Auf dem Meeting

Nach dem naßkalten Schmutz der ersten Oktobertage badeten eines Tages die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln im blendenden Glanz der Oktobersonne. Engel Peri blieb an diesem Tag allein; der Gatte war abwesend; er verwaltete — irgendwo dort — den Proviant; der unfrisierte Engel schwebte in seinem rosa Kimono zwischen den Vasen mit Chrysanthemen und dem Berg Fujiyama. Die Falten des Kimonos flatterten wie Atlasflügel, und der besagte Engel biß unter der Hypnose eines Gedankens bald sein Taschentüchlein, bald das Ende des schwarzen Zopfes. Nikolai Apollonowitsch blieb natürlich nach wie vor der schuftigste Schuft, aber auch der Zeitungsreporter Neintelpfein — so einer! — war auch — ein Vieh. Die Gefühle des Engels waren bis zum Äußersten aufgewühlt.

Um ein wenig die aufgewühlten Gefühle ins Gleichgewicht zu balancieren, kauerte sich Engel Peri mit untergeschlagenen Beinen auf ihre Chaiselongue hin und schlug das Büchlein von: Henri Besançon »Der Mensch und sein Körper« auf. Dieses Büchlein hatte Engel Peri schon des öfteren aufgeschlagen, aber . . . (und noch einmal aber): das Büchlein fiel ihr jedesmal aus den Händen, die Augen schlossen sich im Nu, im kleinen Näschen entstand ein stürmisches Leben: es pfiff darin und schnaufte.

Nein, heute wird sie nicht einschlafen: Baronin R. R. hatte sich schon einmal nach dem Büchlein erkundigt; als sie hörte, daß es bereits gelesen ist, fragte sie schelmisch: »Na, und was meinen Sie dazu, ma chère?« Aber »ma chère« erwiderte gar nichts; und Baronin R. R. drohte ihr mit dem Fingerchen: Doch nicht umsonst hatte sie auf die Titelseite des Büchleins geschrieben: »meiner devanchanischen Freundin« und als Unterschrift: »Baronin R. R. — eine irdische Hülle, doch mit buddhistischen Funken.«

Aber gestatten Sie: was ist es: »devanchanische Freundin«, »Hülle«, »buddhistischer Funken«? Das sollte ihr nun Henri Besançon jetzt erklären. Und Sofja Petrowna wollte sich diesmal in ihn vertiefen; aber kaum hatte sie das Näschen in Henri Besançon gesteckt, als die Glocke ertönte und, einem Sturme gleich, die Kursistin Warwara Ewgrafowna ins Zimmer hereinflog. Engel Peri hatte nicht Zeit, das kostbare Büchlein zu verstecken und wurde bei der Tat ertappt.

»Was ist das?« rief streng Warwara Ewgrafowna, setzte den Zwicker auf die Nase und beugte sich über das Büchlein . . .

»Was haben Sie da? Wer hat’s Ihnen gegeben?«

»Die Baronin R. R.«

»Na, freilich . . . Und was ist das?«

»Henri Besançon . . .«

»Sie wollen sagen: Anni Besant . . . Der Mensch und sein Körper? . . . So ein Unsinn . . .«

Die blauen Äuglein zwinkerten ängstlich, während die roten Lippen sich schmollend zusammenzogen.

»Die Bourgeoisie, ihr Ende fühlend, warf sich auf die Mystik: überlassen wir den Himmel den Spatzen, und bauen wir aus dem Reich der Notwendigkeiten das Reich der Freiheit.«

Und Warwara Ewgrafowna übergoß den Engel mit sieghaftem Blick: die Äuglein des Engels aber zwinkerten noch hilfloser; Engel Peri achtete Warwara Ewgrafowna und Baronin R. R. in gleicher Weise, und nun sollte sie zwischen ihnen wählen. Zum Glück machte Warwara Ewgrafowna aus der Sache keine Affäre; die Beine übereinandergeschlagen, wischte sie den Zwicker.

»Es handelt sich um folgendes . . . Sie werden sicher auf dem Ball bei den Zukatows sein . . .«

»Ja«, erwiderte schuldbewußt der Engel.

»Es handelt sich also darum: auf diesem Ball wird, wie ich erfahren habe, auch unser gemeinsamer Bekannter sein: Ableuchow.«

Der Engel errötete.

»Nun also, Sie übergeben ihm hier diesen Brief.« — Warwara Ewgrafowna streckte dem Engel ein Kuvert entgegen.

»Übergeben Sie ihn, weiter nichts: werden Sie es tun?«

»Ich werde . . . ich werde ihn übergeben.«

»Schön also. Ich habe augenblicklich leider wenig Zeit, ich muß zu einem Meeting . . .«

»Liebste Warwara Ewgrafowna, nehmen Sie mich mit.«

»Aber fürchten Sie sich denn nicht? Es kann zu einer Schlägerei kommen.«

»Nein, Liebste, nehmen Sie mich mit.«

»Dann bitte, kommen Sie. Aber Sie werden erst noch Toilette machen müssen, sich pudern und so weiter . . . Machen Sie es rasch . . .«


Daß sie »ihn« morgen auf dem Ball bei Zukatows sehen, mit ihm sprechen, ihm den Brief hier übergeben wird — all das war beängstigend und schmerzhaft: Schicksalschweres lag darin — nein, nicht denken, nicht denken!

Eine trotzige, schwarze Haarsträhne fiel auf den Nacken.

»Ja, der Brief.« Auf dem Brief stand deutlich zu lesen: An Nikolai Apollonowitsch Ableuchow. Sonderbar war nur dies: diese Schrift war die Schrift Lipantschenkos . . .

Welcher Unsinn!

Nun ist sie schon in ihrem Wollkleid, das am Rücken geknöpft war.

»Also gehen wir, gehen wir . . . Übrigens, dieser Brief . . . von wem ist er? . . .«

»?«

»Ach so, dann nicht, nicht: ich bin fertig.«

Warum wollte sie durchaus zum Meeting? Um unterwegs auszufragen, auszuforschen?

Wonach aber forschen?

Beim Tor stießen sie auf den Kleinrussen Lipantschenko.

»So, so, wohin?«

Sofja Petrowna winkte geärgert mit der Hand und mit dem Plüschmuff.

»Ich gehe zum Meeting, zum Meeting.«

Der schlaue Kleinrusse aber gab nicht nach.

»Schön, ich gehe mit Ihnen.«

Warwara Ewgrafowna errötete, blieb stehen: sie starrte den Kleinrussen an.

»Ich glaube, ich kenne Sie: Sie wohnen im Zimmer bei . . .«

Der schamlose Kleinrusse geriet hierüber in größte Verwirrung: begann zu schnaufen, trat zurück, lüftete verwirrt seine Mütze und ging fort.

»Wer ist, bitte, dieses unangenehme Subjekt?«

»Lipantschenko.«

»Das stimmt nicht. Nicht Lipantschenko, sondern ein Grieche aus Odessa: Mawrokordato; er kommt öfters ins Zimmer, das hinter meiner Wand ist: ich rate Ihnen nicht, ihn zu empfangen.«

Doch Sofja Petrowna hörte nicht zu. Mawrokordato, Lipantschenko — das war ganz gleich . . . Der Brief nur, der Brief . . .