Er riß sich los und begann zu laufen

Alexander Iwanowitsch Dudkin warf einen Blick auf die Treppe, auf den Hausknecht und die Weibsperson, die sich gerade mit einem neuen Federunterbett aus der Tür schob; und — merkwürdig: die alltägliche Einfachheit der Treppe verwischte keinesfalls, was er diese Nacht hier erlebt hatte; selbst jetzt bei Tageslicht, angesichts der Stufen mit den herumliegenden Eierschalen, des Hausknechtes, der Weibsperson, der Katze, die auf dem Fensterbrett das Eingeweide eines Huhns verzehrte, kehrte zu ihm die überstandene Angst wieder: die Erlebnisse der vorigen Nacht waren — Wirklichkeit! Und in der bevorstehenden Nacht wird dieses Wirkliche wiederkehren: die Treppe wird dunkelschattig und schauerlich sein; wieder wird eine schwarze Gestalt sich an seine Fersen heften; hinter der Tür mit der Visitenkarte »Sakatilin« wird er wieder hören, wie jemand schmatzend seinen Speichel schluckt (vielleicht nicht Speichel, sondern Blut) . . .

— Und er wird wieder das bekannte, unglaubliche Wort mit vollständiger Deutlichkeit vernehmen:

»Ja — ja — ja . . . Ich bin es . . . Ich richte rettungslos zugrunde . . .«

Wo hat er es gehört?


Fort von hier! Auf die Straße! . . .

Er müsse weiterschreiten, immerzu schreiten, weit weg von hier sein; er müsse schreiten bis zur vollständigen Erschöpfung, bis zum vollständigen Einschlafen des Gehirns; er müsse sich dann vor ein Tischchen in der Schenke niederlassen und dort schlafen, damit ihn nicht die bösen Träume aufsuchen. Dann müsse er das Ganze von neuem beginnen: quer und kreuz durch Petersburg schreiten, sich im Schilf und im hängenden Dunst der Ufer verbergen, in Erstarrung alles von sich werfen und erst dann zu sich kommen, wenn in den Vororten die düsteren Lichter angezündet sind.

Alexander Iwanowitsch Dudkin war schon im Begriff, die steinerne Treppe hinunterzugehen, als er plötzlich stehenblieb; er bemerkte einen Menschen in schwarzem italienischen Überwurf mit phantastisch gebogenem Hut auf dem Kopf, der, drei Stufen auf einmal nehmend, das Gesicht gegen den Boden gerichtet einen schweren Stock in der Hand, mit dem er gewaltig fuchtelte, ihm entgegenrannte.

Sein Rücken bildete einen Bogen.

Dieser seltsame Unbekannte mit dem schwarzen italienischen Überwurf lief in seiner Eile direkt auf Alexander Iwanowitsch zu; beinahe hat er ihn mit dem Kopf gegen die Brust gestoßen; als der Unbekannte aber endlich den Kopf aufgerichtet hat, erblickte Alexander Iwanowitsch Dudkin direkt vor seiner Nase die todblasse, mit Schweißtropfen bedeckte Stirn des — denken Sie nur! — des Nikolai Apollonowitsch: er sah die Stirn mit der dicken, pulsierenden Ader; nur an diesem charakteristischen Zeichen (der hüpfenden Ader) erkannte Alexander Iwanowitsch Ableuchow; an den wild schielenden Augen sowie der seltsamen, ausländischen Kleidung hätte er ihn sicher nicht wiedererkannt.

»Guten Tag! Ich bin es; ich komme zu Ihnen.«

Nikolai Apollonowitsch stieß diese Worte rasch, rasch hervor; und — was das nur heißen sollte! — er stieß sie in drohendem Flüstertone hervor. Ah — ah! Und wie er nach Luft schnappte! Ohne Alexander Iwanowitsch die Hand zu reichen, sagte er eilig in drohendem Flüsterton:

»Ich muß Ihnen, Alexander Iwanowitsch, mitteilen, daß ich es — nicht tun kann.«

»?«

»Sie haben hoffentlich verstanden, was ich nicht tun kann: ich kann nicht und ich will nicht; kurz — ich tu es nicht.«

»!«

»Es ist eine Absage, eine unwiderrufliche. Das können Sie weiter ausrichten. Und ich bitte, mich in Ruhe zu lassen . . .«

Auf dem Gesicht Alexander Iwanowitschs malte sich Verlegenheit, ja Angst.

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um; seinen schweren Stock in der Hand schwingend, begann er die Stufen hinunterzulaufen, als wolle er entfliehen.

»Aber warten Sie doch, warten Sie doch!« rief Alexander Iwanowitsch Dudkin, ihm nacheilend, so daß die Stufen unter seinen Füßen knatternd nach oben flogen.

»Nikolai Apollonowitsch!«

Im Flur erfaßte er Ableuchows Mantel, doch Nikolai Apollonowitsch riß sich wieder los. Dann aber sah er sich um; mit leicht zitternder Hand schob er seinen burschikos sitzenden Hut tiefer in die Stirn und stieß mit gekünstelter Festigkeit halblaut hervor:

»Das ist sozusagen . . . ekelhaft! . . . Hören Sie?«

Und er rannte mit kleinen Schrittchen über den Hof weiter.

Alexander Iwanowitsch hielt sich einen Augenblick an der Tür fest. Alexander Iwanowitsch wurde von einem Unruhegefühl erfaßt: er wurde ohne jeglichen Grund beleidigt; einen Augenblick überlegte er, was er zu tun habe; unwillkürlich zuckten seine Glieder; unwillkürlich streckte er seinen feinen, weiblichen Hals vor; dann holte er mit zwei Sätzen den Davoneilenden ein.

Er klammerte sich fest an den ihm entwichenen Überwurf; der Eigentümer des Überwurfes machte verzweifelte Versuche, sich loszureißen; für einen Augenblick lang war auf dem engen Raum zwischen zwei Holzstößen eine Balgerei entstanden; etwas fiel dabei herunter, und auf dem Asphalt ertönte ein metallischer Klang. Mit dem Stock fuchtelnd, voll Wut stieß Nikolai Apollonowitsch einzelne sinnlose Worte von unglaublichem und vor allem beleidigendem Inhalt hervor, beleidigend für Alexander Iwanowitsch.

»Das nennen Sie Aktionen, Parteiarbeit? Mich von Spionen zu umgeben . . . Mich überall zu verfolgen . . . Selbst an nichts mehr glauben . . . Die Offenbarung lesen . . . Zugleich aber spionieren . . . Mein Herr, Sie sind . . . Sie sind . . . Sie sind . . .«

Endlich riß sich Nikolai Apollonowitsch wieder los: sie rannten durch die Straße.