Tatam — tam — tam!
Es war schon spät.
Sofja Petrowna war auf dem Wege nach Hause, sie verbarg ihr Näschen in den flaumigen Muff. Hinter ihrem Rücken dehnte sich die Troitzkibrücke, lief endlos gegen die Inseln, die stumm in der Ferne sich dehnten; über die große eiserne Brücke breiteten sich Schatten, legten sich auf das feuchte Geländer, legten sich auf die grünlichen, von Bazillen wimmelnden Wasserflächen.
Plötzlich weiteten sich Sofja Petrownas Augen, begannen zu zwinkern, schielten: unter dem feuchten, feuchten Geländer lag mit gespreizten Beinen ein dunkles tigerartiges Tier, in den Zähnen eine silberne Reitpeitsche; die runde Schnauze des tigerartigen Tieres war zur Seite gewandt; als Sofja Petrowna in diese Richtung den Blick warf, sah sie das wächserne Gesicht mit den vorstehenden Lippen, den Blick auf das grünliche, von Bazillen wimmelnde Wasser gerichtet; es schien, als barg dies Gesicht in sich einen teuflischen Gedanken, der in ihr seinen Widerklang gefunden hatte; denn quälend verfolgten sie in den letzten zwei Tagen die Worte aus der allbekannten Romanze:
Wir standen am Ufer der Newa
Und sahen dem purpurnen Sonnenuntergang zu.
Und nun, er stand auf dem Ufer der Newa und sah dumpf auf das Grün, oder nein — er flog mit dem Blick in die Ferne, wo sich die Ufer breiteten, wo sich resigniert die Inselhäuser duckten, wo über den weißen Festungswänden hoffnungslos und kalt die qualvoll scharfe, herzlose, kalte Spitze der Petropawlowski-Festung zum Himmel ragte.
Es zog sie zu ihm — was sind Worte, was sind Gedanken! Aber er, er bemerkte sie wieder nicht; mit den vorstehenden Lippen und glasig erweiterten Augen ähnelte er in seinem weiten Mantel einem kleinen, armlosen Krüppel.
Als sie vorbei war, wandte sich Nikolai Apollonowitsch langsam um und ging mit raschem, trippelndem Schritt fort; an der Ecke vor der Brücke wartete sein Wagen; der bald dahinraste; und als sein Wagen Sofja Petrowna überholte, wandte Nikolai Apollonowitsch, während er, zum Hunde niedergebeugt, mit den Händen dessen Halsband herunternahm, den Blick der einsam schreitenden dunklen Gestalt zu, die ihr Näschen in den Muff gesteckt hat; er sah sie an, lächelte; doch der Wagen raste vorbei.
Plötzlich, unerwartet, begann der erste Schnee zu fallen; seine lebendigen Diamanten schimmerten tanzend im Lichtkreis der Laterne; nur ganz, ganz matt beschien der Lichtkreis auch eine Mauer des Palais, den Kanal und die kleine steinerne Brücke; leer war es rundum; eine einsame Droschke wartete auf jemand an der Ecke, und der Kutscher pfiff sorglos ein Liedchen; in der Droschke lag nachlässig hingeworfen ein weiter grauer Mantel.
Sofja Petrowna Lichutina blickte, auf der Brücke stehend, verträumt in die Tiefe; Sofja Petrowna Lichutin war schon öfters dagestanden; einmal stand sie auch mit ihm da; und sie sprach von den göttlichen, wundervollen, zauberhaften Klängen einer Oper und, mit dem Fingerchen dirigierend, sang sie halblaut:
»Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam!«
Nun stand sie wieder da; ihre Lippen öffneten sich, das Fingerchen hob sich in die Höhe:
»Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam!«
Plötzlich hörte sie Schritte, die sich ihr rasch näherten. Sie sah sich um — und schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote Domino, lief wie suchend bald hin, bald her und stürzte, die Frauengestalt auf der Brücke entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt die Maske weit vor sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen breiten Spitzenfächer. Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der laufenden Maske kaum Zeit, sich klar darüber zu werden — daß der rote Domino eine Narrenmaske sei, daß ein geschmackloser Witzbold (und wir wissen, wer es war) mit ihr einfach einen Scherz machen wollte, daß hinter der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht verbarg — Sofja Petrowna dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), daß die Welt ein sonderbares Loch bekommen habe und daß sich auf sie aus diesem Loch, keinesfalls aber aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spaßvogel stürzte; wer dieser teuflische Spaßvogel sei, das hätte sie kaum zu erklären vermocht.
Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brücke erreichte, riß ein Windstoß an dem roten Narrenanzug so heftig, daß seine Flügel übers Geländer in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein wohlbekannter Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in den armseligen Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und fiel mit der ganzen Wucht seines Körpers zu Boden; über ihm aber klang jetzt lautes, unbändiges Lachen:
»Kleiner Frosch, Scheusal — roter Narr! . . .«
Ein flinker kleiner Frauenfuß stieß zornig gegen den Narren.
Längst des Kanals eilten inzwischen bärtige Männer daher, aus der Ferne ertönte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr stürzte zur Droschke; man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine Gestalt bewegte, bemüht, den Mantel wieder über die Schulter zu ziehen. Sofja Petrowna begann zu weinen und verließ im Laufschritt die verruchte Stelle. Vom Kanal her lief bellend in der Richtung der Droschke die stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen Beine flitzten nur so dahin, und hinterher raste ein Gefährt, in dem zwei Schutzleute saßen.
Es winselte ein toller Hund
Sofja Petrowna lief gekränkt auf die andere Seite; gekränkt vergoß sie Tränen in ihren Muff; an das schreckliche, für sie ewig schmachvolle Geschehnis konnte sie nicht denken. Hätte Nikolai Apollonowitsch sie nur in anderer Weise beleidigt, hätte er sie lieber geschlagen, hätte er sich in seinem roten Domino übers Geländer gestürzt — sie würde ihr ganzes weiteres Leben mit grausigem Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache, Rache!
Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer hing ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne abzulegen, flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie riß mit derber, prosaischer Geste die Tür auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff und flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschön geschwollen war: flog hinein und blieb stehen.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er selbst aber in schneeweißem Hemd und Hosenträgern — lag auf den Knien, einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt glänzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem Öllämpchen davor. Blaß zeichnete sich im Halbdunkel des Öllämpchens das Gesicht des Offiziers mit spitzem, blau erscheinendem Bärtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen Hand; Hand, Gesicht, Bart und weiße Brust schienen wie geschnitzt aus festem, duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die Lippen, kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und kaum merkbar rührten sich die aneinandergepreßten blauen Finger an der Stirn, das Kreuz schlagend.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drückte erst die bläulichen Finger auf die Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen seinen Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde nicht verlegen; sich vom Fußboden erhebend begann er gewissenhaft hängengebliebene Stäubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas langsam vollführten Handlung fragte er ruhig:
»Was hast du, Ssonjuschka?«
Die gleichmütige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja Petrowna, ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem scharfen Ruck fiel sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend, und begann laut zu weinen.
»Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein Kind! Kindchen, Kindchen! . . .«
»Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . .«
»Was ist geschehen? Sag’! . . . Wir wollen uns beide ruhig darüber beraten.«
»Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie mich! Sie scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . .«
Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und ließ sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder.
»Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Weiß nichts! . . .«
»Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wüßte gar nichts . . . Sieh mal . . .«
»Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer übersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefühl; dich aber will ich in deiner Freiheit, das mußt du wissen, nicht stören . . . Noch mehr: ich kann dich in deiner Freiheit nicht stören: ich verstehe dich; ich weiß, Liebling, sehr gut, daß es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe, Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na, nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich es nennen, Gleichgültigkeit kommt keinesfalls von Kälte . . . Nein, nicht, nicht! . . .«
»Du möchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzähl’ mit doch alles: erzähle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide über deine Situation nachdenken.«
»Sie dürfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft. Ein anderer Mann würde ihn längst erschossen haben . . . Ihre Frau wird verfolgt, verhöhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.«
Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Köpfchen erzählte sie alles, alles.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache Menschen sind aber von einer unverständlichen, sinnlosen Tat mehr überrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat. Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen. Verstehen aber heißt ja beinahe — rechtfertigen; wie ist es aber zu begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies wäre, wie ich aussprechen muß, eine völlige Schufterei! Die Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine Gotteslästerung, Kirchenschändung oder ähnliche sinnlose Bosheiten. Nein, mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird alles geschändet.
Zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor, wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und . . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu erröten, bis er purpurn wurde: das Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow gespielt; später bewunderte er oft seine philosophischen Fähigkeiten; edelmütig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine Gattin zu stellen, weil er ihn für einen Mann aus guter Gesellschaft, für einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den scharfen Kurven wuterfüllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch außer sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste; sie fürchtete sich ein wenig: sie fürchtete sich immer — nicht vor der Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrückte.
»Was . . . was haben Sie?«
»Nichts . . . nichts weiter.«
Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf und ab, die Hand zu einer Faust geballt.
Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der Eingangstür — ha?! . . .
Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren, durch eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese Schlange zu zertreten, zu zertreten; nach diesem Entschluß fuhr er fort, auf und ab durchs Zimmer zu spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hände zu Fäusten geballt, den muskulösen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft schwingend; selbst Sofja Petrowna war ängstlich geworden: ebenfalls rot, mit halb offenen Lippen, die ungetrockneten Tränen an den Wangen, verfolgte sie aufmerksam die Bewegungen ihres Gatten.
»Was haben Sie?«
Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt Drohung und unterdrückte Wut.
»Nichts . . . nur so . . .«
Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wäre auch sie an der schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt.
»Geh in dein Zimmer: leg’ dich schlafen . . . überlaß alles mir.«
Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr Zimmer auf.
Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab und hüstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust über ein Tischchen, und es schien, als müßte es in Stücke zerfallen.
Doch die Faust löste sich.
Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke; doch einen Augenblick später flog die Decke auf den Boden; Ssergeij Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte vernehmlich flüsternd:
»Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschieße ihn wie einen Hund . . .«
Da ertönte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen.
»Was haben Sie?«
»Nichts . . . nur so . . .«
Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke über den Kopf und seufzte, flüsterte, drohte . . .
Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mädchen. Sie entkleidete sich selbst und stand bald ganz in Weiß unter einer Fontäne von Kleidungsstücken, die sie in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins Bett; jetzt saß sie, die Beine übereinandergeschlagen, das erboste Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten Schnurrbärtchen auf beide Arme gestützt.
Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf das Klavierspiel, das heute wie allabendlich über ihrem Kopfe tönte; dort wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als zweijähriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten, ahnungslosen Töne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in Müdigkeit, in Apathie; sie begann sich über den Mann zu ärgern, in dem sie selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den Andern geweckt hatte. Sofja Petrowna sah plötzlich ein, daß ihr Mann mit dem ganzen Vorfall nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und dem Andern bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die Angelegenheit in eine für sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch würde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlüsse ziehen; vor allem würde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre süß-bangenden Gefühle noch die Verkleidungskomödie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf die Töne der alten Masurka und auf das peinliche Geräusch hinter der Wand; aus der Fülle der schwarzen Haare blickte geängstigt das perlenfarbige Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen.
Plötzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief, den sie ihm auf dem Ball übergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz vergessen). Im ersten Augenblick beschloß Sofja Petrowna, das Schreiben am nächsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurückzusenden. Wie durfte man es wagen, sie mit Aufträgen an ihn zu belästigen! Sie würde ihn ohne Zweifel zurückschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt hätte (wenn er doch endlich einschlafen würde!); jetzt ärgerte sie sich über die Einmengung anderer, während sich in ihr ein Gefühl des Protestes erhob: schließlich war es ihre persönliche Angelegenheit, und sie hatte auch das vollständige Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren; wie wagte er es überhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit einem Sätze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief in Händen, als sie ein wütendes Flüstern hinter der Wand vernahm.
»Was haben Sie?«
Hinter der Wand antwortete man ihr:
»Nichts . . . nur so . . .«
Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so größer wurden ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der Apfelblätter, dann wurde es rosarot und schließlich, als sie mit dem Lesen fertig war — einfach purpurn.
Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt für ihre zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Händchen würde er diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken wollen; doch dieselbe mißlang ihm und wurde zu einer Reihe von Blödigkeiten; nun sollte er jetzt das sühnen, was er in ihr hervorgerufen hatte! Ja, ja, ja: sie würde sich rächen durch die einfache Übergabe des geöffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino, betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg für den blutigen Domino werden!
Die Tür knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen, als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Weiß: in weißem Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr völlig fremden Menschen in so ungenierter Weise versetzte sie in Wut.
»Sie hätten sich doch wenigstens anziehen sollen.«
Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer, einen Augenblick später aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock bekleidet. Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schärfe sagte er ihr:
»Sophie . . . Sie müssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . .«
Schweigen.
»Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst sagen: ersparen Sie mir weitere Erklärungen.«
Schweigen.
»Ich möchte, daß Sie selbst die Unmöglichkeit einsehen, nach dem Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen.«
»Wenigstens gab ich selbst für Sie das Offizierswort, daß Sie nicht auf dem Ball sein werden.«
Schweigen.
»Ich werde sonst genötigt, es Ihnen einfach zu verbieten.«
»Ich werde auf dem Ball sein . . .«
»Nein, Sie werden nicht dort sein!!«
Sofja Petrowna war überrascht von der hölzernen Stimme, mit der er es sagte.
»Nein, ich werde dort sein . . .«
Es entstand eine drückende Stille; man hörte nur ein seltsames Röcheln in der Brust des Offiziers. Er griff sich nervös an den Hals und bewegte den Kopf, wie bemüht, eine schwere Entscheidung abzuschütteln; mit übermenschlicher Kraft unterdrückte er einen drohenden Ausbruch; er ließ sich still auf einen Stuhl nieder und blieb stockgerade sitzen; mit unnatürlich leiser Stimme begann er:
»Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belästigt. Sie selbst haben mich zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht.«
Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort »roter Domino« nicht aussprechen; instinktiv fühlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf abschüssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er fühlte, daß es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue, selbst nicht um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte über dem Ganzen das Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausäure für immer die Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wußte: wird seine Frau morgen bei Zukatows erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann ist alles verloren: die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles.
»Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, muß es Ihnen klar sein, daß Sie sich mit ihm nicht treffen dürfen, daß dies eine Schande, eine Schande wäre; endlich gab ich das Wort, daß Sie nicht hingehen würden. Haben Sie Erbarmen mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst . . . ich, ich weiß nicht . . . ich bürge für nichts . . .«
Doch Sofja Petrowna empörte sich immer mehr über die freche Einmengung dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte, in ihrem Schlafzimmer in einem so unanständigen Aufzug zu erscheinen: sie hob irgendein Kleidungsstück vom Fußboden auf (sie hatte erst jetzt bemerkt, daß sie selbst im vollständigen Neglige war) und warf es über sich, darauf drückte sie sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel sagte sie entschlossen, das Köpfchen bewegend:
»Vielleicht wäre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich so eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin!«
»Nein, das werden Sie nicht!!!«
»Was ist es?« Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betäubender Schuß; gleichzeitig tönte ein unmenschlicher Schrei: eine dünne, heisere Fistelstimme schrie etwas Unverständliches; ein eichener Mann sprang in die Höhe; ein Sessel fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige Tischchen entzwei, dann flog krachend die Tür ins Schloß, und alles war ruhig . . .
Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hörbar; schließlich begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben.
Sofja Petrowna Lichutina saß zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der soeben vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal ein Tier. Vor ihr hatte soeben ein wütender, toller Hund geheult.