Die Treppe
Die Treppe!
Schaurig, dunkel, feucht — gab sie erbarmungslos seine schlürfenden Schritte wieder, die schaurige, dunkle, feuchte Treppe! Heute nacht war das gewesen. Nun erst erinnerte sich Alexander Iwanowitsch, daß er diese Nacht wirklich hier gegangen war: oder war es etwa im Traum? Nein, das war in der Wirklichkeit; doch was war es eigentlich?
Was?
Ja: aus all diesen Türen ergoß sich das tödliche Schweigen über ihn; es breitete sich endlos aus und ließ ein sonderbares Rasseln vernehmen: und unermüdlich, ohne Aufhören schluckte irgendein schmatzendes Etwas seinen eigenen Speichel herunter, mit langgezogener Deutlichkeit. Es waren schreckliche, unbekannte Töne, aus Seufzern, aus dumpfem Stöhnen aller Zeiten zusammengeschmolzen; durch die schmalen Fenster oben konnte man sehen (und er hatte es gesehen), wie von Zeit zu Zeit die Düsterkeit aufblitzte, wie sie die Gestalt zerrissener Wolken annahm, wie alles aufleuchtete, wenn die blaß-türkisblauen Strahlen sich lautlos auf den Boden legten, um da bewegungslos und tot liegenzubleiben.
Dorten — dort: dort blickte der Mond herein.
Doch Schwärme nahten heran: ein Schwarm nach dem anderen — bauschige, dunstige, gewitterschwere — stürzten sich all diese Schwärme über den Mond her: die blaß-türkisblauen Strahlen erloschen; von überall her schwangen sich Schatten hervor; alles bedeckten die Schatten . . .
Da erinnerte sich Alexander Iwanowitsch Dudkin, daß er gestern abend über dieselbe Treppe gelaufen und die letzten, versagenden Kräfte angespannt hatte, ohne jede Hoffnung auf Überwindung. Und eine schwarze Gestalt (war auch das Wirklichkeit?) rannte ihm nach; lief hinter seinen Fersen her, seinen Fußspuren nach.
Und sie hatte ihn zugrunde gerichtet, rettungslos vernichtet.
Die Treppe!
An grauen Werktagen ist sie friedlich, alltäglich; von unten her kommen dumpfe Schläge: Krautköpfe werden gehackt: Die Partei von der Wohnung Nummer vier bereitet ihren Sauerkrautvorrat für den Winter; so alltäglich sehen die Treppengeländer aus, die Türen, die Stufen; über das Geländer ist ein alter, abgetretener, nach Katze riechender Teppich gehängt, der Partei aus Nummer vier gehörend; der Hausknecht mit einer geschwollenen Backe klopft ihn mit dem Ausklopfer aus; eine blonde Weibsperson, die aus einer Tür herauskam, niest in ihre Schürze: zwischen dem Hausknecht und der Weibsperson entwickelt sich wie selbstverständlich ein Gespräch:
»Uh—uh—uh!«
»Hilf doch mal ein bißchen, lieber Mensch . . .«
»Stepanida Markowna . . . Was haben Sie da schon wieder zusammengeschleppt! . . .«
»Schon gut, schon gut . . .«
»Aber hören Sie mal . . .«
»Jetzt heißt es ‚zusammengeschleppt‘, wenn’s aber an das Trinkgeld geht . . .«
»Aber hören Sie mal — diese Arbeit . . .«
»Würden Sie nicht immer zu den Meetings laufen, dann wären Sie mit der Arbeit fertig geworden . . .«
»Sticheln Sie da nicht wegen den Meetings herum: Sie werden schon selbst einmal sehen, was Sie den Meetings zu danken haben!«
»Na — na, klopf nur jetzt die Kissen recht gut aus he, du Kavalier!«
Türen!
Da, da und da . . . An dieser da ist der Wachsleinwandbeschlag ganz zerfetzt; aus den Löchern blicken Roßhaarbüschel hervor; an die andere ist mit einer Stecknadel eine Visitenkarte geheftet, die schon ganz vergilbt ist; sie trägt den Namen »Sakatilin« . . . Wer ist dieser Sakatilin? Wie er sonst heißt, welches sein Beruf ist — das alles ist den Neugierigen zu erraten überlassen: »Sakatilin« — und damit fertig.
Hinter der Tür gibt ein Fiedelbogen sich eifrig die Mühe, ein bekanntes Liedchen zu spielen. Und eine Stimme singt:
»Das Vaterland, das geliebte . . .«
Sakatilin, das wird sicher ein Musiker sein, der in einem Orchester eines kleinen Restaurants beschäftigt ist.
Das ist alles, was man bei der Betrachtung der Türen beobachten kann . . .
Die Stufen?
Sie sind mit Gurkenschalen, Straßenkotklumpen und Eierschalen reichlich bedeckt . . .