Die verunglückte Auseinandersetzung

Trotz des Schmerzes, den ihm das Fallen verursachte, erhob sich Nikolai Apollonowitsch sofort vom Parkettboden des Lichutinschen Arbeitszimmers und sah sich ängstlich nach einem Verteidigungspunkt um; diesen entdeckte er in einem schweren eichenen Lehnstuhl, der vor dem Schreibtisch stand, und hinter diesen flüchtete er; er sah komisch genug aus mit dem bebenden Kinn, den deutlich zitternden Fingern, von dem einzigen, instinktiven Streben erfüllt — noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen: sich an den Lehnstuhl zu klammern. Hier würde er dem herannahenden Feinde ausweichen können; nach links, nach rechts, je nachdem von welcher Seite der Angriff nahen würde.

Oder: er könnte den Lehnstuhl als Waffe benützen; den Feind durch einen Stoß mit den Stuhlbeinen zu Boden werfen und, ehe dieser sich aufrichtet, das Fenster erreichen . . .

Schwer atmend und hinkend gelangte er an den Lehnstuhl.

Doch kaum hatte er ihn erfaßt, als er auf seinem Halse den sengenden Atem des Offiziers verspürte; er drehte sich um und erblickte ein verzerrtes Gesicht sowie eine gehobene Hand, deren fünf Finger auf seine Schulter niederzufallen bereit waren; das vor Wut gerötete Gesicht des Rächers starrte ihn mit versteinertem Blick an; niemand hätte in dieser Physiognomie das harmlose Gesicht des Offiziers wiedererkannt, der ehedem gleichmütig ein Zwanzigkopekenstück nach dem anderen als Strafe für dumme Witze an die Kasse seiner Gattin zahlte. Es war nicht eine Hand mit fünf Fingern, sondern eine Tatze, die die Schulter zermalmen müßte, wenn sie auf diese niederhieb. Behende sprang Ableuchow über den Lehnstuhl hinüber.

Die fünffingerige Tatze fiel auf den Lehnstuhl.

Ein Krachen ertönte; der Lehnstuhl stürzte um; eine unmenschliche, gellende Stimme drang an Ableuchows Ohr:

». . . denn da wird eine Menschenseele vernichtet!«

Eine ungelenke Gestalt jagte hinter der kleinen davoneilenden Figur her; aus dem geöffneten speichelnden Mund kamen heisere, gurgelnde Laute, wie ein dünnes Krähen, stimmlos und rot:

»Ich habe mich eingemengt . . . weil . . . verstehen Sie? . . . Diese ganze Sache . . . Diese Sache . . . das ist . . . Verstehen Sie es? . . . Das ist so etwas . . . Mich geht es persönlich nichts an . . . Ich bin ein Unbeteiligter . . . Aber — verstehen Sie? . . .«

Der irrsinnig gewordene Offizier hob über seinem Opfer die nervös zitternden Fäuste, und während es eine klatschende Ohrfeige erwartete, fuchtelte er mit ihnen in der Luft; der zu einem Häufchen Muskeln zusammengeschrumpfte Ableuchow wand und krümmte sich; aus seinem feige fletschenden Munde kamen stoßweise Worte:

»Ich verstehe es . . . Ich verstehe schon, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Beruhigen Sie sich, aber . . . Ich bitte Sie, nicht so laut . . .«

Er glitt in die Ecke und kauerte dort von Schweiß übergossen nieder.

Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und sich die Ohren zugestopft, um ja nicht das halbwahnsinnige, rote Gesicht zu sehen und die krähende, tonlose Stimme hören zu müssen:

»Aah . . . Eine solche Sache . . . da muß jeder anständige Mensch . . . aah . . . jeder anständige Mensch . . . muß da eingreifen . . . ohne auf seine Stellung . . . ohne auf die Etikette zu achten . . .«

Nikolai Apollonowitsch dachte:

»Soll ich jemand zu Hilfe rufen?

Aber wen? Nein, es ist zu spät: noch ein Augenblick, und alles wird zu Ende sein!«

Er öffnete die Augen — und erblickte über sich (er kauerte ja noch immer am Boden) zwei weit auseinander gespreizte Beine; ohne sich lange zu besinnen, entschloß er sich: mit fletschendem, gleichsam lachendem Mund, mit flachsweiß wehenden Haaren schwang er sich zwischen den zwei Beinen hindurch und rannte wie ein Pfeil zur Tür; doch . . . fünf Finger erfaßten ihn schmachvoll beim Schoß seines Rockes; sie klammerten sich fest und — knackend riß der kostbare Stoff entzwei.

»Bleiben Sie doch . . . bleiben Sie doch . . . Ich . . . ich . . . ich . . . töte Sie doch nicht . . . Bleiben Sie doch . . . Es drohen Ihnen keine Gewalttätigkeiten . . .?«

Durch einen groben Stoß wurde Nikolai Apollonowitsch wieder in die Ecke geschoben, so daß er mit dem Rücken an die Wand anschlug; dort in der Ecke blieb er stehen, schwer atmend, fast weinend über die Garstigkeit der Szene; er begriff nun: es war nicht Lichutin, der von ihm beleidigte Offizier, der hier tobte, ja nicht einmal ein von Rachegefühlen gepeitschter Feind, sondern ein Geistesgestörter, mit dem man nicht reden kann; noch hatte sich der Irrsinnige, der ja als solcher kolossale Muskelkraft besitzt, nicht über ihn gestürzt; aber er wird es gleich tun, sicherlich.

Der Irrsinnige aber wandte sich um; ging auf den Fußspitzen zur Tür, und knacks — wurde der Schlüssel umgedreht; jenseits der Tür hörte man unruhige Laute, als weine jemand. Dann war alles still. Ein Rückzug war nicht mehr möglich; außer durchs Fenster.

Schwer atmeten zwei im abgesperrten Zimmer: ein Vatermörder und ein Halbwahnsinniger.


Das Zimmer mit dem abgefallenen Stuck an der Decke war leer; vor der Tür zum Zimmer des Hausherrn lag ein breiträndiger weicher Hut, von der Chaiselongue hing ein Stück des phantastischen Überwurfes herunter; als aber aus dem Arbeitszimmer des Gatten ein Laut wie vom Aufschlagen mit etwas Schwerem ertönte, öffnete sich die Tür aus Sofja Petrownas Zimmer, und Sofja Petrowna in Hauspantöffelchen, die Haare wie eine schwarze Kaskade über den Rücken gleiten lassend, trat hervor, ihr schmales Stirnchen war sichtlich in Falten gelegt.

Sie näherte sich ganz leise der Tür, kauerte nieder und sah durch das Schlüsselloch; sie sah: zwei Paar Beine, die sich gegen die Zimmerecke wälzten; dann sah sie die Beine nicht mehr, wohl aber vernahm sie eine aus der Ecke kommende, seltsam gurgelnde, krähende, rollend-flüsternde Stimme; und wieder zeigten sich zwei Beine, die sich gegen die Tür bewegten, dann drehte sich, direkt vor Sofja Petrownas Augen, der Schlüssel um.

Sofja Petrowna begann zu weinen und sprang von der Tür fort; da erblickte sie eine weiße Schürze und eine Schmetterlingshaube: es war Marwruscha, die hinter ihrem Rücken stehend sich das schneeweiße Schürzchen vor das Gesicht hielt und — weinte:

»Was geht denn dort vor? . . . Liebe, gnädige Frau . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich weiß gar nichts . . . Was ist das nur? Was machen sie dort, Marwruscha?«


Der Halbwahnsinnige fuhr fort mit den Händen in der Luft herumzufuchteln; er flüsterte ununterbrochen etwas und schritt in Diagonalrichtung durch das schwüle Zimmerchen, von einer Ecke zur anderen. Nikolai Apollonowitsch, noch immer an der Wand in der Ecke stehend, beobachtete seinen wahnsinnigen Feind, der ja jeden Augenblick zu einem wilden Tier werden konnte.

Jedesmal wenn die Hand oder der Ellbogen des Wahnsinnigen eine scharfe Kurve machte, fuhr der an der Wand Stehende zusammen. Aber der besessene Offizier verfolgte ihn nicht mehr, er ließ sich in den Lehnstuhl nieder und kehrte seinem Opfer den Rücken zu; seine Ellbogen auf die Knie stützend, den Rücken gekrümmt, den Kopf tief in den Schultern vergraben, seufzte er und versank in tiefe Nachdenklichkeit.

Auf einmal stöhnte er:

»Allmächtiger Gott!«

Und wieder ein Stöhnen:

»Steh uns bei und beschütze uns!«

Nikolai Apollonowitsch benutzte dieses stille Delirium.

Er schob sich ein wenig vor und streckte sich; der Offizier wandte sich nicht um: der Paroxismus schien den Höhepunkt überschritten zu haben und war jetzt im Abnehmen; lautlos humpelte nun Nikolai Apollonowitsch zum Schreibtisch; er sah komisch genug aus in elegantem Gehrock mit abgerissenem Schoßteil, mit glänzenden Gummischuhen an den Füßen und herunterbaumelndem Kragenschal um den Hals.

Er erreichte den Schreibtisch: hier blieb er einen Augenblick stehen und horchte auf den Atem und das murmelnde Beten des Geisteskranken; dann streckte er vorsichtig den Arm und suchte den Briefbeschwerer zu ergreifen; wie fatal: über dem Briefbeschwerer lag ein ganzer Stoß mit Briefbogen.

Wenn sein Ärmel nur diese nicht streifte!

Aber tückischerweise hat der Ärmel doch das Papier gestreift; die Papierbogen fuhren auseinander und knisterten verräterisch; das riß den Leutnant aus seiner Nachdenklichkeit; sein Kopf wandte sich und erblickte Nikolai Apollonowitsch mit vorgestrecktem Arm, den Briefbeschwerer in der Hand; Nikolai Apollonowitsch blieb das Herz stehen; er sprang vom Tisch zurück und drückte den Briefbeschwerer fest in der Hand — für alle Fälle.

In zwei Sprüngen war Ssergeij Ssergeijewitsch neben Ableuchow, ließ seine Hand auf dessen Schulter fallen: »So — nun geht es wieder an.«

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten . . . Ich war etwas aufgeregt: entschuldigen Sie . . .«

»Beruhigen Sie sich . . .«

»Die Sache war aber zu ungewöhnlich . . . Aber um Gottes willen, fürchten Sie sich doch nicht . . . Warum zittern Sie? . . . Mir scheint, ich flöße Ihnen Angst ein . . . Ich . . . ich . . . habe Ihnen den Rockschoß abgerissen: das . . . geschah ohne meinen Willen . . . weil Sie, Nikolai Apollonowitsch, sich vor der Unterredung drücken wollten . . . Begreifen Sie doch, daß Sie mir in der Sache eine Erklärung schuldig sind . . .«

»Aber ich bin ja bereit«, empörte sich Nikolai Apollonowitsch. »Über den Domino sagte ich Ihnen schon auf der Treppe; ich wollte Ihnen gern alles erklären, aber Sie ließen mich nicht dazu kommen . . .«

»Hmm . . . ja, ja . . .«

»Glauben Sie mir: die Geschichte mit dem Domino liegt nur an der Übermüdung meiner Nerven; ich habe das Ihnen gegebene Versprechen nicht überschritten: es war nicht mein freier Wille, daß ich plötzlich im Stiegenhaus erschien, es war . . .«

»Also wegen des Rockes entschuldigen Sie«, unterbrach ihn Lichutin wieder und zeigte hiermit aufs neue, daß er einfach ein unzurechnungsfähiger Mensch war . . . »Der Rockschoß wird Ihnen angenäht; ich mache es, wenn Sie wollen, selbst: ich habe eine Nadel und Zwirn . . .«

»Das fehlte noch!« Ableuchow sah forschend den Offizier an: der Paroxysmus schien doch wirklich vorüber zu sein.

»Aber das, Ssergeij Ssergeijewitsch, ist eigentlich . . . Das ist eine Lappalie . . .«

»Ja, ja: das ist weiter nichts . . .«

»Was unser Thema betrifft: daß ich mich im Stiegenhaus einfand . . .«

»Aber es handelt sich doch gar nicht um das Stehen im Stiegenhaus!« wehrte geärgert der Offizier ab und begann aufs neue, in Diagonalrichtung durch das kleine Zimmer zu schreiten.

»Na, ich meine: was Sofja Petrowna betrifft . . .« Mutiger geworden trat Ableuchow ein wenig aus der Ecke vor.

»Es handelt sich nicht um . . . nicht um . . . Sofja Petrowna,« schrie ihn der Offizier an, »Sie haben mich vollständig mißverstanden!«

»Aber um was denn?«

»Das ist ja alles — nichts . . . Das heißt — nichts im Vergleich zu der Sache, um die es geht . . .«

»Was meinen Sie damit?«

»Die Sache ist« — der Offizier blieb vor Ableuchow stehen und saugte sich mit seinen blutangelaufenen Augen an die erschrockenen Augen seines Partners fest . . . »die Sache ist, daß Sie nun eingesperrt sind . . .«

»Aber . . . warum bin ich eingesperrt?« Die Hand griff den Briefbeschwerer fester . . .

»Warum ich Sie eingesperrt habe? Warum ich Sie sozusagen mit Gewalt hierher gelockt habe? . . . Ha, ha, ha: Das steht in gar keiner Beziehung zum Domino oder zu Sofja Petrowna . . .«

Durch Ableuchows Kopf ging es: »Er ist total verrückt; er hat alle Zusammenhänge verloren, er folgt nur krankhaften Assoziationen: er hat, wie es scheint, doch vor, mich . . .«

Als hätte Ssergeij Ssergeijewitsch seine Gedanken erraten, beeilte er sich, ihn zu beruhigen, aber das klang eher wie Hohn oder boshafter Spott:

»Ich wiederhole: Sie sind hier in vollständiger Sicherheit. . . Nur der Rock . . .«

»Der verhöhnt mich!« dachte Nikolai Apollonowitsch, und ein ebenfalls wahnsinniger Gedanke flog durch sein Hirn: dem Offizier einen Hieb mit dem Briefbeschwerer auf den Kopf zu versetzen; dem so Betäubten die Hände zu binden und sich in dieser Weise das Leben zu retten, das er schon deswegen braucht, weil . . . ja . . . weil ja . . . die Bombe . . . im Schreibtisch noch immer . . . tickte . . . tickte . . .

»Also Sie werden von hier nicht weggehen . . . Ich aber werde mit einem Brief von Ihnen, den ich diktiere — mit Ihrer Unterschrift . . . Ich werde dann in Ihre Wohnung gehen und in Ihrem Zimmer nachsehen . . . Zwar war ich heute schon dort, habe aber nichts gefunden . . . Ich werde alles durchsuchen, und wenn ich nichts finde, dann warne ich Ihren Vater . . . denn« — er rieb sich die Stirn — »es handelt sich nicht um Ihren Vater; es handelt sich um Sie: ja, ja, ja — es handelt sich einzig und allein um Sie, Nikolai Apollonowitsch!«

Er bohrte sich mit dem knochigen Finger in die Brust und stand, eine Augenbraue hochgezogen (nur eine Braue hochgezogen) da.

»Das wird nicht geschehen, Nikolai Apollonowitsch! Das wird nie und nimmer geschehen!«

Und in dem glattrasierten, roten Gesicht spiegelte sich:

— ?

— — ?

Nein, der ist total verrückt!

Sonderbarerweise wurde aber Nikolai Apollonowitsch von diesem Wahnsinnsdelirium in Spannung versetzt; er horchte auf: Ist es auch wirklich Delirium? Es scheinen eher, Anspielungen zu sein, unzusammenhängend ausgesprochene Anspielungen aus etwas; doch — worauf? Am Ende — auf . . . auf . . . auf?

Ja, ja, ja . . .

»Aber Ssergeij Ssergeijewitsch, wovon reden Sie denn eigentlich?«

Sein Herz hörte auf zu schlagen; er hatte das Gefühl, als umspanne seine Haut nicht einen Körper, sondern einen Kieselsteinhaufen; und an Stelle des Hirns hatte er auch nur Kieselsteine.

»Wovon ich spreche? Aber von der Bombe . . .« — Äußerst verwundert trat Ssergeij Ssergeijewitsch zwei Schritte zurück.

Der Briefbeschwerer entfiel Ableuchows Hand . . .


»Ich bin erstaunt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Wie konnten Sie glauben, daß ich . . . daß ich . . . Wie konnten Sie annehmen, daß ich mich für eine solche Schufterei hergeben werde . . . Ich bin doch — kein Schurke . . . Ich glaube doch, kein gänzlich Verworfener zu sein, Ssergeij Ssergeijewitsch.«

Nikolai Apollonowitsch schien nicht weiter sprechen zu können; er wandte sich ab; nach einer Weile kehrte er wieder sein Gesicht dem Offizier zu.

In der schattigen Ecke zeichnete sich stolz die gekrümmte Figur, — wie es dem Offizier schien — aus fließenden Helligkeiten, ein schmerzhaft lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen; die flachsweißen Haare wie eine lichte Aureole um den Kopf; die Stirn glänzend weiß und hoch; empört, beleidigt, schön, stand er dort, gehoben durch den grellroten Fond der Tapete.

Der seidene Kragenschoner baumelte sehr unangebracht herunter und seinem Rock fehlte — ach! — die eine Schoßhälfte . . .

So stand er: aus den tiefen Augenhöhlen blickte auf den Offizier eine kalte, dunkle Leere; sie schmiegte sich an ihn, gab ihm die Empfindung des Eises. Lichutin schien es, als wäre er mit all seiner physischen Kraft, seinem gesunden Verstand (denn er glaubte gesunden Verstand zu besitzen), mit all seinem Edelmut nur — ein Gespenst.

»Aber ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen« — verlegen fuchtelte Lichutin mit den Händen.

»Ich habe eigentlich«, sagte er ganz beschämt, »gar nicht gezweifelt . . . Ich muß mich wirklich schämen . . . Ich bin etwas aufgeregt . . . Mir erzählte meine Frau . . . Man hat ihr einen Zettel aufgenötigt . . . Sie las ihn durch: sie hatte das Kuvert aus Versehen aufgemacht« — log er dazu und errötete.

Ableuchow klammerte sich schadenfroh an das Gesagte:

»Gewiß: wenn Sofja Petrowna den an mich adressierten Zettel gelesen hat, dann hatte sie« (er zuckte mit den Achseln) »wohl das Recht gehabt« (seine Stimme klang hier sehr ironisch), »Ihnen den Inhalt mitzuteilen.« Ganz hochmütig ließ er die letzten Worte fallen und trat aus der Ecke.

»Ich . . . ich . . . war etwas hitzig gewesen.« Des Offiziers Blick streifte den abgerissenen Schoßteil.

»Was den Rock betrifft — haben Sie keine Sorge: ich nähe den Schoß selbst wieder an.«

Aber mit kaum merklichem Lächeln sprach Nikolai Apollonowitsch, stolz und etwas belehrend:

»Sie wußten nicht, was Sie taten.«

In den tiefblauen Augen lag eine unklare, geheimnisvolle Traurigkeit.

»Also gehen Sie doch, zeigen Sie mich an, wenn Sie mir nicht glauben.«

Und er wandte sich ab.

Die breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen . . . Nikolai Apollonowitsch brach plötzlich in Weinen aus; aber: Nikolai Apollonowitsch, der sich von seiner groben, tierischen Angst befreit hatte, gewann völlig Mut; ja noch mehr: in diesem Augenblick wünschte er sogar, der Leidende zu sein. So wenigstens empfand er jetzt sich selbst, er empfand sich als einen der Qual überlieferten Helden; als einen, der vor aller Welt Leiden und Schmach erdulden mußte; seinen Körper empfand er als — zerquälten Körper; seine Gefühle waren zerrissen wie sein »Ich«; er erwartete, daß aus seinem zerrissenen »Ich« eine blendende Helligkeit hervorsprühen und eine liebe Stimme — aus dem Inneren, wie schon so oft früher — ihm zurufen wird:

»Du hast für mich gelitten: ich wache über dich.«

Aber die Stimme blieb aus. Auch die Helligkeit blieb aus. Es gab nur Dunkelheit. Auf einmal begriff er, warum die versöhnende Stimme: »Du hast für mich gelitten«, — ausblieb. Weil er für niemand gelitten hatte, weil er nur für sich selbst gelitten hat . . . Weil er nur eine widerwärtige Suppe sozusagen, die er sich selbst eingebrockt, auszulöffeln hatte. Deswegen kam die Stimme nicht und blieb auch die Helligkeit aus. An Stelle des früheren »Ich« war Dunkelheit. Deswegen konnte er nicht mehr standhalten: seine breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen.

Er wandte sich ab, er weinte.

»Wirklich,« ertönte hinter ihm eine friedliche, milde Stimme, »ich habe mich geirrt, ich habe die Sache mißverstanden . . .«

Aber in der Stimme klang auch Ärger; Scham und Ärger. Ssergeij Ssergeijewitsch biß sich fest auf die Lippen; in seinem Gesicht malte sich ein Kampf zwischen edelsten Gefühlen und häßlichen Erinnerungen; sein Gegner aber wandte ihm den Rücken zu, weinte und ließ mit sehr unangenehmer Stimme Worte fallen.

»Sie benutzten Ihre physische Übermacht, um mich . . . vor einer Dame . . . dahinzuschleifen, wie . . . wie . . .«

Die edlen Gefühle haben die Oberhand gewonnen; mit ausgestreckter Hand schritt Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin durch das Zimmer; aber Nikolai Apollonowitsch, der sich umgewandt hatte, sagte mit einer Stimme voll verhaltener Wut und — ach! — verspätetem Selbstgefühl:

»Wie . . . wie . . . einen Mehlsack . . .«

Hätte auch er die Hand ausgestreckt — Ssergeij Ssergeijewitsch wäre der glücklichste Mensch, in seinem Gesicht würde sich Milde spiegeln; seine edle Aufwallung hatte aber in dunkle Leere getroffen.

»Sie wollten sich überzeugen, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . . Daß ich — kein Vatermörder bin? . . . Nein, nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie hätten sich vorerst überlegen sollen . . . Sie aber haben mich . . . wie einen . . . einen Mehlsack . . . Und haben mir den Rock zerrissen . . .«

»Den Rock kann man ausbessern!«

Und ehe Nikolai Apollonowitsch zu sich kam, lief Lichutin zur Tür:

»Marwruscha, einen schwarzen Faden! . . . Eine Nadel!«

Die aufgerissene Tür traf beinahe Sofja Petrowna, die dahintergestanden und gehorcht hatte; ertappt sprang sie auf die Seite, doch — zu spät; nun stand sie da, rot wie eine Pfingstrose und maß beide mit wütendem, vernichtendem Blick.

Auf dem Boden, zwischen den drei Dastehenden lag das abgerissene Stück vom Rock.

»Du . . . Sonetschka . . .«

»Sofja Petrowna! . . .«

»Ich habe Sie gestört? . . .«

»Sieh mal, . . . Nikolai Apollonowitsch . . . hat ein Stück von seinem Rockschoß verloren . . . Könnte man nicht . . .«

»Beunruhigen Sie sich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte, Sofja Petrowna . . .«

»Könnte man nicht — ihm diesen annähen?«

Aber Nikolai Apollonowitsch, mit vor Verlegenheit verzerrtem Mund, begab sich rasch in das Fuji-Jama-Zimmer; er griff nach seinem italienischen Überwurf, und erst da bemerkte er, daß die Decke in diesem Zimmer beschädigt war; aus Höflichkeit wandte er das verzerrte Gesicht Sofja Petrowna zu:

»Das Zimmer hat sich etwas verändert . . . An der Decke ist . . . Sie lassen Reparaturen ausführen?«

»Das war ich, Nikolai Apollonowitsch . . . Ich habe an der Decke gearbeitet.«

Bei sich aber dachte er:

»So, so: in der Nacht ist mir das Erhängen mißlungen, jetzt die Auseinandersetzung . . .«

Nikolai Apollonowitsch verließ humpelnd den Salon; sein Überwurf glitt ihm auf einer Seite von der Schulter und zog sich wie eine phantastische Schleppe hinter ihm her.


Von den Notabenen, Fragezeichen, Paragraphen, von der nun letzten Arbeit erhob sich der kahle Kopf; dann sank er wieder; im Kamin prasselte und lohte das Feuer; mit boshaft herausforderndem Lächeln und zusammengekniffenen Augen starrte der kahle Kopf in den Kamin.

Was ist das?

Ein schmerzhaft lächelnder Mund, Augen von kornblumenblauer Farbe, Haare wie eine lichte Aureole um den Kopf; der Senator erblickte in der Flamme des Kamins eine Gestalt: Nikolai Apollonowitsch, gekreuzigt, leidend, von Helligkeit schimmernd; er zeigte mit den Augen auf seine roten Wunden an den Handflächen; von oben aber schüttete ein beflügelter Erzengel kühlende Tautropfen über ihn, in die Glut des Kamins . . .

»Er weiß nicht, was er tut . . .«

Plötzlich begann es zu krachen, zu zischen, die Helligkeiten zerrissen und mit den Funken zerstob die leidvolle Gestalt.


Eine Viertelstunde später befahl Apollon Apollonowitsch dem Kutscher, anzuspannen; eine halbe Stunde danach bestieg er den Wagen und noch in einer Viertelstunde danach wurde sein Wagen von einer gaffenden Menge im Weiterfahren behindert; doch: war es wirklich eine nur gaffende Menge?

Es schien etwas vorgefallen zu sein.

Nur durch die dünne Wand des Wagens war Apollon Apollonowitsch von der rebellischen Menge getrennt; durch die Scheibe sah er lauter Köpfe: Hüte, Mützen und mandschurische Pelzmützen; ganz in der Nähe erblickte er ein Paar zornblitzende Augen; er sah den weit aufgerissenen Mund des Lumpenkerls: der Lumpenkerl sang. Der Lumpenkerl rief ihm zu:

»Steigen Sie nur aus, es gibt keine Durchfahrt mehr.«

Der Stimme des Lumpenkerls gesellten sich weitere von ebensolchen Lumpenkerlen hinzu.

Da mußte Apollon Apollonowitsch seine Wagentür aufmachen; die Lumpenkerle sahen, wie ein alter Mann, dessen Oberlippe zitterte, aus dem Wagen stieg und mit der behandschuhten Hand den Rand seines Zylinderhutes hielt. Apollon Apollonowitsch sah vor sich aufgerissene Münder und eine Holzstange, von der, wellenartig die Luft durchschlagend, mit leichtem pfeifenden Geräusch ein rotes Tuch flatterte; aus der Menge ertönte es plötzlich:

»He, Hut ab!«

Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder ab und begann eilig, Wagen und Kutscher verlassend, sich durch die Menge zu drücken, um das Trottoir zu erreichen; bald lief er dann mit kleinen Schrittchen in die entgegengesetzte Richtung, von der Menge fort; aus den Läden, Häusern, Wirtshäusern, Seitengassen strömten schwarze Gestalten und versperrten den Weg; er arbeitete sich mit allen Kräften durch und erreichte — endlich — eine leere Seitenstraße, aus der eine . . . Abteilung Kosaken . . . dorthin . . . sprengte . . .


Verschwunden waren die Kosaken; die Straße war leer; man sah in der Ferne noch die Rücken der Reiter; und in der anderen Richtung den Rücken eines alten, eilig dahintrottenden Mannes mit hohem Zylinder auf dem Kopfe.

Das kleine Patiencespiel

Der Samowar dampfte auf dem Tisch; ein neuer, schön geputzter Samowar glänzte in der Ecke auf der Etagere; der aber, der auf dem Tische stand, war ungeputzt und schmutzig; der neue Samowar wurde nur aufgestellt, wenn Besuch da war; war man allein, dann kam das verbogene Ungetüm auf den Tisch; es keuchte und schnarchte laut; hie und da schossen rote Funken aus ihm hervor. Irgendeine schlecht erzogene Hand hatte Kugeln aus Weißbrot gerollt, die jetzt, platt gedrückt, an der Tischdecke klebten; unsauber — grau hob sich ein feuchter Fleck unter einem nicht ganz geleerten Teeglas ab; auf einem Teller lag der Rest eines Kotelettes und ein wenig kaltes Kartoffelpüree.

Wo sind die üppigen Haare der Soja Sacharowna? Statt ihrer war nur ein kleines Zöpfchen zu sehen.

Wahrscheinlich trug Soja Sacharowna eine Perücke — natürlich wenn Besuch da war; nebenbei wahrscheinlich schminkte sie sich ausgiebig, denn wir hatten sie immer als üppige Brünette mit glatter, emaillierter Haut gesehen; jetzt aber saß eine einfache, ältliche Frau da mit schwitzender Nase und einem Mäuseschwanzzöpfchen; sie trug eine eben nicht gerade saubere Nachtjacke.

Lipantschenko saß halb abgewandt vom Teetisch, den viereckigen Rücken Soja Sacharowna und dem Samowar zugekehrt. Vor ihm lagen die aufgeschlagenen Karten; er hatte nach dem Abendbrot seine Lieblingsbeschäftigung, das Patiencespiel, aufgenommen, das so sehr beruhigend auf die Nerven wirkte; aber er war gestört worden; durch ein langes Gespräch mit Soja Sacharowna, bei dem er die Karten, den Tee und alles andere beiseite ließ.

Nach dem Gespräch hatte er sich abgewandt: er hatte dem Gespräch den Rücken zugewandt.

Er saß ohne Kragen, ohne Rock, mit aufgeschnalltem Hosengürtel, der ihm wahrscheinlich den Leib zu sehr gedrückt hatte.

Gerade hatte ihn ein verdächtiger schwarzer Fleck an der Wand neben der Uhr gefesselt, der unzweifelhaft eine Küchenschabe war (es gab ihrer reichlich in dem Landhaus), als er wieder durch seine Lebensgefährtin aufgeschreckt wurde.

Soja Sacharowna schob so laut das Teetablett von sich, daß Lipantschenko zusammenfuhr.

»Na, und was ist eigentlich dabei? . . . Was ist dabei? . . .«

»Was denn?«

»Darf denn nicht eine Frau, eine treue Frau, eine vierzigjährige Frau, die Ihnen ihr Leben gewidmet hat, — eine Frau wie ich, eine . . .«

Ihre Ellbogen fielen auf den Tisch.

»Was murmeln Sie dort, meine Liebe? Sprechen Sie deutlicher . . .«

»Darf denn nicht eine Frau wie ich . . . eine bejahrte Frau . . . darf sie nicht fragen . . .«

Lipantschenko drehte sich in seinem Lehnstuhl um.

Die Worte schienen in ihm etwas geweckt zu haben; für einen Augenblick blitzte etwas wie Reue in seinem Gesicht auf; halb schüchtern, halb kindlich kapriziös zwinkerte er mit den Äuglein; er schien etwas sagen zu wollen, aber getraute sich doch nicht; er dachte langsam über etwas nach: vielleicht darüber — wie seine Lebensgefährtin ein Geständnis von ihm aufgenommen hätte; sein Kopf senkte sich; er keuchte und blickte verstohlen von unten herauf.

Aber die Anwandlung von Aufrichtigkeit verging bald; die Aufrichtigkeit selbst fiel zurück auf den dunkeln Grund der Seele. Er wandte sich wieder seinem Kartenspiel zu.

»Hm, ja, ja . . . Zu der roten die schwarze . . . Und wo ist nun die Dame? . . . hier ist die Dame . . . Jetzt kommt der Bub . . .«

Plötzlich warf er Sofja Sacharowna einen prüfenden, mißtrauischen Blick zu; seine kurzen, mit goldig glänzenden Haaren bedeckten Finger hoben die Karten ab.

»Das soll ein Spiel sein . . .« murmelte er zornig und legte die Karten reihenweise auf den Tisch.

Soja Sacharowna trug die saubergewischte Tasse zum Schrank, mit den Pantoffeln schlürfend.

»Und warum nur gleich böse sein?«

Die Pantoffel schlürften weiter im Zimmer:

»Ich bin gar nicht böse, Mütterchen« — und wieder warf er ihr einen prüfenden Blick zu; sie kreuzte die Arme über dem Leib, der, vom Korsett nicht beengt, sich behäbig rundete; ihr herunterhängendes Doppelkinn wiegte sich beim Gehen; sie näherte sich leise dem Sitzenden und berührte sanft seine Schulter:

»Sie hätten sich doch lieber erkundigen sollen, wieso ich darauf gekommen bin, Sie auszufragen? . . . Weil ich eben selbst von anderen gefragt werde . . . Die Leute zucken mit den Achseln . . . Da dacht ich mir, es ist doch besser, ich weiß alles . . .«

Lipantschenko biß sich auf die Lippen und fuhr fort, mit unruhiger Geschäftigkeit die Karten in Reihen zu legen.

Lipantschenko wußte, daß der morgige Tag für ihn von größter Wichtigkeit ist; gelingt es ihm nicht, sich reinzuwaschen, gelingt es ihm nicht, die Wucht der belastenden Dokumente irgendwie zu beseitigen — dann hat er ausgespielt: Er wußte das alles und pfiff jetzt nur ein wenig durch die Nase:

»Hm: ja—ja . . . Hier ist noch ein freier Platz . . . Nichts zu machen: der König muß hierher . . .«

Aber er hielt es nicht aus:

»Die Leute fragen Sie aus, sagen Sie?«

»Das dürfen Sie mir schon glauben — ja . . .«

»Kommen also Leute her, wenn ich nicht zu Hause bin? . . .«

»Freilich kommen sie und zucken mit den Achseln . . .«

Lipantschenko warf die Karten von sich:

»Es kommt doch heute nichts heraus!«

Er war sichtlich aufgeregt.

Plötzlich kam ein klirrender Laut aus dem Nebenraum, in dem Lipantschenkos Schlafzimmer war; als wäre dort das Fenster aufgemacht worden. Beide wandten die Köpfe in die Richtung des Schlafzimmers, beide schwiegen vorsichtig: was mochte das sein?

Wahrscheinlich Tom, der Bernhardiner.

»Aber begreifen Sie doch, komisches Frauenzimmer, daß Ihre Fragen . . .« — er erhob sich ächzend, sei’s, um nach der Ursache des Lärms zu sehen, sei’s, um einer Antwort auszuweichen.

». . . daß Ihre Fragen« — er trank einen Schluck ganz kalten Tee — »gegen die — Parteidisziplin verstoßen . . .« Er schritt gegen die offene Türe des Nebenzimmers, in die Dunkelheit . . .

»Aber was für Disziplin — mir gegenüber, Kolenka!« — Soja Sacharowna stützte das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf nach unten . . . »Bedenken Sie es doch . . .«

»Früher hatte es zwischen uns keine Geheimnisse gegeben . . .«

Das sagte sie zu sich selbst, denn Lipantschenko befand sich im dunkeln Schlafzimmer.

Aber bald erschien er wieder in der Tür und sie fuhr fort:

»Das hatten Sie mir nie gesagt, daß wir uns miteinander nicht unterhalten dürfen, daß Sie vor mir Geheimnisse haben . . .«

»Nichts weiter: es ist niemand im Schlafzimmer«, unterbrach er sie.

»Ich werde belästigt: man kommt mir mit Fragen, mit Anspielungen . . . Und diese Blicke oft . . .«

Pause.

»Sollte ich da nicht fragen? . . . Warum schrien Sie mich so an? Was hab’ ich gemacht, Kolenka? . . . Liebe ich Sie denn nicht? Respektiere ich Sie denn nicht?«

Sie schlang ihre Arme um seinen dicken Hals und schluchzte:

»Ich bin ein treues Weib, ein ergebenes Weib . . .«

»Lassen Sie es nur . . . Lassen Sie es nur . . . Schon gut . . . Soja Sacharowna, lassen Sie mich los . . . Sie wissen doch, daß ich an Atemnot leide . . .«

Er umfaßte mit den Fingern ihre Hände und entfernte sie vom Halse; dann ließ er sich in den Sessel nieder; er atmete schwer.

»Sie wissen ja, daß ich ein weicher und schwachnerviger Mensch bin . . . Jetzt bin ich schon wieder . . .«

Beide schwiegen.

In tiefem, schwerem Schweigen, das sich nach einem langen, erregenden Gespräch einstellt, wenn alles gesagt ist, wenn die Angst vor Worten schon erlebt war und nur noch dumpfe Resignation zurückblieb — in diesem tiefen Schweigen trocknete Sofja Sacharowna die Teetassen und die Löffel ab.

Er aber saß halb vom Tisch abgewandt und kehrte Sofja Sacharowna und dem schmutzigen Samowar den viereckigen Rücken zu.

Zeit, was hast du gemacht?

Die hellgrauen Augen, die Augen voll Humor und schlauer Lustigkeit — wie hast du sie in den fünfundzwanzig Jahren in die Höhlen hineingedrückt, mit einem gefährlichen Schleier, mit einem Dunst allermöglichen häßlichen Atmosphären überzogen . . . Fünfundzwanzig Jahre ist wohl eine lange Frist, und doch: so zu verfallen, so zu verwelken . . . Diese dicken Säcke unter den Augen, dieses fleischige Doppelkinn? Die damals rosige Gesichtsfarbe — gelb, ölig, welk, mit der grauen Blässe einer Leiche; die Stirn mit Haaren bewachsen, die Ohren — selbst diese sind gewaltig gewachsen; gibt es doch in der Welt einfache, anständig aussehende alte Leute? Und er ist ja noch nicht einmal ein alter Mann.

Was hast du gemacht, Zeit?

Der blonde zwanzigjährige Student mit rosiger Gesichtsfarbe, Lipensky: — gespensterisch aufquellend hatte er sich allmählich in einen fünfundvierzigjährigen, unanständigen Spinnenbauch verwandelt, der Lipantschenko hieß.