Die Karyatide
Dort hinter der Kreuzung gähnte wie ein dunkler Schlund die Straße; steinern erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.
Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow unbeschränkt herrschte.
Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze; zyklisch verlaufen selbst die Zeitperioden. Die bärtige Karyatide aber erhob sich über die Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen Huf gegen die Mauer; man glaubte: gleich würde sie sich losreißen und als Steinmasse auf die Straße stürzen.
Und doch — sie stürzt nicht hinunter.
Was sie über sich sieht, ist wie das Leben veränderlich, unerklärlich, unfaßbar: Wolken ziehen dahin; die weißen Schäfchen wandeln sich in weiße Unfaßlichkeiten; oder — es rieselt; es rieselt — so wie jetzt, wie gestern, wie vorgestern.
Das, was sie zu ihren Füßen sieht, ist ebenso unveränderlich wie sie selbst: unveränderlich ist der Zug des menschlichen Vielfüßlers auf dem erleuchteten Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen Feuchtigkeit: das tödlich eintönige Schlürfen der dahineilenden Füße; und ewig grün sind die Gesichter; nein, an ihnen sieht man nicht, daß große Ereignisse im Gange sind.
Wer den dahinziehenden Strom von Hüten beobachtete, hätte nicht gesagt, daß schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertönte: »Staatsbürger! . . .«, daß der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik entdeckt hat, daß in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; daß an zehn Universitäten Rußlands Meetings abgehalten wurden — an ein und demselben Tag, zu ein und derselben Stunde; daß zur gleichen Zeit Tausende überzeugter, jüdischer Revolutionäre zu Versammlungen zogen; daß die Bewohner von Perm rumorten; daß im selben Augenblick die von Kosaken umzingelte Stahlfabrik in Reval die rote Flagge gehißt hat.
Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, hätte nicht gesagt, das von überallher neues Leben hervorsprudelte; daß schon auf der Strecke Moskau — Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; daß auf vielen anderen Strecken die Arbeit eingestellt wurde; daß die Arbeiter in den Bahnhöfen die Fenster einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstörten; daß Zehntausende vom Starrkrampf getroffene Waggons überall stillstanden, daß der Verkehr allmählich erstarb. Angesichts dieses Hutstroms hätte niemand gesagt, daß in Petersburg die Ereignisse in vollem Gange waren, daß sich die Setzer aller Zeitungen vereint und eigene Delegierte gewählt haben; daß an den Riesenwerken bei Petersburg gestreikt wurde und überall in den Vororten die mandschurischen Mützen zu sehen waren; daß jeder einzelne — er und doch wieder nicht er war; daß der Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern dahinzog mit dem Gefühl der Unruhe in sich; daß jeder die Empfindung hatte, sein Kopf sei ein »Idiotenkopf mit offenen Schädelnähten«, daß dieser Kopf jeden Augenblick von einem Säbel oder sogar von einem einfachen Holzknüppel gespalten werden konnte. Hätte da einer sein Ohr auf den Boden gedrückt und gelauscht — er hätte ein liebliches Gemurmel vernommen: ein Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur Krim, von Libau bis Blagoweschtensk ausbreitete.
Doch war die Zirkulation noch ungestört: monoton, langsam, leblos zog noch der Hutstrom zu den Füßen der Karyatide dahin.
Die graue Karyatide beugte sich vornüber und blickte auf die sich immer gleichbleibende Menge zu ihren Füßen; unendlich war die Verachtung, die sich im alten Stein der Augen ausdrückte; unendlich war der Überdruß, unendlich die Verzweiflung.
Und — o, hätte sie doch die Kraft!
Wie hätten sich die muskulösen Arme über die steinernen Schultern gereckt; und der von dem Meißel zerhauene Nacken — wie flöge er wild nach oben; in einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brüllen risse sich der Mund auf; du hättest gesagt: »Es ist das Brüllen des Sturmes« (so brüllten die schwarzen Tausende von Mützen der Huligans während der Pogrome). Wie aus einer Lokomotive würde sich auf die Straße ein Dampfstrom ergießen; die von der Straße losgerissene Balkonbalustrade würde erstaunt auf das Pflaster aufschlagen und in laut tönende, feste Steine zerfallen (so fielen bald darauf die Steine gegen die Fenster der Regierungsgebäude); zu einem Steinhagel würde dieses Meißelwerk werden, während es erst in der trüben Luft einen ebenso trüben wie blendenden Bogen bilden würde; und als blutige Splitter würden diese Hagelkerne auf den erschreckten Hüten der hier monoton, langsam, leblos Vorüberziehenden liegenbleiben . . .
An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prächtige Tür auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers sprang heraus, um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild an und rollten pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der graue Lakai mit dem glattrasierten Gesicht streckte sich mit dümmster Miene in Positur, während Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem Rücken, unrasiert, mit krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhängender Unterlippe seine schwarz behandschuhte Hand an den Rand des glänzend schwarzen Zylinders führte.
Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgültigkeit erfüllten Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze Brücke, auf die gleichmäßige Fläche der Newa, in der sich die dumpfe, vielschlotige Ferne zeichnete, während sich hinten aschgrau die Wassiljewski-Insel breitete mit den vielen Tausenden von Streikenden, die sie beherbergte.
Der stramme Diener schlug die Wagentür zu, die das alte Wappen, einen Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen stürmte in den schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des Issakijdoms, an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den Newskij, wo die Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Säuseln der rote flatternde Stoff über die Straße spannte; die schwarzen Konturen des Wagens, die Silhouette vom Dreimaster des Lakaien durchschnitt plötzlich die schwarze, dichte Masse, aus der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug.
Der Wagen hielt in der Menge.