Eine einzige Sinnlosigkeit

Den Schmerz im Knie überwindend (der Fall in Lichutins Zimmer machte sich immerhin bemerkbar), ein wenig hinkend, lief Nikolai Apollonowitsch durch den Korridor.

Ein Wiedersehen mit der Mutter!

Ein Wirbel von Gedanken und Vorstellungen rauschte durch seinen Kopf; oder nein: es waren keine Gedanken, und es gab nirgends einen Sinn — es war ein Wirbel von Sinnlosigkeiten.

Welche Gedanken waren es?

Erstens der Gedanke an den Schrecken seiner Lage; der Schrecken seiner Lage ergab sich durch das Verschwinden der Sardinenbüchse; die Sardinenbüchse, d. h. die Bombe, ist verschwunden; es war klar, daß jemand die Bombe weggeschafft hat; wer aber, wer? Einer von den Dienern; dann ist also die Bombe in die Hände der Polizei gekommen; und er wird — verhaftet; das wäre nicht das Schlimmste; das Schlimmste ist: Apollon Apollonowitsch selbst hat die Bombe gefunden und hat sie mitgenommen und weiß jetzt: weiß jetzt alles.

Was — alles? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung — wenn behauptet wird, ein solcher Plan habe existiert.

Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.

Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter — nein, er kann’s nicht wissen: er hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen hätte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufällig, mechanisch: so was passierte ihm manchmal.

In einer Woche wird sich alles von selbst aufklären . . . Doch nein; die Bombe wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen — durch ein furchtbares Gepolter (das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).

Ihre Anwesenheit — unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem Kissen — sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann platzen; er müsse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die Mutter ist da.

Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Männchen, Pawel Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr, gesehen zu haben; und schließlich — Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die furchtbare Ausbreitung des Körpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im Kopf . . .

Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so daß es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.

Mama

Er öffnete die Salontür.

Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den Fenstern angezündet wurden.

Und er hörte eine Stimme:

»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«

Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.

»Bist du’s, mein Junge . . .«

Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß und brach in Weinen aus; er weinte — weiß Gott warum: ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten (bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte).

»Mama, Mama . . .«

Auch sie weinte.

Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische; er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich dem weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:

»Beruhigt euch, meine Lieben!«

Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer — um etwas zu holen.

»Mama . . . Mama . . .«

Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:

»Mein Knabe, mein geliebter . . .«


Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:

»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«

Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch über Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich strich er mit der Hand über die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unnötigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:

»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«

»Es war nur die Überraschung . . .«

»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«

Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.

Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und plötzlich begann er — zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei altbekannte, liebe Gesichter!

»Soo . . .«

»Soo . . .«

»Sooo . . .«

Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die Sardinenbüchse! . . .

Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh abgebrochen.

»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«

»Was hast du, Liebling?«

»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir, Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten . . . Ja, weißt du . . . Und dann — komm wieder . . .«

Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen: wie etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.

Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.


»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle —« Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese . . . Gefühle« — er streichelte sich über den kleinen Backenbart.

»Sie zeugen« — er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein wenig vom Fußboden, balancierte einen Moment lang auf den Absätzen und machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden berührenden Fußspitzen nach —

»Sie zeugen« — er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab durch den Salon:

»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« — er zuckte mit den Achseln — »von guten Charaktereigenschaften . . .«

»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«

Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit Überzeugung:

»Ich habe immer gesagt . . .«

»Ja, weißt du . . .«

Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom Tisch zum Fenster:

». . . Wissen Sie . . .«

Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:

»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt — mich hat sein Benehmen — beruhigt« — er zog die Stirn in Falten — »in bezug auf . . . in bezug auf« — er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über das Tischchen:

»Mja! . . .«

Plötzlich unterbrach er sich scharf:

»Macht nichts!«

Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten sich; sie lächelten einander zu.


Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu spielen, unter diesen Klängen pflegte er über den Büchern einzuschlafen.

Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände stehen und dachte qualvoll nach:

»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . .«

Und — ihm fiel nichts ein.

Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grünten hinter den Schatten; eine Büste — Kants natürlich — trat aus den Schatten hervor.

Plötzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen; mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, daß Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles durchsucht, in den Sachen herumgestöbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . .

Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht.

Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal klar geworden: Lichutin! Natürlich, natürlich; hier war er und hat überall herumgestöbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbüchse mitgenommen.

Erleichtert ließ er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von Chopinklängen durchzogen; so war es auch früher: immer wurde die Stille durch Chopinklänge durchzogen — vor neun, vor zehn Jahren — immer hatte Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt, als hätte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach aufgeklärt: die Sardinenbüchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem denn sonst? Außer, er nähme an . . . — aber wozu eine solche Annahme!); nein, es hatte keine Ereignisse gegeben.

Jenseits der Newagewässer erhoben sich Riesen — als Schattenrisse der Inseln, der Häuser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglänzenden Augen, als — weinten sie. Die Laternenschnur längs dem User ließ feurige Tränen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberfläche.