Bleistiftpäckchen

Das Arbeitszimmer des Senators war äußerst einfach; in der Mitte erhob sich natürlich ein Tisch; das war aber nicht das Wichtigste; viel wichtiger waren die Schränke, die an allen Wänden standen; auf dem Tische aber vorn lag ein Lehrbuch der Planimetrie.

Vor dem Schlafengehen schlug Apollon Apollonowitsch gewöhnlich dieses Buch auf, um das ungefügige Leben dem Schlaf unterzuordnen und es im Kopfe zu beruhigen durch Betrachtung der beseligenden Zeichnungen: der Parallelepipede, Parallelogramme, der Konuse, Kuben und Pyramiden.

Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen schwarzen Lehnstuhl nieder, und hier saß er gerade gestreckt und wartete auf das Erscheinen seines nichtsnutzigen Sohnes.

Ein ängstlicher Seufzer ertönte hinter seinem Rücken; er sah sich um und erblickte den Diener Ssemjonytsch . . .

»Was ist los?!«

»Ich erlaube mir, es Ihnen vorzubringen: unsere gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . .«

Zornig kehrte Apollon Apollonowitsch dem Lakai sein riesiges Ohr zu . . .

»Was? Was ist los? . . . Sprechen Sie lauter, ich höre schlecht.«

Der zitternde Ssemjonytsch neigte sich ganz zum blaßgrünen Ohr des Senators hin, der ihn wartend ansah.

»Die gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . . sind zurückgekehrt . . .«

»?« . . .

»Aus Hispanien — nach Petersburg . . .«


»So—o, so—o, sehr gut! . . .«


»Sie geruhten ein Briefchen durch den Boten zu schicken . . .«

»Sie sind im Hotel abgestiegen . . .«


Apollon Apollonowitsch legte eine Hand über die andere und saß vollständig ruhig und unbeweglich; es schien, als bewegten sich auch keine Gedanken in ihm: gleichgültig streiften seine Blicke über die Rücken der vielen Bücher, auf denen es goldig schimmerte: »Gesetzbuch des Russischen Reiches. Erster Band«. Dann weiter: »Zweiter Band«. Auf dem Tische lagen Papiere, schimmerte ein vergoldetes Tintenfaß, lagen verstreut Federhalter; auch lag dort ein Briefbeschwerer: ein Bäuerlein (der Untertan) mit einem Schnapsglas in der gehobenen Hand. Vor all den Sachen, vor den Federhaltern, vor den Papierhaufen saß Apollon Apollonowitsch mit gekreuzten Armen ohne jegliche Bewegung, ohne Zittern . . .


Apollon Apollonowitsch sagte nichts, er öffnete nur eine der Schubladen und nahm daraus ein Päckchen mit einem Dutzend Bleistiften heraus (sehr, sehr billiger); einige davon zog er hervor — und zwischen den Fingern des Senators knackten die zerbrochenen Stäbchen. In dieser Weise pflegte Apollon Apollonowitsch seine seelischen Schmerzen zu äußern: er brach Bleistifte auseinander, die zu diesem Zweck von ihm in der Schublade unter Buchstaben B sorgfältig aufbewahrt lagen.

»Gut, Sie können gehen . . .«


Trotz des Zerbrechens der Bleistifte gab er seine äußerliche Würde und Ruhe nicht auf, und niemand hätte es geglaubt, daß dieser steife Würdenträger kurz vorher, mühsam Atem holend und vor Rührung fast weinend, die Tochter einer Köchin durch den Schmutz nach Hause geleitet hatte.

Nachdem Ssemjonytsch sich entfernt hatte, warf Apollon Apollonowitsch die zerbrochenen Bleistifte in den Papierkorb und lehnte sich mit dem Kopf gegen den Sitz des schwarzen ledernen Lehnstuhls: das Greisengesichtchen verjüngte sich und er begann an seiner Krawatte zu zupfen, um sie in tadellose Ordnung zu bringen; er sprang jählings auf und begann durchs Zimmer zu schreiten: mit seiner kleinen Gestalt und den flatternden Bewegungen erinnerte Apollon Apollonowitsch lebhaft an seinen Sohn, ganz besonders an eine Photographie desselben von neunzehnhundertundvier.

Die Tür ging auf, an der Schwelle stand Nikolai Apollonowitsch, in der Studentenuniform, doch in Hausschuhen.

»Da bin ich, Vater . . .«

Der kahle Kopf wandte sich der Sonne zu; nach dem passenden Worte suchend, schnalzte er mit den Fingern:

»Siehst du, Kolenka . . .«, Apollon Apollonowitsch sprach jetzt nicht mehr von dem Domino (ach was, Domino!), er sprach von etwas ganz anderem.

»Siehst du, Kolenka, ich habe mit dir über etwas zu sprechen, wovon du sicher schon gehört haben wirst . . . Deine Mutter, Anna Petrowna, ist nun zurückgekehrt . . .«

Erst jetzt wurde es Nikolai Apollonowitsch vollständig klar, daß seine Mutter zurückgekehrt war.

»Anna Petrowna, mein Lieber, hat etwas begangen, was ich . . . was ich . . . schwer mit der nötigen Ruhe zu qualifizieren in der Lage bin . . .

Kurz, was sie begangen hatte, ist dir, hoffe ich, bekannt; ich vermied es bisher — das hast du wohl gemerkt — in deiner Gegenwart, mit Rücksicht auf deine natürlichen Gefühle, darüber zu sprechen . . .«

»Ich danke Ihnen, Vater: ich verstehe Sie . . .«

»Selbstredend . . .« — Apollon begann wieder in der Diagonalrichtung durchs Zimmer auf und ab zu laufen, zwei Finger in die Westentasche gesteckt: »Selbstredend: die Rückkehr deiner Mutter nach Petersburg ist für dich eine Überraschung.«

(Apollon Apollonowitsch sah dem Sohn gerade ins Gesicht, wobei er sich ein wenig auf die Zehenspitzen hob.)

»Eine vollständige . . .«

»Eine Überraschung für uns alle . . .«

»Wer hätte gedacht, daß Mama zurückkehrte . . .«

»Ich meine es auch: wer hätte es gedacht« — Apollon Apollonowitsch spreizte ratlos die Hände auseinander, hob die Achseln in die Höhe, machte vor dem Fußboden eine Verbeugung — »daß Anna Petrowna zurückkehren wird.« Und er begann wieder auf und ab zu laufen: »Diese Überraschung kann — wie du dir leicht denken kannst — mit einer Veränderung« (Apollon Apollonowitsch hob vielsagend einen Finger in die Luft, und seine Stimme dröhnte in tiefem Baß, als hielte er eine wuchtige Rede vor einer Versammlung) »unseres ganzen häuslichen Status quo; oder aber« (er wandte sich um): »alles bleibt beim alten.«

»Ja, ich denke es mir auch so . . .«

»Im ersten Falle: — bitte, willkommen . . .«

Apollon Apollonowitsch machte eine Verbeugung vor der Tür.

»Im anderen Falle« — Apollon Apollonowitsch begann ratlos mit den Augen zu zwinkern: — »wirst du sie selbstverständlich sehen, ich aber . . . ich . . . ich . . .«

Und Apollon Apollonowitsch richtete seine Augen auf den Sohn; die Augen waren traurig: die Augen eines zappelnden, gehetzten Rehs:

»Ich weiß wahrhaftig nicht, Kolenka, ich denke aber . . . Übrigens ist es mir so schwer, dir das zu erklären, besonders, wenn ich deine natürlichen Gefühle berücksichtige, die . . .«

Nikolai Apollonowitsch erbebte bei dem Blick, mit dem sich der Senator an ihn wandte, und — ganz merkwürdig: er fühlte plötzlich eine Aufwallung von — was glauben Sie? Liebe? — ja, Liebe zu diesem alten Despoten, der verurteilt war, in Stücke zerrissen zu werden.

Unter dem Einfluß dieses Gefühls machte er eine ruckhafte Bewegung in die Richtung seines Vaters: einen Augenblick noch, und er wäre vor seinem Vater niedergekniet, um ihm alles zu bekennen und ihn um Vergebung anzuflehen; aber der Alte, als er die Bewegung des Sohnes wahrgenommen hatte, zog wieder die Lippen fest zusammen, trippelte etwas eilig beiseite und begann mit einer Miene des Ekels mit den Händen zu fuchteln:

»Nein, nein, nein! Ich bitte Sie, es zu unterlassen . . . Ich weiß, was Sie wollen! . . . Sie haben mich gehört: bitte mich jetzt allein zu lassen.«

Zwei Finger klopften herrisch über den Tisch; die erhobene Hand zeigte auf die Tür:

»Sie halten mich zum besten; mein Herr, Sie sind nicht mein Sohn, mein Herr, Sie sind ein schrecklicher Schuft.«

Das alles sprach Apollon Apollonowitsch nicht, sondern schrie es heraus; unerwartet für ihn selbst brach es aus ihm hervor.