Comt! — Comt! — Comt!

Der Lakai trug die Suppe auf. Vor den Teller des Senators hatte er schon vorher eine Pfefferschale hingestellt.

Apollon Apollonowitsch in seinem kurzen grauen Sakko zeigte sich in der Tür; rasch nahm er seinen Platz ein, und der Lakai hob den Deckel der dampfenden Suppenschüssel.

Dann ging die Tür links auf; Nikolai Apollonowitsch in hochgeknöpftem Studentenrock sprang rasch ins Zimmer.

Beide richteten die Blicke aufeinander, und beide wurden verlegen (sie wurden immer verlegen).

Nikolai Apollonowitsch stolperte am Tischbein.

Apollon Apollonowitsch reichte dem Sohne seine wulstigen Lippen; an diese wulstigen Lippen drückte Nikolai Apollonowitsch seine zwei Lippen; die Lippen berührten einander; und zwei Finger schüttelten eine schwitzende Hand.

»Guten Abend, Vater!«

»Guten Abend!«

Apollon Apollonowitsch setzte sich. Apollon Apollonowitsch ergriff die Pfefferschale und pfefferte wie gewöhnlich seine Suppe zu stark.

»Aus der Universität? . . .«

»Nein, vom Spaziergang . . .«

Und ein Froschausdruck legte sich um den Mund des ehrerbietigen Sohnes; wir betrachteten sein Gesicht mit all den mannigfachen Grimassen, mit dem Lächeln und den Mienen der Höflichkeit, die der Fluch Nikolai Apollonowitschs war, wenn auch nur deswegen, daß von der griechischen Maske dann nicht eine Spur zurückblieb; dieses Lächeln, die Grimassen und die einfachen Gesten der Höflichkeit schäumten wie eine ununterbrochene Kaskade vor dem hüpfenden Blick des zerstreuten Vaters. Die Hand, die den Löffel hielt, zitterte sichtlich, und die Suppe lief daneben.

»Aus dem Amt, Vater?«

»Nein, vom Minister . . .«


Oben sahen wir, wie Apollon Apollonowitsch in seinem Arbeitszimmer sitzend, zu der Überzeugung gelangte, daß sein Sohn ein ausgemachter Schuft sei: so pflegte der achtundsechzigjährige Vater täglich einen zwar nur mit den Gedanken erfaßbaren, aber doch terroristischen Akt an seinem eigenen Blute und seinem Fleische zu begehen.

Doch das waren abstrakte, durch gedankliche Arbeit gezogene Schlüsse, die nicht einmal in den Korridor, geschweige in das Speisezimmer aus dem Privatraum getragen wurden.

»Wünschest du Pfeffer, Kolenka?«

»Ich möchte um das Salz bitten, Vater . . .«

Apollon Apollonowitsch blickte seinen Sohn an, das heißt, er hüpfte mit den Augen über die Gestalt des grimassierenden jungen Philosophen und er gab sich in dieser Stunde, der Tradition gehorchend, einer Aufwallung von Väterlichkeit hin.

». . . Und ich gebrauche gern Pfeffer: es schmeckt besser gepfeffert . . .«

Nikolai Apollonowitsch, die Augen auf den Teller gerichtet, war bemüht, die aufdringlichen Assoziationen aus seinem Gedächtnis zu jagen: den Sonnenuntergang an der Newa, die Unaussprechlichkeit der rosaschimmernden Wellen, den zarten Perlmutterglanz, die blaugrüne Tiefe; und auf dem Fond des zartesten Perlmutterschimmers . . .

»So—o! . . .«

»So—o! . . .«

»Schö—ön . . .«

So unterhielt Apollon Apollonowitsch seinen Sohn (oder vielmehr sich selber).

Schwer lastete das Schweigen über dem Tische. Aber dieses Schweigen störte den suppespeisenden Vater gar nicht (das Schweigen pflegt alte Leute nicht zu stören, wohl aber die nervöse Jugend). . . Der Sohn aber empfand im Suchen nach einem Gesprächsthema regelrechte Qual.

Für ihn selbst unerwartet, platzte er heraus:

»Und ich . . .«

»Wie? Was?«

»Nein . . . so . . . nichts . . .«

Über dem Tische hing schwer das Schweigen.

Nikolai Apollonowitsch platzte wiederum unerwartet für sich heraus.

»Und ich . . .«

Die Fortsetzung zu diesem herausgeplatzten »Und ich« fand er noch immer nicht.

»Was soll ich nur zu diesem ‚Und ich‘ hinzufügen?« dachte er. Doch rein nichts fiel ihm ein.

Apollon Apollonowitsch, beunruhigt durch die sinnlose Wortverwirrung des Sohnes, sah ihn indessen fragend, streng und kapriziös an, erbost über das »Gestammel« . . .

»Aber gestatte: Was meinst du?«

»Und ich . . . las in der ‚Theorie der Erfahrung‘ von Cohen . . .« Wieder hielt er stockend inne . . .

»Also was ist das für ein Buch, Kolenka?«

In der Ansprache bewahrte Apollon Apollonowitsch seinem Sohne gegenüber die Tradition von dessen Kindheit: und der vollendete Schuft wurde Kolenka, Söhnchen, Liebling genannt . . .

»Cohen ist der bedeutendste Vertreter der europäischen Kantianer.«

»Erlaube — Comtianer?«

»Kantianer, Vater . . .«

»Aber Kant ist ja nicht wissenschaftlich . . . — Comt ist es, der nicht wissenschaftlich ist . . .«


Apollon Apollonowitsch, müde und ein wenig unglücklich, rieb sich langsam mit dem kalten Fäustchen die Augen und wiederholte zerstreut:

»Comt . . . Comt . . . Comt . . .«

Apollon Apollonowitsch dachte, daß sein Gehirn die letzte Woche wieder unter heftigem Blutandrang, verursacht durch starkes Hervortreten der Hämorrhoiden, litt; sein Schädel fiel schwer gegen die dunkle Stuhllehne; die blauen Augen starrten fragend vor sich hin.

»Comt . . . Ja: Kant . . .«

Er überlegte etwas und richtete den Blick auf den Sohn:

»Was ist es also für ein Buch, Kolenka? . . .«


Nikolai Apollonowitsch hatte aus instinktiver Schlauheit das Gespräch auf Cohen gebracht; Cohen war ein neutrales Gesprächsthema. Dieses Thema schloß andere Themen aus, und so wurde eine Auseinandersetzung verschoben (von Tag zu Tag — von Monat zu Monat). Außerdem behielt der Sohn von der Kinderzeit die Gewohnheit, mit dem Vater lehrreiche Gespräche zu führen: so pflegte Nikolai Apollonowitsch, aus dem Gymnasium kommend, seinem Vater eifrig die Einzelheiten des gallischen Krieges zu erzählen; vergnügt hatte der Vater dem Sohne zugehört und wohlwollend dessen Interesse am Lehrstoff zu steigern gesucht. Auch in späteren Zeiten hat Apollon Apollonowitsch öfters seine Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt:

»Kolenka, du solltest die Logik von Mill einmal lesen: es ist dies — weißt du — ein nützliches Buch . . . Zwei Bände . . . Ich habe es seinerzeit von A bis Z gelesen . . .«

Nikolai Apollonowitsch erschien am Tage darauf mit einem mächtigen Buch in der Hand. Apollon Apollonowitsch fragte freundlich mit geheuchelter Unabsichtlichkeit:

»Was liest du da, Kolenka?«

»Mills Logik, Vater.«

»So—o, so—o . . . sehr, sehr gut.«


Jetzt endgültig voneinander gelöst, kehrten sie unbewußt zu dem Alten zurück: ihr gemeinsames Mittagessen endete oft mit einem lehrreichen Gespräch . . .

Apollon Apollonowitsch dachte: »Es muß zugegeben werden; sein Gehirnapparat ist gut ausgearbeitet.«

Und beim Dessert waren sie bis zu einer Art Freundschaft gelangt.

Beide erhoben sich, beide spazierten durch die Zimmerflucht; die weißen Schatten der griechischen Weisen huschten durch die Räume: dort, dort und dort; die Flucht der Zimmer verdunkelte sich; weit im Salon hüpfte an der Wand ein rötlicher Schein; man vernahm das Knistern des Kaminfeuers.

So pflegten sie auch früher durch die leere Zimmerflucht zu wandern — der Knabe und . . . der damals noch zärtliche Vater. Etwas später pflegte der zärtliche Vater dem blonden Knaben kameradschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen; der zärtliche Vater führte damals den Knaben an das Fenster, die Finger zu den Sternen hebend:

»Die Sterne, Kolenka, sind weit: über zweieinhalb Jahre sind notwendig, bis der Strahl von dem nächsten Stern, zu uns herüberkommt . . . So ist es, mein Lieber!« Einmal schrieb er ihm ein Verschen:

Kolenka, der dumme Tropf,

Tanzt und hüpfet immer;

Mit der Mütze auf dem Schopf

Reitet er durchs Zimmer.

War es — oder war es vielleicht gar nicht? . . . Nie, niemals?

Beide saßen jetzt im Salon auf dem Atlassofa und sprachen, zwecklos und gedehnt, bedeutungslose Worte. Der glattrasierte, graue alte Apollon Apollonowitsch zeichnete sich im hüpfenden Feuerschein mit seinen Ohren und dem Sakko: mit ebendemselben Gesichtsausdruck, auf dem Fond des brennenden Rußlands, wurde er vor kurzem auf dem Titelblatt eines Straßenblättchens dargestellt.

»Kommt öfters zu dir, Liebling, der . . . der . . .?«

»Wer, Vater?«

»Der, wie heißt er nur . . . Der junge Mann?«

»Der junge Mann? . . .?«

Nikolai Apollonowitsch grinste plötzlich . . .

»Der, den Sie neulich in meinem Zimmer trafen? Alexander Iwanowitsch Dudkin . . . Nein, er kommt nur manchmal.«


»Wenn . . . wenn . . . es keine indiskrete Frage ist, so . . . scheint mir . . .«

»Was, Vater?«


»Übrigens . . . wenn meine Frage sozusagen ungeschickt ist . . .«

»Wieso ungeschickt?«

»Ich meine . . . ein ganz angenehmer junger Mann: arm, wie es scheint.«

Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr.

»Ja, so . . . Es gibt viele spezielle Wissenschaftsgebiete: jedes Spezialgebiet ist tief. Weißt du, Kolenka, ich bin müde.«

Apollon Apollonowitsch wollte seinen Sohn, der sich die Hände rieb, nach etwas fragen . . . Er blieb stehen, sah sich um, fragte aber nichts, sondern senkte den Blick: Nikolai Apollonowitsch empfand einen Augenblick Scham.

Mechanisch hielt Apollon Apollonowitsch dem Sohne seine wulstigen Lippen hin; zwei Finger schüttelten eine Hand.


Bald darauf öffnete sich die Tür des senatorischen Arbeitszimmers: mit einer Kerze in der Hand lief Apollon Apollonowitsch in den mit nichts zu vergleichenden Raum, um sich . . . dem Zeitungslesen zu widmen . . .


Nikolai Apollonowitsch trat ans Fenster.

Ein phosphoreszierender Fleck raste in wildem Tempo über den Himmel; in phosphoreszierendem Glanz leuchtete neblig die Newaferne, und grün schimmerten die lautlos gleitenden Flächen; bald dort, bald da sprühte ein goldener Funken auf; an verschiedenen Stellen des Wasserspiegels entflammten rötliche Lichter, um sich vielleicht nach einer Sekunde im phosphoreszierenden Nebel zu verlieren. Hinter der Newa dehnten sich die Riesengestalten der Inseln und warfen in den Nebel mattleuchtende Blicke — endlos, lautlos, qualvoll: es schien, als weinten sie: höher streckten sich in wildem Rasen undeutlich gezeichnete bauschige Arme; Schar um Schar erhoben sie sich über den Wellen der Newa; vom Himmel aber fielen sie als durchleuchtend phosphoreszierende Flecke. Nur an einer vom Chaos unberührten Stelle, wo sich am Tage die Troitzkibrücke breitete, glänzten durchnebelte riesige Brillantennester über einer glitzernden Schar rundgliedriger Lichtschlangen; sich bald zusammenringelnd, bald streckend, rasten die Schlangen als Funkenlinie nach oben; und untertauchend, erschienen sie dann wieder als Sternfäden auf dem Spiegel des Wassers.

Nikolai Apollonowitsch blickte verträumt auf diese Fäden.

In der dunklen Ferne des Korridors ertönte metallisch ein Türriegel, in der dunklen Ferne des Korridors schimmerte Licht auf: mit der Kerze in der Hand verließ Apollon Apollonowitsch den mit nichts zu vergleichenden Raum: ein mausgrauer Schlafrock, graue, rasierte Backen und riesige Konturen ganz toter Ohren zeichneten sich deutlich im tanzenden Licht und liefen aus der Helle in die völlige Dunkelheit hinein.


Nikolai Apollonowitsch dachte: »Es ist Zeit.«

Nikolai Apollonowitsch wußte, daß sie zum Meeting gegangen war (dafür bürgte die Begleitung Warwara Ewgrafownas), Nikolai Apollonowitsch dachte, daß schon zweieinhalb Stunden vergangen sind, seit er sie getroffen hatte; jetzt dachte er: »Es ist Zeit . . .«