Das Schwanenlied

Der Busch kochte . . . Auf dem sandigen Strand krümmten sich da und dort kleine Teiche mit salzigem Wasser.

Von der Bucht her flogen immerzu weißmähnige Streifen; der Mond beschien sie, einen Streifen nach dem anderen, die in der Ferne aufstiegen und brodelten; dann flogen sie gegen den Strand und zerschellten hier in gischtige Flocken; die von der Bucht kommenden Streifen breiteten sich glatt auf dem flachen Strand — resigniert, durchsichtig; sie leckten den Sand, schnitten Stücke von ihm los: wurmten ihn; wie eine fein geschliffene, gläserne Säbelschneide glitt jeder von ihnen über den Sand hin; hie und da erreichte der gläserne Streifen die salzigen Teiche, sie mit salzgetränktem Wasser füllend.

Und schon lief er zurück; ein neuer brodelnd gischtiger Streifen löste ihn ab.

Der Busch kochte . . .

Hunderte von Sträuchern, hier — dort; in einiger Entfernung vom Meer streckten sie ihre knorrigen Arme vor; diese entblätterten Arme erhoben sich wie Bewegungen Geistesgestörter in der Luft; eine kleine schwarze Gestalt lief ängstlich hin und her zwischen den Sträuchern; im Sommer strömten sie ein süßes, leise raunendes Geflüster aus; jetzt war das Geflüster vertrocknet, und nur ein Knirschen und Ächzen erhob sich von der Stelle; Nebel stiegen da auf; Feuchtigkeiten stiegen da auf; die knorrigen Äste streckten sich aus dem Nebel und der Feuchtigkeit; neben der kleinen Gestalt streckte sich so ein vertrockneter Arm vor, von dünnen Ruten wie von Wolle überdeckt.

Die Gestalt neigte sich gegen einen Stamm, eingehüllt in schwarze Feuchtigkeit; sie versank in bittere Gedanken; und der widerspenstige Kopf fiel auf die Hände.

»Du, meine Seele,« — stieg es aus dem Herzen auf — »du, meine Seele, du hast mich verlassen . . . Gib mir Antwort, Seele: ich bin so arm . . .«

Es stieg aus dem Herzen auf:

»Vor dir kniet mein zerrissenes Leben . . . Gedenke meiner: ich bin so arm . . .«

Die Gestalt blieb stehen; sie streckte flehend die Hände gegen die leeren phosphoreszierenden Stellen zwischen den Ästen; sie streckte die Hände gegen das Licht, das dort aus dem Garten des kleinen Landhauses schimmerte:

»Aber höre, höre: auf einen bloßen Verdacht hin . . . Ohne seine Erklärung abzuwarten . . .«

Eine befehlende Hand zeigte gegen das erleuchtete Fenster hinter den schwarzen, knirschenden Sträuchern.

Da schrie die schwärzliche Gestalt plötzlich auf und stürmte vorwärts; und hinter ihr her stürzten die schwarzen Astgebilde, die zusammen mit dem sandigen Strand ein seltsames Ganze bildeten, aus dem heraus schauerliche, undefinierbare, nirgends vorhandene Bedeutungen entstanden; die schwärzliche Gestalt rannte mit der Brust an das Gitter eines Gartens an; sie kletterte über das Gitter und glitt lautlos, mit den Stiefeln an den bereiften Gräsern hängen bleibend zum grauen Haus, wo sie erst vor kurzem gewesen, wo aber jetzt alles für sie — ganz anders war.

Vorsichtig schlich sich die Gestalt bis zur Terrasse vor und drückte die Hand an die Brust; mit zwei Sprüngen war sie dann an der Glastür; der Vorhang war nicht zugezogen; hinter dem Fenster breitete sich Licht.

Dort sah man . . . —

Auf dem Tisch stand der Samowar; daneben stand ein Teller mit dem Rest eines Koteletts; man sah eine Frauennase und dazu ein unangenehmes, etwas verlegenes, verstimmtes Gesicht. Mit einem Arm auf den Tisch gestützt saß dort Lipantschenko; der andere Arm hing frei vom Sessel herunter, auffallend war die Breite der Handfläche, die Kürze der fünf Finger, die wie abgehackt aussahen . . . —

In zwei Sprüngen befand sich die schwarze Gestalt wieder in den Büschen; sie wurde von unbeschreiblichem Mitleid erfaßt; der Wind seufzte in den Zweigen; die Gestalt flüsterte leidenschaftlich in den Busch:

»Das geht doch nicht so einfach . . . Das geht doch nicht . . . Es ist ja noch nichts bewiesen . . .«


Lipantschenko wandte sich von der seufzenden Sofja Sacharowna ab und streckte die Hand nach der — denken Sie sich nur! — an der Wand hängenden Geige.

»Man hat draußen allerlei Unannehmlichkeiten zu ertragen, nun kommt man nach Hause und — nein so was . . .«

Er griff nach dem Stück Harz und begann wütend damit über den Bogen zu fahren; mit schüchterner Grimasse, die seiner Stellung in der Partei keinesfalls entsprach, begann er die Saiten zu probieren:

»Da kommt man einem mit verweintem Gesicht entgegen . . .«

Er drückte die Geige gegen den Leib und beugte sich über sie, tief; das breite Ende auf die Knie gestützt hielt er das schmale mit dem Kinn fest und zog an einer Saite:

Don! tönte es.

Sein Kopf neigte sich auf die Seite; mit fragendem, halb listigem, halb wehmütigem Ausdruck sah er Sofja Sacharowna an und schnalzte mit der Zunge; als ob er fragen wollte:

»Haben Sie gehört? Haben Sie gehört?«

Sie saß auf einem Stuhl; mit halb gerührtem, halb verärgertem Gesicht sah sie auf Lipantschenko und auf seine Finger, die die Saiten spannten.

»So ist’s besser!«

Und er lächelte; beide lächelten; beide nickten einander zu; er mit verjüngtem Gesichtsausdruck; sie mit einer Verlegenheit, hinter der sich Stolz und Verehrung verbarg.

»Ach, was sind Sie doch für ein unverbesserliches Kind!«

Bei diesen Worten drehte Lipantschenko, trotzdem er einem Nashorn ungemein ähnlich sah, mit behender, rascher Bewegung der linken Hand seine Geige um, drückte blitzschnell den breiten Geigenrand gegen die Schulter, auf die sein dicker Kopf niederfiel; die Finger umklammerten die Geigensehnen:

»Na also!«

Die Hand mit dem Bogen machte eine schwungvolle Bewegung und blieb — erstarb — in der Luft; mit zartester Berührung glitt dann der Bogen über die Saiten, ihm folgte die linke Hand, dann der ganze Arm; auch der Kopf und schließlich der ganze Körper neigten sich auf die Seite, dem Bogen nach.

Der Sessel unter Lipantschenko knirschte; dieser konzentrierte seine ganze Kraft darauf, einen recht zarten Ton von sich zu geben; im Zimmer erklang plötzlich seine heisere, aber nicht unangenehme Baßstimme:

»Laas aab von miir . . .«, sang Lipantschenko.

»Es ist umsonst«, fielen die zarten, leise seufzenden Saiten ein.

». . . aab von miir«, sang mit auf die Seite geneigtem Körper Lipantschenko, der in dem unstillbaren Bestreben aufzugehen schien: einen recht zarten Ton von sich zu geben.

In ihrer Jugend hatten sie oft zusammen diese Romanze gesungen, die man jetzt nicht mehr singt.


»Tsss!«

»Hörst du?«

»Das Fenster?«

»Ich will nachsehen, was das war.«


Der Busch kochte. Ein runder, stirnloser Knorren streckte sich gegen den Mond, vom einzigen Streben erfüllt: begreifen, um jeden Preis begreifen; begreifen oder in Stücke zerfallen; vom astreichen Stamm erhob sich dieser alte, stirnlose Knorren, von Moos und krustiger Rinde überwuchert; er streckte sich gegen den Wind; er flehte um Schonung — um Schonung, sei was will. Vom ästigen Stamm löste sich wieder die kleine Gestalt; sie schlich sich zum Fenster; jetzt war ihr der Rückzug abgeschnitten; es blieb ihr nichts weiter übrig als: das Begonnene zu vollenden. Jetzt befand sie sich . . . in Lipantschenkos Schlafzimmer. Voll Ungeduld erwartete sie sein Hereintreten.


Auch Schufte haben das Bedürfnis, sich ein Schwanenlied zu singen.

»Die Ve—erlok—kungen— früüheerer Taa—ge, sie sind deem Ent—täuschten freemd . . . Ich glau—beee den Schwüü—reen niicht mehr . . .«

»Ich glau—be—der—Liiebe nicht meeehr . . .«

Wußte er, was er sang? Und was er spielte? — Und warum er so traurig war? Warum seine Kehle sich schmerzhaft zusammenzog? . . . Lipantschenko verstand das ebensowenig, wie er die sanften Töne nicht verstand, die er aus der Geige hervorbrachte . . . Nein, sein Stirnknochen konnte es nicht verstehen: seine Stirn war schmal, mit Querfalten bedeckt: sie schien zu weinen.

So hat Lipantschenko an einem oktoberlichen Abend sein Schwanenlied gesungen.


Und? . . .

So!

Nun war er mit dem Singen und Spielen fertig; er legte die Geige auf den Tisch, wischte sich den Schweiß vom Gesicht; langsam wiegte sich sein unanständiger, spinnenartiger, fünfundvierzigjähriger Bauch; endlich nahm er ein Licht und begab sich in sein Schlafgemach; auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um, seufzte und überlegte sich etwas; Lipantschenkos ganze Gestalt sprach eine dumpfe, heimliche Trauer.

Und — er versank in Dunkelheit.

Die Kerzenflamme zerschnitt die vollständige Dunkelheit des Zimmers; das rotgelbe Licht verteilte sich in der höllischen Finsternis; und wie Radien um ein tanzendes Lichtzentrum bewegten sich Teile der Dunkelheit als Schatten der hier befindlichen Gegenstände; und hinter den dunklen, langgezogenen Dreiecken und den Schatten der Gegenstände erhob sich, von den Füßen Lipantschenkos jäh hervorgekrochen, die dicke Schattengestalt und begann sich geschäftig rasch im Kreise zu bewegen.

Über den Tisch und den Stuhl schwang sich die stumme, häßliche Schattengestalt auf die Wandfläche, in schräge Dreiecke zerteilt, qualvoll zerrissen, als ertrüge sie jetzt schon alle Qualen der Vorhölle.

So wird die Seele, den Körper wie einen unnötigen Ballast von sich abwerfend, von seelischen Wirbelstürmen erfaßt: die Wirbelstürme jagen den Seelenraum. Unser Körper ist nur ein Schifflein; und er rast durch den Seelenozean vom geistigen Festland zum — geistigen Festland.

So . . . —

Denken Sie sich ein unendlich langes Seil; und denken Sie sich Ihren Körper in der Mitte an das Seil festgebunden; dann wird das Seil um sich selbst gedreht — mit rasender, unbeschreiblicher, fabelhafter Geschwindigkeit; losgelassen beginnen Sie dann in immer sich erweiternden Kreisen, den Kopf nach unten, durch den Raum zu fliegen; Spiralen bildend fliegen Sie immer weiter bis zu den luftleeren Atmosphären; und Sie werden dann, ein Erdentrabant, sich immer weiter von der Erde entfernen und in die kosmischen Unermeßlichkeiten fliegen, den kosmischen Raum im Nu überwindend und zu diesem Raum selbst werdend.

Von so einem Wirbelsturm werden Sie erfaßt, wenn Ihre Seele den Körper als unnötigen Ballast von sich geworfen hat.

Dann: stellen Sie sich noch vor, daß jeder einzelne Punkt Ihres Körpers den wahnsinnigen Trieb bekommt, sich auszubreiten, sich maßlos grauenhaft auszubreiten (z. B. den Platz der Saturnbahn im Durchmesser einzunehmen); und denken Sie sich, daß sie dabei nicht einen Punkt Ihres Körpers, sondern alle zugleich empfinden, die aber bis zu solchem Grade erhitzt, verdünnt sind, daß Sonne und Planeten ganz frei zwischen den Molekülen Ihres Körpers hindurchgehen; denken Sie sich auch noch, daß Sie Ihre zentripetale Kraft völlig verloren haben und Ihr Körper in seinem Ausbreitungsbestreben in Teile zerrissen wird, einheitlich aber dabei nur das Bewußtsein bleibt: das Bewußtsein der zerrissenen Empfindungen.

Wie wären dann Ihre Empfindungen?

Wenn Sie sich diese Empfindungen körperlich vorstellen könnten, dann hätten Sie ein Bild von dem Leben der Seele bekommen, in ihrem ersten Stadium, nachdem sie sich vom Körper befreit . . .


Lipantschenko blieb in der Mitte des tanzenden Zimmers mit der flackernden Kerze in der Hand stehen; der massige Schattenkörper, Lipantschenkos Seele, hing mit dem Kopfe an der Zimmerdecke; Lipantschenko hatte weder für seinen Schatten noch für die Schatten der Gegenstände irgendwelches Interesse. Ihn interessierte vielmehr ein bekanntes und gar nicht geheimnisvolles Geräusch.

Er empfand einen besonderen Ekel vor Schaben; und jetzt sah er Dutzende dieser Geschöpfe; vom Licht überrascht huschten sie eilig in ihre Löcher zurück; und — Lipantschenko ärgerte sich:

»Ihr Verfluchten! . . .«

Er holte aus der Ecke einen Besen mit langem Stiel, den er dort stehen hatte.

»Na, wartet nur! . . .«

Er stellte die Kerze auf den Fußboden; mit dem Besen bewaffnet, erkletterte er einen Stuhl; der schwere, keuchende Körper streckte sich jetzt nach oben; die Blutgefäße schwollen ihm vor Anstrengung an, die Muskeln wurden ordentlich dick; er jagte mit dem Besen wie besessen hinter dem Haufen davoneilender Schaben her; eins — zwei — drei! — und es knackte unter dem Besen: knack, knack, an den Wänden, an der Zimmerdecke, in der Ecke, da, wo die Etagere stand.

»Acht . . . zehn . . . elf . . .« hörte man ein Flüstern; und nach jedem Knacken fielen schwarze Flecke auf den Boden.

Jeden Abend vor dem Schlafengehen vernichtete er gewohnheitsmäßig einen Haufen Schaben; dann erst begab er sich zu Bett.

Ehe er sich zu entkleiden begann, leuchtete er mit der Kerze unter das Bett (seit einiger Zeit war ihm das zur Gewohnheit geworden).

Jetzt saß er auf dem Bett mit auseinandergehaltenen Beinen, haarig und nackt; deutlich zeichneten sich auf seiner Brust die weiblich runden Formen.

Lipantschenko schlief nackt.

Der Kerze schräg gegenüber, zwischen der Fensterecke und dem Schrank, trat aus dem Dunkel der Nische eine sonderbare Figur hervor: die eine dort hängende Hose bildete; immer nahm sie die Gestalt — des sie Anblickenden an; wiederholt hatte Lipantschenko den Platz für seine Hose gewechselt; doch kam immer dasselbe heraus: immer nahm sie die Gestalt des sie Anblickenden an.

Das erblickte er auch jetzt.

Und als er seine Kerze ausgelöscht hatte, bewegte sich die Gestalt und zeichnete sich noch deutlicher vor ihm; er streckte die Hand nach dem Vorhang aus; kupfergrünes Licht ergoß sich ins Zimmer, von dort her, aus der Ferne, aus dem weißen Blei der Wölkchen stürzte die flammende Scheibe ins Zimmer herein; und . . .

Dort, vor der kupfergrünen Wand — dort! — stand die kleine Gestalt, mit kreidigem, totem Gesicht: wie ein — Clown; und lächelte mit weißen Lippen. Mit nackten Füßen eilte Lipantschenko zur Tür; er vergaß, daß er dieselbe geschlossen hatte, und stieß mit Brust und Bauch gegen sie an; da aber wurde er plötzlich zurückgerissen; ein siedend heißer Strahl übergoß seinen nackten Rücken vom Schulterblatt bis unten; er fiel aufs Bett, und es wurde ihm klar, daß ihm der Rücken durchschnitten wurde; so wird die weiße glatte Haut eines Ferkels durchschnitten; kaum hatte er begriffen, was mit ihm geschehen war, als er denselben siedenden Strahl — unter dem Nabel fühlte.

Und etwas zischte dort spöttisch hervor; irgendwo tauchte in ihm der Gedanke auf, daß es Gase wären, da ja sein Bauch aufgeschlitzt war; den Kopf über den unsinnig vorstehenden Bauch gebeugt, sank er schläfrig in sich zusammen und fuhr mit der Hand über die klebrige Flüssigkeit — auf seinem Bauch und auf dem Bettuch.

Das war Lipantschenkos letzter, bewußter Eindruck von der banalen Wirklichkeit; jetzt entströmte allmählich das Bewußtsein; seine ungeheure Peripherie sog in sich die Planeten ein; und empfand sie — als ihm gehörige, voneinander getrennte Organe; in den Erweiterungen des Herzens schwamm die Sonne; die Wirbelsäule glühte von der Berührung der Saturnmassen; im Bauch öffnete sich ein Vulkan.

Währenddessen saß der Körper mit sinnlos auf die Brust heruntergesunkenem Kopf, die Pupillen auf den eigenen, geschlitzten Bauch gerichtet; plötzlich fiel er um, mit dem Bauch gegen das Bettuch; der herunterhängende Arm berührte den mit Blut bedeckten Bettvorleger; der Kopf mit abstehendem Kiefer drehte sich seitwärts gegen die Wand und starrte mit unbeweglichen Pupillen die Tür an; die haarlosen Brauenbogen schimmerten in fettigem Glanz; auf dem Bettuch zeichneten sich die Spuren von fünf blutigen Fingern; irgendwo heraus ragte eine dicke Ferse.


Der Busch kochte; weißmähnige Streifen flogen von der Bucht her; sie erreichten das Ufer als bauschige Gischt; sie leckten den Sand; wie fein geschliffene, gläserne Messerschneiden glitten sie über den Sand; sie erreichten die kleinen, salzigen Teiche, füllten sie mit gelöstem Salz und liefen zurück. Durch das Astwerk des Busches sah man ein Fahrzeug auf den Wellen schaukeln — türkisblau, gespensterisch; seine spitzflügeligen Segel schnitten dünne Schichten von der Luft ab; der neblige Dunst schien auf der Oberfläche der Segel verdickt.


Als man am Morgen eintrat, gab es keinen Lipantschenko mehr, es gab nur — eine Blutlache, eine Leiche; dann fand man hier eine männliche Gestalt mit lächelndem, weißem Gesicht; diese Gestalt hatte ein kleines Schnurrbärtchen; das war nach oben gedreht; ganz seltsam: der Mann saß rittlings auf dem Toten; er hielt in der Hand eine Schere; diese Hand streckte er vor, von der Nase her über die Lippen kroch ihm eine Schabe.

Er schien geistesgestört zu sein.

Ende des siebenten Kapitels.

Achtes und letztes Kapitel

Erst aber . . .

Anna Petrowna!

Wir gedachten ihrer gar nicht mehr; sie war ja aber zurückgekehrt; und jetzt erwartete sie . . . Erst aber . . . —

— diese vierundzwanzig Stunden! —

— diese vierundzwanzig Stunden hatten sich in unserer Erzählung durch die Seelenräume ausgebreitet wie ein häßlicher Traum; und sie hatten unseren Gesichtskreis eingeengt; in diesen Seelenräumen hatte sich das Auge des Autors verloren; es hatte sich für alles andere geschlossen.

So war auch Anna Petrowna verschwunden.

Wie eine schwere, bleierne Wolke zog sich das bleierne Hirnspiel durch den engen, von uns selbst begrenzten Gesichtskreis — durch die vierundzwanzig Stunden — hoffnungslos, trostlos, öde! . . .

Doch war die Nachricht von Anna Petrownas Rückkehr in den rauh dahinflutenden, jeden Heils entbehrenden Geschehnissen wie der Schein eines milden Lichtes von irgendwoher aufgetaucht. Wir waren da von trauriger Nachdenklichkeit erfaßt worden — für einen kurzen Augenblick; dann vergaßen wir es wieder; wir hätten aber daran denken sollen . . . daß Anna Petrowna — zurückgekehrt war.

Diese vierundzwanzig Stunden! —

— von denen jeder Augenblick in unserer Erzählung voll war von Geschehnissen.

Doch war die Rückkehr Anna Petrownas eine Tatsache; und sogar eine sehr wichtige Tatsache; allerdings nicht von der furchtbaren Bedeutung wie die anderen von uns mitgeteilten Tatsachen.

Aber immerhin . . . —

Anna Petrowna war zurückgekehrt; von all den geschilderten Ereignissen wußte sie nichts, ahnte nichts von ihnen; es gab nur ein Geschehnis, das sie in Aufregung hielt: ihre Rückkehr; das müßte auch die geschilderten Personen in Aufregung versetzen; diese Personen müßten sofort auf das Geschehnis reagieren; sie mit Zetteln und Briefen überschütten, mit Freude- oder Zornäußerungen; aber die erwarteten Briefe und Boten blieben aus; von dem wichtigen Geschehnis nahm niemand Notiz, weder Nikolai Apollonowitsch, noch Apollon Apollonowitsch.

Anna Petrowna war traurig.


Sie ging nirgends aus; in einem Hotel von feinstem Genre bewohnte sie ein ganz kleines Zimmer; und Anna Petrowna saß stundenlang auf dem einzigen Stuhl, der sich hier befand; und Anna Petrowna saß stundenlang, die Augen auf die Tapete gerichtet; diese Tapete zog immer wieder ihren Blick an; sie übertrug den Blick auf das Fenster; aber vor dem Fenster erhob sich frech eine Mauer, die alle möglichen Töne der Olivenfarbe aufwies; an Stelle des Himmels war gelber Rauch . . .

Kein Brief, kein Besuch: weder vom Gatten, noch vom Sohn.

Von Zeit zu Zeit klingelte sie; es erschien eine leichtfüßige Person mit einer Schmetterlingshaube auf den Haaren.

Anna Petrowna bestellte — zum wievieltenmal schon!

»Bitte Thé complet, in mein Zimmer.«

Dann erschien ein Diener im Frack mit gestärkter Hemdbrust und glänzend frischer Halsbinde; das Riesentablett balancierte er, besonders betonend, auf den fünf Fingerspitzen; er warf einen verächtlichen Blick auf das kleine Zimmer, auf das wenig schicke Kleid seiner Insassin, auf die bunten spanischen Fetzen, die unordentlich auf dem breiten Doppelbett herumlagen, auf den etwas abgetragenen Reisekoffer; wenig ehrerbietig, doch geräuschlos stellte er das Riesentablett ab; und geräuschlos fiel auf den Tisch der Thé complet nieder. Geräuschlos entfernte sich der Diener.

Niemand, nichts; immer dieselbe Tapete; dasselbe Lachen aus dem Nachbarzimmer; die Unterhaltung der zwei Zimmermädchen im Korridor; irgendwo unten — Klavierspiel (einer zugereisten Pianistin, die für ihr Konzert heftig übte); der Blick streifte wieder — wie oft schon — das Fenster, aber hinter dem Fenster starrte eine freche Mauer in olivenfarbigen Tönen; statt der Sonne gelber Rauch . . .

Plötzlich klopfte es; aus Anna Petrownas Tasse ergoß sich der Tee auf die schneeweiße Serviette des Tabletts.

Das Zimmermädchen, eine Visitenkarte in der Hand, flog in das Zimmer herein; Anna Petrowna wurde glühend rot; geräuschvoll erhob sie sich; mit rascher Bewegung strich sie sich die Haare zurecht: eine Geste, die sie von ihrer Jugend her beibehalten hatte.

»Wo ist der Herr?«

»Der Herr wartet im Korridor.«

»Ich lasse bitten.«

Sie atmete rasch und wurde wieder rot.

Man hörte Lachen und Geräusch aus dem Nebenzimmer, die Unterhaltung zweier Zimmermädchen im Korridor, Klavierspiel, irgendwo im unteren Stockwerk; man hörte eilige, rasche, sich dem Zimmer nähernde Schrittchen; die Tür öffnete sich: Apollon Apollonowitsch Ableuchow stand an der Schwelle.


Das erste, was ihm auffiel, war die Ärmlichkeit des Zimmers, so ein Zimmer in einem erstklassigen Hotel! Na, darüber braucht man sich nicht zu wundern: solche Zimmer gibt es in allen erstklassigen Hotels der erstklassigen Hauptstädte, in jedem etwa eins oder höchstens zwei; sie werden aber in allen Führern annonciert. So lesen Sie z. B. in so einem Führer: »Savoy. Premier ordre. Chambres depuis 3 fr.« Das bedeutet aber, daß hier ein erträgliches Zimmer unter fünfzehn Franken nicht zu bekommen ist. Anstandshalber finden Sie aber hier ein regelmäßig unbewohntes unsauberes Dachzimmer, das mit dem »depuis trois francs« gemeint war. Wehe, wenn Sie sich entschließen, dieses halbdunkle, schlecht gelüftete, staubige Zimmer zu nehmen; die Verachtung des ganzen Hotels, der zahlreichen Zimmermädchen, Lakaien und bedienenden Knaben ist Ihnen gewiß.

Sie übersiedeln dann in ein nicht erstklassiges Hotel, wo sie für sieben bis acht Franken Ruhe, Behaglichkeit und Hochachtung genießen.

»Premier ordre — depuis trois francs« — Gott schütze Sie davor!

Bett, Tisch und Stuhl; auf dem Bette, unordentlich hingeworfen, ein Handtäschchen, Gepäckriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venetianische Vase, über die ein — denken Sie sich nur! — ein Strumpf (aus reinster Seide) geworfen ist, ein Häufchen zitronengelber, schreiend greller Seidenfetzen; das alles dürfte, wie Apollon Apollonowitsch bei sich dachte, das Reisegepäck Anna Petrownas mit Souvenieren aus Granada, Toledo sein; diese Souveniere mochten früher einmal vielleicht teuer gewesen sein, jetzt aber haben sie ihren Glanz und Wert durchaus eingebüßt . . .

Die ihr vor kurzem nach Toledo gesandten dreitausend Silberrubel scheinen sie nicht erreicht zu haben.

In jedem Fall stand es einer Dame von ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht an, mit solchen Fetzen im Gepäck herumzureisen; und — ihm krampfte sich das Herz zusammen.

Dann erblickte er den Tisch mit dem glänzenden Thé complet, und zwei schneeweißen Servietten, die, zum Bereich des Hotels gehörend, zufällig (vielleicht aus Versehen) hierhergebracht wurden. Aus dem Schatten aber trat eine Silhouette hervor — und zum zweitenmal krampfte sich ihm das Herz zusammen; denn auf dem Stuhl — nein, nicht auf dem Stuhl! — vor dem Stuhl erblickte er die sich erhobene — war sie es wirklich? — Anna Petrowna.

— Er erblickte Anna Petrowna; bedeutend behäbiger, dicker und — mit auffallend vielen Graufäden im Haar. Eine betrübende Tatsache fiel ihm zu allererst auf: Nach dem zweieinhalbjährigen Aufenthalt in Spanien (und — wo noch, wo?) hatte sich ihr Doppelkinn erheblich vergrößert und hing jetzt über den Stehkragen herunter; ebenso vermochte das Korsett die merkliche Rundung des Leibes nicht zu verbergen; nur das Himmelblau der Augen in dem früher herrlichen, später noch immer schönen Gesichtchen hatte seinen Glanz nicht verloren; in ihren Tiefen spiegelten sich jetzt die kompliziertesten Gefühle: Schüchternheit, Zorn, Mitgefühl, Stolz, Verlegenheit (wegen der Ärmlichkeit des Zimmers), verborgene Bitterkeit und . . . Angst.

Apollon Apollonowitsch konnte diesen Blick nicht vertragen, er senkte die Augen und drehte den Hut in den Händen. Ja, ihre mit dem italienischen Schauspieler verlebten Jahre hatten sie sehr, sehr verändert; wo ist ihre Strenge, die angeborene, ihr eigene Würde und Ordnungsliebe; Apollon Apollonowitsch durchstreifte wieder das Zimmer mit dem Blick; unordentlich lagen da zerstreut: Täschchen, Tragriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, ein Seidenstrumpf und einige zitronengelbe Lappen, wahrscheinlich spanische.


Vor Anna Petrowna stand . . . — war er es wirklich? Auch ihn hatten die zweieinhalb Jahre verändert; vor zweieinhalb Jahren sah sie zum letztenmal vor sich ein scharf gemeißeltes Gesicht aus grauem Stein, das sie kalt ansah, dort neben dem mit Perlmutter inkrustierten Tischchen (bei ihrer letzten Auseinandersetzung); jeder Zug dieses Gesichts blieb in ihr als eisiger Frost eingeprägt; dieses Gesicht aber, das sie jetzt vor sich sah, hatte überhaupt keine Züge mehr.

(Unsererseits fügen wir hinzu: diese Züge waren noch vor kurzem vorhanden; am Anfang unserer Erzählung hatten wir sie beschrieben.)

Vor zweieinhalb Jahren war Apollon Apollonowitsch wohl schon ein alter Mann, aber . . . in ihm war etwas . . . Unzeitliches; er war noch immer — ein Mann; wo war aber jetzt der Staatsmann? Wo war der eiserne Wille, jener steinerne Blick, aus dem Wirbelstürme, kalte, dem Gehirn (nicht dem Gefühl) entsprungene, strömten? Wo war der Stein des Blickes? Alles wich vor der einzigen Tatsache des vorgerückten Alters; der Greis überwog alles andere; gesellschaftliche Stellung, Willen; auffallend war seine Magerkeit; auffallend war die Gebeugtheit des Rückens; auffallend war das Zittern des Unterkiefers und das fast täppische Zittern der Finger; und hauptsächlich — die Farbe des Mantels: nie, solange sie mit ihm war, hatte er sich Kleider von solcher Farbe bestellt.

So standen sie einander gegenüber: Apollon Apollonowitsch noch immer an der Schwelle, Anna Petrowna vor dem Tischchen, in der Hand die zitternde Teetasse, aus der sich die dunkle Flüssigkeit auf die Tischdecke ergoß.

Endlich wandte Apollon Apollonowitsch ihr seinen Kopf zu; er kaute einen Augenblick mit den Lippen und stotterte dann:

»Anna Petrowna!«

Jetzt sah er sie deutlich (die Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt), und er sah: ihre Züge wurden, für einen Augenblick, wunderbar erhellt; aber dann verbargen sie sich wieder hinter Fältchen, Verdickungen, Fettpölsterchen; die klare Schönheit der Kindlichkeit in den Zügen hat der Vergröberung des Alters nicht standgehalten; für einen Augenblick aber wurde ihr Gesicht wunderschön; nämlich, als sie mit scharfer Bewegung das Teetablett von sich schob und ihm, dem Senator, mit einem unmerklichen Ruck gleichsam entgegenflog; und doch: sie rührte sich nicht vom Platz; von ihrem Platz warf sie dem Greis, der dort stand und mit den Lippen kaute, nur das eine zu:

»Apollon Apollonowitsch!«

Apollon Apollonowitsch lief ihr entgegen (so war er auch vor zwei Jahren ihr immer entgegengelaufen, um ihr zwei Finger zu reichen, und, sie rasch zurückziehend, sie mit Kälte zu übergießen); er lief zu ihr durch das Zimmer, so wie er gestanden war, im Mantel, mit dem Hut in der Hand; ihr Gesicht neigte sich gegen die Glatze; der große, wie ein Knie nackte Schädel und die zwei abstehenden Ohren riefen in ihr eine Erinnerung an etwas wach, und als die kalten Lippen ihre, vom verschütteten Tee nasse Hand berührten, wich alles Komplizierte aus ihren Zügen dem eindeutigen Ausdruck der Zufriedenheit: denken Sie sich — etwas Kindliches hüpfte spielend in ihren noch schimmernden Augen auf und verbarg sich wieder in ihnen.

Als er nun gerade vor ihr stand, trat seine Gestalt mit ausgesprochener Deutlichkeit hervor; ein lose am Körper hängendes Höschen, ein Mäntelchen von früher nie getragener Farbe, eine Menge neuer Fältchen im Gesicht, von denen zwei das ganze Gesicht durchquerten, und neue, unbekannte Blicke; doch erschienen ihr diese Augen jetzt nicht mehr wie zwei durchsichtige Steine; es lag in ihnen eine ihr unbekannte Kraft und Unbeugsamkeit.

Und diese Augen senkten sich; Apollon Apollonowitsch suchte nach Worten:

»Ich kam, um« — er hielt einen Augenblick inne —

— ?

». . . Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .«

». . . und Sie zu Ihrer Rückkehr zu beglückwünschen . . .«

Anna Petrowna fing einen verlegenen, etwas erstaunten Blick auf, einen einfach weichen, mitleidigen Blick von kornblumenblauer Farbe, in dem wie ein Hauch etwas von Frühlingsluft lag.

Aus dem Nebenzimmer hörte man Lachen und Geräusch; hinter der Tür unterhielten sich noch immer die zwei Zimmermädchen miteinander; unten klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepäckriemen, Handtäschchen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venezianische Vase und ein Stück Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als eine Bluse entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber Rauch, und in diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straßen und Prospekte; Trottoire und Dächer; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif bedeckt; ein kalter Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.

»Und bei uns . . .«

»Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .«

»Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .«