Das Hohe Amt
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin hatte es nur eine Zeit gegeben, die man mit »dazumal« bezeichnet. So berichtet uns das »Archiv«.
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand schwebte über dem Dunkel; und es entstand Licht — ein Zirkular unter Nummer eins; das Zirkular der letzten fünf Jahre trug die Unterschrift: »Apollon Ableuchow«: im Jahre neunzehnhundertfünf war Apollon Apollonowitsch Ableuchow die Seele aller Zirkulare.
Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen.
Das Hohe Amt.
Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust war und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem Pergamentgesicht den Fuß auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an dem zum erstenmal die schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen hin den Rand des Zylinders berührt hatte, seit diesem Tag waltete über dem Hohen Amt, das seine feste Macht über ganz Rußland ausbreitete, ein noch festerer Machtdruck.
Längst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden.
Der Paragraph — das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an dem dunklen Abgrund der Willkür saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph fest; und wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist: das dreizehnte Zeichen des Zodiakus.
Über einem ungeheuren Teil Rußlands erhob sich der Paragraph als schwarzer Gehrock ohne Kopf; durch die weißsäuligen, ungeheizten Säle, über die rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und über diese Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist der populärste Beamte Rußlands, ausgenommen . . . Konschin (dessen unveränderliches Autogramm ihr überall mit euren Banknoten herumtragt).
Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr: er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . .
— Ich war vor kurzem an seinem Grab: über einem
schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein schwarzmarmornes, achteckiges Kreuz; unter dem Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen Riesenkopf darstellt, aus dessen tiefen Augenhöhlen zwei leere Pupillen sich in den Beobachter bohren; ein dämonischer, mephistophelischer Mund! Tiefer unten eine Aufschrift mit Riesenlettern: »Apollon Apollonowitsch Ableuchow, Senator« . . .
Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes Grab! . . . —
— Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer: täglich ist er da zu sehen, ausgenommen die Hämorrhoidentage.
Es gibt außerdem im Hohen Amt Räume der . . . Nachdenklichkeit.
Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Säle; in jedem Saal stehen einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von ihnen hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Stoß mit Papier; die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierblätter knistern; so knarrt der faule, herbstliche Wind durch die Wälder, durch Schluchten; so knistert der Sand — in den Wüsten, in den salzigen Steppen von Orenburg, Ssaratow, Ssamara; — mit einem Wort: es existiert das Hohe Amt.
Im Direktorzimmer sitzt täglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick geschwollener Ader an der Schläfe, die Beine übereinandergelegt, die sehnige Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die Holzscheite, der achtundsechzigjährige Greis atmet den Paragraphenbazillus ein; und dieser Atem verbreitet sich dann über das ganze, ungeheure Rußland: täglich wird ein zehnter Teil unserer Heimat von dem Flügelungetüm dieser Wolke bedeckt. Von einem glücklichen Einfall erleuchtet sitzt Apollon Apollonowitsch, die Beine übereinandergekreuzt, die Hand hinter die Rockborte geschoben, und bläht (so ist nun einmal seine Gewohnheit) seine Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er blasen würde; ein kühler Wind zieht dann durch die ungeheizten Säle; Wirbelstürme aus mannigfachen Papieren erheben sich; in Petersburg erhebt sich der Wind, an irgendeinem entlegenen Ende Rußlands verdichtet er sich zum Sturm.
Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . bläst.
Und die Rücken der Schreiber beugen sich tiefer über die Tische; und das Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten . . . Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein trockener Papierschwarm, wie der unheimliche Blätterfall im Herbst, jagt von Petersburg . . . bis zum Ochotskimeer.
Norden, du mein geliebter Norden! . . .
Apollon Apollonowitsch ist ein Städter par excellence und ein gut erzogener Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, während sein Schatten, den Stein der Wände durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraßen überfällt: er zieht pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten Flächen von Ssamara, Tambow, Ssaratow — durch die sandigen Gründe, das Gestrüpp, den wilden Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein verdächtiges Feuerchen in den Ställen an; der rote Hahn in den Dörfern hat in ihm seinen Urheber; er ist es, der die reinen Quellenbrunnen unsauber macht; wenn er als schädlicher Tau über die Kornfelder fällt, dann verdirbt die Saat; das Rind krankt hin . . .
Er vermehrt die Zahl der Gräber und macht sie tiefer.
Spaßvögel würden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern — Aquilon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist einsam.
Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in die Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra: Sankt Petersburg eröffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine Papierkanonade, aber die Schüsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft fehl.
Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbürger schon seit langem — Seifenblasen getauft.
Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze; das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott Apollo: er ist einfach — Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in Petersburg.
In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte ein ungünstiger Wind.
Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mütze; die Träger dieser Mütze scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte; hier reizten sie die Vorübergehenden durch einen flatternden roten Fetzen (so einen Tag hat es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den Schloten des Fabrikringes hervorgestiegen.
Wie Sisyphus wälzte Apollon Apollonowitsch seit fünf Jahren das Rad des Riesenmechanismus unaufhörlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte; die machtvollen Muskeln zerrissen; immer häufiger blickte hinter den Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow, wohnhaft am Englischen Kai.
Wahrhaftig, er fühlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch — Rußland — gelöst hatte.
Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem rabenschwarzen Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf warf er sich täglich stöhnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens; zwei rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon.
Über die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kämpfte er mit den Wellen.
Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der großen Maschine ein: das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige in Rußland gibt.
Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verließ — wie man später erzählte — in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hülle des Brillantenordenträgers; manche befürchteten sogar, er wäre um seinen Verstand gekommen. In vierundzwanzig Stunden — nein, eigentlich in zwölf — zwischen Mitternacht und Mitternacht — ist Apollon Apollonowitsch Ableuchow die Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust.
Er ist in der Meinung vieler gefallen.
Später wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wäre die Ursache des Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein Sohn aus dem Ballsaal geflüchtet war, da wurde auch plötzlich der Fehler des Senators gedacht, angefangen von seinen Überzeugungen bis zu seiner mehr als kleinen Figur; und als am frühen Morgen die druckfeuchten Zeitungen erschienen waren und die Verkäufer mit dem Ruf: »Das Geheimnis des roten Dominos« durch die Straßen rannten, da war jeder Zweifel gewichen.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgültig aus der Liste der Kandidaten für den äußerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden.
Jene verhängnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch übrigens hier ihr Wortlaut: »Der Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, daß die in der letzten Zeit vielfach aufgetauchten Gerüchte von einem roten Domino, der sich in den Straßen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf die Spur des Mystifikators zu kommen: verdächtig ist der Sohn eines hohen Beamten, der einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei hat die nötigen Maßnahmen ergriffen.«
Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre achtzehnhundertsiebenunddreißig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen; im Jahre achtzehnhundertachtundfünfzig hatte er seine Ausbildung als Hörer der Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde er zum Professor für das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger Universität ernannt; seit achtzehnhundertfünfundachtzig war er Vizedirektor und seit achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr darauf war er durch einen Allerhöchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden Senats befördert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des Hohen Amtes.
Das ist sein Curriculum vitae.
Ende des sechsten Kapitels.
Siebentes Kapitel
Kohlensäureoblaten
Die grünliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der alte Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er stöhnte fortwährend in seiner Kammer, wälzte sich von einer Seite auf die andere; bald überfiel ihn ein Gähnen, bald mußte er sich jucken, dann wieder — verzeih uns, Herr, unsere Sünden! — kam das Niesen über ihn; und bei alledem noch die verschiedensten Gedanken und, was dergleichen mehr ist:
»Aus Hischpanien kam sie, unser Mütterchen, Anna Petrowna, aus Hischpanien . . .«
Und er erzählte sich selber:
»Ja—a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte . . . Eine unbekannte Dame, auf ausländische Art gekleidet . . . Sie aber sagt also zu mir . . .«
»Aaaa . . .«
»Sie aber sagt zu mir . . .«
»Herr, vergib uns unsere Sünden! . . .«
Wieder das verdammte Gähnen.
Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die kleinen Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brücke — pfüit! — weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob sich, seine große Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers.
Er flüsterte mit sich selber.
»Ich sag’ zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber — ja, also . . .«
»Nicht das geringste Interesse . . .«
»Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein — Herr, verzeih uns unsere Sünden! — so ein junger Hund; noch feucht hinter den Ohren . . .«
»Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . .«
So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und — steckte wieder den Kopf unter das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blaßrosa Wölkchen, im Sonnenschein reifend, liefen hoch über dem reif werdenden Glanz der Newa . . . Durchwärmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin und flüsterte trauernd:
»Es sind keine Herrschaften . . . es sind — einfach Chemiker . . .«
Ei, wie knackte auf einmal die Korridortür! Vielleicht Diebe!
Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben sie den Kaufmann Awdiew.
Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen.
Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch schlüpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene und kauendem Unterkiefer aus dem durchwärmten Bett; barfüßig patschte er in den von Geheimnissen erfüllten Raum: den dunkel gähnenden Korridor.
Und nun?
Der Riegel an der . . . Wasserklosettür knackte: Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, der gnädige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach zurückzukehren.
Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhängsel funkelten: halb acht; die kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, über das Halsband und langte dann mit der Schnauze, der tigerähnlichen, nach dem eigenen Rücken.
»Herrgott, Herrgott!«
»Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen! . . .«
Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom kristallblitzenden Himmel.
Mit ungelenken Bewegungen, über die himbeerfarbene Quastenschnur stolpernd, zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig abgeschabten, mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers sah sein unrasiertes Kinn hervor (das gestern übrigens noch glatt gewesen war), mit nadelscharfen, dichten, ganz weißen Stoppeln wie frisch in der Nacht gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhöhlenknochen, die — wie wir von uns sagen können — sich über Nacht bedeutend vertieft hatten, zeichneten sich dabei besonders scharf.
Mit geöffnetem Mund und entblößter, behaarter Brust saß er auf seinem Bett, zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen, stoßweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und beobachtete die Uhr.
Ihn schien ein unausgelöstes Aufstoßenbedürfnis zu quälen.
Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der ihm für immer zu entschlüpfen drohte, noch an — an Anna Petrowna; wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel kohlensaurer Oblaten sitzend, zu denken pflegt.
Das heißt — er dachte daran, daß das Aufstoßen, die unregelmäßigen Herzschläge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von Stichen und Kitzeln in den Handinnenflächen begleitet, bei ihm nicht vom Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei.
An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in der linken Schulter bemühte er sich jetzt nicht zu denken.
»Wissen Sie — das alles kommt einfach vom Magen!«
So hatte ihm eines Tages der achtzigjährige Kammerherr Ssaposchkow, der kürzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden klarzumachen gesucht.
»Die Gase, wissen Sie, drücken auf die Magenwände und verursachen ein Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoßen, die Herzschläge . . . Es kommt alles von der Gasentwicklung . . .«
Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu keuchen und mußte hinausgeführt werden; auf das dringende Zureden, einen Arzt zu Rate zu ziehen, erklärte er den Anwesenden:
»Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die Schläge . . .«
Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer übrigens.
»Ja, das sind die Gase« — und er begab sich . . . Es war gegen halb neun.
Das war der Lärm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat.
Bald daraus knallte eine Tür im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die Tür seines Schlafgemachs, öffnete diese und steckte sein schweißbedecktes Gesicht vor, um — auf ein ebensolches schweißbedecktes Gesicht zu stoßen.
»Sie sind’s?«
»Jawohl — ich, Exzellenz . . .«
»Was wollen Sie?«
»Ich habe nur so nachgesehen . . .«
»Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .?«
»Es muß überall nachgesehen werden . . .«
»?«
»Ein Laut . . .«
»Welcher Laut?«
»Es hat geklopft . . .«
»Ach, das da . . .«
Hier erfaßte Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und schüttelte bedenklich den Kopf.
»Es wird nichts weiter sein . . .«
Die Sache war, daß zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner großen Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertür des jungen Herrn war der hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links umgesehen und war wieder verschwunden.
Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an die Tür des alten gnädigen Herrn herangesprungen.
Da war er stehengeblieben, atmete, schüttelte den Kopf und drehte sich wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er blieb wieder eine Weile stehen, atmete und drückte seinen Kopf an die Türspalte, aus der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an die Türleibung gedrückt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn vornehmster Art! . . . nein, das war nichts für einen jungen Herrn, der nicht nur so einer war . . .
Hinter der Tür spähen? Nein, das ist kein würdiges Benehmen.
Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wäre — aber der eigene Vater, sein eigenes Fleisch und Blut; es wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn der Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespäht hätte; aber nein man fühlt schon, daß es hier nicht um die kindliche Sorge geht, daß es einfach nur so geschieht, aus müßiger Neugierde. Dafür gibt es nur ein Wort: ein Tunichtgut.
Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast französische Erziehung genossen.
Hier begann Ssemjonytsch »hm — hm« zu machen.
Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr!
»Meinen Gehrock bitte rasch abzubürsten«, warf er dem Alten geärgert zu.
Und fort war er von Vaters Tür in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger Tunichtgut.
»Zu Befehl!« brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zähne; bei sich dachte er aber:
»Die Mutter ist zurückgekehrt — und er in aller Herrgottsfrühe: ‚Putzen Sie meinen Gehrock ab.‘«
»Das ist kein schönes Benehmen, kein würdiges!«
»Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tür horchen . . .«
All das ging dem Alten durch den Kopf, während er, seine Unterhose festhaltend, bedenklich den Schädel schüttelte und leise vor sich hinbrummte:
»Aää? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . .«
»Was aber hat geklopft, wer?«
»Nichts Besonderes: der gnädige Herr braucht sich deswegen nicht zu beunruhigen . . .«
»?«
»Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . .«
»Ha?«
»Der junge Herr hat die Tür zugeschlagen: er ist heute früh ausgegangen.«
Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen, aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte sich der kurz vorher stattgehabten verunglückten Auseinandersetzung mit dem Sohn (es war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck des Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hängende Hautsäckchen. Der zurückgebliebene Eindruck war für Apollon Apollonowitsch peinlich genug, und er jagte ihn von sich.
Schüchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an.
»Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen . . .«
Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.
»Verändert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch mehr Falten im Gesicht . . . Könntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen . . .«
»Doch — nein, nein!«
Plötzlich zerfloß das Gesicht des achtundsechzigjährigen alten Herrn unnatürlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.
Und der Sechzigjährige war jetzt — ein Tausendjähriger; und mit künstlich erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die grauhaarige Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.
»A . . . m—m—ä . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m—m—mä . . . barfuß.«
Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.
»Entschuldigen, Erzell . . .«
»Das . . . m—m—mä . . . meine ich gar nicht«, strengte sich Apollon Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.
Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die Leere geheftetem Blick da; ganz flüchtig ließ er sich dann nieder und brach mit dem Unsinn los:
»?«
»Sie haben gelbe Fersen?«
Ssemjonytsch war beleidigt.
»Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzöpfigen Chinesen . . .«
»Hi — hi — hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?«
»Mit Verlaub — menschliche . . .«
»Nein — gelbe, gelbe . . .«
Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjährige, Zitternde, Kleine, stampfte mit dem Pantoffel auf den Boden auf.
»Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind’s die Hühneraugen, Exzellenz . . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und zu stechen, ja, Herr . . .«
Bei sich aber dachte er:
»Ach was — Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen . . . Hast wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen . . . Und die Gemahlin befindet sich in der nächsten Nähe, in erwartendem Zustand . . . Und der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der muß von den Fersen reden! . . . Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen . . . Auch eine — ‚Persönlichkeit‘! . . .«
Und er fühlte sich ganz und gar beleidigt.
Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade über ihn kam) in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Späßchen eine geradezu klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der Senator (der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Träger der Brillantenorden) den Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bösewicht; er war da für die anderen wie die Fliegen, die an gewitterschweren, schwülen Tagen einem zudringlich bald in die Augen, bald in die Nase, bald ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die man an gewitterschweren, schwülen Tagen, wenn graurötliche Wolken schwer und tief über den Linden hängen, zu Dutzenden auf den Händen, auf dem Schnurrbart umbringt.
»Das Fräulein aber — hi—hi—hi . . . Das Fräulein . . .«
»Was meint der gnädige Herr?«
»Das Fräulein hat . . .«
So ein Tunichtgut!
»Was hat das Fräulein?«
»Rosige Fersen . . .«
»Das kann ich nicht wissen . . .«
»Da geben Sie nur acht . . .«
»Spaßig sind Sie, gnädiger Herr . . .«
»Das kommt von den Strümpfchen, wenn das Füßchen vom — Schweiß . . .«
Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow — der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes — mit den Pantoffeln schlürfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und — knacks: die Tür abgesperrt.
Drinnen hinter der Tür ließ er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still, weich.
Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie sich sein Rücken krümmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wäre eine hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkürlich nach der hüpfenden, schmerzenden Seite.
Ja—a! . . .
Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn, der Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine schreckliche Lage, wissen Sie . . .
Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplündert: ein schuftiger Hohlkopf, mit einem Schnurrbart wie bei einer Küchenschabe . . . Nun ist sie zurückgekehrt . . .
Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .
Aufruhr, Rußlands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat! Irgendein Abiturient mit Schnurrbärtchen erlaubt sich, in ein altadeliges, geachtetes Haus . . .
Dann aber — die Gase, die Gase! . . .
Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .
Die Feder verliert ihre Elastizität, wenn sie zu stark gespannt ist; es gibt eine Grenze für die Elastizität; für den menschlichen Willen gibt es auch eine Grenze; auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdünnt sich das menschliche Hirn. Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen sprüht helleuchtende Funken; und du modellierst aus den frostigen Schneesternchen eine funkelnde menschliche Gestalt.
Raunend und flüsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird unterwässert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfällt.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er hatte gefroren und seine Kräfte gestählt; in der frostigen Petersburger Nacht schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese selbstleuchtende, funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am mächtigsten geragt, als der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund vernichtete; dieser Wind, der jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des Sturmes noch immer auf der Höhe gehalten; ja, auch nachher.
Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch Ableuchow — selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine Grenze gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.
Über Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, über Nacht fiel er zusammen und ließ seinen großen Kopf hängen; auch er, der federnd Elastische, knickte zusammen. Früher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem faltenlosen Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote Flämmchen gezuckt, die . . . ganz Rußland . . . in Flammen . . . versetzen konnten . . .
Eine einzige Nacht lag dazwischen.
Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des brennenden Rußlands — ein an Hämorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert, schwitzend — der konnte natürlich nicht den Lauf unseres ins Wanken geratenen Staatsrades (über die holprigen, schlecht befahrbaren Wege) leiten! . . .
Fortuna hat ihn verlassen.
Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner Krieger im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen Anna Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein nirgends Glück hatte — sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna Petrowna (im schwarzen gestopften Kleid mit schwarzem Täschchen in der Hand); sicher endlich war es auch nicht der rote Lappen auf der Straße, die den Träger der brillantenen Orden in einen mürben Schneehaufen verwandelt haben.
Nein — die Zeit war es.
Haben Sie schon einmal berühmte, aber bereits in Kindheit verfallene Männer gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten — weißlockige (öfters noch kahlköpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte Führer?
Ich habe solche gesehen.
In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer blendend weißen Stärke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften Schultern; rückengekrümmte Greise mit herunterhängenden Kiefern, falschen Zähnen
— ich sah sie —
wie sie, noch gewohnheitsmäßig sich auf der Tribüne aufraffend, in alter Weise die Herzen zu erobern versuchten und eroberten.
Und ich sah sie dann zu Hause.
Mit schwachsinniger Geschäftigkeit flüsterten sie mir kranke, schlechte Witze ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit schmatzendem Mund auf das Bücherfach mit den in Schweinsleder gebundenen »gesammelten Werken«, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst mich und sich selbst bewirtet hatten.
Trauer überkommt mich!
Um zehn Uhr hat es an der Haustür geläutet; es war nicht Ssemjonytsch, der aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch, saß dort, ließ einen Zettel zurück.