1. Auftritt.
Frau Zungrapp [lebhaft]. Wer spielt aus?
Frau Krickenfeld [lächelnd]. Immer die, die fragt!
Zungrapp. Will' mal sehn, wer mein Partner ist.
Frau Hasselstein [zerstreut]. Was wurde gerufen?
Zungrapp [lebhaft]. Herz! Bitte nur nicht in meine Karte zu schauen!
Krickenfeld [zieht den Wurf heftig an sich und küßt sich die Fingerspitzen]. Gott sei Dank, der König wäre glücklich zuhause. Ich fühle mich nie ruhig, bevor ich ihn geborgen weiß.
Zungrapp [besorgt das Haupt schüttelnd]. Ob ich meinen Pagat wohl werde retten können?
Krickenfeld [nachdenklich]. Wo nur der Mond steckt? [Nach kurzer Pause.] Also der Herr Sohn ist wieder in Kringhausen?
Hasselstein [froh]. Ja, Hans Georg ist vor einer Woche angekommen. Man hat ihn festlich empfangen und in der »Gelben Schwalbe« wurde ihm zu Ehren sogar ein Festessen veranstaltet. Zwei Universitätsprofessoren waren anwesend und außerdem der gesamte Lehrkörper des hiesigen Gymnasiums – auch andere Honoratioren Kringhausens –
Krickenfeld [die Hand ausstreckend]. Mir gehört der Stich, bitte! – Ja, ja, es muß schön sein einen so berühmten Sohn zu besitzen, der am Südpol gewesen, allerlei Meerungeheuer und ähnliche Dinge gesehen hat – zwar praktischen Wert – [sie schweigt].
Zungrapp [scharf]. Die heutige Jugend, liebste Peleponesia, denkt nicht an die praktische Seite des Lebens: So lange nur ein Mamatscherl die Moneten gibt – [jubelnd] Pagat ultimo! meine Damen. [Sie rafft den Stich an sich.]
Die drei anderen Damen. Waaaaaaaas?
Hasselstein [ärgerlich]. Natürlich: So geht es immer. Hätten Sie, beste Frau Inspektor, besser achtgegeben, so hätten wir jetzt nicht den Pagat verloren.
Holzheim [sich eifrig verteidigend]. Mit nichten, Frau Oberst, wenn Sie nicht den König gleich zu Anfang des Spieles so leichtsinnig ausgespielt hätten, so –
Hasselstein [noch gereizter]. Sie hätten eben kleine Tarockspiele nicht mit dem Mond und dem Zwanziger stechen sollen, da hätten Sie später auch noch –
Holzheim [mit lauter Stimme, heftig gestikulierend]. Wenn Tarock ausgespielt wurden, mußte ich den Mond hergeben – ich hatte ja nur vier Tarock –
Hasselstein [noch lauter]. Was sagte ich – Sie spielen und haben kein Blatt –
Zungrapp [die beiden überschreiend]. Bitte, meine Damen, dreißig Heller per Person –
Holzheim und Hasselstein [zugleich]. Wie dreißig Heller? Nicht möglich, der Pagat kostet bloß –
Zungrapp [sich stolz zurücklehnend mit Nachdruck]. Pagat ultimo!!!!
Hasselstein [zahlt in Spielmarken aus]. Bitte, bitte, da sind schon die dreißig Heller. In Zukunft aber, beste Frau Inspektor, bitte mich nicht zu rufen, wenn Sie keine Karten haben. Man darf seinen Partner nicht auf diese Weise ins Verderben locken.
Holzheim [lebhaft]. Wie? Ich habe den Mond und den Zwanziger und –
Hasselstein [ihre Rede unterbrechend]. Und nichts weiter gehabt. Wir mußten verlieren!
Zungrapp [während die andern lachen]. Bitte zu geben, Frau Oberst, – nächstes Spiel. [Es tritt eine momentane Stille ein, während alle die erhaltenen Karten prüfen.]
Hasselstein [mit Siegermiene]. Ich spiele einen Solo! Was sagen die Damen?
Alle. Passe! Unterm Tisch! Gut!
Hasselstein [betrachtet ihren Kauf]. Den Achten! [Das Spiel beginnt.]
Zungrapp [seufzend]. Ja, was du früher sagtest, meine teure Peleponesia, ist allerdings richtig. Praktischen Wert hat so eine Südpolfahrt wohl nicht. Das kostet nur Geld – viel Geld – es bringt zwar Ehren ein, aber nicht wahr, liebe Frau Oberst, mit Ehren allein kann man keinen Haushalt gründen und bei einem jungen Manne handelt es sich vorallem darum schnell sein eigenes Nest bauen zu können.
Hasselstein [seufzend]. Ach ja! Aber daran will Hans Georg nicht denken. Er hat eben seine eigene Anschauungen!
Krickenfeld [ihre Karten faltend und entfaltend]. Man sagt – aber – hm, mich betrifft es ja nicht! Ich gehöre nicht zu jenen, die ein Gerücht von Haus zu Haus tragen – freilich, die Ohren verstopfen gegen das, wovon die ganze Stadt spricht, kann kein Mensch. Nein, ich habe aber wirklich ein elendes Blatt! Nicht einen einzigen Stecher!
Holzheim [lächelt vergnügt]. Meine Damen, ich sage die »Trull« an. [Mit wichtiger Stimme.] Auch mir sind gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen, aber –
Krickenfeld [ihre Karten betrachtend]. Du meine Güte, Frau Oberst, ich habe nicht einen Stecher – wie –
Zungrapp [streng]. Nichts aus der Schule plaudern – [Sie nickt mehrmals mit dem Haupte.] Ach, teure Peleponesia, es ist ein altes Sprüchwort: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch einmal an die Sonnen.
Krickenfeld [rasch]. Soll ich oder soll ich nicht? Ich wag's: Ich sage König ultimo an.
Alle. Gut, gut!
Zungrapp [schüttelt mißbilligend das Haupt]. Und vor kaum einer Minute sagst du, daß du keinen Stecher hast. Ach, Peleponesia: [Sie droht ihr mit dem Finger.] Ja, ja, man erzählt sich, doch – uns geht alles das nicht an. Pardon: War das eben der Sechzehner, der ausgespielt wurde? Gut: Den kann ich gerade noch überstechen.
Holzheim [ärgerlich zu Krickenfeld]. Jetzt haben Sie zu niedrig ausgespielt, beste Frau Kommerzienrat: Auf diese Weise werden wir das Spiel verlieren.
Hasselstein [lachend]. Tut gar nichts, liebe Frau Inspektor, da gewinnen wir es. [Man spielt eifrig.] Was sagt man eigentlich? Sollte jemand etwas Nachteiliges über meinen Sohn geäußert haben?
Zungrapp [bewegt die Karten]. So ein berühmter Gelehrter: – ein Südpolforscher: – indessen – mein Gott, die Menschen sind einmal neidisch – böswillig –
Krickenfeld [seufzt tief auf]. Ach, verehrteste Freundin, die Welt ist voller Tücke: Besonders wenn es sich um eine hervorragende Persönlichkeit handelt –
Holzheim [triumphierend]. Der Mond geht nach Hause, der Mond geht nach Hause: Was man sagt? Ach, liebste Frau Oberst, nur unsere aufrichtige Freundschaft für Sie vermag –
Alle drei Damen [die Karten wie zum Schwur erhebend] unsere bewährte vieljährige Freundschaft –
Holzheim [jubelnd]. Der Pagat: Dem Himmel sei Dank: Ja, und unser warmes Interesse für Ihren berühmten Herrn Sohn –
Krickenfeld [zur Decke aufsehend]. – den wir schon liebten als er noch in Röckchen herumging –
Zungrapp [mit süßer Stimme]. – den wir mit innigsten Interesse aufwachsen sahen –
Holzheim [einen Wurf an sich raffend]. – vermag uns eine leise – eine ganz leise – die allergeringste Andeutung zu machen, daß – daß –
Zungrapp. – daß – es fällt uns allen schwer eine so äußerst delikate Frage zu berühren –
Krickenfeld [eifrig]. Ja, man hat wirklich die Unverschämtheit zu behaupten – natürlich, nur eine Verleumdung – die Welt ist leider so verderbt –
Holzheim [seufzend]. Ja, verehrteste Frau Oberst, man ist der absurden Anschauung –
Krickenfeld [sich in die Brust werfend]. Das heißt unwissende Leute – wir haben nie daran geglaubt –
Holzheim [eifrig]. – böswillige Zungen –
Zungrapp [verächtlich]. – Menschen, die immer auf der Lauer liegen irgend einen Skandal zu entdecken –
Hasselstein [die Augenbrauen hochziehend]. Einen Skandal? Meinen Sohn betreffend?
Holzheim [sich zurücklehnend und das Spiel unterbrechend]. Beste Frau Oberst, wir sind eben noch nicht so modern – so ultramodern wie der Herr Sohn – In Kringhausen hält man sich noch an die strengen Sittenbegriffe unserer eigenen Jugendzeit, das ist heutzutage natürlich veraltet – ich weiß – aber Leute finden es hier eben – ja, überraschend, hochgeschätzte Freundin – daß –
Zungrapp. – daß Ihr berühmter – Ihr trefflicher Sohn – daran denken könnte –
Krickenfeld. – daß er sich dazu bestimmen ließe –
Holzheim. – imstande sein würde – [plötzlich jubelnd] Gewonnen, – gewonnen: Wir haben die »Trull«, wir haben Pagat ultimo!
Krickenfeld [sieht durch ihre Karten]. Wir haben zwei Stiche und einen König.
[Großer Lärm, Durcheinanderrufen, Ausbezahlen.]
Hasselstein [nach einer Pause, scharf]. Wozu könnte Hans Georg sich entschließen?
Holzheim [seufzt tief auf, die anderen tun desgleichen]. Ach, beste Freundin, die liberalen Anschauungen des Herren Sohnes geben leider zu allerlei unbegründetem – ich bin fest überzeugt ganz unbegründetem Gerede Anlaß – man meint, er könnte sich hinreißen lassen – ja, viele Leute gehen dahin zu behaupten es sei eine schon beschlossene Sache – dieses – Mädchen –
Hasselstein [finster]. Welches Mädchen? Ich verstehe nicht –
Krickenfeld. Bitte anzusagen – was ist gerufen? Ja, es handelt sich um – meine Lippen sträuben sich den Namen dieser unglücklichen Gefallenen auszusprechen – kurz, um Berta Heller!
Holzheim. Einen Dreier mit Herz: Was liegt im Talon? Ja, eben – man – böse Zungen – gehen so weit anzudeuten, daß der Herr Sohn noch immer – man erinnert sich an seine frühere Verblendung – die Absicht haben soll an eine Verbindung mit –
Zungrapp. Es liegt wunderschön: Der Mond und zwei Könige!
Krickenfeld [munter]. Und nicht einmal der Gerufene – das nenne ich Glück!
Holzheim. Das lasse ich mir gefallen: Ach, beste Frau Oberst, so ist es. Man meint wirklich allgemein –
Zungrapp [mit Pathos]. – die ganze Stadt spricht davon –
Krickenfeld. – daß Berta Heller die Schwiegertochter –
Hasselstein [entschieden]. Niemals! Geschwätz der Leute meine Damen, – mein Sohn kann und wird nie vergessen, was er dem Namen seines toten Vaters schuldet.
Zungrapp [süß lächelnd und einschmeichelnd]. Und dem seiner hochgeachteten allseitig geschätzten Mutter!
Hasselstein [rafft erbittert ihren Wurf zusammen]. Er würde es nie wagen mir eine solche Schwiegertochter in das Haus zu bringen – meine Ansicht kennt er –
Alle drei [lebhaft beteuernd]. Natürlich nicht! Ganz und gar ausgeschlossen! Gewiß nicht!
Krickenfeld. Das habe ich den Verleumdern auch gleich gesagt.
Zungrapp. Wenn junge Leute in die Welt hinausgekommen, so ist ihnen daheim nichts mehr recht [sie gibt sich einen Klaps auf den Mund]. Es ist nicht mein Sohn –
Holzheim. Der Herr Sohn hat eben so sehr moderne Anschauungen – ein Gelehrter – natürlich – aber – [sie seufzt].
Krickenfeld [lebhaft]. Wir schätzten die vielen Vorzüge des Herrn Professors sehr hoch –
Holzheim. Mein Pagat! O Jammer, er ist fort, er ist dahin! Wir sind eitel Bewunderung seiner – seiner – Tugenden – nur – nur –
Zungrapp. Wie? Ist der Mond noch nicht ausgespielt?
Hasselstein. Das kommt davon, weil Sie nie die Tarock zählen! Sie wissen nie, was ausgespielt wurde, Frau Professor –
Zungrapp [gekränkt]. Ich zähle sie immer, aber wenn einmal fünfzehn oder sechzehn draußen sind – so – so verliere ich manchmal den Faden. Trotzdem sagt Hofrat Glaubig immer, daß ich ganz vortrefflich –
Krickenfeld [die Hände zusammenschlagend]. Wie, lebt dieser wandelnde Leichnam noch? Dem zahlt die Regierung seine Pension sicher schon seit vierzig Jahren.
Holzheim. Und seine Tochter? Die hat vorzeiten trotz ihres kranken Beinleins auch manche Seitensprünge gemacht. Ha, ha, ha!
Zungrapp. Jetzt muß sich dieses Gerippe auch den Fünfzigern nähern. Eine Vogelscheuche erster Klasse.
Krickenfeld [entsetzt]. Gestochen? Mein König? Wie ist denn das möglich?
Hasselstein [trocken]. Weil erst neunzehn Tarock ausgespielt sind. Und was ist aus dem verrückten Sohne geworden?
Zungrapp [wichtig]. Oh der? Der hat auch so manches Vergehen auf dem Kerbholz – er sollte wohl eigentlich in das Gefängnis geworfen werden, aber des alten Herrn wegen hat man ihn lieber irrsinnig erklärt.
Krickenfeld [verzweifelt]. Jetzt ist unser König auch verloren! Frau Oberst tragen daran die Schuld!
Hasselstein [heftig]. Ich?? Ich kann die Tarock zählen – Gottlob [großer Lärm, alle schreien durcheinander].
Holzheim [erregt]. Sie hätten nicht Herz ausspielen sollen, als –
Zungrapp [gibt]. Bitte, nur schöne Blätter, meine Herrschaften!
Krickenfeld [ihre Karten musternd]. Lassen Sie sich Ihre Handerl vergolden für die elendigen Stecher, die Sie mir zugeschoben haben.
Holzheim [lebhaft]. Wird etwas angesagt?
Zungrapp [legt die Karten zusammen]. Ich sitze unterm Tisch.
Krickenfeld. Passe.
Hasselstein. Spielt niemand? Da wage ich einen Zweier. Treff!
Zungrapp [lachend]. Wie kühn unsere Frau Oberst plötzlich geworden ist. Da hat sie gewiß in unsere Blätter geschaut.
Hasselstein [tut entrüstet]. Aber meine Damen [alle lachen].
Holzheim. Und ich sage alle Könige an – hoffentlich bringe ich sie glücklich wieder nach Hause [alle spielen eifrig].
Hasselstein [mit einer Handbewegung]. Bitte sich doch zu bedienen, meine verehrten Damen. Ich glaube der Liqueur ist nicht schlecht – mein Sohn hat ihn von der Reise mitgebracht.
Alle. Aaaaaah! [sie kosten und nicken hierauf befriedigend]. Vortrefflich! Quel goût! Excellent!
Holzheim [sich bedienend]. Ich muß einen Anisbogen nehmen. Die gute Frau Oberst macht wahre Meisterstücke an Geschmack.
Zungrapp [einschmeichelnd]. Nein, diese Dattelbusserl sind meine Lieblinge. Meine Zähne erlauben mir nicht mehr den Genuß von hartem Backwerk. Was für Zukunftspläne hat der Herr Sohn?
Krickenfeld [leise zu Holzheim]. Sie hat nicht einen eigenen Zahn im Munde – lauter Kuckuckseier!
Holzheim [vertraulich]. Ich habe drei falsche – sonst nur meine eigenen – ich bin aber auch um zehn Jahre jünger.
Zungrapp [unterdessen leise zu Hasselstein]. Wie schrecklich alt und verfallen die gute Holzheim aussieht und doch bin ich selbst nur drei Jahre jünger [laut]. Heutzutage weihen uns die Kinder nicht mehr in ihre Pläne ein – die Eltern um Rat zu fragen ist nicht mehr Sitte – aber ich frage, weil wir den jungen Herrn eben wie unser eigenes Kind –
Alle [im Chor]. Wie unser eigenes Kind ansehen. [»Ich muß noch etwas nehmen« – »ich auch« schwirrt es durcheinander. Alle essen und trinken eifrig.]
Hasselstein. Es freut mich, wenn es den Damen schmeckt. Mein Sohn weiß das Wohlwollen der Damen zu schätzen und ich nicht minder. Was seine Zukunft betrifft, so wäre es mein Wunsch, daß er die Stelle als Professor der Zoologie am hiesigen Gymnasium annehmen würde. Indessen spricht man selbst von einer Oeffnung an der Universität in –
Krickenfeld. Wirklich? Ach, da wäre eine Heirat mit – mit Berta ein Unglück für ihn, denn niemand könnte mit ihm in gesellschaftliche Beziehungen treten, weder hier noch in seiner neuen Heimat. Man kann auch schlechterdings die Erziehung der aufwachsenden Jugend nicht einem Manne anvertrauen, der sich über die herrschenden Grundsätze hinwegsetzt. Ach, teuerste Frau Oberst, machen Sie Ihren mütterlichen Einfluß geltend – halten Sie ihn vor diesem Abgrund zurück! Ein Mädchen, das nun einmal das Unglück gehabt hat – ja, man kann die Welt nicht auf den Kopf stellen – ist eben verloren!
Hasselstein [ernst]. Mein Sohn schließt gewiß nie eine Ehe mit einer ihm unwürdigen Frau. Leider will er jedoch keine bindende Stellung – vorderhand wenigstens noch nicht – annehmen.
Holzheim [trinkt langsam]. Dieser Liqueur ist in der Tat vorzüglich. Und erst dieses Backwerk! Unsere liebe Frau Oberst gehört eben noch der alten Schule an, wo eine Hausfrau und Gattin vorallem kochen können mußte. In meinem Elternhause, wo täglich Gäste eintrafen, wo das Wild und Geflügel –
Zungrapp [lebhaft]. Beste Frau Inspektor, wenn Sie gar in meinem Elternhause gewesen wären, wo Fürsten und Prinzen –
Krickenfeld [macht eine Handbewegung]. Alles das ist nichts gegen den Aufwand, die Herrlichkeiten an Speise und Trank meines seligen Onkels des Erzbischofs –
Holzheim [sie erregt unterbrechend]. So viele Backhühner, wie bei uns hat man im ganzen Bezirk nicht gegessen und unsere Kirschpoganzen –
Zungrapp [sie unterbrechend]. In unserem Elternhause hatten wir täglich wenigstens vier verschiedene Weingattungen auf dem Tisch und zu den Festtagen –
Krickenfeld [mit vor Erregung zitternder Stimme]. Bei meinem seligen Onkel, dem Erzbischof –
Holzheim. Die Gänse wurden in meinem Elternhause so gut gefüttert wie nirgends sonst im Lande und was die Weingattungen betrifft –
Krickenfeld [einfallend]. Mein seliger Onkel der Erzbischof ließ den Champagner immer direkt von Frankreich kommen –
Zungrapp [lebhaft]. Ans Spiel, meine Damen. Ja, zu der Zeit wurde die Kochkunst viel höher geschätzt als heute. Jedes Mädchen selbst aus dem vornehmsten Hause, mußte kochen können. Sehen Sie einmal mich an –
Krickenfeld [einfallend]. Mein seliger Onkel, der Erzbischof, hielt strenge darauf, daß ich –
Holzheim. Unser Elternhaus genoß in der Hinsicht einen solchen Ruf, daß die Freier scharenweise zu unseren Eltern kamen. Damals war man noch nicht so modern, das man sich selbst einen Mann wählte – das taten die Eltern.
Zungrapp [bitter]. Welches Mädchen wird heute angehalten in der Küche mitzuhelfen – alles will nur studieren – will modern sein.
Hasselstein [spielend]. Ja, leider! Heutzutage muß ein Mädchen dagegen Tennisspielen, Rollschuhlaufen und ähnliche Sachen können, muß allerlei unnützes Zeug lernen und will dann, ganz wie ein Mann, ins Leben hinaus.
Zungrapp [langsam nickend]. Wobei sich mancher Falter die Flügel versengt. Das Heim geht verloren, die Heiraten nehmen ab und Kinder sind schon ganz und gar unmodern. Ich bitte, wie soll ein Mann auch Lust und vor allem die Mittel haben ein Mädchen von heute zu heiraten? Hunderterlei Ansprüche, keine Kenntnisse, keine Pflichten, wenigstens zwei Dienstboten, eine ganze Flucht von Zimmern, jeden Sommer eine Badereise, jede Saison mindestens drei Hüte –
Krickenfeld [mit Nachdruck]. Und keine Kinder, – nicht zu vergessen! Hat eine Frau einmal eins oder zwei, so muß sie schon ins Bad, braucht eine Kur, muß ein halbes Jahr unter ärztlicher Behandlung stehen und setzt eine Märtyrermiene auf. Sehen Sie mich an! Ich hatte zwölf lebende und vier tote Kinder und ich bin nie länger als vierzehn Tage im Bette gelegen.
Holzheim [die Karten zusammenraffend]. Gewonnen, gewonnen Frau Oberst! 25 Heller zu bezahlen.
[Großer Lärm, Meinungsverschiedenheiten, Auszahlung.]
Krickenfeld. Mein seliger Onkel, der Erzbischof, pflegte immer zu sagen: Frauen und Oefen gehören in das Haus.
Zungrapp. Herz gerufen? Heute hat man die Oefen und die Frauen – außer dem Hause.
Krickenfeld [süßlich]. Um auf das herzige Bürschchen – Pardon! Pardon! – den berühmten Südpolforscher zurückzukommen – so wissen Frau Oberst, daß wir die mütterlichsten Gefühle für ihn hegen – so ein Frauenherz ist einmal gegen alle von Liebe erfüllt – und deshalb erlauben wir uns zu sagen, daß ein junger Mann – und trotz seiner hervorragenden Eigenschaften ist der liebe Herr Professor noch so jung – manchmal des Rates bedarf. In höchster Erregung. Wie? Ist der Mond verloren?
Zungrapp [gelassen]. Schon vor drei Stichen führte ich ihn nachhause. Warum will der Herr Sohn die Stelle nicht annehmen?
Hasselstein [mißmutig]. Er will zuerst ein Buch herausgeben, das die Beschreibung seiner Fahrt und der von ihm gemachten Entdeckungen enthält.
Frau Zungrapp. Ein Buch!!! Soooo interessant – aber – glaubt der Herr Sohn finanziellen Nutzen daraus ziehen zu können? Ich erlaube mir nur diese Frage, beste Frau Oberst, will jedoch nicht einen einzigen Augenblick andeuten –
Krickenfeld [süßlich]. Wir zweifeln nicht, daß das Werk vortrefflich geschrieben sein wird, aber wir meinen nur, daß ein wissenschaftliches Werk in Kringhausen – Mein Gott, solche Arbeiten liest eben kein Mensch [sie schlägt sich auf den Mund] – ich will sagen, so eine Arbeit wird nur von auserlesenen Geistern gelesen – in Bibliotheken und so weiter – aber nicht oft gekauft.
Holzheim [achselzuckend]. Der Büchermarkt ist eben so überfüllt!
Hasselstein [spitz]. Nicht mit Werken über den Südpol und die Antarktis überhaupt.
Alle [sehr einschmeichelnd]. Beste Frau Oberst! Teuerste Freundin!
Krickenfeld [ihre Hand drückend]. Bitte unsere Anmerkungen nicht mißzuverstehen. In uns hat der Herr Sohn seine eifrigsten Bewundererinnen, aber wir sind eben der Ansicht, daß – daß die Verfasserlaufbahn keine sichere Versorgung für einen heiratsfähigen Mann ist – indessen hat ja das Mamatscherl –
Zungrapp [tröstend]. Schon aus Höflichkeit für die Verwandten des Herrn Professors wird man einige Exemplare kaufen –
Hasselstein [spitz]. Dessen bedarf es nicht. [Eine kurze, peinliche Pause entsteht. Das Spiel wird wieder aufgenommen.]