Fort, fort, Tomy!
»Mais j’espère . . .«
»Sie hoffen?«
»Mais j’espère que oui«, schallte des Ausländers Stimme hinter der Tür.
Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tönten absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins Zimmer führende Tür war halb offen.
Es wurde immer dunkler — blauer.
Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin beschloß, nicht weiter zu horchen, und er überschritt die Schwelle des Zimmers.
Ein schwerer Duft erfüllte hier die Luft: eine Mischung von Parfüm und scharfer Säure eines Medikamentes.
Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswürdigkeiten. Sie gab sich die größte Mühe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen; der Fremde wehrte aber dankend ab.
Es wurde immer dunkler — blauer.
»Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett, daß ich Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Füße ab, und nehmen Sie Ihren Überzieher ab.«
Alexander Iwanowitsch drückte kühl Sojas Hand.
»Ich hoffe, Sie haben einen sehr schönen Eindruck von Rußland gewonnen . . . Nicht wahr? . . .« wandte sie sich wieder an den Fremden. — »Welcher Aufstieg!«
Der Franzose trocken:
»Mais j’espère . . .«
Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Händchen und sah mit ihrem liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald Alexander Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den Augenhöhlen hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein; Soja Sacharowna war eine Brünette mit großem Kopf; ihre festen Wangen waren emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter.
»Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm?« fragte sie wie beiläufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flüchtigen Frage verbarg sich eine gewisse Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit; vielleicht sogar Haß; doch die Unruhe, Feindseligkeit und der Haß verdeckte der Blick und das liebenswürdige Lächeln; so verdeckt die klebrige Süßigkeit der Bonbons, die allenthalben in den Läden verkauft werden, all den Schmutz der ungelüfteten Räume, wo sie gemacht werden.
»Ich werde auf ihn warten.«
Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er nach einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander Iwanowitsch aß Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna ließ inzwischen den Franzosen nicht los:
»Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . Überall Mut und Jugend . . . Der zukünftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben Sie es nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hören Sie nur die Reden voll überschwenglicher Gefühle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an . . .«
Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprächs zu haben.
»Pardon, madame, monsieur viendrat il bientôt?«
Um dieses Gespräch, das sonderbarerweise sein nationales Gefühl verletzte, nicht zu hören, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast über einen buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend gemächlich einen Knochen bearbeitete.
Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer dunkler — blauer.
Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte — eins, zwei, drei! — und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten flatterte in der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten; die Lichter am Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vieläugige Strand borstete sich mit seinem Schilf; weit, weit tönte eine Sirene.
Was für ein Wind!
»Bitte, da ist die Aschenschale . . .«
Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem Protestgefühl heraus.
»Wer singt denn da?«
Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, daß sie den Fragenden als einen rückständigen Menschen betrachtete.
»So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewiß: Sie wissen es eben nicht . . . Also: es ist nämlich Schischnarfijew . . . was das aber heißt — hinter seinen vier Wänden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen sehr angeschlossen . . .«
»Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehört . . .«
»Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . .«
Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als hätte Alexander Iwanowitsch an den künstlerischen Fähigkeiten des genannten Sängers in unangebrachter Weise Zweifel geäußert. Doch Alexander Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Künstlers zu bemäkeln.
Er fragte bloß:
»Ist er Armenier? Bulgare? Georgier?«
»Nein, ach nein . . .«
»Chorwate? Persier?«
»Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in Ispaganj beinahe umgebracht worden . . .«
»Ah, so: er ist also ein Jungperser?«
»Selbstverständlich . . . Sie wußten es nicht? . . . Schämen Sie sich . . .«
Soja Sacharowna übergoß ihn mit einem verächtlichen Blick und wandte sich wieder dem Franzosen zu:
Alexander Iwanowitsch hörte der Unterhaltung der beiden nicht zu, natürlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene Baritonstimme; der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und tiefe Wehmut wehte von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flüchtig ging es aber Alexander Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, daß Soja Sacharownas Gesichtszüge den verschiedensten schönen Frauen entnommen sein konnten: der einen die Nase, der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen ergaben die Züge jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und das nichts weniger als schön war. Ihrem Typus nach gehörte aber Soja Sacharowna zu den üppigen orientalischen Brünetten.
Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an Dudkins Ohr:
»Es handelt sich wohl um das Geld?«
Schweigen.
»Das Geld aus dem Auslande wird man wohl benötigen.«
Zur Antwort eine unruhige Handbewegung.
»Nach der Zerstörung der Organisation in T. T. wäre es ratsamer für Ihren Redakteur, nicht hierherzukommen . . .«
Der Franzose gab keinen Laut von sich.
»Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . .«
Alexander Iwanowitsch hörte wieder das elegische Singen des Jungpersers. Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch sagte er:
»Je serai bien triste d’avoir manqué l’occasion de parler à monsieur.«
»Sie können ebenso mit mir sprechen . . .«
»Excusez, dans certain cas je préfaire parler personnellement . . .«
Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster.
Zwischen den Zweigen sah man die weiße Gischt der Wellen schimmern, dämmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und über den Segeln verdichtete sich blau der Abend.
Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dämmernden Blau.
Da hielt plötzlich vor der Gartentür eine Droschke, und ein korpulenter Herr wälzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem halben Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange im Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tüte rutschte dabei nach unten, und flugs kullerten mehrere schöne Äpfel im Schmutz der Straße.
Der Herr beugte sich, um die Äpfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schließen der Gartentür wären ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen.
Endlich schritt er auf dem gelben, von Sträuchern umsäumten Gartenweg dem Hause zu; sofort verbreitete sich eine drückende Atmosphäre; der mit einer Ohrenmütze bedeckte geierartige Kopf saß schwer auf den Schultern; die tiefsitzenden Äuglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie sie es immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden Augen blickten müde und fest zu den Fenstern des Hauses hinüber.
Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere, eigene Freude, zu der sich Müdigkeit und Traurigkeit gesellten — eine rein tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwärmen und in ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu können. So erscheint das Raubtier, während es in seine Höhle zurückkehrt, zahm und mild und läßt die auch ihm innewohnende Gutmütigkeit erblicken; es beschnuppert dann wohlwollend sein Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab.
War das er?
Ja, das war er; und er sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch: es war er.
»Da kommt er auch!«
»Enfin . . .«
»Lipantschenko! . . .«
»Guten Tag . . .«
Mit freudigem Knurren sprang der gelbe Bernhardiner auf und warf sich, mit einem Satz an die andere Ecke des Zimmers gelangend, seinem Herrn auf die Brust.
»Fort, fort, Tomy! . . .«
Lipantschenko, bemüht, die Pakete vor dem Hunde zu schützen, hatte nicht ein mal Zeit gehabt, seine ungerufenen Besucher in Augenschein zu nehmen: auf seinem breiten, flachen Gesicht drückte sich teils Humor, teils hilfloser Zorn aus; ein direkt kindlicher Zug huschte plötzlich in seinem Gesicht auf:
»Schon wieder das Ablecken!«
Er wandte sich hilflos von Tomy ab und rief:
»Soja Sacharowna, so helfen Sie mir doch loszukommen . . .«
Aber schon berührte die breite Hundezunge ehrfurchtslos die Nasenspitze des Herrn; dieser schrie laut auf (und dabei, man denke nur, lächelte er) . . .
»Aber Tomy!«
Da erst bemerkte er die Besucher, die auf ihn warteten und etwas ungeduldig über das Familienidyll lächelten; die Heiterkeit verschwand aus seinem Gesicht, und er sagte etwas barsch und wenig höflich:
»Bitte, gleich . . .«
Dabei bebte die herunterhängende Unterlippe, und man konnte ihr ablesen:
»Selbst hier keine Ruhe . . .«
Er ging in eine Ecke und bemühte sich lange, die neuen und etwas engen Überschuhe abzustreifen; dann legte er ebenso langsam den Überzieher ab, wobei er schwer und mühevoll etwas aus der Tasche hervorzog (man hätte glauben können — einen zwölfläufigen Browning); was aber zum Vorschein kam, war — eine Puppe.
Diese Puppe warf er auf den Tisch mit den Worten:
»Das ist für Akulinas kleine Manja . . .«
Da sperrte jeder der Besucher den Mund auf.
Endlich wandte sich der Hausherr, indem er sich die erfrorenen Hände rieb, mit gewissem, verlegenem Mißtrauen an den Franzosen:
»Bitte . . . da hinein . . . da . . .«
Zugleich warf er Dudkin zu:
»Bitte gefälligst zu warten . . .«