Ich weiß, was ich tue

Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.

Ins Speisezimmer pflegte er — wie wir wissen — immer kalt, streng, frisch rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert, unparfümiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlürfend, zum Frühstück erschienen.

Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.

Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengruß der Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an dem Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:

»He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .«

Die Hand bröselte und knetete das französische Frühstücksbrötchen, während der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden der Tasse starrte.

Um halb zwölf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas, fuhr unruhig-geschäftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten hin und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit perlenden Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der zurückgeschlagene Vorderschoß des Morgenrockes seine nur halb zugeknöpfte Unterhose sehen ließ.

Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, daß der Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.

Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter über die weichen Samtteppiche rollte, von Bücherschrank zu Bücherschrank, wie er ächzend, stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr für sein hohes Leben die Sprossen hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bücher auf Staub zu untersuchen; den Diener erblickend, kaute er ein wenig verächtlich mit dem leeren Mund, ohne auf die Mitteilung über den unten wartenden Wagen etwas zu erwidern.

Mit der Hand über die Rückeneinbände klopfend, verlangte er nach einem Staubtuch.

Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtücher; auf seinen Wunsch wurden ihm diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich — rechts und links — neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm mit der Kerze nach oben.

»Höher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber höher doch . . . noch etwas höher . . .«

Über den hohen Gebäuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen rauchige, bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knäuel aus Filz in der Luft; der Wind schlug gegen die Fenster; im grünlich-düsteren Zimmer herrschte Halbdämmerung; draußen heulte der Wind; und immer höher, höher streckten sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Schöße des mausgrauen Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.

»Exzell . . .«

»Ist es eine Arbeit für Sie, Exzellenz . . .«

»Wozu mühen Sie sich nur selbst ab? . . .«

»Erlauben, Exzell . . . So was Unerhörtes . . .«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hören. Ach wo: alles in der Welt vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrücken, klopfte mit den Deckeln an die Leiter, bis er schließlich heftig zu niesen begann:

»Staub, Staub, Staub . . .«

»So was . . . So was . . .«

»Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!«

»So, sehr schön . . .«

Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, über den Staub her.

Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt läutete; aber auf das unruhige Geläute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:

»Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird ausgerichtet werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .«

Auch auf das dritte, diesmal wütende Klingeln, wurde geantwortet:

»Noch nicht . . .«

»In seinem Arbeitszimmer . . .«

»Ist mit Ordnen der Bibliothek beschäftigt . . .«

»Der Wagen?«

»Der Wagen wartet . . .«

Die Pferde wurden endlich in den Stall zurückgebracht; der Kutscher spuckte aus: schimpfen traute er sich nicht.


»Sauber wisch’ ich euch!«

»Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!«

»Abschi! . . .«

Und die zitternden, gelben Hände schlugen auf die dicken Bände.


Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Räume der lackierten Zimmer — als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat ungebeten ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg über die Sprossen der Leiter nach oben.

Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.

»Hören Sie?«

Wer es sein konnte?

Es konnte — Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und Lügner; es konnte ein — Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren kam; oder ein Kotosch — Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann übrigens — mm — mmä — auch Anna Petrowna sein . . .

Es schepperte.

»Hören Sie denn nicht?«

»Gewiß, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .«

Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer gestanden und hatten geleuchtet.

Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas bedrückt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen Kleiderchiffonniere:

»Nordost: schwarze und weiße Krawatten . . . Kragen und Manschetten — im Osten . . . Uhren — im Norden« — nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd, horchte auf, wurde unruhig, schärfte das Ohr und trippelte gegen das Arbeitszimmer des Herrn.

»Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat geläutet.«

Die Diener antworteten nicht.

Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der Staubwolke hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:

»Ja, auch ich hab’ es gehört.«

Apollon Apollonowitsch riß sich von einem dicken Band los:

»Ja, ja, ja . . .«

»Es läutet . . . Hören Sie, es läutet . . .«

Beide verspürten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches Etwas, denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .

»Es ist die gnädige Frau . . .«

»Es ist Anna Petrowna!«

Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!

Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im grünlichen Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen; nach Luft schnappend, ächzend, die haarige Brust, die Schulter und das borstige Kinn gegen die Sprossen gedrückt, stieg er die Leiter hinunter und begann plötzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibül zu rennen, den Staublappen in der Hand, die Schöße des Morgenrockes wie phantastische Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und tastete kurz atmend mit dem Finger nach dem Puls.


Ein Herr mit wallendem Backenbart in tadellos zugeknöpftem Amtsrock, mit blendend weißen Manschetten und dem Annastern an der Brust, kam ehrfurchtsvoll, vom Diener angeführt, die Treppe herauf; auf dem Silbertablettchen in den zitternden Händen des alten Ssemjonytsch lag eine Visitenkarte, die eine Adelskrone aufwies.

Hinter der steinernen Niobe stand Apollon Apollonowitsch, schlug mit geschäftiger Miene die Schöße seines Morgenrockes übereinander und sah dem würdigen Gast mit dem gut gepflegten Bart entgegen.

Wahrhaftig er sah wie eine Maus aus.

Du wirst wie geistesgestört sein

Petersburg — das ist ein Traum.

Wenn du einmal im Traum Petersburg besucht hast, dann kennst du zweifellos dieses mächtige Vestibül: die eichenen Türen sind schwer, und die Spiegelscheiben blitzen; die Vorübergehenden sehen nur die Spiegelscheiben; nie waren sie hinter ihnen.

Hinter der Spiegelscheibe blitzt immer der kupferschwere Kopf des Schweizerstabes.

Die gebogene achtzigjährige Schulter hinter der Scheibe: von ihr träumt der zufällige Passant lange, von ihm, dem alles nur ein Traum ist und der selber ein Traum ist; auf die gebogene Schulter des greisen Schweizers fällt schwer der dunkle Dreimaster; seine Silbertressen blinken und erinnern an Angestellte der Bestattungsbureaus, wenn sie ihres Amtes walten.

Unverändert bleibt es.

Der schwere Kupferkopf ruht friedlich auf der achtzigjährigen Schulter eines Schweizers; und jahraus, jahrein der mit einem Dreimaster gekrönte Schweizer über dem »Börsenkurier«. Dann erhebt er sich wohl einmal und öffnet die Tür. Am Tage, am Morgen, gegen Abend, wann du an der Eichentür vorbeigehst, am Tage, am Morgen oder gegen Abend — immer erblickst du den kupfernen Stabkopf; immer erblickst du die Silbertressen; immer erblickst du den dunklen Dreimaster.

Verwundert bleibst du vor dieser Vision stehen. Dasselbe hattest du bei deinem vorigen Hiersein gesehen. Fünf Jahre waren vorübergegangen: dumpfe Wellen von Ereignissen waren dahingerollt; China war erwacht; Port Arthur war gefallen; die Gelben hatten unser Amurgebiet überschwemmt; es sind die alten Märchen von den eisernen Reitern des Dschingis-Khan wieder lebendig geworden.

Aber die Visionen der alten Zeiten bleiben unverändert; eine achtzigjährige Schulter, ein Dreimaster, eine Silbertresse, ein Bart.

In dem Augenblick, in dem sich der weiße Bart hinter der Spiegelscheibe bewegen, der schwere Kupferkopf des Schweizerstabes hinter der Tür blitzen und silbrig wie das Rinnenwasser, das dem Kellerbewohner Cholera und Typhus bringt, die weißen Tressen schimmern — und wo dennoch von den alten Zeiten nichts mehr sein wird, — in diesem Augenblick wirst du wie ein Geistesgestörter durch die Petersburger Prospekte rennen.

Wenn dort hinter der blinkenden Glastür der schwere Kupferstab seinen Platz verlassen hätte, dann würde sicher, sicher hier weniger von Typhus und Cholera zu merken sein; China würde nicht so voll Unruhe gären; Port Arthur wäre nicht gefallen; unser Amurgebiet wäre nicht von Zöpfen überflutet und die Reiter des Dschingis-Khan nicht aus ihren vielhundertjährigen Gräbern auferstanden.

Aber höre nur, horch: ein Stampfen von Schritten . . . Aus den Uralsteppen kommt es. Es kommt immer näher, das Stampfen.

Das sind — die eisernen Reiter.


Was für ein Tag!

Schon am frühen Morgen hatten die Tröpfchen zu flüstern, zu klatschen, zu klappern begonnen; von der Meeresküste her türmten sich die nebligen Filzflecken; paarweise erschienen die Schreiber; der Schweizer mit dem Dreimaster machte ihnen auf; sie hängten ihre Hüte wie ihre feuchten Überkleider an die Haken, liefen die mit rotem Tuch belegten Stufen hinauf, liefen durch das weißmarmorne Vestibül, hoben die Augen zu dem Porträt des Ministers und gingen in ihre ungeheizten Säle — an ihre kalten Arbeitstische. Aber die Schreiber schrieben nicht: sie hatten nichts zu schreiben; aus dem Direktorzimmer kamen keine Papiere; das Direktorzimmer war leer; wohl brannten im Kamin lohend Holzscheite. Aber über dem massiven Eichentisch neigte sich nicht der kahle Kopf mit den geschwollenen Adern an den Schläfen, die tiefsitzenden Augen wandten sich nicht gegen den Kamin, wo in lustiger Kornblumenschar giftige Rauchwölkchen emporringelten. Das Direktorzimmer war leer.

An diesem Tag war Apollon Apollonowitsch nicht in sein Arbeitszimmer geschritten.

Das Warten wurde bereits langweilig; ein bescheidenes, fragendes Flüstern ging von Tisch zu Tisch; Gerüchte schoben sich von einem zum anderen; Gespenster huschten durch die Luft; im Zimmer des Vizedirektors knatterte die Telephonglocke.

»Noch nicht herausgekommen? . . . Unmöglich! . . . Sagen Sie, wird dringend erwartet . . . nicht möglich . . .«

Zum zweiten Male knattert das Telephon:

»Haben Sie ausgerichtet? . . . Noch immer beim Frühstück? . . . Sagen Sie, Exzellenz wird dringendst verlangt . . .«

Der Vizedirektor stand mit bebendem Unterkiefer vor dem Telephon; er machte mit den Armen Gesten des vollständigen Unbegreifens; er wartete eine, anderthalb Stunden; dann setzte er seinen überhohen Zylinder auf und stieg die teppichbelegte Treppe hinunter. Die Haustür flog auf vor ihm; er bestieg einen Wagen . . .

Zwanzig Minuten später betrat er das Vestibül des gelben Hauses und erblickte mit Erstaunen seinen Vorgesetzten, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, im Morgenrock von widerwärtiger, mausgrauer Farbe, mit unruhig auf ihn gerichteten: Blick hinter der Statue der Niobe stehen.

»Apollon Apollonowitsch!« rief der grauhaarige Ritter des Annaordens und richtete hierbei eilig seinen Halsorden unter der Krawatte zurecht. Er erblickte hinter der Niobe das unrasierte, mit Haarstoppeln bedeckte Kinn.

»Apollon Apollonowitsch, da sind Sie? Und ich, wir warteten und warteten; telephonierten immer wieder.«

»Ich . . . mm—mmä . . . ordnete meine Bibliothek . . . Verzeihen Sie, Väterchen, daß ich Sie . . . so . . . empfange.«

Er zeigte mit den Händen auf seinen Morgenrock.

»Was haben Sie, krank? A—a—a: Sie scheinen etwas aufgedunsen. Das ist sicherlich die Wassersucht?« — und er berührte ehrfurchtsvoll den mit Staub bedeckten Finger des Vorgesetzten.

Apollon Apollonowitsch ließ den Staublappen auf das Parkett niedergleiten.

»Daß Sie gerade jetzt krank wurden! . . . Ich komme mit Neuigkeiten . . . Ich muß Ihnen zu — einem Generalstreik in Merowetrinsk gratulieren . . .«

»Woher nehmen Sie? . . . Ich . . . mm—mmä . . . bin gesund . . .« Das Gesicht des Alten verzog sich in Falten. (Die Nachricht vom Generalstreik nahm er gleichgültig auf; er schien sich nicht mehr über etwas wundern zu können.) — »Bitte nur einzutreten; so viel Staub, wissen Sie . . .«

»Staub?«

»Da hab’ ich mit dem Lappen . . .«

Der Vizedirektor mit dem wallenden Backenbart verneigte sich ehrfurchtsvoll vor der gekrümmten Ruine und bemühte sich immerfort, auf das wichtige Papier zu kommen, das er im Salon auf ein Perlmuttertischchen vor sich hinlegte.

Doch Apollon Apollonowitsch unterbrach ihn wieder:

»Staub, wissen Sie, der enthält Mikroorganismen, die verschiedene Krankheiten hervorrufen. Ich habe ihn deswegen mit dem Staublappen . . .«

Plötzlich sprang die graue Ruine aus dem Empiresessel auf und stieß, sich mit der einen Hand auf die Lehne stützend, mit der anderen gegen das Papier.

»Was ist das?«

»Wie ich Ihnen, Exzellenz, soeben mitteilte . . .«

»Nein, gestatten Sie . . .« Apollon Apollonowitsch bückte sich rasch über das Papier: er wurde auf einmal jünger, sein Gesicht wurde weiß und rosig (rot konnte es nicht mehr werden).

»Warten Sie! . . . Aber sie sind dort alle verrückt geworden! . . . Man braucht meine Unterschrift? Neben dieser Unterschrift?!«

»Apollon Apollonowitsch! . . .«

»Ich gebe meine Unterschrift nicht.«

»Aber es ist eine Revolte!«

»Setzen Sie Iwantschenko ab . . .«

»Iwantschenko ist schon abgesetzt: haben Sie es vergessen?«

»Ich gebe meine Unterschrift nicht . . .«

Mit verjüngtem Gesicht latschte er in seinen Pantoffeln auf und ab durch den Salon, die Hände auf dem Rücken, mit unanständig geöffnetem Morgenrock, die Glatze tief nach vorn gebeugt; er näherte sich dem erstaunten Gast und begann auf ihn mit Speichel zu spritzen:

»Wie konnten die dort sich das nur denken? Etwas anderes ist eine — feste administrative Gewalt, und wieder etwas anderes ist eine direkte Verletzung der gesetzlichen Regeln . . .«

»Apollon Apollonowitsch« — versuchte der Beamte den Alten zur Vernunft zu bringen, »Sie sind ein Mann von festem Willen, Sie sind ein Russe . . . Wir hofften . . . Nein, Sie werden doch sicherlich unterschreiben.«

Apollon Apollonowitsch drehte einen Bleistift zwischen zwei knöchernen Fingern; er blieb stehen, sah mit scharfem Blick in das Papier hinein und: knisternd brach der Bleistift in zwei Stücke; erregt band er darauf die Gürtelschnur seines Morgenrockes fest, seine Kinnladen zitterten vor Zorn.

»Ich gehöre, Väterchen, zur Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Das Huhn geht nicht zu den Eiern in die Lehre . . .«

»Mmä—mä . . . Ich — gebe — meine — Unterschrift — nicht . . .«

Schweigen.

»Mmä—mm—mä . . . Mä—ä—mmä . . .«

Und er blies seine Wangen auf . . .

Der Herr mit dem wallenden Backenbart stieg mit bedenklicher Miene die Treppe hinunter; es war ihm klar: die Karriere des Senators Ableuchow, an der er lange Jahre gebaut hatte, ist nun zu Staub geworden. Nachdem der Vizedirektor gegangen war, schritt Apollon Apollonowitsch lange zornig auf und ab, im Salon zwischen den Empirestühlen. Dann verließ er den Raum und erschien gleich wieder mit einer riesigen Mappe unterm Arm, die er auf das Perlmuttertischchen legte. Dann läutete er und befahl dem Diener, ein Feuer im Kamin zu machen.

Ein toter Kopf blickte über die Notabene, die Fragezeichen, Gedankenstriche, Paragraphen, über die nun letzte Arbeit, zum Kaminfeuer hinüber; die Lippen murmelten:

»Macht nichts . . . So—so . . .«

Mit boshaftem Lächeln und zusammengekniffenen Augen dachte der kahle Senatorenkopf an den vollendeten Karrieristen, der soeben das Haus verlassen hatte, der es gewagt hatte, ihm, Ableuchow, den Vorschlag zu machen, sein bisher reines Gewissen durch eine Konzession zu beflecken und der jetzt sicherlich sprühend vor Wut durch die schmutzigen Straßen raste . . .

»Ich bin, meine Herrschaften, einer aus der Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Ja, ja, meine Herrschaften . . .«

Der scharf gespitzte Bleistift hüpfte zwischen den Fingern; der scharf gespitzte Bleistift fiel als kleine Splitter auf das Papier nieder; das ist ja seine letzte Arbeit; in einer Stunde wird diese Arbeit gemacht sein; in einer Stunde wird er sich mit dem Hohen Amt telephonisch verbinden lassen und ihm die mit dem Geiste kaum zu fassende Nachricht überbringen.


Der Wagen raste an die Karyatide des Portals heran; die Karyatide rührte sich nicht; er rührte sich nicht, der bärtige Alte, der das Portal des Hohen Amtes stützte.

Das Jahr achtzehnhundertundzwölf hatte ihn aus den Wäldern befreit; achtzehnhundertfünfundzwanzig stürmten die Dezembertage an ihm vorbei. Vorüber sind diese Stürme! Vorüber sind auch die jüngsten Stürme von neunzehnhundertundfünf!

Mann mit dem steinernen Bart!

Alles hatte er gesehen, was um ihn geschah, und was zu geschehen aufgehört hatte. Doch wird er niemals davon erzählen.

Er erinnert sich der zwei Vollblutrosse, die der Kutscher mit festem Zug an der Leine vor dem Portal anhielt; von den schweren Gruppen stieg der Dampf in Wolken auf; ein General mit Dreimaster auf dem Kopfe, in einem Mantel mit Biberkragen, sprang graziös aus dem Wagen und lief unter lauten »Hurras« zur Glastür, die sich ihm öffnete.

Dasselbe »Hurra« klang ihm entgegen, als der General später auf den Balkon hinaustrat. Der bärtige Mann unter dem Balkon kennt diesen Namen noch heute. Aber er nennt ihn niemandem.

Er wird niemandem von der Dirne erzählen, die heute nacht unten auf den Stufen des Portals gekauert und geweint hatte.

Er wird niemandem von dem Minister erzählen, der, bis vor kurzem, hier täglich zu erscheinen pflegte: er trug einen Zylinder auf dem Kopf; in seinen Augen lag eine grünliche Tiefe; wenn er aus dem leichten Schlitten heraustrat, glättete er seinen gepflegten graumelierten Bart mit der grau behandschuhten Hand.

Er ging mit hastigen Schritten durch die Glastür, um dann in Nachdenklichkeit versunken an den Fenstern stehenzubleiben.

Dort, an jenem Fenster, sah man das blasse, blasse Gesicht an die Scheibe gedrückt; der zufällige Passant würde in dem blassen Fleck an der Scheibe wohl kaum das Gesicht des Mannes vermutet haben, der von da aus die Schicksale Rußlands lenkte.

Der bärtige Alte kannte ihn; und er erinnert sich seiner, niemals und nie wird er von ihm erzählen! . . .

Und — Ruhe seiner Asche . . .

Auch der Schweizer mit dem Stab, der über dem »Börsenkurier« schlummerte, auch er kannte das leiddurchzogene Gesicht gut. Wetscheslaw Konstantinowitsch hat, Gott sei Dank, noch niemand im Hohen Amt vergessen; aber an, seligen Angedenkens, Kaiser Nikolaus Pawlowitsch erinnert sich keiner mehr: man erinnert sich nur der weißen Säle, der Säulen, der Balustraden.

Der bärtige Alte aber, er erinnert sich seiner.

Aus der Unzeit her, wie über der Linie der Zeit schweben, steht er gebeugt da: über der pfeilgeraden Straße oder — über der bitteren, salzigen, fremden menschlichen Träne?


Der kahle Kopf hebt sich empor, der mephistophelische, greisenhaft welke Mund lächelt; rötliche Flämmchen zucken durch das Gesicht; Flämmchen blinken in den Augen, aber es sind steinerne Augen; blau in grünlichen Höhlen; kalte, erstaunte Blicke, und — kalt, kalt. Gespenstisch entflammen Zeit, Sonne, Licht. Das ganze Leben nichts als — ein Gespenst. Lohnt es sich? Nein, es lohnt sich nicht:

»Ich bin, meine Herrschaften, aus der Schule Plehwe . . . Ich, meine Herrschaften . . . Ich—mmä—mmä«

Der kahle Kopf senkt sich.


Im Hohen Amt hüpfte ein Flüstern von Tisch zu Tisch; plötzlich ging die Tür auf; ein Beamter mit kalkweißem Gesicht sprang ans Telephon:

»Apollon Apollonowitsch hat seinen Abschied genommen . . .«

Alle sprangen von den Plätzen auf; der Beamte Legonin begann zu weinen; es entstand ein blödes Stimmengewirr, ein Fußtrampeln; aus dem Zimmer des Vizedirektors drang eine feste Stimme und das Knattern der Telephonglocke (zum Departement neun); der Vizedirektor stand mit bebendem Kinn da; in seiner Hand tanzte das Telephonrohr hin und her. Apollon Apollonowitsch Ableuchow war bereits nicht mehr das Haupt des Amtes.

Eine Viertelstunde später erteilte der grauhaarige Vizedirektor, in hoch zugeknöpftem Amtsrock und mit dem Annaorden auf der Brust, seine Befehle; zwanzig Minuten später schritt er mit frisch rasiertem, verjüngtem Gesicht durch die weiten Säle.

Das war der Verlauf eines Ereignisses von unbeschreiblicher Wichtigkeit.

Das Reptil

Die schäumenden Wasser des Kanals wälzten sich gegen die Stelle, an der der Wind, aus der öden Ferne des Marsfeldes kommend, stöhnte: ein schrecklicher Ort!

Am Rande dieses schrecklichen Ortes prangt ein herrlicher Palast; sein nach oben ragender Turm gibt ihm das Aussehen eines wunderschönen Schlosses: rosarot, steinschwer; ein Gekrönter lebte in diesen Mauern; schon lange ist es her: der Gekrönte weilt längst nicht mehr unter den Lebenden.

Seiner Seele, o Herr, sei in deinem Reiche gnädig!

Der rosenrote Palast hob sich mit seinen nach oben ragenden Dächern von den vollständig blätterlosen, knorrigen Ästen der Umgebung ab; in wirrem Durcheinander streckten sich die Zweige gegen den Himmel und fingen die weißgrauen Nebelbausche auf; ächzend flog, pfeilgerade, eine Krähe auf; sie flog auf, schwebte eine Weile in den Nebelflocken und stürzte sich wieder hernieder zur Erde.

Ein Droschkenwagen durchkreuzte diesen Ort.

Ihm entgegen liefen zwei kleine, rötliche Häuschen, die, ein Einfahrtstor bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stämme neigten sich, wie zum Überfall; die dünne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.

Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches Werk! Wie schade, daß ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei meinem jüngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.

Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem großen Urgroßvater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das Schloß hier bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine unglücklichen Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden konnte nicht lange währen; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen Wallungen wurde seine Seele zu Tode gezerrt; in Stücke zerrissen, entfloh die kindliche Seele ihrem Körper.

Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken aus diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft mochte hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht haben, in das rosige Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des Mondlichts im dunklen Blättergewirr der Sträucher . . . Vor dem Tor stand die Schildwache mit breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und salutierte mit dem Gewehr, wenn die Majestät mit goldbestickter Brust und dem Andrejewschen Band über der Schulter aus der Tür trat, um seinen aquarellbemalten Wagen zu besteigen, auf dessen hohem Bock ein flammenroter Kutscher saß, während auf den Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.

Alles mit flüchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das sentimentale Gespräch mit dem in duftige Gazeschleier gehüllten Hoffräulein fort; das Hoffräulein lächelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische Grübchen, und — ein schwarzes Schönheitspflästerchen . . .

In jener verhängnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett und vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen, funkensprühenden Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit Tusche leicht hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr; irgendwo tönten Schritte . . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und zerwühlt war das Bett; an der Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben hatte, sah man nur eine Vertiefung im Kissen; das Bettleinen war noch warm; der Schlafende war verschwunden; ein Häufchen weißgepuderter Offiziere mit blanken Säbeln stand über das Lager gebeugt; jemand suchte eine Seitentür von außen zu sprengen; man hörte eine weinende Frauenstimme; plötzlich hob ein Offizier mit rosigen Lippen den schweren Fenstervorhang; in dem durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah man — einen schwarzen, hageren, zitternden Schatten.

Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu streuen, auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett; es vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . . Irgendwo schlug eine Turmuhr; Schritte tönten in der Ferne.


Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen düsteren Platz und merkte nicht, daß das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants sich ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein Opfer streifte, schien von Neugierde erfüllt; Lichutin rückte fortwährend auf seinem Platze hin und her; stieß seinen Nachbar in die Seite; allmählich erriet Nikolai Apollonowitsch, daß der Leutnant es nicht über sich bringen konnte, ihn zu berühren — wenn auch nur mit dem Ellbogen, und er rückte immer weiter fort und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.

In diesem Augenblick riß ein Windstoß Ableuchow den italienischen Hut vom Kopf und er war genötigt, ihn mit unwillkürlichen Bewegungen von den Knien seines Nachbars aufzufangen; er berührte dabei Lichutins kalte Finger und diese Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berührung von etwas Widerlichem zurück; der spitze Ellbogen machte eine rückwärtige Bewegung; als hätte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten Bekannten, ja seines Spielkameraden, berührt, sondern . . . ein Reptil . . . das man am liebsten . . . mit dem Fuß zerdrücken möchte . . .

Diese Bewegung war Ableuchow nicht entgangen; er sah seinerseits jetzt mit prüfendem Blick den Freund seiner Kindheit an, mit dem er einst auf du gewesen war; dieser Sserjosha, nämlich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hatte sich seit ihrem letzten Zusammensein mindestens um acht Jahre verjüngt und hatte sich wieder in Sserjosha verwandelt; aber dieser Sserjosha horchte jetzt nicht mehr voll Spannung den gedanklichen Flügen Ableuchows, wie damals, vor — acht Jahren, als sie in den Holunderbüschen des alten großväterlichen Parks sich verborgen hielten; acht Jahre sind vergangen; diese acht Jahre haben alles verändert; die Holunderbüsche sind abgetragen worden und er . . . mit heimlicher Unterwürfigkeit sah er Ssergeij Ssergeijewitsch an.

Ableuchows Gesicht magerte plötzlich ab.

»Sie quittieren Ihren Dienst, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

»Ha?«

». . . Ihren Dienst? . . .«

»Ja, wie Sie sehen . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch maß Ableuchow mit einem Blick, als sähe er ihn zum erstenmal; er sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.

»Ich würde Ihnen raten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den Mantelkragen hochzuheben: Ihr Hals ist erkältet und bei diesem Wetter . . . da ist es wirklich sehr leicht möglich . . .«

»Was meinen Sie?«

»Sie können sich leicht eine Halsentzündung zuziehen.«

»Ihrer Sache wegen« — brachte mit dumpfem Brummen Lichutin hervor.

— ?

»Es hat mit dem Hals nichts zu tun . . . Ich habe Ihrer Sache wegen den Dienst quittiert, das heißt, nicht einmal Ihrer Sache wegen, sondern Ihretwegen.«

»Aha, eine Anspielung!« wäre beinahe laut aus Ableuchow herausgekommen; aber er fing wieder einen Blick auf: so sieht man nicht die an, die man kennt; so sieht man höchstens ein überseeisches Wunder im Panoptikum an.

So sehen Passanten einen Elefanten an, den man zuweilen in vorgerückter Abendstunde auf dem Wege vom Bahnhof zum Zirkus antrifft. Sie heben die Augen, machen einen Ruck nach rückwärts und glauben ihren eigenen Augen nicht, zu Hause erzählen sie:

»Denkt euch, wir haben auf der Straße einen Elefanten gesehen.«

Aber alle lachen über sie.

Eine solche Neugierde sprach aus Lichutins Blicken; es war keine Empörung in ihnen, höchstens ein gewisser Ekel (wie von der Nähe einer Ringelnatter); kriechende Reptile rufen keine Empörung hervor, man möchte nur . . . sie mit dem Fuße . . . zertreten.

Nikolai Apollonowitsch dachte über Lichutins Worte nach: er quittiere seinetwegen den Dienst; ja, Leutnant Lichutin verliert die Möglichkeit, Offizier zu sein, nach dem, was bald zwischen ihnen geschehen sein wird; in der Wohnung wird wohl niemand sein; es wird da etwas geschehen, etwas . . . Hier wurde Ableuchow von ernster Angst gepackt; er rückte unruhig auf seinem Platze und — und plötzlich bohrten sich alle seine zehn Finger in den Arm des Offiziers.

»Ha! . . . Was meinen Sie . . . Warum wollen Sie? . . .«

Ein rosafarbiges Häuschen, von oben bis unten mit Stuck verziert, eilte an ihnen vorbei: dieses Rokokohäuschen war vielleicht einst die Wohnstätte des Hoffräuleins gewesen, des Hoffräuleins mit den schelmischen Grübchen in den Wangen und dem schwarzen Schönheitspflästerchen.

»Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich muß gestehen . . . Ach, ich bedaure so sehr . . . Mein Benehmen war sehr, sehr bedauerlich . . . Ich habe mich benommen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . schmachvoll, betrübend . . . Aber ich habe — eine Rechtfertigung; ja, ich habe, habe eine Rechtfertigung. Als ein gebildeter humaner Mensch, als lichte Erscheinung, dürften Sie, Ssergeij Ssergeijewitsch, das begreifen können . . . Ich habe diese Nacht nicht geschlafen, ich will sagen: ich leide an Schlaflosigkeit . . . Die Ärzte fanden« (er erniedrigte sich nun zu einer Lüge) ». . . Ich meine, mein Zustand wird als sehr ernst betrachtet. Gehirnübermüdung mit Pseudohalluzinationen« (ihm fielen plötzlich Dudkins Worte ein) ». . . Was meinen Sie dazu?«

Ssergeij Ssergeijewitsch sagte nichts: ohne jede Empörung sah er ihn an; in seinem Blicke war nur Ekel (wie in der Nähe einer Ringelnatter); Reptile lösen ja keinen Zorn aus: sie . . . zertritt man nur mit dem Fuß . . .

»Pseudohalluzinationen . . .« wiederholte flehend Ableuchow, erschreckt, klein, ungelenk, und verkroch sich mit den Augen in die des anderen (diese Augen aber antworteten nicht); er wollte schon hier die Auseinandersetzung beenden, hier, in der Droschke und nicht dort in der Wohnung; das verhängnisvolle Hausportal ist schon so, so nahe; ist die Auseinandersetzung bis zur Erreichung des Portals nicht beendet — dann ist alles aus, alles, alles! A—us! Ein Mord geschieht, eine tätliche Beleidigung, oder es kommt zu einer einfachen Schlägerei.

»Ich . . . ich . . . ich . . .«

»Steigen Sie aus, wir sind schon da . . .«

Mit bleiernen, unbeweglichen Blicken sah Nikolai Apollonowitsch um sich, sah in die bläulichen Nebelflocken, sah auf die mit einem Glucksen niederfallenden Tropfen, auf die metallischen Blasen der Pfützen.

Leutnant Lichutin sprang aus der Droschke, warf dem Kutscher das Fahrgeld zu und blieb auf dem Trottoir in Erwartung des Senatorsöhnchens stehen, der, schwerfällig zaudernd, noch nicht ausgestiegen war.

»Warten Sie bitte, Ssergeij Ssergeijewitsch, ich hatte ja einen Stock . . . Wo ist er nur? Ach, sollte ich ihn . . . verloren haben?«

Er suchte wirklich nach seinem Stock; aber der Stock war rettungslos verschwunden; ganz blaß und beunruhigt drehte Nikolai Apollonowitsch die Augen nach allen Seiten.

»Nun, was ist?«

»Aber mein Stock . . .«

Ableuchows Kopf sank tief auf die Schultern; die Schultern wiegten sich auf und ab; der Mund zog sich auf eine Seite aus; mit bleiernem, unbeweglichem Blick sah Nikolai Apollonowitsch vor sich hin, in die bläulichen Nebelflocken, und rührte sich nicht vom Fleck.

Da begann Lichutin zornig und ungeduldig zu atmen; er faßte Ableuchow delikat, aber fest am Ärmel, und hob ihn vorsichtig wie einen Warenballen aus der Droschke.

Nikolai Apollonowitsch krallte sich mit allen zehn Fingern in Lichutins Arm: jetzt müssen sie über die dunkle Stiege gehen: wie, wenn die Hand des Offiziers eine unanständige Geste machen wird, der er im Dunkeln nicht ausweichen kann; die Handlung wird geschehen sein und dann — ist es — aus; das Geschlecht der Ableuchow ist für immer geschändet (sie wurden noch nie geschlagen).

Leutnant Lichutin (dieser Wüterich!) hat ihn so schon mit der freigebliebenen Hand am Saum des italienischen Überwurfs gepackt; Nikolai Apollonowitsch wurde ganz weiß.

»Ich gehe schon, ich gehe, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«

Er stemmte sich unwillkürlich mit dem Schuhabsatz gegen den Rand der ersten Treppenstufe, aber er überlegte es sich sofort, um nicht lächerlich zu erscheinen.

Die Haustür schloß sich hinter ihnen.