Die Melone — ein Gemüse
Nach zweieinhalb Jahren saßen sie wieder zu dreien beim Mittagessen.
Der Kuckuck in der Wanduhr rief, und in demselben Augenblick erschien der Lakai mit der dampfenden Suppenterrine; Anna Petrowna strahlte vor Zufriedenheit; Apollon Apollonowitsch . . . — à propos: wer am Morgen den gebrechlichen Greis gesehen hatte, würde ihn in dem Mann, der jetzt am Tisch saß, nicht wiedererkannt haben; er sah auf einmal gekräftigt aus, verlor jedes Alter, saß stramm auf seinem Platz und ergriff mit federnder Bewegung die Serviette; sie hatten bereits ihre Suppe zu essen begonnen, als die Seitentür aufging: Nikolai Apollonowitsch, leicht gepudert, rasiert und sauber, in bis oben geschlossenem Studentenrock, mit ungemein hohem Kragen (wie man sie in der vorhergegangenen Alexandrowschen Epoche getragen hatte) trat herein und näherte sich, ein wenig humpelnd, dem Eßtisch.
»Was hast du, mon cher« — Anna Petrowna führte etwas affektiert das Lorgnon an die Augen »du hinkst ja, wie ich merke?«
»Ha?« — Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf Kolenka und ergriff das Pfefferfäßchen, »In der Tat . . .«
Mit einer etwas jugendhaften Bewegung streute er viel zuviel Pfeffer in seine Suppe.
»Es ist nichts, maman: ich bin ausgeglitten . . . mein Knie schmerzt ein wenig . . .«
»Sollte man nicht kalte Umschläge machen?«
»In der Tat, Kolenka« — Apollon Apollonowitsch führte den Löffel zum Mund und sah zugleich zum Sohn hinüber — »wenn man sich am Knie gestoßen hat — damit ist nicht zu spaßen: das kann unangenehm werden . . .«
Und — er schluckte die Suppe herunter.
Nikolai Apollonowitsch lächelte entzückend und begann seinerseits die Suppe zu pfeffern.
»Sonderbar ist doch das Muttergefühl« — Anna Petrowna legte ihren Löffel in den Teller, blickte mit großen, kindlichen Augen, den Kopf in den Hals gedrückt (so daß ihr Doppelkinn aus dem Stehkragen hervorquoll). »Ist er auch schon erwachsen, ich bin aber um ihn besorgt, wie in früheren Zeiten . . .«
Sie vergaß vollständig, daß es durch zweieinhalb Jahre jemand anderes war, um den sie sich gesorgt hatte: Kolenka war von einem anderen verdrängt gewesen, von einem Fremden, mit schwarzem, üppigem Schnurrbart, mit Augen wie zwei Kirschen; sie vergaß vollständig, daß sie diesem fremden Mann durch mehr als zwei Jahre täglich die Krawatte gebunden hatte; aus violetter Seide; und jeden Morgen ein Glas — Guniadi Janos zum Abführen gereicht hatte.
»Ja, das Muttergefühl: erinnerst du dich — als du deine Dysenterie hattest . . .«
»Sie meinen das mit den Brotscheibchen? Gewiß, ich erinnere mich sehr gut.«
»Ja, eben . . .«
»An den Folgen der Dysenterie«, brummte Apollon Apollonowitsch über dem Teller, »leidest du, glaube ich, auch jetzt noch, mein Lieber.«
Und er schluckte seine Suppe herunter.
»Der junge Herr darf . . . auch jetzt noch . . . keine Erdbeeren essen«, ertönte neben der Tür die zufriedene Stimme des alten Ssemjonytsch, der vor der Tür stand und durch die offene Spalte hereinlugte (bei Tisch bediente ein anderer).
»Erdbeeren, Erdbeeren!« sagte in gedehntem Baßton Apollon Apollonowitsch und drehte sich plötzlich gegen die Tür, wo Ssemjonytsch stand.
»Erdbeeren« — er begann mit dem leeren Mund zu kauen.
Der am Tisch bedienende Lakai (nicht Ssemjonytsch) lächelte, und sein Gesichtsausdruck sollte den Anwesenden sagen:
»Ich weiß schon, was jetzt kommt!«
Der Senator platzte heraus:
»Was meinen Sie, Ssemjonytsch: ist die Melone eine Beere?«
Anna Petrowna wandte sich bloß mit den Augen zu Nikolenka: sie unterdrückte ein herablassend kluges Lächeln; dann übertrug sie den Blick auf den Senator, der wie versteinert in die Richtung der Tür blickte und ganz in Erwartung einer Antwort auf seine alberne Frage aufgegangen zu sein schien; ihre Augen sagten:
»Treibt er es noch immer so?«
Nikolai Apollonowitsch griff verlegen bald nach dem Messer, bald nach der Gabel, während eine unerschütterliche klare Stimme, die keinesfalls über die Frage verwundert zu sein schien, aus der halboffenen Tür erklang:
»Die Melone, Exzellenz, ist keine Beere, sondern eine Gemüsefrucht.«
Apollon Apollonowitsch machte mit dem ganzen Körper eine rasche drehende Bewegung, und flugs war auch schon der erwartete Witz — ei—ei—ei! — da:
Richtig, stimmt, Ssemjonytsch,
Alter Kuchentopf —
Er hat schlau geurteilt
Der kluge kahle Kopf.
Anna Petrowna und Nikolai erhoben ihre Augen nicht von den Tellern: kurz, es war wie in früheren Zeiten!
Apollon Apollonowitsch war offensichtlich bemüht, den Seinigen zu zeigen: nun ist alles ins alte Geleise gekommen; er aß wie sonst mit gutem Appetit, machte Scherze und hörte aufmerksam den Schilderungen von Spaniens Schönheiten zu; Nikolai Apollonowitsch spürte, wie sich eine eigentümliche Traurigkeit in seinem Herzen regte; als existiere keine Zeit mehr; als wäre es erst gestern gewesen: er als Fünfjähriger hört zu, wie seine Mutter mit der Gouvernante spricht (die, die Apollon Apollonowitsch dann aus dem Hause gejagt hat); Anna Petrowna erzählt mit Begeisterung:
»Ich gehe mit Sisi und hinter uns her — zwei Schwänze; wir treten in die Ausstellung ein; die Schwänze ebenfalls . . .«
»Nein, diese Frechheit!«
Kolenka sieht sich in einem gewaltigen Raum; eine Menge von Menschen; Damenkleider rauschen (er war einmal in eine Ausstellung mitgenommen worden); in der Ferne sieht er, wie sich über der Menge in der Luft riesengroße, schwarzbraune Schwänze erheben; er bekommt Angst: Nikolai Apollonowitsch wußte damals als Kind noch nicht, daß die Gräfin Sisi mit dem Wort »Schwänze« ihre Verehrer zu bezeichnen pflegte.
Diese Erinnerung an die Angst vor den in der Luft baumelnden Schwänzen ruft jetzt in ihm ein unterdrücktes Gefühl von Unruhe wieder wach; eigentlich sollte er doch Lichutin aufsuchen und sich — überzeugen . . .
Von was — überzeugen?
Er hörte das fortwährende Ticken einer Uhr: tick tack, tick tack; im Kreise lief die Spiralfeder; natürlich nicht hier in den glänzenden Zimmern (etwa unter einem Teppich, wo jeden Augenblick irgend jemand auf die Stelle treten konnte . . .), nein, die Haarfeder lief irgendwo in einer Mistgrube, im Feld, in der Newa: dort irgendwo liegt dieses Ticktackwerk; die Feder läuft im Kreise bis die verhängnisvolle Stunde herannaht . . .
Welcher Unsinn!
Das alles war die Folge des furchtbaren Senatorwitzes, des wahrhaftig grandiosen . . . in seiner Geschmacklosigkeit; davon kam alles: die Erinnerung an die durch die Luft schwebenden Schwänze; und — die Erinnerung an die Bombe.
»Was hast du, Kolenka? Du bist so zerstreut und ißt keine Crême? . . .«
»Ach, ja . . .«
Nach dem Mittagessen spazierte er auf und ab im unbeleuchteten Saal; der nur ein ganz klein wenig erhellt war: vom Mond und von dem durchbrechenden Licht der draußen brennenden Laterne; Apollon Apollonowitsch durchmaß mit ruhigem Schritt die Quadrate des Parkettbodens, und neben ihm ging — Nikolai Apollonowitsch; sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten aus dem durchbrochen-hellen Fleck in den Schatten. Mit ungewohnter vertraulicher Weichheit sprach Apollon Apollonowitsch, den Kopf tief nach unten geneigt, und es war schwer zu bestimmen: sprach er zum Sohne oder zu sich selbst.
»Wissen Sie — weißt du, schwer ist die Lage eines Staatsmannes.«
Sie kehrten um.
»Ich habe immer schon den Leuten gesagt: die Einfuhr amerikanischer Dreschmaschinen zu fördern — das ist eine sehr wichtige Aufgabe; darin ist mehr Humanitätsarbeit als in all den langen öffentlichen Reden . . . Die Staatswissenschaften lehren uns . . .«
Sie kehrten um und durchmaßen die kleinen Quadrate des Parkettbodens; sie schritten aus dem Schatten in die mondbeschienenen Dreiecke.
»Humanitäre Betätigung tut uns not; die Humanität ist eine große Sache, für die große Geister gelitten haben, wie ein Giordano Bruno, wie . . .«
Lange spazierten sie so, auf und ab.
Apollon Apollonowitsch sprach mit etwas gebrochener Stimme; er faßte manchmal mit zwei Fingern den Rockknopf seines Begleiters, näherte sich mit dem Mund direkt dessen Ohr.
»Schwätzer sind sie alle, Kolenka: Humanität, Humanität! . . . In Dreschmaschinen liegt aber mehr Humanität als in allem anderen, Dreschmaschinen brauchen wir! . . .«
Er umfaßte mit der freien Hand die Taille des Sohnes und zog ihn zum Fenster, in die Ecke; er murmelte etwas und wiegte den Kopf: umgangen wurde er, sie brauchten ihn nicht mehr.
»Weißt du: sie haben mich beiseitegeschoben . . .«
Nikolai Apollonowitsch wagte kaum zu glauben; wie einfach das kam — ohne jede Auseinandersetzung, ohne Szenen, ohne Beichten: dieses vertrauliche Flüstern, diese väterliche Liebkosung.
Warum war es dann all diese Jahre . . . —?
»So, Kolenka, mein Lieber, wir wollen miteinander offener sein . . .«
»Was sagtest du? Ich hörte nicht . . .«
An den Fenstern vorbei zog, wahnsinnig schrill pfeifend, ein kleiner Dampfer; die grelle kleine Laterne am Heck durchschnitt in seltsamer schräger Linie den Nebel; die rubinroten Kreise wurden immer größer. Mit vertraulicher Wärme, den Kopf tief nach unten geneigt, sprach Apollon Apollonowitsch — man weiß nicht, ob zu sich selbst oder zu seinem Sohn. Sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten — aus dem helldurchbrochenen Fleck in den Schatten.
Apollon Apollonowitsch — klein, kahl und alt — begann, vom letzten Auflodern der Kaminkohlen beschienen, auf dem Perlmuttertischchen die Karten für ein Patiencespiel zu mischen; zweieinhalb Jahre hatte er sich nicht dem Patiencespiel zugewendet; vor zweieinhalb Jahren war es, als Anna Petrowna das letzte entscheidende Gespräch mit ihm hatte; damals war er vor demselben Tischchen gesessen, und Patience wurde gespielt; so hatte ihn auch Anna Petrowna noch in der Erinnerung behalten.
»Herz Zehn . . .«
»Nein, mein Lieber, diese Karte ist draußen . . .«
»Was meinen Sie, Anna Petrowna: wollen wir nicht im Frühjahr nach Proljotnoje übersiedeln?« Proljotnoje war das Stammgut der Ableuchows: Apollon Apollonowitsch hatte Proljotnoje seit zwanzig Jahren nicht besucht.
Dort im Wald, in Schnee und Eis, war er einst — vor etwa fünfzig Jahren — beinahe erfroren; eines dummen Zufalls wegen; in jener Stunde des einsamen Erfrierens war sein Herz wie von kalten Fingern gestreichelt worden; eine eisige Hand hatte ihm zugewinkt; hinter ihm liefen die Jahrhunderte zurück in die Unermeßlichkeit; vor sich sah er die eisige Hand in Unermeßlichkeiten winkend, Unermeßlichkeiten liefen ihm entgegen.
Die eisige Hand!
Und — nun: sie begann aufzutauen.
Zum erstenmal tauchten sie jetzt wieder vor ihm auf, jene fernen, verwaisten Gegenden; der aufsteigende Rauch aus den Dorfhütten und die — Dohlen; in ihm erwachte der Wunsch, den Rauch der Dorfhütten wiederzusehen; und dann — die Dohlen.
»Ja, wir können nach Proljotnoje ziehen: dort gibt es soviel Blumen.«
Und Anna Petrowna begann wieder aufgeregt von den Schönheiten der Alhambraschlösser zu erzählen; in ihrer Begeisterung merkte sie nicht, daß sie immerzu statt ich — wir sagte: d. h. sie und Mantalini.
»Wir kamen am Morgen an, in einem wundervollen kleinen Wagen, der von Eseln gezogen wurde; das Geschirrzeug war mit so großen Quasten verziert; und wissen Sie, Apollon Apollonowitsch, wir gewöhnten uns . . .«
Endlich sagte er weinerlich:
»Ich bin aber müde . . .«
Und er erhob sich aus dem Lehnsessel und setzte sich in den Schaukelstuhl.
Nikolai Apollonowitsch übernahm es, seine Mutter ins Hotel zu bringen; beim Verlassen des Salons drehte er sich noch einmal um und sah seinen Vater an; er begegnete einem auf ihn gerichteten — oder schien es ihm nur so? — traurigen Blick; Apollon Apollonowitsch saß im Schaukelstuhl und wiegte diesen leise durch bloße Bewegung des Kopfes wie der Füße; das war des Sohnes letzter Eindruck; eigentlich hat er den Vater nie mehr gesehen; auf dem Lande und auf der See, in den Bergen und in den Städten, in den glänzenden Sälen der großen europäischen Museen — überall hatte er später diesen Blick gesehen, und ihm schien: Apollon Apollonowitsch hatte damals für immer Abschied von ihm genommen — durch jene leichte Verneigung des Kopfes und durch Bewegen des Fußes; das alte Gesicht, das leise Knarren des Schaukelstuhls und — dieser Blick, dieser Blick!