Die Offenbarung
Endlich verabschiedete er sich.
Jetzt hieß es vorwärts schreiten: immerzu schreiten, schreiten bis zur völligen Berauschung des Gehirns; dann vor das Tischchen im kleinen Restaurant niedersinken, Wodka trinken und nachdenken.
Alexander Iwanowitsch fiel es plötzlich ein: der Brief, der Brief! Aber hatte er nicht selbst einmal einen Brief von der gewissen Person übernommen, um ihn — Ableuchow zu übergeben?
Wie hatte er doch alles vergessen! Den Brief hatte er bei sich, als er Ableuchow damals mit dem Paket besuchte, doch hatte er vergessen, ihn abzugeben; er übergab ihn bald darauf Warwara Ewgrafowna, die ihm sagte, sie werde Ableuchow treffen. Sollte es am Ende der verhängnisvolle Brief gewesen sein? . . .
Aber nein doch, nein.
Dieser konnte es nicht gewesen sein; Ableuchow bekam ja jenen Brief, wie er berichtet hat, auf einem Ball durch eine — Maske . . . Ball, Maske — und Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa!
Nein, nein!
Das beruhigte Alexander Iwanowitsch: dieser Brief war es also nicht; so war er, Alexander Iwanowitsch Dudkin, an der Sache unbeteiligt; vor allem aber: der furchtbare Auftrag konnte nicht von Lipantschenko ausgehen; das behielt er als Haupttrumpf in der Hand; denn würde der Brief von Lipantschenko ausgegangen sein, so müßte dieser ihm als eine zweifelhafte Person erscheinen und er, Dudkin, würde sich dann sagen müssen, daß er mit einer zweifelhaften Person in Verbindung stehe.
Das wäre ein Wahnsinn.
Kaum, daß er sich all das überlegte, und im Begriff, einen Trambahnwagen zu besteigen, den Droschkenstrom zu durchqueren dachte, als er eine Stimme vernahm.
»Alexander Iwanowitsch, einen Augenblick . . . warten Sie . . .«
Er drehte sich um und sah Nikolai Apollonowitsch, der, kaum Atem holend, am ganzen Körper zitternd, mit Fieberflämmchen in den Augen, hinter ihm herlief und ihm zur Verwunderung der Passanten mit dem Stock lebhaft zuwinkte . . .
Einen Augenblick . . .
Herrgott, Sakra! . . .
Warten Sie, Alexander Iwanowitsch: ich kann mich nicht so ohne weiteres von Ihnen trennen . . . Ich muß Ihnen nur sagen . . . Er nahm Dudkin bei der Hand und führte ihn zum Schaufenster eines Ladens, wo sie nun stehenblieben.
»Mir eröffnete sich noch etwas . . . War es eine Offenbarung oder so etwas gewesen . . .? Dort vor der Blechbüchse . . .«
»Hören Sie, Nikolai Apollonowitsch, ich muß gehen: in Ihrer eigenen Sache . . .«
»Ja, ja, ja: nur noch einen Augenblick . . . eine kleine Sekunde . . .«
»Schön, schön: ich höre zu . . .«
Nikolai Apollonowitsch sah jetzt aus, als wäre eine Inspiration über ihn gekommen; vor Freude vergaß er, daß der Knoten eigentlich noch nicht gelöst war; und daß — was die Hauptsache war: die Blechbüchse noch tickte und unermüdlich daran arbeitete, die vierundzwanzig Stunden zu überwinden.
»Wie eine Offenbarung war es: als wachse ich, wissen Sie, in die Unermeßlichkeit hinein, den Raum überwindend; ich versichere Sie: es war ganz real — und zugleich mit mir wuchsen alle Gegenstände: das Zimmer, die Aussicht auf die Newa, die Spitze der Peter-Paul-Festung: alles wuchs, dehnte sich; schon näherte sich das Wachsen seinem Abschluß (es gab einfach keine Raummöglichkeit mehr), da schien es mir: in diesem Abschluß, in dem Ende des Wachsens, in seiner Vollendung lag der Anfang von irgend etwas, lag etwas Fertiges . . . Und dieses ‚Etwas‘ war so unfaßbar und so unangenehm und so sinnlos; sinnlos aber vielleicht nur deswegen, weil mir das Organ fehlte, mit dessen Hilfe ich in diesem Sinnlosen, dem über den Abschluß Hinausreichenden einen Sinn gefunden hätte. An Stelle der sinnlichen Empfindung hatte sich eine ‚Null‘empfindung eingestellt; und das Wahrgenommene war keine Größe irgendwelcher Art, nicht einmal eine Null, sondern kleiner als eine Null. Die Sinnlosigkeit des Ganzen bestand vielleicht darin, daß die Empfindung — eine solche von ‚Null minus Etwas‘ war.«
»Hören Sie,« unterbrach ihn Alexander Iwanowitsch: »sagen Sie mir lieber: hat Ihnen Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa einen Brief übergeben? . . .«
»Einen Brief? . . .«
»Ja, einen Brief? . . .«
»Ach, Sie meinen die Verse mit der Unterschrift ‚Flammende Seele‘?«
»Na, ich weiß es nicht; kurz: haben Sie einen Brief von Warwara Ewgrafowna bekommen?«
»Ja, ja . . . Nun also: ich sage — ‚Null minus Etwas‘. Was ist das aber?«
Mein Gott, immer dasselbe!
»Sie sollten doch die Apokalypse lesen . . .«
»Sie haben mir schon früher einmal zum Vorwurf gemacht, daß ich die Apokalypse nicht kenne; ich will sie jetzt lesen, ganz bestimmt. Ich fühle, daß, nachdem ich durch Sie wegen der Sache beruhigt bin, in mir das Interesse für Ihre Lektüre erwacht ist; ich werde mich jetzt, wissen Sie, zu Hause einschließen, werde Brom trinken und die Apokalypse lesen; es interessiert mich ganz außerordentlich; etwas blieb in mir von dieser Nacht zurück: alles ist so und doch wieder anders . . . Sehen Sie zum Beispiel hier das Schaufenster . . . In ihm spiegeln sich die Gegenstände ab: da geht ein Herr mit steifem Hut vorbei — sehen Sie — jetzt ist er fort . . . Da sind wir beide, sehen Sie? Und alles ist so sonderbar . . .«
»Sonderbar . . . ja . . .« Alexander Iwanowitsch nickte zustimmend: o, was das »sonderbar« betrifft, so war er darin wohl Spezialist.
»Oder auch: die Gegenstände . . . Weiß der Teufel, was das ist: alles ist so, wie es war, und doch wieder anders . . . Das ist mir bei der Betrachtung der Blechbüchse klar geworden: eine Blechbüchse wie jede andere — und doch: keine, nein, keine Blechbüchse, sondern . . .«
»Tsss . . .«
»Eine Blechbüchse — furchtbaren Inhalts!«
»Tragen Sie nur die Blechbüchse geschwind in die Newa; dann wird sich auch alles geben, alles wird wieder auf seine richtige Stelle kommen . . .«
»Nein, nein, nie wird es wieder, wie es war, nie . . .«
Er sah sich traurig nach den vorübergehenden Paaren um; er seufzte traurig, denn er wußte: nie wird es wieder, wie es war, nie, nie wieder . . .
Alexander Iwanowitsch staunte über den Beredsamkeitsstrom, der sich aus dem Munde Ableuchows ergoß; er wußte im Grunde genommen gar nicht, was er damit anfangen solle: sollte er ihn beruhigen, ihm beipflichten oder ihm im Gegenteil widersprechen; oder das Gespräch abbrechen (Ableuchows Anwesenheit bedrückte ihn jetzt sehr).
»Ihre Empfindungen, Nikolai Apollonowitsch, erscheinen nur Ihnen selbst merkwürdig; Sie sind einfach bis jetzt in ungelüftetem Zimmer dagesessen und haben Kant studiert; nun gerieten Sie in einen Wirbelsturm, und da begannen Sie auf sich aufzupassen . . . Sie horchten auf den Sturm und entdeckten sich selbst in ihm . . . Ihre Empfindungen sind schon oft und oft beschrieben worden; sie sind Gegenstand der Beobachtungen, des Studiums . . .«
»In der Belletristik, in der Lyrik, in der Psychiatrie, in okkultischen Forschungen . . .«
Alexander Iwanowitsch lächelte unwillkürlich über diese schreiende (von seinem Standpunkte) Unwissenheit dieses geistig hochentwickelten Scholastikers, dann fuhr er lächelnd fort:
»Der Psychiater . . .«
»?«
»Würde es bezeichnen . . .«
»Ja, ja, ja . . .«
»All das . . .«
»Dieses: ‚das und wieder nicht das‘?«
»Ja, nennen Sie es, wie Sie wollen; er würde es mit dem ihm geläufigen Worte: ‚Pseudohalluzination‘ bezeichnen.«
»?«
»Das bedeutet — eine Art symbolischer Empfindungen, die dem reizauslösenden Geschehnis nicht entsprechen.«
»Ah was: so etwas sagen ist so gut wie nichts sagen.«
»Ja, Sie haben wohl recht.«
»Nein, solche Erklärung kann mich nicht befriedigen . . .«
»Gewiß, der Ultramoderne würde diese Empfindungen als die der Urtiefe bezeichnen, das heißt, er würde einer nicht alltäglichen symbolischen Empfindung ein passendes Bild zu geben versuchen.«
»Das wäre doch nur eine Allegorie.«
»Verwechseln Sie nicht Allegorie mit Symbol: Allegorie ist ein Symbol, das zu einer stehenden Redensart geworden ist; ein Beispiel dafür ist das übliche ‚außer sich‘; das Symbol aber ist eine Appellation an das wirklich Erlebte, zum Beispiel von Ihnen — an Ihr Erlebnis bei der Blechbüchse; es ist eine Aufforderung an die anderen, künstlich das zu erleben, was der Betreffende wirklich erlebt hatte . . . Doch wäre ein anderes Wort hier zutreffender: nämlich: das Pulsieren des Elementarkörpers. In dieser Weise hatten Sie eben Ihr Erlebnis gehabt; die erlebte Erschütterung hat Ihren Elementarkörper ganz real mitgerissen, er hat sich für einen Augenblick von Ihrem physischen Körper gelöst, und darin liegt der Grund all Ihrer Empfindungen: stehende Redensarten wie ‚Abgrundtiefe‘ oder ‚außer sich‘ haben Tiefe angenommen, wurden für Sie lebenswahr, wurden Symbol; nach der Lehre verschiedener mystischer Schulen verwandeln die Erlebnisse des Elementarkörpers Worte und Allegorien in Realitäten und Symbole; die Werke der Mystiker sind erfüllt von solchen Symbolen, und ich würde Ihnen raten, jetzt, nachdem Sie das alles erlebt haben, die Mystiker zu lesen . . .«
»Ich sagte Ihnen schon, daß ich es tun werde . . .«
»Was Ihre Erlebnisse selbst betrifft, so kann ich nur noch folgendes hinzusetzen: Ihre ersten Empfindungen nach Ihrem Tode werden ganz derselben Art sein, wie Plato, gestützt auf das Zeugnis der Bacchanten, uns versichert . . . Es gibt Experimentalschulen, in denen man solche Empfindungen bewußt hervorruft. Sie glauben es nicht? . . . Solche gibt es, das kann ich Ihnen fest versichern, denn mein einziger Freund, der mir überhaupt am nächsten stehende Mensch, gehört einer solchen Schule an; die Experimentalschule würde Ihren Alpdruck durch zielbewußte Arbeit in gesetzmäßige Harmonie verwandeln, indem sie den Rhythmus, die Bewegungen, die Pulsation studieren und das nüchterne Bewußtsein in die Empfindungen einführen würde, zum Beispiel in das Gefühl der Ausbreitung . . . Übrigens stehen wir noch immer da und plaudern . . . Sie müssen nach Hause eilen und die Blechbüchse ins Wasser werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen Schritt hinaus (Sie werden sicher beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen, trinken Sie Brom, und lesen Sie die Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt . . . Übrigens lassen Sie lieber das Brom; Brom stumpft das Bewußtsein ab; wer Brom mißbraucht hat, der taugt zu nichts mehr . . . Und ich muß nun eilen, in Ihrer Sache.«
Alexander Iwanowitsch drückte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den Strom schwarzer Hüte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief:
»Vergessen Sie nicht — die Blechbüchse in den Fluß!«
Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der Vielfüßler mit sich fort.
Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbüchse brodelte ja inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus an der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke nehmen; zu Hause werde er sie in die Tasche stecken, und dann in die Newa mit ihr!
Nikolai Apollonowitsch fühlte plötzlich wieder, wie er sich zu dehnen begann; zugleich fühlte er: es rieselt.