt klopft, klopft es in den Schlagadern des ganzen Körpers in gleicher Weise. In Fieberzuständen fühlen wir, wie es überall hämmert, in gesundem Zustand allerdings seltener, mitunter aber deutlich vor dem Einschlafen. Aber schon die Atembewegungen wirken merklich auf uns ein. So kommt es, daß wir jede körperliche und geistige Arbeit am besten, erfolgreichsten und liebsten in einem gewisse Takte ausführen.

Die Aufzeichnungen des Ergographen, an dem der menschliche Finger Gewichte über die Ermüdung hinaus fortgesetzt hebt, bis ein weiteres Heben infolge Ausgabe aller Kräfte nicht mehr möglich ist, zeigen ein Gleichmaß von bewundernswerter Stetigkeit. Awramoff[12] ließ Versuchspersonen Hebungen mit dem Finger an diesem Gerät ausführen. Er stellte ihnen die beiden Aufgaben, ohne und mit Takt zu arbeiten. Da mußte er die merkwürdige Erfahrung machen, daß er niemand fand, der nicht nach 2–5 Hebungen ganz von selbst zu einem bestimmten Rhythmus überging. Ebbinghaus zweifelte überhaupt daran, daß es ihm möglich sein würde, seine Silben gänzlich ohne Takt zu lernen. Darum lernte er alles taktmäßig.

Und gar der Takt des Gehens bildet (nach Wundt) „einen deutlich erkennbaren Hintergrund unseres Bewußtseins“.[13] Dieser Grundzug unseres Wesens gilt sogar für die Denkarbeit. Erwähnt sei Goethes Ausspruch: „Die besten Gedanken kommen mir im Gehen.“ Auch der Naturforscher Helmholtz machte ähnliche Erfahrungen. Er erzählt von sich, daß er bei gleichmäßigem, langsamem Bergsteigen leicht und erfolgreich zu denken vermöge. Vergleiche Praktische Gedächtnispflege S. 15. Von Beethoven sagt man, daß er fast alle Tondichtungen im Gehen geschaffen habe.

Die drei empfanden also die gewaltige Macht des Rhythmus. Sie sind unverdächtige Zeugen; denn sie hatten damals sicher noch keine Ahnung von den tieferen Gesetzmäßigkeiten des Bewußtseins, die uns erst die Versuchsforschung enthüllte.

Tatsächlich hat der Rhythmus zu allen Zeiten und bei allen Völkern eine Rolle gespielt, bei den Tänzen und Liedern sowohl, als auch beim Arbeiten (s. [Abb. 14], S. 39). Heute noch beobachten wir die vereinigende und belebende Kraft des Taktes beim Getreidedreschen, beim Straßenpflastern, beim Rudern usw.

Abb. 14. Bestellung eines Feldes in Ngilla (Kamerun), die in Abteilungen von 100 Mann nach dem Takte der nachfolgenden Musik erfolgt. Hinter den Arbeitern marschieren ebenfalls im Takt die Säeleute, aus einem umgehängten Sack Samen streuend.
(Aus Meinecke, Deutsche Kolonien.)

Er schafft einen gewissen Anreiz zur Arbeit, so daß der Zuhörer gar nicht untätig bleiben kann. Lebhafte und abwechslungsreiche Takte können erregen, sogar aufregen.

Beim Lernen ist der Takt darum schon seit den ältesten Zeiten eingeführt. Die Griechen bevorzugten stark diese Form für Lebensregeln und Gesetze. Ich persönlich habe noch keine Sprachlehre der alten Sprachen gesehen, die nicht eine Fülle von Regeln in Rhythmus und Reim enthielte. Ja, der Takt ist sogar ein Kennzeichen der Dichtung geworden. Aus welchen Ursachen er es wurde und seine seelischen Wirkungen, habe ich ausführlich dargestellt in „Deine gestaltende Seele und Dein Stil“.

Ebert und Meumann haben denn auch zahlenmäßig die Vorteile festzustellen versucht. Bei einer Versuchsperson waren für 10 Silben, unrhythmisch gelernt, 23 Wiederholungen; für 12 Silben, rhythmisch gelernt, 14 Wiederholungen; bei einer anderen Versuchsperson für 12 Silben, unrhythmisch gelernt, 49 Wiederholungen; für 16 Silben, rhythmisch gelernt, 31 Wiederholungen nötig.

Die Erklärung dieser auffallenden Ergebnisse dürfte darin zu suchen sein, daß sich der Rhythmus unserer Aufmerksamkeit selbsttätig, d. h. unwillkürlich, regelt, so daß die Anspannungen mit den betonten Silben, das Nachlassen der Aufmerksamkeit mit den unbetonten zusammenfällt, die schwach und kurz betonten Eindrücke sich an die kräftiger betonten anschließen und so zusammen eine Einheit bilden. Durch den Wechsel der Tonstärke werden eng zusammenhaltende Gruppen gebildet. Die Aufmerksamkeit selbst wird beherrscht und ihre Verteilung geregelt; denn nicht allein die Aufmerksamkeitskraft, sondern auch ihre sparsame und zweckmäßige Verwendung ist bedeutungsvoll.

In welchem Takte zu lernen ist? Je nach den Verhältnissen! Schnelles rhythmisches Lernen gliedert günstiger als langsames Lernen. Bei sinnarmen Stoffen oder Tätigkeiten (Berufstätigkeiten) wird man also ein schnelles Zeitmaß wählen, da durch schnelles Lesen und Arbeiten die Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt wird. Dann aber vermindert sich die Aufmerksamkeit, und schließlich wird die Arbeit von selbst abschnurrend. Aber gerade das selbstwirksame Arbeiten ist ja vielfach das Ziel der Übung, besonders im Berufe, weil durch Selbstbetrieb die meiste geistige Kraft erspart wird.

Allein es ist wohl zu beachten, daß dieses maschinenmäßige Verfahren sich nur für Sinnloses eignet. Für Stoffe, die der Verstand erarbeitet und wo jedes einzelne Glied aufgefaßt werden soll, sollte langsam und mit Verstand gelernt werden. Es ist also die Unterscheidung, ob sinnlos oder sinnvoll, wichtig für den einzuschlagenden Weg zur Einprägung.

Mehr darüber in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 23–29.

Gruppenbilden, Stelle-Anweisen (Lokalisieren), Gliedern.

Auch beim beobachtenden Merken einer Reihe von Gegenständen ist ohne Zweifel das Gruppenbilden vorteilhaft. Es ist ein Gliedern beim Gesichtssinn. Ein Kaufmann hat Kisten zu zählen. Es bedeutet für ihn eine große Zeit- und Kraftersparnis, wenn er stets drei oder vier Kisten zusammenfaßt.

Abb. 15. Beförderung eines Stierkolosses beim Palastbau des assyrischen Königs Sanherib (705–681 v. Chr.). Relief aus Kujundschik, den Ruinen des alten Ninive. (Nach Layard, aus Bücher, Arbeit und Rhythmus.) — Der Leiter der Arbeit steht am Vorderende der zu befördernden Last und gibt mit Handklatschen den Seilziehern das Zeichen zum gleichzeitigen Anziehen. (Vgl. [S. 39].)


GRÖSSERES BILD

Dieses Einheitenbilden, das Umfassen mehrerer Personen oder Gegenstände mit einem Blick, sollte oft geübt werden. Gelegenheit dazu bieten spielende Kinder, auf der Straße sich bewegende Personen, vorüberfahrende Eisenbahnzüge, Gartenzäune, Häuserfronten mit ihren zahlreichen Fenstern usw.

Besteht doch auch die Tätigkeit des geübten Lesers nicht mehr in einem mühseligen Aneinanderreihen von Buchstaben, sondern einige wenige Buchstaben werden scharf ins Auge gefaßt, was an Zeichen dazwischen liegt, wird überflogen und in Gruppen zusammengefaßt. Gar nicht anders ist es beim schnellen Klavierspielen oder Stimmenbuchlesen. Diese Hinweise deuten darauf, daß die eben angeregte Übung des Geistes im Zusammenfassen zu Einheiten keine Spielerei ist, sondern den mannigfachsten angewandten Gebieten zugute kommt, nicht zuletzt dem Gedächtnis, dessen wichtige Grundlagen in einer scharfen gründlichen Beobachtung und eben im Einheitenbilden bestehen. Die Vorteile, die Takt und Gruppenbilden dem Gedächtnis gewähren, scheinen zum Teil ihre Ursache in dem „Stelle-Anweisen“ zu haben.

Jedes Glied einer übersichtlichen Gruppe hat seinen bestimmten Platz. In ungeordneter Masse ist das unwillkürliche Merken eines bestimmten Platzes sehr erschwert. Da nun Zahlen, sinnlose Silben, verwickelte Formen gewissermaßen glatt sind und dem Gedächtnis kein hervorstechendes Merkmal bieten, fördert tatsächlich Ortsmerken das Gedächtnis.

In Lehre und Leben läßt sich das Stelleanweisen mannigfaltig mit Erfolg verwenden. Mündliche Darbietungen müssen gut gegliedert, klar geordnet sein. Auf alles Neue muß der Hörer durch eine Ankündigung, gewissermaßen Überschrift, vorbereitet werden, damit er weiß, wohin es einzuordnen ist. Schriftliche Darbietungen an der Tafel oder in Unterrichtsbüchern sind übersichtlich zu gruppieren. Gelegenheit zu einem Überblick, zu Rückschau und Zusammenfassung sollte oft geboten werden. Ist etwa die Übersicht über jene vier Begriffe auf [S. 21] dem Leser überflüssig erschienen? Oder hat nicht vielmehr jeder deutlich gefühlt, wie dadurch mehr Klarheit geschaffen und Verwechslungen vorgebeugt wurde?

Gefühl und Anteilnahme (Interesse).

Die Bedeutung der Gefühle schon bei einfachen geistigen Vorgängen lernten wir [S. 14/15] kennen. Es kommt ihnen aber eine noch weit größere Macht zu. Wie die Zergliederung der Seelenvorgänge lehrt, sind die entscheidenden Antriebe sowohl bei der ursprünglichen Bildung der Vorstellungen wie bei ihrer allmählichen Umwandlung die begleitenden Gefühls- und Willensvorgänge (W. Wundt). Und nach Th. Ziegler kommt uns überhaupt nur zum Bewußtsein, was Gefühlswert hat. Darum stehe das Gefühl an der engen Pforte des Bewußtseins und entscheide über Aufnahme oder Nichtaufnahme, über ja oder nein. Daraus geht hervor, daß der Gedächtnisvorgang die allertrefflichste Anregung erfährt, wenn der Lernende eine möglichst hochgespannte Neigung für die Arbeit gewinnt. Dann sind Aufmerksamkeit und Wille ohne weiteres da.

Was du tust, das tue freudig — und es wird gelingen. So wird jede Arbeit zu einer Quelle der Lebensfreude. Aber wie kommen wir zu einer solchen frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß, wie sie sich auch für die Gedächtnisarbeit als fördernd erwiesen hat?

Man sollte meinen, eine aufgeregte Begeisterung müsse ungemein fördernd wirken. Das ist aber nicht der Fall. Ob dabei zuviel Aufmerksamkeit aufgesaugt wird? Die anzustrebende mittlere frohe Gefühlsstimmung steht nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck eines lustvollen Erlebnisses, das die Wogen der Freude hochgehen ließ, sondern unter seinen Nachwirkungen, die über den ganzen Tag und seine Gedächtnis- und Arbeitsleistungen einen Schimmer von froher Stimmung verbreiten. Wir können diese Gefühlsnachwirkungen mit den Nachbildern (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 13) vergleichen. Wie es möglich ist, Nachbilder festzuhalten und auszunützen, so auch eine abklingende Gefühlsflut.

Heinrich Seidel[14] schuf in seinem „Leberecht Hühnchen“ das Bild eines wundervollen Alchimisten des Glücks, der aus den unscheinbarsten, vom Durchschnittsmenschen unbeachteten Gedanken und Dingen unglaublich viel goldene Schätze des Gemüts herausschmelzt. Und wenn wir es versuchen, werden auch wir erkennen, daß die Erinnerung an froh verlebte Stunden des Lernens und Schaffens, der Hinblick auf das ferne schöne Ziel oder auf die nahe Belohnung, die man sich selbst nach getaner Lernarbeit gönnt, Neigung, Freude und Willen steigern. Selbst der sprödeste Stoff hat für einen aufnahmefähigen und klugen Kopf reizvolle Seiten. Suchet, ihr werdet bestimmt finden! Meist fehlt es auch nur an einem kraftvollen Anfang. Hat man sich nur erst hineingewagt, dann merkt man Zusammenhänge und findet, daß alles fesselnd und bedeutsam ist innerhalb seines Zusammenhangs. Auch im Kraftgefühl, daß man trotz verlockender Ablenkungen sich doch nicht von den gestellten Lernaufgaben abbringen läßt, ist leicht ein Grund zur Fröhlichkeit zu finden.

Man schätze diese Anregung ja nicht gering ein! Die Freude vertieft, beschleunigt, gibt unserer Gedankenentwicklung Flügel — gedrückte, trübe Stimmung verlangsamt. Wenn es nun noch gelingt, in dieser frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß dem Stoff Entzücken abzugewinnen, dann ist der Lernerfolg gesichert. Aber woran haben wir das meiste Vergnügen?

An dem, was wir erleben, wobei wir im höchsten Grade tätig sind. In einer Arbeit des Leipziger Instituts für experimentelle Pädagogik[15] habe ich nachweisen können, daß fast sämtliche freien und ungebundenen Aussagen der Kinder von 8 Jahren bis zur Geschlechtsreife auf die verschiedensten Reizworte hin Erinnerungsreste von bestimmten Erlebnissen sind.[16] Das Kind bietet fast stets eine Geschichte, die ein eigenes oder fremdes Erlebnis darstellt.

Darum kommt jetzt auch der Arbeitsunterricht dem Kinde viel näher. Er bietet dem tätigen Kinde neue, tiefgreifende Erlebnisse, nicht einen rasch vorüberrauschenden Wortschwall. Dem Kinde die Dinge in die Hand! Nachbilden! Daran erleben! Das ist die heutige Losung. Worte sind unlebendig, die nur dann das Kind packen und fesseln, wenn eine Geschichte, also ein fremdes oder eigenes Erlebnis, alle übrigen unterrichtlichen Maßnahmen mit einem gewissen Erlebnisgefühl überstrahlt.

Mit der Geschlechtsreife wird der Gedankenverlauf begrifflich, aber doch verfehlen Erlebnisse auch beim Erwachsenen nie ihre Wirkung, wie wir aus der Spannung schließen müssen, die man Reisebeschreibungen, Novellen, Romanen, Kriegserlebnissen usw. entgegenbringt. Da sind wir gespannt, erregt, unser Geist ist in außerordentlich hohem Maße tätig. Schon der selige Homer kannte diesen Zug der menschlichen Seele. Anstatt trockene Beschreibungen zu bieten, etwa eine Rüstung Stück für Stück zu beschreiben, stellt er uns den Helden dar, wie er sie Teil für Teil anlegt. So wird aus einer trockenen Beschreibung — eine Geschichte, ein Erlebnis.

Die Anwendung des Grundsatzes, Gedächtnisstoffe erst gründlich zu erleben, bedarf einer ausführlichen Darstellung. Ich gebe sie in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“. Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung. Leipzig-Eutritzsch.

Lernen im Ganzen oder in Teilen?

Wenn wir einen Schüler beim Lernen von Gedichten beobachten, so machen wir fast stets die Erfahrung, daß er das Ganze in kleinere Abschnitte zerlegt, diese einzeln lernt und dann versucht, sie aneinanderzureihen. Die Gründe dafür sind: Man will die schwierigen Stellen erst für sich lernen. Dann möchte man auch gern einen Fortschritt sehen, denn beim Lernen im Ganzen kommt das Gefühl des Auswendigkönnens erst ganz zuletzt. Auch glauben besonders Kinder leicht, einer umfangreicheren Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Diese Einbildungen, Selbsteinflüsterungen (Autosuggestion) beeinflussen tatsächlich das Gedächtnis manchmal in so ungünstiger Weise, daß unter Umständen das Lernen im Ganzen weniger wirkungsvoll ist (vgl. auch [S. 48]). Aber wie unsinnig dieses stückweise Lernen ist, zeigt folgende Zeichnung. Die starken Striche zeigen an, wievielmal ein Vers für sich gelernt wurde. Die Bogenlinien zeigen, wie oft das Versende an den Anfang gehängt wurde.

Wer so lernt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm geht, wie dem Vereinsvorstand, der beim Stiftungsfest mit der üblichen Rede loslegte: „Verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Dann ging es munter weiter, bis der Begrüßungsgedanke ausgeführt und die Überleitung zu etwas Neuem nun fällig war. Statt dessen stammelte der Redner: „Ja, jawohl, verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Nun war er unrettbar wieder auf den 1. Abschnitt seiner Rede eingestellt und fand sich erst weiter, als er sie ablesen konnte.

Berggipfel erglühen,

Waldwipfel erblühen,

Vom Lenzhauch geschwellt;

Zugvogel mit Singen

Erhebt seine Schwingen,

Ich fahr’ in die Welt.

nur einmal!

Mir ist zum Geleite

In lichtgoldenem Kleide

Frau Sonne bestellt;

Sie wirft meinen Schatten

Auf blumige Matten,

Ich fahr’ in die Welt.

nur einmal!

Mein Hutschmuck die Rose,

Mein Lager im Moose,

Der Himmel mein Zelt:

Mag lauern und trauern,

Wer will, hinter Mauern,

Ich fahr’ in die Welt.

Wir wissen sofort, wie er sie einlernte: stückchenweise. Wenn das Ende eines Abschnitts 4–6mal an den Anfang gehängt wird wie in obiger Zeichnung und nur einmal die zum nächsten Abschnitt führende Verbindung geschlagen wird, dann kann’s ja gar nicht anders kommen; denn die Gefahr, daß man an den Anfang zurückgeführt wird, ist immer da vorhanden, wo stückchenweise eingeprägt wird.

Deshalb empfiehlt sich in jedem Falle das Ganzlernen, dann hängt aneinander, was zueinander gehört.

Überdies zeigen auch zahlreiche seelenkundliche Versuche mit Sicherheit, daß das Lernen im Ganzen bedeutend vorteilhafter ist in bezug auf Zeitersparnis und Behalten.

Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei sinnvollem Stoff zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der Sinn fortwährend und weiterlaufend zum Bewußtsein gebracht. Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken. Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.

Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. Die in einem Zuge einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am Anfang und gegen das Ende hin spannt sich die Aufmerksamkeit an, während in der Mitte deutlich ein Nachlassen nachzuweisen ist.

Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.

Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.

So bilden sich die Bindungen nur in einer Richtung. Und die beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden Verbindungen werden vermieden.

Das gilt besonders für gleichartigen, überall gleich schweren Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen gesondert einzuprägen während des Ganzlernens.

(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten Lernen einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken.)

Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage.

Es ist nicht zweckmäßig, etwas durch unsinnige Häufung von Wiederholungen in einem Atem einprägen zu wollen. Größere Unterbrechungen und Verteilung auf eine längere Zeitstrecke sind unter allen Umständen vorteilhaft. (Also zeitig beginnen!) Ebbinghaus fand zum Beispiel, daß 68 Wiederholungen an einem Tage nicht den Einprägungswert haben, wie insgesamt 38 Wiederholungen, auf drei Tage verteilt. Auch Adolf Jost fand, daß besonders bei den Stoffen, die eine große Zahl von Wiederholungen brauchen, die ausgedehnteste Verteilung am wirksamsten ist. Er stellte ein schnelleres Lernen und besseres Behalten fest.

Schließlich kommt es gar nicht darauf an, daß wir etwas so schnell als möglich lernen. Die Hauptsache ist, daß sich feine Fäden in alle möglichen Gedankenbereiche spinnen, damit das Gelernte nicht als toter Ballast, sondern lebendig in uns wirkt, eng mit unsrer Persönlichkeit verknüpft wird, damit Schätze des Schönen, etwa Dichterworte, Einfluß auf unser Leben gewinnen, nach allen Richtungen hin mit ihren Strahlen erwärmend, bereichernd und vergoldend wirken. Und das wird durch eine Verteilung der Wiederholungen viel besser erreicht als durch ihre Häufung.

Die Einbildung.

Nichts hindert alle unsre Fähigkeiten so sehr, wie der lähmende Zweifel: „Wirst du es fertig bringen? Vermagst du es noch?“ So wird jeder z. B. beim Hoch- oder Weitspringen die Beobachtung machen, daß er gewiß nicht über die Schnur kommt, wenn er sich die Frage vorlegt: „Wirst du drüber kommen?“ Sagt er sich aber: „Das wäre noch schöner! Das leistest du bestimmt,“ dann kann er sicher sein, daß er die sich selbst zugetraute Leistung vollbringt.

Der Glaube an sich selbst wirkt Wunder. Daher ist die Stärkung des Selbstvertrauens eine wichtige Aufgabe der Erziehung. Ganz besonders macht sich das Vertrauen auf eigene Kraft beim Gedächtnis bemerkbar. Wenn ein Schüler mit dem bangen Zweifel aufzusagen beginnt: „Wirst du es auch noch können?“ so bleibt er sicher stecken. Der felsenfeste Glaube aber: „Das bringst du fertig!“ ist unter allen Umständen von größtem Vorteil.

Um diesen Vorteil zu gewinnen, brauchen manche Schüler ein merkwürdiges, aber doch wirkungsvolles Mittel. Sie legen beim Schlafen das Buch unter den Kopf, nachdem sie die Aufgabe sicher gelernt haben. Am frühen Morgen wird alles nochmals durchgelesen und dann später mit gutem Erfolge aufgesagt, weil der lähmende Zweifel infolge der Einbildung (Autosuggestion) ausgeschaltet ist.

Wir wollen nicht auf die herabschauen, die zu absonderlichen Mitteln greifen, um das unbedingt nötige Vertrauen auf ihr Gedächtnis zu gewinnen, wenn es ihnen nicht aus freiem Willensantrieb gelingt. So mancher große Geist hat in sonderbaren Begleitumständen die nötige Anregung zur Arbeit gefunden, wobei ohne Zweifel die Einbildung die größte Rolle gespielt hat. Haydn und Richard Wagner legten z. B. beim Tondichten gewählte Kleidung an. Wagners Vorliebe für Samt und starke Wohlgerüche ist ja allgemein bekannt. Grün und rotgelbe Tapeten galten Goethe als Anregungsmittel, und die Beispiele für ähnliches Verhalten sind zahllos!

Übers Aufhalten des Vergessens handelt ausführlich die „Praktische Gedächtnispflege“ S. 29–35 übers absichtliche Vergessen und über falsche und richtige Psychanalyse, d. h. über Befreiung unserer Seele, „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“.

[12] Wundts Philosoph. Studien, Bd. 18, 1903.

[13] Hat doch sogar Trautschold, ein Schüler Wundts, einmal in den „Philosophischen Studien“ den Versuch gewagt, die Assoziationszeit und die Zeit für eine Gehbewegung in Verbindung zu bringen.

[14] Von H. Seidels Erzählungen (J. G. Cotta Nachfg., Stuttgart) ist auch eine Probe „Die Augen der Erinnerung“ in der billigen „Schatzgräber-Sammlung“ Nr. 90 (Kunstwart-Verlag) erschienen.

[15] Das der rege Leipziger Lehrerverein einrichtete.

[16] Pädagogisch-psychologische Arbeiten, Bd. VI. 1. Alfred Leopold Müller, Unterschiede der Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen bei Kindern verschiedener Altersstufen.