Edel, schlank und blaß! . . .
Sie gingen über die Moikastraße.
Links von ihnen bebte das letzte Gold der Baumblätter; träte man näher, man würde die Meisen hüpfen sehen; aus dem Garten aber zog sich, resigniert am Boden liegend, bis zu den Steinfliesen hin, ein knisternder Faden, der sich vor den Füßen des Fußgängers wirbelte, sich an seine Füße hängte und flüsternd gelbrote Worte aus Blättern flocht.
»Uuuu — uuuu — uuuu?«
»Haben Sie gehört?«
»Was denn?«
Plötzlich tauchte auf dem feuerroten Fond eine Silhouette auf: Flügeln gleich flatterte im Winde der weite graue Mantel; im Wachsgesicht mit den vorstehenden Lippen ein nachlässiger Ausdruck; die Augen schienen nach irgend etwas in den bläulichen Newafernen zu suchen, fanden es aber nicht und glitten über alles Nahe hinweg: so sah er weder Sofja Petrowna noch Warwara Ewgrafowna: die Augen sahen nur die Tiefe, das grünliche Blau. Vor der Silhouette aber lief keuchend die tigerartig gestreifte Bulldogge, die silberne Reitpeitsche des Herrn in den Zähnen.
An die beiden näher herangekommen, blinzelte Ableuchow, zu sich kommend, mit den Augen und berührte grüßend seine Mütze; er sagte nichts und ging weiter: dorthin, wo im Feuerrot die Häuser badeten.
Sofja Petrowna, mit schielenden Augen, verbarg ihr Gesichtchen in den Muff und nickte unbeholfen seitlich mit dem Kopfe, nicht ihm, sondern der Bulldogge zu. Warwara Ewgrafowna aber blieb mit starrem Blick an ihm hängen.
»Ableuchow —«
»Ja . . . ich glaube.«
Nach dieser bejahenden Antwort (sie selbst war kurzsichtig) murmelte Warwara Ewgrafowna erregt vor sich hin:
Edel, schlank und blaß,
Wie Flachs der blonde Schopf;
Reich an Geist und arm an Herz:
N. A. A. — Kennt ihr diesen Kopf?
Sofja Petrowna wandte sich plötzlich unerwartet für sie selbst um und sah, wie dort in der Ferne in den letzten grellroten Strahlen der Newasonne, ihr zugewandt, Nikolai Apollonowitsch stand; seltsam vornübergebeugt, das Gesicht in den Kragen vergraben, stand er und lächelte, wie es ihr schien, in unangenehmster Weise; er gab eine höchst komische Figur ab: in seinen weiten Mantel gehüllt, sah er bucklig und wie seiner Arme beraubt aus; vor diesem Anblick wandte sie eilig ihr Köpfchen ab.
Lange noch stand er, gekrümmt, unangenehm lächelnd und machte auf dem feuerroten Fond der untergehenden Sonne eine recht komische Figur. Doch nicht sie sah er: bei seinen kurzsichtigen Augen konnte er die sich entfernenden, kleinen Gestalten kaum sehen; er lachte vor sich hin und blickte weit, weit, wo die Linien der Inseln sich tief senkten.
Sie aber — weinen wollte sie: sie wünschte, ihr Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin hätte sich dem Schuft genähert, ihm mit seiner sehnigen Faust ins Gesicht geschlagen und ihm seine ehrliche Offiziersmeinung gesagt.
Die untergehende Sonne schleuderte ihre herzlosen Strahlen direkt vom Horizont; über ihm wiegte sich die Unermeßlichkeit der rosa schimmernden Luftwellen; noch höher lagen die soeben noch weißen, jetzt rosigen Wölkchen in von Perlmutter durchzogenem Türkisblau; bald werden die Perlmutterstreifen die zarten Durchblicke im Türkisblau erlöschen; ergießen wird sich das dunkle, schwere Blau, die blaugrüne Tiefe, auf die Häuser, auf den Granit, auf die Wasser.
Einen Sonnenuntergang aber wird es nicht mehr geben.